Kitabı oku: «Putin»

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Ebook Edition




Titre original : Poutine : maître du jeu ?, 1ère édition en France en 2022 aux Éditions Max Milo. Copyright : Max Milo, 2022 Tous droits réservés

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ISBN: 978-3-98791-030-2

1. Auflage 2023

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2023

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Vorwort

In jedem Konflikt hängt die Lösung davon ab, wie er zu verstehen ist. Die Gefahr bei tragischen Ereignissen besteht darin, dass wir sie emotional dominiert betrachten und sie beurteilen, bevor wir sie analysiert haben. Genau das haben wir bei der Ukraine-Krise getan. Wir haben die Liebe zur Ukraine mit dem Hass auf Russland vermengt.

Wenn wir der Ukraine wirklich helfen wollten, hätten wir viel früher gehandelt, um die Lösungen umzusetzen, für die wir uns eingesetzt hatten. Das haben wir nicht getan.

Die erste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was genau sind die Werte, die wir angeblich verteidigen? Unsere moderne europäische Kultur orientiert sich an diesen Werten, die auf die Revolution der »Aufklärer« zurückgehen, wie Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Descartes, Diderot, die den Absolutismus bekämpft haben. Sie sagten nicht, dass es keine »Guten« und »Bösen« mehr geben dürfe, sondern dass man vielmehr auch die Art und Weise, wie Probleme behandelt werden, den Parametern der Aufklärung unterwerfen müsse: Nicht mehr die göttliche Eingebung oder die Leidenschaft sollten die Entscheidung leiten, sondern die Vernunft und die Analyse der Fakten. Und zwar aller Fakten. Die, die uns gefallen, sowie die, die uns missfallen.

Aber das Erfassen von Fakten kann nur erfolgen, wenn man bereit ist, Ansichten zuzuhören, die nicht die eigenen sind. Voltaire wird dieser Satz zugeschrieben, der heute vergessen zu sein scheint:

»Ich stimme nicht mit dem überein, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod dafür kämpfen, dass Sie das Recht haben, es zu sagen.«

Aber genau das beherzigen wir nicht: Wir verbieten unbequeme Medien, und Menschen, die im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine eine andere Meinung haben, werden automatisch als »Putin-Agenten« verurteilt.

Wer hat die Angriffe auf die Zivilbevölkerung im Donbass zwischen 2014 und 2022 verurteilt? Wer hat die berichteten Massaker an Zivilisten im Donbass verurteilt? Wer hat unsere führenden Politiker in Frankreich, Deutschland und der Ukraine verurteilt, die zugegeben haben, dass sie nie die Absicht hatten, das Minsker Abkommen, das sie unterzeichnet hatten, umzusetzen? Wer hat das Gesetz von 2021 verurteilt, das ukrainischen Bürgern je nach ihrer ethnischen Herkunft unterschiedliche Rechte einräumt und damit diese Rechte nicht davon abhängig macht, was man tut, sondern davon, was man ist? Wer verurteilte die Ermordung ukrainischer Friedensverhandler durch ihre eigenen Sicherheitsdienste im Jahr 2022?

Die militärische Intervention war vielleicht nicht die beste Lösung, aber was haben wir getan, um sie zu verhindern?

Wir leben in einer Gesellschaft, die urteilt, bevor sie etwas weiß. Wir stützen die Kritik an unseren politischen Entscheidungsträgern nicht auf die Weisheit ihrer Entscheidungen, sondern auf die Geschwindigkeit, mit der sie diese getwittert haben. Das trifft nicht nur auf Frankreich zu, auf das sich die meisten Fallbeispiele dieses Buches beziehen. Eine Analyse der Medien in anderen europäischen Ländern würde zu denselben oder zumindest sehr ähnlichen Ergebnissen führen.

Wir haben gesagt, Russland sei schwach; es ist heute aber stärker als vermutet. Wir haben gesagt, dass die Sanktionen es zusammenbrechen lassen würden; seine Wirtschaft ist in besserem Zustand als unsere. Wir haben gesagt, dass die Bevölkerung Wladimir Putin ablehnen und gegen ihn rebellieren würde; aber sie unterstützt ihn. Wir haben gesagt, dass Russland keine Raketen hat; es hat seitdem gleichwohl Hunderte von Raketen abgeschossen. Wir sagten, es habe keine Munition mehr; es schießt allerdings zehnmal so viel wie die Ukraine. Wir sagten, die Ukrainer hätten keine Verluste; sie haben jedoch zehnmal so viele Verluste wie die Russen. Indem wir alles gewinnen wollen, sind wir dabei, alles zu verlieren.

