Kitabı oku: «Lesen in Antike und frühem Christentum»

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Jan Heilmann

Lesen in Antike und frühem Christentum

Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung für die neutestamentliche Exegese

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ORCID iD Jan Heilmann: 0000-0003-2815-6827

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ISSN 0939-5199

ISBN 978-3-8252-5446-9 (Print)

ISBN 978-3-7720-0149-9 (ePub)

Inhalt

  Kapitel

  ICHHALTEJEDOCHDASVORANGESCHRIEBENEFÜREINENÜTZLICHESACHEDAESDIEJENIGENDIEESINTENDIERTLESENWOLLENORIENTIERTDIEJENIGENDIEZUFÄLLIGAUFDASBUCHSTOSSENZUMLESENERMUNTERTUNDENDLICHDENJENIGENDIENURETWASNACHSCHLAGENWOLLENBEIMSCHNELLENAUFFINDENHILFT

  Vorwort

  Präliminarien

 1 Einleitung1.1 Lesen im frühen Christentum – Zum Forschungsstand1.1.1 Lesen im „Gottesdienst“ bzw. in der „Gemeindeversammlung“1.1.2 Biblical Performance Criticism1.1.3 Public Reading/Communal Reading1.2 Die lange Debatte um die Frage nach dem „lauten“ und „leisen“ Lesen in der Antike1.3 Methodische Engführungen und Defizite der bisherigen Forschung1.3.1 Geschriebenes als Abbild des Gesprochenen?1.3.2 Die Frage nach dem Zusammenhang von Schriftsystem und Lesepraxis1.3.3 Die Frage nach der Literalität antiker Gesellschaften1.3.4 Die Frage nach der Alterität antiker und zeitgenössischer Lesekultur1.3.5 Die Frage nach der „Oralität“ antiker Gesellschaften1.3.6 Engführung der Forschung auf die Fragen nach einem vermeintlichen „Normalmodus“ des Lesens in der Antike und auf reading communities1.4 Fragestellung, methodischer Ansatz und Vorgehen1.5 Beschreibungssprache und weitere terminologische Klärungen

  Teil I Grundlagen

  2 Überblick über die Vielfalt der Lesemedien

 3 Semantik des Lesens im Griechischen mit Seitenblicken auf das Lateinische3.1 Lesen als (Wieder)Erkennen3.1.1 Ἀναγιγνώσκω3.1.2 Ἀναγιγνώσκω mit zusätzlichen Präfixen3.1.3 Ἀναγνωστικός3.1.4 Ἀνάγνωσις3.1.5 Ἀνάγνωσμα3.1.6 Ἀναγνώστης3.2 Lesen als Hören3.3 Lesen als Sammeln: λέγω und Derivate3.4 Lesen als Begegnung und Kontakt mit dem Text3.5 Lesen als haptischer Umgang mit dem Medium3.6 Lesen als Suchen bzw. Fragen3.7 Lesen als Bewegung3.8 Lesen als Sehen des Textes3.9 Lesen als Essen und Trinken

  4 Scriptio Continua und „typographische“ Merkmale antiker Handschriften 4.1 P. Saengers These zum Lesen von scriptio continua vor dem Hintergrund der modernen kognitions- und neurowissenschaftlichen Leseforschung 4.2 Das Lesen von scriptio continua im Spiegel antiker Quellen 4.3 Weitere „typographische“ Gestaltungsmerkmale antiker Handschriften und die Frage nach „Lesehilfen“ 4.4 Zwischenfazit und die Frage nach der Repräsentation von Klang in der Schrift

  5 Publikation in der Antike und Verfügbarkeit von Literatur

  6 Zwischenertrag: Die Vielfalt antiker Lesepraktiken und -kontexte 6.1 Kollektive Rezeption und Lesen beim Gemeinschaftsmahl 6.2 Individuelle Lektüre

  Teil II Anwendung der erarbeiteten Grundlagen zur Analyse spezifischer Textcorpora

 7 Lesen im antiken Judentum – Exemplarische Fallstudien7.1 Hebräische Bibel, LXX und außerkanonische Schriften7.1.1 קרא als hebräisches Hauptleseverb7.1.2 הגה und individuell-direkte Lektüre im AT7.1.3 Lesepraktiken in der Henochliteratur7.1.4 Das Lektürekonzept im Buch Jesus Sirach7.1.5 Antizipation unterschiedlicher Rezeptionsgewohnheiten im 2Makk7.2 Philon7.2.1 Lesesozialisation bei Philon am Beispiel von agr. 187.2.2 Die Lektüre des Königs – Philons Interpretation von Dtn 17,18 f7.2.3 Individuell-direkte Lektüre der Therapeuten vs. communal reading7.2.4 Zwischenfazit7.3 Qumran7.4 Lesen in der Synagoge bzw. am Sabbat7.5 Zwischenertrag

 8 Lesen im Neuen Testament8.1 Überblick über kleinere Leseszenen8.2 Lesen des Alten Testaments im Neuen Testament8.2.1 Lesen des Alten Testaments im Corpus Paulinum8.2.2 Lesen der Hebräischen Bibel/des Alten Testaments in den Erzähltexten des Neuen Testaments8.3 Zur Lektüre der Paulusbriefe und Paulus’ Brieflektüre8.3.1 Die Brieflektüre des historischen Paulus8.3.2 Die anvisierte Rezeptionsform der Paulusbriefe in den paulinischen Gemeinden8.3.3 Lesen in den Deuteropaulinen8.3.4 Zusammenfassung8.4 Die Ansprache der Rezipienten als Leser in Erzähltexten des NT8.4.1 Mk 13,14 und das Lesekonzept des MkEv8.4.2 Zur anvisierten Rezeptionsweise der Apokalypse

 9 Rückblick und Ausblick: Lesen im frühen Christentum9.1 Zusammenfassender Rückblick und methodologische Implikationen für die Exegese9.2 Zum Stellenwert des Lesens im frühen Christentum: Mündlichkeit und Skeptizismus gegenüber dem geschriebenen Wort?9.3 Lesen im Kontext der Komposition sowie der Abschreibepraxis neutestamentlicher Texte9.4 Ein Vorleser/Lektor in den frühchristlichen Schriften als Evidenz für gottesdienstliche Lesungen?9.5 Vielfalt frühchristlicher Lesepraxis: Zum Charakter kollektiv-indirekter Leseanlässe im frühen Christentum und individuell-direkte Lektüre9.5.1 Kollektiv-indirekte Rezeption9.5.2 Individuell-direkte Lektüre9.6 Konsequenzen für die Frage nach der Entstehung des neutestamentlichen Kanons9.7 Epilog

 10 Anhang10.1 Liste mit Belegen für nicht-vokalisierendes Lesen10.2 Quellensprachliche Bezeichnungen antiker „Leseobjekte“ (Auswahl)10.3 Exemplarische Übersicht über griechische (und lateinische) Lesetermini10.4 Abkürzungen

 11 Quellen und Hilfsmittel11.1 Wörterbücher, Lexika und weitere Hilfsmittel11.2 Philologische Hilfsmittel11.3 Konkordanzen und elektronische Hilfsmittel11.4 Epigraphische und papyrologische Hilfsmittel11.5 Quellen11.5.1 Biblische Texte11.5.2 Literarische Quellen11.5.3 Papyri, Ostraka u. a.11.5.4 Inschriften11.5.5 Münzen11.5.6 Ikonographische Quellen11.5.7 Quellen aus der Neuzeit

  12 Literaturverzeichnis

 13 RegisterStellenverzeichnisAltes Testament, LXX, Pseudepigraphen des Alten TestamentsQumranNeues TestamentAußerkanonische Pseudepigraphen des Neuen TestamentsAntike AutorenSachregisterAuswahl an lateinischen und griechischen Lexemen


ICHHALTEJEDOCHDASVORANGESCHRIEBENEFÜREINENÜTZLICHESACHEDAESDIEJENIGENDIEESINTENDIERTLESENWOLLENORIENTIERTDIEJENIGENDIEZUFÄLLIGAUFDASBUCHSTOSSENZUMLESENERMUNTERTUNDENDLICHDENJENIGENDIENURETWASNACHSCHLAGENWOLLENBEIMSCHNELLENAUFFINDENHILFT

ἐγὼ δὲ κρίνω χρήσιμον μὲν εἶναι καὶ τὸ τῶν προγραφῶν γένος καὶ γὰρ εἰς ἐπίστασιν ἄγει τοὺς ἀναγινώσκειν θέλοντας καὶ συνεκκαλεῖται καὶ παρορμᾷ πρὸς τὴν ἀνάγνωσιν τοὺς ἐντυγχάνοντας, πρὸς δὲ τούτοις πᾶν τὸ ζητούμενον ἑτοίμως ἔνεστιν εὑρεῖν διὰ τούτου.

Polybios 11 prooem. 2

Vorwort

Die vorliegende Studie entstand im Wesentlichen in den Jahren 2014–2018 und wurde im Wintersemester 2019/2020 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum als Habilitationsschrift angenommen. Das Manuskript wurde für die Publikation geringfügig überarbeitet sowie um Quellen und Literatur ergänzt.

Danken möchte ich zunächst Prof. Dr. Matthias Klinghardt nicht nur für seinen kollegialen Rat und seine vielfältige Unterstützung, sondern auch dafür, dass er mir großartige Entfaltungsmöglichkeiten am Institut für Evangelische Theologie in Dresden eröffnet hat. Außerdem danke ich Prof. Dr. Reinhard von Bendemann und Prof. Dr. Peter Wick für die Übernahme der Gutachten, die auf sorgfältiger Lektüre basierenden, unverzichtbaren Hinweise für die Überarbeitung und die Begleitung des Verfahrens. Danken möchte ich außerdem den übrigen TANZ-Herausgebern, Prof. Dr. Günter Röhser, Prof. Dr. Stefan Schreiber und Prof. Dr. Manuel Vogel für die Aufnahme in die Reihe. Dr. Valeska Lembke, Corina Popp und Elena Gastring danke ich für die gute Betreuung von Seiten des Verlags. Große Teile dieses Buches sind im Rahmen eines Forschungsprojektes entstanden, das vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus durch die Sächsische Aufbaubank gefördert wurde. Für die großzügige finanzielle Unterstützung sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Daneben ist zahlreichen weiteren Personen vielfältiger Dank abzustatten: Prof. Dr. Christina Hoegen-Rohls, für den fortdauernden diskursiven Austausch über meine Forschungsthemen, und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihres Oberseminars im SoSe 2019; Prof. Dr. Hermut Löhr stellvertretend für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ökumenischen Neutestamentlichen Sozietät in Bonn, in deren Rahmen ich mein Projekt im April 2018 vorstellen durfte; Prof. Dr. Jörg Frey stellvertretend für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des VIII. Colloquium Iohanneum im Februar 2019 in Zürich; Dr. David Trobisch, Prof. Dr. Andrew McGowan und Prof. Dr. Susan Marks für die zahlreichen inspirierenden Gespräche und Diskussionen über das Thema; Prof. Dr. Dennis Pausch, Prof. Dr. Martin Jehne, Prof. Dr. Maria Häusl und Ute Meyer für die konstruktive Begleitung des Projekts von Seiten der Dresdner Altertumswissenschaften; nicht zuletzt allen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Evangelische Theologie in Dresden und insbesondere der Institutssekretärin, Eva-Maria Kaminski, die mit ihrer liebenswürdigen Art stets den Überblick über die Finanzmittel meiner Projekte behalten und mich im administrativen Dickicht der Universität vielfältig unterstützt hat.

Auch viele Freunde und Kolleginnen/Kollegen haben Anteil am Gelingen des Projektes, die Teile der Habilitationsschrift z.B. im Dresdner Oberseminar und darüber hinaus kritisch diskutiert, mir wertvolle Hinweise gegeben, mich in Bezug auf Methoden der Digital Humanities beraten und/oder sich durch die Übernahme des Korrekturlesens hervorgetan haben: Adriana Zimmermann, Christine Hoffmann, Dr. Nathanael Lüke, Dr. Daniel Pauling, Dr. Tobias Flemming, Dr. Alexander Goldmann, Dr. Juan Garcés, Dr. Eric Pilz, Stefan Zorn, Dr. Benedikt Eckhardt, Dr. Johannes F. Diehl, PD Dr. Thomas Wagner und Dr. Matthias Braun. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag von Kevin Künzl, der mit seinem altphilologischen Sachverstand als SHK/WHK und später als Doktorand an der kritischen Sichtung und Übersetzung zahlreicher Quellen mitgewirkt hat. Neben den vielen Studierenden in meinen Dresdner Lehrveranstaltungen ist namentlich weiteren Studentischen Hilfskräften für ihren unermüdlichen Arbeitseinsatz herzlich zu danken: Lea Herrfurth, Fridolin Wegscheider, Johann Meyer, Frank Wagner, Jakob Brügemann, Ulrike Meinhold und Tobias Reintzsch.

Danken möchte ich außerdem meinen Eltern, Doris und Pfr. Bernd Schäfer, für die vielfältige Unterstützung meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, sowie meiner Schwester und ihrem Mann, Lena und Stefan Schäfer, für ihre Unterstützung und die Übernahme von Korrekturarbeiten. Dieses Buch ist meiner Frau Claudia, meiner kritischsten Leserin und lieben Partnerin, und meinem Sohn Anton, der stets für eine lebendige Arbeitsatmosphäre sorgt, gewidmet.

Dresden, im Juli 2020 Jan Heilmann

Präliminarien

 Entgegen älteren Konventionen wird u. a. wegen der besseren elektronischen Verarbeitbarkeit1 bei der Angabe von Quellen weitgehend auf die Verwendung von Römischen Zahlen verzichtet.

 PapyriPapyrus werden wie folgt zitiert:[EditionEdition2][ggf. Band][Textnummer], [ggf. Fragment/Kolumne],[Zeile]P.Oxy. 3 405, col. 2,19P.Oxy. 9 1175, fr. 7,8Wenn nur ein Fragment mit einer Kolumne vorhanden ist, wird die Zeilenangabe direkt hinter der Textnummer angeführt.P. Mich. 2 130,10 …

 KodizesKodex werden wie folgt zitiert:[EditionEdition][Folium recto/verso],[Zeile]P.Oxy. 4 657, f. 47vo,21

 Soweit die zitierten Quellen online zur Verfügung stehen, sind sie im E-Book mit einem Hyperlink versehen, damit sie von den Leserinnen und Lesern schneller eingesehen werden können. Generell werden PapyriPapyrus mit der Datenbank „Trismegistos“ verlinkt, literarische Quellen aus lizenzrechtlichen Gründen und der allgemeinen Zugänglichkeit willen mit der Perseus Digital Library bzw. – für Texte, die dort nicht enthalten sind – mit dem neuen Scaife Viewer von Perseus. Diese Links enthalten jeweils stabile CTS-URNs (vgl. dazu http://cite-architecture.org/). InschriftenInschriften werden mit diversen digital verfügbaren Korpora verlinkt.

 Die Verlinkungen implizieren jedoch keine Aussage über die zitierten EditionenEdition.3 Die Quellen sind i. d. R. in den gängigen historisch-kritischen Editionen kontrolliert worden (v. a. BSGRT usw.).

 Übersetzungen stammen, wenn nicht anders angegeben, vom VerfasserAutor/Verfasser.

 Griechische und lateinische Verben werden aus pragmatischenPragmatik Gründen in der Wörterbuchform angegeben, auch wenn dies wegen der Gewohnheit im Deutschen, Verben mit dem Infinitiv zu benennen, für einige Leserinnen und Leser ungewöhnlich erscheinen mag.

 Römische Zahlen werden in Tabellen und Klammern z. T. zur vereinfachten Datierung nach Jahrhunderten verwendet, wobei Römische Zahlen ohne die Angabe „v. Chr.“ eine Datierung „n. Chr.“ implizieren.

 Um den Fußnotenapparat zu entlasten, werden Wörterbuchartikel z. T. unter Verwendung eines Kürzels im Haupttext ohne Seitenangabe zitiert.

 Die Abkürzung „Lit.“ steht im Fußnotenapparat für „mit weiterführenden Hinweisen auf die Forschungsliteratur“.

1 Einleitung

In dieser Studie wird die Frage gestellt, wie die Texte des späteren Neuen Testaments1 (im Folgenden: neutestamentliche Texte) in ihrem unmittelbaren Entstehungskontext und im Rahmen der frühen Rezeptionsgeschichte gelesen wurden. Es klingt zunächst banal, wenn man die selbstverständliche Annahme formuliert, dass die neutestamentlichen Texte geschriebenSchriftGeschriebenes wurden, um gelesen zu werden. Kategorien wie die (Erst-)LeserLeser, die historische Rezeptionssituation, die gottesdienstlicheGottesdienst Verlesung (WortgottesdienstGottesdienstWort-/liturgische Lesung usw.) u. ä., aber auch das Verb „lesen“ und das Substantiv „Lesen“ gehören zum Standardrepertoire der exegetischenExegese Beschreibungssprache. Demgegenüber bleibt die Reflexion darüber, was „Lesen“ im frühen ChristentumChristentum konkret bezeichnet, aber zumeist unbestimmt. Auf der einen Seite umgehen viele Exegetinnen und Exegeten durch geläufige Formulierungen wie „Leser bzw. HörerHörer“2 und „Erstrezipienten“3 die Herausforderung, die historischen LesesituationenLese-situation neutestamentlicher Texte präzise zu beschreiben. Auf der anderen Seite steht die weit verbreitete monosituative Verortung der LesepraxisLese-praxis als eine gottesdienstliche Verlesung der neutestamentlichen Schriften im frühen Christentum, die meist mit der Annahme einer KontinuitätKontinuität zur Praxis des VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt in der SynagogeSynagoge verbunden wird. Die Rede von der gottesdienstlichen Lesung läuft jedoch Gefahr, kirchengeschichtlich identifizierbare, liturgische Lesepraktiken in die neutestamentliche Zeit hineinzuprojizieren. Denn liturgische Lektionen neutestamentlicher Texte sind, so der Stand in der liturgiewissenschaftlichenLiturgiewissenschaft Forschung, frühestens ab dem 3. Jh. bezeugt. In den ostsyrischen KirchenKirche wird die Praxis liturgischer Lesungen vor der Feier der Eucharistie sogar erst im frühen 5. Jh. übernommen.4

Die frühchristliche LesepraxisLese-praxis und der LeseaktLese-akt selbst stehen nur selten im Zentrum des wissenschaftlichen Erkenntnisinteresses in der neutestamentlichen Forschung. Es ist bezeichnend, dass im ThWNT der Artikel zu ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω (32mal im NT belegt; 65mal in der LXXAT/HB/LXX)/ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις (dreimal im NT/viermal in der LXX) nicht einmal eine Seite lang ist (und den Befund unzulässig verkürzt darstellt),5 dagegen aber z.B. der Artikel zum Verb κηρύσσω (61mal im NT belegt; 32mal in der LXX) 19 Seiten umfasst.6 Hinzu kommt, dass sich weder im Reallexikon für Antike und ChristentumChristentum (RAC), noch im Handwörterbuch RGG4, noch in der TRE ein Artikel zum Stichwort „lesen“ o. ä. findet.7 Dies lässt mutmaßen, dass Lesen eine Selbstverständlichkeit ist, die wegen der eigenen LeseerfahrungLese-erfahrung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unmittelbar evident zu sein scheint; ein notwendiger, aber sonst wenig interessanter Prozess, um die Botschaft des Textes zu Gehör zu bringen. Doch die Frage nach dem Lesen im frühen Christentum ist eben nicht nur eine technische Frage. Ein genaueres Wissen über das Lesen im frühen Christentum hat Implikationen für wichtige Forschungsfelder der neutestamentlichen Wissenschaft, wie etwa:

 die Kommunikationsbeziehungen zwischen Paulus und seinen GemeindenGemeinde und zwischen den Gemeinden untereinander;

 die frühchristliche Ritualgeschichte (also die Frage nach der Entstehung und Vorgeschichte des christlichen Gottesdienstes und von Liturgien);

 die rezeptive Arbeitsweise der AutorenAutor/Verfasser der neutestamentlichen Texte und damit z.B. auch für das Synoptische Problem;

 in methodischer Hinsicht für die Diskussion um formgeschichtlicheFormgeschichte Einordnungen der neutestamentlichen Texte sowie v. a. für die Diskussion um die Anwendbarkeit moderner literaturwissenschaftlicher Methoden und Theorien auf die neutestamentlichen Texte usw.;

 Modelle zur Konzeptualisierung der Entstehung des neutestamentlichen KanonsKanon.

Die Frage nach dem Lesen im frühen ChristentumChristentum ist zuletzt aber gerade auch von hermeneutischer und theologischerTheologie Bedeutung, da Heilige SchriftenHeilige Schrift(en) bzw. als offenbarte und schriftgewordene Worte GottesGott interpretierte Texte schlicht und einfach zuallererst gelesen werden müssen.8

Das Ziel dieser Studie liegt darin, Lesen im frühen ChristentumChristentum im Horizont der antiken LesekulturLese-kultur zu untersuchen und damit ein neues Forschungsfeld für die neutestamentliche ExegeseExegese zu erschließen. Dabei ist im Folgenden zunächst herauszuarbeiten, inwiefern die existierenden Ansätze in der neutestamentlichen Forschung, die das Phänomen Lesen im frühen Christentum beschreiben, von einer Debatte in den Altertumswissenschaften beeinflusst und von einem problematischen Grundnarrativ geprägt sind. Dieses Grundnarrativ lässt sich komplexitätsreduziert wie folgt reformulieren:

a) Da BücherBuch in der Antike teuer waren, konnten sich nur wenige Menschen Bücher leisten und damit lesen. b) Texte wurden grundsätzlich „lautLautstärkelaut“ vorgelesen. Und zwar weil man c) Texte in scriptio continuaSchriftscriptio continua nicht „leiseLautstärkeleise“ lesen konnte und d) die LiteralitätsrateLiteralität/Illiteralität in der Antike insgesamt, und im frühen Christentum insbesondere, äußerst gering war. Daraus wird geschlussfolgert: Die neutestamentlichen Schriften seien für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt bestimmt gewesen. Dieses Narrativ setzt nicht nur ein problematisch gewordenes, auf das 19. Jh. zurückführbares Modell des frühen Christentums „als überwiegend ökonomischer, literarischer und bildungsmäßiger Unterschicht“9 voraus. Vielmehr unterstellt das Narrativ auch, dass Lesen in Antike und frühem Christentum ein rein auditivesauditiv Phänomen war, gegenüber dem gesprochenen Wort nur eine sekundäre Rolle spielte bzw. eine Hilfsfunktion hatte und von der heutigen Lesekultur fundamental zu unterscheiden ist. Im Sinne eines umfassenderen Verständnisses, das insb. auch den direkten Zugang zum SchriftmediumLese-medium einschließt, habe Lesen nur eine marginale Rolle gespielt. Ein gutes Beispiel für die aus diesem Narrativ folgende Marginalisierung und funktionale Unterordnung des Phänomens „Lesen“ ist das 2017 erschienene Dictionary of the Bible and Ancient Media.10 Es enthält zwei lange Artikel zu den Stichworten „Performance Criticism (Biblical)“Biblical Performance Criticism und „Performance of the Gospel (in antiquity)“ (insg. zehn Seiten), aber nur eine halbe Seite zum Stichwort „Reading culture“ und keinen Eintrag zum Stichwort „Reading“.

Demgegenüber wird in dieser Studie anhand einer umfassenden Auswertung der Quellen herauszuarbeiten sein, dass Lesen in der Antike deutlich differenzierter zu beschreiben ist und auch als ein elaboriertes und eigenständiges Phänomen wahrgenommen wurde. Für die Schriften des antiken JudentumsJudentum und des antiken ChristentumsChristentum wird zu zeigen sein, dass die anvisierte Rezeptionssituation nicht generell auf den Modus des VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt in einer Gruppe reduziert werden kann, sondern sich auch andere Formen der anvisierten Rezeptionsweise eindeutig nachweisen lassen. Im ersten Kapitel ist zunächst der Forschungsstand zu diskutieren. Dabei wird in einem ersten Schritt der Forschungsstand zum Lesen im frühen Christentum behandelt, in einem zweiten Schritt ist die altertumswissenschaftliche Debatte um das „lauteLautstärkelaut“ und „leiseLautstärkeleise“ Lesen in der Antike zu problematisieren, und in einem dritten Schritt werden die methodischen Engführungen und Defizite der bisherigen Forschung systematisiert. Davon ausgehend werden unter 1.4 und 1.5 die Fragestellung und der Forschungsansatz sowie das methodische Vorgehen der vorliegenden Studie erläutert.

1.1 Lesen im frühen Christentum – Zum Forschungsstand

Eine Forschungsgeschichte zum Lesen im frühen ChristentumChristentum zu schreibenSchreiben, ist nicht möglich, da wir mit der paradoxen Situation konfrontiert sind, dass es keine umfassenden Spezialuntersuchungen zum hier zu erschließenden Forschungsfeld gibt und ein relativ geringes Interesse am LeseaktLese-akt als solchem festzustellen ist, wie oben bereits ausgeführt wurde. Allerdings ist das Thema mit zahlreichen etablierten Forschungsfeldern und -diskursen verwoben und berührt unzählige exegetischeExegese Einzelfragen. Zu den etablierten Forschungsfeldern und -diskursen gehören z.B.:

 liturgiegeschichtliche Fragen nach der Genese des christlichen Gottesdienstes;

 die alte Frage über den literarischen Charakter der neutestamentlichen Texte, der z.B. einflussreich von Overbeck und Deissmann vehement in Frage gestellt wurde,1 bzw. die Frage nach der literaturgeschichtlichen Einordnung und den intendierten AdressatenAdressat neutestamentlicher Texte;

 die Frage nach MündlichkeitMündlichkeit und SchriftlichkeitSchrift-lichkeit sowie der LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) in Antike und frühem ChristentumChristentum;

 die Frage nach der Angemessenheit von methodischen Zugängen zum NT aus den Literaturwissenschaften, insbs. die RezeptionsästhetikRezeptionsästhetik (reader response criticism).2

Die Situation wird zusätzlich dadurch verkompliziert, dass einige dieser Forschungsdiskurse in einem besonderen Maße interdisziplinär mit anderen altertumswissenschaftlichen Disziplinen vernetzt sind. Diese Diskurse und ihr Bezug zum Thema „Lesen“ können hier im Einzelnen nicht dargestellt werden. Im Folgenden werden wichtige Forschungsbeiträge zum Thema entlang von drei Kontextualisierungsparadigmen diskutiert, in denen unterschiedliche Zugänge gewählt werden, um Lesen im frühen ChristentumChristentum zu beschreiben. Weil diese Kontextualisierungsparadigmen von der in den Altertumswissenschaften umfangreich diskutierten Frage nach dem „lautenLautstärkelaut“ und „leisenLautstärkeleise“ Lesen abhängig sind, ist darauffolgend diese Debatte ausführlicher darzustellen, bevor dann systematisch die methodischen Engführungen und Defizite der bisherigen Forschung darzulegen sind. Abschließend wird die Fragestellung und der Forschungsansatz der vorliegenden Studie entfaltet und die Beschreibungssprache eingeführt.

1.1.1 Lesen im „Gottesdienst“ bzw. in der „Gemeindeversammlung“

Gemeinde-versammlungDas Thema „Lesen im frühen ChristentumChristentum“ ist forschungsgeschichtlich eng verbunden mit der liturgiegeschichtlichen Frage nach Entstehung und Entwicklung des christlichen Gottesdienstes und insbesondere mit der Frage nach einem „Wortgottesdienst“, der als Gegenüber zum „eucharistischen GottesdienstGottesdienst“ konstruiert wird. Es ist hier weder zielführend noch möglich, diese umfangreiche Forschungsgeschichte ausführlich darzustellen.1 Im Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Studie ist jedoch relevant, dass der Gebrauch von Termini wie „gottesdienstliche Lektüre“, „liturgische Lesung“, „Wortgottesdienst“ etc. (G. Theißen spricht diesbezüglich sogar vom „kultischen Gebrauch“)2 in vielen Publikationen durch eine deutliche definitorische Unschärfe gekennzeichnet ist.3 Was SchriftlesungSchrift-lesung bedeutet und in welche sozialen und kulturgeschichtlichen Kontexte sie einzubetten ist, wird im Grunde als selbstverständlich gegeben vorausgesetzt. Vielfach bekommt man den Eindruck, spätere liturgische LesepraxisLese-praxis werde in die Zeit des frühen Christentums zurückprojiziert. Dies zeigt sich z.B. schon an der fragestellungsleitenden Unterscheidung zwischen einem WortgottesdienstGottesdienstWort- auf der einen Seite und einem „eucharistischen“ Gottesdienst auf der anderen Seite,4 die angesichts neuerer Forschungen zum MahlGemeinschaftsmahl im frühen Christentum und zur Entstehung des Gottesdienstes im frühen Christentum hochproblematisch geworden ist.5 Eine grundsätzliche Schwierigkeit besteht z.B. schon in der Verwendung des deutschen Gottesdienst-Begriffs, der für viele quellensprachliche Lexeme „zu unspezifisch und zu weit ist“ bzw. deren Bedeutungsfülle nicht abdeckt6 und daher als metasprachlicher Terminus klar definiert werden müsste. Außerdem zeichnen sich viele Arbeiten durch ein genealogisches Ableitungsmodell der frühchristlichen Lesepraxis aus dem „jüdischenJudentum SynagogengottesdienstSynagoge-ngottesdienst“ aus.7 Dies wird unter 7.4 weiter zu thematisieren sein. Wenn im Rahmen dieser Studie Begriffe wie „Gottesdienst“, „Liturgie“, „RitualRitual/ritualisiert“ (resp. die zugehörigen Adjektive) dennoch verwendet werden, dann beziehen sie sich auf die unspezifischen und weitgehend definitorisch unterbestimmten Kontextualisierungsmodelle, die sich in der Forschungsliteratur finden.

Die definitorische Unschärfe der Begriffe „gottesdienstlicheGottesdienst Lektüre“, „liturgische Lesung“, „Wortgottesdienst“ etc. ist forschungsgeschichtlich besonders deswegen relevant, da das vorausgesetzte Konzept eines frühen christlichen „Gottesdienstes“ und der darin implizierten LesepraxisLese-praxis vielfach als Kontext für die Erstrezeption neutestamentlicher Schriften vorausgesetzt wird. Dieses Kontextualisierungsmodell wird z.B. für die Erstrezeption der Paulusbriefe8 und der ApcApc9 verwendet und ist insbesondere für die Markusforschung von Relevanz. In Bezug auf Markus findet es sich schon Ende des 18. Jh. bei J. G. Herder.10 Der Rezeptionskontext des MkEvMk wird maßgeblich aus dem sprachlichen Stil abgeleitet, wie exemplarisch bei M. Hengel deutlich wird, der aus dem sprachlichen Stil sogar Rückschlüsse auf den Produktionskontext zieht:

„Wahrscheinlich ist das EvangeliumEvangelium aus dem lebendigen mündlichen Vortrag herausgewachsen und für die lectiolectio sollemnis im GottesdienstGottesdienst abgefaßt worden. Die kurzen, oft rhythmisch geformten Kola weisen auf die mündliche RezitationRezitation in der GemeindeversammlungGemeinde-versammlung hin. Das Evangelium ist für das OhrOhr des HörersHörer geschriebenSchriftGeschriebenes, und darum alles andere als ein künstliches literarisches Schreibtischprodukt, das aus obskuren schriftlichen Quellen, aus zahlreichen Zetteln und Flugblättern zusammengestückelt wurde.“11

Insbesondere die Verwendung der Kategorie lectiolectio sollemnis zeigt hier deutlich, dass das spätere Konzept einer festlichen liturgischen Verlesung biblischer Texte im GottesdienstGottesdienst anachronistisch in den Befund hineinprojiziert wird. Es handelt sich eindeutig um einen späteren liturgiegeschichtlichen Terminus. Aus den frühen Quellen lässt sich dessen Gebrauch weder in quellensprachlicher noch in metasprachlicher Hinsicht rechtfertigen. So ist das Kontextualisierungsmodell „Gottesdienst“/„liturgische Lesung“ für die Frühzeit insgesamt mehrfach zu Recht kritisiert worden.12 Anschaulich formuliert C. Buchanan:

„To inspect the liturgical evidence of the first and second centuries is like flying from Cairo to the Cape in order to get a picture of Africa, only to find that there is thick cloud cover all the way, with but half a dozen gaps in it.“13

Andererseits spielt die Kategorie „Verlesung im GottesdienstGottesdienst“ eine entscheidende Rolle bei vielen Rekonstruktionen der Entstehung des neutestamentlichen KanonsKanon. Am wirkmächtigsten war in dieser Hinsicht wohl die monumentale Arbeit T. Zahns, der zwar nicht als erster, aber doch prominent – und in Frontstellung gegen die dogmengeschichtlichen Zugänge Baurs und Semlers14 – die Interdependenz zwischen der Verlesung im Gottesdienst auf der einen Seite und der Sammlung von Schriften sowie der prozesshaft konzeptualisierten Entstehung des Kanons auf der anderen Seite postuliert. Im neutestamentlichen Kanon sieht er also von Beginn an eine Sammlung „kirchlicher Vorlesebücher“.15 Diese These ist zwar schon früh kritisiert worden – insbesondere die Spannung zwischen dem Postulat eines ideell bereits vorhandenen Kanons auf der einen Seite und dem postulierten Prozesscharakter bzw. der nicht physischen Einheit dieses Kanons auf der anderen Seite16 – aber hat doch die weitere Forschung zum neutestamentlichen Kanon maßgeblich geprägt.17 Dies ist insofern problematisch, als das Konzept der Verlesung im Gottesdienst in der Diskussion um die Entstehung des KanonsKanon vielfach definitorisch unterbestimmt bleibt,18 mit der Gefahr einer anachronistischen Rückprojektion moderner Vorstellungen vom Gottesdienst verbunden ist19 und als gleichsam feste Konstante ohne weitere Begründung vorausgesetzt wird.

Insgesamt ist der Großteil der Forschung des 20. Jh. davon geprägt, dass Lesen im frühen ChristentumChristentum weitgehend monosituativ im „GottesdienstGottesdienst“/der „GemeindeversammlungGemeinde-versammlung“ verortet wird – zum Teil mit der Begründung der vermeintlich hohen Kosten von HandschriftenHandschrift/Manuskript (Hss.Handschrift/Manuskript), der unterstellten leseunfreundlichen Gestaltung derselben und der angenommenen geringen LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität).20 Zum Teil wird aber auch die Möglichkeit anderer Rezeptionsweisen, insb. der Kontext der Katechese angedeutet;21 systematische Untersuchungen fehlen jedoch.

Eine Ausnahme einer solchen monosituativen Verortung des Lesens im frühen ChristentumChristentum bildet allerdings Harnacks 1912 erschienene Studie „Über den privatenÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat Gebrauch der heiligen SchriftenHeilige Schrift(en) in der Alten Kirche“KircheAlte, die maßgeblich auf einer noch älteren Arbeit von C. W. F. Walch aufbaut.22 Harnack wendet sich in dieser Studie gegen die maßgeblich von Lessing vertretene These, dass in der Alten Kirche das Lesen der Bibel Laien vorenthalten worden wäre. Dazu untersucht Harnack die Zeugnisse bis TheodoretTheodoret, die Rückschlüsse auf „privaten Gebrauch“ biblischer Texte zulassen. Harnack kommt zu dem Ergebnis, dass die biblischen Texte (zuerst die alttestamentlichenAT/HB/LXX und dann auch die neutestamentlichen) in der Alten KircheKircheAlte prinzipiell „jedermann zugänglich und in den Händen vieler Christen“23 waren. Für die Zeit der paulinischen Briefe, vermutet er jedoch, „wird – einfach infolge eines Mangels an Exemplaren – anfangs und eine geraume Zeit hindurch der private Gebrauch seltener gewesen sein.“24 Schon für Lukas nimmt er aber an, dass dieser auch außerhalb der „gottesdienstlichenGottesdienst Verlesung“ biblische Texte privat studiert habe.25 Aus der Literatur des 2. Jh. schlussfolgert er sodann, „daß das Alte Testament, die EvangelienEvangelium und die Paulusbriefe eine sehr große Publicität besessen haben müssen und von zahlreichen Christen studiert worden sind.“26 Schon wegen der zusammengetragenen Quellen bildet die Studie einen wichtigen Ausgangspunkt für die Frage nach der LesepraxisLese-praxis im frühen Christentum.27 Allerdings stellt sich die Frage, ob die Kategorie „privater Gebrauch“, die eine dichotome Unterscheidung von einem offiziellen (öffentlichenÖffentlichkeitöffentlich) kirchlichen Gebrauch (also eine feste Institution der „gottesdienstlichen Vorlesung“28) voraussetzt, in heuristischer Hinsicht nicht zu allgemein ist, um die Lesepraxis im frühen Christentum angemessen und differenziert genug beschreiben zu können.

Zwei Arbeiten aus den 1990er Jahren, die sich dezidiert mit dem Lesen im frühen ChristentumChristentum bzw. im NT beschäftigen, sind hier etwas ausführlicher zu besprechen. Bis heute einflussreich, besonders in der anglophonen ExegeseExegese, ist H. Y. Gambles 1995 erschienene Monographie „Books and Readers in the Early Church: A History of Early Christian Texts“. Wie schon der Titel sagt, handelt es sich bei Gambles Buch weniger um eine Studie zum Lesen selbst. Er formuliert jedoch gleich zu Beginn dem oben skizzierten Grundnarrativ entsprechend die These:

„Remember, however, that all ancient reading was reading aloud and that much of it occurred in public, quasi-public, and domestic settings where those listening might include the semiliterate and illiterateLiteralität/Illiteralität as well as the literate. […] Most early Christian texts were meant to speak to the whole body of the faithful to whom they were read. These writings envisioned not individual readers but gathered communities, and through public, liturgical reading they were heard by the whole membership of the churches.“29

Gamble wählt einen vierfachen Zugang, um die frühchristliche LesekulturLese-kultur zu kontextualisieren, und zwar über die Frage nach dem Literalitätsgrad (Kapitel 1), nach der MaterialitätMaterialität (Kapitel 2), nach der PublikationPublikation/Veröffentlichung und ZirkulationZirkulation von Texten (Kapitel 3) sowie nach „christlichen“ BibliothekenBibliothek (Kapitel 4). Dies kann hier nicht im Einzelnen detailliert besprochen werden, im Laufe der Untersuchung werde ich aber auf einzelne problematische Thesen Gambles bezüglich der genannten Fragen zurückkommen. Seine Schlussfolgerungen zum Lesen basieren z. T. auf dem alten, sozialromantisch verzerrten und v. a. aus dem 1Kor1Kor und Thesen zum historischen JesusJesus abgeleiteten Bild des frühen ChristentumsChristentum als Gruppe, die sich vor allem aus den illiteraten und unterprivilegierten Schichten zusammensetzte.30 Ein solches Bild des frühen Christentums ist in der jüngeren Forschung mit Recht in Frage gestellt worden.31

Angesichts fehlender früherer Zeugnisse umfasst Gambles Kapitel zu frühchristlichen BibliothekenBibliothek eine Epoche, die üblicherweise als patristischeKirche-ngeschichte Zeit bezeichnet wird, sodass keine Schlussfolgerungen bezüglich liturgischer LesepraxisLese-praxis für die Zeit des 1./2. Jh. möglich sind. Seine Argumentation hat dahingehend etwas Zirkuläres, als er auf der einen Seite liturgische Lesepraxis neutestamentlicher Texte, die er faktisch aus der Praxis des synagogalen WortgottesdienstesGottesdienstWort- ableitet, von Beginn an voraussetzt und auf der anderen Seite die frühe Existenz gemeindlicher Bibliotheken auf Basis dieser liturgischen Lesepraxis postuliert.32 Er leitet die Praxis des liturgischen Lesens faktisch aus dem synagogalen Wortgottesdienst ab, insofern er zwar die Limitationen der Quellen für die Rekonstruktion synagogaler Lesepraxis in vorrabbinischerrabbinischvor- Zeit genauso wie die Schwierigkeiten der Rekonstruktion frühchristlicher Lesepraxis in den GemeindenGemeinde (auch angesichts der Diversität des frühen ChristentumsChristentum) konzediert,33 aber dann daraus, dass Paulus bei den RezipientenRezipient seiner Briefe umfangreiche Kenntnisse der ToraTora voraussetzt, ableitet, „that the scriptures of Judaism were publicly read in the Pauline churches.“34 Freilich kann dies nur ein Indiz dafür sein, dass die Tora in den paulinischen Gemeinden rezipiert worden ist, aber nicht in welcher genauen Form. Zusätzlich formuliert er: „The fact that Paul expected his own letters to be read in the liturgical assembly shows that he envisioned the Christian gathering for worship as an appropriate setting for public readingpublic reading.”35 An dieser Stelle mag der Hinweis genügen, dass Gamble diesen fact nicht am Text belegt, sondern rein thetisch postuliert. Zudem bleiben Termini wie liturgical assembly, liturgical readings in der gesamten Arbeit unterbestimmt bzw. speisen sich implizit durch Rückprojektionen aus späterer Zeit, die in der Gefahr stehen, anachronistisch zu sein.36

Zuletzt konzediert Gamble zwar, dass „christliche BücherBuch“ auch „privatÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat“ gelesen worden wären, führt dazu relevante Quellen an und macht wichtige Beobachtungen.37 In der Gesamtausrichtung des Buches bleiben diese Ausführungen jedoch ein Appendix, deren Implikationen nicht weiter bedacht werden. Insgesamt bleiben in Gambles Buch Quellenstellen, an denen LesepraktikenLese-praxis sowohl in der griechisch-römischen Literatur im Allgemeinen als auch in der frühjüdischen sowie frühchristlichen Literatur im Speziellen (bis auf die traditionell als Beleg für einen „Wortgottesdienst“GottesdienstWort- im frühen ChristentumChristentum zitierten Quellen), weitestgehend unbeachtet. Nicht zuletzt wegen des besonderen Einflusses von Gambles Buch in der anglophonen ExegeseExegese, der weitgehenden Übernahme der Logik seines Zugangs und der scheinbar selbstverständlichen Richtigkeit der These liturgischer Lesungen als Kontext der Rezeption neutestamentlicher Schriften, ist die systematische Auswertung dieser Quellen bisher ein schwerwiegendes Desiderat geblieben.

Die einzige deutschsprachige Monographie, die das Lesen im frühen ChristentumChristentum in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stellt, ist P. Müllers Monographie „‚Verstehst du auch, was du liest?‘. Lesen und VerstehenVerstehen im Neuen Testament“, die 1994 erschienen ist. Müllers Untersuchung fragt danach, „ob es vom Lesen im Neuen Testament etwas zu lernenLernen gibt für das Lesen des Neuen Testaments“,38 womit sein Erkenntnisinteresse im Hinblick auf literaturwissenschaftlich-rezeptionsästhetischeRezeptionsästhetik Perspektiven und Impulse für den gegenwärtigen Bibelgebrauch (Kapitel 5) schon angedeutet ist. Sein UntersuchungskorpusKorpus besteht aus den Stellen im NT, an denen Lesen explizit thematisiert wird und an denen er „Erkenntnisse über den Lesevorgang und seine Bedeutung“39 zu gewinnen sucht. Ausgehend von Act 8,26ffAct 8,26ff spitzt er die Leitfrage der Arbeit noch einmal zu auf den Aspekt des aus dem Lesen erwachsenden Verstehens der Texte (Kapitel 2), womit der Schwerpunkt der Arbeit eher als lesehermeneutisch charakterisiert werden kann. So kommt Müller dann auch zu dem Ergebnis, dass Verstehen biblischer Texte an Lese- und Interpretationsgemeinschaften gebunden ist und es die „eine Lese- und Verstehensweise der biblischen Schriften nicht gibt.“40 Die Untersuchung der einzelnen Lesestellen selbst, deren wichtige Ergebnisse unten im Einzelnen aufzunehmen sein werden, wird geleitet durch ein Modell des Lesens „in der griechisch-römischen Antike und im antiken JudentumJudentum“ (Kapitel 3), in dem Müller verschiedene kultur- und sozialgeschichtlicheSozialgeschichte Aspekte vornehmlich zusammenfassend aus der Forschungsliteratur aufarbeitet. Genau dieser Ansatz steht aber wegen des unten zu problematisierenden Forschungsstandes zum Lesen in der Antike insgesamt in der Gefahr, einzelne Stellen in den falschen Kontext zu stellen.

Der Ansätze von Gamble und Müller unterscheiden sich grundsätzlich im Hinblick darauf, wie sie die Relation der frühchristlichen LesepraxisLese-praxis zur griechisch-römischen Welt bestimmen. So hebt Gamble die weitgehenden Differenzen zwischen dem Lesen in der griechisch-römischen Welt und dem frühen ChristentumChristentum hervor. Das vorherrschende Medium der griechisch-römischen BuchkulturBuch-kultur sei die RolleRolle (scroll) gewesen, das frühe Christentum habe dagegen KodizesKodex verwendet; die griechisch-römische LesekulturLese-kultur sei die von literaten ElitenElite, im frühen Christentum sei den illiteraten Unterschichten vorgelesen worden; BücherBuch seien in der griechisch-römischen Welt publiziert und über den BuchmarktBuch-handel vertrieben worden, im frühen Christentum zirkuliertenZirkulation Bücher dagegen in privatenÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat Netzwerkstrukturen u. ä.41 Müller geht hingegen von grundsätzlichen Übereinstimmungen in Bezug auf die Lese- und Rezeptionsbedingungen der hellenistisch-römischen Antike sowie dem JudentumJudentum aus, die vor allem im „lautenLautstärkelaut“ Lesen, der ÖffentlichkeitÖffentlichkeit des Lesens und dessen Bindung an eine Lesegemeinschaft bestehe. Es seien nur unterschiedliche Akzentuierungen feststellbar, die vor allem durch die schulische und „gottesdienstlicheGottesdienst“ Verortung des Lesens im Judentum bedingt und auf griechisch-römischer Seite durch den öffentlichenÖffentlichkeitöffentlich Aufführungscharakter im Kontext der privilegierten Schichten gekennzeichnet sei.42 Diese Perspektive der Verortung der frühjüdischen und frühchristlichen Lesepraxis in der Lesekultur der griechisch-römischen Welt ist auch ein prägnantes Kennzeichen der sogenannten PerformanzkritikBiblical Performance Criticism (Biblical Performance CriticismBiblical Performance Criticism).

1.1.2 Biblical Performance Criticism

Weit verbreitet in der neutestamentlichen Wissenschaft ist das Postulat, dass in der Antike grundsätzlich „lautLautstärkelaut“ gelesen wurde. Teilweise wird es sogar in der extremen Form der Ausschließlichkeit vorgetragen1 und a) dahingehend erweitert, dass Texte in der Antike (u. a. wegen des geringen LiteralitätsgradesLiteralität/Illiteralität) „normalerweise durch VorleserVorleser und in Gruppen“2 rezipiert wurden, sowie häufig b) mit der These einer primär durch OralitätMündlichkeit geprägten Kultur verbunden, in der die neutestamentlichen Schriften entstanden seien.3 Sowohl das Lesen4 als auch der Prozess der TextproduktionTextproduktion5 seien primär mündlich konzeptualisiertMündlichkeit konzeptuell gewesen.6 Dies wiederum führt zu der verbreiteten Sicht, dass antike Texte, insbesondere die neutestamentlichen, nichts anderes seien als das gesprochene Wort transformiert in ein anderes Medium.7 In Analogie zu modernen Aufnahmemedien wird daher die Schrift gerne als Speichermedium für das Wort verstanden bzw. werden antike SchriftsystemeSchrift-system in Analogie zu NotationssystemenNoten in der MusikMusik beschrieben und analysiert.8 Die Rezeptionssituation sei daher umgekehrt zu verstehen als „restoration of the book to its pristine moment of oral origin.”9

Aufbauend auf diesem Theoriegebäude, das ich hier nur in wenigen Pinselstrichen angedeutet habe und das beeinflusst ist durch das Paradigma, die antike Welt und Literatur primär unter der Kategorie „OralitätMündlichkeit“ zu beobachten,10 sowie im größeren wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang des sog. performative turns in den Kulturwissenschaften zu sehenSehen ist,11 hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten v. a. in der anglophonen Forschung eine zunehmend mehr Anhänger findende Sichtweise auf die neutestamentlichen Texte im frühen ChristentumChristentum entwickelt. Diese Sichtweise geht vom Folgenden aus: Die neutestamentlichen Texte wurden im Rahmen ihrer Erst- und frühen Folgerezeption nicht einfach gelesen bzw. vorgelesen, sondern performed. Darunter verstehen die Vertreterinnen und Vertreter dieser Sichtweise eine Vortragspraxis, die in Analogie zu antiken Dramenaufführungen und zur Vortragsweise von RedenRede aufzufassen sei. Der Fokus liegt dabei auf dem Versuch, z.B. die genaue Vortragsweise und Stimmführung im Hinblick auf den Klang der Rede/die RhetorikRhetorik, die stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung von einzelnen RollenRolle (scroll), die Mimik und Gestik und v. a. die möglichen Reaktionen des Publikums zu untersuchen. In mehreren programmatischen Artikeln wurde dieser Ansatz von D. M. Rhoads als neue Methode der Biblischen PerformanzkritikBiblical Performance Criticism12 (Biblical Performance CriticismBiblical Performance Criticism) vorgeschlagen.13 Mittlerweile verkündet er den Ansatz sogar als Paradigmenwechsel, mit dem ein aus dem Druckzeitalter stammendes Paradigma (AutorAutor/Verfasser – geschriebener Text – individueller „leiser“ LeserLeser) abgelöst würde.14 Der Ansatz wurde ferner auch in der judaistischen Forschung adaptiert.15 Seit 2008 existiert auch eine eigene Reihe (BPCS), in der das Ziel des Ansatzes programmatisch folgendermaßen zusammengefasst wird:

„to reframe the biblical materials in the context of traditional oralMündlichkeit cultures, construct [imaginative]16 scenarios of ancient performances, learn from contemporary performances of these materials, and reinterpret biblical writings accordingly.“

Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Biblischen PerformanzkritikBiblical Performance Criticism nehmen an, die neutestamentlichen Texte seien nicht auf der Grundlage eines Schriftmediums vorgelesen, sondern auswendigAuswendiglernen vorgetragen worden. Damit wird die Existenz von Lesen im frühen ChristentumChristentum im eigentlichen Sinne negiert – abgesehen von der Nutzung von Manuskripten zum Auswendiglernen durch das „lauteLautstärkelaut“ Sich-selbst-VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt. P. J. J. Botha geht sogar so weit, nicht nur das „leiseLautstärkeleise“ Lesen für die gesamte Antike in Frage zu stellen, sondern auch alle Formen von lesenden Zugriffen auf SchriftmedienLese-medium, die einen Text nicht linear „oralMündlichkeit“ re-realisieren17 – also z.B. einen nachschlagenden, selektivenUmfangselektiv Zugriff, das Überspringen von Passagen usw. Die vielfältigen denkbaren Möglichkeiten werden im Rahmen dieser Studie v. a. unter 3 und 6 thematisiert und an den Quellen untersucht werden. Das Memorieren hätte die Funktion gehabt, einen Text entweder vor einer Gruppe zu „performen“ oder für eine nachfolgende durch rein mentale Verarbeitung entstehende KompositionKomposition zu nutzen, die dann wiederum „oral“ (d. h. in Form eines Diktats) zu PapyrusPapyrus gebracht worden wäre.18 Hier zeigt sich der Einfluss aus der Oralitätsforschung (s. o.): In überlieferungskritischer Hinsicht (und bei faktischer Negierung der Literarkritik, da Komposition auf der Grundlage schriftlicher Quellen mit diesem extremen Ansatz faktisch ausgeschlossen wird) wird postuliert, dass etwa das MkEvMk (in einem zeitlich ausgedehnten Prozess) in performance komponiert und geschriebenSchriftGeschriebenes worden sei.19 Überhaupt wird vielfach negiert, dass es in der Antike so etwas wie vom AutorAutor/Verfasser verbindlich herausgegebene EditionenEdition gegeben habe und Botha sieht darin den entscheidenden Grund für die Entstehung von Textvarianten in der hss. Überlieferung antiker Texte.20 PublikationPublikation/Veröffentlichung sei in der Antike und im frühen Christentum nichts anderes gewesen als der Akt des performativen Vortrags in einer Gruppe. Schriftliche Kopien seien lediglich mehr oder weniger zufällig durch Mitschriften oder das Herausgeben von Kopien an Freunde in Umlauf gekommen.21

Die Grundannahmen und die historische Rekonstruktion antiker und frühchristlicher LesepraxisLese-praxis im Rahmen der sog. PerformanzkritikBiblical Performance Criticism und die zuweilen zu findende Überbetonung von oralityMündlichkeit/aurality in Bezug auf die Produktion und Rezeption frühchristlicher Literatur hat L. Hurtado in einem wegweisenden Artikel zu Recht und mit überzeugenden – zuweilen allerdings angesichts des begrenzten Raumes nur angerissenen – Argumenten kritisch diskutiert und weitestgehend als crucial claims, highly dubious inferences und historical oversimplifications zurückgewiesen.22 (Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ähnliche Thesen in Bezug auf die hellenistische Poesie in der klassischen Philologie kritisch gesehen werden.)23 Wissenschaftstheoretisch ist dies als notwendige Gegenbewegung zu verstehen, die auf die durch das neue Paradigma des sog. performative turns entstandenen blinden Flecken aufmerksam macht, die maßgeblich durch ein weitgehendes Zurückdrängen von philologischen Detailfragestellungen und eine, dem Durchsetzen von Paradigmenwechseln häufig inhärenten, zunächst einseitige HeuristikHeuristik bedingt sind. Prägnant formuliert Hurtado bezüglich des weit verbreiteten Grundnarrativs (und die nachfolgende Untersuchung wird dies auf einer viel breiteren Quellenbasis bestätigen): „[I]t is simply misinformed to assert that texts [in the Roman era] were only (or even dominantly) read aloud and in groups, and were, thus, merely appendages to ‚orality‘.“24 Er verweist zudem u. a. darauf, dass die Rolle des Diktierens im Prozess der Entstehung insb. literarischer Texte nicht überschätzt werden darf25 und weist entschieden die These zurück, das MkEvMk oder irgendein anderer Text sei in performance komponiert worden.26

Der entscheidende Einwand gegen die sozialgeschichtlicheSozialgeschichte Rekonstruktion der PerformanzkritikBiblical Performance Criticism ist aber ein methodologischer, den auch Hurtado andeutet: Die Quellen, die der Rekonstruktion performativer Präsentationen der neutestamentlichen Texte sowie der Reaktionen des Publikums zugrunde liegenHaltungliegen, stammen fast ausnahmslos aus dem Bereich der (meist narrativen, z. T. theoretischen) Reflexion antiker Dramenaufführungen und der RhetorikRhetorik bzw. sind ikonographischeLese-ikonographie Darstellung von Dramenaufführungen oder Rednern.27 Schauspieler und RednerRedner sollten aber nicht mit den Vorlesenden von Texten verwechselt werden, wie Hurtado es formuliert.28 Oder anders gesagt: Es fehlt eine historische Begründung, die m. E. auch nur schwer möglich ist, inwiefern die Quellen, die sich auf das TheaterTheater und die RedeRede beziehen, für die Rekonstruktion von diversen Vorlesesituationen herangezogen werden könnten. Es kommt hinzu, dass es sich bei der vielfach belegten recitatiorecitatio (s. auch Publikation/Veröffentlichung), auf die sich nicht nur die Vertreterinnen und Vertreter der Performanzkritik beziehen,29 um eine Institution handelt, die fest mit der Präsenz des Autors verknüpft ist und zeitlich vor der eigentlichen PublikationPublikation/Veröffentlichung eines Werkes angesiedelt ist.30 Die recitatio ist daher kein beliebig verallgemeinerbarer Rahmen für die Rezeption literarischer und poetischer Werke.31 „Going to a recitationrecitatio was not a substitute for reading. It was a (sometimes tedious and socially obligatory) prelude to reading.“32

Insgesamt ist zu kritisieren, dass durch die extreme Fokussierung auf den Aspekt der MündlichkeitMündlichkeit der Quellenbefund nur selektivUmfangselektiv wahrgenommen wird und viele, in dieser Studie zu besprechende, Facetten antiker LesepraxisLese-praxis unbeobachtet bleiben. Bei aller Kritik insbesondere an der sozialgeschichtlichenSozialgeschichte Rekonstruktion antiker Lesepraxis im Rahmen der PerformanzkritikBiblical Performance Criticism ist schon hier zu betonen, dass damit nicht in Frage gestellt wird, die RhetorikRhetorik neutestamentlicher Texte zu untersuchen.33

Zuletzt schlussfolgert aber auch Hurtado aus dem handschriftlichen Befund (v. a. aus den sog. readers’ oder reading aidsLese-hilfe (reading aid)) wie aus dem NT (insb. Mk 13,14Mk 13,14 parMk 13,14 par; Lk 4,16Lk 4,16–21Lk 4,16–21; Act 13,15Act 13,15; 15,21Act 15,21; 17,10 fAct 17,10 f; 1Thess 5,271Thess 5,27; Kol 4,16Kol 4,16; Apc 1,3Apc 1,3), dass im frühen ChristentumChristentum Texte „most often in group-settings“34 gelesen, d. h. vorgelesen worden wären.35 Damit setzt er gegen die These besonderer performativer Lesungen, die ohne Textmedium ausgekommen wären, eine andere (allerdings nicht mehr weiter entfaltete) monosituative Verortung frühchristlicher LesekulturLese-kultur, an denen sich auch die Monographien von D. Nässeqvists (2016 erschienen) und B. J. Wrights (2017 erschienen) orientieren.

1.1.3 Public Reading/Communal Reading

D. Nässelqvists Studie setzt sich zwar insofern von der Biblischen PerformanzkritikBiblical Performance Criticism ab, als er die Kritik Hurtados aufnimmt, die einseitige These der Performanz auswendiggelernterAuswendiglernen Texte problematisiert und die Materialgebundenheit frühchristlicher LesepraxisLese-praxis betont.1 Sein Erkenntnisinteresse liegt aber zuletzt auch darin, oralMündlichkeit delivery im Rahmen von public readingpublic reading events zu rekonstruieren.2 Dazu untersucht er zunächst die materiellenMaterialität Überreste antiker und frühchristlicher Lesepraxis in Relation zur PragmatikPragmatik des Lesens (Kap. 2), betont die Wichtigkeit von auf das Lesen spezialisierter Lektoren im Rahmen der antiken und frühchristlichen Lesepraxis (Kap. 3) und führt im Anschluss an M. E. Lees und B. B. Scotts Sound Mapping und zusätzlich gestützt auf Aussagen der antiken Rhetoriktheorie eine Methode zur Analyse des Klangs griechischer Texte ein (Kap. 4), die er dann exemplarisch an Joh 1–4Joh 1–4 vorführt (Kap. 5–8).

Ganz ins Zentrum des Forschungsinteresses rückt B. J. Wright das Thema Lesen im frühen ChristentumChristentum in seiner 2017 erschienenen Studie „Communal Reading in the Time of JesusJesus“. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die m. E. sehr richtige Feststellung, dass Lesen insbesondere durch den starken Fokus der Forschung auf Oralitätsfragen weitestgehend vernachlässigt worden ist. Demgegenüber fordert er mit communal readingcommunal reading events eine neue control category und schreibt sich damit in einen Diskurs bezüglich bestimmter „‚quality controls‘ that must have been in place […] in order to account for the transmission of the earliest Jesus movement“ ein.3 Sein Erkenntnisinteresse liegt also vor allem darin, communal reading events als einen wichtigen Faktor in der Formierung und (textlichen) Überlieferung der Jesus-TraditionTradition zu plausibilisieren, wobei er jedoch betont, dass das Ziel seiner Studie zunächst darin liegt, zu belegen, dass communal reading events ein weit verbreitetes Phänomen im ersten Jh. n. Chr. gewesen seien.4 Weiterführende (und die eigentlich spannenden) Fragen, wie genau communal reading events die Transmission christlicher Traditionen im 1. Jh. steuerten u. ä., könnten dann erst auf der Grundlage der Beantwortung dieser Frage bearbeitet werden.5 Die Untersuchung selbst besteht dann aus einem Teil (Kap. 3f), in dem er die politischen, wirtschafts- und sozialgeschichtlichenSozialgeschichte Rahmenbedingungen im Hinblick auf die Bedingungen von communal reading events auswertet und auf einige sehr wichtige Punkte hinweist, die, insbesondere in der anglophonen neutestamentlichen Forschung, ein primär an „OralitätMündlichkeit“ ausgerichtetes Paradigma verfolgt, zuweilen nicht beachtet werden.6 Darauf folgt ein umfangreicher Teil, in dem er Quellen zu communal reading events in der paganen, jüdischenJudentum und christlichen Literatur, die er in das erste Jh. datiert, zusammenträgt (Kap. 5f). Am Ende resümiert er: „Overall, the findings show that communal reading events were more common and widespread geographically in the first century CE than the current academic consensus assumes.“7

Das zentrale methodische Problem der beiden Studien besteht darin, dass sie durch ihren Fokus auf communal readingcommunal reading events ihre HeuristikHeuristik enorm einschränken und ihre Thesen weitestgehend nur auf solchen Quellen basieren, die auf Vorleseszenen verweisen. Evidenzen für LesepraktikenLese-praxis jenseits von communal reading events bleiben hingegen völlig (bei Nässelqvist größtenteils) ausgeblendet. Schwierig ist außerdem, wie im Laufe der Untersuchung deutlich werden wird, Nässelqvists These einer ubiquitären Verbreitung (und gleichsamen Notwendigkeit) sog. Lektoren, die für das Lesen bzw. die performativen Lesungen zuständig gewesen wären.8 Auch seine Thesen zum Zusammenhang zwischen dem hss. Befund und der Lesepraxis werden im Rahmen dieser Arbeit zu problematisieren sein. Zudem wird zu fragen sein, ob die von ihm untersuchten „phonologischenPhonologie“ Strukturen eines Textes zwingend in ausschließlicher Relation zu public readingpublic reading events stehen müssen. Bei der Arbeit von Wright kommt hinzu, dass er sämtliche Quellen, auch solche, in denen sehr unspezifisch von Lesen die Rede ist, konsequent seiner Kontrollkategorie zuordnet. Dabei missachtet er z. T. argumentative oder literarische Kontexte; zudem fehlt eine methodologische Reflexion der Schwierigkeiten, von literarischen Darstellungen von Lesepraktiken auf die sozial-historische Wirklichkeit zu schließen. So belegen einige Quellen, die er anführt, wahrscheinlich bzw. sicher keine communal reading events:

P. Oxy. 31 2592 ist keine Einladung zu einem communal readingcommunal reading event, wie Wright suggeriert,9 sondern zu einem GemeinschaftsmahlGemeinschaftsmahl im Serapeion. Ob dort gelesen wurde, geht aus dem PapyrusPapyrus nicht hervor. Wenn in Prop. Properz2,24,1f geschriebenSchriftGeschriebenes steht, Properz’ Schrift Cynthia werde überall auf dem ForumForum gelesen (toto Cynthia lectalego foro), ist hier kein communal reading event und keine RezitationRezitation gemeint, sondern viele individuell Lesende, wie u. a. Prop. 3,3,19f zeigt.10 Diog. 12,1 ist nicht nur wegen der Diskussion um den sekundären Charakter der letzten beiden Kapitel des Diognetbriefes (communis opinio), schwierig; auch geht aus der Formulierung (selbst wenn man die literarische Einheit annehmen würde) keinesfalls hervor (s. u. Anm. 392, S. 468), dass ein communal reading event vorauszusetzen wäre.11 Inwiefern Pap 2[!],3 (Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 3,39,8) ein communal reading event belegen sollte, bleibt mir völlig schleierhaft.12 Der dort in ungenauer englischer Übersetzung angegebene Text, der allem Anschein nach nicht im Griechischen geprüft wurde, gehört zudem zum einleitenden Rahmen Eusebs und nicht zum Wortlaut von PapiasPapias, sodass eine Datierung ins 1./2. Jh. falsch ist. Diese Kritik gilt auch für das als Fragment 7 aus dem Ebionäerevangelium angegebene ZitatZitat, das aus dem einleitenden Rahmen bei Epiphanius stammt (Epiph.Epiphanius von Salamis panar. 30,22,4) und das definitiv nicht auf gemeinschaftliches Lesen verweist.13 Auch seine Interpretation von Ps.-Apollod.Apollodor von Athen bibl. 3,5,8 (52) als Beleg für ein communal reading event14 basiert auf der ungenauen englischen Übersetzung durch J. G. FRAZER. Die auf S. 215 zitierte Stelle aus den Oracula Sibyllina belegt definitiv kein communal reading event (s. u. Anm. 75, S. 126) und ist auch nicht ins 2 Jh. v.–1. Jh. n. Chr. zu datieren. Der zitierte Satz stammt aus dem (eindeutig christlichen) redaktionellenRedaktion/redaktionell PrologProlog (Sib. prol.), der nicht vor dem 6. Jh. n. Chr. entstanden ist.15 Wenn FrontoFronto, Marcus Cornelius in einem seiner Briefe an Antoninus Pius schreibt, dieser würde im TheaterTheater oder beim BankettSymposion (convivium) wiederholt lesen (lectitolectito; Front. ep. 4,12), so ist hier vermutlich eher gemeint, dass er für sich selbst liest.16 Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Konkret wird seine enge HeuristikHeuristik etwa daran deutlich, dass er einerseits sowohl ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω als auch ἐντυγχάνωἐντυγχάνω als „common markers of communal readingcommunal reading events“ versteht.17 Hier zeigt sich als Desiderat das Fehlen einer eingängigen lexikologischen und semantischen Analyse der griechischen und lateinischen Leseterminologie. Zahlreiche andere Termini, die Lesen bzw. die Rezeption von Texten anzeigen, werden andererseits überhaupt nicht berücksichtigt. Wie schon bei den zuvor diskutierten Ansätzen handelt es sich daher bei Nässelqvists und Wrights Ansatz ebenfalls um eine monosituative Verortung des Lesens im frühen ChristentumChristentum, wobei die Kategorie WortgottesdienstGottesdienstWort-/liturgische Lesung o. ä. durch das public/communal reading event ersetzt, dabei aber freilich breiter in der griechisch-römischen Welt kontextualisiert wird. Den meisten der skizzierten Forschungsbeiträge, die das Lesen im frühen Christentum monosituativ verorten, ist gemein, dass sie im Rahmen eines breiteren Diskurses in den altertumswissenschaftlichen Fächern stehen und davon beeinflusst sind. Dieser Diskurs und dessen problematische Implikationen sind im Folgenden zu beleuchten.

1.2 Die lange Debatte um die Frage nach dem „lauten“ und „leisen“ Lesen in der Antike

Die Erforschung des Phänomens „Lesen“ ist in der altertumswissenschaftlichen Forschung v. a. im 20. Jh. maßgeblich von der Frage nach dem „lautenLautstärkelaut“ und „leisenLautstärkeleise“ Lesen dominiert worden. Da hier wichtige methodische Implikationen und hermeneutische Grundfragen des Zugangs zum Thema deutlich werden, sind an dieser Stelle einige Bemerkungen zu dieser Debatte notwendig. Den locus classicus, von dessen Interpretation die Diskussion maßgeblich geprägt ist, bildet ein Bericht von Augustinus über die LesepraxisLese-praxis von AmbrosiusAmbrosius von Mailand in seinen Confessiones. Ein Auszug daraus sei zur besseren Verständlichkeit der Debatte vorweg abgedruckt:

„Ich [scil. Augustinus] seufzte noch nicht im Gebet, dass du mir zur Hilfe kommst, sondern mein Geist strengte sich an zu forschen und sehnte sich nach Disputation. […] Auch wußte er [scil. AmbrosiusAmbrosius von Mailand] nichts von meinen Unruhen noch von dem Abgrunde meiner Gefahr, weil ich ihn nicht nach Wunsch fragen konnte. Denn von seinem OhrOhr und Munde war ich abgesperrt durch ganze Haufen geschäftiger Leute […]. Und war er einmal von diesen Leuten nicht umgeben, was immer nur sehr kurze Zeit der Fall war, so stärkte er seinen Leib […] oder erquickte durch Lektüre [lectiolectio] seine Seele. Wenn er aber las, ziehen seine AugenAugen über die Seiten hin, und das Herz drang in ihr Verständnis, StimmeStimme und Zunge jedoch ruhten. (sed cum legebatlego, oculi ducebantur per paginas et cor intellectum rimabatur, uox autem et lingua quiescebant.) Oft, wenn ich zugegen war – denn niemandem war verboten, einzutreten, und es war nicht Brauch, ihm die Besuchenden zu melden –, hab ich ihn so gesehen, und nie anders, als schweigend lesend (sic eum legentem uidimus tacite). Dann saß ich lange schweigend bei ihm – denn wer hätte es gewagt, dem so in sich Versunkenen zur Last zu werden? – und ging wieder weg und dachte mir, in jener kurzen Spanne Zeit, die er […] für sich und zur Erholung seiner Seele gewinnen könne, wolle er nicht zu anderen Dingen hingezogen werden. Und leiseLautstärkeleise las er, wohl deshalb, daß nicht ein wißbegieriger und aufmerksamer HörerHörer ihn zwingen könne, eine dunkle Stelle, die er eben las, ihm aufzuklären und ihm in irgendwelcher schwierigen Frage Rede zu stehen. Darüber wäre so viel Zeit verloren gegangen, dass er das BuchBuch nicht so weit hätte auseinanderrollen [also lesen] können (voluminum evolveretevolvo), wie er gewollt hätte. Auch wenn er durch das schweigende Lesen nur seine Stimme, die leicht heiser wurde, hätte schonen wollen, so wäre dies ein billiger Grund gewesen. In welcher Absicht er es auch getan, sicher tat er immer gut.“ (Aug.Augustinus von Hippo Conf. 6,3; Üb. angelehnt an HEFELE).

Die bis heute vorherrschende, maßgeblich auf der Grundlage dieser Quelle gebildeten communis opinio lässt sich mit dem folgenden Satz aus dem Aufsatz von J. Balogh, der die Grundlage für die Debatte legte, zusammenfassen: „Der Mensch des Altertums las und schrieb in der Regel lautLautstärkelaut; das Gegenteil war zwar nicht unerhört, doch immer eine Ausnahme.“1 „Leises“ Lesen sei sogar als etwas Ungewöhnliches wahrgenommen worden.2 Diese These ist in den altertumswissenschaftlichen Fächern in vielfältigen Varianten wiederholt und zur Bildung verschiedenster Hypothesen (insb. im Hinblick auf die Orality-Literacy-DebatteMündlichkeit) herangezogen worden, wie im Rahmen dieser Arbeit noch an unterschiedlicher Stelle deutlich wird.3 Und auch in der neutestamentlichen Wissenschaft ist diese Sicht weit verbreitet, wie oben gezeigt wurde.

Vor dogmatischen Vorfestlegungen, es habe in der Antike kein „leises“ Lesen gegeben, warnt jedoch der geistesgeschichtliche Kontext der Forschungstradition, aus der diese These stammt: Baloghs Forschungsfrage, die ihn zu oben zitiertem Urteil führt, ist nämlich von einer kulturkritischen und z. T. modernitätskritischen TraditionTradition des 18. und 19. Jh. beeinflusst, die normativ am Vorbild der Antike ausgerichtet ist.4

Beispielhaft formuliert C. M. Wieland in seiner Übersetzung zu Lukian.Lukian von Samosata adv. ind. 2:5 „Diese Stelle beweiset […], daß die Alten (wenigstens die Griechen) alle BücherBuch, die einen Werth hatten, lautLautstärkelaut zu lesen pflegten, und daß es bey ihnen Regel war, ein gutes Buch müsse laut gelesen werden. Diese Regel ist so sehr in der NaturNatur der Sache gegründet, und daher so indispensabel, daß sich mit diesem Grunde behaupten lässt, alle Dichter […] von Talent und Geschmack müssen laut gelesen werden, wenn nicht die Hälfte ihrer Schönheit für den LeserLeser verlohren gehen sollen.“6

Die Fortschreibung dieser kulturkritischen, an die Kulturkritik der Antike anknüpfenden Sicht im Zeitalter des industriellen Buchdruckes wird auch in einem ebenfalls in den 20er Jahren des 20. Jh. erschienenen, englischsprachigen Artikel deutlich:

„… from Homer – a world without books and written records – down to Plato, where books are stillLautstärkestill new, though plentiful, is but a step, and so to our own day which groans beneath their burden. Almost within the memory of men now living the printed page has brought about the decline, if not the death, of oratory, whether of the parliament, the bar, or the pulpit; the newspaper and the review, anticipating every subject of comment, have killed conversation and debate; the learned archive or scientific journal renders the gatherings of scholars insignificant for purposes other than convivial; and books have in large degree displaced the living voiceStimmelebendige (viva vox) of the teacher. Books have created, as Plato prophesied, an art of forgetfulness, in that no one longer gives his mind to remembrance of that which can be consulted at leisure. The art of writing was to be sure in Plato’s time nothing new; but the Greek book, the accessible and convenient repository of other men’s thought, was scarcely yet a century old.“7

Stutzig macht zudem, schaut man Disziplinen übergreifend auf die Forschungsliteratur zur Geschichte des Lesens, die in aller Regel als Fortschrittsgeschichte geschriebenSchriftGeschriebenes wird, dass das „leiseLautstärkeleise“ Lesen in der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte mindestens fünfmal „erfunden“ wird.

(1) So vertritt der klassische Philologe J. Svenbro8 die These, das „leiseLautstärkeleise“ Lesen sei im 5. Jh. v. Chr. entstanden. Die Entwicklung vom „lautenLautstärkelaut“ zum „stillenLautstärkestill“ Lesen kann Svenbro in diachroner Hinsicht an Veränderungen im Selbstverständnis von InschriftenInschriften zeigen. Während die früheren Inschriften, insbesondere aus der archaischen Zeit, darauf angewiesen waren, dass der LeserLeser „seine StimmeStimme der stummen Inschrift leiht“9, findet man seit dem 5. Jh. das Phänomen von sprechenden Objekten oder Gegenständen sowohl in Bezug auf Inschriften als auch in der Reflexion dieses Phänomens in den Quellen:10 Insbesondere die Korrelation dieses Wandlungsprozesses mit der Entwicklung in der Theorie der visuellenvisuell Wahrnehmung im 5. Jh. v. Chr., die bei EmpedoklesEmpedokles, LeukippLeukipp und DemokritDemokrit deutlich wird, ist ein sehr starkes Argument. So wird hier die Vorstellung, dass das SehenSehen durch einen Strahl aus dem AugeAugen möglich wird, durch die atomistische Theorie ersetzt, in der die Möglichkeit des Sehens auf die Emission von kleinsten Teilchen durch den gesehenen Gegenstand zurückgeführt wird – in Bezug auf die Frage nach dem Lesen also „das Geschriebene seine Bedeutung zum Auge hin aussendet.“11 Zudem findet Svenbro im kulturellen Kontext des 5. Jh. die Vorstellung einer inneren Stimme, einer Stimme im Kopf;12 also eine Vorstellung die eine notwendige Voraussetzung für das „stille“ Lesen darstellt. Auf diese innere StimmeStimmeinnere (inner reading voice), die in der neueren LeseforschungLese-forschunginner reading voice genannt wird, wird später zurückzukommen sein.

