Kitabı oku: «Mr. Woolf»
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Lieferbare Titel von Jan Kjaerstad
Titelseite
Buchanfang I II III IV V
Quellennachweis
Originaltitel: Jan Kjærstad, Mr. Woolf
© 2019, Jan Kjærstad
First published by H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS
Published in agreement with Oslo Literary Agency
Die Veröffentlichung dieser Übersetzung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von NORLA, Norwegian Literature Abroad.
© 2022, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-90-3
Lektorat: Teresa Profanter
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: © iStock – pavliha
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-99120-008-6
www.septime-verlag.at
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Jan Kjærstad
zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Norwegens. Der 1953 in Oslo geborene Schriftsteller studierte Theologie, war Pastor und Jazzpianist, später Redakteur der norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Er lebt in Oslo. Jan Kjærstad ist einer der bedeutendsten skandinavischen Schriftsteller der Gegenwart. Der Träger der wichtigsten literarischen Auszeichnung Skandinaviens, des »Literaturpreises des Nordischen Rates« zeichnet sich durch ein umfassendes Werk aus. Unter seinen Publikationen finden sich Essays, Kurzgeschichten, Artikel sowie Bilder- und Kinderbücher. Außerdem war er Herausgeber der wichtigen norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Berühmtheit erlangte Jan Kjærstad jedoch durch seine Romane, von denen seit 1982 zwölf erschienen sind. Seine Bücher sind vor allem eines: großartige Literatur. Und spannend. Wie in einem Krimi wird man durch Erzählungen geleitet, die einen immer auf das große Ziel hinzuführen – zu der Antwort auf die einfache Frage: Warum? Die Ausgangssituationen sind dabei genauso mannigfaltig wie die überwachsenen Denkpfade, die uns Jan Kjærstad dabei literarisch freischlägt. Auch wenn sich der Autor dem Begriff der Postmoderne verwehrt, so ist er brandaktuell in seinen Themen und virtuos in den Spielarten seiner Romane. Jan Bürger meinte dazu 2004 in Literaturen: »Im Laufe der Jahre hat sich Kjærstad Formen erschrieben, in denen die unterschiedlichsten Themen und Stilebenen wie Zahnräder ineinandergreifen.«
Klappentext:
Wie entsteht eine Idee, die für die gesamte Menschheit von Bedeutung ist?
Eines Tages trifft William Abelson sich mit seinem Vater zum Lunch. William besitzt zwar einen Doktortitel in Physik, doch sein Leben hat einen Riss bekommen, er arbeitet seit mehreren Jahren als Barista in einem trendigen Café. Sein Vater ist der Betreiber des Spielwarenladens »Stjerneplassen Leker«, und William glaubt, es handle sich um ein gewöhnliches Mittagessen, bei dem sein Vater ihm von seinen finanziellen Sorgen berichtet. Doch der Vater hat etwas anderes auf dem Herzen: Elizabeth, Williams Schwester, ist verschwunden. Der Vater glaubt, es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Dass sie in Gefahr ist. William erhält den Auftrag, nach Hongkong zu reisen, wo seine Schwester sich aller Wahrscheinlichkeit nach aufhält.
Wie schwierig kann das schon sein?, denkt William. Ich brauche bloß meine Schwester zu finden und sie nach Hause zurückzubringen. Am Flughafen in Hongkong erwartet ihn eine Überraschung: William wird mit einem Rolls-Royce abgeholt und ins Peninsula, eines der luxuriösesten Hotels der Stadt, gefahren. Völlig unvorbereitet macht er in den nächsten Tagen Bekanntschaft mit Menschen und einem Milieu, das alles auf den Kopf stellt und ihn auf die Fährte verblüffender Erkenntnisse führt.
Mr. Woolf ist ein Loblied auf alle durchschnittlichen Väter, die vielleicht gar nicht so durchschnittlich sind wie gedacht.
Jan Kjærstad zählt seit 40 Jahren zu den wichtigsten literarischen Stimmen Norwegens.
Lieferbare Titel von Jan Kjærstad
Folgende Titel sind bereits erschienen und lieferbar
Ich bin die Walker Brüder
Roman, 2013
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
656 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-902711-11-3
Der König von Europa
Roman, 2016
Aus dem Norwegischen von Alexander Riha
688 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-902711-49-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-42-2
Das Norman-Areal
Roman, 2017
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
456 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-65-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-54-5
Berge
Roman, 2019
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
504 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-84-7
ISBN Ebook: 978-3-903061-71-2
Femina erecta
Roman, 2020
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
832 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-92-2
ISBN Ebook: 978-3-903061-79-8
Mr. Woolf
Roman, 2022
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
832 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-99120-008-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-90-3
Jan Kjærstad
Mr. Woolf
Roman | Septime Verlag
Für Leif Kjærstad (1919–2018)
»Man«, I cried, »how ignorant art thou in thy pride of wisdom!«
MARY WOLLSTONECRAFT SHELLEY,
Frankenstein; or, The Modern Prometheus
Go, go, go, said the bird; human kind
Cannot bear very much reality.
T.S. ELIOT, Four Quartets
I
Da bist du ja. Ich darf doch Nina sagen? Ich weiß nicht, ob ich mich auf diese Gespräche freue oder mir davor graut, aber willkommen – ich bin geneigt zu sagen: Willkommen im Herzen Europas.
Stimmt, ja, aber auf der Landkarte sieht es zumindest so aus. Vielleicht befinden wir uns in Wirklichkeit irgendwo ganz weit draußen. Bestimmt fühle ich mich deshalb so wohl hier, die Stadt vermittelt mir immer ein Gefühl für den Doppelcharakter des Lebens.
Ich dachte mir, wir könnten uns ins Wohnzimmer setzen, mit Aussicht auf den Mont Blanc. Wenn du dort Platz nehmen würdest … Perfekt. Möchtest du eine Tasse Kaffee? Oder Tee?
Gut, dann warten wir noch damit. Leg deine Sachen einfach hier auf den Tisch, wir wollen gleich loslegen, ich bin ungeduldig, ich habe viel zu erzählen, und ich muss mit meinem Vater beginnen, schließlich und endlich habe ich ihm wohl alles zu verdanken … Sieh mich nicht so an, du verstehst das falsch. Natürlich wird vielen, die eine Biografie schreiben, der Puls hochschnellen nach so einer Andeutung, das ist mir klar – ich fürchte, was du jetzt vor dir siehst, sind ein paar heftige, gut verkäufliche Szenen, die von Alkoholismus, von Prügel, von Psychoterror und noch Schlimmerem handeln, doch wenn ich sage, alles hat mit meinem Vater begonnen, geht es dabei um andere Dinge, denn vieles wurde erst in Bewegung gesetzt an dem Tag, als er mich zum Mittagessen einlud und mich mit jenem Auftrag betraute, der mich aus meinem Dämmerzustand herausreißen sollte … Nun ja, zu der Zeit war mir noch nicht klar, dass es ein—
Selbstverständlich habe ich das Manuskript gelesen, sonst wüsste ich ja nicht, was ich dir erzählen soll. Mit wenigen Ausnahmen habe ich keine Einwände gegen das, was du geschrieben hast, du hast hervorragende Arbeit geleistet, Nina. Hut ab. Wirklich. Aber etwas fehlt. Ausgerechnet das Wichtigste fehlt, und deshalb habe ich auch, nach langem Hin und Her, einem Treffen mit dir zugestimmt.
Mit dem, was du in deiner E-Mail schreibst, bin ich übrigens einverstanden, keine Bange, du brauchst dich nicht zu entschuldigen für die konventionellen Tricks, ich weiß, dass der Verlag … wenn schon keinen Pageturner, dann zumindest gern etwas leicht Lesbares, Mitreißendes hätte. Andererseits ist die Sache doch – wie es auch über die Liebe heißt – kompliziert. Die Kausalkette, die sich hinter meiner, wie du es nennst, »kopernikanischen Entdeckung« verbirgt, ist ungeheuer vielschichtig; ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich sein wird, sie aufzuspüren.
Ich bin mir nicht sicher. Ich gebe zu, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht sollte ich Stillschweigen bewahren. Ich fürchte, was ich erzählen werde, wird bloß Verwirrung stiften. Wo habe ich meinen Bleistift hingelegt?
Ja, du hast recht. Das wirst du selbst beurteilen, ich werde es deine Sorge sein lassen. Schön gesagt. Es wäre ja auch zu dumm, wenn du umsonst angereist wärst.
Versuchen wir’s. Versuchen wir es, Nina. Und dann sehen wir ja, wie weit wir heute kommen. Ich schätze, es wird dich überraschen, dass das Abelson-Modell, das uns, mit deinen eigenen Worten, »einen flüchtigen Einblick in die Dunkle Materie gewährt«, an einem Ort mit so viel Licht und Wärme entstanden ist.
Dann brauchen wir wohl nur noch dieses Ding da zum Laufen zu bringen.
Oh, es ist schon an. Uff. Ich hoffe, du findest es nicht erschreckend, dass ich mich nicht einmal mit so einfachen Dingen auskenne.
Also, begonnen hat es im Mai 2017, und zwar mit meinem Vater, er rief mich an und sagte, wir müssten uns treffen, das heißt, er fragte, ob ich im Dovrehallen mit ihm Mittagessen wolle – du weißt schon, dieses Kaffeehaus vom alten Schlag, das in unvordenklichen Zeiten in der Storgata lag und das, wenn man einen Blick in die Annalen wirft, eine sagenumwobene Geschichte vorzuweisen hat.
Generell glaube ich, dass die Orte wichtig sind in dieser Geschichte, genau wie der hier, ein Wohnzimmer, von dem aus wir den Mont Blanc sehen können, dieses weiße Dreieck in der Ferne, das mitunter wie ein Guckloch wirkt in etwas anderes, Unbekanntes … Ich will versuchen, nicht abzuschweifen, werde mich aber bei manchen Orten sicher ein wenig länger aufhalten. Warst du schon einmal im Dovrehallen? Manchmal denke ich, dass das Gespräch mit meinem Vater mich irgendwie ins Auge geritzt hat und ich danach angefangen habe, scheel zu sehen, oder wie immer ich es ausdrücken soll. Ein Gedanke, den ich nicht als etwas Negatives auffasse, wie Ibsen uns wohl glauben lassen will, denn ohne diesen Ritz wäre ich vermutlich nie bis zu dieser Idee vorgedrungen, die mich ihrerseits auf das Podium des Stockholmer Konzerthauses und vor den schwedischen König geführt hat.
Natürlich habe ich meinem Vater zugesagt, ich habe oft mit ihm im Dovrehallen zu Mittag gegessen, ich hatte nämlich etwas, was nur wenige haben, Nina, ich hatte ein normales Verhältnis zu meinem Vater. Ich habe ihn nicht bewundert, ihn aber geliebt, ich liebte ihn aus dem einfachen Grund, weil er mir eine glückliche Kindheit beschert hat. Sollte man mehr von einem Vater erwarten? Nun, diese Diskussion wollen wir hier nicht führen … Ich glaubte, es würde ein ganz normales Essen werden, bei dem mein Vater mir eine seiner kleineren Sorgen offenbaren würde – etwa eine Lieferverzögerung bei einer großen Bestellung der neuesten Barbiepuppen –, doch es entwickelte sich zu einem äußerst eigenartigen Treffen, wahrscheinlich erinnere ich mich deshalb an so viele Einzelheiten davon, sogar an den genauen Wortlaut, mit Tonfall und Pausen.
Wir nahmen nicht in einer der Nischen weiter hinten in dem halbdunklen Lokal Platz, sondern an einem Fenstertisch – ich glaube, Vater wollte sehen, ob Kunden ins Geschäft kamen, das schräg gegenüber lag und das er, wenn er sich nach vorn beugte, im Auge behalten konnte. Im Kaffeehaus war noch immer der Geruch nach Zigarettenrauch wahrzunehmen, der sich über mehrere Jahrzehnte eingebrannt hatte, und an einem Tisch mitten im Raum saßen drei Männer, die schon jetzt, zur Mittagszeit, auffallend heiter wirkten.
Obwohl er sie auswendig kannte, studierte Vater die Speisekarte immer sehr genau, las oder murmelte die Namen der Gerichte halblaut vor sich hin, so als plagten ihn plötzlich große Zweifel – weil sich eines köstlicher anhörte als das andere. Gratinierte Zwiebelsuppe? Mmh, sagte er. Oder soll ich ein Spanisches Omelett nehmen? Vielleicht Beef Tatar. Er schnalzte mit der Zunge.
Ich verstand nicht, was dieses Getue sollte. Kannst du dir nicht ausnahmsweise ein Wiener Schnitzel gönnen?, fragte ich. Rentier-Frikadellen hören sich auch gut an. Oder warum nicht bei der Spezialität des Hauses zuschlagen, Beef Spezial?
Das sagte ich, um ihn zu provozieren. Seit ich erwachsen war, hielt ich meinen Vater für ein bisschen geizig. Immer warf er einen verstohlenen Blick auf die Preise rechts auf der Karte, obwohl er auch die auswendig kannte.
Eigentlich dachte ich ja, dass er es sich einfach nicht leisten konnte. Weder meiner großen Schwester Liz noch mir hatte es in unserer Kindheit und Jugend an etwas gefehlt, aber ich hatte den Verdacht, dass er selbst sich deshalb nie etwas gönnte, weil er finanziell am Abgrund stand. Er hatte keine hohen Ansprüche, er konnte sich einen ganzen Sommer lang von seinem Lieblingsgericht ernähren, Frühkartoffeln mit Butter und ein wenig Räucherschinken. Bekam er dazu noch Zuckererbsen, fühlte er sich wie im Himmel.
Vater lächelte nur. Es wird wohl ein Frikadellen-Sandwich mit Spiegelei, sagte er, als die Kellnerin kam. Und ein Glas Wasser. Er nahm immer das Gleiche, ich weiß nicht, ob es daran lag, dass es nicht viel kostete, oder ob ihm Frikadellen mit Spiegelei wirklich nie zum Hals heraushingen. Das verständige Nicken, das die Kellnerin ihm schenkte, erweckte in mir den Eindruck, dass sie mir zu Ehren ein kleines Schauspiel veranstalteten – und er normalerweise, wenn er allein herkam, der Kellnerin nur ein kurzes Zeichen zu geben brauchte, die dann, wenige Minuten später, sein übliches Sandwich vor ihn hinstellte.
Ich nehme das Gleiche, sagte ich, wie um mich solidarisch zu zeigen oder eine Symmetrie herzustellen. Ich hatte Lust auf ein Glas Bier, hielt mich aber zurück. Vater verzichtete immer. Er wollte nicht nach Bier riechen, wenn er später noch Kunden bediente.
Es kommt durchaus vor, dass ich mir einmal ein Shrimps-Sandwich bestelle, sagte er, wie um mein Bild einer ungebrochenen Routine zu zerstören. Kurzes Lächeln. Es war warm im Lokal, und Vater zog sich die Jacke aus, saß da im weißen Hemd, perlweiß, wie er sagte, die Ärmel hochgekrempelt – wie um zu demonstrieren, dass er anzupacken bereit war. Er trug immerzu weiße Hemden, jeden Tag ein frisch gewaschenes, perlweißes Hemd, wie ein Börsenmakler oder ein Konzernchef.
Wie läuft’s?, fragte ich und nickte in Richtung des Ladens.
Oh, wie immer, sagte er. Nicht gerade viel los, jetzt Anfang Mai.
Also war es nicht das, worüber er mit mir reden wollte.
Aber diese Fidget Spinner waren ein phänomenaler Erfolg, sagte er. Ich habe lang kein so eigenartiges Spielzeug mehr gesehen. Sie sind überall ausverkauft, aber ich habe fünfmal so viel bestellt wie alle anderen. Ich verkaufe täglich Hunderte davon, die Leute kommen aus ganz Østlandet. Gestern haben sich zwei Kunden gegenseitig für das letzte Exemplar in einem speziellen Rotton überboten, wie in einem türkischen Bazar! Er lachte.
Die Sandwiches wurden serviert, und sofort machte Vater sich über seines her, laut schmatzend, die Augen vor Genuss geschlossen. Ich beneidete ihn um die Fähigkeit, dieser Art Speise eine solche Wertschätzung entgegenzubringen. Und es gefiel mir, hier zu sitzen, die ganze Szenerie, sein weißes Hemd, das Braun der Einrichtung, der gelbe Eidotter, die Tomatenschiffchen und das Salatblatt, das einsam und verlassen daneben lag. Es hatte etwas … Reales an sich.
Früher haben wir »Patentsmørbrød« zu diesem Sandwich gesagt, erklärte Vater. Das hatte er mir schon mehrmals erzählt. Mir gefällt das Wort, sagte er. Als könnten einem beim Essen Ideen zu neuen Erfindungen kommen. Einfache Dinge, die trotzdem so genial sind, dass sie mit einem Patent geschützt werden müssen. Er lachte, verschluckte sich an einem Bissen, räusperte sich, lachte wieder. Wie steht’s mit dieser jungen Frau, die du kennengelernt hast?, fragte er.
Du meinst Oriana, sagte ich. Ich zeigte ihm die Uhr, die ich von ihr bekommen hatte.
Wie hübsch, sagte Vater. Viel schöner als meine. Er zeigte mir die verbeulte Armbanduhr, die er seit seiner Konfirmation trug. Dann muss es wohl was Ernstes sein, fügte er hinzu.
Wir sind nicht zusammen, sagte ich.
Er nickte, leicht enttäuscht oder als verstünde er, fragte auch nicht weiter nach, er wollte eindeutig nicht über solche Dinge reden.
Irgendetwas war anders als sonst. Was genau, hätte ich nicht sagen können. Schweigend aßen wir weiter. Aus irgendeinem Grund schmeckte mir das Sandwich, die Frikadelle hatte ausnahmsweise nichts Gummiartiges an sich. Ich fragte ihn, ob ich mir ein Glas Bier bestellen dürfe. Er nickte, ohne Missbilligung. Irgendwas braut sich da zusammen, dachte ich im selben Moment, als das Glas vor mir abgestellt wurde.
Auch Vater wirkte überrascht, wie gut das Essen schmeckte, und das, obwohl er es schon Hunderte Male gegessen haben musste. Er sah traurig aus, als er das letzte Stück Brot mit der Gabel aufspießte und die Reste des Eidotters damit auftunkte. Er steckte es sich in den Mund und schloss die Augen. Mmh.
Er legte das Besteck zur Seite, richtete den Blick auf mich. Jetzt kommt es, dachte ich.
Es gibt da etwas, worüber ich mit dir reden muss, sagte er, während er mit dem Finger einen Krümel vom Teller aufpickte und lange an ihm herumkaute, als wäre es ein ganzer Mundvoll. Normalerweise drückte er sich nie so aus, er sprach generell eher wenig. Eigentlich war mein Vater ein Meister darin, die Dinge durch verschiedene Arten des Schweigens zu sagen. Es ist ein Problem aufgetreten, sagte er. Mein erster Gedanke war, dass der Laden in Konkurs gegangen war.
*
Nein. Absolut nicht. Du darfst dich nicht täuschen lassen von der Art meines Erzählens, Nina. Ich bin mittlerweile daran gewöhnt und versuche, mich in das Erzählte hineinzuversetzen, auch zur besseren Erinnerung; oft sage ich mir, dass ich kein Physiker bin, sondern Barde … Bevor ich aber verrate, was mein Vater sagte und was diese Ereignisse ins Rollen brachte, muss ich von seinem Laden erzählen, denn manchmal denke ich – wo wir ja gerade von Orten gesprochen haben –, dieses Geschäftslokal voller Spielzeug muss der wichtigste Raum in meinem Leben gewesen sein; obwohl du es in deinem Manuskript nebenbei erwähnt hast, kommt es doch nicht klar genug heraus, du müsstest dem Aspekt mehr Platz einräumen, auch mit einem Bild dazu, denn zumindest in der Geschichte, die ich erzählen will, der Geschichte, die in deiner Biografie fehlt und die in meinen Augen als eigentliche Voraussetzung für meine »Leistung« anzusehen ist, ist Spielwaren Stjerneplassen eines der maßgeblichsten Elemente.
Nun, der Laden lag in der Storgata, und wenn es mir erlaubt ist, eine von Oslos Straßen als die Straße zu küren, dann wäre es nicht die hochgejubelte, seelenlose Karl Johans gate oder eine von diesen schicken Straßen wie die Bygdøy allé oder der Bogstadveien oder so Hipsterstraßen wie der Markveien – nein, es wäre die gute alte Storgata, der mittlerweile ein wenig verkommene Verkehrsweg, der sich von der Nybrua und dem Fluss Akerselva zum Gebäude des Automobil-Verbands und der Kirkeristen-Markthalle erstreckt und wo haufenweise Namen zu finden sind, mit denen alle in Oslo etwas verbinden. Nehmen wir nur das Warenhaus Gunerius, eine Zierde bei seiner Eröffnung, oder das medizinische Herz der Stadt, das, wie alle wissen, weder das Krankenhaus Ullevål noch das Aker ist, sondern die immerzu dienstbereite Ärzteambulanz. Vielleicht hast du selbst ja vom Strøget gehört oder von der Bella Napoli, vom Cordial, ganz zu schweigen von Hornaas Musikladen, wo Liz ihre Protestsong-Gitarre gekauft hat – so, jetzt solltest du mich aber stoppen, ich könnte noch stundenlang über die Storgata reden. Auch zu Weihnachten, fand ich, hob sie sich immer vorteilhaft von den anderen ab, und mit seinen Dekorationen und Schaufensterauslagen, die im November und Dezember besonders kunstvoll gestaltet waren, trug mein Vater entschieden dazu bei, das Niveau zu heben. Manchmal bekam er dabei Hilfe von Liz, die sich als kaufmännisches Genie entpuppte.
