Kitabı oku: «Die Schlucht», sayfa 46
Er kniete vor ihr nieder.
»Ich gehe fort, wenn Sie noch ein einziges Wort sagen! Ich will nur zu Atem kommen . . . Tantchen wird erschrecken, wenn sie mich so sieht . . . ich zittere an allen Gliedern . . . Ich gehe zu ihr! . . .«
Er stand auf, trat entschlossen auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie fast gewaltsam nach der Allee.
»Ich will nicht, ich geh’ nicht . . . Sie sind zudringlich! Sie vergessen sich . . .« sagte sie und bemühte sich, ihm ihre Hand zu entziehen und von ihm loszukommen, ging aber doch gegen ihren Willen mit. »Was tun Sie, wie können Sie es wagen? Lassen Sie mich los, ich schreie sonst! .: . Ich will Ihre Nachtigall nicht mehr hören!«
»Nicht die Nachtigall sollen Sie hören, sondern mich!« sagte er zärtlich, doch mit Entschiedenheit. »Ich bin jetzt nicht der lustige Junge, sondern spreche als Erwachsener, hören Sie mich also an, Marfa Wassiljewna!«
Sie hörte plötzlich auf, an ihrem Arme zu zerren, und überließ ihn ihm, während sie mit klopfendem Herzen und in gespannter Erwartung stehen blieb.
»Sie haben recht,« begann er, »wir sind keine Kinder mehr, und es war unrecht von mir, das nicht sehen zu wollen, obschon mein Herz mir längst sagte, daß Sie kein Kind mehr sind . . .«
Sie begann wieder an ihrer Hand zu zerren, doch hielt er sie fest und sicher in der seinen.
»Sie sind erwachsen und können daher furchtlos hören, was ich Ihnen zu sagen habe: es ist nicht für Kinderohren berechnet. Sie waren so frisch, so jung, so lieb, daß ich in Ihrer Gesellschaft meine Jahre vergaß und noch Zeit zu haben glaubte . . . und vielleicht ist’s auch wirklich noch zu früh für mich, Ihnen zu sagen, daß ich . . .«
»Ich gehe fort . . . Sie wollen wieder irgend etwas Schreckliches sagen, wie dort im Hain . . . Lassen Sie mich los!« sagte Marsinka flüsternd, und er fühlte, wie ihre Hand zitterte. »Ich gehe, ich mag Sie nicht hören, ich sage alles der Tante . . .«
»Gewiß, Marfa Wassiljewna, sagen Sie es ihr noch heute, jetzt gleich. Doch zuvor müssen Sie erst hören, was ich Ihnen zu sagen habe. Wir haben uns so befreundet, sind einander seelisch so nahe getreten, daß, wenn man uns trennen wollte – und das wollen Sie ja, nicht wahr?. . .«
Sie schwieg.
»Wollen Sie das wirklich, Marfa Wassiljewna?«
Sie schwieg und machte nur eine heftige Bewegung, deren Sinn im abendlichen Dunkel nicht zu erkennen war.
»Wenn Sie das wollen – gut, dann trennen wir uns, jetzt gleich, auf der Stelle . . .« sagte er düster. »Ich weiß, was dann mein Schicksal sein wird, ich melde mich auf einen andern Posten, ich reise nach Petersburg, ans Ende der Welt . . . Also sprechen Sie – entscheiden Sie mein Schicksal! Nur, wenn Sie es wollen, gehe ich – um Tatjana Markowna, oder um meine Mutter würde ich mich nicht bekümmern, wenn die noch so sehr unsere Trennung verlangen sollten. Also – wenn Sie wollen, gehe ich, sogleich von dieser Stelle, und komme nie wieder hierher. Und ich weiß auch, daß ich niemals wieder eine Frau lieben werde . . . nie im Leben, bei Gott!«
Sie schwieg.
»Sprechen Sie nur ein einziges Wort: darf ich Sie lieb haben? Wenn Sie nein sagen – gehe ich fort . . . für immer . . .«
Marsinka brach plötzlich in Schluchzen aus, und als er einen Schritt von ihr wegtrat, faßte sie kräftig nach seiner Hand.