Svenbro zeigt damit, dass sowohl die InschriftenInschriften als auch die direkten Zeugnisse für das „leiseLautstärkeleise“ Lesen im 5. Jh. v. Chr., die schon B. Knox gegen die maßgeblich von J. Balogh geprägte communis opinio in Stellung gebracht hatte,13 „ein und dieselbe Interiorisierungsbewegung [belegen], die im Verlauf des 5. Jahrhunderts vollzogen wurde […] [–] die Interiorisierung der StimmeStimme des LesersLeser, der nunmehr in der Lage ist, ‚in seinem Kopf zu lesen‘.“14 Die Grundlage für die Entwicklung hin zum „stillenLautstärkestill“ Lesen sei in pragmatischerPragmatik Hinsicht die Notwendigkeit größere Textmengen zu bewältigen;15 stärker wiege aber noch eine qualitative Veränderung in der HaltungHaltung gegenüber GeschriebenenSchriftGeschriebenes, die maßgeblich durch die Erfahrungen im TheaterTheater induziert gewesen sei. Denn durch die Transformation des dramatischen Textes auf der Bühne entsteht eine größere Differenz zwischen dem dramatischen Text, der „vokalen Kopie“ auf der Bühne und dem hörenden und sehenden (!) PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) als zwischen dem selbst oder anderen vorgelesenen Text in der lautlichen Realisierung beim „lautenLautstärkelaut“ Lesen. Durch diese Trennungserfahrung zwischen Geschriebenem und Leser sei die neue Haltung gegenüber Texten und damit das „leise“ Lesen ermöglicht worden.16

„Der traditionelle LeserLeser, der seine StimmeStimme braucht, um die graphische Sequenz ‚wiederzuerkennen‘ [=ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω], unterhält mit dem GeschriebenenSchriftGeschriebenes auf der Ebene der Verlautlichung eine spürbar aktive Beziehung (obwohl er gegenüber dem Schreiber, dessen Programm er ausführt, die Rolle des ‚passiven Partners‘ einnehmen kann). Um seine instrumentelle Funktion auszuüben, muß er eine geistige und physische Anstrengung vollziehen, sonst blieben die BuchstabenBuch-stabe ohne Bedeutung. […] Die Aktivität des stillLautstärkestill Lesenden wird nicht als eine Anstrengung zur Dechiffrierung erlebt, es ist eine Aktivität, die als solche nicht bewußt ist (so wie die interpretative Aktivität des ‚Ohrs‘, das eine bedeutungstragende Lautsequenz hört, eine sich als solche ignorierende Aktivität ist […]). Ihre ‚Wiedererkennung‘ des Sinns ist unmittelbar; ihr geht kein opaker Moment voraus. Der in seinem Kopf Lesende braucht das Geschriebene nicht durch seine Stimme zu aktivieren oder zu reaktivieren. Die Schrift scheint ganz einfach zu ihm zu sprechen. Er hört seine Schrift – so wie der Zuschauer im TheaterTheater die Vokalschrift der Schauspieler hört. Das visuellvisuell ‚(wieder)erkannte‘ Geschriebene scheint die gleiche Autonomie zu besitzen wie die Theateraufführung. Die Buchstaben lesen sich – oder vielmehr: sagen sich – von selbst. […] Die Buchstaben, fähig zu ‚sprechen‘, können auf das Eingreifen einer Stimme verzichten. Sie besitzen bereits eine. Es ist am Leser, bloß ‚zuzuhören‘ – im Inneren seiner selbst.“17

(2) Laut G. A. G. Stroumsa liegt der Ursprung des „leisenLautstärkeleise“ Lesens, dessen Durchsetzung allerdings einen langen Zeitraum in Anspruch genommen habe, in der Bibellektüre christlicher Mönche in der Spätantike, stehe auch im Zusammenhang mit dem Medienwechsel von der RolleRolle (scroll) zum KodexKodex und habe erstmals zu einer Internalisierung der heiligen SchriftHeilige Schrift(en) geführt und ein neues religiöses System etabliert:

„Side by side with the passage from roll to CodexKodex, our period saw the development of silent reading, a development (rather than a discovery) for which Augustin offers our best testimony […;] the development of silent reading, which would take a very long time, as it is not before the thirteenth century that it is well established […] seems to be directly linked to privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat reading of the Bible in the monastic milieus (in particular of the Psalms […]), in meditation and oration. The ability to read the holy text in silence and to memorize it brought to its internalization. […] In other words, the development of silent reading among early Christian elites reflect the transformed status of the individual in the new religious system, and it must have been as closely related to it as was the use of the codex.“18

(3) P. Saenger führt in seinem viel zitierten Buch „Space between Words“ die Möglichkeit der Entwicklung des „leisenLautstärkeleise“ Lesens auf die Innovation von WorttrennungWort-trennungen (s. Schrift) und Wortzwischenräumen in den Texten zurück, die erstmals in den HandschriftenHandschrift/Manuskript von iroschottischen Mönchen im 7./8. Jh. belegt sind. Saenger entwickelt seine Entwicklungstheorie vor dem Hintergrund der unhinterfragten Interdependenz von scriptio continuaSchriftscriptio continua und der generellen Praxis in der Antike, lautLautstärkelaut bzw. vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend oder subvokalisierend zu lesen, wobei er die Argumente und Quellenbelege aus dem hier skizzierten altertumswissenschaftlichen Forschungsdiskurs übernimmt.19 Die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen der Verwendung von scriptio continua in den antiken Manuskripten und der Praxis des „lauten“ bzw. vokalisierenden Lesens wird unten unter 4 ausführlich zu problematisieren sein.

(4) Sodann findet sich nicht nur in der Frühneuzeitforschung noch immer die maßgeblich durch M. McLuhans These einer primär oralMündlichkeit geprägten mittelalterlichen Kultur20 forcierte Sicht, dass der Übergang vom „lautenLautstärkelaut“ zum „leisenLautstärkeleise“ Lesen mit der Erfindung des Buchdrucks zusammenhänge.21

(5) V. a. in der germanistischen Forschung wird der Übergang ins 18. Jh. datiert, wie z.B. in der Kapitelüberschrift „Das Ende des lautenLautstärkelaut Lesens“ in E. Schöns „Verlust der Sinnlichkeit oder Die Verwandlungen des LesersLeser“ anschaulich zum Ausdruck kommt.22

Diese Übersicht verdeutlicht, dass die Quellen einer linearen Fortschrittsgeschichte des Lesens entgegenstehen. So ist dann die maßgeblich von J. Balogh geprägten Sichtweise, in der Antike habe man generell lautLautstärkelaut gelesen, das „leiseLautstärkeleise“ Lesen sei eine Abnormität gewesen, im altertumswissenschaftlichen Diskurs des 20. Jh. dann auch nicht unwidersprochen geblieben. Wie schon oben angedeutet, hat B. M. Knox 1968 in einem profilierten Aufsatz die allgemeine Gültigkeit der Schlussfolgerungen Baloghs angezweifelt.23 Seine Gegenargumente lassen sich wie folgt zusammenfassen: a) Die Menge an Werken und Büchern/RollenRolle (scroll), die z.B. Aristarchos, KallimachosKallimachos oder der produktive griechische Grammatiker Didymos Chalkenteros, dessen Gesamtwerk 3000–4000 Rollen umfasst haben soll,24 für die Abfassung ihrer Werke gelesen haben müssen, macht es unwahrscheinlich, dass diese nicht das effizientere nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen praktiziert hätten.25 Die Liste der antiken AutorenAutor/Verfasser, die eine Vielzahl von Büchern für die Abfassung ihrer Werke gelesen haben, ließe sich noch um eine große Anzahl vermehren. b) Die Quellen, die Balogh als positive Evidenz für seine These anführe, seien vor allem römisch bzw. aus der Spätantike; aus dem griechisch-sprachigen Bereich bringe er hingegen wenig Evidenz vor. Zudem reichte c) die Evidenz der angeführten Quellen nicht aus, eine generalisierende Schlussfolgerung im Sinne Baloghs abzuleiten, wie er anhand einer Einzelbesprechung der einzelnen Quelle deutlich macht.26 Knox führt dann d) zahlreiche Belege an, die zeigen, dass man in der Antike nicht nur literarische Texte „leise“ lesen konnte, sondern dass vor allem nicht-literarische Texte „leise“ gelesen wurden.

Der Übersicht halber seien die bisher diskutierten Quellen an dieser Stelle kurz aufgeführt: Knox verweist zunächst auf eine Szene in den Tusculanae disputationes, auf die 1931 schon W. P. Clark in einem kurzen Artikel aufmerksam gemacht hat:27 Im Zusammenhang eines Diskurses über Taubheit wird hier festgestellt, dass das Lesen von Liedtexten (cantus) mit größerer Lust verbunden ist als das Hören derselben (deinde multo maiorem percipi posse legendislego his quam audiendisaudio voluptatem; Cic.Cicero, Marcus Tullius Tusc. 5,116); „leises“ Lesen sei hier eindeutig vorauszusetzen. Knox betont, dass CaesarCaesar definitiv „leiseLautstärkeleise“ lesen konnte und insb. Briefe „leise“ gelesen hat;28 zudem dekonstruiert er den Versuch von Balogh, einzelne Stellen, an denen „leises“ Lesen explizit in den Quellen erwähnt wird, „wegzudiskutieren“ und sieht in ihnen umgekehrt Belege dafür, dass „leises“ Lesen durchaus praktiziert wurde:29 Aus Suet.Suetonius Tranquillus, Gaius Aug.Augustinus von Hippo 39, wo dokumentiert ist, dass Augustus als Ehrmahnung SchreibtafelnTafel/Täfelchen in der ÖffentlichkeitÖffentlichkeit „leise“ lesen lies (quos taciti et ibidem statim legerent), lasse sich nicht schlussfolgern, dass es sich hier um eine Ausnahme des „leisen“ Lesens handle.30 Bezüglich Hor.Horaz sat. 2,5,51–55; 66–69 wirft Knox Balogh zu Recht vor, dass er hier zwei LeseszenenLese-szene in unzulässiger Weise vermische – an der ersten Stelle ginge es darum, dass ein Testament „leise“ mit den AugenAugen gelesen wird, weil es unbemerkt geschehen muss; tacitus legerelego (2,5,68) an der zweiten Stelle meine nicht wörtlich das „leise“ Lesen, sondern sei zu verstehen im Sinne von by himself, in peace. Auch die InschriftInschriften auf dem Apfel in der Geschichte von der Liebe des Akontios zu Kydippe (vgl. Aristain.Aristainetos 1,10,35–42), die Kydippe (bis auf das letzte Wort!) „lautLautstärkelaut“ liest und damit schwört, Akontios zu heiraten, sei gerade kein Beleg dafür, dass man generell „laut“ gelesen habe – das „laute“ Lesen ist hier der Inszenierung geschuldet, also eine narrative Notwendigkeit, zudem wird Kydippe explizit zum VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt aufgefordert (λέγε μοι, φιλτάτη, τί τὸ περίγραμμα τοῦτο Aristain. 1,10,35f); dass sie dann das letzte Wort nicht vollständigUmfangvollständig stimmlich realisiert, belegt die Fähigkeit, Texte auch ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung verstehen zu können.31 Vielmehr zeige gerade die Verarbeitung dieser Erzähltradition bei OvidOvidius, P. Naso (vgl. insb. epist. 20,1–5; 21,1–5.109–114.145–155), dass die Kompetenz, Briefe „leise“ zu lesen (sine murmure legilego, Ov. epist. 21,3), durchaus nicht ungewöhnlich war. Für methodisch höchst problematisch hält Knox zu Recht die Schlussfolgerung Baloghs, Plut.Plutarch Brut. 5 belege, dass Briefe selbst in Versammlungen laut vorgelesen worden seien. Nichts in der Geschichte deutet darauf hin, dass es das „leise“ Lesen des kleinen BriefesBrief (… τὸν μὲν ἀναγινώσκεινἀναγιγνώσκω σιωπῇ) ist, den Caesar zugesteckt bekommt, was CatoCato der Ältere, Marcus Porcius in Aufruhr bringt. Plut. Cat. min. 24, wo die gleiche Szene ohne die Information des „leisen“ Lesens geschildert wird, zeige zudem, dass es sich um ein narrativ nicht entscheidendes Detail handle. Sodann führt Knox noch einige Beispiele aus attischen DramenDrama aus dem 5. u. 4. Jh. v. Chr. an, die eindeutig „leises“ Lesen implizieren: Eur.Euripides Hipp.Hippolytos von Rom856–890; Aristoph.Aristophanes Eq. 117–128 (s. u. S. 202); Antipanes, Sappho (fr. 194): Athen.Athenaios deipn. 10,73 (451a/b).32

Daneben hat M. Slusser die Diskussion um eine weitere Quelle bereichert: Kyrill von Jerusalem spricht in seinen Katechesen von einer Gruppe Frauen, die bei ihrem Treffen (σύλλογος) „stillLautstärkestill“ lesen (ἢ ἀναγινώσκων ἡσυχῇ), weil sie ἐν ἐκκλησίᾳ nicht reden dürfen, wenn sich hingegen Männer treffen, liest der eine ein nützliches BuchBuch (βιβλίονβιβλίον χρήσιμον) vor, während ein anderer zuhört (καὶ ὁ μέν τις ἀναγινωσκέτω, ὁ δέ τις ἀκουέτωἀκούω; Kyr. Hier.Kyrill von Jerusalem Procatechesis 14).33 Hier ist eindeutig belegt, dass „leises“ Lesen möglich war. Da es sich um eine normative Aussage handelt, ist es schwierig zu entscheiden, ob die Ausführungen zu den Männern die Regel darstellte oder ob die Normativität nicht dafür spricht, dass auch Gegenteiliges vorauszusetzen ist. Wie im Folgenden zu besprechen sein wird, gab es allerdings durchaus die soziale Erwartung, dass Texte in Gemeinschaft nicht „leiseLautstärkeleise“ gelesen werden sollten, um die Partizipation aller zu gewährleisten. Insofern kann man vorsichtig vermuten, dass „leise“ Lektüre in Gemeinschaft mit einem spezifischen Bedürfnis, in diesem Fall spezifischen Vorgaben, verknüpft war; das „lauteLautstärkelaut“ Lesen hingegen den Zweck erfüllte, andere partizipieren zu lassen. Aber auch Knox bleibt am Ende seines Aufsatzes bei der quantifizierenden Feststellung: „Ancient books were normally read aloud, but there is nothing to show that silent reading of books was anything extraordinary exept the famous passage from Augustine’s Confessions“34 – eine Stelle, die im Forschungsdiskurs auch nach dem Aufsatz von Knox einen zentralen Kristallisationspunkt gebildet hat.

Gegen den Forschungskonsens haben sich dann W. Rösler35 und F. D. Gilliard mit Bezug auf das frühe ChristentumChristentum,36 aber vor allem A. K. Gavrilov gestellt. Letzterer hat eine bedenkenswerte Neuinterpretation der LeseszeneLese-szene in Augustins Confessiones vorgeschlagen. Diese Neuinterpretation stellt die Beweiskraft dieser Hauptbelegstelle für die communis opinio einer generellen „lautenLautstärkelaut“ LesepraxisLese-praxis in der Antike infrage. Ausgehend von den Ergebnissen der psychologischen LeseforschungLese-forschung der 2. Hälfte des 20. Jh. stellt Gavrilov zunächst fest, dass das „leiseLautstärkeleise“ Lesen in transkultureller Perspektive ein anthropologisches Phänomen ist, das durch die Kompetenz des jeweiligen LesersLeser und weniger durch das jeweilige SchriftsystemSchrift-system determiniert wird.37 Gavrilov übernimmt aus der modernen Leseforschung für die Beschreibung antiker Lesetechniken die Unterscheidung von a) lautem (=vokalisierendemStimmeinsatzvokalisierend) Lesen, b) subvokalisierendemStimmeinsatzsubvokalisierend Lesen (Lippen-, Zungen- und Kehlkopfbewegung ohne Lauterzeugung und „leisem“ (nicht-vokalisierendemStimmeinsatznicht-vokalisierend) Lesen, wobei nur letzteres als visuellvisuell-mentaler Prozess den Vorteil der schnelleren und diskontinuierlichenKontinuitätdiskontinuierlich Lektüre habe.38 Es sei falsch, diese Lesetypen als sich einander ausschließende Alternativen zu verstehen, vielmehr sei ein geübter Leser in der Lage, diese unterschiedlichen Typen je nach Bedarf zu variieren. Diesbezüglich rekurriert Gavrilov auf die in der experimentellen Lesepsychologie etablierten Kategorie der sog. eye-voice span (EVS), mit der die Lesekompetenz von Individuen in Bezug auf zusammenhängende Texte beschrieben werden kann. Die EVS bestimmt den Abstand zwischen dem gerade lautlich realisierten Wort und der vorausliegenden FixationFixation des Auges im Text. Sehr kompetente Leser können mit einer deutlich größeren eye-voice span lesen als weniger geübte Leser.39 Lukian.Lukian von Samosata adv. ind. 2 und Quint.Quintilian inst. or. 1,1,33f 40 zeigen, dass in der Antike das Phänomen ante nomen zumindest punktuell reflektiert wurde. Die EVS sei auch für das „leise“ Lesen relevant, da ein Zusammenhang zwischen einer Art inneren StimmeStimme und den Fixationspunkten der AugenAugen bestünde. Für das „leise“, schnellere Lesen (insb. von Texten geschriebenSchriftGeschriebenes in scriptio continuaSchriftscriptio continua) sei lediglich ein geübterer Leser mit einer größeren eye-voice span notwendig.41

Statt einer ausführlichen Beweisführung seiner vor allem durch die moderne LeseforschungLese-forschung gewonnenen Sicht, nutzt er diese in heuristischer Sicht exemplarisch zur Analyse des locus classicus bei Augustin – eine offene Flanke, die ihm im weiteren Forschungsdiskurs freilich angekreidet worden ist (s. u.), aber dem Format eines Aufsatzes geschuldet ist. Hingewiesen sei auf die sehr nützliche und entsprechend seiner Typologie von LesepraktikenLese-praxis sortierte Zusammenstellung von Quellenverweisen, die Gavrilov als Appendix beifügt.42

Gavrilov zeigt bei seiner ausführlichen Analyse der berühmten Beobachtungen Augustins zur LesepraxisLese-praxis des AmbrosiusAmbrosius von Mailand (Aug.Augustinus von Hippo Conf. 6,3; s. o.), dass der Text nicht als Beschreibung eines singulärenFrequenzsingulär Phänomens zu deuten sei und dass die gängige Schlussfolgerung, Augustin habe zum ersten Mal jemanden bei der „leisenLautstärkeleise“ Lektüre gesehen, methodisch problematisch ist. Der Bericht lasse sich kohärenter lesen und passe besser in den Kontext, wenn man annimmt, dass Augustinus weniger durch Ambrosius’ Lesetechnik irritiert worden wäre als vielmehr durch das Faktum, dass Ambrosius in seiner Anwesenheit daran festhalte und Augustinus sich als derjenige, der Belehrung sucht, exkludiert fühlt.43 Unabhängig von Gavrilov bestätigt H. Krasser44 diese Interpretation vor dem Hintergrund seiner Analyse der antiken Physiologie des Lesens und kommt zu dem Fazit, dass die Stelle im Kontext „intellektualer Rezeptionsformen“ in der Antike zu verstehen ist. Besonders deutlich wird die soziale Erwartung, dass ein Gelehrter bei Anwesenheit anderer diese in seine Lektüre einzubeziehen habe, an einer Stelle in den Noctes Atticae von Aulus GelliusGellius, Aulus. Dort nimmt der Ich-ErzählerErzähler das BuchBuch eines Freundes in die Hand, zieht sich in die Verborgenheit zurück, um es ohne (störende) Zeugen zu lesen: et recondo me penitus, ut sine arbitris legamlego (Gell. 14,6,2). Es wäre ein methodischer Fehlschluss, aus der Verwendung des Lexems arbiter abzuleiten, dass der Ich-Erzähler auch alleine lautLautstärkelaut gelesen hätte. Schon an dieser Stelle ist zu ergänzen, dass die Erwartung schon bei dem Komödiendichter Platon reflektiert wird (vgl. Athen.Athenaios deipn. 1,8 [5b; Plato Comicus]; s.u. 3.7) und sich auch in rabbinischenrabbinisch Quellen findet (s. u. S. 378 f).

Die Deutung Gavrilovs und Krassers passt insofern besser in den Kontext, als es Augustin in dem gesamten Abschnitt darum geht, zu erklären, warum er mit seinem Anliegen (u. a. zu forschen und zu disputieren) nicht zu AmbrosiusAmbrosius von Mailand vordringen könne, und als sie sich mit Augustinus Rechtfertigungsversuchen von Ambrosius’ Verhalten deckten: Ambrosius will Rückfragen von Anwesenden vermeiden, die ihn durch eine Diskussion von der Lektüre abhalten; er wolle sein Lesepensum schaffen; er will seine StimmeStimme schonen. Die vermeintliche Singularität der „leisenLautstärkeleise“ Lektürepraxis wird sodann sogar im Rahmen des Gesamtwerkes der Confessiones relativiert, wozu Gavrilov auf zwei Stellen verweist:45

1) Aug.Augustinus von Hippo Conf. 8,13–15 enthält eine Erzählung des Ponticianus über das Leben des ägyptischen Mönchs Antonius. Im Rahmen dieser Erzählung berichtet Ponticius exkursartig von einem Gartenspaziergang mit drei Freunden in Trier, bei dem sie in einer Hütte einen KodexKodex mit der Vita des Antonius gefunden haben. Einer der Begleiter von Ponticius habe darin zu lesen begonnen, wodurch ein Bekehrungserlebnis ausgelöst worden sei; sein Lesen ist eindeutig als „leises“ Lesen markiert: „er heftete die AugenAugen wieder auf die Seiten (reddiditredeo oculos paginis); und er las und ward innerlich umgewandelt, da Du es sahst …“ (Aug. Conf. 8,15). Bevor Ponticius dies erzählt, hat er auf dem Spieltisch vor Alypius und Augustinus einen Kodex gefunden, den er geöffnet und darin den Apostel Paulus gefunden hat (tulit, aperuit, invenit apostolum Paulum [Aug. Conf. 8,14]). Die Formulierung quod eas et solas prae oculis meis litteras repente comperisset (Aug. Conf. 8,14) deutet auf „leises“ Lesen hin. 2) In der berühmten Gartenszene in Conf. 8,29 sagt Augustinus explizit, dass er den Kodex des Apostels öffnete und das Kapitel „leiseLautstärkeleise“ las,46 auf das seine Augen zuerst fielen (ibi enim posueram codicem apostoli, cum inde surrexeram. arripui, aperui, et legi in silentio capitulum, quo primum coniecti sunt oculi mei).47 3) Neben diesen beiden Stellen kann man auch noch weitere aus den Confessiones anführen, die „leises“ Lesen implizieren. Vgl. Aug. Conf. 6,6 und das Motiv des „inneren OhresOhrinneres“ (auris interior).48

Anders als Knox geht Gavrilov in seiner Beurteilung des Befundes noch weiter und konstatiert in Opposition zur communis opinio: „[S]ilent reading was a quite ordinary practice for wide circles of the free population of classical Athens, and possibly for earlier periods too.“49 Die von Knox angeführten Quellen, seine Analyse des locus classicus bei Augustinus und die in seinem Appendix genannten Quellen zeigten: „first, the ordinariness of reading to oneself from the classical Greek to the late Roman periods, and second, the idea that such reading is more concentrated and quicker.“50 Diese Sicht wurde dann auch von F. M. Burnyeat übernommen,51 der die Diskussion um einige weitere Quellen bereichert – u. a. mit dem Hinweis auf eine Stelle aus dem Werk des Mathematikers Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.), der in Ptol.Ptolemaeus, Claudius krit. 5,1f eine generelle Aussage über die Praxis des „leisenLautstärkeleise“ Lesens (zumindest in Bezug auf ein Lesen mit Forschungsinteresse) macht.

Die entscheidenden Sätze in der englischen Übersetzung von HUBY und NEAL lautenLautstärkelaut: „… it tends to be in states of peace and quiet that we discover the objects of our inquiry, and why we keep quiet when engaged in the readings themselves [… ἔν τε ταῖς ἠρεμίαις καὶ ταῖς ἡσυχίαις μᾶλλον εὑρίσκομενεὑρίσκω τὰ ζητούμενα καὶ κατὰ τὰς ἀναγνώσεις αὐτάς; scil. die Lektüren als Gegenstand der Forschungen] if we are concentrating hard on the texts before us. What talk is useful for, by contrast, is passing on the results of our inquiries to other people.“

Außerdem weist er darauf hin, dass auch Stellen, an denen auf ein unbewusstes Lesen rekurriert wird, implizieren, dass diese LeserLeser „leiseLautstärkeleise“ gelesen haben müssen.

Vgl. insb. Plot.Plotin enn. 1,4,10: „So braucht der Lesende kein Bewusstsein davon zu haben, dass er liest, namentlich dann, wenn er angespannt liest.“ (Üb. MÜLLER; Οὐ γὰρ τὸν ἀναγινώσκοντα ἀνάγκη παρακολουθεῖν ὅτι ἀναγινώσκειἀναγιγνώσκω καὶ τότε μάλιστα, ὅτε μετὰ τοῦ συντόνου ἀναγινώσκοι·); diese Stelle ist insofern aufschlussreich, als Plotinos hier ausgerechnet das Lesen als Beispiel für eine unbewusste Handlung heranzieht, zudem impliziert die Formulierung μετὰ τοῦ συντόνου eine hohe IntensitätAufmerksamkeitvertieft der kognitivenkognitiv Aufmerksamkeit, semantisch kann es auch den Aspekt von GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit enthalten;52 vgl. außerdem Plut.Plutarch soll. an. 3 (mor. 961a; s. u. S. 196 f); Aug.Augustinus von Hippo trin. 11,8,15 (s. u. Anm. 356, S. 197).

Daneben vertritt auch C. Burfeind in einer Miszelle in der ZNW die These, dass einsame LeserLeser in der Antike „für gewöhnlich leiseLautstärkeleise und nicht gewohnheitsmäßig lautLautstärkelaut“53 lasen. Er führt zusätzlich zu den schon von Knox und Burnyeat diskutierten Quellen ins Feld, dass die Stellen, die vom „lauten“ VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt handeln, keine LesekulturLese-kultur des einsamen Lautlesers zeigten, sondern von einer Kultur des Vorlesens. Dies versucht er exemplarisch v. a. an Carm. Priap.Priapea 68,3f54 und Act 8,28–30Act 8,28–30 zu belegen. Beide Stellen seien so zu verstehen, dass sowohl der Kämmerer als auch der Herr der Priapenstatue nicht selbst laut lasen, sondern dass ihnen laut vorgelesen worden sei. Schon hier sei darauf hingewiesen, dass Burfeinds Interpretation von Act 8,28–30 unten kritisch zu diskutieren sein wird (s. u. 8.2.2). Darüber hinaus hat D. T. Benediktson auf einige Mahlszenen hingewiesen, bei der mit Liebesbotschaften „mit den Fingern, mit Wein notiert“ (vgl. Ov.Ovidius, P. Naso am. 1,4,19f)55 ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung gelesen werden,56 und damit die Quellenbasis der Diskussion etwas verbreitert.

Trotz bedenkenswerter Argumente und einer breiten Quellenevidenz sind die Positionen von Knox (es wurde nicht grundsätzlich nur „laut“Lautstärkelaut gelesen), aber vor allem von Rösler, Gavrilov, Burnyeat und Burfeind (der einsame LeserLeser hat in der Regel „leiseLautstärkeleise“ gelesen) Außenseiterposition geblieben.57 Zwar zeichnet sich mittlerweile ab, dass die Extremposition, in der Antike habe man grundsätzlich „laut“ gelesen, von der sich Knox und die anderen distanziert haben, in einigen Publikationen ebenfalls kritisch gesehen wird.58 Aber vor allem die Pendelbewegung in das andere Extrem, in der Antike habe der einsame Leser prinzipiell „leise“ gelesen, hat großen Widerstand ausgelöst. So hat S. Busch in einem 2002 veröffentlichenPublikation/Veröffentlichung Artikel auf einer Durchsicht der bekannten und einiger, der Diskussion neu hinzugefügten Quellen ausführlich zu zeigen versucht, dass „[d]as laute Lesen […] der Antike als Normalfall gegolten“59 hat, wobei „in der Antike jeder Leser grundsätzlich in der Lage [war], beim Lesen das Sprechen zu unterdrücken.“60 Szenen des „leisen“ Lesens seien aber immer eine situationsgebundene und aus einer spezifischen Notwendigkeit erwachsene Abweichung vom Regelfall.61 Es bleibt festzuhalten, dass sich an der communis opinio, das „laute“ Lesen wäre in der Antike der Normalfall, das „leise“ Lesen die markierte Ausnahme gewesen, eigentlich nichts geändert hat.62 An der Argumentation von Busch lassen sich im Folgenden anschaulich die methodischen Grundprobleme der Debatte um das „laute“ und „leise“ Lesen aufzeigen.

1.3 Methodische Engführungen und Defizite der bisherigen Forschung

Das Hauptproblem der skizzierten Debatte um das „lauteLautstärkelaut“ und „leiseLautstärkeleise“ Lesen ist das dahinterliegende Erkenntnisinteresse, den Normalmodus der antiken LesepraxisLese-praxis zu rekonstruieren. Methodisch ist die Debatte maßgeblich dadurch gekennzeichnet, dass diejenigen, die für den „Normalmodus“ der „lauten“, vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lektüre plädieren, die Quellen, in denen „leise“ Lektüre bezeugt ist, als quantitativ nicht relevante Ausnahme1 bzw. als bewusst markierte Sonderfälle2 interpretieren und die „Vielzahl“ der Belege für das „laute“, vokalisierende lesen demgegenüber quantifizierend gegenüberstellen, um ihre Position zu bekräftigen. Die Minderheitenposition versucht hingegen, die Belege für das vokalisierende Lesen kontextuell zu erklären und ihrerseits quantifizierend zu zeigen, dass insbesondere nicht-literarische Texte im Normalfall „leise“, nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend gelesen wurden. Von Seiten der Mehrheitsposition wird diesem Verfahren dann wiederum vorgeworfen, Einzelfälle in unzulässiger Weise zu verallgemeinern.3 Diesen Vorwurf kann man der Mehrheitsposition hingegen auch machen.4

Aus methodologischer Sicht ist der zugrundeliegende Ansatz zu hinterfragen, auf der Basis quantifizierender Quellenauswertungen (Welcher Lesemodus ist häufiger belegt?) eine Antwort auf die Frage zu erhalten.5 Auch wenn mehr LeseszenenLese-szene der vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lektüre überliefert sind – was m. E. überhaupt nicht sicher ist –, so kann daraus noch lange kein „Normalfall“ rekonstruiert werden, da z.B. ein Übergewicht von Quellen, die das soziale Phänomen „VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt“ thematisieren, aus Gründen des Darstellungsinteresses erwartbar ist. Hinzu kommt, dass zahlreiche der von der Mehrheitsposition angeführten, vermeintlich sicheren Belege für den Normalmodus des „lautenLautstärkelaut“ Lesens im Hinblick auf ihren Quellenwert für die gestellte Forschungsfrage kritisch diskutiert werden können, wie nicht zuletzt die Diskussion um den locus classicus bei Augustinus und die Diskussion der von J. Balogh angeführten Quellen durch B. M. Knox (s. o.) schon gezeigt haben.

Aber auch aus Quint.Quintilian inst. or. 10,3,28 kann nicht geschlossen werden, dass die „nächtliche einsame Lektüre lautLautstärkelaut gedacht“6 wird. Zunächst erscheint es mir unsicher, ob sich Quintilians Ausführungen in 10,3,28 überhaupt noch auf das das Thema Nachtarbeit (lucubrationeslucubratio; vgl. Quint. inst. or. 10,3,25–27) oder nicht viel eher auf das Thema Ablenkung beim Arbeiten allgemein beziehen. Gegen ersteres spricht die Formulierung deplorandus dies, für letzteres sprechen Quintilians Ausführungen in 10,3,29f, die sich nahtlos anschließen und das Arbeiten bei Tag thematisieren. Zudem ist in 10,3,28 von Lektüre überhaupt nicht die Rede: Die Formulierung „was uns vor die AugenAugen und OhrenOhr kommt“ ist nicht auf eine vermeintliche Lektüretätigkeit bezogen, bei der das „laut“ Gelesene mit den Augen und Ohren rezipiert würde, wie Busch die Stelle missversteht. Vielmehr meint es im Satzzusammenhang das, was einen potentiell ablenken könnte, bei konzentrierter Arbeit jedoch gerade nicht ins Innere gelangt und bei der Arbeit stört: „wenn man sich mit voller geistiger Kraft nur auf die Aufgabe konzentriert, wird nichts von dem, was uns vor die Augen oder OhrenOhr kommt (quae oculis vel auribus incursant), in unser Inneres gelangen“ (10,3,28; Üb. RAHN). Auch ergibt es sich m. E. keinesfalls „zwingend aus dem Zusammenhang“,7 dass CiceroCicero, Marcus Tullius in Cic. fam. 9,20,3 bei seinen Lese- und Schreibstudien nach der Morgensalutatio generell „laut“ lese und schreibe.8 So ist es hier weder syntaktisch noch inhaltlich eindeutig, ob diejenigen, die zum Zuhören kommen (ueniunt etiam qui me audiuntaudio quasi doctum hominem quia paulo sum quam ipsi doctior), ihm bei seinen Morgenstudien „zuhören“ oder ob sich dieser Satz vielleicht auch auf ein leicht modifiziertes Programm nach der Morgensalutatio bezieht, bei dem Cicero sich als Intellektueller inszeniert, falls Leute anwesend sind. Aus dem Hinweis Ovids (Pont. 3,5,7–14), er habe eine Rede seines Freundes Cotta „viele Stunden hindurch mit eilender Zunge gelesen (lingua mihi sunt properante per hora lectalego satis multas)“, geht gerade nicht hervor, dass er eindeutig „laut“ gelesen habe, wie Busch schlussfolgert.9 Vielmehr kann diese Stelle ebenso gut, wegen des Hinweises auf die Schnelligkeit sogar wahrscheinlicher, auf subvokalisierendesStimmeinsatzsubvokalisierend Lesen hindeuten. Theoretisch kann auch die Formulierung „ich werde im Mund des Volkes gelesen“ (ore legar populi, Ov.Ovidius, P. Naso met. 15,878) subvokalisierende Lektüre meinen, wobei allerdings das „laute“ Lesen aus ästhetischen Gründen ebenso denkar wäre.10 Auch wenn HorazHoraz von Gedichten spricht, „die die Augen und Ohren (oculos aurisque) des KaisersKaiser/Princeps fesseln könnten“ (Hor. ep. 1,13,17f), können damit ebenso zwei Rezeptionsmodi – das selbständige Lesen und das Hören der Lektüre durch einen VorleserVorleser – gemeint sein; auch ein Verweis auf das innere Ohr ist denkbar, aber weniger wahrscheinlich (s. dazu u. mehr). Gleiches gilt für Ov. Pont. 4,5,1f. Interessant sind Buschs Verweise auf die fingierten Gespräche zwischen dem Toten und dem antizipierten LeserLeser der InschriftInschriften sowie das Motiv des Leihens der StimmeStimme, das sich zuweilen auf Grabinschriften findet.11 Dass diese Grabsprüche nur ‚funktionierten‘, „wenn laut gelesen wird“12 bzw. dass sie „geradezu mit dem Brauch des lauten Lesens“13 spielten, ist jedoch aus dem Befund nicht zwingend zu schließen. Vielmehr scheint mir dieses Gestaltungscharakteristikum von antiken Grabinschriften ein Topos zu sein, der mehr über den Verstorbenen als über die antike Kultur des Lesens sagt. Die Vorstellung, dass die Menschen angesichts der Vielzahl der Inschriften, mit denen sie alltäglich konfrontiert waren, diese laut gelesen haben, mutet schon ein wenig absurd an und steht in einer Spannung zur weiten Verbreitung der Rezeption von Inschriften mit dem Lesekonzept der visuellenvisuell Wahrnehmung (s. u. 3.8). Moderne Werbeplakate sind im Übrigen auch häufig als Dialog mit der antizipierten Zielgruppe gestaltet; und aus dem Topos des Stimme-Leihens spricht die Hoffnung des Verstorbenen auf eine aktive ErinnerungErinnerung bzw. auf eine posthume Bedeutung im Diesseits.

Zudem sind einige weitere Vorannahmen zu nennen, die der Mehrheitsposition zugrunde liegenHaltungliegen und zum Teil thetisch gegen die Minderheitenposition in Stellung gebracht werden, aber aus meiner Sicht eben keine sichere methodische Grundlage dafür liefern, um die Frage nach einem „Normalmodus“ des Lesens in der Antike zu beantworten. Dies ist im Folgenden exemplarisch für viele am Beitrag von Busch in gebotener Kürze zu verdeutlichen, um auf dieser Grundlage dann den neuen Ansatz und die Fragestellung der vorliegenden Studie herauszuarbeiten.

1.3.1 Geschriebenes als Abbild des Gesprochenen?

InSchriftGeschriebenes der Antike sei das Geschriebene generell als Abbild des Gesprochenen verstanden worden. SchreibenSchreiben sei der Prozess, bei dem das Gesprochene festgehalten, also aufgezeichnet würde, beim Lesen würde das gespeicherte Gesprochene wieder hörbarLautstärkehörbar gemacht.1 So richtig es ist, dass man aus der Antike zahlreiche Quellen findet, in der GeschriebenesSchriftGeschriebenes in verschiedensten Formen mit einer engen Relation zur StimmeStimme, zum Gesprochenen gestellt wird,2 eine generalisierende Schlussfolgerung zum „lautenLautstärkelaut“ oder „leisenLautstärkeleise“ Lektüremodus lässt sich daraus aber gerade nicht sicher ziehen.

Die Quellen, die Busch heranzieht, um zu zeigen, dass legere generell das Wieder-Hörbarmachen des Gesprochenen, also die Re-realisierung von Klang meint, bzw. die Verknüpfung von Lesen und der richtigen Aussprache, stammen aus rhetorischen Lehrbüchern (Quint.Quintilian inst. or. 1,7,24–35 u. ö.; Cic.Cicero, Marcus Tullius orat. 44,150) und beziehen sich auf das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt, das freilich mit der vokalen Re-Oralisierung des Textes verknüpft ist. Eine allgemeine Lesedefinition wird damit jedoch nicht gegeben.3

Denn prinzipiell erscheint auch bei einer individuellen, „leisenLautstärkeleise“ Lektüre ein solches „Wieder-Hörbarmachen“ der durch die Schrift repräsentierte menschliche StimmeStimme (Quint.Quintilian inst. or. 1,7,30f als locus classicus) denkbar – dann aber im Kopf des LesersLeser. Dass diese Möglichkeit überhaupt nicht bedacht wird, führt dazu, dass man auch nicht nach den entsprechenden Quellenbelegen sucht. Eine feste Interdependenz zwischen dem, was Schrift aus der Sicht antiker SprachphilosophiePhilosophie repräsentierte, und einem Normalmodus des Lesens sollte man in jedem Fall nicht a priori postulieren. Zudem müsste man weiter fragen, ob Schrift (insbesondere in Texten) in der Vorstellung der antiken Menschen ausschließlich Gesprochenes repräsentierte oder ob das Repräsentationsverständnis nicht doch mehrdimensionaler war. Hinzuweisen ist diesbezüglich auf die differenzierte und durchaus kontrovers diskutierte Schriftauffassung in der Antike. Kristallisationspunkt der Debatte ist die Frage, ob das Schriftverständnis von Aristoteles (vgl. insb. Aristot.Aristoteles int. 1 [16a3–18]) phonographisch zu verstehen oder semiotisch konzeptualisiert ist bzw. ob er die Schrift der Stimme hierarchisch unterordnet oder gleichwertig zugeordnet.4

Zudem ist Folgendes zu bedenken: Der Seh- und HörsinnSehen war für die griechische Kultur gleichermaßen wichtig, wobei jedoch dem Sehen in der philosophischenPhilosophie Diskussion grosso modo ein leichter (erkenntnistheoretischer) Vorzug zugebilligt wird.5 Daher sollte gerade die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Lesen und Sehen unbedingt bei der Erforschung des Lesens in der Antike berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich als erste Teilfrage für die vorliegende Studie, welche Rolle Verben der visuellenvisuell Wahrnehmung für die Beschreibung von Lesen in den Quellen hatte.

1.3.2 Die Frage nach dem Zusammenhang von Schriftsystem und Lesepraxis

Eng verbunden mit der These, dass GeschriebenesSchriftGeschriebenes in der Antike Gesprochenes repräsentiere, wird sodann postuliert, dass die ohne WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) und Satzzeichen geschriebenen antiken Texte (scriptio continuaSchriftscriptio continua) wegen der erschwerten visuellenvisuell Dekodierung für die „lauteLautstärkelaut“ Lektüre vorgesehen waren; also auch das SchriftsystemSchrift-system den „Normalmodus“ des lauten Lesens belegte.1 Hier besteht die methodische Gefahr, die Schwierigkeiten bzw. visuellen Dekodierungsherausforderungen, die ein moderner LeserLeser mit dem Lesen von lateinischen und griechischen Texten (also nicht seiner Muttersprache) in scriptio continua hat, in die antiken Leser hineinzuprojizieren,2 wie es in der Forschungsliteratur zum Teil sogar explizit getan wird.3 So sind die modernen Leser kulturell mit Worttrennungen aufgewachsen und haben die LeseweiseLese-weise mit Worttrennungen habitualisiert; für einen modernen Leser ist es nicht möglich, den LesesozialisationsprozessLese-sozialisation (s. auch Schriftspracherwerb) eines antiken Lesers, der von Beginn an mit in scriptio continua geschriebenen Texten aufgewachsen ist, nachzuempfinden, geschweige denn aufzuholen. Zudem basiert die These – insbesondere in der Ausformulierung P. Saengers – auf zahlreichen unzulässigen Generalisierungen und übergeht sowohl wichtige handschriftliche Evidenz als auch den Charakter vieler Publikationen aus der Antike – insbesondere großer wissenschaftlicher Nachschlagewerke oder anderer sehr umfangreicher Werke, die einen anderen Rezeptionsmodus voraussetzten.4 Diese forschungsgeschichtliche Ausgangslage macht es notwendig, im Rahmen dieser Studie den Zusammenhang zwischen Schriftsystem und LesepraktikenLese-praxis erneut zu untersuchen (s. u. 4).

1.3.3 Die Frage nach der Literalität antiker Gesellschaften

Der Normalmodus der lautenLautstärkelaut Lektüre wird damit in Verbindung gebracht, dass in der Antike von einem eher geringen Grad an LiteralitätLiteralität/Illiteralität auszugehen sei. Einerseits seien viele LeserLeser auf einer nur relativ vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lektüre anzusiedeln, für die das Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua erst recht erschwert gewesen sein müsse;1 vor allem aber hätten viele Menschen in der Antike überhaupt nicht lesen können und waren darauf angewiesen, dass jemand ihnen vorliest.2 Daraus leitet sich dann auch die oben besprochene These ab, dass Texte im frühen ChristentumChristentum in der „gottesdienstlichenGottesdienst“ Versammlung vorgelesen werden mussten. Die Frage nach dem Grad der Literalität in antiken Gesellschaften für die Frage nach einem Normalmodus des Lesens ins Feld zu führen, ist m. E. in methodischer Hinsicht mit Schwierigkeiten verbunden, die insbesondere in der Diskussion um zahlenmäßige Quantifizierungen der LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) in der antiken Welt deutlich wird, die zuletzt in eine Aporie führt.3

Die mit Sicherheit einflussreichste Studie ist in dieser Hinsicht die 1989 erschienene Monographie „Ancient Literacy“ von W. V. Harris, dessen Ergebnis v. a. in weiten Teilen der anglophonen Forschung zu OralitätMündlichkeit und der Frage nach dem Lesen usw. als sicheres Wissen (häufig deutlich weniger differenziert als Harris das Ergebnis selbst darstellt) rezipiert wird.4

Die Studie von Harris spielt auch eine wichtige Rolle im Rahmen der immer noch breit geführten Diskussion um die Frage nach der Lese- und Schreibfähigkeit des historischen JesusJesus; und zwar bildet die von Harris geprägte Sicht das entscheidende Argument für die Vertreterinnen und Vertreter, die die Lese- und Schreibfähigkeit des historischen Jesus anzweifeln.5 Als weitere Argumente wird auf den redaktionellenRedaktion/redaktionell Charakter des lesenden Jesus in Lk 4,16Lk 4,16 und des schreibenden Jesus in Joh 8,6Joh 8,6.8Joh 6,8 verwiesen.6 Diese beiden Stellen haben tatsächlich keinen Quellenwert für die Frage nach dem historischen Jesus, zeigen aber, dass das Bild eines lesenden und schreibenden Juden aus Galiläa zumindest für die intendierten RezipientenRezipient des Lukasevangeliums bzw. der pericope adulterae eine gewissen Plausibilität gehabt haben muss.7

Während einige ältere Studien noch zuversichtlicher bezüglich der LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) der Menschen in der griechisch-römischen Welt waren,8 zeichnet Harris ein pessimistisches Bild. Er kommt auf der Grundlage einer materialreichen Untersuchung, die aber als ausgesprochen restriktiv zu charakterisieren ist,9 zu der abschließenden Schätzung, dass in klassischer Zeit (d. h. für den Untersuchungszeitraum irrelevant) in Athen 15 % der männlichen Bevölkerung und 5 % der Bevölkerung insgesamt lesen konnten. Für Städte wie Teos kommt er jedoch in hellenistischer Zeit zu einer Schätzung von 30–40% Lesefähigen unter den freien Männern, deren Fundament im Bildungssystem allerdings s. E. im 1. Jh. v. Chr. durch die Ägäische Krise weggebrochen und auch in römischer Zeit nicht wieder aufgebaut worden wäre.10 Hier wird deutlich, dass seine Kartierung der antiken LiteralitätLiteralität/Illiteralität zuweilen von einen Geschichtsverständnis geleitet ist, das sich an einem Verfallsmodell orientiert. Für das Römische Reich selbst nennt Harris ebenfalls einige Schätzzahlen11 und fasst zusammen, dass in Städten eine höhere Lesefähigkeit vorauszusetzen und von einer regionalen Variation auszugehen sei. Für die griechische Welt des Römischen Reiches müsse man davon ausgehen, dass außer „a man of property […] or a man with any claim to distinction in city life“12, die sicher Lese- und Schreibfähigkeiten besessen haben, die Masse der Bevölkerung illiterat gewesen sei oder lediglich eine Grundschulausbildung gehabt hätten. „There are hints in the evidence that literacy was limited, at best, among artisans. Small farmersBauern and the poorArmut will generally have been illiterate.“13

Es ist hervorzuheben, alle quantitativen Schätzungen bleiben hochgradig hypothetisch; aus der Quellenlage (insbesondere bezüglich der „Bildungsinstitutionen“) lassen sich m. E. keine großflächigen quantitativen und statistisch validen Daten ableiten. So gibt es zwar zahlreiche Quellen, die Illiteralität für spezifische Personen belegen.14 Angesichts der Verstreutheit des Befundes, lassen diese aber keine quantifizierbaren Schlussfolgerungen zu,15 sondern sie zeigen, dass es Illiteralität in der Antike gab und dass diese sich über verschiedene Bevölkerungsgruppen erstreckte. Zudem muss man auch in der Antike verschiedene Level von LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) differenzieren und in Rechnung stellen, dass Lesekompetenz immer in Relation zum Schwierigkeitsgrad von Texten zu bestimmen ist.16 Dies muss auch für die quellensprachliche Ebene in Rechnung gestellt werden. z.B. muss die Charakterisierung ἀγράμματοςἀγράμματος nicht immer eine vollständigeUmfangvollständig Illiteralität meinen. So ist es sicher bezeugt, dass das Adjektiv in dokumentarischen PapyriPapyrus aus Ägypten meint, dass jemand des Griechischen nicht mächtig ist, aber sehr wohl der ägyptischen Sprache.17

Dies bedeutet im Hinblick auf Act 4,13Act 4,13, dass hier vermutlich auch nur die fehlende griechische Bildung der erzählten Figuren Petrus und Johannes im Blick ist, sich die Leserinnen und LeserLeser aber vorstellen konnten, dass diese ihre Muttersprache auch in der Schrift beherrschten.18 Laut P. Gemeinhardt liegt gerade darin die Pointe: „Wenn in Apg 4,13 Petrus und Johannes mit ihrer freimütigen RedeRede (παρρησία) deshalb Eindruck machen, gerade weil sie als ἄνθρωποι ἀγράμματοίἀγράμματος εἰσιν καὶ ἰδιῶται gelten, bedeutet das nach antikem Verständnis nicht, dass sie Analphabeten waren […], sondern dass sie nach den Maßstäben […] keine Inhaber von παιδεία waren – und deshalb gar nicht zu kunstgerechter und wirkmächtiger öffentlicherÖffentlichkeitöffentlich Rede befähigt sein dürften!“19

An Harris’ Bild einer weitgehend illiteraten Gesellschaft über die gesamte Antike hinweg ist in unterschiedlicher Form Kritik geübt worden.20

A. K. Bowmanns Auswertung der Funde von VindolandaVindolanda-Tafeln bezüglich der LiteralitätLiteralität/Illiteralität in der römischen Armee in der nördlichsten Peripherie des Reiches verdeutlichen, dass Literalität für Offiziere und UnteroffiziereSoldaten anzunehmen, aber selbst für niedrigere Ränge belegt ist, und dass die Größe des Befundes ein breites Netzwerk lesefähiger Menschen über die Schichtengrenzen hinaus voraussetzt.21 Auch die in den 2010er Jahren in London gefundenen „Bloomberg-TabletsBloomberg-Tablets“ lassen eine etwas optimistischer Sicht auf die Literalität in der Provinz Britannien zu.22 Die große Bedeutung von Lesen und SchreibenSchreiben in der römischen Armee wird durch weitere Quellen bestätig, u. a. durch Funden aus Nubien23 und Ägypten.24 Zu verweisen ist außerdem auf die mehr als 11.000 in Pompeji gefundenen Graffiti, die eine höhere Literalitätsrate vermuten lassen und auch Lese- und Schreibfähigkeit in unteren Schichten belegen.25 E. G. Epp fragt angesichts des Papyrusbefundes von Oxyrhynchos, ob für diese Stadt die Schätzungen von 10–20% Literalitätsrate wirklich ausreiche.26 Die Untersuchungsergebnisse von H. Krasser, der auf „die immense Zunahme der Informationen zu Büchern und Lesern“ in der Kaiserzeit hinweist, dass in dieser Zeit „eine Bewußtseinsveränderung im Umgang mit Bildungsgütern nahe[liegt], die mit einiger Wahrscheinlichkeit über den engen Kreis der kulturellen ElitenElite hinausgreift“.27 In Harris’ Studie findet sich dazu nur der Hinweis, es sei wahrscheinlich, dass angesichts des epigraphischenEpigraphik Befundes seit der augusteischen Zeit im Römischen Reich der Anteil an der Gesamtbevölkerung derjenigen, die lesen und schreiben konnten, leicht gestiegen wäre.28 Selbst die pessimistische Einschätzung der Schreib- und LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) auf dem Land ist aus der Perspektive von unzähligen KleininschriftenInschriftenKlein- und der Bedeutung von schriftlicher Kommunikation für die Wirtschaft im ländlichen Raum (insb. in den Grenzprovinzen) zu hinterfragen. „Es deutet sich […] an, dass die SchriftlichkeitSchrift-lichkeit auf dem Lande nicht weniger verbreitet war als in Städten, Vici und Militärlagern.“29

Auch der statistische Befund mahnt zur Vorsicht, das Phänomen Illiteralität nicht überzubewerten: So stehen im Corpus des TLG (bis zum 4. Jh. n. Chr.) knapp 100 Belegstellen für das Adjektiv ἀγράμματοςἀγράμματος mehr als 4200 Belegstellen allein für das griechische HauptleseverbHauptleseverb ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω gegenüber. Zusätzlich sei auf eine Stelle bei Lukian hingewiesen, der die Lese- und Schreibfähigkeit als das Allgemeinste (τὸ κοινότατον) bezeichnet und damit die vollständigeUmfangvollständig Illiteralität als Ausnahme markiert (vgl. Lukian.Lukian von Samosata rh. pr. 14).

Auch die These, in der griechisch-römischen Antike stellten Lesen und SchreibenSchreiben zwei unterschiedliche Lernziele und Spezialisierungen dar und das Können der einen Kulturpraxis impliziere noch nicht die Fähigkeit auch der anderen,30 ist insbesondere angesichts der häufigen gemeinsamen Nennung der beiden Praktiken kritisch zu hinterfragen.31 Da das Verhältnis zwischen Lesen und Schreiben jedoch nicht in den Untersuchungsbereich dieser Studie fällt, kann dies hier nicht weiter ausgeführt werden.

Für das frühe ChristentumChristentum hat sich U. Schnelle in einem 2015 erschienenen Aufsatz ausführlich mit der Frage nach der LiteralitätLiteralität/Illiteralität des frühen Christentums befasst. Er weist u. a. auf folgende Aspekte hin, die es wahrscheinlich machen, dass man für die griechisch-römische Welt des 1./2. Jh. n. Chr. insgesamt, aber auch für das frühe Christentum, einen höheren Grad an Literalität annehmen müsse: 1) Die Allgegenwart von SchriftlichkeitSchrift-lichkeit in den Städten des Römischen Reiches in der Kaiserzeit setzt zumindest eine elementare Schreib- und LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) bei einem Großteil der Bevölkerung voraus.32 Hier wäre zu ergänzen, dass insbesondere die Beteiligung der Menschen an Wirtschaft und Handel, ausweislich der zahlreichen, damit in Zusammenhang stehenden schriftlichen Überreste, Lese- und vielfach auch Schreibkenntnisse notwendig machte.33 2) Der Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Stellung war nicht so groß, wie vielfach angenommen wird,34 sodass man keine Rückschlüsse von der sozialen Stellung auf den Grad an Literalität ziehen kann.35 3) Speziell in Bezug auf das Christentum verweist Schnelle auf den städtischen Kontext der meisten bekannten GemeindenGemeinde der Abfassungszeit, auf die expliziten Belege in den paulinischen BriefenBrief über Lese- und Schreibfähigkeit (Rezeption des ATAT/HB/LXX, SekretärSekretär [Röm, 16,22Röm 16,22], Lesen mit eigenen AugenAugen [Gal 6,11Gal 6,11: 1Kor 16,211Kor 16,21; Phlm 19Phlm 19]; Tätigkeit von LehrernLehrer [1Kor 12,281Kor 12,28; Gal 6,6Gal 6,6; Röm 12,7Röm 12,7b; Act 13,1Act 13,1]; argumentativer Anspruch der Briefe, der aus ihrer literarisch-rhetorischen Qualität und philosophischerPhilosophie Denkfiguren erwächst36) und auf die Mehrsprachigkeit vieler Gemeindemitglieder.37 Zudem betont er, dass die EvangelienEvangelium von einer schnellenLese-geschwindigkeit Literarisierung von JesusJesus berichten, und er hebt den hohen Grad an Literaturproduktion und die innovative sprachschöpferische Kraft hervor, die überall in den Texten des NT zu finden sind.38 Dies zeige, dass neue Mitglieder „schon relativ früh in eine bereits ausgebildete Lehr- und Sprachwelt“ eintraten und daher in den Gemeinden „ein relativ hohes intellektuelles Niveau vorauszusetzen“39 ist.

Schnelle argumentiert außerdem, dass ein großer Teil der frühen Christen „aus dem Einflussbereich des JudentumsJudentum [kam], das eine höhere Alphabetisierungsrate als der Durchschnitt des Römischen Reiches aufwies.“40 Die mit Schnelles Argument verbundene, weit verbreitete These eines besonders hohen LiteralitätsgradesLiteralität/Illiteralität im antiken Judentum ist in den vergangenen Jahren in der Forschung allerdings in Frage gestellt worden.41 Diese neue pessimistische Sicht auf den Literalitätsgrad im antiken Judentum korrespondiert mit der These, dass weite Teile der jüdischen Bevölkerung keinen direkten Zugang zu TorarollenTora hatten bzw. diese nur für die Priester und ElitenElite zugänglich waren. Diese These basiert nicht nur weitgehend auf argumenta e silentio. Auch dass die Textfunde vom Toten Meer als abseitige Ausnahme interpretiert werden müssen, ist aus methodischer Sicht problematisch.42 Insbesondere die Argumentation von C. Hezser (ferner auch von anderen in dieser neueren Forschungstradition stehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern) bezüglich einer niedrigen Literalitätsrate im antiken Judentum ist durch das restriktive Auswertungsverfahren der Befunde durch Harris (s. o.) sowie durch Thesen zum „oralen“ Charakter der antiken Kultur insgesamt beeinflusst.43

Abgesehen davon wird die Relevanz des LiteralitätsgradesLiteralität/Illiteralität für die Frage nach LesepraktikenLese-praxis und -modalitäten m. E. in weiten Teilen der Forschung überschätzt. Zunächst müsste ja der Nachweis erbracht werden, dass die zur Diskussion stehende Literatur sich tatsächlich vorrangig an illiterate RezipientenRezipient richtete bzw. dass VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt von Texten in Gruppen als notwendig angesehen worden wäre, um illiterate Schichten mit den Texten zu erreichen. Schon hier sei darauf hingewiesen, dass bei den Darstellungen in den Quellen aus der griechisch-römischen Welt, in der Vorlesen in Gruppen thematisiert wird, das PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) mit Sicherheit zu einem großen Teil selbst aus literarisch Gebildeten bestand. Zudem wäre doch zu vermuten, dass das VerstehenVerstehen der in Betracht kommenden antiken Texte eine gewisse literarische Vorbildung voraussetzt. So formuliert etwa Pseudo-Lukianos, dass es aussichtslos sei, den Illiteraten bzw. Ungebildeten etwas in gelehrter Weise vorzulesen, solange sie ohne Wissen sind (ἀναγνῶναι ἢ γράψαι τοῖς ἀγραμμάτοιςἀγράμματος γραμματικὸν τρόπον ἀδυνατώτερόν ἐστιν τέως ἂν ὦσιν ἀνεπιστήμονες; Ps.-Lukian.Pseudo-Lucianos Halcyon 7).44

Die Beweislast liegt m. E. bei denjenigen, die einen Zusammenhang zwischen Illiteralität und VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt in Gruppen postulieren, ein solches Setting (also einem Kreis von Menschen, die nicht lesen können, wird Literatur vorgelesen) auch in den Quellen nachzuweisen. Die Arbeitshypothese, die mit weniger Vorannahmen auskommt, ist dagegen zunächst diejenige, dass man davon auszugehen hat, dass literarische Texte zunächst an RezipientenRezipient gerichtet waren, die lesen konnten. D. h. ganz unabhängig von der exakten zahlenmäßigen Quantifizierung von potentiellen Leserinnen und Lesern in der Antike, ist die Forschung nicht davon dispensiert, die LesepraktikenLese-praxis der lesekundigen Menschen in der Antike insgesamt und frühem ChristentumChristentum im Speziellen näher zu untersuchen. Und selbst wenn man die pessimistischen Schätzungen der LiteralitätsrateLiteralität/Illiteralität in antiken Gesellschaften zugrunde legte, handelte es sich bei niedrigen zweistelligen Prozentzahlen in absoluten Zahlen ja immer noch um eine beträchtliche Menge von Menschen, die lesen und Literatur rezipieren konnten.45 Die behauptete Interdependenz des Vorlesens in Gruppen und der geringen Literalitätsrate in der Antike führt in Bezug auf vorliegende Studie zu der Frage, inwieweit sich nachweisen lässt, dass nicht-literalisierte Personen in der Antike überhaupt als AdressatenAdressat in den Blick genommen worden sind oder umgekehrt eindeutig literalisierte Rezipienten als intendierte Adressaten plausibel zu machen sind.

1.3.4 Die Frage nach der Alterität antiker und zeitgenössischer Lesekultur

DieLese-kultur genannten Punkte gehen sodann in hermeneutischer Hinsicht mit der emphatischen Aufforderung einher, dass die grundsätzlichen Unterschiede zwischen der modernen und der antiken LesepraxisLese-praxis in Rechnung zu stellen seien. Damit eng verbunden sind die Vorwürfe gegenüber der Minderheitenposition, sie würden die moderne Art zu Lesen in die Verhältnisse der Antike projizieren bzw. sie nutzten Erkenntnisse und Modelle des Lesens, die an eben der modernen Lesepraxis gewonnen seien und ihre Passfähigkeit für die antike Situation nicht nachgewiesen worden bzw. fraglich seien.1 Es ist natürlich nicht zu bestreiten, dass die Suche nach Alteritäten eine zentrale Aufgabe der altertumswissenschaftlichen Forschung ist. Das bloße Postulat von Alterität darf jedoch nicht zum Beleg für eine bestimmte Sicht der antiken Gegebenheiten werden. So ist zunächst vor allem in analytischer Hinsicht auch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass durchaus auch Parallelen bzw. Kontinuitäten zwischen der Lesepraxis in der Moderne und in der Antike festzustellen sein könnten, seien sie anthropologisch oder auch kulturell bedingt.

1.3.5 Die Frage nach der „Oralität“ antiker Gesellschaften

Verknüpft ist dieses Alteritätspostulat sodann in produktionsorientierter Perspektive sehr häufig mit der Betonung der großen Bedeutung von „OralitätMündlichkeit“ für die antike Textkultur und insbesondere mit der Emphase, dass PublikationPublikation/Veröffentlichung in der Antike in erster Linie bedeute, dass ein Text erstmals „laut“Lautstärkelaut vorgelesen und damit in den Umlauf gebracht worden sei (entweder über AbschriftAbschrift des Vortrages oder über das ManuskriptHandschrift/Manuskript, das der AutorAutor/Verfasser aus seinen Händen gibt).1 Es ist erstaunlich, dass vor allem letzteres Postulat zumeist mit nur sehr selektivenUmfangselektiv Belegen aus den Quellen untersetzt wird und die Forschungen zum antiken BuchmarktBuch-handel gänzlich ignoriert bzw. die Evidenzen in den Quellen marginalisiert2 werden.

Die genannten Einzelaspekte haben dazu geführt, dass „ein Netz einander stützender und ergänzender Informationen geknüpft [worden ist], das [nicht nur] die Vorstellung vom lautenLautstärkelaut Lesen als vermeintlich sicheres Wissen von den Zuständen in der Antike verbuchen läßt“3, sondern auch bezüglich der anderen Punkte dieses Netzes:

 die antike Schrift als Abbild des Gesprochenen;

 die Schwierigkeiten der visuellenvisuell Dekodierung von scriptio continuaSchriftscriptio continua;

 ein relativ geringer Grad an LiteralitätLiteralität/Illiteralität; die grundsätzliche Alterität der antiken LesepraxisLese-praxis; die große Bedeutung von OralitätMündlichkeit für die Produktion und PublikationPublikation/Veröffentlichung von antiken Texten;

 und in Bezug auf die neutestamentlichen Texte: die mündliche Tradierung, welche den „mündlichen“ Charakter der Texte geprägt habe.

Das in diesem Netz erkennbare Grundnarrativ ist variantenreich auch in den Forschungsdiskurs über die Produktion und Rezeption von Literatur im frühen ChristentumChristentum eingeflossen und fungiert in Form von scheinbar gesichertem und nicht mehr zu hinterfragendem Wissen für eine Vielzahl von Forschungsfragen als hermeneutischer Rahmen. Exemplarisch war dieses Grundnarrativ in den Publikationen der Vertreterinnen und Vertreter des sog. Biblical Performance CriticismBiblical Performance Criticism zu sehenSehen (s. o. 1.1.2). An dieser Stelle sei auf Stimmen in der klassisch-philologischen Forschung verwiesen, welche die Betonung der Bedeutung von OralitätMündlichkeit für die antike Literatur bzw. die generalisierende These einer oral culture und die These mündlicher Tradierung von Literatur in der klassisch-philologischen Forschung mit guten Argumenten in Frage gestellt haben und eine klarere Differenzierung verschiedener Phänomene fordern, die gängiger Weise unter dem Label „oral“ subsumiert werden.4 Da das antike Konzept von PublikationPublikation/Veröffentlichung für die vorliegende Studie von einiger Relevanz ist, wird das antike Publikationswesen und seine Relation zum mündlichen Vortrag und zur Frage nach dem LesepublikumLese-publikum unter 5 zu besprechen sein.

1.3.6 Engführung der Forschung auf die Fragen nach einem vermeintlichen „Normalmodus“ des Lesens in der Antike und auf reading communities

Blickt man nun noch einmal zurück auf die lang und umfassend diskutierte Frage nach dem „lautenLautstärkelaut“ und „leisenLautstärkeleise“ Lesen, das die Debatte im 20. Jh. um das Lesen in der Antike maßgeblich geprägt und dadurch eine sehr eigenwillige Dynamik des Forschungsdiskurses befördert hat, so ergibt sich aus den bisherigen Ausführungen, dass man eigentlich eine viel zu eng geführte Frage nach einem vermeintlichen „Normalmodus“ diskutiert hat. Deshalb bekommt man nach über 100 Jahren den Eindruck, dass sich die Diskutanten im Kreis gedreht haben. Die einseitige Fokussierung auf diese eine Unterscheidung hat dazu geführt, dass man viele andere Facetten der komplexen Kulturtechnik des Lesens weitgehend unberücksichtigt gelassen oder nur am Rande erforscht hat. Insbesondere die lexikologische Konzentration auf einige Hauptbegriffe des Lesens,1 die noch dazu nur im Hinblick auf die zu eng geführte Forschungsfrage ausgewertet wurden, und das Fehlen einer systematischen Erfassung antiker Leseterminologie wiegt schwer. Dies wiederum hat gewichtige Implikationen für die weiterführenden Oralitätshypothesen, die maßgeblich auch auf der vermeintlich eindeutigen Antwort des Normalmodus der „lauten“ Lektüre basieren.

Auf die Defizite der Fragestellung weisen auch schon die klassischen Philologen H. Krasser und W. A. Johnson hin; beide beurteilen die Debatte sehr kritisch.2 Allerdings kommen sie bezüglich des ähnlichen Untersuchungsgegenstandes zu divergenten Ergebnissen. Krasser untersucht in seiner unpublizierten Habilitationsschrift die Darstellungen von LeseszenenLese-szene, die literarische Reflexion von Lesern, LesepraktikenLese-praxis und -techniken sowie literarische Wahrnehmungsgewohnheiten in Rom zwischen dem ausgehenden 1. Jh. v. Chr. und dem 2. Jh. n. Chr. Dabei kann er zeigen, dass sich in der Kaiserzeit (erstmals fassbar bei OvidOvidius, P. Naso) ein größer werdender literarischer Markt etablierte, der mit veränderten Distributionsformen, mit einem Bedeutungsgewinn des Buchhandels sowie mit einer großen Steigerung des Angebots und der Verfügbarkeit von LesestoffenLese-stoff einherging. Krasser stellt u. a. „eine Entfremdung zwischen AutorAutor/Verfasser und LeserLeser“3 fest, die sich z.B. darin zeigt, dass Autoren über unterschiedliche Leseerwartungen reflektierten und sich an ein anonymes und breites LesepublikumLese-publikum richten.4 Dabei ist zu erkennen, dass sich publizierte Literatur – anders als noch im Rom in der Zeit der späten Republik, die er allerdings auch schon als Umbruchssituation beschreibt5 – an einen breiteren Leserkreis richtete, der weit über den Kreis der ElitenElite hinausreichte.6 Krasser zweifelt darüber hinaus überzeugend die „ausschließliche Dominanz des Ohrs bei der Rezeption von Literatur“7 an und zeigt einerseits differenziert die Leseanlässe auf, die im kaiserzeitlichen Rom mit stimmlicherStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung einhergegangen sind (v. a. die recitatiorecitatio (s. auch Publikation/Veröffentlichung) durch Autoren als Bestandteil des Redaktionsprozesses; UnterhaltungUnterhaltung beim MahlGemeinschaftsmahl; die Nutzung eines VorlesersVorleser im privatenÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat Kontext; das kunstvolle VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt vor PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum); die Realisierung des Textes als ästhetischesästhetischer Genuss/Vergnügen Klangerlebnis bei der individuellen Lektüre; als gesundheitsförderliche Tätigkeit im Rahmen der antiken Diätetik).8 Andererseits stellt er heraus, dass „vor allem im Bereich der vornehmlich intellektuell orientierten LeseakteLese-akt die leiseLautstärkeleise Lektüre aller Wahrscheinlichkeit nach sogar die Regel war.“9 Zuletzt präsentiert er erste Ansätze zur Systematisierung unterschiedlicher Lektüreformen,10 die unten wieder aufgenommen wird, und untersucht, welche Tageszeiten im kaiserzeitlichen Rom (im Ideal und in der Wirklichkeit) zum Lesen genutzt wurden und inwiefern das Alter eines Menschen nach seinem Berufsleben als Lesezeit galt. Dabei kann er eine enge Verbindung der intellektuellen Lektüre mit der Nachtarbeit (lucubratiolucubratio) aufzeigen.11

Johnsons Arbeiten hingegen prägen einen neuen, kultur- und sozialgeschichtlichenSozialgeschichte Ansatz in der Erforschung des Lesens in der Antike, der analog zu ähnlichen Paradigmenwechseln in der historischen LeseforschungLese-forschung12 primär an der Kultur der LeserLeser bzw. in differenzierender Perspektive an unterschiedlichen Leserkulturen und weniger an Fragen der Lesetechnik und der Wahrnehmung des Lese- und Verstehensprozesses interessiert ist.13 Johnson fokussiert demgegenüber vor allem auf die Kultur des Lesens als „ElitenphänomenElite“ in der Römischen Kaiserzeit. So richtig sein Ausgangspunkt ist, dass einzelne LeseszenenLese-szene immer in Relation zu einem spezifischen soziokulturellen Kontext stehen und generalisierende Aussagen über „das“ Lesen in der Antike dies zu berücksichtigen haben, und so hilfreich sein Modell der Konstruktion einzelner reading communities für soziologische Fragen bezüglich des Lesens auch sein mögen,14 einige Schlussfolgerungen Johnsons sind zu hinterfragen.15 Insbesondere die Fokussierung auf performative Vorleseszenen und der weitgehende Verzicht auf Fragen nach der physiologischen Dimension des Lesens bzw. auf Fragen nach der Reflexion kognitiverkognitiv Prozesse beim Lesen sind m. E. problematisch.

Es ist hier nicht möglich, die theoretischen Überlegungen Johnsons, seine Quellenauswertungen und seine vielfältigen Schlussfolgerungen im Einzelnen zu diskutieren und die vielen wichtigen Einzeleinsichten sowie sein Paradigma sozialer und ideologischer Konstruiertheit des Phänomens Lesen zu würdigen, möglich sind nur einige generelle Beobachtungen: Auch wenn Johnson weder die Möglichkeit stiller Lektüre noch die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre im kaiserzeitlichen Rom negiert,16 so spricht er dennoch von einer quantitativen Dominanz des performativen VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt in Zirkeln der elitären römischen OberschichtElite,17 was er als grundsätzlichen qualitativen Unterschied zur eigenen modernen Kultur markiert.18 Es ist allerdings – und das gilt gleichermaßen für die unter 1.1.2 und 1.1.3 skizzierten Ansätze – vor dem methodischen Fehlschluss zu warnen, dies aus einer (im Übrigen noch zu beweisenden) quantitativen Übermacht von literarischen Darstellungen von Vorleseszenen in Gruppen bei bestimmten kaiserzeitlichen AutorenAutor/Verfasser bzw. in der antiken Literatur zu schließen. Denn performative oder gemeinschaftliche LeseszenenLese-szene in der Literatur sind z.B. institutionell verankert (GerichtGericht, politische Versammlung o. ä.) oder im Zusammenhang mit dem Darstellungsinteresse der jeweiligen Autoren zu sehenSehen: Soziale Konflikte, Diskussionen usw. im Kontext gemeinschaftlicher Lektüre sind mutmaßlich deutlich interessanter darzustellen und zu lesen als individuell-direkte Lektüren. Individuell-direkte Lektüre ist für den Beobachter von außen zumeist gar nicht zugänglich oder muss, wenn sie doch beobachtet werden kann, z.B., wenn jemand individuell in der ÖffentlichkeitÖffentlichkeit liest, relativ gleichförmig unspektakulär erscheinen.

Neben dem undefinierten Gebrauch des Elitenbegriffs basieren Johnsons Schlussfolgerungen zum Lesen in der Kaiserzeit als ElitenphänomenElite19 a) auf den zu hinterfragenden quantitativen Schätzungen von Harris zur geringen LiteralitätLiteralität/Illiteralität in antiken Gesellschaften,20 b) auf einer Skepsis in der neueren Forschung gegenüber der älteren Forschung zum antiken Buchhandels- und Publikationswesens, die demgegenüber privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat ZirkulationsmechanismenZirkulation postuliert,21 c) auf nicht näher belegter Schätzung des hohen Preises für antike BücherBuch22 und d) auf einem Cognitive Model for Ancient Reading, das nicht aus den Quellen (d. h. aus Leseprozessen beschreibenden oder reflektierenden Texten) deduziert wurde, sondern allein aus hypothetischen Annahmen bezüglich der physischen Gestalt antiker Manuskripte (insb. Rollenform, scriptio continuaSchriftscriptio continua und Zeilenbreite) gewonnen wurde.23 Nicht zuletzt die relativ konträren Ergebnisse von Krasser und Johnson zeigen, dass die Forschungsdiskussion zum Lesen in der Antike jenseits der alten Frage nach dem „lautenLautstärkelaut“ und „leisenLautstärkeleise“ Lesen gerade erst angefangen hat und wichtige Grundlagen noch aufzuarbeiten sind.24

Auf einer Metaebene zeigt sich an der Diskussion um das „lauteLautstärkelaut“ und „leiseLautstärkeleise“ Lesen – besonders an der mehrfachen „Erfindung“ des „leisen“ Lesens in der Geschichte – eine Einsicht, die in der historischen LeseforschungLese-forschung schon von anderen gemacht worden ist – nämlich, „[d]aß die Geschichte des Lesens im Blick auf die Modalitäten der Lektüre nicht eine lineare Geschichte ergibt.“25 Dies gilt nicht nur für das Paradigma der Entwicklung vom „lauten“ zum „leisen“ Lesen, sondern z.B. auch für ein anders klassisches Paradigma, nämlich der Entwicklung von statarischer zu kursorischer Lektüre im 18. Jh.26 Gegen ein solches idealisiertes Entwicklungsparadigma sprechen frühneuzeitliche Quellen, „in denen Lesetechniken zur schnellenLese-geschwindigkeit und effektiven Wissensaneignung propagiert werden.“27 Im Rahmen dieser Arbeit wird zu zeigen sein, dass auch in der Antike schon Lektüretechniken angewandt worden sind, die traditionell (und m. E. zu undifferenziert; vgl. dazu 1.5) als „kursorisch“ bezeichnet werden. Anhand der Modalitäten des Lesens lässt sich also definitiv keine globale, vermutlich aber auch nur schwer eine auf einen bestimmten kulturellen Raum wie der griechisch-römischen Welt beschränkte, lineare Geschichte schreibenSchreiben. Die Modalitäten des Lesens sind im Wesentlichen zunächst als prinzipiell anzusehen, müssen also für jedes SchriftsystemSchrift-system und jede Schrift- und LesekulturLese-kultur als analytische Möglichkeit zunächst in Betracht gezogen werden. Ob sie jeweils im vollen Umgang realisiert werden, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab; d. h. die Modalitäten des Lesens in spezifischen kulturhistorischen Räumen sind jeweils einzeln anhand der Quellen zu untersuchen.

