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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 23

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XI

Oblomow fand zu Hause einen Brief von Stolz vor, der mit den Worten »Jetzt oder nie!« begann und schloß; darin wurde ihm seine Unbeweglichkeit vorgeworfen; er wurde eingeladen, durchaus in die Schweiz zu kommen, wohin Stolz zu reisen beabsichtigte, und sich zum Schlusse in Italien aufzuhalten. Wenn Oblomow damit nicht einverstanden wäre, sollte er aufs Gut fahren, seine Angelegenheiten regeln, die Bauern aus ihrer Trägheit aufrütteln, seine Einkünfte controlieren und bestimmen, und während seiner Anwesenheit den Bau des neuen Hauses anordnen. »Denke an unsern Vertrag. Jetzt oder nie!« schloß er. »Jetzt, jetzt, jetzt!« wiederholte Oblomow. »Andrej weiß nicht, welch ein Poem sich in meinem Leben abspielt. Was für eine Arbeit will er denn noch? Kann ich denn jemals durch irgendetwas anderes so beschäftigt sein? Er sollte es einmal probieren! Man liest von den Franzosen und Engländern, daß sie immer arbeiten, daß sie immer ans Arbeiten denken! Und dabei durchreisen sie ganz Europa und manche von ihnen sogar Asien und Afrika, ohne irgendetwas zu thun, nur um ein Album vollzumalen oder Alterthümer auszugraben, um Löwen zu schießen oder Schlangen zu fangen. Oder sie sitzen, sich dem edlen Nichtsthun ergebend, zu Hause, frühstücken und dinieren mit Freunden und Frauen – das ist das Ganze! Was bin denn ich für ein Zuchthäusler? Andrej hat sich nur ausgedacht: »Arbeite und arbeite wie ein Pferd!« Wozu? Ich bin satt und habe was anzuziehen. Aber Oljga hat wieder gefragt, ob ich nicht vorhabe, nach Oblomowka zu fahren! . . .

Er begann zu schreiben und nachzudenken und fuhr sogar zum Architekten hin. Bald lag auf seinem kleinen Tisch ein Plan des Hauses und des Gartens. Das war ein geräumiges Familienhaus mit zwei Balkons. »Hier bin ich, hier ist Oljga, hier ist das Schlafzimmer, das Kinderzimmer . .« dachte er lächelnd. »Aber die Bauern, die Bauern . . .« Das Lächeln verschwand und seine Stirn furchte sich vor Sorge. »Der Nachbar schreibt mir über alle Details, spricht vom Pflügen und Dreschen . . . Wie langweilig das ist! Außerdem schlägt er vor, auf gemeinschaftliche Rechnung eine Straße in den großen Marktflecken zu bahnen, den Fluß zu überbrücken, bittet mich um drei Tausend und will, ich soll Oblomowka verpfänden . . . Und woher weiß ich denn, ob das nothwendig ist? Ob dabei was herauskommt? Ob er mich nicht betrügt? . . . Er ist zwar ein ehrlicher Mensch; Stolz kennt ihn, aber auch er kann sich ja irren, und mein Geld ist dann verloren! Dreitausend – ein solcher Haufen Geld; wo soll ich es hernehmen? Nein, ich fürchte mich! Dann schreibt er noch, ich soll einige Bauern auf das unbebaute Land übersiedeln lassen und verlangt baldige Antwort – alles soll so schnell gehen! Er übernimmt es, alle Documente, die zur Verpfändung des Gutes erforderlich sind, dem Curatorium einzusenden. Wenn ich ihm die Vollmacht hinschicken will, muß ich sie mir von den Behörden bestätigen lassen – was er von mir alles verlangt! Und ich weiß nicht einmal, wo sich dieses Departement befindet und wie man dort die Thür aufmacht.« Es waren schon zwei Wochen vergangen und Oblomow antwortete ihm noch immer nicht; sogar Oljga fragte ihn, ob er schon bei den Behörden war. Vor kurzem hatte Stolz einen Brief an ihn und an sie zugleich geschickt und fragte darin, »was er thue?« Übrigens konnte Oljga die Thätigkeit ihres Freundes nur oberflächlich in der für sie zugänglichen Sphäre controlieren. Ob er frisch aussah, gerne überall mitfuhr, zur verabredeten Stunde im Haine erschien, ob ihn die Stadtneuigkeiten und ein allgemeines Gespräch interessierten. Am eifrigsten beobachtete sie, ob er nicht das Hauptziel seines Lebens aus dem Auge verlor. Wenn sie ihn über die Behörden ausfragte, geschah es nur, um Stolz über die Angelegenheiten seines Freundes zu schreiben.

