Kitabı oku: «Femina erecta»
Table of Contents
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
I DER PERSISCHE BLICK CAFÉ AGORA MAUD-LAND IHRE STOLZESTE STUNDE
II MEIN SCHIFF FRÜHLING IM OKTOBER DIE HARPUNE UND DER SPEER ES BEGAB SICH ABER ZU DER ZEIT BLUE NORWEGIAN DIE LANGE HEIMREISE DAS GROSSE ROTE EIN GURU IN DER NORWEGISCHEN EINÖDE NORWEGISCHER SPRENGSTOFF DER GROSSE BOHRE
III LAILA OF NORWAY PROTEUS STAAT ÖL DAS WEISSE ALBUM DIE UNSICHTBARE HAND DAS NORWEGISCHE THEATER DIE KUNST, NIEMALS ZU STERBEN
Leseproben Jan Kjaerstad - Berge Jan Kjaerstad - Der König von Europa Jan Kjaerstad - Das Norman-Areal Jan Kjaerstad - Ich bin die Walker Brüder
Originaltitel: Jan Kjærstad, Slekters gang
© 2015 H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS, Oslo, Norway
Die Veröffentlichung dieser Übersetzung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von NORLA, Norwegian Literature Abroad
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-79-8
© 2020, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat der Übersetzung: Daniela Syczek
Endlektorat: Urban Diskum
Umschlag und Satz: Jürgen Schütz
Umschlagbild: Jürgen Schütz nach Gustav Vigeland
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-92-2
www.septime-verlag.at
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Jan Kjærstad
zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Norwegens. Der 1953 in Oslo geborene Schriftsteller studierte Theologie, war Pastor und Jazzpianist, später Redakteur der norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Er lebt in Oslo.
Jan Kjærstad ist einer der bedeutendsten skandinavischen Schriftsteller der Gegenwart. Der Träger der wichtigsten literarischen Auszeichnung Skandinaviens, des »Literaturpreises des Nordischen Rates« zeichnet sich durch ein umfassendes Werk aus. Unter seinen Publikationen finden sich Essays, Kurzgeschichten, Artikel sowie Bilder- und Kinderbücher. Außerdem war er Herausgeber der wichtigen norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Berühmtheit erlangte Jan Kjærstad jedoch durch seine Romane, von denen seit 1982 zwölf erschienen sind. Seine Bücher sind vor allem eines: großartige Literatur. Und spannend. Wie in einem Krimi wird man durch Erzählungen geleitet, die einen immer auf das große Ziel hinzuführen – zu der Antwort auf die einfache Frage: Warum? Die Ausgangssituationen sind dabei genauso mannigfaltig wie die überwachsenen Denkpfade, die uns Jan Kjærstad dabei literarisch freischlägt.
Auch wenn sich der Autor dem Begriff der Postmoderne verwehrt, so ist er brandaktuell in seinen Themen und virtuos in den Spielarten seiner Romane. Jan Bürger meinte dazu 2004 in Literaturen: »Im Laufe der Jahre hat sich Kjærstad Formen erschrieben, in denen die unterschiedlichsten Themen und Stilebenen wie Zahnräder ineinandergreifen.«
2013 erschien im Septime Verlag der Roman Ich bin die Walker Brüder, 2016 Der König von Europa, ein Jahr danach Das Norman-Areal.
2019, Norwegen ist zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, erscheint sein neuster Roman Berge.
Klappentext
Oslo 1940 – am Vorabend der Deutschen Invasion in Norwegen. Der Beginn einer Familiensaga, deren treibende Kräfte sechs Frauen sind. Im Mittelpunkt stehen Rita Bohre und ihr Lebenswerk Femina erecta. Es handelt von der aufgerichteten Frau. Von Frauen, die immer aufs Neue aufstehen müssen.
Agnes tritt eine Pilgerreise an. Rita führt Gespräche mit Fridtjof Nansen in seinem Turm in der Villa Polhøgda. Maud segelt auf einem Floß den Kongo-Fluss stromabwärts. Bjørg schreibt Gedichte in der psychiatrischen Klinik Gaustad. Laila arbeitet als Kabinenmädchen auf der MS Bergensfjord. Ingri wird die jüngste Ministerin in der Regierung.