»Sehen Sie, sehen Sie! Sind Sie nicht wirklich ein Engel? Hatte ich nicht recht, als ich sagte, daß Sie mich lieben? Ja, Sie lieben, lieben, lieben mich!« rief er jauchzend – »freilich nicht so, wie ich Sie liebe . . . nein!«
»Wie können Sie es wagen . . . so mit mir zu reden?« sagte sie, während die Tränen ihr über die Wangen rannen.
»Glauben Sie nicht etwa, daß ich weine, weil . . . ich weine auch um ein Kätzchen, oder um ein Vögelchen . . . Ich weine so leicht. . . . die Nachtigall hat mich so gerührt, und dann ist’s auch dunkel! Bei Licht, oder am Tage würde ich eher sterben, als daß ich weinen würde . . . Vielleicht habe ich Sie geliebt . . . und wußte es nicht . . .«
»Auch ich wußte es kaum, daß ich Sie liebe . . . Die Nachtigall hat das alles bewirkt: sie hat unser Geheimnis ans Licht gebracht. Ihr wollen wir auch alle Schuld zuschieben, Marfa Wassiljewna . . . Auch ich hätte bei Licht, oder am Tage um keinen Preis der Welt Ihnen das gesagt . . . bei Gott!«
»Und jetzt hasse, jetzt verachte ich Sie,« sagte sie. »Sie sind ein abscheulicher Mensch, Sie haben mich zum Weinen gebracht und freuen sich über meine Tränen . . . ja, Sie sind vergnügt . . .«
»Ich – vergnügt? Gewiß bin ich’s, und auch Sie sind es – Sie verstellen sich um . . . Gott segne die Nachtigall!«
»Sie sind ein böser, gottloser Mensch . . . sind nicht ehrlich!«
»Nein, nein,« unterbrach er sie und fuhr sich hastig mit der gespreizten Hand durchs Haar – »sagen Sie das nicht! Nennen Sie mich meinetwegen einen Dummkopf, aber ehrlich bin ich – ja, ganz gewiß! Niemand darf das bezweifeln . . . Niemand soll es wagen . . .«
»Und ich wage es doch!« sagte Marsinka hitzig. »War es vielleicht ehrlich, ein armes Mädchen so weit zu bringen, daß es etwas ausplauderte, was es sonst niemandem, selbst Gott, selbst Vater Wassilij nicht gestanden hätte? . . . Und jetzt – o mein Gott, welche Schande!« Sie war von ihrer Schuld fest überzeugt, und Tränen aufrichtiger Reue flossen über ihre Wangen.
»Es war nicht ehrlich, nicht ehrlich!« wiederholte sie in traurigem Tone. »Ich liebe Sie nun nicht mehr. Was wird man von mir denken, was wird man sagen? Ich bin verloren . . .«
»Meine Herzensfreundin, mein Engel! . . .«
»Fangen Sie schon wieder an?«
»Bedenken Sie, daß Sie kein Kind sind!« redete Wikentjew ihr zu.
»Wie sonderbar Sie heute reden!« sagte sie plötzlich und hörte auf zu weinen. »Noch nie sind Sie so gewesen, noch niemals habe ich Sie so gesehen! Damals zum Beispiel, als Sie im Kornfeld Purzelbäume schossen und den Wachtelschlag nachahmten, oder gestern, als Sie meiner Katze aufs Dach nachkletterten – ach, da waren Sie ganz anders! Und wissen Sie noch, wie Sie in der Mühle sich ganz mit Mehl bestäubten, nur um mich zum Lachen zu bringen? . . . Warum sind Sie nun mit einemmal so ganz anders geworden?«
»Wie bin ich denn geworden, Marfa Wassiljewna?«
»Nun, so . . . keck! Sie wagen es, mir so törichte Dinge ins Gesicht zu sagen . . .«
»Und sind Sie vielleicht noch dieselbe, die Sie noch kürzlich, noch heute abend waren? Haben Sie sich vielleicht früher vor mir geschämt, oder mich gefürchtet? Haben Sie vielleicht früher so mit mir gesprochen wie jetzt eben? Auch Sie sind wie umgewandelt!«
»Ja – wie mag das nur kommen?«
»Die Nachtigall hat’s uns doch gesagt: wir sind beide jetzt groß und erwachsen, sind heute reif geworden, dort im Hain . . . Wir sind keine Kinder mehr . . .«
»Ja – und darum eben war es nicht ehrlich von Ihnen, mir das alles zu sagen, was Sie mir sagten. Sie haben leichtfertig gehandelt – es ist nicht ehrlich, einem jungen Mädchen sein Geheimnis zu entlocken . . .«
»Es wäre doch nicht ewig Ihr Geheimnis geblieben: irgend einmal hätten Sie es doch jemandem anvertraut . . .«
Sie dachte nach.
