Kitabı oku: «Diakonie zwischen Vereinslokal und Herrenmahl»

Jan Quenstedt
Diakonie zwischen Vereinslokal und Herrenmahl
Das Konzept diakonischen Handelns im Licht antiker Vereinigungen und früher christlicher Gemeinden
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

Von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig angenommene Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doctor Theologiae.
Die Drucklegung wurde gefördert durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Union Evangelischer Kirche in Deutschland (UEK), die Diakonie Deutschland – Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. sowie die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (EVLKS).
© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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ISBN 978-3-7720-8710-3 (Print)
ISBN 978-3-7720-0120-8 (ePub)
Inhalt
Vorwort
Einleitung
I. „Diakonie“: Annäherungsversuche
1. Biblische Kontexte und „Diakonie“1.1 „Diakonie“ in der Bibel1.1.1 Neues Testament1.1.2 Septuaginta1.2 „Diakonie“ und Diakoniewissenschaft1.2.1 „Studienbuch Diakonik“1.2.2 „Diakonisches Kompendium“1.2.3 „Diakonische Konturen. Theologie im Kontext sozialer Arbeit“1.2.4 „Diakonie. Grundlagen für die soziale Arbeit der Kirche“1.2.5 „Diakonik. Grundlagen – Konzeptionen – Diskurse“1.3 „Diakonie“, Denkschriften und Leitbilder1.3.1 Diakonie Deutschland1.3.2 Diakonie Sachsen1.3.3 Diakonisches Werk Innere Mission Leipzig e. V.1.3.4 Herz und Mund und Tat und Leben – Denkschrift der EKD1.4 „Diakonie“ und Predigt1.5 „Diakonie“ und Musik1.6 „Diakonie“ und Alltagssprache1.7 Zusammenfassung
2. Empirische Wissenschaft und „Diakonie“ 2.1 Problemanzeige: Das Selbstverständnis „diakonisch“ Handelnder 2.2 V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD 2.3 Kritische Würdigung
3. Exegetische Wissenschaft und „Diakonie“3.1 Hermann Wolfgang Beyer3.1.1 Darstellung3.1.2 Kritische Würdigung3.2 John N. Collins3.2.1 Darstellung3.2.2 Kritische Würdigung3.3 Anni Hentschel3.3.1 Darstellung3.3.2 Kritische Würdigung3.4 Collins’ Auseinandersetzung mit Hentschel3.5 Ergebnisse
4. Zusammenfassung
II. „Diakonie“ und Vereinigungen
1. Vorbemerkungen1.1 Einführung1.2 Formale Hinweise1.2.1 Zeit1.2.2 Raum1.2.3 Grenzen1.2.4 Methodischer Leitfaden1.3 Das Konzept diakonischen Handelns – Semantisch-inhaltliche Hinweise1.4 Das Imperium Romanum – Sozialgeschichtliche Problemskizze1.4.1 Hellenismus1.4.2 Zeit1.4.3 Raum und Mobilität1.4.4 Strukturen1.5 Imperium Romanum und Vereinigungen – Überblick1.5.1 Skizzen zur Forschungslage1.5.2 Begriffsbestimmungen1.5.3 Rechtliche Grundlagen der Vereinigungen1.5.4 Strukturelle Grundlagen der Vereinigungen1.5.5 Quellenlage und Editionen1.6 Vereinigungen und Neues Testament – Ausgangspunkte und Zielstellung