Etwa 2000 Jahre sind vergangen, und wir befinden uns in der Chinesischen Föderation. Durch eine gewaltige Katastrophe vor 1000 Jahren wurden alle gespeicherten Daten und Informationen vernichtet, doch weil Mitglieder der Long-Dynastie in vielen zentralen Positionen sitzen und diese Norwegen als ihre ursprüngliche Heimat betrachten, wurde eine von drei Frauen geleitete Gruppe mit der Aufgabe betraut, von den norwegischen Ahnen der Long-Dynastie zu erzählen, d. h. über das Geschlecht der Bohre aus der Zeit vor der ersten Emigrationswelle nach China.
Jan Kjærstad zählt seit 40 Jahren zu den wichtigsten literarischen Stimmen Norwegens.
Jan Kjærstad
Femina erecta
oder Der Pfad der Geschlechter
Roman | Septime Verlag
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
Norwegen war ein Land am äußersten Rand jenes Kontinents, der Europa genannt wurde. Wer je die Halbinsel im Nordwesten Slawiens aus der Luft gesehen hat, wird sich gewiss schwer vorstellen können, dass diese Wildnis einst bevölkert war, dass es hier Städte gab sowie eine funktionierende Infrastruktur. Auf seinem Höhepunkt als Nation im 21. Jahrhundert soll das Land rund sieben Millionen Einwohner gezählt haben. Wir wissen nicht exakt, von wie vielen »Norwegerinnen und Norwegern« oder deren Nachfahren diese Landschaft heute bewohnt wird, jedoch können es kaum mehr als einige wenige Tausend sein. Sie werden als »der norwegische Stamm« bezeichnet, der sich zum Teil aus Krämerbarbaren zusammensetzt, die an der Randzone jener großen Einöde umherstreifen, die wir als Forum Europeum kennen, zum Teil aus Gruppen, deren Beschäftigung darin besteht, tagsüber die Erde zu durchwühlen und abends Kartoffelschnaps zu trinken.
Dass »Norwegen«, genauer gesagt das Norwegen des 20. Jahrhunderts, dennoch als ein kleines, aber spannendes und anregendes Forschungsfeld angesehen werden kann, ist auf das Geschlecht der Bohre und dessen Verbindung zur Entstehung der Long-Dynastie zurückzuführen, und da die Long-Dynastie Norwegen als ihre ursprüngliche Heimat, ihre wōmen guójiā, betrachtet, mag dieses Land auch für alle anderen Angehörigen der Chinesischen Föderation von Interesse sein.
Was die Kenntnisse über dieses geografische Gebiet in jener fernen Epoche anbelangt, tappte man lange im Dunkeln. Grund dafür war der Zusammenbruch der westlichen Zivilisation: Auf den Siebzigjährigen Krieg im 22. Jahrhundert folgte die Dunkelzeit, jene lange Phase des Verfalls, die im Punkt Y ihr Ende fand. Zu ein und derselben Zeit erreichte eine Reihe von Bedrohungen, von denen die Regierungskräfte geglaubt hatten, sie hätten sie unter Kontrolle, ihren kritischen Punkt – die Erde wurde von Überbevölkerung, Klimaverschlechterung, Nahrungsmittelmangel, Finanzchaos und Krieg heimgesucht (einem Krieg, in dem Bomben zum Einsatz kamen, welche die früheren Atomsprengköpfe wie konventionelle Waffen aussehen ließen), wobei schließlich auch Viren und Unfruchtbarkeit zu dieser Entwicklung beitrugen. Der drohende Untergang der Menschheit war nicht auf ein einzelnes Unglück zurückzuführen, sondern auf die Kombination aus diesen. Nach Eintritt dieser Katastrophe – die das Ende des Holozäns, ja, der ganzen Quartärzeit markiert – waren die meisten, um nicht zu sagen alle, Informationen vernichtet. Obwohl man an dem naiven Glauben festhielt, die vielen, tief in den Gewölben, Gebirgen und Gletschern angelegten Speicher und Archive seien auf ewig gesichert, war das kollektive Gedächtnis sozusagen gelöscht.