Es hat mir immer gefallen, dass Vater seinen Laden nicht einfach Spielwaren Abelson getauft hat, sondern sich einen anderen Namen für ihn ausdachte. Das Geschäft lag an der Kreuzung, wo die Pløens gate herunterführt und auf der anderen Seite die Skippergata und die Nygata heraufkommen. Vielen ist gar nicht bewusst, dass der Platz seinen Namen vielleicht wegen dieser Straßen bekommen hat, die in alle Richtungen wegführen, wie ein Stern: Stjerneplassen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Storgata lagen wunderschön symmetrisch die zwei runden, funktionalistischen Eckgebäude, entworfen von dem nicht unbedeutenden Architekten Ole Sverre, beide gekrönt mit einem kupferverkleideten Helmdach. Ich war immer stolz darauf, dass Vater seinen Laden an diesem spannenden Platz hatte, fast Wand an Wand mit dem eindrucksvollen Volkstheater, der Opern-Passage und so weiter; den vielen Expeditionen, die man von hier aus antreten konnte, waren sozusagen keine Grenzen gesetzt – obendrein fuhren pausenlos Straßenbahnen vorbei, die einen jederzeit schnell bis an den Stadtrand bringen konnten. Doch für viele Kinder in Oslo war der Platz vielmehr ein Ziel als ein Ausgangspunkt, für sie waren weder das Theater noch McDonald’s die herausragendste Attraktion, sondern Spielwaren Stjerneplassen.
Es war kein großer Laden. Das Geschäftslokal war schmal, dafür erstreckte es sich weit nach hinten, und durch die fünf breiten Treppenstufen in der Mitte entstanden gewissermaßen zwei Ebenen. Weil der Laden also eher klein war, wurde jeder Quadratzentimeter genutzt, und weil es überall in Hülle und Fülle Spielwaren gab, fast bis unters Dach, herrschte eine Atmosphäre wie in einer Schatzhöhle – als ich noch klein war, musste ich immer an Aladdin und Ali Baba denken –, zugleich aber hatte das Geschäft auch etwas Lauschiges an sich, man bekam Lust dortzubleiben, es sich gemütlich zu machen; oft, konnte ich sehen, hatten die Eltern Schwierigkeiten, ihre Kinder wieder hinauszubekommen, das heißt, die Eltern hatten gar nichts dagegen, den Aufenthalt etwas länger zu gestalten; ich glaube, viele Erwachsene kehrten deshalb immer wieder zu Spielwaren Stjerneplassen zurück, weil es so gut mit ihrer Vorstellung eines Spielzeugladens übereinstimmte, für viele wurde es zu einem Wiedersehen mit ihrer Kindheit – eine riesige Madeleine, wenn du mir dieses Klischee gestattest.
Dort also regierte mein Vater. Und Mattson, sein »Assistent« – den zuerst Liz, und dann auch Vater, immer nur Dr. Watson nannte, sicher deshalb, weil er Vater auf so vorteilhafte Weise ergänzte und zudem die Fähigkeit besaß, Fragen zu stellen, durch die sich die Qual der Wahl bei den Kunden wie von selbst auflöste. Wenn wenige Leute im Geschäft waren, saß Vater einen Stock tiefer, in einem Untergeschoss, das auch als Lager fungierte. Dort hatte er sich ein Büro eingerichtet: ein Stuhl und ein winziges Pult, eingeklemmt zwischen den Warenstapeln, von wo aus er die gesamte Logistik abwickelte. Zum Glück hatte Vater einen Freund, Herrn Ebbing, einen Anwalt im dunklen Zweireiher, der sich um die Geschäftsbücher kümmerte und einmal im Monat vorbeikam, um sich im Untergeschoss inmitten des Schachtellabyrinths neben ihm niederzulassen. Ich hatte den Eindruck, dass Herr Ebbing sich sein Honorar in Lego ausbezahlen ließ: »Das kostet dich zwei Polizeiwachen und einen Flughafen.«
Vater trug keine Anzüge und auch keine Freizeitkleidung, seine Geschäftsuniform, oder wie man es nennen soll, war das weiße Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln, das heißt, in den kälteren Jahreszeiten zog er darüber einen blauen Arbeitskittel an, einen Mantel, wie er früher von Lehrpersonen getragen wurde und aus dessen Brusttasche verschiedenfarbige Kugelschreiber herausragten. Aus einer Idee heraus hatte Mutter einmal Sterne und Halbmonde daraufgenäht, sodass er von da an wie ein Merlin im Laden herumlief – zumindest wurde er von den Kindern so gesehen, wie ein Magier, ein Zauberer, der ihnen helfen konnte, Spielzeuge mit übernatürlichen Eigenschaften zu finden. Schau mal hier, kleiner Mann, eine magnetische Zeichentafel. Wenn du hier ein Haus zeichnest und dann an dem Hebel da ziehst – Simsalabim –, ist das Haus verschwunden. Damit wirst du Herrscher über die Welt!
Aber auch die Erwachsenen, auch die Eltern mochten den Inhaber von Spielwaren Stjerneplassen. Als Kind hatte es mich überrascht, was für eine Anziehungskraft mein Vater auf die Kundschaft ausübte. Lange Zeit war er für mich einfach nur »in die Arbeit« gegangen, doch im Alter von fünf Jahren, als ich einmal mit Mutter oder mit Liz im Laden vorbeischaute, entdeckte ich, dass seine »Arbeit« eine Spielwarenhandlung war. Am meisten jedoch begeisterte mich, wie anders er hier war, verglichen mit seinem sonstigen Verhalten. Zu Hause war er ein »gewöhnlicher« Vater, ruhig, schweigsam – das einzig Ungewöhnliche an ihm war sein Name, Erasmus, der allein Stoff für eine kurze Gutenachtgeschichte geboten hätte. Im Laden aber wurde er ein anderer Mensch, viel lebhafter und mit einer viel kräftigeren Stimme. Und einem anderen Lächeln – dem »Kundenlächeln«, wie Liz es nannte. Außerdem wirkte er hier viel größer, oder vielleicht ist aufrechter das richtige Wort, sogar seine Bewegungen waren anders. Nicht Liz, sondern mein Vater hat mir als Erster vor Augen geführt, welche Metamorphosen ein Mensch durchlaufen kann.
Eine weitere Eigenart von ihm war, dass er oft – wenn eine Kundschaft nicht bedient werden, sondern nach einem kurzen »Ich würde mich gern nur ein wenig umsehen« allein im Laden herumstöbern wollte – summend hinter dem Tresen stand und währenddessen andere Dinge erledigte. Spielwaren Stjerneplassen hatte keine Hintergrundmusik nötig, es genügte ein summender oder pfeifender Erasmus Abelson, und ich glaube, er tat es unbewusst. Und immer summte oder pfiff er Evergreens und alte Schlager, die er von Mutter gelernt hatte und die sie abends zu Hause manchmal zweistimmig sangen. Er selbst sah es vielleicht nicht, aber ich sah es, besonders in den Jahren, in denen ich als Sommeraushilfe arbeitete, oder wenn ich samstags oder während der Weihnachtszeit mithalf: Die Kunden liebten es, besonders die Mütter. Das war eine der Attraktionen des Ladens. Vater hatte eine angenehme Stimme. Du hättest Sänger oder Pfarrer werden können, sagte Mutter. Er war Spielwarenhändler geworden.
Um ehrlich zu sein, glaube ich, viele Kunden sahen in der Spielwarenhandlung am Stjerneplassen nicht nur ein Geschäft zum Einkaufen, sondern genauso sehr einen Zufluchtsort, der ihnen während einer anstrengenden Tour durch die Stadt eine dringend benötigte Verschnaufpause verschaffte. Vater war clever genug, sich das zunutze zu machen, es als Lockmittel zu verwenden. Während der Weihnachtszeit und an Tagen, an denen draußen sibirische Kälte herrschte, bereiteten er und Liz auf den zwei Kochplatten in der Ecke unten in dem kleinen Büro manchmal große Töpfe mit Suppe zu. Liz hängte draußen ein Plakat auf, das zu einem Bummel und einer »Gratis-Lego-Friends-Suppe« einlud – sofern es nicht gerade »My-Little-Pony-« oder »Super-Mario-Suppe« gab. Eine schlichte, aber kräftige Suppe, die in der Kälte bei den Leuten gut ankam, und sie hielten sich lange im Geschäft auf. Was die Kundenpflege betraf, war Vater die reinste Heilsarmee. Suppe, Spielzeug und Erlösung.
Langweile ich dich? Ich hoffe nicht, Nina, denn das ist wichtig. Du hast mich um einen Kommentar gebeten, ja, hast mich gefragt, ob ich etwas hinzuzufügen habe, und dafür musst du dich jetzt in Geduld üben. Vielleicht wirst du erst zu Hause, beim nochmaligen Anhören der Aufnahme, herausfinden, was von Bedeutung ist, was ich deutlich dargestellt haben möchte. Ich erzähle, was ich mir zu erzählen vorgenommen habe, und ich glaube, im Grunde ist nichts davon unwesentlich … Tut mir leid, ich höre mich an wie jemand, der einen Vortrag hält und Panik bekommt, weil keiner mitschreibt.
Zurück ins Dovrehallen und zu meinem Vater. Ganz offensichtlich wollte er mir etwas anvertrauen.
Ich machte mir Sorgen um ihn damals, denn er führte ein Leben nach Schema F, tagein, tagaus dasselbe: aufstehen, Frühstück, in den Laden gehen, den Laden abschließen, Abendessen, eine Zeitung, in Papierform wohlgemerkt, vielleicht eine Sendung im Fernsehen, und dann ab ins Bett. Sogar dieselben Phrasen wiederholte er immer wieder: Abwarten und Tee trinken. Kommt Zeit, kommt Rat. Es ist, wie es ist. Als ich zum ersten Mal das Wort »Standardmodell« hörte und noch nicht wusste, dass das meine Karriere bestimmen sollte, dachte ich an meinen Vater.
Soweit ich mich erinnere, sagte ich ihm sogar – nachdem er etwa die Hälfte seines Patentsmørbrøds gegessen hatte –, er solle sich ein paar Wochen freinehmen. Papa, du musst öfter verreisen!, sagte ich an diesem Tag im Dovrehallen zu ihm, als ob er wirklich eingesperrt wäre, gefangen wäre, und als wollte ich, dass er ausbrechen solle, etwas erleben, ins Ausland fahren, vielleicht sogar an einen exotischen Ort, irgendwohin, wo er Energie tanken könnte, geistig, ich wusste nicht genau, was ich mir erhoffte, und um ehrlich zu sein, glaubte ich nicht so wirklich daran, dass er sich dazu überreden lassen würde, er wollte hierbleiben, in seinem Laden, seinem sicheren Mikrokosmos, außerdem durfte er ja, um Gottes willen, kein Geld verschwenden.
Ich bin genug gereist, sagte er matt lächelnd oder als wüsste er etwas, was ich nicht wusste.
Ich denke dabei nicht an deine jährlichen Spritztouren nach Nürnberg, sagte ich. Ich meine etwas Waghalsigeres. Ein Abenteuer!
Kann man ein größeres Abenteuer erleben, als ich es in Nürnberg erlebt habe?, fragte er mit vorwurfsvollem Blick. Jedes Jahr, seit ich mich erinnern kann, war mein Vater Anfang Februar zur Spielwarenmesse nach Nürnberg gefahren, von wo er mit Koffern voll neuem Spielzeug zurückkehrte und voller Ideen, was er einkaufen wollte und was sich in den nächsten Monaten wie die warmen Semmeln verkaufen würde. In unserer Familie verbanden wir Nürnberg nicht mit den Nachkriegsprozessen gegen führende Naziverbrecher, in unserer Familie war Nürnberg gleichbedeutend mit Spiel und Spaß.
Außerdem war Nürnberg der Grund, weshalb wir existierten. Ohne Nürnberg keine Liz und kein Will. Dort nämlich haben unsere Eltern sich kennengelernt, »Ich hatte ja keine Ahnung, was für hübsche Mädchen es in England gibt«, wie mein Vater immer sagte. Bevor sie mit ihm nach Norwegen gegangen und Lehrerin geworden war, hatte meine Mutter bei Hamleys in der Londoner Regent Street gearbeitet, einem der größten Spielwarenhäuser der Welt. Wusstest du eigentlich, dass ich nach William Hamley, dem Gründer, benannt bin? Könntest du das als Leitfaden verwenden? War nur ein Scherz, aber manchmal kommt mir die Teilchenphysik, nicht zuletzt, wenn ich ans CERN und den großen Teilchenbeschleuniger hier draußen am Stadtrand denke, genauso verlockend vor wie das Hamleys in London. Wusstest du, dass Hamleys erstes Spielwarengeschäft Noah’s Ark hieß?
Entschuldige, ich träume vor mich hin. Zurück zu meinem Vater und seinem – wie es mir damals erschien, muss ich hinzufügen – bedrückenden Dasein. Wie hielt er das bloß aus? Immer die gleichen zwei Brote zum Frühstück, eines mit Räucherschinken und eines mit Himbeermarmelade – mein Herz setzte für ein paar Schläge aus, als ich eines Samstags beobachtete, wie er sich einen Streifen Mayonnaise auf dem Schinken gönnte –, dieselbe Kleidung jahrein, jahraus, dasselbe Auto, dieselben Nachrichtensendungen, dieselbe Kaffeetasse, jeder Tag eine Reihe aus unabänderlichen Ritualen. Nach Sonne kommt Regen. Morgen ist ein neuer Tag. Aber Papa, sagte ich im Dovrehallen zu ihm, als er in seinem weißen Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln dasaß, du bewegst dich immer nur innerhalb eines engen Kreises, wann bist du das letzte Mal über die Hausmanns gate oder Grensen hinausgekommen?
Vater warf mir einen unerwarteten Blick zu, fast ein wenig aggressiv: Ist dir klar, dass Emily Dickinson in ihrer zweiten Lebenshälfte nie mehr das Haus verlassen hat?, sagte er.
Liest du Lyrik, Papa? Was zum Teufel sollte das wieder, dachte ich, ich hatte ihn nie mit einem Gedichtband gesehen, und er hatte auch nie etwas in diese Richtung erwähnt.
Deine Mutter hat viel gelesen, weißt du, sagte er. Ich habe seinerzeit einige Gedichtsammlungen von ihr bekommen.
Wie blind kann man sein? Ja, ausnahmsweise ist dieser Stehsatz hier angebracht. Später erst habe ich begriffen, dass ich es war, der in einem Gebirge eingesperrt war. Oder richtiger: Ich selbst war es, der sein Leben auf ein Abstellgleis manövriert hatte. Wie so viele aus meiner Generation hatte ich die erste Gelegenheit genutzt, um aus Norwegen rauszukommen, doch nach den letzten Reisen hatte ich gemerkt, dass die Möglichkeiten aufgebraucht waren, alles wiederholte sich nur mehr, verblasste und wurde immer krampfhafter. Ganz egal, wie unterschiedlich die Destinationen sein mochten, Zagreb, Porto, Brügge, ich erlebte immer dasselbe. Oder nichts. Ich kam an Orte, in Länder, und dachte, hier war ich schon einmal, Armenien, Algerien, Argentinien. Ich war einunddreißig Jahre alt und fühlte bereits, dass ich im Kreis lief, dass auch ich mich, letzten Endes, nicht über die Hausmanns gate oder Grensen hinausbewegt hatte.
Dazu komme ich noch. Jetzt aber zu meinem Vater. Er hatte etwas auf dem Herzen, und es überraschte mich, worum es sich dabei handelte:
Deine Schwester ist verschwunden.
Wieder einmal?, fragte ich, oder meine ich mich zu erinnern, gefragt zu haben. Tut sie das nicht ständig? Warum sollte uns das kümmern? Ich wurde ärgerlich. Hatte er mich in diese dunkle Kaschemme mit ihrer Patina aus Tabakrauch und Bierdunst geschleift, um mich mit Liz’ Kapriolen zu nerven?
Sie ist deine Schwester, sagte er, während er den Arm ausstreckte und meine Hand in seine nahm. Für gewöhnlich tat er das nicht, auch als ich noch ein Kind war, hatte er nie meine Hand genommen. Jetzt tat er es, und erst nach einer ganzen Weile ließ er sie wieder los.
Machst du dir Sorgen um sie?, fragte ich. Sie konnte doch immer ganz gut auf sich selbst aufpassen.
Vater wand sich auf seinem Stuhl, er wusste, dass ich recht hatte. Doch dann: Ich habe irgendwie das Gefühl, es könnte ihr etwas zugestoßen sein, sagte er. Vielleicht geht ja die Fantasie mit mir durch, aber es beunruhigt mich. Ich kann nachts nicht schlafen. Ich will, dass du sie findest, damit sie Kontakt mit mir aufnimmt.
Hast du versucht, sie anzurufen?, fragte ich.
Natürlich, sagte er. Aber du kennst sie ja. Ich weiß nicht, wozu sie überhaupt ein Handy hat, sie geht nie ran, hat nicht einmal eine Mobilbox.
Ich holte mein Handy heraus und rief sie an. Ich nahm einen Schluck Bier, wie um meine Stimmbänder für ein kurzes Gespräch vorzubereiten.
Niemand meldete sich. Es klingelte und klingelte.
Sie konnte ihr Telefon verloren haben, sie konnte es weggeworfen haben, es konnte einen Grund geben, warum sie ungestört bleiben wollte. Eher der Form halber schrieb ich ihr eine kurze Nachricht.
So wie ich es sah, war das einer ihrer Wesenszüge: verschwinden. Sie mochte es, verschwunden zu sein, es geschah andauernd, ich hatte aufgehört, mir deshalb Sorgen zu machen. Als sie noch jünger gewesen war, war sie einmal eine ganze Nacht weggeblieben, als Erwachsene war sie mitunter mehrere Wochen fort, wie vom Erdboden verschluckt, wie es in der Redewendung heißt – bevor sie aus heiterem Himmel wieder auftauchte, mit einem Lächeln, das unseren Ängsten hohnsprach. Es war eine Lebensweise. Verschwinden. Um dann wieder in Erscheinung zu treten, als ob nichts gewesen wäre.
Wann hast du sie zuletzt gesehen?, fragte ich.
Vater zögerte, als wolle er nicht antworten. Vor ein paar Wochen, sagte er.
Ich mache mir keine Sorgen, sagte ich. Du weißt, wie sie ist.
Diesmal ist es anders, sagte er. Und dann fügte er etwas hinzu, das ich mir hätte zu Herzen nehmen sollen: Die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen.
*
Ja, ja, du hast Elizabeth kurz erwähnt – oder Liz, wie wir sie immer nannten –, aber sie spielt für meinen wissenschaftlichen Durchbruch eine viel größere Rolle, als du denkst, denn dass ich überhaupt—
Nein, ich weiß nicht, wer damit angefangen hat, sie Liz zu nennen, aber etwas war da schon dran, Liz wie lys, Licht, was ja irgendwie zu ihr passte.
Ich hoffe, du spitzt jetzt nicht die Ohren, weil du erwartest, etwas zu hören, das den Nährboden liefert für psychologische Spekulationen der eher unfruchtbaren Sorte … Aber später mehr zu Liz und ihrer Rolle … Ich habe vergessen, was ich sagen wollte … Ja, ich konnte gut verstehen, weshalb Vater beunruhigt war, denn Liz bedeutete ihm nicht nur als Tochter sehr viel, sie war auch die größte Ressource, über die Spielwaren Stjerneplassen verfügte. Liz war nämlich ein lebendes Messinstrument, mit dem Vater den Attraktionswert eines Spielzeugs bewertete. Soweit ich zurückdenken kann, war das schon so gewesen: Jedes Mal, wenn Vater ein neues Spielzeug bewerten sollte, insbesondere dann, wenn er vollbepackt von der jährlichen Messe in Nürnberg zurückkehrte, stellte er es vor Liz auf den Boden und wartete geduldig auf ihre Reaktion. Und es dauerte selten mehr als dreißig Sekunden, bis sie ihr Urteil fällte. Entweder nahm sie es hoch, schüttelte den Kopf und gab es schnell wieder zurück, oder aber sie lächelte und begann es zu erforschen, mitunter nahm sie es sogar mit auf ihr Zimmer. Deine Schwester besitzt ein besonderes Feingefühl, sagte Vater einmal. Sie hat einen inneren Detektor, der bei Gold anschlägt.
Auf ein Daumenhoch von Liz kaufte Vater ohne Zögern mehr von diesem Spielzeug ein als die anderen Händler. War das Produkt dann aufgrund seiner Beliebtheit in allen anderen Läden ausverkauft, wussten die Leute, dass sie zu Spielwaren Stjerneplassen gehen konnten. So hatte mein Vater sich seinen einzigartigen Ruf verschafft, seinen bemerkenswert großen Kundenkreis.
Genau so war es auch mit den erwähnten Fidget Spinnern gewesen, die in jenem Frühling auf den Markt gekommen waren und deren Popularität ungefähr drei Monate anhielt. Vater hatte schon früh ein Testexemplar bekommen, einen dreiarmigen Metallstern, der sich um ein mittig angeordnetes Kugellager drehte. Könnte dieses verblüffend einfache Ding etwas sein, womit Kinder spielen wollen?, hatte er Liz gefragt, als sie zufällig in der Büroecke im Laden vorbeigeschaut hatte, denn er selbst glaubte das ganz offensichtlich nicht.
Laut Vater hatte Liz das Ding zwischen Daumen und Mittelfinger gehalten, es irgendwie gewogen, bevor sie es mit einem Schnipsen der anderen Hand in Rotation versetzte. Das wird ein Kassenschlager bei Spielwaren Stjerneplassen, sagte sie. Ein Riesending.