Langsam zeigen uns die Fakten, dass die westliche Rhetorik falsch war. Sie hat die Ukraine nicht nur davon abgehalten, in einen Konflikt zu treten, sondern sie verbietet uns darüber hinaus, ihn zu beenden. Wir haben nicht auf das gehört, was die Ukrainer uns gesagt haben, sondern nur auf die Propaganda ihrer Regierung und auf unsere eigenen Vorurteile.

Es ist einfach, mit dem Blut anderer Krieg zu führen. Daran hat sich leider auch nichts geändert, seitdem die französische Original-Version in der ersten Hälfte 2022 erschienen ist.

Es ist Zeit, unsere Vorurteile aufzugeben und zur Vernunft zu kommen. Es ist Zeit, sich zu verändern und zu den Fakten zurückzukehren. Unsere Aufgabe als Europäer ist es nicht, eine Seite zu unterstützen, sondern alles zu tun, damit das Töten aufhört. Es geht nicht darum, wer »gut« oder »böse« ist, wer »gewinnt« oder »verliert«, sondern darum, einen Dialog zu eröffnen.

Und genau um diese Thematiken soll es in dem Buch gehen.

Einleitung

Die tägliche Fernsehsendung »C dans l’air« (etwa »S liegt in der Luft«) auf dem Kanal France 5 ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. In einem Wechsel von Reportagen und Kommentaren französischer Experten behandelt sie unterschiedliche Themen der Innen- oder Außenpolitik.

Am 17. Oktober 2021 vermittelte uns eine Spezialausgabe der Sendung unter dem Titel »Putin, Herr des Geschehens«, moderiert von Caroline Roux, einen Eindruck von der Politik, die vom »Herrn des Kremls« Wladimir Putin betrieben wird. Ursprünglich war dieses Buch als Antwort auf diese Sendung gedacht. Die Experten, die dort zu Wort kamen, waren so ignorant, so völlig empathielos und so arrogant, dass sie eine Denkweise symbolisierten, die 1945 ausgestorben zu sein schien. Seitdem haben sich die Spannungen zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen verschärft und zu einem bewaffneten Konflikt geführt. Was am 17. Oktober 2021 noch ein Einzelfall war, wurde am 24. Februar 2022 zur Denkweise des Westens. Der Inhalt des Buches wurde an die veränderte Situation angepasst, die Struktur orientiert sich jedoch weiter an dem Schema dieser Sendung.

Das Ziel dieses Buches ist es nicht, zu einer bestimmten Politik oder einem bestimmten Land Stellung zu beziehen, sondern zu zeigen, dass wir unsere Politik nicht auf Vorurteile, sondern auf Fakten gründen sollten. Im Jahr 2023 kommt es zu einem Paradoxon: Diejenigen, die glauben, dass man Russland nur negativ bewerten darf, haben die Ukraine in die Katastrophe gestürzt. Indem wir Russland als schwach dargestellt haben, haben wir überzogene Erwartungen geweckt, für die die ukrainischen und europäischen Bürger nun teuer bezahlen müssen. Und zwar letztendlich für nichts.

Die Sendung gibt uns die Gelegenheit, die von France 5 angestoßenen Überlegungen zu vertiefen und in kritischer Weise unser Russlandbild unter die Lupe zu nehmen. Wir folgen dem Verlauf dieser Sendung, der uns als roter Faden für eine ganzheitliche Betrachtung dienen wird.

Dieses Buch verfolgt zwei Ziele, nämlich aufzuzeigen,

• dass unsere Vorurteile nicht der Realität entsprechen;

• dass Entscheidungen, die auf unseren Vorurteilen beruhen, das Gegenteil von dem bewirken, was wir eigentlich wollen.

Ende 2021 wiederholen unsere Medien bereitwillig das Säbelrasseln an der ukrainischen Grenze, welches einen möglichen Konflikt Anfang 2022 ankündigt. Nach einer langen Karriere in der Prävention von Militärkonflikten und gestützt auf meine Russlandkenntnisse erschien es mir sinnvoll, nach Wegen zu suchen, um unser Verhältnis zu diesem Land zu verbessern.

