Kitabı oku: «Mr. Woolf»
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Lieferbare Titel von Jan Kjaerstad
Titelseite
Buchanfang I II III IV V
Quellennachweis
Originaltitel: Jan Kjærstad, Mr. Woolf
© 2019, Jan Kjærstad
First published by H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) AS
Published in agreement with Oslo Literary Agency
Die Veröffentlichung dieser Übersetzung wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung von NORLA, Norwegian Literature Abroad.
© 2022, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-90-3
Lektorat: Teresa Profanter
Cover: Jürgen Schütz
Coverbild: © iStock – pavliha
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-99120-008-6
www.septime-verlag.at
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Jan Kjærstad
zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Norwegens. Der 1953 in Oslo geborene Schriftsteller studierte Theologie, war Pastor und Jazzpianist, später Redakteur der norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Er lebt in Oslo. Jan Kjærstad ist einer der bedeutendsten skandinavischen Schriftsteller der Gegenwart. Der Träger der wichtigsten literarischen Auszeichnung Skandinaviens, des »Literaturpreises des Nordischen Rates« zeichnet sich durch ein umfassendes Werk aus. Unter seinen Publikationen finden sich Essays, Kurzgeschichten, Artikel sowie Bilder- und Kinderbücher. Außerdem war er Herausgeber der wichtigen norwegischen Literaturzeitschrift Vinduet. Berühmtheit erlangte Jan Kjærstad jedoch durch seine Romane, von denen seit 1982 zwölf erschienen sind. Seine Bücher sind vor allem eines: großartige Literatur. Und spannend. Wie in einem Krimi wird man durch Erzählungen geleitet, die einen immer auf das große Ziel hinzuführen – zu der Antwort auf die einfache Frage: Warum? Die Ausgangssituationen sind dabei genauso mannigfaltig wie die überwachsenen Denkpfade, die uns Jan Kjærstad dabei literarisch freischlägt. Auch wenn sich der Autor dem Begriff der Postmoderne verwehrt, so ist er brandaktuell in seinen Themen und virtuos in den Spielarten seiner Romane. Jan Bürger meinte dazu 2004 in Literaturen: »Im Laufe der Jahre hat sich Kjærstad Formen erschrieben, in denen die unterschiedlichsten Themen und Stilebenen wie Zahnräder ineinandergreifen.«
Klappentext:
Wie entsteht eine Idee, die für die gesamte Menschheit von Bedeutung ist?
Eines Tages trifft William Abelson sich mit seinem Vater zum Lunch. William besitzt zwar einen Doktortitel in Physik, doch sein Leben hat einen Riss bekommen, er arbeitet seit mehreren Jahren als Barista in einem trendigen Café. Sein Vater ist der Betreiber des Spielwarenladens »Stjerneplassen Leker«, und William glaubt, es handle sich um ein gewöhnliches Mittagessen, bei dem sein Vater ihm von seinen finanziellen Sorgen berichtet. Doch der Vater hat etwas anderes auf dem Herzen: Elizabeth, Williams Schwester, ist verschwunden. Der Vater glaubt, es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Dass sie in Gefahr ist. William erhält den Auftrag, nach Hongkong zu reisen, wo seine Schwester sich aller Wahrscheinlichkeit nach aufhält.
Wie schwierig kann das schon sein?, denkt William. Ich brauche bloß meine Schwester zu finden und sie nach Hause zurückzubringen. Am Flughafen in Hongkong erwartet ihn eine Überraschung: William wird mit einem Rolls-Royce abgeholt und ins Peninsula, eines der luxuriösesten Hotels der Stadt, gefahren. Völlig unvorbereitet macht er in den nächsten Tagen Bekanntschaft mit Menschen und einem Milieu, das alles auf den Kopf stellt und ihn auf die Fährte verblüffender Erkenntnisse führt.
Mr. Woolf ist ein Loblied auf alle durchschnittlichen Väter, die vielleicht gar nicht so durchschnittlich sind wie gedacht.
Jan Kjærstad zählt seit 40 Jahren zu den wichtigsten literarischen Stimmen Norwegens.