Der Sommer hatte seinen Höhepunkt erreicht; es war Ende Juli; das Wetter war herrlich. Oblomow trennte sich fast gar nicht von Oljga. An klaren Tagen war er im Park, um die heiße Mittagsstunde suchte er mit ihr im Haine unter den Fichten Zuflucht, saß zu ihren Füßen und las ihr vor; sie stickte schon an einem andern Canevasstreifen – für ihn. Auch bei ihnen herrschte heißer Sommer; manchmal sammelten sich Wolken und verzogen sich dann. Wenn ihn schwere Träume bedrückten und Zweifel ans Herz pochten, stand Oljga wie ein Engel auf der Wache; sie brauchte ihm nur mit den hellen Augen ins Gesicht zu blicken und herauszubekommen, was er auf dem Herzen hatte – und alles beruhigte sich wieder in ihm, und ihre Liebe glitt rhythmisch wie ein Fluß dahin und spiegelte die sich stets neugestaltenden Gebilde des Himmels wieder. Oljgas Ansichten über das Leben, über die Liebe, über alles wurden noch klarer und bestimmter. Sie blickte sicherer als früher um sich und ließ sich durch die Zukunft nicht einschüchtern; in ihr entwickelten sich neue Seiten des Verstandes und neue Charakterzüge. Ihr Wesen äußerte sich bald in poetischer Vielfältigkeit und Tiefe, bald regelmäßig, klar, ruhig und natürlich . . . Sie besaß eine Beharrlichkeit, welche nicht nur das Schicksal, sondern sogar Oblomows Apathie und Trägheit bekämpfte. Sowie sie nur einen Vorsatz gefaßt hatte, begann sie mit aller Kraft zu arbeiten. Dann sprach sie von nichts anderem. Und wenn sie es nicht that, sah man doch, daß sie nur an das eine dachte, daß sie daran nicht vergaß, es nicht beiseite schob und sich nicht verwirren ließ, sondern sich alles überlegte und das, was sie suchte, auch erreichen würde. Er konnte nicht begreifen, wo sie diese Kraft, diesen Takt zu erkennen und zu erfahren, wie alles zu thun war, hernahm, welches Ereignis auch eintreffen mochte. »Das kommt daher,« dachte er, »weil die eine Braue bei ihr niemals gerade liegt, sondern sich immer ein wenig in die Höhe hebt, so daß darüber eine feine, kaum merkbare Falte liegt. . . . Dort, in dieser Falte verbirgt sich ihre Beharrlichkeit.« Wie ruhig und hell ihr Gesichtsausdruck auch sein mochte, glättete sich diese Falte doch nie, und die Braue legte sich nie gerade hin. Sie besaß aber keine äußere Kraft, keine schroffen Manieren und Anlagen. Die Energie in ihren Vorsätzen entfernte sie nicht auf einen Schritt aus der Sphäre der Weiblichkeit. Sie wollte nicht gefeiert sein, einen ungeschickten Verehrer mit schroffen Worten abweisen und den ganzen Salon durch die Beweglichkeit ihres Verstandes in Erstaunen setzen, damit jemand aus einer Ecke »Bravo! Bravo!« rufen sollte. Sie besaß sogar die vielen Frauen eigene Schüchternheit; sie zitterte zwar nicht, wenn sie eine Maus sah, fiel nicht in Ohnmacht, wenn ein Sessel umgeworfen wurde, fürchtete sich aber, sich weit vom Hause zu entfernen, kehrte um, wenn sie einen Bauer sah, der ihr verdächtig vorkam, und schloß ganz nach Frauenart das Fenster, damit keine Diebe sich ins Zimmer schleichen konnten. Dabei war sie dem Gefühl des Mitleids so zugänglich! Es war nicht schwer, bei ihr Thränen hervorzurufen; ihr Herz war leicht erreichbar. In der Liebe war sie so zärtlich; in ihren Beziehungen allen gegenüber war so viel Sanftheit und freundliche Aufmerksamkeit enthalten – mit einem Wort, sie war ein Weib! Manchmal leuchtete in ihren Worten ein Funken von Sarkasmus auf, doch darin spiegelte sich eine solche Grazie, ein so sanfter, liebenswürdiger Verstand wieder, daß jeder mit Freuden seine Stirn hinhalten würde! Dafür fürchtete sie sich nicht vor Zugluft, ging in der Dämmerung leicht gekleidet aus – das schadete ihr nicht! Sie erfreute sich einer blühenden Gesundheit; sie aß mit Appetit; sie hatte ihre Lieblingsgerichte; sie wußte auch, wie sie zubereitet wurden. Das alles wußten auch viele andere, aber diese vielen konnten nicht entscheiden, was in dem einen oder andern Fall zu thun war, und wenn sie es wußten, war es doch nur Angeeignetes, Nachgeäfftes, von dem sie sich keine Rechenschaft gaben, warum sie es so und nicht anders machten, und bei dem sie sich auf die Autorität einer Tante oder Cousine beriefen. Viele wußten nicht einmal, was sie wollten, und wenn sie sich auch zu etwas entschlossen, thaten sie es so träge, als wären sie im Zweifel, ob es nöthig sei oder nicht. Das kam wahrscheinlich daher, weil ihre Brauen in geradem Bogen lagen, mit den Fingern zurechtgezupft waren und keine Falte an der Stirn hatten.