Der erste Schritt einer solchen Vorgehensweise besteht darin, unsere Wahrnehmung von Russland, seiner Mentalität, seiner Außenpolitik und seiner Ziele zu hinterfragen. Dabei ist zu prüfen, inwieweit unsere Diplomaten ein stimmiges Bild des »Feindes« zeichnen.

Anders als allgemein angenommen arbeiten die strategischen Nachrichtendienste, das heißt diejenigen, die für die politischen Entscheider die Weltlage analysieren, zu fast 95 Prozent mit offenen Informationsquellen, also mit unseren Medien. Somit besteht neben dem grundsätzlichen Einfluss der Medien auf die Meinungen unserer Entscheider auch ein struktureller Einfluss der Medien und »Experten« auf die politischen Entscheidungen, die das öffentliche Leben berühren.

Aus diesem Grund ist Informationsvielfalt ein entscheidendes Element der Machtausübung in einer Demokratie. Das Ziel dieses Werks ist nicht, ein bestimmtes Regierungshandeln zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, geschweige denn Position für oder gegen eine bestimmte Regierung zu beziehen (auch wenn die Schlussfolgerungen dies zu tun scheinen), sondern denjenigen Medien Respekt zu zollen, die eine Vielfalt der Meinungen abbilden.

Vorgehen

Es ist nur logisch, dass den Vorwürfen des Westens eine entsprechende Rhetorik in den kritisierten Ländern (in diesem Fall Russland) entgegengesetzt wird. Wie schon in meinem Werk »Regieren mithilfe von Fake News« ist es nicht meine Absicht, Botschaften der beschuldigten Länder zu verbreiten. In Hinblick darauf habe ich ausschließlich westliche Quellen verwendet, meistens amerikanische oder französische, häufig Traditionsmedien, offizielle Quellen oder solche, die auf einem Gebiet maßgebend sind.

Im Unterschied zu »Faktencheckern« wie Conspiracy Watch, die keine genauen Definitionen von »Verschwörungstheorie« als Grundlage haben (damit sie solche Begriffe zum Zweck von Zensur und Desinformation benutzen können), verwenden wir hier eine feste Terminologie. Im Gegensatz zu ihnen benutzen wir das »Faktenchecken« (das Prüfen von Tatsachen), um zu zeigen, dass es ehrliche Journalisten gibt, die mit Sorgfalt arbeiten. Dafür werden wir die Zustände ohne politische Voreingenommenheit untersuchen.

Terminologie

Der Begriff »Lüge« bedeutet, dass man etwas behauptet, von dem man weiß, dass es falsch ist. Wir werden diesen Begriff nicht verwenden, wenn die Person, die »lügt«, vorab nicht in der Lage war, die »Wahrheit« zu kennen. Dagegen benutzen wir den Begriff »Lüge« dann, wenn eine gut vorbereitete Fernsehsendung Sequenzen enthält, die bereits zuvor als falsch entlarvt wurden. In diesem Werk verwenden wir ebenfalls den Begriff »Desinformation« mit derselben Bedeutung.

»Fake News« sind Falschinformationen gewollten oder ungewollten Ursprungs. Sie können sich aus Unwissenheit, einem Irrtum, einer Verzerrung der Information oder aus einer absichtlichen Lüge ergeben.

»Propaganda« besteht darin, einen Aspekt der Dinge auf Kosten anderer Aspekte hervorzuheben. Entgegen einer allgemeinen Ansicht verbreitet sie nicht zwingend Falschinformationen. Vielmehr führt sie zu einer Verzerrung unserer Wahrnehmung, indem sie den Schwerpunkt der Betrachtung einseitig setzt.

Der »Komplottismus« oder die »Verschwörungstheorie« ist die Schaffung eines Narrativs (einer Erzählung der Dinge), ausgehend von Teilinformationen, Mutmaßungen oder Verdächtigungen, die wie Tatsachen behandelt und mithilfe einer tendenziösen Logik verknüpft werden. Weil die Verschwörungstheorie eine Geschichte aus unzusammenhängenden Teilen erschafft, kann sie Propagandaelemente mit Falschinformationen und mit Desinformation kombinieren.

