Kitabı oku: «Putin», sayfa 3
Man kann dem entgegenhalten, dass jedes Land das Recht hat, der NATO anzugehören, und dass Russland zu Unrecht in diese Entscheidungen eingreift. Das ist richtig, aber nicht wirklich das Problem: Es stellt sich nicht die Frage nach einem NATO-Beitrittsrecht für Länder, sondern ob es für die Allianz selbst sinnvoll ist, bestimmte Mitglieder aufzunehmen. Denn Wladimir Putin hat sehr wohl verstanden, dass der Beitrittsprozess bisher irrational verlief, insbesondere weil der atomare Aspekt des Problems ausgeklammert wurde.
Der Beitritt zu einer Allianz ist offensichtlich keine harmlose Angelegenheit, denn er bringt Verpflichtungen für alle Mitglieder der Allianz mit sich. Solch ein Mechanismus hat dafür gesorgt, dass die Ermordung von Erzherzog Franz-Joseph im Jahr 1914 vierzig Millionen Tote zur Folge hatte.
In der Tat vertritt die NATO eine sogenannte »Politik der offenen Tür«. Sie wird aber falsch verstanden. Sie ist im Artikel 10 des Washingtoner Abkommens niedergelegt:
»Artikel 10 – Die Parteien können durch einstimmigen Beschluss jeden anderen europäischen Staat, der in der Lage ist, die Grundsätze dieses Vertrags zu fördern und zur Sicherheit des nordatlantischen Gebiets beizutragen, zum Beitritt einladen. Jeder so eingeladene Staat kann durch Hinterlegung seiner Beitrittsurkunde bei der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika Mitglied dieses Vertrags werden. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika unterrichtet jede der Parteien von der Hinterlegung einer solchen Beitrittsurkunde.«
Mit anderen Worten, es werden Länder eingeladen in dem Maße, wie sie zur »zur Sicherheit des nordatlantischen Gebiets« beitragen können. Um es klar auszudrücken: Das Kriterium ist nicht die Sicherheit der einzeln aufgenommenen Länder, sondern die kollektive Sicherheit der Region. Genau das haben die Länder des »neuen Europa« nicht verstanden. Unter anderem bedeutet dies, dass potenziell jedes Land im Euro-Atlantik-Raum Mitglied sein kann, dass aber die Entscheidung der Allianz obliegt, die keine Verpflichtung hat, jedes Land aufzunehmen, welches den Wunsch äußert.
Es ist somit unpräzise zu behaupten, die Ukrainer könnten selbst bestimmen, ob sie der NATO angehören wollten oder nicht, wie der Europaabgeordnete Philippe Lamberts (Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz) es tut.54 Die Entscheidung liegt in jedem Fall bei den Mitgliedsländern der Allianz und hängt von der Sicherheit ab, die die Ukraine ihnen bringen kann.
Davon einmal abgesehen kann man sich fragen, ob die Entscheidung der NATO-Länder in dieser Frage eine rationale ist. Und es stellt sich auch die Frage, welches Plus an Sicherheit die NATO mit der Aufnahme der baltischen Staaten gewonnen hat. Jene Länder, ohne eine demokratische Tradition und von einem fast atavistischen Russenhass beseelt, könnten zum Schauplatz von Pogromen oder Machtmissbräuchen werden, die eine Intervention von außen erforderlich machen. Vielleicht von Russland, mit dem Verweis auf eine »Schutzverantwortung« (R2P: Responsibility to Protect, zu deren Wesensgehalt im Verlauf des Buches mehr). Diese Länder plagen sich mit längst überholten Ideologien herum und verweigern ihren russischsprachigen Einwohnern die Staatsbürgerrechte. Sie könnten der Auslöser für solche Szenarien sein.
Man macht es sich übrigens zu einfach, wenn man behauptet, dass Russland kein »Vetorecht gegen eine NATO-Erweiterung« haben könne. Selbstverständlich kann sich Russland nicht in die Angelegenheiten der Allianz einmischen. Aber trotzdem ist eine Erweiterung der Allianz nicht bedingungslos möglich. Denn es besteht ein Prinzip, was von allen OSZE-Mitgliedern anerkannt und im Dokument von Istanbul (1999)55 sowie in der Erklärung von Astana (2010)56 niedergelegt wurde: »Die Sicherheit jedes Teilnehmerstaats ist untrennbar mit der Sicherheit aller anderen verbunden.« Dies bedeutet, dass die Sicherheit eines Landes nicht auf Kosten eines anderen hergestellt werden kann. Tatsächlich ist dies jedoch der Fall, wenn die NATO – und besonders die Vereinigten Staaten – Waffensysteme stationieren und damit ipso facto die atomaren Warn- und Vorwarnzeiten eines Landes verkürzen.