Zwischen Oblomow und Oljga hatten sich geheime, für andere unsichtbare Beziehungen entwickelt; jeder Blick, jedes unbedeutende Wort, das in Anwesenheit anderer gesprochen wurde, besaß für sie einen besonderen Sinn. Sie sahen in allem eine Andeutung auf ihre Liebe. Und Oljga flammte manchmal trotz ihrer Sicherheit auf, wenn bei Tische von irgendeiner Liebe, die an die ihrige erinnerte, erzählt wurde, und da alle Liebesgeschichten einander sehr ähnlich sind, mußte sie oft erröthen. Und Oblomow nahm sich, bei irgendeiner Andeutung auf dieses Thema vor Verlegenheit einen solchen Haufen Gebäck, daß er irgendjemand sicher zum Lachen brachte. Sie wurden wachsam und vorsichtig. Manchmal erzählte Oljga der Tante nicht, daß sie Oblomow gesehen hatte, und er sagte zu Hause, daß er in die Stadt fuhr und gieng dann in den Park.

Aber wie klar Oljgas Verstand auch sein mochte, wie bewußt sie alles um sich herum auch anblickte, wie frisch und gesund sie auch war, begannen bei ihr doch neue, krankhafte Symptome zu erscheinen. Manchmal erfaßte sie eine Unruhe, die ihr Gedanken machte, und die sie sich nicht zu erklären wußte. Manchmal, wenn sie um die heiße Mittagsstunde an Oblomows Arm hinschritt, stützte sie sich träge auf seine Schulter und gieng mechanisch und beharrlich schweigend in einer Ermattung weiter. Ihre Frische verschwand; ihr Blick wurde müde und verlor seine Lebhaftigkeit, er wurde reglos, richtete sich auf irgendeinen Punkt, und sie war zu träge ihn einem andern Gegenstand zuzuwenden. Etwas lastete auf ihr, etwas beengte ihr die Brust und beunruhigte sie. Sie nahm ihre Mantille und ihr Tuch von den Schultern ab, doch auch das half nicht – das Bedrückende und Beengende ließ nicht nach. Sie würde sich am liebsten unter einen Baum legen und so ganze Stunden verbringen. Oblomow wurde ganz hilflos und fächelte ihr mit einem Zweig ins Gesicht, doch sie wies seine Bemühungen mit einem ungeduldigen Zeichen von sich und quälte sich weiter. Dann seufzte sie plötzlich auf, blickte wieder bewußt um sich, sah ihn an, drückte ihm fest die Hand, lächelte, erlangte wieder ihre Frische und ihr Lachen und beherrschte sich wieder.

Eines Abends verfiel sie in einen besonders unruhigen Zustand, in einen Somnambulismus der Liebe und erschien Oblomow in einer neuen Beleuchtung. Es war heiß und schwül; aus dem Wald tönte das dumpfe Rauschen des warmen Windes herüber; der Himmel bedeckte sich mit dunklen Wolken. Es wurde immer dunkler und dunkler. »Es wird regnen,« sagte der Baron und fuhr nach Hause. Die Tante zog sich in ihr Zimmer zurück. Oljga spielte lange, in Gedanken versunken, Clavier, hörte aber dann auf.

– Ich kann nicht, meine Finger zittern, mir ist es so schwül, – sagte sie zu Oblomow. – Wollen wir in den Garten gehen.

