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Kitabı oku: «Aufzeichnungen eines Jägers», sayfa 18

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»Nun, soll er sich nur setzen, ich trinke aber auf seine Gesundheit«, sagte Obaldui und ging zum Schenktisch. »Auf deine Rechnung, Bruder«, fügte er hinzu, zum Bauführer gewandt.

Jener nickte mit dem Kopf, setzte sich auf die Bank, holte aus der Mütze ein Handtuch und begann sich das Gesicht abzuwischen; Obaldui trank indessen mit hastiger Gier ein Glas aus, wobei er nach Art der Gewohnheitstrinker krächzte und traurig und besorgt um sich blickte.

»Du singst gut, Bruder, gut«, bemerkte Nikolai Iwanytsch freundlich. »Jetzt bist du an der Reihe, Jascha, paß auf, daß dir nicht die Courage ausgeht. Wollen wir sehen, wer wen übertrifft . . . Wollen wir sehen . . . Aber der Bauführer singt gut, bei Gott, gut.«

»Sehr gut«, bemerkte die Frau Nikolai Iwanytschs, mit einem Lächeln auf Jakow blickend.

»Gut!« wiederholte halblaut mein Nachbar.

»Ach du, verdächtiger Poljeche!«Poljechen nennt man die Bewohner von Poljeßje, – einem langgestreckten, waldigen Landstreifen, der an der Grenze der Landkreise von Bolchow und Schisdra beginnt. Sie zeichnen sich durch viele Eigenheiten in der Lebensweise, in den Sitten und in der Sprache aus und gelten als argwöhnisch und schwerfällig. Sie begleiten fast jedes Wort mit den Interjektionen »Ga!« und »Badje!«. Panjaj heißt »Nur zu!« (Anmerkung Turgenjews) brüllte plötzlich Obaldui; dann trat er zu dem Bauern mit dem Loch an der Schulter, deutete mit dem Finger auf ihn, begann zu hüpfen und brach in ein zittriges Lachen, aus. »Poljeche! Poljeche! Ga badje panjaj, du Verdächtiger! Warum bist du hergekommen?« schrie er lachend.

Der arme Bauer wurde verlegen und wollte schon aufstehen und schnell fortgehen, als plötzlich die eherne Stimme des Wilden Herrn erklang. »Was ist das für ein unerträgliches Vieh!« versetzte er, mit den Zähnen knirschend.

»Ich tue nichts«, murmelte Obaldui, »ich tue nichts . . . ich habe nur so . . .«

»Also gut, schweig!« entgegnete der Wilde Herr. »Jakow, fang an!«

Jakow griff sich mit der Hand an die Gurgel.

»Ich weiß nicht, Bruder, es ist etwas . . . Hm . . . Ich weiß wirklich nicht . . .«

»Hör auf und verlier nicht die Courage. Schäme dich . . .! Was machst du für Geschichten . . .? Sing, wie Gott dir befiehlt.«

Und der Wilde Herr senkte erwartungsvoll das Gesicht.