1.4 Fragestellung, methodischer Ansatz und Vorgehen

„Erforschung der MetaphernMetapher hält inne im Vorfeld der Einsichten, um den Ansichten ihr Recht widerfahren zu lassen.“1

Das Ziel dieser Studie ist es, genauer als bisher zu konturieren, wie die neutestamentlichen Texte in ihrem unmittelbaren Entstehungskontext und im Rahmen der frühen Rezeptionsgeschichte gelesen bzw. für welche Leseanlässe sie konzipiert worden sind. Dabei wird die skizzierte, weitgehend monosituative Verortung frühchristlicher LesepraxisLese-praxis in gottesdienstlichenGottesdienst Versammlungskontexten (oder performativen Lesungen in Gruppen) zur Diskussion gestellt. Es wird dabei angesichts der notorischen und der Sache inhärenten Schwierigkeiten, den Lesebegriff exakt und eng zu definieren,2 und, um das heuristischeHeuristik Raster nicht unnötig einzuengen, bewusst auf einen solchen der Untersuchung vorausgehenden Definitionsversuch verzichtet. Die Komplexität des Phänomens Lesen und seine Multidimensionalität (physiologisch, kognitionspsychologischKognitionswissenschaften, neurologisch, semiotisch, kulturell, [kultur]historisch, sozial, politisch, medien- und kommunikationstheoretisch, usw.) kommt treffend bei U. Saxer zum Ausdruck, der Lesen, anknüpfend an M. Mauss, als Totalphänomen beschreibt.3 Unter dem Stichwort „Lesen“ werden in dieser Studie im Rahmen eines breiten Verständnisses in den Quellen sichtbare Formen der InteraktionInteraktion mit (geschriebenen) Texten untersucht,4 wobei nicht der Anspruch erhoben wird, die Multidimensionalität im historischen Kontext der Antike auch nur annähernd vollständigUmfangvollständig zu beschreiben. Um der analytischen Genauigkeit willen wird jedoch, wenn Texte in Gruppen oder von Individuen nicht direkt über das AugeAugen, sondern über das OhrOhr rezipiert werden, von indirekter Rezeption gesprochen (s. u. 1.5). Zudem ist bei der Analyse antiker Quellen auch in Betracht zu ziehen, dass Lexeme, die an anderer Stelle das Phänomen „Lesen“ referenzieren, theoretisch auch bezeichnen kann, dass jemand etwas AuswendiggelerntesAuswendiglernen „vorliest“, ohne dabei ein SchriftmediumLese-medium zu konsultieren. Um eine solche Praxis zu belegen, müssten allerdings klare Textsignale vorliegen. Und – so viel ist vorwegzunehmen – der Beleg einer weiten Verbreitung eines solchen Konzepts fällt für die griechisch-römische Antike schwer.5

Doch wie kann man Lesen in historischer Dimension beobachten, um die skizzierten Verkürzungen der bisherigen Forschung zu überwinden? Während die moderne LeseforschungLese-forschung empirisch arbeiten kann, ist die Untersuchung vergangener Lesekulturen auf die geschichtswissenschaftliche Auswertung von Quellen angewiesen. R. Darnton hat in einem programmatischen Aufsatz (erstmals 1986 erschienen) als Ordnung für eine historische Untersuchung des Lesens die Fragen nach dem Wer, Was, Wo, Wann, Warum und Wie vorgeschlagen, wobei er konstatiert, dass es für die ersten vier Fragen, die sich auf die „externe Geschichte des Lesens“6 bezögen, schon zahlreiche Antworten gäbe, das „Warum“ und „Wie“ des Lesens, also der LeseaktLese-akt selbst und seine Wahrnehmung und Reflexion durch antike LeserLeser, aber noch weitgehend unerforscht sei.7 Darnton schlägt daraufhin fünf Wege vor, um das „Wie“ des Lesens zu untersuchen: 1) Die Analyse von zeitgenössischen Darstellungen des Lesens in Fiktion, Autobiographien, Bildern etc.; 2) Die Untersuchung der „Art und Weise, wie das Lesen erlernt wurde“ bzw. die Untersuchung von LiteralitätLiteralität/Illiteralität (auch unabhängig von der Schreibfähigkeit); 3) historische Zeugnisse des Leseaktes in Form von Marginalnotizen; 4) rezeptionsästhetischeRezeptionsästhetik Ansätze; 5) Die Untersuchung von physischen Büchern und deren Typographie.8

Dieser programmatische Ansatz weist eine Lücke auf. Und zwar besteht ein großes, bisher von der historischen LeseforschungLese-forschung ungenutztes Potential darin, die Sprache selbst, mit der über das Lesen kommuniziert und reflektiert wird, zu untersuchen. An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie an. Für die antike griechisch-römische Welt ist dieser Ansatz nicht zuletzt deshalb vielversprechend, weil die Quellensituation insbesondere auf die von Darnton genannten Aspekte 2, 3 und 5 sowie für die Rekonstruktion einer „externen Geschichte des Lesen“ sehr viel schlechter ist als für die Zeit seit der frühen Neuzeit,9 auf welche sich die historische Leseforschung maßgeblich bezieht.

Der Ansatz der Studie besteht darin, zunächst die Leseterminologie im Griechischen zu untersuchen, mit Seitenblicken auf das Lateinische und später auf das Hebräische. Es werden also Lexeme, die Lesen entweder direkt benennen oder indirekt charakterisieren, lexikologisch und semantisch zu untersuchen sein. Dabei wird deutlich werden, dass die Leseterminologie im Wesentlichen metaphorischMetapher und metonymischMetonymie konzeptualisiert ist. Entsprechend neuerer metapherntheoretischerMetapher-ntheorie Ansätze, die trotz ihrer Unterschiede in der Beschreibungssprache gemeinsame Linien aufweisen, wird die Metapher hier nicht einfach als rhetorisches Stilmittel bzw. ein Mittel poetischer Sprache aufgefasst. Vielmehr ist die Metapher als das sprachliche Zusammenwirken von zwei Größen zu verstehen, die unterschiedlichen Ordnungssystemen angehören. Die wichtige Einsicht neuerer metapherntheoretischer Ansichten besteht darin, dass durch das dynamische Zusammenwirken der beiden Größen in der Metapher diese etwas beschreiben, das mehr ist als die Summe der beiden Einzelgrößen. Damit nimmt die Metapher eine ganz eigene Perspektive auf das zu Beschreibende ein. Dies wiederum bedeutet im Umkehrschluss, dass sich aus der Analyse von konkreten Metaphern in Relation zum von diesen beschriebenen Referenten Erkenntnisse über diesen generieren lassen (s. u.). Diese beiden Größen, für die in der Forschung sehr unterschiedliche Bezeichnungen zu finden sind, werden in dieser Studie Bildspende- und Bildempfangsbereich genannt. Zudem wird berücksichtigt, dass Metaphern in vielfältigen grammatisch-syntaktischen Formen auftreten können, in einem jeweils spezifischen Verhältnis zu vorgegebenen sprachlichen Konventionen stehen, in ihrer Bedeutung situations- und kontextabhängig sind und in diachroner Hinsicht Wandlungsprozessen unterliegen (beschrieben z.B. als innovative, usuelle, konventionalisierte, lexikalisierte Metaphern).10 Der Unterschied zwischen Metapher und Metonymie wird in dieser Studie folgendermaßen bestimmt: Im Gegensatz zur Metapher ist der Bildspende- und der Bildempfangsbereich im Falle einer Metonymie durch eine Beziehung der Kontiguität charakterisiert, wobei dem VerfasserAutor/Verfasser die Abgrenzungsprobleme von Metapher und Metonymie wohl bewusst sind.11 Im Hinblick auf die Lesemetaphern und -metonymien lässt sich das Kriterium jedoch in analytischer Hinsicht pragmatischPragmatik recht gut anwenden, da sich die Kontiguitätsbeziehung zwischen Lesemetonymie und Lesevorgang in den meisten Fällen recht genau beschreiben lässt (z.B.: „ein BuchBuch durchblättern“ ist eine Lesemetonymie, „ein Buch verschlingen“ ist eine Metapher).

Eine systematische Aufarbeitung der Sprache, der MetaphernMetapher und MetonymienMetonymie, die in der antiken Welt das Lesen konzeptualisiert, ist bisher nicht geleistet worden. Die Erschließung der Lese-Metaphern und ‑Metonymien in der antiken Literatur (aber auch in InschriftenInschriften und dokumentarischen PapyriPapyrus) bietet daher einen bisher nicht genutzten Zugang zur antiken LesekulturLese-kultur. Durch die Untersuchung der Leseterminologie wird eine große Fülle bisher nicht berücksichtigter Daten erschlossen, die als Selbstzeugnisse für den Lesevorgang gelten können. Insofern ist etwa auch das Diktum Bickenbachs nur teilweise richtig, dass Lesen prinzipiell unbeobachtbar sei.12 Lesen ist zwar ein flüchtiger und momentaner Akt, hat aber in der Dokumentation der Selbstwahrnehmung und der Selbstreflexion Spuren in der Sprache hinterlassen. Dem methodischen Ansatz liegt die Einsicht zugrunde, dass Metaphern und Metonymien aus kognitionswissenschaftlicher Sicht eine besondere Bedeutung für die menschliche Wahrnehmung haben.13 Diese Einsichten aus der kognitivenkognitiv Linguistik sind in den Altertumswissenschaften schon für die Erforschung von Emotionen fruchtbar gemacht worden, wie die Arbeiten von D. Cairns zeigen.14 Seine Analysen antiker Emotionskonzepte basieren auf der folgenden Grundannahme:

“[P]roperties of emotions […] depend not just on objective processes in the body, the brain, and the world, but on the representation of the phenomenology of such processes in the intersubjective system that is language. […] Though they [i. e. the properties of emotions] exist in the shared and intersubjective system of language.”15

Daher können antike Emotionskonzepte durch die Erschließung und Analyse von MetaphernMetapher, die Emotionen konzeptualisieren, rekonstruiert werden. Um dementsprechend der Selbstwahrnehmung des eigenen Leseprozesses auf die Spur zu kommen, ist also die metaphorisch und metonymischMetonymie konzeptualisierte Leseterminologie zu untersuchen. Die zu erwartende Heterogenität der antiken Beschreibungssprache, in der sich die Selbstwahrnehmung antiker LeserLeser kondensiert hat, reflektiert dabei die Vielfalt antiker LesepraxisLese-praxis, von Lese- und Verstehensgewohnheiten bis hin zu Lesetechniken. In methodischer Hinsicht ist zwischen lexikalisierten Metaphern, bei deren Verwendung die Metaphorizität in den meisten Fällen nicht mehr im Bewusstsein ist, und innovativen Metaphern zu unterscheiden. Das größte Erkenntnispotential im Hinblick auf die Selbstwahrnehmung des Lesens haben freilich innovative Metaphern, da diese mutmaßlich einen spezifischen Aspekt des Lesens betonen wollen. Aber auch die lexikalisierten Metaphern (insbesondere, wenn sie nicht das HauptleseverbHauptleseverb einer Sprache bilden) lassen Rückschlüsse auf die Selbstwahrnehmung antiker Lesepraxis zu, und zwar dann, wenn sie in Relation zu direkten Beschreibungen und Reflexionen antiker Lesepraxis und in Relation zur materiellenMaterialität Dimension antiker Lesepraxis gesetzt werden.

Die Sprache, mit der über das Lesen kommuniziert wird, kann also auch nicht ohne den Bezug zur materiellenMaterialität Dimension antiker LesepraxisLese-praxis untersucht werden. Daher beginnt der erste Hauptteil der Studie (II) mit einem Überblick über die Vielfalt von LesemedienLese-medium in der Antike (2), zu denen die LeseterminiLese-terminus in Relation zu setzen sind. Darauf folgt die Darstellung der Ergebnisse der lexikologischen und semantischen Untersuchung der antiken Beschreibungssprache des Lesens, die entlang der Bildspendebereiche der metaphorischenMetapher und metonymischenMetonymie Konzepte strukturiert ist.

Für die Untersuchung der antiken Leseterminologie selbst, deren Ergebnisse in der vorliegenden Studie dargelegt werden, wurde eine semi-automatisierte HeuristikHeuristik angewandt. Und zwar bestand die Erschließung der Lexeme, Wendungen und Konzepte aus einem Wechselspiel unsystematisch explorierender Zugänge zu den Quellen und der systematischen Anwendung von Methoden der digitalen KorpusanalyseKorpusanalyse/Kookkurrenzanalyse. Das bedeutet, es wurden erstens zunächst zahlreiche Quellen gelesen und LeseterminiLese-terminus identifiziert, sowie zweitens Übersetzungen nach modernen Lesetermini digital durchsucht, um die übersetzten griechischen (und lateinischen) Lexeme und Wendungen zu finden, die „Lesen“ konzeptualisieren. Diese Form der Heuristik wurde ergänzt durch digitale Verfahren der Kookkurrenzanalyse und der Nutzung von Vektorisierungsverfahren zur Suche von Synonymen.16 Kombiniert mit den Lexemen für LesemedienLese-medium konnten mit Hilfe dieser erschlossenen Lesetermini und Wendungen dann durch die proximity search im Thesaurus Linguae Graecae (TLG) und in der Library Latin Texts (LLT) eine große Anzahl von Quellen neu erschlossen werden, in denen Lesen in der Antike thematisiert wird.

Der skizzierte Ansatz hat daher gegenüber Forschungsansätzen, die entweder die LautstärkeLautstärke des Lesens, die materiellenMaterialität Zeugnisse oder Fragen der LiteralitätsrateLiteralität/Illiteralität als „äußere Bedingungen“ des Lesens in der Antike ins Zentrum gerückt haben, den Vorteil, dass das Phänomen Lesen in einer breiteren Perspektive in den Blick kommen kann. Die oben skizzierte Ausgangslage der Forschung hängt mit einem drängenden Desiderat zusammen, nämlich der grundlegenden Erschließung der überhaupt in Betracht kommenden Quellen. Denn die bisherigen Engführungen der Forschung haben dazu geführt, dass die zur Diskussion stehende Quellenbasis viel zu klein ist. Dies zeigt sich symptomatisch daran, dass das Vokabular des Lesens im Griechischen (und Lateinischen) bei weitem nicht vollständigUmfangvollständig erschlossen ist,17 geschweige denn sämtliche Quellen, die in der antiken Literatur auf LeseszenenLese-szene oder Lesen als Kulturtechnik im Allgemeinen verweisen, und die Einträge in den gängigen Lexika (aus nachvollziehbaren Gründen) defizitär sind.18

Vorab ist allerdings schon darauf hinzuweisen: Angesichts der Fülle von Daten ist eine vollständigeUmfangvollständig Erschließung aller Stellen, an der Lesen in den Quellen thematisiert wird, im Rahmen dieser Studie nicht zu leisten. Die Erschließung der Lesetermini zeigt, dass es sich um ein historisches Thema handelt, bei dem einmal nicht über das Fehlen von Quellen geklagt werden muss – vielleicht ein Grund, warum die systematische Untersuchung über die Disziplinengrenzen hinweg bisher nicht realisiert worden ist. Zur Veranschaulichung: Allein für die am weitesten verbreiteten Lexeme, die das Phänomen Lesen im Griechischen beschreiben, ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω und ἐντυγχάνωἐντυγχάνω (hier allerdings nur als eine Bedeutung des Verbes unter vielen), finden sich im TLG für die Zeit vom 8. Jh. v. Chr. bis zum 5. Jh. n. Chr. rund 8800 bzw. 6400 Einträge. Um der Materialfülle zu begegnen, musste daher ein pragmatischerPragmatik Weg gewählt werden. Bei der Analyse habe ich mich darauf beschränkt, so viele Stellen für die jeweiligen Verben zu begutachten, bis sich ein quantitativ relativ valides Bild ergeben hat. Das bedeutet, dass die Suche dann abgebrochen werden konnte, wenn die gefundenen Belegstellen lediglich schon Bekanntes wieder und wieder bestätigten. Für das Verb ἀναγιγνώσκω wurden dazu z.B. weit mehr als 3500 Belegstellen geprüft (die Belegstellen zu den Derivaten von ἀναγιγνώσκω konnten angesichts der deutlich geringeren Anzahl größtenteils vollständig durchgesehen werden). Auch bei der Interpretation der Quellen im Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Arbeit musste eine exemplarische Auswahl der aussagekräftigsten Stellen getroffen werden. Als aussagekräftige Stellen gelten solche, die differenzierte Aussagen über LesepraktikenLese-praxis im Hinblick auf die unter 1.5 zu entwickelnden Kategorien ermöglichen.

Methodisch ist bezüglich der Interpretation der Quellen Folgendes anzumerken: Es wird davon ausgegangen, dass literarische Texte, in denen LeseszenenLese-szene vorkommen, Weltwissen reflektieren und im Hinblick auf die antike LesekulturLese-kultur ausgewertet werden können, selbst wenn es fiktionale Gehalte sind, die erzählt werden. Diese Voraussetzung gilt auch für die weiteren Hauptkapitel (s. u.) und wird bei der Analyse der jeweiligen Texte nicht mehr im Einzelnen erwähnt.

Trotz dieser Beschränkungen bietet der im Rahmen dieser Studie gewählte methodische Ansatz ein großes Potential nicht nur zur Erforschung der antiken LesekulturLese-kultur, der mit dem Anspruch auf Vollständigkeit allerdings nur im Rahmen eines großen Forschungsprojektes realisiert werden könnte. Diese Studie versteht sich daher als Ansatz, der gleichsam ein neues Forschungsfeld für die altertumswissenschaftlichen Fächer sowie für die neutestamentliche und patristischeKirche-ngeschichte Forschung aufzeigt, umreißt und zu etablieren versucht.

Im Anschluss an die lexikologische und semantische Analyse wechselt der Fokus wieder zur materiellenMaterialität Dimension antiker LesekulturLese-kultur. Auf der Grundlage der Untersuchung der LeseterminiLese-terminus und der dadurch gewonnenen Erkenntnisse widmet sich die Studie dann unter Punkt 4 dem Zusammenhang zwischen dem griechischen SchriftsystemSchrift-system, das durch die scriptio continuaSchriftscriptio continua gekennzeichnet ist, und anderen „typographischen“ Merkmalen der griechischen Schriftkultur auf der einen Seite und dem Lesen auf der anderen Seite. Um das Bild bezüglich der antiken Lesekultur weiter zu vervollständigen, folgen darauf kurze Hinweise zum Thema PublikationPublikation/Veröffentlichung und Verfügbarkeit von Literatur und der Frage nach dem LesepublikumLese-publikum (5). Unter Punk 6 wird dann der Ertrag der Untersuchung des ersten Hauptteils festzuhalten und einen systematischen und zusammenfassenden Überblick über die Vielfalt antiker LesepraktikenLese-praxis und -kontexte zu geben sein.

Die im ersten Hauptteil (2–6) gewonnenen Ergebnisse werden sodann in zwei Schritten für die Untersuchung von Texten aus dem antiken JudentumJudentum (7) und dem NT (8) fruchtbar gemacht, in denen Lesen thematisiert, oder LesepraktikenLese-praxis (implizit oder explizit) reflektiert werden. Ein besonderer Fokus wird auf solche Stellen gelegt, an denen selbstreferenziellselbstreferenziell die Rezeption thematisiert wird. Leitend bei der Analyse ist die Frage, inwiefern die Texte Aufschluss geben können über Lesepraktiken im Hintergrund der Texte bzw. auf die intendierte Rezeptionsweise des jeweils vorliegenden Textes. In exegetischExegese-methodischer Hinsicht bedeutet dies, dass der Hauptschwerpunkt der Analyse, unter vereinzelter Berücksichtigung diachroner und v. a. traditionsgeschichtlicher Fragen und textkritischerTextkritik Perspektiven, im Hinblick auf die biblischen Texte synchron orientiert ist, wobei die konkreten linguistischen (und narratologischenNarratologie) Zugänge zu den Texten durch das vorher entwickelte Modell (sozial- und medien-)geschichtlich kontextualisiert werden.

Den Abschluss der Arbeit bildet ein Ausblick auf die LesekulturLese-kultur in der Alten KircheKircheAlte. Hier sind die Implikationen der Ergebnisse der Studie für die Frage nach dem Stellenwert des Lesens im frühen ChristentumChristentum und der Frage nach dem Lesen im Kontext der Abschreibepraxis neutestamentlicher Texte knapp zu skizzieren. Weiterführend werden die Hinweise auf VorleserVorleser bzw. für das „LektorenamtLektor“ als Evidenz für „gottesdienstlicheGottesdienst“ Lektüre kritisch zu diskutieren sein. Sodann ist ein Überblick über die Vielfalt früchristlicher LesepraktikenLese-praxis anhand exemplarisch ausgewählter und aussagekräftiger Quellen aus der Zeit der frühen Kirche zu geben. Zuletzt sind die Implikationen der Ergebnisse der Studie für die Frage nach der Entstehung des neutestamentlichen KanonsKanon anzudeuten.

1.5 Beschreibungssprache und weitere terminologische Klärungen

„The conceptual basis of reading as a diverse and omnipresent operation in [Greco-Roman,] Jewish and Christian

antiquity is in need of a more robust

theoretical underpinnings.“1

Um Lesen entsprechend des skizzierten Ansatzes in historischer Dimension beschreiben zu können, bedarf es einer differenzierten Beschreibungssprache, die nicht schon durch die Verwendung geprägter Termini bestimmte, diachron orientierte Hypothesen zur historischen Entwicklung des Lesens in den Befund hineinprojizieren. Hier ist angesichts der skizzierten Desiderate und der Engführung der Forschung auf die Fragen nach dem „lautenLautstärkelaut“ und „leisenLautstärkeleise“ Lesen, nach OralitätMündlichkeit und communal readingcommunal reading bzw. performativen LesepraktikenLese-praxis ein Neuansatz notwendig, der sich freilich an der Metasprache der LeseforschungLese-forschung zu orientieren hat. Die moderne Leseforschung und insbesondere die jüngere historische Leseforschung nutzt ein breites Spektrum von z. T. aus der Didaktik stammenden Beschreibungskategorien, die hier selektiert, systematisierend zusammengefasst und zusammengeführt, sowie um zahlreiche Aspekte ergänzt werden.2 Es ist zu betonen, dass die folgenden Kategorien zunächst aus Gründen der HeuristikHeuristik eingeführt werden, also um das Phänomen Lesen in den antiken Quellen multiperspektivisch beobachten zu können. Die Verwendung der Kategorien steht allerdings unter dem methodischen Vorbehalt, dass sie vor allem an der Beobachtung und Selbstbeobachtung von Leserinnen und Lesern in der Neuzeit gewonnen wurden und nicht einfach auf die antiken Verhältnisse projiziert werden dürfen. Die Anwendungsmöglichkeit der Kategorien auf das Phänomen Lesen in der Antike ist daher im Rahmen dieser Studie im Einzelnen am Quellenmaterial zu erweisen.

In dieser Studie werden zu analytischen Zwecken drei Dimensionen der Praxis des Lesens unterschieden; oder anders formuliert. Der von Zedelmaier verwendete Terminus der Modalität des Lesens (s. o.) wird dreistellig bestimmt: 1) die LeseweiseLese-weise, 2) die LesesituationLese-situation, 3) das Ziel bzw. der Zweck eines Leseaktes/einer LesepraxisLese-praxis.3

Abb. 1:

Dimensionen der Praxis des Lesens

Ad 1) Die LeseweiseLese-weise lässt sich anhand mehrerer Parameter differenziert beschreiben: Die Parameter StimmeinsatzStimmeinsatz, LautstärkeLautstärke, GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit stehen zwar in einem engen Relationsgefüge, sollten aber aus Gründen der Präzision differenziert werden. Im Forschungsdiskurs werden die Aspekte häufig vermischt. A. K. Gavrilov führt, wie oben angedeutet, die Kategorien a) reading aloud, b) subvocalization („movement of the lips, tongue, and throat without the production of audible sounds“4) und c) silent reading in die Diskussion um das Lesen in der Antike ein.5 Die Kategorien a) und c) beschreiben dabei die Parameter Lautstärke/Hörbarkeit, die Kategorie c) gemäß Gavrilovs Definition den Einsatz des Stimmerzeugungsapparates. Demgegenüber sollte der Einsatz der StimmeStimme in a) vokalisierendesStimmeinsatzvokalisierend, b) subvokalisierendesStimmeinsatzsubvokalisierend und c) nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierends6 Lesen differenziert werden. Dabei wird die Definition des subvokalisierenden Lesens von der weit verbreiteten Praxis abgegrenzt, das innere Mitlesen damit zu bezeichnen,7 und dahingehend erweitert, dass auch Fälle eingeschlossen sind, bei denen durchaus hörbare, aber für den Außenstehenden nicht vollständigUmfangvollständig erkennbare Laute durch den Stimmapparat (Murmeln) erzeugt werden. Nicht-vokalisierend beschreibt – in Anknüpfung an Gavrilov – Lesen als rein visuellvisuell-mentalen Prozess ohne Einsatz der Stimmerzeugungsorgane. Damit ist allerdings noch keine Aussage über die mentale Repräsentation der inneren LesestimmeStimmeinnere (inner reading voice) gesagt.8 Ob es nämlich überhaupt ein Lesen ohne die Aktivierung der inneren Lesestimme bzw. ohne die Aktivierung des phonologischenPhonologie Verarbeitungssystems im Gehirn (auditory cortex) gibt, ist vor dem Hintergrund der neurowissenschaftlichen LeseforschungLese-forschung fraglich.9 Und die Studien zu den Grenzen des Schnell-Lesens, auf denen basierend vor allem die Ratgeberliteratur zur Technik des extremen speed-reading propagiert, man müsse seine innere Lesestimme abschalten, um schnellerLese-geschwindigkeit zu lesen, genügen jedoch grosso modo nicht den wissenschaftlichen Standards der empirischen Forschung.10 Die empirisch-psychologische Leseforschung ist zudem mit dem Problem konfrontiert, dass sich nicht alle Leserinnen und LeserLeser der inneren Lesestimme bewusst sind. Denn auch beim schnellen, überfliegendenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtigLese-geschwindigkeit Lesen kann die innere Lesestimme den Text vor dem inneren OhrOhrinneres realisieren, da sie a) nicht zwingend jedes Wort (vollständig) ausartikulieren muss und b) schneller sein kann, da sie nicht an die physiologische Begrenztheit des menschlichen Artikulationsapparates gebunden ist.11

Während in der anglophonen Forschung bezüglich der LautstärkeLautstärke und Hörarbeit vom silent reading als Gegensatz zum reading aloud gesprochen wird, findet sich im deutschsprachigen Forschungsdiskurs die unpräzise Gegenüberstellung von „lautem“ und „leisem“ Lesen.12 Das Adjektiv „leiseLautstärkeleise“ ist im Deutschen semantisch mit „immer noch hörbarLautstärkehörbar“ konnotiert und eignet sich daher nicht dazu, das nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen zu beschreiben. In dieser Studie wird bezüglich der Lautstärke eine dreistellige Unterscheidung eingeführt, die impliziert, dass es sich wie bei der GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit um Pole einer Skala handelt. Denn sowohl beim vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend als auch beim subvokalisierendenStimmeinsatzsubvokalisierend Lesen kann die Lautstärke variieren. Die Geschwindigkeit kann bei allen drei Formen des StimmeinsatzesStimmeinsatz variieren, wobei subvokalisierendes Lesen potentiell schneller sein kann, als ausartikulierendes, vokalisierendes Lesen. Nicht-vokalisierendes Lesen hat dann noch einmal einen potentiellen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber dem subvokalisierenden Lesen.

In Abgrenzung von Teilen der historischen LeseforschungLese-forschung, die bezüglich der LeseweisenLese-weise intensive von extensiver Lektüre unterscheidet, und damit in diachroner Perspektive einen Veränderungsprozess im 18. Jh. beschreibt – vom wiederholten, andächtigen (langsamen und auf Wiedererkennung sowie Memoration zielenden) Lesen einer geringen Anzahl (v. a. religiöser) Texte hin zu einem Leseverhalten, das durch die singuläreFrequenzsingulär (kursorische und schnellere)Lese-geschwindigkeit Lektüre einer großen, abwechslungsreichen Vielfalt von LesestoffenLese-stoff gekennzeichnet ist13 – muss m. E. zwischen dem Aspekt Grad der Aufmerksamkeit und der LesefrequenzFrequenz präziser unterschieden werden.14 Der Grad der Aufmerksamkeit, mit denen sich Leserinnen und LeserLeser dem Text widmen, kann mit den raummetaphorischen Adjektiven vertieftAufmerksamkeitvertieft vs. oberflächlichAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig beschrieben werden. Sprachlich wird damit durchaus an die von außen erkennbare habituelle Form unterschiedlicher Grade von Aufmerksamkeit bei Leserinnen und Lesern angeschlossen. Dies gilt auch für den synonym verwendeten Terminus der intensiven LektüreAufmerksamkeitvertieft, womit in dieser Studie eine Form von besonders gründlichem, aufmerksamem Lesen bezeichnet wird. Diese Form von Lektüre zielt auf einen besonders hohen Grad an Textverstehen. In Bezug auf antike Leser ist der Grad an Aufmerksamkeit freilich nur an der in Texten kondensierten Beobachtung von Leserinnen und Lesern oder an bildlichen Darstellungen zu erheben. Als Lesefrequenz wird hier die Unterscheidung zwischen iterativerFrequenziterativ Lektüre, dem mehrfachen Lesen eines Textes oder Textabschnittes, und der singulären Lektüre eines Textes (bzw. mehrerer Texte hintereinander) bezeichnet. Zudem sind vom Grad der Aufmerksamkeit und von der Lesefrequenz die KontinuitätKontinuität und der Umfang des gelesenen Textes in Bezug auf den Gesamttext zu unterscheiden. Ein Text kann sequentiellKontinuitätsequentiell (linear entlang des Textes) oder diskontinuierlichKontinuitätdiskontinuierlich gelesen werden; zudem kann ein Text vollständigUmfangvollständig oder selektivUmfangselektiv rezipiert werden.15 Diese zusätzliche vierfache Unterscheidung ist notwendig, da eine diskontinuierliche Lektüre z. B. durchaus auf Vollständigkeit hin ausgerichtet sein kann, die Lektüre sich aber nicht an die Linearität des Textes hält. Diese Form der Lektüre ist z.B. in der Gegenwart typisch für wissenschaftliche Texte.

Ad 2) Mit der LesesituationLese-situation soll die Verortung eines Leseaktes in Zeit und RaumRaum beschrieben werden, wobei der konkrete Ort, die konkrete Tageszeit, die Länge des Leseaktes, die HaltungHaltung, die beim Lesen eingenommen wird, und das LesemediumLese-medium sehr unterschiedlich determiniert sein können. Eine Übersicht über die verschiedenen Möglichkeiten findet sich in Abb. 1. Die in der Forschung gängige Unterscheidung privatÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat vs. öffentlichÖffentlichkeitöffentlich wird hier zugunsten einer differenzierteren Terminologie erweitert. Unter privater Lektüre wird in der Forschung zumeist verstanden, dass eine Person ein Lesemedium direkt liest; das Adjektiv „öffentlich“ beschreibt dagegen Vorlesesituationen (communal/public readingpublic reading), in der ein VorleserVorleser einem Hörpublikum vorliest. Dieser Begriffsgebrauch ist insofern unpräzise, als so verstandene „private“ LeseakteLese-akt je nach Ort auch in der ÖffentlichkeitÖffentlichkeit stattfinden bzw. so verstandene Situationen gemeinschaftlicher Lektüre in einer Gruppe durchaus einen privaten Rahmen haben können. Daher ist zu unterscheiden zwischen öffentlicher und nicht-öffentlicher LesepraxisLese-praxis auf der einen Seite und dem Verhältnis des/der RezipientenRezipient zum Lesemedium auf der anderen Seite. Letzteres kann direkt oder indirekt sein. Individuell-direkte Lektüre beschreibt Lesesituationen eines einzelnen Rezipienten, der ein Lesemedium direkt mit seinen AugenAugen liest, dies kann im privaten oder öffentlichen Rahmen stattfinden. Individuell-indirekte Lektüre ist z.B. dann gegeben, wenn ein Vorleser jemandem individuell einen Text vorliest. Kollektiv-direkte Lektüre bezeichnet Situationen, in denen mehrere Rezipienten in einem Raum ein oder mehrere Lesemedien rezipieren. Kollektiv-indirekte Rezeption beschreibt die Vorlesesituation, die in der anglophonen Forschung als communal readingcommunal reading oder public reading bezeichnet wird. Während kollektiv-indirekteRezeptionkollektiv-indirekt Rezeption auf den Akt der Rezeption durch HörerHörer verweist, soll der Terminus Vortragslesen den komplementären Akt des VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt bezeichnen. Darüber erscheinen zwei weitere Kategorien sinnvoll: Der Grad der Inszenierung kann zwischen alltäglich und inszeniert skaliert werden, um gängige, aber unscharfe Kategorien wie performative Leseakte oder liturgische Lesungen zu präzisieren. Unter der Kategorie Diskursivität wird angegeben, ob ein Text ohne Unterbrechung gelesen wird oder ob das Lesen durch GesprächspausenLese-pausen/-unterbrechung (bei kollektiver Lektüre) oder durch Denk-, ExzerptExzerpt-, oder Schreibpausen unterbrochen wird. Hilfreich erscheint es sodann zwischen zufälligen und intendierten LeseaktenLese-akt zu unterscheiden.16

Ad 3) Das Ziel bzw. der Zweck eines Leseaktes können sehr vielfältig sein. Unterschieden werden in dieser Studie: a) StudiumStudium und LernenLernen, das jeweils wieder mit anderen Zielen verbunden sein kann (Wissenserwerb, Aneignung für die eigene TextproduktionTextproduktion, Inspiration, rhetorische Bildung usw.), b) die Konsultation eines schriftlichen Textes, um gezielt nach einer Information zu suchen oder eine Frage zu beantworten, c) das vollständigeUmfangvollständig Erfassen eines schriftlich verfassten Textes, d) die sprachliche und/oder inhaltliche KorrekturKorrektur (s. auch Evaluation) eines Textes bzw. evaluatives Lesen, das dazu dient, einen Text zu bewerten; Lesen als e) rein ästhetischerästhetischer Genuss/Vergnügen Genuss oder f) zu UnterhaltungszweckenUnterhaltung oder g) zur MeditationMeditation bzw. als geistliche Übung. Zuletzt h) das Lesen zu Vortragszwecken, das wiederum mit unterschiedlichen Zielsetzungen, wie der Informationsweitergabe oder der Selbstdarstellung verbunden sein bzw. einen offiziellen Akt (z.B. vor GerichtGericht) darstellen kann. Als eine besondere Form des Vortragslesens muss außerdem die AutorenlesungAutor/Verfasser unterschieden werden, bei der ein Text entweder im Rahmen des Redaktionsprozesses oder nach Abschluss eines Werkes vorgelesen werden kann.

Zum Beobachtungsbereich Ziel/Zweck von LeseaktenLese-akt gehört zuletzt auch das Verhältnis von Lesen und VerstehenVerstehen, also der kognitivenkognitiv Verarbeitung und Weiterverarbeitung des Gelesenen. Das Leseverstehen spielt in der modernen Lese- und Lernforschung spätestens seit den PISA-Ergebnissen zu Beginn der 2000er und der darauffolgenden Kompetenzdebatte eine zentrale Rolle. Wegen fehlender empirischer Untersuchungs­möglichkeiten tragen jedoch die modernen, stark ausdifferenzierten Modelle zur Beschreibung von Lesekompetenzen17 nur wenig zur Untersuchung der antiken LesekulturLese-kultur bei. Zu berücksichtigen gilt jedoch einerseits die banale Einsicht, dass der Grad des Leseverstehens vom Schwierigkeitsniveau des gelesenen Textes abhängt. Andererseits muss man sich im Hinblick auf die Quellensprache des Verstehens bewusst machen, dass Leseverstehen skaliert werden muss. Wenn jemandem die BuchstabenBuch-stabe eines Schriftsystems nicht bekannt sind, kann er diese Schrift nicht lesen, also auch nicht verstehen. Aber auch, wenn jemand die Buchstaben lesen und die Phonem-Graphem-Korrespondenzregeln einer Sprache beherrscht, aber etwa die Vokabeln und Grammatik nicht, kann er einen Text in dieser Sprache zwar lesen, aber nicht verstehen. Auf der anderen Seite des völligen Nicht-Verstehens liegt auf der Skala, mit welcher der Grad des Verstehens zumindest theoretisch beschrieben werden könnte, des Verstehen der eigentlichen, tieferen, allegorischen, übertragenen o. ä. Bedeutungsdimension eines Textes, das hier als interpretatorisches Verstehen bezeichnet werden soll.

Ferner können im Rahmen dieser Kategorie auch nicht-intendierte „Folgen“, die „Effekte“ von LeseerfahrungenLese-erfahrung bzw. die Reaktionen von Lesern auf Texte, beschrieben werden.18 Dies systematisch zu untersuchen, würde aber in dieser Studie zu weit führen.

Eine vierte Dimension der Praxis des Lesens ist darüber hinaus die Beschaffenheit des gelesenen Textes, worunter z.B. die Frage nach der Gattung, textlinguistische Fragen nach Syntax, Textkohärenz und -kohäsion, Intratextualität und Intertextualität usw., aber auch narratologischeNarratologie Fragen gehören. Diese Aspekte stehen jeweils in einem komplexen interrelationalen Verhältnis zu den anderen Kategorien. Auf Grund der daraus resultierenden Komplexität, können diese Fragen im Rahmen dieser Studie ebenfalls nicht systematisch untersucht werden und nur als Problemanzeige für zukünftige Studien zur antiken LesepraxisLese-praxis markiert werden.

Teil I Grundlagen

2 Überblick über die Vielfalt der Lesemedien

Schon die Vielfalt an schrifttragenden Medien bzw. LesemedienLese-medium in der antiken griechisch-römischen Welt warnt vor einer einseitigen, allgemeingültigen Konzeptualisierung antiker LesepraxisLese-praxis und damit auch monosituativen Verortung frühchristlicher Lesepraxis. Da schrifttragende Medien a) in der Antike sehr gut erforscht sind, es in dieser Studie b) primär um die Praxis des Lesens selbst gehen soll und es c) methodologische Gründe gibt, die direkte Evidenz schrifttragender Medien für Lesepraktiken nicht zu überschätzen (s. u.), mögen hier einige allgemeine Bemerkungen ausreichen.

Geschrieben wurde in der griechisch-römischen Antike1 auf ganz unterschiedlichen Materialien in verschiedenen Größen und Formaten. Dies zeigen nicht nur die materiellenMaterialität Überreste aus der Antike, sondern wird auch vielfältig in literarischen Quellen reflektiert. Eine Liste mit einer Auswahl quellensprachlicher Lexeme für antike LesemedienLese-medium, die im Rahmen meiner Quellenrecherche die wichtige heuristischeHeuristik Funktion hatten, die jeweiligen LeseterminiLese-terminus zu finden (s. o. 1.4), kann im Anhang eingesehen werden. Neben der Ubiquität von InschriftenInschriften insbesondere auf Stein in der griechisch-römischen Welt, haben die Menschen der Antike auf PapyrusPapyrus, PergamentPergament, Leder, Metall, Holz, Leinen, Flachs, Ton und in holzgefassten WachstäfelchenTafel/Täfelchen sowie in Stein/Putz (Graffiti) geschriebenSchriftGeschriebenes bzw. geritzt, eingeschlagen, eingebrannt, punziert.2 Auch Schrift auf der Haut konnte als Kommunikationsmittel verwendet werden.3

Als konkretes Beispiel sei auf die bezeugte weite Verbreitung von Holztafeln (πίναξπίναξ, δέλτοςδέλτος, δελτίονδελτίον, tabula, tabellatabella, pugillarispugillaris) als Schreib- und Lesemedium verwiesen, die schon im klassischen Griechenland verwendet wurden. Diese Tafeln bestanden aus dünnen, mittig leicht vertieftenAufmerksamkeitvertieft Holzbrettchen, in die Wachs hineingefüllt war. Daher wurden sie auch einfach nur als ceracera bezeichnet.4 Als zweilagige (δίπτυχον), dreilagige (τρίπτυχον/triplex) oder mehrlagige (πολύπτυχον),5 mit einem Faden zusammengeheftete Medien wurden diese „BücherBuch“ für verschiedenste ephemere Alltagstexte (auch für Briefe [s. u.], für ExzerpteExzerpt6 und im Rahmen von Kompositionsprozessen7) verwendet.

Durch die Verwendung von Wachs waren die TafelnTafel/Täfelchen wiederverwendbar, da die hineingeritzten Texte leicht durch Glättung des Wachses mit der Rückseite des Griffels8 wieder getilgt werden konnten. Dies ist in Bezug auf einen BriefBrief eindrücklich in einem Euripides-DramaDrama literarisch bezeugt.9 Durch die Vindolanda-TafelnVindolanda-Tafeln,10 von denen die meisten keine Wachstafeln waren, ist aber auch bezeugt, dass mit Tinte direkt auf das Holz geschriebenSchriftGeschriebenes wurde.11 Daneben gab es auch Tafeln aus geweißtem Holz (λεύκωμαλεύκωμα/albumalbum) – insb. für öffentlicheÖffentlichkeitöffentlich Bekanntmachungen –, und aus Elfenbein,12 die mit dunkler Tinte beschrieben wurden.13

Man sollte – zumindest solange es für den Einzelfall keine gegenteilige Evidenz gibt – zunächst davon ausgehen, dass die meisten dieser Schriftzeugnisse in irgendeiner Form einem kommunikativen Zweck gedient haben, also zum Lesen verfasst worden sind. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Text tatsächlich gelesen wurde, schon gar nicht ist bekannt, wie oft verschiedene Texte gelesen worden sind. Es ist eine zentrale Einsicht der historischen LeseforschungLese-forschung des 20. Jh., dass die reine Existenz von Büchern/SchriftmedienLese-medium keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die tatsächliche LesepraxisLese-praxis zulässt.14

Das Hauptmedium für literarische Texte waren bis in die Spätantike hinein RollenRolle (scroll), vorrangig aus aneinandergeklebten Papyrusblättern, aber auch aus PergamentPergament. Nach dem Beschreiben (generell in Kolumnen) wurden diese um einen Stab (ὀμφαλός/umbilicusumbilicus) gewickelt. Da der TitelTitel innerhalb des BuchesBuch (meist als subscriptiosubscriptio) von außen nicht erkennbar ist, wurde dieser auf einem kleinen Schildchen (σίλλυβος) angebracht15 oder z. T. auch außen auf die Rolle geschriebenSchriftGeschriebenes. Gelagert wurden Bücher entweder liegendHaltungliegen in Regalen/Schränken (armariumBuch-aufbewahrungarmarium)16 in dafür vorgesehenen Behältnissen (κιβωτόςκιβωτός, κιβώτιονκιβώτιον, τεῦχοςτεῦχος,17scriniumscrinium,18 cistacista,19 capsacapsa), in denen sie auch transportiert werden konnten, oder in zusammengebundenen Bündeln.20 Hinlänglich bekannt ist die Präferenz für den KodexKodex im frühen ChristentumChristentum,21 die aus dem statistischen Befund der gefundenen Hss.Handschrift/Manuskript abgeleitet wird.22 Bei den statistischen Daten ist allerdings eine gewisse methodologische Vorsicht angezeigt, da der Befund nur die Situation in der ägyptischen Provinz widerspiegelt. Freilich ist eine BibliothekBibliothek mit Rollen in Herculaneum (VillaVilla dei Papiri dei Papiri) bekannt, die allerdings wegen der dort gefundenen Texte als (vermutlich nicht repräsentative) Spezialbibliothek/StudienbibliothekBibliothek zu interpretieren ist.23 Daneben belegt Martial aber Pergamentkodizes, die jeweils große Mengen Text umfassten:24 Homers gesamte Ilias und Odyssee zusammen in pugillaribuspugillaris membraneis, in einem[!] Kodex,25 das Werk Vergils,26 der gesamte LiviusLivius, Titus27 und Ovids Metamorphosen jeweils in einem Kodex,28 daneben Texte von CiceroCicero, Marcus Tullius in KodexformKodex als Reisebegleiter.29 Zudem gibt es, wenn auch wenige, Hinweise auf weitere Pergamentkodizes ab dem 2. Jh.30 Homer (und Platon) in einem Kodex für die ReiseReise ist auch in einem BriefBrief Iulians an seinen Onkel belegt (vgl. Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 29).

Es existieren keine sicheren Forschungsdaten, um den Anteil der KodizesKodex für literarische Texte im Vergleich zu RollenRolle (scroll) z.B. im kaiserzeitlichen Rom (aber auch in anderen Städten des Römischen Reiches) zu bestimmen. Die Frage nach dem Grund für die Kodexpräferenz der frühen Christen wird kontrovers diskutiert und eine eindeutige Antwort wohl schwer zu finden sein. Vermutlich spielten verschiedene Faktoren eine Rolle.31 Es ist nicht notwendig, die Diskussion hier vollständigUmfangvollständig zu rekapitulieren, da es zahlreiche, gut aufgearbeitete Überblicke über den Forschungsstand gibt.32 Aufschlussreich für das hier verhandelte Thema der LesepraxisLese-praxis sind allerdings diejenigen Antworten, die auf die Praktikabilität des Kodex als LesemediumLese-medium rekurrieren.

Im Anschluss an die Form antiker Notiz- und Gebrauchsbücher in TafelformTafel/Täfelchen (s. o.), die vor allem von Berufsgruppen wie MedizinernMedizin, Architekten, LehrernLehrer usw. verwendet wurden, und an Martial, der auf einige praktische Vorzüge der KodexformKodex in Bezug auf seine Epigrammata explizit hinweist,33 wird in der Forschung angenommen, dass der KodexKodex im Vergleich zur RolleRolle (scroll) einfacher zu handhaben sei, nämlich mit einer Hand, wegen des geringeren Platzbedarfs besser zum Transport und für die ReiseReise geeignet ist,34 und mit geringeren Kosten verbunden sei, da beide Seiten beschrieben werden.35 Zudem hat die Kodexform zumindest das Potential, eine Form der Lektüre zu beschleunigen, die diskontinuierlicheKontinuitätdiskontinuierlich und selektiveUmfangselektiv Zugriffe auf Texte im Vergleich zur Rolle erleichtert – vor allem solche, bei denen häufiger größere Textmengen in Leserichtung oder auch gegen die Leserichtung übersprungen werden.36

Umgekehrt bedeuten diese positiven Seiten des KodexKodex aber nicht automatisch ein gravierendes Defizit der BuchrolleRolle (scroll). So wird zuweilen angenommen, dass Buchrollen unpraktisch waren und nur eine sequentielleKontinuitätsequentiell, kontinuierliche Lektüre zugelassen hätten.37 W. A. Johnson versteht antike Buchrollen daher als performance scripts und negiert explizit, dass antike BücherBuch nur auszugsweise konsultiert bzw. etwas darin nachgeschlagen wurde.38 Die Vorannahme der durch die Buchrolle determinierten sequentiellen Lektüre wird dann z.B. von N. Holzberg zum leitenden Kriterium der Interpretation erhoben.39 Auch in der neutestamentlichen Forschungsliteratur findet sich die These der Determination einer einzig möglichen Rezeptionsweise durch die Rollenform, und zwar z.B. bei H.-G. Gradl in Bezug auf die ApcApc: Die Buchrolle erzwinge eine bestimmte Nutzung, Johannes setze voraus, wenn er sein Werk als idealtypische Buchrolle konzeptualisiere, dass der Inhalt „nur als fließende Abfolge und organisches Nacheinander“ und zwar in Form oraler Performanz zu rezipieren wäre. Auch Gradl schließt ein Um- oder Vorausblättern und damit konsultierende und nachschlagende Zugriffe kategorisch aus.40 Sowohl Johnson als auch Gradl verifizieren die These eines Zusammenhangs zwischen der Buchrolle und sequentieller, kontinuierlicher Lektüre in performativen Kontexten nicht anhand von literarischen Quellen, sondern leiten sie lediglich aus der materiellenMaterialität und „typographischen“ Beschaffenheit der überlieferten Papyrusfragmente bzw. einzelnen Abbildungen von Schriftrollen ab. Zudem übersehen sie Positionen in der Forschung, die ganz im Gegenteil die einfache Handhabung und die Vorzüge des Rollenformats hervorheben.41 Etwas anderes ist die These von Skeat, der darauf hinweist, dass beim Lesen der Rolle das kein Umblättern der Seiten den Leseprozess unterbricht.42 Freilich bleibt eine Unterbrechung durch den Kolumnenwechsel bestehen, sodass die These eines panoramic aspect beim Lesen einer Rolle als Unterschied zum Lesen eines Kodex nicht überbewertet werden sollte.

Die folgende Analyse der Leseterminologie wird zeigen, dass die BuchrolleRolle (scroll) vielfältige LesepraktikenLese-praxis zuließ. Es ist unbedingt zu vermeiden, unsere Gewohnheiten im Umgang mit LesemedienLese-medium bzw. unsere Schwierigkeiten mit den Überresten antiker Schriftkultur in den Befund zurückzuprojizieren.43 In methodischer Hinsicht ist daraus zu schlussfolgern, dass allein auf der Grundlage der MaterialitätMaterialität antiker Schriftmedien keine sicheren Schlussfolgerungen im Hinblick auf die (intendierten und historisch tatsächlich realisierten) Rezeptionsweisen möglich sind.44 Vielmehr unterstehen alle am Material gewonnenen Hypothesen dem Vetorecht der literarischen und dokumentarischen Textquellen.

3 Semantik des Lesens im Griechischen mit Seitenblicken auf das Lateinische
3.1 Lesen als (Wieder)Erkennen
3.1.1 Ἀναγιγνώσκω

Ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω gilt als das gängigste Verb, das im Griechischen das Phänomen „Lesen“ bezeichnet.1 Im Vergleich etwa zum Deutschen ist dies interessant, da die Grundbedeutung dieses präfigierten Verbes, „wiedererkennen“, sich in semantischer und etymologischerEtymologie Hinsicht deutlich vom deutschen Verb „lesen“2 und von den äquivalenten Lexemen in den semitischen Sprachen (z.B. die Wurzel קרא [rufen] im Hebräischen; s. u. 7.1.1) und in den romanischen Sprachen (leggere, lire, leer, ler) unterscheidet, die etymologisch auf das lateinische legerelego zurückzuführen sind. Allerdings ist sich die Forschung keineswegs einig, worauf sich das „Wiedererkennen“ im Lesevorgang bezieht: Werden die BuchstabenBuch-stabe3 oder die einzelnen Silben wiedererkannt? Geht es um den Moment des VerstehensVerstehen („Wiedererkennens“) des aus den Buchstaben, Wörtern und Sätzen, also aus dem Text zu erhebenden Sinnes?4 Oder womöglich sogar der in den Text „eingeschriebenen“ StimmeStimme?5 M. Karrer rekonstruiert in Bezug auf Apc 1,3Apc 1,3 aus der Semantik des Präfixes ἀνά- und des Verbes γιγνώσκω die Bedeutung die Erkenntnis (γιγνώσκωγιγνώσκω) des Textes hinaufheben (ἀνά) vor die OhrenOhr.6 Eine vorschnelle Entscheidung dieser Fragen, die ein bestimmtes Verständnis der durch das Paradigma der primär durch MündlichkeitMündlichkeit geprägten antiken (Lese-)Kultur voraussetzt, sollte aus methodologischen Gründen vermieden werden.7

Denn es ist unklar, inwiefern der etymologischeEtymologie und semantische Gehalt des Lexems in der Kommunikation über und Reflexion des Lesens in der Antike im Bewusstsein war oder – was m. E. nach der Durchsicht des Quellenbefundes am wahrscheinlichsten ist – schon vollkommen verblasst war und das Verb als terminus technicus verwendet wurde.8 Diesbezüglich sei an dieser Stelle exemplarisch auf die Ausführungen Diodors zu einer Hieroglyphen-Schrift9 verwiesen.

„Damit wir nichts von den Altertümern auslassen, müssen wir von den äthiopischen BuchstabenBuch-stabe noch einmal sprechen, die die Ägypter Hieroglyphen nennen. Die Schriftzeichen gleichen Lebewesen, menschlichen Gliederung und Werkzeugen, und zwar besonders denen von Zimmerleuten. Ihre Bedeutung aber beruht nicht darin, daß etwa die Aneinanderreihung von Silben ein Wort ergibt, sondern dies geschieht aus dem Bilde selbst und dessen übertragenem Sinne, den man sich durch Übung ins GedächtnisGedächtnis eingeprägt hat. So zeichnet man Habichte, Krokodile, dazu Schlangen, von den menschlichen Körperteilen AugeAugen, Gesicht, Hand und ähnliches. […] Man geht vom Symbolgehalt aus, der jedem der Zeichen zugrunde liegt, und trainiert durch langjährige Übung und AuswendiglernenAuswendiglernen die Geistesfähigkeiten, dass man das Geschriebene leicht bzw. schnellLese-geschwindigkeit zu lesen vermag (καὶ μελέτῃ πολυχρονίῳ καὶ μνήμῃ γυμνάζοντες τὰς ψυχάςψυχή, ἑκτικῶς ἕκαστα τῶν γεγραμμένωνγράφω ἀναγινώσκουσι)“ (Diod.Diodorus Siculus 3,4; Üb. WIRTH; modifiziert JH).

DiodorDiodorus Siculus verwendet ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω hier eindeutig als terminus technicus, mit dem er in kognitionspsychologischerKognitionswissenschaften Perspektive das geübte und schnelle LesenLese-geschwindigkeit der fremden Schriftzeichen aus der Außenperspektive bezeichnet. Die hier gemeinte Form des Lesens setzt die kognitivekognitiv Internalisierung der Bedeutungen der Schriftzeichen und langjähriger Übung der ψυχήψυχή voraus.10 Die Stelle ist insofern aufschlussreich, als es hier nicht um das Wiedererkennen von BuchstabenBuch-stabe und Wörtern geht, auch nicht um die einzelnen Zeichen, sondern um das Geschriebene (PartizipPartizip von γράφωγράφω) insgesamt, womit Diodor mutmaßlich auf einen zusammenhängenden Hieroglyphen-Text rekurriert. Diodor hat also einen kompetenten LeserLeser vor Augen, der Hieroglyphen-Texte flüssig lesen kann.

Der Unterschied zu den HauptleseverbenHauptleseverb in den semitischen und romanischen Sprachen ist insofern bedeutsam, als es sich bei dem Verb eindeutig um einen Kognitionsbegriff handelt und damit anders als beim metaphorischenMetapher Hintergrund des lateinischen Hauptleseverbs legolego ein ganz anderer Schwerpunkt gelegt wird. Im Deutschen kann man m. E. am ehesten die durchaus geläufige Umschreibung des Lesevorgangs „einen Text o. ä zur Kenntnis nehmen“ äquivalent zu ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω verstehen.

Zum konkreten Verwendung des Verbes im Sinne von „lesen“ lässt sich aus dem breiten Quellenbefund das Folgende sicher sagen: ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω bezeichnet sowohl a) das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt vor einer anderen Person oder b) vor einer Gruppe (häufig einer politischen Versammlung), wobei der AdressatAdressat/die Adressaten des Vorlesens meist im Dativ angegeben werden, aber auch häufig c) die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre.

Ad a) vgl. z.B. Xen.Xenophon Kyr. 4,5,26; Aristoph.Aristophanes Eq. 1011; Plut.Plutarch Alex. 46; Dion 14; Dion Chrys. or. 18,21: καὶ εἰ ἀναγιγνώσκειν με δέοι σοῦ ἀκροωμένου …; 30,7f); Epikt.Epiktet diatr. 2,1,30; 3,23,6; Est 6,1 LXXEst 6,1 LXXAT/HB/LXX; äthHen 13,4; Herm. vis. 1,2,1–1,3,2Herm. vis. 1,2,1–1,3,2; Mak. apokr. 3,5,5; Ios.Josephus, Flavius bell. Iud. 1,25,2 (502); Athen.Athenaios deipn. 13,1 (555a); SB 14 12139,3,14f.

Ad b) vgl. z.B. Thuk.Thukydides 7,10; Xen.Xenophon hell. 5,1,30; 7,1,37.39; Plat.Platon Tht. 143b; Plat. Parm.Parmenides127c/d; Isokr.Isokrates passim;11 Diod.Diodorus Siculus 14,3,6; 18,8,3f (Subjekt des VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt ist hier ein κῆρυξ); Dion Chrys. or. 44,12; 45,15; Plut.Plutarch symp. 1,4,3 (mor. 621c/d); Pomp. 59; Ant. 78; CatoCato der Ältere, Marcus Porcius min. 51; conv. sept. sap. 8 (mor. 152f); Ios.Josephus, Flavius bell. Iud. 1,33,8 (667f); Polyain.Polyainos strat. 8,17; Athen.Athenaios deipn. 4,65 (168b); Charit.Chariton von Aphrodisias Cal. 4,6,5; App.Appian civ. 2,19,142; Cass. DioCassius Dio 54,25,5 (Augustus spricht im Senat aufgrund von Heiserkeit nicht selbst, sondern lässt einen Quästor sein ManuskriptHandschrift/Manuskript vorlesen); Chaniotis, Verträge, Nr. 32,1f.5; Nr. 50,12f; Nr. 59,30–35; IG II3 1 292,48; IG II3 1 306,10; IG II3 1 1273,14; P.Oxy. 1,59, Z. 8. Erwartbarerweise findet sich diese Lexemverwendung sehr häufig in RedenRede: vgl. exemplarisch Demosth.Demosthenes or. 12,2; 20,94 u. v. ö.; Lys.Lysias or. 1,28ff u. ö.; Isa. or. 3,43; App. civ. 2,20,144; als VorleserVorleser tritt hier häufig ein Gerichtsredner (γραμματεύςγραμματεύς) auf. Vgl. exemplarisch Aischin.Aischines Tim. 2.11.34 u. ö.; Isa. or. 3,53; 5,3; Men.Menandros Rhet. epideikt. 2,391; 2,400. Vgl. außerdem in der LXXAT/HB/LXX exempl. Ex 24,7Ex 24,7; 1Makk 14,191Makk 14,19; 1Bar 1,3.14; Ps.-Hek 6.8.

Ad c) Vgl. aus der Vielzahl der potentiell aufzuzählenden Quellen z.B. die eindrücklichen Belegstellen Isokr.Isokrates or. 2,55; 12,216.231.268; Ps.-Aristot.Pseudo-Aristoteles probl. 18,1.7; Plut.Plutarch de Alex. fort. 2,7 (mor. 340a); Alex. 19; 23 u. ö.; CatoCato der Ältere, Marcus Porcius min. 16.70; Brut. 36; Caes.Caesar 65; symp. 1,5,2 (mor. 623a); 3,7,2 (mor. 656a); Pomp. 79; reg. et imp. 92,5 (mor. 207b); de garr. 5 (mor. 504c); resp. ger. 12 (mor. 790d) Epikt.Epiktet diatr. 4,6,11–15; impliziert auch bei Plat.Platon Tht. 152a (vgl. ALLAN, 1980, hier 244.); Epikt. diatr. 1,25,6 u. ö.; Demosth.Demosthenes or. 28,14; Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 2,37; Epikt. diatr. 1,4; Lukian.Lukian von Samosata Herm. 82; Ael. var.Aelianus, Claudius hist. 14,12 (hier zeigt der Kontext eindeutig, dass ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω auf individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre referenziert, da der Perserkönig, wenn er unterwegs war, in seinen Händen kein BuchBuch, sondern ein Lindenholzbrettchen und ein Messer hatte, um jenes zu glätten). Vgl. ferner Gal.Galenos PHP 7,8,13; 8,5,39; Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos comp. 4; Hld.Heliodoros 4,9,1; Orig.Origenes Cels. 1,16; 1,62; 3,33 u. ö.; Ps.-Ign. Maria 3,2Ps.-Ign. Maria 3,2; Iohan. Ant., fr. 212. Eindeutige Belegstellen finden sich auch in den dokumentarischen PapyriPapyrus. Vgl. z.B. den BriefBrief (41 n. Chr.), in dem Serapion schreibt: „Schließlich erhielt ich nun von dem Araber den Brief, las ihn und wurde betrübt (… καὶ ἀνέγνων καὶ ἐλυπήθην)“ (BGU 4 1079,6–9). Vgl. auch BGU 2 531,4.

Bezüglich der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre kann aus dem Lexemgebrauch ohne sichere Markierungen im Kontext nicht geschlossen werden, ob mit stimmlicherStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung oder ohne stimmliche Realisierung gelesen wurde. Ein eindeutiger und früher Beleg (4. Jh. v. Chr.) dafür, dass ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend, individuell-direkte Lektüre bezeichnen kann, findet sich in Antiphanes’ Sappho (fr. 194: Athen.Athenaios deipn. 10,73 [451a/b]): ἕτερος δ᾽ ἂν τύχῃ τις πλησίον ἑστὼς ἀναγιγνώσκοντος οὐκ ἀκούσεταιἀκούω. Ebenfalls im 4. Jh. v. Chr. findet sich bei dem Militärschriftsteller Aineias Taktikos die Behandlung der Nutzung von Geheimbriefen und Verschlüsselungs- und Verbergungsmöglichkeiten (Aen. Tact.Aineias Taktikos 31,1–23). Eine Möglichkeit bestehe darin, einen kleinen BriefBrief im Leder einer Sandale unbemerkt vom Träger der Sandale zu verstecken und wenn dieser am Zielort schläft, den Brief zu lesen (καὶ ἀναπαυομένου ἐν τῇ νυκτί, ἀναλυέτω τὰς ῥαφὰς τῶν ὑποδημάτων, καὶ ἐξελὼν καὶ ἀναγνούς; Aen. Tact. 31,4). Damit dies unbemerkt vom Boten geschieht, muss der LeserLeser diesen nicht-vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend lesen. Ein weiterer, thematisch verwandter und eindrücklicher Beleg findet sich bei PlutarchPlutarch in seiner Lysandros-Biographie:

Der spartanische Feldherr Lysandros überbringt den Ephoren einen BriefBrief des persischen Feldherren Pharnabazos, von dem Lysandros meint, es handle sich um den Brief, den Pharnabazos vor seinen Augen (φανερός)12 geschriebenSchriftGeschriebenes habe. In Wahrheit überbringt er allerdings einen anderen Brief, den Pharnabazos beim Versiegeln heimlich ausgetauscht hat. Die Ephoren lesen den Brief in seiner Anwesenheit (ἐπεὶ δὲ ἀναγνόντεςἀναγιγνώσκω οἱ ἔφοροι τὴν ἐπιστολὴνἐπιστολή), aber erst als sie ihm den Brief gezeigt haben (ἔδειξαν αὐτῷ) – hier wird eine optische Wahrnehmung des Schriftstücks vorausgesetzt –, erkennt er, dass Pharnabazos ihn betrogen hat (vgl. Plut.Plutarch Lys.Lysias 20,1–4; s. auch Polyain.Polyainos strat. 7,19). Sie müssen den Brief also zuvor (ob nacheinander oder gleichzeitig auf das Schriftstück schauend, kann nicht erschlossen werden) ohne VokalisierungStimmeinsatznicht-vokalisierend gelesen haben.13

Zusätzlich zu den in der Einleitung beschriebenen methodischen Problemen, zeigen die individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüreszenen, die potentiell mit nicht-vokalisierendemStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen verbunden sein können, dass eine generelle Übersetzung des Verbes mit „vorlesen“ unzulässig ist. Dies lässt sich zusätzlich an einer Szene in Lukians SymposionSymposion (Lukian.Lukian von Samosata symp. 21), in der ein BriefBrief vorgelesen wird, verdeutlichen. Und zwar hat hier ein Haussklave (οἰκέτης) die Aufgabe, einen Brief ἐν τῷ κοινῷ zu lesen, und zwar „zum Hören für alle“ (εἰς ἐπήκοον ἅπασιν). Die letzte Bestimmung wäre redundant, wenn das Verb generell „vorlesen“ bedeuten würde. Eine VorleseszeneRezeptionkollektiv-indirekt muss also (zumeist durch die Angabe der AdressatenAdressat, s. o.) ebenfalls kontextuell eindeutig markiert sein.

Das Verb kann absolut den Akt des Lesens14 an sich oder die LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität)15 bezeichnen. Einen Bedeutungswandel des Verbs in diachroner Hinsicht festzustellen, erscheint mir nach der Durchsicht der Quellen angesichts der breiten Bezeugung der meisten Bedeutungsnuancen nicht möglich. In den meisten Fällen ist das Objekt des Lesens in Form einer Akkusativ-Ergänzung (sporadisch ἐν mit Dativ16) eindeutig etwas GeschriebenesSchriftGeschriebenes17 – z.B.:

Briefe: überrepräsentiert in den Quellen: vgl. z.B. Thuk.Thukydides 4,50; 7,10; Xen.Xenophon Kyr. 4,5,26; Xen. an. 1,6,4; 3,1,5; (Ps.)-Plat.Platon epist. 2,314c (Aufruf zur iterativenLektüreMehrfach-Frequenziterativ Lektüre eines BriefesBrief, bevor er verbrannt werden soll); Demosth.Demosthenes or. 12,2; 18,21; 19,35f.187; 23,115 u. ö.; Aischin.Aischines Leg. 50; Polyb.Polybios 8,18,2; Diod.Diodorus Siculus 2,18,2; 5,28,6 (Hier ist ein interessantes RitualRitual/ritualisiert bezeugt, bei der Feuerbestattung einen BriefBrief ins Feuer zu werfen, damit der Verstorbene diesen lesen kann.); Plut.Plutarch Pomp. 59; Plut. Alex. 39; Plut. Ant. 10 u. ö.; Plut. Caes.Caesar 30,2; Plut. Cic.Cicero, Marcus Tullius 15; Plut. curios. 15 (mor. 522d); Plut. resp. ger. 11 (mor. 790a); Epikt.Epiktet diatr. 1,9,28; P.Eleph. 9,4f; SB 18 13867,1 [=P.Mich. 14 679]; P.Oxy. 16 1837, 2; IG 14 830,22; 1Esr 2,26 LXX1Esr 2,26 LXXAT/HB/LXX; 1Makk 10,71Makk 10,7; ParJer 7,21.36; TestSal A 22,6; Ios.Josephus, Flavius ant. 8,2,7 (53); bell. Iud. 1,32,6 (643); Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 5 [425c/c]. Vgl. im NT 1Thess 5,271Thess 5,27; Kol 4,16Kol 4,16 (in Act 15,31Act 15,31 u. 23,34Act 23,34 elliptisch).

InschriftenInschriften: Vgl. z.B. Demosth.Demosthenes or. 19,270; 20,112; Aischin.Aischines Ctes. 119; Plut.Plutarch Pomp. 27; Lyk. 20,5 (deutet auf die Selbstverständlichkeit hin, Inschriften wahrzunehmen und zu kommentieren); Alex. 69;18 de tranq. anim. 6 (mor. 467e); de Pyth. or. 15 (mor. 401c); de mul. vir. 17 (mor. 254d), hier auf einem Metallplättchen; Plut. de tranq. anim. 6 (mor. 467e); curios. 11 (mor. 520d/e); Lukian.Lukian von Samosata Alex. 34 (Wandinschrift in einem Haus in goldenen BuchstabenBuch-stabe); Lukian. rh. pr. 18; dial. meretr. 4,2; dips. 6; Anarch. 22 (Größe der Buchstaben wird hervorgehoben); Ael. var.Aelianus, Claudius hist. 13,3; bei Diod.Diodorus Siculus 1,27,6 geht es um die LesbarkeitLesbarkeit des auf zwei Grabstelen GeschriebenenSchriftGeschriebenes: „So viel, so sagen sie, könne man von den Inschriften noch lesen, das übrige sei bei der Länge der Zeit verdorben“ (Üb. WIRTH, modifiziert JH).19 Hier meint αναγιγνωσκω eindeutig das visuellevisuell Wahrnehmen des Geschriebenen.

Gesetze, Beschlüsse, Verträge, Petitionen, Dokumente in Gerichtskontexten u. ä.: Vgl. z.B. Thuk.Thukydides 3,49; ψήφισμα (Demosth.Demosthenes or. 13,32; 18,28.118 u. ö.; Lys.Lysias or. 13,33.35 u. ö. Aischin.Aischines Leg. 2,50; Lykurg.Lykurgos von Athen 1,36.114 u. ö.; Plut.Plutarch Phoc. 35); πρόκλησις (Demosth. or. 29,50; 30,36); προβούλευμα (Demosth. or. 19,35); νόμοςνόμος (Demosth. or. 20,27.88.94.102f.153; 21,8.10 u. ö.; Lys. or. 1,28.30f; 10,14f u. ö.; Aischin. Tim. 1,11.34 u. ö.; Isa. or. 10,10; 11,1 u. ö.; Plut. CatoCato der Ältere, Marcus Porcius min. 16; Plut. apophth. lac. 34,1 (mor. 221b), hier ist ein didaktischer Zweck des Lesens im Blick; App.Appian civ. 1,1,11; vgl. in der LXXAT/HB/LXX Dtn 31,11Dtn 31,11); δόγμα (Demosth. or. 25,62; Aischin. Ctes. 69); eine Auflistung [ἀριθμός] als Anhang eines Dekrets (Demosth. or. 18,305); ἐντευξίδιον (Epikt.Epiktet diatr. 1,10,10); μαρτυρία (Demosth. or. 18,267; 27,8.17.22.26.28 u. ö.; Aischin. Tim. 1,65.69.100 u. ö.; Isa. or. 2,16; 11,46 u. ö.; Lykurg. 1,19.23 u. ö.; Plut. Cato min. 48; ἐκμαρτυρία (Aischin. Leg. 2,19); δοκιμασία (Polyb.Polybios 3,9); διαθήκη (Plut. Brut. 20); ἐπίλεγμα (P.Grenf. 1 37,15); κεκριμ]ένα (P.Oxy. 41 2955,10); ἐπίσταλμα (P.Oxy. 1 59,8); βιβλίδιονβιβλίδιον (SB 5 7558,13f); τὰ κεκελευσμένα (BGU 1 15 col 1,14f).

Berichte oder Befehle: Vgl. z.B. Ios.Josephus, Flavius bell. Iud. 2,2,4 (25); 2,16,1 (333f).

Verschiedenste Alltagstexte: Vgl. z.B. ein Schuldbuch in Plut.Plutarch mor. 829e; die Aufschriften auf einer Wasseruhr für die Fernkommunikation (vgl. Polyain.Polyainos strat. 6,16,2); Aufschrift auf den Seitenwänden von Schiffen (vgl. Polyain. strat. 1,30,7); handschriftliche Notizen (χειρόγραφος) z.B. in TestHiob 11,11 (hier ein Schuldschein); ein pittacium in IG 14 830,38; ein Testament in P.Cair.Goodsp. 29,3,1.

Memoiren/Aufzeichnungen: ὑπομνήματαὑπομνήματα (Demosth.Demosthenes or. 21,130; Diod.Diodorus Siculus 17,4,5; App.Appian Mac. 1,6; Athen.Athenaios deipn. 3,25 (83a/b) Gal.Galenos Thras. 4 [ed. KÜHN 5, p. 810]).

BücherBuch: Dies kann ganz unterschiedlich angegeben werden. Vgl. z.B. σύνταξις (Werk, KompositionKomposition) bei Epikt.Epiktet diatr. 1,4,6; 2,19,10; aber συγγράμματασυγγράμματα (vgl. z.B. Polyain.Polyainos strat. 5 praef.; Gal.Galenos PHP 6,3,30). Häufig findet sich die (allerdings mehrdeutige) Bezeichnung βιβλίονβιβλίον. Vgl. z.B. Plut.Plutarch CatoCato der Ältere, Marcus Porcius min. 70; Artem.Artemidor von Daldis on. 3,66 [ed. Pack, p. 235,7]; Gal. san. tuend. ed. KÜHN 6, p. 347. Aus dem Kontext wird deutlich, dass es sich um Platons Phaidon handelt, den Cato vor seinem Tod zweimal liest: ἔλαβεν εἰς χεῖρας τῶν Πλάτωνος διαλόγων τόν περὶ ψυχῆςψυχή (Plato. Cato min. 68,2; vgl. dagegen die Varianten dieser Geschichte bei App.Appian civ. 2,14,98f; Plut. non posse suav. 10 (mor. 1093a). Gelesen werden aber z.B. auch τὰ Ὁμήρου ποιήματα (Lukian.Lukian von Samosata Gall. 2; s. auch Iupp. conf. 1).

BücherBuch werden außerdem häufig durch ihren TitelTitel angegeben.20 Weniger häufig steht der Name des Autors metonymischMetonymie für den gelesenen Text.21 In dieser spezifischen Verwendungsweise schwingt sehr häufig die Bedeutung von „(genau) studieren“ (LSJ: to study, to pore over) mit.22 Aber auch nicht primär schriftlich konzipierte Kommunikationsakte, die durch den Kontext eindeutig als schriftgebunden markiert sind, werden gelesen,23 wobei gerade RedenRede durchaus als schriftlich konzipiert gedacht worden sind:24

Orakelsprüche oder Eide: vgl. z.B. μαντεία (Demosth.Demosthenes or. 19,297; 21,25; Aischin.Aischines Ctes. 112.119); ὅρκος (Demosth. or. 24,148; Lykurg.Lykurgos von Athen 1,80; App.Appian civ. 2,20,145); ἀντωμοσία (Isa. or. 5,4); χρησμός (Aristoph.Aristophanes Eq. 115–120; Plut.Plutarch Phoc. 8,3 [ZIEGLER, p. 7,14]).

RedenRede: vgl. einschlägig Isokr.Isokrates 12,231f, der berichtet, dass er eine diktierte Rede mit kritischer Distanz nach einigen Tagen noch einmal gründlich durchliest (τριῶν γὰρ ἢ τεττάρων ἡμερῶν διαλειφθεισῶν ἀναγιγνώσκων αὐτὰ καὶ διεξιών …); Isokr. 12,216 über einen Schüler, der eine Rede von Isokrates liest. In Isokr. 12,246 wird auf die zukünftigen RezipientenRezipient der Panathenaikos vorausgeblickt und angemerkt, dass sie bei oberflächlicherAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig Lektüre leicht und verständlich erscheine (ἀλλὰ τοῖς μὲν ῥᾳθύμως ἀναγιγνώσκουσιν ἁπλοῦν εἶναι δόξοντα καὶ ῥᾴδιον καταμαθεῖν), sich bei genauem Hindurchgehen (s. dazu 3.7) aber als schwierig und schwer verständlich herausstelle (τοῖς δ᾽ ἀκριβῶς διεξιοῦσιν αὐτόν […] χαλεπὸν φανούμενον καὶ δυσκαταμάθητον).25 Bei Plut.Plutarch Dem. 11,4 findet sich die Gegenüberstellung des Hörens und des Lesens von Reden. Plut. Pomp. 79 erzählt, wie Pompeius auf einem Schiff in seinem ManuskriptHandschrift/Manuskript einer Rede liest, die an Ptolemaios adressiertAdressat ist: ὁ Πομπήϊος ἔχων ἐν βιβλίῳ μικρῷ γεγραμμένονγράφω ὑπ᾽ αὐτοῦ λόγον Ἑλληνικόν, ᾧ παρεσκεύαστο χρῆσθαι πρὸς τὸν Πτολεμαῖον, ἀνεγίνωσκεν; Plut. de garr. 5 (mor. 504c) erzählt von einem Klienten von Lysias, der das Manuskript einer für ihn geschriebenen Rede mehrfach liest;26 Agesilaos liest ein Redemanuskript von Kleon von Halikarnassos aus dem Nachlass von Lysander individuell-direktLektüreindividuell-direkt und möchte die Rede daraufhin veröffentlichenPublikation/Veröffentlichung (vgl. Plut. Ages. 20,3); vgl. zur Lektüre eines Redemanuskriptes auch Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 53 [382d]; Plut. apophth. lac. 54,14 (mor. 229e/f), bezeichnet ein βιβλίονβιβλίον γεγραμμένονγράφω τῷ Λυσάνδρῳ als ὁ λόγοςλόγος, der vorgelesen würde; Ps.-Plut.Pseudo-Plutarch X orat. 3 (mor. 836d): ἀνέγνω δὲ καὶ ἐν τῇ Ὀλυμπιακῇ πανηγύρει λόγον μέγιστον; Ps.-Plut. X orat. 6 (mor. 840d): ἀνέγνω τε τοῖς Ῥοδίοις τὸν κατὰ Κτησιφῶντος λόγον [vgl. Aischin.Aischines Ctes.] ἐπιδεικνύμενος. Bei DiodorDiodorus Siculus findet sich dagegen eine Stelle, an der das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt einer Rede vor PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) gemeint ist: „Zugleich las er [Lysias] eine Rede mit dem TitelTitel Olympiakos vor“ (Diod. 14,109,3).

Daneben können auch Abstrakta wie „Geschichte“ (ἱστορίαἱστορία)27 metonymischMetonymie für den zu lesenden Text stehen.