Sie schritten lange schweigend durch die Alleen, einander bei der Hand haltend. Ihre Hände waren feucht und weich. Sie traten in den Park. Die Bäume und Sträucher bildeten eine einzige düstere Masse; man konnte in einer Entfernung von zwei Schritten nichts unterscheiden; nur die Wege schlängelten sich als weiße Streifen hin. Oljga blickte starr ins Dunkel und schmiegte sich an Oblomow. Sie irrten schweigend herum. »Ich fürchte mich!« sagte sie plötzlich erzitternd, als sie sich fast tastend durch die schmale Allee, zwischen zwei schwarzen, undurchdringlichen Baumwänden fortbewegten. »Wovor denn?« fragte er. »Fürchte Dich nicht, Oljga, ich bin bei Dir.« »Ich fürchte mich auch vor Dir!« flüsterte sie, »aber es ist eine so angenehme Angst! Das Herz stockt mir. Gib mir die Hand und schau nach, wie es klopft.« Und dabei fuhr sie zusammen und blickte sich um. »Siehst Du, siehst Du?« flüsterte sie zitternd und packte ihn mit beiden Händen fest bei der Schulter, »siehst Du nicht dort im Dunkel jemand?« Sie schmiegte sich fester an ihn. »Es ist niemand da. . .« sagte er; doch auch ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken. »Decke mir schnell mit irgendetwas die Augen zu. . .noch fester!« flüsterte sie. . . . »Nun, jetzt ist es besser. . . . .Das sind nur die Nerven,« fügte sie aufgeregt hinzu. »Jetzt wieder! Schau, wer ist das? Setzen wir uns irgendwo auf eine Bank hin. . .« Er fand tastend eine Bank und setzte sie hin. »Gehen wir nach Hause, Oljga,« redete er ihr zu. »Du bist krank.« Sie legte den Kopf auf seine Schulter. »Nein, hier ist die Luft frischer,« sagte sie, »da am Herzen beengt mich etwas.« Sie athmete heiß auf seine Wange. Er berührte ihren Kopf mit der Hand – auch dieser war heiß. Ihre Brust athmete schwer und suchte sich durch ofte Seufzer zu befreien. »Wäre es nicht besser, nach Hause zu gehen?« sprach Oblomow unruhig, »Du mußt Dich hinlegen.« »Nein, nein, laß mich, rührʼ mich nicht an. . . .« sprach sie mit matter, kaum hörbarer Stimme; »es brennt bei mir hier. . . .« zeigte sie auf die Brust. »Wir sollten wirklich nach Hause gehen. . . . .« drängte Oblomow. »Nein, warte, das wird vorübergehen. . .« Sie preßte seine Hand zusammen, blickte ihm ab und zu tief in die Augen und schwieg lange. Dann begann sie zu weinen, zuerst leise und dann laut. Er verlor die Fassung. »Um Gotteswillen, Oljga, gehen wir schnell nach Hause!« sagte er ihr unruhig. »Das ist nichts,« – antwortete sie schluchzend, »störe mich nicht, ich muß mich ausweinen. . . Die Hitze wird mit den Thränen vergehen, es wird mir dann leichter sein; das sind nur die Nerven. .« Er hörte im Dunkel, wie schwer sie athmete, fühlte, wie ihre heißen Thränen auf seine Hand tropften, wie krampfhaft sie seinen Arm zusammenpreßte. Er bewegte keinen Finger und athmete nicht. Und ihr Kopf lag auf seiner Schulter, ihr Athem wehte seine Wange heiß an. . .Er begann auch zu zittern, wagte es aber nicht, ihre Wange mit den Lippen zu berühren. Dann wurde sie immer ruhiger und ihr Athem gieng gleichmäßiger. . . . . Sie schwieg. Er dachte, sie wäre eingeschlafen und hatte Angst, sich zu rühren. »Oljga!« rief er flüsternd. »Was?« antwortete sie auch flüsternd und seufzte laut. »Jetzt istʼs. . . . vorüber. . .« sagte sie ermattet, »mir ist leichter, ich athme frei.« – »Komm,« sagte er. »Komm,« wiederholte sie ungern. »Mein Lieber!« flüsterte sie dann zärtlich, seine Hand umfassend, und gieng, sich auf seine Schulter stützend, mit unsicheren Schritten nach Hause. Im Salon blickte er sie an; sie war schwach, doch sie lächelte seltsam, wie bewußtlos, gleichsam unter dem Einfluß eines Traumes. Er setzte sie auf den Divan, kniete vor ihr nieder und küßte ihr ein paarmal, von tiefer Rührung erfüllt, die Hand. Sie blickte ihn noch immer mit demselben Lächeln an, indem sie ihm beide Hände überließ und folgte ihm bis zur Thür mit den Augen. Er wandte sich an der Thür um; sie blickte ihm noch immer nach, ihr Gesicht war noch von derselben Ermattung und demselben heißen Lächeln erfüllt, als könnte sie es nicht bekämpfen. . . .Er gieng sinnend fort. Er hatte dieses Lächeln irgendwo gesehen; er erinnerte sich an ein Bild, auf dem eine Frau mit einem solchen Lächeln dargestellt war. . . . das war aber keine Cordelia. . . .