Auch unser eigener Kontinent – der asiatische – wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Nach den lang anhaltenden globalen Kriegen des 22. Jahrhunderts kam es zum Zerfall der als China bezeichneten Nation, und es folgte eine Phase, die an die Zeit der Streitenden Reiche aus alten Tagen erinnerte. Erst im Fahrwasser von Punkt Y und der Massenausrottung, nachdem die Chinesische Föderation sich etablieren hatte können und die Hauptstadt aus dem Perlflussdelta in die historischen Gefilde um Chang’an verlegt worden war, entwickelte sich erneut ein Bedürfnis nach Erzählungen aus der Vergangenheit, einschließlich jener über unsere Wurzeln im Westen.
Trotz des Informationsverlustes ist es Forschenden mit Hilfe aller erdenklichen Methoden gelungen, nach und nach einiges an verloren Geglaubtem aus der Zeit vor Punkt Y wiederzufinden, während von anderen wiederum der Versuch unternommen wurde, diese Informationen, oder Informationsbruchstücke, zu größeren Darstellungen zusammenzufügen. Aufgrund des gesteigerten Interesses an der Vorgeschichte der Long-Dynastie und ihren norwegischen Ahnen ist es kaum verwunderlich, dass dem Thema »Norwegen und das Geschlecht der Bohre« ein natürlicher Platz in diesen Bemühungen zufiel. Nach allem, was wir glauben, trat das Geschlecht der Long in der schweren Epoche nach dem Siebzigjährigen Krieg in Erscheinung, konsolidierte sich, wurde eine Gegenkraft. Wahrscheinlich geschah es auch zu jener Zeit, in den Ruinen des damaligen China, dass die Ansätze der Bohre-Geschichten Gestalt annahmen. Wie wir es uns vorstellen, wurden diese Geschichten von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Menschen und vielleicht nur über eine begrenzte Anzahl an Generationen – die sich über 400–500 Jahre erstreckten – immer weitererzählt und zogen deshalb eine so breite Wirkung in der Zuhörerschaft nach sich, weil in dieser verwirrenden Übergangsphase ein großes Bedürfnis nach Berichten dieser Art herrschte. Wie die meisten vertreten wir die Theorie, dass diese Erzählungen bei der Entwicklung eine Rolle gespielt und auf irgendeine Art dazu beigetragen haben müssen, das Überleben der Longs zu sichern und ihre weitere Umgestaltung zu einer einflussreichen Dynastie zu ermöglichen, eine wichtige Voraussetzung dafür, dass im Anschluss an Punkt Y die Chinesische Föderation das Licht der Welt erblicken konnte.
Eine eingehende Betrachtung der Geschichte des Bohre-Geschlechts in dem entscheidenden Jahrhundert vor der Emigration ihrer ersten Mitglieder nach China ist auch deshalb von besonderer Relevanz, weil wir wissen, welche Rolle die Long-Dynastie über mehr als tausend Jahre für die Stabilität und die Überlebensfähigkeit der Föderation gespielt hat, und uns zudem bekannt ist, dass die Dynastie, nicht zuletzt durch ihre weiblichen Repräsentantinnen, auch heute noch in so vielen zentralen politischen, ökonomischen und kulturellen Positionen vertreten ist.
Unsere Methode ist die fiktionalisierte Geschichte, die in gewissem Maße als Weiterführung der klassischen xiāoshuō-Tradition betrachtet werden kann und Elemente beinhaltet, die der eher erkenntnisorientierten gùshi wén entnommen sind. Im Unterschied zur früheren Fachliteratur, die zur Ergebnisvermittlung der Geschichtsforschung herangezogen wurde, bedient die fiktionalisierte Geschichte sich des Einfühlungsvermögens. Zu einem großen Teil bauen wir auf den sogenannten Roman, ein Genre, das im 19., 20. und 21. Jahrhundert seine Hochblüte feierte. Nach dieser langen Blütezeit unterlagen diese Berichte jedoch immer mehr dem Zwang, sich nach kommerziellem Gewinn zu orientieren, was wiederum ein Hinüberkippen in emotionale Übertreibung und eine Zementierung unfruchtbarer Gebräuche bewirkte, wodurch sich der Roman, sowohl als Unterhaltungs- wie auch als Erkenntnisformat, am Ende selbst unterminierte. Als Folge dessen wurde ein knochentrockener Dokumentarismus betrieben, nebst verschiedenen kurzen, narzisstischen Hybriden, die durch die neuen Medien entstanden. Dann trat die Katastrophe ein und setzte dem allen ein Ende.
