Kitabı oku: «Horak am Ende der Welt»

Yazı tipi:

Jan Kossdorff

HORAK AM ENDE DER WELT

Roman


Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

1

WIR WAREN ERST vor zwanzig Minuten in den Zug gestiegen, der uns durch den Wald, an der tschechischen Grenze entlang, nach Heidenholz bringen sollte, trotzdem schlief Maja bereits wieder an meiner Brust. Ihr Schreibbuch, in das sie ihre ungestüme Reiselyrik notierte, war ihr aus den Händen und zwischen meine Schuhe gerutscht, einige Strähnen ihrer unzähmbaren Haare juckten mich unter der Nase, aber ich wollte sie schlafen lassen, nicht bloß ihretwegen.

Reisen mit Maja war schön, aber strapaziös. Sie begnügte sich nicht damit, visuelle Eindrücke zu sammeln, sie wollte, was sie sah, auch spüren, anfassen, kosten. Fremde mussten angesprochen, Läden betreten, Schnäpse getrunken, regionale Eigenarten erforscht werden. Das Verhalten forderte seinen Tribut in Form von plötzlich auftretenden, intensiven Schlafattacken – die ich nutzte, um selbst wieder etwas zu Kräften zu kommen.

Maja und ich waren seit zehn Tagen gemeinsam auf Lesereise. Ich las aus meinem letzten Roman, sie begleitete mich. Unsere Tour führte uns in die Buchhandlungen, Mehrzwecksäle und Gemeindehäuser verschlafener Kleinstädte in Österreich und Bayern. Dem Verlag war es gelungen, sechs Lesungen zu organisieren, obwohl das Buch bereits im Herbst erschienen war.

Wir fuhren mit dem Zug, hielten, wo wir Lust hatten. Wir saßen mit Sonnenbrillen zeitunglesend auf Dorfplätzen, tranken ab dem Mittag Wein und schrieben Postkarten mit Heimatmotiven an Freunde in Wien. Abends gaben wir uns ganz dem skurrilen Pathos einer Provinzlesung hin, dem Begrüßen von Bürgermeistergattinnen und Gemeinderäten, der Annahme von Geschenken, dem gestelzten Small Talk und schließlich der Komik, wenn sich nach dem zeremoniellen Teil alles in Beschwipstheit und Jovialität auflöste.

Heute sollte in Heidenholz, einer Dreitausendseelengemeinde im nördlichen Waldviertel, die letzte Lesung unserer kleinen Tour stattfinden. Die Stadt hatte eine besondere Bedeutung für mich, und wir hatten vor, an unseren Aufenthalt ein paar Urlaubstage anzuhängen. Eine unserer selbst gesetzten Beziehungsfristen war gekommen, und in Heidenholz wollten wir entscheiden, ob wir unserer kleinen, unsentimentalen Liebe noch eine Verlängerung gewährten.

Das ältere Paar, das uns gegenübersaß, betrachtete mich argwöhnisch: Die schlafende Maja war in ihren Augen wohl etwas zu jung dafür, meine Frau zu sein; Majas Hand ruhte etwas zu vertraut zwischen meinen Beinen, als dass sie meine Tochter sein durfte. Ich sagte augenzwinkernd zu dem Mann: »Schläft Ihre auch immer ein?«, worauf beide eine plötzliche Unruhe überfiel und sie kurz darauf ausstiegen.

Ein paar Minuten bevor wir am Ziel waren, erwachte Maja. Sie räusperte sich lautstark und unmädchenhaft, wie sie es immer tat, dann blickte sie aus dem Fenster in den undurchdringlichen Wald hinein und meinte: »Ojemine.« Sie begann sich ihre Haare zu richten, ohne dass ihre blonde Mähne dadurch merklich an Form oder Ordnung gewann.

»Und du bist also in diesem Heidenfels aufgewachsen?«, fragte sie.

»Heidenholz.«

»Genau.«

»Ich bin nicht dort aufgewachsen, aber ich habe viele Sommer meiner Kindheit dort verbracht.«

»Bei deinen Großeltern?«

»So ist es.«

»Und das ist reale Biografie, oder mehr so etwas wie der selbst geschriebene Wikipedia-Eintrag, etwas für die Atmosphäre im Lebenslauf.«

»Es ist reale Biografie, es gibt Zeugen für meine Anwesenheit.«

»Aha. Wann ist die Lesung?«

Ich suchte in meiner Reisetasche nach der ausgedruckten E-Mail, auf der die Informationen zum heutigen Abend standen.

»Um sieben.«

»Was wirst du lesen?«

»Die Szene in der Klosterbibliothek, die Fahrt mit Mizzi nach Italien, der Abschied am Bahnhof, eventuell die Traumsequenz.«

Sie nickte, schien aber nicht überzeugt zu sein.

»Nicht die Traumsequenz?«, fragte ich. Ich war inzwischen abhängig von ihrer Zustimmung, jedenfalls in künstlerischen Fragen.

»Nein, die ist schön«, sagte sie, nun plötzlich einfühlend und interessiert, »und das Gute an ihr ist, man muss der Handlung nicht gefolgt sein, um sie zu goutieren. Ich würde eher über den Anfang nachdenken.«

»Die Szene im Kloster?«

»Ja. Aber auch die einleitenden Worte.«

Ich richtete mich im Sitz auf. »Du hast nie ein Wort gesagt, dass mit denen etwas nicht in Ordnung wäre.«

»Es ist mir erst gestern aufgefallen. Ich finde, ein Autor muss nicht die Motivation für seine Arbeit vor sich hertragen. Vor allem wenn sie ein bisschen … undurchsichtig ist.«

»Undurchsichtig?«

»Ich bezweifle, dass die meisten Zuhörer nachvollziehen können, weshalb dich das Tagebuch eines steirischen Klosterbruders aus den Achtzigerjahren so fasziniert hat.«

»Es ist ein ganz besonderer Fund gewesen! Und er war eine schillernde Person …«

»Weil er Motorrad gefahren ist und heimlich Beziehungen mit Frauen hatte …«

»Und weil sein Gottesbild so spannend war, so …«

»… komplizenhaft, ja.«

»Genau!«

»Ich würde dennoch überlegen, einfach direkt in die Lesung einzusteigen.«

»Die ganze Geschichte, wie ich zu dem Tagebuch gekommen bin, und die Interviews …«

»Vielleicht kürzer, hm?«

Und damit war das Gespräch für Maja beendet. Ein »hm« am Ende des Satzes bedeutete: Wenn du es bis jetzt nicht kapiert hast, ist dir nicht zu helfen.

Maja stieg über meine Beine und verschwand in Richtung Toilette. Ich grübelte eine Weile über ihre Argumente nach, dann beschloss ich, die Einleitung zu streichen. Probeweise.

Es war früher Nachmittag, als wir in Heidenholz aus dem Zug stiegen. Uns empfing ländliche Stille, die Sonne stand hoch am Himmel, der Wind wehte ein paar Pfauenaugen über den Bahnsteig. Ich trug ein Sommerjackett über einem weit offenen Hemd und den Strohhut, den Maja mir am Wolfgangsee gekauft hatte, sie ein Sommerkleid mit Blümchenmuster, ein weißes Kopftuch und große, falsche Prada-Brillen.

Der Bahnsteig der Schmalspurbahn mit seinen grünen Laternen und alten Holzbänken schien seit meiner Kindheit unverändert zu sein. Ich hörte einen Traktor in der Ferne, das Brummen der Hummeln, das Läuten des Bahnschrankens am Ortsende. Ich deutete auf den Ort, der von Wald eingebettet unter uns lag, die Wasserburg und die Heide mit den aufblitzenden Seen im Hintergrund der Stadt.

»Heidenholz«, sagte ich.

Maja nahm ihre Brille ab, drehte sich zu mir und strich mir mit einer Hand theatralisch über die Wange.

»Dieser Ort wird sehr gut zu uns sein.«

Sie küsste mich, dann kreischte sie: »Mich hat was gestochen!«, griff nach ihrem Knie und hüpfte auf einem Bein über den Bahnsteig.

»Pferdebremsen …«, sagte ich.

»Pferdebremsen?«, echote Maja und schien es nicht fassen zu können, dass solche Wesen existierten.

Nachdem sie sich wieder gefasst hatte, wanderten wir, unsere Trolleys hinter uns herziehend, die Straße vom Bahnhof in weit geschwungenen Serpentinen einen Hügel hinab in Richtung Stadt. Ich wies Maja auf die leer stehenden Gebäude am Rand der Straße hin.

»Früher waren hier überall Betriebe. Heidenholz war einmal eine lebendige Stadt, mit Industrie und vielen Arbeitsplätzen. Es gab Tanzbuden, Jahrmärkte, hier war was los …«

»Tanzbuden?«, fragte Maja.

»Ja. Unterhaltungslokale.«

»Pardauz, hier gab es Unterhaltungslokale! Da hat sicher mancher Schwerenöter seinen Sparstrumpf geschröpft, um in den besten Gamaschen seine Mamsell zu treffen!«

»Ich rede von den Fünfzigerjahren, von dem, was mir meine Großeltern erzählt haben. Man sprach damals von Tanzbuden.«

Maja stach mir mit einem Finger in die Brust, dann sagte sie ernst: »Jakob, bring deine Sprache mal ins einundzwanzigste Jahrhundert.« Sie griff wieder nach ihrem Koffer und ging flotten Schrittes voraus Richtung Stadt.

Ich rief ihr hinterher: »Meinst du jetzt meine Alltagssprache? Oder …«

Ohne sich umzudrehen sagte sie: »Vielleicht lag’s diesmal ja am Mönch.«

Ich rief: »Diesmal?!«

Sie reagierte nicht, und wir marschierten weiter Richtung Stadt. Auf der linken Seite tauchte nach einiger Zeit die Wasserburg mit der mächtigen Zugbrücke auf. Beim Eingang zum Burggrund befand sich direkt ans Gemäuer angeschmiegt ein hölzernes Kaffeehäuschen, das mit seinen roten Sonnenschirmen mit dem Logo der Eisfirma und den alten Klappstühlen auf der Holzterrasse noch genauso aussah wie früher. Auf der rechten Seite begann das Ortszentrum mit der barocken Kirche, den gepflegten zweistöckigen Häusern in rosa, gelb oder hellblau, dem Brunnen und den mit Blumenkisten geschmückten Gässchen. Familien gingen spazieren, ein paar Radfahrer kamen vorbei – so sah er aus, der sanfte Tourismus. Ich starrte dem Verlauf der Bundesstraße nach, die sich am Ortskern vorbei nach Westen wandte und nach etwa zweihundert Metern in den Wald führte.

»Es ist weg«, sagte ich.

»Was?«

»Das Haus meiner Großeltern. Es ist weg!«

Ich ging die Straße hinunter, immer noch den Trolley hinter mir herziehend, vorbei an drei alten, baufälligen Häusern, bis ich vor einem von Bäumen beschatteten Grundstück stand, auf dem jemand unter einer Plane Baumaterial gestapelt hatte.

»Hier war es. Hier war es!«

»Oh, da ist ja gar nix mehr«, sagte Maja, bevor sie sich nach links und rechts an mir vorbeibog, ob sie nicht vielleicht doch noch irgendwo ein Stück Haus entdecken konnte.

»Hier war das Haus. Und hier …« – ich deutete auf das ebenso leere Nachbargrundstück – »… hier war das Haus der Nachbarin, der Frau Hohenecker.« Ich drehte mich um und sah über die Straße. Auf dem Grund gegenüber war ein kleiner Garten mit einem Geräteschuppen und Hochbeeten. »Dort drüben war das Gehege für die Hühner. Dort liefen sie herum. Rechts war ein kleiner Verschlag, links das Plumpsklo. Wir mussten jedes Mal über die Straße gehen und an den Hühnern vorbei, wenn wir aufs Klo wollten.«

Maja verzog den Mund, als wäre sie dafür nicht zu haben gewesen.

Ich wandte mich wieder dem Grund zu, auf dem das Haus meiner Großeltern gestanden hatte. »Hier war das Vorhaus, links die Küche, dann die Stube, rechts das Gästezimmer, in dem mein Bruder und ich geschlafen haben. Und hier, hier war die Selchkammer. Ein dunkles, stinkendes Schränkchen.« Ich sah den Schlund der Kammer vor mir, konnte ihre rußige Ausdünstung riechen. »Und hier, hinterm Haus, verlief ein kleiner Bach. Wieso ist sogar der Bach weg? Mein Bruder und ich haben uns hineingestellt und gewettet, wer weiter pinkeln konnte. Natürlich nur, wenn meine Oma nicht da war. Sie ist Lehrerin gewesen, sie hat uns den Sommer über immer diktiert, und wenn wir einen Satz nicht richtig schreiben konnten, hat sie ihn sich auf einem Streifen Papier notiert und in ihre Schürze gesteckt und ihn uns am nächsten Tag wieder diktiert, so lange, bis wir ihn konnten. Mein Opa war ein hoher Beamter in der niederösterreichischen Landesregierung. Unsere Oma hat uns erzählt, dass er als Kind vom Kindermädchen fallen gelassen worden war, deswegen hatte er einen krummen Rücken. Er verschränkte immer die Hände hinter dem Rücken, so hielt er sich aufrecht.«

Maja setzte sich auf ihren Koffer, stützte ihr Kinn mit den Händen ab und sah mich belustigt an.

