Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 33
»Das ist mein Salon: nehmen Sie dort auf dem Bette Platz, und ich setze mich hier auf den Stuhl,« sagte Mark mit einer einladenden Handbewegung. »Legen Sie Ihren Paletot ab, es ist höllisch heiß hier drinnen. Machen Sie keine Umstände, es sind keine Damen anwesend; immer machen Sie es sich bequem. Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ich habe freilich nichts weiter da, außer etwas Milch und ein paar Eiern. Sie verzichten lieber, nicht wahr?«
»Ich bin nach dem Frühstück und werde bald zu Mittag essen . . .«
»Natürlich, Sie sind ja bei Tatjana Markowna zu Gaste. Haben Sie eine Zigarre für mich? . . . Wie geht’s denn der alten Dame? Hat sie Sie nicht zum Hause hinausgejagt, weil Sie mir damals ein Obdach gewährt haben?«
»Im Gegenteil: sie schalt mich aus, weil ich Sie ohne warme Mehlspeise und ohne Betten einschlafen ließ.«
»Zugleich aber zog sie über mich her?«
»Wie gewöhnlich, indes . . .«
»Ich weiß, ich weiß, reden wir nicht davon. Es kommt nicht aus bösem Herzen, es ist nur so ihre Art. Sie ist eine prächtige Alte, besser als alle hier, sie hat Temperament und Charakter, und auch gesunden Menschenverstand mag sie einmal besessen haben. Jetzt wird wohl ihr Gehirn schon ein bißchen weich geworden sein . . .«
»Endlich hat sich doch jemand gefunden, mit dem Sie sympathisieren!« sagte Raiski.
»Ja, namentlich in einem Punkte: wir können beide den Gouverneur nicht ausstehen.«
»Warum denn nicht?«
»Warum Ihre Großtante ihn nicht leiden mag, weiß ich nicht; ich finde ihn einfach unausstehlich, weil er eben Gouverneur ist. Auch für die Polizei haben wir beide nichts übrig, sie macht uns das Leben sauer. Ihr mutet sie zu, daß sie Brücken bauen soll, und um mich kümmert sie sich schon gar zu eifrig: schnüffelt ewig herum, wo ich mich aufhalte, wie weit ich mich von der Stadt entferne, bei wem ich verkehre . . .«
Beide schwiegen.
»Nun wären wir ja fertig mit unserer Unterhaltung,« begann Mark nach einer Weile. »Warum sind Sie eigentlich hergekommen?«
»Aus Langerweile, wie gesagt . . .«
»Verlieben Sie sich doch!«
Raiski schwieg.
»In Wjera zum Beispiel,« fuhr Mark fort – »ein ganz famoses Mädchen! Sie sind mit ihr im achten Grade verwandt, es sollte Ihnen doch nicht schwer fallen, einen kleinen Roman mit ihr einzufädeln . . .«
Raiski machte eine unwillige Handbewegung.
»Wagt sie etwa dem Schwerenöter aus der Residenz zu widerstehen?« fuhr Mark mit kühlem Lächeln fort. »Wie kann sie nur so keck sein, diese kleine Dame aus der Provinz! Nun, versuchen Sie es doch bei ihr mit dem alten Rezept: äußerlich kühl und innerlich voll Glut, eine geringschätzige Behandlung, ein stolzes Achselzucken, ein verächtliches Lächeln – das sind Dinge, die ihre Wirkung nicht verfehlen! So ein wenig poussieren – darauf verstehen Sie sich ja . . .«
»Woraus schließen Sie das?«
»Ich sehe es . . .«
»Ich meine, das Poussieren fällt auch Ihnen nicht schwer, wenn es darauf ankommt, den Exzentrischen, den lockeren Vogel zu spielen . . .«
»Mag wohl sein,« versetzte Mark gleichmütig, »und wenn ich wüßte, daß ich damit eine Wirkung erziele, würde ich mich keinen Augenblick besinnen . . .«
»Ja, das will ich meinen: Sie würden sich keinen Augenblick besinnen!« sagte Raiski.
»Ganz recht,« versetzte Mark. »Ich würde gerade aufs Ziel losgehen und mich nicht erst mit Nebendingen aufhalten. Und ich kann Ihnen nur raten, es ebenso zu machen, statt daß Sie sich selber und ihr einzureden suchen, Sie wandelten auf irgendwelchen erhabenen Höhen, zu denen Sie sie erst emporziehen müßten – Sie spaßiger Idealist! Versuchen Sie es doch einmal auf die andere Weise, vielleicht gelingt es! Wohin soll denn das schließlich führen, nur immer zu seufzen, nicht zu schlafen, jeden Augenblick zu lauern, ob das weiße Händchen nicht den lila Vorhang lüftet, wochenlang auf einen freundlichen Blick zu warten . . .«
Raiski sah ihn plötzlich durchdringend an.