2. Quellenanalyse: Vereinigungen in Selbstdarstellungen2.1 Vorbemerkungen2.2 Vereinigungsstatut aus Lanuvium2.2.1 Text und Übersetzung2.2.2 Situation der Inschrift2.2.3 Soziologie der Vereinigung2.2.4 Ergebnisse2.3 Vereinigungsstatut aus Thessaloniki2.3.1 Text und Übersetzung2.3.2 Situation und Lektüre der Inschrift2.3.3 Soziologie der Vereinigung2.3.4 Ergebnisse2.4 Vereinigungsstatut aus Athen2.4.1 Text und Übersetzung2.4.2 Situation der Inschrift2.4.3 Soziologie der Vereinigung2.4.4 Ergebnisse2.5 Würdigung des Chaireas2.5.1 Text und Übersetzung2.5.2 Situation und Lektüre der Inschrift2.5.3 Soziologie der Vereinigung2.5.4 Ergebnisse2.6 Würdigung des Kraton2.6.1 Text und Übersetzung2.6.2 Situation und Lektüre der Inschrift2.6.3 Soziologie der Vereinigung2.6.4 Ergebnisse2.7 Würdigung des Diodoros2.7.1 Text und Übersetzung2.7.2 Situation und Soziologie der Inschrift2.7.3 Lektüre der Inschrift2.7.4 Ergebnisse2.8 Würdigung des Cheirisophos2.8.1 Text und Übersetzung2.8.2 Situation und Lektüre der Inschrift2.8.3 Soziologie der Vereinigung2.8.4 Ergebnisse2.9 Würdigung des Herakleitos2.9.1 Text und Übersetzung2.9.2 Situation und Lektüre der Inschrift2.9.3 Gruppendynamik und Arzthonorar2.9.4 Ergebnisse2.10 Würdigungen der Atalante2.10.1 Text und Übersetzung2.10.2 Situation und Lektüre der Inschriften2.10.3 Ergebnisse2.11 Semantische Überlegungen2.11.1 Philotimia2.11.2 Philanthropie2.12 Ergebnisse2.12.1 Methodische Einsichten2.12.2 Inhaltliche Einsichten2.12.3 Zusammenfassung
III. „Diakonie“, Vereinigungen und Neues Testament
1. Vorbemerkungen1.1 Struktur1.2 Inschriften, Evangelien und Briefe
2. Gruppendynamik2.1 Hierarchie2.1.1 Epigraphischer Befund2.1.2 Neutestamentlicher Befund2.1.3 Zusammenfassung2.2 Strategien zur Lösung von Problemen und zur Konfliktprävention2.2.1 Epigraphischer Befund2.2.2 Neutestamentlicher Befund2.2.3 Zusammenfassung2.3 Mimesis und Nachahmung2.3.1 Epigraphischer Befund2.3.2 Neutestamentlicher Befund2.3.3 Zusammenfassung
3. Gaben, Güter und Mahlzeiten3.1 Gaben, Güter und Mahlzeiten im Kontext der Apostelgeschichte3.1.1 Das Gemeindebild der Apostelgeschichte3.1.2 Kontextualisierung und Problemanalyse3.1.3 Zusammenschau: Apostelgeschichte und Vereinigungen3.2 Gaben, Güter und Mahlzeiten im Kontext der paulinischen Briefe3.2.1 Gaben und Güter im Licht gemeinsamer Mahlzeiten3.2.2 Gaben und Güter im Licht der Kollektenprojekte3.3 Exkurs: Gaben, Güter und Mahlzeiten bei den Apologeten
4. Bestattung4.1 Epigraphischer Befund4.2 Neutestamentlicher Befund4.3 Exkurs: Außerkanonischer Befund4.3.1 Darstellung4.3.2 Kontextualisierung4.4 Zusammenfassung
5. Philanthropie5.1 Philanthropie in der Apostelgeschichte5.1.1 Apg 27,1–35.1.2 Apg 28,1–25.2 Philanthropie in Tit 3,1–75.3 Zusammenfassung
6. Philotimia 6.1 Philotimia in Röm 15,14–21 6.2 Philotimia in 2Kor 4,16–5,10 6.3 Philotimia in 1Thess 4,9–12 6.4 Zusammenfassung
IV. Ertrag
1. Innovation und Integration
2. Motivation und Mimesis
V. Praktisch-theologische Perspektiven
1. Lernen und Leben1.1 Grundlagen1.2 Voraussetzungen Diakonischen Lernens1.3 Diakonisches Lernen in der Diakonie1.4 Diakonisches Lernen und Diakonie – Resümee
2. Aufgaben und Ausblick
Abkürzungsverzeichnis Inschrifteneditionen Schriften Philons von Alexandrien Schriften Flavius Josephus’ Textkritische Zeichen
Literaturverzeichnis
Register
Mihi crede, verum gaudium res severa est.