»Meine Oma war keine so überragende Köchin: Das Kartoffelpüree hatte ganz glasige Augen, uns hat es geekelt. Wir haben jeder einen Schilling bekommen, wenn wir aufgegessen haben, also haben wir es halt runtergeschluckt.« Ich sah wieder hinaus in Richtung Straße, auf der nur selten mal ein Auto vorbeikam. »Die Straße war noch nicht asphaltiert damals. Dort sind die Gänse herumgelaufen. Überall waren sie, laut schnatternd, auch mitten im Ort, und haben ihren grünen Schiss hinterlassen. Gott, die Tiere! Wir haben die Schweine schreien gehört, wenn sie geschlachtet wurden. Und die Gänse wurden gestopft, der Maisbrei ist ihnen … Ach, na ja, grausam.«

Ich ging ein paar Schritte zur Straße und sah in Richtung des Waldes. »Bei uns liegt der Osten im Westen, haben sie hier gesagt. Weil Tschechien von hier aus im Westen liegt. Dort, in vielleicht fünfhundert Metern, ist die Grenze. Meine Oma hat gesagt: Dort ist das Niemandsland, da dürft ihr nicht hin. Niemandsland, das hat unsere Fantasie natürlich angeregt! Der Opa hat uns erzählt, dass die Leute manchmal zu nahe an die Grenze gingen und dann einfach verschwanden. Schwammerlsucher, Spaziergänger. Sie kamen erst Tage oder Wochen später wieder, und nie haben sie davon gesprochen, was ihnen passiert ist. Wie in der Twilight Zone … Mein Bruder und ich standen dort auf der staubigen Straße und haben nach Westen gesehen, wo die Sonne untergegangen ist, wo der Ostblock war, der Eiserne Vorhang.«

»Wie weit seid ihr gegangen?«, fragte Maja.

»Du meinst in Richtung Grenze? Nicht weit. Vielleicht hundert Meter. Weiter haben wir uns nicht getraut.«

»Ich hätte mir das aus der Nähe ansehen wollen …«

»Ja, du! Aber hier war das nicht so. Alle Kinder haben sich von der Grenze ferngehalten. Dort gab es nichts mehr, das hat man akzeptiert.«

Ich starrte die Straße hinunter, hinein ins Niemandsland, das nun wieder Jemandsland war.

»Wann warst du hier?«, fragte Maja.

»Die ganzen Achtziger durch. Das letzte Mal dann so mit siebzehn. Da gab es den Vorhang noch.«

»Magst du jetzt hinübergehen?«

»Über die Grenze?«

Maja nickte.

»Nein. Gehen wir ins Hotel.«

»Ja?«

»Es ist schon fast fünf. Ich bin ganz geschockt.«

»Wegen dem Haus?«

»Ja, ganz verloren fühle ich mich grad.«

»Du hast zu lange gewartet.«

»Ach ja, danke, dass du es aussprichst.«

Auf dem Weg fiel mir noch mehr ein: »Alle Frauen trugen Kopftücher. Am Sonntag kamen sie heraus und fegten die Stiegen und Vorgärten mit Reisigbesen. Am Montag wurde eingekauft: Dort vorne, wo der Friseur ist, da war das Geschäft. Alles hatten sie dort, Lebensmittel, Haushaltswaren, Kleider, Spiele, alles. Für uns Kinder war das natürlich ein Anziehungspunkt, wir sind mit den paar Schilling, dir wir uns durchs Z’amm’essen oder Zaunflicken verdient hatten, hin und haben uns Spielkarten oder ein Eis oder eine Micky Maus gekauft.«

Ich dachte, wie seltsam es war, dass die Vergangenheit ein Ort sein konnte, kein verblassendes Gewesensein oder Erlebthaben weit hinten auf der Zeitachse, sondern eine Straße, Häuser, ein Geruch, alles da, im Hier und Jetzt.

Wir zogen unsere Koffer knatternd über das Kopfsteinpflaster des Ortskerns, vorbei an dem Wirtshaus, das immer dort gewesen war, vorbei auch an einem Pub, das neu zu sein schien. Das Hotel Heide lag etwas abseits zwischen den Obstgärten, die zu den Häusern im Stadtkern gehörten.

Ein junger Tscheche namens Marek begrüßte uns, erinnerte mich daran, ich möge bitte eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn im Rathaus sein, und gab uns die Schlüssel.

In unserem Zimmer ließ ich mich auf das Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen. Ich dachte an die Lesung, an die Textstellen, die ich ausgewählt hatte. Ich versuchte, mir den Saal im Rathaus, in dem ich nie gewesen war, vorzustellen und überlegte, ob wohl genug Leute kommen würden – auf den Straßen waren wir kaum jemandem begegnet. Dann drifteten meine Gedanken wieder ab, ich sah meine Kumpel, meine Freundin Marianne und mich, wie wir am Teich hinter dem Ortszentrum saßen und Bier tranken. Marianne, die Bauerstochter, die immer hier lebte, nicht nur im Sommer wie ich. Marianne, mein erster Sex.

Maja begann über ein Buch zu sprechen, das sie gerade las, nachdem ich es auf der Reise beendet hatte. Sie fand, es war gut geschrieben, aber wieder mal glaubte sie dem Autor nicht, sie glaubte ihm nicht, dass ihm das Thema so ein Anliegen war, dass es eine Herzensangelegenheit für ihn war. In diesem Fall gab ich ihr auch recht, ich kannte den Autor und wusste, dass er das Buch schon vor Jahren geschrieben und nur veröffentlicht hatte, um seine Strafe für Fahren im berauschten Zustand zu begleichen. Während Maja sprach, zog sie sich nackt aus. Sie legte sich neben mich, öffnete meine Hose, berührte mich beiläufig, immer noch über das Buch redend. Irgendwann rutschte sie auf mich, lenkte mich in sie, legte ihren Kopf an meine Schulter und wiegte uns langsam einem Höhepunkt entgegen, bis kurz davor immer noch über Literatur sprechend.

Später standen wir nebeneinander im Badezimmer und betrachteten uns im Spiegel. Sie, ein dünnes Mädel von siebenundzwanzig Jahren, ich, ein ergrauender Mann von sechsundvierzig. Mein Bart nicht gepflegt, ihre Haare strähnig, wir beide ein Bäuchlein, wir beide müde aussehend nach zehn Tagen Unfug treiben, trinken, unruhig schlafen. Jetzt in diesem Augenblick fühlte ich mich sehr verliebt, ich legte meine Hände um ihre schmalen Hüften und lächelte sie mit feuchten Augen an. Sie kraulte meinen Bart, sagte sanft: »Mach deine Einleitung wie immer. Ich hab sie nur zu oft gehört. Sie ist klasse.«

Als wir das Zimmer verließen, trug ich einen schwarzen Anzug, Maja einen langen Rock und eine weiße Bluse, das schickste Ensemble, das wir im Koffer hatten. Ich war nervös, und meine Unruhe färbte auf Maja ab.

»Was ist denn?«, fragte sie mich am Treppenabsatz.

»Ich weiß nicht, wer dort heute hinkommt. Oder ob überhaupt jemand kommt. Und ich passe hier lesend gar nicht her. Ich sollte am Bach sitzen und Papierschiffchen losschicken, nicht auf der Bühne im Rathaus sitzen.«

»Lassen wir das mal einfach auf uns zukommen, gut? Trinken wir noch einen Schnaps in dem Pub.«

Als wir hinuntergingen und dann auf die Straße hinaustraten, dachte ich, vielleicht geht es gar nicht um die Lesung, vielleicht geht es nur darum, dass unsere kleine Reise nun zu Ende war und wir beschließen wollten, wie es mit uns weitergehen solle, und ich Angst hatte, wie das ausginge.

Wir tranken also einen Schnaps, einen klaren, brennenden Obstschnaps, dann machten wir uns Hand in Hand auf den Weg zum Rathaus. Wir waren zu spät, es war schon nach halb sieben, und als wir aus einer kleinen Gasse auf den Rathausplatz traten, sahen wir uns dreißig, vierzig Menschen gegenüber, die vor dem Eingang zum Rathaussaal standen, sich unterhielten, rauchten. Mein Blick streifte die Gesichter der Wartenden und blieb schließlich an zweien hängen, die mir vertraut waren.

Ich drehte mich um und schob Maja einen Meter zurück in die kleine Gasse.

»Meine Ex-Frau ist hier.«

»Was?«

»Meine Ex-Frau ist hier. Und mein Sohn.«

»Aha. Und wieso?«

»Ich habe keine Ahnung! Sie haben mir nichts gesagt. Ich wusste nicht mal, dass sie wissen, dass ich hier lese!«

»Wohnen sie denn hier?«

»Nein, sie leben in der Nähe von Linz. Ich weiß nicht, wieso sie da sind.«

»Ist das ein Problem? Ihr versteht euch doch?«

»Ja, tun wir.«

»Na, dann …«

»Lass mich noch kurz überlegen …«

»Was denn?«

»Einen Moment!«

»Ist es wegen mir?«

»Wie?«

»Willst du nicht, dass sie uns zusammen sehen?«

»Ich … nein … nein!«

Ich stotterte, wusste gar nicht, was ich empfand. »Natürlich können sie uns zusammen sehen«, sagte ich, »komm, wir gehen zu ihnen!«

Ich riss Maja an der Hand mit mir und zog sie einige Schritte über den Platz, bis wir vor meiner Ex-Frau und meinem Sohn standen. »Franzi, David, was macht ihr hier?«, rief ich, vielleicht etwas zu enthusiastisch.

Ich umarmte meine Ex-Frau Franziska, dann meinen Sohn; sie sahen an mir vorbei zu Maja, die lächelnd der Umklammerung meiner Hand zu entkommen versuchte.

»Du hast ja neulich am Telefon erzählt, dass du hier lesen würdest, und für uns ist es ja nicht so weit«, sagte Franziska ruhig, ihr Blick zwischen mir und meiner Begleitung pendelnd. Jetzt erinnerte ich mich, wir hatten telefoniert, ich war nicht ganz nüchtern gewesen.

»Das ist Maja«, sagte ich beiläufig.

Franziska und Maja gaben sich die Hände. Mein Sohn äußerte, es seien ja voll viel Leute da, und ich überlegte, ob es ein geeigneter Augenblick war, die Verwendung von voll als Gradpartikel in Frage zu stellen.

Franziska zog einen Mann am Ärmel zu uns. »Das ist Simon«, sagte sie, »Simon – Jakob.«

Simons Bart war grauer und voller als meiner, er war stämmiger als ich, sein Lächeln zeigte große, beeindruckende Zähne.

»Ich bin schon gespannt, ich hab dein letztes Buch gern gelesen«, sagte er. Wenn das Franziskas neuer Lebensgefährte war, hatte er die richtigen ersten Worte gefunden.

Von der anderen Seite tauchte eine Dame auf, nahm mich am Arm und zog mich sanft-beharrlich von meiner Gruppe weg.

»Ich bin die Leiterin der Bücherei, ich organisiere das heute hier. Herzlich willkommen, Herr Horak!«

Ich begrüßte sie und bedankte mich für ihre Mühe. Sie war in meinem Alter, ihre Haare kurz und rot gefärbt, ihre Brille farblich auf die Frisur abgestimmt, oder anders herum.

»Es wird sehr voll werden heute«, sagte sie, und es klang so, als wäre das keine gute Nachricht. »Ich bin nicht sicher, ob die Stühle reichen werden.«

»Besser zu voll als …«, setzte ich an, aber sie unterbrach mich sogleich: »In der Stadt tagt derzeit das Komitee für die Feierlichkeiten zum dreißigsten Jahrestag des Falls des Eisernen Vorhangs zwischen Österreich und Tschechien. Alle Damen und Herren der Arbeitsgruppe werden geschlossen Ihrer Lesung beiwohnen.«

»Das ist …«, ich suchte nach dem richtigen Wort, »… einschüchternd.«

»Ich habe für die Herrschaften Plätze in der ersten und zweiten Reihe reserviert, der Akustik wegen, einige sind schon etwas älter. Des Weiteren erwarten wir den Bürgermeister mit Familie und die Literaturbeauftragte des Landeskulturbüros. Ich habe außerdem gesehen, dass die Moruttis hier sind, Sie kennen das Schloss vielleicht?«

»Sie meinen das Schloss in Feinitz, da wohnt jemand?«

»Die Familie ist wieder eingezogen. Sie sind sehr … leutselig.«

Eine schöne Sprache hatte die Bibliothekarin, fiel mir jetzt auf, nur leicht in den Dialekt getaucht, nicht hineingeplumpst und ganz darin ersoffen.