Es lässt sich aus dem Quellenbefund nicht ableiten, dass ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω bloß in einem technisch physiologischen Sinne Lesen als Transformation von BuchstabenBuch-stabe in realisierten oder mental wahrgenommenen Klang/Sprache, die kognitivkognitiv nicht weiterverarbeitet würde, konzeptualisierte. Es gibt zwar Quellenstellen, an denen von einem Lesen ohne VerstehenVerstehen gesprochen wird bzw. der Akt der kognitiven Verarbeitung explizit erwähnt wird.28 An Stellen, wo ἀναγιγνώσκω mit einem Nicht-Verstehen verbunden ist, kann es theoretisch einen bloß technisch-physiologischen Vorgang bezeichnen. Allerdings ist an allen Stellen, an denen die kognitive Verarbeitung oder Nicht-Verarbeitung explizit thematisiert wird, jeweils in Rechnung zu stellen, dass der jeweilige Verstehens-Begriff unterschiedliche Bedeutung haben kann. Man kann Verstehen nämlich von einem völligen Unverständnis (wenn man altgriechische Buchstaben zwar lesen kann, aber die Vokabeln und die Grammatik nicht kennt, kann man einen griechischen Text zwar lesen, aber nicht verstehen) bis hin zu einem interpretatorischen Verstehen, also eines Verstehens der eigentlichen, tieferen, allegorischen, übertragenen o. ä. Bedeutungsdimension eines Textes, skalieren.29 Auch dass die besondere Aufmerksamkeit beim Lesen durch Lexeme wie ἐπιμελήςἐπιμελής30 oder ἀκριβήςἀκριβής31 hervorgehoben werden kann, macht deutlich, dass das Verb nicht nur die Transformation von Buchstaben in realisierten oder mental wahrgenommenen Klang meint. Zudem finden sich zahlreiche Stellen, an denen der Vorgang der kognitiven Weiterverarbeitung, also das Verstehen des Gelesenen eindeutig impliziert ist, ohne dass dies eigens hervorgehoben wird.32

Eine aufschlussreiche Stelle im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Lesetechniken und kognitiverkognitiv Verarbeitung findet sich in Platons Phaidon. Der Sokratesschüler Kebes berichtet hier von seiner LektüreerfahrungLektüre-erfahrung der Schriften von AnaxagorasAnaxagoras: „Vielmehr nahm ich mit Feuereifer seine Schriften und las sie durch, so schnellLese-geschwindigkeit es ging, um möglichst schnell das Zweckentsprechendste und auch das Minderwertigere zu erkennen (ἀλλὰ πάνυ σπουδῇ λαβὼν τὰς βίβλους ὡς τάχιστα οἷός τ᾽ ἦ ἀνεγίγνωσκον, ἵν᾽ ὡς τάχιστα εἰδείην τὸ βέλτιστον καὶ τὸ χεῖρον). Da war es mir, mein Freund, ein Sturz aus hochgesteigerter Erwartung, als ich beim fortschreitenden Lesen sehenSehen mußte (ἐπειδὴ προϊὼν καὶ ἀναγιγνώσκων ὁρῶ) …“ (Plat.Platon Phaid. 98b; Üb. DIRLMEIER, leicht mod. JH). In dieser LeseszeneLese-szene ist eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre vorauszusetzen, die mit dem Ziel verbunden ist, in möglichst kurzer Zeit einen Überblick über mehrere BücherBuch zu bekommen. Dabei wird explizit hervorgehoben, dass das Ziel darin liegt, die Inhalte kritisch zu evaluieren. Die kognitive Verarbeitung bei diesem überfliegendenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig Lesen zu EvaluationszweckenEvaluation (s. auch Korrektur) wird mit dem Verb ὁράωὁράω angezeigt. Eine weitere Stelle aus dem Werk Platons, an der die kognitive Verarbeitung bei der individuell-direkten Lektüre impliziert ist, findet sich in der Gegenüberstellung des Rechnens durch den Arithmetikers und des Lesens durch den literarisch Gebildeten in Plat. Tht. 198e–199a.33 Exemplarisch für viele ähnliche Leseszenen sei auf Xen.Xenophon Eph.Xenophon von Ephesos 2,5,3 hingewiesen. Hier erhält Habrocomes einen BriefBrief, „nahm ihn, las ihn und wurde betrübt durch das Geschriebene (ὁ δὲ ἔλαβε καὶ ἀνέγνω καὶ πᾶσι μὲν ἤχθετο τοῖς ἐγγεγραμμένοις).“ Vgl. außerdem die Gegenüberstellung von Lesen und Hören als zwei unterschiedliche Kanäle der kognitiven Aneignung von Wissen bei Clem. Al.Clemens von Alexandria paid. 3,78,2, der hervorhebt, dass das Lesen gelehrt wird, das Hören aber nicht gelehrt wird. Aus dem Kontext geht eindeutig hervor, dass die individuell-direkte Lektüre zur Wissensaneignung gemeint ist (s. u. 9.5). Aufschlussreich ist ferner eine Stelle im RomanRoman Joseph und Aseneth, an der mit ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω bezeichnetes Lesen gleichsam im Sinne einer MetapherMetapher zweiten Grades34 verwendet wird: „Levi aber sah die Regung seines Herzens, denn Levi war ein ProphetProphet und sah genau mit seinen Gedanken und seinen AugenAugen und las das im Herzen des Menschen Geschriebene (<ἀν>εγίνωσκε <τὰ γεγραμμέναγράφω> ἐν τῇ καρδίᾳ <τοῦ> ἀνθρώπο<υ>)“ (JosAs 23,8JosAs 23,8; Üb. REINMUTH).

Das durch hinzutretenden Artikel substantivierte PartizipPartizip wird häufig zur Reflexion über bzw. zur direkten Ansprache der LeserLeser verwendet;35 dies ist auch inschriftlichInschriften belegt (v. a., aber nicht nur, in spätantiken, christlichen Inschriften).36 Es ist bemerkenswert, dass selbst Isokrates in seinem BriefBrief an Alexander, eine Einzelperson, gleich zu Beginn die Leser im Plural (ὃ ποιήσει τοὺς ἀναγνόντας μὴ νομίζειν ἤδη με παραφρονεῖν διὰ τὸ γῆρας μηδὲ παντάπασι ληρεῖν …; Isokr.Isokrates ep. 5,1) in den Blick nimmt, was impliziert, dass der Brief (zumindest in der überlieferten Form) zur PublikationPublikation/Veröffentlichung bestimmt war.37 Aufschlussreich ist auch das papyrologisch bezeugte „Edikt über das aurum coronarium“ (P.Fay. 20) von Alexander Severus, in dem am Ende bestimmt wird, dass in jeder Stadt AbschriftenAbschrift zu veröffentlichen seien, und zwar dort, wo sie den Lesern am besten sichtbar seien (… μάλιστα ἔστα̣[ι] | σύνοπτα τοῖς ἀναγινώσκουσ<ιν>. P.Fay. 20 col. 2, Z. 23 = SB 14 11648).38 Analog dazu wird in lateinischen Quellen das Partizip von legere verwendet, um den Leser direkt anzusprechen bzw. über ihn zu reflektieren.39

Seltener, aber dennoch vorkommend, wird das Verb im Griechischen dazu verwendet, Verweise auf andere Schriften oder ZitateZitat anzugeben bzw. eine LesefruchtLese-frucht wiederzugeben (s. u.).40 Dagegen konnten keine eindeutigen Belege gefunden werden, dass das Verb regelmäßig (und jenseits konzeptioneller Übertragungen individuell-direkteLektüreindividuell-direktr LeseakteLese-akt auf indirekte Rezeption) auch direkt die hörende Rezeption eines Textes beschreibt, der vorgelesen wird.41 Diese negative Beobachtung wiegt umso schwerer, als sich in den Quellen eindeutige Formulierungen auch mit anderen Lexemen finden lassen, welche eine solche Rezeptionssituation des VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt-Lassens eindeutig markieren.42

Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass das lateinische Äqivalent cognoscocognosco,43 auch wenn im Lateinischen mit legolego ein anderes HauptleseverbHauptleseverb verwendet wird (s. u. 3.3), ebenfalls sporadisch im Sinne von „lesen“ zu finden ist.44

3.1.2 Ἀναγιγνώσκω mit zusätzlichen Präfixen

Durch Präfigierung kann die Wortsemantik des Verbes spezifiziert werden: διαναγιγνώσκωδιαναγιγνώσκω (durchlesen) wird verwendet, um anzuzeigen, dass ein Text, ein BriefBrief bzw. ein BuchBuch oder Werk vollständigUmfangvollständig gelesen wird.

Vgl. Cass. DioCassius Dio. 58,10,7: καὶ τέλος διαναγνωσθείσης τῆς ἐπιστολῆςἐπιστολή πάντες …; Isokr.Isokrates or. 12,201.241, u. Diog. Laert.Diogenes Laertios 2,5,40 verwenden dieses Wort zur Beschreibung des individuellen und evaluierenden Durchlesens eines Redemanuskripts; Polyb.Polybios 3,32,1f hebt die Länge und Anzahl seines Werkes verteidigend hervor. Es sei leichter, seine 40 BücherBuchdurchzulesen (πόσῳ γὰρ ῥᾷόν ἐστι καὶ κτήσασθαι καὶ διαναγνῶναι βύβλους τετταράκοντα …), in denen Geschichte in einem Stück und komprimiert präsentiert sei, als sich die Informationen aus den verschiedensten Quellen episodischer GeschichtsschreibungGeschichtsschreibung selbständig zusammenzutragen. Bei Polyb. 21,11,3 scheint zudem die Sorgfalt beim Durchlesen hervorgehoben zu sein. Vgl. ferner Polyb. 31,14,1; Ael. var.Aelianus, Claudius hist. 14,43; Athen.Athenaios deipn. 3,60 (102b). Bei Diog. Laert. 3,1,66 hat das Verb eher die Konnotation „einsehen, konsultieren“ von spezifischen HandschriftenHandschrift/Manuskript mit kritischen Randbemerkungen.

Die Vergleichsbasis für ἐξαναγιγνώσκωἐξαναγιγνώσκω (LSJ: read through) ist vergleichsweise gering. Zwei Stellen bei PlutarchPlutarch, an denen keine spezifische Bedeutung eindeutig gesichert werden kann,1 stehen zwei Stellen ebenfalls bei Plutarch und Athenaios gegenüber, an denen es offensichtlich zur Betonung der Vollständigkeit des Lesens einer Schrift bzw. im Sinne von „ausgelesen“ gebraucht wird.2 Das Verb παραναγιγνώσκωπαραναγιγνώσκω wird allgemein dazu genutzt, den Vergleich bzw. das vergleichende/paralleleLesenvergleichend Lesen von zwei SchriftmedienLese-medium3 oder – häufig in RedenRede – das kontrastierende VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt eines zweiten Textes4 anzuzeigen; oder es wird passend zur allgemeinen Bedeutung im Sinne von „überprüfend konsultieren“ verwendet.

So nutzt Ps.-Plut.Pseudo-Plutarch X orat. 7 (mor. 841f) das Verb im Kontext eines Gesetzes, das vorsah, (autorisierte) AbschriftenAbschrift der TragödienTragödie von AischylosAischylos, SophoklesSophokles und Euripides aufzubewahren, damit die Stadtschreiber diese konsultieren können, um eine Abweichung der Aufführung vom Original zu verhindern (… καὶ τὰς τραγῳδίας αὐτῶν ἐν κοινῷ γραψαμένους φυλάττειν καὶ τὸν τῆς πόλεως γραμματέα παραναγινώσκειν τοῖς ὑποκρινομένοις: οὐκ ἐξεῖναι γὰρ παρ᾽ αὐτὰς ὑποκρίνεσθαι).

Das v. a. von PlutarchPlutarch verwendete Verb συναναγιγνώσκωσυναναγιγνώσκω (mitlesen) kennzeichnet das gemeinsame Lesen (aus) einer Schrift.

Vgl. v. a. die aufschlussreiche Szene, die eindeutig kollektiv-direkteLektürekollektiv-direkt Rezeption belegt, bei Plut.Plutarch de Alex. fort. 1,11 (mor. 332e–333a), in der Alexander nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend einen BriefBrief seiner Mutter liest und dabei merkt, dass Hephaistos über seiner Schulter mitliest. Vgl. auch Plut. de Alex. fort. 2,7 (mor. 340a); reg. et. imp. 27,14 (mor. 180d); ferner de Amic. 11 (mor. 97a) sowie den Verweis auf die Gemeinschaftslektüre von Schriften Platons (ἐν ταῖς Πλατωνικαῖς συναναγνώσεσιν …) in symp. 7,2 (mor. 700c).5 Vgl. außerdem den Verweis auf das gemeinsame Lesen eines Werkes von Hippokrates bei Gal.Galenos Hipp.Hippolytos von Rom fract., ed. KÜHN, 18b, p. 321. PASSOW, 1668, führt noch weitere, allerdings sehr späte Belege an. Interessant ist ferner ein Fragment aus dem Werk von Johannes von Antiochia, der das PartizipPartizip im Sinne von „Mitstudenten“, d. h. Kommilitonen verwendet. Vgl. Iohan. Ant., fr. 218. Dazu passt, dass Marinus von Neapolis sich im 5. Jh. beklagt, er habe es innerhalb von zwei Jahren nicht geschafft, Aristotelesschriften gemeinsam zu lesen: Ἐν ἔτεσι γοῦν οὔτε δύο ὅλοις πάσας αὐτῷ τὰς Ἀριστοτέλους συνανέγνω πραγματείας, λογικάς, ἠθικάς, πολιτικάς, φυσικάς, καὶ τὴν ὑπὲρ ταύτας θεολογικὴν ἐπιστήμην. (Marin.Marinos von Neapolis v. Proc. 13) Dies klingt nach einer Art Philosophenkolloquium, bei dem gemeinsam Aristotelesschriften gelesen und diskutiert wurden.

Προαναγιγνώσκωπροαναγιγνώσκω bedeutet einerseits vorlesen (to read [ahead] in a loud voice),6 wird aber andererseits auch häufig im temporalen Sinne verwendet, um anzuzeigen, dass jemand zuvor/zuerst ein Schriftstück/ein Werk etc. (individuell[!]) gelesen hat.7

Ἐπαναγιγνώσκωἐπαναγιγνώσκω wird genutzt, um das Verlesen, das Lesen aus etwas zu benennen.8 Daneben kann das Verb anzeigen, dass jemand einen Text in voller Länge gelesen hat.9

3.1.3 Ἀναγνωστικός

Das selten bezeugte Adjektiv ἀναγνωστικόςἀναγνωστικός hat nach LSJ die folgenden Bedeutungsnuancen: a) capable of reading, a good reader (Epikt.Epiktet diatr. 2,18,2: lesefähigLese-fähigkeit (s. auch Literalität), gut im Lesen);1 b) fond of reading (Plut.Plutarch de garr. 22 [mor. 514a]: das substantivisch gebrauchte Adjektiv verweist bei Plutarch auf jemanden, der viel und gerne liest, also eine Leseratte, der in diesem Fall Geschichten, narrative Texte [ἱστορίαι] liest); c) suitable for reading (Aristot.Aristoteles rhet. 3,12,2 [1413b12]: zum Lesen geeignet). Während die ersten beiden Belege recht eindeutig sind, hat D. J. Allan gezeigt, dass die Interpretation der ἀναγνωστικοί bei Aristoteles im Sinne von „Dichter, die zum Lesen geeignet sind“2, also deren Texte gut aussprechbar wären (λεκτικός), aus philologischer Sicht falsch ist. Vielmehr spreche Aristoteles ganz im Sinne der beiden anderen Stellen davon, dass AutorenAutor/Verfasser, die selbst gute LeserLeser oder Vielleser sind, populär seien, weil sie leserorientiert schreibenSchreiben, wobei an dieser Stelle offen bleibe, ob Aristoteles auf kollektive oder individuelle Formen der Rezeption abzielt.3

Einen gut lesbaren Text beschreibt Aristoteles hingegen mit dem Adjektiv εὐανάγνωστοςεὐανάγνωστος (Aristot.Aristoteles rhet. 3,5,6 [1407b12]). Ein gut lesbarer Text ist nach der weiteren Spezifikation an dieser Stelle ein solcher, der gut erfassbar (εὔφραστος)4 ist, Konjunktionen (σύνδεσμοι) sparsam verwendet, der leicht punktiert (διαστίζω) werden kann und wenig Ambiguität in den Bezügen aufweist.5 Es geht ihm hier also stärker um das kognitivekognitiv Erfassen als um die lautliche Realisierung. Das Adjektiv εὐανάγνωστος kommt außerdem bei Demetr. eloc.Demetrios von Phaleron 4,193 vor. Hier legt der Kontext – die Gegenüberstellung von Stilen (λέξεις), die sich entweder besser zum Aufführen (ὑποκρίνομαι) oder zum Lesen (ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω) eignen – eine der Aristotelesstelle analoge Verwendung des Lexems nahe. Als Beispiele führt Demetrios an, Menander sei besser für die Aufführung geeignet, Philemon besser für die Lektüre. Die Ausführungen von Demetrios gleichen im Übrigen denjenigen von Aristoteles (Aristot. poet. 1462a10–1462b5), die unten noch zu diskutieren sind. Ferner wird dieses Lexem von Konstantin in seinem BriefBrief an Euseb verwendet, in dem er den Auftrag zur Beschaffung von Bibelausgaben gibt, um die Beschaffenheit der Schrift der PergamentkodizesKodex zu beschreiben (vgl. Eus.Eusebios von Caesarea vita Const. 4,36,2).

3.1.4 Ἀνάγνωσις

Das entsprechende Verbalabstraktum ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις verweist aus morphologisch-semantischer Sicht (Suffix -σις) auf den Prozess bzw. den Vorgang des Lesens.1 Die genaue Bedeutung dieses Lexems ist jedoch nicht in jedem Fall klar. So fragt D. J. Allan im Hinblick auf Aristot.Aristoteles rhet. 3,12,5 (1414a17f)2: „Which type of reading is meant – public or privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat? Or is the point intentionally left undetermined? This is hard to decide“3 Einen Hinweis darauf, dass ἀνάγνωσις auch die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre bezeichnen kann, findet sich in Aristot. poet. 1462a10–17. Hier stellt er Lektüre und Aufführung der TragödieTragödie als zwei unterschiedliche Rezeptionsmodi gegenüber; bei beiden hätte man die gesamte Tragödie vor Augen:

„Außerdem erfüllt die TragödieTragödie genauso wie die epische Dichtung auch ohne (körperliche) Aktion ihre Wirkung. Denn schon durch das Lesen (ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω) wird offenbar, wie (gut oder schlecht) sie ist. […] Ein weiterer Grund für ihren höheren Rang [der Tragödie gegenüber dem Epos] […] ist ein musikalisches und visuellesvisuell Element. Dass dieses ästhetischesästhetischer Genuss/Vergnügen Vergnügen bereitet, ist völlig evident. Außerdem hat man (die ganze Tragödie) klar vor AugenAugen – sowohl bei der Lektüre als auch, wenn sie zur Aufführung kommt [… εἶτα καὶ τὸ ἐναργὲς ἔχει καὶ ἐν τῇ ἀναγνώσει καὶ ἐπὶ τῶν ἔργων].“ (Üb. SCHMITT, leicht modif. JH)4

Mit dieser Aussage – das Adjektiv ἐναργής bedeutet lautLautstärkelaut LSJ visible, palpable, in bodily shape, aber auch manifest to the mind’s eye – ist impliziert, dass man die TragödieTragödie bei einer (Vor)Lesung dagegen allenfalls „im/vor dem OhrOhr“ hätte.5 Bei der Aufführung (ἔργον) hat man die Tragödie auf der Bühne sichtbar, bei der Lektüre der RolleRolle (scroll) im Kopf des LesersLeser, wobei freilich die akustische Dimension hier nicht ausgeklammert werden darf.6 Auch Diod.Diodorus Siculus 20,1,4f, der betont, es sei gerade eine reizvolle Lektüre (ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις), wenn man die gesamte KompositionKomposition lese, rekurriert eher auf die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre als auf das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt – wieso sollte jemand beim Vorlesen die doch gerade für die Aufführung wichtigen τὰς ῥητορείας überspringen (ὑπερβαίνω)? Wenn Plut.Plutarch poet. aud. 1 (mor. 14e) differenzierend vom Maßhalten beim Hören und Lesen spricht (… ἐν ταῖς ἀκροάσεσιν καὶ ἀναγνώσεσιν …), verweist dies auch eher auf die individuell-direkte Lektüre.7 Auch innerhalb der Aufzählung individueller Tätigkeiten wie Ruhe (σχολή), Spazierengehen (περίπατος) und Schlafen (ὕπνος) in Plut. de exil. 12 (mor. 604c/d) ist wohl individuell-direkte Lektüre im Blick.8 Wenn Artemidor von Daldis ἀποδημίαι δὲ καὶ ἀναγνώσειςἀνάγνωσις als beste Möglichkeit nennt, um Wissen über Orte und die Eigenheiten von Orten zu erlangen, meint er damit ReisenReise und die Lektüre von Büchern (vgl. Artem.Artemidor von Daldis on. 4,4 [ed. Pack, p. 247,1–5]). PolybiosPolybios antizipiert im ganz zu Beginn dieser Studie zitierten Prooemium des elften Buches seiner Historien verschiedene LeseinteressenLese-interesse (Polyb. 11 prooem. 2):

a) diejenigen, die es intendiert lesen wollen (τοὺς ἀναγινώσκειν θέλοντας);

b) diejenigen, die zufällig darauf stoßen;

c) diejenigen, die nur etwas nachschlagen (ζητέωζητέω; s. u.) wollen.9

Dabei soll das Prooemium diejenigen, die (zufällig) auf sein Buch treffen, zur Lektüre auffordern (καὶ παρορμᾷ πρὸς τὴν ἀνάγνωσιν τοὺς ἐντυγχάνονταςἐντυγχάνω). Die Motive, mit denen Polybios hier rechnet, sind allesamt Motive von Individuen. Er setzt also individuell-direkte Lektüre des Buches voraus und nicht das Hören oder Veranstalten einer Vorlesung.10

Einen ähnlich tiefen Einblick in die antizipierte Rezeptionsweise antiker Historiographie bietet DiodorDiodorus Siculus am Beginn seiner Universalgeschichte (Βιβλιοθήκη ἱστορική). In Kapitel 3 des ersten Buches legt er die Vorzüge seiner umfassenden Aufbereitung des historischen Stoffes dar, den man sich sonst mühsam aus einer großen Masse von historiographischen Schriften zusammensuchen müsste, und formuliert:

„Doch die Darstellung in einem einzigen Werke, die alle Ereignisse miteinander verknüpft, macht die Lektüre (ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις) leicht und das Begreifen mühelos“ (Diod.Diodorus Siculus 1,3,8, Üb. WIRTH).

Aus dem Kontext ist eindeutig ersichtlich, dass DiodorDiodorus Siculus eine Rezeptionssituation individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre voraussetzt. Die LeserLeser müssen nicht selbständig durch die gesamten historiographischen Schriften hindurchgehen (διέξειμιδιέξειμι; Diod. 1,3,8). Diese schwere Arbeit hat Diodor den Lesern abgenommen und alles in seinem Gesamtwerk aufgearbeitet, „das bei einem Höchstmaß an Nutzen den Lesern ein Mindestmaß an Belastung versprach“ (Diod. 1,3,5; Üb. G. WIRTH). Der Nutzen besteht aber nicht darin, dass die Leser das Werk zwingend sequentiellKontinuitätsequentiell und vollständigUmfangvollständig zu lesen hätten. Vielmehr formuliert Diodor explizit:

„Aus ihm steht es jedem frei, nach Belieben wie aus einer gewaltigen Quelle zu schöpfen (ὥσπερ ἐκ μεγάλης ἀρυόμενον πηγῆς), was ihm für seine Zwecke von Nutzen scheint“ (Diod.Diodorus Siculus 1,3,7, Üb. WIRTH).

Aus dieser Formulierung wird deutlich, dass DiodorDiodorus Siculus es den Lesern überlässt, wie sie das Werk gemäß ihrer Bedürfnisse nutzen. Insbesondere die MetapherMetapher des Schöpfens (ἀρύω) aus einer gewaltigen Quelle (i. e. sein gesamtes Werk) besagt eindeutig, dass er durchaus eine selektiveUmfangselektiv und diskontinuierlicheKontinuitätdiskontinuierlich Lektüre seines Werkes antizipiert.

An anderer Stelle setzt ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις bei DiodorDiodorus Siculus eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre voraus (vgl. Diod. 20,4,4f). Darauf deutet einerseits das Motiv des Überspringens (ὑπερβαίνω), andererseits die Reflexion der Erfahrung, dass LeserLeser die Lektüre abbrechen, wenn die Länge des zu lesenden Textes sie ermüdet. Hier ist also das Phänomen selektiverUmfangselektiv Zugriffe auf historiographische Texte eindeutig bezeugt. Zudem ist die Lektüre eines historiographischen Werkes für Diodor dann mit Vergnügen (ἐπιτερπής) und Klarheit (σαφής) verknüpft, wenn sie den notwendigen Zusammenhang der historischen Ereignisse bewahrt und die Darstellung der historischen Ereignisse nicht zum Beiwerk der RhetorikRhetorik verkommt (vgl. Diod. 20,4,1–3). Das Ziel der Lektüre historiographischer Werke besteht also für Diodor sowohl in der UnterhaltungUnterhaltung als auch in der Aneignung von historischem Wissen. Ein empirischer Beleg für eine solche LektürehaltungHaltung bietet Plut.Plutarch Caes. 11, der historiographische Literatur über Alexander den Großen in einer Mußestunde individuell-direkt, nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend11 und in Anwesenheit von Freunden in Spanien liest.12

Aufschlussreich ist sodann auch der Hinweis im sog. Aristeasbrief (Arist. 127), dass eine gute Lebensführung bzw. Einhaltung der Gesetze viel eher durch Hören als durch Lesen (… διὰ τῆς ἀκροάσεως πολλῷ μᾶλλον ἢ διὰ τῆς ἀναγνώσεως) erreicht werde. Ἀνάγνωσις bezieht sich mit größter Wahrscheinlichkeit auf eine individuelle Lektüre.13 Ἀνάγνωσις als individuell-direkteLektüreindividuell-direkts Lesen ist ebenfalls in der Antwort eines der 72 Gelehrten auf die Frage des ägyptischen KönigsKönig Ptolemaios impliziert, womit sich die KönigeKönig die meiste Zeit beschäftigten: „Mit dem Lesen (ἐν ταῖς ἀναγνώσεσι) und der Beschäftigung mit Reiseberichten …“ (Arist. 283). Vor diesem Hintergrund erscheint es dann auch sicher, dass ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις in der folgenden Passage in TheonsTheon Progymnasmata nicht das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt meint, sondern vielmehr die Wichtigkeit von individueller Lektüre von mythischen Erzählungen im Rahmen der rhetorischen Vorbildung hervorhebt.14

„‚Die Lektüre aber‘, wie einer der Älteren sagt – Apollonius von RhodosApollonius von Rhodos meine ich – ‚ist die Nahrung des Stils/der Ausdrucksweise (τροφὴ λέξεώς ἐστι)‘. Denn wir formen die Geistesfähigkeit von den schönen Beispielen her (τυπούμενοι γὰρ τὴν ψυχὴνψυχή ἀπὸ καλῶν παραδειγμάτων) und die schönsten werden wir auch imitieren.“ (Theon prog. p. 61,28–31 [Ed. SPENGEL])

Diese Stelle ist mindestens in zweifacher Hinsicht aufschlussreich: a) Theon grenzt die ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις analog zu den oben diskutierten Quellen von der ἀκρόασις ab, wobei letztere hier aber nicht ein akustisches Aufnehmen, sondern den mündlichen Vortrag im Unterrichtskontext meint.15 b) Die Perzeption des Gelesenen wird nicht mit dem Gehör, sondern mit der Seele, also mit einer Instanz, die man eher dem Inneren des Menschen zuordnen würde, in Verbindung gebracht, aus der sich wiederum das Ausdrucksvermögen (vor allem auch in schriftlich produktionsorientierter Form16) speist. Ferner ist wohl auch der bei Diogenes Laertios überlieferte TitelTitel einer Schrift von Thrasylos (Τὰ πρὸ τῆς ἀναγνώσεως τῶν Δημοκρίτου βιβλίων; Diog. Laert.Diogenes Laertios 9,41) nicht auf eine Vorlesung bezogen. KaiserKaiser/Princeps Iulian schreibt in einem BriefBrief an Libanios (Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 53 [382d]), er habe dessen RedeRede vor dem Mittagessen fast ganz gelesen (individuell-direktLektüreindividuell-direkt!), konnte seine Lektüre (ἀνάγνωσις) aber erst danach, aber noch vor dem Mittagsschlaf, beenden. Darüber hinaus verweist häufig auch die Formulierung τὴν ἀνάγνωσιν ποιέω („ich betreibe die Lektüre“) auf individuell-direkte Lektüre.17

Daneben existieren aber auch Kontexte, in denen ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις eindeutig im Sinne von „(Vor-)Lesung“ verwendet wird.18 Ἀνάγνωσις wird sodann bei den antiken Grammatikern spezifisch als gleichsam phonologischerPhonologie Fachterminus betreffs der Prosodie verwendet.19 Daher und vor allem angesichts des gerade besprochenen, eindeutigen Befundes sollte man auch die dionysische Erläuterung des ersten von sechs Teilen der Grammatik – ἀνάγνωσίς ἐστι ποιημάτων ἢ συγγραμμάτωνσυγγράμματα ἀδιάπωτος προφορά (Dion. ThraxDionysios Thrax 2) – nicht als allgemeingültige Definition des Lexems bzw. als Beschreibung des Leseaktes generalisieren.20 „In conclusion we may say that the usual interpretation of Dionysian ἀνάγινωσις, according to which this notion meant for Dionysius the act of reading by the use of one’s own voice (thus also Pfeiffer 1968: 268f), is mistaken.“21 Die als ἀνάγνωσις bezeichnete Domäne der alexandrinischen Grammatik beschäftigt sich mit der fehlerfreien Aussprache (ἀδιάπωτος προφορά) bzw. dem den verschiedenen Gattungen angemessenen Ton (vgl. Dion. Thrax 2); „ἀνάγνωσις ἐντριβὴς κατὰ προςῳδίαν [Dion. Thrax 1] refers to the determination of the correct accent of a word.“22

3.1.5 Ἀνάγνωσμα

Das viel seltener vorkommende Lexem ἀνάγνωσμαἀνάγνωσμα müsste aus morphologisch-semantischer Sicht demgegenüber eigentlich das Ergebnis oder Resultat einer Handlung bezeichnen,1 wobei die Grenzen zwischen diesen nomina rei actae und den o. g. Verbalabstrakta (nomina actionis) in den Grammatiken jedoch als fließend bezeichnet werden.2 Neben wenigen Belegen, die eine gleichsam synonyme Verwendung mit ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις im Sinne einer Vorlesung aufweisen,3 zeigt sich in den Quellen, dass das Lexem, ganz ähnlich wie der Lektüre-Begriff im Deutschen, in seiner Bedeutung changiert. Dies zeigt sich ganz deutlich in Plutarchs Schrift Quomodo adolescens poetas audire debeat (poet. aud. 14 [mor. 35f]), in der er u. a. die Lehren Platons und Pythagoras’ Jugendlektüren (παιδικά ἀναγνώσματα) gegenüberstellt. Die παιδικά ἀναγνώσματα sind hier sowohl ein Sammelbezeichnung für die schulische Lektürepraxis als auch eine Bezeichnung für die LesestoffeLese-stoff selbst.4 Ähnlich ambigue gebraucht wird ἀνάγνωσμα, wenn PlutarchPlutarch die Kultivierung Asiens u. a. daran festmacht, dass Homer zur Lektüre wurde.5 Das Lexem ἀνάγνωσμα kann aber ebenso eindeutig in einem potentiellen Sinne, also zur Bezeichnung einer Lektüre gebraucht werden, die sich konkret materiellMaterialität in einem BuchBuch manifestiert. So wird z.B. bei Plutarch AkesandersAkesander Schrift Περὶ Λιβύης als eher ungewöhnliche, nicht gebräuchliche Lektüre charakterisiert: καὶ τοῦτο μέν’ ἔφην ‘τὸ ἀνάγνωσμα τῶν οὐκ ἐν μέσῳ ἐστί (Plut. symp. 5,2 [mor. 675b]).6 Die Wendung ἀναγνώσμασιν ἐντυγχάνειν (begegnen, d. h. lesen von Lektüren [s.u.]) an einer anderen Stelle (Plut. symp. 5,3,2 [mor. 676c]) hat dagegen eher eine resultative Bedeutung, da dadurch im Kontext die herausragende Belesenheit eines Redners hervorgehoben wird.7 Analog formuliert Nikomachos von Gerasa in seiner Einführung in die Arithmetik:

„Dies also über die drei Proportionen, die bei den Alten ständig behandelt werden (θρυλλουμένων), die wir auch ausreichend klar und breit ausgeführt haben, weil man ihnen oft und vielfältig in den Lektüren (ἐν τοῖς ἀναγνώσμασι) begegnet (ἐντυγχάνεινἐντυγχάνω)“ (Nikom.Nikomachos von Gerasa Ar. 2,28,1).

3.1.6 Ἀναγνώστης

Zuletzt muss auch noch das ebenfalls zur gleichen Wortfamilie wie ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω gehörende Lexem ἀναγνώστηςἀναγνώστης untersucht werden. Der LSJ gibt als Hauptbedeutungen reader und slave trained to read mit Verweis auf vier Quellen und als Nebenbedeutung secretary mit Verweis auf einige InschriftenInschriften an. Das englische Lexem reader lässt freilich offen, ob ein VorleserVorleser oder allgemein der RezipientRezipient von Texten im Blick ist. Die erste Quelle, die im LSJ für die Hauptbedeutung angeführt wird, ist eine Notiz in einem BriefBrief von CiceroCicero, Marcus Tullius an Atticus, dem er berichtet, dass ihn der Tod eines SklavenSklave mit dem Namen Sositheus emotional belaste, dessen Funktion er mit dem griechischen Lehnwort anagnostes bezeichnet (Cic. Att. 12,4). Was der genaue Aufgabenbereich dieses Sklaven war, geht aus der Stelle selbst nicht hervor.1 Cornelius NeposNepos, Cornelius hebt hervor, dass unter den Sklaven des Atticus literarisch sehr gebildete Sklaven gewesen seien – und zwar anagnostae optimi et plurimi librarii (Corn. Nep. Att. 13,3). Diese Differenzierung könnte dahin gehend gedeutet werden, dass erstere eher für die Textrezeption,2 letztere für Produktion bzw. das Abschreiben von Texten zuständig gewesen sind. Eine ähnliche Differenzierung findet sich bei PlutarchPlutarch: Dieser (Crass. 2,6) führt unter den Haushaltssklaven (οἰκέτης) von Crassus neben Edelmetallprüfern für Silber (ἀργυρογνώμων), Schatzmeistern/Verwaltern (διοικητής) und Tischbediensteten (τραπεζοκόμος) auch ἀναγνῶσται und ὑπογραφαί auf. Mit ὑπογραφεύς ist hier aber vermutlich nicht nur ein Schreiber gemeint, vielmehr verweist die Vorsilbe auf eine spezielle Funktion – entweder auf jemanden der unter der Leitung eines anderen schreibt oder jemand der zur Unterschrift autorisiert ist.3

Keine dieser Stellen zwingt jedoch zu der Annahme, dass es sich bei den genannten Personen um nur für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt ausgebildete Spezialisten handelt.4 Vielmehr deutet der Quellenbefund des Lexems insgesamt darauf hin, dass literarisch gebildete Spezialisten im Blick sind, in deren Aufgabenbereich auch das Vorlesen von Texten lag. Dafür spricht a) der Inschriftenbefund, der schon LSJ zur Formulierung der Nebenbedeutung secretary bewogen hat. Ein Epitaph von der Insel Cos bezeugt für das 2. Jh. die Funktion eines ἀναγνώστηςἀναγνώστης γερουσίας (I.Cos 238) also ein spezifisches SekretärsamtSekretär im Ältestenrat. Eine Ehreninschrift, die in der Nähe von Smyrna bei Bel Kave gefunden wurde und vermutlich auf die zweite Hälfte des 2. Jh. v. Chr. zu datieren ist, belegt die Ehrung eines Strategen und seiner Familie durch Umhängen goldener Kränze – unter den Bekränzten befindet sich auch ein ἀναγνώστης τοῦ δήμου (eine Art Stadtsekretär; I.Smyrn. 609,13f).5 Ein Ehrenbeschluss für einen Krates in Priene aus dem 1. Jh. listet unter den in sein Haus eingeladenen Amtsträgern auch einen ἀναγνώστης auf (I.Priene 56,190–194 [= I.Priene 111, ed. Hiller]). Ob sich das Attribut τῆς πόλεως, das eigentlich zum nachfolgend genannten κῆρυξ gehört, jedoch auch auf ἀναγνώστης zurückbezieht, wie LSJ meinen, muss offen bleiben. Interessant vor allem im Hinblick auf die Frage nach einem LektorenamtLektor in den späteren christlichen GemeindenGemeinde (s. u. 9.4) ist sodann die Nennung eines ἀναγνώστης in einer Vereinsinschrift aus Sparta aus dem 1. Jh. v. Chr. (IG V/I, 209,28). Darüber, ob es sich hierbei um eine Berufsbezeichnung, um ein öffentlichesÖffentlichkeitöffentlich Amt oder um einen Verweis auf die Funktion innerhalb des Vereins oder sogar beim Vereinsmahl handelt, gibt die InschriftInschriften allerdings keine Auskunft.6 In mindestens den ersten drei genannten Inschriften handelt es sich nicht um zum Vorlesen ausgebildete SklavenSklave, sondern um öffentliche Ämter, die mit Lese- und vielleicht auch mit Schreibaufgaben sowie einem gewissen sozialen Ansehen verbunden waren. Im Rahmen der antiken BuchproduktionBuch-produktion und -vervielfältigung wird ihnen zudem, wie K. Dziatzko im Hinblick auf die für Atticus und Crassus belegten ἀναγνῶσταιἀναγνώστης (s. o.) ausführt, die Funktion des KorrekturlesensKorrektur (s. auch Evaluation) (ἀκριβόω, διορθόω, emendo, relgorelego etc.) und Vergleichens der geschriebenen TexteLesenvergleichend mit der VorlageVorlage und mit älteren Textfassungen zugekommen sein.7

Aufschlussreich ist zudem b) die Übersetzung des hebräischen Lexems סֹפֵר (Schreiber, SekretärSekretär [auch in hoher Stellung; vgl. z.B. 1Kön 2,111Kön 2,11]) in 1Esdr 8,8 f.19; 9,39.42.49 mit ἀναγνώστηςἀναγνώστης als exklusive Bezeichnung für die RolleRolle (scroll) von Esdras – dabei handelt es sich um die Übersetzung des Esrabuches, aus der JosephusJosephus, Flavius eben diese Informationen über Esdras rezipiert (vgl. Ios. ant. 11,123.127). Diese Übersetzung ist singulärFrequenzsingulär in der LXXAT/HB/LXX; hebr. סֹפֵר/aram. סָפַר wird üblicherweise mit γραμματεύς übersetzt (vgl. z.B. 2Kön 18,372Kön 18,37; 19,22Kön 19,2; Jer 8,8Jer 8,8; 52,25Jer 52,25). An anderen סֹפֵר/סָפַר-Stellen in 1Esdr wählt der Übersetzer eben dieses Lexem (Esr 4,8 fEsr 4,8 f.17Esr 4,17.13Esr 4,13 || 1Esdr 2,15 f.21.25);8 interessanterweise wird auch Esdras in 1Esdr 8,3 (סֹפֵר in Esr 7,6Esr 7,6) als γραμματεύς bezeichnet. In der Schwesterübersetzung des hebräischen Esrabuches findet sich die Bezeichnung ἀναγνώστης für Esdras überhaupt nicht, vielmehr wird סֹפֵר als Bezeichnung von Esdras durchgehend mit γραμματεύςγραμματεύς übersetzt (vgl. u. a. 2 Esdr 7,11 f.21). Da es unstrittig ist, dass dem Übersetzer an dieser Stelle der bekannte hebräische Text vorlag,9 handelt es sich also hierbei um eine bewusste Übersetzerentscheidung, die dadurch motiviert gewesen sein könnte, die Rolle von Esdras kontextuell bedingt besonders hervorzuheben, die u. a. in 1Esdr 8,3 (γραμματεὺς εὐφυὴς ὢν ἐν τῷ Μωυσέως νόμῳ) pointiert zusammengefasst und durch die Lehr- und Vorlesetätigkeit Esdras in 1Esdr 9,37b–54 narrativ entfaltet wird, und ihn damit insgesamt als politisch wirkmächtigen, literarisch gebildeten und torakundigenTora Mann mit Auftrag zur LehreLehre zu präsentieren.10 Eine analoge Verwendung findet sich in ParJer (4Bar) 5,17, wo Baruch als ἀναγνώστης bezeichnet wird,11 dessen Aufgabenumfang im AT eher demjenigen eines Sekretärs gleicht (vgl. v. a. Jer 36,4Jer 36,4.17 fJer 36,17 f.32Jer 36,3212 = 43,4Jer 43,4 LXX.17 fJer 43,17f LXX.32 LXXJer 43,32 LXX; 51,1Jer 51,1 = 51,31 LXXJer 51,31 LXX; vgl. ferner Bar 1,1Bar 1,1), den Josephus γραμματεύςγραμματεύς (Ios. ant. 10,6,2 [94f]) und Schüler (μαθητής) von Jeremia (Ios. ant. 10,9,1 [158]; 10,9.6 [178]) nennt und der sich in ParJer (4Bar) 6,16ff vor allem als Briefschreiber hervortut. Es ist ganz offensichtlich, dass seine Vorlesetätigkeit in Jer 36,6–11Jer 36,6–11.13–15Jer 36,13–15. (= 43,6–11Jer 43,6–11 LXX.13–15 LXXJer 43,13–15 LXX) nur einen Teil von Baruchs Aufgabenspektrum abdeckt und hier zu einer Erzählsequenz gehört, welche die Entstehung des Jeremiabuches selbstreferenziellselbstreferenziell kommentiert.

c) Es gibt außerdem eindeutige Belege dafür, dass ἀναγνώστης auch den individuellen LeserLeser meinen kann, der gerade nicht anderen vorliest. So wird Aristoteles in der Vita Aristotelis Marciana als ἀναγνώστης bezeichnet. „Häufig [sagte] Platon nämlich: ‚Lasst uns 〈weggehen〉 zum Haus des Lesers! (εἱς τὴν τοῦ ἀναγνώστου οἰκίαν)‘, und wenn er [d.h. der Leser] bei der Vorlesung abwesend war (ἀπόντος τῆς ἀκροάσεως), rief er [d. h. Platon] lautLautstärkelaut auf: ‚Der Verstand ist ab〈wesend〉 und 〈stumpf ist die HörerHörer〉s〈chaft〉!‘“ (Vit. Arist. Marc. 42–44).13 Vor allem durch die Gegenüberstellung zur Vorlesung (ἀκρόασις)14 wird deutlich, dass mit der Bezeichnung ἀναγνώστης, die man umgangssprachlich vielleicht mit „Leseratte“ wiedergeben könnte, seine kommende Gelehrsamkeit hervorgehoben werden soll, die vor allem darin zum Ausdruck kommt, dass er tugendhaft viel liest.

Es ist aufschlussreich, dass sich das Bedeutungsspektrum des lateinischen Lexems lectorLektor von der Verwendung von ἀναγνώστηςἀναγνώστης in den Quellen unterscheidet. An der Mehrzahl der Belegstellen ist der lectorlector gerade nicht ein VorleserVorleser,15 sondern der LeserLeser bzw. RezipientRezipient, der in der lateinischen Literatur im 1 Jh. zum anonymen Gegenüber des Autors wird:16

CiceroCicero, Marcus Tullius schreibt in einem BriefBrief an L. Lucceius, es gäbe nichts Besseres zur UnterhaltungUnterhaltung des LesersLeser (ad delectationem lectoris), als in Ereignissen und Schicksalen zu variieren (vgl. Cic. fam. 5,12,4).17 In den Tusculanae disputationes polemisiert Cicero gegen unbedacht geschriebeneSchriftGeschriebenes, lateinische BücherBuch der Epikureer, deren Rezipientenkreis aus diesem Grund begrenzt seien: „daß aber einer seine Gedanken niederschreibt und sie weder zu ordnen noch gut auszudrücken, noch den Leser durch irgendeine gefällige Form anzuziehen vermag (nec delectatione aliqua allicere lectorem), das beweist einen unerlaubten Mißbrauch der eigenen Freizeit und der Sprache. So werden denn auch ihre Bücher nur von ihnen selbst und ihren Anhängern gelesen, und keiner rührt sie an außer denen, die sich dieselbe Zügellosigkeit im SchreibenSchreiben gestatten möchten“ (Tusc. 1,6; Üb. GIGON). Auch wenn Cicero die rhetorische Frage stellt, welchen Leser er fürchten bräuchte (ego autem quem timeam lectorem …? fin. 1,8), hat er hier die RezipientenRezipient seines philosophischenPhilosophie Werkes De finibus bonorum et malorum im Blick. Cornelius NeposNepos, Cornelius nutzt das Lexem zur Ansprache seiner Rezipienten. Explizit als Vorbemerkung an den Leser markiert (de hoc priusquam scribimus), schreibt er z.B. am Anfang der Kurzbiographie über Epaminondas: „Bevor wir über ihn schreiben, scheint es ratsam, die Leser davor zu warnen (haec praecipienda videntur lectoribus), fremde Sitten nach ihren eigenen Maßstäben zu beurteilen“ (Corn. Nep. Epamin. 1,1; Üb. FÄRBER); die Auswahl nur eines Beispiels, das die Grausamkeit Lysanders zum Ausdruck bringen soll, begründet er damit, dass er den Leser nicht langweilen möchte: ne de eodem plura enumerando defatigemus lectores (Corn. Nep. Lys.Lysias 2,1). Vgl. außerdem Corn. Nep. Pelop. 1,1; Attic. 19,1. Interessant ist, wie Phaedrus gegen CatoCato der Ältere, Marcus Porcius polemisiert: Quid ergo possum facere tibi, lectorLektor Cato, Si nec fabellae te iuvant nec fabulae? Noli molestus esse omnino litteris, Maiorem exhibeant ne tibi molestiam (Phaidr. 4,7). Wenn Columella am Ende von Buch 8 seines Hauptwerkes das Ende der Ausführungen damit begründet, er wolle den Leser (lectorlector) nicht durch die Länge des Buches erschöpfen (Colum.Columella, Lucius Iunius Moderatus 8,17,16), hat er hier nicht einen VorleserVorleser, sondern den individuellen Leser im Blick. Diesen hat auch eindeutig HorazHoraz im Blick, wenn er Maecenas in einem Brief die Frage stellt: „Möchtest du wissen, warum mein Werkchen vom Leser zwar zu Hause geschätzt, auch gelobt (mea cur ingratus opuscula lectorlector laudet ametque domi), doch draußen geschmäht wird?“ (Hor. ep. 1,19,34f; Üb. angelehnt an HERMANN). Vgl. außerdem die Gegenüberstellung von Lesern und PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) in einem Brief an Augustus: Hor. ep. 2,1,214f; Martial führt das Gespräch mit seinen Lesern in vielen Fällen ebenfalls unter Verwendung des Lexems lectorlector (vgl. Mart.Martial1,1; 1,113; 2,8; 5,15f; 7,12; 9 praef.; 9,49; 10,1f u. ö.), wobei er verschiedene Lesertypen, angezeigt durch verschiedene qualifizierende Attribute, imaginiert: z.B. lectorlector studiosus als Bezeichnung eines Lesers mit „eifriger Gespanntheit und literarischer Begeisterung“18; delicate lectorlector (Mart. 4,55); lectore guloso (Mart. 10,59); lectorlector amicus (Mart. 5,16).19 Besonders seine Unterscheidung zwischen Lesern und HörernHörer in Mart. 9,81 macht deutlich, dass Martial unterschiedliche Rezeptionsmodi seiner Epigramme antizipiert und der lectorlector für den Rezeptionsmodus der individuellen Lektüre steht. Valerius Maximus, der seine Leser ebenfalls unter der Verwendung des Lexems lectorlector anspricht (vgl. Val. Max.Valerius Maximus 8,2), kündigt seinen Lesern an, ihnen einige Bilder vor AugenAugen zu stellen (… quasdam imagines non sine maxima ueneratione contemplandas lectoris oculis subiciam … Val. Max. 4,6), womit entweder die visuellevisuell Dimension des Lesens oder das innere Auge des Lesers im Blick ist. Plin. ep.Plinius der Jüngere 3,13,2 reflektiert über den Leser (lectorlector) von Redemanuskripten, der diese wegen der besonderen Qualität des Textes genau liest. Aus dem Kontext geht hervor, dass deutlich „zwischen Erstrezeption und eingehender Weiterbeschäftigung unterschieden“20 wird. Vgl. außerdem Plin. ep. 4,14,7; 4,26,3 (… tu lectorlector …); 5,4,4. VitruvVitruv reflektiert im Vorwort seines fünften Buches in rezeptionsorientierter Perspektive über die Unterschiede des SchreibensSchreiben über Architektur im Vergleich zur GeschichtsschreibungGeschichtsschreibung oder zur Poesie: historiae per se tenent lectores; habent enim novarum rerum varias expectationes. poematorum vero carminum metra et pedes ac verborum elegans dispositio et sententiarum inter personas distinctas versuum pronuntiatio prolectando sensus legentium legoperducit sine offensa ad summam scriptorum terminationem. (Vitr. 5 praef. 1). Apuleius stimmt seine Leser in seinem RomanRoman Metamorphoseon programmatisch am Beginn ein: lectorlector intende: laetaberis (Apul.Apuleius met. 1,1,6). Vgl. ferner Apul. met. 10,2,4; 11,23,5. Diese Liste ließe sich fortführen: Vgl. z.B. Phaedr. 2 prol.; Sen. de iraSeneca, Lucius Annaeus (d. J.) 2,2; Hor. ars. 344; Hor. sat. 1,10,74; Catull.Catull, Gaius Valerius 14b; Ov.Ovidius, P. Naso trist. 1,7,32; 1,11,35; 3,1,2.19; 4,1,1f (!); 4,10,132 u. ö.;21 Pont. 3,4,43 u. ö.22

Die aufgeführten Stellen belegen eindeutig, dass der (intendierte) RezipientRezipient eines Textes im Blick ist,23 da z.B. sein emotionales Empfinden oder sein Urteil adressiertAdressat bzw. er direkt als Rezipient angesprochen wird – und es sich dabei nicht um Vorlese- oder Regieanweisungen handelt. Diese Verwendungsweise von lectorLektor in lateinischen Quellen ist für das Lexem ἀναγνώστηςἀναγνώστης im Griechischen gerade nicht belegt; für analoge pragmatischePragmatik Zwecke werden in den griechischen Texten v. a. substantivierte Partizipien von ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω (s. o.) und ἐντυγχάνωἐντυγχάνω (s. u.) genutzt. Am nächsten an die besprochene Verwendungsweise des Lexems lectorlector kommt noch die diskutierte Stelle (Vit. Arist. Marc. 42–44), an der Aristoteles als Vielleser charakterisiert wird – hier unterscheidet sich jedoch der Kommunikationszusammenhang, da hier die Außenwahrnehmung auf Aristoteles dokumentiert ist, und nicht die Kommunikation zwischen AutorAutor/Verfasser/Text und LeserLeser.

3.2 Lesen als Hören

Auf das Phänomen „Lesen“ wird im Griechischen jedoch vielfach auch mit dem Lexem ἀκούωἀκούω (Grundbedeutung: hören) verwiesen.1 Als Terminus zur Rezeption von Geschriebenem wird das Verb zur Kennzeichnung der hörenden Rezeption eines vorgelesenen Textes2 oder einer RedeRede/eines Vortrages3 verwendet. Aber für zahlreiche Belegstellen kann die Rezeptionssituation (jemand liest jemandem vor) nicht a priori vorausgesetzt werden;4 genauso wenig kann daraus geschlossen werden, dass in der Antike grundsätzlich vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend gelesen wurde,5 wie zu zeigen sein wird. So lässt Platon den Phaidros in seinem Dialog mit Sokrates abfällig über einen Menschen sprechen, der sich für einen ArztArzt hielte, „weil er aus irgendeinem BuchBuch hörte/in einem Buch las6 (ἐκ βιβλίου ποθὲν ἀκούσας)“ (Plat.Platon Phaidr. 268c). Hier ist es nicht eindeutig zu entscheiden, ob an eine Vorlesesituation oder an individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre gedacht ist.7 Letzteres ist zumindest sehr gut vorstellbar angesichts der Quellenevidenz im Folgenden. Das gilt im Übrigen auch für die analoge Verwendung von audire im Lateinischen.8

Eine eindrückliche Belegstelle findet sich bei Herodot, an der eindeutig eine Szene individualisierten Lesens voraussetzt wird (Hdt.Herodot 1,48). Ob vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend oder nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend kann aus dem Text heraus nicht eindeutig entschieden werden:9 Im Kontext einer Probe der griechischen Orakel durch den Lyderkönig Kroisos erhält dieser die schriftlich fixierten Orakelsprüche in Form von RollenRolle (scroll) (ἀναπτύσσωἀναπτύσσω), die er einzeln inspiziert (ἐποράω), wobei ihm bis auf einen keiner der Sprüche gefällt. „Aber als er die Antwort aus Delphi hörte (ὡς τὸ ἐκ Δελφῶν ἤκουσε), verehrte er sie unverzüglich und akzeptierte sie“ (Hdt. 1,48,1). Analog wird ἀκούωἀκούω auch in Hdt. 1,125,1 als LeseterminusLese-terminus verwendet. An dieser Stelle ist aus dem Kontext eindeutig zu erschließen, dass die BuchstabenBuch-stabe zum LeserLeser sprechen (τὰ δὲ γράμματαγράμματα ἔλεγε; Hdt. 1,124,1).10 Eine ebenfalls eindeutige individuell-direkteLektüreindividuell-direkt LeseszeneLese-szene, im Rahmen derer ἀκούω als Leseterminus gebraucht wird, findet sich in Heliodors Aithiopika: Der Ich-ErzählerErzähler Theagenes liest den äthiopischen Text auf einem Band (ταινία; vgl. Hld.Heliodoros 4,8,1), das der ausgesetzten Chariklea beigegeben worden war (vgl. Hld. 4,7), und hört den Namen ihrer Mutter Persina: Ἐπάγην, ὦ Κνήμων, ὡς τοῦ Περσίννης ὀνόματος ἤκουσα (Hld. 4,8,2). Aus dem Kontext kann man erschließen, dass der Ich-Erzähler die StimmeStimme des Textes hört; als Lesetermini werden Lexeme (ἐπέρχομαι, εὑρίσκωεὑρίσκω) verwendet, die eher darauf hindeuten, dass nicht-vokalisierende Lektüre zu imaginieren ist: „Beim Begehen fand ich die Schrift Folgendes erzählend … (καὶ ἐπερχόμενος τοιάδε ηὕρισκον τὸ γράμμαγράμμα διηγούμενον … Hld. 4,8,1). Bei Isokrates (or. 12,252) findet sich die Aussage, dass viele die von ihm aufgeschriebenen Taten und Schlachten lesen und durchgehen wollten (πολλοὺς ποθεῖν ἀναγνῶναι καὶ διελθεῖν αὐτάς), nicht weil sie die Taten an sich hören wollen (ἀκοῦσαι πράξεις), sondern weil sie lernenLernen (μανθάνωμανθάνω) wollten, wie Isokrates diese bewertet bzw. darstellt.11 Die Kombination aus ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω und διέρχομαιδιέρχομαι zeigt, dass hier keine Vortragssituation, sondern eine Form individuell-direkter und intensiver Lektüre im Blick ist. Es ist daher m. E. auch wahrscheinlicher, dass ἀκούω hier nicht das tatsächliche Hören des mit der eigenen Stimme vorgelesenen Textes meint, sondern die kognitivekognitiv Verarbeitung des Gelesenen benennt.

In Plutarchs Schrift De facie in orbe lunae formuliert Lamprias gerichtet an einen der Gesprächsteilnehmer, Theon:

„Weil du aber nun den Aristarch schätzt und bewunderst, gibst du dem Krates kein Gehör, wenn er liest (οὐκ ἀκούειςἀκούω Κράτητος ἀναγινώσκοντοςἀναγιγνώσκω): ‚Vater Okeanos, welcher den Ursprung Allem gegeben [Hom.Homer Il. 14,246], Menschen und Göttern, der weit sich ausstreckt über die Erde,‘“ (Plut.Plutarch de fac. 25 [mor. 938d]; Üb. OSIANDER/SCHWAB).

Es handelt sich bei dieser Schrift um ein Gespräch, das aus der Perspektive von Plutarchs Großvater, Lamprias, geschildert wird und dessen erzählte Zeit in die zweite Hälfte des 1. Jh. n. Chr. fällt. Die Formulierung von Lamprias verweist auf die konkurrierende Homer-Interpretation des stoischen Grammatikers Krates von Pergamon und dem Alexandriner Aristarch im 2. Jh. v. Chr. Daraus wird unmittelbar ersichtlich, dass Krates hier nicht selbst liest, sondern Lamprias sich auf den Homertext von Krates bezieht. Denn die erste Hälfte des Zitats ist ein ZitatZitat aus der Ilias, die zweite Hälfte stellt eine Emendation im Ilias-Text von Krates dar, die bei Aristarch fehlt.12 Das Verb ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω wird hier also im Sinne des modernen textkritischenTextkritik Lesebegriffes gebraucht,13 das Verb ἀκούωἀκούω bezieht sich darauf, dass Theon sich nicht mit der Interpretation bzw. dem Ilias-Text des Krates beschäftigt, also dessen Ilias-Text bzw. dessen Schriften nicht liest.

Exemplarisch sei auch noch auf OrigenesOrigenes verwiesen, der ἀκούωἀκούω in seiner Apologie gegen Celsus im Sinne von „lesen“/„rezipieren“ verwendet:

„Dennoch wünschte ich mir, dass jeder, der die dreiste Behauptung des Celsus gehört hat (ἀκούσαντα δεινολογοῦντος Κέλσου), ‚die Schrift über ChristusChristus mit dem TitelTitel ‚Streitgespräch zwischen Papiskos und Jason‘ verdiene nicht Gelächter, sondern Abscheu,‘ diese kleine Schrift zur Hand nimmt und die Geduld und Ausdauer aufbringt, ihren Inhalten Aufmerksamkeit zu schenken (λαβεῖν εἰς χεῖρας τὸ συγγραμμάτιονσυγγράμματα καὶ ὑπομεῖναι καὶ ἀνασχέσθαι ἀκοῦσαι τῶν ἐν αὐτῷ), um mit ihr Celsus zu verurteilen, weil er nichts in dem BuchBuch findet, was ‚Abscheu‘ verdient“ (Orig.Origenes Cels. 4,52; Üb. BARTHOLD).

Wenig später fordert OrigenesOrigenes den LeserLeser (… τὸν ἐντυγχάνοντα14 τῇ ἀπολογίᾳ ταύτῃ πρὸς τὴν Κέλσου …) unter Verwendung eines Derivats von ἀκούωἀκούω auf, er möge „unserer Schrift Aufmerksamkeit schenken“ (καὶ ἐπακοῦσαι τῶν συγγραμμάτωνσυγγράμματα ἡμῶν; Orig. Cels. 4,53).Aufmerksamkeitvertieft

Einen außergewöhnlichen Einblick in die antike Selbstwahrnehmung der kognitivenkognitiv Verarbeitung von Gelesenem, der die oben stehenden Quellenzeugnisse einzuordnen hilft, gewährt uns der AutorAutor/Verfasser der Schrift Περὶ ὕψους („Über das Erhabene“), die vermutlich ins 1. Jh. n. Chr. zu datieren ist.15 Im Kontext der Diskussion um die Qualität von Literatur (Ps.-Long.Pseudo-Longinos 7,1–3) verwendet er ἀκούωἀκούω als LeseterminusLese-terminus, und zwar für die Benennung von MehrfachlektüreLektüreMehrfach- (Ps.-Long.Longinos 7,3). Bei der beschriebenen Lektüre handelt es sich um eine prüfende, die mit dem Adjektiv visuellervisuell Wahrnehmung ἐπισκεπτέος sowie mit den Verben ἀναπτύσσωἀναπτύσσω und εὑρίσκωεὑρίσκω im Kontext (Ps.-Long 7,1) näher spezifiziert wird.16 Aufschlussreich ist nun, dass der an dieser Stelle vorgestellte LeserLeser nicht mit dem OhrOhr hört, sondern vielmehr die ψυχήψυχή explizit als Subjekt des Hörens gekennzeichnet wird (Ps.-Long. 7,2; impliziert auch in 7,3). Das Gelesene wird mit der διάνοιαδιάνοια weiterverarbeitet,17 wobei Literatur minderer Qualität dieser „nicht mehr zum Betrachten (ἀναθεωρέω) zurücklässt als den bloßen Wortlaut“ (Ps.-Long. 7,3; Üb. angelehnt an SCHÖNBERGER), qualitätsvolle Literatur demgegenüber zu ausgiebiger Reflexion (οὗ πολλὴ μὲν ἡ ἀναθεώρησις; Ps.-Long. 7,3) und damit auch zu erneuter analysierender und reflektierender Lektüre anregt, die durchaus auch mit Unterbrechungen für die kognitiven Weiterverarbeitungsprozesse zu denken ist.18

Das bisher Gesagte lässt vermuten, ἀκούωἀκούω werde in Lesezusammenhängen häufig nur noch usuell gebraucht.19 Diese Schlussfolgerung lässt sich weiter erhärten: Ein eindrückliches Indiz für einen solchen usuellen Gebrauch findet sich bei Diog. Laert.Diogenes Laertios 2,5,18, der mit einem verbum dicendiverba dicendi (im Sinne von „schriftlich mitteilen“) auf Plat.Platon Tht. 149a verweist: „Sokrates war der Sohn des Steinmetzes Sophroniskos und von der Hebamme Phaenarete, wie auch Platon [in Form der Dialogfigur Sokrates!] im Theaitetos sagt (ὡς καὶ Πλάτων ἐν Θεαιτήτῳ φησίν).“ Es ist hier völlig eindeutig, dass Platon eben nicht selber gesprochen hat, sondern Sokrates hat sprechen lassen.20 Auch wenn Demetrios von PhaleronDemetrios von Phaleron schreibt, ThukydidesThukydides erlaube durch die Form der KompositionKomposition weder sich noch dem RezipientenRezipient eine Pause (καὶ ἐκ τοῦ μόγις ἀναπαῦσαι αὐτόν τε καὶ τὸν ἀκούοντα; Demetr. eloc. 2,45), könnte hier gut der individuelle LeserLeser im Blick sein – ein Urteil, das auch der Übersetzter W. R. Roberts gefällt hat, der das PartizipPartizip mit reader wiedergibt.21 Galen zitiert in seiner 2005 wiederentdeckten Schrift „Über die Unverdrossenheit“ Euripides und leitet das ZitatZitat für seinen Leser folgendermaßen ein: „Was Euripides irgendwo dem Theseus in den Mund legt, ist vor allem wahr, wie du erkennen wirst, wenn Du die Worte hörst (ἀκούσας δὲ τῶν ἐπῶν εἴσει)… [Es folgt das Zitat: Eur.Euripides fr. 964 Nauck]“ (Gal.Galenos alyp. 52; Üb. angelehnt an BRODERSEN).

Als stärkste Evidenz für einen usuellen Gebrauch von ἀκούωἀκούω als LeseterminusLese-terminus ist auf die bei den antiken Schriftstellern verbreitete Praxis zu verweisen, ihre Quellen mit der Phrase ἤκουσα xy(Gen.) λέγοντος anzugeben bzw. ZitateZitat einzuleiten.22 Dabei sei am Rande auf das analoge Phänomen verwiesen, dass das Substantiv ἀκοή nicht nur das OhrOhr, sondern auch abstrakt die Information oder TraditionTradition bezeichnen kann.23 D. M. Schenkeveld hat eindrücklich gezeigt, dass die Wiedergabe einer LesefruchtLese-frucht mit „gehört haben, dass xy gesagt hat …“ ausgedrückt wird, während im Lateinischen die Phrase legere apud xy aliquid gängig ist.24 Für die auch im Griechischen erwartbare Phrase „in xy gelesen haben, dass …“, die mit dem Verb ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω gebildet wird, sei der Befund hingegen weitgehend, jedoch nicht gänzlich negativ.25 Seine Liste von Ausnahmen kann allerdings noch ergänzt werden:

Diod.Diodorus Siculus 14,47,2: „darin [in einem SchreibenSchreiben von Dionysios, Tyrann von Syrakus] war zu lesen, … (ἧς ἀναγνωσθείσης ἔν …)“; Plut.Plutarch symp. 3,7,2 [mor. 656a]; Plut. symp. 8,4,3 [mor. 724a]: „Und doch habe ich, wie ich mich zu erinnernErinnerung glaube, neulich in der attischen Geschichte gelesen [ἐν τοῖς Ἀττικοῖς ἀνεγνωκὼς], daß …“ (Üb. OSIANDER/SCHWAB); Plut. Alex. 4: … ἀνέγνωμεν ἐν ὑπομνήμασιν Ἀριστοξενείοις; Plut. Adv. col. 14 (mor. 1115d): ἡμεῖς γὰρ ἐν πᾶσιν ἀναγινώσκομεν …; Iust.Iunianus Iustinus Mart.Justin der Märtyrer dial. 11,2: Νυνὶ δὲ ἀνέγνων γάρ, ὦ Τρύφων, ὅτι … (ZitatmarkierungZitat-einleitung/-markierung); 11,3: Ἢ σὺ ταῦτα οὐκ ἀνέγνως ἅ φησιν Ἠσαίας … (Zitatmarkierung); 10,3: Ἢ οὐκ ἀνέγνως ὅτι … (Zitatmarkierung); TestDan 5,6: ἀνέγνων γὰρ ἐν βίβλῳ Ἑνώχ τοῦ δικαίου ὅτι …; TestNaph 4,1: … ἀνέγνων ἐν γραφῇ ἁγίᾳ Ἑνὼχ ὅτι …; TestAss 7,5: ἀνέγνων γὰρ ἐν ταῖς πλαξὶ τῶν οὐρανῶν ὅτι …; Gebet des Joseph Fr. B: ‘Ἀνέγνων γὰρ ἐν ταῖς πλαξὶ τοῦ οὐρανοῦ … (Eus.Eusebios von Caesarea pr. ev. 6,11,64); siehe zu diesem Text weiterführend (SIEGERT, 2016, hier 291–293.); Porph.Porphyrios vit. Plot.Plotin 15: … ἀνέγνω ὑπὲρ Ἀλκιβιάδου τοῦ ἐν τῷ «Συμποσίῳ» τοῦ Πλάτωνος …; Basil.Basilius der Große Caes.Caesar ep. 150,2: ἀνέγνων γάρ που ἐν Ψαλμοῖς, ὅτι …; Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) Afr. D 18: ἀνέγνων ἐν τοῖς Νεπτουνιανοῦ ‚Φυσικοῖς‘ ὅτι …; vgl. im NT auch Mt 19,4Mt 19,4; 21,16Mt 21,16; vgl. ferner auch die Formulierung τὴν δὲ Ἀφροδίτην ἀνέγνωμεν mit anschließender Paraphrase von Hom.Homer Il. 3,424f bei Clem. Al.Clemens von Alexandria prot. 2,35,2 sowie die häufige Kennzeichnung von Zitaten mit in seinem Werk mit ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω (z.B. aus der Ilias in Clem. Al. paid. 2,121,5 und eines Platonzitats in Clem. Al. paid. 2,89,2); zur Kennzeichnung von Zitaten oder Paraphrasen mit ἀναγιγνώσκω vgl. z. B. auch Orig.Origenes Cels. 1,26; 1,59; 4,28f; 4,72; 5,38; comm. in Ioh. 1,21,130; 1,29,203; 1,35,257 u. ö.

In diesen Befund passt auch die gängige Praxis antiker AutorenAutor/Verfasser, verba dicendiverba dicendi (also z.B. Formen von λέγωλέγω bzw. φημί im Griechischen bzw. dico im Lateinischen) zu verwenden, um in ihren Texten Querverweise im Sinne von „wie ich geschriebenSchriftGeschriebenes habe/schreibenSchreiben werde“ o. ä. einzufügen26 oder Querverweise auf andere Werke bzw. ZitateZitat mit verba dicendi zu markieren.

Vgl. exempl. Strab.Strabon 1,2,3 mit Verweis auf Erathostenes’ Geographika: „Er sagt (ἔφη), dass die Poeten …“; Quint.Quintilian inst. or. 2,21,5 mit Verweis auf Cic.Cicero, Marcus Tullius de orat.: „Auch Cicero nennt an einer Stelle als Stoff der RhetorikRhetorik die Gegenstände (Cicero quodam loco … vocat), die sich ihr darbieten …“ (Üb. RAHN); in Plut.Plutarch symp. 1,9,4 [mor. 627d], verweist Theon auf die ps.-aristot. Schrift Problemata Physica, in der Aristoteles sagte, nach dem Seebad werde man in der Sonne schneller trocken als nach einem Flussbad (Ἀριστοτέλης γὰρ ἐν ταὐτῷ βιβλίῳ φησὶ …), worauf der Ich-ErzählerErzähler versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, wovon Homer sagt: ’ἀλλ᾽ ᾤμην σε μᾶλλον Ὁμήρῳ τἀναντία λέγοντι πιστεύσειν. Als Beleg folgen im Text zwei ZitateZitat aus der Odyssee; Plutarch zitiert Hermippos von Smyrna (3. Jh. v. Chr.), der sagt (d. h. schreibt), er habe in anonymen Memoiren gelesen, Demosthenes sei ein Schüler von Platon gewesen und habe von diesem Hilfe bei seinen rhetorischen Studien erhalten ( Ἕρμιππος δέ φησιν ἀδεσπότοις ὑπομνήμασιν ἐντυχεῖν ἐν οἷς ἐγέγραπτο τὸν Δημοσθένην συνεσχολακέναι Πλάτωνι καί πλεῖστον εἰς τοὺς λόγους ὠφελῆσθαι …).27 Arrian beginnt seine Geschichte über Alexander mit dem passivischen λέγεται (Wie gesagt/berichtet wird … [Arr.Arrian an. 1,1]), nachdem er im Vorwort seine schriftlichen Quellen erläutert hat. Unzählige Belegstellen könnten aus den Deipnosophistai von Athenaios angeführt werden. Besonders aufschlussreich im Hinblick auf die Fragestellung dieser Studie sind vor allem diejenigen Stellen, an denen der AutorAutor/Verfasser, der etwas „sagt“, eindeutig nicht mit den sprechenden Personen auf der Ebene der erzählten Welt übereinstimmt. Athen.Athenaios deipn. 16,62 (650a): καὶ Εὐριπίδης ἐν Κύκλωπί φησι … (es folgt ein Zitat aus Eur.Euripides Cycl. 394, auf der Ebene des Satyrspiels spricht Odysseus); Athen. deipn. 12,16 (518f) sogar mit exakter Angabe der RolleRolle (scroll) des Werkes, aus dem zitiert wird: … ὥς φησι Πτολεμαῖος ἐν ὀγδόῳ ῾Υπομνημάτων … (es folgt ein Spruch des mauretanischen KönigsKönig Massanassa). Bei Cicero findet sich hingegen der Beleg, dass durchaus zwischen Autor und Sprecher auf der Ebene der erzählten Welt unterschieden werden konnte. Vgl. die Phrase ut ait apud Xenophontem Socrates (Cic. nat. 2,18) zur Angabe eines Zitats aus Xen.Xenophon mem. 1,4,8. In lateinischen Texten verbreitet ist die ZitatmarkierungZitat-einleitung/-markierung ut ait + Autorname. Vgl. exemplarisch Plin. ep.Plinius der Jüngere 4,7,6; 4,18,1 (weitere Stellen bei Plinius verzeichnet SCHWERDTNER, 2015, 36, Anm. 41.); Cic. Att. 1,20,3; 2,7,4; 7,1,6; 9,17,4; 10,8,7; nat. 3,27.41; div. 1,24.74; 2,57.128; rep. 1,49 u. ö. Tert.Tertullianus, Quintus Septimius Florens Apol. 48,1. Vgl. außerdem Strab. 2,1,5; Plut. de stoic. rep. 10 (mor. 1036f–1037b); Plut. adv. Col. 30 [mor. 124d]; Plut. Art. 13,3; u. ö.; Diog. Laert.Diogenes Laertios 2,5,18 (s. o.); 3,1,66; Mak. apokr. 3,3,1; 3,18,1 u. ö. Pomponius Mela verweist rückblickend auf das bereits Geschriebene mit dem PartizipPartizip Perfekt Passiv dictum est … (Mel.Mela, Pomponius de chorogr. 1,25). Zitationsformeln mit verba dicendiverba dicendi finden sich ferner auch in hebräischen Texten.28

Einen eindrücklichen Beleg für die dadurch erzeugte Fiktion eines Dialogs mit seinen Lesern, der Teil einer durchdachten Leserlenkungsstrategie ist, findet sich z.B. beim Werk von PolybiosPolybios.29 Aufschlussreich ist es ferner, wenn Clemens von Alexandria seinen LeserLeser im Singular(!) auffordert, den folgenden Bericht über den Apostel Johannes zu hören: ἄκουσον μῦθον οὐ μῦθον, ἀλλὰ ὄντα λόγον περὶ Ἰωάννου τοῦ ἀποστόλου … (Clem. Al.Clemens von Alexandria Quis div. salv. 42). Euseb als empirischer Leser dieser Schrift von Clemens fordert seine Leser wiederum dazu auf, diese Schrift zur Hand zu nehmen und den Bericht zu lesen, den er dann jedoch zitiert: λαβὼν δὲ ἀνάγνωθι ὧδέ πως ἔχουσαν καὶ αὐτοῦ τὴν γραφήν … (Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 3,23,5).

Auch in antiken BriefenBrief findet sich (zumeist am Anfang) das Verb ἀκούωἀκούω, um auf das Schriftstück zu verweisen, auf das man antwortet.30 In vielen Fällen ist eindeutig, dass ἀκούω sich auf Gelesenes bezieht31 (gleiches gilt für das lateinische audioaudio),32 nur selten ist es nicht eindeutig entscheidbar, ob auf etwas Schriftliches Bezug genommen wird; ein Bezug auf eine mündlich konzeptualisierteMündlichkeit konzeptuell Kommunikation ohne Schriftbezug ist bei der Verwendung von ἀκούω am Briefanfang zwar möglich (z.B. bei Bericht durch einen BriefbotenBrief-bote) allerdings wegen des brieflichen Kommunikationskontextes nur durch kontextuelle Marker festzustellen.33 Denn die Belege fügen sich ein in das Bild, dass briefliche Kommunikation in der Antike mehrheitlich als durch ein SchriftmediumLese-medium vermitteltes Gespräch konzeptualisiert ist, also die Anwesenheit der Kommunikationspartner suggeriert und treffend mit der Kategorie der „imaginierten MündlichkeitMündlichkeit“34 charakterisiert werden kann.

CiceroCicero, Marcus Tullius bezeichnet die privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat Briefkommunikation in einem Kontext (Cic. Phil. 2,7), in dem er M. Crassus vorwirft, er habe gegen die Konvention einen Privatbrief von ihm öffentlichÖffentlichkeitöffentlich vorgelesen (recitorecito), ein „Gespräch unter Freunden in Abwesenheit (amicorum conloquia absentium)“, das durch die öffentliche RezitationRezitation zerstört worden sei. An anderer Stelle formuliert er: „Aber weil ich meine, Dich reden zu hören, wenn ich Deine Briefe lese (legolego), und mit Dir zu sprechen, wenn ich Dir schreibe, deshalb habe ich so unbändige Freude gerade an Deinen längsten BriefenBrief und werde selbst häufig ein wenig zu langstielig beim SchreibenSchreiben“ (Cic. ad Brut. 1,1,45; Üb. KASTEN); Basilius von Caesarea schreibt in seinem Brief an den PhilosophenPhilosophie Eustathius (Basil.Basilius der Große ep. 1,1) angesichts des verhinderten Wiedersehens, er sei durch seinen Brief „überhaupt wundervoll erquickt und getröstet worden (θαυμαστῶς πως ἀνεκαλέσω καὶ παρεμυθήσω τοῖς γράμμασι).“ Ps.-Liban. ep. char. 2 beschreibt einen Brief als schriftliche UnterhaltungUnterhaltung: Ἐιστιλῆ μὲν οὖν ἐστιν ὁμιλία τις ἐγγράμματος ἀπόντος πρὸς ἀπόντα γινομένη … ἐρεῖ δέ τις ἐν αὐτῇ ὥσπερ παρών τις πρὸς παρόντα. In dokumentarischen Briefen findet sich die Wendung γράφεις μοι λέγων, vgl. P.Mil.Vogl. 1 24,6; O.Did.Didymos Chalkenteros 323,2. K. Thraede spricht daher von der „Illusion des Beisammenseins“ und bezeichnet das briefliche Anwesenheitstopos in Anknüpfung an SymmachusSymmachus (ep. 1,84), AmbrosiusAmbrosius von Mailand (ep. 46,1; 47,4; 66,1) und HieronymusHieronymus (ep. 3,1) als imago praesentiae.35 Ein weiteres relevantes Indiz für diese Konzeptualisierung der schriftbasierten brieflichen Kommunikation besteht in der Verwendung des Verbes σιγάω (stillLautstärkestill bleiben, schweigen) im Sinne von nicht-schreiben. Vgl. z.B. die Einleitungsphrase im Brief von Libanios an Akakios, mit der er begründet, warum er so lange nicht geantwortet hat: Πολὺν ἐσίγησα χρόνον ὑπ’ αἰσχύνης, ὅτι … (Lib.Libanios epist. 1514,1).