Beispielsweise ist die Behauptung, dass »Russland« »wie ein Schatten hinter der Protestbewegung der Gelbwesten« stehe, gestützt auf »Tweets« (Twitter-Nachrichten) aus Russland, eine Mischung aus Propaganda (denn es gibt wahrscheinlich auch Tweets aus der Schweiz, Belgien oder Deutschland) und Desinformation (denn »die Russen« sind nicht »Russland« und schon gar nicht die russische Regierung), verarbeitet zu einer Verschwörungstheorie. Der Schwachpunkt von Verschwörungstheorien ist in der Regel das Ziel, das den Verschwörern unterstellt wird (»zu welchem Zweck?«): Es wird in der Regel eher von unserer Wahrnehmung als von der des Gegners bestimmt.

Wir sprechen von einem »Mangel an Rechtschaffenheit«, wenn jemand eine Mutmaßung wie eine Tatsache behandelt, indem er seinen Vorurteilen freien Lauf lässt oder vehement alternative Erklärungen außer Acht lässt, um Anschuldigungen zu erheben.

Wladimir Putins Außenpolitik

Versucht Wladimir Putin, die UdSSR wiederherzustellen?

Nein. Die UdSSR war ein marxistischer Staat, dessen Daseinsgrund darin bestand, den Klassenkampf in der Welt zu fördern, wohingegen Wladimir Putins Russland ein wirtschaftsliberaler Staat ist, grundverschieden von der UdSSR in Bezug auf seine Ideologie und sein Funktionieren.

Man beschuldigt Putin immer aufs Neue1, der UdSSR nachzutrauern und erklärt zu haben: »Die Zerstörung der UdSSR war die größte geopolitische Katastrophe in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.«2 Dieser Satz erscheint in Abständen in Medien wie Le Monde3, Le Figaro4 oder dem Nachrichtenkanal France 245 und selbstverständlich auf France 56 (!), um Putins Sowjetnostalgie und seine Ambitionen zu verdeutlichen, zur »Größe« der UdSSR zurückzufinden. Dies ist faktisch falsch und politisch gelogen.

In Wirklichkeit stammt der Satz aus einer Rede vom 25.4.2005, in der Wladimir Putin die chaotische Art und Weise bedauert, in der sich der Übergang zur Demokratie vollzog:7

»[…] Vor allem müssen wir anerkennen, dass der Zerfall der Sowjetunion eine bedeutende geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts war, die sich zu einem wahren Drama für die russische Nation entwickelt hat. Dutzende Millionen unserer Mitbürger und Landsleute fanden sich außerhalb des russischen Hoheitsgebiets wieder. Darüber hinaus hat die Epidemie der Desintegration Russland selbst infiziert. Die Ersparnisse jedes Einzelnen schmolzen dahin und alte Ideale wurden zerstört. Viele Institutionen wurden aufgelöst oder brutal reformiert […].«8

Es handelt sich also nicht um eine Katastrophe für die Menschheit, sondern für den Alltag der russischen Bevölkerung: Sein Satz spricht eine echte Nostalgie innerhalb der Bevölkerung an. So sind 11–13 Prozent der Wählerschaft den Kommunisten als der wichtigsten Oppositionspartei treu geblieben. Zu keinem Zeitpunkt trauert Putin dem alten kommunistischen System nach. Im Gegenteil spricht er sich für eine liberale Wirtschaft nach westlichem Modell aus. Was die Wiederherstellung des »Russischen Reichs« angeht, so handelt es sich meiner Meinung nach um ein dezidiert westliches Hirngespinst, das weder die russische Regierung noch Putin jemals für sich in Anspruch genommen hat.

Putin hat sich nicht die Aufgabe gegeben, das Sowjetimperium wiederherzustellen. Er möchte Russland auf der internationalen Bühne eine gewichtige Stimme geben, um seine Interessen zu verteidigen. Aber entgegen einer verbreiteten Meinung ist dieses Vorgehen kein territoriales oder ideologisches Streben, sondern lediglich das Bestreben, die Minsker Vereinbarung umzusetzen, die vorsah, dass diese Gebiete bei der Ukraine verbleiben. Es zielt im Wesentlichen darauf ab, wieder ein Gegengewicht zur sperrigen Omnipräsenz der Vereinigten Staaten zu schaffen, die nur für ihre eigenen Interessen, zum Nachteil ihrer Alliierten und der übrigen Welt handeln. Putin hat zu Recht festgestellt, dass der Westen seit 1990 von einer schlechten Entscheidung zur nächsten stolpere, dabei Probleme schaffe, die er nicht mehr zu lösen vermag, und dass Europa strukturell unfähig sei, gegen die Vereinigten Staaten zu handeln. Aus einem einfachen Grund: Die EU ist für sich weder Mitglied des Sicherheitsrats noch Atommacht. Das ist im Wesentlichen der Grund, weshalb Europa es hinnimmt, seine eigenen Werte mit Füßen zu treten.

