Kitabı oku: «Ester»
Internationaler Exegetischer Kommentar
zum Alten Testament (IEKAT)
Herausgegeben von:
Walter Dietrich, David M. Carr, Adele Berlin, Erhard Blum, Irmtraud Fischer, Shimon Gesundheit, Walter Groß, Gary Knoppers (†), Bernard M. Levinson, Ed Noort, Helmut Utzschneider und Beate Ego (apokryphe/deuterokanonische Schriften)
Umschlagabbildungen:
Oben: Teil einer viergliedrigen Bildleiste auf dem Schwarzen Obelisken Salmanassars III. (859–824 v. u. Z.), welche die Huldigung des israelitischen Königs Jehu (845–817 v. u. Z.; 2Kön 9f.) vor dem assyrischen Großkönig darstellt. Der Vasall hat sich vor dem Oberherrn zu Boden geworfen. Hinter diesem stehen königliche Bedienstete, hinter Jehu assyrische Offiziere sowie, auf den weiteren Teilbildern, dreizehn israelitische Lastträger, die schweren und kostbaren Tribut darbringen.
© Z. Radovan/BibleLandPictures.com
Unten links: Eines von zehn Reliefbildern an den Bronzetüren, die das Ostportal (die sog. Paradiespforte) des Baptisteriums San Giovanni in Florenz bilden, geschaffen 1424–1452 von Lorenzo Ghiberti (um 1378–1455): Ausschnitt aus der Darstellung ‚Adam und Eva‘; im Mittelpunkt steht die Erschaffung Evas: „Und Gott der HERR baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und brachte sie zu ihm.“ (Gen 2,22) Fotografiert von George Reader.
Unten rechts: Detail der von Benno Elkan (1877–1960) geschaffenen Menora vor der Knesset in Jerusalem: Esra liest dem versammelten Volk das Gesetz Moses vor (Neh 8). Die Menora aus Bronze entstand 1956 in London und wurde im selben Jahr von den Briten als Geschenk an den Staat Israel übergeben. Dargestellt sind in insgesamt 29 Reliefs Themen aus der Hebräischen Bibel und aus der Geschichte des jüdischen Volkes.
Jean-Daniel Macchi
Ester
Verlag W. Kohlhammer
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Deutsche Übersetzung: Norbert Reck
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-020752-3
E-Book-Formate:
pdf: 978-3-17-030736-0
epub: 978-3-17-030737-7
mobi: 978-3-17-035502-6
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Prof. Dr. Jean-Daniel Macchi lehrt Altes Testament an der Universität Genf.