Sen. epist. XXIII
Vorwort
In einer immer komplexer werdenden Welt sind es manchmal die alltäglichen und allgegenwärtigen Dinge, deren Kern vielschichtiger und schwieriger zu verstehen ist, als es auf den ersten Blick scheint. Für mich ist „Diakonie“ ein solches Phänomen, welches mich seit meinen Studientagen in Theorie und Praxis begleitet. Die Auseinandersetzung mit ihr steht im Zentrum der vorliegenden Studie: Welche Gestalt sollte sie haben? Wie lässt sie sich begründen? Welche biblische Fundierung kann sie für sich in Anspruch nehmen? Welche Beziehungen bestehen zwischen ihr und der Kirche? Was zeichnet sie aus gegenüber anderen Formen sozialen Handelns? Ist sie überhaupt noch zeitgemäß? Den Frageperspektiven, deren Spektrum ich hier nur basal andeute, sind keine Grenzen gesetzt. Und überhaupt erweist sich die Beschäftigung mit „Diakonie“ als eine beständige Quelle neuer Erkenntnisse, Überlegungen und Fragen. Die vorliegende Studie legt über diese Vielgestaltigkeit Zeugnis ab und will ihrerseits zur Beschäftigung mit dem Thema „Diakonie“ anregen, das für mich eine bleibende Aktualität und Faszination besitzt. Gleichsam als eine Art Bestandsaufnahme meiner vorläufigen Überlegungen zu diesem Sujet wurde die vorliegende Arbeit von der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig im Juli 2019 als Dissertation angenommen, für den Druck leicht überarbeitet und an wenigen Stellen ergänzt.
Viele Menschen haben in unterschiedlichster Art und Weise dazu beigetragen, dass mein Interesse an der „Diakonie“ zum Gegenstand einer Dissertation und zum Inhalt des vorliegenden Buches werden konnte. Ihnen allen gilt mein tief empfundener Dank.
Besonders danke ich meinem Doktorvater Prof. Dr. Jens Herzer, der mir mit einem großen Vertrauensvorschuss die Konzeption und Erarbeitung meines Dissertationsprojektes ermöglicht hat. Seine exzellente Betreuung hat mir zu jedem Zeitpunkt die notwendige Anleitung bei größtmöglicher Freiheit gegeben und damit grundlegend zum Erfolg meines Vorhabens beigetragen. Ohne das persönliche Interesse meines Doktorvaters an diakonischen Fragestellungen und ohne seine beständige Ermutigung wäre mir die Abfassung der Dissertation nicht in dem Maße eine Freude gewesen, wie sie es, zu meiner eigenen Überraschung, anhaltend war. Prof. Dr. Marco Frenschkowski gilt mein Dank für die Erstellung des Zweitgutachtens und für Anregungen und Literaturhinweise, die nach wie vor zu einem beständigen Wissensgewinn und bis zu diesem Zeitpunkt zu einer ebenso beständigen Erweiterung der Arbeit beigetragen haben.
Meine Anstellung am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig hat mir vielfältige Möglichkeiten der Vernetzung und des Austauschs eröffnet. Besonders zu erwähnen sind die Neutestamentliche Sozietät am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft der Universität Leipzig, das Internationale Forschungskolloquium mit der Rice-University Houston/Texas und die alljährliche Internationale Doktorandentagung der Universitäten Leipzig, Wien und Hamburg. Allen daran Teilnehmenden danke ich für konstruktiven Austausch, ermutigende Worte und anregende Diskussionen. Meinen Kolleginnen und Kollegen am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft schulde ich Dankbarkeit für ein freundschaftlich-tragendes Miteinander, das weit über dienstliche Notwendigkeiten hinausreicht. Den Studierenden der Leipziger Theologischen Fakultät, die sich in mehreren Übungen gemeinsam mit mir auf die Spur der „Diakonie“ begeben haben, danke ich für ihre Offenheit und Diskussionsfreude. Unsere Lehrveranstaltungen haben meinen Erkenntnisweg angeregt und mich immer wieder herausgefordert, meine Überlegungen und Formulierungen auf ihre Verständlichkeit hin zu überprüfen. Auch aus diesem akademischen Miteinander heraus entspringt mein Wunsch, dass das vorliegende Werk für eine breite Öffentlichkeit verständlich ist und ihr eine Perspektive für die „Diakonie“ eröffnet. Der weitgefächerte Zugriff auf die Thematik sowie der Aufbau der Studie versuchen diesem Ansinnen Rechnung zu tragen.