»Er hat recht, in der Tat!« fuhr’s ihm durch den Kopf. Mark hatte buchstäblich ins Schwarze getroffen. Und Raiski durfte nicht einmal zeigen, daß er sich darüber ärgerte: das wäre mit einem Eingeständnis gleichbedeutend gewesen.
»Wie gern würde ich mich verlieben, aber ich bring’s nicht fertig, ich bin schon zu alt dazu,« sagte Raiski und zwang sich dabei zu einem Gähnen. »Ich glaube auch nicht, daß dies meine Langeweile verscheuchen würde.«
»Versuchen Sie es nur,« neckte ihn Mark. »Ich möchte eine Wette eingehen, daß Sie binnen einer Woche verliebt sein werden wie ein Kater – und in zwei, höchstens vier Wochen werden Sie so viel Dummheiten begehen, daß Sie nicht wissen werden, wie Sie sich aus der Schlinge ziehen sollen.«
»Wenn ich nun die Wette annehme und sie gewinne – womit wollen Sie sie einlösen?« versetzte Raiski fast verächtlich.
»Ich überlasse Ihnen meine Beinkleider oder eins meiner Gewehre. Ich besitze nur zwei Paar Beinkleider, ein drittes Paar hat der Schneider wieder zurückgenommen, da ich es nicht bezahlen konnte . . . Da fällt mir ein: ich will doch einmal Ihren Paletot anprobieren . . . Sieh da, er paßt ganz famos!« sagte er, nachdem er Raiskis leichten Überzieher angezogen und sich neben ihn aufs Bett gesetzt hatte.
»Nun müssen Sie auch einmal den meinigen anziehen!«
»Weshalb?«
»So – ich möchte einmal sehen, wie er Ihnen sitzt. Tun Sie’s doch, bitte – was kann Ihnen das ausmachen?«
Raiski war entgegenkommend genug, den abgetragenen, fleckigen Überrock seines Gastgebers anzulegen.
»Nun, paßt er Ihnen?« fragte Mark.
»Ja, es scheint so . . .«
»Gut, dann behalten Sie ihn, und ich will diesen hier behalten. Sie hätten ihn doch nicht mehr lange getragen, und bei mir hält er noch zwei Jahre vor. Ob’s Ihnen recht ist oder nicht: ich ziehe ihn nun nicht mehr aus, Sie müßten mir ihn denn mit Gewalt vom Leibe reißen.«
Raiski zuckte die Achseln.
»Nun, wie steht’s – soll die Wette gelten?« fragte Mark.
»Weshalb kommen Sie immer wieder auf diese – verzeihen Sie – törichte Idee zurück?«
»Ohne viel Redensarten – gilt sie oder nicht?«
»Die Wettbedingungen sind zu ungleich: Sie haben nichts dagegen zu setzen.«
»Das braucht Ihnen keine Sorge zu machen; ich werde nicht in die Lage kommen zu bezahlen.«
»Wie sicher Sie ihrer Sache sind!«
»Ich werde nicht bezahlen, bei Gott! Also: wenn meine Prophezeiung in Erfüllung geht, zahlen Sie mir dreihundert Rubel . . . Ich kann sie gerade jetzt sehr gut gebrauchen.«
»Was für ein Unsinn!« sprach Raiski ärgerlich halb für sich, während er Hut und Stock nahm, um zu gehen.
»Ich wiederhole also: innerhalb zwei Wochen, von heute an gerechnet, werden Sie verliebt sein, und innerhalb eines Monats werden Sie seufzen und wie ein Schatten umherirren, ja vielleicht sogar, wenn nicht die Scheu vor dem Gouverneur oder vor Nil Andreitsch Sie zurückhält, eine Tragödie aufführen, um schließlich die ganze Affäre mit einem gemeinen Streiche zu beenden . . .«
»Wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?«
»Mit einem gemeinen Streiche, ja – wie alle Leute Ihres Schlages. Ich sehe es Ihnen doch an!«
»Und wenn nun sie selbst statt meiner sich verliebt?«
»Wjera sollte sich verlieben . . . in Sie?«
»Allerdings, in mich . . .«
»Dann verpflichte ich mich, Ihnen die doppelte Summe zu zahlen, die Sie mir im andern Fall zahlen müßten.«
»Sie sind verrückt!« sagte Raiski und ging hinaus, ohne Mark auch nur eines Blickes zu würdigen.
»In einem Monat hab’ ich dreihundert Rubel in der Tasche!« schrie Mark hinter ihm her.
Einundzwanzigstes Kapitel
In verärgerter Stimmung begab sich Raiski nach Hause.