Jakow schwieg eine Weile, sah sich um und bedeckte sich das Gesicht mit der Hand. Alle verschlangen ihn mit den Augen, besonders der Bauführer, dessen Gesicht neben der gewohnten Sicherheit und Siegesgewißheit auch eine unwillkürliche leichte Unruhe zeigte. Er lehnte sich an die Wand, steckte wieder beide Hände unter sich, baumelte aber nicht mehr mit den Füßen. Und als Jakow endlich sein Gesicht enthüllte, war es bleich wie das eines Toten, und die Augen leuchteten kaum durch die gesenkten Wimpern. Er holte tief Atem und begann zu singen . . . Der erste Ton seiner Stimme war schwach und ungleichmäßig und schien nicht aus seiner Brust zu kommen, sondern aus der Ferne, als hätte er sich zufällig in die Stube verirrt. Seltsam wirkte dieser zitternde, klingende Ton auf uns alle; wir sahen einander an, und die Frau Nikolai Iwanytschs richtete sich auf. Diesem ersten Ton folgte ein zweiter, sicherer und getragener, aber immer noch zitternd wie eine Saite, die unter einem starken Finger plötzlich erklingend, ihre letzten Schwingungen ersterben läßt; dem zweiten Ton folgte ein dritter, und das schwermütige Lied floß immer wärmer und breiter dahin. Er sang: »Nicht ein Weglein ist im Felde«, und uns allen wurde es süß und so bang ums Herz. Ich muß gestehen: Selten habe ich eine solche Stimme gehört. Sie klang wie gesprungen, anfangs sogar etwas krankhaft, aber es lag in ihr eine unverfälschte tiefe Leidenschaft, Jugend, Kraft, Süße und eine eigentümliche, hinreißend sorglose Sehnsucht und Trauer. Die wahre, heiße Russenseele klang und atmete darin und griff einen ans Herz, rührte an den russischen Saiten. Das Lied schwoll an und wuchs. Jakow geriet sichtlich in Begeisterung; er fürchtete sich nicht mehr, er gab sich ganz seinem Glücke hin; seine Stimme bebte nicht mehr, sie zitterte, aber nur von jener kaum merklichen inneren Leidenschaft, die sich wie ein Pfeil in die Seele des Hörers bohrt; sie erstarkte fortwährend, wurde sicherer und mächtiger. Ich erinnere mich, wie ich einmal abends während der Ebbe auf einem flachen, sandigen Ufer des Meeres, das drohend und schwer in der Ferne brauste, eine große weiße Möwe sah; sie saß unbeweglich, die seidige Brust dem blutroten Schein des Abendrotes zugewendet, und breitete nur ab und zu ihre langen Flügel langsam dem ihr vertrauten Meer, der tief stehenden dunkelroten Sonne entgegen; als ich Jakow zuhörte, kam sie mir in den Sinn. Er sang, ohne an seinen Gegner und an uns alle zu denken, aber sichtbar von unserer leidenschaftlichen, stummen Teilnahme wie ein rüstiger Schwimmer von den Wogen getragen. Er sang, und aus jedem Ton seiner Stimme wehte uns etwas Verwandtes und grenzenlos Weites an, als breitete sich vor uns die vertraute, in der unendlichen Ferne verschwindende Steppe. Aus meinem Herzen, ich fühlte es, stiegen mir in die Augen heiße Tränen auf; ein dumpfes, verhaltenes Schluchzen überraschte mich plötzlich . . . ich sah mich um: Die Frau des Schenkwirts weinte, mit der Brust ans Fenster gelehnt. Jakow warf ihr einen schnellen Blick zu, und seine Stimme ergoß sieh noch klangvoller, noch süßer als vorher; Nikolai Iwanytsch senkte die Augen, Morgatsch hatte sich abgewandt; Obaldui stand, ganz matt vor Genuß, mit dumm geöffnetem Munde da; das graue Bäuerlein schluchzte leise im Winkel und schüttelte, traurig flüsternd, den Kopf; über das eiserne Gesicht des Wilden Herrn rollte aus seinen ganz zusammengezogenen Brauen langsam eine schwere Träne; der Bauführer drückte die geballte Faust an die Stirn und rührte sich nicht . . . Ich weiß nicht, wie die allgemeine, qualvolle Spannung sich gelöst hätte, wenn nicht Jakow plötzlich mit einem hohen, ungewöhnlich feinen Ton geendigt hätte – es war, als wäre seine Stimme gerissen. Niemand schrie auf, niemand rührte sich; alle schienen zu warten, ob er nicht noch etwas sänge; aber er öffnete die Augen, wie über unser Schweigen erstaunt, sah sich fragend im Kreise um und merkte, daß der Sieg sein war . . .

»Jascha . . .«, sagte der Wilde Herr, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte und verstummte.

Wir standen alle wie erstarrt da. Der Bauführer erhob sich leise und ging auf Jakow zu. »Du . . . du . . . du hast gesiegt«, brachte er endlich mit Mühe hervor und stürzte aus dem Zimmer.

Seine schnelle, entschlossene Bewegung löste gleichsam den Zauber: Alle begannen plötzlich laut und freudig zu sprechen. Obaldui sprang in die Höhe, stammelte etwas und fuchtelte mit den Händen wie eine Windmühle mit ihren Flügeln; Morgatsch ging humpelnd auf Jakow zu und begann ihn abzuküssen; Nikolai Iwanytsch erhob sich und erklärte feierlich, daß er seinerseits ein Achtel Bier zulege; der Wilde Herr lachte ein so gutmütiges Lachen, wie ich es auf seinem Gesicht niemals erwartet hätte; das graue Bäuerlein redete fortwährend in seiner Ecke, indem es sich mit beiden Ärmeln Augen, Wangen, Nase und Bart abwischte: »Das war schön, bei Gott, schön, ich will ein Hundesohn sein, wenn es nicht schön war!« Aber die Frau Nikolai Iwanytschs erhob sich, über und über rot, und ging schnell hinaus. Jakow freute sich über seinen Sieg wie ein Kind; sein ganzes Gesicht war verwandelt; besonders seine Augen strahlten vor Glück. Man schleppte ihn zum Schenktisch, er rief auch das weinende graue Bäuerlein heran, schickte den Sohn des Schenkwirts nach dem Bauführer, den jener aber nicht auffinden konnte, und die Zecherei ging los – »Du wirst uns noch etwas vorsingen, du wirst uns bis zum Abend singen!« wiederholte Obaldui mit erhobenen Händen.