Bis zum heutigen Tag findet die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO in euphorischer Weise und ohne strategisches Nachdenken statt, da man meinte, auf Russland und China keine Rücksicht nehmen zu müssen. Jetzt ist allerdings die Lage eine völlig andere, und die Probleme eines Landes können schnell zu Problemen der gesamten Allianz werden, also eine ähnliche Situation wie im Jahr 1914. Die Ukraine-Krise hat die Risiken einer unüberlegten Ausdehnung für die NATO selbst aufgezeigt.
Das sagt auch Wladimir Putin auf seiner gemeinsamen Pressekonferenz mit Emmanuel Macron vom 8.2.2022. Das Problem besteht darin, dass unsere »Experten« nicht wahrnehmen, was gesagt wird.
Wie es Richard Sakwa, Professor für russische und europäische Politik an der University of Kent, ausdrückt:57
»Es ist ein wahres politisches Paradoxon, dass die NATO existiert, um die Risiken zu managen, die durch ihre eigene Existenz erst entstehen.«
Der Beitritt Russlands zur NATO ein bloßer Scherz?
Anfang der 1990er-Jahre machte sich die Schweiz Gedanken über eine mögliche Beteiligung an kontinentaleuropäischen Institutionen wie der Europäischen Union oder der NATO. Aber stets darauf bedacht, ihre Neutralität zu wahren, hat sie ihre Institutionen sowie ihren Sicherheitsrat hinzugezogen, um die Folgen solcher Beteiligungen abzuschätzen. In diesem Zusammenhang musste ich an Gesprächen mit den höchsten damaligen Amtsträgern der russischen Außenpolitik und Verteidigung teilnehmen. Das ermöglicht mir, eine Sicht der Dinge zu geben, die der russischen Wahrnehmung nähersteht als unsere heutige Sichtweise.
Dokumente, die jüngst von Großbritannien veröffentlicht wurden, zeigen, dass im Jahr 1995 Russland ernsthaft einen NATO-Beitritt in Erwägung zog, dass aber diese Idee als ein »Scherz« von den westlichen Regierungskanzleien abgewiesen wurde.58 Der Daseinsgrund der NATO ist, seine Mitglieder unter die atomare Verteidigung der Vereinigten Staaten zu stellen. Letztere konnten sich aber das Nebeneinander der zwei größten Atommächte im selben Bündnis nur schwer vorstellen. Unter anderem aus diesem Grund hatte übrigens General De Gaulle 1966 Frankreich vom integrierten Kommando des NATO-Bündnisses zurückgezogen.
Schon in den 1950er-Jahren hatten die Sowjets einige einflussreiche NATO-Länder kontaktiert, um die Idee eines möglichen Beitritts auszuloten. Selbst wenn sie anscheinend keine großen Illusionen über die möglichen Erfolgsaussichten hatten, so ist die Tatsache, einen Beitritt ins Auge zu fassen, vielleicht nicht abwegig. Nach dem Tod Stalins hatten die Politik eines friedlichen Nebeneinanders von kommunistischem Block und Westblock sowie der Verzicht auf das Prinzip der »Unvermeidbarkeit des Kriegs« in der sowjetischen Militärstrategie die Möglichkeit eröffnet, neue Verhältnisse auf dem europäischen Kontinent zu schaffen. Die Sowjets lebten damals in einer Art Kriegswirtschaft, von der sie Abstand nehmen wollten, um eine »echte« Wirtschaft zu entwickeln.