»Wo mag sie jetzt weilen, diese rätselhafte Schöne?« dachte er voll Ingrimm. »Wahrscheinlich sitzt sie auf irgendeiner Lieblingsbank und gähnt; ich will doch sehen, ob ich sie nicht finde!«
Er hatte ihre Gewohnheiten ganz genau studiert und glaubte fast mit Bestimmtheit sagen zu können, wo sie sich zu dieser oder jener Zeit aufhielt.
Er kletterte den Abhang der Schlucht hinauf, gelangte in den Park und sah sie in der Tat hier mit einem Buche auf einer Bank sitzen.
Sie las nicht, sondern blickte vor sich hin, bald auf die Wolga, bald ins Gebüsch hinein. Als sie Raiski bemerkte, veränderte sie ihre Haltung, nahm das Buch, stand leise auf und ging auf dem Gartenpfade nach dem alten Hause zu. Er gab ihr ein Zeichen, doch auf ihn zu warten, aber sie sah es nicht oder tat wenigstens, als bemerke sie es nicht, ja sie beschleunigte sogar, als sie über den Hof ging, ihre Schritte. Dann verschwand sie in dem alten Hause.
Raiski ward von heftigem Zorn ergriffen.
»Diese Törin bildet sich wohl ein, ich sei in sie verliebt: nicht die einfachsten Anstandsregeln wahrt sie! Man sieht gleich, daß sie in der Mägdestube aufgewachsen ist . . . Eine Dorfschöne, deren Herzensroman vor dem Strafrichter enden wird . . .«
Seine zornige Erregung hielt auch beim Mittagessen noch an. Er maß alle mit finsteren Blicken, und Wjera sah er nicht ein einziges Mal an. Als sie die Bemerkung machte, daß es »heute sehr heiß sei«, würdigte er sie gar keiner Antwort.
Es schien ihm, daß er sie bereits hasse oder vielleicht auch verachte – genau konnte er es selbst noch nicht sagen; doch hatte er jedenfalls das Gefühl, daß eine feindselige Empfindung gegen sie in seinem Innern emporkeimte.
Dieses Gefühl war ihm ganz besonders deutlich zum Bewußtsein gekommen, als er eines Tages ihr einen Besuch im alten Hause abstattete, mit ein paar Bänden Goethe, Byron, Heine und einem englischen Roman unter dem Arm, und sich am Fenster ihres Stübchens neben ihr häuslich niederließ.
Ganz verwundert sah sie, wie er die Bücher auf dem Tische ausbreitete und es sich selbst auf seinem Platze bequem machte.
»Was haben Sie denn vor?« fragte sie neugierig.
»Ich möchte, daß wir gemeinsam einen Flug auf den Fittichen der Poesie unternehmen,« antwortete er, auf die Bücher zeigend. »Wir wollen lesen, schwärmen, uns von den Dichtern in ihr Phantasiereich entführen lassen . . .«
Sie lachte ihm munter ins Gesicht.
»Aber ich erwarte jetzt gleich hier meine Nähmamsell: wir wollen hier Nachtjacken zuschneiden,« sagte sie. »Dort auf dem Tische und auf den Stühlen müssen wir die Leinwand ausbreiten, und dann unternehmen wir einen Flug in das Reich der Ellen und Zolle . . .«
»Pfui, Wjera – was soll das? Das gehört doch in die Mägdestube . . .«
»Nein, nein: Tantchen schilt ohnedies schon, daß ich so faul bin. Wenn sie brummt – nun, das ertrage ich allenfalls noch; aber wenn sie schweigt, mich scheel von der Seite ansieht und heimlich stöhnt – nein, das geht über meine Kraft . . . Doch da ist ja Natascha bereits: auf Wiedersehen, Cousin! Gib her, Natascha, leg’ die Sachen auf den Tisch! Hast du alles mitgebracht?«
Sie legte flink die Bücher auf einen Stuhl, rückte den Tisch in die Mitte des Zimmers, nahm ein Maß aus der Kommode und vertiefte sich ganz in die Arbeit des Abmessens und Zuschneidens. Einer jener Anfälle von nervösem Arbeitseifer war über sie gekommen, nicht einen Blick warf sie auf Raiski, nicht ein Wort sprach sie mit ihm und tat, als ob er überhaupt nicht da wäre.
Fast zähneknirschend verließ er sie, ohne die Bücher mitzunehmen; als er jedoch nach einem kurzen Gange durch den Garten in sein Zimmer kam, fand er sie bereits auf dem Tische vor.