Ich sah mir noch einmal Jakow an und ging hinaus. Ich wollte nicht bleiben, denn ich fürchtete meinen Eindruck zu verderben. Die Hitze draußen war aber ebenso unerträglich wie zuvor. Sie hing gleichsam als eine dichte, schwere Schicht über der Erde; es war, als kreisten im dunkelblauen Himmel inmitten des feinsten, fast schwarzen Staubes kleine helle Feuerchen. Alles schwieg; in diesem tiefen Schweigen der ermatteten Natur lag etwas Hoffnungsloses, Erdrücktes. Ich erreichte den Heuschuppen und legte mich auf das eben gemähte, aber schon fast trockene Gras. Lange konnte ich nicht einschlafen; lange klang mir in den Ohren die sieghafte Stimme Jakows . . . endlich forderten die Hitze und die Müdigkeit ihr Recht, und ich versank in einen tiefen Schlaf. Als ich erwachte, war alles schon dunkel geworden; das Gras, das um mich herumlag, duftete stark und war ein wenig feucht geworden; durch die dünnen Latten des halboffenen Daches blinkten blasse Sterne. Ich trat hinaus. Das Abendrot war schon längst erloschen, und seine letzten Spuren schimmerten bleich und kaum noch sichtbar am Horizont; aber in der Luft, die ebenso glühend gewesen war, ließ sich durch die nächtliche Frische noch immer die Hitze fühlen, und die Brust sehnte sich noch immer nach einem kühlen Hauch. Es war windstill, keine Wolke war zu sehen; der Himmel breitete sich ringsum ganz rein, durchsichtig und dunkel aus, und zahllose, aber kaum sichtbare Sterne flimmerten darin. Im Dorf wurden kleine Feuer sichtbar; aus der nahen, hellerleuchteten Schenke drang ein wirrer, unordentlicher Lärm, in dem ich die Stimme Jakows zu unterscheiden glaubte. Ab und zu erhob sich dort ein wildes Gelächter. Ich trat ans Fenster und drückte mein Gesicht an die Scheibe. Ich erblickte ein unerfreuliches, wenn auch buntes und lebendiges Bild: Alles war betrunken, alles, und Jakow als erster. Er saß mit entblößter Brust auf der Bank, sang mit heiserer Stimme irgendein Straßentanzlied und zupfte träge an den Saiten einer Gitarre. Die nassen Haare hingen ihm in Strähnen über sein schrecklich bleiches Gesicht herab. In der Mitte der Schenke tanzte Obaldui, der ganz ›aus dem Leime gegangen‹ war, ohne Kaftan vor dem Bauern im grauen Kittel. Der Bauer seinerseits stampfte und scharrte mit seinen schwach gewordenen Füßen, lächelte sinnlos durch seinen zerzausten Bart und bewegte dann und wann eine Hand, als wollte er sagen: ›Jetzt ist alles gleich!‹ Nichts konnte komischer sein als sein Gesicht; wie sehr er sich auch bemühte, die Brauen in die Höhe zu ziehen, die Lider wollten sich nicht heben und lagen schwer auf seinen kaum sichtbaren, trunkenen, doch zuckersüßen Äuglein. Er befand sich in jenem lieblichen Zustand eines vollkommen betrunkenen Menschen, wo jeder Vorübergehende beim Anblick seines Gesichts unbedingt sagen wird: ›Du bist gut, Bruder, sehr gut!‹ Morgatsch, rot wie ein Krebs, mit weitgeöffneten Nasenlöchern, lächelte giftig aus seiner Ecke hervor; nur Nikolai Iwanytsch allein bewahrte, wie es einem echten Schenkwirt geziemt, seine unveränderliche Kaltblütigkeit. In der Stube hatten sich viele neue Personen angesammelt; den Wilden Herrn sah ich aber nicht mehr.

Ich wandte mich ab und begann mit raschen Schritten den Hügel hinabzusteigen, auf dem Kolotowka liegt. An der Sohle dieses Flügels breitet sich eine weite Ebene aus; von den Wellen des Abendnebels überschwemmt, schien sie noch weiter, als flösse sie mit dem dunkel gewordenen Himmel zusammen. Ich stieg mit großen Schritten die Straße längs der Kluft hinunter, als plötzlich irgendwo weit in der Ebene eine helle Knabenstimme ertönte, – »Antropka! Antropka-a-a . . .!« schrie sie mit hartnäckiger, weinerlicher Verzweiflung, die letzte Silbe in die Länge dehnend.

Der Junge verstummte auf einige Augenblicke und begann dann wieder zu schreien. Seine Stimme klang laut durch die unbewegliche, leise-schlummernde Luft. Mindestens dreißigmal hatte er den Namen Antropka gerufen, als plötzlich vom anderen Ende des Tales wie aus einer anderen Welt die kaum hörbare Antwort ertönte: »Wa-a-a-as?«

Die Stimme des Jungen schrie mit freudiger Bosheit:

»Komm her, du Teufel, du Wa-a-a-ldmann!«

»Wozu-u-u-u?« antwortete jener nach langer Zeit.

»Weil Vater dir Ruten geben wi-i-i-ill!« antwortete schnell die erste Stimme.

Die zweite Stimme meldete sich nicht mehr, und der Junge fuhr fort, Andropka anzurufen. Seine Rufe schlugen immer seltener und leiser an mein Ohr, als es schon ganz dunkel geworden war und ich um den Rand des Waldes bog, der mein Gütchen umgibt und etwa vier Werst von Kolotowka liegt . . .