Die Erzählform, die nunmehr in der fiktionalisierten Geschichte einen Wiederbelebungsversuch erfährt, lag demnach über viele Jahrhunderte brach, und es ist wahrscheinlich, dass einzelne ihrer Bausteine nicht länger anwendbar sein werden, wie etwa das sehr begrenzte Verständnis von Kausalität, das sich auf einer vergangenen Wissenschaft, nicht zuletzt einer Psychologie gründete, die sich zur damaligen Zeit noch immer in einer spekulativen, nahezu religiösen Phase befand. Heutzutage wäre es naheliegender, die Erkenntnisse der Metagenetik zu nutzen, beispielsweise »die Diagonalwirkung« oder »den narrativen Ballast«. Mehr als das alte Genre ist fiktionalisierte Geschichte auf das Mitdichten ausgerichtet, auf eine reale, von den Leserinnen und Lesern geleistete Denkarbeit, oder anders ausgedrückt: darauf, dass der Reflektion ebenso viel Raum zugemessen wird wie der Empfindung. Ziel ist es, größere zusammenhängende Bögen zu spannen bei etwas, das bis dahin lediglich aus Fragmenten bestand – sowohl aus solchen Fragmenten, die zeitlich weit voneinander entfernt liegen, als auch solchen, die den Anschein erwecken, inhaltlich wenig miteinander zu tun zu haben. Der Grund, weshalb die Fakultät sich dazu entschlossen hat, so viele Ressourcen darauf zu verwenden, die alte Tradition in modifizierter Form wiederzubeleben, besteht darin, neu aufleben zu lassen, was nach Punkt Y auf Antrieb von Repräsentanten der Long-Dynastie wiederentdeckt wurde und als die unschätzbare Funktion des Erzählens für das menschliche Leben bezeichnet werden kann: das qì des Erzählens. Fiktionalisierte Geschichte gründet sich auf der Überzeugung, dass den Erzählungen, in ihren besten Ausprägungen, etwas Unersetzbares innewohnt: Eine Kraft zu erklären, was anders nicht verstanden werden kann. So gesehen hat der Bericht über das Geschlecht der Bohre auch mit dem Bildungsgedanken zu tun, der stets ein Träger der chinesischen Kultur war.
Die N20-Archive enthalten eine Reihe mehr oder weniger zuverlässiger Quellen. Einige davon haben in der frühen Version der Ōuzhōu-Gruppe Verwendung gefunden und waren eine wertvolle Inspiration. Zusätzlich konnten wir auf einem neuen Fund aufbauen, der kurzen, aber bedeutenden Chronik von »Little Green«. Wie es üblicherweise bei der »organischen Methode« gehandhabt wird, haben wir von der Fakultät eine Einschätzung vornehmen lassen bezüglich der Frage, inwieweit der bereits vorliegende erste Teil als Kern für eine Fortsetzung unserer Erzählung dienen könne, sowohl über Ereignisse, die zeitlich davor liegen, als auch über solche, die danach stattfanden, und nach erfolgter Genehmigung durchlief der nächste Erzählteil denselben Prozess.
Unsere Hauptaufgabe bestand aus zwei Aspekten: Zum einen war es uns ein Anliegen, eine Korrektur des Berichts der Ōuzhōu-Gruppe vorzunehmen. Aus unserer Sicht sind die Personen aus dem Geschlecht der Bohre als weitaus interessanter einzustufen als früher angenommen. Zum anderen möchten wir einigen vorteilhaften Wesenszügen, Anlagen und Eigenschaften nachspüren, die wir bei vielen repräsentativen Gestalten der Long-Dynastie wiederfinden – Qualitäten, die von den Bohre nicht durch Gene weitergegeben wurden, sondern durch Erzählungen. Diese »emblematischen Geschichten« wurden in der ersten, kritischen Phase der Dynastie so oft erzählt, dass dadurch die Nachkommen geprägt wurden – vergleichbar dem Begriff des »narrativen Ballasts«.
Wir sind drei Frauen, die das neue Team leiten, das von der Fakultät die Nuówēi-Gruppe genannt wird, und wir gestehen ohne zu zögern, nie zuvor hat eine Forschungsarbeit uns ein solches Vergnügen bereitet wie die hier vorliegende. Das Material erwies sich als überraschend reichhaltig, und besonders die weiblichen Mitglieder der Bohre-Familie bargen Geschichten, die viele jener Eigenheiten beleuchten, die wir bei den ersten zentralen Gestalten der Long-Dynastie wiederfinden.