»Das ging ja sehr rasch – sie will also auch in Zukunft nicht damit belästigt sein!« flüsterte er grimmig vor sich hin. »Was ist das eigentlich: wer ist sie denn, möcht’ ich wissen? Die Sache wird wirklich interessant. Treibt sie mit mir ihren Scherz?«
Marks seltsamer Wettvorschlag hatte seine Galle noch mehr erregt. Als er Wjera bei Tisch gegenübersaß, sah er fast gar nicht nach ihr hin. Nur ein einziges Mal blickte er sie wie zufällig voll an und war sogleich wieder von ihrer stechenden Schönheit geblendet.
Sie hatte ihn das eine oder das andere Mal harmlos und freundlich, ja fast freundschaftlich angesehen. Als sie jedoch seine zornigen Blicke bemerkte, wußte sie, daß er sich in lebhafter Gemütserregung befand, und daß sie selbst die Ursache dieses Zustandes war.
Sie neigte sich über den leeren Teller und sah wie in tiefem Sinnen vor sich hin. Dann hob sie den Kopf empor und sah ihn an: ihr Blick hatte etwas Kaltes und zugleich Trauriges.
»Ich will heute mit Marsinka zur Heuernte hinausfahren,« sagte die Großtante zu Raiski. »Hat der gnädige Herr nicht vielleicht auch einmal Lust, sich seine Wiesen anzusehen?«
Raiski sah gerade zum Fenster hinaus: er schüttelte verneinend den Kopf.
»Die Kaufleute sind nämlich da: sie bieten siebenhundert Rubel in Papier, und ich verlange tausend.«
Niemand wußte etwas auf diese Mitteilung zu sagen.
»Nun, warum schweigt denn der gnädige Herr? Jakow,« wandte sie sich an den hinter ihrem Stuhle stehenden Diener – »morgen wollen die Kaufleute kommen, führ’ sie sogleich zu Boris Pawlowitsch, wenn sie da sind . . .«
»Zu Befehl.«
»Jag’ sie zum Teufel!« sagte Raiski gleichmütig.
»Zu Befehl,« wiederholte Jakow.
»Was soll das heißen: die Käufer zum Teufel jagen? Wenn nun alle Gutsbesitzer so dächten wie du?«
Er schwieg und fuhr fort, zum Fenster hinauszuschauen.
»Was schweigst du denn, Boris Pawlowitsch? Mach’ doch wenigstens ein Zeichen mit dem Finger! Iß wenigstens etwas! Reich’ ihm den Braten, Jakow, und die Pilze: sieh, was für köstliche Pilze!«
»Ich mag nicht!« sprach Raiski ungeduldig und winkte Jakow mit der Hand ab.
Wiederum schwiegen alle.
»Ssawelij hat wieder einmal die Marina geschlagen,« erzählte die Großtante.
Raiski zuckte kaum merklich die Achseln.
»Du solltest ihm doch ins Gewissen reden, Boris Pawlowitsch!«
»Bin ich der Polizeimeister?« sagte er unwirsch. »Meinetwegen mögen sie sich gegenseitig die Hälse umdrehen!«
»Gott schütze und behüte dich! Du hast es wohl durchaus auf ein Drama abgesehen?«
»Was mich die beiden wohl angehen!« brummte er vor sich hin. »Als wenn ich nicht meine eigenen Dramen hätte . . .«
»Ja, ja, du hast es sehr schwer auf der Welt!« versetzte die Großtante mit leichtem Spott. »Es ist ja auch keine Kleinigkeit, sich so den ganzen lieben Tag immer von einer Seite auf die andere zu legen!«
Er blickte zu Wjera hinüber: sie goß sich eben etwas Rotwein ins Wasser, trank ihr Glas aus, erhob sich und ging, nachdem sie der Großtante die Hand geküßt hatte, aus dem Zimmer.
Auch Raiski erhob sich vom Tische und begab sich in sein Zimmer.
Bald darauf fuhr die Großtante mit Marsinka und Wikentjew, der sich inzwischen eingefunden hatte, nach den Wiesen hinaus. Das ganze übrige Haus war vom Mittagsschlaf umfangen. Die einen hatten sich nach dem Heuboden begeben, andere machten es sich in den Hausfluren oder in der Scheune bequem; noch andere waren, die Abwesenheit der Herrin benutzend, nach der Vorstadt gegangen, und Todesstille herrschte nun im ganzen Hause. Die Türen und Fenster standen weit offen, nicht ein Blättchen rührte sich im Garten.
Raiski sah immer und immer wieder das Bild Wjeras vor sich.
»Wo ist sie jetzt, was treibt sie so ganz allein? Warum ist sie nicht mit der Großtante ausgefahren, warum hat diese sie nicht einmal dazu aufgefordert?« so jagte in seinem Kopfe eine Frage die andere.
Er hatte sich das Wort gegeben, sich nicht mehr mit Wjera zu beschäftigen, ihr keine Beachtung mehr zu schenken, sie ganz wie ein albernes Dämchen vom Lande zu behandeln— und dennoch konnte er den Gedanken an sie nicht loswerden.