Denn auch wenn die Europäer deutlich wahrgenommen haben, dass die bipolare Welt des Kalten Kriegs unipolar geworden ist, so können sie nicht alle Folgen dieser Entwicklung ermessen, auch nicht für sie selbst. Das Ungleichgewicht im UN-Sicherheitsrat hat eine Vielzahl von Funktionsstörungen auf der internationalen Ebene hervorgerufen, darunter endlose Kriege, völkerrechtswidrig von den Vereinigten Staaten erklärt. Letztere sind mit der Duldung und unter Teilnahme der europäischen Länder geführt worden und haben nie da gewesene Migrationsströme und Sicherheitsprobleme, etwa organisierte Kriminalität und Terrorismus, hervorgerufen.

Strebt Russland danach, seinen »Einflussbereich« auszuweiten?

Das Europa des Kalten Kriegs

Auf France 5 behauptet Jean-Dominique Giuliani, Präsident der Robert-Schuman-Stiftung: »Russland möchte einen Einflussbereich in den baltischen Ländern oder Polen besitzen9 Das ist falsch. Russland hat niemals, weder offen noch heimlich, einen solchen »Einflussbereich« beansprucht. Weder das Strategische Konzept der Nationalen Sicherheit 200010 noch die Strategie der Nationalen Sicherheit Russlands 202111 nennen auch nur ein einziges Mal diesen Begriff.

Dies zeigt aber, wie unwissend diejenigen, die man als »Experten« vorstellt, in Bezug auf die Themen sind, zu denen sie sprechen … oder dass sie andere Interessen verfolgen.

Zunächst einmal ist der historische Expansionsdrang, den man dem heutigen Russland zuschreibt, ein wesentliches Merkmal des marxistischen Denkens, welches die sowjetische Politik steuerte. In diesem Denkschema sah sich die UdSSR als Speerspitze im Klassenkampf, eingespannt in einen permanenten und systemischen Krieg mit dem Westen, der Teil eines historischen Prozesses war. Bis zum Tod Stalins war das militärstrategische Denken der UdSSR bestimmt von der Vorstellung, ihre Sicherheit sei nur bei einem Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus garantiert und eine Konfrontation der zwei Systeme sei unvermeidbar. Die sowjetischen Strategen sprachen damals vom Prinzip der »Unvermeidbarkeit des Kriegs«.

Deshalb wurde 1949 die NATO geschaffen, zum Zweck, Westeuropa unter den Atomschirm der Vereinigten Staaten zu stellen. Das ist der Grund, weshalb seither ein amerikanischer Militär das Kommando über die Militärstruktur der NATO innehat.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die ersten 12 NATO-Mitglieder alle im westlichen Teil Europas: Das Bündnis war eindeutig defensiv und, obwohl der designierte Gegner die UdSSR war, auf Basis der deutschen Angriffsmuster der beiden Weltkriege organisiert. Die NATO ist zu jener Zeit durch einen Gürtel von Nicht-Mitgliedsstaaten und den Ländern Osteuropas von der UdSSR getrennt. Mit der Aufnahme der Türkei im Jahr 1952 gelangte die NATO an die Grenze der UdSSR, was die Sowjets verständlicherweise beunruhigte. Aber die entscheidende Wende war der Beitritt der Bundesrepublik Deutschland (BRD) zur NATO (8.5.1955). Hierdurch wurde, eine Woche später, die Schaffung der Organisation des Warschauer Vertrags (oder Warschauer Pakts) ausgelöst.

Auf den ersten Blick schien die Schaffung des Warschauer Vertrags nicht wirklich notwendig: Die Länder Osteuropas wurden bereits von kommunistischen Parteien gelenkt, die oft unerbittlicher waren als ihr sowjetisches Pendant. Und sie wurden von Moskau an der kurzen Leine gehalten. So war etwa in Polen der Verteidigungsminister Konstantin Rokossowski ein sowjetischer Marschall (und ab 1949 auch ein polnischer), der ebenfalls die sowjetische Staatsangehörigkeit besaß. Im Krieg kommandierte er nacheinander an mehreren Fronten und führte die Rote Armee zum Sieg, trotz eines Todesurteils nach der Tukhachevsky-Affäre im Jahr 1937, das erst 1956 aufgehoben werden sollte. Moskau besaß demnach die totale Kontrolle. Somit war der Warschauer Vertrag nicht zwingend notwendig. Es gibt also eine andere Erklärung.