Am nächsten Tag ließ er anfragen, wie es ihr gieng. Man schickte ihm folgende Antwort: »Es geht dem Fräulein, Gott sei Dank, gut, man bittet Sie, heute zum Essen zu kommen, und abends fahren alle fünf Werst weit zu einem Feuerwerk.«

Er glaubte nicht und gieng selbst hin. Oljga war frisch wie eine Blume; ihre Augen glänzten voll Lebenslust, die Wangen waren roth, die Stimme klang hell! Doch sie wurde plötzlich verlegen und hätte fast aufgeschrien, als Oblomow auf sie zukam, sie wurde feuerroth, als er fragte, wie sie sich nach gestern fühle. »Das war eine kleine Nervenstörung,« sagte sie eilig. »Ma tante sagt, daß ich früher schlafen gehen muß. Ich habe das erst seit kurzer Zeit. . .«

Sie sprach nicht zu Ende und wandte sich ab, als bäte sie um Schonung. Sie wußte selbst nicht, warum sie so verlegen wurde. Warum nagte und sengte sie die Erinnerung an den gestrigen Abend, an diese Störung? Sie schämte sich und ärgerte sich, theilweise über sich selbst und theilweise über Oblomow. Und manchmal schien es ihr, daß Oblomow ihr theurer war als je, daß es sie zu ihm so hinzog, daß ihr die Thränen kamen, als wäre er ihr seit dem gestrigen Abend auf eine geheimnisvolle Weise näher gerückt. . . .

Sie schlief lange nicht, des Morgens gieng sie aufgeregt allein durch die Allee vom Haus bis zum Park und wieder zurück, dachte unaufhörlich nach, verlor sich in Vermuthungen, machte ein finsteres Gesicht, flammte dann auf und lächelte über etwas und konnte zu keinem Entschluß kommen. »Ach, Sonitschka!« dachte sie ärgerlich. »wie glücklich sie ist! Sie würde sich gleich entschlossen haben!« Und Oblomow? Warum war er gestern mit ihr so stumm und reglos, trotzdem ihr Athem seine Wangen wie Feuer berührte, trotzdem ihre Thränen auf seine Hand tropften, und er sie in seinem Arm nach Hause fast trug, während er das indiscrete Flüstern ihres Herzens hörte. . . . . Und ein anderer an seiner Stelle. . . .

Trotzdem Oblomow seine Jugend im Kreise von allwissenden jungen Leuten, die alle Lebensfragen längst gelöst hatten, an nichts glaubten, und alles kalt und weise analysierten, verbracht hatte, glühte in seiner Seele doch noch der Glaube an die Freundschaft, an die Liebe, an die menschliche Würde, und so viel er sich in den Menschen auch geirrt hatte, so viel er sich noch irren würde, litt darunter nur sein Gefühl, doch das Gute und der Glaube daran hatte noch nie in ihm gewankt. Er betete im stillen die Reinheit des Weibes an, anerkannte ihre Macht und ihre Rechte und brachte ihr Opfer. Doch es mangelte ihm an Charakterstärke, das Gute und die Achtung der Reinheit gegenüber offen zu bekennen. Im stillen berauschte er sich an ihrem Duft, aber äußerlich schloß er sich manchmal dem Chor der Cyniker an, die selbst vor dem Verdacht, keusch zu sein und die Keuschheit zu achten, zitterten, und fügte ihrem wilden Chor auch sein leichtsinniges Wort an. Er stellte sich nie deutlich vor, wieviel ein gutes, wahres, reines Wort wiegt, das in den Strom der menschlichen Rede hineingeworfen wird, was für eine tiefe Biegung es bilden kann; er dachte nicht daran, daß, wenn es kühn und laut ohne falsche Schamröthe, sondern mit Überzeugung ausgesprochen wird, es im widrigen Geschrei der Satiriker der Gesellschaft nicht untergeht, sondern wie eine Perle in die Tiefe des Lebens sinkt und sich immer eine Muschel findet. Viele bleiben bei einem guten Wort vor Scham glühend stecken und gebrauchen dreist und laut eine leichtfertige Wendung, ohne zu ahnen, daß auch diese unglücklicherweise nicht ohne Folgen verschwindet, sondern eine lange Spur von oft untilgbaren Übeln hinterläßt. Dagegen war Oblomow in seinem Handeln ohne Tadel; kein einziger Fleck oder Vorwurf, mit kaltem, seelenlosem Cynismus vorgegangen zu sein, lastete auf seinem Gewissen. Er konnte die täglichen Gespräche darüber, daß der eine die Pferde, das Möbel, und der zweite eine Frau gegen eine andere eingetauscht habe. . . . .und zu welchen Ausgaben dieser Tausch geführt habe, nicht anhören. Mehr als einmal hatte er um die von den Männern verlorene Würde und Ehre gelitten und um den schmutzigen Fall einer ihm fremden Frau geweint, aber er fürchtete sich vor den Menschen und schwieg. Man mußte es errathen; Oljga errieth es.