Ich danke den Herausgebenden der Reihe „Neutestamentliche Entwürfe zur Theologie“ für die freundliche Aufnahme in diese Buchreihe und dem Narr Francke Attempto Verlag für die unkomplizierte und konstruktive Zusammenarbeit. Die Drucklegung wurde durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (UEK), die Diakonie Deutschland – Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. und die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens (EVLKS) gefördert. Allen Institutionen gilt mein herzlicher Dank für die großzügige Unterstützung.
Mein besonderer Dank gilt den Menschen in meinem Umfeld, die mich in den Jahren meiner Arbeit an der vorliegenden Studie – und darüber hinaus – begleitet und unterstützt haben. Sei es durch kollegialen Austausch oder konstruktive Kritik, durch gemeinsam verbrachte Zeit oder durch Ermutigung, durch Erfahrungsaustausch oder technische Hilfestellung. Insbesondere sind Dr. Teresa Tenbergen, Dr. Martin Naumann, Eike H. Thomsen, Lena Seehausen, Kerstin Backhaus, Michael Mazurkiewicz, Christian Mittelstaedt, Dr. Erik. A. Panzig, Lisa Kern, Nicole Oesterreich und Sabrina Lohse zu nennen, die mir mit viel Akribie und Zeitaufwand als Gesprächspartnerinnen und -partner und Korrekturleserinnen und -leser zur Seite standen. Auch die beständige Unterstützung meiner Familie, besonders die meiner Eltern Beate und Jürgen Quenstedt, hat wesentlich zum Gelingen meines Dissertationsvorhabens beigetragen. Ich danke ihnen von Herzen. Meine Frau Luise-Catharina Quenstedt hat in den letzten Jahren oftmals meine Aufmerksamkeit mit meinem Dissertationsprojekt teilen müssen. Sie hat mich in dieser Zeit beständig und geduldig daran erinnert, dass es auch ein Leben neben dem Schreibtisch gibt. Für diese „Diakonie“ bin ich ihr bleibend dankbar, weswegen ihr diese Arbeit gewidmet sei.
Leipzig, am Sonntag Judika 2020 Jan Quenstedt
Einleitung
„Was ist Diakonie?“
Interessierte Internetnutzerinnen und -nutzer1, die die voranstehende Frage in die Internetsuchmaschine Google eingeben, erhalten etwa 11.700 Suchergebnisse.2 Allein die schiere Größe der Zahl lässt den Schluss zu, dass „Diakonie“ ein weitgefächertes Phänomen darstellt, das offen ist für eine Vielzahl an Erklärungs- und Deutungsmöglichkeiten. Außerdem provoziert diese horrende Anzahl an Suchergebnissen aber auch die Frage, warum die vorliegende Studie noch einen weiteren Antwortversuch vorlegt, wenn doch schon alles gesagt zu sein scheint in Bezug auf das Verständnis von „Diakonie“.