Außerdem möchten wir hinzufügen, dass wir noch ein untergeordnetes Ziel verfolgten: ein wenig von dem kleinen, merkwürdigen Land Norwegen – von vor über zweitausend Jahren – wiederzuerschaffen, von einem Volk, von dem wenige heute überhaupt etwas wissen, und von einer Zeit, die unserer eigenen sowohl ähnlich als auch sehr unähnlich ist. In diesem Zusammenhang werden wir auch andeuten, was die Ursachen dafür gewesen sein mochten, weshalb Norwegen als Nation dem Verfall erlag und am Ende völlig ausgelöscht wurde.
An Xue, Cui Xiaofen und Zong Meifeng
Weinan Y-1040
I
DER PERSISCHE BLICK
Selbstverständlich haben wir auch andere Anfänge in Erwägung gezogen, aber wir beginnen hier, bei der geselligen Zusammenkunft, die sich zu einen Punkt hin entwickelte, an dem Rita Bohre die Lust überkam, das Toledo-Schwert von seinem Platz über dem Kamin herunterzuholen – nicht weil sie jemanden damit erstechen wollte, sondern weil die männlichen Gäste sich wie kleine Jungen benahmen und die Breitseite der Klinge sich dazu verwenden ließe, ihnen gründlich den Hintern zu versohlen.
Eigentlich hatte alles ganz gut begonnen. Sie hatte die Blumen selbst gekauft. In früheren Jahren hatte sie zur Vorbereitung dieser vielgepriesenen Abende Hilfe angeheuert, doch dieses Jahr waren sie nur wenige – allerdings wurde ja auch kein runder Geburtstag gefeiert. Sie hatte Dagny dafür gewinnen können, ihr zur Hand zu gehen, und sie wollte dieselben Gerichte servieren wie immer, ein Ritual; alle wussten, was auf dem Speiseplan stand. Die Hälfte der Tulpen arrangierte sie in einer Kristallvase in der Tischmitte. Sie hatte die Blumen in Vika gekauft, sie hatte sowieso in die Stadt fahren müssen, da sie hier draußen bei weitem nicht alles bekam, was sie brauchte. Es war schon seltsam, wenn man sich vorstellte, dass Tulpenzwiebeln von ungeheurem Wert waren, als sie das erste Mal nach Nordeuropa kamen. Und jetzt, an einem Apriltag 1940, ging man einfach in einen Laden und suchte sich so viele aus, wie man haben wollte, ohne dass sie allzu viel kosteten.
Die Zeit.
Früher an diesem Tag, auf dem Nachhauseweg, war sie aus dem Zug gestiegen und langsam den Bahnsteig entlangspaziert, hätte bald dem Stationsgebäude zugenickt wie einem alten Freund, einem, mit dem man Erinnerungen teilt. Sie hatte viele prangende Bahnhofsgebäude in ganz Europa gesehen, war einmal sogar an der Endstation des Orient-Express am Bahnhof Sirkeci in Istanbul ausgestiegen – er sah aus wie eine prächtige Moschee –, doch kein Bahnhof war ihr so lieb wie dieser, an der Stadtgrenze beim Fluss, der in einen der vielen kleinen Fjordarme mündete.
Die Blumenschachtel in der einen Hand, die Einkaufstasche in der anderen, hatte sie den Jahr für Jahr stärker befahrenen Drammensveien überquert, die kleine Gruppe von Läden hinter sich gelassen und war in die ruhigen, schmalen Straßen gelangt, die sich den Höhenzug zwischen dem Fjord und Fornebulandet bergauf schlängelten. In der Stadt lag kaum noch Schnee, hier draußen dagegen schon, im Schatten größere Verwehungen. In einem Garten hatten zwei Jungen kleine Schneemänner in Reih und Glied aufgestellt, die sie jetzt umzuschießen versuchten. »Dein Oberst ist gefallen!«, hörte sie. Jungen und Krieg. Warum dachten sich Mädchen nie so ein Spiel aus? Sie lächelte und ging weiter die Anhöhe hinauf, erfreute sich an dem lauten Vogelgezwitscher ihres Einkaufsköfferchens, schnupperte in die Luft und gewahrte den Duft des Frühlings. Sie war in dieser Landschaft aufgewachsen, kannte jeden Fels, jeden Baum, jeden Torpfosten, wusste, wer in den dahinter liegenden Häusern wohnte oder gewohnt hatte, Geschäftsleute, Reeder, hohe Beamte, Künstler, Akademiker – und über ihnen allen ihr König, Fridtjof Nansen, am Hang auf der anderen Seite. Viele stattliche Häuser standen hier, nicht zuletzt die weiße Festung des Schiffsreeders Klaveness ganz oben auf dem Gipfel, sie sah das jetzt deutlicher als in ihrer Kindheit, denn damals hatte sie nie daran gezweifelt, dass sie selbst in der märchenhaftesten aller Villen in Lysaker wohnte, zumindest in Lagåsen, wie ihre Gegend mit der Zeit genannt wurde. Dass sie hier wohnen durfte, hatte sie ihren Großeltern zu verdanken, dem Großvater und seinem Vermögen, der Großmutter und ihrem ausgefallenen Geschmack.
