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Kitabı oku: «Oblomow», sayfa 25
Dritter Theil
I
Oblomow strahlte, als er nach Hause gieng. Sein Blut wogte, seine Augen leuchteten. Ihm schien, daß sogar seine Haare flammten. So trat er in sein Zimmer und plötzlich verschwand das Leuchten und seine Augen blieben in unangenehmem Staunen an einem Punkt haften; auf seinem Sessel saß Tarantjew.
– Wie lange soll man denn auf Dich warten? Wo treibst Du Dich herum? – fragte Tarantjew streng, indem er ihm seine zottige Hand hinstreckte. Auch Dein alter Teufel ist ganz aus Rand und Band; ich verlange einen Imbiß – er sagt, es ist nichts da, er hat mir nicht einmal einen Schnaps gegeben.
– Ich bin hier im Hain spazieren gegangen, – sagte Oblomow nachlässig und konnte sich von dem Schlag, der das Erscheinen des Landsmanns in einem solchen Augenblick für ihn war, noch nicht erholen.
Er hatte an die düstere Sphäre, in der er bis dahin gelebt hatte, vergessen, und war deren bedrückende Luft nicht mehr gewöhnt. Tarantjew zerrte ihn im Nu vom Himmel gleichsam wieder in den Sumpf herab. Oblomow fragte sich gequält: warum war Tarantjew gekommen? War es für lange? Ihm kam die furchtbare Vermuthung, er könnte vielleicht zum Essen dableiben, und dann wäre es nicht möglich zu Iljinskys zu gehen. Der einzige Gedanke, der Oblomow beschäftigte, war, wie er ihn, selbst wenn das einige Ausgaben erfordern sollte, los werden konnte. Er wartete schweigend und düster ab, was Tarantjew sagen würde.
– Warum schaust Du Dich gar nicht nach der Wohnung um, Landsmann? – fragte Tarantjew.
– Das ist jetzt nicht mehr nöthig, – sagte Oblomow und bestrebte sich, Tarantjew nicht anzublicken – Ich. . . . .übersiedle dorthin nicht.
– Wa— as? Wieso übersiedelst Du nicht? – entgegnete Tarantjew drohend, – Du hast sie gemietet und übersiedelst nicht? Und der Contract?
– Was für ein Contract?
– Hast Du schon vergessen? Du hast einen Contract für ein Jahr unterschrieben. Gib mir die achthundert Rubel und gehʼ dann, wohin Du willst. Vier Personen haben die Wohnung angeschaut und wollten sie mieten; man hat alle abgewiesen. Jemand wollte sie für drei Jahre mieten.
Oblomow erinnerte sich erst jetzt, daß Tarantjew ihm am Tage des Umzuges aufs Land ein Papier gebracht hatte, das er in der Eile, ohne es zu lesen, unterschrieben hatte.
»Ach mein Gott, was habe ich angerichtet!« dachte er.
– Ich brauche aber keine Wohnung, – sagte Oblomow, – ich reise ins Ausland. . . .
– Ins Ausland! – unterbrach ihn Tarantjew, – mit diesem Deutschen? Aber das ist ja nichts für Dich. Du wirst ja nicht hinreisen!
– Warum nicht? Ich habe schon einen Paß, ich werde ihn gleich zeigen. Ich habe auch einen Reisekoffer gekauft.
– Du wirst nicht hinreisen! – wiederholte Tarantjew gleichgiltig. – Gib mir das Geld für das halbe Jahr lieber im vorhinein.
– Ich habe kein Geld.
– Verschaffe Dir eins, wo Du willst; der Bruder meiner Gevatterin, Iwan Matwejtsch, liebt keine Scherze. Er reicht gleich bei den Behörden ein; dann kommst Du nicht mehr los. Ich habe für Dich gezahlt, gib mir das Geld zurück.
– Woher hast Du so viel Geld? – fragte Oblomow.
– Was geht das Dich an? Ich habe eine alte Schuld behoben. Gib das Geld her! Ich bin deswegen gekommen.
Gut; ich komme dieser Tage und übergebe die Wohnung einem andern, und jetzt habe ich Eile . . .
Er knöpfte sich den Rock zu.
– Was brauchst Du denn für eine Wohnung? Du findest in der ganzen Stadt keine bessere. Du hast sie ja nicht gesehen.
– Ich will sie gar nicht sehen, wozu soll ich dorthin übersiedeln? Sie ist für mich zu entfernt .
– Wovon? fragte Tarantjew grob. Doch Oblomow antwortete nichts.
– Vom Centrum, – fügte er dann hinzu.
– Von welchem Centrum? Wozu brauchst Du es? Um zu liegen?
– Nein, ich liege jetzt nicht mehr.
– Warum denn?