Aber man befand sich mitten im Kalten Krieg. Und der Westen sah keine rechte Möglichkeit, die UdSSR in ein System der kollektiven Sicherheit wie die NATO einzubinden. Denn ihr Zweck war ja gerade, den Mitgliedern einen atomaren Schutz vor der Sowjetunion zu bieten. Von den ideologischen Problemen einmal abgesehen fürchtete der Westen, dass die UdSSR die Entscheidungsmechanismen der Allianz blockieren und sie handlungsunfähig machen würde.59
Anfang der 1990er Jahre ließen die Sowjets/Russen die Idee von einem Beitritt wieder aufleben. Und auch dann war die Idee weniger wirr, als es den Anschein hat, wenn man den heutigen Zustand der NATO sieht, das heißt mit der Zweckbestimmtheit, mit der sie 1949 geschaffen wurde (um der UdSSR/Russland die Stirn zu bieten). Wenn man sich aber eine neu konzipierte NATO denkt, mit einem Konzept von Sicherheit, was nicht auf Konfrontation, sondern auf Kooperation gründet, dann erscheint der russische Vorschlag stimmig und realistisch.
In den Jahren 1990/1991 herrschte bei der russischen Führung echte Hoffnung, ausgelöst durch das Ende des Kommunismus. Ende Juli 1991 sah sie durch die Auflösung des Warschauer Vertrags eine Möglichkeit, über eine neue Sicherheitsstruktur für den europäischen Kontinent nachzudenken. Die Sowjets/Russen haben als Gegenleistung für die Auflösung des Warschauer Vertrags nie die Auflösung der NATO gewollt oder eingefordert, anders als es Caroline Roux behauptet.60 Und der Westen hat nie dergleichen versprochen, wie der General Vincent Desportes auf France 5 vorgibt.61 Im Gegenteil ist Russland der Partnerschaft für den Frieden der NATO (PfP: Partnership for Peace) beigetreten.
Aber Russland blieb der OSZE (gegründet auf Initiative der UdSSR) stets verbunden. Es hing der Idee einer kollektiven Sicherheit an, die, angeregt von der OSZE, die europäischen und nordamerikanischen Länder zusammenbringen könnte. Angesichts der Schäden, die der Kommunismus angerichtet hatte, glaubte die russische Führung, eine auf militärische Macht gegründete Sicherheitsarchitektur wäre überholt. Sie träumte von einem System, was auf mehr Zusammenarbeit setzten würde. Es handelte sich um die Idee von einem »gemeinsamen europäischen Haus«, die Michail Gorbatschow 1989 eingebracht hatte, unter Rückgriff auf Charles de Gaulles Idee von einem »Europa vom Atlantik bis zum Ural«.
Die Idee war alles andere als abwegig. Im Übrigen verkündete Manfred Wörner, damals NATO-Generalsekretär, in seiner Rede vom 17.5.1990:62
»Die wichtigste Aufgabe des kommenden Jahrzehnts wird es sein, eine neue europäische Sicherheitsstruktur zu schaffen, welche die Sowjetunion und die Nationen des Warschauer Pakts einschließt. Die Sowjetunion wird eine wichtige Rolle beim Aufbau eines solchen Systems spielen. Wenn man die heutige prekäre Lage der Sowjetunion betrachtet, die praktisch keine Verbündeten mehr hat, dann lässt sich ihr berechtigter Wunsch verstehen, nicht aus Europa hinausgedrängt zu werden.«
Die Schaffung des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) Ende 1991 wurde von der russischen Führung und öffentlichen Meinung begeistert aufgenommen. Die Idee von einer Sicherheitszusammenarbeit auf dem Kontinent ist dort zu jener Zeit sehr populär und schließt die Idee von einem möglichen NATO-Beitritt nicht aus. Im Oktober 1993 finden dahingehende Diskussionen zwischen Boris Jelzin und dem amerikanischen Außenminister Warren Christopher statt, der jedoch zurückhaltend bleibt:
»[…] wir werden zur gegebenen Zeit die Frage des Beitritts untersuchen, als eine Möglichkeit auf längere Sicht. Es wird eine Entwicklung stattfinden, gestützt auf die Gewohnheit der Zusammenarbeit, aber nur im Laufe der Zeit.«63