Es sei zuletzt auch an dieser Stelle noch einmal betont, dass aus dem Vorkommen des Lexems ἀκούωἀκούω nicht geschlussfolgert werden darf, dass Privatbriefe in der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Rezeption vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend gelesen wurden.36 Unter den gleichen methodischen Voraussetzungen, könnte man ja sonst aus modernen Briefwechseln, die ebenfalls als Gespräch unter Abwesenden konzipiert sind und in denen konventionell verba dicendiverba dicendi sowie verba audiendiverba audiendi im Sinne von „schreibenSchreiben“ und „lesen“ verwendet werden,37 ableiten, dass Briefe noch im 19./20. Jh. vokalisierend gelesen worden wären. Es bleibt festzuhalten, dass die Verben ἀκούω und audioaudio in der brieflichenBrief Kommunikation der Antike und an zahlreichen der oben diskutierten Stellen in der Literatur vor allem im Sinne von „zur Kenntnis nehmen“ verwendet werden, also nicht das physische Hören, sondern die kognitivekognitiv Verarbeitung im Blick ist.38 Ohne kontextuelle Markierungen darf also beim Vorkommen des Verbes im Kontext der Rezeption von Texten nicht auf die mediale Form bzw. Art der sinnlichen Wahrnehmung rückgeschlossen werden.

3.3 Lesen als Sammeln: λέγω und Derivate

Während legolego im Lateinischen als Standardverb für lesen zu gelten hat (s. u.), gibt es für das auf den gleichen Stamm zurückgehende griechische Verb λέγωλέγω nur relativ wenige Belege für die Verwendung als LeseterminusLese-terminus, die vor allem aus dem 5./4. Jh. v. Chr. stammen.

Bei Aineias Taktikos findet sich die Formulierung „aus dem BuchBuch sagen“, d. h. vorlesen: ῥηθήσονται δὲ ἑξῆς αἱ ἐπιβουλαὶ ἐκ τῆς βίβλου παραδείγματος ἕνεκεν (Aen. Tact.Aineias Taktikos 11,2). Platon lässt Eukleides in der Rahmenhandlung seines Theaitetos1 sagen: „Junge, nimm das Buch und lies (παῖ, λαβὲ τὸ βιβλίονβιβλίον καὶ λέγε)!“ (Plat.Platon Tht. 143c). Er verwendet hier λέγωλέγω synonym mit ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω, wie eine Stelle kurz zuvor zeigt, an der Eukleides vorschlägt: „Und während wir ruhen, soll der Junge vorlesen (… ὁ παῖς ἀναγνώσεται)“ (Plat. Tht. 143b). Die gleiche Synonymität findet sich bei Demosth.Demosthenes or. 21,8: ἀναγνώσεται δὲ πρῶτον μὲν ὑμῖν τὸν νόμον … λέγε τὸν νόμον. Diese Formel „lies das Gesetz“ ist häufig belegt. Vgl. neben zahlreichen Stellen bei Demosthenes (z.B. or. 21,10; 38,4; 43,62) Aischin.Aischines Tim. 11.15 u. ö.; Ctes. 32. PhilonPhilon von Alexandria nutzt diese Wendung zur Einleitung von zwei Zitaten aus der ToraTora, vgl. Philo Fug. 53; somn. 1,92. Zumindest in der publizierten Form von Philons Texten gilt diese Aufforderung den RezipientenRezipient, das im Folgenden geschriebeneSchriftGeschriebenes ZitatZitat zu lesen.

Anders als das griechische Standardleseverb ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω (s. o.) scheint λέγωλέγω zumindest in klassischer Zeit exklusiv die vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend Realisierung von Text (vorlesen, rezitieren) zu bezeichnen. Schwer zu entscheiden ist nicht zuletzt deshalb, ob die etymologischeEtymologie Grundbedeutung des in vielen Sprachen zu findenden Stammes „sammeln“, „(auf)lesen“2 bei der Verwendung bewusst war bzw. eine Vorstellung des Auflesens von BuchstabenBuch-stabe, Bedeutung oder Klang mit dem Verb konnotiert werden konnte3 oder ob die Verwendung als LeseterminusLese-terminus nicht vielmehr durch die Bedeutung „sagen“, „sprechen“ initiiert worden ist.

Im Lateinischen können analog die Verben enuntio, dico und pronuntio mit entsprechenden adverbialen Bestimmungen, die LesemedienLese-medium anzeigen, z.B. de scripto,4 ex tabellaTafel/Täfelchentabella5 u. ä. verwendet werden, um VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt zu markieren.6

Deutlich häufiger und in der Semantik differenzierter werden präfigierte Formen von λέγωλέγω als LeseterminusLese-terminus verwendet. Dabei findet man ἀναλέγωἀναλέγω in frühen Quellen noch im Aktiv als Leseterminus, später ist es vor allem die mediale Form ἀναλέγομαιἀναλέγομαι, die lesen bedeutet. J. Svenbro verweist bezüglich der aktivischen Form auf eine InschriftInschriften aus der ersten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. aus Teos und versteht es als Synonym zum LeseverbLese-terminus ἀνανέμωἀνανέμω (verteilen),7 das ebenfalls in aktivischer Form im dorischen Dialekt lesen bedeutet hat,8 wobei das Aktiv „den LeserLeser zum Instrument im Dienst des GeschriebenenSchriftGeschriebenes“9 macht. Demgegenüber habe die mediale Form ἀνανέμομαι, die im ionischen Dialekt lesen bedeutet, „eine viel subtilere Bedeutung als ‚verteilen‘. Tatsächlich bedeutet sie ‚verteilen, indem man sich der Verteilung mit einschließt‘.“10 Svenbro verweist in diesem Zusammenhang auf die Mnesitheos-Stele aus Eretria auf Euböa aus dem 5. Jh., auf der geschrieben steht: „Seid gegrüßt, ihr, die ihr vorübergeht; ich aber liege tot in der Erde. Tritt hierher und lies (ἀνάνεμαι), wer hier begraben ist: ein Fremdling aus Aigina, mit Namen Mnesitheos.“11 Es ist m. E. nicht nur ein Grenzfall, dass „ein solcher Leser den Inhalt des Geschriebenen ‚verteilen‘ kann, ohne daß er [andere] HörerHörer hat“12; vielmehr ist der Leser selbst sein eigener Zuhörer (lesen im Sinne von „auf sich selbst verteilen“), wobei ohne sichere Textsignale im Kontext schwer eindeutig zu entscheiden ist, ob beim Gebrauch des Verbes jeweils an das Hören der eigenen StimmeStimme oder aber der internalisierten Stimme, der inneren LesestimmeStimmeinnere (inner reading voice), gedacht ist.13 Dies zeigen nicht zuletzt einige Inschriften aus hellenistischer Zeit, in denen ein nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierends Lesen wahrscheinlich ist oder sogar explizit vorausgesetzt wird.

T. Christian14 nennt instruktive Beispiele von InschriftenInschriften, in denen verba vivendiverba vivendi als LeseverbenLese-terminus verwendet werden (s. dazu 3.8) und verweist auf Inschriften, die den LeserLeser auffordern, „etwas zu lernenLernen oder zu erfahren, was keinen mündlichen Dialog voraussetzt.“15 Außerdem nennt er eine Inschrift aus Kallatis (2./3. Jh.), die mit dem Motiv der Stille spielt und dieses in Verbindung mit der visuellenvisuell Wahrnehmung setzt: „Schau mich an, den stummen ([δ]έρκεο τὴν ἀγέγωνον ἐμέ), Fremder, schau den Stein an, wie ich bejammert auf dem Felsbrocken liege“ (GVI 1279,1f). Ganz explizit ist nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lektüre vorausgesetzt in einer Inschrift aus Kaisareia Hardrianopolis aus der Mitte des 3. Jh. n. Chr.: „lies, während Du in Stille atmest (σιγῇ πνεύσας ἀνάγνωθι)“ (SEG 33 1110); außerdem in IGUR III 1336, Cl. 1,7 und GVI 1342.

Diese Überlegungen gelten analog für die mediale Form ἀναλέγομαιἀναλέγομαι (wörtlich für sich selbst sagen bzw. für sich selbst [auf]sammeln), die als LeseterminusLese-terminus eine facettenreiche Semantik aufweist. Schon in den Epigrammata des KallimachosKallimachos wird ἀναλέγομαι im 3. Jh. v. Chr. verwendet, um die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre einer Schrift Platons zu bezeichnen.16 Dionysios von Halikarnassos verwendet das PartizipPartizip Medium im Sinne von LeserLeser/RezipientRezipient;17 an anderer Stelle bezeichnet er damit die Rezeption seiner Quellen (Historien namenhafter römischer GeschichtsschreiberGeschichtsschreibung), aus denen er „aufgesammelt“ habe.18 Die Bedeutungsnuance „rezipieren“ im Sinne von „aufnehmen“ (das Lesen der jeweiligen Schrift[en] ist damit impliziert) und „in eigenen Schriften weiterverarbeiten“ ist häufig belegt.19 Aufschlussreich ist zudem eine Stelle bei PlutarchPlutarch. Im Kontext eines Gesprächs über die Bedeutung von alten Schriftzeichen (γράμματαγράμματα) einer InschriftInschriften aus dem Grab der Alkmene, das von Agesilaos geöffnet worden sei (vgl. Plut. de gen. 5 [mor. 577e/f]), gibt Pheidolaos den Bericht von Simmias wieder:

„der Spartaner Agetoridas brachte von Agesilaos eine Menge Schriften nach Memphis zu dem ProphetenProphet Chonuphis […]. Er war vom KönigKönig (von Ägypten) hergeschickt, der dem Chonuphis befahl, wenn er etwas von der Schrift verstehe, solle er schleunigst in Übersetzung zurückschicken. Nachdem dieser dann drei Tage lang für sich allein Schriftzeichen aller Art in alten Büchern durchgesehen [wörtl. für sich selbst aufgesammelt] hatte (πρὸς ἑαυτὸν δὲ τρεῖς ἡμέρας ἀναλεξάμενος βιβλίων τῶν παλαιῶν παντοδαποὺς χαρακτῆρας), schrieb er dem König zurück […], dass diese Schrift den Befehl enthalte, die Hellenen sollen zu Ehren der Musen einen Wettkampf veranstalten; die Schriftzeichen aber gehören zu dem Alphabet, das unter der Regierung von König Proteus im Gebrauch gewesen, und welches auch Herakles, des Amphitryon Sohn, gelernt habe“ (Plut.Plutarch de gen. 5 [mor. 578 f–579a; Üb. OSIANDER/SCHWAB; leicht modifiziert JH]).20

Die Angabe πρὸς ἑαυτόν zeigt zusammen mit der Zeitangabe eindeutig, dass eine Form intensiverAufmerksamkeitvertieft individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre zu philologischen Forschungszwecken vorauszusetzten ist, die mit ἀναλέγομαιἀναλέγομαι bezeichnet wird. Eine mündliche Realisierung der Schriftzeichen zu imaginieren, liegt vom Kontext her nicht nahe.21 Und obwohl PlutarchPlutarch eine fiktive Begebenheit beschreibt, so ist doch anzunehmen, dass hier an sozialgeschichtlichSozialgeschichte reale LesepraktikenLese-praxis angeknüpft wird. Analog definiert Galen die mit ἀναλέγομαι bezeichnete Lesepraxis von Fachtexten weitergehend mit dem Verb ἐντυγχάνωἐντυγχάνω als „gründliches Lesen“, indem er sie durch das Adverb σαφῶς spezifiziert (vgl. Gal.Galenos comp. med. loc. 6 praef., KÜHN 12,894). Ferner findet sich das Verb als LeseterminusLese-terminus auch bei den KirchenväternKirche-nväter.22

Ebenfalls nur im Medium als LeseterminusLese-terminus gebraucht wird das Verb ἐπιλέγομαιἐπιλέγομαι. Für J. Svenbro impliziert das Medium zusammen mit der Vorsilbe, dass der LeserLeser für sich selbst oder ggf. für andere lautLautstärkelaut liest, und präzisiert die Semantik des Verbs als Leseterminus mit der wörtlichen Übersetzung „ein Sagen hinzufügen zu“. Daraus leitet er ab, dass die Schrift bzw. das Geschriebene ohne die Hinzufügung der StimmeStimme durch den Leser unvollständig bliebe, das Lesen folglich das Geschriebene als „Epi-log“ ergänze.23 Dies mag möglicherweise für den nicht mehr rekonstruierbaren Ursprung der Verwendung des Verbs als Leseterminus zutreffen, ob diese Bedeutungsdimension für die Verwendung von ἐπιλέγομαι in den erhaltenen Quellen seit der klassischen Zeit noch eine Rolle spielt, wäre jedoch erst zu belegen.

Hingegen erschweren schon bei Herodot, bei dem ἐπιλέγομαιἐπιλέγομαι als LeseterminusLese-terminus erstmals belegt ist, einige Details die Interpretation Svenbros. Im ersten Buch seiner Historien schildert Herodot zwei aufschlussreiche LeseszenenLese-szene: Der Meder Harpagos will dem späteren Perserkönig Kyros II. im Geheimen einen BriefBrief zukommen lassen, mit dem er ihn zu einer Verschwörung gegen den medischen KönigKönig Astyages überreden will. Damit der Brief unentdeckt bleibt, näht er ihn in einen Hasen ein und trägt einem ihm vertrauten Boten auf, den Hasen dem Kyros zu bringen und betont, dass Kyros ihn eigenhändig und ohne Anwesenheit anderer zerlege (ἐντειλάμενὸς οἱ ἀπὸ γλώσσης διδόντα τὸν λαγὸν Κύρῳ ἐπειπεῖν αὐτοχειρίῃ μιν διελεῖν καὶ μηδένα οἱ ταῦτα ποιεῦντι παρεῖναι; Hdt.Herodot 1,123,4). Die eigentlichen Leseszenen beschreibt Herodot folgendermaßen:

„Tatsächlich kam dieser Plan zur Ausführung; Kyros erhielt den Hasen und schnitt ihn auf. Er fand den BriefBrief darin, nahm und las ihn (εὑρὼνεὑρίσκω δὲ ἐν αὐτῷ τὸ βυβλίον ἐνεὸν λαβὼν ἐπελέγετο). Dieses sagte das Schriftstück (τὰ δὲ γράμματαγράμματα ἔλεγε τάδε): … Als Kyros dies gehört [d. h. gelesen] hatte (ἀκούσας ταῦτα ὁ Κῦρος), überlegte er, wie er die Perser am geschicktesten zum Abfall überreden konnte. Schließlich fand er folgenden Weg am passendsten und ging ihn: In einem Brief schrieb er seine Absicht nieder. Dann berief er eine Versammlung der Perser. Nach dem Entfalten des Briefes sagte er also lesend (μετὰ δὲ ἀναπτύξας τὸ βυβλίον καὶ ἐπιλεγόμενος ἔφη): … “.24

Es ist bezeichnend, dass sich die Verwendungsweise von ἐπιλέγομαιἐπιλέγομαι in der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn LeseszeneLese-szene (Hdt.Herodot 1,124,1), bei der eindeutig keine ZuhörerHörer vorauszusetzen sind (1,123,4), deutlich von der VorleseszeneRezeptionkollektiv-indirekt unterscheidet (1,125,1f). Bei der Vorleseszene sahSehen sich Herodot – wie bei einer anderen, eindeutigen Vorleseszene25 – genötigt, mit φημί ein zusätzliches verbum dicendiverba dicendi zu ergänzen, was angesichts Svenbros Interpretation der Semantik von ἐπιλέγομαι als „ein Sagen hinzufügen zu“ redundant erschiene. M. E. zeigt die Stelle jedoch eher, dass sich Herodot einer solchen semantischen Dimension des Verbes hier nicht bewusst gewesen ist und ἐπιλέγομαι stattdessen als konventionalisierten LeseterminusLese-terminus verwendet hat. Bei der individuellen Leseszene verzichtet Herodot dann auch auf ein weiteres verbum dicendiverba dicendi. Außerdem nutzt er das Bild vom sprechenden Schriftstück, das der LeserLeser Kyros (möglicherweise nur in seinem Kopf) hört (1,125,1).26 Diese Bildlichkeit konterkariert Svenbros These einer Unvollständigkeit des GeschriebenenSchriftGeschriebenes ohne die StimmeStimme des Lesers. Gegen Svenbro kann man festhalten, dass möglicherweise für die Verwendung von ἐπιλέγομαι als Leseterminus eher die Bedeutungsdimension des Verbes „für sich auslesen“/to pick out leitend ist.27

Da legolego im Lateinischen im Gegensatz zum Griechischen λέγωλέγω, das etymologischEtymologie auf die gleiche Wurzel zurückgeht, als Standardverb für lesen fungiert, sind abschließend einige ausblickende Bemerkungen zu diesem Verb notwendig. Eine ausführliche Analyse der Lexemverwendung kann im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht geleistet werden. Allerdings ist mit dem Eintrag im TLL28 das MaterialMaterialität insgesamt deutlich besser aufgearbeitet als bei den griechischen HauptleseverbenHauptleseverb ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω und ἐντυγχάνωἐντυγχάνω. Zudem kann an Buschs Analyse der Semantik und der Lexemverwendung von lego angeknüpft werden, die er im Kontext der Diskussion um das „lauteLautstärkelaut“ und „stille“ Lesen in der Antike vorgelegt hat.29

Zunächst verweist Busch darauf, dass die Verwendung als LeseterminusLese-terminus etymologischEtymologie auf die Grundbedeutung „sammeln“, also über die Vorstellung des „Auflesens“ einzelner BuchstabenBuch-stabe und dem anschließenden Zusammensetzen zu Worten und Sinneinheiten zurückzuführen sein könnte.30 Diesbezüglich hat J. Svenbro angemerkt, dass es aber auch durchaus vorstellbar wäre, dass es sich um eine Übernahme eines schon geprägten terminus technicus aus dem Griechischen handele und die Erklärungen der antiken Etymologie eine Konstruktion der Entwicklungsgeschichte aus der Retrospektive darstelle.31 M. E. kann diese Frage nicht sicher entschieden werden. Immerhin zeigen aber die Ausführungen Varros, dass im 1. Jh. v. Chr. durchaus ein Zusammenhang zwischen der Semantik von legolego und dem Leseprozess hergestellt werden konnte. So formuliert VarroVarro in seinem Werk De lingua Latina: „‚Sammeln‘ wird gesagt, weil die Buchstaben von den AugenAugen ‚gesammelt‘ werden“ (legere dictum quod leguntur ab oculis litterae; Varro ling. 6,66). Buschs Hinweis ist zwar richtig, dass auf der Grundlage der Etymologie und Semantik von lego nicht entschieden werden kann, ob generell vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend oder nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend gelesen wurde. Allerdings ist es doch bezeichnend, dass Varro auf den Aspekt der visuellenvisuell Wahrnehmung der Buchstaben beim Lesen rekurriert, aber die vermeintlich vokalisierende Weiterverarbeitung außen vor lässt. Dies stellt zwar ein argumentum e silentio dar, die Beweislast, dass lego per se vokalisierende Lektüre impliziere, liegt jedoch angesichts dieses Befundes bei den Vertretern dieser These. Aus meiner Sicht ist die Stichhaltigkeit der Argumente für die These zu hinterfragen, dass diese Verwendungsweise von lego in den Quellen eindeutig zeige, unmarkiertes lego bezeichne den normalen Modus „lauter“ Lektüre.

Buschs Hauptargumente für diese These sind a) Belege, die aus seiner Sicht eindeutig Fälle von vokalisierender, individueller Lektüre zeigten. Dass diese Belegstellen (Busch selbst verweist exemplarisch nur auf Cic.Cicero, Marcus Tullius fam. 9,20,3 und sonst auf die in der bisherigen Forschungsdiskussion herangezogenen Belegstellen) aber eben nicht eindeutig sind, habe ich oben schon ausgeführt (1.3). Die dort ausführlich diskutierten methodischen Probleme, welche den Diskurs um die These des generell vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lesens in der Antike prägen, brauchen hier nicht noch einmal wiederholt zu werden. Es sei schon hier betont, dass damit freilich nicht in Frage gestellt wird, dass es zahllose Belege gibt, an denen legolego im Sinne von „vorlesen vor anderen“ gebraucht wird. Busch zeigt b) am Befund, dass die adverbialen Bestimmungen von lego entweder „stummes“ oder „besonders“ lautes Lesen markierten32 und leitet daraus ab, dass der adverbial unmarkierte Gebrauch generell lesen in Normallautstärke impliziere. Dies ist ein methodischer Fehlschluss, da aus einem negativen Befund eine positive Schlussfolgerung gezogen wird, und dabei narrative und leserpragmatischePragmatik Gründe im Kontext der jeweiligen Stellen missachtet werden, die eine adverbiale Bestimmung begründen.33 c) Es ließen sich lautLautstärkelaut Busch keine Belege anführen, an denen unmarkiertes lego definitiv „stilles“ Lesen meint. Dies ist nicht nur ein argumentum e silentio, sondern stimmt m. E. auch nicht. So lässt z.B. PetroniusPetronius Arbiter, T. Trimalchio in seinem Roma Satyricon verfügen, dass in der Mitte seines Grabsteins eine Sonnenuhr angebracht werden solle, „damit jeder, der nach der Stunde sieht – ob er will oder nicht – meinen Namen liest (ut quisquis horas inspiciet, velit nolit, nomen meum legat)“ (Petron.Petronius Arbiter, T. sat. 71,12).34 In diesem Kontext kann mit lego eigentlich nur die visuellevisuell Wahrnehmung des Namens in der Grabinschrift gemeint sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Schlussfolgerung Buschs, dass die Grundbedeutung von legolego „die lautliche Realisation des Gelesenen im Begriff“35 einschließt, zu hinterfragen – nicht zuletzt auch deshalb, weil im Lateinischen mit recitorecito ein präziseres Verb zur Verfügung steht, um die lautliche Realisation, das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt, eindeutig zu kennzeichnen.36 Daneben wird – allerdings selten belegt – auch das Derivat praelegopraelego für das Vorlesen verwendet. Und zwar bezeichnet es einmal allgemein das Vorlesen vor PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum),37 kann aber auch eine ganz spezifische Vorlesesituation in Bildungskontexten meinen, in welcher der LehrerLehrerLehrer den Schülern einen Text vorliest, während sie ihn selbst vor den AugenAugen haben und mitlesen können, wie bei Quintilian deutlich wird. Der Zweck dieses Vorlesens ist bei Quintilian jedoch nicht die Ausbildung einer guten Vorlesepraxis – die Schüler lesen nur mit den Augen mit(!) –, sondern eine basale Lese- und VerstehensfähigkeitVerstehen, was vor allem dadurch deutlich wird, dass auf einer zweiten Stufe unbekannte Wortbedeutungen erläutert werden.38 Nur einmal in einer KomödieKomödie von Plautus findet sich das Derivat translego als LeseverbLese-terminus (vgl. Plaut.Plautus Asin. 4,1,5). Im Kontext scheint es dort – als zweite Aufforderung, einen Vertrag (syngraphus) durchzulesen – einen besonderen Nachdruck mit der Leseaufforderung zu verbinden – etwa: „lies darüber“. Wegen der geringen Anzahl von Belegen sind weitergehende Schlussfolgerungen zur Semantik des Verbes jedoch nicht möglich.39

Bei legolego handelt es sich demgegenüber um einen polyvalenten LeseterminusLese-terminus, der gleichsam als allgemeiner und neutraler Oberbegriff das Phänomen „Lesen“ in seiner ganzen Breite bezeichnen kann, wie A. Busetto treffend zusammenfasst:

„Lego è anche il verbo più ‚neutro‘ per indicare l’atto del leggere. Esso può essere riferito non solo a qualsiasi tipologia di documento, ma anche a qualunque modalità e finalità della lettura: da quella privata di una lettera a quella pubblica di un testo letterario o giuridico, da quella scolastica del maestro a quella critica ed ecdotica dei grammatici; tali letture contemplano una nutrita varietà di fruitori (lo stesso lettore, una singolo uditore, un pubblico più o meno vasto), sedi, ‚gradi di oralizzazione‘.“40

Und als ein solcher Oberbegriff kann legolego auch sporadisch kollektiv-indirekteRezeptionkollektiv-indirekt Formen der Rezeption benennen, wobei es sich in diesen Fällen dann um eine konzeptionelle Übertragung individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre handelt,41 die uns aus dem deutschen Gebrauch von „Lektüre“ und „lesen“ ebenfalls bekannt ist.

Ähnlich polyvalent (vgl. den Eintrag im TLL) ist das von legolego abgeleitete Verbalsubstantiv lectiolectio, das gleichsam als Oberbegriff „das Lesen“ das gleichnamige Phänomen umfassend bezeichnet und durch die jeweiligen Verwendungskontexte ganz unterschiedliche spezifische Bedeutungen (das Lesen als Fähigkeit,42 das Durchlesen eines Schriftstücks,43 das Lesen zu UnterhaltungszweckenUnterhaltung44 oder zur Bildung bzw. zur Vorbereitung eigener TextproduktionTextproduktion,45 die Lektüre als metonymischeMetonymie Bezeichnung des Lesestoffes,46 das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt47, die Aussprache eines BuchstabensBuch-stabe/Wortes48, aber auch nur das visuellevisuell Erkennen/Entziffern von Buchstaben49 usw.) annehmen kann. Das Verbalsubstantiv bezeichnet aber gleichsam auch das Resultat eines Leseprozesses (das Gelesene oder die Lesart50), der Plural lectiones wird daher als Buchtitel für Sammlungen von Lesefrüchten sowie für Kommentare verwendet.51 Es lässt sich anhand der in den Fußnoten genannten Quellen nicht belegen, dass eine stimmlicheStimme oder lautliche Realisierung generell impliziert wäre. Die Stellen, an denen das Substantiv im Sinne von „Lesung“ gebraucht wird, um das Vorlesen vor anderen zu bezeichnen, sind kontextuell determiniert und zeigen eine besondere Verwendungsweise des Wortes. Als Bildspendebereich der MetapherMetapher wird man analog zu lego annehmen können, dass dieser durch die Tätigkeit des Sammelns, Zusammenlesens,52 bzw. Auslesens, Auswählens53 geprägt ist, auch wenn es freilich schwierig ist zu erheben, ob diese Bedeutungsdimension bewusst wahrgenommen wurde. Einige Stellen zeigen im Übrigen eindeutig, dass eine individuelle, vermutlich auch nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lektüre mit lectio bezeichnet werden konnte:

So verweist z.B. CiceroCicero, Marcus Tullius in einem BriefBrief an Rufus (fam. 5,20,2) auf das Durchlesen bzw. Durchsehen eines in seiner Abwesenheit erstellten Schriftstücks (liberliber) mit einer Abrechnung (ratio), das er von seinem SklavenSklave in die Hand bekommen hat. Ammianus Marcellinus (res gestae 15,8,16) verwendet lectiolectio zur Beschreibung einer individuell-direkteLektüreindividuell-direktn LesepraxisLese-praxis, die er mit dem Verb scrutorscrutor (durchsuchen, durchwühlen, durchforschen, untersuchen) spezifiziert. Vgl. auch Quint.Quintilian inst. or. 10,1,20: per partes modo scrutanda omnia (s. u. bzgl. perlegoperlego).54 HieronymusHieronymus hat vermittelt durch einen gewissen Paulus Kunde von Cyprians SekretärSekretär (notarius) über dessen Lektürepraxis erhalten: und zwar, „dass CyprianCyprian von Karthago gewöhnlich keinen Tag ausließ ohne die Lektüre Tertullians und er häufig zu ihm sagt ‚gib mir den Meister‘, was selbstverständlich TertullianTertullianus, Quintus Septimius Florens bezeichnet“ (solitum numquam Cyprianum absque Tertulliani lectione unum diem praeterisse, ac sibi crebro dicere, Da magistrum, Tertullianum videlicet significans; Hier. vir. ill. 53). Diese Stelle ist insofern aufschlussreich, als Cyprian seinen Sekretär auffordert, ihm den Meister zu geben (dare magistrum). Dies impliziert, dass er anscheinend für die Verwaltung der BücherBuch zuständig ist, also eine Art Hilfskrafttätigkeit übernimmt und gerade nicht die Funktion hat, ihm aus Tertullians Schriften vorzulesen.

Das Derivat lectitolectito, das zu den wenigen sog. verba frequentativa bzw. iterativa gehört, hebt entsprechend des erstarrten Iterativ/Intensiv-Morphems ita55 die Häufigkeit oder die Intensität von individuellen Leseprozessen hervor, impliziert jedoch nicht zwingend stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung beim Lesen.56

Plinius hat in seiner BibliothekBibliothek in seiner VillaVilla Laurentinum bei Ostia ein armariumBuch-aufbewahrungarmarium, „das keine BücherBuch zum Lesen, sondern zum intensiven StudiumStudiumAufmerksamkeitvertieft enthält“ (quod non legendoslego libros sed lectitandos capit; Plin. ep.Plinius der Jüngere 2,17,8). In einem BriefBrief an Pomponius Bassus unterscheidet er als Aktivitäten der Muße (otium), Bassus diskutiere viel, höre viel und lese viel intensiv, wodurch er trotz seines reichen Wissens täglich etwas Neues hinzulerne (multum disputare, multum audireaudio, multum lectitare, cumque plurimum scias, cotidie tamen aliquid addiscere; Plin. ep. 4,23,1). Vgl. außerdem Plin. ep. 3,5,1. Ganz eindeutig ist auch Sidon.Sidonius Apollinaris epist. 2,10,5: opus est, ut sine dissimulatione lectites, sine fine lecturias. Vgl. außerdem exemplarisch Cic.Cicero, Marcus Tullius Brut. 31,121; Plin. ep. 3,5,1; 4,19,2; Gell.Gellius, Aulus 2,23,1f; Arnob.Arnobius der Ältere 2,9. Interessant ist ferner die Verwendung bei TacitusTacitus (ann. 14,50), der bezeugt, dass die Bücher des durch Nero verbannten Senators Fabricius Veiento, solange sie verboten und nur unter Gefahr beschafft werden konnten, gesucht und viel gelesen waren (conquisitos lectitatosque), durch die spätere Besitzerlaubnis dann allerdings an Attraktivität verloren hätten.

Die erstarrte Stammmodifikation in lectitolectito deutet darauf hin, dass wiederholendes und intensives LesenAufmerksamkeitvertieft als grundlegendes kulturelles Konzept in der römischen Welt zu verstehen ist, das sich lexikologisch in der Sprache niedergeschlagen hat.57 So hat in ähnlicher Weise auch das Derivat58 relegorelego einen iterativenLektüreMehrfach-Frequenziterativ Sinn und kann dadurch die Intensität eines Leseprozesses betonen.59 Die Lexemverwendung des Derivats perlegoperlego zeigt deutliche Konnotationen zur (genauen) visuellenvisuell Wahrnehmung,60 eine Implikation eines vermeintlichen Normalmodus vokalisierender Lektüre legt die Lexemverwendung jedoch nicht nahe. Zwar wird das Verb zuweilen auch in einem Kontext verwendet, in dem vorgelesen wird,61 hauptsächlich betont das Verb aber die Vollständigkeit des Lesens in Bezug auf den Gesamtumfang des gelesenen Textes,62 wird häufig im Zusammenhang der Lektüre von BriefenBrief verwendet,63 bezeichnet vielfach eine individuelle Lektüreform (z. T. eindeutig ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung), und ist meistens sinnvoll mit dem deutschen Wort „durchlesen“ zu übersetzen:

Bei Apuleius findet sich z.B. die folgende Formulierung: totam sodes epistulam cedo: sine omnia inspiciam, a principio ad finem perlegamperlego (Apul.Apuleius apol. 82). Diese Stelle ist insofern aufschlussreich, als das Durchlesen „vom Anfang bis zum Ende“ im Kontext dadurch spezifiziert wird, dass jemand den gesamten BriefBrief, dessen kompletter Inhalt ihm vorher vorenthalten wurde, inspizieren, d. h. (mit eigenen AugenAugen) einsehen möchte. Bestätigt vor dem Hintergrund der antiken Leserealien findet sich diese Bedeutungsdimension bei Martial in polemischer Zuspitzung: „Aufgerollt bis zu seinen Hörnern (ad sua cornua) und so, als ob es durchgelesen wäre (et quasi perlectum), bringst du mir das BuchBuch zurück, Septicianus“ (Mart.Martial 11,107; Üb. BARIÉ/SCHINDLER). In der praefatio von Vitruvs siebtem Buch seines Werkes über die Architektur findet sich ein aussagekräftiges Beispiel für den Lexemgebrauch von perlegoperlego: Im Kontext seiner Überlegungen zur Praxis andere AutorenAutor/Verfasser zu plagiieren (Vitr.Vitruv 7 praef. 3) erzählt Vitruv eine (freilich legendarisch ausgeschmückte) Geschichte, die sich in Alexandria zugetragen haben soll (Vitr. 7 praef. 4–7). Ptolemaois (Philopator) hat im Zusammenhang mit Spielen zu Ehren der Musen und Apollons einen LiteraturwettbewerbWettbewerb eingerichtet, für dessen Jury noch eine Person fehlt. Man empfiehlt ihm Aristophanes (von Byzanz), „der mit größtem Eifer und höchster Gründlichkeit Tag für Tag, ohne Pause alle Bücher durchlas“ (qui summo studio summaque diligentia cotidie omnes libros ex ordine perlegeret; Vitr. 7 praef. 5). Diese Stelle ist nun in Bezug auf die Semantik von perlego insofern aufschlussreich, als hier a) nicht der Vortrag, sondern die inhaltliche Qualität der Wettbewerbsbeiträge begutachtet werden soll, und b) die inhaltliche Tiefe der Auseinandersetzung der Bücher seitens Aristophanes betont wird. So ermöglicht es ihm nämlich seine genaue Kenntnis der Bibliotheksbestände, den Publikumsliebling des Plagiats zu überführen, was ihm lautLautstärkelaut Vitruv die Leitung der BibliothekBibliothek eingebracht habe.64 Perlego meint also hier eine besonders gründliche, individuelle Studienlektüre – vollständigUmfangvollständig sowohl im Hinblick auf den Umfang der einzelnen Werke als auch im Hinblick auf den Buchbestand einer Bibliothek. So betont auch Quintilian bezüglich der von ihm empfohlenen Lektüren, dass diese „nicht nur Teil für Teil zu durchforschen sind (per partes modo scrutanda omnia), sondern, ist ein Buch durchgelesen, so ist es unbedingt von neuem vorzunehmen (sed perlectus liberliber utique ex integroresumendus)“ (Quint.Quintilian inst. or. 10,1,20; Üb. RAHN), wobei er im Kontext außerdem betont, dass das Lesen hier der Sorgfalt (sollicitudo) beim SchreibenSchreiben entsprechen soll. Als Begründung für MehrfachlektüreLektüreMehrfach- führt er an, dass viele Texte sich wegen ihres rhetorischen Aufbaus erst vollständig erschließen, wenn man sie einmal komplett gelesen hat (vgl. Quint. inst. or. 10,1,21). Bei PetroniusPetronius Arbiter, T. (sat. 34,6) wird das Durchlesen des titulus auf dem Etikett (pittacium) eines Weingefäßes mit perlego beschrieben. Plinius verwendet das Verb als Gegenbegriff zum Hören (Plin. ep.Plinius der Jüngere 8,20,2). Eine Szene, in der ein Brief eindeutig nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend durchgelesen wird, findet sich bei Sall.Sallust Iug. 71: Der curator des numidischen Generals Nabdalsas findet auf dem Lager seines schlafenden Dienstherren einen achtlos liegengelassenen Brief mit einem Plan für ein Attentat auf KönigKönig Jugurtha. Die Szene impliziert, dass der curator den Brief nicht-vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend durchliest, da eine vokalisierende Lektüre den schlafenden Nabdalsa geweckt hätte. Eine weitere aufschlussreiche Brieflektüreszene findet sich in Caesars comentarii zum Gallischen Krieg (Caes.Caesar gall. 5,48,8): Und zwar wird CiceroCicero, Marcus Tullius hier ein Brief gebracht, den Caesar ihm in griechischer Sprache geschriebenSchriftGeschriebenes hat. Diesen liest er erst für sich durch, wie das PartizipPartizip Perfekt Passiv zeigt (ille perlectam), und gibt den Inhalt dann rezitierend in conventu militum bekannt.65 Der hier beschriebene zweistufige Rezeptionsprozess deutet darauf hin, dass das zunächst individuelle Durchlesen des Briefes ohne lautliche Realisierung vorzustellen ist. Denn Cicero ging es wohl zunächst darum, den Inhalt des Briefes wahrzunehmen, um dann zu entscheiden, ob er auch für eine weitere ÖffentlichkeitÖffentlichkeit bestimmt war.66

Besonders hervorgehoben werden müssen drei weitere Belegstellen für definitiv nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lektüre, die mit dem Verb perlegoperlego zusammengefasst werden;67 und zwar findet sich a) in einem Liebesgedicht von OvidOvidius, P. Naso (am. 1,11) die Aufforderung des lyrischen Ichs an Nape, eine Sklavin der geliebten Corinna, dieser von ihm beschriebene TäfelchenTafel/Täfelchen (tabellae) zu geben und ihr bei der Lektüre des Textes zuzusehen:

Während sie liest, betrachte – das sag ich dir! – AugenAugen und Stirne:

Auch aus der Miene, die schweigt, lässt sich ersehn, was dann kommt.

Las sie’s (perlectis), lasse sofort eine lange Antwort sie schreibenSchreiben.68

Bei PetroniusPetronius Arbiter, T. findet sich b) eine motivisch verwandte Szene. Chrysis gibt dem Ich-ErzählerErzähler einen BriefBrief von seiner Herrin zur Lektüre, der auf TafelnTafel/Täfelchen (codicilli) geschriebenSchriftGeschriebenes ist. Chrysis, der ja als AdressatAdressat des Briefes den Inhalt kennt, spricht zu dem Ich-Erzähler, nachdem er wahrgenommen(!) hat, dass jener den Brief komplett durchgelesen hat (ut intellexit Chrysis perlegisse me totum convicium … inquit …; Petron.Petronius Arbiter, T. sat. 129). c) Seneca bezeichnet mit dem Verb das Lesen/Wahrnehmen von Buchtiteln, die außen an den im Bücherregal lagernden RollenRolle (scroll) angebracht waren. Er kritisiert die Praxis, BücherBuch nur als Ausdruck kulturellen Kapitals im Speisezimmer oder an anderer exponierter Stelle und in Bücherwänden bis zur Decke zur Schau zu stellen und mit den Buchtiteln und gesammelten Gesamtausgaben Gelehrsamkeit vorzugaukeln und zu prahlen (vgl. Sen. tranq. 9).

Diese Belegstellen sind nicht nur für die Verwendung des Verbes perlegoperlego aufschlussreich, sondern zeigen auch, dass nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierends Lesen gerade nicht die große Ausnahme darstellte, wie in der Forschung gemeinhin angenommen wird. Vielmehr setzen die drei Stellen voraus, dass in einer alltäglichen LesesituationLese-situation die Lektüre eines Textes ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung auskam.

3.4 Lesen als Begegnung und Kontakt mit dem Text

Die Semantik des Kompositums ἐντυγχάνωἐντυγχάνω ist noch stärker von der Dimension des physischen Aufeinandertreffens/-stoßens geprägt als die Semantik des Verbes τυγχάνω selbst.1 Es bedeutet auf etwas stoßen,2 auch im Sinne von „in die Hände fallen“ von Gegenständen3, es kann verwendet werden, um das „Aufeinandertreffen“ mit Steinen oder Wurfgeschossen,4 mit einem Blitz5 o. ä. zu bezeichnen, was letale Folgen nach sich zieht. Außerdem bezeichnet es häufig das physische Aufeinandertreffen, die Begegnung von Menschen in den unterschiedlichsten Kontexten.6 Besonders deutlich ist die Dimension des physischen Kontakts im kriegerischen Kontext7 oder wenn das Verb gebraucht wird, um sexuellen Kontakt8 zu beschreiben.9 Sodann wird ἐντυγχάνω im übertragenen Sinne gebraucht, dass einer Person oder einer Personengruppe Unheil u. ä. droht oder sie auf Schwierigkeiten trifft.10

Als LeseterminusLese-terminus11 verwendet ist das Objekt des Lesens zumeist im Dativ angegeben, wobei zumeist aus der Semantik des Leseobjekts oder dem Kontext deutlich hervorgeht, dass es um etwas geht, das auf einem Medium schriftlich fixiert ist.

Als LesemedienLese-medium werden etwa genannt:

ἀρχαιολογίαιἀρχαιολογίαι: Vgl. z.B. Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 2,136.

βιβλίονβιβλίον: Vgl. z.B. Plat.Platon symp. 177b; Dion Chrys. or. 4,30; Plut.Plutarch de mul. vir. prooem. (mor. 243e); Plut. Art. 13,4; Athen.Athenaios deipn. 14,62 (650b); PhiloPhilon von Alexandria virt. 17 (Querverweis auf das Lesen früherer BücherBuch); Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 1,205; 1,216f; 2,45 (… καὶ ταῖς τῶν ἱερῶν γραφῶν βίβλοις ἐντυχεῖν); mit Verweis auf den TitelTitel Athen deipn. 15,18: ἐνέτυχον ὀψέ ποτε Πολυχάρμου Ναυκρατίτου ἐπιγραφομένῳ βιβλίῳ Περὶ Ἀφροδίτης, ἐν ᾧ ταυτὶ γέγραπται …; Philostr.Philostratos, Flavius v. Apoll. 1,3: ἐνέτυχον δὲ καὶ Μαξίμου τοῦ Αἰγιέως βιβλίῳ ξυνειληφότι …; Cass. DioCassius Dio 58,11,7.

γράμματαγράμματα: Vgl. Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 2,37; PhiloPhilon von Alexandria sacr. 79; legat. 253; Ach. Tat.Achilleus Tatios 5,19,5; Charit.Chariton von Aphrodisias Cal. 4,5,8; Orig.Origenes comm. in Ioh. 1,2,9; Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 29 (396c); Basil.Basilius der Große Caes.Caesar Ep. 194 u. ö.

γραφήγραφή: Vgl. z.B. PhiloPhilon von Alexandria Mos. 2,40; Tat.Tatian orat. 29. Vgl auch Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 7,32,2, der von Kyrillos von Antiochia berichtet, er habe die hebräische Sprache gelernt, um die hebräischen Schriften lesen zu können: … ὡς καὶ αὐταῖς ταῖς Ἑβραϊκαῖς γραφαῖς ἐπιστημόνως ἐντυγχάνεινἐντυγχάνω; bzw. ὑπογραφή: Vgl. z.B. App.Appian Lib.Libanios 20,136.

ἱστορίαι: Vgl. z.B. Polyb.Polybios 12,25,2; Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 1,220; vita 345; Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos ant. 4,6,1; Orig.Origenes Cels. 1,42; Ps.-Iust.Iunianus Iustinus Mart.Justin der Märtyrer cohort. 12b u. ö.; (Ps.?)-Basil.Basilius der Große Caes.Caesar enarr. 3,113.

λόγοςλόγος: Vgl. Plut.Plutarch symp. 3,5,1 (mor. 652a): Ἀριστοτέλους ἐντυχὼν οὐ νεωστὶ λόγῳ περὶ ….; Plut. de Pyth. or. 23 (mor. 406a), führt als Gegenargument an, die Akademie, Sokrates und Platon seien ἀνέραστος gewesen: … ὧν λόγοις μὲν ἐρωτικοῖς ἐντυχεῖν ἔστι … Eindeutig in hss. Form fixierte und vermutlich publizierte RedenRede sind bei Men.Menandros Rhet. epideikt. 2,386,29ff im Blick, der im 3./4. Jh. dazu auffordert, Reden u. a. von Aristides (2. Jh.) und Hadrian (1./2. Jh.) als VorlageVorlage zur Konzeption eigener Reden zu lesen. Vgl. ferner Dion Chrys. or. 18,16–18 (hier ist v. a. aufschlussreich, dass emotionale Reaktionen im Blick sind, die durch das Lesen ausgelöst werden); Plut. de animae 29 (mor. 1027b); Plut. Phil. 4,3.

πραγματείαπραγματεία: Vgl. z.B. Dion Chrys. or. 18,15, der damit Xenophons Anabasis bezeichnet. Vgl. außerdem Polyb.Polybios 4,1,4; 6,2,3.

στιχίδιαστιχίδια: Plut.Plutarch de E 1 (mor. 384d).

συγγράμματασυγγράμματα: Vgl. z.B. Plat.Platon min. 316c (συγγράμματι περὶ ὑγιείας τῶν καμνόντων); Plat. Lys.Lysias 214b (τοῖς τῶν σοφωτάτων συγγράμμασιν); Plut.Plutarch Phil. 4,3 (συγγράμμασι φιλοσόφων); mit Verweis auf den TitelTitel Athen.Athenaios deipn. 15,12 (672a): ἐγὼ δ᾽ ἐντυχὼν τῷ Μηνοδότου τοῦ Σαμίου συγγράμματι, ὅπερ ἐπιγράφεται Τῶν κατὰ τὴν Σάμον ἐνδόξων ἀναγραφή …; PhiloPhilon von Alexandria Aet. 12; Diog. Laert.Diogenes Laertios 9,1,11; Men.Menandros Rhet. epideikt. 2,393; Theon exp. rer. math. 1.

συντάγματασυντάγματα: Vgl. Plut.Plutarch adv. Col. 14 (mor. 1115a); der (fehlende) physische Kontakt von Kolotes mit den genannten Büchern wichtiger PhilosophenPhilosophie wird im nachfolgenden Satz deutlich hervorgehoben: μηδ᾽ ἀναλάβῃς εἰς χεῖρας Ἀριστοτέλους τὰ περὶ Οὐρανοῦ καὶ …

τραγῳδίαις: Dion Chrys. or. 52,1.

ὑπομνήματαὑπομνήματα: Vgl. z.B. Strab.Strabon 2,1,5; Plut.Plutarch Dem. 5,5; M. Aur.Mark Aurel 1,7; Ios.Josephus, Flavius c. Ap. 1,56; Plut. Marcellus 5,1, verwendet zusammen mit ἐντυγχάνωἐντυγχάνω außerdem εὑρίσκωεὑρίσκω (finden) als LeseterminusLese-terminus, der in einem weiten Sinne ebenfalls dem Bildbereich des physischen Kontakts zugeordnet werden kann: ἱερατικοῖς ὑπομνήμασιν ἐντυχὼν εὗρεν …; vgl. dazu z.B. ferner auch Cass. DioCassius Dio 39,15,2; Iren.Irenäus von Lyon adv. Haer. 1, prooem., 1; Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 2,25,4 (s. u.); 7,25,21 (dort in einem BriefBrief von Dionysius von Korinth; s. u.).

Als Objekt des Lesens steht aber auch der TitelTitel eines Werkes12 bzw. der Name des Autors13. Der schriftliche Charakter des LeseobjektesLese-objekt wird z.B. sehr gut deutlich bei der Formulierung ε. οἷς xy γέγραφε περὶ … bei Plut.Plutarch Agis 15,2.14 Sehr selten steht das Objekt des Lesens hingegen im Genitiv.15 An dieser Stelle ist ferner darauf hinzuweisen, dass Athenaios semantisch analog zur LesemetapherMetapher ἐντυγχάνωἐντυγχάνω, aber vermutlich innovativ, das Verb ἀπαντάωἀπαντάω (treffen) als Lesemetapher im Sinne von „auf ein BuchBuch stoßen“ verwendet (vgl. Athen.Athenaios deipn. 4,54 [162e]: s. auch 8,15 [336d]).

Bei PlutarchPlutarch kommt das Verb ἐντυγχάνωἐντυγχάνω an der berühmten Stelle vor, an der er schildert, wie Octavian von Kleopatras Selbstmord erfährt, indem er auf einer WachstafelTafel/Täfelchen ihre Bitte liest, neben Antonius begraben zu werden: Καῖσαρ δὲ λύσας τὴν δέλτον, ὡς ἐνέτυχε λιταῖς καὶ ὀλοφυρμοῖς δεομένης αὐτὴν σὺν Ἀντωνίῳ θάψαι, ταχὺ συνῆκε τὸ πεπραγμένον (Plut. Ant. 85).16 Bei manchen Belegstellen kann zwischen dem Auffinden eines Textes o. ä. und dem Akt des LesensLese-akt nicht unterschieden werden; in der jeweiligen Darstellung wird beides mit dem Verb ἐντυγχάνω zusammengefasst.17 Vielfach, auch bei den schon oben genannten Belegstellen, kann jedoch deutlich zwischen dem Akt des Lesens (ausgedrückt durch ἐντυγχάνωἐντυγχάνω) und dem Auffinden unterschieden werden. Besonders eindrücklich ist in dieser Hinsicht eine Visionsstimme in einem bei Euseb (h. e. 7,7,3) überlieferten BriefBrief von Dionysius an den römischen Priester Philemon, die ihm, Dionysius, mit klaren Worten befohlen habe, er solle alles lesen, was er in die Hände nähme, da er in der Lage sei, alles zu prüfen und zu beurteilen: πᾶσιν ἐντύγχανε οἷς ἂν εἰς χεῖρας λάβοις· διευθύνειν γὰρ ἕκαστα καὶ δοκιμάζειν ἱκανὸς εἶ … KaiserKaiser/Princeps Iulian teilt dem PhilosophenPhilosophie Maximus in einem Brief (Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep 12 [383a/b]) mit, dass er analog zu Alexander d. Gr., der mit Homer unter dem Kopfkissen geschlafen haben soll, mit den Briefen von Maximus schlafe und diese immer wieder so lese, als hätte er sie zum ersten Mal in die Hand bekommen: … καὶ οὐ διαλείπομεν ἐντυγχάνοντες ἀεὶ καθάπερ νεαραῖς ἔτι καὶ πρῶτον εἰς χεῖρας ἡκούσαις.

Bei Platon wird das Verb auch verwendet, um das Betrachten von Bildern anzuzeigen.18 PlutarchPlutarch verwendet das Verb ebenfalls im Sinne von „wahrnehmen“, wenn er die individuellen Voraussetzungen und die Selektivität der Sinneswahrnehmung diskutiert.19 Dass ἐντυγχάνωἐντυγχάνω tatsächlich als lexikalisierte LesemetapherMetapher gebraucht wurde, also die ursprüngliche Bedeutung des Verbes im kommunikativen Akt nicht zwingend bewusst wahrgenommen werden musste, wird deutlich, wenn die bei Plutarch (symp. 5,2 [mor. 675b]) mit ἐντυγχάνω gekennzeichnete Lektüre von Polemons Beschreibung der Schatzhäuser in Delphi20 durch das Lexem ἐπιμελήςἐπιμελής (sorgsam, sorgfältig, intensiv) spezifiziert wird,21 das auch im Zusammenhang mit ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω eine sorgfältige, aufmerksame, intensiveAufmerksamkeitvertieft, individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre bezeichnen kann.22 Dionysius von Korinth verwendet analog προσέχης (aufmerksam, sorgfältig, achtsam), wie Euseb bezeugt.23 Das damit verbundene raummetaphorische Konzept – προσέχης bedeutet eigentlich daran stoßend, nah, closely connected u. ä. – könnte dadurch entstanden sein und seinen sozialgeschichtlichenSozialgeschichte Ausdruck darin haben, dass jemand, der aufmerksam liest, auch in der Antike beim Lesen den Abstand zwischen AugenAugen und Text verringert, indem er sich dem Text durch Vorbeugen des Kopfes nähert, d. h. sich in ihn vertieftAufmerksamkeitvertieft. Auch der entgegengesetzte Lesemodus kann durch Spezifizierung von ἐντυγχάνω mit einem Adverb beschrieben werden. Dies bezeugt Dion Chrysostomos (or. 18,6), der rät, Menander und Euripides nicht nebenbei bzw. oberflächlichAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig zu lesen (… μὴ παρέργως ἐντυγχάνειν …). Die Gründlichkeit der Lektüre wird sodann häufig unter Verwendung des Lexems ἀκριβήςἀκριβής hervorgehoben. So sagt z.B. Plutarch über die Peripatetiker, sie hätten die Schriften von Aristoteles und Theophrast weder viel noch genau gelesen (… οὔτε πολλοῖς οὔτε ἀκριβῶς ἐντετυχηκότες … Plut. Sull. 26). Theodoret Theodoretbescheinigt ferner PorphyriosPorphyrios, er habe „die ProphetenProphet genau gelesen“ (Τοῖς προφήταις ἀκριβῶς ἐντυχὼν … [Theod. Gr. aff. cur. 7,36]).24

Justin bietet den postulierten Lesern seiner Apologie aus dem römischen Kaiserhaus (vgl. Iust.Iunianus Iustinus Mart.Justin der Märtyrer Apol. 1,1) an, ihnen eine Schrift gegen alle bisher entstandenen Häresien zu geben (σύνταγμα κατὰ πασῶν τῶν γεγενημένων αἱρέσεων …), wenn sie diese lesen wollten (… ᾧ εἰ βούλεσθε ἐντυχεῖν … Iust. Mart.Martial Apol. 1,26,8). Auch bei OrigenesOrigenes ist es eindeutig, dass individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre bei der Verwendung des Verbes als LeseterminusLese-terminus vorausgesetzt ist (vgl. z.B. Orig. Cels. 4,52, wo er im Kontext die Lese-MetonymieMetonymie des „in-die-Hand-Nehmens“ verwendet).

Das metaphorischeMetapher Konzept der physischen Begegnung steht im Hintergrund, wenn bei PlutarchPlutarch περιπίπτωπεριπίπτω im Sinne von Lesen gebraucht wird; hier scheint er allerdings das Verb bewusst als Metapher zu verwenden. Plutarch verweist nämlich explizit auf die bei Epikur niedergeschriebenen Äußerungen (wörtl. Stimmen) von Sokrates: εἰ δὲ τοιαύταις, ὦ Κωλῶτα, Σωκράτους φωναῖς περιέπεσες, οἵας Ἐπίκουρος γράφει πρὸς Ἰδομενέα … (adv. Col. 18 [mor. 1117d]). Diese metaphorische Verwendung von περιπίπτω ist auch schon im 2. Jh. beim alexandrinischen Astronomen und Mathematiker Hypsikles belegt, der mitteilt, er sei in ein anderes BuchBuch von Apollonios gefallen, also darauf gestoßen: ἐγὼ δὲ ὕστερον περιέπεσον ἑτέρῳ βιβλίῳ ὑπὸ Ἀπολλωνίου … (Hyps.Hypsikles dodek. eikos. prooem. [=Eukl.Euklid elem. 14]). Euseb übersetzt die Aufforderung Tertullians, die Aufzeichnungen zu befragen (consulite commentarious vestros …), in denen man finden (reperioreperio), also lesen könne, dass Nero der erste Verfolger der Christen in Rom gewesen sei (Tert.Tertullianus, Quintus Septimius Florens Apol. 5), folgenermaßen: ἐντύχετεἐντυγχάνω τοῖς ὑπομνήμασιν ὑμῶν, ἐκεῖ εὑρήσετεεὑρίσκω … (Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 2,25,4).

Das lateinische Verb consulo (befragen) ist als LeseterminusLese-terminus erst bei spätantiken christlichen AutorenAutor/Verfasser bezeugt. Bei Augustinus findet man das Konsultieren von Büchern (ego consulens libros; Aug.Augustinus von Hippo mus. 6,52) oder der apostolischen Schriften (scripturasscriptura apostolicas consulamus; Aug. ep. ad cath. 7,16). Orosius spricht von der Konsultation der sibyllinischen BücherBuch (vgl. Oros.Orosius hist. 3,22,5). Das dahinterliegende metaphorischeMetapher Konzept, Lesen als Dialog mit dem Text zu verstehen, findet sich allerdings schon bei den klassischen Autoren: CiceroCicero, Marcus Tullius schreibt in einem BriefBrief an Atticus, dass in der von ihm sehr geschätzten Einsamkeit (solitudo) sein einziges Gespräch mit Geschriebenem sei (in ea mihi omnis sermo est cum litteris; Cic. Att. 12,15). Ähnlich unterhält sich Plinius in seiner VillaVilla Laurentinum nur mit sich selbst und mit seinen Büchern (mecum tantum et cum libellis loquor; Plin. ep.Plinius der Jüngere 1,9,5). Aus diesen Stellen zu schließen, Cicero und Plinius hätten vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend gelesen, wäre methodisch verfehlt, da es sich eindeutig um eine metaphorisch konzeptualisierte Beschreibung ihrer LesepraxisLese-praxis handelt. Zudem betont Plinius im Kontext gerade die Ruhe in seiner Villa, wo er nichts hören (nihil audioaudio; Plin. ep. 1,9,5) muss. Das Gespräch mit sich selbst muss ebenfalls nicht zwingend als Selbstgespräch unter Einsatz der StimmeStimme verstanden werden, sondern kann im Kontext durchaus allein auf das Denken bezogen sein.

Das durch hinzutretenden Artikel substantivierte PartizipPartizip von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω dient als Sammelbezeichnung für LeserLeser/RezipientenRezipient25 und findet sich in dieser Bedeutung auch vielfach in den Schriften Philons und bei den KirchenväternKirche-nväter.26 Dass ein physischer Kontakt mit Büchern in vielen Fällen vorausgesetzt werden kann, zeigt eine Stelle bei PolybiosPolybios (3,9,1–3), der von den Lesern (Partizip von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω) der Annalen von Fabius spricht und diejenigen, die seine BücherBuch in die Hand nehmen, davor warnt, nur auf den TitelTitel zu achten statt die Fakten zu beurteilen.27 Auffällig ist außerdem seine Konstruktion eines Gegensatzes zwischen den Lesern (τοὺς ἐντυγχάνοντας) bzw. Lernbegierigen (τοὺς φιλομαθοῦντας)28 eines Historikers (συγγραφεύς) und dem PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) bzw. den Zuhörern (τοὺς ἀκούονταςἀκούω) eines Tragödienschreibers (τραγῳδιογράφος).29 An einer bekannten Stelle bei Dion Chrysostomos wird deutlich, dass zumindest beim Infinitiv ἐντυγχάνειν nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch die indirekte Rezeption durch Vorlesenlassen mit dem Verb bezeichnet werden kann.

„Bezüglich der Dichter würde ich dir raten, dass du auf Menander von den Komödiendichtern und Euripides von den Tragikern nicht nebenher triffst, und auf diese diese solltest du nicht so [treffen], sie selbst zu lesen, sondern durch einen Geübten, gut und angenehm, zumindest aber ohne Schmerzen, vorzutragen.“ (Dion Chrys. or. 18,6)

Die indirekte Form der Rezeption erscheint mir bei dem Verb aber nicht vorrangig zu sein. Denn hier bei Dion Chrysostomos steht das „Aufeinandertreffen“ mit dem Inhalt und der Schönheit der Sprache im Fokus. Der ästhetischeästhetischer Genuss/Vergnügen Genuss sei bei DramenDrama groß, wenn der RezipientRezipient von der Belastung der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre entlastet sei: πλείων γὰρ ἡ αἴσθησιςἀπαλλαγέντι τῆς περὶ τὸ ἀναγιγνώσκειν (Dion Chrys. or. 18,6). Für die Einschätzung des Quellenwertes für die Fragen der LesesituationLese-situation ist zudem entscheidend, dass es sich um eine normative Quelle handelt. Gerade dass Dion hier Regelungsbedarf sieht, zeigt, dass er das individuell-direkte StudiumStudium als Normalform der intensiven StudienlektüreAufmerksamkeitvertieft vor Augen hat. Dies wird auch in den folgenden Ausführungen zur Beschäftigung mit nicht-dramatischer Texte deutlich (vgl. Dion Chrys. or. 18,9–17), bezüglich derer er individuell-direkte Lektüre voraussetzt, wie insbesondere aus der retrospektiven Reflexion in Dion Chrys. or. 18,20f hervorgeht.

Das PartizipPartizip wird im Speziellen (häufig im Plural) auch dazu verwendet, den bzw. die LeserLeser direkt als solche anzusprechen. Von den vielen Belegstellen, die dies zeigen,30 ist eine Formulierung bei Vettius ValensVettius Valens besonders erhellend. Und zwar erklärt er leserlenkendLeserlenkung, dass die Beispiele, die er im Folgenden anführt, dem Verständnis des Lesers dienen: Ἔστω δὲ πάλιν ἐπὶ ὑποδείγματος, ἵνα σαφέστερον οἱ ἐντυγχάνοντεςἐντυγχάνω τὴν ἐπίγνωσιν λαμβάνωσιν … (Vett. Val. 1,21).31 Der technische und Zahlen lästige Inhalt32 dieses neunbändigen astrologischen Werkes Anthologiae aus dem 2. Jh. n. Chr. deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein BuchBuch für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt handelt, οἱ ἐντυγχάνοντες hier also individuell-direktLektüreindividuell-direkt lesende AdressatenAdressat sind.

Interessant ist außerdem nicht zuletzt im Hinblick auf Lk 1,3fLk 1,3 f und Act 1,1 fAct 1,1 f, dass z.B. JosephusJosephus, Flavius in seinen Schriften Contra Apionem und Antiquitates samt der Vita, obwohl sie einem gewissen Epaphroditos gewidmet sind,33 die LeserLeser im Plural anspricht.34 An einer anderen Stelle verweist Josephus mit der Formulierung τοὺς πλέον ταῖς ἱστορίαις ἐντυγχάνοντας (Ios. c. Ap. 1,220) darüber hinaus auf einen gut gebildeten35 Rezipientenkreis, der schon viele historiographische Werke gelesen hat; mehrfach spricht er mit dem PartizipPartizip explizit solche Leser an, die auch seine Antiquitates gelesen haben: οἱ ταῖς ἡμετέραις ἀρχαιολογίαις ἐντυγχάνοντες (Ios. c. Ap. 2,136; siehe auch 1,1). Dass Josephus unter den mit dem Partizip von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω bezeichneten RezipientenRezipient nicht ein Hörpublikum im Blick hat,36 sondern ein LesepublikumLese-publikum, zeigt die Formulierung in Ios. c. Ap. 2,147 – die Leser sind hier eindeutig das aktiv handelnde Subjekt des Betreibens der Lektüre und nicht die passiven ZuhörerHörer.37

Ferner findet man auch in OrigenesOrigenes’ Contra Celsum eindeutig die LeserLeser im Plural angesprochen, obwohl die BücherBuch an den reichen Hofbeamten AmbrosiusAmbrosius von Mailand von Alexandrien, der Mäzen und Freund von Origenes, an ein Individuum, adressiertAdressat sind (vgl. Orig. Cels. 8,76); z.B. wenn er am Ende des vierten Buches um Gnade bittet, das fünfte Buch zum Nutzen der Leser (ἐπ’ ὠφελείᾳ τῶν ἐντευξομένων) zu finalisieren (vgl. Orig. Cels. 4,99); aber auch im Schlusskapitel ist Ambrosius deutlich von „dem Leser“ unterschieden (vgl. Orig. Cels. 8,76).

Das Derivat ἐπιτυγχάνωἐπιτυγχάνω in seiner Verwendung als LeseterminusLese-terminus38 wurde im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehender untersucht. Ferner sei auch darauf hingewiesen, dass im Lateinischen das Verb invenioinvenio (auf etwas kommen/stoßen, etwas finden, antreffen, entdecken) als LesemetapherMetapher des Kontakts verwendet wird (vgl. z.B. Plin. nat.Plinius der Ältere praef. 26, wo individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre vorausgesetzt wird).39

Das stammverwandte Substantiv ἔντευξιςἔντευξις, das sowohl allgemein das Zusammentreffen40, die Zusammenkunft41, aber auch die Unterredung42 sowie im Speziellen die Audienz43 oder die Bitte/Anfrage44 bezeichnet, findet sich analog zum Befund von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω in den Quellen ebenfalls als Bezeichnung für Geschlechtsverkehr45 und als MetapherMetapher für die Lektüre oder das StudiumStudium von Texten. So wirbt etwa PolybiosPolybios (1,1,4) am Beginn seiner Historien für sein Werk, indem er die Außerordentlichkeit der von ihm vorzustellenden Begebenheiten hervorhebt, die Jung und Alt zur Lektüre bzw. zum Studium der Abhandlung (πρὸς τὴν ἔντευξιν τῆς πραγματείας) anspornen. Eindeutig in diesem Sinne wird das Lexem auch von Clemens von Alexandria benutzt, wenn er die Praxis der Schriftlektüre der Gnostiker beschreibt (vgl. Clem. strom. 7,49,3 f). Euseb verwendet das Substantiv, um auf die Konsultation von Hss.Handschrift/Manuskript zu verweisen (vgl. Eus.Eusebios von Caesarea mart. pal. 11,4).46

Es wird in den Quellen aber nicht nur dazu verwendet, den LeseaktLese-akt zu bezeichnen, sondern kann auch auf etwas GeschriebenesSchriftGeschriebenes verweisen. So wirft CatoCato der Ältere, Marcus Porcius CaesarCaesar während einer Senatssitzung fälschlicherweise vor, Caesar erhalte ἐντεύξεις καὶ γράμματαγράμματα παρὰ τῶν πολεμίων (Plut.Plutarch Brut. 5), als dieser ein kleines Schriftstück, einen BriefBrief von Catos Schwester Servilia, zugesteckt bekommt. Justin bezeichnet seine Apologie als Anrede (προσφώνησις) und Bittschrift (ἔντευξιςἔντευξις).47

3.5 Lesen als haptischer Umgang mit dem Medium

Die im Folgenden zu besprechenden LeseterminiLese-terminus stehen im Wesentlichen in Zusammenhang mit der ursprünglichen Rollenform antiker BücherBuch und bilden die breit bezeugte ikonographischeLese-ikonographie Repräsentation von Lesenden in der Antike sprachlich ab. Zur Illustration sei diesbezüglich auf die instruktive Aufarbeitung des ikonographischen Quellenmaterials durch T. Birt hingewiesen.1

Das Verb ἀνελίσσωἀνελίσσω hat vermutlich weniger den punktuellen Akt des „Aufschlagens“ als stärker den beim Lesen eines Schriftstücks notwendigen Prozess im Blick, die SchriftrolleRolle (scroll) stetig zu entrollen und gleichzeitigen wieder aufzurollen – eine alltägliche kulturelle Praxis in der Antike, die von den Quellen eher selten als Vorgang an sich thematisiert wird. Diese eigentliche Verwendungsweise von ἀνελίσσω im Kontext von SchriftmedienLese-medium findet sich z. B. in einer Gerichtsszene in Philostrats Vita Apollonii, im Rahmen derer Tigellinus eine Schrift mit einer Anklage gegen Apollonios entrollt, dem Asebie gegen Nero vorgeworfen wird, aber auf wundersame Weise statt der Anklageschrift nur eine unbeschriebene RolleRolle (scroll) vorfindet (vgl. Philostr.Philostratos, Flavius v. Apoll. 4,44).2 Im übertragenen Sinne beschreibt das Verb unterschiedliche Facetten des Lesens und Umgangs mit Texten, wobei diese übertragene Verwendung des Verbs nicht als MetapherMetapher, sondern als MetonymieMetonymie zu kategorisieren ist, da eine Kontiguitätsbeziehung zwischen dem Prozess des Auseinanderrollens oder Ent- und gleichzeitigen Aufrollens und dem eigentlich Bezeichneten (lesen, interpretieren, auslegen) vorliegt. So wird ἀνελίσσω zuweilen in polemisch-abgrenzender Weise gebraucht, um z.B. die Lektüre eines anderen als reines Statussymbol zu entlarven (vgl. Lukian.Lukian von Samosata adv. ind. 27), oder um jemanden dadurch zu diskreditieren, dass seine Lektüre als bloßes „Durchblättern“ abgewertet wird, das allein noch nicht bildet (vgl. z.B. Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) or. 6,187d).

Im Werk von JosephusJosephus, Flavius ist das Lexem nicht zu finden, PhilonPhilon von Alexandria verwendet es nur einmal in Mos. 1,48. Dort schreibt er über Mose, dieser habe kontinuierlich die „Dogmata der PhilosophiePhilosophie ‚entrollt‘“ (… ἐπονεῖτο φιλοσοφίας ἀνελίττων ἀεὶ δόγματα …), d. h. er ist sie immer wieder durchgegangen, er hat sie studiert. Eindeutig als MetonymieMetonymie für das individuelle Lesen verwendet auch KaiserKaiser/Princeps Iulian das Verb in seiner satirischen Schrift Misopogon aus der zweiten Hälfte des 4. Jh., um die große Anzahl der BücherBuch hervorzuheben, die er schon gelesen habe: … ὡς ἐμαυτὸν πείθω, βιβλία ἀνελίξας οὐδενὸς ἀριθμὸν ἐλάττω (Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) mis. 347a; vgl. auch Iul. or. 6,203b). Auch wenn es nicht ganz sicher ist, ob Basilius von Caesarea die alttestamentlichenAT/HB/LXX Geschichten in RollenRolle (scroll)- oder KodexformKodex rezipiert hat, könnte ep. 2,3 (… τὴν περὶ τοῦ Ἰωσὴφ ἱστορίαν συνεχῶς ἀνελίσσει …) darauf hindeuten, dass ἀνελίσσωἀνελίσσω in der Spätantike als gleichsam usuelle Metonymie auf die Lektüre von Texten in KodizesKodex übertragen wurde.3 Eher in den Hintergrund tritt die Kontiguitätsbeziehung zwischen Entrollen und Lesen an Stellen, an denen ἀνελίσσω gleichsam in raummetaphorischem Sinne das Interpretieren bzw. Auslegen meint – das Öffnen (im Deutschen würde man die Raummetapher „Heben“ verwenden) eines Schatzes (θησαυρός), der in einem Text verborgen wurde, wie es der erzählte Sokrates bei XenophonXenophon im Hinblick auf eine kollektiv-indirekteRezeptionkollektiv-indirekt Rezeptionssituation ausdrückt (vgl. Xen. mem. 1,6,14,4 vgl. ferner Plat.Platon Phil. 15e; Prokl.Proklos theol. plat. 1, p. 16; parm. p. 1080,22 u. ö.).

Das etymologischEtymologie verwandte Lexem ἀνειλέωἀνειλέω (entrollen), das u. a. in der LXXAT/HB/LXX in Ez 2,10Ez 2,10 vorkommt, muss hier nicht ausführlich besprochen werden, da es, vergleichbar mit ἀνελίσσωἀνελίσσω in Bezug auf SchriftmedienLese-medium, das der Lektüre vorausgehende Entrollen derselben bezeichnet.5 Ohne PräfixPräfix findet sich das Verb in einem bei Diogenes Laertios überlieferten Epigramm: „Sei nicht eilig, das ephesische BuchBuch des Heraklitos zum Stab zu rollen (μὴ ταχὺς Ἡρακλείτου ἐπ’ ὀμφαλὸν εἴλεε βίβλον τοὐφεσίου). Denn der Weg ist schwierig zu gehen“ (Diog. Laert.Diogenes Laertios 9,1,16). Das Epigramm verknüpft hier die LesemetonymieMetonymie „bis zum Stab rollen“ mit der MetapherMetapher des Lesens als ReiseReise, die als Unterkategorie der konzeptuellen Metapher BEWEGUNG IST LESENBEWEGUNG analysiert werden kann (s. u. 3.7), und warnt damit vor einer oberflächlichenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre von Heraklit. Und zwar – wie im Folgenden deutlich wird – weil der Weg dunkel (ὀρφνὴ καὶ σκότος ἐστὶν ἀλάμπετον), also der Inhalt schwer verständlich ist und daher die Führung durch einen Eingeweihten notwendig erscheint (… μύστης εἰσαγάγῃ), man beim Lesen also angeleitet werden sollte.

Wegen der geringen Vergleichsbasis kann man über das bei Sextus Empiricus belegte, verwandte Lexem διατυλίσσωδιατυλίσσω (durchrollen) nicht viel mehr sagen, als dass er es in adversus mathematicos verwendet, um auszudrücken, dass Pyrrhon Homers Dichtung aus Interesse an poetischen Figuren und Charakteren durchgelesen hat (vgl. S. Emp.Sextus Empiricus adv. math. 1,281).

Nur bei Clemens Alexandrinus, soweit ich den Befund richtig überblicke, ist das Verb κυλί(νδ)ωκυλί(νδ)ω (rollen) als LesemetonymieMetonymie gebraucht (vgl. Clem. Al.Clemens von Alexandria 1,14,4). Dies korrespondiert mit der (selten bezeugten) Bezeichnung einer BuchrolleRolle (scroll) als κύλινδροςκύλινδρος (vgl. z.B. Diog. Laert.Diogenes Laertios 10,26).

Im Kontext von LesemedienLese-medium benennt das Verb ἀναπτύσσωἀναπτύσσω (auf- oder entfalten), das etwa auch als militärischer Fachterminus gebraucht wird6 oder das Aufschneiden von menschlichen oder tierischen Körpern oder Körperteilen bezeichnet7, den notwendigen Schritt, Schriftstücke (vermutlich v. a. gefaltete Papyrusblätter oder Holz- bzw WachstafelnTafel/Täfelchen, die z.B. auch für Briefe verwendet wurden8) vor der Lektüre zu öffnen9 oder einen CodexKodex aufzuschlagen.10 Es gibt keine sicheren Hinweise darauf, dass es im Hinblick auf die Rollenform gebraucht wurde.11 (Ohne Vorsilbe meint πτύσσω in jüdischenJudentum und christlichen Texten mit einem Lesemedium als Objekt das Zusammenfalten o. ä. des Schriftmediums.)12 Es finden sich auch Belegstellen, an denen das Verb nicht (nur) das Auffalten, sondern als MetonymieMetonymie auch das Lesen eines Textes selbst bezeichnet.

In VitProphPseudo-Epiphanius von Salamis 2,11 bezeichnet das Verb zugleich Lesen und VerstehenVerstehen der TafelnTafel/Täfelchen (πλάξ), das nur Mose vergönnt ist. In Ios.Josephus, Flavius vita 223 werden Öffnen und Lesen eines BriefesBrief mit diesem Verb zusammengefasst, der Akt des schnellenLese-geschwindigkeit Verstehens (συνίημι) aber noch einmal davon abgehoben. Der Kontext (Ios. vita 219–223) zeigt eindeutig, dass Josephus den Brief im Rahmen des Symposions ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung gelesen haben muss, weil die verbliebenen engsten Freunde es nicht mitbekommen sollten. Ps.-Long.Pseudo-Longinos 7,1 adressiertAdressat mit dem Verb die genaue Prüfung von Stellen in der Dichtung und Prosa, die vorher mit dem Adjektiv ἐπισκεπτέος (zu betrachten) spezifiziert wird und die den Schein und den Prunk der vermeintlichen Erhabenheit finden (εὑρίσκωεὑρίσκω) lässt. Vgl. außerdem die Formulierung „die BücherBuch der alten Weltweisen entfaltend hindurchgehen (… καὶ τὰ βιβλία τῶν πάλαι παρ’ αὐτοῖς φιλοσοφησάντων ἀναπτύξας ἐπέλθῃς …)“ bei Ioh. Chrys.Chrysostomos, Johannes ad populum Antioch. hom. 19,1 (PG 49, p. 189,49f).