»Ja, das hätte ich vielleicht – doch nur der Tante ins Ohr . . . und dann hätte ich den Kopf in die Kissen gesteckt und mich den ganzen Tag geschämt. Doch hier . . . wo wir beide so ganz allein sind . . . o mein Gott!« sprach sie tief aufseufzend und blickte voll Entsetzen zum Himmel auf. »Ich fürchte mich, jetzt ins Zimmer hineinzugehen, Tantchen wird mir alles vom Gesicht ablesen!«
»Mein Engel! Mein holder Schatz!« sagte er, sich über ihre Hand neigend – »ich segne dieses Dunkel, segne den Hain und die Nachtigall!«
»Fort von hier, fort!« rief sie und lief wieder die Treppe hinauf. »Sie nehmen sich wieder Keckheiten heraus! Ach, ich glaubte immer, es gebe keinen bescheideneren, keinen ehrbareren Menschen in der Welt! Auch Tantchen glaubte das, und Sie . . .«
»Was hätte ich denn tun sollen, um ehrbar zu bleiben? Wem hätte ich mein Geheimnis anvertrauen sollen?«
»Nun – der Tante, ins andere Ohr! Und dann hätten Sie sie fragen sollen, ob ich Sie liebe . . .«
»Ei, so sagen Sie ihr doch jetzt alles selbst!«
»Jetzt ist die ganze Sache verdorben. Es war schon unrecht von mir, daß ich auf Sie gehört, daß ich Tränen vergossen habe. Sie wird mir zürnen, wird mir nie verzeihen, und daran sind Sie schuld . . .«
»Sie wird Ihnen schon verzeihen, Marfa Wassiljewna – wird uns beiden verzeihen. Sie hat mich doch gern . . .«
»Sie bilden sich ein, alle Welt habe Sie gern: was müssen Sie für ein Prachtmensch sein!«
»Tantchen sagte sogar, sie liebe mich wie einen Sohn . . .«
»Das sagte sie nur, weil Sie so viel essen, sie liebt eben die starken Esser, selbst einen Openkin!«
»Nein, ich weiß, daß sie mich liebt – und wenn sie mich nicht noch für zu jung hält, dann wird sie sicher nichts dagegen haben, daß wir uns heiraten . . .«
»Schrecklich! Was für Gedanken Sie haben! . . .« Sie wollte sich entfernen.
»Bleiben Sie doch, Marfa Wassiljewna!« sagte er. —
»Haben Sie keine Angst, ich werde so still dastehen, wie eine Statue . . .«
Sie zögerte einen Augenblick, ging dann aber plötzlich von selbst die Stufen hinab auf ihn zu, ergriff seine Hand und sah ihm ernst und feierlich ins Gesicht.
»Weiß auch Ihre Mama von alledem, was Sie mir jetzt hier gesagt haben?« fragte sie. »Ja? Weiß sie darum? Sagen Sie – ja oder nein?«
»Noch nicht . . .« sagte er leise.
»Noch nicht!« wiederholte sie bang.
Sie schwieg ein Weilchen.
»Wie konnten Sie es dann wagen, so mit mir zu reden?« fragte sie dann. »Sie sprechen schon vom Heiraten, und Ihre Mama weiß von nichts! Sagen Sie selbst: ist das ehrlich gehandelt?«
»Sie wird es morgen erfahren.«
»Wenn sie uns nun ihren Segen verweigert?«
»Dann werde ich ihr nicht gehorchen!«
»Und ich werde ihr gehorchen – nicht einen Schritt werde ich ohne ihre und der Tante Erlaubnis tun. Wird uns diese Erlaubnis nicht erteilt, dann ist Ihnen dieses Haus verschlossen. Merken Sie sich das, Mr. Wikentjew!«
Sie wandte sich rasch von ihm ab und schritt davon.