– So. Ich. . .bin heute. . .– begann Oblomow.
– Was? – unterbrach Tarantjew.
– Ich esse nicht zu Hause. . .
– Gib das Geld her und scherʼ Dich zum Teufel!
– Was für ein Geld? – wiederholte Oblomow ungeduldig.
– Ich komme dieser Tage in die Wohnung und werde mit der Hausbesitzerin sprechen.
– Mit welcher Hausbesitzerin? Mit der Gevatterin? Was versteht sie? Ein Frauenzimmer! Nein, sprich mit ihrem Bruder, – dann wirst Du was erleben.
– Nun, gut; ich werde hinfahren und sprechen.
– Da kann man lange warten! Gib das Geld her, dann kannst Du gehen.
– Ich habʼ keins; ich muß mir eins ausleihen.
– Dann bezahle mir jetzt wenigstens für die Droschke, – ließ Tarantjew nicht nach, – drei Rubel.
– Wo ist denn Deine Droschke? Und wofür bekommst Du drei Rubel?
– Ich habe den Kutscher fortgeschickt. Wieso wofür? Er hat mich gar nicht herführen wollen: »Durch diesen Sand?« sagt er. Und für die Rückfahrt drei Rubel – das macht sechs Rubel aus.
– Von hier fährt ein Omnibus für fünfzig Kopeken, – sagte Oblomow, – da hast Du!
Er gab ihm vier Rubel. Tarantjew steckte das Geld ein.
– Du bleibst mir noch zwei Rubel schuldig, – fügte er hinzu. – Und zahle mir für mein Mittagessen!
– Für welches Mittagessen?
– Ich komme jetzt nicht mehr zur rechten Zeit in die Stadt, – ich werde genöthigt sein, unterwegs in einem Gasthaus zu essen; hier kostet alles viel; ich werde fünf Rubel zahlen müssen.
Oblomow nahm schweigend einen Rubel heraus und warf ihn ihm zu. Er setzte sich nicht vor Ungeduld und erwartete, Tarantjew würde bald fortgehen; doch er gieng nicht.
– Laß mir doch einen Imbiß geben, – sagte er.
– Du wolltest ja im Gasthaus essen? – bemerkte Oblomow.
– Das wird ja mein Mittagessen sein! Jetzt geht es aber erst auf zwei Uhr.
Oblomow befahl Sachar etwas hereinzubringen.
– Es ist nichts da, wir haben nichts vorbereitet, – gab Sachar trocken zur Antwort, indem er Tarantjew düster anblickte. – Wie istʼs, Michej Andreitsch, wann bringen Sie das Hemd und die Weste vom gnädigen Herrn?. . .
– Was für ein Hemd und eine Weste willst Du haben? – wich Tarantjew aus, – ich habe das längst zurückgebracht.
– Wann denn? – fragte Sachar.
– Habʼ ich es Dir denn nicht in die Hand gegeben, als ihr ausgezogen seid? Und Du hastʼs irgendwohin in einen Bündel gesteckt und frägst jetzt danach. . . .
Sachar erstarrte.
– Ach, Du mein Gott! Ilja Iljitsch, was das für eine Schande ist! – brüllte er, sich an Oblomow wendend.
– Fahrʼ nur in derselben Tonart fort! – entgegnete Tarantjew, – Du hast die Sachen wohl vertrunken und frägst jetzt danach. . . .
– Nein, ich habe noch mein Lebtag nichts Herrschaftliches vertrunken! – krächzte Sachar, aber Sie. . . .
– Hör auf, Sachar! unterbrach Oblomow streng.
– Haben Sie unseren Besen und die zwei Schalen fortgetragen? – fragte Sachar wieder.
– Welchen Besen? – donnerte Tarantjew – Ach Du alter Schurke! Gib lieber den Imbiß her!
– Hören Sie, Ilja Iljitsch, wie er schimpft? – sagte Sachar. – Es ist kein Imbiß da, wir haben nicht einmal Brot im Hause, und Anissja ist fortgegangen! schloß er und gieng.
– Wo ißt Du denn? – fragte Tarantjew, – das ist ja ein wahres Wunder; Oblomow geht im Hain spazieren, ißt nicht zu Hause. . . . Wann ziehst Du denn in die Wohnung ein? Es ist ja schon Herbst. Komm und schau sie Dir an.
– Gut, gut, dieser Tage. . . .
– Und vergiß nicht das Geld mitzubringen!
– Ja, ja, ja. . . .– sagte Oblomow ungeduldig.
– Ja, brauchst Du nicht noch etwas in der Wohnung? Man hat dort für Dich die Fußböden und Plafonds, die Fenster und Thüren, überhaupt alles angestrichen; das kostet mehr als hundert Rubel.