Inhalt
Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber
Vorwort des Verfassers
Einleitung
A. Textfassungen und Redaktionsstufen
1. Der Umgang mit der Textvielfalt von Ester in diesem Kommentar
2. Die Textzeugen
2.1. Der hebräische masoretische Text (MT)
2.2. Ester in Qumran?
2.3. Der griechische Mehrheitstext: die LXX
2.4. Der griechische Minderheitstext: der Alpha-Text (A.-T.)
2.5. Flavius Josephus
2.6. Vetus Latina (VL)
2.7. Die Vulgata
2.8. Andere antike Versionen
3. Der Redaktionsprozess des Werks
3.1. Der Alpha-Text als späte Revision in Abhängigkeit von LXX und/oder MT
3.2. Der Alpha-Text als Spiegelung eines vormasoretischen hebräischen Proto-Ester-Texts
3.3. Die Quellen der Narrative
3.4. Die Zusätze in der LXX und im A.-T.
3.5. Der Ort der Vetus Latina
4. Synthese und der hier vertretene Ansatz
4.1. Von Proto-Ester zum masoretischen Text
4.2. Die Entstehung der beiden wichtigsten griechischen Zeugen (A.-T. und LXX) und die anderen Textzeugen von Ester
B. Der historische und intellektuelle Kontext der Entstehung des Buchs
1. Die Perserzeit: Der Ort der Handlung
2. Die hellenistische Zeit: Kontext der Entstehung des Werks
2.1. Der fiktive Charakter der Erzählung
2.2. Verschiedene Textfassungen
2.3. Linguistische Argumente
2.4. Die Kenntnis biblischer Texte
2.5. Ester und die hellenistische Literatur über Persien
2.6. Ester und die makkabäischen Auseinandersetzungen
2.7. Der Kontext der Entstehung von Proto-Ester
2.8. Der Entstehungskontext der protomasoretischen Version von Ester
2.9. Die Hintergründe der Entstehung der Zusätze und anderer Textfassungen des Werks
3. Der rätselhafte Ursprung von Purim
C. Literarische und thematische Merkmale in der masoretischen Fassung von Ester
1. Der Aufbau des Werks
2. Romanhafte Züge
3. Sprache und Stil des MT
4. Anspielungen und Verweise auf andere biblische Texte
4.1. Ester, Mordechai und die Könige Israels
4.2. Die Josefsgeschichte und das Buch Ester
4.3. Ester und Mose
4.4. Daniel
4.5. Das Buch Ester und die Bücher der Makkabäer und Judit
4.6. Fazit
5. Themen
5.1. Der Blick auf das Reich und das Verhältnis dazu
5.2. Als Juden und Jüdinnen in einem fremden Land leben
5.3. Gottes An- und Abwesenheit im MT
D. Literarische und thematische Merkmale der anderen Textfassungen von Ester
1. Proto-Ester: Aufbau und Themen
2. Die griechischen Versionen: Aufbau und Themen
E. Perspektiven zu Raum und Zeit
1. Die räumliche Aufteilung des Palasts
Schema des Palasts
2. Die chronologische Ordnung im Buch Ester
2.1. Die chronologische Ordnung im masoretischen Text
2.2. Die chronologische Ordnung in der LXX
2.3. Diachrone Schlussfolgerungen
F. Kanonisierung, Gebrauch und Rezeption des Werks
1. Ein maßgebliches Buch
1.1. Kanonizität im Judentum
1.2. Kanonizität im Christentum
2. Ein Buch für das Purimfest
3. Ein inspirierendes Buch (zur Rezeption)
3.1. Ester im Judentum
3.2. Ester im Christentum
G. Zum Aufbau dieses Kommentars zu Esters masoretischer Fassung
Kapitel 1. Der Fall der Königin Waschti
Einleitung
Die Festmähler des persischen Königs (1,1–9)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Waschtis Weigerung (1,10–12)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Die Folgen von Waschtis Weigerung (1,13–22)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 2. Esters Aufstieg und Einsetzung zur Königin
Einleitung
Ester 2,1–18. Ernennung einer neuen Königin
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Ester 2,19–23. Ereignisse am Hof
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 3. Hamans Verschwörung
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 4. Mordechai bittet Ester um Hilfe
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 5. Hamans Ehrung
Einleitung
Esters erstes Gastmahl (5,1–8)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Gründe für die zweifache Einladung zum Gastmahl
Haman zu Hause mit seinen Freunden (5,9–14)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 6. Mordechais Ehrung
Einleitung
Haman ehrt Mordechai (6,1–11)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Haman kommt nach Hause (6,12–14)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 7. Hamans Tod
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse
Proto-Ester
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Synthese
Kapitel 8–10. Triumph, Massaker und Feiern
Einleitung
Eine schwer aufzulösende Verschwörung (8,1–17)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Krieg (9,1–19)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Die Briefe zur Einführung des Purimfests (9,20–32)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Epilog: Der König, Mordechai, die Juden und das Imperium (10,1–3)
Anmerkungen zu Text und Übersetzung
Synchrone Analyse
Diachrone Analyse der Kapitel 8–10
Proto-Ester
Der ursprüngliche Schluss von Proto-Ester und späte Abschnitte des A.-T.
Die protomasoretische Redaktion und die Entstehung des MT
Protomasoretische Themen und Formulierungen
Die protomasoretische Redaktion von Kapitel 8
Die protomasoretische Redaktion von 9,1–19
Die protomasoretische Redaktion von 9,20–28
Redaktionsprozess und Textgeschichte von 9,29–32
Die protomasoretische Redaktion von 10,1–3
Die griechischen Übersetzungen und die späten Änderungen am MT
Korrekturen am MT im Anschluss an die Übersetzung der LXX
Die Entstehungsgeschichte der griechischen Übersetzungen
Synthese
Die Zusätze
Zusatz A,1–11. Mordechais Traum
Zusatz A,12–17. Die erste Verschwörung der Eunuchen
Zusatz B,1–7. Der Erlass der Vernichtung
Zusatz C,1–30. Die Gebete von Mordechai und Ester
Zusatz D,1–16. Esters Erscheinen vor dem König
Zusatz E,1–24. Der Gegenerlass
Zusatz F,1–10. Die Deutung von Mordechais Traum
Zusatz F,11. Der Kolophon
Bibliografie
Ester-Texte. Ausgaben und Übersetzungen
Hebräisch
Griechisch (LXX und A.-T.)