»Ich bin fest davon überzeugt, daß meine Mutter einwilligt!«
»Sie hätten ihre Einwilligung vorher einholen sollen, dann hätten Sie mir diese Tränen erspart! . . .«
»Wollen Sie wirklich gehen . . . ohne mir zu verzeihen, daß ich mich so übereilte? . . .«
»Wir sind keine Kinder, daß wir uns übereilen und dann um Verzeihung bitten sollten. Die Sünde ist begangen.«
»Wir sind allzumal Sünder . . . leben Sie wohl! Heut’ Nacht bin ich in Koltschino, und morgen komme ich zum Mittagessen hierher und bringe die Einwilligung meiner Mutter mit. Gute Nacht . . . geben Sie mir die Hand!«
»Dann werde ich . . . vielleicht . . .« sagte sie nach kurzer Überlegung, sah ihn an und reichte ihm die Hand. Kaum hatte er ihre Hand ergriffen, als sie sie ihm sogleich wieder entzog.
»Mein Gott, was wird nur die Tante sagen! Gehen Sie nun – rasch, rasch, und vergessen Sie nicht, daß, wenn Ihre Mama Sie tadelt und Tantchen mir nicht verzeiht, Sie nie wieder sich hier sehen lassen dürfen. Ich schäme mich sonst zu Tode und muß Ihnen stets den Vorwurf machen, daß Sie gegen mich nicht ehrlich gehandelt haben.«
Sie ging ins Haus hinein, während Wikentjew schleunigst den Garten verließ.
»O Gott, o Gott – was wird nur die Tante sagen!« dachte Marsinka, die sich in ihrem Zimmer einschloß und wie im Fieber zitterte. »Was haben wir da nur angerichtet!« ging es ihr durch den Kopf. »Wie soll ich ihr das nur beibringen . . . und wie wird sie es aufnehmen? . . . Ob ich’s nicht lieber zuerst Wjerotschka sage? . . . Nein, nein – zuerst soll’s die Tante erfahren! Ob wohl noch jemand unten bei ihr ist? . . .«
Sie war aufs heftigste erregt, sah in einemfort auf das Heiligenbild in der Ecke und bekreuzte sich – bis Jakow heraufkam und sie zum Abendbrot rief.
»Ich mag nichts essen,« rief sie ihm durch die verschlossene Tür hindurch zu.
Dann kam Marina.
»Ich mag nicht essen,« wiederholte sie trübselig auch dieser gegenüber. »Was macht denn Tantchen?«
»Die Gnädige ist schlafen gegangen, mochte auch nichts essen,« sagte Marina.
Marsinka konnte es nicht erwarten, bis endlich alles im Hause sich zur Ruhe gelegt hätte – wie eine Maus huschte sie dann aus dem Zimmer und schlich sich zur Großtante hinunter.
Sie flüsterten lange, und die Großtante bekreuzte und küßte Marsinka viele Male, bis diese endlich, an Tantchens Schulter gelehnt, einschlief. Tatjana Markowna legte Marsinkas Kopf vorsichtig auf das Kissen, erhob sich dann, kniete nieder und flehte unter Tränen den Segen des Himmels auf das junge Glück und das neue Leben ihrer Großnichte herab. Noch heißer aber und inniger betete sie für Wjera. Ganz mit dieser beschäftigt, neigte sie lange das graue Haupt vor dem Bilde des Heilands und flüsterte heiße Gebete.
Dann streckte sie sich leise neben der schlafenden Marsinka hin, schlug noch einmal das Kreuz über ihr und dachte bei sich:
»Im Garten hat sie ihn getroffen – ganz so wie Kunigunde! Ich würde mich nicht wundern, wenn es Wjera gewesen wäre – aber Marsinka! . . . Ich sage es ja immer: das Schicksal treibt seine Possen mit uns armen Menschenkindern . . .«
Sechzehntes Kapitel
Wikentjew hielt Wort. Am nächsten Tage brachte er seine Mutter zu Tatjana Markowna, schob sie durch die Tür des Empfangszimmers und machte sich selbst aus dem Staube. Er wußte nicht, was werden würde, und saß wie auf Nadeln in der Gutskanzlei.