»Antropka-a-a!« glaubte ich noch immer in der von den nächtlichen Schatten erfüllten Luft zu hören.

Pjotr Petrowitsch Karatajew

Vor etwa fünf Jahren mußte ich einmal im Herbst auf der Reise von Moskau nach Tula fast einen ganzen Tag wegen Mangel an Pferden in einem Posthaus sitzen. Ich kehrte von einer Jagd zurück und hatte die Unvorsichtigkeit begangen, meine Troika vorauszuschicken. Der Stationsaufseher, ein schon bejahrter, mürrischer Mann mit Haaren, die ihm bis an die Nase herabhingen, und kleinen, verschlafenen Augen, antwortete mir auf alle meine Klagen und Bitten mit einem abgerissenen Brummen. Er schlug wütend die Tür zu, als verfluchte er selbst sein Amt, und schimpfte, vor die Tür hinausgehend, auf die Postkutscher, die langsam, mit zentnerschweren Krummhölzern in den Händen, durch den Schmutz wateten oder gähnend und sich kratzend auf der Bank saßen und den zornigen Ausrufen ihres Vorgesetzten keine besondere Beachtung schenkten. Ich hatte schon dreimal Tee getrunken, einige Male vergebens einzuschlafen versucht und alle Aufschriften an den Fenstern und den Wänden gelesen; mich plagte eine entsetzliche Langweile. Mit einer kalten und hoffnungslosen Verzweiflung blickte ich auf die emporgehobenen Deichseln meines Reisewagens, als plötzlich ein Glöckchen ertönte und ein nicht sehr großer, einfacher Wagen, mit drei abgematteten Pferden bespannt, vor dem Posthaus hielt. Der Reisende sprang aus dem Wagen und trat mit dem Ruf: »Pferde! Schnell!« ins Zimmer. Während er mit der üblichen großen Überraschung die Antwort des Aufsehers anhörte, daß keine Pferde da seien, hatte ich Zeit, mit der ganzen Neugier eines sich langweilenden Menschen meinen neuen Schicksalsgenossen vom Kopf bis zu den Füßen zu betrachten. Dem Aussehen nach mochte er an die dreißig Jahre alt sein. Die Blattern hatten auf seinem trockenen gelblichen Gesicht mit einem unangenehmen Schimmer von Messing unverwischbare Spuren hinterlassen; die blauschwarzen, langen Haare lagen hinten auf seinem Kragen in Locken und bildeten vorn an den Schläfen kühne Ringel, die kleinen, geschwollenen Augen blickten ausdruckslos; über der Oberlippe standen einige Härchen. Er war gekleidet wie ein lustiger Gutsbesitzer, der sich auf den Pferdejahrmärkten herumtreibt: Er trug einen bunten, ziemlich schmierigen Jagdrock, eine lilaseidene Halsbinde, eine Weste mit Messingknöpfen und graue, unten in breiten Trichtern auslaufende Hose, aus der die Spitzen der ungeputzten Stiefel kaum herausblickten. Er roch stark nach Tabak und Branntwein; auf seinen roten, dicken Fingern, die von den Ärmeln des Jagdrockes fast bedeckt waren, sah man silberne und Tulaer Ringe. Solche Gestalten trifft man in Rußland nicht zu Dutzenden, sondern zu Hunderten; die Bekanntschaft mit ihnen ist, offen gestanden, gar kein Vergnügen. Aber trotz des Vorurteils, mit dem ich den Reisenden betrachtete, konnte mir sein sorglos gutmütiger und leidenschaftlicher Gesichtsausdruck nicht entgehen.

»Auch dieser Herr da wartet schon länger als eine Stunde«, sagte der Aufseher, auf mich zeigend.

»Länger als eine Stunde!« Der Verbrecher machte sich über mich noch lustig!

»Der Herr hat vielleicht nicht solche Eile«, antwortete der Reisende.

»Das können wir nicht wissen«, sagte der Aufseher mürrisch.

»Geht es denn wirklich nicht? Gibt es gar keine Pferde?»

»Es geht nicht. Es ist kein einziges Pferd da.«

»Lassen Sie mir dann den Samowar bereiten. Wir wollen warten, nichts zu machen.«

Der Reisende setzte sich auf die Bank, warf die Mütze auf den Tisch und fuhr sich mit der Hand durch das Haar.

»Haben Sie schon Tee getrunken?« fragte er mich.

»Ja.«

»Trinken Sie vielleicht zur Gesellschaft noch einmal?»

Ich willigte ein. Der rote Samowar erschien zum viertenmal auf dem Tisch. Ich holte eine Flasche Rum hervor. Ich hatte mich nicht geirrt, als ich den Fremden für einen kleinbegüterten Edelmann hielt. Er hieß Pjotr Petrowitsch Karatajew.