Daneben wird das Verb auch als lexikalisierte MetonymieMetonymie im Sinne von „erklären, explizieren, ausführen“, also analog zu „entfalten“ im Deutschen gebraucht.13

Bei DiodorDiodorus Siculus findet sich eine Belegstelle, an welcher der Befehl, ein Schriftstück zu öffnen (ἀνοίγωἀνοίγω), zugleich „lesen“ bedeutet (vgl. Diod. 14,55,1). Auch PlutarchPlutarch verwendet ἀνοίγω als Lese-MetonymieMetonymie, wenn er schreibt: „der Statthalter […] zeigte, nachdem er die TafelTafel/Täfelchen geöffnet [d. h. auch gelesen] hatte, die darin geschriebeneSchriftGeschriebenes Frage (τὴν δέλτον ἀνοίξας ἐπεδείκνυεν ἐρώτημα τοιοῦτον γεγραμμένονγράφω)“ (Plut. de def. or. 45 [mor. 434e]; Üb. OSIANDER/SCHWAB, leicht mod. JH). Die Stelle impliziert durch die Konnotation mit der visuellenvisuell Wahrnehmung (s. dazu 3.8) eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt, nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lektüre des auf der Tafel enthaltenen Textes.14 Bei Plutarch findet sich im Kontext der Neugier, die jemanden dazu treibt, Briefe von Freunden unerlaubt zu lesen, die Formulierung „ein Briefchen entbinden“: ἐπιστόλια παραλύουσιν οὗτοι φίλων (Plut. curios. 15 [mor. 522e]). Das Verb παραλύωπαραλύω, das sich wohl auf den Faden bezieht, mit dem das Briefchen zusammengeschnürt ist und das typischerweise gesiegelt wird,15 benennt hier metonymisch das Lesen des BriefesBrief.

Im Lateinischen findet sich das Verb revolvorevolvo (zurückrollen), das spezifisch den haptischen Umgang mit dem Rollenmedium benennt und als LesemetonymieMetonymie verwendet werden kann.

Revolvo steht etymologischEtymologie und semantisch den griechischen Verben ἀνελίσσωἀνελίσσω und ἀνειλέωἀνειλέω näher, die ebenfalls den Vorgang des Rollens im Blick haben, als dem Verb ἀναπτύσσωἀναπτύσσω (auffalten). In der Vulgata wird auch das Verb ἀναπτύσσω in Bezug auf das Öffnen von SchriftmedienLese-medium in Lk 4,17Lk 4,17 mit revolvorevolvo übersetzt, obwohl mit expandoexpando auch ein analoges Lexem zur Verfügung gestanden hätte. Vgl. z.B. 2Kön 19,142Kön 19,14; aber vor allem Ez 2,10Ez 2,10, wo eindeutig nicht das „Auslegen“, sondern das physische „Ausbreiten“/„Auseinanderrollen“ gemeint ist. Hier übersetzt die LXXAT/HB/LXX das hebräische Verb פרשׂ mit ἀνειλέω, die Vulgata mit expandoexpando. Diese Unterschiede rühren möglicherweise daher, dass HieronymusHieronymus hier iuxta Hebraeos übersetzt hat.16 Plinius verwendet revolvo ganz eindeutig metonymischMetonymie für die individuelle Lektüre von Büchern, wobei er bei der Wiedergabe einer Vision von C. Fannius die Vollständigkeit im Sinne von „ganz durchlesen“/„bis zum Ende durchlesen“ betont: mox imaginatus est venisse Neronem, in toro resedisse, prompsisse primum librum, quem de sceleribus eius ediderat, eumque ad extremum revolvisse, idem in secundo ac tertio fecisse, tunc abisse. (Plin. ep.Plinius der Jüngere 5,5,5) Die Metonymie ist insofern eindeutig, als Plinius librum … ad extremum revolvisse eindeutig als Lesen (… qui fuisse illi legendi) kennzeichnet. Eine sehr enge Parallele findet sich bei Seneca d. Ä., bei dem das vollständigeUmfangvollständig Durchlesen durch das physische Ende der BuchrolleRolle (scroll) gekennzeichnet ist. So findet sich in seinen Suasorien die Formulierung librum … usque ad umbiliciumumbilicus revolvere (ein BuchBuch bis zum Stab zurückrollen; Sen. Rhet.Seneca, Lucius Annaeus (d. Ä.) suas. 6,27).17 Möglicherweise spricht dieser Beleg in Kombination mit dem PräfixPräfix re- außerdem dafür, dass Buchrollen üblicherweise im ausgelesenen Zustand gelagert und erst bei erneuter Lektüre „vom Stab weg“ bis zum Anfang gerollt wurden, um dann wieder zum Ende zurückgerollt zu werden. Dies würde im Übrigen damit korrespondieren, dass TitelangabenTitel häufig als subscriptiosubscriptio in den Hss.Handschrift/Manuskript angebracht wurden.18

In einer RedeRede von L. Valerius in der Römischen Geschichte von LiviusLivius, Titus steht das Verb metonymischMetonymie für das Zitieren aus Catos Werk OrigenesOrigenes: tuas adversus te Origines revolvam (Liv. 34,5,8). Vgl. ferner die metonymische Verwendung bei Quint.Quintilian inst. or. 11,2,41. Allerdings kann von dem Vorkommen des Verbes nicht auf die Form des Mediums geschlossen werden (KodexKodex oder RolleRolle (scroll)), auf dem ein Text geschriebenSchriftGeschriebenes ist. Denn schon mit dem Aufkommen des Kodex wird das Verb dazu verwendet, den Kodex „aufzuschlagen“, wie in Martials Epigrammen deutlich wird. Vgl. Mart.Martial 6,64; 11,1. Das Verb wurde vermutlich als feststehender Terminus auf das neue Medium übertragen, ein Phänomen, das bei Medienwechseln häufig zu finden ist.19 Auch in der patristischenKirche-ngeschichte Literatur wird das Verb verwendet, um das Öffnen bzw. das Lesen eines Kodex zu bezeichnen. Vgl. exemplarisch Hier.Hieronymus com. in Psal. 4,8, der eine Textvariante in den Hss.Handschrift/Manuskript beschreibt: „‚Und ihres Öles‘, was in den meisten Kodizes zu finden ist (id quod in plurimis codicibus invenitur), habe ich, als ich das alte Psalterium der Hexapla des Origenes aufschlug (cum vetustum origenis hexaplum psalterium revolverem), das von seiner eigenen Hand verbessert war, weder im Hebräischen noch in den übrigen EditionenEdition und auch nicht bei den Siebzig Übersetzern gefunden“ (Üb. RISSE).20

Catull verwendet das Verb pervolvopervolvo (herumwälzen, -rollen) als LeseterminusLese-terminus und prophezeit, die Zmyrna des CinnaCinna, Gaius Helvius, die nach neun Jahren erschienen ist, werde sehr weit verbreitet werden, und man werde sie „durch Jahrhunderte herumwälzen (diu saecula pervolvent)“; die Annalen des Volusius hingegen würden „oft Makrelen als reichlich bemessenes Einpackpapier dienen“ (Cat. 95; Üb. HOLZBERG), womit Catull sicher nicht nur metaphorischMetapher die prophezeite Nicht-Rezeption eines anderen Werkes zum Ausdruck bringt. Möglicherweise meint Catull hier, dass die Zmyrna nicht nur eine lange Zeit von mehreren Generationen rezipiert, sondern auch iterativLektüreMehrfach-Frequenziterativ gelesen wird – ob individuell oder kollektiv kann nicht erschlossen werden. Deutlicher wird diese Bedeutungsnuance bei dem abgeleiteten verbum intensivum/iterativum pervoluto, das die mehrfache, intensive BeschäftigungAufmerksamkeitvertieft mit Texten ausdrücken kann,21 wobei der Kontext einer Belegstelle bei CiceroCicero, Marcus Tullius eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre impliziert.22

Als weitere Lexeme für die Beschreibung des haptischen Umgangs mit dem Medium RolleRolle (scroll) finden sich im Lateinischen noch die Verben evolvoevolvo (auseinanderrollen), vertoverto (drehen, wenden), explicioexplicio (entfalten) und contrectocontrecto (betasten, befühlen). Auch für diese Lexeme lässt sich nachweisen, dass sie als LesemetonymienMetonymie verwendet worden sind.

Wenn CiceroCicero, Marcus Tullius an Atticus schreibt, „an diesem Punkt [scil. des BriefesBrief] angekommen, rolle ich die RolleRolle (scroll) mit deinen Briefen auseinander“ (Cic. Att. 9,10,4), und anschließend aus diesen Briefen zitiert, steht das Auseinanderrollen metonymischMetonymie für eine erneute Lektüre dieser Briefe.23 Cicero verwendet das Verb auch in der LeseszeneLese-szene, mit der er sein Werk Topica beginnen lässt: Gaius Trebatius, dem das Werk gewidmet ist, und er sind gemeinsam auf seinem tusculanischen Landgut und „in der BibliothekBibliothek rollte jeder von uns separat, für sein eigenes StudiumStudium, BücherBuch, die er wollte, auseinander (et in bibliotheca separatim uterque nostrum ad suum studium libellos, quos vellet, evolveret)“ (Cic. top. 1,1). Diese Szene ist insofern aufschlussreich, als hier die Möglichkeit einer kollektiv-direkteLektürekollektiv-direktn Studienlektüre belegt ist, bei der die beiden Anwesenden je für sich in unterschiedlichen Büchern, mutmaßlich nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend lesen. Sowohl die Betonung der separaten Lektüre (separatim) als auch die verwendete Lesemetonymie könnten darauf hindeuten, dass beide ohne VokalisierungStimmeinsatznicht-vokalisierend gelesen haben. Quintilian führt gegen solche an, die eine falsche Auffassung vom Wesen der RhetorikRhetorik hätten, dass sie sich mit dem Wenigen begnügt hätten, das „schon andere vor ihnen voll Unverstand aus Platons ‚Gorgias‘ herausgepickt hatten, ohne diesen selbst ganz oder andere Schriften Platons auseinandergerollt zu haben (neque hoc totum neque alia eius volumina evolvuntevolvo)“ (Quint.Quintilian inst. 2,15,34; Üb. angelehnt an RAHN); d. h., ohne die Schriften selbst gelesen zu haben, hätten die hier Kritisierten aus zweiter Hand Platons Rhetorikverständnis referiert oder zitiert. Auch an der berühmten Stelle in den Confessiones von Augustin (conf. 6,3) wird das Verb als Lesemetonymie verwendet (s. o. 1.2).24

Das Verb vertoverto (drehen, wenden) findet sich bei HorazHoraz als metonymischeMetonymie Beschreibung der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre der Klassiker aus der griechischen Literatur: „Die griechischen Vorbilder dreht sie mit der Hand bei Nacht, dreht sie bei Tag.“25 Das Verb explicioexplicio findet sich z.B. bei CiceroCicero, Marcus Tullius als Lesemetonymie. So formuliert er in seiner RedeRede für Sextus Roscius, ein gewisser Capito „solle nur kommen [und] jene RolleRolle (scroll) entfalten (explicet suum volumenvolumen), von der ich beweisen kann, dass Erucius sie für ihn zusammengeschrieben hat“ (Cic. S. Rosc. 35). Der Kontext impliziert, dass an ein VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt dieses Textes vor GerichtGericht gedacht ist.26 Das Verb contrectocontrecto wird bei Ammianus Marcellinus (res gestae 28,4) eindeutig synonym zu legolego – spezifiziert als Lesen mit sorgfäliger Aufmerksamkeit (curatiore studio) – verwendet.

Auch das Motiv „ein BuchBuch in die Hand nehmen“ bzw. „in der Hand halten“ kann umschreiben, dass jemand etwas liest.27 Ps.-Aristoteles verwendet das Syntagma λαμβάνωλαμβάνω τὸ βιβλίονβιβλίον eindeutig synonym zu ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω (vgl Ps.-Aristot.Pseudo-Aristoteles probl. 18,1 [916b1–5]). PolybiosPolybios gibt seinen Lesern zu bedenken, um das zuvor über L. Aemilius Paullus Gesagte (Polyb. 31,22,1–7) zu bekräftigen, dass sein Werk insbesondere auch von Römern in die Hand genommen (… μάλιστα Ῥωμαίους ἀναληψομένους εἰς τὰς χεῖρας τὰ βυβλία ταῦτα … Polyb. 31,22,8), also gelesen werden würde. An anderer Stelle warnt Polybios potentielle LeserLeser von Fabius’ Annalen davor, sie sollten sich nicht von dessen Namen blenden lassen. Dabei bezeichnet er sie zunächst mit dem PartizipPartizip von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω und dann metonymischMetonymie als diejenigen, die seine Bücher aufnähmen (… τῶν ἀναλαμβανόντων ἐκείνου τὰς βύβλους, Polyb. 3,9,3), also in die Hand nähmen. Analog könnte auch das Verb ἀναλαμβάνωἀναλαμβάνω in 1ClemClemens von Rom 47,11Clem 47,1 f als Lesemetonymie verstanden werden. Das Verb λαμβάνω impliziert auch bei Diod.Diodorus Siculus 1,70,4 lesen:28 ἕωθεν μὲν γὰρ ἐγερθέντα λαβεῖν αὐτὸν ἔδει πρῶτον τὰς πανταχόθεν ἀπεσταλμένας ἐπιστολάςἐπιστολή. Dass der ägyptische KönigKönig am Morgen, direkt nach dem Aufstehen, Briefe nimmt (und liest), zielt darauf ab, ihn als besonders arbeitsam darzustellen, wobei die Stelle am einfachsten dahingehend zu verstehen ist, dass er die Briefe individuell-direktLektüreindividuell-direkt rezipiert. PlutarchPlutarch schreibt über den älteren CatoCato der Ältere, Marcus Porcius, dass dieser erst in späten Jahren mit dem Lesen von griechischen Büchern begonnen hätte: ἄλλως δὲ παιδείας Ἑλληνικῆς ὀψιμαθὴς γενέσθαι λέγεται, καὶ πόρρω παντάπασιν ἡλικίας ἐληλακὼς Ἑλληνικὰ βιβλία λαβὼν εἰς χεῖρας … (Plut. Cato mai. 2).29 KaiserKaiser/Princeps Iulian hält Platons Bücher auf der ReiseReise bei der Rast im Schatten einer Pflanze in den Händen, liest sie also individuell-direkt in der NaturNatur (vgl. Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 83). Plinius bedauert in einem BriefBrief an Ursus, dass er seit langem kein Buch mehr in die Hand genommen (olim non librum in manus … Plin. ep.Plinius der Jüngere 8,9,1), also gelesen habe, wobei der Kontext des gesamten Briefes eindeutig zeigt, dass er auf die studierendeStudium Lektüre zu UnterhaltungszweckenUnterhaltung verweist. Erucius schreibt von den RedenRede des Pompeius Saturninus, die sowohl beim ersten Hören Eindruck machten, aber auch wenn man sie wieder vornähme (… placent, si retractentur, Plin. ep. 1,16,2). Dass retracto (im Kontext von schriftlichen Medien eigentlich das Wiedervornehmen und schriftliche Überarbeiten, das freilich die wiederholte Lektüre impliziert)30 hier die individuell-direkte Lektüre der (vermutlich publizierten) Redemanuskripte meint, kann durch andere Stellen gestützt werden:

„Du wirst dieselbe Empfindung haben wie ich, wenn Du seine RedenRede zur Hand nimmst (cum orationes eius in manus sumpseris), die Du ohne weiteres jedem beliebigen Klassiker, in denen er sein Vorbild sieht, an die Seite stellen wirst“ (Plin. ep.Plinius der Jüngere 1,16,3, Üb. KASTEN).31

Ähnlich verwendet übrigens Quintilian (inst. or. 10,1,20) das Verb resumo, wenn er dazu auffordert, dass ein durchgelesenes BuchBuch (perlectus liberliber) erneut vorzunehmen, also zu lesen sei.

CiceroCicero, Marcus Tullius schreibt in einem BriefBrief an Atticus, er habe die Verfassung Pellenes in der Hand (Πελληναίων in manibus tenebam)32 und einen großen Haufen von Dicaearchs Büchern vor seinen Füßen aufgeschichtet (vgl. Cic. Att. 2,2,2). Diese selbstporträtierende und literarisch inszenierte LeseszeneLese-szene impliziert eindeutig das Konzept individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre der genannten Schriften und suggeriert den (zumindest für die römische OberschichtElite der Kaiserzeit und für antike Maßstäbe weitgehend zutreffenden) „Eindruck nahezu unbegrenzter Bücherressourcen“33. Lukian berichtet von einem Besuch bei dem Platonischen PhilosophenPhilosophie Nigrinus, den er vor einem Tisch mit geometrischen Figuren und umgeben von Büsten weiser Männer mit einem BuchBuch in der Hand, also lesend vorfindet: καὶ παρελθὼν εἴσω καταλαμβάνω τὸν μὲν ἐν χερσὶ βιβλίονβιβλίον ἔχοντα (Lukian.Lukian von Samosata Nigr. 2). Sowohl diese Formulierung als auch die Tatsache, dass Lukian trotz der sehr detaillierten Beschreibung der Leseszene keine Angaben über eine vermeintliche stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung des Gelesenen macht, lässt darauf schließen, dass Nigrinus nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend gelesen hat. Diese Szene hat eine gewisse Ähnlichkeit zum eingangs zitierten locus classicus bei Augustinus (conf. 6,3), nur dass Nigrinus nicht wie AmbrosiusAmbrosius von Mailand (stillLautstärkestill) weiterliest, sondern ein Gespräch mit Lukian anfängt. Lukian verwendet das Motiv des „Buch-in-der-Hand-Haltens“ an anderer Stelle ähnlich wie ἀνελίσσωἀνελίσσω (s. o.), um die Lektüre des „ungebildeten Büchernarrens“ zu diskreditieren.34 TacitusTacitus berichtet, dass er von älteren Leuten gehört habe, diese hätten

„öfters zwischen den Händen Pisos eine Sammlung von BriefenBrief gesehen, die er selbst nicht habe bekannt werden lassen (inter manus Pisonis libellum quem ipse non vulgaverit); aber seine Freunde hätten wiederholt behauptet, ein Brief des Tiberius mit Aufträgen gegen Germanicus sei darin enthalten“ (Tac.Tacitus ann. 3,16,1; Üb. angelehnt an HELLER).

Die Formulierung inter manus impliziert, dass Piso bei der individuellen Lektüre der Briefe beobachtet worden ist; die Negation von vulgovulgo (nicht zum Gemeingut machen) deutet an, dass er dabei seine StimmeStimme zumindest für die Zusehenden nicht wahrnehmbar eingesetzt hat. Dass die Freunde wissen, dass ein BriefBrief des Tiberius in der Sammlung enthalten gewesen ist, kann darauf zurückzuführen sein, dass Piso dieses Wissen mit ihnen geteilt hat oder möglicherweise die Texte sogar zusammen mit ihnen gelesen hat. Letzteres würde aber zwingend bedeuten, dass vulgovulgo an dieser Stelle tatsächlich im Sinne von einer Veröffentlichung für eine breite politische ÖffentlichkeitÖffentlichkeit stünde.35 Dies kann hier jedoch nicht weiter verfolgt werden.

Besonders deutlich auch im Hinblick auf die Aneignung von Texten bezüglich der Produktion neuer Texte wird die metonymischeMetonymie Verwendung dieses Motivs z.B. in der praefatio der Attischen Nächte von Aulus GelliusGellius, Aulus,36 der bei seiner Reflexion der Anordnung seiner Stoffe die lesende Rezeption vom Hören abgrenzt und seine ExzerptpraxisExzerpt erläutert:

„Wenn ich nun also gerade ein griechisches oder lateinisches BuchBuch las (… ut liberum quemque in manus ceperam seu Graecum seu Latinum) oder irgendetwas Wissenswertes hörte (uel quid memoratu dignum audieram), so zeichnete ich mir nach Gutdünken alles nur mögliche ohne Ordnung und Unterschied auf und speicherte mir zur Unterstützung des GedächtnissesGedächtnis eine Art Wissensvorrat (litterarum penus) in der Absicht ab, damit, wenn ich irgend einmal einen Gegenstand oder ein Wort brauchen sollte, was meinem Gedächtnis nicht gleich gegenwärtig und die Bücher, aus denen ich schöpfte, nicht gleich zur Hand sein sollten, ich doch das Nötige sofort auffinden und hervorholen könnte.“ (Gell.Gellius, Aulus praef. 2; Üb. WEISS [leicht modifiziert JH]).

Die Liste mit Belegstellen ließe sich weiter fortsetzen.37 Zuletzt sei noch eine Stelle aus Plautus’ Pseudolus angeführt, die sehr eindrücklich den haptischen Umgang mit einem Schriftstück illustriert und verschiedene Rezeptionsmodi impliziert. Im PrologProlog stellt der SklaveSklave Pseudolus seinem Herren Calidorus die folgende Frage, weil er wahrnimmt, dass Calidorus etwas bekümmert:

quid est quod tu exanimatus iam hos multos dies

gestas tabellas tecum, eas lacrumis lavis,

neque tui participem consili quemquam facis?

„Warum denn trägst die letzten Tage so verstört

den BriefBrief du bei dir stets und badst in Tränen ihn,

gönnst Anteil niemandem an dem, was dich bewegt?“ (Plaut.Plautus Pseud. 9–11; Üb. KLOTZ)

Das Verb gesto (tragen) fungiert in Verbindung mit der hyperbolischen MetapherMetapher des „Badens in Tränen“ (V. 10) als Umschreibung einer individuell-direkteLektüreindividuell-direktn LeseszeneLese-szene, die Pseudolus beobachten konnte: Sein Herr hat einen BriefBrief (auf WachstafelnTafel/Täfelchen) in der Hand und liest ihn mehrfach mit Tränen in den Augen, wobei er seinen Kopf gebeugt über das Schriftstück hält. Die Negation bezüglich des Verbes participo in V. 11, aber auch die Tatsache, dass Pseudolus der Inhalt trotz des Leseaktes vor seinen Augen noch unbekannt ist (vgl. Plaut.Plautus Pseud. 13–19), impliziert eindeutig, dass Calidorus den Brief ohne stimmlicheStimme RealisierungStimmestimmliche Realisierung gelesen hat. Im Folgenden (Plaut. Pseud. 20) gibt Calidorus den Brief dann an seinen SklavenSklave. Bevor dieser ihn vokalisierendLautstärkelaut vorliest (Plaut. Pseud. 41), macht er sich zunächst über das schlechte und unleserliche SchriftbildSchrift-bild lustig (Plaut. Pseud. 22–30) und diskutiert mit seinem Herrn (Plaut. Pseud. 31–39). Die Wortbeiträge von Pseudolus in dieser Diskussion zeigen, dass er zumindest Teile des Briefinhalts vor dem Verlesen schon rein visuellvisuell wahrgenommen hat (vgl. Plaut. Pseud. 35f). Die vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend Lektüre liegt nicht in der Notwendigkeit begründet, dass die stimmliche Realisierung für das VerstehenVerstehen des Textes notwendig gewesen wäre, sondern hat die dramaturgische Funktion, das PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) vom Inhalt des Briefes nach dem Spannungsaufbau in den vorhergehenden Versen in Kenntnis zu setzen.

3.6 Lesen als Suchen bzw. Fragen

Es existieren auch zahlreiche weitere Verben im Griechischen, mit denen die Rezeption von Texten bezeichnet wird und die – verstanden in einem weiten Sinne – in heuristischer Hinsicht einer Kategorie zugeordnet werden können, die sich grob mit dem Konzept Suchen und Finden bzw. Fragen und Antworten beschreiben lässt. So impliziert das erste hier zu betrachtende Lexem ζητέωζητέω, das durchaus ein breites Bedeutungsspektrum aufweist ([unter]suchen, [er]forschen, fragen, aufspüren, sich bemühen, verlangen), dass man dem zu Untersuchenden, also z.B. dem Sachverhalt oder eben dem Text, mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse bzw. einer Frage entgegentritt. Aus Gründen der Komplexitätsreduktion wird im Folgenden nur die Verwendungsweise in Bezug auf SchriftmedienLese-medium/Texte untersucht.

Das Verb ζητέωζητέω, dessen EtymologieEtymologie nicht eindeutig ist,1 gilt als altgriechischer terminus technicus für das/die philosophischePhilosophie Untersuchen/Untersuchung, das/die auch schriftgebunden sein kann.2 Philosophisches Untersuchen ist nicht zwingend mit Lesen verbunden und es finden sich Belegstellen, an denen das Verb eindeutig und ausschließlich die „Suche“ im Kopf meint.3

Das Verb wird aber genauso eindeutig dazu verwendet, um die Suche oder das Forschen nach etwas zu bezeichnen, wofür etwas Schriftliches konsultiert werden muss.4 In Demosthenes’ RedeRede gegen Timotheos ist formuliert, in einer Art Schuldenregister bei einer Bank, die Einträge von Timotheos’ Schulden zu suchen und abzuschreiben (… ζητεῖν τὰ γράμματαγράμματα καὶ ἐκγράφεσθαι …; Demosth.Demosthenes or. 49,43). Bei Aristot.Aristoteles pol. 3,1287a beschreibt das Verb Phänomen, dass Patienten medizinischeMedizin Behandlungen in Büchern konsultieren, wenn sie dem ArztArzt misstrauen. In 1Esdr 5,38 geht es darum, dass bestimmte Personen, die Anspruch auf das Priestertum erhoben haben, deshalb von der Ausübung desselben ausgeschlossen wurden, weil „deren Abstammungsschrift im Verzeichnis gesucht (ζητηθείσης τῆς γενικῆς γραφῆςγραφή ἐν τῷ καταλοχισμῷ) und nicht gefunden wurde“.5 Im Prooemium des elften Buches von PolybiosPolybios’ Historien meint das Verb das suchende „Nachschlagen“ in der RolleRolle (scroll), also ein informationsentnehmendes LeseinteresseLese-interesse.6 Einer der Teilnehmer des Gelehrtengesprächs bei Athenaios formuliert, er habe nach Diskussionen über die menschliche NaturNatur in den Werken Brysons von HerakleiaBryson von Herakleia gesucht (ζητέωζητέω), aber nur Beschreibungen von SymposienSymposion und unangemessene erotische Dialoge gefunden (εὑρίσκωεὑρίσκω), welche eine Geringschätzung zukünftige LeserLeser zum Ausdruck brächten (vgl. Athen.Athenaios deipn. 11,118 [508d]). Aufschlussreich ist sodann eine Bemerkung im Vorwort von Kyrills Johanneskommentar, der im Vorwort direkt vor dem Kapitelverzeichnis des ersten Buches deren Funktion erklärt: Sie seien dafür da, den Lesern zu ermöglichen, das Gesuchte sehr einfach zu finden (πρὸς τὸ καὶ λίαν ἑτοίμως ἀνευρίσκεσθαι τοῖς ἐντευξομένοις τὸ ζητούμενον; Kyr. Alex.Kyrill von Alexandria com. in Ioh. prooem. [Ed. PUSEY, p. 7,19f]). Ein gutes Beispiel für Kapitellisten findet sich z.B. im CodexKodexAmiatinus Amiatinus.7 Dort sind die kurzen Kapitelzusammenfassungen (die sog. Capitula Amiatina) mit Zahlen versehen, die wiederum auf eine Sektionszahl verweist, die an derjenigen Stelle im Text angebracht ist, auf welche der jeweilige Eintrag verweist. Das Verb findet sich analog auch in leserlenkendenLeserlenkung Anmerkungen.8 Besonders hervorzuheben sind solche Querverweise innerhalb von Werken, die mehrere RollenRolle (scroll) umfassen, und eine nicht sequentielleKontinuitätsequentiell Lektüre erfordern. Beispielhaft zu verweisen ist auf eine leserlenkendeLeserlenkung Formulierung „wie im ersten Buch zu finden“ (ὡς … ἐν τῷ πρώτῳ βιβλίῳ ζητηθὲν; Gal.Galenos dig. puls. 3,74 [ed. KÜHN 8, p. 903,7f]) bei Galen.

Ganz eindeutig wird das Verb ζητέωζητέω auch im Sinne von „einen Text/ein BuchBuch etc. intensiv studieren/lesen“ verwendet. So findet man schon beim Athener Dichter der neuen KomödieKomödie, AnaxipposAnaxippos, den folgenden Satz: „Am frühen Morgen wirst du sehenSehen, wie ich Bücher in den Händen halte, und das untersuche, was mein Handwerk betrifft“ (τὸν ὄρθρον ἐν ταῖς χερσὶν ὄψει βιβλία ἔχοντα καὶ ζητοῦντα <τὰ> κατὰ τὴν τέχνην; Athen.Athenaios deipn. 9,68 (404b): CAF 3, Anaxippos Fr. 1). Wenn OrigenesOrigenes mit Verweis auf den griechischen TitelTitel des Sprüchebuches (ἐπιγέγραπται γὰρ τὸ βιβλίονβιβλίον Παροιμίαι; Orig. Cels. 4,87), den er gleichsam als Leseanweisung versteht, sagt, er untersuche diese wie Rätsel (ζητῶ ταῦτα ὡς αἰνίγματα; Orig. Cels. 4,87) und damit Worte aus dem Sprüchebuch meint, dann liegt es nahe, ein intensivesAufmerksamkeitvertieft StudiumStudium des Textes vorauszusetzen.9 Im Sinne eines exegetischenExegese Untersuchens verwenden z.B. auch Clemens von Alexandria10, Euseb11 und Chrysostomos das Verb. So schreibt letzterer bezüglich 2Tim 4,9–132Tim 4,9–13: „Es lohnt sich, zu untersuchen, warum der Apostel den Timotheus zu sich ruft …“ (Ἄξιον ζητῆσαι πῶς καλεῖ τὸν Τιμόθεον πρὸς ἑαυτὸν …; Ioh. Chrys.Chrysostomos, Johannes in 2 Tim. hom. 10,1 [PG 62, p. 655]). Auch wenn er in Act. princ. hom. 3 sagt, er habe am zweiten Tag untersucht, wer das Buch (scil. Act) geschriebenSchriftGeschriebenes habe, und er Lukas als AutorAutor/Verfasser identifizieren konnte,12 wird er dafür wohl mindestens die beiden PrologeProlog des lukanischen Doppelwerkes gelesen haben.

Das Verb ἐρευνάωἐρευνάω ist etymologischEtymologie verwandt mit ἔιρομαι (fragen; *indoeuropäisch: h1reu-)13 und ist daher dem semantischen Feld „Frage-Antwort-Dialog“ mit dem Text zugeordnet worden. Für ἐρευνάω hat G. Delling im ThWNT vier Bedeutungsdimensionen herausgearbeitet: a) nachspüren, erschnüffeln; b) durchsuchen, durchstöbern; c) einem Sachverhalt nachspüren, durch Verhör untersuchen (besonders im gerichtlichen Kontext), ausforschen; d) genau prüfen, einer Frage bis ins Detail nachgehen (besonders in wissenschaftlichen Kontexten).14

Im Rahmen der Bedeutungsdimension d) kann das Lexem auch ein durch ein bestimmtes Erkenntnisinteresse gesteuertes Lesen bezeichnen. Besonders eindrücklich ist eine Stelle bei PhilonPhilon von Alexandria,15 an der er mit dem Lexem ἐρευνάωἐρευνάω die kognitivekognitiv Verarbeitung des Lesens der Schrift mit dem Denkvermögen/Verstand (διάνοια) präzise benennt.16 Philon verwendet das Verb ferner auch zur LeserlenkungLeserlenkung.17 In Joh 5,39Joh 5,39 sagt JesusJesus über die Ioudaioi, sie erforschten die Schrift (ἐραυνᾶτε τὰς γραφάς), weil sie meinten, in ihnen das ewige Leben zu haben (s. auch Joh 7,52Joh 7,52). In der patristischenKirche-ngeschichte Literatur wird ἐρευνάω schon im 2. Jh. als LeseterminusLese-terminus verwendet (s. u. S. 524 f).

Das Verb ἐξετάζωἐξετάζω ist als Derivat von ἐτάζω, das wiederum eine denominale Ableitung von ἐτός darstellt, etymologischEtymologie verwandt mit ἀληθής und ἀγαθός und hat als Grundbedeutung „die Wahrheit herausfinden“.18 In zwischenmenschlichen Relationen bezieht sich ἐξετάζω auf ein verbales Geschehen oder ein visuellesvisuell Mustern/Inspizieren/Untersuchen.19 Aber auch als LeseterminusLese-terminus (einen Text untersuchen, erforschen, ausforschen) ist das Verb breit bezeugt. Einige Stellen können dies exemplarisch verdeutlichen.

Schon in Platons Phaidros wird das Verb an einer Stelle als LeseterminusLese-terminus gebraucht, an der Sokrates vorschlägt: „Wie verhält es sich also mit dem Schön- und Unschön-SchreibenSchreiben? Phaidros, wir sollten einmal den Lysias in dieser Sache überprüfen, und wer immer sonst etwas geschriebenSchriftGeschriebenes hat (… Λυσίαν τε περὶ τούτων ἐξετάσαι καὶ ἄλλον ὅστις πώποτέ τι γέγραφεν) …“ (Plat.Platon Phaidr. 258d; Üb. BUCHWALD), worauf hin Phaidros antwortet: „Du fragst, ob wir sollten? Weswegen lebt man denn, sozusagen, wenn nicht um solcher Genüsse willen?“ (Plat. Phaidr. 258e; Üb. BUCHWALD). Der Kontext belegt eindeutig, dass der Name Lysias metonymischMetonymie für die durch Lektüre zu überprüfenden RedenRede steht, die schriftlich vorliegen. Als Leseterminus ist es auch in antiken christlichen Schriften gut bezeugt:20 AthenagorasAthenagoras von Athen überlässt es seinem postulierten AdressatenAdressat, „diese Schriften [ProphetenProphet des ATAT/HB/LXX] zu konsultieren und die Aussprüche jener Propheten genau zu überprüfen (… τῶν βιβλίων γενομένοις ἀκριβέστερον τὰς ἐκείνων ἐξετάσαι προφητείας)“ (Athenag. suppl. 9,3). Wie schon bei anderen Stellen21 deutet die Verwendung des Adjektivs ἀκριβήςἀκριβής auf eine vertiefteAufmerksamkeitvertieft, intensive LektüreAufmerksamkeitvertieft zu Studienzwecken hin. Ähnlich argumentiert auch OrigenesOrigenes: „Für denjenigen, der den Geist unserer Schriften ganz untersucht (… ῷ ἐξετάζοντι ὅλον τὸ βούλημα τῶν ἡμετέρων γραμμάτωνγράμματα …), ist klar, dass Celsus … Pseudobehauptungen ohne Prüfung (ἀνεξέταστος) erhebt.“ (Orig. Cels. 3,53). Das Adverb ἀνεξέταστος meint in diesem Kontext ohne Lektüre der christlichen Schriften. In Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 25 [428b] ist ein genaues, auf Fehler hin prüfendes Lesen gemeint.

Ebenfalls zum Bereich „Lesen konzeptualisiert als Suchen“ zuzuordnen ist das Verb εὑρίσκωεὑρίσκω, das, als LeseterminusLese-terminus gebraucht, gleichsam das Ergebnis bzw. Resultat suchender Zugänge zu Texten beschreibt,22 im Sinne von „verstehenVerstehen“ verwendet wird,23 aber auch einfach dazu genutzt wird, eine LesefruchtLese-frucht einzuführen bzw. ein ZitatZitat zu markieren.24 Ähnlich kann im Übrigen auch μανθάνωμανθάνω das Ergebnis eines Rezeptionsaktes (z.B. aus einem BriefBrief),25 v. a. aber selektiverUmfangselektiv und intensiver ZugriffeAufmerksamkeitvertieft auf Texte,26 also die Inhaltsentnahme, das Verstehen, die kognitivekognitiv Verarbeitung beim Lesen bezeichnen.

Weitere Verben müssten im Hinblick auf das unter diesem Punkt besprochene Konzept weitergehend angeschaut werden: ἀναζητέωἀναζητέω (aufsuchen, durchforschen),27 ἐκζητέωἐκζητέω (untersuchen), ἐπιζητέωἐπιζητέω (aufsuchen), ἱστορέωἱστορέω (erforschen, erkunden, untersuchen),28 πολυπραγμονέωπολυπραγμονέω (genau erforschen),29 ἐπισκέπτομαιἐπισκέπτομαι (etw. untersuchen, prüfen),30 μαστεύωμαστεύω (suchen, aufspüren, forschen)31 und die lateinischen Lexeme quaeroquaero,32 reperioreperio,33 scrutorscrutor,34 u. v. m. Dies kann aber im Rahmen dieser Studie nicht geleistet werden.

3.7 Lesen als Bewegung

LesenBewegung wird in der antiken Mittelmeerwelt sodann vielfach mit dem Konzept „BewegungBewegung“ konzeptualisiert, wobei das in der Forschung bekannte Konzept des Lesens als ReiseReise darunter zu subsumieren ist.1 Im Folgenden ist die weite Verbreitung des Konzepts, seine Spezifika und seine Implikationen für antike LesepraktikenLese-praxis anhand einiger wichtiger Verben und aussagekräftiger Quellen herauszuarbeiten. Vorab sei aber schon darauf hingewiesen, dass sich die These eines kausal-relationalen Verhältnisses der Bewegungsmetaphorik und dem Medium der RolleRolle (scroll)2 in den Quellen schwer nachweisen lässt. Diese These einer Korrelation ist außerdem v. a. deshalb zu hinterfragen, weil das Konzept (in der Spätantike) definitiv auch im Zusammenhang mit KodizesKodex verwendet wird3 und auch in der heutigen Beschreibungssprache des Lesens noch zu finden ist (überspringen, überfliegen usw.).

Ein gängiges Verb, das im Griechischen (vielfach auch für die Literatur der Alten KircheKircheAlte bezeugt) Lesen als BewegungBewegung konzeptualisiert, ist διέρχομαιδιέρχομαι (hindurchkommen, durchgehen/-laufen, bis ans Ende kommen).4 Dionysios von Halikarnassos beschreibt in seiner äußerst aufschlussreichen Reflexion des Leselernprozesses in der Antike das geübte Lesen oder VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt als stolperfreies Hindurchgehen durch einen Text mit Leichtigkeit und SchnelligkeitLese-geschwindigkeit (vgl. Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos comp. 25; diese Stelle wird unten unter 4.2 ausführlich zu besprechen sein). Eine sehr aufschlussreiche Stelle findet sich in einem bei Athenaios überlieferten Fragment des Komödiendichters Platon (Athen.Athenaios deipn. 1,8 [5b]), der eine Szene bei einem GemeinschaftsmahlGemeinschaftsmahl darstellt, bei dem jemand in der Einsamkeit des Gemeinschaftsmahls ein BuchBuch für sich selbst durchgehen will (ἐγὼ δ᾽ ἐνθάδ᾽ ἐν τῇ ἐρημίᾳ τουτὶ διελθεῖν βούλομαι τὸ βιβλίονβιβλίον πρὸς ἐμαυτόν). Dann wird er aber von einer anderen Person gefragt, um was für ein Buch es sich handle und liest daraufhin aus „einem neuen Kochbuch von Philoxenus“ exemplarische Passagen vor. Die Szene impliziert eindeutig das Konzept nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierendr individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre (freilich reflektiert ironisch gebrochen; in einem Kontext, in dem diese Form von Lektüre eigentlich nicht möglich ist), da der Fragende sonst zumindest erkannt hätte, um was für eine Art Buch es sich handelt, und da außerdem das folgende Vorlesen von Ausschnitten (sequentiellKontinuitätsequentiell-selektivUmfangselektiv; vgl. Athen. deipn. 1,8 [5b /c]) aus dem Buch sonst redundant wäre.

PlutarchPlutarch berichtet, dass Pompeius nach dem Sieg über Mithridates VI. im 3. Mithridatischen Krieg dessen privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat Geheimdokumente in einer Festung am Lykos fand und diese „nicht ohne Vergnügen durchging (διῆλθεν οὐκ ἀηδῶς), da sie vieles enthielten, das den Charakter des KönigsKönig offenbarte“ (Plut. Pomp. 37). Unter den Schriftstücken waren u. a. Aufzeichnungen von seinen Träumen und erotische Korrespondenz mit Monime, auch Kopien von den BriefenBrief an sie. Pompeius hat diese Texte offenbar nicht nur aus dienstlichem Interesse gelesen, sondern sich damit auch unterhaltenUnterhaltung. Dass Plutarch mit dem Verb individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre zum Ausdruck bringt, zeigt sich eindeutig in der Biographie des jüngeren CatoCato der Ältere, Marcus Porcius, der vor seinem Selbstmord nach dem Essen allein in seinem Schlafgemach Platons Phaidon „schon zum Großteil durchgegangen war“ (διελθὼν τοῦ βιβλίου τὸ πλεῖστον καὶ ἀναβλέψας; Plut. Cato min. 68), als er bemerkte, dass sein Schwert nicht mehr an seinem Platz hing.5 An anderer Stelle begründet Plutarch die Abfassung seiner Schrift Non posse suaviter vivi secundum Epicurum in Frontstellung gegen eine Schrift von Kolotes damit, dass er zeigen wolle,

„dass man […] die Schriften derer, die man widerlegt, nicht bloß beiläufig durchgeht (τὰ γράμματαγράμματα μὴ παρέργως διελθεῖν) und da oder dort Äußerungen herausreißen oder Aussprüche, die nicht in ihren Schriften stehen, angreifen darf, um den Unerfahrenen Sand in die Augen zu streuen“ (Plut.Plutarch non posse suav. 1 [mor. 1086d]; Üb. angelehnt an OSIANDER/SCHWAB).

PlutarchPlutarch unterstellt Kolotes hier mit polemischem Impetus eine oberflächlicheAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig und selektiveUmfangselektiv Lektüre der von ihm zitierten Schriften. Dies bringt er mit der MetapherMetapher des beiläufigen Durchgehens zum Ausdruck. Im folgenden Dialog6 sagt Aristodem, er sei kürzlich zufällig durch die Briefe Epikurs über den Tod des Hegesianax hindurchgegangen (ἔναγχος γὰρ κατὰ τύχην τὰς ἐπιστολὰςἐπιστολή διῆλθον αὐτοῦ) – d. h. er hat sie individuell-direktLektüreindividuell-direkt gelesen – und bereichert mit seinen Lesefrüchten die Diskussion (Plut. non posse suav. 20 [mor. 1101b]).

Nicht das Lesen eines schriftlich in einem Medium fixierten Textes, sondern ein rein mentaler Prozess ist gemeint, wenn der PhilosophPhilosophie Athenodorus Augustus als Rat gibt, er solle, wenn er zürne, nichts sprechen und tun, als bis er die vierundzwanzig BuchstabenBuch-stabe für sich durchgegangen sei (τέτταρα γράμματαγράμματα διελθεῖν πρὸς ἑαυτόν)“ (Plut.Plutarch mor. 207c). Der Kontext impliziert das Fehlen hörbarerLautstärkehörbar stimmlicherStimme Realisation.

Vergleichbar zur Verwendung von διέρχομαιδιέρχομαι finden sich auch die Verb διαπορεύωδιαπορεύω,7 διέξειμιδιέξειμι (durchgehen, hindurchziehen) und ἔπειμιἔπειμι (durchgehen, durchwandern)8 als LesemetaphernMetapher in den Quellen. Isokrates bietet in seinem Panathenaikos (Isokr.Isokrates or. 12,231) eine eindrucksvolle Beschreibung des Vorgehens bei der Ausarbeitung seiner RedenRede, in der ferner auch zum Ausdruck kommt, wie sich unterschiedliche Gemütszustände auf die Darstellungs- und Rezeptionsweise auswirken. Und zwar diktiert er eine Rede einem SklavenSklave, nachdem er durch diese mit Freude durchgegangen sei (ὃν ὀλίγῳ μὲν πρότερον μεθ᾽ ἡδονῆς διῆλθον). Vermutlich bezieht sich letzteres auf die Lektüre (und Überarbeitung) einer Vorfassung, die er womöglich auf TafelnTafel/Täfelchen schriftlich vorkonzipiert hat. Beim diktierten Text handelt es sich um eine vermutlich auf Papyrusrolle ausgearbeitete Fassung der Rede, die er einige Tage später erneut liest und durchgeht (τριῶν γὰρ ἢ τεττάρων ἡμερῶν διαλειφθεισῶν ἀναγιγνώσκων αὐτὰ9 καὶ διεξιών). Mit diesem zeitlichen Abstand fällt ihm einiges Negatives in der Darstellungsweise auf, was in ihm den Impuls auslöst, das ManuskriptHandschrift/Manuskript zu zerstören, woran ihn nur die viele Arbeit hindert, die er in die Ausarbeitung hineingesteckt hat (vgl. Isokr. or. 12,232). Die Verben ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω und διέξειμιLektüreindividuell-direkt meinen hier denselben individuell-direkten Lesevorgang, wobei durch letzteres Verb eine gewisse evaluative und womöglich auf KorrekturenKorrektur (s. auch Evaluation) und Überarbeitung ausgerichtete Rezeptionshaltung zum Ausdruck gebracht wird. Dies wird im Folgenden dadurch bestätigt, dass Isokrates in or. 12,246 den oberflächlichenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig Lesern (τοῖς μὲν ῥᾳθύμως ἀναγιγνώσκουσινἀναγιγνώσκω) einer Rede die sorgfältig Hindurchgehenden (τοῖς δ᾽ ἀκριβῶς διεξιοῦσιν) gegenüberstellt. Und zwar sind dies solche, die nach „ihrem eigenen Ermessen, gerade so viel davon lesen und durchgehen (διέρχομαι), wie sie jeweils selber wollen“ (Isokr. 12,136; Üb. ROTH, leicht modifiziert JH), d.h. die den Text abschnittsweise durchgehen und mit zeitlicher Unterbrechung (z.B. zum Nachdenken) nur Portionen lesen. Dies ist wegen der von Beginn an von Isokrates angedachten besonderen Länge und planvoll gestalteten Gesamtkonzeption der Rede notwendig.10 Diese drei Stellen zeigen im Übrigen, dass die von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertretene These, die publizierten Reden von Isokrates seien für die RezitationRezitation vor PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) bestimmt, kritisch zu diskutieren wäre.11

Eine weitere aufschlussreiche Stelle findet sich in Eusebs KirchengeschichteKirche-ngeschichte, der mit dem folgenden Satz ein längeres ZitatZitat (Ios.Josephus, Flavius bell. Iud. 5,12,3f [512–519]) einleitet.

„Hole das fünfte Buch der Geschichte des JosephusJosephus, Flavius und nimm es wiederum zur Hand (μετὰ χεῖρας αὖθις ἀναλαβώνἀναλαμβάνω), dann gehe die damaligen traurigen Ereignisse durch (δίελθε τὴν τραγῳδίαν)“ (Eus.Eusebios von Caesarea h. e. 3,6,1).

Auch wenn es sich hier um eine ZitateinleitungZitat-einleitung/-markierung handelt und der LeserLeser der KirchengeschichteKirche-ngeschichte das ZitatZitat im Folgenden aus dem ihm vorliegenden Text lesen kann, spiegelt sich in der Formulierung eine spezifische individuell-direkteLektüreindividuell-direkt LesepraxisLese-praxis wieder, bei der (schon einmal gelesene) BücherBuch zu spezifischen Fragen in die Hand genommen und selektivUmfangselektiv konsultiert werden. Da Euseb hier seine Leser mit imperativischen Formulierungen anspricht, kann man schlussfolgern, dass auch sein eigenes Werk für die individuell-direkte Lektüre konzipiert war.

DiodorDiodorus Siculus nutzt das Verb διέξειμι an oben schon besprochener Stelle (Diod. 1,3,8; s. o. S. 124) zur Beschreibung individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre von historiographischen Texten. Das Verb findet sich sodann als LeseterminusLese-terminus beim antiochenischen Astrologen Vettius ValensVettius Valens, der im 2. Jh. n. Chr. in seiner neunbändigen Schrift Anthologiae, im neunten Buch folgendermaßen über die anvisierte Rezeption reflektiert:

„All of the preceding methods are effective and easily understandable to those who study them (χρηματιστικαὶ καὶ εὐκατάληπτοι τοῖς ἐντυγχάνουσίν) […]. I have set a table rich in learning and I have invited guests to the banquet (πλουσίαν οὖν μαθημάτων τράπεζαν αρασκευασάμενος συνεστιάτορας ἐπὶ τὸ σύνδειπνον ἀνακέκληκα.). Let those who wish to feast act with the physical assistance of the body, which helps them to use the nourishment not in a greedy or insatiable way, but only in so far as the victuals can provide reasonable pleasure. (What is consumed beyond the bounds of nature usually causes harm.) Now if any of the guests should wish to continue living unharmed, let him eat one or two courses, and he will be happy. […] if anyone spends some time on one or two of the preceding methods, he will find his goal to be easily grasped, and he will spend his time in pleasure and delight and will enjoy great repute. If, however, anyone is slow to understand what he reads, yet wishes in one day to run through two or three books, he will not discover the truth (εἰ δέ τις εἴη μὲν εἰς τὸ ἀναγινώσκειν δυσνόητος, θέλοι δὲ εἰς μίαν ἡμέραν δύο καὶ τρεῖς βίβλους διεξιέναι, τὴν μὲν ἀλήθειαν οὐκ ἐξιχνεύσει). Instead, he will be like a storm-fed river, rolling its burden along, worthless and profitless to the onlookers, and sinking back quickly to its useless state. Nor does a racehorse running in a desert place, outside of a stadium or a battle, win any prizes“ (Vett. Val.Vettius Valens 9,9; Üb. M. RILEY; Herv. JH).

Vettius ValensVettius Valens führt hier zunächst aus, dass seine Methoden (ἀγωγή) für die LeserLeser prinzipiell kognitivkognitiv gut zu verarbeiten (εὐκατάληπτος) sind. Mit einer eindrucksvollen Kombination aus verschiedenen Essens- und Bewegungsmetaphern erläutert er dann die Bedingungen für das VerstehenVerstehen. (Auch wenn die LesemetaphernMetapher des Essens und Trinkens erst unter 3.9 besprochen werden, ist diese Stelle wegen der Metaphernkombination schon hier anzuführen.) Seine Darlegungen gleichen einem reichen „Tisch des LernensLernen“ und seine Leser sind Gäste, die sich beim MahlGemeinschaftsmahl (d. h. bei ihrem Rezeptionsprozess) daran bedienen können. In Analogie zu allgemeinen Ansichten antiker Diätetik spezifiziert er, dass beim Lesen maßzuhalten ist, damit die Speise für den Körper ohne Schaden verdaut, also das Gelesene gut kognitiv verarbeitet werden kann. Die hier verwendete Metaphorik spiegelt eindeutig eine individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüresituation, bei welcher der Leser sich selbstbestimmt für seine LeseweiseLese-weise entscheidet. Insbesondere legt Vettius Valens den Lesern mit der Metaphorik des Essens eine intensive selektivUmfangselektiv-diskontinuierlicheKontinuitätdiskontinuierlichAufmerksamkeitvertieft Form der MehrfachlektüreLektüreMehrfach- nahe. Diese Form der anvisierten Rezeption führt er sodann explizit aus: Derjenige, der einige Zeit investiert und sich eine oder zwei Methoden aus dem Vorhergehenden herausgreift, wird Freude und großen Nutzen davon haben. Mit Hilfe der Bewegungsmetaphorik bringt er sodann zum Ausdruck, wie seine BücherBuch nicht zu lesen seien – und zwar insbesondere von solchen, die langsamLese-geschwindigkeit bei der kognitiven Verarbeitung beim Lesen sind (εἰς τὸ ἀναγινώσκειν δυσνόητος). Insbesondere solche Leser sollen nicht versuchen, in einem Tag durch zwei oder drei BücherBuch durchzugehen (διέξειμι). Die weitere Ausarbeitung der Bewegungsmetaphorik in den folgenden Sätzen zeigt, dass mit διέξειμι hier durchaus an ein relativ schnelles, oberflächlichesAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig Lesen gedacht ist. Diese Konnotation der Bewegungsmetaphorik war oben schon bei PlutarchPlutarch (Plut. non posse suav. 1 [mor. 1086d], s. o. S. 188) zu sehenSehen und wird uns im Folgenden insbesondere bei Seneca (Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 2,2-6) wieder begegnen.

Lesen wird in den Quellen sodann mit dem Verb ἐγκύπτωἐγκύπτω (wörtlich: „hineinbeugen“; den Kopf vorbeugen, vornüberbeugen, sich bücken) beschrieben. Als LeseterminusLese-terminus gebraucht, steht hier das Einnehmen der HaltungHaltung des Lesenden pars pro toto für den Gesamtprozess des Lesens. Deutlich wird dies z.B. bei Sextus Empiricus, der im Kontext von Ausführungen über die Farbwahrnehmung der AugenAugen die Wahrnehmung von Geschriebenem, nachdem man in die Sonne geschaut hat, als Beispiel heranzieht: „Ferner, wenn wir uns über ein BuchBuch beugen (ἐγκύψαντες βιβλίῳ), nachdem wir lange in die Sonne geschaut haben, scheint es so, als seien die BuchstabenBuch-stabe golden und tanzten herum.“ (S. Emp.Sextus Empiricus P. H. 1,45). Es ist nun interessant, dass das Verb vor dem 1. Jh. n. Chr. weder im Kontext von LeseszenenLese-szene noch als LeseterminusLese-terminus im engeren Sinne gebraucht wird und die Belege bis auf einige Ausnahmen überwiegend christlich sind.12 Inwiefern eine Interdependenz zur KodexformKodex besteht, lässt sich nur schwer sagen. In vielen Quellen, in denen ἐγκύπτω metonymischMetonymie für Lesen steht, ist es konnotiert mit einem intensiven Lesemodus bzw. einem Studienlesemodus. Die Semantik des Verbes kann zugleich die Haltung, den Grad der Aufmerksamkeit und die Intensität der LektüreAufmerksamkeitvertieft zum Ausdruck bringen. Ein gutes Äquivalent im Deutschen ist das Motiv des „In-ein-Buch-vertieftAufmerksamkeitvertieft-Seins“, da es die vertikal nach unten gerichtete Dimension der Semantik von ἐγκύπτω13 treffend zum Ausdruck bringt.

Aufschlussreich ist eine Episode (Ach. Tat.Achilleus Tatios 1,6,6) im RomanRoman Leukippe und Kleitophon von Achilleus Tatios: Der liebestrunkene Kleitphon nimmt, während er im Haus herumläuft, ein BuchBuch in die Hand, beugt sich darüber und liest (βιβλίονβιβλίον ἅμα κρατῶν, καὶ ἐγκεκυφὼς ἀνεγίνωσκον); aber immer, wenn er an der Tür von Leukippe vorbeigeht, späht er zu ihr hinüber, indem er nur die AugenAugen hebt (τὸν δὲ ὀφθαλμόν … ὑπείλιττον κάτωθεν). Dies impliziert, dass Kleitophon heimlich zu ihr hinüberspät, also der Leseprozess aus der Außenperspektive allein an seiner HaltungHaltung erkannbar sein muss. Damit ist deutlich, dass Kleitophon auf der Ebene der erzählten Welt des Romans nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend liest, da die Konstellation sonst wenig Sinn machen würde: Beim Heben der Augen wäre es Kleitophon ja nicht möglich gewesen, den Text weiter lautlich zu realisieren, und ein abruptes Abbrechen der Vokalisation hätte Leukippes Aufmerksamkeit auf Kleitphon gezogen. Der in sein Buch/seine SchriftrolleRolle (scroll) vertiefteAufmerksamkeitvertieft Kleitophon ist unverdächtig und unauffällig.

In der Forschungsliteratur findet sich die These, dass die hier bei Achilleus Tatios erzählte Rezeptionshaltung durchaus selbstreferenziellselbstreferenziell verstanden werden kann,14 Romane also zur individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre gedacht waren, die Frage nach der sozialen Stellung der intendierten und tatsächlichen Leserschaft antiker Romane ist hingegen umstritten.15

Analog zu ἐγκύπτωἐγκύπτω kann im Lateinischen das wurzelverwandte16 Verb incumboincumbo verwendet werden, wie eine Stelle bei TertullianTertullianus, Quintus Septimius Florens zeigt, an der er im Kontext der Thematisierung der geistlichen Dimension einer keuschen Lebensführung das Lesen der Heiligen Schrift thematisiert: „Wenn er [scil. der Mensch] sich in die Schrift hineinbeugt, ist er ganz in jener“ (si scripturisscriptura incumbit, totus illic est, Tert. exhort. cast. 10,2). Es ist aufschlussreich, dass Tertullian hier allgemein vom Menschen redet, der in die Schrift vertieftAufmerksamkeitvertieft ist. Damit setzt er eine generelle (allerdings nicht näher zu quantifizierende) Praxis der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre der Schrift voraus.

Die konzeptuelle MetapherMetapher BEWEGUNG IST LESENBEWEGUNG kommt aber z.B. auch in folgenden Formulierungen zum Ausdruck: „Einige junge Leute, die erst seit kurzem regelmäßig zu den alten Worten [scil. Schriften der alten PhilosophenPhilosophie] gehen, tadelten Epikur …“ (Νεανίσκοι τινὲς οὐ πάλαι τοῖς παλαιοῖς λόγοις προσπεφοιτηκότες ἐσπάραττον τὸν Ἐπίκουρον … Plut.Plutarch symp. 3,6,1 [mor. 653b]);17 „damit die LeserLeser mitgenommen werden (συμπεριφέρεσθαισυμπεριφέρεσθαι)“ (Polyb.Polybios 3,34,3). Äquivalent finden sich in den Quellen auch Formulierungen, die zeigen, dass das Konzept auch aus der Autorenperspektive verwendet werden konnte. So formuliert z.B. JosephusJosephus, Flavius leserlenkendLeserlenkung im Hinblick auf die KompositionKomposition seines BuchesBuch, er werde das „was aber vor meiner Zeit geschah, auf kurzem Wege durcheilen (ἐπιτρέχω)“ (Ios. bell. Iud. 1 prooem. 6 [18]).

Das metaphorischeMetapher Konzept BEWEGUNG IST LESENBEWEGUNG findet sich auch in lateinischen Quellen und ist z.B. impliziert in einer Aussage der praefatio des vierten Buches von LiviusLivius, Titus’ Geschichtswerk, dass er nicht daran zweifle, „daß den meisten Lesern (legentium) die ersten Anfänge […] weniger Freude machen wird, da sie es eilig haben (festinantibus), zu unserer Neuzeit zu kommen“ (Liv. 4 praef.; Üb. PAUSCH). Diese Aussage ist deshalb interessant, da der AutorAutor/Verfasser hier im Hinblick auf eine individuell-direkteLektüreindividuell-direkt LesesituationLese-situation antizipiert, dass seine LeserLeser den Text nicht gleichbleibend sequentiellKontinuitätsequentiell entlang des Textes lesen, wobei allerdings nicht sicher zu entscheiden ist, „ob mit festinare hier eine in höherer GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit erfolgende, aber vollständigeUmfangvollständig Lektüre oder eine selektiveUmfangselektiv Form der Rezeption, in der auch Teile vom Leser ausgelassen werden können, gemeint ist.“18 Eindeutiger mit selektiven Zugriffen verknüpft ist das Konzept BEWEGUNG IST LESEN dagegen bei Martial, der mehrfach „die Verben transiretransire und praetirepraetire [verwendet], um damit zu beschreiben, wie Leser ein oder mehrere Gedichte nicht beachten bzw. ‚übergehen‘.“19 Diese beiden Verben müssten im Hinblick auf das Konzept BEWEGUNG IST LESEN weiterführend untersucht werden. Dies kann im Rahmen dieser Studie jedoch nicht geleistet werden.

Weil er eine detaillierte Einsicht in LesepraktikenLese-praxis in der Antike bietet, ist jedoch im Folgenden noch der ausführliche Rat Senecas zur Lektüretätigkeit und -auswahl zu besprechen, den er LuciliusLucilius in einem seiner Briefe gibt:

„2 Gib aber darauf acht, daß Deine Lektüre vieler AutorenAutor/Verfasser und aller möglichen Werke nicht eine gewisse Oberflächlichkeit und Unbeständigkeit mit sich bringt (ne ista lectiolectio auctorum multorum et omnis generis voluminumvolumen habeat aliquid vagum et instabile)! Man muß sich an bestimmte große Geister halten und an ihnen wachsen, wenn man etwas gewinnen will, das tief im Herzen Wurzel schlägt. Nirgends ist, wer überall ist. So ergeht es Leuten, die ihr Leben auf ReisenReise verbringen: Sie sind viel zu Gast, aber niemands Freund. Und dasselbe muß unweigerlich denen widerfahren, die sich nicht vertrauensvoll an einem der Großen orientieren, sondern durch alles hastig und schnellLese-geschwindigkeit hindurcheilen (sed omnia cursim et properantes transmittunttransmitto). 3 Eine Speise (cibus) ist nutzlos und schlägt nicht an, die man, kaum daß man sie zu sich genommen hat, wieder von sich gibt. Nichts verhindert so sehr die Genesung, als häufiger Wechsel der Heilmittel. Keine Wunde vernarbt, an der man Medikamente ausprobiert. Keine Pflanze gedeiht, die man häufig versetzt – kurz: Nichts ist so nützlich, daß es schon bei flüchtiger Berührung nützen könnte (ut in transitu prosit). Nur Verwirrung kommt aus einer Überzahl von Büchern (distringit librorum multitudo.). Da Du nicht alles zu lesen vermagst, was Du hast, genügt es, soviel zu haben, wie du lesen kannst (itaque cum legerelego non possis, quantum habueris, satis est habere, quantum legas). 4 ‚Aber‘, wendest Du ein, ‚ich möchte bald dieses BuchBuch auseinanderrollen (evolvoevolvo), bald jenes!‘ Es verrät einen übersättigten Magen, wenn man von vielem nur kostet (fastidientis stomachi est multa degustaredegusto). Sobald es viele verschiedene Speisen sind, machen sie nur Beschwerden und sind nicht nahrhaft. Lies also stets anerkannte Autoren, und wenn es Dich einmal lockt, Dich anderen zuzuwenden, dann kehre zur früheren Lektüre zurück (ad priores redi). Verschaffe Dir täglich ein wenig von dem, was Dir in der ArmutArmut oder beim Sterben helfen kann, desgleichen bei den übrigen Übeln. Und wenn Du durch vieles hindurchgerannt bist, greife Dir einen Satz heraus (o. exzerpiere einen Satz), den Du an diesem Tag weichkochst (et cum multa percurrenspercurro, unum excerpe, quod illo die concoquas). 5 Ich halte es selbst ebenso: Aus recht vielem, das ich lese, suche ich mir etwas zu eigen zu machen (ex pluribus, quae legi, aliquid adprehendo). Heute ist’s der folgende Satz, den ich zufällig bei Epikur gefunden habe – ich gehe (transeotranseo) nämlich gern auch einmal ins gegnerische Lager, nicht als Überläufer, sondern als Kundschafter. ‚Ehrenwert‘, sagt Epikur, ‚ist heitere Armut.‘ (6) Doch es ist gar keine Armut, wenn sie heiter ist: Nicht, wer zu wenig hat, sondern wer zu viel begehrt, ist arm“ (Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 2,2-6; Üb. FINK, mod. JH).

Dieser BriefBrief gehört wohl zu den bildreichsten Reflexionen antiker LesepraxisLese-praxis, in denen verschiedene Bildfelder (u. a. BewegungBewegung/ReiseReise, Kontakt/Berührung, Krieg) interagieren, wobei aber die Bewegungs- und Speisemetaphorik dominieren. Die Quelle belegt idealtypisch zwei verschiedene Konzepte individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre. Zum einen singulärenFrequenzsingulär, schnelle und oberflächlicheAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtigLese-geschwindigkeit Lektüre vieler BücherBuch, die hier vor allem durch Bewegungsmetaphern (vagum et instabile; sed omnia cursim et properantes transmittunttransmitto [Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 2,2]; et cum multa percurrens [Sen. ep. 2,4]) konzeptualisiert ist. Insbesondere das Verb percurropercurro (durchlaufen, durcheilen) scheint eine gängige LesemetapherMetapher im Lateinischen zu sein und ein eher oberflächliches, „überfliegendes“ Lesen zu bezeichnen.20 Eine solche Lektürepraxis bewertet Seneca kritisch und begründet dies unter anderem speisemetaphorisch: Verschiedene Speisen, von denen man nur kostet, sind nicht nahrhaft (Sen. ep. 2,4). Damit bringt Seneca eine Erfahrung der Begrenztheit kognitiverkognitiv Verarbeitbarkeit von Gelesenem bei einer solchen oberflächlichen Form von Lektüre zum Ausdruck. Entsprechend ist auch sein Rat zu früheren Lektüren zurückzukehren (redeoredeo), also wiederholt zu lesen bzw. einzelne LesefrüchteLese-frucht für sich selbst festzuhalten, möglicherweise durch ein schriftliches ExzerptExzerpt, und sich anzueignen, also das intensiv zu Verarbeitende zu selektieren, wofür die Lektüre vermutlich auch unterbrochenLese-pausen/-unterbrechungAufmerksamkeitvertieft werden muss.21 Interessant ist ferner noch, dass Seneca die Auswahl seiner Lektüren ebenfalls durch eine innovative Bewegungsmetapher zum Ausdruck bringt: das Hinübergehen (transeotranseo) ins feindliche Lager (Sen. ep. 2,5). In einem anderen Buch verwendet er für die von ihm kritisierte LeseweiseLese-weise das Verb erroerro, um das ziellose Umherirren in den Büchern vieler AutorenAutor/Verfasser zum Ausdruck zu bringen (Sen. tranq. 9,4).

Zuletzt und überleitend zum nächsten Punkt sei noch auf eine besondere Form der Bildlichkeit der BewegungBewegung hingewiesen und zwar auf solche Fälle, wo sich nicht – wie in den meisten bisher besprochenen Quellen – der LeserLeser durch den Text bewegt, sondern explizit die AugenbewegungAugen-bewegung thematisiert wird. Besonders aufschlussreich im Hinblick auf die vorliegende Studie ist in dieser Hinsicht ein Redebeitrag von Aristobulos in Plutarchs Dialog über den Verstand von Land- und Wassertieren:

„Wir können oft Schriften mit den AugenAugen durchlaufen, und es können RedenRede in das OhrOhr fallen, ohne daß wir etwas davon auffassen und behalten, weil wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas Anderes gerichtet haben (καὶ γὰρ γράμματαγράμματα πολλάκις ἐπιπορευομένους τῇ ὄψει καὶ λόγοι προσπίπτοντες τῇ ἀκοῇ διαλανθάνουσιν ἡμᾶς καὶ διαφεύγουσι πρὸς ἑτέροις τὸν νοῦν ἔχοντας). So wie aber diese zum Gegenstand zurückkehrt, gehen wir denkend alles Vorbeigelassene noch einmal durch. Daher heißt es auch: ‚Der Verstand sieht, der Verstand hört; alles andere ist taub und blind (νοῦς ὁρῇ καὶ νοῦς ἀκούει, τἄλλα κωφὰ καὶ τυφλά),‘ [Epicharmos, PCG 1 214]. Denn der Eindruck auf Augen und Ohren bringt, wenn nicht das Denken dabei ist, keine Empfindung hervor“ (Plut.Plutarch soll. an. 3 [mor. 961a]; Üb. OSIANDER/SCHWAB)

Autobulos siniert hier eindrucksvoll über den Zusammenhang zwischen Lesen und kognitiverkognitiv Verarbeitung. Seine Ausführungen beruhen allem Anschein nach nicht nur auf der Selbstwahrnehmung seiner eigenen LesepraxisLese-praxis, sondern spiegeln ein in der Antike weiter verbreitetes Bewusstsein wider. Zur Beschreibung des Lesens verwendet er das Motiv „BuchstabenBuch-stabe mit den AugenAugen durchmarschieren/-reisen“ (ἐπιπορεύομαιἐπιπορεύομαι τῇ ὄψει), womit eindeutig ein (unbewusster) individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Leseprozess gemeint ist. Und zwar verweist er damit spezifisch auf die physiologischen Prozesse des Lesens, die darauf angewiesen sind, dass auch der Verstand auf das Gelesene gerichtet wird. Denn wenn die Aufmerksamkeit des LesersLeser auf etwas anderes gerichtet ist, kann der Leser den Inhalt des Textes kognitiv nicht weiterverarbeiten, was etwa auch Augustinus reflektiert.22 Allerdings scheint der zweite Satz „So wir aber …“ auf eine Erfahrung hinzudeuten, dass auch bei einem Leseprozess, bei dem der Leser gedanklich abschweift, unterbewusst doch etwas wahrgenommen werden kann, das einem im Nachhinein durch Zurücklenkung der Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, bewusst gemacht werden kann. Dass hier außerdem zwischen dem Auge als primärem RezeptionsorganRezeption für das Lesen und dem OhrOhr als primärem Rezeptionsorgan für die RedeRede unterschieden wird, deutet in diesem Kontext außerdem eher darauf hin, dass er nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierends Lesen voraussetzt.23 Im ZitatZitat von Epicharmos zeigt sich zudem ein Bewusstsein für das „innere Auge“ und das „innere Ohr“ als Beschreibungskategorien für die kognitiven Verarbeitungsprozess beim Lesen, die schon an anderer Stelle angesprochen wurden.

Bei HorazHoraz (sat. 2,5,51–55) findet sich eine eindrucksvolle Szene, in der es um das Lesen eines Testamentes geht. In einem Dialog mit Teiresias rät Odysseus diesem, er möge, wenn jemand ihm sein Testament zu lesen geben wolle, es dankend zurückweisen. Dabei möge er sich jedoch bemühen, unbemerkt einen Seitenblick auf die zweite Zeile der ersten Seite (der tabulae) zu werfen (ut limis rapias, quid prima secundo ceracera velit versu; Hor. sat. 2,5,53f), in der die Erben namentlich erwähnt werden. Mit schnellem AugeAugen solle man dabei rennen (veloci percurrepercurro oculo), um zu schauen, ob er allein oder mit anderen erbt (Hor. sat. 2,5,54f). Hier ist eindeutig eine beiläufige individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre im Blick, die schnellLese-geschwindigkeit und unbemerkt ablaufen muss und eindeutig rein visuellvisuell konzeptualisiert ist. Die weite Verbreitung der Wahrnehmung des Lesens als visuelles Phänomen wird nun im Folgenden zu thematisieren sein.

3.8 Lesen als Sehen des Textes

EsSehen finden sich zahlreiche Belege in den Quellen, die zeigen, dass Lesen in der Antike als visuellvisuell orientiertes Phänomen wahrgenommen und beschrieben wurde.1 Dies spiegelt sich darin wider, dass zahlreiche Verben der visuellen Wahrnehmung (im Folgenden: verba vivendi) zur Beschreibung von LeseaktenLese-akt verwendet werden konnten. Im Folgenden wird eine Auswahl der aussagekräftigsten Quellenstellen exemplarisch besprochen.

Die auffälligste Beobachtung am Quellenbefund besteht darin, dass das Lesen von InschriftenInschriften, das auch ikonographischLese-ikonographie dargestellt wird,2 eng mit der visuellenvisuell Wahrnehmung verknüpft ist.3 Dies zeigen a) sowohl selbstreferenzielleselbstreferenziell Verweise in den Inschriften selbst als auch b) literarische Quellen, in denen in unterschiedlicher Form das Lesen von Inschriften reflektiert wird, das in den meisten Fällen wohl eine Form des zufälligen Lesens darstellt.4

ad a) Eine außerordentlich detailreiche Reflexion des Lesevorgangs von InschriftenInschriften findet sich in einer Inschrift aus Alexandria aus dem 3./2. Jh. v. Chr.: „… der Stein wird dir den Toten bezeichnen (σημανεῖ), als wer und wessen Sohn er in den Hades ging. Aber beuge mir, Freund, das totengeleitende Knie [d. h. das dich zu den Toten/zur Inschrift führt?] auf den Boden und beschaue mit beiden Pupillen die gravierte Inschrift (ἄθρει γράμμα διπτύχοις κόραις)“ (GVI 1620,1–5).5 Die HaltungHaltung des Kniens, die Verwendung des Verbes ἀθρέωἀθρέω und der Hinweis auf die Pupillen zeigen eindeutig, dass der LeseaktLese-akt visuellvisuell konzeptualisiert ist. Dies korrespondiert damit, dass der Stein selbst nicht spricht, sondern durch das Verb σημαίνω eher der visuelle Charakter des GeschriebenenSchriftGeschriebenes hervorgehoben wird. Die eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Rezeption des in der Inschrift enthaltenen Textes ist also mutmaßlich nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend zu denken. Es finden sich zahlreiche weitere Grabinschriften, in denen der intendierte LeserLeser der Inschrift direkt im ersten Satz aufgefordert wird, das Grabmal zu beschauen, wahrzunehmen bzw. darauf zu sehenSehen (ἀθρέω). Aus dem Befund geht eindeutig hervor, dass nicht nur ein Sehen des materiellenMaterialität Steins gemeint ist, sondern das Verb metonymischMetonymie zum Lesen der Inschrift selbst auffordert. Ein schönes Beispiel findet sich in einer Inschrift aus Telos, die ins 1. Jh. v. Chr. datiert wird: „Reisender, beschaue dieses Grabmal Philons aus Kallipolis …“ (σῆμα Φίλωνος ἄθρησον ὁδοιπόρε, Καλλιπο[λ]εί[ας] …; IG XII 3 48,1 f).6 In einer christlichen Inschrift aus der ersten Hälfte des 3. Jh. n. Chr. aus Lykaonien findet sich analog: „Wenn du dieses Grabmal beschaust, wirst du wissen, wen das Grab festhält: den edlen Sohn des Photinos, den vortrefflichen Diomedes, der mit seinem Tod sein Vaterland betrübte.“ (σῆμα τόδ’ ἀθρήσας εἴσῃ τίνα τύνβος ἐρύκι· Φωτινοῦ τέκος ἐσθλὸν ἀρίζηλον Διομήδην …; MAMA 7 560,1–4 = ICG 349, Üb. HUTTNER [leicht modifiziert JH]). Aus der syntaktischen Konstruktion geht eindeutig hervor, dass ἀθρέω hier bedeuten muss, dass der Betrachter die Inschrift liest, damit er wissen (οἶδα) kann, wer hier begraben liegt. S. die ganz ähnliche Formulierung in SEG 6 297,1f = ICG 352. Vgl. außerdem exemplarisch SEG 40 1105,2f; MAMA 7 553,1f (=ICG 345); MAMA 7 558,1 (=ICG 347).7 S. ferner außerdem die oben schon besprochene Bestimmung zur Veröffentlichung im Edikt über das Aurum Coronarium in P.Fay. 20 col. 2, Z. 23, in der mit σύνοπτος ein Adjektiv der visuellen Wahrnehmung verwendet wird.8

ad b) Schon bei Herodot findet sich ein verbum vivendi in Bezug auf eine InschriftInschriften: „Ich selbst habe gesehen solche BuchstabenBuch-stabe aus der Zeit des Kadmos [scil. phönizische Buchstaben] (εἶδονεἶδον δὲ καὶ αὐτὸς Καδμήια γράμματαγράμματα) im Tempel des Apollon Ismenios im boiotischen Theben“ (Hdt.Herodot 5,59).9 Es ist zwar richtig, dass Herodot hier in erster Linie auf das archaische Aussehen der Schrift verweist. Wie das nachfolgende ZitatZitat einer der auf einem Dreifuß eingeritzten Inschriften zeigt, impliziert das SehenSehen allerdings auch das Lesen derselben.10 In Aristophanes’ Σφήκες sagt Xanthias über seinen Herren: „Wenn er irgendwo an einer Tür geschriebenSchriftGeschriebenes sieht ‚Schön ist Demos, der Sohn Pyrilampes’ (ἢν ἴδῃ γέ που γεγραμμένονγράφω υἱὸν Πυριλάμπους ἐν θύρᾳ Δῆμον καλόν), wird er darunter schreibenSchreiben ‚Schön ist Cemos,‘“ (Aristoph.Aristophanes Vesp. 97). Das Sehen impliziert hier eindeutig, dass das Graffito auch gelesen wird.11 In den Mimiamben des HerodasHerodas aus dem 3. Jh. v. Chr. findet sich eine Szene, in der zwei Frauen ein Opfer in das Asklepieion von Kos bringen und während der Opferung über die Kunstwerke sprechen. Dabei fällt der Freundin Kynnos zunächst ein großes Marmorwerk ins Auge und sie fragt, wer es geschaffen und wer es aufgestellt habe. Darauf antwortet Kynno: „Die Söhne des Prexiteles; siehst Du nicht jene Inschrift auf dem Sockel? (οὐκ ὀρῆις κεῖνα ἐν τῆι βάσι τὰ γράμματ’) Euthies aber hat es aufgestellt, der Sohn des Prexon“ (Herodas 4,23–25; Üb. MEISTER). Das Verb ὁράωὁράω meint hier so viel wie: „Hast Du noch nicht gelesen?“ Denn Kynno geht anscheinend selbstverständlich davon aus, dass ihre Freundin die Inschrift potentiell lesen kann, diese bisher aber offensichtlich nur noch nicht wahrgenommen hat. Dies ist insofern aufschlussreich, als es sich bei den Frauen – wie insgesamt in den Mimiamben – um Personen aus den mittleren und unteren Schichten handelt, wie in diesem Fall an der Opfergabe sichtbar wird (vgl. Herodas 4,10–19).12 Auch die bemerkenswerte Kombination aus Bewegungsbildlichkeit und visuellervisuell Wahrnehmung (s. o. 3.7) findet sich in Bezug auf das Lesen von Inschriften in den Quellen. So finden sich die folgenden Ausführungen in Plutarchs Περὶ πολυπραγμοσύνης: „Ein Hauptmittel, sich von dieser Leidenschaft [der Neugier] zu befreien, liegt in der Gewöhnung, wenn wir schon von früh her anfangen, uns selbst zu dieser Enthaltsamkeit zu üben und anzuleiten; […] Wir wollen erst mit den geringsten und unbedeutendsten Dingen den Anfang machen. Ist es etwas Schweres, auf den Wegen die Inschriften an den Gräbern nicht zu lesen? (τί γὰρ χαλεπόν ἐστιν ἐν ταῖς ὁδοῖς τὰς ἐπὶ τῶν τάφων ἐπιγραφὰς μὴ ἀναγιγνώσκειν) Oder ist es schwierig, bei Spaziergängen mit dem Blick über die Schriften an den Mauern herüberzulaufen? (ἢ τί δυσχερὲς ἐν τοῖς περιπάτοις τὰ κατὰ τῶν τοίχων γράμματαγράμματα 2 τῇ ὄψει παρατρέχειν) Wir brauchen nur daran zu denken, dass nichts Nützliches und Angenehmes darauf geschrieben steht“ (Plut.Plutarch curios. 11 [mor. 520d/e]; Üb. OSIANDER/SCHWAB, mod. JH). Gerade weil hier das Nicht-Lesen der Inschriften mit der BewegungBewegung des Blickes konzeptualisiert ist, erscheint diese Stelle interessant und belegt indirekt das Konzept VISUELLE WAHRNEHMUNG VON SCHRIFT IST LESEN. Die Stelle impliziert außerdem, dass es nicht selbstverständlich ist, Inschriften am Wegesrand zu ignorieren, sondern einer (wenn auch leichten) Übung bedarf. Dies deutet darauf hin, dass es durchaus gängig war, Inschriften im „Vorbeigehen“13 wahrzunehmen und zumindest mit einem flüchtigenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig Blick das Geschriebene (teilweise) zu lesen (ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω). Vgl. ferner Plin. nat.Plinius der Ältere 35,3,12.

