Kitabı oku: «Nächstes Treffen Adria», sayfa 3

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Schön, dass er meine Ironie versteht, freue ich mich, obwohl wir beide nun wahrlich nicht perfekt Englisch sprechen. Nur manche Sätze gelingen schnell und ohne Überlegung. Immer wieder müssen wir beide auch nach passenden Vokabeln suchen, beziehungsweise den treffenden Umschreibungen für sie. So aber ist es fair, was, würden wir Italienisch reden, ganz anders wäre. Auch zeigt mir, dass er nun lacht, dass man diese Form des feinen, aber verdeckten Spottes nicht nur an der Wahl der Worte erkennen kann, sondern eben häufig schon an der Betonung, mit welcher solch ironische Bemerkungen geäußert werden sowie auch an dem Ausdruck des Gesichtes, der mit diesen Äußerungen einhergeht.

Einen Moment lang schaut der junge Mann neben mir mich nun an und hat plötzlich direkt etwas Sanftes, etwas Weiches an sich. „Und du?“, hoffe ich, dass ich jetzt nicht raten muss. „Ich?“, winkt er ab. „Ich habe angefangen zu studieren. In Macerata. Kennst du die Stadt?“ – „Die ist quasi schon in den Bergen in den Marchen, nicht?“, meine ich. „Dort gibt es eine der ältesten Universitäten Europas“, nickt er „Weißt du?“ Nein, ich weiß nicht! „Gegründet im Jahr 1290 nach Christi, eh!“ Ich hoffe, er sieht Anerkennung in meinem Gesicht! „Und was studierst du da?“, will ich natürlich wissen. Er hebt einen Zeigefinger und bewegt ihn hin und her, während er mit der anderen Hand das Glas vom Mund zurück auf die Theke stellt. „Ich hab` doch gesagt, wir haben was gemeinsam. Ich habe es abgebrochen, wie du. Rechtswissenschaften! Maah (abweisend), das ist nicht mein Ding!“ – „Echt nicht?“, kann ich das gar nicht nachvollziehen. „Da könntest du doch die Welt ein wenig besser machen, wenn du später Anwalt oder Richter wirst.“ – „Tsss!“, macht er und schaut mich fast höhnisch an. „Glaubst du daran? Glaubst du daran, dass das Recht auch gerecht ist? Daran, dass man als Anwalt oder Richter tatsächlich Gerechtigkeit schaffen kann? Ich nicht!“, untermauert er das Gesagt mit einem vehementen Abwinken seiner freien Hand. „Aber warum hast du dann überhaupt mit diesem Studium angefangen?“, muss ich mich da ja wohl wundern. „Beh“, verzieht sich sein Gesicht „etwas anderes hätten meine Eltern niemals zugelassen! Und wenn es nach ihnen geht, dann müsste ich mich auch auf Wirtschaftsrecht spezialisieren. Verstehst du?“ Nicht so ganz, schaue ich ihn fragend an. „Na, die Reichen vertreten, damit sie noch reicher werden. Hältst du das etwa für gerecht?“ So, wie er es formuliert, sicher nicht.

Und dann scheint er diese Welt wieder für einen Moment zu verlassen, vollkommen abwesend zu sein. Ging es also wohl darum in dem Streit, über den er nicht sprechen mag. „Und was interessiert dich?“, versuche ich ihn von seinen trüben Gedanken abzulenken. „Booh“, beginnt er wie so oft und wie so viele Italiener seinen Satz erneut mit einem von diesen Lauten. Diesen Lauten, die wie die Zeichen, die sie mit den Händen machen, alle eine Bedeutung haben, die jedoch, je nach Zusammenhang, auch variieren kann. „Also“, meint er in diesem Fall, „Musik. Ja, vielleicht sollte ich etwas mit Musik machen!“, scheint er kurz zu überlegen „Ah, ich kann nur Punk in ein Mikro schreien!“ nimmt er sich selbst aber gleich wieder zurück. „Weißt du, ich habe nie irgendwas spielen gelernt. Ist auch so typisch für meine Eltern!“ Ich glaube nicht, dass er für die Seinen, wie man seine Familie im Italienischen nennt, heute noch ein gutes Wort finden wird. „Sieh mal! Sie haben echt viel Geld. Wenn man Geld hat und Kinder, dann sollte man sie doch fördern, nicht? Sie sollten ein Instrument spielen lernen, vielleicht auch zwei. Sie sollten zeichnen lernen, malen, singen, was weiß ich!“ klingt das, was er da gerade von sich gibt, in meinen Ohren nicht verkehrt. „Aber nichts!“, empört er sich. „Nichts Kreatives!“, verzieht er sein Gesicht und äfft wohl die Stimme seines Vaters nach: “Junge, damit kann man doch kein Geld verdienen!“