Vetus Latina (VL)
Vulgata (Vulg.)
Peschitta (Pesch.)
Patristische Literatur
Bibelübersetzungen
Mesopotamische und persische Literatur
Antike aramäische und hebräische Quellen
Elephantine
Megillat Ta’anit
Targum Ester I und Targum Ester II (Tg. Est. I und Tg. Est. II)
Midrasch Rabba (Mid. Rabba) und andere Midraschim
Talmud (Babylonischer [b.] und Jerusalemer [j.])
Griechische und römische Literatur
Enzyklopädien, Wörterbücher, Grammatiken
Kommentare zum Buch Ester
Sekundärliteratur
Register
Bibelstellenverzeichnis (in Auswahl)
Genesis
Exodus
Numeri
Levitikus
Deuteronomium
Josua
Richter
Rut
1 Samuel
2 Samuel
1 Könige
2 Könige
1 Chronik
2 Chronik
Esra
Nehemia
Tobit
Judit
Ester
1 Makkabäer
2 Makkabäer
3 Makkabäer
Hiob
Psalmen
Sprichwörter
Kohelet
Hoheslied
Weisheit
Sirach
Jesaja
Jeremia
Baruch
Ezechiel
Daniel
Joël
Amos
Jona
Micha
Zefanja
Sacharja
Maleachi
Matthäus
Markus
Apostelgeschichte
Offenbarung
Sonstige Quellen (in Auswahl)
Verzeichnis hebräischer Wörter
Schlagwortverzeichnis
Editionsplan
Vorwort der Herausgeberinnen und Herausgeber
Der Internationale Exegetische Kommentar zum Alten Testament (IEKAT) möchte einem breiten internationalen Publikum – Fachleuten, Theologen und interessierten Laien – eine multiperspektivische Interpretation der Bücher des Alten Testaments bieten. Damit will IEKAT einer Tendenz in der gegenwärtigen exegetischen Forschung entgegenwirken: dass verschiedene Diskursgemeinschaften ihre je eigenen Zugänge zur Bibel pflegen, sich aber gegenseitig nur noch partiell wahrnehmen.
IEKAT möchte eine Kommentarreihe von internationalem Rang, in ökumenischer Weite und auf der Höhe der Zeit sein.
Der internationale Charakter kommt schon darin zum Ausdruck, dass alle Kommentarbände kurz nacheinander in englischer und deutscher Sprache erscheinen. Zudem wirken im Kreis der Herausgeber und Autorinnen Fachleute unterschiedlicher exegetischer Prägung aus Nordamerika, Europa und Israel zusammen. (Manche Bände werden übrigens nicht von einzelnen Autoren, sondern von Teams erarbeitet, die in sich bereits multiple methodische Zugänge zu dem betreffenden biblischen Buch verkörpern.)
Die ökumenische Dimension zeigt sich erstens darin, dass unter den Herausgeberinnen und Autoren Personen christlicher wie jüdischer Herkunft sind, und dies wiederum in vielfältiger religiöser und konfessioneller Ausrichtung. Zweitens werden bewusst nicht nur die Bücher der Hebräischen Bibel, sondern die des griechischen Kanons (also unter Einschluss der sog. „deuterokanonischen“ oder „apokryphen“ Schriften) ausgelegt.
Auf der Höhe der Zeit will die Reihe insbesondere darin sein, dass sie zwei große exegetische Strömungen zusammenführt, die oft als schwer oder gar nicht vereinbar gelten. Sie werden gern als „synchron“ und „diachron“ bezeichnet. Forschungsgeschichtlich waren diachrone Arbeitsweisen eher in Europa, synchrone eher in Nordamerika und Israel beheimatet. In neuerer Zeit trifft diese Einteilung immer weniger zu, weil intensive synchrone wie diachrone Forschungen hier wie dort und in verschiedensten Zusammenhängen und Kombinationen betrieben werden. Diese Entwicklung weiterführend werden in IEKAT beide Ansätze engstens miteinander verbunden und aufeinander bezogen.