Absichtlich suchte er seine Aufmerksamkeit auf seine Petersburger Verbindungen, auf seine Freunde, die Künstler, die Akademie, die Bjelowodowa hinzulenken. Zwei, drei Personen, zwei, drei Bilder der Vergangenheit tauchten vor seiner Seele auf – und als viertes Bild trat jedesmal Wjera daneben. Er nimmt ein Blatt Papier und einen Bleistift, macht zwei, drei Striche – und sieht, daß es ihre Stirn, ihre Nase, ihr Mund ist, was er da hingeworfen hat. Er blickt zum Fenster hinaus, will in den Park schauen oder aufs Feld – und späht in Wirklichkeit nach ihrem Fenster, ob nicht vielleicht, wie Mark sich ausdrückte, »das weiße Händchen den lila Vorhang lüfte«. Woher wußte dieser Mark das eigentlich? Hatte jemand es beobachtet und ihm hinterbracht? Eine förmliche Wut bemächtigte sich Raiskis. Er suchte um jeden Preis das Bild Wjeras aus seiner Seele zu bannen, sei es selbst mit einem Fluche – doch er bringt den Fluch nicht über seine Lippen, leise flüstern sie ihren Namen, seine Knie beugen sich unwillkürlich, er schließt die Augen und spricht still für sich:
»Wjera, Wjera – nie hat die Schönheit eines Weibes mir so viel Qual bereitet! Ich bin der Gefangene, der klägliche Sklave deiner Schönheit . . .«
»Ach, was – das ist ja alles Unsinn, sentimentales Zeug!« sagte er sich gleich darauf, um sich mit Gewalt aus seiner Träumerei emporzurütteln. »Ich will sie aufsuchen und mich mit ihr aussprechen. Wo mag sie stecken? Das ist alles nur Neugier, weiter nichts: Liebe ist etwas ganz anderes! . . .«
Er nahm seine Mütze und begann das ganze Haus abzusuchen, schlug mit den Türen und spähte in alle Ecken und Winkel. Wjera war nicht zu finden, weder in ihrem Zimmer noch überhaupt im alten Hause, weder im Garten noch auf dem Felde bekam er sie zu Gesichte. Selbst auf dem hinteren Hofe suchte er sie, dort war aber nur Ulita zu sehen, die irgendeinen Zober scheuerte, und Prochor, der mit offenem Munde unter seinem Pelze in der Scheune schlief.
Er sagte sich schließlich, daß es doch wohl überflüssig sei, Wjera dort zu suchen, wo sich sonst andere Leute aufzuhalten pflegten, und er begab sich in den Park und suchte am Rande der Schlucht und tiefer unten am Abhang, wohin sie gern ihren Schritt lenkte. Doch war sie nirgends zu entdecken; und schon wollte er nach dem Hause zurückkehren, um nach ihr zu fragen, als er sie plötzlich zehn Schritte vom Hause entfernt im Garten sitzen sah.
»Ah!« sagte er – »du bist hier, und ich suche dich in allen Ecken und Winkeln . . .«
»Und ich erwarte Sie hier . . .« antwortete sie.
Es war ihm, als wehe ihn plötzlich mitten im kalten Winter ein lauer Südwind an.
»Du erwartest mich?« versetzte er mit seltsam veränderter Stimme, während er sie voll Erstaunen, mit leidenschaftlich glühenden Augen ansah. »Ist’s möglich?«
»Warum nicht? Sie haben mich doch auch gesucht . . .«
»Ja, ja, ich wollte mich mit dir aussprechen . . .«
»Und ich mich mit Ihnen.«
»Was hast du mir denn zu sagen?«
»Und was haben Sie mir zu sagen?«
»Sprich du zuerst, dann will ich reden . . .«
»Nein, reden Sie zuerst, dann will ich sprechen . . .«
»Gut,« sagte er, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, und nahm neben ihr Platz. »Ich wollte dich also fragen, warum du immer vor mir die Flucht ergreifst?«
»Und ich wollte Sie fragen, warum Sie mich immer verfolgen?«
Raiski fiel aus allen Himmeln.
»Weiter nichts?« sprach er.