Wir kamen ins Gespräch. Es war noch keine halbe Stunde seit seiner Ankunft vergangen, als er mir schon mit der gutmütigsten Aufrichtigkeit sein ganzes Leben erzählt hatte.

»Jetzt fahre ich nach Moskau«, sagte er mir, indem er das vierte Glas leerte. »Auf dem Land habe ich jetzt nichts mehr zu tun.«

»Warum denn nichts?«

»Absolut nichts. Die Wirtschaft ist in Unordnung, die Bauern habe ich, offen gestanden, ruiniert; dann kamen schlechte Jahre dazwischen: Mißernten, wissen Sie. Unglücksfälle . . . Übrigens«, fügte er hinzu mit einem traurigen Blick auf die Seite, »was bin ich auch für ein Landwirt!»

»Warum denn?«

»Aber nein«, unterbrach er mich, »sieht denn ein Landwirt so aus! Sehen Sie«, fuhr er fort, indem er den Kopf auf die Seite neigte und eifrig an seiner Pfeife sog, »wenn Sie mich so ansehen, können Sie vielleicht denken, daß ich . . . aber ich muß Ihnen sagen, daß ich nur eine mittelmäßige Erziehung genossen habe; die Mittel fehlten. Entschuldigen Sie, ich bin ein aufrichtiger Mensch und schließlich . . .«

Er beendete seine Rede nicht und winkte abwehrend mit der Hand. Ich begann, ihm zu versichern, daß er sich irre, daß ich mich über unsere Begegnung sehr freue und so weiter. Dann bemerkte ich, daß die Verwaltung eines Gutes, wie ich glaube, keine besondere Bildung erfordere.

»Einverstanden«, antwortete er, »ich bin mit Ihnen einverstanden. Aber es ist doch eine besondere Anlage dazu nötig! Mancher stellt Gott weiß was an, und es schadet ihm nicht! Aber ich . . . Gestatten Sie die Frage, sind Sie aus Petersburg oder aus Moskau?«

»Aus Petersburg.«

Er paffte eine lange Rauchsäule durch die Nase.

»Ich fahre aber nach Moskau, um mir eine Stelle zu suchen.«

»Wo beabsichtigen Sie denn einzutreten?«

»Ich weiß es nicht, wie es sich trifft. Offen gestanden, habe ich Angst vor dem Dienst: So leicht kann man zur Verantwortung gezogen werden. Ich habe immer auf dem Land gelebt; ich bin es so gewöhnt, wissen Sie . . . aber es ist nichts zu machen . . . die Not! Ach, diese Not . . .«

»Dafür werden Sie in der Hauptstadt leben.«

»In der Hauptstadt . . . nun, ich weiß nicht, was an der Hauptstadt gut ist. Wir wollen sehen, vielleicht ist es wirklich gut . . . Aber ich glaube doch, daß es nichts Besseres gibt als das Landleben.«

»Können Sie denn nicht mehr auf dem Land leben?«

Er seufzte auf. »Ich kann nicht, das Gut gehört mir fast nicht mehr.«

»Wieso?»

»Es gibt dort so einen guten Menschen, einen Nachbarn . . . der hat einen Wechsel . . .« Der arme Pjotr Petrowitsch fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dachte nach und schüttelte den Kopf.

»Was soll man noch reden . . .! Offen gestanden«, fügte er nach einem kurzen Schweigen hinzu, »darf ich mich über niemanden beklagen, ich bin selbst schuld. Ich habe gern großgetan . . .! Ich liebe es, hol’s der Teufel, großzutun!«

»Haben Sie auf dem Land flott gelebt?« fragte ich ihn.

»Mein Herr«, antwortete er langsam, mir gerade in die Augen blickend, »ich besaß zwölf Koppel Jagdhunde, solche Jagdhunde, sage ich Ihnen, wie es wenig gibt.« Das letzte Wort sprach er in einem singenden Ton. »Einen Hasen erwischten sie im Nu und gegen Pelzwild waren sie wie Schlangen, wie Ottern. Auch auf meine Windhunde konnte ich stolz sein. Jetzt ist es vorbei, also brauche ich nicht zu lügen. Ich jagte auch mit dem Gewehr. Ich hatte eine Hündin, Komtesse; die stand wie eine Mauer, hatte eine vortreffliche Nase. Manchmal ging ich mit ihr ans Moor und sagte ihr: ›Such!‹ Wenn die dann nicht zu suchen anfing, so hätte man mit einem Dutzend Hunde hingehen können: nichts zu holen! Wenn sie aber zu suchen anfing, so konnte sie vor Eifer krepieren . . .! Im Zimmer war sie so höflich: Gab man ihr ein Stück Brot mit der linken Hand, und sagte dabei: ›Ein Jude hat davon gegessen‹, so nahm sie es nicht; gab man es ihr aber mit der rechten und sagte: ›Ein Fräulein hat davon gegessen‹, so nahm sie es gleich und fraß es auf. Ich hatte ein Junges von ihr, ein ausgezeichnetes Junges, ich wollte es nach Moskau mitnehmen, aber ein Freund hat es sich von mir mit dem Gewehr zusammen ausgebeten; er sagte: ›In Moskau wirst du dafür keine Zeit haben; dort werden ganz andere Sachen kommen, Bruder.‹ So gab ich ihm das Junge und auch das Gewehr; es ist, wissen Sie, schon alles dort geblieben.«