Seine Mutter, eine noch jugendlich aussehende Vierzigerin, hatte dasselbe lebhafte und muntere Wesen wie der Sohn, doch paarte sich damit ein gut Teil praktischer Klugheit. Zwischen ihr und dem Sohne fanden beständig komische Wortkämpfe statt. Sie zankten sich auf Schritt und Tritt, um jede Kleinigkeit, und zwar eben nur um Kleinigkeiten. Sobald es sich um wichtige Dinge handelte, änderte sie im Moment Ton und Blick und brachte ihre Autorität zur Geltung, und wenn er auch anfangs protestierte, so gab er doch schließlich, wenn er einsah, daß sie recht hatte, klein bei.
Anscheinend in ewiger Fehde lebend, harmonierten sie in Wirklichkeit doch ausgezeichnet miteinander.
»Zieh das an!« sagte beispielsweise Maria Jegorowna.
»Nein – ich nehme lieber jenes,« widersprach er.
»Besuch’ doch einmal Michail Adreitsch!«
»Ich bitte Sie, Mama, der Mensch ist doch so langweilig!« antwortete er.
»Unsinn, du wirst doch hinfahren.«
»Nein, Mama, um keinen Preis, und wenn Sie mich totschlagen.«
»Wirst du wohl gehorchen, Nikolka?«
»Jederzeit, Mama, nur diesmal nicht!«
Legt sie aber wirklich Wert darauf, daß er hinfährt, dann tut er es eben doch, wenn auch unter allerhand Protestversuchen, die ihr noch im Ohr klingen, wenn sie ihn längst aus den Augen verloren hat.
Vom frühen Morgen bis zum späten Abend währte dieser ewige Streit und Zank zwischen ihnen, den nur ab und zu eine laute Lachsalve unterbrach. War ihre Freundschaft schon gar zu eng und herzlich, dann verhielten sie sich mäuschenstill, bis eins von ihnen das Schweigen durch irgendeine Bemerkung unterbrach, worauf dann von der andern Seite ganz sicher ein Einwurf erfolgte und der Streit von vorn begann.
Wikentjews Liebe zu seiner Mutter äußerte sich in derselben stürmischen, fast ekstatischen Weise. Wollte er gegen sie zärtlich sein, dann warf er sich plötzlich auf sie, legte seine Arme fest um ihren Hals und preßte heiße Küsse auf ihre Wangen: das gab dann buchstäblich einen förmlichen Ringkampf zwischen ihnen. Sie packte ihn bei den Ohren und zog kräftig daran, kniff ihn in die Backen, stieß ihn zurück und rief schließlich die breithüftige, über ein paar kräftige Fäuste verfügende Haushälterin Mawra herbei, damit sie ihr den frechen »jungen Wolf« vom Halse schaffe.
Nach der Unterredung mit Marsinka setzte Wikentjew noch in derselben Nacht über die Wolga, stürzte in das Zimmer der Mutter und umarmte sie nach seiner Art unter leidenschaftlichen Küssen. Als sie ihn mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft zurückstieß, kniete er vor ihr nieder und begann in feierlichem Tone:
»Schlag mich, Mutter, doch höre mich an: der entscheidende Augenblick meines Lebens ist erschienen! Ich . . .«
»Was – ich? Du bist verrückt geworden, nicht?« ergänzte sie seine Worte. »Woher kommst du denn – und in welchem Zustande bist du: als hättest du dich irgendwo von der Kette losgerissen! Wie darfst du hier so hereinstürmen? Mich so zu erschrecken, das ganze Haus rebellisch zu machen! Was ist denn mit dir?« fragte sie, ihn höchst erstaunt vom Scheitel bis zu den Sohlen betrachtend und ihr zerzaustes Haar ordnend.
»Errätst du es nicht, Mutter?« fragte er, nicht ohne im stillen zu fürchten, daß seinen Wünschen noch irgendwelche unbekannten Hindernisse in den Weg treten könnten.
»Du hast wohl irgendeinen dummen Streich gemacht und sollst eingesperrt werden?« fragte sie und sah ihm forschend in die Augen.
Er schüttelte verneinend den Kopf.
»Vorbeigeraten!« sagte er mit schelmischem Lächeln.
»Nun, dann sag’s doch!«
»Gut, ich will es sagen – aber du darfst keine Einwendungen machen!«
Sie sah ihn nicht ohne Furcht und Bestürzung an und suchte noch immer aus seinen Mienen die Wahrheit zu erraten.
»Du hast Schulden gemacht?«
Er schüttelte den Kopf.