– Ja, ja, gut. . . . Ach ja, ich wollte Dir etwas sagen, – erinnerte sich plötzlich Oblomow, – laß mir, bitte, meine Vollmacht von den Behörden bestätigen. . . .
– Bin ich denn Dein Laufbursche?
– Ich gebe Dir noch etwas fürs Mittagessen.
– Man zerreißt sich dabei mehr Stiefel, als Du mir geben wirst.
– Fahre nur hin, ich zahle Dir dafür.
– Ich darf nicht hingehen, – sprach Tarantjew düster.
– Warum?
– Ich habe Feinde; sie zürnen mir und stellen mir Fallen, um mich zu verderben.
– Nun gut, dann fahre ich selbst hin, – sagte Oblomow und griff nach seinem Hut.
– Wenn Du in die Wohnung einziehst, wird Dir Iwan Matwejtsch alles besorgen. Das ist ein goldener Mensch, Bruder, nicht mit einem deutschen Parvenu zu vergleichen! Er ist ein alter russischer Beamter, sitzt seit dreißig Jahren auf demselben Stuhl und leitet das ganze Bureau nach seinem Willen, er hat auch Geld, erlaubt sich aber nicht einmal eine Droschke zu nehmen, sein Frack ist nicht besser als der meinige; er ist sehr bescheiden, spricht so leise, daß man es kaum hört, treibt sich nicht im Ausland herum, wie dieser. . .
– Tarantjew! – schrie Oblomow auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, – schweig, wenn Du etwas nicht verstehst!
Tarantjew glotzte Oblomow nach diesem unerhörten Ausfall an und vergaß sogar darüber beleidigt zu sein, daß Stolz ihm vorgezogen wurde.
– Wie Du bist, Bruder. . . – brummte er, indem er nach dem Hut griff, – woher nimmst Du die Courage her?
Er strich mit dem Ärmel über seinen Hut, betrachtete ihn dann und wandte seinen Blick Oblomows Hut zu, der auf der Etagére lag.
Du trägst Deinen Hut nicht, da hast Du ja eine Mütze, – sagte er, Oblomows Hut nehmend und ihn anprobierend, – gib ihn mir für den Sommer, – Bruder. . .
Oblomow nahm ihm schweigend den Hut ab, legte ihn auf den früheren Platz hin, kreuzte dann die Hände auf der Brust übereinander und wartete, daß Tarantjew gieng.
– Nun, gehʼ zum Teufel! – sagte Tarantjew, sich ungeschickt durch die Thür schiebend. – Du bist heute so. . seltsam, Bruder. . Sprich nur mit Iwan Matwejtsch und probiere einmal, ihm nicht zu zahlen. . .
II
Er gieng, und Oblomow setzte sich verstimmt auf den Sessel und bemühte sich lange Zeit, den unangenehmen Zwischenfall los zu werden. Endlich erinnerte er sich an den Morgen, Tarantjews widerwärtige Gestalt verschwand aus seinem Hirn, und auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln. Er stellte sich vor den Spiegel, richtete sich die Cravatte, lächelte lange und blickte seine Wange an, ob dort nicht eine Spur von Oljgas heißem Kuß zu sehen war.
»Zwei nie« – sagte er leise in freudiger Aufregung, »und was für ein Unterschied war zwischen ihnen: das eine war schon verblaßt, und das zweite blühte so reich. . .«
Dann versank er in tiefes Sinnen. Er fühlte, daß der lichte, wolkenlose Feiertag der Liebe schon vergieng, daß die Liebe wirklich zu einer Pflicht wurde, daß sie sich dem ganzen Leben anreihte, eines seiner Bestandtheile wurde, zu verblassen und die leuchtenden Farben zu verlieren begann. Vielleicht hatte des Morgens ihr letzter rosiger Schimmer geleuchtet, und sie würde dann nicht mehr hell strahlen, sondern das Leben unsichtbar erwärmen; das Leben wird sie verschlingen und sie wird seine starke, aber verborgene Triebfeder sein. Und von nun an werden ihre Äußerungen so einfach und gewöhnlich erscheinen. Das Poem geht zu Ende und die strenge Geschichte beginnt; die Verhandlungen mit den Behörden, dann die Fahrt nach Oblomowka, das Bauen des Hauses, die Anzahlung in den Gouvernementsrath, das Bahnen der Straße, das endlose Ordnen der Angelegenheiten der Bauern, der Arbeit, des Dreschens, des Mähens, das Klopfen des Rechenbrettes, das besorgte Gesicht des Verwalters, die Wahlen, die Gerichtsverhandlungen. Ab und zu wird Oljgas Blick aufleuchten und es wird Casta diva oder ein eiliger Kuß ertönen, und man muß wieder arbeiten, in die Stadt fahren, dann kommt wieder der Verwalter und er hört das Klopfen des Rechenbrettes. Es kommen Gäste – aber auch das ist kein Ausruhen; man spricht davon wieviel Schnaps gebrannt wurde, wieviel Arschin Tuch an die Behörden geliefert wurden. . . . Was war denn das? Hatte er denn davon geträumt? War denn das das Leben?. . . Man lebt aber das ganze Leben so. Und Andrej gefällt es!