»In Moskau könnten Sie ja auch gar nicht auf die Jagd gehen.«

»Nein, wozu auch? Habe ich mich nicht zu beherrschen verstanden, so muß ich jetzt leiden. Gestatten Sie lieber die Frage: Ist das Leben in Moskau teuer?«

»Nein, nicht sehr.«

»Nicht sehr . . .? Sagen Sie, in Moskau gibt es doch Zigeuner?«

»Was für Zigeuner?«

»Die auf den Jahrmärkten herumreisen?«

»Ja, die leben in Moskau . . .«

»Nun, das ist gut. Ich liebe die Zigeuner, hol’ mich der Teufel, ich liebe sie . . .«

Die Augen Pjotr Petrowitschs leuchteten vor verwegener Lust. Aber plötzlich rückte er auf seiner Bank unruhig hin und her, wurde dann nachdenklich, senkte den Kopf und hielt mir sein leeres Glas hin.

»Geben Sie mir mal von Ihrem Rum«, sagte er.

»Aber es ist kein Tee mehr da!«

»Macht nichts, ich trinke ihn ohne Tee . . . Ach!«

Karatajew legte den Kopf auf die Hände und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch. Ich sah ihn schweigend an und erwartete schon jene Gefühlsausbrüche, vielleicht sogar jene Tränen, mit denen ein angetrunkener Mensch zu freigebig ist; als er aber den Kopf hob mußte ich über den tief traurigen Ausdruck seines Gesichts staunen.

»Was ist Ihnen?«

»Es ist nichts . . . ich dachte an die alten Zeiten. Es ist so eine Anekdote . . . Ich würde sie Ihnen erzählen, aber ich schäme mich, Sie zu belästigen . . .«

»Aber erlauben Sie!«

»Ja«, fuhr er mit einem Seufzer fort, »es gibt solche Fälle . . . zum Beispiel auch mit mir. Wenn Sie wollen, erzähle ich es Ihnen. Übrigens weiß ich nicht . . .«

»Erzählen Sie doch, liebster Pjotr Petrowitsch.«

»Meinetwegen, obwohl es auch . . . Sehen Sie«, begann er, »aber ich weiß wirklich nicht . . .«

»Aber machen Sie doch keine Umstände, liebster Pjotr Petrowitsch!«

»Nun, meinetwegen. Mit mir ist also sozusagen folgendes passiert. Ich lebte auf dem Land . . . Plötzlich fiel mir ein Mädchen auf, ach, war das ein Mädchen . . . schön, klug und so gut! Sie hieß Matrjona. Sie war aber ein einfaches Mädel, das heißt, Sie verstehen, eine leibeigene Magd. Das Mädel gehörte auch nicht mir, sondern wem anders, das war das Unglück. Nun, ich verliebte mich in sie – wirklich solch eine Anekdote –, auch sie sich in mich. So fing mich Matrjona zu bitten an: Ich solle sie von ihrer Herrin loskaufen; ich hatte auch schon selbst daran gedacht . . . Ihre Herrin war aber eine reiche, schreckliche alte Schachtel; sie wohnte an die fünfzehn Werst von mir entfernt. Eines schönen Tages, wie man so sagt, ließ ich mir also meine Troika anspannen – zum Mittelpferd hatte ich einen Paßgänger, einen wilden Asiaten, dafür hieß er auch Lampurdos –, kleidete mich etwas besser an und fuhr zu Matrjonas Herrin . . . Ich komme an – ein großes Haus mit Nebenflügeln und einem Garten . . . Matrjona hatte mich an der Straßenbiegung erwartet, wollte mit mir sprechen, küßte mir aber nur die Hand und trat auf die Seite. Ich komme ins Vorzimmer und frage: ›Zu Hause . . .?‹ Ein langer Lakai antwortet mir: ›Wen darf ich anmelden?‹ Ich sage ihm: ›Melde, mein Bester, der Gutsbesitzer Karatajew sei gekommen, um ein Geschäft zu besprechen.‹ Der Lakai ging. Ich warte und denke mir: Was wird wohl werden? Die Bestie wird wohl ein Heidengeld verlangen und wenn sie auch noch so reich ist. Sie fordert vielleicht an die fünfhundert Rubel. Endlich kommt der Lakai zurück und sagt: ›Bitte.‹ Ich folge ihm ins Gastzimmer. In einem Lehnstuhl sitzt eine kleine gelbliche Alte und zwinkert mit den Augen. ›Was wünschen Sie?‹ – Ich hielt es, wissen Sie, für nötig, ihr zuerst zu erklären, daß ich mich freue, ihre Bekanntschaft zu machen. – »Sie irren sich, ich bin nicht die Gutsbesitzerin, sondern nur eine Verwandte . . . Was wünschen Sie?‹ – Ich bemerkte ihr sogleich, daß wie alt ich sei, wo ich gedient hätte und was ich vorhabe – und alles so hochmütig und von oben herab. Ich antwortete ihr auf alles ausführlich. Die Alte nimmt ein Tuch vom Tisch, fächelt sich damit und sagt: ›Katerina Karpowna hat mir von Ihrer Absicht erzählt, ja, sie hat es mir erzählt. Aber‹, sagt sie, ›ich habe es mir zur Regel gemacht, niemanden von meinen Leuten in fremde Dienste zu geben. Es schickt sich nicht in einem anständigen Hause, und es ist auch keine Art. Ich habe‹, sagt sie, ›schon meine Anordnungen getroffen, und Sie brauchen sich keine Sorgen mehr zu machen.‹ – ›Was für Sorgen, ich bitte sie . . .! Vielleicht brauchen Sie die Matrjona Fjodorowna?‹ – ›Nein‹, sagt sie, ›ich brauche sie nicht.‹ – ›Warum wollen Sie sie mir dann nicht abtreten?‹ – ›Weil es mir nicht paßt, weil es mir nicht paßt und fertig. Ich habe‹, sagt sie, ›schon meine Anordnungen getroffen: Sie wird auf ein Steppengut geschickt.‹ – Ich war wie vom Blitz getroffen. Die Alte sagte ein paar Worte auf französisch zu dem grünen Fräulein, und jenes ging hinaus. – ›Ich bin‹, sagte sie, ›eine Frau von strengen Grundsätzen, und meine Gesundheit ist schwach, ich kann keine Aufregung ertragen. Sie sind noch ein junger Mann, ich aber bin eine alte Frau und habe das Recht, Ihnen Ratschläge zu geben. Wäre es nicht besser für Sie, eine gute Partie zu suchen und zu heiraten? Reiche Partien sind selten, aber ein armes, junges Mädchen von guten Sitten kann man wohl finden.‹ – Wissen Sie, ich sehe die Alte an und verstehe nicht, was sie da schwatzt; ich höre, sie redet von einer Heirat, mir klingt aber das Steppendorf immer in den Ohren. Heiraten . . .! Den Teufel auch . . .« Der Erzähler hielt plötzlich inne und sah mich an.