Lieferbare Titel von Jan Kjærstad
Folgende Titel sind bereits erschienen und lieferbar
Ich bin die Walker Brüder
Roman, 2013
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
656 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-902711-11-3
Der König von Europa
Roman, 2016
Aus dem Norwegischen von Alexander Riha
688 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-902711-49-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-42-2
Das Norman-Areal
Roman, 2017
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
456 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-65-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-54-5
Berge
Roman, 2019
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
504 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-84-7
ISBN Ebook: 978-3-903061-71-2
Femina erecta
Roman, 2020
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
832 Seiten,
ISBN: 978-3-902711-92-2
ISBN Ebook: 978-3-903061-79-8
Mr. Woolf
Roman, 2022
Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel
832 Seiten,
ISBN Hardcover: 978-3-99120-008-6
ISBN Ebook: 978-3-903061-90-3
Jan Kjærstad
Mr. Woolf
Roman | Septime Verlag
Für Leif Kjærstad (1919–2018)
»Man«, I cried, »how ignorant art thou in thy pride of wisdom!«
MARY WOLLSTONECRAFT SHELLEY,
Frankenstein; or, The Modern Prometheus
Go, go, go, said the bird; human kind
Cannot bear very much reality.
T.S. ELIOT, Four Quartets
I
Da bist du ja. Ich darf doch Nina sagen? Ich weiß nicht, ob ich mich auf diese Gespräche freue oder mir davor graut, aber willkommen – ich bin geneigt zu sagen: Willkommen im Herzen Europas.
Stimmt, ja, aber auf der Landkarte sieht es zumindest so aus. Vielleicht befinden wir uns in Wirklichkeit irgendwo ganz weit draußen. Bestimmt fühle ich mich deshalb so wohl hier, die Stadt vermittelt mir immer ein Gefühl für den Doppelcharakter des Lebens.
Ich dachte mir, wir könnten uns ins Wohnzimmer setzen, mit Aussicht auf den Mont Blanc. Wenn du dort Platz nehmen würdest … Perfekt. Möchtest du eine Tasse Kaffee? Oder Tee?
Gut, dann warten wir noch damit. Leg deine Sachen einfach hier auf den Tisch, wir wollen gleich loslegen, ich bin ungeduldig, ich habe viel zu erzählen, und ich muss mit meinem Vater beginnen, schließlich und endlich habe ich ihm wohl alles zu verdanken … Sieh mich nicht so an, du verstehst das falsch. Natürlich wird vielen, die eine Biografie schreiben, der Puls hochschnellen nach so einer Andeutung, das ist mir klar – ich fürchte, was du jetzt vor dir siehst, sind ein paar heftige, gut verkäufliche Szenen, die von Alkoholismus, von Prügel, von Psychoterror und noch Schlimmerem handeln, doch wenn ich sage, alles hat mit meinem Vater begonnen, geht es dabei um andere Dinge, denn vieles wurde erst in Bewegung gesetzt an dem Tag, als er mich zum Mittagessen einlud und mich mit jenem Auftrag betraute, der mich aus meinem Dämmerzustand herausreißen sollte … Nun ja, zu der Zeit war mir noch nicht klar, dass es ein—
Selbstverständlich habe ich das Manuskript gelesen, sonst wüsste ich ja nicht, was ich dir erzählen soll. Mit wenigen Ausnahmen habe ich keine Einwände gegen das, was du geschrieben hast, du hast hervorragende Arbeit geleistet, Nina. Hut ab. Wirklich. Aber etwas fehlt. Ausgerechnet das Wichtigste fehlt, und deshalb habe ich auch, nach langem Hin und Her, einem Treffen mit dir zugestimmt.
Mit dem, was du in deiner E-Mail schreibst, bin ich übrigens einverstanden, keine Bange, du brauchst dich nicht zu entschuldigen für die konventionellen Tricks, ich weiß, dass der Verlag … wenn schon keinen Pageturner, dann zumindest gern etwas leicht Lesbares, Mitreißendes hätte. Andererseits ist die Sache doch – wie es auch über die Liebe heißt – kompliziert. Die Kausalkette, die sich hinter meiner, wie du es nennst, »kopernikanischen Entdeckung« verbirgt, ist ungeheuer vielschichtig; ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich sein wird, sie aufzuspüren.
Ich bin mir nicht sicher. Ich gebe zu, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht sollte ich Stillschweigen bewahren. Ich fürchte, was ich erzählen werde, wird bloß Verwirrung stiften. Wo habe ich meinen Bleistift hingelegt?