Aber die Heirat, die Hochzeit, – das war doch die Poesie des Lebens, das war eine üppige, aufgeblühte Blume. Er stellte sich vor, wie er Oljga zum Altar führte; sie trägt einen Orange-Blumenzweig und einen langen Schleier auf dem Kopf. In der Menge ertönt ein bewunderndes Geflüster. Sie reicht ihm verschämt die Hand, senkt stolz und graziös den Kopf und weiß nicht, wie sie alle anblicken soll. Bald erstrahlt sie in einem Lächeln, bald kommen ihr die Thränen, bald bewegt sich die Falte über der Braue gedankenvoll. Zu Hause, wenn die Gäste fort sind, wirft sie sich ihm noch in dem reichen Kleid wie heute an die Brust. . »Nein, ich laufe zu Oljga hin, ich kann allein nicht denken und fühlen,« sagte er. »Ich erzähle es allen, der ganzen Welt. . . . . nein, zuerst der Tante, dann dem Baron, ich schreibe es auch Stolz, – wie er sich wohl wundern wird! Dann sagʼ ich es Sachar; er wird sich bis zur Erde verneigen und vor Freude heulen, ich werde ihm fünfundzwanzig Rubel geben. Anissja wird kommen, wird mir die Hand küssen wollen; dann werde ich ihr zehn Rubel geben; dann. .dann werde ich vor Freude laut schreien, damit die ganze Welt es weiß, und damit alle sagen: ›Oblomow ist glücklich, Oblomow heiratet!‹ Jetzt laufe ich zu Oljga hin; dort erwartet mich ein langes Flüstern und der geheimnisvolle Vertrag, unsere beiden Leben zu einigen!. . .«
Er lief zu Oljga hin. Sie hörte lächelnd seinen Träumen zu; so wie er aber aufsprang, um es der Tante mitzutheilen, runzelte sie so die Brauen, daß er Angst bekam.
– Niemand ein Wort davon! – sagte sie, den Finger an
die Lippen legend und ihm ein Zeichen machend, leiser zu sprechen, damit die Tante aus dem angrenzenden Zimmer nichts hörte.
– Es ist noch nicht Zeit!
– Wann ist es denn Zeit, wenn bei uns alles beschlossen ist? – fragte er ungeduldig, – was soll man denn jetzt thun? womit anfangen? Man kann doch nicht ruhig sitzen bleiben! Jetzt beginnen die Pflichten und der Ernst des Lebens. . . .
– Ja, jetzt beginnt das, – wiederholte sie, ihn forschend anblickend.
– Ich wollte ja den ersten Schritt machen und zur Tante gehen. . . .
– Das ist der letzte Schritt!
– Welcher ist denn der erste?
– Der erste ist, sich an die Behörde zu wenden; Du mußt ja irgendein Document haben?
– Ja. . . ich fahre morgen hin. . . .
– Warum denn nicht heute?
– Heute. . .heute ist ja ein solcher Tag, und ich sollte von Dir fortgehen, Oljga!. . .
– Nun gut, morgen. Und dann?
– Dann mit der Tante sprechen und an Stolz schreiben.
– Nein, dann nach Oblomowka fahren. . Andrej Iwanowitsch hat ja geschrieben, was auf dem Gut zu thun ist; ich weiß nicht, was dort angeordnet werden muß, ich glaube bezüglich des Bauens? – fragte sie, ihm ins Gesicht blickend.
– Mein Gott! – sagte Oblomow, – wenn man auf Stolz hört, wird die Tante noch eine Ewigkeit nicht an die Reihe kommen! Er sagt, man müßte zuerst das Haus bauen, dann die Straße anlegen und Schulen einrichten. . . Dazu reicht ein ganzes Leben nicht aus. Wir fahren zusammen hin, Oljga, und dann. . .
– Und wohin sollen wir denn fahren? Gibt es dort ein Haus?
– Nein; das alte ist ganz morsch, die Stiege ist wohl schon auseinandergefallen. . . .
– Wohin fahren wir dann? – fragte sie.
– Man muß hier eine Wohnung suchen.
– Deswegen muß man auch in die Stadt fahren, bemerkte sie, – das ist der zweite Schritt. . .
– Dann. . . begann er.
– Mache zuerst diese beiden Schritte und dann. . .