»Wollen wir uns den Saal ansehen? Vielleicht möchten Sie noch das Mikrofon und die Leselampe für sich einstellen?«

Sie führte mich in den Rathaussaal, ein langer, weiß getünchter Raum mit Steinboden, frei gelegten Holzbalken und modernem Lichtdesign. Ein Heer schwarzer Sessel vermittelte mir die Erwartungen und die Ernsthaftigkeit, mit denen man an diesem Ort meiner Lesung entgegensah. Auf einem Büchertisch rechts vom Eingang des Saals waren alle meine Romane aufgereiht, sogar mein dritter, der bei einem kleinen Schweizer Verlag erschienen war, nachdem ihn ein paar Dutzend größere Häuser abgelehnt hatten.

»Wir freuen uns alle sehr auf Ihre Lesung«, sagte die Bibliothekarin, bevor sie mich auf die Bühne bat.

Ich dachte: Seid ihr eigentlich noch bei Trost? Mein neuer Roman geht schleppend, schon der vorige lief nicht besonders, ich habe mein Publikum, das ich mit meinen frühen Romanen gewonnen habe, verspielt, ich war nie ein Fall für Stipendien und Preise, ich habe einen Allerweltsnamen, den sich niemand merkt, und ich nehme nicht am öffentlichen Diskurs in den sozialen Medien teil. Mein Agent ist ein Nebenerwerbsbauer im Burgenland, der mich innerlich längst aufgegeben hat, mein Verlag betrachtet mich als eine Art Altlast, und die Filmrechte für meinen Erstling werden jedes Jahr neu vergeben, ohne dass es je zu einer Verfilmung käme. Und jetzt lasst ihr mich hier vor einem Komitee von tschechischen und österreichischen Denkern aus Wissenschaft und Politik, vor dem Bürgermeister, der Kulturreferentin und dem Grafen aus dem Märchenschloss auftreten, als wäre ich die logische Wahl für den nächsten Nobelpreis!

Auf der Bühne richtete ich das Mikrofon ein, verrückte die Leselampe um einen Zentimeter, dann sagte ich: »Alles perfekt. Nein, wirklich, perfekt. Nur eine Frage …«

»Ja?«, sagte die Bibliothekarin freundlich.

»Haben Sie mein Buch gelesen? Also das aktuelle?«

»Natürlich!«

»Hat es Ihnen gefallen?«

»Ja, doch. Es ist ganz anders als Ihre ersten Bücher, aber das scheint ja jetzt Ihr Markenzeichen zu sein. Jeder Roman ganz anders als der davor.«

»Wissen Sie, das geschieht nicht mit Absicht, ein Thema fliegt einem einfach irgendwie zu, und dann macht man sich an die Arbeit, erst später blickt man auf die Gesamtheit der Bücher, das Werk, haha, und sucht einen Zusammenhang, der aber vielleicht gar nicht vorhanden ist.«

»Aber sicher ist er das. Es sind ja alles Ihre Geschichten. Ihre Worte.«

»Ja, schon möglich … Aber glauben Sie, dass mein letztes Buch wirklich gut hier aufgehoben ist? Denken Sie, es wird den Leuten gefallen?«

»Aber dies ist doch der letzte Termin Ihrer Lesetour, Sie müssen doch viele Eindrücke gesammelt haben, viele Reaktionen bekommen haben.«

»Wissen Sie, jeder Ort ist anders, und heute kommen mir die Erwartungen so, wie soll ich sagen, hochgeschraubt vor, ich weiß nicht, ob ich dem entsprechen kann.«

»Sie müssen doch nur vorlesen, Herr Horak. Lesen Sie, die Arbeit haben Sie doch längst gemacht.«

Sie lachte, aber leichter fühlte ich mich nicht.

Die Bibliothekarin brachte mich in einen Raum hinter der Bühne, wo sich eine Couch und ein Tisch mit Wasser und Wein befanden, außerdem, aus welchem Grunde auch immer, ein Buch mit Garfield-Cartoons. Sie ließ mich alleine, meinte, sie werde mich in zehn Minuten auf die Bühne bitten, und deutete im Gehen auf die Toilette. Ich dachte, danke, vielleicht würde ich mich wirklich übergeben müssen.

Ich trank ein Glas Wein in einem Zug.

Dann überlegte ich: Wie seltsam, ich kann gar nicht mehr zu Maja, Franziska und David zurückgehen, diese Frau hat mich einfach entführt und dann hier geparkt, und jetzt warte ich auf meinen Auftritt wie ein Gladiator oder ein Kandidat bei Sing my Song.

Ich hörte, wie sich draußen der Saal füllte. Sessel wurden gerückt, Menschen unterhielten sich, ein Ruf: »Wir sitzen hier, Claudia, ich hab reserviert!«

Ich dachte daran, was sie wohl miteinander flüsterten: »Muss man den kennen? Hat der das mit dem senilen Vater geschrieben? Ich lese ja lieber Krimis.«

Plötzlich überkam mich ein Gefühl von Panik, ich könnte vielleicht das Leseexemplar meines Buchs vergessen haben, und begann in meiner Tasche zu kramen. Nein, da war es. Darin auch der Zettel mit den Stichwörtern zu meiner Einleitung. Sollte ich sie nun bringen? Warum hatte sich Maja nicht festgelegt? Wie konnte ich auf diese Weise vernünftige Entscheidungen treffen?

Ich griff nach dem Garfield-Buch. Ich las eine Bildgeschichte und verstand sie nicht. War das möglich? Ich verstand Garfield nicht. Wie sollte ich vor dem Komitee lesen, wenn ich nicht mal Garfield begriff.

Ich trank noch ein Glas Wein.

Ich überlegte, wer wohl noch im Publikum saß. Vielleicht war Marianne da. Marianne, meine »Landliebe«, wie der Pudding.

Was wohl aus ihr geworden war? Sie war hübsch damals und viel cooler als ich. Das erste Mal mit ihr zu schlafen waren die aufregendsten fünf Sekunden meines Lebens. Für die Präservative war ich fünfundzwanzig Kilometer mit dem Fahrrad zur Esso-Tankstelle nach Waidhofen gefahren. Auf dem Rückweg trug ich bereits eines, um mich an das Gefühl zu gewöhnen. Nach dem Sommer, wieder in Wien, schrieb ich ihr Briefe. Ich bettelte um ein Foto, je nackter, desto besser, stattdessen schickte sie mir ein Bild von Resi: »Das Kalb ist da!«

Draußen wurde es langsam ruhiger, die Leute hatten ihre Plätze gefunden.

Wieder dachte ich daran, wer aller im Publikum saß, und in Gedanken ging ich fiebrig den Text durch und überlegte, welche Stellen für wen unangenehm sein könnten. Ich erkannte, dass die Lesung für fast jede Gruppe – Frauen, Alte, Katholiken – Anstößiges bereithielt und ich etwas völlig anderes lesen musste, vielleicht etwas aus meinem dritten Roman, der so abgehoben war, dass sich niemand darin wiedererkennen und angegriffen fühlen konnte. Ich würde einen Ausweg aus diesem Raum finden müssen, außen ums Rathaus herumlaufen und heimlich vom Büchertisch ein Exemplar nehmen …

Draußen die Stimme der Bibliothekarin, dann Applaus. Karin, dachte ich mir, in Bibliothekarin steckte der Name »Karin«. Hieß sie so? Wie absurd das wäre …

Die Tür öffnete sich ein Stück, ein junger Mann steckte seinen Kopf herein und sagte: »Herr Horak, Ihr Auftritt.«

Gut, Jakob, sagte ich im Geiste zu mir selbst, du hast es hunderte Male gemacht, es ist einfach wie Geometrie, erste Klasse, also los.

Ich kippte das halb volle Glas Wein hinunter, griff nach meinem Buch, kontrollierte mein Hosentürl, rückte meine Brille zurecht und ging durch das Rechteck in der Wand auf das Rechteck im Saal hinaus, setzte mich unter Applaus an das Rechteck mit Beinen und legte das Rechteck, aus dem ich lesen würde, vor mich hin.

2

Eine Lesung ist nur in der Planung ein lineares, eindimensionales Ereignis. Sobald sie stattgefunden hat, existieren eine Vielzahl von Lesungen gleichzeitig.

Als ich die Bühne unter großem Applaus verließ und mich unter das Publikum mischte, war ich sicher, gut abgeliefert zu haben. Die Blicke der Leute waren freundlich, fast bewundernd. Meine Erleichterung war groß, und ich strahlte jeden einzelnen Gast mit breitem Lächeln an. Dann tauchte Maja an meiner Seite auf, doch ihr Gesicht drückte keine Verehrung aus.

»Andere Einleitung, hm?«, sagte sie.

»Ja, ein bisschen auf den Ort eingegangen.«

»Die Grenze als frühkindliche Erfahrung wird zu einem kontinuierlichen Motiv deiner Arbeit?«

»Ist mir vorher erst bewusst geworden …«

»Die Grenze zum Kitsch vielleicht …«

»Es ist gut angekommen!«

»Und wie du alles neu zusammensetzt: Der Klosterbruder wird zum Grenzübertreter, das Motorrad sein Fluchtfahrzeug.«

»Wenn sich die Kritiker schon nicht die Mühe machen, meine Arbeit zu interpretieren, muss ich eben selbst … Und die Lesung?

»Hast die bissigen Stellen ausgelassen, wolltest keinem wehtun, gell?«

»Ich hatte die Alten vom Komitee vor der Nase, muss ja keiner einen Herzkasper kriegen wegen mir.«

Als Bibliothe-Karin an meiner anderen Seite auftauchte, flötete Maja: »Ganz toll, Herr Horak, später dürfen Sie meine Zimmerkarte signieren«, und lächelte mir falsch-verführerisch zu, bevor sie sich in den Strom der Leute Richtung Ausgang einreihte.

Ich wandte mich an die Organisatorin meiner Lesung: »Waren Sie zufrieden?«

»Es war gut! Vor allem die einleitenden Worte: Der Bezug zu Heidenholz hat unser Publikum natürlich besonders in die Lesung hineingezogen. Ach ja, das Haus Ihrer Großmutter steht übrigens noch, Sie waren in der falschen Straße.«

»Wie bitte?«

»Ja, ja, zuerst kommt die Straße zum alten Sägewerk, dann erst die Straße zur Grenze. Eine zu früh abgebogen!«

»Oh, mein Gott.«

»Sie hätten übrigens ruhig etwas länger lesen dürfen. Haben Sie die Szenen gekürzt?«

»Minimalst. Ich lese immer lieber kürzer, bevor …«

Das Gesicht von Simon, Franziskas Freund, tauchte plötzlich vor mir auf.

»Die Lesung war ein Knaller! Dieser virile Mönch, köstlich, von dem möchte man mehr hören.«

»Nun ja, das Tagebuch umfasst nur ein Jahr.«

»Das beruht auf einem Tagebuch? Das hättest du in der Einleitung sagen sollen!«

»Denkst du wirklich …?«

Ich warf Maja, die mich vom Ende des Raums aus ansah, einen bösen Blick zu.

Bibliothe-Karin mischte sich noch mal ein: »Herr Horak, würden Sie jetzt vielleicht signieren gehen, die Leute stehen bereits an.«

»Haben Sie …?«

»Kugelschreiber liegen auf dem Tisch.«

Auf dem Weg zum anderen Ende des Saals kam ich an Franziska vorbei, die sich in die Schlange der Wartenden vor dem Signiertisch eingereiht hatte.

»Ich kann dir später signieren«, sagte ich im Vorübergehen, »wir werden doch noch etwas trinken gehen, oder?«

»Aber ich muss das Buch ja erst kaufen.«

»Ich bring dir eines mit!«

»Ehrlich gesagt hätte ich lieber das Letzte, das davor, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Kein Problem. Sag schnell, wie hat dir die Lesung gefallen?«

»Die Einleitung fand ich interessant. Dass du deinen Hang zu Grenzverletzungen thematisierst, hätte ich nicht erwartet.«

»Wie? Nein, das war nur so dahergeredet …«

»Den Mönch finde ich eher doof.«

»Aha, verstehe, schade. Ich muss jetzt arbeiten, wir sehen uns.«

Ich setzte mich an den Signiertisch. Eine Frau um die fünfzig, zierlich, rot-graue Locken, stand vor mir und lächelte mich an. Ich nahm ihr Buch entgegen und schlug die erste Seite auf.

»Für wen?«

»Für Cousine Grete, bitte.«

Ich sah überrascht zu ihr auf.

»Großcousine eigentlich …«, sagte sie. »Ihr habt uns öfter mal besucht, oben in Grundstein.«

Ich erinnerte mich wieder.

»Grundstein, das alte Gut! Ihr habt gerne Feste gemacht!«

Ich schrieb ihr eine Widmung ins Buch, dann sagte ich: »Du musst nachher ins Wirtshaus kommen, dann plaudern wir.«

»Ich muss leider gleich weiter! Aber vielleicht besuchst du uns ja. Du weißt, Ende der Welt, nördlichste Gemeinde Österreichs …«

»Das mache ich vielleicht«, sagte ich, und schon reichte mir jemand das nächste Buch.