»Du willst doch nicht etwa bei den Husaren eintreten?«
»Nein, nein!«
»Woher soll ich’s wissen, was für eine Tollheit du wieder begangen hast? Von dir kann man alles erwarten! Sag’ also – was ist es?«
»Wirst du auch nichts einzuwenden haben?«
»Sicher werde ich das, denn es ist jedenfalls eine Dummheit, die du wieder gemacht hast. Nun rede also!«
»Ich will heiraten!« sagte er kaum hörbar.
»Was?« fragte sie in einem Tone, als habe sie sich verhört.
»Ich will heiraten!« wiederholte er.
Sie warf ihm einen raschen Blick zu.
»Mawra! Anton! Iwan! Kusma!« schrie sie dann laut – »kommt alle rasch hierher, ganz rasch!«
Mawra war die einzige, die dem Rufe Folge leistete.
»Ruf alle Leute zusammen: Nikolaj Andreitsch ist verrückt geworden!«
»Gott steh’ ihm bei! Ach, wie haben Sie mich erschreckt!« sagte Mawra, mit den Händen in der Luft fuchtelnd.
Wikentjew winkte Mawra, sie möchte sich entfernen.
»Ich scherze durchaus nicht, Mutter!« sagte er, ihre Hand ergreifend, als sie sich erhob.
»Geh fort, rühr’ mich nicht an!« fiel sie ihm zornig ins Wort und begann erregt im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Ich scherze nicht!« wiederholte er bestimmt. »Morgen muß ich mich entscheiden, muß ich das entscheidende Wort sprechen. Wie denkst du also darüber?«
»Einsperren lass’ ich dich . . . du weißt, wo!« flüsterte sie sichtlich besorgt.
Er sprang auf, und eins der stürmischsten Wortgefechte brach zwischen ihnen los. Bis tief in die Nacht hinein hörten die Leute sie leidenschaftlich streiten, schreien, ja fast kreischen; dazwischen lachten sie, oder er sprang umher, und dann küßten sie sich, und sie schrie wieder zornig auf, und er gab ihr lustig Antwort – und schließlich trat tiefes Grabesschweigen ein, ein Zeichen, daß die Harmonie vollkommen wieder hergestellt war.
Wikentjew hatte offenbar den Sieg errungen – einen Sieg, der übrigens schon vorbereitet war. Als Marsinka und Wikentjew sich vielleicht über ihre Gefühle noch im Unklaren waren, hatten die Großtante und Maria Jegorowna längst begriffen, wozu das führen würde, doch hatten sie weder unter sich noch den jungen Leuten gegenüber auch nur ein Sterbenswörtchen geäußert. Nur ganz für sich, in aller Stille, hatte jede von beiden die Sache überlegt und genau erwogen, um schließlich zu dem Resultat zu kommen, daß die Partie gar nicht so übel wäre.
Aber wie einmal die Beziehungen Maria Jegorownas zu ihrem Sohne beschaffen waren, war vorauszusehen, daß er ihre Einwilligung nicht ohne einen heißen, leidenschaftlichen Kampf erhalten würde.
»Es kommt noch darauf an, was Tatjana Markowna sagen wird!« meinte Maria Jegorowna, immer noch gereizt, wenn sie auch schon halb wider Willen nachgab, als bereits der Wagen zur Fahrt nach der Stadt angespannt war. »Wenn sie deinen Antrag ablehnen sollte, werde ich dir die Schande nie verzeihen! Hörst du?«
»Mach« dir keine Sorgen, sie liebt mich mehr als meine leibliche Mutter.«
»Ich liebe dich überhaupt nicht, du wilder Bursche, laß mich in Ruhe!« rief sie aus und sah ihn böse von der Seite an.
Er streckte seine Hand nach ihrem Halse aus, um sie an sich zu ziehen und zu umarmen, sie holte jedoch drohend mit dem Sonnenschirm nach ihm aus.
»Du sollst es nur wagen! Wenn du mir den Hut zerdrückst, fahre ich nicht hin,« fügte sie hinzu. <
Auf ihre Drohung hin ließ er von ihr ab.
»Hierher, in den Wagen!« rief sie knurrend. »Von jetzt an bist du der Heiratskandidat!«
Er hörte nicht auf sie, sondern kroch aus dem Wagen auf den Bock, nahm dem Kutscher die Zügel aus der Hand und ließ die Pferde ausgreifen, was das Zeug hielt.