Da die genannte Begrifflichkeit nicht überall gleich verwendet wird, scheint es angebracht, ihren Gebrauch in IEKAT zu klären. Wir verstehen als „synchron“ solche exegetischen Schritte, die sich mit dem Text auf einer bestimmten Stufe seiner Entstehung befassen, insbesondere auf seiner Endstufe. Dazu gehören nicht-historische, narratologische, leserorientierte oder andere literarische Zugänge ebenso wie die durchaus historisch interessierte Untersuchung bestimmter Textstufen. Im Unterschied dazu wird als „diachron“ die Bemühung um Einsicht in das Werden eines Textes über die Zeiten bezeichnet. Dazu gehört das Studium unterschiedlicher Textzeugen, sofern sie über Vorstufen des Textes Auskunft geben, vor allem aber das Achten auf Hinweise im Text auf seine schrittweise Ausformung wie auch die Frage, ob und wie er im Gespräch steht mit älteren biblischen wie außerbiblischen Texten, Motiven, Traditionen, Themen usw. Die diachrone Fragestellung gilt somit dem, was man die geschichtliche „Tiefendimension“ eines Textes nennen könnte: Wie war sein Weg durch die Zeiten bis hin zu seiner jetzigen Form, inwiefern ist er Teil einer breiteren Traditions-, Motiv- oder Kompositionsgeschichte? Synchrone Analyse konzentriert sich auf eine bestimmte Station (oder Stationen) dieses Weges, besonders auf die letzte(n), kanonisch gewordene(n) Textgestalt(en). Nach unserer Überzeugung sind beide Fragehinsichten unentbehrlich für eine Textinterpretation „auf der Höhe der Zeit“.
Natürlich verlangt jedes biblische Buch nach gesonderter Betrachtung und hat jede Autorin, jeder Autor und jedes Autorenteam eigene Vorstellungen davon, wie die beiden Herangehensweisen im konkreten Fall zu verbinden sind. Darüber wird in den Einführungen zu den einzelnen Bänden Auskunft gegeben. Überdies wird von Buch zu Buch, von Text zu Text zu entscheiden sein, wie weitere, im Konzept von IEKAT vorgesehene hermeneutische Perspektiven zur Anwendung kommen: namentlich die genderkritische, die sozialgeschichtliche, die befreiungstheologische und die wirkungsgeschichtliche.
Das Ergebnis, so hoffen und erwarten wir, wird eine Kommentarreihe sein, in der sich verschiedene exegetische Diskurse und Methoden zu einer innovativen und intensiven Interpretation der Schriften des Alten Testaments verbinden.
Die Herausgeberinnen und Herausgeber
Im Herbst 2012
Vorwort des Verfassers
Als ich meinen ersten Artikel zum Buch Ester schrieb, verglich ich Kapitel 4 des masoretischen Texts mit dem griechischen Alpha-Text. Ich vertrat damals schon die Ansicht, dass der masoretische Text aus einer größeren Umarbeitung einer kürzeren hebräischen Textversion hervorgegangen sei, die dem Alpha-Text ähnlich gewesen sein könnte. Ein Jahr später legte ich, im Anschluss an andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, meine Einschätzung vor, dass die Beschreibung des Persischen Reichs im Esterbuch derjenigen griechischer Autoren, etwa Herodots oder Ktesias’, sehr ähnlich sei.1 Diese Grundannahmen bilden das Fundament, auf dem dieser Kommentar in mehr als zehn Jahren der Forschung gewachsen ist.
Als Adele Berlin, eine der Mitherausgeberinnen dieser Kommentarreihe, mich bat, den Kommentar zum Buch Ester für die neue IEKAT-Reihe zu schreiben, erfüllte es mich mit Stolz, dieses Angebot von der Autorin eines der besten Ester-Kommentare zu erhalten.2 Allerdings arbeitete ich zu jenem Zeitpunkt bereits an einem Kommentar für die Reihe Commentaire de l’Ancien Testament (CAT) des Verlags Labor et Fides.3 Wir entschieden uns deshalb, den CAT-Kommentar mit einigen Anpassungen für die IEKAT-Reihe zu übernehmen und zu übersetzen.
Mein tief empfundener Dank geht deshalb an Adele Berlin für ihre umfangreiche editorische Arbeit, die sie diesem Band widmete. Sie hat mir bei der Umarbeitung des Kommentars sehr geholfen. Darüber hinaus möchte ich noch anderen danken: meinen Kollegen und Kolleginnen sowie den Studierenden der Theologischen Fakultät der Universität Genf und ebenso meinen Kollegen und Kolleginnen am bibelwissenschaftlichen Institut der Universität Lausanne. Ihnen allen verdanke ich zahlreiche interessante Diskussionen über das Buch Ester. Meine Assistentinnen und Assistenten Georgette Gribi, Claire-Sybille Andrey, Chen Bergot und Axel Bühler standen mir während der Abfassung des Kommentars hilfreich zur Seite.