Die Männer lachen solche Sonderlinge aus, doch die Frauen erkennen sie sofort; die reinen, keuschen Frauen lieben sie aus Mitgefühl, die verderbten suchen sich ihnen zu nähern, um sich von ihrer Verderbtheit zu erfrischen.

Der Sommer rückte vor und vergieng. Die Morgen und die Abende wurden dunkel und feucht. Nicht nur der Flieder, sondern auch die Linden waren verblüht, und auch die Beerenzeit war vorüber. Oblomow und Oljga sahen sich täglich. Er holte das Leben ein, das heißt er eignete sich alles das an, was er längst nicht mehr verfolgt hatte; er wußte, warum der französische Gesandte Rom verlassen hatte, warum die Engländer ihre Flotte nach dem Osten hinschickten; interessierte sich dafür, wann in Deutschland oder Frankreich eine neue Bahnlinie gebaut werden sollte. Er dachte aber nicht daran, eine Straße aus Oblomowka in den großen Marktflecken anzulegen, ließ sich die Vollmacht von den Behörden nicht bestätigen und beantwortete Stolzs Brief nicht. Er beschäftigte sich nur damit, was sich in der Sphäre der täglichen Gespräche in Oljgas Haus bewegte, was in den dort gelesenen Zeitungen stand, und verfolgte dank Oljgas Beharrlichkeit ziemlich eifrig die moderne ausländische Literatur. Alles andere gieng im Strom seiner Liebe unter. Trotz der häufigen Veränderungen dieser rosigen Atmosphäre blieb der Horizont wolkenlos. Wenn Oljga manchmal über Oblomow und ihre Liebe zu ihm grübelte, wenn diese Liebe ihr freie Zeit und freien Platz im Herzen übrig ließ, wenn ihre Fragen in seinem Hirn nicht immer eine befriedigende und rasche Antwort fanden, wenn sein Wille den Anruf ihres Willens nicht beantwortete und wenn er ihre Frische und ihre überschäumenden Lebenskräfte mit einem reglosen, leidenschaftlichen Blick betrachtete, wurde sie von einer bangen Stimmung erfaßt; etwas glitt ihr wie eine kalte Schlange ins Herz, ernüchterte dessen Träume, und die warme Märchenwelt der Liebe verwandelte sich in einen Herbsttag, an dem alle Gegenstände grau erscheinen. Sie suchte zu erforschen, wodurch diese Leere und Unvollständigkeit des Glücks verursacht wurde? Was fehlte ihr? Was brauchte sie? Es war ja ihr Schicksal und ihre Bestimmung, Oblomow zu lieben! Diese Liebe wurde durch seine Sanftheit, seinen reinen Glauben an das Gute, und am meisten durch seine Zärtlichkeit, wie sie sie niemals in den Augen eines Mannes gesehen hatte, rechtfertigt. Was machte es, daß er nicht jeden ihrer Blicke verständnisvoll erwiderte, daß in seiner Stimme nicht dasjenige, was sie einst halb im Traum und halb im Schlaf gehört hatte, erklang. . .Das war Einbildung und Nervosität; wozu sie beachten und grübeln? Und wie sollte sie es endlich beginnen, wenn sie sich von Liebe sogar befreien wollte? Es war geschehen; sie liebte schon und man konnte ja die Liebe nicht willkürlich wie ein Kleid von sich abwerfen. »Man liebt nicht zweimal im Leben,« dachte sie. »Man sagt, daß es unmoralisch ist. . . .«