»Was ist denn das?« dachte Oblomow traurig; »weder ein langes Flüstern, noch ein geheimer Vertrag, unsere beiden Leben zu vereinigen! Alles ist anders, nicht so, wie ich es mir gedacht habe. Wie seltsam diese Oljga ist! Sie bleibt nicht auf einem Punkt stehen; sie sinnt nicht süß über einen poetischen Augenblick nach, als hätte sie gar keine Träume und kein Bedürfnis, sich von den Gedanken hintragen zu lassen! Ich soll mich gleich an die Behörden wenden und eine Wohnung suchen, wie Andrej! Es ist, als hätten sie alle einen Vertrag geschlossen, sich mit dem Leben zu beeilen!«
Am nächsten Tage begab er sich mit einem Bogen Stempelpapier in die Stadt, um zuerst seine Angelegenheit bei den Behörden zu erledigen; er fuhr ungern hin und blickte gähnend um sich. Er wußte nicht recht, wohin er sich zu wenden hatte und fuhr zu Iwan Gerassimitsch hin, um ihn zu fragen, in welchem Departement er die Documente vorzuzeigen hatte. Dieser freute sich, Oblomow zu sehen und wollte ihn ohne Frühstück nicht fortlassen. Dann ließ er noch einen Freund holen, um ihn darüber, was zu thun war, auszufragen, denn er selbst befaßte sich längst nicht mehr mit derlei Angelegenheiten. Das Frühstück und die Berathung dauerten bis drei Uhr, und es war zu spät, in das Departement zu gehen, am nächsten Tag war Samstag, und es gab keine Bureaustunden, man mußte die Sache auf Montag verschieben.
Oblomow begab sich auf die Wiborgskajastraße in seine neue Wohnung. Er fuhr lange durch kleine Gassen, zwischen endlosen Zäunen hin. Endlich fand er einen Wachmann; dieser sagte, das Haus befände sich im nächsten Quartal der Straße und zeigte auf ein unbebautes Ende derselben hin, das keine Zäune hatte, mit Gras bedeckt war und trockene Wagenfurchen aufwies. Oblomow fuhr weiter, indem er die Brennesseln und die über die Zäune hervorschauenden Ebereschen bewunderte. Endlich zeigte ihm der Wachmann ein altes Häuschen, das auf dem Hof stand, indem er hinzufügte: »Das da.« »Das Haus der Witwe des Collegiensecretärs Pschenizin,« las Oblomow auf dem Thor und befahl, in den Hof hineinzufahren. Der Hof hatte die Größe eines Zimmers, so daß der Wagen mit der Deichsel gegen die Ecke des Hauses stieß und einen Haufen Hühner auseinanderjagte, so daß sie gackernd eilig auseinanderstoben und manche sogar aufflogen: ein großer schwarzer Hund begann an seiner Kette zu reißen, indem er wüthend bellte und sich bestrebte, die Köpfe der Pferde zu erreichen. Oblomow saß dicht an den Fenstern und war in Verlegenheit, wie er aussteigen sollte. In den Fenstern, auf denen Reseda, Ringelblumen und Sammtblumen standen, zeigten sich Köpfe. Oblomow kroch mit Mühe aus dem Wagen heraus; der Hund bellte noch wüthender. Er wandte sich dem Eingang zu und stieß auf eine runzelige alte Frau in einem Sarafan, dessen Saum sie sich in den Gürtel gesteckt hatte.
– Wen wollen Sie sprechen? fragte sie.
– Die Hausfrau, Frau Pschenizin.
Die Alte senkte verblüfft den Kopf.
– Meinen Sie vielleicht Iwan Matwejtsch? fragte sie. – Er ist nicht zu Hause; er ist aus dem Amt noch nicht zurückgekehrt.
– Ich möchte die Hausfrau sprechen, – sagte Oblomow.
Unterdessen dauerte der Trubel im Hause fort. Bald aus dem einen, bald aus dem anderen Fenster schaute ein Kopf hervor; die Thür hinter der Alten wurde geöffnet und wieder geschlossen; von dort blickten verschiedene Gesichter hervor. Oblomow wandte sich um; auf dem Hof standen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die ihn neugierig anblickten. Von irgendwo erschien ein schläfriger Bauer in einem Schafpelz und betrachtete träge Oblomow und den Wagen, indem er sich die Augen mit der Hand vor der Sonne schützte. Der Hund fuhr fort bruchweise laut zu bellen, und sowie Oblomow sich rührte oder das Pferd mit dem Huf stampfte, begann das Reißen an der Kette und ein andauerndes Bellen. Durch den Zaun rechts sah Oblomow einen endlosen Gemüsegarten mit Kohl, links ein paar Bäume und eine grüne hölzerne Laube.
– Sie wollen Agafia Matwejewna sehen? – fragte die Alte.