Aus der Sicht eines diakoniewissenschaftlich interessierten Exegeten liegt die Notwendigkeit eines 11.701. Versuchs auf der Hand: Die exegetische Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren aufgezeigt, dass ein lange gültiger Konsens in Bezug auf das Verständnis des neutestamentlichen Lexems διακονέω κτλ. keine Tragfähigkeit mehr besitzt, sondern eine Reformulierung des Verständnisses notwendig erscheint. Zugleich ist das, was die exegetische Wissenschaft unter dem Lexem versteht, nicht zwangsläufig das, was die Diakonie als Trägerin sozial-fürsorglichen HandelnsHandeln, sozial-fürsorglich praktisch umsetzt. Es besteht also eine Differenz zwischen dem neutestamentlichen Verständnis von „Diakonie“ und seiner praktischen Gestalt: Beides kann zweifellos von Zeit zu Zeit und an diversen Orten in eins fallen, aber ein Konvergenzautomatismus ist nicht gegeben. Diakonie ist also nicht gleich „Diakonie“. Das zeigt auch der Sprachgebrauch in dieser Studie: Steht der Begriff in Anführungszeichen, so bezeichnet er Motive, Verhaltensweisen und HandlungsvollzügeHandlungsvollzüge, die mit dem Begriff verbunden werden. Ohne Anführungsstriche gebraucht, ist jeweils die namensgleiche Institution gemeint, die sich mit ihren Werken, Verbänden und Einrichtungen auf dem Markt der WohlfahrtspflegeWohlfahrt engagiert. Weiterhin bezieht sich das Attribut „diakonisch“, in dieser Studie ohne Anführungszeichen gebraucht, inhaltlich auf „Diakonie“ und die damit verbundenen Motive. Die vorliegende Studie sucht Verbindungen zwischen dieser „Diakonie“ und der Diakonie und damit zwischen exegetischer Wissenschaft und diakonischer Praxis vor dem Hintergrund der verbindenden Basis des Neuen Testaments. Dass mit dieser Suche die bereits angerissenen Differenzen zwischen Theorie und Praxis nicht grundlegend ausgeräumt werden können, legt sich aufgrund des begrenzten Umfangs der Untersuchung und der Exemplarizität ihrer Ausführungen nahe. Wie später noch ausgeführt werden wird, besteht der Mehrwert dieser Studie darüber hinaus aber in der Anregung eines Gesprächs zwischen den theologischen Disziplinen, in dem „Diakonie“ als ein Konzept verstanden werden sollte. Damit versuchen diese Ausführungen die exegetische Wissenschaft, die Diakonie und die DiakoniewissenschaftDiakoniewissenschaft an einen Tisch zu bringen und eine Verbindung zwischen den einzelnen Disziplinen bzw. Institutionen herzustellen. Mit dieser angestrebten Verbindung wird ein Bogen geschlagen, der über diese Studie hinausweist, weil er darauf angelegt ist, an anderen Stellen aufgegriffen und vertieft zu werden.
Um den avisierten Bogen nachvollziehen zu können, beschreitet diese Arbeit im Spannungsfeld von Neuem Testament und „Diakonie“ einen neuen Weg, indem sie das Gespräch mit den Zeugnissen antiker Vereinigungen sucht. Diese bieten sich aufgrund ihrer Strukturen, ihrer OrganisationsformOrganisationsform und ihres Gemeinschaftslebens zum Vergleich an, wie auch in den Kapiteln II.1.1, II.1.5 und II.1.6 deutlich herausgearbeitet werden wird. In dieser Perspektive eines phänomenologischen Vergleichs zwischen antiken Vereinigungen und frühen christlichen Gemeinden, der auf der Untersuchung von epigraphischen Zeugnissen und neutestamentlichen Schriften beruht und durch eine heuristische Bestimmung des Konzepts diakonischen Handelns geleitet wird, wird deutlich werden, was „Diakonie“ ist und sein kann und welche Relevanz ihr für die Gegenwart zukommt. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass sich im Begriff der „Diakonie“ die Dimension praktischer HandlungsvollzügeHandlungsvollzüge mit der Dimension einer ihnen vorausgehenden Gesinnung und Lebensgewohnheit, d.h. eines EthosEthos, verbindet. Implizit wird also auch die Frage nach diesem Ethos und der daraus resultierenden GruppendynamikGruppendynamik von Vereinigungen und frühen christlichen Gemeinden mit bedacht werden.