»Sie sind doch nicht verheiratet?«

»Nein.«

»Nun, man kennt es ja. Ich konnte mich nicht beherrschen: ›Ich bitte Sie, Mütterchen, was reden Sie für einen Unsinn: Wer denkt ans Heiraten? Ich möchte von Ihnen einfach wissen, ob Sie mir Ihr leibeigenes Mädel Matrjona abtreten wollen oder nicht!‹ – Die Alte fing an zu stöhnen: – ›Ach, er hat mich so aufgeregt! Ach, sagt ihm, er solle gehen! Ach . . .!‹ Die Verwandte sprang auf sie zu und fing an, auf mich zu schreien. Die Alte stöhnt aber immer: ›Womit habe ich das verdient . . .? Ich bin wohl nicht mehr Herrin in meinem Hause? Ach, ach!‹ – Ich griff nach meinem Hut und rannte wie verrückt hinaus.«

»Vielleicht«, fuhr der Erzähler fort, »werden Sie mich dafür tadeln, daß ich mich so sehr an ein Mädel aus niederem Stande gehängt hatte; ich habe nicht die Absicht, mich zu rechtfertigen . . . es war eben so gekommen! Glauben Sie mir, ich fand weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe . . . Ich quälte mich! Warum, dachte ich mir, habe ich das unglückliche Mädel zugrunde gerichtet! Wenn ich mir nur vorstellte, sie müsse in grober Kleidung die Gänse hüten, werde auf herrschaftlichen Befehl schlecht behandelt oder vom Schulzen, einem Bauern in geteerten Stiefeln, auf das gemeinste beschimpft, so kam mir der kalte Schweiß. Nun, ich hielt es nicht aus, ich erfuhr, in welches Dorf man sie verschickt hatte, stieg in den Sattel und ritt hin. Erst am nächsten Tag gegen Abend kam ich hin. Offenbar hatte man von mir einen solchen Streich nicht erwartet und keinerlei Anordnungen für einen solchen Fall getroffen. Ich komme direkt zum Schulzen, als wäre ich ein Nachbar; ich trete in den Hof und sehe: Matrjona sitzt auf der Treppe, den Kopf in die Hand gestützt. Sie schrie leise auf, aber ich drohte ihr mit dem Finger und zeigte auf das freie Feld hinter dem Hof. Dann trat ich in die Stube, plauderte mit dem Schulzen, log ihm das Blaue vom Himmel herunter, wartete einen günstigen Augenblick ab und ging zu Matrjona hinaus. Die Ärmste fiel mir um den Hals. Blaß und mager war mein Täubchen geworden. Wissen Sie, ich sage ihr: ›Hör auf, Matrjona, hör auf, weine nicht . . .‹, mir laufen aber dabei die Tränen die Wangen herab . . . Endlich schämte ich mich doch und sagte zu ihr: ›Matrjona, Tränen helfen nichts, man muß aber sozusagen entschlossen handeln, du mußt mit mir fliehen; ja, ja, so muß man handeln!‹ Matrjona war ganz starr. ›Das geht doch nicht! Ich stürze mich ins Unglück, sie werden mich dann ganz auffressen!‹ – ›Du Dumme, wer wird dich finden?‹ – ›Man wird mich finden, man wird mich ganz gewiß finden! Ich danke Ihnen, Pjotr Petrowitsch, nie werde ich Ihnen Ihre Güte vergessen, aber jetzt verlassen Sie mich, so ist wohl einmal mein Schicksal.‹ – ›Ach, Matrjona, Matrjona, ich habe dich doch für ein Mädel von Charakter gehalten.‹ – Sie hatte in der Tat viel Charakter . . . ein goldenes Herz hatte sie! – ›Was sollst du hier bleiben? Es ist doch alles eins; schlimmer kann es gar nicht werden. Sag doch: Hast du nicht die Fäuste des Schulzen gekostet, was?