Tatsächlich haben 1949 die Sowjets die Atombombe erlangt und verstanden: Je näher die NATO an ihre Grenzen rückt, desto kürzer sind ihre atomaren Vorwarnzeiten und umso höher ist das Risiko, gezwungen zu sein, Atomwaffen zu verwenden.

Zu jenem Zeitpunkt ist also der Daseinsgrund des Warschauer Pakts, eine »Pufferzone« zu formen, bestehend aus den osteuropäischen Ländern (Ostdeutschland, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien). Seine oberste Funktion war es, ein Vorfeld zu bilden, das nicht den Zweck hatte, einen Aggressor aufzuhalten, sondern seinen Vormarsch zu verlangsamen, um der Sowjetarmee Zeit zu geben, in Gefechtsbereitschaft zu kommen und einen Gegenangriff zu starten.

Als Opfer mehrerer Invasionsversuche in zwei Jahrhunderten (1812, 1918–1922 und 1941–1945) (die von Deutschland angezettelte Revolution von 1917 nicht mitgezählt) haben die Russen sich ein tiefes Misstrauen gegen den Westen bewahrt, der im Übrigen die schlechte Angewohnheit hat, vielerorts in der Welt Kriege auszulösen. Der Juni 1941, der Beginn des Überfalls Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, bleibt in der Erinnerung sehr präsent. Die Sowjets wollen sich niemals mehr in derselben Lage wiederfinden.

Es ging also nicht nur darum, die UdSSR besser zu schützen, sondern die Grenzen eines »Vorfelds« abzustecken, um zu vermeiden, dass die zwei damaligen Atommächte (Vereinigte Staaten und UdSSR) zu schnell in direkten Kontakt kämen, mit dem Gebrauch von Atomwaffen als einziger verbleibender Option.

Mit dem Tod Stalins 1953 schwand die Vorstellung einer Konfrontation der Systeme mit dem Westen. Auf Initiative Nikita Chruschtschows wurde 1956 auf dem 20. Parteikongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion eine Politik der friedlichen Koexistenz zwischen dem kommunistischen und dem Westblock beschlossen, mit der logischen Folge der Aufnahme des Prinzips einer »Nicht-Unvermeidbarkeit des Kriegs« in die sowjetische Strategie. Nichtsdestotrotz glauben die Sowjets weiterhin, dass sich die Weltgeschichte in Richtung des Sozialismus bewege und somit sein Sieg – auch ohne einen Krieg – unausweichlich sei. Sie glauben, die einzige Möglichkeit für die »kapitalistischen« Länder, diesen Sieg zu vermeiden, sei ein präventiver Angriff auf die UdSSR.



1.General Dominique Trinquand in der Sendung »C dans l’air« vom 19.1.2022 (»Ukraine: peut-on éviter la guerre? #cdanslair 19.01.2022«, France 5/YouTube, 20.1.2022 (18’24’’) (https://youtu.be/owOJJKRYQZs?t=1104)
2.»Comment un homme a changé la Russie«, la-croix.fr, 26.4.2005
3.»La chute de l’empire soviétique, vingt-cinq ans après«, lemonde.fr, 8.9.2016
4.Vladimir Fédorovski: »La chute de l’URSS est encore un traumatisme …«, lefigaro.fr, 16.12.2016
5.»Poutine, l’incontournable patron de la Russie«, France 24, 18.3.2018
6.Marion Van Renterghem in der Sendung »C dans l’air« vom 19.1.2022 (»Ukraine: peut-on éviter la guerre? #cdanslair 19.01.2022«, France 5/YouTube, 20.1.2022 (32’12’’) (https://youtu.be/owOJJKRYQZs?t=1932)
7.Wenn nicht anders erwähnt, stammen die Übersetzungen der Zitate von Philipp Otte.
8.Annual Address to the Federal Assembly of the Russian Federation, 25.4.2005, Kreml, Moskau (http://en.kremlin.ru/events/president/transcripts/22931)
9.Jean-Dominique Giuliani in der Sendung »C dans l’air« vom 25. Januar (»Ukraine: la surenchère russe … ou américaine? #cdanslair 25.01.2022«, France 5/YouTube, 26.1.2022 (19’02’’)
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