»Vorläufig nur dieses eine: ich will sehen, was Sie darauf antworten.«
»Aber ich verfolge dich doch gar nicht! Ich gehe dir eher aus dem Wege, spreche nur wenig mit dir . . .«
»Es gibt verschiedene Arten, jemanden zu verfolgen, Cousin! Sie haben eine Art gewählt, die mir ganz besonders lästig ist . . .«
»Aber ich bitte dich, ich rede fast gar nicht mit dir . . .«
»Sie reden allerdings nur selten mit mir, und Sie sehen mich auch nicht offen an, dafür werfen Sie mir aber so böse Seitenblicke zu – auch das ist eine Art von Verfolgung! Und wenn das das einzige wäre . . .«
»Nun, was ist denn noch?«
»Was noch ist? Sie überwachen mich heimlich: Sie stehen früher auf als alle andern und geben acht, wann ich erwache, wann ich den Vorhang zurückziehe und das Fenster öffne. Und wenn ich dann zur Großtante gehe, wählen Sie einen neuen Beobachtungsposten und spähen, wohin ich gehe, welchen Gartenweg ich wähle, auf welche Bank ich mich setze, was für ein Buch ich lese. Sie wissen jedes Wort, das ich zu jemandem sage . . . Und dann treffen Sie mich . . .«
»Das geschieht selten genug,« sagte er.
»Allerdings, nur zwei- oder dreimal in der Woche: das wäre nicht zu viel, im Gegenteil, wenn es wie zufällig, wie von selbst, ohne Absicht geschähe. Aber es geschieht stets mit ganz bestimmter Absicht: in jedem ihrer Blicke, jedem Schritt erkenne ich das Bestreben, meine Ruhe zu stören, jeden meiner Blicke, jedes Wort, womöglich jeden meiner Gedanken abzufangen . . . Mit welchem Recht tun Sie das, erlaube ich mir zu fragen?«
Er war ganz verblüfft durch die Kühnheit ihrer Worte und die Selbständigkeit, die in den von ihr geäußerten Wünschen und Gedanken zum Ausdruck kam. Vor ihm stand nicht das junge Mädchen, das, wie er bisher angenommen, sich aus Schüchternheit vor ihm verbarg und aus Furcht, beim näheren Verkehr mit ihm durch die Überlegenheit seines Verstandes und seiner Bildung gedemütigt zu werden, ihm aus dem Wege ging. Nein, das war eine neue Erscheinung, eine neue Wjera!
»Und wenn dir das alles nur so scheint? . . .« sagte er unsicher, immer noch ganz im Banne seines Staunens.
»Suchen Sie keine Ausflüchte!« fiel sie ihm ins Wort. »Wenn Ihr Spürsinn fein genug ist, um jeden meiner Schritte, jede Bewegung zu bemerken, dann dürfen Sie mir auch nicht die Fähigkeit absprechen, das Lästige einer solchen Beobachtung zu empfinden. Ja, ich sage es Ihnen ganz offen, daß mir diese Überwachung höchst peinlich ist.
Ich fühle mich wie im Gefängnis . . . Ich bin doch, Gott sei Dank, nicht die Gefangene irgendeines türkischen Paschas . . .«
»Was willst du eigentlich von mir? Was soll ich tun? . . .«
»Das ist’s eben, wovon ich mit Ihnen jetzt reden wollte. Aber sagen Sie mir zuvor, was Sie eigentlich von mir wollen?«
»Nein, sprich du zuerst,« sagte er, auf seiner Forderung bestehend und noch ganz verdutzt, ja betroffen durch diesen ungeahnten Zug ihres Wesens, der ihm ihre ohnedies auf ihn so beklemmend wirkende Schönheit in einem neuen, fast beängstigenden Lichte erscheinen ließ.
Schon fühlte er, daß der Genuß, den der Anblick dieser Schönheit ihm bereitete, für ihn zur Qual wurde.
»Was ich will?« wiederholte sie. »Ich will Freiheit!«
Erneutes Staunen malte sich bei diesen Worten in seinen Zügen.
»Die Freiheit!« wiederholte er. »Nun, ich bin der erste Parteigänger, der wärmste Verteidiger und Ritter der Freiheit, und darum . . .«
»Und darum gönnen Sie einem armen Mädchen nicht einen freien Atemzug . . .«
»Ach, Wjera, wie kannst du nur so schlecht von mir denken! Zwischen uns herrscht ein Mißverständnis: wir haben einander nicht verstanden! Wohlan denn, sprechen wir uns gegenseitig aus, vielleicht werden wir doch noch Freunde!«
Sie warf ihm plötzlich einen forschenden Blick zu.
»Halten Sie das für möglich?« sagte sie. »Ich wäre aufrichtig froh, wenn ich mich getäuscht haben sollte.«
»Meine Hand darauf, daß es so ist: ich werde dein Freund, dein Bruder sein, kurz: alles, was du willst, verlange jedes Opfer!«
»Es bedarf keiner Opfer,« sagte sie. »Beantworten Sie mir zunächst meine Frage: was wollen Sie von mir?«
»Was ich von dir will? Ich verstehe nicht, wie du das meinst.«
»Warum verfolgen Sie mich, warum sehen Sie mich immer mit so großen Augen an? Was ist Ihr Begehr?«
»Ich habe durchaus kein Begehr . . . Aber du kannst dir’s wohl selbst sagen, daß ein Mann deine berückende Schönheit nur mit verliebten, begehrlichen Augen zu schauen vermag . . .«
Sie ließ ihn nicht ausreden, sondern erhob sich in jäher Empörung von ihrem Platze.