Und das wurde es auch. Überall auf der Welt waren die Kinder ganz versessen auf diesen kleinen, ursprünglich zum Stressabbau entwickelten Gegenstand. Völlig unvorhersehbar. Bald waren die Fidget Spinner in allen Läden ausverkauft. Nur Vater verfügte noch über einen Extravorrat und ging mit dem Preis um zwanzig Kronen hinauf.
Übrigens war es schon einige Jahre her, seit Liz ihm auf diese Weise geholfen hatte, das letzte Mal vermutlich, nachdem er mit den ersten Mustern einer neuen Puppe mit dem etwas schaurigen Namen Monster High von der Messe zurückgekehrt war, einer Barbie-Puppe für Mädchen der 2000er-Jahre, viel rockigere, fantasievollere Puppen in vielen Varianten, mit frechen Beinamen.
Die werden megabeliebt, sagte sie nach zehn Sekunden. Das wird ein Knüller. Füll das Lager auf.
Natürlich wurde es ein Welterfolg, und am Ende konnte nur noch Spielwaren Stjerneplassen eine Heerschar verzweifelter Mädchen mit neuen Draculaura- und Cleo-de-Nile-Puppen versorgen.
So war es ein ums andere Mal gewesen in unserer Kindheit und Jugend. Murmeln mit »Diamanten» drin. Schildkrötenpanzer zum Aufeinanderstapeln. Dank Liz war Spielwaren Stjerneplassen das erste Geschäft in Norwegen, das Beyblade verkaufte, eine Serie spezieller Kreisel. Ich habe keinen Schimmer, wie sie das anstellte oder woher sie diese Fähigkeit hatte, aber sie hatte sie. Liz konnte »Must-haves« aufspüren, sie erkannte einfach, ob ein Spielzeug das Potenzial hatte, Begehren zu wecken. Lange war ich der Meinung, sie werde in der Werbebranche landen, als Influencerin oder etwas in der Art. Aber wie immer kam es anders, als ich gedacht hatte.
Du denkst an mich und die Teilchenphysik? Etwas weit hergeholt. Aber vielleicht hast du recht, vielleicht liegt das Erkennen von Mustern oder von reizvollen Dingen bei uns in der Familie.
Wie dem auch sei … Ich saß im Dovrehallen und murmelte, ich könne nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um nach einer Schwester zu suchen, die höchstwahrscheinlich gar nicht gefunden werden wollte. Ich hätte einen Job, um den ich mich kümmern müsse.
Du meinst diesen Barista-Unsinn?, sagte Vater, während draußen eine Straßenbahn vorbeifuhr. Es wird sicher kein großes Problem darstellen, ein paar Tage freizubekommen. Vater hatte nie nachvollziehen können, weshalb ich hinter einem Tresen stehen und Kaffee zubereiten wollte, und genauso wenig, dass die Menschen bereit waren, Unsummen für eine Tasse Kaffee zu bezahlen, wo doch die Lebensmittelgeschäfte randvoll waren mit Billigangeboten von Ali und Evergood. Ihm wäre es lieber gewesen, ich wäre wieder an die Universität zurückgekehrt, um meine Karriere als vielversprechender Nachwuchswissenschaftler fortzusetzen. Verlorene Jahre, sagte er immer wieder. Du warst doch so gut in Physik, Will. Ich fasse es nicht, dass du nach dem Doktorat abgesprungen bist, ich war mir sicher, du würdest Professor werden und irgendwann erstaunliche Ergebnisse vorweisen. Warst du nicht sogar kurz davor, eine bedeutende Entdeckung zu machen? Wolltest du nicht diesem Standardmodell, oder wie du es genannt hast, zu Leibe rücken …? Was ist passiert? Du hast nie etwas darüber erzählt.
Ich spürte, dass es mich ärgerte, was er da sagte, dass ich—
Nein, ich will lieber an einem anderen Tag erzählen, warum ich das Studium hingeworfen habe – und es verhält sich durchaus nicht so, wie du schreibst –, im Augenblick muss ich mich auf das konzentrieren, was sich als Auftakt zu einem Wendepunkt in meinem Leben herausstellen sollte, Vater und ich im Dovrehallen, denn was meinen Job anging, hatte er natürlich recht. Aslak, mein Arbeitgeber, hätte im Handumdrehen eine neue Aushilfe gefunden, ich wusste, dass ich nicht unersetzlich war, obwohl eine sehr erlesene Auswahl an Gästen meinen Cortado oder meinen Caffè mocha wahrscheinlich vermissen würde. Noch etwas anderes aber, etwas an meinem Vater, sein Insistieren, brachte mich dazu, die Sache zu überdenken. Sollte ich ihm helfen, Liz zu finden? Ich konnte sehen, dass er Angst hatte. Er hatte sonst nie Angst.
Herrgott, wahrscheinlich war sie in Oslo, vielleicht sogar irgendwo zwischen der Hausmanns gate und Grensen.
Da musste es passiert sein. Jedenfalls irgendwann im Laufe dieser Minuten. Ich sah hinunter auf meinen Teller, ich war ein langsamerer Esser als Vater – ich glaube, er hatte es sich angewöhnt, schnell zu essen, weil er es immer eilig hatte, immer beunruhigt war, was Dr. Watson im Laden womöglich gerade anstellte –, und nun war ich an der Reihe, die letzten Frikadellen- und Brotstücke mit der Gabel aufzuspießen und die Reste des Eidotters aufzusaugen, indem ich ein Unendlichkeitszeichen auf den Teller malte. Als ich aufschaute – der Anblick kann nicht länger als ein paar Sekunden gedauert haben, vielleicht nur Zehntelsekunden –, sah ich meinen Vater in vier Versionen dort sitzen. Als hätte er sich aufgespaltet. Oder als wollte er, oder etwas, mir sagen, dass ich, obwohl er mein Vater war, nur einen Bruchteil von ihm kannte. Vier Väter an einem Tisch. Nur einen Augenblick lang. Dann war er wieder nur einer. Sofort redete ich mir ein, dass ich geschielt haben musste, dass ich bloß erschöpft war. Aber ich wusste, ich hatte richtig gesehen.
Weißt du, wo sie ist?, fragte ich und nahm einen Schluck Bier.
Ja, weiß ich, sagte Vater. Zumindest weiß ich, wo sie hinwollte, bevor ich den Kontakt zu ihr verloren habe.
Und wo ist sie?, fragte ich.
Im Osten.
Offenbar wollte er sich so vage wie möglich ausdrücken. Ich musste noch einen Schluck Bier nehmen.
In China, sagte er.
Ich weigere mich, rief eine Stimme tief in mir drin. Ich wollte wirklich nirgendwo hinfahren, ich wollte nicht ans andere Ende der Welt reisen; wenn ich die Augen schloss und mir meine Zukunft ausmalte, sah ich ein Café und eine endlose Reihe von Tassen vor mir, die mit schwarzer Flüssigkeit gefüllt wurden, roboterhafte, von leiser Jazzmusik begleitete Bewegungen: Ich war Barista, und ich war gern Barista. Zwar hatte ich dieses Dasein auch oft einmal satt, aber gegen die Aussicht, eine elendslange Reise antreten zu müssen, hätte ich meinen Alltag als Barista doch vorgezogen, damals wollte ich ja auch gar nichts anderes, doch jetzt saß mir mein Vater schräg gegenüber und fragte, ob ich so nett sein könnte, nach China zu reisen. Ich bekam quasi einen Auftrag.
Zuerst lehnte ich ab, versuchte es mit einem Lächeln abzutun, aber etwas war da in Vaters Blick. Das war eine Forderung. Er befahl mir, zu fahren.
Kriege ich einen Apfelkuchen als Nachtisch?, fragte ich.
Er nickte. In Ordnung, sagte er. Als wäre es tatsächlich ein kleines Opfer.
Okay, ich mach’s, sagte ich. Ich werde fahren.
Passenderweise kam die Kellnerin, um unsere Teller abzuräumen, und ich bat sie lächelnd um einen Apfelkuchen. Den Kaffee schlug ich aus. Ausgerechnet mein Barista-Dasein hatte mir die Freude an einem Kaffee im Dovrehallen genommen.
Du sollst auch etwas für deine Mühe bekommen, sagte Vater. Nicht viel. Und vielleicht wird es ja eine schöne Erfahrung. Obwohl es ein Job ist.
Wird es denn eine Mühe?, fragte ich.
Er antwortete nicht, und das war der Moment, als ich merkte, wie abgekämpft er aussah, abgekämpfter sogar noch als gegen Ende des Weihnachtsgeschäfts, wenn er nach einem Tag, an dem der Kundenstrom nicht abreißen wollte, abends nach Hause getorkelt kam. Es war – und das sage ich sicher nur deshalb, weil man hinterher immer klüger ist –, als hätte ich sehen können, dass es seinem Herz eine gewisse Anstrengung abverlangte, zu schlagen, oder als hätte ich erkannt, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass das Herz eines Vaters, der wie ein Perpetuum mobile wirkte, immer weiterschlagen würde.
Der Apfelkuchen kam. Ich hatte um zwei Gabeln gebeten. Ich teilte ihn in der Mitte, legte meinem Vater eine Gabel hin. Nein, danke, sagte er. Heute nicht.
Er musste wirklich besorgt sein.
Er schob einen Umschlag über den Tisch. Es war wie eine Szene aus einem alten Film.
Deine ausgedruckte Bordkarte, sagte er. Und die Hotelreservierung. Vergiss deinen Reisepass nicht. Er wirkte mit einem Mal verlegen oder als wolle er so wenig wie möglich sprechen.
Ich schaute mir die Papiere an. Aber Papa, du hast schon ein Ticket für mich gekauft? Für morgen! Was wäre gewesen, wenn ich Nein gesagt hätte?
Ich wusste, du würdest Ja sagen, wenn ich dich nett darum bitte, sagte er. Ich sah den Schatten jenes Lächelns, das Liz und ich Papalächeln nannten.
Kannst du dir das denn leisten?, musste ich fragen.
Ich hab ein bisschen was zusammengespart, weißt du, sagte er und warf mir einen Blick zu, der mir irgendwie kryptisch vorkam.
Ich hätte noch mehr Fragen gehabt, aber er schien meine Gedanken zu lesen und sagte, ich würde unterwegs Anweisungen bekommen. Er müsse noch einige Anrufe tätigen, E-Mails schreiben.
Ich hab das hier gefunden, sagte er und zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche. Vielleicht kann dir das helfen.
Es war eine Yoda-Figur. Sie hatte Liz gehört, aber sie hatte sie mir geschenkt, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Ich hatte oft damit gespielt, hatte viel mit diesen Star-Wars-Figuren gespielt, noch bevor ich etwas über das Star-Wars-Universum wusste. Ich hatte geglaubt, dass ich sie verloren hätte, dass sie für immer verschwunden wäre.
Ich nahm sie in die Hand, und es schien mir, als könne ich spüren, wie ich mit etwas in Kontakt kam. Mit meiner Kindheit. Mit verlorener Kindheit. Mit Geschichten.
Ich weiß nicht, warum Vater sie mir jetzt gab. Vielleicht glaubte er, sie könne etwas in Gang setzen. Wie wenn man einen Hund an einem Gegenstand einer vermissten Person riechen lässt.
Vater wurde ungeduldig, murmelte etwas von Frau Sagen, einer gut betuchten Dame mit zwölf Enkelkindern, die gerade den Laden betreten habe und deren speziellen Ansprüchen der Kundenbetreuung Dr. Watson kaum würde gerecht werden können. Als ob ein Blick genügte, stand die Kellnerin mit der Rechnung bereit. Vater zahlte, bedankte sich für das ausgezeichnete Mahl. Ein wichtiges Geschäftsessen, sagte er zu ihr und nickte in meine Richtung, als wäre ich ein Repräsentant des Hofstaates und es wäre gerade ein lukratives Abkommen unterzeichnet worden. Bevor wir die Treppe hinuntergingen, bemerkte ich, wie er den drei Bier trinkenden Männern weiter hinten im Lokal einen aufmunternden Blick zuwarf. Einer von ihnen hob das Glas und sagte so laut, dass ich es hörte: Gott segne dich, Erasmus. Und er sagte es mit Wärme in der Stimme.
Als wir uns auf dem Gehweg in der Storgata trennten, trat Vater einen Schritt auf mich zu, legte die Arme um mich und drückte mich kurz. Mir blieb keine Zeit, verdutzt zu sein, so schnell ging das Ganze vonstatten, er tat so etwas sonst nie, er war kein Mann, der zu Zärtlichkeiten neigte. Fast erwartete ich so eine Ratschlag-von-Vater-zu-Sohn-Predigt, die ewige Leier, woran ich denken oder wovor ich mich in Acht nehmen sollte. Sei vorsichtig, sagte er nur, den Mund dicht an meinem Ohr.
Ich weiß, das hört sich komisch an, doch diese kurze Umarmung hatte einen Hauch von etwas Mystischem. Mein Vater hatte sich geöffnet, und das meine ich ganz konkret, und ich war in ihn hineingeglitten. Einige Sekunden lang, dann war es vorbei.
Wir gingen in entgegengesetzte Richtungen davon. Erst als ich nach links in die Bernt Ankers gate abbog, merkte ich, wie verwirrt ich war.
Aber verflucht noch mal, wie schwierig konnte das schon sein. Ich brauchte bloß meine Schwester zu finden und sie nach Hause zu bringen.
So hat es begonnen, Nina, das war die erste Etappe. Hier hast du einen missing link für die Jahre zwischen dem Café Laboratorium und meinem Durchbruch in der Teilchenphysik, meinen ersten kurzen Einblick ins Abelson-Modell. Laut deiner Darstellung hat es teilweise mit meinem Barista-Dasein zu tun, das du als einen intellektuellen Dämmerschlaf und somit als eine Art Inkubationszeit interpretierst, was gar kein so dummer Gedanke ist, doch du hast diese Reise vergessen, die wie ein entscheidendes Glied, wie ein Katalysator fungiert zwischen einem Café und dem Auftakt zu dem, was mit dem Experiment am CERN enden sollte. Ich konnte nicht ahnen, dass der Auftrag, den ich im Dovrehallen bekommen hatte, der Startschuss sein würde zu Ereignissen, die alles auf den Kopf stellten.
Wirf jetzt mal einen Blick nach draußen, Nina. Ist das nicht schön? Wegen der tief hängenden Wolke sieht es so aus, als hätte der Mont Blanc sich vom Gebirgsmassiv losgerissen … wie ein pyramidenförmiges Raumschiff auf dem Weg zum Mond.
Er ist gerade noch zu sehen, dort links, wie eine Glaskugel.
Was ich sagen wollte … Es war ein abrupter Szenenwechsel. Ich, der tags zuvor noch Monate voller identischer, ereignisloser Tage im Café vor sich gesehen hatte, saß plötzlich in einem Flugzeug, das elf Stunden in der Luft sein würde. Wie gesagt, hatte ich keine große Lust zu verreisen, mir ging nichts ab, die Dramatik, die in der Spanne zwischen einem Espresso und einem Cappuccino steckte, genügte mir vollauf. In meinen Augen hatte ich mit meinen einunddreißig Jahren genug von der Welt gesehen – zumindest vorläufig –, doch nun befand ich mich in einem Metallzylinder, der mit einer Geschwindigkeit von neunhundert Stundenkilometern in der obersten Schicht der Troposphäre dahinbrauste, unterwegs nach Asien.
Schon beim Einsteigen ins Flugzeug, nach einem halbstündigen Zwischenstopp in Helsinki, erwartete mich die erste Überraschung. Weil ich nicht damit gerechnet hatte, lange fortzubleiben, hatte ich mich mit Handgepäck begnügt und nur das Allernötigste eingepackt. Als ich den kleinen, ziemlich ramponierten Koffer in dem Fach über dem Sitz verstaute, kam eine der Flugbegleiterinnen herbeigeeilt und fragte mich nach meiner Bordkarte. Ich glaubte schon, etwas sei nicht in Ordnung damit, ich wurde plötzlich nervös, obwohl es keinen Grund dafür gab.
Die Flugbegleiterin lächelte. Sie wurden auf Business Class upgegradet, sagte sie in klingendem Finnlandschwedisch. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.
Ich hielt das für einen Zufall, ich hatte schon von solchen Fällen gehört, es war wie ein Lotteriegewinn; mein Vater, der finanziell in der Patentsmørbrød-Klasse spielte, konnte jedenfalls nichts damit zu tun haben; also spielte ich das Spiel mit und ließ mich von der Flugbegleiterin an meinen neuen Platz vorne im Flugzeug bringen, ich hatte selbstverständlich nichts dagegen, mich in der Business Class auszustrecken, was nicht zuletzt bedeutete, dass ich schlafen können würde, ich gab nichts auf die Verköstigung oder darauf, dass das Wasser in Flaschen gebracht wurde, die den Traum aller Designer darstellten, und die Snackpackungen sahen so exquisit aus, dass ich es nicht übers Herz brachte, sie zu öffnen.
Genügsamkeit. Sie steckte mir in den Knochen. Mein Vater war ständig knapp bei Kasse gewesen, jedenfalls hatte es immer so gewirkt, als ob er jede Krone umdrehen musste. Oder war mir da etwas entgangen? Als kleiner Junge hatte ich es immer ganz toll gefunden, Spielwaren Stjerneplassen einen Besuch abzustatten, ich war stolz, wenn ich Freunde mitbrachte und Vater uns in seinem Merlinmantel empfing, doch nachdem ich mit zwölf Jahren aufgehört hatte, mich für Spielzeug zu interessieren, waren mir Zweifel gekommen. Spielwarenhändler – was für eine Berufsbezeichnung war das denn? Oft dachte ich, dass mein Vater das Zeug dazu gehabt hätte, etwas ganz anderes zu werden, dass irgendetwas in seinem Leben schiefgelaufen sein musste. Nicht, dass ich ihn deshalb verachtet hätte, eher tat er mir leid in dem Hamsterrad seines Alltags, ein Leben, das in seiner Gewöhnlichkeit erschreckend war. Wenn Klassenkameraden von den Berufen ihrer Väter erzählten, schämte ich mich manchmal, weil er keine größeren Ambitionen hatte. Und gleichzeitig, auf einer tieferen Ebene, schämte ich mich dafür, dass ich mich schämte. Wieso hast du angefangen, Spielzeug zu verkaufen?, erlaubte ich mir einmal zu fragen. Wegen der Cheyenne, sagte er daraufhin.
Er wird wohl langsam ein bisschen wunderlich, dachte ich und hütete mich, die Frage noch einmal zu stellen.
Trotzdem: Was für ein monotones Leben. Jahraus, jahrein in dem kleinen Laden in der Storgata stehen, bis spätabends Waren auspacken und Rechnungen schreiben, immer mit Kopfschmerzen nach Hause kommen. Hinter den Wolken scheint immer die Sonne. Morgen ist ein neuer Tag. Gelegentlich beobachtete ich ihn in seinem Eifer beim Bedienen der Kunden. Obwohl er in seinem Element zu sein schien, erkannte ich doch das leicht Pathetische an seinem blauen Arbeitskittel mit den weißen, aufgenähten Halbmonden und Sternen. Armer Papa, dachte ich, diese ganze Schufterei, und trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht. Auch deshalb übernahm ich die Aufgabe, Liz zu suchen, ich schuldete es ihm, solange es ihn nur beruhigte. Er war immer eine Spur besorgter um uns, als es ein Vater zu sein brauchte.
Ich hatte, wie gesagt, ein gutes Verhältnis zu meinem Vater, was jedoch nicht verhinderte, dass ich ihn für ein wenig distanziert oder abwesend hielt. Nicht immer natürlich. Als ich sechs Jahre alt war, ereignete sich etwas, das sehr viel über ihn aussagt. Es war ein Samstag im Juni und ich durfte Dr. Watson beim Auspreisen der Kartons mit den neuen Brio-Eisenbahnen helfen. Unglücklicherweise stellte er mir eine der großen Kisten auf die Zehen, worauf ich zu weinen begann, sowohl vor Schreck als auch, weil es höllisch wehtat. In der Schlange an der Kasse, hinter der Vater saß, wartete ein Mann, der ganz eindeutig Kohle hatte, denn die vier Körbe, von denen er jeweils zwei in einer Hand hielt, waren vollgestopft mit den teuersten Spielsachen, die man im Laden finden konnte. Der Mann wurde ärgerlich. Herrgott, was für ein Geplärre, sagte er. Kann nicht irgendwer den verdammten Bengel hinauswerfen!
Da setzte Vater jenes Lächeln auf, das Liz und ich Wolfslächeln nannten. Es unterschied sich sowohl von seinem Papa- als auch von seinem Kundenlächeln. Sie sind es, den ich ersuchen muss, das Geschäft zu verlassen, sagte er mit einer Stimme, die man gemeinhin als volltönend bezeichnen würde. So spricht man nicht über Kinder.
Wütend, als könne er nicht glauben, was er soeben gehört hatte, blickte der Mann meinen Vater an, bevor er die vier Körbe demonstrativ auf den Boden fallen ließ und hinausmarschierte. Bestimmt war meinem Vater an diesem Samstag viel Geld durch die Lappen gegangen. Tut es weh?, fragte er und legte mir die Hand auf den Kopf. Wenn er mich auch selten bei der Hand nahm oder umarmte, legte er oft seine Hände auf mich. Immerhin hast du jetzt erfahren, dass Eisenbahnen von Brio von gewichtiger Qualität sind. Die Worte wurden von einem Lächeln begleitet. Dem Papalächeln.