Wie wir es uns vorstellen, oder zumindest vorzustellen versuchen, wäre es nicht undenkbar, wenn Rita Bohre einen Augenblick in der Auffahrt innegehalten hätte, um sich an dem Anblick der gemauerten Villa zu ergötzen, nur knapp unterhalb des Gipfels gelegen und geradezu hineingegraben in den Berg an einer Stelle, an der die Neigung etwas schwächer ausgeprägt war, der langgestreckte Garten jedoch in einen Steilhang, fast eine Schlucht auslief. Für Rita war dieses Haus schon immer ein Kunstwerk. »Palladio«, hatte die Großmutter gesagt, die sich mit Architektur auskannte zu einer Zeit, da wenige Frauen sich damit auskannten oder sich überhaupt auskennen wollten. »Villa Barbaro«, hatte die Großmutter gesagt. Rita dachte, dass Thea Bohre wohl erst im Nachhinein von diesen berühmten Villen erfahren hatte, und obschon die Villa Bohre klassizistische Züge aufwies, womöglich sogar von dem Renaissancearchitekten Palladio inspiriert war, konnte die erwachsene Rita auf den Bildern, die sie von der Villa nördlich von Venedig sah, keine allzu große Ähnlichkeit erkennen – sofern sich darin nicht ein Protest gegen den nationalromantischen, mit dem Amtsrichterstil vermischten Drachenstil ausdrückte, der damals um sich griff und nach und nach viele der in der Nachbarschaft errichteten Häuser prägte. Zudem besaß die Villa Bohre zwei niedrige Flügel, die symmetrisch beidseits der zweistöckigen Mitte herausragten. Wodurch sich das Anwesen aber am meisten von einer italienischen Prachtvilla unterschied, war der Charakter des Gartens, ein geordnetes Gestrüpp, dazu die Obst- und die hohen Laubbäume mit der riesigen, pyramidenförmigen Eiche wie ein Hofbaum in der Mitte. Und vor allen Dingen: dass man nicht über weite, urbar gemachte Felder hinwegblickte, sondern über einen graublauen Fjord. »Das ist Norwegen«, soll die Großmutter, als sie bereits einige Jahre hier wohnten, eines sonnenflirrenden Maitags gesagt haben. »Einen Fjord sehen durch blühende Apfelbäume.«
Für Rita war es ein kurzer Weg gewesen zu dem Haus, in dem Erik Werenskiold in seinem Atelier gestanden und genau diese Aussicht gemalt hatte, ein kurzer Weg zum Hause Polhøgda, in dessen Turm ein melancholischer Fridtjof Nansen gesessen war.
Jetzt waren beide tot.
Die Zeit.
In diesem Jahr, 1940, fiel Ritas Geburtstag, der 6. April, auf einen Samstag. Rita hatte es immer zu schätzen gewusst, Anfang April geboren zu sein, weil die Jahreszeit einen erbaulichen Rahmen um die Feier herum bildete. Dieses Jahr aber, besonders in den letzten Tagen, war eine Unruhe in ihr eingezogen. Es war, als hätte sie eine leichte Erschütterung im Boden wahrgenommen. Denn die Geschichte regte sich. Irgendetwas, das spürte sie, würde geschehen. Etwas, was das kleine Norwegen noch nie erlebt hatte. Ein unüberschaubares, weltumspannendes Drama, in das die Menschen in Norwegen, auf ganz andere Weise als jemals zuvor, verwickelt werden könnten.