Das Signieren dauerte fast eine Stunde. Als ich danach auf den Vorplatz des Rathauses hinaustrat, wurde es bereits dunkel. Bibliothe-Karin kam mir entgegen – begleitet von vier Leuten, die ich schon in der ersten Reihe gesehen hatte.

»Herr Horak, darf ich Ihnen die Vorsitzenden des Komitees vorstellen!«

Drei Herren und eine Dame lächelten mich erwartungsvoll und mit jener vollkommen einseitigen Vertrautheit an, die zwischen Publikum und dem Menschen auf der Bühne entsteht.

»Also, das ist Herr Janisch vom Institut für Grenzforschung in Wien!«

Janisch war ein ein Meter sechzig kleiner, grauhaariger Bartträger im Cordsakko mit schelmischem Lächeln.

»Herr Singer, Vorsitzender der Waldviertel-Universität!«

»Sehr schöne Lesung«, sagte Singer, ein silberhaariger, distinguierter Herr.

»Das ist Frau Keinberger, sie ist die Koordinatorin für das Land Niederösterreich!«

Sie war eine ganz hübsche Frau in ihren Dreißigern, etwas stark uniformiert in Rock, Bluse und Blazer.

»Und Herr Nemec, zuständig für die Region Südböhmen« – ein junger Mann in Anzughose und Hemd, hinter seinen randlosen Brillen leicht schielend.

»Darf ich beginnen?«, bat der kleine Janisch seine Kollegen um Erlaubnis zu sprechen. »Wir freuen uns, Sie heute hier kennenzulernen! Eine Frage vorweg: Jakob Horak, Sie sind a Tschech, oder?«

Ich musste lachen. »Nicht in meinem Pass, aber zu einem Stück bin ich wohl ein Tscheche. Allerdings habe ich noch nie einen tschechischen Verwandten getroffen …«

»Aber darum geht es ja gar nicht!«, sagte Singer. »Worum es geht, ist, dass Sie ein guter Schreiber sind und wir Sie über die Grenze sprechen gehört haben, und auch wenn manches davon ein bisschen herbeigedichtet klang, glauben wir doch, dass Sie unser Mann sein könnten.«

Die aparte Frau Keinberger setzte fort: »Wissen Sie, wir zerbrechen uns seit Tagen den Kopf, wie wir im nächsten Jahr unsere Botschaft unter die Menschen bringen, und die lautet: Vor dreißig Jahren ist der Vorhang zwischen Österreich und Tschechien gefallen, aber das Stück hat immer noch nicht wirklich begonnen.«

»Oder in einem anderen Bild …«, sagte Nemec, »… der Zaun ist weg, aber die Grenze noch nicht.«

»In mancher Hinsicht fühlt man sich hier immer noch wie am Ende der Welt«, sagte Singer, »obwohl uns heute längst alle Wege offenstehen.«

Herr Nemec setzte fort: »Und natürlich sehen wir, dass die Nationen wieder aufrüsten, dass die Populisten dazugewinnen, dass wieder Zäune gebaut werden, dass der Europa-Gedanke in Gefahr ist, und wir wollen dem etwas entgegenhalten!«

»Was wir brauchen«, sagte Janisch schließlich, »ist ein Text, den wir unseren wissenschaftlich-bürokratischen Ergüssen vorausschicken können, ein kraftvoller, poetischer Text, der sagt: Vor dreißig Jahren haben wir ein düsteres Kapitel der Geschichte abgeschlossen, und es ist heute wichtiger denn je, sich dieses Triumphes bewusst zu sein.«

»Zwei Worte«, sagte Singer, »Freiheit und Verantwortung!«

Janisch übernahm den Faden: »Wir haben die Freiheit gewonnen …«

»… und haben die Verantwortung, sie zu bewahren«, spann ihn Nemec zu Ende.

»Was denken Sie?«, fragte Keinberger.

»Nun, ich denke, dieses Jubiläum ist von großer Bedeutung«, sagte ich.

Alle nickten.

»Ich denke auch, unsere beiden Länder könnten viel enger zusammenwachsen.«

Mehr Nicken.

»Ich denke, dass ein gemeinsames Europa das große Projekt unserer Lebenszeit ist.«

Sehr einiges Nicken.

»Aber ich denke auch, Sie finden für diese große, schöne Aufgabe einen geeigneteren Kandidaten als mich.«

Ich hörte Ohs, ich hörte ein Nicht doch und ein Aber geh.

»Wieso denken Sie das, Horak?«, fragte Janisch und verschränkte die Arme.

»Wissen Sie, mir fallen auf Anhieb zwei oder drei Autoren österreichischer Provenienz ein, die einen stärkeren Tschechien-Bezug haben als ich, und ich bin sicher, in Tschechien finden Sie ganz wunderbare Autoren, die eine Verbindung zu Österreich haben, die vielleicht sogar deutsch schreiben.«

»Das ist aber nicht Bedingung für uns«, sagte Keinberger.

»Sie könnten auch Suaheli schreiben«, sagte Singer, »wir übersetzen uns das schon.«

»Wir kennen natürlich jene Autoren, die gewöhnlich bei Artikeln, Ansprachen oder Ausstellungskatalogen zu unserem Thema zum Zug kommen«, sagte Nemec, »aber wir suchen ja gerade eine andere Stimme, einen frischen Zugang.«

»Ich bin kein politischer Autor«, sagte ich.

»Das glaube ich Ihnen nun aber nicht«, sagte Janisch, »Sie wollen mit Ihren Geschichten irritieren, und das ist ein politischer Akt.«

Bibliothe-Karin schaltete sich nun ein: »Lassen Sie Herrn Horak doch einmal darüber nachdenken, was meinen Sie? Für ihn kommt diese Einladung ja ganz überraschend, und er ist ja auch nur auf Besuch hier und hat natürlich seine sonstigen Agenden. Vielleicht wollen Sie morgen nach dem Frühstück bei einem Spaziergang in der Heide noch mal über die Angelegenheit sprechen?«

Ich dachte mir, aha, so regelt ihr hier eure Angelegenheiten, schickt die Leute uneins in die Heide, und sie kommen mit einer Übereinkunft wieder heraus.

»Ich werde darüber schlafen«, sagte ich, »vielleicht lasse ich mich ja überzeugen.«

»Hätten Sie denn schon eine Idee, wie Sie es anlegen würden?«, fragte Nemec, worauf Janisch rief, »Geduld, Jaromir!«, um sich dann entschuldigend an mich zu wenden: »Er glaubt, Literatur zieht man fertig aus der Lade und klebt nur einen Preiszettel drauf, verzeihen Sie.«

Bibliothe-Karin flüsterte mir ins Ohr: »Falls Sie morgen mit Janisch in die Heide gehen, lassen Sie sich erzählen, wie er Anfang der Neunziger mit Salman Rushdie im Waldviertel auf Fahrradtour war, Sie werden niederbrechen vor Lachen.«

Als ich das Wirtshaus betrat, das seit meinen Jugendjahren renoviert und radikal entmieft worden war, bemerkte ich sofort den winkenden Simon, der »Meister!« rief und mich zu dem Tisch weit hinten im Lokal lotste, an dem er mit Maja, Franzi und meinem Sohn saß. Er war zweifellos ein Mann der großen Gesten und des Überschwangs, Eigenschaften, die er jedenfalls nicht mit mir gemein hatte, und die Franziska gewiss als interessanten Kontrast zu mir erlebte, falls sie überhaupt noch andere Männer mit mir verglich, oder das je getan hatte.

Ich grüßte in die Runde und setzte mich neben Maja, während ich zugleich ein Bier bestellte. Von den Nachbartischen wurde ich mit neugierigen Blicken bedacht, von der großen Tafel beim Kamin winkte mir ein graubärtiges Runzelgesicht zu, das ich zuerst für den Bürgermeister hielt, kurz darauf aber als den Alten identifizierte, der neben Maja und mir im Pub Whisky getrunken hatte, was nicht bedeuten musste, dass er nicht doch der Bürgermeister war. Ich winkte zurück.

»Wo warst du so lange?«, fragte Maja leise und mit einem angespannten Unterton.

»Ich habe Bücher signiert, eine Großcousine getroffen, und dann wurde ich gebeten, ein literarisches Statement zum Fall des Eisernen Vorhangs zu verfassen.«

»So spontan und im Stehen?«

»Nein, ich glaube, ich habe etwas Zeit dafür.«

»Es ist nur«, flüsterte sie, »weil wir nämlich seit einer Stunde hier sitzen, und das Gespräch nicht eben wie geschmiert läuft, was angesichts unseres Bekanntschaftsverhältnisses ja auch nicht weiter überrascht.«

»Maja ist übrigens auch Autorin«, sagte ich in die Runde, um das Gespräch in Gang zu bringen, »sie hat schon einen Preis gewonnen!«

»Ach, wirklich, was für einen Preis?«, fragte Franziska.

Maja sah mich kurz etwas unglücklich an, dann sagte sie aber tapfer und erhobenen Hauptes: »Den 1. Preis bei der Nacht der schlechten Texte.«

Es entstand ein Moment der Stille.

»Das ist ein ernsthafter Preis!«, erklärte ich, und Maja erwiderte gedämpft: »Warum sollten wir auch sonst darüber reden?«

Maja begann, das Konzept des Literaturpreises zu erläutern, und alle hörten ihr aufmerksam zu, sogar mein Sohn David. Kunst interessierte ihn, vor allem Musik, aber auch Literatur und Film. Wie er da neben seiner Mutter saß, mit seinen etwas längeren Haaren, der fast abgeheilten Akne und der dicken Brille, die ohne sein Zutun im Laufe der letzten Jahre cool geworden war, konnte ich mühelos alles Mögliche in ihm sehen, den Indie-Rock-Musiker, den Autor schräger Short-Storys, den besessenen Filmemacher, aber bei herabgeschraubter Erwartungshaltung auch den Redaktionsassistenten in einem Fernsehsender oder Junior-Texter einer Werbeagentur. Seine Lehrer sahen leider fast nur den Faulpelz und Leistungsverweigerer in ihm, aber bei mir war es mit siebzehn nicht anders gewesen, kein Stück.

Franziska wirkte Maja gegenüber ganz unvoreingenommen, und ich glaube, es kümmerte sie nicht sonderlich, ob sie vielleicht zu jung für mich war. Ich hätte ihr auch erzählen können, ich lebte nun mit einem Koalabären und dem Geist von Harald Juhnke zusammen, und sie hätte nur gelächelt und gesagt: Schön, wenn du glücklich bist, und vergiss nicht auf Davids Geburtstag! In den vier Jahren seit unserer Trennung war sie zufriedener, autonomer und selbstbewusster geworden, als sie es mit mir je hatte sein können, während ich alle Stadien der Orientierungslosigkeit und emotionalen Unsicherheit durchlaufen hatte, die für solche Anlässe vorgesehen waren. Heute führte sie einen Bio-Lebensmittelladen in Linz und fuhr das Saab-Cabrio, das ich ihr einst versprochen, aber nie geschenkt hatte, und ich … na ja, ich war ein Stück Arbeit.

Nachdem wir das Essen bestellt hatten, begann Simon wieder von dem Mönch aus meinem Roman zu schwärmen: »Eine richtige Kultfigur hast du da geschaffen.«

»Danke schön, aber er beruht ja auf einem realen Menschen.«

»Weißt du denn, wer er war?«, fragte Simon fasziniert.

»Ich kenne seinen Namen nicht, aber ich konnte aufgrund seiner Aufzeichnungen darauf schließen, in welchem Kloster er gelebt hat.«

Simon fragte mich nach dem Tagebuch, und ich erzählte, wie ich es auf einem Flohmarkt in Graz entdeckt hatte und wie fasziniert ich von der Lektüre gewesen war.

»Hast du in dem Kloster recherchiert?«, fragte Simon.

»Nein, ich wollte die Geschichte nicht mit noch mehr Realität zuspachteln, ich habe eher versucht, Fiktion zu untermischen.«

Das Essen kam, und das Gespräch begann sich unzusammenhängend um Beruf und Biografie zu drehen. Simon war Apotheker, und er führte den Traditionsbetrieb seiner Familie inzwischen in sechster Generation, allerdings, sagte er, zog er alles ein bisschen anders und unkonventioneller auf. Er war geschieden und hatte zwei erwachsene Kinder.

Während des Gesprächs schlich sich Bibliothe-Karin an mich heran und bat mich, nach dem Essen doch für einen Moment zu ihr an den Tisch zu kommen, wo der »Graf« und seine Schwester säßen und darauf hofften, mich kennenzulernen.

Ich dachte mir, bringe es gleich hinter dich, und wechselte mit meinem Teller mit Schokoladepalatschinken den Tisch. Der Graf war etwa Anfang dreißig, trug einen modischen Vollbart, Jeans und einen Trachtenjanker, und erschien mir wie ein vifer Bursche, jedenfalls gänzlich ohne Standesdünkel. Seine Schwester war etwas jünger, hübsch gelangweilt, und paffte uns mit ihrer E-Zigarette ein.