Zum Glück nickte ich mehrmals ein im Laufe des langen Flugs, doch wenn ich wach war – und ständig kleine Goodies oder andere Angebote ablehnen musste, die einen Teil der aufwendigen Bedienung ausmachten –, dachte ich an meine Schwester. Ich fürchte, Nina, du wirst nie verstehen, wie Liz in jungen Jahren gewesen ist, oder richtiger: Es wird mir nie gelingen … Jedenfalls gehörte sie zu der Sorte Menschen, die alles, was sie anfangen, mit hundertprozentigem Einsatz betreiben. Nehmen wir beispielsweise das mit der Musik. Mit siebzehn schoss es ihr plötzlich ein, Protestsängerin zu werden. Das soll kein Scherz sein. Protestsängerin! Das war in dem Jahr, als der Krieg im Kosovo begann, und sie verfolgte voller Entsetzen die Nachrichten. Sie kaufte sich eine Gitarre, saß mehrere Monate in ihrem Zimmer und übte, übte, dass ihr fast die Fingerspitzen anschwollen; mir taten schon die Ohren weh von den alten Ohrwürmern, die ich sie singen hörte, »We Shall Overcome« oder »Blowin’ in the Wind« oder »If I Had a Hammer«, als wäre sie Joan Baez dreißig Jahre zu spät, aber sie wollte auch eigene Lieder schreiben. In unserer Zeit besteht ein ungestilltes Bedürfnis nach neuen Hymnen, sagte sie, kaum etwas kann es mit der Wirkung von Liedern aufnehmen, die von Tausenden Menschen gesungen werden. Ich glaube, in ihrer Fantasie sah sie sich oben bei der Markthalle am Youngstorget stehen, eine Heerschar von Menschen vor sich auf dem unterhalb gelegenen Platz, die sie bei einem ohrenbetäubenden kollektiven Singen anführte, während sie die Töne in den Himmel emporsteigen hörte wie bei einem gewaltigen säkularen Choral in einer Freiluftkirche; ich hatte ein paar Brocken aufgeschnappt von den Songs, an denen sie sich versuchte: »Rainbow Dream«, »Wake Up, Mr. President« oder das leicht humoristische »Balalaika Bazooka«, eigentlich klangen sie gar nicht so schlecht, das gebe ich zu, doch dann, eines Tages – ohne einen erkennbaren Anlass – stellte sie die Gitarre in die Ecke. Sie hatte eine neue Leidenschaft für sich entdeckt.
So war es immer gewesen. In der Phase davor, oder jedenfalls glaube ich, dass es die Phase davor war, mit zwölf oder dreizehn, wollte sie Künstlerin werden, zog sich Klamotten vom Flohmarkt an und malte und zeichnete den ganzen Tag, stolzierte mit komischen Mützen und Farbflecken im Gesicht und an den Händen herum, alle Wände ihres Zimmers waren mit Zeichnungen tapeziert: Bleistift, Tusche, Kohle, Aquarelle, sogar Ölgemälde, die ganze Wohnung roch nach Atelier. Dann, und mit einer Leidenschaft, die mich beinahe erschreckte, wollte sie Architektin werden, wobei nicht auszuschließen ist, dass das viele Legobauen letztlich den Ehrgeiz in ihr geweckt hatte, etwas in größerem Maßstab zu erschaffen. Glaub es oder nicht, Nina, aber als Kind habe ich mich wenig für Lego begeistert, ich fand es zu umständlich, außerdem besaß ich die unschöne Neigung, Steine zu verlieren – immer dann, ausgerechnet, wenn wir gerade gemeinsam etwas bauten oder ich Liz bei der Konstruktion ihrer komplexen Häuser half, als wäre ich für die Baumeisterin des Turms zu Babel eine Art Handlanger. Nein, Liz war die Lego-Konstrukteurin, und sie erschuf Dinge mit diesen kleinen Bausteinen, die in Norwegen ihresgleichen suchten. Schade, dass es keine Fotos davon gibt. Wäre sie im mathematischen Zweig gelandet, bei der Informatik, hätte sie problemlos ein Computerspiel entwickeln können, das Minecraft den Rang abgelaufen hätte.
Der Sprung von der Kunst zur Architektur ist ja nicht weit, und weil wir in Fredensborg wohnten, ging ich mehrmals mit ihr zum Telthusbakken, wo sie Aufstellung nahm und fleißig die vielen hübschen, alten Holzhäuser zeichnete, eins nach dem anderen. Und danach kam die Damstredet an die Reihe. Wenn sie nach der Schule nicht zu Hause war, wusste ich, dass sie mit dem Discman in der Tasche dort stand, mit ihrer ersten selbstgekauften CD, die sie sich gar nicht oft genug anhören konnte, Nevermind von Nirvana, falls es nicht gerade Enter the Wu-Tang vom Wu-Tang Clan war – schon damals hatte sie eine Affinität für Hip-Hop und chinesische Kampfsportmythologie –, und die leicht schiefen Holzhäuschen bis ins kleinste Detail aufs Papier übertrug. Wären die Häuser bei einem Brand zerstört worden, hätte man sie nach diesen Arbeiten rekonstruieren können. Dann legte sie alle Zeichensachen und Architekturskizzen zur Seite, um – genau, Nina – die Protestsängerin unserer Zeit zu werden. Aber ich möchte festhalten: Gerade ihre Leidenschaft für Architektur hat sie sich auch in späteren Jahren bewahrt. Da fällt mir ein, einmal hat sie eine besonders gelungene Installation, oder wie ich es nennen soll, für Spielwaren Stjerneplassen aufgebaut. Eine Schaufensterdekoration, die scharenweise Kundschaft anlockte. Sie hatte vier verschiedene Lego-Sets geöffnet und sie zu einem gemeinsamen Universum kombiniert. Viele Leute, die ins Geschäft kamen, waren davon so fasziniert, dass sie alle vier Sets für ihre Kinder kauften, damit sie zu Hause etwas Ähnliches bauen konnten. Als Erwachsener begriff ich, dass Vater viele Gründe hatte, Liz dankbar zu sein.
Jetzt verzettle ich mich aber, denn schon in der Ankunftshalle des Flughafens geschahen seltsame Dinge – ich habe vielleicht zu sagen vergessen, dass mein Reiseziel Hongkong war, aber das wusstest du ja bereits.
Als ich gerade meine Schritte verlangsamte und nach dem Schild mit dem Bus-, Zug- oder Taxisymbol Ausschau hielt, kam eine geschäftsmäßig und überdies superelegant gekleidete Frau auf mich zu und sagte etwas, das ich nicht verstand, vielleicht auf Kantonesisch oder Mandarin – ohnehin nahm ich an, sie müsse mich mit jemandem verwechseln. Sie war Chinesin, aber trotzdem groß gewachsen, modelartig. Auffällig war nur, dass sie stehen blieb und den Satz wiederholte – ich musste zu perplex gewesen sein, um ihn beim ersten Mal zu verstehen: »For your own sake, Sir: Please, turn. Buy a ticket and go home.« Kratzige Stimme. Rote Lippen. Es klang wie eine Warnung. Rotes Licht. Ich ging ruhig weiter, doch als ich mich umblickte, stand sie noch immer da und sah mir nach, ein gefährliches Funkeln in den Augen, zumindest interpretierte ich es als ein gefährliches Funkeln.
Meine Verwunderung wurde nicht geringer, als ich, um den Abstand zu dieser aufdringlichen Person zu vergrößern, schnell zum Ausgang ging und sie fünfzig Meter vor mir entdeckte. Ich warf einen Blick über die Schulter. Es stimmte, die Frau war verschwunden. Wie hatte sie in wenigen Sekunden so weit vor mich gelangen können? War das eine Art Wuxia-Kunst?
Genauso plötzlich war sie wieder weg. Puff, sie hatte sich in Luft aufgelöst. Ein weiteres Wuxia-Kunststück.
Ich bin in China, dachte ich. Hier kann alles geschehen.
Nein, vergiss es, du bist erschöpft von der Reise, es war ein Missverständnis, dachte ich, bestimmt handelt es sich um eine Liebesgeschichte. Ich lachte bei dem Gedanken.
Ich kam nicht dazu, mir noch länger den Kopf darüber zu zerbrechen, denn ein uniformierter Mann winkte mich zu sich. Er hielt ein Plakat hoch, auf dem stand: »Mr. Woolf.« Eifrig nickend deutete er zuerst auf mich, danach auf den Namen. Ich signalisierte ihm, damit könne nicht ich gemeint sein. Doch ganz offensichtlich war ich das. Er blätterte einige Papiere durch, wobei er vielleicht einen Blick auf ein Foto warf, bevor er auf mich zukam: Mr. William Woolf, ich habe einen Wagen, ich soll Sie zum Hotel fahren. Er trug ein weißes Hemd, ein schwarzes Sakko, dazu eine schwarze Krawatte und eine dunkelgraue Hose mit Kreidestreifen. Schirmmütze. Er wirkte steif und repräsentativ. »Chan« stand auf einem kleinen, rechteckigen Messingschild über seiner Brusttasche.
Ich hatte keine andere Erklärung dafür, als dass es etwas mit meiner Mutter zu tun haben musste. Meine Mutter hieß Woolf mit Nachnamen. Als Liz von zu Hause ausgezogen war, hatte sie ihren Namen angenommen, auf offiziellen Unterlagen stand jetzt Elizabeth Woolf. Und falls du eine Schwäche für billige Symbolik hast, Nina, beeile ich mich hinzuzufügen – das hatte nichts mit einer Transformation zu tun. Sie wollte sich einfach Mutters britische Welt bewahren, vielleicht auch damit in Kontakt treten.
Der Wagen parkte direkt vor dem Eingang. Kein x-beliebiges Auto, sondern ein Rolls-Royce, dunkelgrün und so blitzeblank, als sei er mit Glas überzogen. Chan, der Chauffeur, blickte mich fragend an. Gepäck? Ich überreichte ihm meinen kleinen Koffer. Ich reise gern ohne viel Plunder, sagte ich. Mein Auftrag ist in ein paar Tagen erledigt. Sie wissen schon, hit and run. Ich zwinkerte verschwörerisch, doch Chan behielt sein Pokerface, verbeugte sich professionell und öffnete die Tür für mich. Mir kam der Gedanke, dass er ebenso gut Bodyguard hätte sein können.
Ich tat, als ob nichts sei, als handle es sich um eine alltägliche Angelegenheit für ein Familienmitglied der Spielwaren-Dynastie Stjerneplassen, in einem Rolls-Royce abgeholt und kutschiert zu werden.
Im Wageninneren gab es auffallend viel lackiertes Holz, und zwar nicht nur am Armaturenbrett. Hätten Sie gern ein Glas Champagner? Irgendwie schien es mir, als würde er mich das zu meiner Beruhigung fragen.
Ich lehnte ab, genauer gesagt: Ich konnte die Frage nicht ernst nehmen.
Als ich auf die Rückbank sank und die Füße auf einem bemerkenswert weichen Teppich abstellte, betätigte der Chauffeur einen Knopf, woraufhin eine Lade mit gekühlten Wasserflaschen vor mir erschien. Vielleicht sind Sie ja durstig, sagte er, es ist sehr heiß in Hongkong zu dieser Jahreszeit. Ich nickte, ich war durstig – durstig vor Erstaunen, vor Ratlosigkeit.
Ich fischte mein Handy heraus, checkte meine Nachrichten, ärgerte mich und steckte es wieder ein. Es sollte mich jetzt wirklich nicht interessieren, was Aslak und die anderen über die Vorbereitungen zu den Nationalfeiertagsfesten in Oslo schrieben, auch wenn vielleicht lustige Fotos dabei sein mochten, ich hatte das volkstümliche Norwegen mit seinen traditionellen Trachten weit hinter mir gelassen.
Die weichen Sitze, der gesamte Innenraum gaben mir das Gefühl, als befände ich mich nicht in einem Auto, sondern in einem Wohnzimmer. Die aufdringliche Frau aus der Ankunftshalle hatte ich bereits vergessen. Ich fühlte mich sicher. Wie der Held des Tages. Hätte ich fragen sollen, wer den Wagen bestellt hatte? Ich tat es nicht. Irgendetwas sagte mir, dass ich einfach mitspielen sollte. Ich tat, als ob alles in Ordnung sei, hob mit einer royalen Geste die Hand in Richtung Chan. Wir fuhren los, in die Stadt hinein.
Warst du schon einmal in Hongkong, Nina?
Nein, eben. Du solltest dir eine Reise dorthin gönnen. Du wärst überrascht, wie grün es dort ist, zumindest war das mein erster Eindruck, nachdem wir uns ein Stück weit vom Flughafen entfernt hatten und durch die für mich fremde Landschaft fuhren. Die Gebäude waren gewissermaßen von Dschungel umgeben, und es erstaunte mich, wie viele hohe Berge und kleine Gipfel es gab, alle von üppiger Vegetation bedeckt. Es war Nachmittag, kein Niederschlag, und ich hoffte, die Fahrt in dem Rolls-Royce würde noch lange dauern; ich öffnete eine Wasserflasche, während wir lautlos auf breiten Autobahnen und weißen Brücken vom Typ Harfensaiten dahinfuhren oder eher -schwammen, vorbei an Containerhäfen von der Größe einer norwegischen Kleinstadt, bevor wir die nördlichen Gebiete von Kowloon erreichten. Das bedeutet übrigens »neun Drachen«, wegen der acht Berggipfel, von denen die Halbinsel umgeben ist – der neunte ist der Kaiser, falls du dich fragen solltest. Da fällt mir übrigens ein, dass ich während der Fahrt auch einen dieser Friedhöfe gesehen habe, bei denen die Gräber dichtgedrängt auf dem Steilhang liegen. Wie ein Vorzeichen, dachte ich später.
Halten wir uns jetzt nicht damit auf, dazu komme ich noch. Alles zu seiner Zeit.
Damals saß ich gerade zurückgelehnt in einem dunkelgrünen Rolls-Royce und fühlte mich wie in einem Vergnügungspark, als wir in einige riesige Autobahn-Knoten hineinsegelten, ineinander verwickelte Schlaufen, die fast den Eindruck erweckten, als würden wir in ein Wurmloch hineingesogen und womöglich in einer anderen Galaxie wieder herauskommen, und vielleicht stimmte das ja sogar, denn achtundvierzig Stunden vorher noch war ich an den Hebeln einer Espressomaschine gestanden und hatte, so weit das Auge reichte, Tage vor mir gesehen, die einander zum Verwechseln ähnlich waren, ich hatte keine größeren Ambitionen, als einen perfekten Americano zuzubereiten und währenddessen The Melody at Night, with You von Keith Jarrett zu hören. Doch plötzlich befand ich mich zwischen tropisch grünen Berghängen an einer Küste, die zu dem riesigen China gehörte, um in einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern eine vermisste Schwester zu finden.
Ich dachte an Liz. Warum war sie ausgerechnet hier verschwunden? Was hatte sie hier zu suchen, so weit weg von ihrem Hauptquartier, der Hochschule in Bislett, die im darauffolgenden Jahr den Status einer Universität erlangen sollte? Hatte Vater wirklich Grund zur Sorge?
Chan, mein uniformierter Chauffeur, fuhr im Slalom durch Stadtteile, die zu den am dichtesten bevölkerten der Welt gehörten, ein Nadelkissen aus schmalen, unfassbar hohen Wohnblöcken und Wolkenkratzern. Laut den Reiseunterlagen, die Vater mir gegeben hatte, sollte ich in einem kleinen Hotel mit einem nichtssagenden Namen wohnen, nun aber hielt der Wagen – das Schiff auf Rädern – sanft vor einem palastähnlichen Gebäude unten an der Hafenpromenade. Auf der majestätischen Fassade über dem Haupteingang stand in großen goldenen Lettern: The Peninsula. Wie um alles in der Welt kann Vater sich das leisten?, dachte ich, oder meine ich mich zu erinnern, dass ich gedacht habe.
Ein Empfangskomitee, bestehend aus nicht weniger als drei Personen, eilte dem Wagen entgegen, wobei eine davon sich rasch und diskret zurückfallen ließ, als sich herausstellte, dass mein Gepäck lediglich aus einem bescheidenen Handgepäckskoffer bestand; an der Rezeption wurde ich trotzdem wie ein hochrangiger Diplomat empfangen und der Obhut von Ms. Yeung übergeben, einer Frau, ebenso geschmackvoll gekleidet wie die Flugbegleiterinnen mancher asiatischer Fluggesellschaften. Sie erinnerte mich sofort an eine dieser Filmikonen aus einem der vielen chinesischen Filme, die ich gesehen hatte, einige davon sogar zusammen mit Liz, in denen diese Stars abwechselnd Schwertkämpferinnen oder Konkubinen, Kaiserinnen oder Geishas spielten.
Dazu fällt mir übrigens ein, dass meinem Vater als Ladenbesitzer ein spezieller Vorteil zugutekam. Er selbst nämlich ähnelte einer dieser wenigen, aus Film und Fernsehen bekannten Persönlichkeiten seiner Generation, die es auf bewundernswerte Weise geschafft hatten, über Jahrzehnte nichts von ihrem Glanz einzubüßen. Kunden, die noch nie zuvor bei ihm im Laden gewesen waren, zuckten unwillkürlich zusammen, wenn er ihnen gegenübertrat – es dauerte mehrere Sekunden, bis sie erkannten, dass es sich nicht um dieselbe Person handelte, trotzdem aber schien es, als könne er aufgrund dieser Ähnlichkeit stets einen Turbostart hinlegen, oder wie ich sagen soll, die Kunden waren sofort gut gelaunt und wohlwollend gestimmt. Ich will die Möglichkeit nicht ausschließen, dass mein vorteilhaftes Aussehen dazu beiträgt, dass bei den Kunden das Geld locker sitzt, sagte er zu Hause vor dem Spiegel und strich sich scherzhaft über die Wangen.
Ms. Yeung las sich etwas auf einem Formular durch, und das Einzige, wonach sie mich fragte, war mein Beruf. Ich musste das Wort Barista auf Englisch ein wenig falsch ausgesprochen haben, denn sie hob beim Schreiben eine Augenbraue an. Ah, »barrister«, sagte sie, bevor sie mich freundlich in den einundzwanzigsten Stock zu meinem Zimmer geleitete.
Ich könnte leicht als Advokat, als Jurist durchgehen, dachte ich. Warum nicht? Ich bin Businessclass geflogen und Rolls-Royce gefahren. Lass sie einfach in dem Glauben. Kein Grund zur Panik, William Abelson übernimmt den Fall, sagte ich mir.
Es musste sich um eine Suite handeln. Ich hatte Schwierigkeiten, alles zu erfassen. Die Vasen mit den langstieligen, frischen Blumen, die Glasschüssel mit Früchten auf einem hübschen, niedrigen Beistelltisch, den Sektkühler, in dem eine Flasche Weißwein lehnte. Im Schlafzimmer stand ein Doppelbett, das für mindestens drei Personen Platz bot, das Wohnzimmer verfügte nicht nur über eine Sitzgruppe und einen gigantischen, an der Wand befestigten Flachbildfernseher, sondern es gab auch eine Büroecke; die großen Garderobenschränke waren in einem eigenen Zimmer untergebracht. Die Räume waren in Weiß und Beige gehalten, die Garderobe – sowie der Barschrank – waren aus dunklem Edelholz. Das Bad allein war so groß wie die Hotelzimmer, in denen ich sonst wohnte. Meine Begleiterin pflückte ein iPad vom Tisch, um mir zu zeigen, wie über den Bildschirm alles gesteuert wurde, Licht, Fernseher, Vorhänge, Raumtemperatur, Zimmerservice. Ich hoffe, das Zimmer ist zu Ihrer Zufriedenheit, sagte Ms. Yeung, als befürchte sie, ich hätte eine größere Suite erwartet.
Ich wollte schon protestieren, sie auf ihren Irrtum aufmerksam machen, doch Ms. Yeung signalisierte mir, ich solle ihr ins Ankleidezimmer folgen. Ich möchte Ihnen aufs Wärmste unser Restaurant Felix in der obersten Etage empfehlen, Mr. Woolf. Sollten Sie eines Abends Lust haben, dort zu speisen, werden Sie jedoch andere Kleidung benötigen als – sie warf einen leicht mitleidigen Blick auf meine nicht ganz so sauberen Freizeitklamotten –, deshalb haben wir uns die Freiheit genommen, das Zimmer mit einer entsprechenden Garderobe auszustatten. Sie öffnete den Kleiderschrank. Ich erblickte elegante Sakkos und ebensolche Hosen, strich über Hemden, die so weiß waren, dass ich nach einer Sonnenbrille tastete, sogar Krawatten entdeckte ich. Zudem befand sich darin auch noch Freizeitkleidung aus leichtem Stoff, in Weiß und Khaki.
Aber, die Größe, sagte ich.
Wir kennen selbstverständlich Ihre Größe, Mr. Woolf, sagte sie und lächelte.
Wer hat das alles in die Wege geleitet?, fragte ich.
Ein guter Freund, sagte sie.
Ein guter Freund?
Er sagte nur »ein guter Freund«.
Aber er ist vermögend?
Ich kenne ihn nicht, lächelte Ms. Yeung. Aber Sie werden ihm vielleicht begegnen. So wie sie das sagte, klang es nach einer Frage. Oder wie eine Vermutung.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wieder: Ich hätte vielleicht nachfragen sollen, tat es aber nicht. Ich ertappte mich dabei, dass ich die Situation genoss.
Selbstverständlich speisen Sie nach Ihrem Belieben im ganzen Hotel und schreiben die Rechnung auf Ihr Zimmer. Es ist alles bezahlt. Sie gab mir einen Folder, dem ich rasch entnahm, dass man zwischen verschiedenen Nobelrestaurants wählen konnte. Darüber hinaus lockte das Hotel noch mit einer Überfülle an anderen Angeboten.