Ja, du hast recht. Das wirst du selbst beurteilen, ich werde es deine Sorge sein lassen. Schön gesagt. Es wäre ja auch zu dumm, wenn du umsonst angereist wärst.
Versuchen wir’s. Versuchen wir es, Nina. Und dann sehen wir ja, wie weit wir heute kommen. Ich schätze, es wird dich überraschen, dass das Abelson-Modell, das uns, mit deinen eigenen Worten, »einen flüchtigen Einblick in die Dunkle Materie gewährt«, an einem Ort mit so viel Licht und Wärme entstanden ist.
Dann brauchen wir wohl nur noch dieses Ding da zum Laufen zu bringen.
Oh, es ist schon an. Uff. Ich hoffe, du findest es nicht erschreckend, dass ich mich nicht einmal mit so einfachen Dingen auskenne.
Also, begonnen hat es im Mai 2017, und zwar mit meinem Vater, er rief mich an und sagte, wir müssten uns treffen, das heißt, er fragte, ob ich im Dovrehallen mit ihm Mittagessen wolle – du weißt schon, dieses Kaffeehaus vom alten Schlag, das in unvordenklichen Zeiten in der Storgata lag und das, wenn man einen Blick in die Annalen wirft, eine sagenumwobene Geschichte vorzuweisen hat.
Generell glaube ich, dass die Orte wichtig sind in dieser Geschichte, genau wie der hier, ein Wohnzimmer, von dem aus wir den Mont Blanc sehen können, dieses weiße Dreieck in der Ferne, das mitunter wie ein Guckloch wirkt in etwas anderes, Unbekanntes … Ich will versuchen, nicht abzuschweifen, werde mich aber bei manchen Orten sicher ein wenig länger aufhalten. Warst du schon einmal im Dovrehallen? Manchmal denke ich, dass das Gespräch mit meinem Vater mich irgendwie ins Auge geritzt hat und ich danach angefangen habe, scheel zu sehen, oder wie immer ich es ausdrücken soll. Ein Gedanke, den ich nicht als etwas Negatives auffasse, wie Ibsen uns wohl glauben lassen will, denn ohne diesen Ritz wäre ich vermutlich nie bis zu dieser Idee vorgedrungen, die mich ihrerseits auf das Podium des Stockholmer Konzerthauses und vor den schwedischen König geführt hat.
Natürlich habe ich meinem Vater zugesagt, ich habe oft mit ihm im Dovrehallen zu Mittag gegessen, ich hatte nämlich etwas, was nur wenige haben, Nina, ich hatte ein normales Verhältnis zu meinem Vater. Ich habe ihn nicht bewundert, ihn aber geliebt, ich liebte ihn aus dem einfachen Grund, weil er mir eine glückliche Kindheit beschert hat. Sollte man mehr von einem Vater erwarten? Nun, diese Diskussion wollen wir hier nicht führen … Ich glaubte, es würde ein ganz normales Essen werden, bei dem mein Vater mir eine seiner kleineren Sorgen offenbaren würde – etwa eine Lieferverzögerung bei einer großen Bestellung der neuesten Barbiepuppen –, doch es entwickelte sich zu einem äußerst eigenartigen Treffen, wahrscheinlich erinnere ich mich deshalb an so viele Einzelheiten davon, sogar an den genauen Wortlaut, mit Tonfall und Pausen.
Wir nahmen nicht in einer der Nischen weiter hinten in dem halbdunklen Lokal Platz, sondern an einem Fenstertisch – ich glaube, Vater wollte sehen, ob Kunden ins Geschäft kamen, das schräg gegenüber lag und das er, wenn er sich nach vorn beugte, im Auge behalten konnte. Im Kaffeehaus war noch immer der Geruch nach Zigarettenrauch wahrzunehmen, der sich über mehrere Jahrzehnte eingebrannt hatte, und an einem Tisch mitten im Raum saßen drei Männer, die schon jetzt, zur Mittagszeit, auffallend heiter wirkten.
Obwohl er sie auswendig kannte, studierte Vater die Speisekarte immer sehr genau, las oder murmelte die Namen der Gerichte halblaut vor sich hin, so als plagten ihn plötzlich große Zweifel – weil sich eines köstlicher anhörte als das andere. Gratinierte Zwiebelsuppe? Mmh, sagte er. Oder soll ich ein Spanisches Omelett nehmen? Vielleicht Beef Tatar. Er schnalzte mit der Zunge.