Der Graf stellte sich mir als Tassilo vor. Er beglückwünschte mich zu meiner Lesung, und sprach von seiner Hoffnung, dass sich etwas mehr Kultur in die Region verirre. Dann stellte er fest, eine Passage des Buchs habe ihn an Philippe Djian erinnert, was mich positiv verblüffte. Ich plapperte los, dass mir bei der Liebesbeziehung zwischen dem Mönch und der labilen Supermarktverkäuferin tatsächlich hin und wieder das Paar aus Betty Blue vor Augen gestanden hatte und Tassilo unbedingt die Abschnitte in der Originalversion lesen musste, die nicht für Provinzlesungen entschärft worden war (ich formulierte es etwas anders).

Um elf Uhr schloss das Wirtshaus, und wir wechselten ins Pub die Straße hinunter. Wir waren zu acht: meine Ex-Frau und ihr Simon, Bibliothe-Karin mit Mann, der Graf und sein Schwesterchen, Maja und ich. David war bereits ins Hotel zurückgegangen.

Ich bestellte eine Runde Averna Sour, die ich von dem Honorar für die Lesung aus der Hosentasche bezahlte. Bibliothe-Karin hatte mir das Geld im Nebenzimmer des Wirtshauses gegeben und gesagt: »Ich heiße übrigens Silvia.«

Ich hatte geantwortet: »Ich fürchte, Karin, dafür ist es jetzt zu spät …«

Ich hielt – inzwischen relativ angetrunken – eine kleine Ansprache über das Ende meiner Lesetour, die Rückkehr ins Dorf meiner Jugend, meine Ex-Frau, die eine neue Liebe gefunden hatte, meinen Sohn, dem ich wünschte, mehr von seiner Mutter als von mir zu besitzen, und meine bezaubernde Begleiterin Maja, deren literarischer Stern schon bald aufgehen werde. Dann fühlte ich mich verpflichtet, auch etwas über die anderen Anwesenden zu sagen, kam aber wieder einmal mit den Namen durcheinander, worauf mich Maja mit den Worten »Und Vorhang!« beiseitenahm und kurzerhand in Richtung Bar abführte. Als wir mit zwei Bier zur Gruppe zurückkehrten, hatte sich mein Sentiment beruhigt und wir stiegen in die allgemeine Plauderei ein. Nach einiger Zeit verlautbarten Simon und Franziska, sie hätten vor, ein paar Tage in Heidenholz zu bleiben. Ich rief: »Großartig, wir bleiben auch!« Der junge Graf sagte, dann müssten wir auch zu ihnen aufs Schloss kommen, Karin hatte auch noch ein paar Ideen, was man unternehmen könnte, und so war innerhalb einiger Minuten ein Plan für das ganze Wochenende erstellt.

»Bist du sicher, dass du das morgen auch noch willst?«, fragte mich Maja etwas später, und ich sagte: »Natürlich, wieso auch nicht?«

»Weil die Pläne deiner Nächte das Bedauern deiner Tage sind.«

Einen Moment schwieg ich, weil das so erschreckend zutreffend war. Dann sagte ich: »Niemand mag Autoren, die so hochgestochen reden, verhalte dich wie ein normaler Mensch!«

Als wir das Pub um zwei Uhr Früh verließen, sangen wir den Song weiter, der zuletzt gespielt worden war, es war Heal the World, und wir hielten uns dabei an den Händen.

3

Ich erwachte im Bett mit Maja. Ihre Füße lagen neben meinem Kopf, sie hatte sich also in der Nacht umgedreht, was vermutlich bedeutete, ich hatte geschnarcht.

Jemand klopfte an die Tür. Ich band mir meine Bettdecke um die Mitte, wankte durch das verdunkelte Zimmer und öffnete.

Karin stand draußen und fragte, ob sie mich auch nicht geweckt hätte. Ich sagte, ich sei schon munter gewesen, aber meiner Hose noch nicht begegnet. Warum sah sie so frisch aus? Sie war eigentlich hübsch, hätte sie nicht den schrecklichen unsymmetrischen Kurzhaarschnitt mit der roten Tönung gehabt. Landfriseure waren Verbrecher.

»Was gibt es denn?«, fragte ich.

»Möchtest du das Haus deiner Großeltern sehen?«

Seit gestern gegen ein Uhr dreißig sagten wir Du zueinander.

»Jetzt gleich?«

»Der Vermieter hätte gerade Zeit, er muss später nach Wien. Es ist ja jetzt ein Ferienhaus und es ist frei. Ich glaube, er will es dir umsonst geben.«

Ich sah ins Zimmer hinein, wie es um Maja stand: Sie schlief immer noch, auf dem Bauch liegend, das Kissen über ihrem Kopf.

»Ich bin in zehn Minuten unten«, sagte ich.

Ich nahm ein Kopfwehmittel, trank einen halben Liter Wasser aus der Flasche, putzte mir die Zähne und schlüpfte in mein Tennisdress. Ich hatte es gekauft, weil Maja und ich beschlossen hatten, sportlich zu werden, wozu es während unserer Reise aber noch nicht gekommen war. Als ich unten in meinen kurzen weißen Shorts und dem weißen Poloshirt erschien, sah mich Karin an, hob interessiert eine Augenbraue und sagte: »Hübsche Wadeln …«

Bevor ich erklären konnte, dass ich nur eine beschränkte Sommergarderobe dabeihatte, ging sie schon los und erzählte mir von dem Haus:

»Als es deine Großeltern verkauft haben, wurde es nur noch für ein paar Wochen im Sommer genutzt. Der jetzige Besitzer hat es dann renoviert und als Ferienhaus adaptiert. Es steht ziemlich gut da!«

Wir kamen am Gasthaus vorbei. Der Schanigarten war offen, Gäste frühstückten in der Sonne. Ich erkannte ein paar Gesichter vom Abend davor und grüßte.

»Die freuen sich, dich zu sehen«, sagte Karin, »du bist gut angekommen gestern.«

»Na ja, sie rechnen mit einem Sonderling, weil ihnen Schreiben als Beruf sonderlich vorkommt, und dann kriegen sie einen ganz normalen Kerl.«

»Es ist ja auch ein ungewöhnlicher Beruf, wie viele können denn vom Schreiben leben …«

»Die meisten Schriftsteller leben dafür, nicht davon.«

Karin lächelte und sagte: »Das hast du bestimmt schon oft gesagt.«

Ich zwinkerte ihr zu, dann sah ich das Haus am Ende der Straße, bevor der Wald begann.

»Da ist es. Da ist es wirklich!«

»Ich sage ja, eine zu früh abgebogen.«

Wir folgten der Straße – jene, die tatsächlich Richtung Grenze führte – bis zum Haus meiner Großeltern. Es sah von außen nahezu unverändert aus, nur schöner, neu hellgrün gestrichen, der Garten gepflegt. Ich öffnete die kleine Tür im Holzzaun und betrat den Vorgarten. Über der aufgearbeiteten Holztür war ein kleines, weiß gestrichenes Kupferdach, neben der Tür zwei Säulen mit Blumentöpfen – genau wie vor dreißig Jahren. Auf einem Kiesbett im Vorgarten standen ein alter Holztisch und zwei Stühle, auf dem Boden Töpfe mit Basilikum und Thymian. Die Sonne schien auf die Hausfront, die runden Fenster und das nach der Renovierung bereits wieder Moos ansetzende Dach, und ich stand ganz still und lauschte, ob die Geräuschkulisse noch dieselbe war wie früher. »Der Bach«, sagte ich, »man hört sogar noch den Bach!«

Karin winkte einem Mann zu, der gerade aus seinem Geländewagen stieg, den er an der Straße gegenüber geparkt hatte.

Er kam zu uns herüber und schüttelte mir die Hand. Er war etwa so alt wie ich und kam mir bekannt vor. Er war drahtig, seine Schläfen begannen grau zu werden, seine Nase war scharf geschnitten.

»Wolf, weißt noch? Meine Eltern haben den Laden im Ort geführt.«

Jetzt fiel es mir ein, er war der Ladenbursche, der vormittags immer beim Einschlichten der Lebensmittel geholfen hatte und manchmal, da waren wir schon älter, ein paar Bier und eine Neue Revue oder ein anderes Schmuddelheftchen aus dem Geschäft abzweigte.

»Oh Gott, natürlich erinnere ich mich an dich«, sagte ich, und fast hätte ich ihn für die Freigiebigkeit seiner Jugend umarmt.

»Ihr bleibt eine Weile?«, fragte er.

»Ein paar Tage, dachten wir.«

»So lange könnt ihr gern hier wohnen, war ja mal dein Haus. Übernimmst dann nur die Reinigung.«

Ich sagte: »Nein, das geht nicht, das ist verrückt. Ich erklär dir, wie das geht, du musst mich wie einen alten Freund behandeln, auf einen Kaffee einladen, aber nach dem Urlaub eine gesalzene Rechnung schicken, auch über den Kaffee. Das macht man so im Gastgewerbe, ich kenn mich da aus.«

»Siehst, ich weiß so was gar nicht, ich mach das ja nur als Hobby. Komm, ich zeig dir das Haus, wie’s jetzt ist.«

Wir bückten uns und betraten das Vorzimmer durch die niedrige Tür. Er führte mich durch die Räume: die Stube, das kleine Schlafzimmer, das Bad, dann kletterten wir über die schmale Stiege in den zweiten Stock. Die meisten alten Holzmöbel hatte er behalten und aufgearbeitet, Küche und Bad, Böden und Fenster waren neu. Er wies mich auf Materialien hin, sprach über die Dämmung, die Heizung, Herausforderungen bei der Renovierung.

Ich erzählte, wie einfach alles gewesen war, wie es gerochen hatte. Wolf nickte bloß und verschränkte die Arme, und da begriff ich, dass er das alles ja gekannt hatte und wusste, wie es früher gewesen war, aber einfach völlig ohne Nostalgie auf die Zustände von früher zurücksah.

Wieder im Erdgeschoß deutete er auf den großen Holztisch in der Stube, auf den die Sonne den Halbkreis des Fensters nachzeichnete, und sagte: »Ich glaub, das ist ein guter Platz zum Schreiben, vielleicht fällt dir ja was ein.«

Karin fragte ganz unbekümmert: »Trinken wir einen Schnaps?«

Wolf nickte, als wäre diese Anregung längst überfällig gewesen, öffnete die Tür einer Anrichte und nahm eine Flasche Obstler und Gläser heraus. Ich sagte, dass ich noch gar kein Frühstück gehabt hatte, er goss ungerührt ein, wir prosteten an und tranken ohne abzusetzen.

»Gut ist der«, sagte ich, und alles wurde unscharf.

Wolf gab mir den Schlüssel, dann schlug er vor: »Ich bin ab morgen wieder in Heidenholz, wir können ja mal die Burschen zusammenrufen und ein paar Bier trinken.«

»Unbedingt!«, rief ich. Dann fiel mir noch etwas ein: »Was ist denn eigentlich aus Marianne geworden?«

»Marianne? Sie lebt schon lange nicht mehr hier. Sie ist jetzt in Reintal, das ist fünf Kilometer von hier.«

»Das wäre zur Not ja noch zu erreichen.«

Als Wolf abgefahren war, setzten Karin und ich uns auf die Stühle im Vorgarten, streckten die Beine aus und lauschten auf die Geräusche dieses Sonntags, das Summen der Insekten, das Rauschen des Bachs, das Knistern der Speichen der Fahrradtouristen.

»Dass er mir das Haus einfach so gibt …«, sinnierte ich, während langsam meine Sehkraft zurückkehrte.

»Ihm gehören noch ein paar Häuser in der Gegend, und angeblich hat er viel Geld mit Bitcoins gemacht«, sagte Karin.

»Mit Bitcoins?«, fragte ich.

»Hab ich gehört …«

»Ich hab 2011 das Honorar für eine Lesung in Bitcoins bekommen.«

»Die wären jetzt aber viel wert.«

»Ich hab keine Ahnung, wo ich sie hab!« Eine Weile schwiegen wir, dann sagte ich: »Ich hätte Lust, in den Bach zu pinkeln, wie früher.«

Karin zuckte die Schultern. »Schau halt, ob die Nachbarskinder nicht grad drin spielen.«

Später spazierten wir zurück ins Stadtzentrum. Karin erzählte mir von der Lesung, die eine Woche davor stattgefunden hatte, und dass weniger los gewesen sei. Ich freute mich ein wenig, weil genau dieser Autor bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Buchhändlerin nach Hause gegangen war, auf die ich selbst ein Auge geworfen hatte (das war noch vor Maja gewesen). Die Sache dürfte aber nicht gut für ihn ausgegangen sein, eine Woche später waren seine Bücher aus ihrer Auslage verschwunden.

Als uns der kleine Grenzforscher Janisch von gestern Abend entgegenkam, vertieft in eine Unterhaltung mit einem anderen Mann, griff ich nach Karins Arm, zog sie in eine Seitengasse und sagte, ich wolle einmal einen anderen Weg probieren.