Zu guter Letzt danke ich meiner Frau Claire und meinen Kindern Matthieu und Jérémie für ihre stete Unterstützung und Zuneigung.
Genf, im Januar 2018
Jean-Daniel Macchi
Einleitung
Im Judentum ist die Ester-Rolle ausgesprochen populär und wird jedes Jahr zum karnevalesken Purimfest gelesen. Christliche Kreise sind indessen mit diesem Werk weniger vertraut.
Auf den ersten Blick tritt uns das Buch als kurzer historischer Roman entgegen – mit einer wohldurchdachten Handlung, die Gut und Böse klar unterscheidet. Die Charaktere haben eine „psychologische“ Funktion, die manchmal auf köstliche Weise zum Ausdruck kommt. Es mangelt nicht an Spannung, Humor und Ironie, und ebenso wenig an Sex und Gewalt.
Doch nach diesem schlichten ersten Eindruck konfrontiert uns das Werk mit interessanten und anspruchsvollen Fragen: Warum existieren so unterschiedliche Fassungen davon? In welchem historischen Kontext wurde es verfasst und was verrät es von den Vorstellungen, die zu jener Zeit im Umlauf waren? Was sagen uns die angesprochenen Themen, die trotz ihrer fiktionalen Aufbereitung bitterernst sind und Fragen aufwerfen, die noch immer sehr aktuell erscheinen?
Der TextDas Buch Ester ist, wie die meisten biblischen Bücher, nicht das Werk einer einzelnen Person, sondern das Ergebnis der Arbeit mehrerer Autoren und nacheinander arbeitender Redaktoren im Verlauf eines längeren Zeitraums. Ihnen ging es darum, die Traditionen und grundlegenden Narrative ihrer Gemeinschaft zu überliefern, indem sie sie umarbeiteten, verbesserten und aktualisierten.
Wir kennen verschiedene Fassungen des Buchs Ester: den hebräischen masoretischen Text (MT), den die jüdischen und protestantischen Bibeln benutzen, sowie zwei antike griechische Übersetzungen, die deutlich länger sind. Die eine der beiden, die zur Septuaginta (LXX) gehört, hat für die katholischen und orthodoxen Bibeln kanonischen Rang.
Der vorliegende Kommentar berücksichtigt die textliche Diversität des Werks und zeigt auf, wie sie entstand. Er diskutiert zunächst den Redaktionsprozess bis hin zur masoretischen Fassung des Werks. Nach der Hypothese, die hier vorgestellt wird, ist eine der griechischen Textfassungen – der Alpha-Text (A.-T.) – die Übersetzung einer hebräischen Textversion Proto-Ester, die schließlich, hauptsächlich von protomasoretischen Redaktoren umgearbeitet, zum MT wurde. Nach der Kommentierung des hebräischen Texts werden die ergänzenden Zusätze vorgestellt, die allein in den griechischen Textversionen vorkommen.
IdeengeschichteDas Buch Ester bietet uns einen faszinierenden Einblick in das Denken des antiken Judentums. Es entstand in jüdischen Kreisen, die zutiefst von der herrschenden Kultur der hellenistischen Welt geprägt waren.
Nach unserer Hypothese stammt die älteste literarische Schicht von Diasporajuden, die im dritten Jahrhundert v. u. Z. in einem urbanen hellenistischen Kontext im ptolemäischen Ägypten lebten. Im zweiten Jahrhundert, nach den makkabäischen Auseinandersetzungen zwischen traditionellen jüdischen Kreisen und den hellenistischen Tyrannen, erfuhr dieser Text eine bedeutende Umarbeitung durch die protomasoretische Redaktion.
Das Buch Ester nimmt die hellenistische Kultur intensiv wahr und steht im Dialog mit ihr. Die Autoren und Redaktoren beteiligen sich an dieser Auseinandersetzung mittels einer romanhaften Handlung, die im alten Perserreich spielt. Sie beschreiben dieses Reich auf ähnliche Weise, wie die Griechen dieses ferne und mächtige orientalische Reich darstellten. Zu einer Zeit, da die Griechen Vergnügen daran hatten, Erzählungen zu verfassen, die in Persien spielen – seien es „Persika“ oder große Geschichtswerke –, schrieben die Juden ihr Buch Ester, in dem sie dieselben Codes verwendeten, wie man sie in der griechischen Literatur über Persien findet.