»Wie können Sie es wagen, so zu mir zu reden?« sprach sie, während sie ihn vom Scheitel bis zu den Füßen maß.
Er sah sie mit großen, bestürzten Augen an.
»Was ist dir denn, Wjera, mein Gott? Was habe ich denn gesagt?«
»Sie stolzer, gebildeter Geist, Sie Ritter der Freiheit, schämen sich nicht, es auszusprechen . . .«
»Daß die Schönheit Verehrung heischt, und daß ich deine Schönheit verehre – ist das ein Verbrechen?«
»Ich sehe, daß Sie gar nicht begreifen, wie beleidigend Ihre Worte sind! Würden Sie es wohl wagen, mich mit begehrlichen Augen anzusehen, wenn mir ein wachsamer Gatte, ein fürsorglicher Vater, ein sittenstrenger Bruder zur Seite stände? Nein, dann würden Sie mich nicht so verfolgen, nicht Tage lang ohne Ursache finster auf mich blicken, nicht hinter mir her spionieren und meinen Frieden, meine Freiheit beeinträchtigen! Sagen Sie, welchen Anlaß gab ich Ihnen, mich mit anderen Augen anzusehen, als irgendeine andere Frau, die sich wohl beschützt weiß?«
»Die Schönheit weckt Bewunderung: das ist ihr Recht . . .«
»Die Schönheit,« unterbrach sie ihn, »hat aber auch ein Recht auf Achtung und Freiheit . . .«
»Schon wieder die Freiheit!«
»Ja, immer und immer wieder! Die Schönheit, die Schönheit! Gehen Sie mir mit Ihrer Schönheit! Oder meinetwegen, ich will sie gelten lassen – aber sie ist doch wohl kein Apfel, der über den Zaun hinweghängt und von jedermann gepflückt werden kann!«
»Wie denn?« versetzte Raiski ganz bestürzt – »was verlangst du denn von mir?«
»Nichts weiter: ich lebte hier ruhig für mich, bevor Sie herkamen. Reisen Sie ab – und ich werde ebenso ruhig weiterleben . . .«
»Du verlangst, ich soll abreisen – wohlan, ich bin bereit . . .«
»Nun, ich weiß Ihre Rechte zu respektieren: Sie sind hier in Ihrem Hause, ich kann so etwas nicht verlangen . . .«
»Verlange, was du willst – ich tue alles! Sprich nur, und zürne nicht länger!« bat er, ihre beiden Hände fassend.
»Ich bekenne mich schuldig vor dir: ich bin ein Künstler, ich besitze ein empfängliches Naturell, habe mich vielleicht gar zu leidenschaftlich dem Eindruck des Augenblicks hingegeben . . . Dann kommt wohl dazu, daß du mir nicht ganz fremd bist: ständest du mir ferner, dann wäre ich wohl zurückhaltender gewesen. Ich bin blindlings ins Feuer hineingerannt und habe mich verbrannt – nun, ich will mein Unglück tragen, du hast mir eine empfindliche Lektion gegeben! Schließen wir nun Frieden – sag’ mir deine Wünsche, ich will sie heilig erfüllen . . . und laß uns Freunde sein! Ich verdiene wirklich nicht alle diese Vorwürfe, dieses strafende Gewitter . . . Vielleicht hast auch du mich nicht ganz verstanden . . .«
Sie reichte ihm die Hand.
»Wohl möglich – vielleicht ging ich in meiner Erregung zu weit. Ich sehe, daß Sie nicht nur einsichtig sein können,« sagte sie – »sondern auch, wie Ihr Geständnis beweist, gut und gerecht sind . . . Wir wollen sehen, ob Sie wirklich großmütig gegen mich sein werden . . .«
»Oh, sicher, sicher werde ich es sein: du kannst fest auf mich bauen!« sprach er, wieder ganz hingerissen.
Sie zog leise ihre Hand fort, die sie auf die seinige gelegt hatte.
»Nein,« sagte sie halb im Scherz – »dieser begeisterte Ton beweist mir, daß wir von der Freundschaft doch noch weit entfernt sind . . .«
»Ach, diese Frauen mit ihrer Freundschaft!« versetzte Raiski ärgerlich. »Als wenn sie einem einen Kuchen zum Namenstag präsentierten!«
»Auch dieser ärgerliche Ton scheint mir nichts Gutes zu versprechen!«
Sie hatte sich von ihrem Platze erhoben.