Die ikonographischenLese-ikonographie Darstellungen sowie die angegebene Auswahl an literarischen Reflexionen der Wahrnehmung von InschriftenInschriften zeigt – zusammen mit den oben schon angegeben Belegen zum Lesen von Inschriften (vgl. 3.1.1, S. 111 f)14 –, dass die Einschätzung von R. Höschele zu revidieren ist, die Rezeption von Inschriften würde in der antiken Literatur kaum thematisiert. Zusätzlich zu hinterfragen ist dann ihre daraus abgeleitete Schlussfolgerung, die Menschen in der Antike hätten Texte auf Inschriften nicht gelesen bzw. weitgehend ignoriert.15

Die weitere exemplarische Durchsicht durch den Quellenbefund ist, soweit dies sinnvoll darstellbar ist, chronologisch orientiert, wobei auf später erneut zu findende, analoge Formulierungen vorgezogen verwiesen wird und zuletzt summarisch solche Quellen genannt werden, an denen zwar das Lesen selbst nicht direkt metonymischMetonymie als SehenSehen konzeptualisiert ist, aber der enge Zusammenhang zwischen Sehorgan und Lesen deutlich wird.

Schon im 5. Jh. v. Chr. findet sich eine aufschlussreiche Szene in Aristophanes’ Ἱππῆς, in welcher der SklaveSklave des Demos Demosthenes seinen Mitsklaven Nikias darum bittet, ihm das entwendete Schriftstück (vgl Aristoph.Aristophanes Eq. 110–115) mit einem Orakel (χρησμός) zu geben:

„Gib’ es mir, damit ich es lese (φέρ᾽ αὐτὸν ἵν᾽ ἀναγνῶ)! Schenk mir fleißig ein inzwischen! Gib’, damit ich sehe, was darin steckt (φέρ᾽ ἴδω τί ἄρ᾽ ἔνεστιν αὐτόθι). [Anm. JH: LesepauseLese-pausen/-unterbrechung] Oh Prophezeiungen (ὦ λόγια)! Gib mir, gib den Becher schnellLese-geschwindigkeit“ (Aristoph.Aristophanes Eq. 118–120).

Das individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lesen (ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω) – Demosthenes bekommt das Schriftstück in die Hand – ist hier eindeutig visuellvisuell konzeptualisiert, εἶδονεἶδον wird gleichsam synonym zu ἀναγιγνώσκω verwendet. Der Ausruf ὦ λόγια bezieht sich auf das Gelesene. Es ist also eine LesepauseLese-pausen/-unterbrechung impliziert. Sodann geht aus dem Kontext eindeutig hervor, dass Demosthenes das Schriftstück nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend liest.16 Denn in der Fortsetzung des Dialogs fragt Nikias mehrfach nach dem Inhalt des Orakels (vgl. Aristoph.Aristophanes Eq. 121ff).

In einem andern Stück von Aristophanes, den Νεφέλαι, bittet Strepsiades nach dem Aufstehen einen SklavenSklave darum, Licht (es ist noch dunkel) und sein Geschäftsbuch (γραμματεῖον) zu holen. „[D]amit ich es nehme und lese (ἵν᾽ ἀναγνῶ λαβὼν), wem ich etwas schulde und die Zinsen berechne. Gib’, dass ich sehe, was ich schulde. (φέρ᾽ ἴδω τί ὀφείλω) [Anm. JH: liest] Zwölf Minen dem Pasias. [Anm. JH: blickt auf und spricht nicht mehr lesend:] Zwölf Minen dem Pasias? …“ (Aristoph.Aristophanes Nub. 19–22). Wie schon bei der vorhergehenden Stelle, wird εἶδονεἶδον hier gleichsam synonym zu ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω verwendet, wobei Strepsiades das Geschäftsbuch aus dramaturgischen Gründen vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend liest und seinen Leseprozess für kommentierende Anmerkungen jeweils unterbricht.

Eine ähnliche Szene findet sich bei Demosthenes, der ebenfalls εἶδονεἶδον verwendet, um die Einsicht in GeschäftsbücherBuchGeschäfts- zu beschreiben. Und zwar berichtet Demosthenes, dass Kallipos in einer Bank um Einsicht in die Geschäftsbücher bittet, um zu überprüfen, ob der gestorbene Phormion Geld hinterlassen habe (ἀξιῶ δή σε δεῖξαί μοι τὰ γράμματαγράμματα, ἵν᾽ εἰδῶ εἴ τι καταλέλοιπεν ἀργύριον; Demosth.Demosthenes or. 52,5). Die Bücher werden ihm auf der Stelle gebracht. Als er sie gelesen und einen bestimmten (für ihn unangenehmen) Eintrag gesehen hat (ἀναγνοὺς αὐτὸς καὶ ἄλλος οὐδείς, καὶ ἰδὼν γεγραμμένονγράφω ἐν αὐτῷ …; Demosth. or. 52,6), verlässt er die Bank ohne einen Ton zu sagen.17 Die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre der Geschäftsbücher – Kallipos hat sie selbst in der Hand – ist hier eindeutig visuellvisuell konzeptualisiert. Nichts im Kontext deutet auf vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend Lektüre hin. Die hier zu findende Wendung „etwas Geschriebenes sehenSehen“ findet sich spätestens seit dem 5./4. Jh. v. Chr. vielfach als MetonymieMetonymie für Lesen,18 etwa auch im Hinblick auf das Lesen von BriefenBrief19 und ist für die Interpretation einiger Stellen im NT relevant (vgl. insb. den eigenhändigen Briefgruß von Paulus, der eindeutig für visuell wahrgenommen werden musste).20

Schon im 4. Jh. v. Chr. findet sich auch eine Stelle, an der θεωρέωθεωρέω im Sinne von „lesen“ verwendet wird, und zwar bei Alkidamas, dem Gegner von Isokrates. Dieser gibt in seiner (schriftlich publizierten; s. u.) RedeRede „Über die Schreiber von geschriebenen Reden oder über die Sophisten“ zu bedenken, dass „die geschriebeneSchriftGeschriebenes Rede (ὁ γεγραμμένοςγράφω λόγοςλόγος), […] wenn sie aus einem BuchBuch heraus betrachtet wird (ἐκ βιβλίου <μὲν> θεωρούμενος), Ehrfurcht hervorruft“ (Alkid.Alkidamas Soph. 28) aber sonst keinen wirklichen Nutzen habe. Die Formulierung „aus einem Buch heraus betrachten“ impliziert m. E. ganz eindeutig individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre einer in einer RolleRolle (scroll) aufgeschriebenen Rede, wie sie z.B. auch bei Isokr.Isokrates 12,216.246, Plut.Plutarch Pomp. 79 oder Plin. ep.Plinius der Jüngere 1,16,3 (s. o.) vorausgesetzt wird, und nicht eine vermeintliche Situation, in der die Rede vor einem PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) vorgelesen wird.21 Dies zeigt insbesondere der argumentative Kontext (vgl. Alkid. Soph. 27), in dem Alkidamas geschriebene Reden, die für ihn eher den Charakter eines Abbildes, eines Musters oder einer Imitation von Reden hätten, mit Bronzestatuen, Steinmonumenten und der Darstellung von Lebewesen vergleicht, die eben von Individuen visuellvisuell wahrgenommen werden und, wie er selbst betont, beim Betrachten Vergnügen bereiten (καὶ τέρψιν μὲν ἐπὶ τῆς θεωρίας ἔχει). Dieser Vergleich zeigt, dass Alkidamas die von ihm kritisierten geschriebenen Reden in Rollenform in seiner Zeit – er hat die Reden von Isokrates im Blick22 – nicht (primär) als Vorlagen für den performativen Vortrag versteht,23 sondern als Werke für die fortlaufende, individuelle Rezeption. Dies entspricht im Übrigen dem, wie etwa L. van Hook die Intention von Isokrates’ Reden charakterisiert:

„It was his aim in written discourse, which was to be read, to produce work of lasting value, to be thorough, and to be honest; not merely to educate youths as speakers and litigants, but to prepare them for actual life and as leaders of public opinion.”24

Da Alkidamas in der vorliegenden RedeRede selbst auf das Format der schriftlichen PublikationPublikation/Veröffentlichung einer Rede zurückgreift, muss er angesichts seiner Kritik an Isokrates einigen argumentativen Aufwand zur Selbstrechtfertigung betreiben (vgl. Alkid.Alkidamas Soph. 29–32). Er selbst nutze das Format der schriftlichen Rede, damit seine Darlegungen zu den Massen herausgetragen werden kann (εἵνεκα τῶν εἰς τοὺς ὄχλους ἐκφερομένων; Alkid. Soph. 31), d. h. er hat einen breiten Rezipientenkreis im Blick, der über den eines Auditoriums weit hinausgeht und den er ebenfalls in Alkid. Soph. 31 nicht mit einem PartizipPartizip eines verbum dicendiverba dicendi, sondern mit dem Partizip von ἐντυγχάνωἐντυγχάνω als „meine RezipientenRezipient/LeserLeser“ (s. o. 3.4) anspricht. In diesem Kontext verwendet er mit der Formulierung „Hinabsehen in das Geschriebene“ (εἰς δὲ τὰ γεγραμμέναγράφω κατιδόντας; Alkid. Soph. 32) im Übrigen eine weitere, visuellvisuell konnotierte Umschreibung einer Form individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Lektüre, bei welcher der Leser auf das in der RolleRolle (scroll) Geschriebene hinabschaut.

Eine weitere eindrückliche Szene findet sich im Hauptwerk von Dionysios von Halikarnassos, in der er die Geschichte Roms erzählt. In Buch 5 beschreibt Dionysios, wie die Konsuln aus der Frühzeit der Römischen Republik eine Verschwörung aufdecken und Briefe der Verschwörer finden (vgl. Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos ant. 5,7,2–4). Nach der nächtlichen Aufdeckung der Konspiration setzt sich der Konsul Brutus am Morgen auf den RichterstuhlGericht (καθίσας ἐπὶ τὸ βῆμα).

„Und er sahSehen die Briefe der Verschwörer durch (καὶ τὰς ἐπιστολὰςἐπιστολή τῶν ἐν τῇ συνωμοσίᾳ διασκεπτόμενος), wobei er fand (εὑρίσκωεὑρίσκω), dass diese von seinen Söhnen geschriebenSchriftGeschriebenes worden waren, was er jeweils an den Siegeln erkannte“ (Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos ant. 5,8,2).

Das Verb διασκοπέωδιασκοπέω (durchsehen, genau betrachten, untersuchen)25 zeigt an, dass die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre im SitzenHaltungsitzen eindeutig visuellvisuell konzeptualisiert ist. Zudem geht aus dem Kontext hervor, dass Brutus die Briefe nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend liest. So befiehlt er im Folgenden, dass die Briefe vorgelesen würden (ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω), damit auch den anderen Anwesenden der Inhalt zu Gehör gebracht wird. Sehr ähnlich ist eine Szene in der in der ersten Hälfte des 3. Jh. geschriebenen Vita des Apollonios von Tyana von Philostrat. Der Ich-ErzählerErzähler vermutet hier, dass der KönigKönig keine Nahrung zu sich genommen hätte, weil er Gerichtsakten durchgesehen habe (διοράωδιοράω). „Er habe nämlich eine SchriftrolleRolle (scroll) in der Hand gehabt und bald mehr, bald weniger Zorn gezeigt“ (Philostr.Philostratos, Flavius v. Apoll. 8,1; Üb. MUMPRECHT). Auch hier erscheint es plausibler anzunehmen, dass der König die Gerichtsakten nicht-vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend durchsieht. Das Verb wird außerdem in einem Fragment von AlexisAlexis Stück Linos eindeutig zur Kennzeichnung von nicht-vokalisierendem Lesen verwendet. In einer Szene fordert Linus Herakles dazu auf die an den RollenRolle (scroll) außen angebrachten TitelTitel der großen Menge seiner BücherBuch mit Ruhe und Muße durchzusehen (διασκοπῶν ἀπὸ τῶν ἐπιγραμμάτων ἀτρέμα τε καὶ σχολῇ. Alexis, Linus fr. 140: Athen.Athenaios deipn. 4,57 [164c]). Epikur verwendet in seinem BriefBrief an Herodot das Verb διαθρέωδιαθρέω (durchsehen), um das individuelle StudiumStudium seiner umfangreichen FachbücherBuchFach- zu bezeichnen, wenn er schreibt, er habe eine Epitome erstellt „für diejenigen […], die nicht alles genau erforschen (ἐξακριβόω) können, was ich über die NaturNatur geschriebenSchriftGeschriebenes habe, oder die längeren Bücher der Werke durchsehen zu können (μηδὲ τὰς μείζους τῶν συντεταγμένων βίβλους διαθρεῖν)“ (Diog. Laert.Diogenes Laertios 10,35).26

PlutarchPlutarch kommt in seiner Biographie des spartanischen Feldherrn Lysandros auf ein Verschlüsselungssystem für schriftliche Botschaften in der Kommunikation mit Militärs zu sprechen – die sog. SkytaleSkytale (vgl. Plut. Lys.Lysias 19; s. auch Polyain.Polyainos strat. 7,19).27 Dabei kommen auf der Sender- und Empfängerseite zwei identische Rundhölzer zum Einsatz, um die herum ein PapyrusPapyrus- oder Lederstreifen gewickelt und mit einer Nachricht beschrieben wird. Die Nachricht auf dem Streifen wird ohne das Rundholz an den Empfänger geschickt.

„Er nimmt also die bei ihm befindliche SkytaleSkytale und wickelt den Briefstreifen um sie, so dass, wenn nun die Wickelung in die gleiche Lage kommt, wie zuvor, das zweite an das erste schließt, das AugeAugen im Kreise herumführt und es so den Zusammenhang auffinden lässt (κύκλῳ τὴν ὄψιν ἐπάγειν τὸ συνεχὲς ἀνευρίσκουσαν)“ (Plut.Plutarch Lys.Lysias 19,7; Üb. ZIEGLER).

Das Lesen der Botschaft ist hier eindeutig visuellvisuell konzeptualisiert, wie sprachlich-syntaktisch vor allem daran deutlich wird, dass der Blick (ὄψις) Hauptbeteiligter des Lesevorgangs ist, der wiederum als Auffinden des Zusammenhangs beschrieben wird (τὸ συνεχὲς ἀνευρίσκω).

Interessant ist außerdem, dass der Herausgeber im PrologProlog der Oracula Sibyllina formuliert, er habe die vorher zusammenhangslosen Weissagungen als ein einheitliches und zusammenhängendes Ganzes herausgegeben, „damit sie für die Lesenden leicht einzusehen sind (ὡς ἂν εὐσύνοπτοι τοῖς ἀναγιγνώσκουσινἀναγιγνώσκω)“ (Sib. Prol.). Die Semantik des Adjektivs εὐσύνοπτος hat eine eindeutig visuellevisuell Konnotation. In Kombination mit der zuvor zu findenden MetapherMetapher ARBEIT IST LESEN (ἐκπονέω/πονέω) ist es eindeutig, dass der Herausgeber eine intensiveAufmerksamkeitvertieft individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre seiner Sammlung antizipiert.

KaiserKaiser/Princeps Iulian formuliert in einem BriefBrief an den RhetorRedner Euagrios:

„Tiefe Stille herrscht rings um den Ort, wenn du dich niederläßt, um in ein BuchBuch zu sehenSehen (ἡσυχία δὲ πολλὴ κατακλινομένῳ καὶ εἴς τι βιβλίονβιβλίον ἀφορῶντι). Willst du dazwischen einmal dein AugeAugen ausruhen lassen, so ist es überaus wohltuend, auf die Schiffe und das Meer hinauszuschauen“ (Iul.Iulianus, Flavius Claudius (Kaiser) ep. 25 [427b]; Üb. WEIS).

Diese Stelle bietet zahlreiche interessante Einsichten im Hinblick auf LeseweiseLese-weise und LesesituationLese-situation. Iulian imaginiert eine Lesesituation auf einem Stückchen Land, das er Euagrios zum Geschenk macht, in der Euagrios draußen in der NaturNatur, im LiegenHaltungliegen (κατακλίνω) und in großer Stille (ἡσυχία δὲ πολλὴ) liest.28 Die Verwendung von ἀφοράω als LeseverbLese-terminus29 konzeptualisiert die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre eindeutig visuellvisuell und zeigt in Verbindung mit der Betonung der Stille, dass diese nicht-vokalisierendStimmeinsatznicht-vokalisierend vorzustellen ist. Der Verweis auf das Ausruhen der AugenAugen zeigt sodann ferner, dass es sich um eine längere Lektüresequenz handeln muss, welche die Augen anstrengt, sodass Erholungsunterbrechungen notwendig erscheinen.

Ferner sei noch auf einen Eintrag im spätantiken, aber nicht eindeutig datierbaren Lexikon von Hesychios verwiesen, der einen γραμματεύςγραμματεύς definiert als „der LeserLeser; ein BuchstabenBuch-stabe gut Sehender (ὁ ἀναγνώστηςἀναγνώστης. γράμματαγράμματα εἰδὼς καλῶς)“ (Hesych.Hesychios 891). Angesichts des unter 3.1.6 besprochenen semantischen Befundes sollte man den Bedeutungsgehalt von ὁ ἀναγνώστης hier keinesfalls auf „der VorleserVorleser“ einengen. Bei einem γραμματεύςγραμματεύς handelt es sich in den Quellen ja eindeutig um jemanden der sowohl mit dem SchreibenSchreiben als auch mit der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Rezeption als auch mit dem VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt von Texten betraut ist.30 Entsprechend erklärt er das Verb γραμματεύειν mit den Verben γράφειν und ἀναγινώσκειν (Hesych. 890).

Auch in der lateinischsprachigen Literatur finden sich zahlreiche Stellen, an denen Lesen visuellvisuell konzeptualisiert ist,31 sogar explizit die Reflexion, dass visuell orientiertes Lesen dem Zugang über das OhrOhr überlegen ist.32 Im Folgenden soll aber nur noch eine dieser Stellen exemplarisch besprochen werden. Seneca thematisiert in einem seiner Briefe an LuciliusLucilius den Unterschied zwischen der Rezeption eines Textes beim mündlichen Vortrag auf der einen Seite und dem Lesen eines Textes in schriftlicher Form:

„und fast immer bereitet das, was im mündlichen Vortrag aufgrund seiner Lebendigkeit gefällt, weniger Vergnügen, wenn es schriftlich vorliegt; aber auch das ist schon viel, wenn die Lektüre auf den ersten Blick fesselt, auch wenn man beim genauen Hinsehen etwas findet, woran man Anstoß nehmen kann (Sed illud quoque multum est primo aspectu oculos occupasse, etiam si contemplatio diligens inventura est quod arguat)“ (Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 100,3, Üb. FINK).

Die Lexeme aspectus und oculus zeigen eindeutig, dass das Lesen hier visuellvisuell konzeptualisiert ist und damit auch das Lesen (legolego) der BücherBuch des Fabianus Papirius mit großer Begierde in Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 100,133 rückblickend näher als ein solches bestimmt wird. Darüber hinaus meint in diesem Kontext das Verb contemplatio (das Hinrichten des Blickes auf etwas)34 – v. a. in Zusammenhang mit diligens (aufmerksam, gründlich, gewissenhaft)35 – eine intensiveAufmerksamkeitvertieft, individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Auseinandersetzung mit einem Redemanuskript. Vorausgesetzt ist dabei auch, dass der Text iterativLektüreMehrfach-Frequenziterativ gelesen wird.

Zuletzt sei nun noch auf einige Quellen verwiesen, in denen Lesen zwar nicht mit einem verbum vivendi benannt wird, die aber eindeutig zeigen, dass das AugeAugen als Leseorgan verstanden wurde. Bei Platon findet sich eine Stelle, an der BuchstabenBuch-stabe wie beim AugenarztAugen-arzt als eine Art SehtestSehtest gelesen werden (Plat.Platon polit. 2,368d). Bei PlutarchPlutarch findet sich ein ausführliches Gespräch darüber, warum ältere Menschen Texte weit von den Augen weghalten, um sie lesen zu können (Plut. symp. 1,8,1–4 [insb. mor. 625d/e]). Plinius d. Ä. zitiert, „damit es überall [scil. in seiner Naturgeschichte] gelesen wird“ (Plin. nat.Plinius der Ältere 31,3,7), ein Epigramm von Ciceros freigelassenem SklavenSklave Laurea Tullus. Darin finden sich die folgenden Zeilen: „Der Ort hat wahrlich zu Ciceros Ehre dies gespendet/als er die kräftige Wirkung der Quelle erschloß/damit, da er von der ganzen Welt ohne Ende gelesen wird (quoniam totum legiturlego sine fine per orbem),/es an Wasser nicht mangelt, welche die Augen heilen“ (Plin. nat. 31,3,8; Üb. R. KÖNIG). Plinius d. J. gibt als Grund dafür an, dass er sich der Lektüre (lectiolectio) enthalte und nur mit den OhrenOhr studiere (solis auribus studeo, vermutlich mit Hilfe eines VorlesersVorleser), weil er Rücksicht auf seine schwachen Augen nehme (Plin. ep.Plinius der Jüngere 7,21,1). Diese Stelle zeigt eindeutig, dass die Nutzung eines Vorlesers nicht der Normalfall beim Lesen war, sondern mit spezifischen Bedürfnissen zusammenhing. Martial thematisiert das Ermüden der Augen in Zusammenhang mit der Farbe des Schrifthintergrundes (Mart.Martial 16,5). Bei Aulus GelliusGellius, Aulus findet sich das (hier freilich nur als Vorwand angeführte) Motiv, dass die Augen vom ununterbrochenen StudiumStudium in der Nacht (lucubratiolucubratio) verderben, wobei aus dem Kontext deutlich wird, dass es ums Lesen geht (Gell. 13,31,10–12).36 PorphyriosPorphyrios bezeugt, dass die Sehfähigkeit PlotinsPlotin für die Lektüre seiner eigenen Texte zu stark eingeschränkt war.37

Ferner ist im Rahmen dieses Unterkapitels noch darauf hinzuweisen, dass entsprechend des inneren Hörens auch das innere SehenSehen im Kontext von Leseprozessen in der Antike belegt ist.38 Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht eine LeseszeneLese-szene bei Dion ChrysostomosDion Chrysostomos, dem es nach seinen morgendlichen Verrichtungen nach dem Frühstück danach ist, TragödienTragödie zu lesen (καὶ μικρὸν ἐμφαγὼν ἐνέτυχον τραγῳδίαις τισίν; Dion Chrys. or. 52,1), die er explizit benennt und vergleichendLesenvergleichend liest:39 Philoktetes von SophoklesSophokles, Aischylos und Euripides (vgl. Dion Chrys. or. 52,2 f). Seine LeseerfahrungLese-erfahrung reflektiert er dabei wie folgt:

“So I was feasting my eyes on the spectacle portrayed by these dramas (Οὐκοῦν εὐωχούμην τῆς θέας) and figuring to myself that, even if I had been in Athens in those days, I could not have witnessed such a contest as this of those distinguished poets. […] Accordingly, I played choregus for myself in very brilliant style and tried to pay close attention, as if I were a judge passing judgement on the premier tragic choruses“ (Dion Chrys. or. 52,3 f; Üb. COHOON).

Bei Dion läuft während der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre eine innere Aufführung der genannten TragödienTragödie ab. Er lässt ein „Bewußtsein der ubiquitären und überzeitlichen Verfügbarkeit der Texte“40 erkennen, die er als großen Vorteil der Lektüre gegenüber der Rezeption im TheaterTheater hervorhebt. Als Verb verwendet er hier mit εὐωχέω (Akt.: gut bewirten; Med.-Pass.: sich sättigen, schmausen) eine innovative und ausdrucksstarke Speisemetapher. Damit ist ein weiteres, in der Antike variantenreich und breit bezeugtes metaphorischesMetapher Konzept benannt, das Lesen konzeptualisiert und nun im Folgenden zu besprechen ist.

3.9 Lesen als Essen und Trinken

Verbreitet sind zuletzt MetaphernMetapher des Essens und Trinkens, auf die an der einen oder anderen Stelle schon hingewiesen wurde und mit denen das Lesen bzw. die Rezeption von Texten konzeptualisiert wird – metasprachlich lässt sich dieses weit verbreitete Konzept konventionalisiert als ESSEN/TRINKEN IST LESEN beschreiben.1 Speise- und Trankmetaphorik ist allerdings nicht dem Lesen von Texten exklusiv vorbehalten, sondern wurde schon seit klassischer Zeit,2 aber vor allem in jüdischerJudentum (insbesondere rabbinischerrabbinisch) und christlicher Literatur auch für die Rezeption mündlicher LehreLehre verwendet;3 z. T. ist die Abgrenzung schwierig, da der Kontext der jeweiligen Quelle keine Schlussfolgerungen zulässt.4 Dies muss im Rahmen dieser Studie jedoch nicht weiter vertieftAufmerksamkeitvertieft werden. Es ist im Rahmen dieser Studie auch nicht möglich, die Lesemetaphern des Essens und Trinkens in der griechisch- und lateinischsprachigen Literatur systematisch und vollständigUmfangvollständig zu erfassen und auszuwerten. Angesichts der Vielzahl von möglichen Lexem- und Motivkombinationen sowie der Vielfalt von grammatikalischen Konstruktionen, denen das Konzept ESSEN/TRINKEN IST LESEN zugrunde liegt, wäre dies Aufgabe für eine eigene Studie. Im Folgenden werden daher lediglich ausgewählte, aussagekräftige Quellenbelege anzuführen sein, die exemplarisch im Hinblick auf die Frage hin auszuwerten sind, welche Rückschlüsse sie auf antike LesepraktikenLese-praxis zulassen.

Schon in Aristophanes’ Die Acharner (Ἀχαρνῆς) meint die Formulierung καταπιὼν Εὐριπίδην (Aristoph.Aristophanes Acharn. 484) wohl die Rezeption seiner TragödienTragödie. Analog findet sich bei Lukian in seinem Stück Der tragische Jupiter (Ζεὺς Τραγῳδός) die Formulierung „den ganzen Euripides ausgetrunken/heruntergestürzt zu haben“ (τὸν Εὐριπίδην ὅλον καταπεπώκαμεν; Lukian.Lukian von Samosata Iupp. trag. 1,20). Damit wird im Kontext ausgedrückt (resultativer Aspekt des Perfekts), dass man die Stücke des Euripides nicht vollständigUmfangvollständig ausgetrunken, d. h. „ausgelesen“ haben kann, weil er mutmaßlich zu gehaltvoll dazu ist.

In der für unecht gehaltenen Platonschrift Hipparchos wird das Lesen der Sprüche des Hipparchos, die in inschriftlicherInschriften Form am Wegesrand stehen und von den Vorbeigehenden mutmaßlich individuell-direktLektüreindividuell-direkt gelesen werden (παριόντες ἄνω καὶ κάτω), mit dem Kosten seiner Weisheit parallelisiert (καὶ ἀναγιγνώσκοντεςἀναγιγνώσκω καὶ γεῦμα λαμβάνοντες αὐτοῦ τῆς σοφίας; [Ps.]-Plat.Platon Hipparch. 228e). In einem bei Athenaios überlieferten Fragment einer KomödieKomödie des attischen Dichters BatonBaton (3. Jh. v. Chr.) wird mit der Metaphorik ESSEN/TRINKEN IST LESEN ironisch gespielt:

„Gut, Sibyne, schlafen wir die Nächte gewiss nicht, auch sind wir nicht gut ernährt/gebildet (οὐδ’ ἀνατετράμμεθ’), sondern wir zünden eine Lampe an, und [halten] ein BuchBuch in den Händen (καὶ βυβλίον ἐν ταῖς χερσί), und denken darüber nach (φροντίζω), was Sophon hinterlassen hat, oder was Simonaktides von Chios, oder Tyndarichos von Sikyon, oder Zopyrinos“ (Athen.Athenaios deipn. 14,81 [662c]: CAF 3, Bato Fr. 4).

Die Speisemetapher steckt in diesem Fragment im Verb ἀνατρέφωἀνατρέφω (auffüttern, aufziehen), was hier zunächst bedeutet, dass diejenigen, die in der 1. Pers. Pl. sprechen sich für nicht gebildet halten und daher des Nachts lesen. Lesen wird hier mit der weit verbreiteten LesemetonymieMetonymie „ein BuchBuch in der Hand halten“ konzeptualisiert (s. o.); die kognitivekognitiv Verarbeitung beim Lesen wird mit dem Verb φροντίζω angezeigt. Vorausgesetzt ist also das Konzept individuell-direkteLektüreindividuell-direktr Nachtstudien (s. o. zum Motiv der lucubrationeslucubratio), bei denen die auditiveauditiv Dimension des Textes keine Rolle zu spielen scheint. Die Stelle zeigt vielmehr, dass gefüttert, d. h. gebildet zu sein, an der Belesenheit eines Individuums hängt. Die Ironie der Stelle liegt nun aber darin, dass die genannten Personen allesamt AutorenAutor/Verfasser von Kochbüchern sind, wodurch sowohl das Motiv der Nachtstudien ironisch gebrochen wird als auch das Verb ἀνατρέφω eine Doppeldeutung erhält.

PolybiosPolybios vergleicht das Kosten von vielen Speisen beim MahlGemeinschaftsmahl, das schlecht für den Genuss und später für die Verdauung und für die Ernährung ist mit der Lektüre (Polyb. 3,57,7–9).

„Ebenso finden die, die beim Lesen (περὶ τὴν ἀνάγνωσιν) ähnlich verfahren, weder für den Augenblick wirkliche UnterhaltungUnterhaltung, noch erzielen sie für die Zukunft den gebührenden Gewinn“ (Polyb.Polybios 3,57,9; Üb. DREXLER).

Aus dieser Stelle lassen sich folgende Einsichten gewinnen: 1) PolybiosPolybios scheint eine verbreitete Praxis zu kritisieren. 2) Es ist eine selektiveUmfangselektiv, oberflächlicheAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig und nicht-iterativeLektüreMehrfach-Frequenziterativ LeseweiseLese-weise, also die Lektüre vieler Werke ohne eingehende Beschäftigung vorauszusetzen. 3) Daher kann ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις hier auch nur die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre meinen, da bei einer kollektiv-indirektenRezeptionkollektiv-indirekt Rezeption die durch den speisemetaphorischen Vergleich vorausgesetzten Zugriffsweisen nicht realisierbar wären.

Artemidor von Daldis verwendet in seinen Traumdeutungen die – freilich hier geträumte – MetapherMetapher des Essens von Büchern, die sich auch in den biblischen Schriften findet,5 um das Lesen derselben auszudrücken:

„Das Verzehren von Büchern (ἐσθίειν δὲ βιβλία) bringt Erziehern, Sophisten und allen, die durch RedenRede oder BücherBuch ihr tägliches Brot verdienen, Nutzen; allen anderen Menschen prophezeit es jähen Tod“ (Artem.Artemidor von Daldis on. 2,45; Üb. BRACKERTZ).

Artemidor unterscheidet hier zwei Rezipientengruppen: Solche, die berufsmäßig BücherBuch lesen, und alle übrigen. Die Formulierung impliziert, dass das Lesen von Büchern auch bei nicht-berufsmäßigen Lesern durchaus verbreitet war. Daneben basiert auch die weite Verbreitung in griechischen und lateinischen Quellen, das Urteil über Gelesenes als Geschmack zu konzeptualisieren, auf der hier diskutierten Metaphorik.6

Entsprechend lässt sich die Metaphorik häufig auch bei lateinischen AutorenAutor/Verfasser finden. CiceroCicero, Marcus Tullius antizipiert in einem BriefBrief an M. Marius aus dem Jahr 55 v. Chr., dieser habe in den Morgenstunden in seinem Schlafzimmer mit schönem Ausblick auf das Meer „kleine Lektüren konsumiert“ (per eos dies matutina tempora lectiunculis consumpseris; Cic. fam. 7,1,1), was hier tatsächlich meint, er habe aus ästhetischem Genuss gelesen.7 In einem seiner Briefe an Atticus berichtet er (Cic. Att. 4,10), dass er sich in seiner VillaVilla am Lucriner See an „der BibliothekBibliothek des Faustus sättigt“ (ego hic pascor bibliotheca Fausti) – also an den Schriften aus der Bibliothek des Apellikon, die auch Aristotelesmanuskripte enthielt,8 – und nicht nur an den Delikatessen aus dem See. Diese Lesetätigkeit, die er im SitzenHaltungsitzen in einem kleinen Sitz (sedecula) ausführt, beschreibt er selbst als „Studien“ (litterae).9

Bei OvidOvidius, P. Naso findet sich Lesen dann metaphorischMetapher als Trinken konzeptualisiert.

„Dass andere Dichtungen vom großen Triumph um die Wette geschriebenSchriftGeschriebenes schon längst vom Mund des Volkes gelesen, vermute ich (iam pridem populi suspicor ore legilego). Jene trinkt der dürstende LeserLeser (lectorLektor) und nur der satte [Leser] von meinem Becher; jenes Getränk ist frisch, mein Wasser wird schal sein, “ (Ov. Pont. 3,4,53–56)

Aus dieser Stelle lassen sich mehrere wichtige Einsichten gewinnen: 1) OvidOvidius, P. Naso geht davon aus, dass lyrische Texte sich nicht nur an die OberschichtElite richteten, sondern von einer breiteren Bevölkerungsgruppe (populus) rezipiert wurden.10 2) Die Texte werden dem VolkVolk nicht vorgelesen,11 sondern der „Mund des Volkes“ liest sie individuell-direktLektüreindividuell-direkt. Dies zeigt auch die Ov. Pont. 3,4,55, wo der LeserLeser (lectorLektor) im Singular als die Texte Trinkender dargestellt wird. 3) Dass Ovid hier den „Mund“ (os) als Leseinstanz benennt, impliziert vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend (möglicherweise auch nur subvokalisierendeStimmeinsatzsubvokalisierend) Lektüre. Dies ist angesichts lyrischer Texte erwartbar, die – wie auch die Ausgestaltung der Metaphorik verdeutlicht – vorrangig aus Gründen des ästhetischen Genusses rezipiert werden.12

Seneca macht ebenfalls reichen Gebrauch der hier diskutierten Metaphorik. Neben der eindrücklichen, oben schon besprochenen Stelle (S. 194 f), formuliert er in einem anderen BriefBrief, dass er ein BuchBuch erhalten habe und es zunächst nur aufgeschlagen habe, so als würde er es später lesen wollen – und zwar um einen Vorgeschmack zu bekommen.13 Diese Stelle belegt einen eher oberflächlichenAufmerksamkeitoberflächlich/flüchtig, selektivenUmfangselektiv und diskontinuierlichenKontinuitätdiskontinuierlich Zugriff auf die BuchrolleRolle (scroll).

Eine aufschlussreiche Stelle findet sich bei Quintilian. Dieser schreibt im Kontext einer ausführlichen Gegenüberstellung des Hörens von RedenRede und der eigenen Lektüre:

„Die Lektüre ist unabhängig (lectiolectio libera est) und läuft nicht mit dem Ungestüm der vorgetragenen RedeRede ab, sondern sie kann immer wieder zurückgreifen (sed repetere saepius licet), falls man Zweifel hat oder man es dem GedächtnisGedächtnis fest einprägen möchte. Zurückgreifen aber wollen wir und grundsätzlich es immer wieder neu vornehmen (repetamus autem et tractemus), und wie wir die Speisen zerkaut und fast flüssig herunterschlucken, damit sie leichter verdaut werden, so soll unsere Lektüre nicht roh, sondern durch vieles Wiederholen mürbe und gleichsam zerkleinert unserem Gedächtnis und Vorrat an Mustern (zur Nachahmung) einverleibt werden“ (Quint.Quintilian inst. or. 10,1,19; Üb. RAHN).

Quintilian sieht einen Vorteil der Lektüre darin, dass man beim Lesen auf Vorangegangenes zurückgreifen (repeto) kann. Die Gegenüberstellung von repeto und retractoretracto deutet darauf hin, dass ersteres RegressionenRegression beim Lesen reflektiert und letzteres eine erneute Lektüre meint. Quintilian reflektiert hier also, dass der selbstbestimmte Umgang mit dem Medium bei der individuell-direkteLektüreindividuell-direktn Lektüre es erlaubt, zurückzublicken oder auch (teilweise bzw. ganz) zurückzurollen. Die Vorteile diskontinuierlicher und mehrfacherLektüreMehrfach- Zugriffsweisen sind für Quintilian dabei mnemotechnischer Art – sowohl im Hinblick auf inhaltliches AuswendiglernenAuswendiglernen als auch im Hinblick auf das LernenLernen von stilistischen Mustern. Die kognitivenkognitiv Verarbeitungsprozesse bei dieser Form von Lektüre konzeptualisiert Quintilian hier mit der Metaphorik des Essens und Verdauens. Einfach Gelesenes ist Rohkost, mehrfach Gelesenes ist mürbe und zerkleinert und kann daher besser mit dem GedächtnisGedächtnis verdaut und einverleibt werden, d. h. steht dem Lesenden zukünftig für die eigene Produktion von RedenRede oder Texten zur Verfügung.

Wenn Apuleius die Bediensteten in der BibliothekBibliothek als „Kellermeister der BücherBuch“ (promus librorum; Apul.Apuleius apol. 53) bezeichnet, steht auch hier die zur Diskussion stehende konzeptuelle Metaphorik im Hintergrund. Etwas anders gelagert nennt Aulus GelliusGellius, Aulus (Gell. praef. 2) seinen Wissensspeicher, die ExzerpteExzerpt und Notizen von Lektüren und Gehörtem, „Proviant an BuchstabenBuch-stabe“ (litterarum penus).14 Hier wird also mit der gleichen Metaphorik das auch in der Antike gebräuchliche mnemotechnische Hilfsmittel von schriftlichen Aufzeichnungen thematisiert, die bei der Weiterverarbeitung dann als Proviant verzehrt, also gelesen werden müssen.

4 Scriptio Continua und „typographische“1 Merkmale antiker Handschriften

Griechischeγράφω TexteSchriftGeschriebenes sind inHandschrift/Manuskript derHandschrift/Manuskript antiken Mittelmeerwelt unabhängig vom SchriftmediumLese-medium ohne WortzwischenräumeWort-zwischenraum geschriebenSchriftGeschriebenes (scriptio continuaSchriftscriptio continua oder scriptura continua) worden.2 Aus diesem allgemein bekannten „typographischen“ Gestaltungsmerkmal antiker Texte ergibt sich die Frage, welche Bedeutung die scriptio continua für antike Lesegewohnheiten hatte. In methodischer Hinsicht stellen sich verschiedene weitere Fragen: Kann man von der „typographischen“ Textgestaltung Rückschlüsse auf die LesepraxisLese-praxis ziehen? Inwiefern bestimmt das Leseverhalten/die Lesepraxis die „typographische“ Gestaltung von Texten auf antiken Schriftmedien bzw. welche anderen Faktoren spielen diesbezüglich eine Rolle? Kompliziert werden diese Fragen sodann, weil die Frage des Zusammenhangs zwischen scriptio continua und Lesepraxis nicht losgelöst von anderen „typographischen“ Gestaltungsmerkmalen der Texte behandelt werden können, da das visuellevisuell Erfassen von Schrift – so viel darf aus der Grundlage der modernen Typographie postuliert werden – im Zusammenhang mit anderen „typographischen“ Gestaltungsmerkmalen untersucht werden muss: insbesondere die Zeilen- bzw. Spaltenlänge, ferner aber auch die Zeilenabstände und die Schriftgröße.

Die hier aufgeworfenen Fragen können aus Gründen der Komplexität des Problems im Rahmen dieser Studie nicht umfassend bearbeitet werden. Ausgehend von der gängigen Sicht des Zusammenhangs zwischen scriptio continuaSchriftscriptio continua und der antiken LesepraxisLese-praxis sind allerdings einige problematisierende Überlegungen notwendig: Wie schon in der Einleitung deutlich geworden ist, wird in den verschiedenen altertumswissenschaftlichen Fächern gemeinhin angenommen, dass ein festes Interdependenzverhältnis zwischen der Praxis des vokalisierendenLautstärkevokalisierend Lesens und der Praxis, Texte in scriptio continua zu schreibenSchreiben, besteht.

So ist in der Forschungsliteratur häufig das Postulat zu finden, dass scriptio continuaSchriftscriptio continua im Vergleich zur scriptio discontinuaSchriftscriptio discontinua schwerer zu lesen wäre; antike Texte in scriptio continua daher vorrangig „lautLautstärkelaut“ vorgelesen werden mussten, um dekodiert und verstandenVerstehen zu werden.3 Die Verknüpfung des Paradigmas des „lauten“ Lesens mit der scriptio continua findet sich schon im eingangs zitierten Aufsatz von J. Balogh,4 eine prominente Stellung nimmt es sodann in P. Saengers berühmten Buch „Space between Words“ ein und wird in der altertumswissenschaftlichen und exegetischenExegese Forschung als gesichertes Wissen rezipiert.5 Die Argumente, die Saenger und andere für die These anführen, dass in scriptio continua geschriebeneSchriftGeschriebenes Manuskripte grundsätzlich für vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend Lektüre vorgesehen gewesen seien, können jedoch die Beweislast der zu beweisenden Interdependenz nicht tragen. Vielmehr setzen sie das zu beweisende Junktim zwischen vokalisierender Lektüre und scriptio continua schon voraus. Dies wird im Folgenden anhand einer kurzen Diskussion der einzelnen Argumente herauszuarbeiten sein.

4.1 P. Saengers These zum Lesen von scriptio continua vor dem Hintergrund der modernen kognitions- und neurowissenschaftlichen Leseforschung

SaengersKognitionswissenschaften These einerLese-forschung Verbreitung der nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lektüre im Mittelalter basiert weniger auf Beobachtungen an repräsentativen Quellen als auf grundlegenden Beobachtungen zur Textorganisation in mittelalterlichen Manuskripten. So geht Saenger davon aus, dass maßgeblich die Einführung von WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) die Voraussetzung für die Verbreitung der nicht-vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lektüre bildete. Diese Innovation findet sich lautLautstärkelaut Saenger erstmals belegt in den Manuskripten iroschottischer Mönche aus dem 7./8. Jh., die unter dem Einfluss syrischer Manuskripte, aber vor allem aus der Schwierigkeit heraus, lateinische (und griechische) Texte, also Texte in einer Fremdsprache, lesen zu müssen, die Worttrennungen in ihre Manuskripte einführten.1 Zudem sei die Zeilenlänge etwa in Evangelienmanuskripten seit dem 9. Jh. auf 10–15 BuchstabenBuch-stabe gesunken, was er als Zeichen des Wechsels von der Kopie durch DiktatDiktat zur „leisenLautstärkeleise“ visuellenvisuell Kopie deutet.2 Die Innovationen in der Gestaltung von Manuskripten seit dem 7. Jh. seien die Voraussetzung dafür gewesen, dass Texte und deren Sinn nun rein visuell mit dem AugeAugen erfasst worden sein könnten, ohne den „Umweg“ über die orale Realisation gehen zu müssen.

Die Grundthese von Saenger ist in mehrfacherLektüreMehrfach- Hinsicht zu hinterfragen: a) So ist der handschriftliche Befund in einer breiteren diachronen Perspektive keinesfalls so eindeutig, als dass einem Sinken der durchschnittlichen Zeilenlänge im 9. Jh. eine Signifikanz zukommen könnte, wie Saenger sie postuliert.3 b) Außerdem finden sich schon in antiken Hss.Handschrift/Manuskript WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift), wie unten ausführlich zu zeigen sein wird. Schon jetzt ist darauf hinzuweisen, dass insbesondere antike bilinguale Texte durchaus Worttrennungen kannten. Daher schlussfolgert Deckey, die diese HandschriftenHandschrift/Manuskript untersucht hat, m. E. vollkommen zu Recht: „The ancients were fully aware of the possibility of word divisions and, on the whole, chose not to use it.“4 b) Saengers Überlegungen zur Signifikanz von Worttrennungen und Überlegenheit für die Ökonomie des Leseprozesses basieren auf älteren, mittlerweile überholten kognitionspsychologischen Lesemodellen, in denen die unmittelbare Wahrnehmung von Wortgrenzen anhand der äußeren Umrisse (Bouma-shape) eine entscheidende Rolle für die WorterkennungWort-erkennung gespielt hat („Wortüberlegenheitstheorien“).5 Zudem geht Saenger d) im Anschluss an das sog. Zwei-Wege-Modell zur Konzeptualisierung der Worterkennung davon aus, dass verschiedene SchriftsystemeSchrift-system mit unterschiedlichen kognitivenkognitiv Verarbeitungsprozessen verbunden sind: Die Dekodierung von Schriftzeichen funktionierte über einen visuellenvisuell oder lexikalischen Weg, der einen direkten Zugang zu den im mentalen Lexikon gespeicherten Wörtern ermögliche. Bei Alphabet- und Silbenschriften hingegen müssten die Wörter zunächst unter Anwendung von Phonem-Graphem-Korrespondenzregeln phonologischPhonologie realisiert werden, damit das Gehirn die Bedeutung eines Wortes erkennen könne. Der visuelle Weg gilt dabei als effizienterer Weg, während der nicht-lexikalische Weg über das phonologische System als Umweg interpretiert wird, den vor allem ungeübte Leserinnen und LeserLeser bzw. Lernende einsetzten.6

Zwei-Wege-Modelle sind zwar in der empirischen Lese-Lern-Forschung und vor allem in der Dyslexieforschung sehr einflussreich und vor allem für das Englische, an denen die Zwei-Wege-Modelle entwickelt worden, heuristischHeuristik hilfreich.7 Allerdings enthalten die Zwei-Wege-Modelle auch gravierende Schwächen, die insbesondere ihre Übertragbarkeit auf andere Sprach- und SchriftsystemeSchrift-system – und damit auf die hier besprochene Problematik – in Frage stellen: Neben a) der fehlenden Generalisierbarkeit des an der englischen Sprache – einer Sprache mit vielen unregelmäßig ausgesprochenen Wörtern – entwickelten Modells, die wohl das größte methodische Problem für die Anwendung auf das Lesen antiker Sprachen darstellt, kann es b) den sog. Konsistenzeffekt8 nicht erklären, arbeitet c) mit einer begrenzten Anzahl von Phonem-Graphem-Korrespondenzregeln und unterstellt d) eine zu langsame GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit der Arbeit des phonologischenPhonologie Systems.9 Für das Chinesische, das Saenger als Beispiel einer Nicht-Alphabet/SilbenschriftSilbe für den lexikalischen Weg heranzieht, ist sogar experimentell ausführlich gezeigt worden, dass beide Wege zusammenarbeiten.10 Für Alphabetschriften konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass auch beim nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen ein phonologischer Dekodierungsprozess ablaufe (s. u. die Überlegungen zur inner reading voiceStimmeinnere (inner reading voice)), obwohl lautLautstärkelaut des Zwei-Wege-Modells lediglich auf Phonem-Graphem-Korrespondenzregeln zurückgegriffen werden dürfte.11

Die „Wortüberlegenheitstheorien“ wurden sogar schon in den 1980er Jahren experimentell als insuffizient zur Erklärung der kognitivenkognitiv Prozesse der Erkennung von Wörtern im Leseprozess herausgestellt:12

„These results [i.e., of the cited experimental studies] also point to the inadequacy of template theories in dealing with the written word recognition since they indicate that overall word shape plays no important role in visual word recognition“.13Wort-erkennung

Auch in jüngeren Untersuchungen ist diese Sichtweise bestätigt worden.14 Anstelle von „Wortüberlegenheitstheorien“ und „Zwei-Wege-Modellen“ sind in der modernen kognitionspsychologischKognitionswissenschaften und neurowissenschaftlich ausgerichteten LeseforschungLese-forschung komplexere Modelle entwickelt worden, die die Identifikation von BuchstabenBuch-stabe und den lexikalischen Zugriff im Leseprozess als ein Zusammenspiel von phonologischemPhonologie, morphologischem und semantischem Verarbeitungssystem im Gehirn konzeptualisieren.15 Daher wird in der Forschung zu Recht konstatiert, dass die Thesen Saengers zum Zusammengang zwischen WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) und der Entstehung des nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesens aus kognitions- und neurowissenschaftlicher Sicht zu relativieren sind.16

„In conclusion, in all graphic systems, both alphabetic and logographic, lexical (visual/orthographic) and non-lexical (phonological) processes interact in word recognition, with the lexical route leading the way. Things are not as clear-cut as Saenger believes.”17

Eine besonders profilierte und innovative Gegenposition nimmt A. Vatri in einem 2012 erschienenen Aufsatz ein, der auf der Grundlage aktueller und schriftsystemvergleichender Blickbewegungsmessungen überzeugend zeigen kann, dass die WorterkennungWort-erkennung altgriechischer scriptio continuaSchriftscriptio continua analog zum ThailändischenSchriftThailändisch durch bestimmte Häufungen von Wortkombinationen funktioniert haben muss und gerade nicht auf die phonologischePhonologie Realisierung angewiesen war. Wegen der besonderen Relevanz für die hier diskutierte Frage, beziehe ich mich im Folgenden ausführlich auf seine Argumentation. Zuvor sind allerdings noch einige grundsätzliche Bemerkungen zu den physiologischen und kognitionspsychologischen Grundlagen des Lesens notwendig.

Die BlickbewegungBlickbewegung (s. auch Auge) des Auges beim Lesen ist nicht kontinuierlich, sondern strukturiert sich aus einer abwechselnden Abfolge von schnellenLese-geschwindigkeit Vorwärtsbewegungen (SakkadenSakkade; Ø ca. 200–250 ms) und Momenten des Anhaltens (FixationenFixation; Ø ca. 20–40ms) an einem bestimmten Punkt, der preferred viewing location (PVL)preferred viewing location (PVL) genannt wird, wobei dieser Prozess durch schnelle Rückwärtsbewegungen (RegressionenRegression; etwa 10–15 % der Sakkaden) unterbrochenLese-pausen/-unterbrechung wird und durchschnittlich etwa 30 % der Wörter überhaupt nicht fixiert werden (skipping).18 Daher kann man den Leseprozess auf der visuellvisuell-kognitivenkognitiv Ebene zwar als unstetig charakterisieren, „diese Unstetigkeiten des Leseprozesses werden zeitlich integriert und bleiben beim Lesen und- bzw. vorbewußt.“19 Die hohe FrequenzFrequenz der Sakkaden hängt u. a. mit den physiologischen Limitationen des Blickfeldes zusammen,20 wobei das Konzept der perceptual spanperceptual span den Bereich beschreibt, aus dem ein LeserLeser/eine Leserin während der Fixation Informationen verarbeiten kann. Die Größe der perceptual span steht insbesondere in einem Zusammenhang mit der Lesekompetenz (so können etwa Leserinnen und Leser mit einer großen perceptual span schneller lesen);21 für geübte Leserinnen und Leser des Englischen gelten 3–4 BuchstabenBuch-stabe links und bis zu 14–15 Buchstaben rechts der Fixation als durchschnittliche Größe für die perceptual span.22 Die PVL liegt üblicherweise links neben der Wortmitte. Die Blickbewegung wird durch Wortgrenzen geleitet, die parafovealparafoveal preview wahrgenommen werden. Parafoveal meint einen Bereich des visuellen Feldes, der bis zu 5° um das Zentrum der visuellen Wahrnehmung (foveale Wahrnehmung durch Lichtreize, die auf die fovea centralis treffen) liegt und von der peripheren Wahrnehmung zu unterscheiden ist.23 Dabei beschreibt der sog. parafoveal preview das Phänomen, dass beim Lesen nicht nur das gerade fixierte Wort wahrgenommen und kognitiv verarbeitet wird, sondern auch Buchstaben und Wörter rechts der Fixation. Die aus der parafovealen Wahrnehmung erhaltenen Informationen steuern die AugenbewegungAugen-bewegung – insbesondere die Fixationspunkte.24 Das bedeutet, beim Lesen wird nicht nur das gerade fixierte Wort wahrgenommen und verarbeitet, sondern auch schon die vorausliegenden Worte. Dabei wird in der Kognitionsforschung allerdings kontrovers diskutiert, wie viele Informationen ein Leser aus der parafovealen Wahrnehmung extrahieren kann und ob WorterkennungWort-erkennung im Leseprozess seriell oder parallel funktioniert.25

Bei modernen „westlichen“ SchriftsystemenSchrift-system geht die gängige Schulmeinung davon aus, dass Leserinnen und LeserLeser die Wortgrenzen anhand der WortzwischenräumeWort-zwischenraum identifizieren: Dies wird daraus geschlossen, dass englische Texte in scriptio continuaSchriftscriptio continua nicht nur langsamer gelesen werden, sondern sich die PVLpreferred viewing location (PVL) auch von der Wortmitte auf den Anfang des Wortes verlagert.26 Interessant ist nun aber die Frage, inwiefern sich dieses Phänomen durch ausgiebiges Lesen von deutschen oder englischen Texten in scriptio continua verändern würde, also ob man das Lesen von scriptio continua üben und zu welchen LesegeschwindigkeitenLese-geschwindigkeit man gelangen kann. Mit diesen Fragen ist das methodische Problem verbunden, dass empirische Vergleichsuntersuchungen von Texten in „westlichen“ Schriftsystemen (also z.B. dem Englischen) a) mit Probanden gearbeitet haben, die nicht geübt waren im Lesen von Texten ohne Wortzwischenräume,27 und b) nur mit Probanden arbeiten können, deren LesesozialisationLese-sozialisation (s. auch Schriftspracherwerb) von einem Schriftsystem mit Wortzwischenräumen bestimmt ist; die Simulation des Lesens dieser Schriftsysteme ohne Wortzwischenräume also notwendigerweise defizitär bleiben muss. Zu solchen Fragen liegenHaltungliegen m. W. keine umfassenden Studien vor.

Allerdings deuten Studien von J. Epelboim u. a. zumindest in die Richtung, dass das Lesen von Texten in scriptio continua möglicherweise „antrainiert“ werden kann. Sie haben schon in den 1990er Jahren die Mehrheitsmeinung hinterfragt und aus ihren experimentellen Daten geschlossen, dass Wortzwischenräume die SakkadenSakkade gerade nicht steuern, sondern dass das Wiedererkennen von Worten die entscheidende Rolle spiele.28 Bezüglich der Frage, wie die WorterkennungWort-erkennung dann aber genau funktioniert, bleiben die Studien jedoch vage. Neuere Studien deuten darauf hin, dass die unbewusste Sensibilität für die FrequenzFrequenz bestimmter Buchstabenkombinationen am Anfang und am Ende von Worten eine entscheidende Funktion bei der Worterkennung habe29 (s. dazu unten mehr), wobei entsprechend der oben skizzierten Modelldiskussion komplexe kognitivekognitiv Prozesse vorauszusetzen sind.

Aufschlussreich sind bezüglich der hier verhandelten Fragen Studien zu SchriftsystemenSchrift-system, die keine WortzwischenräumeWort-zwischenraum aufweisen, die – wie vor allem die Sprachen Südostasiens – erst in der letzten Zeit verstärkt in den Fokus der LeseforschungLese-forschung gerückt worden sind.30 Bei Schriftsystemen ohne Wortzwischenräumen wirkt die Hinzufügung von Wortzwischenräumen redundant und hat keinen positiven Einfluss auf die Effizienz des Leseprozesses. Die Hinzufügung von WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) bei einem Schriftsystem ohne Wortzwischenräume kann sogar zu einer Unterbrechung des flüssigen Leseprozesses führen.31 Es ist zu vermuten, dass durch die Einfügung von Wortzwischenräumen in einem Schriftsystem, das eigentlich keine Wortzwischenräume kennt, die gewohnte Sakkadenlänge gestört wird. So formuliert Vatri m. E. völlig zu Recht: „The readers’ deep-rooted habits play a major role, and this must also have applied to the ancient readers of scripturascriptura continua.”32

Als Vergleichsbasis für das klassische altgriechische SchriftsystemSchrift-system bezieht sich Vatri auf die ThailändischeSchriftThailändisch Schrift, die, als alphasyllabische Schrift ohne WortzwischenräumeWort-zwischenraum geschriebenSchriftGeschriebenes, den antiken Gegebenheiten viel näherkomme als die von Saenger33 herangezogene westafrikanische VaiSchriftVai-Schrift (eine reine SilbenschriftSilbe). Aufschlussreich ist nun der empirisch anhand von Blickbewegungsuntersuchungen gewonnene Befund der LesepraxisLese-praxis thailändischer Leserinnen und LeserLeser, dass diese sich trotz fehlender Wortzwischenräume im nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesemodus nicht von der Praxis englischer Leserinnen und Leser unterscheidet. Thailändische Leserinnen und Leser können genauso schnellLese-geschwindigkeit lesen wie englisch-sprachig; die BlickbewegungBlickbewegung (s. auch Auge) ist deckungsgleich; die SakkadenSakkade landen analog zu englisch-sprachigen Leserinnen und Lesern auf den gängigen PVLpreferred viewing location (PVL) (links von der Mitte des Wortzentrums).34 Daraus schlussfolgert Vatri: „[T]here is no reason to assume that reading unspaced text is a particular demanding cognitive task in itself, and Saenger’s model must be rejected.”35

Statt durch die WortzwischenräumeWort-zwischenraum erkennen Leserinnen und LeserLeser der ThailändischenSchriftThailändisch Schrift die einzelnen Wörter wahrscheinlich anhand bestimmter Buchstabenkombinationen am Beginn und am Ende der Worte, wie eine statistische Erhebung der Häufigkeitsverteilung in einem KorpusKorpus von 2.300 Wörtern nahelegt: „10 out of 74 characters occur at 76,4% of word endings and at 54,2 of word beginnings.“36 Basierend auf diesem methodischen Ansatz untersucht Vatri anhand eines Korpus altgriechischer Texte aus dem TLG (Thuk.Thukydides; Isokr.Isokrates; Plat.Platon apol.), ob sich hier ähnliche statistische Häufigkeitsphänomene finden lassen. Und tatsächlich zeigt seine quantitative Analyse von 278.000 altgriechischen Wörtern, dass sich eine Auswahl an Kombinationen extrapolieren lässt, welche bei der WorterkennungWort-erkennung eine wichtige Rolle gespielt haben könnten.37 Daraus lässt sich ableiten, dass gerade die übersichtliche Anzahl an relativ häufig vorkommenden, markanten Wortendungen im System der griechischen Grammatik bei der Worterkennung in der scriptio continuaSchriftscriptio continua eine wichtige Rolle gespielt hat. Der relativ regelmäßige Gebrauch von Partikeln wie δέ, γάρ usw. könnte eine Markierungsfunktion von Satzanfängen gehabt haben. Insgesamt resümiert Vatri gerichtet gegen das vielfach zu findende Postulat, scriptio continua sei schwerer zu lesen und hätte daher phonologischPhonologie realisiert werden müssen, m. E. völlig zu Recht: „No physiological constraints prevent the Greeks from reading silently.“38

Die These, scriptio continuaSchriftscriptio continua könne nur adäquat dekodiert werden, wenn sie vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend realisiert würde, ist mit zwei weiteren Schwierigkeiten verbunden: a) mit einem reduktionistischen Verständnis der kognitivenkognitiv Herausforderungen des lautenLautstärkelaut Vortragslesens, das in den antiken Quellen reflektiert wird (s. u.); b) mit einer falschen Vorstellung der kognitiven Prozesse beim nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen.39 Und zwar wird insbesondere die in der neueren kognitionspsychologischen LeseforschungLese-forschung „wiederentdeckte“ inner reading voiceStimmeinnere (inner reading voice)40 übersehen. Die Unterschiede zwischen vokalisierendem und nicht-vokalisierendem Lesen sollten also nicht zu grundsätzlich konstruiert werden.

Auch wenn die aktuellen Studien, die die kognitivenkognitiv Prozesse beim vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt und nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen vergleichen, an modernen SchriftsystemenSchrift-system gewonnen worden sind und eine Übertragbarkeit auf die Antike unter einem methodologischen Vorbehalt steht, so sind die Ergebnisse trotzdem aufschlussreich: So zeigen diese Studien, dass die Muster beim vokalisierenden und nicht-vokalisierenden Lesen generell sehr ähnlich aussehen, sich aber in Nuancen, die durchaus bedeutsam sind, unterscheiden.41 So ist das nicht-vokalisierende Lesen etwa schneller und verbunden mit einem effektiveren parafovealparafoveal preview preprocessing des noch nicht fixierten, folgenden Wortes. Der GeschwindigkeitsvorteilLese-geschwindigkeit des nicht-vokalisierenden Lesens resultiert vor allem daraus, dass beim vokalisierenden Vorlesen jedes Wort ausartikuliert werden muss, während die inner reading voiceStimmeinnere (inner reading voice) nicht durch die physiologischen Grenzen des menschlichen Artikulationsapparates beeinträchtigt wird und nicht zwingend jede SilbeSilbe eines Wortes vollständigUmfangvollständig artikulieren muss. Einige der empirisch festgestellten Unterschiede deuten darauf hin, dass die kognitiven Anforderungen der Verarbeitungsprozesse beim Vorlesen etwas größer sind: So ist a) die durchschnittliche Fixationsdauer beim vokalisierendenLautstärkevokalisierend Lesen länger, b) die durchschnittliche Länge der SakkadenSakkade kürzer, c) die Größe der perceptual spanperceptual span kleiner, außerdem sind d) häufigere RegressionenRegression beim vokalisierenden Lesen feststellbar.42 Letzteres könnte mit der Notwendigkeit zusammenhängen, beim vokalisierenden Lesen einzelne Phrasen, Satzteile und Sätze überblicken zu müssen, um diese verstehensfördernd und zusammenhängend lautlich zu realisieren. Zudem zeigt sich, e) dass die Informationen aus der parafovealen Wahrnehmung später verarbeitet werden,43 so dass J. Laubrock und R. Kliegl resümieren: „Thus although more time is available due to the longer fixations in oralMündlichkeit reading, apparently this time is not used in the same way for parafoveal preprocessing.”44 Insbesondere beim Vorlesen in performativen Kontexten ergeben sich mutmaßlich zusätzliche kognitive Anforderungen, die aus der fortlaufend notwendigen Reflexion und der Notwendigkeit der Beobachtung von Raumwirkung, Wirkung auf das PublikumPublikum (s. auch Lesepublikum) etc. resultieren. Diese Parameter werden in den während der Forschungsarbeit konsultierten Studien nicht einbezogen, da die Versuche gleichsam unter „Laborbedingungen“ durchgeführt werden. In jedem Fall deutet aber nichts darauf hin, dass vokalisierende Lektüre einen generellen Verstehensvorteil bietet; so kann nicht zuletzt die GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit des nicht-vokalisierenden Lesens variabel angepasst werden, wenn ein Text oder Textteile kognitiv besonders herausfordernd sind.

Es kann also festgehalten werden, dass aus kognitionspsychologischerKognitionswissenschaften und neurowissenschaftlicher Sicht das Lesen von antiker scriptio continuaSchriftscriptio continua nicht auf die phonologischePhonologie Realisierung durch die Lesestimme angewiesen war, sondern potentiell eine Realisation durch die inner reading voiceStimmeinnere (inner reading voice) völlig ausreichend gewesen sein muss.45 Im Umkehrschluss könnte man sogar vermuten, dass die scriptio continua einen Effizienzvorteil gegenüber SchriftsystemenSchrift-system mit SpatienWort-zwischenraum hat, insofern sie Lesern potentiell eine größere perceptual spanperceptual span ermöglicht, da mehr BuchstabenBuch-stabe parafovealparafoveal preview wahrgenommen werden können. Diese Hypothese müsste freilich empirisch erst überprüft werden.

4.2 Das Lesen von scriptio continua im Spiegel antiker Quellen

Dem Fazit Vatris, dass es für antike Leserinnen und LeserLeser keine physiologischen Einschränkungen beim nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua gegeben habe, stehen scheinbar Quellenstellen gegenüber, die immer wieder herangezogen werden, um die Hypothese zu belegen, dass antiken Leserinnen und Lesern das Lesen von scriptio continua Schwierigkeiten bereitet hätte.1 Sammelt man die Angaben aus den Ausführungen und Fußnoten zusammen, ergibt sich – ohne die Belege, die zeigen, dass durch die fehlenden WortzwischenräumeWort-zwischenraum gelegentlich Ambiguitäten und insbesondere Fehler beim Abschreiben entstehen2 – die folgende Liste: Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos comp. 25; Gell.Gellius, Aulus 13,31,5; Arist. Rhet. 3,5,6; Quint.Quintilian inst. or. 1,1,34; Petron.Petronius Arbiter, T. sat. 75,4 und Iren.Irenäus von Lyon adv. haer. 3,7,1. Diese Quellen lassen jene Schlussfolgerung aber keinesfalls zu, sondern sind allgemein im Kontext des Lesenlernens zu interpretieren und legen sogar gegenteilige Schlussfolgerungen nahe.

So handelt es sich bei Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos comp. 253 um eine bemerkenswerte Reflexion des eigenen Lesesozialisationsprozesses aus der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. Chr., die zudem eine interessante Einsicht in die Selbstwahrnehmung der kognitivenkognitiv Prozesse beim Lesen bietet:

„Wenn wir die BuchstabenBuch-stabe [τὰ γράμματαγράμματα, i. e. Lesen und SchreibenSchreiben] beigebracht bekommen, lernenLernen wir zuerst sorgfältig ihre Namen, danach die Formen und die Bedeutungen [von ihnen],4 dann genauso die Silben und die Flexion in diesen und danach bereits die Wörter und das mit ihnen Zusammenhängende, ich meine sowohl Dehnungen [ἔκτασις] als auch Kontraktionen [συστολή], Akzentuationen und Quantitäten [προσῳδία] und diesen ähnliche Dinge. Wenn wir das Wissen über diese Dinge erlangt haben, dann beginnen wir zu schreiben und zu lesen [γράφειν τε καὶ ἀναγινώσκειν], zuerst zwar nach Silben und langsamLese-geschwindigkeit [κατὰ συλλαβὴν καὶ βραδέως]; wenn aber die rechte Zeit gekommen ist und sich die Formen der Wörter fest in unseren Geist (ἐν ταῖς ψυχαῖςψυχή ἡμῶν) implementiert haben, dann ist unser Umgang mit ihnen von Leichtigkeit gekennzeichnet, und wann immer uns irgendein BuchBuch in die Hand gegeben wird, gehen wir ohne Stolpern hindurch – mit Leichtigkeit und [unglaublicher] Schnelligkeit [ἀπταίστῳ διερχόμεθα ἕξει τε καὶ τάχει {ἀπίστῳ}].“5

Neben den äußerst interessanten Einsichten in die antike Didaktik des SchriftspracherwerbsSchrift-spracherwerb, die hier nicht weiter thematisiert werden kann,6 zeigen diese Ausführungen von Dionysios von Halikarnassos, dass die Dekodierung einzelner Silben über die phonologischePhonologie Realisierung nur ein Schritt im Leselernprozess ist, auf die geübte LeserLeser nicht mehr angewiesen sind. Diese haben vielmehr die Wörter so umfassend internalisiert, dass sie sie problemlos in der scriptio continuaSchriftscriptio continua erkennen können, sodass ihr Leseprozess flüssig und schnellLese-geschwindigkeit ist.7 Zwar denkt Dionysios hier womöglich an das flüssige und schnelle vokalisierendeStimmeinsatzvokalisierend Lesen; sicher zu schlussfolgern ist dies jedoch nicht und ein Bezug auf schnelle inhaltsbezogene individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre ist ebenfalls möglich. Denn einerseits verwendet Dionysios das Verb an anderer Stelle eindeutig im Sinne von inhaltsbezogener individuell-direkter Lektüre, wenn er in seiner Schrift über ThukydidesThukydides formuliert: „Beispiele anzuführen, ist im Hinblick auf diejenigen unnötig, die durch die Historien selbst hindurchgegangen sind (τοῖς διεληλυθόσιν)“ (Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos Thuk. 8). Andererseits ist das Motiv des Stolperns kongruent zum LeseterminusLese-terminus διέρχομαιδιέρχομαι, der, wie oben gezeigt, eben auch metaphorischMetapher individuell-direkte Lektüre konzeptualisieren oder sich metonymischMetonymie auf die AugenbewegungAugen-bewegung beziehen kann und nicht zwingend metaphorisch auf den Gang des Vorleseprozesses bezogen ist. Das Stolpern meinte dann weniger eine Pause im flüssigen VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt als eine Unterbrechung der sakkadischen Augenbewegung durch eine längere Fixations- oder Regressionsdauer, die Dionysios reflektiert, aber freilich nicht mit der modernen Metasprache der LeseforschungLese-forschung beschreibt. Deutlich wird aus seinen Ausführungen in jedem Fall, dass die WorterkennungWort-erkennung unabhängig von der Frage, ob er an das vokalisierende oder nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen denkt, visuellvisuell und nicht über den Umweg der phonologischen Realisation über das OhrOhr abläuft; also das vokalisierende Lesen keineswegs die Voraussetzung darstellt, um einen Text in scriptio continua zu dekodieren.

Auch die satirische Szene in den Noctes Atticae (Gell.Gellius, Aulus 13,31), in der ein „aufgeblasener Mensch“ (Gell. 13,31,1), der in einem Buchladen sitzt, der Hochstapelei überführt wird, thematisiert nicht die angeblichen Schwierigkeiten, die antike LeserLeser mit der scriptio continuaSchriftscriptio continua hatten, sondern die Schwierigkeiten eines Menschen, der nahezu Analphabet ist (aber etwas anderes vorgibt), einen ihm unbekannten Text vorzulesen. Die schlechte LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) des Hochstaplers wird dadurch hervorgehoben, dass er noch schlechter lese als ein Junge, der neu in die SchuleUnterricht gekommen ist (vgl. Gell. 13,31,9). Darüber hinaus ist überhaupt nicht klar, ob der AutorAutor/Verfasser dieser fiktiven Szene seinen Lesern einen lateinischen Text ohne WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) vor AugenAugen stellen wollte. Schließlich ist es sehr wahrscheinlich, für das 2. Jh. einen Text der Satiren Varros (1. Jh. v. Chr.) anzunehmen, der noch Worttrennungen aufwies (siehe zu Worttrennungen in lateinischen Hss.Handschrift/Manuskript unten mehr),8 wo Gellius doch das Alter und die Zuverlässigkeit der Hss. besonders betont: accipit a me librum veterem fidei spectatae, luculente scriptum (Gell. 13,31,6). Der Zusatz luculente scriptum (klar, prächtig geschriebenSchriftGeschriebenes) hebt sodann die gute LesbarkeitLesbarkeit der Schrift hervor.9 Damit kontrastiert Gellius erneut die schlechte Lesefähigkeit des Hochstaplers, der noch nicht einmal ein Prachtexemplar lesen kann. Das Lesen von scriptio continua thematisiert diese Quelle in jedem Fall nicht.

„Denn nach rechts vorauszuschauen (prospicere in dextrum), was alle anraten, und im Voraus das Folgende zu überschauen (providere), ist nicht mit dem Verstand allein zu leisten, sondern auch eine Sache der praktischen Erfahrung; denn man muß ja schon auf das Folgende blicken, während man das Vorhergehende ausspricht und, was das Schwierigste ist, seinen Geist gleichzeitig auf zweierlei konzentrieren: die Betätigung der StimmeStimme und die der AugenAugen.“ (Quint.Quintilian inst. or. 1,1,34; Üb. RAHN).

Auch für diese Stelle bei Quintilian gilt, dass er und seine anvisierten AdressatenAdressat im 1. Jh. n. Chr. überhaupt keine lateinischen Texte in scriptio continuaSchriftscriptio continua vor sich liegenHaltungliegen hatten, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach Texte, die WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) durch Mittelpunkte aufwiesen. Der materielleMaterialität Befund zeigt, dass es sich um einen methodischen Fehlschluss handelt, die scriptio continua der spätantiken und mittelalterlichen lateinischen Hss.Handschrift/Manuskript in die Zeit vor dem 2. Jh. zurückzuprojizieren.10 Sodann fokussiert Quintilian hier nicht auf das Lesen als Gesamtphänomen, sondern, wie der Makrokontext (Rhetorikausbildung), aber auch der Mikrokontext in inst. 1,1 (Grundlagen für die Rhetorikausbildung) eindeutig zeigt, auf die Schwierigkeiten, die mit der spezifischen Situation des VorlesensRezeptionkollektiv-indirekt vor anderen verbunden ist. Quintilians Curriculum des Lesenlernens steht ganz im Dienst der Ausbildung eines guten Redners. Die AugenAugen müssen beim Vorlesen nach rechts vorausschauen (prospicere in dextrum) und den kommenden Text vorausschauend wahrnehmen (providere), damit die mündliche Realisation des Textes zusammenhängend, flüssig und damit (für die ZuhörerHörer) verständlich wird (vgl. Quint.Quintilian inst. or. 1,1,31). Das, was Quintilian hier beschreibt, umfasst m. E. nicht nur das Phänomen beim vokalisierendenStimmeinsatzvokalisierend Lesen, das man in der LeseforschungLese-forschung als eye-voice span bezeichnet,11 sondern könnte sehr gut auch den sog. parafoveal previewparafoveal preview (s. o.) und LesestrategienLese-strategie implizieren, die kurze PausenLese-pausen/-unterbrechung nutzen, um im Text vorauszublicken und den Text dann erst stimmlich zu realisieren. Das Bewusstsein für diese Phänomen beim vokalisierenden Lesen findet sich auch in griechischen Quellen; kann also auch für das Lesen von scriptio continua vorausgesetzt werden. „Du liest einige [scil. BücherBuch] recht flüssig, während du deine Augen vor deiner StimmeStimme hältst“ (ἀναγιγνώσκεις ἔνια πάνυ ἐπιτρέχων, φθάνοντος τοῦ ὀφθαλμοῦ τὸ στόμα; Lukian.Lukian von Samosata adv. ind. 2). Auch dass Kydippe beim Lesen des Schwurs „Ja, bei Artemis, ich werde Akontios heiraten“, den letzterer auf einen Apfel geritzt hatte, das letzte Wort, das sich auf eine Hochzeit bezieht, nicht mehr stimmlich realisiert, es aber vorher erkannt haben muss (ἡμίφωνον καταλέλοιπε λέξιν τὴν ἐπ’ ἐσχάτῳ κειμένην ἅτε διαμνημονεύουσαν γάμον),12 erklärt sich durch den parafovealen Vorausblick.