Zur Begehung des skizzierten Weges gliedert sich die vorliegende Arbeit in vier Abschnitte als Wegmarken des Erkenntnisgewinns. Abschnitt I bietet Annäherungsversuche an den Begriff und das Phänomen der „Diakonie“. Der Struktur des Abschnitts liegt die didaktisch motivierte Überlegung zugrunde, drei verschiedene Zugänge zu bieten, die je nach Vorkenntnis und Interesse der Leserinnen und Leser einzeln oder in Gänze wahrgenommen werden können. Je nach Neigung kann hier eine Annäherung an die Thematik über eine Statistik biblischer Befunde sowie deren Kontexte (Kapitel I.1), empirische Wahrnehmungen (Kapitel I.2) oder exegetische Diskurse (Kapitel I.3) erfolgen. Alle drei Zugänge werden in Kapitel I.4 zusammengefasst und miteinander ins Gespräch gebracht. Allein für sich und ohne die weiteren Abschnitte betrachtet, bietet Abschnitt I aber auch die Möglichkeit, sich der Thematik ohne weitreichendes Vorwissen anzunähern und damit die Grundlagen für eigene Überlegungen zu schaffen. Darüber hinaus versteht sich Kapitel I.3 auch als eine forschungsgeschichtliche Skizze über die exegetische Auseinandersetzung mit dem Lexem διακονέω κτλ. Dass diese Studie neben diesem forschungsgeschichtlichen Überblick noch einen weiteren Überblick zur theologisch motivierten Forschung zu antiken Vereinigungen in Kapitel II.1.5.1 bietet, liegt in dem Umstand begründet, dass die Betrachtung der Thematik „Diakonie“ im Kontext antiker Vereinigungen bisher ein Desiderat darstellt und deswegen beide Forschungsbereiche gleichermaßen beachtet und dargestellt werden müssen.
Abschnitt II wendet sich der Untersuchung antiker Vereinigungen zu. Der Studie vorangestellt sind Hinweise zur Auswahl der epigraphischen Quellen sowie zum bereits genannten Konzept diakonischen Handelns (Kapitel II.1.3). Dieses Konzept bildet die Grundlage der Untersuchung der HandlungsvollzügeHandlungsvollzüge antiker Vereinigungen und greift dabei auf die in Abschnitt I gewonnenen Erkenntnisse zurück. Da die vorliegende Untersuchung einen exemplarischen Ansatz verfolgt, sind zudem Vorbemerkungen erforderlich, die den historischen, sozialen und kulturellen Kontext erhellen, in dem die Vereinigungen ihren Ursprung haben (Kapitel II.1.4). Deren rechtliche und strukturelle Grundlagen werden anschließend in Kapitel II.1.5 dargestellt und mit einem Überblick über die Quellenlage und die Forschungsgeschichte zu antiken Vereinigungen verbunden. Obgleich diese Vorbemerkungen ein retardierendes Moment darstellen mögen, sind sie im Rahmen dieser Studie dennoch aus drei Gründen notwendig:
1 Um auf Grundlage der exemplarischen Auswahl an Inschriften zu tragfähigen Erkenntnissen zu gelangen, die sich im Kontext weiterer Forschung zu den Vereinigungen plausibilisieren lassen, ist die besprochene Auswahl zunächst in ihren zeitgeschichtlichen Horizont einzuzeichnen.
2 Zugleich entsprechen die Vorbemerkungen den bereits in Zusammenhang mit Abschnitt I erwähnten didaktischen Überlegungen, die eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema und den Ursprüngen des Konzepts diakonischen Handelns ermöglichen wollen, ohne dass weitere Literatur für eine erste Orientierung notwendig ist.
3 Letztlich dienen die Vorbemerkungen auch der Schaffung eines vergleichbaren Verstehenshorizonts zwischen dem Verfasser und den Leserinnen und Lesern dieser Studie, der das Nachvollziehen der Untersuchung und ihrer Ergebnisse erleichtert.