– Sagʼ der Hausfrau, – antwortete Oblomow, – daß ich sie sprechen möchte; ich habe hier eine Wohnung gemietet. . . .
– Sie sind also der neue Mieter, ein Bekannter von Michej Andreitsch. Warten Sie, ich werde es sagen.
Sie öffnete die Thür, wobei ein paar Kinder von der Thür zurückprallten und schnell ins Zimmer liefen. Er hatte Zeit, eine Frau mit nacktem Hals und Ellbogen, ohne Haube, zu bemerken, sie war sehr weiß und ziemlich stark, lächelte, weil ein Fremder sie so gesehen hatte und lief auch von der Thür fort.
– Treten Sie bitte ins Zimmer, – sagte die Alte, als sie zurückgekehrt war, führte Oblomow durch ein kleines Vorzimmer in einen ziemlich großen Raum und bat ihn zu warten. – Die Hausfrau kommt gleich, – fügte sie hinzu.
»Und der Hund bellt immer noch,« dachte Oblomow, das Zimmer betrachtend.
Plötzlich blieben seine Augen auf bekannten Gegenständen haften. Das ganze Zimmer war mit seinem Hab und Gut gefüllt: Mit staubigen Tischen, auf das Bett gehäuften Sesseln, Matratzen, unordentlich durcheinander geworfenem Geschirr und mit seinen Schränken.
– Was ist das? Es ist nichts geordnet und eingerichtet. – Was für ein Schmutz!
Plötzlich knarrte hinter ihm die Thür, und in das Zimmer trat dieselbe Frau, die er mit nackten Ellbogen und nacktem Hals gesehen hatte. Sie war etwa dreißig Jahre alt, ihr Gesicht war voll und sehr weiß, so daß es schien, das Blut könnte nicht durch die Wangen dringen. Sie hatte fast gar keine Brauen, sondern nur zwei glänzende Streifen, die wie verschwollen aussahen und mit dünnem, hellem Haar bedeckt waren. Die grauen Augen waren gutmüthig, wie auch der ganze Gesichtsausdruck; die Hände waren weiß, aber rauh, mit hervortretenden, großen blauen Aderknoten. Sie trug ein anliegendes Kleid; man sah, daß sie keinerlei Kunstgriffe anwandte und nicht einmal einen überflüssigen Rock trug, um den Umfang der Hüften zu vergrößern und den der Taille zu verringern. Infolge dessen konnte selbst ihre zugedeckte Büste, wenn sie keinen Shawl trug, einem Maler oder Bildhauer als das Modell einer festen, gesunden Brust dienen, ohne daß dabei ihr Schamgefühl verletzt wurde. Ihr Kleid erschien im Vergleich mit dem eleganten Shawl und der Paradehaube alt und abgetragen. Sie hatte keinen Besuch erwartet, und als Oblomow nach ihr fragte, warf sie über ihr Hauskleid ihren Sonntagsshawl und deckte den Kopf mit der Haube zu. Sie trat schüchtern ein, blieb stehen und blickte Oblomow verlegen an.
Er erhob sich und grüßte.
– Ich habe das Vergnügen Frau Pschenizin zu sehen? – fragte er.
– Ja, – antwortete sie. – Sie wollen vielleicht den Bruder sprechen? fragte sie unschlüssig. – Er ist im Amt, er kommt nie vor fünf Uhr zurück.
– Nein, ich wollte Sie sprechen, – begann Oblomow, nachdem sie sich möglichst weit von ihm auf das Sofa gesetzt hatte und die Enden ihres Shawls betrachtete, der sie wie eine Decke bis zur Erde zudeckte. Sie hatte auch ihre Hände unter den Shawl versteckt.
– Ich habe hier eine Wohnung gemietet; jetzt muß ich aus verschiedenen Gründen eine Wohnung in einem anderen Stadttheil suchen, ich bin also gekommen, um mit Ihnen zu sprechen. . . .
Sie hörte ihm stumpf zu und sann dann ebenso stumpf nach.
– Mein Bruder ist jetzt nicht da, – sagte sie dann.
– Aber dieses Haus gehört ja Ihnen? – fragte Oblomow.
– Ja, – antwortete sie kurz.
– Da habʼ ich geglaubt, daß Sie über die Angelegenheit selbst entscheiden können.
– Ja, aber mein Bruder ist nicht da, er verfügt hier über alles, – sagte sie eintönig, indem sie Oblomow zum erstenmal ins Gesicht blickte und dann die Augen wieder auf den Shawl senkte.
»Sie hat ein einfaches, aber angenehmes Gesicht,« dachte Oblomow nachsichtig, »sie ist gewiß eine gute Frau!« Jetzt steckte ein Mädchen den Kopf zur Thür hinein. Agafja Matwejewna nickte ihm heimlich drohend zu und es verschwand.