Als ich wieder das Hotelzimmer betrat, war es kurz nach zehn. Ich setzte mich zu Maja ans Bett. »Wir haben das Frühstück verpasst«, sagte ich.

»Wir haben auf dieser Reise jedes Frühstück verpasst.«

»Nicht das in Reichenau.«

»Aber da gab es keine Brötchen mehr!«, rief sie, immer noch verbittert deswegen.

Sie rieb sich die Augen, zerrte an ihren Haaren, streckte sich, zog die Knie an die Brust und schloss wieder die Augen.

»Holst du mir einen Himbeersaft mit Bläschen?«, sagte sie mit träumerischem Lächeln.

Ich seufzte. »Und wenn sie kein Kracherl haben?«

»Einen Almdudler. Aber bitte mach, dass sie ein Kracherl haben.«

Am Morgen nach unserer ersten gemeinsamen Nacht wollte sie auch ein Kracherl haben. Ich lief im Regen durch den südburgenländischen Ort, in dem ich mein Schreibseminar abhielt, und klapperte die zwei Gasthäuser und die Tankstelle auf der Suche nach Himbeersoda ab.

Meine erste Begegnung mit Maja: Ich stand an der Bushaltestelle von Hasendorf, es war Ende Oktober vor eineinhalb Jahren, und ich erwartete die ersten drei von insgesamt sechs Seminarteilnehmern. Ich hatte alle, die sich mit einer Arbeitsprobe beworben hatten, angenommen, denn ich war abgebrannt und brauchte ihre Seminargebühren, um zwei Kronen im Mund und ein paar Termine beim Osteopathen bezahlen zu können. Aber die Texte von Maja, die gefielen mir, sie waren böse und ungezwungen, und ich war neugierig auf die Frau.

Sie stieg aus dem Bus, groß und dünn, enge grün-schwarz gestreifte Röhrenhosen, ein Wollschal, den sie zehnmal um ihren Hals geschlungen hatte, die blonden Haare verwuschelt, überladen mit Rucksack, Reisetasche und Laptopbeutel. Sie knallte die Tasche auf den Boden, ließ sich darauf nieder und zündete sich eine Zigarette an, während sie mit ihren hellblauen Augen wenig begeistert die Atmosphäre von Hasendorf einsog. Damals wusste ich noch nicht, dass die Provinz unser Schicksal war, dass wir am Dorf am glücklichsten waren und in der Stadt einfach nicht miteinander klarkamen.

Ich stellte mich vor ihr auf, fragte: »Maja?«

Sie sah zu mir hoch, blinzelte, reichte mir die Hand.

Ich sagte: »Herzlich willkommen in der Literaturgemeinde Hasendorf!«

Sie sah mich an, als sei das ein Witz, und das war es ja auch.

»Bin ich die Einzige hier, und es kommt auch niemand mehr, und du brauchst bloß jemanden für deinen Bauernhof?«

»Ich rechne mit fünf weiteren Literaturnarren, und wir werden an diesem Wochenende viel über das Schreiben, uns selbst, und ein Leben ohne Pizzalieferanten lernen.«

»Na, mal sehen«, sagte sie und hievte sich hoch.

»Bist du aus Bayern?«, fragte ich.

»Saarland«, sagte sie.

»Aha«, sagte ich, denn dazu fiel mir nichts ein.

»Wieso findet das eigentlich hier statt und nicht in Wien, wo du ja auch wohnst, wenn das Internet da nicht lügt …?«, fragte sie.

Die Antwort auf Majas Frage war: Mein Freund Manfred, der auch mein Agent war, stellte mir den Seminarraum seines Hofs zur Verfügung, und so günstig und komfortabel war so etwas in Wien natürlich nicht zu bekommen. Plus wir bekamen eine nette Förderung vom Land Burgenland.

Stattdessen sagte ich: »Der Hasendorf-Spirit. Wegen dem. Komm, ich zeig dir das Rückhaltebecken. Ist jetzt aber leer.«

»Sollten wir nicht noch auf die anderen warten?«

Jetzt fiel mir auf, dass noch zwei weitere Menschen unentschlossen auf der Verkehrsinsel standen, ein junger Mann in Lederjacke und eine Frau Mitte fünfzig, die einen Poncho trug. Ich fragte sie, ob sie zu mir gehörten, und schließlich stiegen wir zu viert in meinen Volvo und fuhren die achthundert Meter zum Hof meines Freundes.

Am ersten Abend unseres Seminars saßen wir zusammen in Manfreds riesiger Bauernstube, und er kochte für alle. Nach dem Essen tranken wir Rotwein und plauderten, und erst gegen Mitternacht verabschiedeten sich die Leute, um zur Pension zu marschieren, die zehn Minuten entfernt war und in der außer meinen Schülern nur ungarische Motorradtouristen übernachteten. Alle gingen, bis auf Maja. Sie blieb bei uns sitzen, die Füße auf der Bank, eine von Manfreds Katzen auf dem Schoß. Sie erzählte uns von ihrem Leben in Wien: Sie kellnerte, spielte ein bisschen Theater und dachte daran, ein YouTube-Star zu werden. Das Schreiben war für sie nur ein weiterer Versuch, ihr schwer fassbares Talent in einer konventionellen Form zu kanalisieren.

Als Manfred ins Bett ging, holte sie den Wodka aus dem Regal und begann zu mir aufzurücken. Ich erklärte ihr, dass ich an und für sich schon der Richtige für so eine Situation sei, wir aber den ganzen nächsten Tag schreiben würden, und ich das gerne einigermaßen ausgeschlafen und ohne Kopfweh machen würde. Außerdem ließe ich mich auch nicht mit einer Seminarteilnehmerin ein, jedenfalls nicht während des Kurses. Sie trank ihren Wodka in einem Schluck aus, dann sagte sie: »Weißt du, das finde ich jetzt richtig gut von dir.«

Trotzdem gelang es mir nicht, ihr zu verbieten, die Nacht bei mir im Kingsize-Bett in Manfreds Gästezimmer zu verbringen. Sie trug einen Schlumpf-Pyjama, eine Zahnspange und zwei Paar Socken und schlief ein, während ich mir noch die Zähne putzte. Als ich um halb sieben in der Früh aufwachte, war sie verschwunden.

Die nächsten zwei Abende verliefen ganz ähnlich. Als die Seminarteilnehmer am Montag wieder abreisten, hatte ich mich schon an Majas Röcheln neben mir gewöhnt und fand sie auch sonst recht bemerkenswert. Trotzdem hatte sie beschlossen, nach Wien zurückzufahren, und ich brachte sie als Letzte zur Bushaltestelle in den Ort.

»Du bleibst also noch?«, fragte sie mich, die Zigarette zwischen den Mundwinkeln, während sie sich die Haare zusammenband.

»Ich arbeite noch an dem Text. Außerdem sind jetzt Wildwochen. Manfred kriegt eine Rehhälfte, wäre dumm, jetzt zu fahren.«

»Verstehe.«

Sie warf die Zigarette weg, nahm einen Schluck von ihrem Apfelsaft, dann küsste sie mich. Als der Bus kam, knutschten wir immer noch, und er fuhr ohne Maja weiter.

»Hast du Kondome im Haus?«, fragte sie mich.

»Ich hab sicher eines.«

»Eines?«, sagte sie verwundert, und dann gingen wir zum Auto und fuhren in den Nachbarort zum Drogeriemarkt.

Bei uns im Hotel Heide hatten sie kein Kracherl, also spazierte ich zu dem Gasthaus, in dem wir gestern gegessen hatten, und wo auch Franziska und ihr Anhang wohnten. Dort verkaufte man mir ein Keli Himbeer, unter der Voraussetzung, ich brächte die Flasche später zurück. »Vergessen Sie es nicht«, sagte die Wirtin eisig. Ich sah vor mir, wie die Kleinstadtbewohner mit Taschenlampen den Wald durchkämmten, auf der Suche nach der Flasche Keli, die nie zurückgebracht worden war.

Zurück nahm ich meiner Erinnerung an Jugendtage folgend einen anderen Weg. Ich ging einen Pfad entlang, der zwischen Obstgärten und einem waldigen Hang außen um das Zentrum des Städtchens herum verlief. Er führte mich nach ein paar Minuten, in denen meine hübschen Wadeln vom Unkraut zerkratzt wurden, zum Teich von Heidenholz, einer der Natur überlassenen, von Weiden und Pappeln gesäumten Wasserflohlacke, von deren Existenz die Urlauber nichts zu wissen schienen. Die Holzbude am Ufer, wo man in meiner Jugendzeit Eis und Bier kaufen konnte, sah aus, als fiele sie bald in sich zusammen, der Steg war morsch, die Wiese in diesem Jahr noch nicht gemäht worden. Ich sah, dass dennoch eine Frau im See schwamm, und erkannte – an ihrem Nacken, ihrer Kopfhaltung – meine Ex-Frau Franziska.

»Franzi!«, rief ich, aber der Wind rauschte durch die Blätter, und sie hörte mich nicht.

Ich stand da und beobachtete die gleichmäßigen, mir so vertrauten Schwimmbewegungen, während das Himbeerwasser, auf das Maja in unserem Zimmer sehnsüchtig wartete, in meiner Hand warm wurde. Erinnerungen an unzählige Wochenenden an Schotterteichen wie diesem schossen mir durch den Kopf – an Eisholen mit meinem Sohn an der Hand, Kartenspielen in der Wiese, mein Kopf mit nassen Haaren in Franzis Schoß liegend, eine Rätselzeitung, an deren Rand ich eine Buchidee kritzle, ein Bier aus der Kühlbox, und Franzi, die sagt: »Ich will nur einen Schluck …«

Die ersten Jahre unserer Ehe waren wir Studenten und arm. Als es dann Geld gab, vor allem nach dem Erscheinen meines ersten Romans, der groß einschlug (und in dessen Krater später nur schwer wieder etwas wuchs), legten wir es für ein Haus zur Seite, das wir allerdings nie kaufen sollten, weil wir viel zu sehr an unserer alten Wohnung hingen. Unser Lebensstandard änderte sich in den Jahren darauf kaum. Vielleicht gab es einfach nicht viel zu verbessern.

Während ich so dastand und an alte Zeiten dachte, sah ich den braunen Schlapphut von Janisch über das hohe Gras schweben, und ich schaute, dass ich wegkam. Am Zimmer traf ich auf Maja, die mit feuchten Haaren und dem Laptop auf dem Schoß im Bett saß. Ich reichte ihr die Flasche.

»Warm«, sagte sie.

Ich nickte. »Es ist warm draußen.«

Sie nahm einen Schluck, und wahrscheinlich wollte sie grimmig schauen, doch die Himbeerbrause war stärker, und ein Lächeln kaperte ihre Lippen.

Ich setzte mich an den Bettrand. »Vielleicht sollten wir abfahren«, sagte ich.

Sie sah mich an, als würde sie mein Meinungsumschwung nicht besonders überraschen.

»Und das Haus?«

»Ich sage Wolf, dass uns was dazwischengekommen ist, irgendein Autoren-Notfall …«

»Was könnte das sein?«

»Bundeshymne braucht neue Strophe, keine Ahnung …«

»Du kannst das nicht ablehnen.«

»Was sollen wir denn hier?«

»Soll ich dir die zehn Aktivitäten aufzählen, auf die du dich gestern Abend gefreut hast?«

»Dieser kleine Grenzforscher will mit mir in die Heide, das ist doch grotesk!«

»Das ist eine Chance!«

»Die wollen mich doch nur, weil ich zufällig da war. Und einen tschechischen Namen habe.«

»Jeden Job, den ich hatte, hab ich bekommen, weil ich eine junge, blonde Frau mit großer Klappe bin. Mit irgendwas muss man halt punkten.«

»Du bist mehr als das.«

»Aber ich erwarte nicht, dass das jeder sieht. Wieso glaubst du, das Privileg zu haben, nur für deine Arbeit beurteilt zu werden? So ist die Welt nicht.«

»Warum bist du so dahinter? Als du deinen Roman fertig schreiben solltest, hab ich auch nichts gesagt, dass du dein Prokrastinieren auf olympisches Niveau gehoben hast!«

»Du bekommst eine Gelegenheit, einen wichtigen Text zu verfassen, und sagst, ach, ich will nicht mit diesem Mann in die Heide.«

»Es gibt dort nicht mal ein Gasthaus, Maja!«

»Wenn du ernst genommen werden willst, musst du dir auch mal ein paar ernste Gedanken machen.«

»Ich trage meine Ernsthaftigkeit bloß nicht vor mir her, sie steckt zwischen den Zeilen.«

»Niemand hat mehr die Zeit, etwas zwischen den Zeilen zu suchen!«

»Vielleicht ist das das Problem.«

»Ich sag dir was: Wir ziehen jetzt in das Haus deiner Großeltern um, dessen vermeintlicher Verlust dir gestern noch fast die Tränen in die Augen getrieben hat, dann verbringen wir einen schönen Tag mit deiner Ex-Frau und deinem Sohn, und morgen spazierst du ein bisschen in der Heide herum und betreibst kluge Konversation. Und dann können wir ja fahren.«

»Du bist ausschließlich dann vernünftig, wenn es um mein Leben geht.«

»Weil ich dort ganz klar sehe, was das Richtige ist!«

Mein Handy läutete. Ich zog das Telefon aus meiner Tennishosentasche, sah auf das Display und nahm den Anruf entgegen.