Die Reaktion der NATO entspricht nicht den Erwartungen der russischen Bevölkerung. Die russische Regierung handelt gegen die (enttäuschte) öffentliche Meinung, als sie sich im Juni 1994 der neu von der NATO geschaffenen Partnerschaft für den Frieden anschließt. Um den Anschein zu erwecken, sie wollte die Zusammenarbeit mit Russland weiterentwickeln, legt die NATO 1997 den Grundstein für den NATO-Russland-Rat (NRR), der 2002 geschaffen wird. Der NRR hat zum Ziel, einen Dialog mit Russland aufrechtzuerhalten, damit die NATO-Erweiterung nicht als eine Bedrohung wahrgenommen wird. Tatsächlich handelt es sich, nach Bill Clintons Worten, um eine zynische Methode, Versprechungen nicht in die Tat umzusetzen, die der Staatsführung der Ex-UdSSR gemacht wurden:
»Was die Russen von diesem Sonderabkommen haben, was wir ihnen anbieten, ist die Gelegenheit, mit der NATO in einem Raum zu sitzen und sich uns immer dann anzuschließen, wenn wir uns alle zu einem Thema einig sind. Aber sie haben keine Möglichkeit, uns daran zu hindern, etwas zu tun, was sie ablehnen. Sie können ihre Missbilligung zeigen, indem sie den Raum verlassen. Und als zweiten großen Vorteil versprechen wir ihnen, dass wir unseren Militärapparat nicht bei ihren ehemaligen Verbündeten abstellen werden, die jetzt unsere Verbündeten sind. Es sei denn, wir wachen eines morgens auf und ändern unsere Meinung.«64
Mit den Ländern Osteuropas verhält es sich ein wenig anders. In ihrem Bewusstsein gehen Zugehörigkeit zur Europäischen Union und zur NATO häufig Hand in Hand: Es geht darum, ihre Entwicklung in Sicherheit zu garantieren. Ihr Vorgehen ist eher opportunistisch als philosophisch begründet. Für sie bleiben die Werte der Demokratie und der Menschenrechte trotz allem absolut zweitrangig. In diesem Sinne, und trotz gewisser konstitutioneller und legaler Schranken sind ihre Nachrichtendienste im Grunde Sicherheitsdienste geblieben. Sie bewahren zu einem hohen Grad das Erbe ihrer kommunistischen Vorgänger, wie ihre Teilnahme an den Folterprogrammen des CIA bezeugt. Eine Tatsache, die die Europäische Union nicht im Geringsten zu stören scheint! Im Übrigen liegt der Grund für ihren Eifer, es den Vereinigten Staaten in Afghanistan oder im Irak gleichzutun, eher in der Modernisierung ihrer Streitkräfte (als Gegenleistung für ihren Einsatz dort) als in humanitären Werten.
Dort haben sie sich die Bezeichnung »neues Europa« von Donald Rumsfeld erworben.65 Durch ihre Intervention im Nahen Osten an der Seite der Amerikaner waren sie wesentlich daran beteiligt, eine Migrationskrise auszulösen. Sie haben sich geweigert, deren Folgen zu tragen, und setzen auf das »alte Europa«, um die Krise zu bewältigen.
War das russische Eingreifen in Syrien opportunistisch?
In der französischen Politsendung »C dans l’air« vom 17.10.2021 präsentiert man uns Wladimir Putin als einen Kurzentschlossenen, der neue Länder erobern wolle. Dies ist eine von der Trump-Administration entwickelte Rhetorik, die uns von Laure Mandeville aufgetischt wird.66 Sie behauptet, die Weigerung Obamas, nach dem Chemieangriff von Ghuta im August 2013 zu intervenieren, habe ein »geopolitisches Vakuum« geschaffen: »Und Putin sieht darin die ideale Gelegenheit, eine Kriegsoperation [in Syrien] durchzuführen.« Diese Idee von einer von Putin ausgenutzten westlichen Schwäche ist ein rein westliches Konstrukt, das zur Tatsache erhoben wurde. Sie wird häufig von den »Experten« in unseren Medien beschworen. Aber die Idee ist so vereinfachend wie falsch.
Und man weiß seit 2016, dass sie falsch ist, dank der Erklärung, die der damalige US-Außenminister John Kerry, ein maßgeblich Handelnder in jener Zeit, gegeben hat.