– Und wo ist Ihr Bruder angestellt?
– In der Kanzlei.
– In welcher?
– Wo man die Bauern einträgt . . . . ich vergesse immer, wie sie heißt.
Sie lächelte treuherzig und ihr Gesicht nahm noch im selben Augenblick seinen gewohnten Ausdruck an.
– Wohnen Sie hier allein mit Ihrem Bruder? – fragte Oblomow.
– Nein, ich habe die beiden Kinder, die mein seliger Mann mir zurückgelassen hat, bei mir, einen achtjährigen Knaben und ein sechsjähriges Mädchen, – begann die Hausfrau ziemlich gesprächig, und ihr Gesicht wurde lebhafter, – und noch unsere kranke Großmutter; die kann sich kaum bewegen und geht nur in die Kirche; früher ist sie mit Akulina auf den Markt gegangen, aber seit Nikolo hat sie aufgehört; ihr schwellen die Füße an. Sie sitzt auch in der Kirche meistens nur auf den Stufen. Sonst wohnt niemand mehr hier. Manchmal kommt die Schwägerin auf Besuch oder Michej Andreitsch.
– Und kommt Michej Andreitsch oft zu Ihnen?
– Manchmal bleibt er einen Monat da; er ist mit meinem Bruder befreundet und sie sind immer zusammen. . .
Sie schwieg, da sie den ganzen Vorrath ihrer Gedanken und Worte erschöpft hatte.
– Wie ruhig es hier bei Ihnen ist! – sagte Oblomow, – wenn der Hund nicht bellen würde, könnte man glauben, daß hier niemand wohnt.
Sie lächelte zur Antwort.
– Gehen Sie oft aus?
– Manchmal im Sommer. Neulich, am Eliastag, sind wir zu den Pulvermühlen gegangen.
– Kommen dorthin viele Leute! – fragte Oblomow, durch den verschobenen Shawl auf die einem Sofakissen ähnliche Brust, die nie in Erregung gerieth, blickend.
– Nein, in diesem Jahre waren nicht so viele da; des Morgens hatʼs geregnet und dann hats sichʼs aufgeheitert. Sonst kommen viele hin.
– Wohin gehen Sie sonst noch?
– Wir gehen wenig aus. Mein Bruder geht mit Michej Andreitsch fischen, sie kochen sich dann eine Fischsuppe, wir sind aber meistens zu Hause.
– Wirklich, immer zu Hause?
– Bei Gott – Bei Gott, das ist wahr. Voriges Jahr waren wir in Kolpind und jetzt gehen wir manchmal in den Wald. Am 24. Juni ist der Namenstag vom Bruder, dann kommen zu uns alle Beamten aus der Kanzlei zum Essen.
– Und machen Sie Besuche?
– Der Bruder, aber ich gehe nur am Ostersonntag und zu Weihnachten zu den Verwandten meines Mannes zum Essen.
Sie wußten nicht, worüber sie noch sprechen sollten.
– Sie haben hier Blumen, lieben Sie sie? – fragte er.
Sie lächelte.
– Nein, – sagte sie, – wir haben keine Zeit, uns mit Blumen abzugeben. Die Kinder sind mit Akulina in den gräflichen Garten gegangen und der Gärtner hat sie ihnen gegeben, die Geranien und die Aloe sind hier schon lange, sie waren noch zu Lebzeiten meines Mannes da.
Jetzt stürzte plötzlich Akulina ins Zimmer, in ihren Händen zappelte und gluckste verzweifelt ein großer Hahn.
– Soll ich diesen Hahn dem Krämer geben, Agafja Matwejewna? – fragte sie.
– Aber was thust Du? Gehʼ! – sagte die Hausfrau verlegen, – Du siehst ja; daß ein Gast da ist!
– Ich wollte nur fragen, – sagte Akulina, indem sie den Hahn bei den Füßen packte, so daß ihm der Kopf herabhieng, – er gibt dafür siebzig Kopeken.
Gehʼ, gehʼ in die Küche! – sagte Agafja Matwejewna. – Gib ihm den grauen mit den Tupfen, und nicht diesen!. . .– fügte sie eilig hinzu, wurde dann verlegen, versteckte die Hände unter den Shawl und begann nach unten zu schauen.
– Die Wirtschaft! – sagte Oblomow.
– Ja, wir haben viel Hühner; wir verkaufen die Eier und die Küchlein. In den Landhäusern und im gräflichen Hause hier auf der Straße kauft man alles bei uns, – antwortete sie, Oblomow viel dreister anblickend.