Ein guter Freund?, fragte ich.
Ein guter Freund, sagte sie.
Alles ist bezahlt?
Alles ist bezahlt.
Ich kann alles aufs Zimmer schreiben lassen?, fragte ich.
Absolut alles, sagte Ms. Yeung und lächelte, sie glaubte wohl, das sei ironisch gemeint.
Selbstverständlich, sagte ich. Selbstverständlich, wiederholte ich leise.
Und ich dachte wirklich: Das alles ist selbstverständlich. Ich verstand nur nicht, warum es das war.
Viel Erfolg bei Ihren Geschäften, sagte Ms. Yeung beim Verlassen der Suite. Werden Sie das Oberste Volksgericht aufsuchen, werden Sie einen Rechtsstreit zwischen Norwegen und China schlichten?
Ich bilde mir ein, dass ich ihr ein schiefes Lächeln zukommen ließ. Erst nachdem sie gegangen war, betrachtete ich mich in dem länglichen Spiegel neben der Tür. Warum nicht?, dachte ich.
Aus Gewohnheit kramte ich wieder das Handy heraus, checkte Insta, Twitter, Face, Snap, sicher erinnerst du dich noch an die populären Apps von damals. Nichts Interessantes dabei. Ich schaute auf WhatsApp nach, in der Familiengruppe, auch dort nichts. Wie meistens. Die letzte Nachricht stammte von Liz, ein Bild von ihr vor der Bodleian Library in Oxford von vor einem Jahr – sonst schickte sie normalerweise nie Fotos von ihren Reisen. Ich packte das Handy, dieses verfluchte Schnuffeltuch, wieder weg. Ich nahm es noch einmal heraus und schaltete es ab.
Nachdem das Wenige, das ich im Koffer hatte, ausgepackt war, nahm ich den Aufzug hinunter zum Café The Lobby und setzte mich an einen der Tische, wo mir, fast nur durch ein Anheben der Augenbraue, ein Afternoon Tea angeboten wurde, ein Angebot, das ich, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, dankend annahm – du weißt schon, dieser Wasserfall an Leckerbissen, eine Etagere mit Scones ganz unten, Sandwiches in der Mitte und oben Kuchen. Bald darauf wurde sie vor mir auf dem Tisch platziert, begleitet von höflichen Gesten, dazu Tee und eine Flasche Evian. Vor achtundvierzig Stunden noch war ich im Dovrehallen bei einem Patentsmørbrød gesessen, jetzt saß ich hier, im Peninsula, fraß mich durch einen Stapel an Delikatessen und lauschte einem Streichquartett, dessen Mitglieder allesamt schwarze, zeitlose Anzüge oder Kleider trugen und die im Mezzanin klassische Musik spielten, Schubert, wie ich zu erraten meinte, oder auch Mozart, weil es so leicht und melodiös klang.
Warum nicht?, dachte ich. Der in internationalen Kreisen bekannte Anwalt William Abelson ruht zwischen den Schlachten.
Möchtest du übrigens jetzt einen Kaffee? Auch wenn die Maschine, die der Wohnungsbesitzer angeschafft hat, aussieht wie ein kleineres Kraftwerk, ist es mit der Qualität der herausrinnenden Flüssigkeit nicht besonders weit her, aber immerhin lässt sich trotzdem ein halbwegs respektabler Espresso damit hervorzaubern.
Hier, bitte. Zucker? Braun?
Apropos Kaffee: Du schreibst, ich hätte »einige Jahre in einem Café gearbeitet«, und deutest, wie schon erwähnt, an, eine solche »Auszeit« könnte eine erlösende Wirkung auf meine Kreativität gehabt haben. Ich halte einen solchen Gedanken durchaus nicht für abwegig, jedoch wird das Ganze dadurch, um es mal schön zu formulieren, unpräzise, da du weder darauf eingehst, was genau ich in der Zeit getan habe, noch darauf, inwiefern sich das eventuell günstig auf meine wissenschaftlichen Grübeleien ausgewirkt haben soll. Ich persönlich sehe da keinen anderen Zusammenhang als den, dass ich mich auch in diesen Jahren mit einer Art Dunkler Materie befasst habe, insofern nämlich, als auch gewisse Bohnensorten, in gerösteter Form, eine dunkle Farbe bekommen. Ich kann gut nachvollziehen, weshalb mein Vater frustriert war, was er ja auch bei dem Mittagessen im Dovrehallen zum Ausdruck gebracht hat: Ich galt als ein vielversprechendes Talent auf dem Gebiet der Teilchenphysik, meine Dissertation hatte Aufmerksamkeit erregt, und jetzt hatte ich dieses angebliche Talent auf Eis gelegt, besser gesagt, ich gebrauchte es zu nichts anderem als zum Servieren von Kaffee. Ich hatte den umgekehrten Weg eingeschlagen wie den, von dem man oft hört – vom Tellerwäscher zum Superstar. Ich war ein ehemaliger Star, der hinter einer Kaffeehaustheke gelandet war.
*
Warum ich im Café Laboratorium zu arbeiten begonnen habe?
Wenn jemand mir diese Frage stellte, hatte ich eine kurze, klare Antwort: wegen Peter Higgs. Das stopfte ihnen das Maul, weil sie begriffen, dass sich dahinter eine lange und schmerzvolle Geschichte verbarg, eine Geschichte, die sie lieber nicht hören wollten. Oder aber sie verstanden, dass ich nicht darüber reden wollte. Die Wahrheit ist, es hat sich einfach ergeben, ein Zufall, genau wie alles andere, denn ausgerechnet am Tiefpunkt einer desillusionierten Phase, im Sommer 2012, traf ich einen Freund, Aslak, der gerade eine Kaffeebar eröffnet hatte. Ob ich mitkommen und bei ihm aushelfen könne? Klar, antwortete ich. Solange ich nicht mehr an das denken musste, was jubelnde Wissenschaftsjournalisten das Gottesteilchen nennen, was in meinem Vokabular aber das Teufelsteilchen hieß, würde ich alles Mögliche tun können, dachte ich oder meine ich mich zu erinnern, dass ich gedacht habe.
Doch ich wurde positiv überrascht. Ich hatte mich auf ein ruhiges Leben in stillen Gewässern eingestellt, fand jedoch sehr bald heraus, dass ich mich in einem Zentrum befand, denn die Cafés waren ja die Nabe der Gesellschaft. Die Menschen brauchten Kaffee, und noch mehr: richtig zubereiteten Kaffee, guter Kaffee ist das Soma unserer Zeit, es war ja schon beinahe jenseitig, wie viel schlechter Kaffee überall serviert und konsumiert wurde – jetzt rede ich schon genauso daher wie einer dieser Kaffeenerds, die ich nach und nach mit einiger Skepsis betrachten sollte. Immerhin hatte ich jetzt eine Antwort auf die Frage gefunden, wovon dieses Land leben würde, wenn sich das mit dem Erdöl erledigt hätte, eine Frage, die sich zu der Zeit auch viele andere stellten: Kaffee. Manche haben den Kaffee das schwarze Gold genannt, aber sie irrten sich, Kaffee war schlicht einfach das neue Öl. Zu meiner Überraschung gefiel mir der Job. Die Espressomaschine, das Geräusch des unter Druck entweichenden Dampfes, gaben mir das Gefühl, Lokomotivführer zu sein. Die Kaffeebars sind die Lokomotiven des innovativen Norwegens, sagte ich mir.
Ich wollte nicht lange dort bleiben, mein Plan war, das Lokal als Thinktank zu nutzen; es war ein Ort, der mich nicht an meine frühere Beschäftigung mit Feynman-Diagrammen und Teilcheninteraktionen erinnerte, ein Ort, wo mir, vielleicht unvermutet, eine Idee kommen würde, was ich später machen wollte; ein halbes Jahr, höchstens ein halbes Jahr, dachte ich, doch dann war ich bald schon ein ganzes Jahr dort, dann zwei Jahre, dann vier … Je mehr man versucht, die Zeit anzuhalten, desto schneller vergeht sie.
Als ich Aslak auf der Uni über den Weg gelaufen war, hatte er Chemie studiert – ich erinnere mich noch an eine Diskussion, bei der er steif und fest behauptete, Play-Doh, die Knetmasse, sei gefährlich für Kinder, weil der anregende, süßliche Duft sie zu Sniffern machen könne. Aslak war eine Art Start-up-Unternehmer, der noch zwei andere Lokale in der Stadt besaß, zu der Zeit gab es massenhaft Leute wie ihn, junge Menschen mit Unternehmergeist, die keine Furcht kannten, die einfach drauflosmachten und sich das nötige Kapital beschafften, Dinge in Bewegung setzten; ich gebe zu, ich bewunderte ihn heimlich. Nach der Sperrstunde sprach er oft über die strahlende Zukunft der Branche, ein Klondike für Kaffeebars, sagte er und klopfte mir auf den Rücken, sieh dir bloß England an, sagte er, dort hat sich die Anzahl der Cafés in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, die zuckerhaltigen Getränke sind auf dem Rückzug, sagte er, es geht das Gerücht, Coca-Cola soll es auf eine der großen Ketten abgesehen haben, selbst Länder, in denen traditionell Tee getrunken wird, selbst China, werden immer süchtiger nach Kaffee! Skål, sagte er. Aslak mixte nach Sperrstunde oft einen Black Russian für uns, er hatte irgendwo versteckt Wodka und Kahlúa stehen. Dazu legte er seine Lieblings-LP auf, We Got Requests vom Oscar-Peterson-Trio. Hör dir diesen Flow an, genieß es einfach und halt den Rand, sagte er.
Ich würde dir gern einen Black Russian servieren, Nina, habe aber nur Marillenbrand im Haus, eine regionale Spezialität, die ziemlich—
Stimmt, wir sollten nüchtern bleiben.
Die Kaffeebar hatte übrigens eine vorteilhafte Lage am Akerselva, direkt bei der Mathallen, der großen Markthalle, wo sich früher die Eisengießerei Vulkan befand, es war dieselbe Geschichte wie überall, die alte Industrie musste ihren Platz an die heutige Genussindustrie abtreten. In diesen Jahren wohnte ich in einem kleinen Nest in der Fougstads gate in Ila und hatte es nicht weit zum Café. Übrigens gefiel es mir gut, dass die Wohnung ganz oben an der sogenannten Ulve-Treppe lag, der Wolfstreppe. Eine Freundin von Liz hatte früher dort gewohnt, und Liz hatte mir den Tipp gegeben, als sie auszog.
Zu Aslaks Konzept gehörte auch, dass wir als Hintergrundmusik immer nur Jazz auflegten, auf Vinyl; er hatte einen Plattenspieler hinter dem Tresen stehen und verfügte über eine erlesene Auswahl an LPs, die er von seinen Eltern geerbt hatte; Aslak hatte eine Schwäche für Klaviertrios und hasste Saxophon, das Sax sei vulgär, ein Sax zerstöre die Stimmung in einem Café, meinte er, überhaupt alle Blasinstrumente, eine Gitarre könne er zur Not noch akzeptieren. Eine Ausnahme gab es allerdings: Chet Bakers weiche Trompete. Eigentlich war ich es nie leid, immer dieselben LPs zu spielen, deren Cover wir auf einem Regal aufstellten, damit neugierige Gäste sehen konnten, wovon der Genuss des Kaffees, den sie tranken, begleitet wurde. Auch ein paar neuere Musiker, die er endlich auf Vinyl gefunden hatte, wurden von Aslak in Ehren aufgenommen, Brad Mehldau mit seinem Glenn-Gould-artigen Klavierspiel, und Fred Hersch, ebenfalls Amerikaner. Ich selbst legte am liebsten die Älteren auf, Blossom Dearie etwa mit ihrer Mädchenstimme und dem schlichteren Spielstil; dass sie norwegische Vorfahren hatte, war dabei auch kein Schaden. Ich glaube, in erster Linie war es vielleicht die Musik, die mich in dieser Zeit aufrechterhielt, außerdem musste ich – das soll gesagt sein – bei Blossom Dearie immer an meine Mutter denken. Wenn wenig zu tun war, stand ich oft einfach herum und lauschte diesen Virtuosen, hörte sie einen Akkord anschlagen und im nächsten Moment die Töne umkehren, um mich in eine andere Richtung mitzunehmen, hin zu einem neuen Akkord – ich weiß nicht, warum ich das erwähne, aber es würde mich nicht wundern, wenn auch der Jazz, auf der einen oder anderen Ebene, in meine Idee zum Abelson-Modell mit hineingespielt hätte.
Sicher aufgrund seiner Beschäftigung mit der Chemie hatte Aslak das Lokal Café Laboratorium getauft – von den Leuten sehr bald zu »Labben« verkürzt –, es war gewissermaßen ein Ort, an dem man das Periodensystem der Kaffeesorten studieren konnte. In den besten Stunden, wenn ich messend und gießend hinter der Maschine stand, wurde ich selbst mitunter ein wenig an die Versuche aus dem Chemie- oder Physikunterricht in der Schule erinnert. Café Laboratorium war im Grunde ein klug gewählter Name, bot er den Leuten doch einen Vorwand, hineinzugehen und sich niederzulassen: Es war ein Ort, an dem man in Form von Gesprächen Unterricht erteilt bekommen konnte, oder eigentlich eher durch Selbststudium, da doch ein Großteil der Gäste die meiste Zeit mit einem Headset auf dem Kopf auf einen Bildschirm starrte.
Wie es mir gegangen ist in diesen Jahren? Ich habe vergessen, wie es mir ging, ich servierte Kaffee, die Tage vergingen, ich legte »As Time Goes By« auf und »Autumn Leaves« und »The Water Is Wide«, ich bereitete Kaffee zu, die Zeit verging einfach, ich war zufrieden, zumindest glaubte ich, dass ich zufrieden war.
Selbstbetrug? Das Wort würde ich nicht verwenden, aber nach so vielen Jahren hatte ich – unbewusst vielleicht – die Grenze meines Barista-Daseins erreicht. Am Tag vor dem Treffen mit meinem Vater im Dovrehallen hätte ich um ein Haar einen Skandal ausgelöst, wobei der Vorfall mit ziemlicher Sicherheit als Resultat einer schleichenden Unzufriedenheit mit meiner Lage, aber auch generell als eine Skepsis gegenüber der mehr oder weniger hysterischen Kaffeekultur zu sehen ist, denn was mich mittlerweile zu stören begonnen hatte an Aslak und seinen selbstgerechten Kollegen, mit denen er sich zeitweise umgab und die sich insofern als unmusikalisch herausstellten, als sie ihn immer ersuchten, den Jazz abzustellen, sogar einen Oscar Peterson, der gerade dabei war, durch »Quiet Nights of Quiet Stars« zu tanzen, war dieses inquisitorische Interesse für jedes kleinste Detail in Bezug auf das Thema Kaffee, dieses ewige Herumreiten auf allem, was bei der Zubereitung eines mustergültigen Kaffees stimmen musste: Mahlgrad, Temperatur, Druck, Durchlaufzeit, ganz zu schweigen von den lyrischen Floskeln, die sie zur Beschreibung des Geruchs frisch gebrühten Kaffees herunterleierten; auf mich wirkte es, als hätten sie die Bestrebungen der alten Chinesen zur Herstellung eines Elixiers übernommen, das einem ewiges Leben spendete. Andauernd zankten sie sich, dass die Tassen klirrten, und versuchten sich gegenseitig mit ihrem Kauderwelsch zu übertrumpfen, sie erinnerten mich an meine früheren Kollegen, wenn sie in der Mensa des Physik-Instituts ihre Argumente für oder gegen die Stringtheorie oder Extradimensionen vorbrachten. Diese Baristas waren wie eine Sekte, und natürlich hatten sie auch ihre hoch angesehenen Gurus. Ist das Norwegen, auf den Punkt gebracht, Nina? Ein zur Religion erhobenes Alltagsgetränk? Das Wichtigste bei diesen Sitzungen jedoch war für sie, ihrem Ärger über schwachsinnige Kunden freien Lauf zu lassen, besonders über diejenigen, die einen einfachen Latte mit extra Milch bestellten. Wir betreiben hier keine Meierei, sondern ein Café! Und minutenlang konnten sie über den Witz über einen Journalisten lachen, der wie aus Bewunderung für seinen polnischen Schreibkollegen einen doppelten Kapuscinski bestellt hatte.
Ja, sorry, ich bin kurz davor, komplett abzuschweifen. Der erwähnte Anflug eines Skandals war einer schwierigen Kundin geschuldet, die sich genauso aufführte wie diese Nerds, von denen ich gerade gesprochen habe. Nun muss ich allerdings dazusagen, dass ich davor schon verärgert war. Direkt vorher nämlich hatten sich zwei unerträgliche Teenager über das Blatt beschwert, das ich in den Schaum ihres Cappuccinos gezeichnet hatte, sie wollten ein Foto von ihrem Lunch auf Instagram stellen und fanden es nicht gelungen. Und das sagten sie zu mir! Ich war ein Meister im Gestalten dieser kleinen Dekorationen, ich hätte die Mona Lisa in den Schaum zeichnen können! Aber es war, als würde man Perlen vor die Säue werfen, nur selten bekam ich ein Kompliment für meine originellen Figuren, die wirklich einem Laboratorium würdig waren. Für diese jungen Frauen schien es wichtiger zu sein, ein Foto von ihrer Tasse Kaffee zu schießen, als sie zu genießen. Ich bin auf dem besten Weg, ein alter Griesgram zu werden, dachte ich.
Wahrscheinlich aber hatte ich in meinem Barista-Leben ohnehin schon aus dem letzten Loch gepfiffen, daran war nicht nur diese Kundin schuld. Sie war mir bereits aufgefallen, weil sie früher schon mehrmals hier gewesen war, sie verbrachte die Hälfte der Zeit mit dem Ausfüllen von Antragsformularen der Arbeits- und Wohlfahrtsbehörde, den Rest, um sich YouTube-Videos anzusehen und Blogs zu lesen. Jedes Mal, wenn sie Kaffee bestellt hatte, hatte sie einen abschätzigen Blick auf die Tasse geworfen, die ich ihr reichte. Jetzt aber könne sie nicht länger schweigen, sagte sie. Sie habe einen doppelten Latte bestellt und sei alles andere als zufrieden, wir würden falsch geröstete Bohnen verwenden, der Espresso habe nicht genügend Säure und die Milch sei zu kalt. Tja, sagte ich, es sei bedauerlich, das zu hören, das sei ja fast eine Katastrophe von globalem Ausmaß.
Verstehst du mich, Nina? Wie du weißt, gibt es heutzutage erstaunlich viele Connaisseurs, die wirklich ihren Arabica von einem Robusta unterscheiden können, ich hätte wissen müssen, wie ich mit der Situation umzugehen hatte, spürte aber die Wut in mir aufsteigen, während diese Frau, ausgestattet mit Hermès-Halstuch und Chanel-Tasche, vor mir stand und mir einzureden versuchte, sie würde mehr über Bodenbeschaffenheit und Lichtverhältnisse und Geschmacksprofile wissen als die erlesensten Weinkenner; und weil sie immer noch keine Ruhe geben wollte, sondern mich regelrecht beschimpfte in dem hellen Lokal mit den überreich gefüllten Regalen und den kostenlosen Annehmlichkeiten, ertappte ich mich bei dem Wunsch, das ganze Café Laboratorium würde sich in eine einfache Torfhütte verwandeln und diese Frau und alle ihre Gleichgesinnten hundertfünfzig Jahre in der Zeit zurückversetzt werden, damit ihre Blickwinkel wieder ein wenig zurechtgerückt würden und sie sich vor Augen führten, woher wir kommen; vielleicht würden sie gleichzeitig auch daran erinnert, was für ein unbeschreiblicher Genuss es sein konnte, Kaffee zu trinken, der in einem rußigen Kessel über dem Feuer gebrüht wurde.
Ja, doch, ja. Natürlich. Du brauchst mich nicht so böse anzusehen, als Publizistin – oder sollte ich dich Schriftstellerin nennen? – bist du sicherlich eine eifrige Besucherin solcher Orte, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Damals ist man uns ja auch ständig damit in den Ohren gelegen, wir müssten uns umstellen, aber ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, dass sich hier, quasi in einem Labor, irgendwer von den Gästen dafür interessierte. Obwohl vonseiten der Politik lautstark verkündet wurde, Norwegen würde neu gekoppelt werden, haben wir stattdessen den Großteil der Zeit damit verbracht, uns selbst abzukoppeln. Trotzdem gehörte Aslak zu den Optimisten, er betrachtete die Cafés als Erweiterung der Büros. Tatsächlich kam eines Tages eine unwahrscheinlich erfolgreiche Krimi-Autorin herein und setzte sich zum Schreiben hin, worauf das Café Laboratorium kurzzeitig zum Leben erwachte, plötzlich wirkte es, als wären alle intensiv mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, als wären sie, inspiriert von der Erfolgsautorin, gerade dabei, eine App zu programmieren, die ihnen im Handumdrehen unverschämten Reichtum einbrachte, doch als ich zum Abräumen herumging, sah ich nur Onlineausgaben irgendwelcher Zeitungen oder Scherzvideos, Spiele oder Social Media auf den Bildschirmen; selbst etwas zu erschaffen, war schwieriger, als ein Foto von seinem Kuchenstück und der Kaffeetasse zu schießen und es via Snap zu verschicken, mit einer lustigen, fingergezeichneten Sonne oben in der Ecke. Schon damals war die Tendenz zu erahnen, die in den darauffolgenden Jahren noch deutlicher zutage treten sollte: Hinter all den schönen Worten interessierten sich die Menschen in Norwegen nicht für Innovation, sondern nur für die Vergrößerung ihres Wohlstands, sie begeisterten sich für Kaffee und Laufen, für künstliche Stimuli und Flucht. Ihre Laufschuhe beschafften sie sich bei Löplabbet und ihr Koffein im Café Laboratorium.