Im Februar 2016 enthüllte der russische Botschafter in Großbritannien, Alexander Jakowenko, dass die Entscheidung, in Syrien zu intervenieren, im Sommer 2015 gefallen sei, als der Islamische Staat (IS) die Stadt Palmyra erreichte. Die westliche Koalition ging damals davon aus, dass der IS im Oktober in Damaskus einmarschieren würde und dass die Amerikaner folglich eine Flugverbotszone über der Stadt hätten einrichten können. Die Russen haben also nicht aufgrund der westlichen Schwäche eingegriffen, sondern um zu verhindern, dass die Hauptstadt den Dschihadisten ausgeliefert wird.67
Laure Mandeville verschweigt natürlich diskret die Doppeldeutigkeit – um nicht zu sagen Hinterhältigkeit – des Westens. Denn die westliche Kriegskoalition hat dem IS absichtlich Raum zur Entfaltung gegeben, wie John Kerry erklärt. In der Hoffnung, dass die syrische Regierung so zu Verhandlungen gezwungen werde:
»Der Grund, weshalb sich Russland in Syrien eingemischt hat, ist, dass sich der IS verstärkt hat. Daesch drohte Damaskus zu erreichen, und deshalb hat Russland eingegriffen. Weil sie keine Daesch-Regierung wollten und Assad unterstützt haben.
Und wir wussten, dass er (Daesch) größer wurde. Wir beobachteten das Ganze. Wir haben gesehen, dass Daesch stärker und stärker wurde, und wir dachten, dass Assad bedroht wäre. Aber wir dachten auch, dass wir die Sache wahrscheinlich händeln könnten, dass Assad danach verhandeln würde. Statt zu verhandeln, hat er Putin um Hilfe gebeten.«68
Die Analyse der Karten zeigt, dass die westlichen Luftschläge (einschließlich der französischen und belgischen) den IS nur dann treffen, wenn er mit vom Westen unterstützten Rebellenkräften (wie den Kurden) in Kontakt kommt, aber nicht, wenn er in eine Auseinandersetzung mit Truppen der mit der syrischen Regierung alliierten Kräfte gerät.69 Im Übrigen hat sich das Gebiet des IS zwischen Ende 2014 (dem Beginn der westlichen Luftangriffe) und September 2015 (dem Beginn der russischen Luftschläge) am schnellsten ausgedehnt.70

Abbildung 2 – Karte der westlichen Luftschläge (schwarze Flecken) gegen den IS (dunkelgraues Gebiet) zwischen 2014 und September 2015 (Datum der Ankunft der Russen). Die Pfeile zeigen die Offensiven des IS in Richtung Damaskus. Wie man feststellen kann, trafen die Luftschläge nur die Islamisten, die Feindberührung mit den Kurden oder mit vom Westen unterstützten Gruppen hatten. Sie nahmen aber nie die Kräfte des IS ins Visier, wenn Letztere Feindkontakt mit den syrischen Streitkräften hatten. [Quelle: airwars.org]
Erst zu Ende des Jahres 2015, nach der russischen Intervention, beginnt das Gebiet des IS zu schrumpfen.71 Ende September 2015 schlägt Russland dem Westen die Schaffung einer erweiterten Koalition zur Bekämpfung des IS vor, aber dieser lehnt ab.72
Denn zu jener Zeit ist der Westen nicht an einer Zerschlagung des IS interessiert, sondern er versucht Syrien aufzuspalten in ein kurdisches Gebiet (im Nordwesten), ein schiitisches Gebiet (im Westen) und ein sunnitisches Gebiet (im Osten). In letzterem Gebiet sind sie bereit, die Entstehung eines salafistischen Staats zuzulassen. Ein Bericht mit dem Vermerk GEHEIM der amerikanischen Defense Intelligence Agency (DIA) zur Situation in Syrien, datiert auf den 5.8.2012, entwickelt den Gedanken, die Schaffung eines Islamischen Staats im Osten Syriens zu begünstigen:
»Wenn die Lage es zulässt, besteht die Möglichkeit, im Osten Syriens ein salafistisches Fürstentum einzurichten, ob man es offiziell ausruft oder nicht (al-Hasaka und Deir ez-Zor). Die Länder, die die Opposition unterstützen, um das syrische Regime zu isolieren, wollen genau das. Das Regime gilt als die strategische Dimension der schiitischen Expansion (Irak und Iran).«73
Genau dieses Gebiet wurde von den Luftangriffen der internationalen Koalition bis zur Ankunft der russischen Kräfte in der Region verschont. Die Idee eines salafistischen Staats in Syrien ist Teil eines amerikanischen Plans (der im Einverständnis mit Israel aufgestellt wurde), Syrien aufzuteilen. Er wurde von John Kerry während seiner Anhörung vor dem Ausschuss des Senats der Vereinigten Staaten zur Außenpolitik im Februar 2016 erwähnt.74 Dieser Plan sollte später von der Trump-Administration wieder aufgegriffen werden.75 Er erklärt die heutige amerikanische Militärpräsenz in Syrien. Es handelt sich übrigens nicht einfach um einen Zufall, wenn zwei Führer des IS von amerikanischen Spezialeinheiten innerhalb der Sicherheitszonen getötet werden, die die westlichen Kräfte gegen die syrische Armee eingerichtet haben, erst Abu Bakr al-Baghdadi, dann Abu Ibrahim al-Haschimi al-Quraischi.76
Russlands Eingreifen in Syrien ist also nicht das Resultat einer »Anwandlung« von Wladimir Putin. Es resultiert vielmehr aus der Gefahr einer bewussten – aber verantwortungslosen – Strategie der westlichen Staaten. Ein Spiel mit dem Feuer … bei dem sie sich verbrannt haben!