Ich verstand nicht, was dieses Getue sollte. Kannst du dir nicht ausnahmsweise ein Wiener Schnitzel gönnen?, fragte ich. Rentier-Frikadellen hören sich auch gut an. Oder warum nicht bei der Spezialität des Hauses zuschlagen, Beef Spezial?
Das sagte ich, um ihn zu provozieren. Seit ich erwachsen war, hielt ich meinen Vater für ein bisschen geizig. Immer warf er einen verstohlenen Blick auf die Preise rechts auf der Karte, obwohl er auch die auswendig kannte.
Eigentlich dachte ich ja, dass er es sich einfach nicht leisten konnte. Weder meiner großen Schwester Liz noch mir hatte es in unserer Kindheit und Jugend an etwas gefehlt, aber ich hatte den Verdacht, dass er selbst sich deshalb nie etwas gönnte, weil er finanziell am Abgrund stand. Er hatte keine hohen Ansprüche, er konnte sich einen ganzen Sommer lang von seinem Lieblingsgericht ernähren, Frühkartoffeln mit Butter und ein wenig Räucherschinken. Bekam er dazu noch Zuckererbsen, fühlte er sich wie im Himmel.
Vater lächelte nur. Es wird wohl ein Frikadellen-Sandwich mit Spiegelei, sagte er, als die Kellnerin kam. Und ein Glas Wasser. Er nahm immer das Gleiche, ich weiß nicht, ob es daran lag, dass es nicht viel kostete, oder ob ihm Frikadellen mit Spiegelei wirklich nie zum Hals heraushingen. Das verständige Nicken, das die Kellnerin ihm schenkte, erweckte in mir den Eindruck, dass sie mir zu Ehren ein kleines Schauspiel veranstalteten – und er normalerweise, wenn er allein herkam, der Kellnerin nur ein kurzes Zeichen zu geben brauchte, die dann, wenige Minuten später, sein übliches Sandwich vor ihn hinstellte.
Ich nehme das Gleiche, sagte ich, wie um mich solidarisch zu zeigen oder eine Symmetrie herzustellen. Ich hatte Lust auf ein Glas Bier, hielt mich aber zurück. Vater verzichtete immer. Er wollte nicht nach Bier riechen, wenn er später noch Kunden bediente.
Es kommt durchaus vor, dass ich mir einmal ein Shrimps-Sandwich bestelle, sagte er, wie um mein Bild einer ungebrochenen Routine zu zerstören. Kurzes Lächeln. Es war warm im Lokal, und Vater zog sich die Jacke aus, saß da im weißen Hemd, perlweiß, wie er sagte, die Ärmel hochgekrempelt – wie um zu demonstrieren, dass er anzupacken bereit war. Er trug immerzu weiße Hemden, jeden Tag ein frisch gewaschenes, perlweißes Hemd, wie ein Börsenmakler oder ein Konzernchef.
Wie läuft’s?, fragte ich und nickte in Richtung des Ladens.
Oh, wie immer, sagte er. Nicht gerade viel los, jetzt Anfang Mai.
Also war es nicht das, worüber er mit mir reden wollte.
Aber diese Fidget Spinner waren ein phänomenaler Erfolg, sagte er. Ich habe lang kein so eigenartiges Spielzeug mehr gesehen. Sie sind überall ausverkauft, aber ich habe fünfmal so viel bestellt wie alle anderen. Ich verkaufe täglich Hunderte davon, die Leute kommen aus ganz Østlandet. Gestern haben sich zwei Kunden gegenseitig für das letzte Exemplar in einem speziellen Rotton überboten, wie in einem türkischen Bazar! Er lachte.
Die Sandwiches wurden serviert, und sofort machte Vater sich über seines her, laut schmatzend, die Augen vor Genuss geschlossen. Ich beneidete ihn um die Fähigkeit, dieser Art Speise eine solche Wertschätzung entgegenzubringen. Und es gefiel mir, hier zu sitzen, die ganze Szenerie, sein weißes Hemd, das Braun der Einrichtung, der gelbe Eidotter, die Tomatenschiffchen und das Salatblatt, das einsam und verlassen daneben lag. Es hatte etwas … Reales an sich.