Ob das übertrieben ist? Kein bisschen. In diesem Punkt werde ich mich nicht beherrschen, Nina. Und vergiss nicht: Diese Wut, oder wie ich es nennen soll, ist ebenfalls ein entscheidender Faktor. Wir schrieben die Kaffeekarte mit Kreide auf eine Tafel. Tief in mir drin musste ich mich danach gesehnt haben, diese Kreide wieder für das Aufschreiben von Gleichungen zu verwenden, eine große Tafel mit Zahlen und Symbolen zu füllen; das heißt, wenn, dann war es eine verdrängte Sehnsucht, tief verborgen in dem berühmten Unterbewusstsein.
Jedenfalls … Da stand ich also vor einer höchst anmaßenden Dame, die nicht zufrieden war mit der Temperatur der aufgeschäumten Milch, auch dann noch nicht, als ich ihr erklärte, die Milch würde wie die reinste Pampe schmecken, wenn ich sie noch heißer machte; und während ich so dastand mit meinem Ärger über diese unsympathische Person, die an diesem Tag obendrein eine Sonnenbrille von der Größe eines Visiers trug, wie eine Slalomfahrerin auf Abwegen, erschlug ich sie in Gedanken mit dem Kaffeetamper, ein kurzer, kräftiger Hieb gegen die Schläfe. Stattdessen aber fügte ich übertrieben höflich hinzu, wir betrieben hier keine Alchemie, sondern versuchten bloß, halbwegs guten Kaffee zu machen. Scheiße, echt jetzt, Nina. Entschuldige mein Fluchen. Ich erinnere mich, dass ich einen kurzen Blick zur Markthalle hinüberwarf, wo die Eisengießerei Vulkan im 19. Jahrhundert Gewichte hergestellt hatte, danach Treppen und später Brückenkonstruktionen. Früher haben wir Waren produziert, dachte ich, heute produzieren wir nur noch verwöhnte Menschen, Individuen, die alles haben und trotzdem unzufrieden sind.
Die Kundin – die Inkarnation Norwegens, wie ich sie nannte – starrte mich immer noch ungeduldig an. Obwohl, hinter den dunklen Brillengläsern konnte ich ihre Augen ja nicht sehen. Ich fantasierte davon, wie herrlich es wäre, ihr ein Kännchen geschäumte Milch ins Gesicht zu schütten, ihr die riesige Gucci-Brille herunterzureißen und darauf herumzutrampeln. Zum Glück kam Aslak zu meiner Rettung, legte »Waltz for Debby« auf und lächelte der Frau zu. Hol noch Malabar, flüsterte er mir zu, oder geh ins Hinterzimmer und zähl bis zehn.
In dieser Geschichte steckt ein wesentlicher Kern, und zwar einer, der freilich nichts mit der Kaffeebranche zu tun hat, ich hätte ganz gleich wo arbeiten können. Die Geschichte handelt von mir, von einer Betäubung, von der Flucht in ein Leben, das mich meine Niederlage in der Physik, den verfluchten Higgs, vergessen lassen konnte. Anfangs hatte ich noch manchmal Diagramme auf Servietten gekritzelt, mich auch noch in der Freizeit Gedankenexperimenten gewidmet, doch damit war bald Schluss. Du wirst dir kaum vorstellen können, wie fertig ich war, ich wusste es selbst nicht einmal. Der Auftrag meines Vaters kam wie gerufen, ich wage nicht daran zu denken, wie es hätte ausgehen können – ich will nicht ausschließen, dass ich eines Tages einem herumnörgelnden Gast eine ernsthafte Verletzung zugefügt hätte, regelrecht ausgetickt wäre –, hätte ich nicht einen Briefumschlag mit einem Ticket nach Hongkong bekommen.
Die Reise hatte mich müde gemacht, ich ging hinauf ins Hotelzimmer – fast hätte ich gesagt, in die Wohnung – und da ohnehin bald Abend war, blieb ich den restlichen Tag dort.
Es mag sich seltsam anhören, aber schon diese ersten Stunden in Hongkong schienen meinen Blickwinkel völlig verändert zu haben. Ich erinnere mich noch, wie ich am Fenster stand und auf den Victoria Harbour hinausblickte, verwirrt, aber trotzdem hellauf begeistert, denn vor dieser Aussicht und mit der Empfindung, mich in diesem riesigen Land zu befinden, dachte ich plötzlich, dass ich alles, was ich in meinen fünf Jahren als Barista im Café Laboratorium getan und gedacht hatte, in zwanzig Sätzen oder im Laufe weniger Minuten wiedergeben könnte, ohne etwas Wichtiges auszulassen. Jetzt aber, dachte ich, jetzt wurde ich in Bewegung versetzt. Es geschieht etwas. Ich wusste nicht, was, ich wusste nur, dass etwas geschehen würde.
Ich legte mich auf das komfortable Bett, und während ich so auf dem Rücken lag und kurz davor war, Arme und Beine zu spreizen wie als Kind, wenn wir Schnee-Engel gezeichnet hatten, dachte ich an die brodelnde Stadt, die mich umgab, an all das Fremde, das sich gar nicht so fremd anfühlte. Irgendwo hier lief meine Schwester herum. Ich wusste nicht, was sie hier wollte, ich wusste nicht, weshalb mein Vater um sie besorgt war, und in dem Moment kümmerte mich das auch gar nicht, ich wollte mir jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen, ich war hier, in einer von Drachen bewachten Großstadt, und es fühlte sich absolut richtig an, es fühlte sich an, als hätte mich das Leben auf genau diese Reise vorbereitet; zufrieden – und voller Erwartung, sollte ich hinzufügen – lag ich in dem majestätischen Bett, schloss die Augen und schlief ein, ich wurde nicht einmal von einem Jetlag geplagt.
Warte, ich muss das Manuskript holen. Vielleicht willst du in der Zwischenzeit auf dem Balkon Luft schnappen und die Radfahrer beobachten – an den Wochenenden könnte man meinen, eine Etappe der Tour de France sei hierherverlegt worden, man sieht einen nie endenden Strom an Freizeitsportlern im Business-Outfit, die den See entlang bis nach Lausanne radeln. Oder du könntest die schicken Boote in der Marina bewundern. Rechts, ja, dort, liegt das bekannte Genfer Schwimmbad, so voller Menschen, dass es mich an das Frogner-Bad erinnert, nur dass sie hier den ganzen See als Becken benutzen. Wenn man also, mit Verlaub, schnell mal pissen muss, ist es halb so wild.
Hör dir das an, Nina … Mist, wo war das noch gleich … Ja, du schreibst: »Im Sommer 2017, nach einem Aufenthalt in Hongkong, beschloss William Abelson, wieder zur Physik zurückzukehren.« Es ist ja durchaus okay, ohne viele Worte auszukommen, aber das ist ein starkes Stück. Es ehrt dich, dass du neugierig geworden bist auf diese für mich unruhigen Tage, auf das, was ich in der chinesischen Stadt eigentlich erlebt habe. Denn das sollst du wissen: Hinter diesem einen Satz von dir verbirgt sich ein ganzes Universum.
Nehmen wir nur das Hotel. Eines der Dinge, die mir am prägnantesten in Erinnerung geblieben sind, ist das Aufwachen am nächsten Morgen, es war wie … Es war völlig … Manchmal glaube ich, meine bahnbrechende Idee, zumindest der Ansatz zu meiner bahnbrechenden Idee, sofern ich diesen Ausdruck verwenden darf, musste mir bereits in dem Augenblick gekommen sein, als ich die Augen öffnete. Irgendetwas an meiner Ungewissheit jedenfalls, vermischt mit einer Art Angst, führte dazu, dass ich einen Sinnesapparat mobilisierte, der viel zu lange auf Sparflamme gelaufen war. Sofort registrierten meine Fingerspitzen, dass das Bettzeug eine andere Textur aufwies, irgendwie dicker und glatter, und ich demnach in einem fremden Zimmer lag, nicht zu Hause an der Ulve-Treppe in Ila, und weil der Erinnerung noch nicht genügend Zeit geblieben war, mit dem von den Sinnen Erfassten gleichzuziehen, dominierte nach wie vor die Verängstigung, als ich die Beine auf den Boden stellte und, wie zur Orientierung oder um endgültig aufzuwachen, die Gardinen zurückzog – nur um dort einen Anblick vorzufinden, der mich noch mehr verwirrte: Ich blickte auf einen See oder eine Bucht, und auf der anderen Seite der Bucht trafen meine Augen auf ein Stadtgebiet mit einer langen Reihe aus Wolkenkratzern, die sich vor einem leuchtend grünen Steilhang um die Plätze stritten. Ich hätte mich in einem x-beliebigen Metropolis irgendwo auf der Welt befinden können. In einer Art Archetyp. Irgendetwas aus einem Film, einem Comic.
Eine Aussicht wie auf eine andere Welt, dachte ich.
Falls ich nicht überhaupt dachte: Ich bin in einer anderen Welt.
In diesen Sekunden ist vieles geschehen, auf irgendeiner Ebene, so als hätten die verschiedenen Bestandteile eines Schlosses sich plötzlich bewegt und wären mit einem lauten Klick eingerastet, und, wie gesagt, ich will nicht ausschließen, dass in diesem Augenblick, an einer Art existenziellem Nullpunkt oder in einem Niemandsland, sich etwas in mir dieser verblüffenden Erkenntnis öffnete, die mich bereits hinter der nächsten Ecke erwartete. Oder etwas hat mir die Möglichkeit eröffnet, sie zu empfangen.
Endlich erinnerte ich mich, wo ich mich befand. Und wieso ich hier war.
Warst du schon einmal in einem Nobelhotel? Wohnst du womöglich im Hotel Kempinski gar nicht so weit von hier, dem Genfer Prunkhotel?
*
War nur ein Witz, ich weiß, wie knausrig die Verlage sind.
Aber du hast schon einmal erlebt, was für ein Genuss das ist. Und dieses Hotel war nicht nur schön, ich würde es als vornehm bezeichnen, und zwar auf klassische Art; es musste eines der weltweiten Tophotels sein, das war mir schnell klar. Der Luxus steckte in jedem Detail. Eigentlich hatte ich für materielle Dinge nie so viel übrig, aber ich gebe zu, es versetzte mich in gute Stimmung, das Badezimmer zu betreten mit dem vielen Marmor und einer ganzen Batterie an Körperpflegeartikeln, den unbegreiflich dicken, mit dem Monogramm des Hotels bestickten Handtüchern und natürlich dem Bademantel, der sich wie ein Krönungsmantel anfühlte. Die Dusche war nicht nur eine Dusche, sondern gab mir das Gefühl, ich stünde unter einem weichen Wasserfall im Garten Eden.
Der Lackmustest eines Hotels aber ist, wie jeder weiß, das Frühstück. Und was für ein Frühstück das war im Peninsula! Allein bei der Erinnerung spüre ich ein Zucken in den Gedärmen, denn vieles von dem, was man sonst zu Mittag oder abends bekommt, gab es auch bei diesem unerschöpflichen Frühstücksbuffet, kunstvoll präsentiert auf einer Unzahl an Tischen, bisweilen unterbrochen von kleinen Kochinseln, hinter denen Köche bereitstanden, um jedem kleinsten Wink der Gäste nachzukommen. An diesem Morgen begnügte ich mich dennoch mit einem Omelett, dessen Füllung ich selbst wählen durfte. Danach, weil ich noch ein bisschen hungrig war, holte ich mir ein paar Scheiben Schinken und Feigen. Ja, Feigen. Diese Geschmackskombination, die ich plötzlich Lust hatte zu probieren – und die überaus geglückt ausfiel –, rief eine seltene Form des Wohlbehagens in mir hervor, und verstärkt wurde die Freude durch die South China Morning Post, die ich währenddessen durchblätterte, um mich auf den neuesten Stand zu bringen über die Geschehnisse in dem geografischen Gebiet, in dem ich mich gerade befand, und mit halbem Ohr lauschte ich nebenbei der Polyphonie um mich herum, den in verschiedenen Sprachen geführten Gesprächen der anderen Gäste.
Was ich sagen wollte: Nachdem ich fertig gefrühstückt hatte, mit Blick auf ein Gebäude, von dem ich später herausfand, dass es sich um das neue Kulturzentrum handelte, blieb ich noch ein wenig sitzen und dachte über Liz nach. Wieso war sie in Hongkong? Als ich im Geist die Leidenschaften Revue passieren ließ, denen sie der Reihe nach verfallen war, fand ich keine natürliche Erklärung dafür. War sie womöglich vor einem Liebhaber geflüchtet? Ihre Beziehungen waren in der Regel kurz, aber intensiv. Vater sprach ironisch von ihren »flüchtigen Liebesaffären«. Im Grunde war alles an ihr flüchtig, sie kam nie zur Ruhe. Das allein jedenfalls war nicht alarmierend. Sie brauchte bloß eine Verschnaufpause. Im Hinterzimmer bis zehn zählen.
Im Übrigen bin ich kein guter Gastgeber. Da sitze ich hier und rede vom Essen … Bist du hungrig? Ich habe zwar nur—
Okay, mir gefällt deine hohe Arbeitsmoral.
Nein, was du über Liz geschrieben hast, ist nicht schlecht, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich ohne sie niemals Physiker geworden wäre, ist es eben alles andere als ausreichend. Mag sein, dass Freunde und Lehrpersonen eine wichtige Hilfe sein können – in meinem Fall handelt es sich um eine außergewöhnliche Schwester. Während ich meinen Vater immer mit Verwunderung betrachtet habe, muss ich, was Liz betrifft, auf ein anderes Wort zurückgreifen: Bewunderung.
Wir sind in der Deichmans gate in Oslo aufgewachsen, und ich muss dir mein Kompliment aussprechen für die schönen Passagen über die Møllergata-Schule, den Friedhof Krist kirkegård und alles das – sogar den Kapitol-Hügel hinter den Säulen bei der Bibliothek hast du erwähnt –, aber du hättest etwas mehr über unsere Wohnung an der Ecke bei der Steintreppe oben in der Wilses gate schreiben können – es gibt unzählige Familienfotos von Nationalfeiertags- oder Geburtstagsfesten, auf denen wir, mit dem gelben Funktionalismus-Bau im Fredensborgveien als Hintergrund, auf dieser Treppe aufgereiht stehen. Ich glaube, die Wohnung in Ila, in die ich als Erwachsener gezogen bin, hatte es mir deshalb so angetan, weil sie ebenfalls an einer Treppe lag und gewissermaßen einen Aufstieg symbolisierte, die Ulve-Treppe ist ja noch einmal von ganz anderem Format als die Treppe meiner Kindheit, auch wenn es uns nicht schwerfiel, die wenigen Steinstufen in der Wilses gate in eine der stolzesten Aztekenpyramiden zu verwandeln.
Im Übrigen sei dir verziehen, was du über den frühen Tod meiner Mutter schreibst, sie starb, als ich sieben Jahre alt war, und zwar – wenn wir schon dabei sind – an einer Krankheit, mit der niemand etwas anfangen konnte. Ich kann verstehen, dass du glaubst, das müsste mich geprägt haben – was es sicherlich getan hat –, doch vergisst du zu schreiben, dass der Verlust wesentlich geringer ausfiel, weil ich Liz hatte, und zwar nicht deshalb, weil sie, Gott bewahre, die Mutterrolle übernommen hätte, sondern weil sie ein kluges weibliches Wesen war, vier Jahre älter als ich, eine Person, der ich nicht nur Fragen stellen, sondern die ich außerdem beobachten, die ich mir zum Vorbild nehmen konnte. Sie war beliebt, ein Blickfang. Und sie sorgte auch selbst dafür, wahrgenommen zu werden. An einem grauen, stinköden Dezembertag schneite sie manchmal in einer knallorangen Jacke beim Tor herein und setzte den Schulhof in Brand. Anfang April, wenn in den Parks immer noch Schneeflecken lagen, schwang sie sich gern im grünen Pulli und mit Sonnenbrille den Treppenaufgang hoch und brachte den Frühling in die Nachbarschaft. Obwohl sie es nie auch nur in die Nähe einer Musikkapelle geschafft hatte, war sie die Tambourmajorin des Viertels. Das verschaffte mir freies Geleit, und nicht zuletzt verschaffte es mir – wie ist das Wort? – Ansehen. Die coolen, älteren Jungs lächelten mir alle zu, ich war der kleine Bruder von Liz.
Nein, da irrst du dich, und ich glaube, hier steckt noch etwas anderes dahinter, eine Versuchung, die einfach zu groß ist in Hinblick auf das Biografische: Wird eine Familie ohne Mutter nicht irgendwie dysfunktional? Besteht da bei einem Kind nicht die Gefahr einer psychischen Störung?
Nicht dass ich meine Mutter nicht vermisst hätte, selbstverständlich vermisste ich sie, diese lichte Gestalt mit ihrem Duft nach Lavendel. Sie war klein und schmächtig, wie es heißt, aber drahtig, ein Muskelpaket, sie war als Jugendliche Turnerin gewesen. In meiner Erinnerung ist sie praktisch die reine Energie. Außerdem hatte sie, auf andere Weise als mein Vater, viele Flausen im Kopf. Sie machte gern Fotos von uns in diesen Automaten, die kurz darauf verschwanden, Streifen mit vier Bildern. Ich habe noch immer eines davon, auf dem ich auf ihrem Schoß sitze und sie verschiedene Grimassen schneidet, wie um mir vier Ausgaben von sich selbst zu zeigen. Ja, ich vermisste meine Mutter, sogar die Kinder aus der Gegend vermissten sie – mit ihrer Vorgeschichte bei Hamleys in London war sie eine perfekte Englischlehrerin. Über viele Jahre wurde erzählt, die Kinder aus der Møllergata-Schule würden Englisch sowohl mündlich als auch schriftlich besser beherrschen als die Kinder aus anderen Schulen in der Stadt.
Ich habe darüber nachgedacht: Wenn es stimmt, dass ich ein Talent für Physik hatte – woher hatte ich es? Von meiner Mutter? Zumindest gefällt mir die Vorstellung, dass meine Mutter in dem Maße, in dem man die Biologie hier mit ins Spiel bringen kann, eine Marie Curie in sich trug, oder vielleicht eine Chien-Shiung Wu, die nie die Chance bekommen hatte, sich zu entfalten.
In einem Punkt hast du recht, Nina. Mitunter vermisste ich meine Mutter, aber es war eine Sehnsucht, mit der ich – mit der Zeit – leben konnte. Warum? Weil sie nach wie vor ein Teil der Familie war. Und dabei denke ich nicht nur daran, dass sie, das heißt, ihre Urne, ganz nah zur letzten Ruhe gebettet worden war, unter einem der höchsten Ahornbäume auf dem Friedhof Vår Freslers Gravlund. Sie lag dort zusammen mit Wergeland und anderen norwegischen Berühmtheiten, und wir besuchten sie oft. Kam ich allein, nahm ich manchmal einen der köstlichen Ingwerkekse von Fortnum & Mason mit, den ich vorsichtig auf dem Grabstein ablegte – und so, nichtsahnend, mein Wissen über chinesische Bräuche vorwegnahm. Das waren Mutters Lieblingskekse gewesen, und Vater bekam sie in reichen Mengen von Bekannten aus England, in Dosen, die die reinsten Kunstwerke waren.
Auf dem Grabstein stand ein Vers: »The mere idea of you / The longing here for you / You’ll never know / How slow the moments go / Till I’m near you.« Ich glaubte, er sei einem englischen Kirchenlied entnommen, das Mutter gefiel, etwas über die Sehnsucht, zu Gott heimzukehren, aber ich hätte ihn dir genauso gut vorsingen können, denn er stammt aus dem Jazzstandard »The Very Thought of You«, geschrieben von dem Engländer Ray Noble. Denn meine Mutter hat immer gern gesungen, beim Kochen, beim Einräumen der Spülmaschine, beim Aufräumen. Und sie hat Vater vorgesungen. Und das Allerbeste: Sie hat auch ihm das Singen beigebracht. Einzelne Lieder, wie etwa »It Might as Well Be Spring« oder »Cheek to Cheek«, hatten sie zweistimmig gesungen. Wie hätte ich deine Mutter nicht lieben können, sagte er einmal zu mir. Sie hat mich zum Singen gebracht, mich, der in der Schule immer die Musikstunden geschwänzt hat. Die Zeilen auf dem Grabstein waren in erster Linie ein Trostvers für meinen Vater.
Und Vater hat auch danach noch gesungen, er sang zu Hause und er sang im Laden, brachte die Kunden zum Lächeln, wenn sie mit dem Rücken zu ihm vor einer Auswahl an Babyspielsachen oder ferngesteuerten Autos standen. Das habe ich gemeint, als ich sagte, Mutter sei noch immer ein Teil der Familie gewesen. Sie hatte ihn angesteckt. Selten, aber doch, konnte ich sogar sehen, wie sein Gesicht sich in das von Mutter verwandelte. Eine Sekunde lang. Dann war es vorbei. Dasselbe bei Liz. Manchmal hatte sie das Gesicht unserer Mutter. In der Physik bin ich auf die Neutrinos gestoßen, eines der Elementarteilchen. Es existieren drei Arten von Neutrinos, und alle können sich in das jeweils andere verwandeln. Genau wie bei unserer kleinen Familie, dachte ich manchmal … Ja, du lachst, weil es weit hergeholt klingt, aber was ich zu sagen versuche: Ich vermisste meine Mutter extrem, aber irgendwie war sie für mich nie weg, sie war die ganze Zeit in meinem Leben anwesend, nicht zuletzt durch meinen Vater. Ich hatte sozusagen zwei Elternteile in einem.