Und ihr Gesicht nahm einen besorgten, gedankenvollen Ausdruck an; selbst ihre Stumpfheit verschwand, als sie über den ihr vertrauten Gegenstand zu sprechen begann. Jede Frage, die nicht irgendetwas Positives, ihr Bekanntes berührte, beantwortete sie nur mit einem Lächeln oder einem Schweigen.
– Man müßte das ordnen, – bemerkte Oblomow, auf den Haufen seiner Sachen hinweisend.
– Wir wollten das schon machen, aber der Bruder hat es nicht erlaubt, – unterbrach sie Oblomow lebhaft und blickte ihn schon ganz dreist an: »Gott weiß, was hier in den Tischen und Schränken liegt. . .« – hat er gesagt, »wenn etwas verloren geht, werden wir es zu verantworten haben. . .« Sie machte eine Pause und lächelte.
– Wie vorsichtig Ihr Bruder ist! – fügte Oblomow hinzu.
Sie lächelte ein wenig und nahm wieder ihren gewöhnlichen Gesichtsausdruck an. Das Lächeln war für sie mehr ein Mittel, ihre Unkenntnis dessen, was sie in dem einen oder andern Fall zu thun oder zu sagen hatte, zu verbergen.
– Ich kann nicht so lange warten, bis er kommt, – sagte Oblomow. – Vielleicht übergeben Sie ihm, daß ich verschiedener Umstände wegen die Wohnung nicht mehr benöthige und darum bitte, dieselbe einem andern Mieter zu übergeben; ich werde auch selbst nach einem Reflectanten suchen.
Sie hörte stumpf blinzelnd zu.
– Haben Sie die Güte, mit Ihrem Bruder bezüglich des Contractes zu sprechen. . .
– Er ist ja jetzt nicht zu Hause, – wiederholte sie, – kommen Sie lieber morgen wieder; morgen ist Samstag, und er geht nicht in die Kanzlei. . .
– Ich habe furchtbar viel zu thun und bin keinen Augenblick frei, – suchte Oblomow noch einer Ausrede. – Haben Sie nur die Güte zu sagen, daß, da die Angabe in Ihren Händen bleibt und ich selbst nach einem Mieter suchen werde. . .
– Der Bruder ist nicht da, – sagte sie eintönig, – er kommt noch immer nicht. . . – Sie blickte auf die Straße. – Er geht hier vorüber, man sieht aus dem Fenster, wenn er kommt, er ist aber noch nicht da!
– Nun, ich gehe. . . – sagte Oblomow.
– Und was soll ich dem Bruder sagen, wenn er kommt? Wann ziehen Sie ein? – fragte sie, sich vom Sofa erhebend.
– Übergeben Sie ihm, was ich Ihnen mitgetheilt habe, – sagte Oblomow, – daß ich eingetretener Umstände wegen. . .
– Sie sollten morgen kommen und mit ihm sprechen. . . – wiederholte sie.
– Ich kann morgen nicht.
– Also übermorgen, am Sonntag; nach der Messe gibt es bei uns Schnaps und einen Imbiß. Auch Michej Andreitsch kommt dann.
– Kommt Michej Andreitsch wirklich her?
– Das ist bei Gott wahr.
– Ich kann auch übermorgen nicht, – lehnte Oblomow ungeduldig ab.
Also dann nächste Woche. . . – bemerkte sie. – Und wann werden Sie einziehen? Ich würde die Fußböden waschen und abstauben lassen.
– Ich ziehe nicht ein.
– Wieso denn? Und wo sollen wir Ihre Sachen hingeben?
– Haben Sie die Güte, Ihrem Bruder zu sagen, – begann Oblomow wieder langsam, indem er die Augen starr auf ihre Brust richtete, – daß eingetretener Umstände wegen. . .
– Er kommt noch nicht, man sieht ihn nicht, – sagte sie im selben Tonfalle, auf den Zaun blickend, der die Straße vom Hofe trennte. – Ich kenne seine Schritte; man hört auf dem Holzpflaster, wenn jemand geht. Es gehen hier wenige Menschen vorüber. . .
– Werden Sie ihm übergeben und ihm alles sagen? – fragte Oblomow sich verneigend und der Thür zuwendend.
– Er wird in einer halben Stunde selbst da sein. . . – sagte die Hausfrau mit einer ihr sonst nicht eigenen Unruhe, als versuchte sie Oblomow mit der Stimme zurückzuhalten.
– Ich kann nicht länger warten – beschloß er, die Thür öffnend.
Als der Hund ihn herauskommen sah, begann er wieder zu bellen und an der Kette zu zerren. Der Kutscher, der sich bis dahin auf den Ellbogen gestützt und geschlafen hatte, begann die Pferde zurückzutreiben, die Hühner stoben wieder aufgeregt auseinander und aus den Fenstern schauten wieder ein paar Köpfe heraus.