Kapitel II.2 bietet die Besprechung der VereinigungsinschriftenVereinigungsinschrift und befragt sie hinsichtlich des Konzepts diakonischen Handelns, wie es in Kapitel II.1.3 formuliert wurde. Der Ertrag dieses Abschnitts wird in Kapitel II.2.12 gebündelt. Dieser Ertrag stellt vonseiten der Inschriften die Grundlage für die komparative Betrachtung mit den neutestamentlichen Schriften in Abschnitt III dar. Die griechischen Inschriften werden jeweils mit einer deutschen Arbeitsübersetzung des Verfassers versehen. Für die untersuchte lateinische Inschrift wird eine fremde Übersetzung dargeboten, die von der Übersetzerin an der Originalinschrift überprüft wurde und sich deswegen besonders für die Weiterarbeit auszeichnet. Da für einige Inschriften bisher keine deutschen Übersetzungen vorliegen, schließt diese Studie auch eine Lücke in diesem Bereich.
Wie die Überlegungen zur Quellenlage in Kapitel II.1.5.5 zeigen werden, ist für eine Auseinandersetzung mit den Inschriften eine exemplarische Auswahl zu treffen. Obgleich eine Exemplarizität immer mit der Gefahr verbunden ist, singuläre Phänomene zu allgemeingültigen Merkmalen zu erheben, ist diese Beschränkung im vorliegenden Rahmen aufgrund der Fülle des Materials zwangsläufig notwendig. Gegen die Gefahr der Verallgemeinerung singulärer Phänomene wird einerseits auf die bereits aufgezeigte Bedeutung der Vorbetrachtungen verwiesen. Andererseits ist vorwegzunehmen, dass alle in dieser Studie gewonnenen Erkenntnisse zunächst allein im Licht der angegebenen und besprochenen Inschriften Plausibilität besitzen und dementsprechend eine Applikation der Ergebnisse auf weitere Vereinigungen sowie die Zuordnung weiterer Inschriften jeweils einer kritischen Überprüfung bedürfen. In dieser Hinsicht wird deutlich, dass der Ertrag von Abschnitt III erst vor dem Hintergrund von Kapitel II.2 plausibel wird und beide Kapitel bzw. Abschnitte gemeinsam wahrzunehmen sind.
Der Zusammenhang von Abschnitt III und Kapitel II.2 wird noch einmal deutlicher, wenn wahrgenommen wird, dass besagter Abschnitt den in Kapitel II.2.12 gebündelten Ertrag in Beziehung zu frühen christlichen Gemeinden und den ihnen zugehörigen neutestamentlichen Schriften setzt. Die Struktur von Abschnitt III und die Auswahl der jeweiligen neutestamentlichen Perikopen ergeben sich dementsprechend aus der in Kapitel II.2 durchgeführten Besprechung der Inschriften. Weil die darin getroffene Auswahl der Inschriften einen exemplarischen Charakter besitzt, sind auch die darauf aufbauenden Ausführungen zum Neuen Testament als exemplarisch zu kennzeichnen. Auf den damit korrelierenden Gedanken der Plausibilität der Ergebnisse wurde bereits hingewiesen. Die Exemplarizität der Ausführungen geht einher mit dem Ansinnen eines phänomenologischen Vergleichs, bei dem es nicht darum gehen kann, unreflektiert HandlungsvollzügeHandlungsvollzüge früher christlicher Gemeinden additiv nebeneinander zu stellen, um so dem Gedanken einer eventuellen Überbietung der Vereinigungen durch frühe christliche Gemeinden Vorschub zu leisten. Stattdessen kann ein Vergleich von frühen christlichen Gemeinden und nichtchristlichen Vereinigungen nur gelingen und anschlussfähig für das Gespräch zwischen den (theologischen) Disziplinen sein, wenn die Untersuchung geleitet wird von einem Kriterienkatalog, der für beide Corpora verbindlich ist. Appliziert auf diese Studie bedeutet diese Voraussetzung, dass nur die Motive Betrachtung finden können, die sich sowohl bei den Vereinigungen als auch bei den frühen christlichen Gemeinden im Licht des Konzepts diakonischen Handelns (vgl. Kapitel II.1.3) beobachten lassen. Das