So lernte sie lieben, prüfte dieses Gefühl, begegnete jedem neuen Schritt mit einer Thräne oder einem Lächeln und grübelte darüber nach. Jener nach innen gekehrte Ausdruck, unter dem sich Thränen und ein Lächeln verbargen und das Oblomow so erschreckte, war erst später erschienen. Doch sie deutete ihm niemals auf diese Gedanken und diesen Kampf hin. Oblomow lernte nicht lieben, sondern versenkte sich in jenen süßen Schlummer, von dem er in der Anwesenheit von Stolz laut geträumt hatte. Manchmal begann er wieder an ein ewig wolkenloses Leben zu glauben und sah wieder Oblomowka mit gutmüthigen, freundschaftlichen und sorglosen Gesichtern vor sich, ihm schwebte das Sitzen auf der Terrasse und das Sinnen aus der Fülle des Glücks heraus vor. Er gab sich auch jetzt manchmal diesem Sinnen hin und schlief sogar zweimal heimlich im Wald ein, wenn Oljga sich verspätet hatte. . . . als auf ihn plötzlich eine Wolke sich herabsenkte.

Eines Tages kehrten sie beide träge und schweigsam von irgendwo zurück, und als sie die Landstraße durchquerten, schwebte ihnen eine Staubwolke entgegen, und in dieser Wolke erschien ein Wagen, in dem Sonitschka mit ihrem Mann, mit noch einem Herrn und einer Dame saß. . .

– Oljga! Oljga! Oljga Sjergejewna! – ertönte es.

Der Wagen blieb stehen. Alle diese Herren und Damen stiegen aus, umringten Oljga, begannen zu begrüßen, zu küssen und alle auf einmal zu sprechen, ohne Oblomow zu beachten. Dann blickten ihn plötzlich alle auf einmal an, ein Herr nahm sogar ein Lorgnon zur Hilfe.

– Wer ist das? – fragte Sonitschka leise.

– Ilja Iljitsch Oblomow! – stellte Oljga ihn vor.

Alle giengen zu Fuß nach dem Landhaus. Oblomow fühlte sich unbehaglich; er blieb zurück und setzte sogar seinen Fuß über den Zaun, um sich durch das Korn nach Hause zu schleichen. Oljga hielt ihn durch einen Blick zurück. Das alles würde nicht viel machen, doch alle diese Herren und Damen blickten ihn so seltsam an; auch das würde vielleicht nichts machen. Er war es von früherher dank seinem schläfrigen, gelangweilten Blick und seiner nachlässigen Kleidung gar nicht anders gewohnt. Doch die Herren und Damen richteten denselben sonderbaren Blick auch auf Oljga. Dieser auf sie gerichtete Blick machte plötzlich sein Herz erstarren; etwas begann an ihm so schmerzlich und qualvoll zu nagen, daß er es nicht ertragen konnte und düster und sinnend nach Hause gieng. Am nächsten Tag konnte ihn Oljgas anmuthiges Geplauder und ihr zärtliches Necken nicht fröhlicher stimmen. Um ihrem beharrlichen Fragen ein Ende zu machen, mußte er Kopfweh vorschützen und sich geduldig um fünfundsiebzig Kopeken Eau de cologne auf den Kopf schütten lassen. Außerdem hatte sie die Tante am dritten Tag, nachdem sie spät nach Hause zurückgekehrt waren, so sonderbar klug angeblickt, besonders ihn, dann hatte sie ihre großen, ein wenig geschwollenen Lider gesenkt, durch welche die Augen durchzublicken schienen, und hatte nachdenklich an ihrem Fläschchen gerochen. Oblomow quälte sich, schwieg aber. Er konnte sich nicht entschließen, Oljga seine Zweifel mitzutheilen, da er sie aufzuregen und zu erschrecken fürchtete und um aufrichtig zu sein, fürchtete er sich auch seiner selbst wegen und wollte diese ruhige, wolkenlose Welt nicht durch eine so überaus wichtige Frage in Aufruhr bringen. Jetzt handelte es sich nicht mehr darum, ob ihre Liebe zu ihm ein Irrthum war, sondern ob ihre ganze beiderseitige Liebe, diese rendez-vous allein im Walde, manchmal spät in der Nacht, nicht ein Fehler waren? »Ich habe einen Kuß verlangt,« dachte er entsetzt; »und das ist ja nach dem Codex der Moral kein unbedeutendes verzeihliches Vergehen, sondern ein Criminalverbrechen! Es gehen ihm ja viele Stufen voran: der Händedruck, das Geständnis, der Brief. . . . Wir haben das alles durchgemacht. Und doch,« dachte er weiter, seinen Kopf hebend, »sind meine Absichten ehrlich, ich . .« Und plötzlich verschwand die Wolke; vor ihm lag Oblomowka, hell wie ein Feiertag, voller Glanz und Sonnenstrahlen, mit den grünen Hügeln und dem silbernen Fluß; er schritt mit Oljga sinnend durch die lange Allee, indem er sie umfaßt hielt, er saß mit ihr in der Laube auf der Terrasse. . . . Um sie herum neigten alle voller Anbetung das Haupt – er sah mit einem Wort alles das, was er Stolz gesagt hatte. »Ja, ja; aber damit hätte ich ja beginnen sollen!« dachte er wieder erschrocken; »das dreifache ich liebe«, der Fliederzweig, das Geständnis – das alles müßte das Unterpfand des ganzen Lebens sein und dürfte sich bei einer reinen Frau nicht wiederholen. Was habʼ ich denn gethan? Wer bin ich?« dröhnte es ihm wie ein Hammerschlag durch den Kopf. »Ich bin ein Verführer, ein Courmacher! Es fehlt nur, daß ich wie jener widrige, alte Seladon mit den Schweinsaugen und der rothen Nase die bei einer Frau gestohlene Rose ins Knopfloch stecke und meinen Sieg einem Freund ins Ohr zuflüstere, um. . .um. . . . Ach, mein Gott, wie weit es mit mir gekommen ist! Da ist der Abgrund! Und auch Oljga schwebt nicht hoch darüber, sie liegt in der Tiefe. . . .warum, warum?« Er verlor seine ganze Kraft, weinte wie ein Kind, weil die Regenbogenfarben seines Lebens verblaßt waren und weil Oljga das Opfer sein würde. Seine ganze Liebe war ein Verbrechen, ein Schandmal, das auf seinem Gewissen lastete. Dann, als Oblomow erkannte, daß alles ein gesetzliches Ende nehmen würde, er brauchte Oljga nur die Hand mit dem Ring hinzustrecken, hellte sich seine erregte Seele für einen Augenblick auf. . . .