Oft dachte ich, dass meine Familie speziell war: Die Mutter tot. Der Vater schweigsam, etwas distanziert. Eine undurchschaubare, rätselhafte Schwester. Und ich. Von außen betrachtet sah das womöglich merkwürdig aus, vielleicht sogar besorgniserregend. Die Wahrheit ist, alles war in bester Ordnung. Meine Kindheit und Jugend verliefen im Großen und Ganzen ohne Probleme. Ich würde behaupten, es ging uns besser als den meisten anderen. Ich betrachtete uns – Vater, Liz und mich – als ein unzerstörbares, ja, als ein gleichseitiges Dreieck. Wir waren keine kleine, wir waren eine große Welt. Früh schon wurde ich auf die pythagoreische Tradition aufmerksam, die behauptet, die Welt bestehe aus 183 anderen, in einem gleichseitigen Dreieck angeordneten Welten. Das gefiel mir, 183 Welten, verteilt auf vier Zimmer und eine Küche.
Aus heutiger Sicht, fast hätte ich gesagt: von hier aus, wo ich gerade sitze, das Gesicht dem Mont Blanc zugewandt, kann ich mit Sicherheit sagen, dass unsere Familie nicht dem Standardmodell folgte. Wir waren anders, wir folgten dem Abelson-Modell.
Aber es war ja Liz, über die ich noch mehr erzählen wollte, entschuldige.
Als Kind habe ich mir nie über das Unbegreifliche an ihr Gedanken gemacht, als Kind war sie einfach meine beste Freundin. Trotz unseres Altersunterschieds bezog sie mich immer in ihre Spiele mit ein. Kann sein, sie tat das aus Pflichtgefühl, zumindest nachdem Mutter gestorben war, aber es hat sich für mich nie so angefühlt, sie war bei ihren Spielen immer mit großem Eifer bei der Sache und behandelte mich wie einen Gleichgesinnten, wie jemanden, der über genauso viel Fantasie verfügte wie sie selbst, und als sie unserem Detektivbüro den Namen Woolf & Woolf gab, empfand ich es ehrlich gemeint. Auch bei ihren Puzzles durfte ich ihr helfen – insbesondere bei solchen mit Tausenden Teilen –, sie brachte mir Origami bei, und ich musste gegen sie spielen, wenn wir neue Brettspiele aus Vaters Laden testeten und sie währenddessen Notizen machte, die eines Forschungsprojekts würdig waren, und nebenbei versuchte sie auch noch, ein eigenes Spiel zu erfinden, indem sie ihre Entwürfe auf die Innenseite eines Pizzakartons zeichnete. Sie beherrschte die ziemlich ungewöhnliche Kunst, Drachen zu basteln, und sie nahm mich mit, wenn sie diese farbenfrohen Konstruktionen auf dem Hang beim Kuba-Park steigen ließ; manchmal hatte sie auch eine Sitzunterlage und einen Picknickkorb dabei, und wenn der Drache kaputtging, blieben wir am Fluss im Gras liegen und lasen die ziemlich innovativen Comics, die sie haufenweise kaufte.
Glaubst du nicht auch, Nina, das könnte eine Rolle gespielt haben? Mich zu einem besseren Physiker gemacht haben?
Was ich sagen wollte … Das Charakteristischste an Liz war also, dass sie bei allem, was sie tat, mit einem monomanischen Eifer dabei war, es ist diese Willensstärke, an die ich mich am besten erinnere. Und, wie gesagt, an ihre vielen Rollenwechsel. Plötzlich wollte sie Polizistin werden und begann, jeden Tag zu trainieren und Kampfsportarten zu lernen, nur um einige Monate später das Norwegische Gesetzbuch durchzuackern, weil sie Anwältin werden wollte. Sie hatte eine Phase als zukünftige Tierärztin, mit einer besonderen Vorliebe für Katzen, ein halbes Jahr lang war sie Modedesignerin, saß Tag und Nacht an Mutters Nähmaschine, und dann wiederum verbrachte sie ihre ganze Freizeit in dem großen Waldgebiet der Nordmarka, weil sie Waldaufseherin zu werden gedachte. Ich fand ein Wort, das zu ihr passte, in Gedanken nannte ich sie Brillant. Ein Diamant, der zu einem Brillanten geschliffen wird, hat sechsundfünfzig Facetten. Liz war genau so, ein Mensch mit ungewöhnlich vielen Seiten. Ich dachte immer, sie würde etwas Außergewöhnliches werden – Rockstar oder Konzernchefin, Spitzenpolitikerin oder Astronautin. Und dann wurde sie Bibliothekarin. Das heißt, zur Zeit ihres Verschwindens in Hongkong hatte sie eine Stelle an der Hochschule in Oslo und Akershus, sie unterrichtete Bibliothekswesen.
Während ich vor den letzten Schinken- und Feigenstücken in dem sonnendurchfluteten Frühstückssaal des Peninsula saß, brachte ich es nicht fertig, den Auftrag – eine Schwester zu finden, wohlgemerkt eine sozial durchaus nicht benachteiligte – ernst zu nehmen. Ich rechnete damit, dass sich alles von selbst aufklären würde und ich mich in der Zwischenzeit einfach zurücklehnen konnte und die Annehmlichkeiten genießen, die mir in Form dieses Aufenthalts in einem Sieben-Sterne-Hotel zuflossen. Um ehrlich zu sein, dachte ich, der Zufall hätte mir einen Sonderurlaub geschenkt.
Ich würde die Jagd nach Liz ein wenig hinauszögern. Ich hatte kein schlechtes Gewissen deswegen. Bald würde irgendjemandem vom Hotel das Missverständnis auffallen und man würde mich höflich, aber bestimmt auf die Straße setzen oder mich, und zwar nicht in einem Rolls-Royce, in das kleine Hotel fahren, in dem ich ursprünglich hätte wohnen sollen, sicher in irgendeinem Drecksviertel mitten in Kowloon, in einem düsteren Zimmer ohne Aussicht oder mit einem Hühnerstall direkt vor dem Fenster. Ich beschloss, so viel wie möglich aus diesem unerwarteten Luxusleben herauszuholen.
Und zugleich, in einem anderen Teil meines Bewusstseins: Was, wenn es kein Missverständnis war? Wer steckte dann dahinter?
Nicht so ungeduldig. Dazu komme ich noch, aber ich muss es in der richtigen Reihenfolge angehen, denn irgendwie scheint bei dem Versuch, mir diese Tage im Peninsula in Erinnerung zu rufen, alles zu verschmelzen, es ist wie eine einzige Reihe verschwommener Szenen; trotzdem sehe ich mich noch mit einem dümmlichen Lächeln herumspazieren und zum Spaß die merkwürdigsten Geräte im Fitnesscenter ausprobieren, sehe mich im Whirlpool und in der Sauna sitzen und danach in einem Schwimmbecken treiben, dessen Einrichtung die Gäste gedanklich ins alte Rom zurückführen sollte, während sie gleichzeitig Ausblick auf die Stadt draußen hatten. Ich ging in den Spa-Bereich, wo ich mir eine Aromatherapie und eine Kopfmassage verabreichen und mich anstandslos zu einer Hot-Stone-Rückenmassage überreden ließ, ich erlebte zum ersten Mal in meinem Leben, wie es war, eine Gesichtsmaske aufgelegt zu bekommen, und verstand nicht, warum ich mir das nicht schon früher gegönnt hatte; die Angebote schienen kein Ende zu nehmen, und oft beschloss ich den Tag mit einem Drink, einem Oak Tree Rum, im obersten Stock des Hotels, als wollte ich mithilfe des Alkohols die Befürchtung abschwächen, das alles könnte sich als Traum herausstellen oder man würde mich wegen schweren Betrugs einsperren.
Ich machte mich auf einen baldigen Anruf von meinem Vater gefasst, wünschte mir aber gleichzeitig, er würde nicht anrufen. Ich sagte mir, ich sei so eine Art Schläfer, der auf weitere Anweisungen wartete, in Wahrheit aber hoffte ich, es würde noch lange dauern, bis ich von meinem äußerst behaglichen Stützpunkt im Hotel abkommandiert würde.
Soweit ich mich erinnere, besuchte ich abwechselnd das japanische und das französische Restaurant – unglaublich, es gab sogar ein Schweizer Restaurant im Peninsula –, jedoch stellte sich bald das kantonesische Spring Moon als mein Favorit heraus, ein intimes Lokal, in dem ich meine Geschmacksknospen mit Gerichten wie gewoktem Hummer in XO-Sauce oder knusprigem Huhn mit schwarzen Trüffeln erfreuen konnte. Ich war für alles zu haben, plötzlich auch für Schwalbennestersuppe. Und was sie hier aus den Scheren der Königskrabbe hervorzauberten, überstieg meinen Verstand.
An einem der ersten Abende saß ich auf dem Zimmer und blickte lange hinaus auf die Meerenge zwischen Kowloon und Hongkong Island. Ich betrachtete die lange Reihe von Hochhäusern, die in Flutlicht und Neon gebadet auf der anderen Seite lagen. Ich weiß nicht, wann mir der Gedanke kam, ob es bereits zu dem Zeitpunkt war oder ob er erst später auftauchte, doch irgendwann kam mir der Verdacht, diese Mauer aus Hochhäusern sei eine Membran, durch die ich hindurchgehen könnte, um in eine andere Wirklichkeit zu gelangen, in eine Welt, in der die Dinge sich nicht so verhielten, wie ich es gewohnt war, wo alles geschehen konnte. Es war, als wäre ich aus einem Land abgereist, in dem die Newtonschen Gesetze galten, und an einem Ort angekommen, an dem ich die Quantenmechanik in Gebrauch nehmen musste, sofern du die etwas hinkende Metapher nachvollziehen kannst.
Eines Abends – ich erinnere mich deutlich – stiegen übrigens auf einmal Gedanken an das Café Laboratorium in mir auf, und das aus einem bestimmten Grund. Es gab eine Bar im ersten Stock, die im Gegensatz zu der hellen, modernen Rooftop-Bar eine traditionelle Bar mit dunkler Clubatmosphäre war, mit braunen Ledermöbeln, dunklem Holz an Wänden und Decke und selbstverständlich einem hervorragenden Pianisten im Smoking an einem Flügel, der so schwarz war, dass er im Halbdunkel nahezu unsichtbar wurde. Dort saß ich mit einem Kaffee und einem Glas Cognac und spitzte die Ohren, als er »Cruising Down the River« zu spielen begann, eines der Lieblingslieder meiner Mutter, er war, soweit ich das beurteilen konnte, ein guter Pianist, und bestimmt war das der Grund, warum ich an Oriana dachte.
Nein, du musst nicht wissen, wer sie ist – obwohl eine Erzählung über diese Frau deiner ziemlich trockenen Darstellung, falls es mir erlaubt ist, das zu sagen, eine gewisse Würze verleihen würde. Wenn ich genauer darüber nachdenke, verdient dieser Mangel vielleicht doch ein wenig Kritik, denn es kann keineswegs ausgeschlossen werden, dass diese Person einen wichtigen Baustein, oder frei heraus gesagt: einen Schlüssel darstellt in dem Konglomerat an Umständen, die mich gegen Ende meines Hongkong-Aufenthalts zu meiner umwälzenden Erkenntnis führten und es mir ermöglichten – um es mit den Worten eines Laien zu sagen –, der Welt der Elementarteilchen ein neues Geheimnis zu entlocken. Das solltest du dir als eine Möglichkeit notieren, Nina. Soweit mir bekannt ist, ist es bis dato noch keinem gelungen, das feinmaschige Kausalnetz zu beschreiben, das aus unserem Leben das macht, was es ist.
Oriana tauchte in jener Phase im Café Laboratorium auf, der du nicht mehr als drei Sätze zu widmen für nötig hältst.
Okay, okay, dann ist es vielleicht ein ganzer Absatz. Aber wie schon angedeutet, bin ich ein bisschen skeptisch, was deine Darstellung meiner Zeit in der Kaffeebar als einen »klugen Schachzug« betrifft. Deine These diesbezüglich – was Ideen und erlösende Faktoren angeht – besagt ja, dass es sich als vorteilhaft erweisen kann, sich in einem anderen Milieu zu bewegen, während der Input früherer Jahre ungestört im Unterbewusstsein weiterblubbert. Entschuldige, dass ich lache. Das ist ein Mythos, meine liebe Nina, eine fadenscheinige Pointe aus den Kreativitätslehrbüchern. Wie berichtet, befand ich mich am Ende in einem Zustand tiefer Gleichgültigkeit, es gab Tage, an denen ich dachte, der einzige Grund aufzustehen war, noch ein weiteres Mal Bill Evans »Polka Dots and Moonbeams« spielen zu hören, noch ein weiteres Mal diese unvergleichlichen Harmonieübergänge genießen zu können.
Vielleicht sollte ich meinen Zustand eher als einen Dauerärger bezeichnen. Auf mich selbst. Im Alter von einunddreißig Jahren hatte ich aufgegeben, ich war in einen Dämmerzustand verfallen, ohne es zu merken. In den dunkelsten Momenten schien es mir wirklich, als seien wir eine Nation von Lotophagen geworden. Homer musste korrigiert werden – das Land der Lotophagen lag nicht mehr im Mittelmeer, sondern im Norden. Und war es denn nicht so? Anstatt uns munter zu machen, versetzte dieser ganze Kaffee uns in Apathie. Die Gäste betraten kein Laboratorium, sondern ein Dormitorium, trotz des ganzen Koffeins saßen sie herum und schliefen mit offenen Augen. Ich bin nicht besser als ein beschissener Drogendealer, dachte ich in den dunkelsten Momenten. In einem sogenannten Coffee Shop in Amsterdam hatte ich einmal eine Karte für die unterschiedlichen Haschsorten neben der für die verschiedenen Kaffeesorten hängen sehen. Sie hatten es kapiert. Das sollten wir auch tun, gleich komplett aussteigen.
Ich hatte den Job im Café Laboratorium als einen Transitraum betrachtet, aber ich war dortgeblieben, ich war selbst ein Opfer all dieses einschläfernden Lotos’ geworden – obendrein entwickelte ich jetzt noch einen elenden Pessimismus. Denn was war das Leben? Die herrlichen Kindheitstage voller Spiele, gefolgt von der konvulsivischen Verliebtheit der Jugend und der Perlenreihe an Erkenntnissen in der Schulzeit; dann das Erwachsenenleben mit seinen 50 000 Tassen Kaffee und einem ewigen Blablabla, und am Ende der Tod? Ich erinnerte mich, wie geschärft ich mich in der letzten Klasse der weiterführenden Schule gefühlt hatte. Jetzt war ich stumpf geworden. Von allen Lotophagen in diesem Land war ich der größte. Hin und wieder schaute ich in dem Messer-Geschäft bei der Markthalle vorbei, um die nadelspitzen Schneiden der japanischen Messer zu befühlen, als wolle ich mich selbst an etwas erinnern. Oder dachte ich an Harakiri?
Ja, ich war frustriert, ich führte wirklich ein ereignisarmes Leben, auch wenn es durchaus seine kleinen Freuden zu bieten hatte. Irgendwie hast du ja vielleicht recht: Ich wartete nur darauf, dass etwas passierte. Etwas, das mir eine neue Richtung aufzeigen konnte, eine Richtung wohlgemerkt, die nichts mit Physik, mit Quarks und Leptonen zu tun hatte.
Und es passierte etwas.
Zu Frühlingsbeginn vor meiner Reise nach Hongkong tauchte eine junge Frau auf. Ein paar Nachmittage die Woche schaute sie im Labben vorbei. Schwarze Haare, die ihr schräg in die Stirn fielen, oft mit einem schwarzen, etwas weiteren Pulli bekleidet, ausgebeulte Hosen mit großen Seitentaschen. Sie hob sich eindeutig ab von diesen ganzen Hipstern, die trotz ihres akribisch durchdachten Dresscodes und ihrer Anzeichen von Originalität einen seltsam einheitlichen Eindruck vermittelten. Sie hob sich auch insofern von ihnen ab, als ich sie nie auf einen Bildschirm hinunterblicken sah, sie saß nur da und trank den Caffè Macchiato, den sie mit gesenktem Blick und einem kleinen Lächeln bestellte, als genügten ihr der Kaffee und ihre Gedanken. Eine Frau, die einfach nur ihren Kaffee genoss! Ich wusste nicht, ob das eine Stärke oder eine Schwäche war, sie wirkte irgendwie schräg. Manchmal hatte sie ein Buch dabei, und ich erinnere mich, dass einige der Bücher einen gemeinsamen Nenner hatten: Carson. Rachel Carson, Anne Carson, Carson McCullers. Mit einem speziellen Druckbleistift, den ich mit Architekten assoziierte, machte sie beim Lesen Notizen an den Rand. War sie vielleicht Architekturstudentin? Die Universität lag etwas weiter den Maridalsveien hinauf. Außerdem fiel mir eine alte Casio an ihrem Handgelenk auf, und das machte mich neugierig, sie sah aus wie ein kleines elektronisches Spielzeug.
Abgesehen von dem Vorhang aus lauer Jazzmusik, den Aslak im Hintergrund wünschte, hatte er auch ein Klavier im Café aufgestellt, »zur freien Benützung an Freitagabenden« – freitags hatten wir länger geöffnet –, aber nur wenige, oder eigentlich niemand, versuchte zu spielen, so als hätten sie begriffen, dass man nicht stören sollte, wenn man nicht gut war.
Eines Freitagabends jedoch zuckte ich zusammen. Ich hatte ein bisschen herumgetrödelt und noch keine neue Platte aufgelegt, und in der Pause, die dadurch entstand, ging diese junge Frau zum Klavier und begann zu spielen, das schwarze Haar schräg im Gesicht, legte ihre Finger versuchsweise auf die Tasten, als suchte, als tastete sie nach den Tönen, die sie dann, fast verwundert, dem Instrument entlockte und ausbreitete, um sie anschließend verspielt im Kreis zu bewegen, alles zu Akkorden und melodischen Taktverläufen zusammenzuflechten. Und sofort erkannte ich die Nummern, die sie spielte, sie gehörten zu der Kategorie von Liedern, die mein Vater immer summte. Doch sie spielte nicht, um sich hervorzutun, sondern mit einer stillen Leidenschaft, als wäre sie allein mit der Musik. Hin und wieder gab sie ein kurzes Stöhnen von sich, wie wenn das Versunkensein in der Musik einen Druck in ihr erzeugte und sie Luft aus einem Sicherheitsventil ablassen müsse.
Anschließend kam ich mit ihr ins Gespräch, und um ehrlich zu sein, ich war ganz versessen darauf, mehr über diese junge Frau zu erfahren, die mit Druckbleistift in ihre Bücher schrieb und »I’ll Just Close My Eyes« und »Paper Doll« auf dem Klavier spielte, und zwar auf eine Weise, als hätte ich sie zum ersten Mal gehört, gewissermaßen von Staub befreit. Sie hieß Oriana – später erfuhr ich, dass eine Freundin ihrer Mutter Italienerin war. Ich hätte sie für eine Studentin gehalten, aber sie unterrichtete an der Grundschule. Nichts ist so erfüllend, wie Kindern beim Lesen- und Schreibenlernen zuzusehen, sagte sie mit gesenktem Blick und einem leichten Lächeln. Sie zeichnen zu sehen. Sie singen zu hören. Bevor die Selbstzensur der Jugend einsetzt.
Besonders gut gefiel mir das mit dem Singen.
Eigentlich hätte ich Zoologin werden sollen, erzählte sie mir an einem anderen Abend. Romantisch wie ich bin, musste ich ein naturwissenschaftliches Fach wählen, um leben zu können. Sie blickte auf und zwinkerte mir zu. Ich habe eine Arbeit über Lachse geschrieben, fuhr sie fort. Was man mit einer Studie über die Zuchtlachsproduktion alles über Norwegen sagen kann, sowohl positiv als auch negativ, ist beinahe grenzenlos. Ich habe eine wissenschaftliche Stelle bekommen, sie aber aufgegeben. Sie senkte den Blick und lächelte.
Wir sind zwei Loser, dachte ich, wobei ich nicht glaube, dass Oriana sich als Loserin betrachtete.
Ich habe mich lange und eingehend mit der Lachsmigration beschäftigt, sagte sie, in Gedanken bezeichnete ich ihre Augen als leicht orientalisch. Glaubst du, die Flüchtlingslager können als eine Art Aufzucht bezeichnet werden?
Sie kam aus Hakadal. Ihre Eltern besaßen einen Uhrmacherladen in Rotnes, das ist das Dorf rund um den Bahnhof Nittedal. Ich finde, es hört sich schön an, wenn ich sage, ich komme aus Hakadal, lachte sie. Als wäre ich aus Hokkaido in Japan oder so.
Vielleicht bist du es ja, sagte ich. Was mich aber ein bisschen überrascht, ist deine alte, billige Casio, wo deine Mutter und dein Vater doch Uhrmacher sind.
Ich hoffe, du bist nicht so ein Snob, der glaubt, nur Rolex oder Patek Philippe wären es wert, sie zu besitzen, sagte sie. Ich hatte immer eine besondere Beziehung zu diesen Casio-Uhren mit ihren vielen lustigen Funktionen, aber noch lieber sind mir die Quarzuhren, ich finde, in den Schwingungen eines Quarzkristalls steckt mehr Mystik als in den mechanischen Armbanduhren mit ihrer kleinen Welt aus Zahnrädern, Ankern, Unruh und dem ganzen Zeug, zu dem so viele ein nostalgisches Verhältnis haben. Besonders als Metapher haben die ja ausgedient. Sie ging dazu über, mir von der Genauigkeit einer Atomuhr zu erzählen. Langsam dachte ich, dass wir etwas gemeinsam hatten.