»Manfred!«

»Jakob! Seid ihr noch in Heidenholz?«

»Sieht so aus.«

»Großartig, ich komme.«

»Na dann, zisch her.«

»Fast schon am Weg!«

Ich beendete das Telefonat und sah Maja an.

»Manfred kommt.«

4

Zu Mittag rollten wir unsere Koffer wieder über die stillen Gassen von Heidenholz. Ich trug noch immer das Tennisdress, denn Maja hatte gesagt, ich könne so nicht herumlaufen.

Wir machten es uns im Haus meiner Großeltern bequem. Maja verteilte ohne erkennbares System Dinge aus ihrem Koffer in allen Räumen, dann legte sie sich in den Garten hinter dem Haus und nahm ein Oben-ohne-Sonnenbad. Ich überlegte, was meine Oma wohl dazu gesagt hätte, und plötzlich vermisste ich diese resolute, aber großherzige Frau, die geweint hatte, als ich ihr sagte, ich käme im Sommer nicht mehr zu ihr aufs Land, die aber schon kurze Zeit später einen Arbeiter auf Montage gefunden hatte, den sie gegen Miete in meinem Zimmer einquartierte.

Dann versuchte ich mir vorzustellen, was meinem Opa beim Anblick der nackten Frau in seinem Garten durch den Kopf gegangen wäre, und das brachte mich schlagartig auf Touren. Ich gesellte mich zu Maja, die gleich ahnte, was es geschlagen hatte, allerdings justament nicht in Stimmung war und mich wieder fortschickte, Gin-Tonics zu machen oder die Zutaten dafür einzukaufen.

Als Folge dieser Ereignisse stand ich Minuten später im Badezimmer, die Tennishose bei meinen Knöcheln, und arbeitete mich an mir selbst ab, ebenso verstohlen und beschämt wie als Teenager, etwas weniger enthusiastisch vielleicht. Ich war ins Sommerhaus meiner Jugend zurückgekehrt, und es war offensichtlich, dass ich mit so manchen alten Angewohnheiten noch nicht ganz abgeschlossen hatte.

Als ich in die Wohnküche zurückgekehrt war, griff ich nach meinem Notebook und ließ mich an dem großen Tisch nieder. Ich rief die Amazon-Seite meines aktuellen Romans auf und überprüfte den Verkaufsrang, eine Handlung um nichts weniger masturbatorisch als jene eben im Badezimmer. Rang zweihunderttausend-und-irgendwas. Das bedeutete, drei oder vier Tage lang hatte niemand ein Buch gekauft. Sofort verdüsterte sich meine Stimmung. Außerdem sah ich, dass eine neue Kundenrezension mit nur drei Sternen hinterlassen worden war. Die Bewertung hatte dafür gesorgt, dass die Gesamtnote nun von vier auf dreieinhalb gefallen war. Ging man davon aus, dass mindestens die Hälfte der Bewertungen von verträumten Backfischen geschrieben worden waren, die das Buch umsonst vom Verlag im Rahmen eines Leseclubs bekommen hatten (und nie weniger als vier Sterne vergaben), wiesen dreieinhalb Sterne auf ein Debakel hin, jedenfalls sah ich das so.

Ich las in die neue Rezension hinein: »Ich wurde mit dem Mönch nicht wirklich warm, und ich denke auch, sein Verhalten ist oft sehr problematisch.«

Ich lachte auf.

»Der Autor beschreibt sehr gut, aber über weite Strecken habe ich mich in dem Buch nicht wohlgefühlt.«

Ich schrie zu Maja in den Garten hinaus: »Sie hat sich nicht wohlgefühlt in dem Buch! Ist ein Buch ein Pyjama, oder was?«

»Wieso schaust du denn schon wieder?«, rief sie zurück.

Jetzt fiel mir ein, dass ich Maja versprochen hatte, dem Selbstgoogeln und Amazon-Folgen eine Zeit lang abzuschwören.

Sie kam durch die Tür in die Küche herein, ein Handtuch um die Schultern, ihr Gesicht gerötet. Sie setzte sich neben mich auf die Holzbank.

»Du solltest das nicht lesen. Das ist ungesund. Wie ein Gespräch über einen selbst zu belauschen.«

»Spricht denn wer über mich?«

»Ich spreche dauernd mit irgendwem über dich …«

Sie begann meinen Handrücken zu streicheln und sah mich mit diesem speziellen Blick an. Ich spürte etwas auf mich zukommen, dem ich mich frühestens in einer Stunde wieder gewachsen fühlen würde.

»Du, mir ist jetzt nicht mehr danach«, sagte ich kummervoll, »diese Kritik, die geht mir … richtig nah.«

Ihr Blick verfinsterte sich, und sie sagte: »Du hast dich nicht nur selbst gegoogelt, hm?«

Ich konnte ihr einfach nichts verheimlichen.

Eine Stunde später saß ich mit meinem Sohn im Auto, und wir fuhren zum Supermarkt an der Peripherie von Heidenholz. Ich wollte ein kleines Barbecue veranstalten und hatte Franzi für den Einkauf um ihren Wagen gebeten. Da David ohnehin für seinen Führerschein üben musste, hatte er am Steuer des gelben Saab Cabrios Platz genommen. Ich saß in dem weißen Tennisdress mit der zugehörigen Schirmkappe am Beifahrersitz und sah die CDs durch, die Franzi im Auto hatte.

»Adele?!«

»Die ist nicht schlecht. Sie schreibt die meisten Songs selbst.«

Ich sah David von der Seite her argwöhnisch an. Die jungen Leute heute hatten einfach keine Vorurteile mehr gegenüber Pop, wie das bei uns gewesen war, alles, was sich in ihre Playlist verirrte und ihnen Freude machte, war okay.

Als wir nebeneinander durch den Supermarkt gingen, fiel mir auf, dass David und ich nun in etwa gleich groß waren. Natürlich hatte ich jedes Mal, wenn ich ihn sah, bemerkt, dass er wieder größer geworden war, aber nun hatte er mich definitiv eingeholt. Diverse andere Ähnlichkeiten zwischen uns ließen sich ebenso wenig übersehen, der schlurfende Gang, dieser Blick, wenn er sich in einer Situation unwohl fühlte, die Härchen im Nacken, die die Form einer Batman-Maske bildeten, wenn man sie nicht jede Woche rasierte.

»Was willst du zu trinken einkaufen?«, fragte mich David.

»Bier«, sagte ich. »Und Gin-Tonic. Und Wein vielleicht. Trinken Franziska und wie-heißt-er-noch-mal Wein?«

»Er heißt Simon. Sie trinken Weißwein, glaube ich.«

»Wie findest du ihn?«, fragte ich David beiläufig, als wir beim Weinregal standen. Ich erwartete eine kurze, schnoddrige Retoure, bekam aber dies zur Antwort, leise und wohlartikuliert: »Er ist echt anständig. Er kümmert sich um seine Schwester, die psychische Probleme hat. Er hält Vorträge über Gesundheit und Ernährung an Schulen, er engagiert sich bei sozialen Projekten.«

»Wow«, sagte ich, und David sah mich mit einem prüfenden Blick an, ob ich dem noch eine dumme Meldung nachschicken würde, oder tatsächlich beeindruckt war.

»Das klingt imponierend«, sagte ich ohne Ironie, weil ich nicht wollte, dass David noch mehr von Simon eingenommen war, bloß weil ich ihn vielleicht angriff.

»Er ist gut für Franzi«, sagte er und nickte, als hätte er ebendies schon mal in Frage gestellt, wäre sich nun aber sicher.

»Denkst du, ich war nicht gut für sie?«, fragte ich, und mir war klar, dass dies nicht die richtige Art war, mit seinem Sohn über die gescheiterte Ehe seiner Eltern zu reden. Aber manchmal war, das Falsche zu sagen, auch einfach eine Abkürzung zu den wahren Gefühlen.

»Ich glaube, sie hat dich immer an erste Stelle gereiht«, sagte David ruhig und keineswegs irritiert, als hätte er viel darüber nachgedacht, »mit Simon kann einmal sie an erster Stelle sein.«

»Ich glaube, seit deiner Geburt stehst du an erster Stelle bei ihr«, sagte ich, aber es klang wie eine Schmeichelei, und tief im Innersten glaubte ich es selbst nicht.

David zuckte die Schultern, und sein Blick folgte einem Mädchen in seinem Alter, das mit einem Sixpack Radler an uns vorbeieilte. Richtig aus dem Konzept brachte die Kleine David aber nicht, denn gleich darauf sagte er: »Franzi will bloß, dass ich glücklich werde. Und dass ich gut nachdenke, bevor ich mich beruflich auf etwas festlege. Sie sagt, Kunst kann auch ein tolles Hobby sein.«

»Das sagt sie?«

»Ja. Sie sagt, sie weiß, das klingt konservativ, aber ein geregeltes Einkommen kann einem Mann viel Selbstsicherheit geben …«

»… und seiner Frau!«

»Ja, das vielleicht auch.«

Einen Moment lang grinsten wir beide, aber wir wussten, dass Franzi nicht wirklich so war.

»Ihr geht es nicht um das Einkommen«, sagte ich dann, »sondern tatsächlich um die Selbstsicherheit.«

David nickte.

Wir gingen nebeneinander durch die hell erleuchteten Gänge, während das Marktradio eine Ballade aus den Achtzigern spielte. Als wir gemeinsam eine Kiste Bier in den Einkaufswagen hoben, fragte ich David: »Glaubst du, sie werden heiraten, in ein gemeinsames Haus ziehen, einen Labradoodle kaufen?«

Er zuckte die Schultern. »Er hat ein schönes Haus, und sie ist ja dauernd dort.«

»Glaubst du, sie will bei ihm einziehen?«, fragte ich.

»Ich glaube, er würde es sich wünschen. Aber Franzi mag die Wohnung.«

David sprach von der Eigentumswohnung bei Linz, in die sie vor vier Jahren mit dem damals dreizehnjährigen David gezogen war, nachdem sie die Scheidung durchbekommen hatte. Bezahlt hatte ich sie, das war die Regelung, die sich unsere Anwälte in elendslangen, repetitiven »Aber ich bitte Sie, Herr Kollege«-Dialogen ausgemacht hatten. Zu viert hatten wir Prospekte von Bauträgern studiert, mein Anwalt und ich auf günstige, bescheidene Objekte reflektierend, Franzis Anwalt von den Wohnungen mit Rundum-Terrasse schwärmend. Wir hatten uns so halbwegs in der Mitte getroffen.

»Vielleicht wirst du die Wohnung mal übernehmen«, sagte ich.

»Ich werde nach Wien gehen«, sagte David und nickte überzeugt.

»Dann können wir uns öfter sehen«, sagte ich.

»Oder nach Berlin«, setzte David nach, als wäre der Plan mit Wien gerade gestorben.

»Was willst du denn in Berlin machen?«, fragte ich.

»Studieren«, sagte er mit einem halb intonierten Fragezeichen und wandte sich von mir ab, als würde er nach irgendetwas Ausschau halten.

Ich überlegte, ob uns David damit bestrafen wollte, dass er uns verließ, so wie wir ihn vor vier Jahren bestraft hatten.

»Findest du eigentlich, dass wir dein Leben ruiniert haben?«, fragte ich und setzte mich auf eine Bierkiste.

Er antwortete, ohne lange nachzudenken: »Ich glaube, ich hätte das Recht, viel wütender zu sein, zum Beispiel auf dich, aber ich bin es eigentlich nicht.«

Ich hörte heraus, dass er das mit seiner Therapeutin besprochen hatte, nach der er nie verlangt hatte, die Franzi aber für unabdingbar für ihn hielt.

»Und glaubst du, das kommt noch irgendwann, also die Wut?«, fragte ich, und merkte, wie ich ungeduldig wurde, weil er so passiv war.

David lehnte sich an ein Getränkeregal, sah lange auf die Spitzen seiner Schuhe, dann zuckte er die Schultern. »Das kann ich nicht sagen. Kann schon sein.«

»Möchtest du einmal meine Variante der ganzen Geschichte hören? Ich meine, du bist jetzt eigentlich erwachsen.«

»Ihr habt ja beide mit mir gesprochen damals.«

»Aber da warst du ja viel jünger, da haben wir doch nicht Klartext geredet. Das war die Jugendversion, zensuriert von vorne bis hinten. Ich denke mir, es wäre vielleicht wichtig für dich, auch in Hinsicht auf Beziehungen, die du selbst mal haben wirst.«

Jetzt sah er mich mit einem anderen Ausdruck in seinem Gesicht an, als wäre die Sitzung nun vorbei. »Lass uns fertig einkaufen«, sagte er und setzte sich mit dem Einkaufswagen wieder in Bewegung.