Früher haben wir »Patentsmørbrød« zu diesem Sandwich gesagt, erklärte Vater. Das hatte er mir schon mehrmals erzählt. Mir gefällt das Wort, sagte er. Als könnten einem beim Essen Ideen zu neuen Erfindungen kommen. Einfache Dinge, die trotzdem so genial sind, dass sie mit einem Patent geschützt werden müssen. Er lachte, verschluckte sich an einem Bissen, räusperte sich, lachte wieder. Wie steht’s mit dieser jungen Frau, die du kennengelernt hast?, fragte er.
Du meinst Oriana, sagte ich. Ich zeigte ihm die Uhr, die ich von ihr bekommen hatte.
Wie hübsch, sagte Vater. Viel schöner als meine. Er zeigte mir die verbeulte Armbanduhr, die er seit seiner Konfirmation trug. Dann muss es wohl was Ernstes sein, fügte er hinzu.
Wir sind nicht zusammen, sagte ich.
Er nickte, leicht enttäuscht oder als verstünde er, fragte auch nicht weiter nach, er wollte eindeutig nicht über solche Dinge reden.
Irgendetwas war anders als sonst. Was genau, hätte ich nicht sagen können. Schweigend aßen wir weiter. Aus irgendeinem Grund schmeckte mir das Sandwich, die Frikadelle hatte ausnahmsweise nichts Gummiartiges an sich. Ich fragte ihn, ob ich mir ein Glas Bier bestellen dürfe. Er nickte, ohne Missbilligung. Irgendwas braut sich da zusammen, dachte ich im selben Moment, als das Glas vor mir abgestellt wurde.
Auch Vater wirkte überrascht, wie gut das Essen schmeckte, und das, obwohl er es schon Hunderte Male gegessen haben musste. Er sah traurig aus, als er das letzte Stück Brot mit der Gabel aufspießte und die Reste des Eidotters damit auftunkte. Er steckte es sich in den Mund und schloss die Augen. Mmh.
Er legte das Besteck zur Seite, richtete den Blick auf mich. Jetzt kommt es, dachte ich.
Es gibt da etwas, worüber ich mit dir reden muss, sagte er, während er mit dem Finger einen Krümel vom Teller aufpickte und lange an ihm herumkaute, als wäre es ein ganzer Mundvoll. Normalerweise drückte er sich nie so aus, er sprach generell eher wenig. Eigentlich war mein Vater ein Meister darin, die Dinge durch verschiedene Arten des Schweigens zu sagen. Es ist ein Problem aufgetreten, sagte er. Mein erster Gedanke war, dass der Laden in Konkurs gegangen war.
*
Nein. Absolut nicht. Du darfst dich nicht täuschen lassen von der Art meines Erzählens, Nina. Ich bin mittlerweile daran gewöhnt und versuche, mich in das Erzählte hineinzuversetzen, auch zur besseren Erinnerung; oft sage ich mir, dass ich kein Physiker bin, sondern Barde … Bevor ich aber verrate, was mein Vater sagte und was diese Ereignisse ins Rollen brachte, muss ich von seinem Laden erzählen, denn manchmal denke ich – wo wir ja gerade von Orten gesprochen haben –, dieses Geschäftslokal voller Spielzeug muss der wichtigste Raum in meinem Leben gewesen sein; obwohl du es in deinem Manuskript nebenbei erwähnt hast, kommt es doch nicht klar genug heraus, du müsstest dem Aspekt mehr Platz einräumen, auch mit einem Bild dazu, denn zumindest in der Geschichte, die ich erzählen will, der Geschichte, die in deiner Biografie fehlt und die in meinen Augen als eigentliche Voraussetzung für meine »Leistung« anzusehen ist, ist Spielwaren Stjerneplassen eines der maßgeblichsten Elemente.