Trotz ihrer Besorgnis hatte sie beschlossen, positiv zu bleiben, und vielleicht war das der Grund, weshalb sie sich schon während der letzten Vorbereitungen ein Glas Sherry genehmigte; sie trank sonst selten, sie hatte nicht vor, zu enden wie ihre Mutter, die ihre letzten Jahre hinter einem Schleier aus Portwein zugebracht hatte, Portwein, den sie zur Tarnung aus einer Teetasse trank. Aber der Sherry tat gut. Sie schenkte sich noch ein halbes Glas ein und erkannte gleichzeitig, dass sich hinter ihrer Unruhe noch eine andere Art Nervosität verbarg. Die Befürchtung, den Anforderungen nicht zu genügen. Warum? Sie war 44. Sie hatte Erstaunliches geleistet. Sie hatte, als eine von wenigen Frauen, eine feste Anstellung an der Universität. Sie hatte drei wundervolle Kinder. Ein Haus, um das die Leute sie beneideten. Keinen Mann, aber trotzdem. Woher diese Aufgewühltheit? Diese plötzliche Unsicherheit?
Die Gäste standen im Wohnzimmer und unterhielten sich vor den großen Fenstern, die auf den Fjord hinausgingen. Die Herren im Smoking, die Damen in langen Kleidern. Rita genoss den Anblick. Wie ein Zeichen von Zivilisation, passend zu den vier Säulen vor der Giebelwand draußen. Nachdem sich der Neon-Kreis aufgelöst hatte, war es ihr Traum gewesen, einen Salon ins Leben zu rufen, eine erlesene Auswahl an Menschen in ihr geräumiges Wohnzimmer zu laden, zu stimulierenden Gesprächen, Lesungen, Konzerten zu ermuntern. Daraus war nie etwas geworden, sofern denn nicht dies, ihr Geburtstag, einmal im Jahr ihren Salon darstellte.
Auch die Gäste bekamen Sherry. Auf diese Weise konnte sie gut einige der vielen Flaschen loswerden, die ihre Mutter ihr im Keller hinterlassen hatte. Zwei Gruppen hatten sich gebildet. Ihre beiden Jungs und Maud, die zwei Herren und Ragnhild. Rita betrachtete sie, während sie die beiden Wasserkaraffen auf den Tisch stellte und die Kerzen anzündete. Die Rotweinflaschen für den Hauptgang standen geöffnet auf der alten Anrichte aus Walnussholz. Ihre Söhne Sigurd und Harald sahen auf einmal so erwachsen aus, und das war nicht allein auf ihre Kleidung zurückzuführen. Sie waren erwachsen. Und genauso blond wie ihr Vater. Arisch, wie ein Deutscher gesagt hätte. Wie oft war sie in Verzweiflung geraten über all die Lausbübereien, die sie als Kinder angestellt hatten, die unerledigten Hausaufgaben, das gefährliche Klettern auf hohe Bäume, die brutalen Schneeballschlachten im Winter, die halsbrecherischen Schlittenfahrten auf der Korketrekkeren-Rodelbahn. Und jetzt sieh sie dir an! Eine Augenweide. So verändert. Sie hatte den letzten Roman des jungen Grieg nicht gelesen, aber der Titel, entlehnt von Henrik Wergeland, gefiel ihr: Jung noch muss die Welt sein. Sigrid Undset lag falsch mit ihrer Behauptung, dass der Menschen Herzen sich nicht veränderten. Alles, auch die Spezies Homo sapiens, der hart geprüfte Mensch, befand sich in einer Entwicklung.
Hinter alldem jedoch: der Stein, der ihr im Magen lag. Die Zeitungen schrieben von Meeren voller Kriegsschiffe. Manche meinten, Norwegen könnte von einer Invasion heimgesucht werden.
Bjørg, ihre Tochter, fand stets eine Ausrede, um sich vor solchen Anlässen aus dem Staub zu machen. Sicher war sie bei Esther, ihrer zurückhaltenden und rätselhaften Freundin. Rita hoffte, ihre Tochter würde noch auftauchen. Wenigstens ein bisschen Klavier könnte sie doch für sie spielen, irgendetwas Erbauliches, Bach vielleicht, eine der Englischen Suiten, eine von denen, die nicht in Moll geschrieben waren; keine Tischgesellschaft, keine Unterhaltung konnte einen besseren Auftakt erfahren als durch Johann Sebastian Bachs Klänge, ein Hinweis darauf, wie weit es der Mensch mit seinem Ideenreichtum, seiner Schöpferkraft zu bringen vermochte. Das durfte man nie aus den Augen verlieren, ganz gleich wie düster die Aussichten standen: die JSB-Korrektion.