vorgestellte Konzept sorgt somit für eine Vergleichbarkeit von Vereinigungen und frühen christlichen Gemeinden. Unter diesen Voraussetzungen ergeben sich aus der Untersuchung der Vereinigungen Fragen nach der GruppendynamikGruppendynamik (Kapitel III.2), nach dem Umgang mit GabenGaben, GüternGüter und MahlzeitenMahlzeiten (Kapitel III.3) und nach dem Umgang mit BestattungenBestattung (Kapitel III.4) sowie Fragen nach der Bedeutung von PhilanthropiePhilanthropie (Kapitel III.5) und PhilotimiaPhilotimia (Kapitel III.6) im Rahmen der frühen christlichen Gemeinden. Dass die hinter diesen Motiven stehenden Handlungsvollzüge in beiden Gruppen eine differierende Gestalt besitzen können, bleibt unbenommen. Aber es besteht die Möglichkeit, dass die Darstellung praktischer Handlungsvollzüge in Abschnitt III über den in Kapitel II.2.12 gezeichneten Ertrag hinausgeht, solange sie auf das Konzept diakonischen Handelns bezogen und mit den anhand der Inschriften herausgearbeiteten Motiven in einem inneren Zusammenhang stehen. Dass unter dieser Voraussetzung kein komplettes Bild der Handlungsvollzüge der frühen christlichen Gemeinden gezeichnet werden kann, versteht sich von selbst. Aber dasjenige Bild, das im Rahmen dieser Studie vor dem Hintergrund ausgewählter antiker Vereinigungen skizziert wird, besitzt für das Konzept diakonischen Handelns eine historische Kontextplausibilität, die es ermöglicht, den in Abschnitt IV formulierten Ertrag dieser Studie innerhalb anderer Kontexte zu vertiefen und in die praktisch-theologische bzw. diakonische und diakoniewissenschaftliche Theoriebildung (Abschnitt V) einfließen zu lassen, sofern die Voraussetzungen und Entscheidungen im Blick behalten werden, welche den Ertrag dieser Studie bedingen.
Vor dem Hintergrund der dargestellten Struktur der folgenden Studie besitzt der 11.701. Antwortversuch auf die Frage „Was ist Diakonie?“ ein innovatives Potenzial, weil er seine Ausführungen nicht aus der Tradition der „Diakonie“ ableitet, sondern fernerhin danach fragt, wie es im Rahmen früher christlicher Gemeinden zur Herausbildung von HandlungsvollzügenHandlungsvollzüge kam, die einem Konzept diakonischen Handelns zugeordnet werden können. Dabei beansprucht der Antwortversuch nicht, HandlungsvollzügeHandlungsvollzüge, die traditionellerweise mit „Diakonie“ verbunden werden, unter Rückgriff auf die neutestamentlichen Schriften ex eventu zu begründen. Stattdessen stellt er vor dem Hintergrund des historischen Entstehungskontexts der neutestamentlichen Schriften Handlungsvollzüge dar, die zeitgenössischen Konzepten diakonischen Handelns zugeordnet werden können. Die vorliegende Studie besitzt damit auch eine kritische Dimension, die mit der gegenwärtigen Gestalt von „Diakonie“ und Diakonie ins Gespräch zu bringen ist. Insbesondere in Bezug auf die zugehörigen Handlungsvollzüge und in Bezug auf die MotivationMotivation von „Diakonie“ setzt die vorliegende Studie neue Akzente, indem sie, methodisch begründet und durch die Lektüre der Inschriften motiviert, in ihrer Darstellung über diejenigen Themen und Zusammenhänge hinausgeht, die gemeinhin mit „Diakonie“ verbunden werden. Diese Perspektive wird in den Abschnitten IV und V thematisiert, die die gewonnenen Erkenntnisse zur Weiterarbeit bündeln sowie auf deren Grundlage einen Ausblick und Aufgaben formulieren. In dieser Perspektive wird der in Abschnitt IV formulierte Ertrag vielleicht nicht die Vorarbeiten für einen 11.702. Antwortversuch leisten. Jedoch kann er eine weitergehende Auseinandersetzung anregen, die das diakonische Handeln als eine bleibende Herausforderung theologischer und kirchlicher Praxis versteht.