Nun, der Laden lag in der Storgata, und wenn es mir erlaubt ist, eine von Oslos Straßen als die Straße zu küren, dann wäre es nicht die hochgejubelte, seelenlose Karl Johans gate oder eine von diesen schicken Straßen wie die Bygdøy allé oder der Bogstadveien oder so Hipsterstraßen wie der Markveien – nein, es wäre die gute alte Storgata, der mittlerweile ein wenig verkommene Verkehrsweg, der sich von der Nybrua und dem Fluss Akerselva zum Gebäude des Automobil-Verbands und der Kirkeristen-Markthalle erstreckt und wo haufenweise Namen zu finden sind, mit denen alle in Oslo etwas verbinden. Nehmen wir nur das Warenhaus Gunerius, eine Zierde bei seiner Eröffnung, oder das medizinische Herz der Stadt, das, wie alle wissen, weder das Krankenhaus Ullevål noch das Aker ist, sondern die immerzu dienstbereite Ärzteambulanz. Vielleicht hast du selbst ja vom Strøget gehört oder von der Bella Napoli, vom Cordial, ganz zu schweigen von Hornaas Musikladen, wo Liz ihre Protestsong-Gitarre gekauft hat – so, jetzt solltest du mich aber stoppen, ich könnte noch stundenlang über die Storgata reden. Auch zu Weihnachten, fand ich, hob sie sich immer vorteilhaft von den anderen ab, und mit seinen Dekorationen und Schaufensterauslagen, die im November und Dezember besonders kunstvoll gestaltet waren, trug mein Vater entschieden dazu bei, das Niveau zu heben. Manchmal bekam er dabei Hilfe von Liz, die sich als kaufmännisches Genie entpuppte.
Es hat mir immer gefallen, dass Vater seinen Laden nicht einfach Spielwaren Abelson getauft hat, sondern sich einen anderen Namen für ihn ausdachte. Das Geschäft lag an der Kreuzung, wo die Pløens gate herunterführt und auf der anderen Seite die Skippergata und die Nygata heraufkommen. Vielen ist gar nicht bewusst, dass der Platz seinen Namen vielleicht wegen dieser Straßen bekommen hat, die in alle Richtungen wegführen, wie ein Stern: Stjerneplassen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Storgata lagen wunderschön symmetrisch die zwei runden, funktionalistischen Eckgebäude, entworfen von dem nicht unbedeutenden Architekten Ole Sverre, beide gekrönt mit einem kupferverkleideten Helmdach. Ich war immer stolz darauf, dass Vater seinen Laden an diesem spannenden Platz hatte, fast Wand an Wand mit dem eindrucksvollen Volkstheater, der Opern-Passage und so weiter; den vielen Expeditionen, die man von hier aus antreten konnte, waren sozusagen keine Grenzen gesetzt – obendrein fuhren pausenlos Straßenbahnen vorbei, die einen jederzeit schnell bis an den Stadtrand bringen konnten. Doch für viele Kinder in Oslo war der Platz vielmehr ein Ziel als ein Ausgangspunkt, für sie waren weder das Theater noch McDonald’s die herausragendste Attraktion, sondern Spielwaren Stjerneplassen.
Es war kein großer Laden. Das Geschäftslokal war schmal, dafür erstreckte es sich weit nach hinten, und durch die fünf breiten Treppenstufen in der Mitte entstanden gewissermaßen zwei Ebenen. Weil der Laden also eher klein war, wurde jeder Quadratzentimeter genutzt, und weil es überall in Hülle und Fülle Spielwaren gab, fast bis unters Dach, herrschte eine Atmosphäre wie in einer Schatzhöhle – als ich noch klein war, musste ich immer an Aladdin und Ali Baba denken –, zugleich aber hatte das Geschäft auch etwas Lauschiges an sich, man bekam Lust dortzubleiben, es sich gemütlich zu machen; oft, konnte ich sehen, hatten die Eltern Schwierigkeiten, ihre Kinder wieder hinauszubekommen, das heißt, die Eltern hatten gar nichts dagegen, den Aufenthalt etwas länger zu gestalten; ich glaube, viele Erwachsene kehrten deshalb immer wieder zu Spielwaren Stjerneplassen zurück, weil es so gut mit ihrer Vorstellung eines Spielzeugladens übereinstimmte, für viele wurde es zu einem Wiedersehen mit ihrer Kindheit – eine riesige Madeleine, wenn du mir dieses Klischee gestattest.