Ja. Sie brauchte Trost. Wie sie so dastand und vom Esszimmer aus die Gäste beobachtete, traf es sie wie ein Schlag. Denn da war auch noch etwas anderes. Seit sie den Ablehnungsbescheid für die Stelle bekommen hatte, auf die sie sich beworben hatte, war sie betrübt, eine Stelle, von der sie immer geträumt hatte. Ein Schlag. Und sie hatte nicht mit Wut reagiert, sondern mit Trauer. Hatte sich eingesperrt. Es war gut, wieder Menschen um sich zu haben. Die Familie. Freunde.
Rita ließ den Blick auf der attraktiven Frau ruhen, die von ihren beiden Söhnen flankiert wurde, während Maud, die junge Dame, ständig einen Schritt zurücktrat, wie um sich Raum zum Luftholen zu verschaffen. Schwarzes Haar. Aber mit einem rötlichen Schimmer. Einer Glut. »Eine gemeinsame Freundin« nannten die beiden sie. Blasse Haut und hohe Wangenknochen. Grünes Kleid. Ein Blickfang, kein Zweifel. Eine Frau, wie sie Werenskiold gerne gemalt hätte. Konnten zwei Jungs und ein Mädchen Freunde sein? Nur Freunde? Aber hatte Rita nicht vor Jahren etwas Ähnliches erlebt, mit Konrad und Max? Trotzdem ein Anblick, der sie stutzig machte, Sigurd und Harald mit umeinandergeschlungenen Armen. Das taten sie sonst nie. Es war, als stünden sie auf einer Bühne und versuchten, zwei Brüder zu spielen, die beste Freunde waren.
Wie lief es mit der Suppe? Sie war in der Küche und erteilte Dagny Anweisungen, diesem gesegneten Menschen, einer Helferin in all den Jahren, seit Rita allein war. Hummer. Was für ein Duft. Sud aus Meeresfrüchten und Obers. Sie hatte überlegt, ein paar Flaschen Rheinwein zu öffnen, aber es sollte beim Sherry bleiben zur Suppe. Rheinwein konnte in diesen Zeiten falsche Signale aussenden. Sie wollte neutral bleiben. Wie Norwegen. Es sollte ein netter Abend werden. Ohne Minenauslegung, gleich welcher Art. Das hatte sie lange entbehrt. Eine Dosis elementaren Umgangs mit Menschen. Gebildete Konversation. Geschliffene Worte.
Mehr erhoffte sie sich gar nicht.
Wieder im Wohnzimmer, nahm sie ihr Glas und näherte sich der Gruppe um die zwei Herren. Albert, ihr Bruder, der so viele Wale geschossen hatte, oder schießen hatte lassen, dass es ihm fürstlichen Reichtum eingebracht hatte und einen Wohnpalast in Sandefjord. Und Max, der kleine Maximilian. Sie hatte einen stechenden Groll verspürt, als Albert ihr mitgeteilt hatte, er werde seinen Freund mitbringen, sie hätte Max niemals eingeladen, dachte jetzt aber, dass es trotzdem schön war, ihn in ihrem Wohnzimmer zu sehen. Eine Ehefrau hatte er sich nicht gefunden, dafür allerdings hatte er bereits einen Professorentitel in der Tasche – schon als Junge hatte er sich auf die Kunst verstanden, die günstigsten Positionen für seine Schachfiguren zu finden. Wer hätte das vermutet, als er in kurzen Hosen herumgelaufen war und Steine nach ihr geworfen hatte? Und dort, ein wenig unpässlich, stand ihre Nichte Ragnhild, die Rita so gern mochte und die sie vor ein paar Jahren auf ihre Reise nach Østerdalen und Rondane mitgenommen hatte. Das Ebenbild ihres Bruders, jedoch mit einer Warmherzigkeit, die ihm abging. Es überraschte nicht, dass sie vorhatte, sich als Krankenschwester ausbilden zu lassen.