‹ Matrjona flammte auf und ihre Lippen zitterten. – ›Wenn ich es tue, wird man meiner Familie das Leben sauer machen.‹ – ›Geh mir mit deiner Familie . . . Wird man sie vielleicht verschicken?‹ – ›Man wird sie verschicken; meinen Bruder wird man ganz sicher verschicken.‹ – ›Und den Vater?‹ – ›Den Vater wird man nicht verschicken; er ist bei uns der einzige gute Schneider.‹ – ›Nun siehst du es; dein Bruder wird deshalb nicht zugrunde gehen.‹ – Glauben Sie es mir, ich hatte viel Mühe, sie zu überreden; es fiel ihr sogar ein, man würde auch mich zur Verantwortung ziehen . . . ›Das ist nicht deine Sache‹, sagte ich ihr . . . Endlich entführte ich sie doch . . . nicht dieses Mal, aber ein anderes: Ich kam nachts mit einem Wagen gefahren und entführte sie.«

»Sie entführten sie?«

»Ja, ich entführte sie . . . So blieb sie bei mir wohnen. Mein Häuschen ist klein, viel Dienstboten habe ich nicht. Meine Leute, ich kann es offen sagen, achteten mich hoch; sie hätten mich um nichts in der Welt verraten. Mein Leben wurde schön. Matrjona erholte sich und kam zu Kräften; ich hing an ihr sehr . . . Ach, war das ein Mädel! Wo hatte sie das nur her? Sie verstand zu singen und zu tanzen und auch Gitarre zu spielen . . . Den Nachbarn zeigte ich sie nicht: Wie leicht hätten sie es ausplaudern können! Ich hatte aber einen Herzensfreund, Pantelej Gornostajew – kennen Sie ihn nicht? Der war ganz vernarrt in sie; er küßte ihr wie einer Gnädigen die Hände, wirklich! Ich muß Ihnen auch sagen: Dieser Gornostajew ist ein ganz anderer Mensch als ich. Ein gebildeter Mensch, den ganzen Puschkin hatte er gelesen; wenn er zuweilen mit mir und mit Matrjona sprach, so rissen wir nur den Mund auf. Er lehrte sie sogar schreiben, der Kauz! Wie ich sie aber kleidete – viel besser als die Gouverneurin; ich ließ ihr einen Mantel machen aus himbeerrotem Samt mit Pelzbesatz . . . Wie gut ihr dieser Mantel stand! Den Mantel hatte eine Moskauer Madame nach der neuesten Mode auf Taille genäht. So sonderbar ist diese Matrjona! Manchmal sitzt sie stundenlang nachdenklich da, blickt auf den Boden und zuckt mit keiner Braue; ich sitze auch dabei, sehe sie an und kann mich gar nicht satt sehen, als sähe ich sie zum erstenmal . . . Sie lächelt, und das Herz bebt mir im Leibe, als kitzelte mich jemand. Oder sie fängt plötzlich an zu lachen, zu scherzen, zu tanzen; sie umarmt mich so fest, so heiß, daß mir der Kopf schwindelt. Von früh bis spät denke ich mir manchmal: Womit kann ich ihr eine Freude machen? Glauben Sie mir; ich beschenkte sie, nur um zu sehen, wie sie vor Freude rot wird, wie sie mein Geschenk anprobiert und mit dem neuen Putz auf mich zugeht und mich küßt. – Es ist unbekannt, auf welche Weise ihr Vater Kulik Wind von der Sache bekam; der Alte kam, um uns beide zu sehen; und fing bitter zu weinen an . . . So lebten wir an die fünf Monate; wie gerne hätte ich mit ihr mein ganzes Leben verbracht, aber ich habe einmal so ein verfluchtes Schicksal!«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
510 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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