Dort also regierte mein Vater. Und Mattson, sein »Assistent« – den zuerst Liz, und dann auch Vater, immer nur Dr. Watson nannte, sicher deshalb, weil er Vater auf so vorteilhafte Weise ergänzte und zudem die Fähigkeit besaß, Fragen zu stellen, durch die sich die Qual der Wahl bei den Kunden wie von selbst auflöste. Wenn wenige Leute im Geschäft waren, saß Vater einen Stock tiefer, in einem Untergeschoss, das auch als Lager fungierte. Dort hatte er sich ein Büro eingerichtet: ein Stuhl und ein winziges Pult, eingeklemmt zwischen den Warenstapeln, von wo aus er die gesamte Logistik abwickelte. Zum Glück hatte Vater einen Freund, Herrn Ebbing, einen Anwalt im dunklen Zweireiher, der sich um die Geschäftsbücher kümmerte und einmal im Monat vorbeikam, um sich im Untergeschoss inmitten des Schachtellabyrinths neben ihm niederzulassen. Ich hatte den Eindruck, dass Herr Ebbing sich sein Honorar in Lego ausbezahlen ließ: »Das kostet dich zwei Polizeiwachen und einen Flughafen.«
Vater trug keine Anzüge und auch keine Freizeitkleidung, seine Geschäftsuniform, oder wie man es nennen soll, war das weiße Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln, das heißt, in den kälteren Jahreszeiten zog er darüber einen blauen Arbeitskittel an, einen Mantel, wie er früher von Lehrpersonen getragen wurde und aus dessen Brusttasche verschiedenfarbige Kugelschreiber herausragten. Aus einer Idee heraus hatte Mutter einmal Sterne und Halbmonde daraufgenäht, sodass er von da an wie ein Merlin im Laden herumlief – zumindest wurde er von den Kindern so gesehen, wie ein Magier, ein Zauberer, der ihnen helfen konnte, Spielzeuge mit übernatürlichen Eigenschaften zu finden. Schau mal hier, kleiner Mann, eine magnetische Zeichentafel. Wenn du hier ein Haus zeichnest und dann an dem Hebel da ziehst – Simsalabim –, ist das Haus verschwunden. Damit wirst du Herrscher über die Welt!
Aber auch die Erwachsenen, auch die Eltern mochten den Inhaber von Spielwaren Stjerneplassen. Als Kind hatte es mich überrascht, was für eine Anziehungskraft mein Vater auf die Kundschaft ausübte. Lange Zeit war er für mich einfach nur »in die Arbeit« gegangen, doch im Alter von fünf Jahren, als ich einmal mit Mutter oder mit Liz im Laden vorbeischaute, entdeckte ich, dass seine »Arbeit« eine Spielwarenhandlung war. Am meisten jedoch begeisterte mich, wie anders er hier war, verglichen mit seinem sonstigen Verhalten. Zu Hause war er ein »gewöhnlicher« Vater, ruhig, schweigsam – das einzig Ungewöhnliche an ihm war sein Name, Erasmus, der allein Stoff für eine kurze Gutenachtgeschichte geboten hätte. Im Laden aber wurde er ein anderer Mensch, viel lebhafter und mit einer viel kräftigeren Stimme. Und einem anderen Lächeln – dem »Kundenlächeln«, wie Liz es nannte. Außerdem wirkte er hier viel größer, oder vielleicht ist aufrechter das richtige Wort, sogar seine Bewegungen waren anders. Nicht Liz, sondern mein Vater hat mir als Erster vor Augen geführt, welche Metamorphosen ein Mensch durchlaufen kann.
Eine weitere Eigenart von ihm war, dass er oft – wenn eine Kundschaft nicht bedient werden, sondern nach einem kurzen »Ich würde mich gern nur ein wenig umsehen« allein im Laden herumstöbern wollte – summend hinter dem Tresen stand und währenddessen andere Dinge erledigte. Spielwaren Stjerneplassen hatte keine Hintergrundmusik nötig, es genügte ein summender oder pfeifender Erasmus Abelson, und ich glaube, er tat es unbewusst. Und immer summte oder pfiff er Evergreens und alte Schlager, die er von Mutter gelernt hatte und die sie abends zu Hause manchmal zweistimmig sangen. Er selbst sah es vielleicht nicht, aber ich sah es, besonders in den Jahren, in denen ich als Sommeraushilfe arbeitete, oder wenn ich samstags oder während der Weihnachtszeit mithalf: Die Kunden liebten es, besonders die Mütter. Das war eine der Attraktionen des Ladens. Vater hatte eine angenehme Stimme. Du hättest Sänger oder Pfarrer werden können, sagte Mutter. Er war Spielwarenhändler geworden.