Ich wusste, unser Gespräch war noch nicht zu Ende, aber jetzt musste David erst einmal durchschnaufen. Der Wagen war bis zum Rand voll, als er wieder den Mund aufmachte:

»Aber Mama hat doch eigentlich alles getan für dich!«

»Ja«, sagte ich, »mehr als das!«

»Wenn du ein Buch fertigkriegen musstest, hat sie dich bekocht und hinter dir aufgeräumt, und es konnte sein, dass du um drei Uhr in der Früh aus deinem Arbeitszimmer gekommen bist und sie aufgeweckt hast, weil du über eine Szene sprechen musstest.«

»Das kam vor.«

»Wieso hast du sie dann …«

Er brachte das Wort nicht heraus.

»Schau mal«, sagte ich, »ich hab alles von Franzi bekommen, alle Rücksicht, alle Geduld, ihre tolle konstruktive Kritik, ihre Ideen – aber eines habe ich eben nicht von ihr bekommen.«

»Und was war das?«

»Ihre Bewunderung.«

»Was?«

»Ja! Du wirst dir denken: Wieso auch? Und die Antwort ist: Ja, wieso auch? Aber damals war es das, was ich gebraucht hätte, was mir gefehlt hat.«

»Das verstehe ich nicht. Sie war doch so stolz auf dich.«

»Na ja, das ist etwas anderes. Schau, ich sage ja nicht, dass das nicht komplett idiotisch war, und die Scheidung ist ja auch entsprechend nicht zu meinen Gunsten verlaufen, und ich hab alles verloren, was ich gehabt habe – uns –, aber ich will ja nur versuchen, dir zu erklären, wie ich damals empfunden habe, denn wir können nie sicher davor sein, uns wie ein Riesenarschloch zu verhalten, man muss nur etwas daraus lernen.«

»Und was hast du daraus gelernt?«

Mein Blick richtete sich für einen Moment abwägend ins nirgendwo. »Da bin ich noch dran.«

David sah mich mit seinen ernsthaften grünen Augen forschend an.

»Im Ernst«, sagte ich, »ich würde das heute alles nicht mehr so machen. Ich würde darüber nachdenken, was wirklich zählt in meinem Leben.«

Er dachte nach.

»Und Maja? Bewundert sie dich?«

»Maja? Oh nein. Nein! Sie kritisiert mich in einer Tour, sie entlarvt alle meine Tricks, beim Schreiben und beim Leben. Wenn ich heute auf Bewunderung aus wäre, wäre sie die Letzte, die …«

»Und warum dann?«

»Oh, sie ist, na ja, ich finde, sie hat ganz offensichtliche Vorzüge: Sie ist klug und witzig und hübsch, das alles auf ihre etwas quergebürstete Weise. Und sie urteilt nicht schnell, und es ist ihr relativ egal, was andere Leute vielleicht denken, und man kann toll mit ihr reden und Spaß haben …«

Ich sah David an, dass ich schon genug gesagt hatte, dass er nicht anders konnte, als anzunehmen, dass seine Mutter diese Qualitäten nicht in sich vereinte, und dass dies vielleicht hieße, er tat es auch nicht …

»Wir haben eigentlich ein ganz normales Familienleben zu Hause«, sagte David, und ich wusste nicht, ob er mich damit treffen oder bloß zum Ausdruck zu bringen wollte, wie unterschiedlich unsere Leben inzwischen waren.

»Und ich wette, Simon wäre wahnsinnig gern Teil davon«, sagte ich.

»Das ist er schon«, sagte David, griff in die Tiefkühltruhe nach einem Cornetto und ging langsam mit dem Wagen in Richtung Kassa.

Maja und ich standen in der Küche, richteten Salate und Saucen her und tranken Gin-Tonic. Ich spürte, wie die Anspannung der Lesereise von mir abfiel. Maja sah glücklich aus, und ich dachte, vielleicht wird jetzt alles gut, vielleicht wird das hier ein Neuanfang für uns. Schriftstellerdenken: Jeder neue Roman, jedes neue Kapitel, jeder neue Satz kann den Umschwung bringen, die Wendung zum Guten.

Am späten Nachmittag erwarteten wir Franzi, Simon und David, die jetzt noch eine Radtour unternahmen, mein Agent Manfred sollte im Laufe der nächsten Stunde ankommen, Karin und ihren Mann hatte ich auch eingeladen. Ich dachte: Wie könnte man den Umstand, dass ich wieder in dem Haus meiner Großeltern wohnte, schöner zelebrieren als durch ein Grillfest? (Den Grill hatte ich in dem alten Schuppen am Waldrand gefunden, wo auch, welch Wunder, mein altes Fahrrad auf platten Reifen stand.) Die Fluchtgedanken waren wieder verflogen, wir würden vorerst in Heidenholz bleiben, und vielleicht würde ich wirklich an der Festschrift des Komitees arbeiten.

Wir hatten Eingangs- und Gartentür geöffnet, und eine leichte Brise zog durch das Haus. Maja war ganz in das Anrühren einer Knoblauchsauce vertieft. Sie trug Bikini und Badeschlapfen, ihre Haare waren oben zu einem Nest verknotet, ein paar blonde Strähnen fielen ihr auf die Schulter und ins Gesicht.

Sie war nicht das klassische Blondchen, so viel stand fest, alles an ihr war eckig, widerborstig, ungestüm. Mit niemandem war ich buchstäblich so oft mit dem Kopf zusammengestoßen wie mit ihr. Vielleicht lag es daran, dass wir uns zu ähnlich waren, immer mussten wir gleichzeitig aktiv werden, dauernd drängte es uns, im selben Moment dasselbe zu tun: Ich gehe jetzt spazieren. – Ich wollte auch gerade. – Dann komm mit. – Ich geh lieber alleine. – Gehen wir noch zusammen runter? – Nein, ich bleibe dann da. – Jetzt hab ich auch keine Lust mehr. – Beide: Ich geh mal duschen. (Wir stoßen mit den Köpfen zusammen.)

Vielleicht war auch das ein Grund, warum Maja nicht bei mir einziehen wollte. Sie behielt ihr kleines WG-Zimmer, in dem wir hin und wieder übernachteten, wenn es uns zu anstrengend war, mit der U-Bahn zu meiner Wohnung in Hietzing hinauszufahren.

Wann wusste ich, dass sie mir wirklich etwas bedeutete? Vielleicht als ich ihre Eltern kennenlernte, Stefan und Grit, ein Lehrer-Ehepaar aus Saarbrücken, nur zwei, drei Jahre älter als ich. Maja hatte hundertmal gesagt, ach, ihre Eltern, die seien lieb, die seien in Ordnung, die seien gut drauf, aber als der Abend ihres Besuches kam – wir waren in einem indischen Restaurant in Wien verabredet –, da war sie richtig nervös. Sie machte sich hübsch und stylte sich ein ganzes Eck braver als sonst, sie wusste selbst nicht warum, sagte sie. Sie war ein Einzelkind, und auch wenn ihre Eltern nichts von ihrer Tochter erwarteten (außer dass sie selbstbestimmt und glücklich lebte), empfand Maja, sie dürfe sie nicht enttäuschen. (Dabei war sie es gewesen, die als Mädchen auf Ballettunterricht gedrängt hatte, sie wollte auch schon mit acht einen Französischkurs belegen!)

Ich fragte sie, ob ihr unser Altersunterschied vor ihren Eltern unangenehm war. Sie verneinte und sagte, es sei eher so, dass sie sich fast schämte, weil sie so mit mir angegeben hätte. »Meine Eltern lieben deine Bücher«, sagte sie.

»Das ist ein Witz«, sagte ich.

»Sie haben schon zwei oder drei gelesen, bevor wir uns kennengelernt haben, jetzt kennen sie alle.«

Das Treffen war unkompliziert und angenehm: Majas Eltern waren reizende Leute, natürlich verliebt in ihre Tochter – und damit schienen sie mich anzustecken! Die Dimension der Tochter, die Maja auch war, hatte mir in meinem Bild von ihr noch gefehlt, da erschloss sich etwas für mich. Ich sah auf einmal das Verletzliche und Hingebungsvolle in ihr, den Gegenpol zu ihrer alltäglichen Ruppigkeit. Wie sie Bericht erstattete über unsere Unternehmungen und kulturellen Erlebnisse, wie sie von unseren Freunden erzählte, plastische Figuren erschuf, die ihren Eltern eine bessere Vorstellung von Majas Leben gaben, das war ungeheuer liebenswert. Ich fühlte plötzlich, dass es meine Aufgabe war, auf Maja achtzugeben, denn ich war bei ihr, jeden Tag, ihre Eltern aber nicht.

Maja trieb mir solche Ambitionen schnell wieder aus: Als ich ihr an einem kühlen Tag sagte, sie solle einen Schal tragen, pfiff sie mich an, ob ich jetzt ihr Vater sein wolle, und erklärte, dass das pronto aufzuhören habe. Auch übermäßige Zärtlichkeiten durften nicht zur Tagesordnung werden: Sex war schön und gut und machte Spaß, aber man musste dabei nicht das Gesicht des anderen streicheln oder dessen Fingerspitzen küssen. Ebenso wenig war es notwendig, in Kurznachrichten Emoticons mit Herzchen zu verwenden oder Post-its mit Liebesgrüßen auf Kuchenstücken oder CDs zu hinterlassen.

Die nächste Herausforderung für unsere Beziehung hieß »Übungsmädchen« und war Majas erster Roman. Der Titel war angelehnt an den englischen Begriff »Practice Girl«, ein Mädchen, mit dem ein Junge nur zusammen ist, um Erfahrung für ein hübscheres Mädchen zu sammeln. Der Roman war die Geschichte ihrer Jugend, und das Thema des Übens (Ballett, Liebe, Leben) zog sich durch alle Schichten des Textes.

Als ich das Manuskript zum ersten Mal las, war ich überwältigt. Dieser Text war so weit von der Fräuleinwunderflapsigkeit, die in den Jahren davor groß aufgekommen war, entfernt, wie es nur denkbar war. Reif, einsichtsvoll, sprachlich sicher. Es gab nur ein Problem: Der Text war noch nicht fertig. Die Geschichte war in keiner Weise zu Ende erzählt, alles in der Schwebe, kein Handlungsfaden zu Ende gesponnen. Maja aber sagte, ihr fiele dazu nichts mehr ein und sie sei mit der Geschichte und diesem Mädchen fertig. Außerdem wolle sie gar keine Autorin sein, wie einen das verkorkse, sehe man ja an mir, haha.

Danke, sagte ich, und jetzt setz dich hin und schreib das fertig!

Sie sagte, nein, keine Lust, und ich sagte, wie viele Preise für nicht fertig gestellte Romane kennst du denn, und sie sagte, sie habe noch nie etwas fertig gemacht, und vielleicht wolle sie auch gar nicht damit anfangen! Und überhaupt: Wie könne man denn wissen, dass eine Geschichte nicht zu Ende erzählt sei? Ich sagte, man weiß es, wenn man auf der letzten Seite Was zum Teufel! ruft und das Buch hin und her dreht, ob es irgendwo weitergeht.

Du kannst ja weiter daran schreiben, wenn du willst, sagte sie.

Okay, sagte ich, dann mache ich das.

Ich setzte mich also an einem Sonntagnachmittag mit einer Tasse Kaffee an meinen Schreibtisch und begann, Majas Geschichte fortzuschreiben. Der psychologische Trick zeigte erst mal gar keine Wirkung – Maja ließ mich einfach machen. Nach ein paar Tagen war ich in die Geschichte eingetaucht und schrieb drei bis vier Seiten pro Tag. Nach einer Woche las ich Maja vor, was ich geschrieben hatte. Aus ihrer Reaktion konnte ich ablesen, dass sie sehr wohl eine Vorstellung davon hatte, wie der Roman weitergehen sollte, und dass meine Fortsetzung für sie eine grausame Pervertierung ihrer Vision und ein Verbrechen gegen ihre geistige Urheberschaft war.

Maja entschied sich also, an dem Roman weiterzuarbeiten. Es folgte ein viermonatiger Leidensweg, der mir das erste Mal bewusst machte, was es wirklich hieß, mit einem Autor zusammenzuleben. Aber trotz ihres Tobens, wenn ihr etwas nicht gelang, ihres Aufschiebens und Weglaufens, ihrer Unsicherheiten, brachte sie den Roman schließlich zu Ende. Und dann verbrachten wir einige der schönsten Wochen unserer Beziehung miteinander.

Ich will nicht behaupten, dass sie das Buch nie beendet hätte, wenn ich mich nicht darum bemüht hätte. Aber als ich begann, an ihrem Roman zu schreiben, sah sie, dass niemand außer ihr diese Arbeit machen konnte. Niemand anderer kann dein Buch schreiben. Du musst es selbst tun. Das macht einen Roman aus: Er ist die Geschichte, die nur du schreiben kannst.

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