»Nein, nein, geh nicht fort: ich fühle mich so wohl in deiner Nähe!« sprach er, sie zurückhaltend. »Wir haben uns noch nicht ausgesprochen. Sag’ mir, was dir gefällt oder mißfällt – ich werde alles tun, um mich deiner Freundschaft würdig zu zeigen . . .«
»Ich sagte Ihnen doch gleich anfangs, wie Sie meine Freundschaft verdienen können: wissen Sie es nicht mehr? Sie sollen mich nicht beobachten, mich in Frieden lassen, mich nicht bemerken – dann werde ich von selbst in Ihr Zimmer kommen, wir werden die Zeit bestimmen, wann wir zusammen plaudern, lesen, spazieren gehen wollen . . .«
»Du verlangst, ich solle so tun, als ob ich dich überhaupt nicht sähe?«
»Ja.«
»Ich soll deine Schönheit nicht bemerken, soll auf dich ebenso gleichmütig schauen, wie auf die Großtante? . . .«
»Ja.«
»Mit welchem Rechte verlangst du das?«
»Mit dem Rechte, das mir meine Freiheit gibt.«
»Und wenn ich dich nun schweigend von weitem anbete, ohne daß du es bemerkst und weißt? . . . Dagegen kannst du doch nichts haben!«
»Schämen Sie sich, Cousin! Die Zeiten Werthers und Charlottens sind doch längst vorüber. Schließlich muß ich doch wieder fürchten, Ihren leidenschaftlichen Blicken, Ihrer Spionage zu begegnen! Ich fühle mich von neuem beunruhigt und angewidert . . .«
»Du bist keine Kokette, Wjera, ich weiß es. Wenn du mir aber wenigstens eine ganz leise Hoffnung ließest, mir sagtest, daß eine treue, beständige Neigung vielleicht einmal das Eis schmelzen und mit der Zeit eine Gegenneigung aufkeimen lassen könnte . . .«
Er sprach diese Worte langsam, in der Erwartung, daß sie vielleicht durch irgendeine Äußerung, irgendein Zeichen ihm zu verstehen geben würde, er könne doch noch hoffen.
»Sie sagten ganz richtig,« bemerkte sie, »daß ich keine Kokette bin: ich kann es nicht verstehen, daß es eine Frau nicht langweilt, sich die Verehrung eines Menschen gefallen zu lassen, dessen Gefühle sie nicht zu erwidern vermag . . .«
»Du könntest das also nicht?«
»Nein.«
»Warum nicht? Es kann doch sein, daß eine Zeit kommt. . .«
»Sie wird nicht kommen, Cousin – Sie werden vergeblich warten . . .«
»Sie spricht genau so wie die Bjelowodowa: als wenn sich beide miteinander verabredet hätten!« dachte er im stillen.
»Dein Herz ist nicht frei? Du liebst?« fragte er und erschrak fast vor seiner eigenen Frage.
Ihre Miene verfinsterte sich, und sie wandte wie im Trotz ihre Augen der Wolga zu.
»Und wenn ich liebte – das wäre in Ihren Augen wohl eine Sünde, Bruder? Das dürfte nicht sein, das wäre eine Schmach, das würden Sie nie zugeben? . . .« sagte sie ironisch.
»Ich?«
»Ja, Sie, der Ritter der Freiheit!« versetzte sie, den ironischen Ton noch verstärkend.
»Du hast nicht nötig, mich zu verspotten: ich meine es wirklich ernst mit dem Eintreten für die Freiheit! Du meinst, ich würde nicht zugeben, daß du liebst: wohl denn, ich predige im Gegenteil die Freiheit des Herzens! Zeig’ deine Liebe offen vor aller Welt, verbirg sie nicht: fürchte dich weder vor der Großtante noch vor sonst jemandem! Die alte Welt ist im Zerfall begriffen, neue Keime, neue Ideen sprießen überall – das Leben ruft uns, öffnet uns seine Arme. Du bist jung, hast kaum einen Blick in die Welt hinein getan, und doch hast du schon den Hauch der Freiheit verspürt, bist zum Bewußtsein deiner Rechte, deines Anspruchs auf freies Denken gekommen. Wenn das Morgenrot der Freiheit für die Menschheit heraufgezogen ist: soll dann das Weib allein eine Sklavin bleiben? Du liebst – wohlan, so bekenne es frei! . . . Leidenschaft ist Glück! Laß mich dich wenigstens beneiden, Wjera!«
»Warum soll ich’s aller Welt erzählen, ob ich liebe oder nicht? Das geht doch niemanden etwas an! Ich weiß, daß ich frei bin und niemand ein Recht hat, von mir Rechenschaft zu verlangen . . .«