Insbesondere Quintilians Ausführungen verdeutlichen: Qualitätsvolles Vortragslesen, dem vorbereitende individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre vorausgeht,13 impliziert die Fähigkeit, im Leseprozess eine größere Menge Text nur mit den AugenAugen wahrnehmen zu können, da man ihn sonst nicht sinngemäß und flüssig vorlesen kann – und das gilt unabhängig von der Frage nach Wortzwischenräumen. Die höheren kognitivenkognitiv und physiologischen Anforderungen, die das qualitätsvolle VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt an die Leserinnen und LeserLeser stellt, spiegelt sich in den Ergebnissen empirischer Untersuchungen in der kognitionspsychologischen LeseforschungLese-forschung zumindest für Leserinnen und Leser der zeitgenössischen SchriftsystemeSchrift-system (s. o.). Insgesamt führen die kognitiv und physiologisch höheren Anforderungen des qualitätsvollen Vorlesens die These ad absurdum, dass man scriptio continuaSchriftscriptio continua nur vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend lesen konnte; bzw. die dahinterliegende Annahme, dass die Silben in der scriptio continua mit der StimmeStimme phonologischPhonologie realisiert werden mussten, damit die scriptio continua dekodiert werden konnte. Sowohl im Lateinischen als auch im Griechischen ist das Auge der Stimme voraus; die Verarbeitung des GeschriebenenSchriftGeschriebenes beim Vorlesen läuft also vor der lautlichen Realisierung. Dies gilt dann genauso für Formen der individuell-direkten Lektüre und hier unabhängig davon, ob der Text mit der Lesestimme oder der inner reading voiceStimmeinnere (inner reading voice) realisiert wird.

R. Cribiore schlussfolgert mit Bezug auf die genannten Quellen differenzierter, dass scriptio continuaSchriftscriptio continua besonders für Anfängerinnen und Anfänger des Lesens eine besondere Herausforderung dargestellt hätte.14 Der diskutierte Quellenbefund reicht aber m. E. für eine solche Schlussfolgerung, dass das Lesenlernen in einem SchriftsystemSchrift-system mit scriptio continua schwerer sei als in einem Schriftsystem, das WortzwischenräumeWort-zwischenraum aufweist (hier gelten die methodischen Vorbehalte, die sich aus den Ausführungen unter 4.1 ergeben), insgesamt nicht aus; die Quellen lassen m. E. höchstens die Schlussfolgerung zu, dass Unterschiede zwischen der antiken und modernen Didaktik des SchriftspracherwerbsSchrift-spracherwerb bestehen. Allerdings weisen die in den Quellen durchscheinenden Leselernmethoden (insb. Dion. Hal.Dionysios von Halikarnassos comp. 25 [s. o.]: erst BuchstabenBuch-stabe, dann Silben, dann Wörter) äußerst interessante Analogien zum Prinzip der „Silbenanalytischen Methode“ auf. Dieser Ansatz, der in der modernen Didaktik des Schriftspracherwerbs dezidiert linguistisch fundiert ist, versteht sich als Reaktion auf die Defizite der gängigen analytisch-synthetischen Ansätze, die entsprechend der Phonem-Graphem-Korrespondenz-Regeln den Leselernprozess zu strukturieren versuchen (Methoden, die mit Fibel und Anlauttabellen arbeiten).15 Außerdem korrespondiert er mit den oben schon skizzierten kognitionspsychologischen Einsichten zur Schriftsprachenverarbeitung.

Als zusätzliche Evidenz verweist er auf PapyriPapyrus aus Schulkontexten, auf denen WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) oder Trennungen nach Silben zu finden sind.16 Die von Cribiore angeführten Papyrusbeispiele mit Worttrennern oder mit Trennungen von Silben können allerdings auch nicht als Beleg für die These herhalten, dass das Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua eine größere Herausforderung für Lerner dargestellt hätte als ein hypothetisches altgriechisches SchriftsystemSchrift-system mit scriptio discontinuaSchriftscriptio discontinua. Vielmehr lassen sich die Übungen präzise in das aus den Quellen herausscheinende Curriculum einordnen.17 Zum anderen weist die überwältigende Mehrzahl der Papyri, die Cribiore als Schulmaterial aufführt, Texte in scriptio continua auf.18

Auch die Aussagekraft der weiteren, angeführten Quellen, die als Evidenz für vermeintliche Schwierigkeiten des Lesens von scriptio continuaSchriftscriptio continua, angeführt werden, hält einer genaueren Überprüfung ebenfalls nicht stand.

Aristot.Aristoteles rhet. 3,5,6 [1407b12] wurde bereits oben bei der Besprechung des Lexems εὐανάγνωστοςεὐανάγνωστος besprochen (s. o. insb. Anm. 57, 58, S. 120 f): Ob ein Text εὐανάγνωστος (gut lesbarLesbarkeit) ist, steht bei Aristoteles nicht mit dem SchriftsystemSchrift-system in Zusammenhang; ihm geht es hier rein um syntaktische und lexikalische Aspekte. Die Charakterisierung des SklavenSklave des Trimalchio, der ein BuchBuch ab oculoLesenab oculo liest (Petron.Petronius Arbiter, T. sat. 75,4), kann die Beweislast nicht tragen, die ihr damit aufgebürdet wird, dass hier auf einen vermeintlichen Lesesklaven rekurriert werde, der die Kunst des „Vom-Blatt-Lesens“ beherrschte.19 Eine solche Interpretation setzt in zirkulärer Weise voraus, dass Lesen in der Antike kognitivkognitiv besonders herausfordernd gewesen wäre und dass die LiteralitätLiteralität/Illiteralität insgesamt nur schwach ausgeprägt war. Aus der Stelle selbst geht nicht hervor, ob die Lesetechnik, die mit ab oculo angedeutet wird, so herausragend war, wie üblicherweise unterstellt wird. Der satirische Kontext bei PetroniusPetronius Arbiter, T., der „dem LeserLeser die Halbbildung des Trimalchio vor Augen“20 führen möchte, und die anderen Charakterzüge, mit denen Trimalchio seinen Sklaven beschreibt, lassen doch eher Zweifel an dieser Interpretation aufkommen: Dass der SklaveSklave z.B. die recht einfache Rechenoperation beherrscht, durch zehn teilen zu können (decem partes dicit) – aber etwa nicht durch sieben –, spricht gerade nicht für eine besonders hohe kognitive Begabung, die für das Lesen ab oculo als notwendig vorauszusetzen wäre. Es handelt sich also bei der Fähigkeit ab oculo legere um eine Fähigkeit, die im schulischen Elementarunterricht gelehrt wird, wie auch H. Krasser betont.21 Bestätigt wird diese Interpretation durch einen expliziten Verweis auf diese LesefähigkeitLese-fähigkeit (s. auch Literalität) in den Hermeneumata PseudodositheanaHermeneumata Pseudodositheana, anonyme, vermutlich irgendwann in der Kaiserzeit entstandene,22 bilinguale Handreichungen für den Schulunterricht, die neben Glossaren und kurzen Übungstexten sozialgeschichtlichSozialgeschichte in vielerlei Hinsicht aufschlussreiche Schilderungen des Tagesablaufs eines Schülers aus dessen Perspektive enthalten. In einem dieser sog. Colloquia, dem Colloquium Stephania, findet sich die Formulierung: „Dann [lese ich] ἀπὸ τοῦ ὀφθαλμοῦ/ab oculo, schnellLese-geschwindigkeit (ταχέως/citatim), einen unbekannten Text und einen, der wenig gelesen wird“ (Colloqiua Stephania 17d, ed. DICKEY). Aus dem Kontext geht dabei hervor, dass die Schüler dies im UnterrichtUnterricht jeweils individuell (καθ’ ἕνα/per singulos) und mit binnendifferenziertem Schwierigkeitsgrad (καθ’ ἑνὸς ἑκάστου δυνάμεις καὶ προκοπήν/iuxta unius cuiusque vires et profectum) zur gleichen Zeit tun (vgl. Colloqiua Stephania 18a/b, ed. DICKEY). Zusammen mit dem Verweis auf die GeschwindigkeitLese-geschwindigkeit in 17d impliziert dies, dass hier sogar nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre im Blick ist.

Ferner adressiertAdressat auch Ptol.Ptolemaeus, Claudius krit. 10,11–16 nicht das Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua; ἀνάγνωσιςἀνάγνωσις wird hier vielmehr als phonologischerPhonologie Fachterminus verwendet (s. o. 3.1.4).23 Irenäus diskutiert in haer. 3,7,1f Ambivalenzen in den Paulusbriefen, die durch missliche syntaktische Konstruktionen (v. a. Hyperbata) entstehen und bei der lectiolectio zu theologischTheologie problematischen Verstehensmöglichkeiten führen können, wenn derjenige, der vorliest, nicht aufpasst und nicht genügend Atempausen macht (Si ergo non adtendat aliquis lectioni nec per interualla aspirationis manifestet in quo dicitur …). Dies hat zwar indirekt mit der scriptio continua – präziser: mit fehlender Interpunktion zur Markierung der syntaktischen Struktur – zu tun, sagt aber nichts über höhere kognitivekognitiv Fähigkeiten aus, die vermeintlich notwendig wären, um scriptio continua zu lesen. Die zitierteZitat Stelle deutet vielmehr darauf hin, dass derjenige, der vorliest, die Atempausen nutzen soll, um sich einen Überblick über das Folgende zu verschaffen, um dieses richtig vorzulesen.

Nirgendwo in den Quellen lässt sich also fassen, dass antike LeserLeser Probleme mit in scriptio continuaSchriftscriptio continua geschriebenen Texten gehabt hätten, wohl lässt sich demgegenüber festhalten, dass zu kleine BuchstabenBuch-stabe ein Ärgernis für die visuellevisuell Wahrnehmung des Textes darstellten.24 Zudem sei darauf verwiesen, dass in der antiken PhilosophiePhilosophie die grundlegenden Unterschieden der Perzeption und kognitivenkognitiv Verarbeitung beim Lesen auf der einen und dem Hören auf der anderen Seite durchaus reflektiert wurden25 – die Aufnahme von Gelesenem ist also im antiken Denken nicht einfach auf auditiveauditiv Verarbeitung reduziert worden. Dies spiegelt auch eine Stelle bei Laktanz wider; und zwar verweist dieser im Kontext seiner Reflexion über das Verhältnis von LernenLernen und Zeit auf die perzeptuellen Vorteile des Lesens gegenüber dem Hören sowie der Begrenztheit des GedächtnissesGedächtnis.

„Diese allgemeine Bildung ist zu erwerben auf der Basis von LesepraxisLese-praxis (discendae istae communes litterae propter usum legendi); denn bei einer so großen Vielfalt der Gegenstände kann sie weder dadurch erworben werden, dass man alles hört (nec disci audiendo possunt omnia), noch dadurch, dass man es im GedächtnisGedächtnis behält“ (Lact.Lactantius inst. 3,25,9).26

Die Argumentation von Laktanz würde keinen Sinn ergeben, wenn die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre (von Texten in scriptio continuaSchriftscriptio continua)27 nur bzw. primär auf den auditiven Kanal angewiesen gewesen wäre. Vielmehr lässt Laktanz durchblicken, dass er den auditivenauditiv Kanal für Bildungszwecke nicht zuverlässig genug hält.

Gegen eine besondere kognitivekognitiv Schwierigkeit, die mit dem Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua in der Antike verbunden gewesen sein sollte, spricht auch die Tatsache, dass es sowohl im griechisch-28 als auch im lateinisch-sprachigen Bereich eine Entwicklung von der scriptio discontinuaSchriftscriptio discontinua zur scriptio continua gab. Aufschlussreich ist vor allem die sehr späte Aufgabe von WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) im Lateinischen. Darauf aufmerksam gemacht hat schon R. P. Oliver 1951;29 ausführlich ist die lateinische Worttrennung in den 1970er Jahren von E. O. Wingo untersucht worden:

„The practice of word-division was standard in Etruscan and it was probably from this source that it entered into Latin, where it is found in the very earliest inscriptionsInschriften such as the lapis niger [CIL I2.1] and the fibula Praenestina30 [CIL I2.3].31 The word-divider is regularly found on all good inscriptions,32 in papyri,33 on wax tablets, and even in graffiti from the earliest Republican times through the Golden Age and well into the Second Century.”34

Aus den zahlreichen Quellenbeispielen, die Oliver und Wingo aufführen, ist der PapyrusPapyrus PSI 7 743 aus dem 1./2. Jh. besonders hervorzuheben, der einen griechischen Text in lateinischer Transkription mit Worttrennern bietet. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine griechische InschriftInschriften mit Worttrennern in Kom Ombo in Ägypten: SB 5 8905 (88 n. Chr.). Es liegt nahe, eine Projektion der lateinischen Konvention zu vermuten, da die Weihinschrift durch eine Römerin gestiftet worden ist. Als Beispiele für den neuen Stil ohne WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift), der sich ab dem 2./3. Jh. in den Hss.Handschrift/Manuskript findet, führen sie P.Ryl. Gr. 3 473, eine griechisch-lateinische Bilingue (Fragment von den Historiae von SallustSallust), und P. Mich. 7 429 (die Kopie eines grammatischen Traktats) an. Scriptio continua findet sich darüber hinaus auch in den lateinischen Papyri aus Dura Europos. Beispielhaft verwiesen sei auf P.Dura 54, eine kalendarische Liste (225–235 n. Chr.), und P.Dura 60, ein BriefBrief, der auf den Beginn des 3. Jh. datiert wird. Die scriptio continuaSchriftscriptio continua wird in P.Dura 60 allerdings an den Stellen durch einen WortzwischenraumWort-zwischenraum (mit oder ohne Mittelpunkt) unterbrochenLese-pausen/-unterbrechung, an denen Abkürzungen verwendet werden.35 Dieses Phänomen ist auch noch in weiteren Papyri aus Dura Europos erkennbar.36 Es spricht für die These, die Vatri für das klassische Griechisch formuliert hat (s. o.), dass WorterkennungWort-erkennung in der scriptio continua durch signifikante Buchstabenkombinationen (in diesem Fall eben auch im Lateinischen) am Wortbeginn und -ende geleitet wird, was bei der Verwendung von Abkürzungen jedoch nicht möglich ist.

Die Unterschiede in den Konventionen des Schriftsystems vor dem 2. Jh. werden in der frühen Kaiserzeit auch in literarischen Quellen reflektiert. So ist es für SuetonSuetonius Tranquillus, Gaius (Aug.Augustinus von Hippo 87,3) eine Besonderheit, dass Augustus in seinen handschriftlichen Texten die Wörter nicht trennt (non dividit verba).37 Seneca wiederum nimmt Überlegungen zum Stil einer bedächtigen philosophischenPhilosophie RedeRede (weder zu langsamLese-geschwindigkeit noch zu schnell; vgl. auch Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 40,8.13f) zum Anlass, eine Analogie zum SchreibenSchreiben bei Römern und Griechen zu ziehen:

„Freilich, den Redestrom des Quintus Haterius […] möchte ich einem vernünftigen Menschen als völlig unpassend nicht wünschen: Nie zögerte er, nie hielt er ein; nur einmal hob er an, nur einmal schloß er. Mancherlei paßt, glaube ich, mehr oder weniger zu bestimmten Völkern. Bei Griechen mag man diese Schrankenlosigkeit [licentia] hinnehmen; wir Römer haben uns sogar beim SchreibenSchreiben angewöhnt zu interpungieren. Selbst unser großer CiceroCicero, Marcus Tullius, mit dem die römische Beredsamkeit einen gewaltigen Sprung nach vorn tat, ging schrittweise (gradarius) vor. Die lateinische Sprache ist bedächtiger, wägt ab und stellt sich der Nachprüfung“ (Sen. ep.Seneca, Lucius Annaeus (d. J.) 40,10f; Üb. FINK; modifiziert JH).

Aus der Perspektive des skizzierten materiellenMaterialität Befundes meint Seneca hier die Wortinterpunktion – also Punkte in den Wortzwischenräumen der lateinischen Texte und keine syntaktische oder rhetorische Interpunktion.38 Erst das Verschwinden der Wortinterpunktion im 2. Jh. schuf die Voraussetzung dafür, dass Punkte SinnpausenLese-pausen/-unterbrechung o. ä. bezeichnen konnten oder zur syntaktischen Abgrenzung verwendet wurden.39

Bemerkenswert an Senecas Analogie ist also, dass er das griechische SchriftsystemSchrift-system nicht etwa mit Schwierigkeiten bei der Entzifferung der scriptio continuaSchriftscriptio continua, sondern mit SchnelligkeitLese-geschwindigkeit in Verbindung bringt und die Worttrenner im Lateinischen als Gegenteil von licentia, also als eine Art Zügel betrachtet, in dem sich nicht nur die Bedächtigkeit der RedeRede, sondern der Sprache und damit auch des Lesens von lateinischen Texten widerspiegelt. In jedem Fall ist es geboten, hier die Perspektive Senecas auf die Fremdsprache und deren LeserLeser in Rechnung zu stellen; also womöglich die Tendenz, dass er vorgelesenes Griechisch als rasanter wahrnimmt als vorgelesenes Latein. Angesichts dieser Perspektive in der frühen Kaiserzeit ist die Einführung der scriptio continua umso erstaunlicher.

Daraus folgt also: Wenn das Lesen von scriptio continuaSchriftscriptio continua mit besonderen kognitivenkognitiv Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, widerspräche die recht späte Aufgabe von WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) im Lateinischen im 2. Jh. auf eklatante Weise dem Ökonomieprinzip, das sich an zahlreichen anderen kulturellen Entwicklungen im römischen Reich zeigt (z.B. in der Landwirtschaft, im Militär usw.).40 Eine Erklärung der Einführung der scriptio continua in das lateinische SchriftsystemSchrift-system sieht P. R. Oliver darin, dass man sich hier an der griechischen BuchkulturBuch-kultur orientiert hat41 – die Übernahme hatte also vorwiegend ästhetischeästhetischer Genuss/Vergnügen und kulturelle Gründe und kann als Phänomen des Zeitgeschmacks verstanden werden.42

Es kommt hinzu, dass bei Augustinus (wie in der Einleitung ausgeführt), das nicht-vokalisierendeStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen von lateinischen Texten in scriptio continuaSchriftscriptio continua explizit belegt ist. Zudem reflektiert Augustinus die kognitionspsychologischen Vorgänge beim Lesen in seiner Schrift de Dialectica.

„Jedes Wort tönt. Wenn es nämlich geschriebenSchriftGeschriebenes steht, ist es nicht ein Wort, sondern das Zeichen eines Wortes (cum enim est in scripto, non verbum sed verbi signum est); denn nachdem die BuchstabenBuch-stabe vom Lesenden angeschaut worden sind, begegnet dem Geist das, was sich im Laut äussern soll (quippe inspectis a legente litteris occurrit animo, quid voce prorumpat). Was zeigen nämlich die geschriebenen Buchstaben anderes als sich selbst den AugenAugen und ausser sich selbst dem Geist die Laute (quid enim aliud litterae scriptae quam se ipsas oculis et praeter se voces animo ostendunt, et paulo ante diximus signum esse quod se ipsum sensui et praeter se aliquid animo ostendit.)? Was wir lesen, sind daher nicht Worte, sondern die Zeichen der Worte (quae legimus igitur non verba sunt sed signa verborum). Aber wie wir, obschon der Buchstabe selbst das kleinste Element von artikuliertem Laut ist, dennoch diese Vokabeln im übertragenen Sinn brauchen, indem wir auch von ‚Buchstaben‘ sprechen, wenn wir ihn geschrieben sehenSehen – obschon dieser ganz und gar stumm ist und nicht als ein Lautelement, sondern als Zeichen eines Lautelements erscheint – so wir auch ein geschriebenes Wort ‚Wort‘ genannt, obschon es als das Zeichen eines Wortes, das heisst, als das Zeichen eines bedeutenden Lautes, nicht als Wort, in Erscheinung tritt. Deshalb, wie ich zu sagen begonnen habe, tönt jedes Wort“ (Aug.Augustinus von Hippo de dial. 5,7, Üb. RUEF, 1981, hier 22).

Es ist hier nicht möglich, die dichten semiotischen Ausführungen Augustins ausführlich zu analysieren.43 Die entscheidende Einsicht, die sich aus dieser Stelle gewinnen lässt, ist, dass das geschriebeneSchriftGeschriebenes Wort, das nur Zeichen eines Wortes ist, gerade nicht tönt. Lesen wird hier von Augustin eindeutig visuellvisuell konzeptualisiert (inspicioinspicio), womit er in der Antike nicht allein ist (s. o. 3.8). Der LeserLeser sieht nur die geschriebenen BuchstabenBuch-stabe, hört sie also nicht, und sie, die geschriebenen Buchstaben, zeigen dem Geist die Laute. Die Artikulation der Laute (mit der inneren LesestimmeStimmeinnere (inner reading voice) oder stimmlich ausartikuliert) ist dann ein zweiter Schritt nach der kognitivenkognitiv Verarbeitung des Gelesenen. Dies impliziert eindeutig die Fähigkeit der kognitiven WorterkennungWort-erkennung beim nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend Lesen von Texten, die in scriptio continuaSchriftscriptio continua geschrieben sind.

4.3 Weitere „typographische“1 Gestaltungsmerkmale antiker Handschriften und die Frage nach „Lesehilfen“

Neben der scriptio continuaSchriftscriptio continua weisen antike Hss.Handschrift/Manuskript noch eine ganze Reihe weiterer Merkmale auf, die in Relation zur LesepraxisLese-praxis zu interpretieren sind. Ein Großteil dieser Merkmale – z.B. DiakritikaDiakritika, Interpunktion, Dikola, ParagraphoiParagraphos – werden üblicherweise als „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ verstanden, wobei implizit an Hilfen für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt gedacht wird. In diesem Zuge abzuhandeln ist auch die Frage nach der durchschnittlichen Zeilenlänge in literarischen PapyriPapyrus mit Prosa aus der Kaiserzeit, die nach W. A. Johnson in einem Zusammenhang zu konkreten Leseanlässen gestanden hätten: „Bookrolls were not, in gross terms, conceptualized as static repositories of information (or of pleasure), but rather as vehicles for performative reading in high social contexts.“2 Insbesondere in der Forschung zu den neutestamentlichen Papyri werden diese sog. „Lesehilfen“ in den frühen Papyri, die traditionellerweise auf das 2. Jh. datiert werden, als Evidenz dafür herangezogen, dass diese Hss. für die Lesung im „GottesdienstGottesdienst“ geschriebenSchriftGeschriebenes worden wären.3

Interpretationen, die „typographischen“ Merkmale antiker und antik-christlicher Hss.Handschrift/Manuskript in der Summe als Hilfen für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt interpretieren, stehen in der Gefahr eines Zirkelschlusses, da sie die schwierigere LesbarkeitLesbarkeit der scriptio continuaSchriftscriptio continua a priori voraussetzen.4 Dies ist allerdings angesichts der obigen Ausführungen nicht mehr zu rechtfertigen. Es kommt hinzu, dass zwischen primären und sekundären (daher auch schwer zu datierenden) „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ zu unterscheiden ist5 – also solchen „typographischen“ Gestaltungsmerkmalen, die in der ursprünglichen Anlage der HandschriftHandschrift/Manuskript vorgesehen waren, und solchen Eintragungen, die Benutzer in die Texte eingetragen haben, die eine Hs. dann für einen Vortrag verwendet haben. In methodischer Hinsicht ist zu formulieren: Nur aus primären „typographischen“ Gestaltungsmerkmalen, die sich eindeutig nur dem Vortragslesen zuordnen ließen, könnte eine sichere Aussage über die primäre Verwendungsweise einer Hs. getroffen werden.

Ein Problem, insbesondere der Debatte um die Merkmale neutestamentlicher PapyriPapyrus, ist die einheitliche Kategorisierung von unterschiedlichen Phänomenen in den Hss.Handschrift/Manuskript als „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ oder lectional signs, die m. E. getrennt voneinander besprochen werden müssen. Und zwar:

1 Markierungen auf der BuchstabenBuch-stabe- bzw. Wortebene;

2 Markierungen, die eine Bedeutung für die Syntax haben bzw. größere Texteinheiten strukturieren;

3 ParatextParatextuelle Elemente, die insofern von a) und b) zu unterscheiden sind, als es um textliche Elemente (Überschriften, Verfasserangaben, Seitenzahlen etc.) und Verzierungen geht;

4 die Breite der Kolumnen.

Die paratextuellenParatext Elemente c) werden zwar zumeist nicht unter „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ gezählt, gehören aber in den Kontext der hier zu besprechenden Merkmale der Hss.Handschrift/Manuskript In diesem Zuge müssen auch andere, primär für die visuellevisuell Rezeption gedachte, Elemente wie Nomina sacra u. ä. kurz besprochen werden. Hinzu kommt das Problem, dass m. W. bisher keine umfassende, Handschriften übergreifende und systematische Untersuchung der als „Lesehilfen“ interpretierten Merkmale antiker Hss. existiert. Im Rahmen dieser Studie sind einige exemplarische Beobachtungen zu den frühen PapyriPapyrus (bis zum 3. Jh.) angezeigt, die auch dazu dienen, den Befund der neutestamentlichen Papyri in den Kontext antiker Hss. insgesamt zu stellen. Vorab ist auf ein gravierendes Erschließungsproblem der Forschungsdaten hinzuweisen.6 So werden insbesondere diakritischeDiakritika Zeichen und WortzwischenräumeWort-zwischenraum in den EditionenEdition von HandschriftenHandschrift/Manuskript nicht konsequent erfasst.7 In analogen Transkripten werden sowohl WorttrennungenWort-trennungen (s. Schrift) als auch diakritische Zeichen (gemäß den späteren grammatischen Regeln) hinzugefügt. Auch in digitalen Transkripten werden Informationen über diese Aspekte nicht konsequent in die Metadaten aufgenommen.

Ein Beispiel dafür sind die digitalen Transkripte, die im Rahmen der Erstellung der Edito Critica maior hergestellt werden. Hier wird in den Richtlinien zur Transkription (von Matthias Piontek und Marie-Luise Lakmann, Version III, 1. November 2013) explizit ausgeschlossen, dass AkzenteAkzent, Spiritus (außer sie seien „das einzige Unterscheidungsmerkmal einer Wort- oder Formvariante“) und TremataTrema mittranskribiert werden. Der Verzicht ist mit dem Erkenntnisinteresse des Projektes, der Rekonstruktion des AusgangstextesAusgangstext, zu erklären, der, so die Annahme, keine diakritischenDiakritika Zeichen gehabt hätte. Darauf wird unten zurückzukommen sein.

ad a) Markierungen auf der Buchstaben- bzw. Wortebene

HierunterBuch-stabe fallen die sog. diakritischenDiakritika Zeichen (das TremaTrema, AkzenteAkzent sowie Spiritus) und aus meiner Sicht auch der ApostrophApostroph. Diese Zeichen sind sowohl in christlichen als auch nicht-christlichen Hss.Handschrift/Manuskript zu finde, aber kommen, so der Stand der Forschung, selten vor und deren Verwendung folget keiner festen Systematik.8 Es gibt mittlerweile einige Studien zu den sogenannten scribal habitsscribal habits, in denen diese Phänomene z. T. berücksichtigt werden. Ausführliche vergleichende Untersuchungen, die insbesondere auch den Befund in antiken Hss. insgesamt berücksichtigen, stellen m. W. jedoch weitgehend ein Desiderat dar.9

TremataTrema sind recht regelmäßig in den neutestamentlichen PapyriPapyrus zu finden.10 Schon in 52 (P. Ryl. Gr. 3 457), der mutmaßlich ältesten neutestamentlichen Hs., finden sich drei Tremata über initialem Iota (ϊ; ro,1 f; vo,2), die Hurtado als LesehilfeLese-hilfe (reading aid) interpretiert.11 Dabei fällt ihm selbst auf, dass dem Trema auf der verso-Seite nicht die Funktion zukommt, eine DiäreseDiärese zu kennzeichnen, da das vorhergehende Wort mit einem -ν endet.12 Dieser Gebrauch ist auch in anderen neutestamentlichen13 und frühchristlichen14 Texten belegt und steht im Einklang mit Beispielen nicht-christlicher Mss.15 und findet sich sogar vielfach in InschriftenInschriften.16 So unterscheidet schon E. G. Turner zwischen „organischem“ Gebrauch des Trema, der Anzeige einer Diärese und dem häufig anzutreffenden „anorganischem“ Gebrauch, der Kennzeichnung eines initialen oder finalen Vokals eines Wortes, wobei üblicherweise ι oder υ gekennzeichnet werden.17 Aufschlussreich ist die Verwendung des Tremas in Joh 1,29Joh 1,29 in 66 im Vergleich zu 75. In 66 findet sich auf f. 3, Z. 21 ein Trema auf dem initialen Iota von ιδε, obwohl die Trennung von dem vorhergehenden finalen Iota schon durch einen Mittelpunkt gegeben ist (λε-γει·ϊδε), während in 75 an dieser Stelle kein Mittelpunkt steht und das Trema tatsächlich die Funktion hat, die Diärese anzuzeigen. Das gleiche Phänomen lässt sich in Joh 1,36Joh 1,36 sehenSehen (vgl. 66, f. 4, Z. 1818). Diese (auch noch an anderen Stellen zu findende) Redundanz in 66 lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass der Schreiber das Trema aus konventionellen Gründen gesetzt oder aus seiner VorlageVorlage übernommen und den Mittelpunkt selbst eingefügt hat.19 Außerdem stellt sich die Frage, inwiefern der Schreiber von 66 Tremata überhaupt als Lesehilfe aufgefasst haben kann, wenn er ein funktionslos gewordenes Trema stehen lässt. Insbesondere die weitgehende Beschränkung auf die Vokale ι und υ macht es zudem sehr unwahrscheinlich, dass das Trema die generelle Funktion hatte, ein neues Wort zu markieren.20 Insgesamt erscheint es mir vor diesem Hintergrund fragwürdig, dass Trema als „lectional sign that guide pronunciation“21 zu kategorisieren und eine eindeutige Verknüpfung zum vokaliserenden Lesen bzw. Vortragslesen (neutestamentlicher Texte im GottesdienstGottesdienst) herzustellen. Denn sollte das Trema tatsächlich als Lesehilfe gedacht gewesen sein, so ist diese auch für einen individuellen LeserLeser hilfreich, und zwar unabhängig davon, ob er vokalisierendStimmeinsatzvokalisierend liest oder seine innere LesestimmeStimmeinnere (inner reading voice) verwendet. Die griechischen Wörter werden im Folgenden bewusst ohne Berücksichtigung der konventionellen Akzentsetzung geschriebenSchriftGeschriebenes, um den Befund in den HandschriftenHandschrift/Manuskript darstellbar zu machen.

AkzenteAkzent und spiritusspiritus sind im Vergleich zum TremaTrema deutlich seltener in den frühen PapyriPapyrus zu finden.22 Es ist aufschlussreich, dass es sich bei den spiritus überwiegend um einen spiritus asper handelt23 (ⱶ) – und zwar wird dieser in vielen Fällen nur dann gesetzt, wenn eine semantische Ambiguität bei einsilbigen Wörtern vermieden werden soll.24 Dies hat eine stichprobenartige Durchsicht der frühen Papyri (2./3. Jh.) ergeben. In der unten stehenden Tabelle finden sich einige Beispiele zur Illustration. Das bedeutet, die Frage der richtigen phonologischenPhonologie Realisierung kann nicht das primäre Interesse der Schreiber gewesen sein. Parallelphänomene lassen sich im Übrigen aus nicht-christlichen Papyri – auch in solchen, die definitiv nicht für den performativen Vortrag bestimmt waren25 – und InschriftenInschriften, die ebenfalls schwerlich zur performativen Lesung bestimmt waren,26 beibringen.


Stellenangabe Befund
Gegenprobe (exemplarisch)
13 (III/IV) P.Oxy. 4 657 ὁυ: Relativpronomen vs. Adverb
15 ([III]/IV) P.Oxy. 7 1008 ἡ: Artikel vs. Partikel (disjunktiv/komparativ o. Adverb) ὡ: Vereindeutigung des Relativpronomens
z.B. vo 9
45 (III) P.Beatty 1 ὁς: Vereindeutigung des Relativpronomens (könnte im Kontext mit ενος verwechselt werden) εἱς: Numeral vs. Präposition εἰς
f. 10vo,6
ἑν: Numeral vs. Präposition εἱς: Numeral vs. Präposition εἰς
f. 6ro 22–24
77 (III) P.Oxy. 64 4405
104 (II) P.Oxy. 64 4404
113 (III) P.Oxy. 66 4497 ὁυ: Relativpronomen vs. Adverb

Zahlreiche spiritusspiritus asper finden sich auch in KodexKodex P.Bodm 7–8 (=72).10–12.13, bei dem es angesichts der eigenartigen Zusammenstellung, die durchaus ein redaktionellesRedaktion/redaktionell Interesse erkennen lässt,31 sowie angesichts des im Vergleich zu anderen Hss.Handschrift/Manuskript eigenwilligen Formats fraglich erscheint, ob es sich um ein ManuskriptHandschrift/Manuskript handelt, das die VorlageVorlage für performative Lesungen gebildet hat. Es finden sich einige Stellen, an denen analog zu den schon angeführten Beispielen, einsilbige Wörter mit einem spiritus asper versehen worden sind.32 Daneben findet sich aber z.B. auch mitten im Kompositum εισὁδος ein spiritus asper (f. 25,3; 2Petr 1,112Petr 1,11), den A. Mugridge als Irregularität interpretiert.33 M. E. erklärt sich der spiritus asper hier aber durch den Zeilenumbruch, der durch das Wort geht (εισὁ-δος) und der möglicherweise auch die Disambiguierung von Vorsilbe und Präposition notwendig erscheinen ließ.

Auch die wenigen AkzenteAkzent,34 die sich in den frühen Hss.Handschrift/Manuskript finden lassen, haben zumeist die Funktion, eine semantische Ambiguität auszuschließen. Auch hier scheint es nicht um die richtige phonologischePhonologie Realisierung zu gehen. In 1 (P.Oxy. 1 1) findet sich vermutlich ein Akut auf einem ή (vo,14 [Mt 1,18Mt 1,18])35 und disambiguiert die Partikel vom Artikel oder Relativpronomen, möglicherweise auch vom folgenden Wort. In 46 (200–225; P.Beatty 2) zeigt der Akut auf πέρας (f. 26vo,7 [Hebr 6,16Hebr 6,16]) möglicherweise den Unterschied des Nom. Sg. ntr. vom Dat. Pl. fem. von πέρα bzw. von Formen des Verbes περάω in der 2. Pers. Sg. an.36 Der Akut in 66 (P.Bodm. II) f. 101.8 (Joh 13,29Joh 13,29) hilft potentiell -δοκουν vom PartizipPartizip von δοκοω zu disambiguieren. Es könnte hier im speziellen Fall als notwendig erachtet worden sein, weil das Augment in der vorhergehenden Zeile geschriebenSchriftGeschriebenes ist.

Besonders aufschlussreich ist die Verwendung des ApostrophApostroph in den neutestamentlichen Hss.Handschrift/Manuskript Der Apostroph wird dort analog zu antiken Hss. insgesamt37 sowie zum inschriftlichenInschriften Befund38 vor allem als Auslassungszeichen verwendet.39 Die Funktion erschließt sich, berücksichtigt man, dass die parafovealeparafoveal preview WorterkennungWort-erkennung in der scriptio continuaSchriftscriptio continua vor allem durch Buchstabenkombinationen am Anfang und vor allem am Ende der Worte geleitet wird (s. o. 4.1). Fällt nun ein BuchstabeBuch-stabe aus lautlichen Gründen aus, wird dies markiert, um die gewohnte Worterkennung zu gewährleisten. Dadurch lässt sich auch die in ihrer Funktion für die Forschung z. T. nicht direkt erschließbare, in den frühen Hss. sehr regelmäßig zu findende40 Apostrophierung von indeklinablen semitischen Namen in den neutestamentlichen PapyriPapyrus erklären,41 die wegen der fehlenden Passung in das griechische Endungssystem ebenfalls sehr häufig mit einem Apostroph markiert werden.42 Die Praxis, fremdsprachliche Wörter mit einem Apostroph zu kennzeichnen, findet sich auch vielfach in dokumentarischen Papyri.43 Auch beim Apostroph handelt es sich also nicht um eine Vorlesehilfe und auch nicht um ein Zeichen, das zu „clarity of pronunciation in the public readingpublic reading“44 beitrüge – dagegen spricht auch der statistische Befund.45 Der Apostroph ist vielmehr eine Worterkennungshilfe, welche die parafoveale Wahrnehmung des Textes sowohl beim Vortragslesen, aber v.a. bei verschiedenen Modi des (nicht-vokalisierendenStimmeinsatznicht-vokalisierend) individuellen Lesens unterstützen kann.

Aus dem Vorkommen von TremataTrema, Akzenten, Spiritus und ApostrophenApostroph in einer Hs. kann also nicht auf ihren primären Verwendungskontext geschlossen werden.46 Dieses Ergebnis wird dadurch gestützt, dass sich diese Merkmale auch in nicht-christlichen Hss.Handschrift/Manuskript finden lassen, die eindeutig zu Studienzwecken verwendet worden sind – Grammatiklehrbücher,47 Manuskripte mit Kommentartexten,48 oder mit kommentierenden Annotationen (zumeist am Rand, aber z. T. auch interlinear).49 Noch eindrücklicher sind Belege von diakritischenDiakritika Zeichen in listenartigen50 oder anderen dokumentarischen PapyriPapyrus51 sowie in InschriftenInschriften,52 bei denen eine performative Lesung auch nicht anzunehmen ist. Ältere Studien deuten zudem darauf hin, dass die Zeichen in den nicht-christlichen Hss. ebenfalls in der Mehrzahl semantische Ambiguität vereindeutigen.

So kommt B. Laum in seiner einschlägigen Studie53 zum alexandrinischen Akzentuationssytem, in der er neben den Homerscholien zahlreiche PapyriPapyrus auswertet, zu dem Ergebnis: „Die LesezeichenLese-zeichen dienen dazu, bei Wörtern bzw. BuchstabenBuch-stabe- und Wortverbindungen, die verschieden gedeutet werden können, dem LeserLeser die richtige Auffassung klar zu machen. Das Zeichen für den Hauchlaut bzw. Psilose ist vornehmlich auf Wörtern gesetzt, die je nach dem Spiritus eine andere Bedeutung hatten […]. Das Quantitätszeichen dient in gleicher Weise der Unterscheidung von Vokalen oder Vokalverbindungen, die gleichgeschrieben waren, aber je nach Quantität Verschiedenes bedeuteten […]. Der Charakter als Unterscheidungszeichen tritt besonders bei der Akzentsetzung deutlich hervor. Vor allem werden jene Wörter, die in der Buchstabenzusammensetzung gleich sind, aber je nach der Bedeutung verschieden betont werden können, mit dem zukommenden AkzentAkzent versehen. […] Sodann hat der Gravis auch den Zweck gehabt, bei Textstellen, wo wegen der scriptio continuaSchriftscriptio continua Trennungen bzw. Zusammenfassungen von einzelnen Buchstaben bzw. Buchstabengruppen umstritten waren, dem Leser die richtige Auffassung zu verdeutlichen. Die frühen Alexandriner scheinen in solchen Fällen mit Vorliebe Akzente als Mittel der Unterscheidung angewendet zu haben (man hat, um die Verdeutlichung zu erreichen, sich nicht gescheut, gegen die Akzentregeln zu verstoßen, hat Doppelakzente gesetzt, Akzente vertauscht oder verrückt) […]. Alle Zeichen (Akzente, Spiritus, Quantitäten und Diastolai) dienen also dem Zwecke, an mehrdeutigen Stellen dem Leser die richtige Auffassung kenntlich zu machen. Diese Tatsache tritt sowohl aus der Interpretation der Homerscholien wie aus der prosodischen Praxis in den Papyri deutlich hervor.“54

Inwiefern dieser Befund auch den seit den 1920er Jahren erheblich gewachsenen Bestand an edierten PapyriPapyrus halten lässt, müsste eingehender untersucht werden. Eine dafür notwendige, sehr umfangreiche, vergleichende Untersuchung, die außerdem auch noch den inschriftlichenInschriften Befund miteinbezieht, kann im Rahmen dieser Studie jedoch nicht geleistet werden.55 Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass schon Aristoteles die Praxis reflektiert, dass im Schriftlichen diakritischeDiakritika Zeichen gesetzt werden, um Ambiguitäten zu vereindeutigen.56 Bei Ps.-ArcadiosPseudo-Arcadios – es gibt gute Gründe, Theodosios von Alexandria als VerfasserAutor/Verfasser zu vermuten,57 – findet sich im Kontext der Beschreibung der Funktionsbezeichnung der diakritischen Zeichen die Formulierung, dass „die Längen, AkzenteAkzent und Hauche – von Aristophanes geformt – entstanden sind für die Unterscheidung zweideutiger Wörter (πρός τε διαστολὴν τῆς ἀμφιβόλου λέξεως)“58. Dies entspricht exakt der hier diskutierten Funktionsbestimmung.

Auch viele der Beispiele für einen spiritusspiritus asper in dokumentarischen PapyriPapyrus, die R. Ast jüngst aufführt, „are clearly used in order to avoid ambiguity“.59 So handelt es sich auch dort zumeist um die „kleinen Wörter“, die mit einem spiritus asper versehen werden, wie in seiner Zusammenfassung des Befundes deutlich wird.

„While one might expect that spiritusspiritus asper would be used to alert the reader to cases of aspiration in rare or unusal words, quite the opposite is actually the case. By far the most common terms that are aspirated are relative pronouns (e.g. ὅς, οὗ, ὅν, ὧν, οἷς, οὕς, ἧς, ἥν, ἅ) […]. In addition, articles (ὁ, ἡ, οἱ), adverbs such as ὡς, and cardinal numbers, especially ἑν and on a couple of occasions ἕξ, can bear a rough breathing mark. [In Anm. 38 ergänzt er dann noch:] As an aside, I note that in Attic Greek inscriptionsInschriften, too, the same types of words tend to be marked with the spiritus asper.“60

Diese „kleinen Wörter“ wären ohne spiritusspiritus asper nicht nur in vielen Fällen ambigue, sondern viele von ihnen können auch leicht mit Endungen verwechselt werden, was wiederum die WorterkennungWort-erkennung erschwert. Denn, wie oben zu sehenSehen war und worauf schon bezüglich des Gebrauchs des ApostrophsApostroph bei fremdsprachlichen Termini hingewiesen wurde, wird die parafovealeparafoveal preview Worterkennung in der scriptio continuaSchriftscriptio continua vor allem durch Buchstabenkombinationen am Anfang und vor allem am Ende der Worte geleitet (s. o. 4.1).

ad b) Markierungen, die eine Bedeutung für die Syntax haben bzw. größere Texteinheiten strukturieren

In den frühen neutestamentlichen PapyriPapyrus finden sich verschiedene Merkmale, welche dazu dienen, die Texte zu strukturieren, wobei erstens kein einheitliches und durchgängiges System zu finden ist und zweitens der Textbestand bei zahlreichen Papyri zu fragmentarisch ist, um eine statistisch valide Aussage zu treffen.

WortzwischenräumeWort-zwischenraum (Spatien) und Interpunktion: Schon im mutmaßlich ältesten PapyrusPapyrus mit Texten aus dem NT, 52, finden sich Wortzwischenräume (ro., Z. 2: ουδενα|ινα; re., Z. 3 [ει]πεν|σημαινων; vs., Z. 2 [κοσ]μον|ινα), die L. Hurtado als „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ interpretiert, die Sinneinheiten voneinander abtrennten.61 Auch wenn er im Anschluss an ROBERTS, 1936, 226f, Parallelen anführt (P.Ryl. 3 458; P.Egerton 2), an denen Wortzwischenräume möglicherweise Sinnabschnitte markieren, so ist die Stichprobe in 52 zu gering und zu disparat, um sichere Schlussfolgerungen zu ziehen. So ist etwa der Abstand zwischen ουδενα und ινα genauso groß wie der Abstand zwischen dem ι- und den beiden darauffolgenden BuchstabenBuch-stabe -να innerhalb von ινα: ουδενα|ι|να. Zudem ist im Übergang von Joh 18,32Joh 18,32 f zu 33 gerade kein Wortzwischenraum zu erkennen, obwohl ein neuer Hauptsatz beginnt, der eine deutlichere Zäsur zum Ausdruck bringt als die von Hurtado angeführten Beispiele. Interessant sind sodann die markanten Wortzwischenräume vor Relativpronomina in 104 (II, ro 3.5), die als Hilfe für die WorterkennungWort-erkennung der „kleinen Worte“ gedacht gewesen sein könnten, die in der scriptio continuaSchriftscriptio continua tendenziell etwas schwieriger zu identifizieren gewesen sein müssen, da sie leicht mit Endungen verwechselt werden können.62 Dennoch bleibt das methodische Problem bestehen, das die Untersuchung aller Wortzwischenräume in den frühen Papyri betrifft – nämlich intentionale und versehentliche Wortzwischenräume v. a. angesichts der geringen Stichprobe sauber voneinander zu unterscheiden.63 Einige neutestamentliche Papyri mit größerem Textbestand bieten mehr MaterialMaterialität für die Analyse des Gebrauchs von Wortzwischenräumen, wobei weder die Forschungsdaten vollständigUmfangvollständig digital erschlossen sind noch eine systematisch vergleichende Untersuchung vorliegt. Einzelne Texte sind allerdings in letzter Zeit untersucht worden. So hat E. B. Ebojo die Wortzwischenräume im Hebräerbrief von 46 (P.Beatty 2/P. Mich. inv. 6238) systematisch untersucht.64 Er kommt zu dem Ergebnis, dass a) „space-intervals, enough for one or more letters, occur before (almost always) and after (always) a nomen sacrumnomina sacra“65, dass b) die meisten ZitateZitat aus dem ATAT/HB/LXX durch Wortzwischenräume markiert werden,66 und dass c) Wortzwischenräume die Funktion von Interpunktion übernehmen, um Sinneinheiten bzw. syntaktische Gefüge zu markieren.67 Daneben finden sich dann auch schon in den Papyri Belege für die (gelegentliche) Interpunktion mit Doppelpunkten oder Punkten, die entweder oben, in der Mitte oder unten gesetzt werden.68 Auch eine vergleichende Untersuchung, die versucht, Muster bzw. Funktion der Interpunktion in den frühen Papyri zu erschließen, ist m. W. ein Desiderat.

EkthesisEkthesis und ParagraphosParagraphos: Allein aus der einen Hs. ist der Befund eines nach links ausgerückten Alphas in Mt 26,31Mt 26,31 in 64 nicht eindeutig, den L. Hurtados als Ekthesis interpretiert.69 So ist zunächst fraglich, ob aus den vier erhaltenen Zeilen eines linken Randes eine solche Schlussfolgerung gezogen werden kann. Zudem gehört das ausgerückte Alpha zum dritten Wort der Sinneinheit und steht mitten im Satz. Dies merkt auch Hurtado und argumentiert, dass der Schreiber die erste volle Zeile des neuen Abschnitts markiert. Er selbst führt hierfür keine exakten Parallelbeispiele an,70 diese lassen sich aber beibringen. Ebenfalls zu fragmentarisch bleibt der Befund in 90.71 Eindeutig strukturierende Funktion haben mehrere Ektheseis aber in 4, 64/67 (ursprünglich vermutlich aus einem KodexKodex), wie S. Porter herausgearbeitet hat.72 Die strukturierende Funktion der Ektheseis zeigt sich darin, dass sie in den meisten Fällen durch eine Paragraphos (ein horizontaler Strich) ergänzt werden und an Textstellen stehen, die sich auf Grund von Textsignalen als Einschnitte interpretieren lassen (vgl. v. a. Lk 1,76Lk 1,76.80Lk 1,80; 2,1Lk 2,1; 3,18Lk 3,18 f.21Lk 3,21.23Lk 3,23; 5,36Lk 5,36; 6,1Lk 6,1.6Lk 6,6.12Lk 6,12; Mt 5,21Mt 5,21.27Mt 5,27; 26,31Mt 26,31). Besonders aufschlussreich sind die Ektheseis in Lk 1,76Lk 1,76 (f. 1vo, col. 1,9 f: και|συ) und 6,12Lk 6,12 (f. 4 vo, col. 2,9 f: ε̣[γ]ε̣-|ν̣ετ̣ο̣), da jeweils nicht der erste BuchstabeBuch-stabe ausgerückt wird, sondern analog zum Befund in 64 und 90 die erste volle Zeile des neuen Abschnitts, der zusätzlich durch eine Paragraphos markiert wird. Interessant ist zudem der Befund am Übergang von Mt 23,36 fMt 23,36 f in 77, wo in der Zeile vor dem Beginn von V. 37, in modernen Bibelausgaben überschrieben mit „Klage über Jerusalem“, fast eine gesamte Leerzeile Platz gelassen wurde; ob die Zeile darunter mit einer Ekthesis beginnt, ist aufgrund des fragmentarischen Charakters nicht mehr festzustellen.73 In 66 finden sich zahlreiche Abschnittsmarkierungen, wobei zumeist eine Ekthesis auf eine nicht voll ausgeschriebene Zeile folgt, die zumeist durch Interpunktionszeichen beendet wird (vgl. exemplarisch Joh 1,24Joh 1,24; 2,11Joh 2,11; 2,23Joh 2,23; 3,22Joh 3,22; 4,1Joh 4,1).74 Ein recht elaboriertes System der Textstrukturierung in thematisch zusammenhängenden Einheiten, angezeigt durch Ekthesis und/oder einen kleinen WortzwischenraumWort-zwischenraum vor dem ersten Wort der Zeile und/oder einer Paragraphos und mit erstaunlichen Übereinstimmungen zu späteren Kapitel- und Perikopeneinteilungen, findet sich in 75,75 dessen Aussagekraft als Zeuge aber wegen der neuen Datierungsdiskussion unter einem kleinen Vorbehalt stehen muss.76 Die Schlussfolgerung von C. H. Roberts,77 dass die Anfänge des in den großen MajuskelnMajuskel des 4./5. Jh. zu findenden Systems von Textstrukturierung,78 in das späte zweite Jh. zurückgeführt werden können, ist daher unsicher.

Zuletzt ist ferner noch darauf hinzuweisen, dass vermutlich durch das Wiederansetzen des Schreibrohrs visuellevisuell Strukturierungsmerkmale in den Texten vorhanden waren, die möglichweise durch den Produktions- oder Reproduktionsprozess in gewisser Weise syntaktische Strukturen visuell darstellbar machten.79 Sowohl beim DiktatDiktat als auch beim inneren Diktat ist es plausibel anzunehmen, dass das re-inking80 tendenziell eher an syntaktischen Einschnitten vorgenommen worden ist.

Die Art und Weise der Markierungen, wie in den neutestamentlichen PapyriPapyrus der Text (vorwiegend nach inhaltlichen Kriterien) strukturiert wird, unterscheidet sich eigentlich nicht von derjenigen, die in Papyri mit nicht-christlichen Texten aus derselben Zeit zu finden ist.81 Auch hier werden Texte mit Leerzeilen und/oder ParagraphoiParagraphos und/oder EktheseisEkthesis82 nach inhaltlichen Kriterien (in der Forschung zumeist als „Sinneinheiten“ o. ä. bezeichnet) strukturiert. Ferner finden sich auch Eistheseis (eingerückte Zeilen) als Strukturmarker in den Hss.Handschrift/Manuskript; so z.B. in einem Papyrus mit Fragmenten aus KallimachosKallimachos Aetia (P.Lille 76d; 3./2. Jh.), in dem ein Kommentar zum Text jeweils drei bis vier BuchstabenBuch-stabe eingerückt wird.83 Angesichts des Befundes insgesamt kommt S. A. Adams zu Recht zu der Schlussfolgerung: „Accordingly, the use of sense-unit divisions needs to be viewed as a scribal convention and part of a culturally conditioned writing practice.”84

Wichtig sind zuletzt noch einige Beobachtungen zum Gebrauch die ParagraphosParagraphos. So wird diese bei Mss. mit dramatischen Texten üblicherweise dazu verwendet, um einen Figurenwechsel anzuzeigen, wobei der Name der Figur zuweilen am Rand notiert wird.85 Aus meiner Sicht ist es wahrscheinlich, dass es sich bei den meisten Textexemplaren dramatischerDrama Texte nicht um Vorlesemanuskripte oder Gebrauchsmanuskripte für das TheaterTheater handelt, sondern um Texte für die individuelle Rezeption.86 Dafür spricht etwa, dass PapyriPapyrus mit Tragödientexten gefunden wurden, die musikalische NotationMusik enthalten – also tatsächlich für performative Zwecke konzipiert worden sind87 –, während andere in den Chor-Passagen den bloßen Text bieten.88 Auch bei dramatischen Texten, die sekundär auf die Rückseite von (meist dokumentarischen) Papyri geschriebenSchriftGeschriebenes worden sind, finden sich Paragraphoi;89 genauso wie bei solchen, die Scholien enthalten.90 Zudem werden auch in einem ManuskriptHandschrift/Manuskript mit Platons Phaidon, ein philosophischesPhilosophie Werk in Dialogform, Paragraphoi verwendet, um den Sprecherwechsel der erzählten Figuren zu kennzeichnen.91

Dass die ParagraphosParagraphos in antiken Hss.Handschrift/Manuskript insgesamt eher als inhaltlich ausgerichteter Strukturmarker verwendet wurde,92 denn als Vorlesehilfe diente, legt sodann die Verwendung in Kommentartexten,93 in medizinischenMedizin Fachtexten,94 in dokumentarischen, insbesondere listenartigen PapyriPapyrus und OstrakaOstraka,95 die wiederum eindeutig in einen nicht-performativen Verwendungszusammenhang gehören, sowie in Texten nahe, die aus schulischen Kontexten stammen.96 Zudem existieren Quellenbelege, in denen exakt die Verwendung als Strukturmarker reflektiert wird. So hat die Paragraphos bei Isokr.Isokrates or. 15,59 die Funktion, eine Stelle in einem ManuskriptHandschrift/Manuskript zu finden, von der an vorgelesen werden soll: ἀρξάμενος ἀπὸ τῆς παραγραφῆς ἀνάγνωθι τὰ περὶ τῆς ἡγεμονίας αὐτοῖς. Die These von W. A. Johnson, die Paragraphos habe in literarischen Prosatexten dazu gedient, das Vortragslesen zu unterstützen, indem er anzeigte, wo eine Pause zu machen sei, wäre hingegen neu zu diskutieren.97 Einerseits ist die methodische Validität seines praktischen Selbstversuchs hinterfragbar, andererseits kann er keine wirklichen Belege anführen und kommt zu seiner Schlussfolgerung durch die Vorannahme, dass man in der Antike generell lautLautstärkelaut gelesen hat.98

ad c) Paratextuelle Elemente

In den frühen PapyriPapyrus finden sich sodann auch schon paratextuelleParatext Elemente99 und solche Elemente, die lediglich visuellvisuell wahrgenommen und nicht lautlich realisiert werden können. Auch hier besteht wiederum das Problem, dass die meisten Papyri zu fragmentarisch sind, um Aussagen über die paratextuellen Elemente zu machen. Immerhin sind in 4,100 66101 und 75 TitelangabenTitel erhalten. In zahlreichen neutestamentlichen Papyri haben sich Reste der PaginierungPaginierung erhalten (u. a. 1, 38, 39, 45, 46, 66, 100, 106; vgl. auch MajuskelMajuskel 0189 [P.Berol. inv. 11765]. Titelangaben (als inscriptiones und subscriptionessubscriptio), Paginierung und sogar Verzierungen102 finden sich sodann in KodexKodex P.Bodm 7–8 (=72).10–12.13, der allerdings eine eigenwillige Neuzusammenstellung nicht nur neutestamentlicher Schriften bietet.103 Interessant ist der Kodex für das Thema dieser Studie aber wegen des verzierten Friedenswunsches für den Schreiber und den LeserLeser, der jeweils unter der subscriptio mit dem Titel geschriebenSchriftGeschriebenes wurde: ειρηνη τω γραψαντι και τω αναγινωσκοντι. Ob der Schreiber sich hier selbst Frieden wünscht, er den Wunsch aus seiner VorlageVorlage abschreibt oder an einen zukünftigen Schreiber denkt, braucht hier nicht entschieden zu werden.104 Aufschlussreich ist, dass der FriedenswunschFriedenswunsch nicht etwa die auch in christlichen Quellen verbreitete Fachbezeichnung für einen VorleserVorleser/SekretärSekretär ἀναγνώστηςἀναγνώστης verwendet, sondern das PartizipPartizip von ἀναγιγνώσκωἀναγιγνώσκω, das für gewöhnlich den (individuellen) RezipientenRezipient meint105

So gut wie alle neutestamentlichen griechischen Hss.Handschrift/Manuskript (und von Beginn der Überlieferung an auch die lateinischen Hss.; ferner auch die anderen Versionalhandschriften) weisen die bekannten und vor allem bezüglich ihrer Herkunft und Funktion viel diskutierten Nomina sacra auf.106 Bei den Nomina sacra handelt es sich um Kontraktionskürzungen einiger wichtiger Namen in den neutestamentlichen Schriften, die mit einem Strich über der Abkürzung graphisch markiert werden. Diese recht eigenwillige Form der Abkürzung kann weder aus dem Gebrauch des TetragrammsTetragramm abgeleitet werden noch steht sie in einem Zusammenhang mit der Ersparnis von Platz oder von Zeit beim SchreibenSchreiben. Die Form entspricht auch nicht den gängigen Abkürzungskonventionen in der Antike, die vorrangig durch Suspensionskürzungen geprägt waren, wobei unterschiedliche Formen der Markierung – selten auch ein Strich über der Abkürzung analog zu den Nomina sacra – verwendet wurden. Zudem ist ein höherer Standardisierungsgrad erkennbar, vergleicht man den Variantenreichtum der situationsbezogenen Abkürzungspraxis in der Antike.107 Innerhalb der Uneinheitlichkeit der Anzahl und Stringenz der Abkürzungen in den Hss. kann ein gemeinsamer Bestand von vier Wörtern extrapoliert werden (Θεός, Κύριος, Ἰησοῦς, Χριστός), die wohl in allen neutestamentlichen Hss. relativ regelmäßig kontrahiert werden (, jeweils im Genitiv usw.). Der Befund ist dahingehend klar, dass das System der Nomina sacra schon sehr früh aufgekommen sein muss, auch wenn die genaue Herkunft umstritten ist.108 Eine besondere Stellung unter den symbolischen Zeichen in den neutestamentlichen Hss. nimmt das sog. StaurogrammStaurogramm ein (), das ebenfalls früh bezeugt ist (in 45, 66, und 75, also spätestens für die erste Hälfte des 2. Jh.) und zu Beginn innerhalb der Nomen-sacrum-analogen Abkürzung des Substantives σταυρός (), ferner z. T. auch des Verbes σταυρόω (z.B. 75 42vo 25, Lk 24,7Lk 24,7 ) verwendet wurde.109

Gerade beim StaurogrammStaurogramm ist es sinnfällig, dass es sich dabei um ein ikonographischesLese-ikonographie Zeichen für die Kreuzigung handelt.110 Aber auch die Nomina sacra insgesamt sind Phänomene die nur visuellvisuell wahrgenommen werden können und es erschließt sich nicht, dass sie eine Funktion für ein vermeintliches „lautes“ VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt der neutestamentlichen Texte gehabt haben sollten. Eine solche These findet sich z.B. bei C. M. Tuckett, der – einer bestimmten Vorstellung der LesepraxisLese-praxis im frühen ChristentumChristentum in den Befund projizierend – formuliert: Nomina sacra „may have functioned primarily as reading aidsLese-hilfe (reading aid) to assist some who were perhaps not as proficient as others to read the text more easily.”111 Gerade angesichts der Schwierigkeiten des Lesens von scriptio continuaSchriftscriptio continua würden die Nomina sacra „key“ words herausheben: „the intent may been simply to enable the reader to get his/her bearings a little more easily when reading the text, to identify one or two key words in a passage and make the necessary mental adjustments (e.g. by fixing on at least one point where there was a word break) more easily.”112

Diese These ist nicht zuletzt deshalb fragwürdig, da sie Schwierigkeiten moderner LeserLeser mit der Entzifferung der scriptio continuaSchriftscriptio continua ins frühe ChristentumChristentum projiziert, die sich am Quellenbefund nicht belegen und sich aus Sicht der modernen LeseforschungLese-forschung nicht halten lassen (s. o.). Zudem würde die Auswahl der Wörter unter der Voraussetzung der These äußerst kontingent erschienen, da a) in unterschiedlichen Texten unterschiedliche „key“ words in Frage kämen und b) Namen, die Lesern, weil sie aus dem griechischen Endungssystem herausfallen, tatsächlich Schwierigkeiten bereiten haben, mit einem ApostrophApostroph markiert wurden, wie die Auswertung der hebräische Namen oben gezeigt hat. Hier wäre zu fragen, warum zwei unterschiedliche Markierungssysteme nebeneinander verwendet worden sind. Viel eher sind die Nomina sacra in einem weiteren Sinne einem Phänomen von Elementen in antiken Hss.Handschrift/Manuskript und InschriftenInschriften zuzuordnen, die bewusst für die visuellevisuell Wahrnehmung gestaltet worden sind und in der Forschung zum Lesen in der Antike als eigene Evidenz häufig unberücksichtigt bleibt. Hierzu gehören z.B. AkrostichaAkrostichon, BuchstabenBuch-stabe- und Alphabetspiele, PalindromePalindrom, das Phänomen der IsopsephieIsopsephie, Figurengedichte,113 ferner auch bildliche Darstellungen und kleinere Zeichnungen.114 Daraus folgt insgesamt: Durch die Nomina sacra bekommen die neutestamentlichen, aber auch andere frühchristliche Schriften einen unverwechselbaren „typographischen“ Charakter, in dem die christliche Identität zu Ausdruck kommt und durch den sie bis heute sehr einfach zu identifizieren sind.115

ad d) Die Breite der Kolumnen

Zuletzt ist noch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Breite der Kolumnen in antiken Hss.Handschrift/Manuskript und ihrer Verwendung zu besprechen. Diesbezüglich hat Johnson postuliert, die literarischen PapyriPapyrus der Kaiserzeit seien für performative Lesungen im Kontext von Veranstaltungen der sozialen ElitenElite konzipiert gewesen. Dabei rekurriert er insbesondere auf seine systematische Untersuchung des Befundes literarischer Papyri in Oxyrhynchos,116 den er auf der Grundlage kognitionspsychologischerKognitionswissenschaften Erwägungen, die er vor allem aus der oben besprochenen Untersuchung von P. Saenger übernimmt,117 folgendermaßen auswertet: Die durchschnittliche Breite literarischer Texte auf RollenRolle (scroll) war mit 15 bis 25 BuchstabenBuch-stabe so schmal gestaltet,

“that the whole line could be taken in by the parafovealparafoveal preview vision, and approximated the amount of text typically read by the eye ahead of the voice. The result was that the line beginnings themselves provided natural points for the ocular fixation, and the ‚decoding‘ of the letters could proceed regularly on a line-by-line basis.”118

Das Problem von Johnsons Argumentation ist hier weniger, dass die zugrunde liegenden Überlegungen P. Saengers auf überholten Forschungspositionen basieren (s. o.). Denn es geht ja hier weniger um die Frage der WorterkennungWort-erkennung in der scriptio continuaSchriftscriptio continua als um den Vorteil schmalerer Kolumnen für den Leseprozess, der – unabhängig von der Frage nach der lautlichen Realisierung – unbestritten ist.119 Das eigentliche Problem besteht darin, dass er die kognitionspsychologischen Vorteile, die für den Leseprozess aus den relativ schmalen Kolumnen erwachsen, ohne weitere Nachweise und Argumentation mit dem performativen VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt verknüpft. Eine solche Vereindeutigung ist aber auf der Grundlage des Befundes in den Hss.Handschrift/Manuskript (s. o.) nicht möglich und projiziert eine postulierte Form der LesepraxisLese-praxis in den Befund hinein. Noch viel schwerer wiegt allerdings, dass die kognitionspsychologischen Vorteile der kürzeren Kolumnen grundsätzlich für andere Modalitäten des Lesens genauso gelten. Dies hat L. Battezzato zuletzt überzeugend nachgewiesen – für die individuell-direkteLektüreindividuell-direkt Lektüre vielleicht sogar umso stärker. Zunächst bestätigt Battezzato anhand einer Auswertung stichometrischerStichometrie Daten den Befund Johnsons zu den durchschnittlichen Zeilenlängen und zeigt, dass ausgehend von einer älteren Praxis eine Entwicklung zu kürzeren Zeilen in der römischen Kaiserzeit feststellbar ist.120 Anhand antiker Referenzierungspraxis121 und von PapyriPapyrus, die eindeutig nicht für performative Lesezwecke geschriebenSchriftGeschriebenes worden sind, zeigt er dann aber, dass die relativ schmalen Kolumnen auch für eine Form des fast reading/scanning, also für diskontinuierlichKontinuitätdiskontinuierlich-selektiveUmfangselektiv Zugriffe, also informationsentnehmendes, individuell-konsultierendes Lesen konzipiert sind.

Battezzato verweist auf P.Berol. inv. 9782, einen Kommentar zu Platons Theaitetos aus dem 2. Jh., der in schmalen Kolumnen (Ø 15 BuchstabenBuch-stabe) geschriebenSchriftGeschriebenes ist, in dem die ZitateZitat aus dem zu kommentierenden Text graphisch (DipleDiple und ParagraphoiParagraphos) klar gekennzeichnet sind und das sogar Zeichnungen enthält (P. H ro col. 2). Zudem verweist er auf P.Oxy. 47 3329, ein Fragment des Lexikons von Diogenianos, und auf P.Ant. 1 28, der Fragmente medizinischerMedizin Schriften von Hippokrates enthält.122 Ergänzen könnte man z.B. noch P.Oxy. 15 1809 (Ø 19 Buchstaben), ein Fragment, das um 100 entstanden ist und umfangreiche Marginalscholien zu Plat.Platon Phaid. 102e enthält, also definitiv als Arbeitsmanuskript verwendet wurde und vermutlich sogar ursprünglich als ein Arbeitsexemplar konzipiert worden ist, worauf die schmalen Kolumnen und der großzügige Platz um den Text herum sprechen.

Dass relativ schmale Zeilen und die oben diskutierten sog. „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ nicht in einem besonderen Interdependenzverhältnis zu performativen LesepraktikenLese-praxis stehen, wird sodann deutlich, betrachtet man die distinkten Merkmale derjenigen überlieferten Hss.Handschrift/Manuskript, die eindeutig performativen Zusammenhängen zugeordnet werden können.

1) Einen expliziten Gegenbeleg finden wir in einem BriefBrief von CiceroCicero, Marcus Tullius an Atticus, der letzteren dazu auffordert, sein mit Überarbeitungen und KorrekturenKorrektur (s. auch Evaluation) versehenen Entwurf (ἀρχέτυπον) für eine recitatiorecitatio (s. auch Publikation/Veröffentlichung) im Kontext eines Symposiums in macrocollum zu übertragen (vgl. Cic. Att. 16,5(3),1), wobei es sich um ein Papyrusblatt handelt, das sich durch eine besondere Breite auszeichnete.123 Hier wird also eindeutig ein ManuskriptHandschrift/Manuskript beschrieben, das für das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt gedacht war und mutmaßlich breite Kolumnen aufwies. Schon oben habe ich auf eine Hss.Handschrift/Manuskript mit einer Chorstelle aus dem Orestes von Euripides verwiesen, die NotationenNoten für die musikalische Aufführung enthält.124 Es ist nun aufschlussreich, dass eben dieser berühmte PapyrusPapyrus Vindob. G. 2315 (um 200 v. Chr.) deutlich mehr Zeichen pro Zeile enthielt (vermutlich zwischen 25–30) und die Kolumnen mit rekonstruierbaren 15,5 cm deutlich breiter angelegt sind als die Kolumnen in den vermeintlichen Vorlesemanuskripten. Auch andere Papyri mit musikalischer NotationMusik weisen deutlich breitere Kolumnen auf als bloße Textmanuskripte.125 Dieser Befund ist zwar nicht neu, aber nur wenn man a priori davon ausgeht, dass die Textmanuskripte mit den kürzeren Kolumnen für performative Leseanlässe gestaltet waren, erscheint diese Diskrepanz besonders erklärungsbedürftig. So erübrigt sich insbesondere die widersprüchliche Interpretation von W. A. Johnson, der die schmalen Kolumnen in Hss. mit Prosatexten als kognitivkognitiv vorteilhaft für den VorleserVorleser interpretiert (s. o.), zugleich aber auch die breiteren Kolumnen in den Papyri mit musikalischer NotationNoten als kognitiv vorteilhaft für die Musiker erklären muss.126 Demgegenüber vermutet etwa L. Battezzato, dass der Vorteil der breiteren Kolumnen insbesondere darin bestand, bei der Aufführung häufige Zeilen- und (noch entscheidender) Kolumnensprünge zu vermeiden.127

2) Sekundäre Markierungen durch Benutzer von Hss.Handschrift/Manuskript zeigen, dass Texte für den Vortrag präpariert wurden und die o. g. Merkmale als „LesehilfenLese-hilfe (reading aid)“ anscheinend nicht suffizient waren.128 Eindeutig sekundär (andere Tinte) sind z.B. die Markierungen in 46 (P.Beatty 2/P. Mich. inv. 6238), die nicht als AkzenteAkzent fungieren.129 Vielmehr handelt es sich um relativ regelmäßig gesetzte, vergleichsweise dicke und recht kurze Striche, die in einem relativ flachen Winkel von etwa 30° von links unten nach rechts oben verlaufen und über den Buchstabenlücken zwischen zwei Worten positioniert worden sind. Es liegt nicht nahe, diese sekundären Eintragungen als von einem Schreiber obligatorisch gesetzte Leseakzente zu beschreiben, die Stellen markieren, „wo ein LeserLeser bzw. ein VorleserVorleser kurz innehalten könnte“.130 Wahrscheinlicher ist m. E., dass es sich bei den Markierungen um die Eintragung eines Benutzers handelt, der das ManuskriptHandschrift/Manuskript für den Vortrag präpariert hat. Dafür spricht z.B., dass nur einzelne Briefe bzw. Briefpassagen markiert sind,131 die Markierungen, wenn sie gesetzt sind, in relativ regelmäßigen Abständen auftreten und weitgehend syntaktischen und inhaltlichen Gesichtspunkten folgen,132 also potentiell Stellen markieren, an denen verstehensfördernde PausenLese-pausen/-unterbrechung gemacht werden können bzw. an denen Luft geholt werden kann. Sehr ähnliche Markierungen finden sich darüber hinaus in 45, und zwar nur in Mk und ActAct, nicht aber in LkLk und JohJoh. Dieses Faktum als Beleg für die ursprünglich „westliche“ Reihenfolge der EvangelienEvangelium (Mt, Joh, Lk, Mk) heranzuziehen, wie T. C. Skeat es tut,133 ist fragwürdig und projiziert ein nicht weiter belegtes, lineares Bearbeitungsverfahren in den Befund hinein.134 Wahrscheinlicher ist angesichts des analogen Befundes in 46 die Annahme, dass ein Leser lediglich die Texte präpariert hat, die er vorlesen wollte.135 Ebenfalls sekundäre Markierungen finden sich in 37, die sich aber wegen des fragmentarischen Zustands der Hs. nicht systematisch auswerten lassen,136 aber häufig am Ende von Phrasen stehen oder im Kontext wörtlicher Rede auftreten, was zumindest auf Vorlesehilfen hindeutet. Ferner finden sich analoge sekundäre Markierungen lt. H. A. Sanders auch in 13 (P.Oxy. 4 657), in 17 (P.Oxy. 8 1078) und im LXXAT/HB/LXX-PapyrusPapyrus 967 (Rahlfs; P.Beatty 7 9–10; P.Köln Theol. 3ff.).137

Die durchschnittliche Buchstabenzahl von ca. 27–32 BuchstabenBuch-stabe pro Zeile in 46 und im Schnitt ca. 45–50 Buchstaben pro Zeile in 45 übersteigt im Übrigen deutlich die von Johnson angegebenen Werte von 15 bis 25 Buchstaben für literarische Texte, die s. E. auf das VorlesenRezeptionkollektiv-indirekt optimal zugeschnitten wäre (s. o.). Der Befund in 46 und noch mehr in 45, deren Kolumnenbreite eher den PapyriPapyrus mit musikalischer NotationNoten entspricht, spricht daher zusätzlich gegen diese Annahme.

Aus dem Befund von sekundären Markierungen durch LeserLeser in den besprochenen Hss.Handschrift/Manuskript ist auch nicht zu schließen, dass die meisten performersBiblical Performance Criticism keine Markierungen eingetragen hätten.138 Dies setzt wiederum a priori voraus, dass die erhaltenen Manuskripte grundsätzlich für gottesdienstlicheGottesdienst bzw. performative Lesungen gedacht gewesen sind.

Es ist festzuhalten: Nur wenige der erhaltenen Hss.Handschrift/Manuskript gehören eindeutig in einen performativen Zusammenhang. Viele der diskutierten Indizien deuten sogar darauf hin, dass ein Großteil der frühen Hss. eher für die individuelle, primär visuellvisuell konzipierte Lektüre verwendet wurden.139 Damit stehen insgesamt auch viele der Kriterien zur Disposition, nach denen S. D. Charlesworth die neutestamentlichen PapyriPapyrus in privateÖffentlichkeitnicht-öffentlich/privat und offizielle unterteilt.140 Offen bleibt jedoch, inwiefern der regional auf Ägypten beschränkte Befund, zeitlich auf das 1. Jh. und die erste Hälfte des 2. Jh. übertragen werden kann (also auf die Autographen bzw. auf frühe Sammlungen/EditionenEdition) und ob daraus Schlussfolgerungen über den Charakter und das Aussehen der Hss. gemacht werden können, die in den Zentren der östlichen und westlichen Mittelmeerwelt (insbesondere Rom und Ephesus) entstanden und gelesen worden sind. Immerhin stammen die Papyri ja aus den trockenen Gebieten des ägyptischen Hinterlandes und schon die Frage des Zusammenhangs zu Alexandria ist nicht einfach zu beantworten.

In jedem Fall problematisch erscheint es mir allerdings, davon auszugehen, dass die Autographen bzw. die Hss.Handschrift/Manuskript des „AusgangstextesAusgangstext“ bzw. früher Sammlungen oder EditionenEdition in „reiner“ scriptio continuaSchriftscriptio continua geschriebenSchriftGeschriebenes waren.141 Muss man nicht vor dem Hintergrund antiker Schreiberpraxis und dem Hss.-Befund in seiner ganzen Breite insgesamt davon ausgehen, dass auch diese Hss. ein gewisses Maß an Strukturmarkern, diakritischenDiakritika Zeichen o. ä. aufwiesen? Allerdings ist die Form dieser Manuskripte mit großer Sicherheit nicht mehr rekonstruierbar, da die Schreibgewohnheiten von Paulus bzw. eines „Paulussekretärs“, der VerfasserAutor/Verfasser der EvangelienEvangelium, von den Verfassern der zahlreichen PseudepigraphenPseudepigraphie, aber auch von mutmaßlichen Redaktoren usw. nicht mehr zu erheben sind und der Befund in den neutestamentlichen Hss. zu heterogen ist, um daraus sichere Schlussfolgerungen zu ziehen.

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