Später habe ich mir Gedanken darüber gemacht. Uhren als Metapher. Ich erinnerte mich an etwas aus der Physik, bewegte Uhren gegen Uhren in Ruhe.
Ich war völlig hingerissen von ihr, stand pausenlos hinter dem Tresen und schaute sie heimlich an. Wenn sie über ihr Buch gebeugt saß, bewunderte ich ihr schwarzes Haar, so glatt, dass es schimmerte. Zwischendurch strich sie es sich hinter die Ohren, und irgendwie hatten diese Ohren etwas an sich, etwas Spitzes, das mich weniger an eine Elfe, als vielmehr an eine Raubkatze denken ließ. Du siehst irgendwie speziell aus, sagte ich eines Tages, als ich den Macchiato vor sie hinstellte. Du siehst aus wie ein Luchs. Das war das erste Mal, dass ich offen mit ihr flirtete.
Als Kind haben meine Freundin und ich Detektiv gespielt, sagte sie. Wir hatten ein Büro in Hakadal, das wir Lynx & Lynx nannten.
Ist das wahr?, fragte ich und musste mich bemühen, ihr nicht von Liz und mir zu erzählen.
Ist es, sagte sie, während sie mich ansah und ihre schönen Ohren bewegte.
Sie war irgendwie schwer zu durchschauen, was ich befreiend fand in einer Zeit, in der sich alle übertrieben gebärdeten. Und bald entdeckte ich, wie gut sie zeichnen konnte, genauso gut wie Liz. Mehrmals hatte ich sie beim Lesen einer Graphic Novel beobachtet. Hast du die gelesen?, fragte sie mich eines Freitags und zeigte mir ein Buch von Chris Ware mit dem Untertitel The Smartest Kid on Earth.
Handelt das von dir?, fragte ich.
Sie lächelte, ließ sich sonst jedoch nichts anmerken. Ich versuche, Zeichenstile zu sammeln, sagte sie. Ich zeichne viel für die Kinder. Sie mögen das. Zeichnest du auch?
Auf eine Weise hatte ich das einmal, ich hatte Elektronenorbitale gezeichnet, aber davon erzählte ich ihr nichts.
Wenn sie an diesen Freitagabenden zum Klavier hinüberging, stellte ich immer die Musik ab. Ich hörte gern zu, wie sie sich von den gängigen Melodien löste und bei bekannten Phrasen zu improvisieren begann. Ab und zu spielte sie ein wenig ausgefallenere Kompositionen, eine Musik, die beinahe still stand, sie verschob lediglich die Akkorde, setzte sie auf unterschiedliche Weise zusammen und verlegte sie an verschiedene Stellen auf der Klaviatur. Es wirkte nicht, als wolle sie mit den Harmonien eine Dynamik erzeugen, einen Endpunkt erreichen, sondern als formte die Reihenfolge der Akkorde einen Kreis um eine Mitte, die mich an Stille denken ließ. Ich verlor mich fast völlig darin. Einmal brachte ich einem Kunden den falschen Kaffee, weil ich mich nur auf die Musik konzentrierte.
Eines Tages blieb sie bis zur Sperrstunde, und ich begleitete sie hinunter ins Stadtzentrum, was die entgegengesetzte Richtung war, in die ich normalerweise zu meiner Wohnung an der Ulve-Treppe ging.
Welches Stück war das, das du vorigen Freitag gespielt hast, fragte ich, das eine, das sich nicht vom Fleck bewegt hat? Erik Satie?
Etwas Selbstkomponiertes, sagte sie. Ich habe das Stück »Certain Cern Circle« genannt. Vielleicht eher verwandt mit Philip Glass oder John Cage. Schon mal was von Cage gehört, Three Easy Pieces?
Cage lässt sich wohl nicht so leicht in einen Käfig stecken, packte ich die Gelegenheit beim Schopf. Ich hätte auch das mit dem CERN aufgreifen können, tat es aber nicht, ich war fertig mit dem CERN und Protonenkollisionen, und zwar für den Rest meines Lebens.
Sie lachte. Doch dann, plötzlich ernst: Hast du wirklich etwas mit Spielwaren Stjerneplassen zu tun?, fragte sie. Ich weiß nicht, wie sie das herausbekommen hatte, vielleicht hatte Aslak es erwähnt. Ich nickte, ein wenig unsicher, was sie dazu sagen würde. Aber dann erzählte sie, als Kind habe sie oft Spielsachen dort gekauft, auf dem Weg zum Hauptbahnhof, von wo sie den Zug nach Hause genommen habe. Ist das dein Vater – der Mann in dem Mond- und Sternenmantel? Fantastisch. Ich habe ihn geliebt. Er war der Einzige in der Stadt, der japanische Puzzleboxen hatte. Auch jede Menge Teeny Weeny Families habe ich bei ihm gekauft, ich habe noch immer so eine große Standuhr, die zugleich das Haus dieser Winzlinge war. Ich werde jedes Mal ganz zittrig, wenn ich eine der Figuren herausnehme und sie mir ansehe. Wie viele Stunden ich mit denen verbracht habe! Ich war hin und weg. Love them, protect them, collect them. Sie ahmte etwas nach, das ein Werbejingle sein musste, etwas, das ich nur vage wiedererkannte.
Natürlich begannen wir uns über Spielzeuge zu unterhalten, über die Spielsachen unserer Kindheit, und das Thema war – wie immer – unerschöpflich. Allein die Tamagotchis beschäftigten uns eine halbe Stunde. Über dem Gameboy und allen dazugehörigen Spielen verging eine weitere halbe Stunde, wir brauchten lang für den kurzen Weg. Das musste der beste Eisbrecher sein, den man sich vorstellen kann. Es ist mir ein Rätsel, warum das kein Anmachspruch in den Bars ist: Was war dein Lieblingsspielzeug als Kind? Oriana meinte, gute Spielsachen sollten keinem Zweck dienen, nichts Pädagogisches an sich haben, sondern der »Seelenerquickung« dienen, genau wie Bachs Goldberg-Variationen.
Ich hatte die starke Vermutung, dass mein Vater diese Frau mögen würde, und malte mir aus, wie ich sie ihm vorstellte – vielleicht im Dovrehallen.
Ich erzählte ihr nie von meiner Vergangenheit als Physiker, aber es schien, als wüsste sie darüber Bescheid. Ich überlegte, ob ich sie in Blindern an der Uni gesehen haben konnte, wo sie, damals noch am Biologischen Institut, Zoologie studiert hatte. Wusste sie, dass ich wegen des Higgs-Teilchens einen leichten Knacks bekommen hatte? Hatte sie mich nackt auf dem Campus herumspazieren sehen?
Sie wohnte in der Osterhaus’ gate. Ich begleitete sie oft bis zur Tür. Als ich noch ein Kind war, hatte Vater mir beim Durchqueren dieses Viertels immer erzählt, früher habe es hier einen bekannten Holzhändler gegeben, Osterhausgadens Høvleri. Ich habe noch immer den Duft in der Nase, sagte er und schnupperte in die Luft. Bei diesen Spaziergängen durch die Stadt schubste Oriana mich manchmal scherzhaft an, sodass ich das Gleichgewicht verlor und einen Schritt auf die Straße treten musste. Du bist zu leicht, verschaff dir mehr Gewicht, sagte sie. Sie lachte dabei, meinte es aber ernst, ich konnte es in ihren Augen sehen. Es war, als wollte sie sagen: Dein Leben ist geprägt von Resignation, von Gleichgültigkeit, du nimmst alles auf die leichte Schulter, ich kann dir Gewicht verleihen. Ich wusste nicht, was ich mit ihr machen sollte.
Gleichzeitig brachte sie mich dazu, an die Physik zu denken, daran, dass ich mich so viele Jahre mit Masse beschäftigt hatte, mit der Frage, wie Teilchen ihre Masse bekamen, und mit ihrem Gewicht oder ihrem fehlenden Gewicht.
Direkt vor meiner Abreise nach Hongkong schenkte sie mir eine Uhr, eine Grand Seiko Quartz mit blauem Zifferblatt aus den 80er-Jahren. Ich fand, das sei zu viel, fühlte mich fast peinlich berührt, doch sie sagte, ihr Vater habe sie einmal von einem Produzenten bekommen und dass es ein angemessenes Geschenk sei. Das war das Wort, das sie verwendete, angemessen.
Diese Uhr wird dir Glück bringen, sagte sie. Wie um das zu manifestieren, griff sie sanft nach meinen Ohrläppchen und zog mein Gesicht zu sich heran. Ich will dich nur erden, sagte sie, bevor der Blitz einschlägt.
Dann küsste sie mich.
Es gibt einen Grund, weshalb ich vor meiner Antwort eine Denkpause einlegen musste. Ja, wir hatten eine Beziehung. Eine Art Beziehung. Doch bei meiner Abreise nach Hongkong war alles noch in der Schwebe. Trotzdem dachte ich ständig an Oriana, so als hätten meine Erlebnisse in Hongkong auch etwas mit ihr zu tun. Als hätte ich Gewicht bekommen. Bestimmt ist das der Grund, warum ich dir von ihr erzähle, oder vielleicht erzähle ich es deshalb, damit du einen Grund findest, den ich nicht sehe …
Wie dem auch sei: Da saß ich also in der halbdunklen Bar im Peninsula, hörte »Cruising Down the River«, lauschte dem Pianisten, der, wie alle guten Jazzmusiker, einer abgedroschenen Melodie eine Öffnung, eine Ausweitung verlieh, und dachte, dass Oriana jetzt hier sein sollte, und spätestens nach dem zweiten Cognac zog ich ernsthaft in Erwägung, ihr eine Nachricht zu schicken, hatte sie schon halb ausformuliert, doch als ich am nächsten Morgen aufwachte, schlug ich mir die Idee wieder aus dem Kopf – ich musste mich nicht ausgerechnet jetzt mit dem Thema Oriana auseinandersetzen. Ich bin bald wieder zu Hause, dachte ich.
In der Zwischenzeit ließ ich mich von den unzähligen Lokalitäten des Hotels verzaubern – und das Wort trifft es vermutlich genau. Noch heute kann ich mir das Wohlgefühl vergegenwärtigen, das meinen Körper erfüllte, wenn ich in einem der weichen Plüschsessel im The Lobby saß, dem Café im Erdgeschoss, einem Versammlungsort, in den ich mich bereits am ersten Tag verliebt hatte, und jedes Mal, wenn ich mich während meines Aufenthalts dort niederließ, blieb ich lange sitzen, ich genoss es, das Treiben in dem hohen, hellen, mit Säulen und goldenem Deckenstuck verzierten Raum um mich herum zu beobachten, Gäste, die an der Rezeption ein- und auscheckten, Bedienstete mit riesigen, mit Koffern vollbeladenen Messinggepäckwagen, Frauen und Männer, die mit fünf Tragtaschen in jeder Hand bei der Eingangstür hereinglitten, alle mit prächtigen Logos versehen, die eine hochpreisige Exklusivität versprühten; vielleicht gefiel es mir hier sogar am allerbesten, ich saß inmitten der Geschäftigkeit, zugleich aber zurückgezogen zwischen Palmen und üppigen Blumenarrangements, ich konnte mich zurücklehnen, einfach nur beobachten und währenddessen Köstlichkeiten – sofern ich welche bestellt hatte – von der dreistöckigen Afternoon-Tea-Etagere herunterpflücken, die von einem Kellner auf der Tischplatte aus poliertem Stein platziert wurde, und denken, dass mir das allein schon genügte, dass ich nahezu mein restliches Leben hier sitzen könnte, ich würde mir Geschichten über die Gäste ausdenken können, würde einfach nur genießen, einfach nur Tee trinken und Scones mit drei Sorten Marmelade verspeisen. Ich vergaß, wieso ich hier war.
In meiner Erinnerung ist es, als hätte ich Wochen im Peninsula verbracht, alles ist irgendwie verschwommen, jedoch solltest du im Gedächtnis behalten, dass diese Phase nicht länger als vier, fünf Tage gedauert hat. In der Erinnerung liege ich Tag für Tag nur faul auf dem Rücken, während die Güter mir zufließen, mir regelrecht in den Mund gesteckt werden. Eines Morgens, dessen bin ich mir jedenfalls sicher, bestellte ich das Frühstück aufs Zimmer, worauf schon bald die kleinen, appetitanregenden Gerichte, der Fruchtsaft und der Kaffee auf einem Wägelchen hereingeschwebt kamen, und als ich mich in dem rätselhaft weichen Morgenmantel an die Bettkante setzte und zu essen begann, blickte ich auf die Meerenge hinaus, wo die Frachtschiffe und die Linienboote zu den nächstgelegenen Inseln sowie die eine oder andere Dschunke oder ein Sampan mein Blickfeld kreuzten, und dachte, als ob es sich um eine reale Möglichkeit handelte: Warum bleibe ich nicht hier? Warum bleibe ich nicht einige Monate hier, zumindest so lange, wie »ein guter Freund« es zulässt?
Und was für einen Kaffee ich in diesem Hotel bekam! Ausnahmsweise genoss ich – mit fünf Jahren Berufserfahrung als Barista im Café Laboratorium auf dem Buckel – den Duft und den Geschmack von Kaffee. Und nicht nur das: In dieser Flut an diversen Schüsselchen entdeckte ich eine spezielle Marmelade, und als ich sie probierte, ertappte ich mich bei einem Nicken, denn sie rief mir in Erinnerung, mit welcher Begeisterung Mutter uns diese Marmelade sonntags zum Frühstück serviert hatte, nachdem sie wieder einmal von einem Kurzbesuch in ihrem Heimatland zurückgekehrt war.
Kann das der Moment gewesen sein, in dem ich zum ersten Mal dachte, dass Hongkong etwas Bekanntes an sich hatte? Sogar die Bettdecke brachte mich auf diesen Gedanken. Etwas an dem Bezug, an seiner steifen Textur, ließ eine Erinnerung in mir hochsteigen, eine Szene mit meinem Vater. Habe ich schon erwähnt, dass er mitunter ein wenig abwesend wirkte? Nun, das war nicht immer der Fall. Als ich mit fünf Jahren einmal Fieber bekommen hatte, war meine Mutter, die damals noch lebte, zur Arbeit gegangen, um die Schülerinnen und Schüler mit ihrem originellen Englischunterricht zu erfreuen. Vater war bei mir zu Hause geblieben, obwohl es ihm schwer zusetzte, Dr. Watson die Aufsicht über den Laden zu überlassen, er war immer in Sorge, was sein Gehilfe alles anstellen könnte, Waren falsch auspreisen oder Kinder hinausjagen, die nichts kauften. Man wirft niemals, niemals, Kinder aus einem Spielwarengeschäft! Das war eines von Vaters Grundprinzipien. Ein anderes lautete, nie ein Kind hopszunehmen, wenn es eine Kleinigkeit mitgehen ließ. Er wusste, sie würden als Erwachsene wiederkommen und es ihm hundertfach zurückzahlen.
Nie werde ich vergessen, wie er einen kleinen Koffer mit Tierfiguren holte, wilden Tieren. Ich weiß nicht, woher er die hatte, möglicherweise stammten sie noch aus seiner Kindheit, denn einige von ihnen zeigten Spuren nicht gerade zimperlichen Umgangs beim Spielen. Später fand ich heraus, dass er selbst viele dieser naturgetreuen Plastiktiere der Marke Schleich in seinem Laden verkaufte. Er setzte sich zu mir ins Bett und begann, eine Landschaft aus der Bettdecke zu formen, und dann nahm er mich mit auf Safari. Besonders gut erinnere ich mich, wie er mir erklärte, was das Kostbarste sei: Wenn man die »Big Five« zu sehen bekomme – und damit ließ er diese Tiere vor mir auf dem Bettbezug paradieren: Löwen, Elefanten, Nashörner, Afrikanische Büffel und Leoparden. Er dachte sich spannende Szenen aus: Die Antilope, die sich gerade noch in einer Deckenmulde verstecken konnte, bevor der Löwe sie einholte, ein Flusspferd, das beinahe einen Wasserfall hinunterstürzte. Dieser fieberschwere Tag ist für mich einer der denkwürdigsten in meinem Leben, halb Traum, halb Wirklichkeit. Ich bin auf Safari gewesen, Nina, als Erwachsener. Ich habe die Big Five gesehen. Es war ein Reinfall. Nichts konnte es mit der Bettzeug-Safari aufnehmen, die Vater für mich veranstaltet hatte, als ich fünf Jahre alt war. Das Beste daran war zu sehen, wie er selbst zum Kind wurde, sein Eifer, seine Augen, wenn er mich ansah: Achtung jetzt, Will! Mit einem Nashorn ist nicht zu spaßen! Schon damals hätte ich begreifen müssen, was es mit dem Ausspruch auf sich hatte, den er oft wiederholte: Die Cheyenne haben mich dazu gebracht, mein Leben Spielwaren Stjerneplassen zu widmen.
Vater. Er war abwesend. Ich liebte ihn. Ich kann kein anderes Wort verwenden. Ich liebte ihn. Bedingungslos. Er war eine eher distanzierte Person, er umarmte einen nicht allzu oft, aber er hatte warme Hände. Und Intuition. Wenn ich deprimiert war, war er mit zwei liebevollen Händen auf meiner Schulter oder einer Hand auf meinem Kopf zur Stelle. Das genügte. Mehr brauchte ich nicht. Er war alles, was ein Vater sein sollte. Wenn ich über unsere Beziehung schreiben würde, würde es von jedem Verlag abgelehnt, sie würden solche Darstellungen gar nicht wollen, ohne Streit und Rivalitäten, Fantasien von Vatermord, ohne Prügel, ohne Verrat und Niederträchtigkeit.
Ich weiß nicht … Viele haben sehr hohe Ansprüche in Bezug auf ihre Väter. Für mich genügten diese Hände. Sie waren ein Universum an Erziehung, es steckte ein Überfluss an Liebe in diesen Händen, und diese Liebe ist in mir gespeichert, sie steckt noch immer in meinem Körper.
Entschuldige meine kurze Gefühlsseligkeit …
Was ich sagen wollte … Ja, ich habe etliche Male im Felix zu Abend gegessen, im obersten Stock des Hotels, in dem eleganten Restaurant, hervorgezaubert von Philippe Starck höchstpersönlich, dem internationalen Designerphantom. Und das Witzige ist, genau an so einem Abend drehte sich etwas um. Noch nie waren meine Sinne so geschärft, dachte ich gerade, als ich dort saß, und in derselben Sekunde überkam mich die Erkenntnis, dass mein Zustand gut und gerne mit einem Begriff wie Stumpfsinnigkeit beschrieben werden konnte. Mitten beim Abendessen in einem mit Michelin-Sternen ausgezeichneten Restaurant – ich erinnere mich nur an die Vorspeise, Kammmuschel-Carpaccio mit weißem Spargel, Kaviar und Mango –, wurde mir allmählich bewusst, dass mein Hotelleben, meine Ausschweifungen im Spa-Bereich und die Fressorgien in den Restaurants genau so einen Vakuumszustand darstellten wie mein Leben als Barista. Einen Augenblick fühlte ich mich wie gelähmt. Aber gelähmt ist das falsche Wort, ich war schlicht in eine Stimmung hineingeschlittert, die der aus Thomas Manns Zauberberg ähnlich sein musste, falls du den gelesen hast – ein Buch übrigens, das ich als Geschenk von einer Kollegin hier in Genf bekommen habe, ich glaube, damit wollte sie mich daran erinnern, dass auch die Schweiz in vergangenen Zeiten eine Menge berühmter Sanatorien vorzuweisen hatte. Später habe ich mich mit Liz darüber unterhalten, und sie erzählte mir, der Roman sei eines ihrer Lieblingsbücher, sie sagte, in der Ehe sei es genauso, auch die Ehe sei ein Ort, wo man in eine Art Dämmerzustand eingelullt wird. Bestimmt wollte sie deshalb nicht heiraten, sondern wechselte von einer Beziehung in die nächste, sofern es nicht einfach daran lag, dass sie so verflucht wählerisch war.
Außerdem ereignete sich noch etwas anderes an diesem Abend, etwas, das zu meinem Wachgerütteltwerden beitrug: Wieder auf dem Zimmer, entdeckte ich ein Kuvert, das deutlich sichtbar auf dem Beistelltisch lag. Darauf stand mein Name, geschrieben in einer Handschrift, die ich für die einer Frau hielt – ich dachte zuerst, es müsse von Oriana stammen, die irgendwie herausgefunden hatte, wo ich mich befand, und mir nachgereist war; jetzt würde ich erfahren, dass sie in Hongkong war und gespannt auf ein Treffen mit mir wartete. Meine Hände zitterten ein wenig, als ich den – ungeheuer edlen und mit scharlachrotem Futter ausgekleideten – Umschlag öffnete und die darin befindliche Karte las: »Lieber Mr. Woolf, wir möchten Ihnen dringlichst anraten, so schnell wie möglich die Heimreise anzutreten. Ihre Anwesenheit in der Stadt wird von vielen als Bedrohung aufgefasst, und Sie sind hier nicht mehr sicher. Wir ersuchen Sie, diese Aufforderung mit dem größten Ernst zu behandeln.« Die Botschaft war in einer Schriftart gesetzt, die ich noch nie zuvor gesehen hatte – ein bisschen wie Palatino vielleicht. Das Papier war dick, ich würde es fast Karton nennen. Zum Abschluss stand eine Art Unterschrift, doch der Name, oder die Initialen, ließen sich nicht deuten. Breite, scharfe Füllfederspitze, die Tinte war gleichsam in das dicke Papier hineingeschnitten worden.
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