Um ehrlich zu sein, glaube ich, viele Kunden sahen in der Spielwarenhandlung am Stjerneplassen nicht nur ein Geschäft zum Einkaufen, sondern genauso sehr einen Zufluchtsort, der ihnen während einer anstrengenden Tour durch die Stadt eine dringend benötigte Verschnaufpause verschaffte. Vater war clever genug, sich das zunutze zu machen, es als Lockmittel zu verwenden. Während der Weihnachtszeit und an Tagen, an denen draußen sibirische Kälte herrschte, bereiteten er und Liz auf den zwei Kochplatten in der Ecke unten in dem kleinen Büro manchmal große Töpfe mit Suppe zu. Liz hängte draußen ein Plakat auf, das zu einem Bummel und einer »Gratis-Lego-Friends-Suppe« einlud – sofern es nicht gerade »My-Little-Pony-« oder »Super-Mario-Suppe« gab. Eine schlichte, aber kräftige Suppe, die in der Kälte bei den Leuten gut ankam, und sie hielten sich lange im Geschäft auf. Was die Kundenpflege betraf, war Vater die reinste Heilsarmee. Suppe, Spielzeug und Erlösung.
Langweile ich dich? Ich hoffe nicht, Nina, denn das ist wichtig. Du hast mich um einen Kommentar gebeten, ja, hast mich gefragt, ob ich etwas hinzuzufügen habe, und dafür musst du dich jetzt in Geduld üben. Vielleicht wirst du erst zu Hause, beim nochmaligen Anhören der Aufnahme, herausfinden, was von Bedeutung ist, was ich deutlich dargestellt haben möchte. Ich erzähle, was ich mir zu erzählen vorgenommen habe, und ich glaube, im Grunde ist nichts davon unwesentlich … Tut mir leid, ich höre mich an wie jemand, der einen Vortrag hält und Panik bekommt, weil keiner mitschreibt.
Zurück ins Dovrehallen und zu meinem Vater. Ganz offensichtlich wollte er mir etwas anvertrauen.
Ich machte mir Sorgen um ihn damals, denn er führte ein Leben nach Schema F, tagein, tagaus dasselbe: aufstehen, Frühstück, in den Laden gehen, den Laden abschließen, Abendessen, eine Zeitung, in Papierform wohlgemerkt, vielleicht eine Sendung im Fernsehen, und dann ab ins Bett. Sogar dieselben Phrasen wiederholte er immer wieder: Abwarten und Tee trinken. Kommt Zeit, kommt Rat. Es ist, wie es ist. Als ich zum ersten Mal das Wort »Standardmodell« hörte und noch nicht wusste, dass das meine Karriere bestimmen sollte, dachte ich an meinen Vater.
Soweit ich mich erinnere, sagte ich ihm sogar – nachdem er etwa die Hälfte seines Patentsmørbrøds gegessen hatte –, er solle sich ein paar Wochen freinehmen. Papa, du musst öfter verreisen!, sagte ich an diesem Tag im Dovrehallen zu ihm, als ob er wirklich eingesperrt wäre, gefangen wäre, und als wollte ich, dass er ausbrechen solle, etwas erleben, ins Ausland fahren, vielleicht sogar an einen exotischen Ort, irgendwohin, wo er Energie tanken könnte, geistig, ich wusste nicht genau, was ich mir erhoffte, und um ehrlich zu sein, glaubte ich nicht so wirklich daran, dass er sich dazu überreden lassen würde, er wollte hierbleiben, in seinem Laden, seinem sicheren Mikrokosmos, außerdem durfte er ja, um Gottes willen, kein Geld verschwenden.
Ich bin genug gereist, sagte er matt lächelnd oder als wüsste er etwas, was ich nicht wusste.
Ich denke dabei nicht an deine jährlichen Spritztouren nach Nürnberg, sagte ich. Ich meine etwas Waghalsigeres. Ein Abenteuer!
Kann man ein größeres Abenteuer erleben, als ich es in Nürnberg erlebt habe?, fragte er mit vorwurfsvollem Blick. Jedes Jahr, seit ich mich erinnern kann, war mein Vater Anfang Februar zur Spielwarenmesse nach Nürnberg gefahren, von wo er mit Koffern voll neuem Spielzeug zurückkehrte und voller Ideen, was er einkaufen wollte und was sich in den nächsten Monaten wie die warmen Semmeln verkaufen würde. In unserer Familie verbanden wir Nürnberg nicht mit den Nachkriegsprozessen gegen führende Naziverbrecher, in unserer Familie war Nürnberg gleichbedeutend mit Spiel und Spaß.