Im Übrigen hatte Russland im Februar 2012 zusammen mit Martti Ahtisaari, dem Friedensnobelpreisträger und ehemaligen finnischen Präsidenten, den westlichen Ländern einen Drei-Punkte-Plan vorgeschlagen, der den Rücktritt Baschar al-Assads vorsah77:
»Erstens: Wir sollten der Opposition keine Waffen geben. Zweitens: Wir sollten sofort einen Dialog zwischen der Opposition und Assad in Gang bringen. Drittens: Wir sollten einen angemessenen Weg für Assad finden, um abzutreten.«78
Demnach befürworteten die Russen seit dem Beginn der Syrien-Krise eine politische Lösung, die den Rücktritt Assads einschloss. Der Westen lehnt ab: Sein Ziel ist es nicht, Baschar al-Assad zu ersetzen, sondern Syrien zu zerlegen. Syrien wird von Israel – und damit auch von den Vereinigten Staaten und Frankreich – als ein vorgelagertes Bollwerk des Iran wahrgenommen.
Nebenbei bemerkt, die Karte sowie die Aussagen Kerrys deuten eher darauf hin, dass François Hollande beim Prozess gegen die Urheber des Attentats vom 13.11.2015 nicht die Wahrheit gesagt hat:79 Die Beteiligung Frankreichs an der Koalition im Irak 2014/2015, später in Syrien, hatte zu jenem Zeitpunkt nicht die Zerschlagung des IS, sondern die Zerstörung Syriens zum Ziel. Erst nachdem es sich (durch dieses Attentat) die Finger verbrannt hatte, entschloss sich Frankreich, eine Zerstörung des IS ins Auge zu fassen.
Es sei im Übrigen daran erinnert, dass Russland, was immer wir von Baschar al-Assad halten mögen, nach internationalem Recht offiziell von der syrischen Regierung eingeladen wurde, in Syrien zu intervenieren, wie es John Kerry sagt.80 Russland bewegt sich also in einem völkerrechtlich vertretbaren Rahmen. Demgegenüber operieren die Vereinigten Staaten und Frankreich völkerrechtswidrig in Syrien. Die Resolution 2170 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom 15.8.2014, auf die sich Frankreich häufig beruft, rechtfertigt keine Interventionen in einem souveränen Land (auch wenn man seinen Präsidenten nicht leiden kann!).81
Man versucht uns die russische Unterstützung für Syrien als eine Art »Freundschaftsdienst unter Diktatoren« zu verkaufen. Das aber ist eine grobe Vereinfachung der Situation. Denn im konkreten Fall ist das Problem nicht so sehr die Frage, ob Assads Präsidentschaft legitim ist oder nicht, sondern vielmehr, zu was sein Sturz führen und wer auf ihn folgen würde. Russland hatte übrigens nicht die Absicht, in Syrien zu bleiben, sondern lediglich zu vermeiden, dass man sich in einer Situation wie in Libyen wiederfände. Deshalb hat Russland im März 2016, weniger als sechs Monate nach dem Beginn seiner Intervention und nachdem es der syrischen Armee wieder Vorteile auf dem Schlachtfeld verschafft hatte, einen Teilrückzug seines Truppenkontingents vollzogen.82