Die Juden, die das Esterbuch verfassten, zeigen einerseits eine große kulturelle Nähe zu den Griechen, machen aber andererseits auch die Spannungen sichtbar, die zwischen Juden und Griechen bestehen. Dieser „Dialog“ mit der hellenistischen Kultur ist oft wohlwollend, insbesondere wenn das Buch zeigt, dass Juden und Griechen die Ideale der Freiheit, des Muts und der Treue zu ihren Göttern bzw. zu ihrem Gott gemeinsam haben. Manchmal aber ist der Ton recht schroff, vor allem wo – mittels ironischer Bemerkungen über das Funktionieren des Persischen Reichs – die Erzählung die tyrannischen Abwege hellenistischer Herrscher anprangert, deren Archetyp Antiochos IV. ist.
ThemenDas Buch Ester thematisiert Identitätsfragen, die manchen Einwanderern und ihren Nachkommen, marginalisierten Gruppen und wohl auch jenen vertraut sein dürften, die sich in ihren Überzeugungen von einer „Mehrheit“ unterscheiden, der gegenüber sie sich fremd fühlen. Die Figuren der Erzählung treten in einer Welt auf, die nicht von deren eigener Kultur geprägt ist; und so sind diese zunächst versucht, ihre Identität zu verbergen, bevor sie sich gezwungen sehen, sie zu offenbaren und zu verteidigen.
Die Unterdrückung von Minderheiten im Allgemeinen und von Juden und Jüdinnen im Besonderen dürfte das zentrale Thema dieses Werks sein, was im Blick auf die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts prophetisch anmutet. In nur wenigen Versen, die dem niederträchtigen Haman in den Mund gelegt werden (3,8–9), brandmarkt die Erzählung eine diskriminierende und erschreckende Rhetorik, die sich gegen angeblich verhängnisvolle Lebensgewohnheiten von Menschen richtet und diese als Unmenschen und gefährliche „Ausländer“ abgestempelt. Sodann werden die langfristigen Konsequenzen dieser ausgrenzenden Rede aufgezeigt, der die königliche Macht fast umstandslos und naiv zugestimmt hat. Es wird gezeigt, wie schwer es ist, den Mechanismen des genozidalen Schreckens Einhalt zu gebieten, wenn sie einmal in Gang gesetzt wurden. Zweifellos war es, ist es und wird es immer dringend geboten sein, jeden Ausgrenzungsdiskurs von seinen Anfängen an zu bekämpfen.
Am Beispiel der Einstellung ihrer Helden und Heldinnen führt die Erzählung verschiedene Strategien des Widerstands vor Augen. Zuerst tritt Mordechai seinem Feind würdevoll und friedfertig entgegen: Er greift ihn nicht an, hat aber den Mut, sich selbst treu zu bleiben, indem er sich unnachgiebig weigert, sich vor ihm niederzuwerfen. Sodann nutzt Ester mit List, Mut und Intelligenz die wenigen Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, um den Herrscher zu überzeugen, Gerechtigkeit walten und den Schrecken nicht länger andauern zu lassen. Zuletzt, als Gerechtigkeit und gerichtliches Vorgehen dem Grauen nicht Einhalt gebieten können, hat es den Anschein – und dieser Aspekt des Werks erregt bei manchen Leserinnen und Lesern Anstoß –, dass es zum Krieg kommen muss. Die Autoren des Werks wussten mit Sicherheit sehr gut, dass Krieg immer schrecklich ist. Jenen Krieg am Ende des Buchs legitimieren sie nur, weil es sich um eine Sache der Selbstverteidigung gegen Angreifer handelt, die einen Völkermord planen, und weil es keine anderen Lösungen gibt.
Auch wenn es im Buch Ester Anspielungen auf göttliches Handeln und Hinweise auf jüdische Rituale gibt, wird Gott nicht direkt erwähnt. Die Redaktoren wollen damit eine theologische Aussage machen. Allem Anschein nach möchten sie die Leserinnen und Leser animieren, darüber nachzudenken, ob göttliches Eingreifen hinter diesem oder jenem Ereignis auszumachen ist und, vor allem, ob Gott durch die Taten von Frauen und Männern handelt.