»Ja, ja,« sprach er vor Freude zitternd, – »und ein verschämt bejahender Blick wird die Antwort sein. . . Sie wird kein Wort sagen, wird erröthen, vom Grund ihres Herzens wird ein Lächeln aufsteigen, dann wird ihr Blick sich mit Thränen füllen. . . . . » Thränen, dann ein Lächeln, eine schweigend hingestreckte Hand, dann lebhafte, stürmische Freude, frohe Eile der Bewegungen, dann ein langes, langes Gespräch, ein Flüstern unter vier Augen, dieses zutrauliche Flüstern der Seelen, der geheimnisvolle Vertrag, zwei Leben zu einem einzigen zu verschmelzen! In jeder Kleinigkeit, in Gesprächen über alltägliche Dinge wird die außer ihnen niemand sichtbare Liebe durchschimmern. Und niemand wird sie mit einem Blick zu verletzen wagen. . . .

Sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich ernst und wichtig.

»Ja,« sprach er zu sich selbst, »da ist die Welt des aufrichtigen, ehrlichen, andauernden Glücks! Ich muß mich schämen, daß ich bis jetzt diese Blumen gepflückt habe, wie ein Knabe im Duft der Liebe geschwebt habe, rendez-vous gesucht habe, beim Mond spazieren gegangen bin, dem Schlagen eines Mädchenherzens gelauscht und nach den Schwingungen ihrer Träume gehascht habe. . . . O Gott!«

Er erröthete bis über die Ohren.

»Oljga wird noch heute Abend erfahren, welche strenge Pflichten die Liebe auferlegt; heute wird die letzte Begegnung unter vier Augen sein, heute. . . .«

Er legte seine Hand aufs Herz; es schlug heftig, aber gleichmäßig, so wie es bei ehrlichen Menschen schlagen soll. Jetzt tauchte in ihm wieder der Gedanke auf, daß Oljga anfangs traurig sein würde, wenn er ihr sagte, daß sie nicht zusammenkommen dürfen; dann würde er ihr schüchtern sein Vorhaben mittheilen, nachdem er ihre Ansicht darüber erfahren hatte, er würde sich an ihrer Verlegenheit weiden, und dann. . . .Ferner träumte er von ihrem verschämten Jawort, von ihrem Lächeln und ihren Thränen, von ihrer schweigend entgegengestreckten Hand, vom langen, geheimnisvollen Flüstern und dem Kuß im Angesicht der ganzen Welt.

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
750 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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