Seinen Wein hat er ausgetrunken. Gespannt warte ich, ob er sich an meinem zweiten Glas zu schaffen machen wird. Aber er greift tatsächlich zu dem seinen mit dem Wasser darin, das vor ihm auf dem Tresen steht. „Du musst das doch wissen. Du liest den ganzen Tag. Kinder muss man doch fördern, oder? Und ihnen nicht immer nur erzählen, womit man Geld verdienen kann!“ Er kann sehr ausgiebig mit dem Kopf schütteln, hin und her. Was soll ich groß sagen? Sicher wäre das schön, wünschenswert. „Und dann wundern sie sich, wenn der Sohn voll auf Punk steht. Kommt doch davon!“ Na ja! Das ist auch eine mögliche Erklärung für diesen Musikgeschmack. Komisch nur, dass er so gar nicht so aussieht, als würde er auf diese Art von Musik abfahren. „Und du?“, weiß ich mal wieder nicht, was er von mir will. „Ich? Punk, meinst du?“ und sehe seine Nicken. „Ja, auch ok.!“ - „Aber lieber magst du Rock oder Pop, nicht wahr?“ Genau das meine ich! Es kann ganz sanft sein, dieses Lächeln von ihm, ohne jegliche Spur von Argwohn, Sarkasmus oder ähnlichem.

„Wir sehen uns gleich!“, wirft er mir schon im Weggehen begriffen zu, als wir aus der Bar in die dunkle Nacht hineintreten. Was hat er jetzt vor, frage ich mich und schaue ihm nach. Wie auch immer, ich muss jetzt nicht auch noch diesen Zug verpassen, finde ich, und versuche auf die andere Straßenseite zu gelangen. Die beiden Gläser Wein habe ich am Ende tatsächlich ausgetrunken. Genug für mich nach einem Tag wie heute um gut beduselt zu sein.

Attenzione, attenzione!

Mein Zug ist nicht in Sicht, sofern ich mich denn hier überhaupt auf dem richtigen Gleis befinde. Vielleicht sollte ich noch mal in der Halle nachschauen, jemanden fragen? Ach nein, brauche ich nicht. Er kommt schon die Stufen hinauf, eine Flasche Wein in der Hand. „Wie viele Liter sind das?“, wundere ich mich über ihre Größe. „Zwei, glaube ich“, schaut er auf das Etikett hinten drauf. Sie ist geöffnet, sehe ich jetzt, der Korken schaut aus dem Hals heraus. „Nein, es sind nur eineinhalb!“ Wir lachen wieder. Seine kleinen, flinken grünbraunen Augen leuchten durch die Nacht, als ich seinen freien Arm spüre, der sich langsam über meine Schulter um meinen Nacken legt und mich vorsichtig an ihn zieht. Er ist tatsächlich einen halben Kopf größer als ich, ist nun sicher. Und kalt ist er. Ja, wie ausgekühlt. Wo doch die Luft so warm ist um uns herum, noch immer. Ich schiebe meine Arme um seinen mageren Körper. Seine Hand streichelt meinen Hinterkopf. Er riecht gut. Nicht nach Parfüm. Nach irgendetwas anderem, aber dieses andere gefällt mir. Gut auch, wie es sich anfühlt! Eine ganze Weile lang. Und ganz still hält er jetzt. Bis auf die Finger seiner rechten Hand, die sanft durch meine Haare streichen, zappelt gerade mal nichts mehr an ihm. Auch, als diese Hand etwas weiter vor zu meinem Ohr, zu meiner Wange wandert und er meinen Kopf zaghaft ein kleines Stück nach oben richtet, während er den seinen ein Stück nach unten neigt, so dass er mit seinen Lippen die meinen berühren kann, zappelt er nicht. Und mehr passiert zunächst auch nicht. Erst einmal! Nicht mehr, als dass sich unserer Lippen berühren. Erst einmal abwarten, spüren. Dann erhöhen wir den Druck, die Intensität, beide zur gleichen Zeit, bis schließlich ein Spiel daraus wird. Ein Spiel der Lippen, bei welchem mal die seinen die meinen fast vollständig umschließen, mal die meinen die seinen. Als sie merken, dass sie schmecken, unsere Lippen, öffnen sie sich, so dass sich die Zunge ganz vorsichtig vortasten kann, vorschieben, hin zu der anderen, der hinter diesen Lippen, prüfen, ob sie bereit ist, sie zu berühren. Sie ist, wie ich selbst feststelle, sie ist. Und ich fühle mich gut, bei dem, was unsere Lippen da tun, und unsere Zungen.

Attenzione! Attenzione!

Schade fast, dass der einfahrende Zug uns aus dieser Zweisamkeit reißt. Und doch auch gut, weil dies ein so intensiver Moment war zwischen uns, die wir uns doch gerade erst kennen gelernt haben. Nun, da wir uns aus der Umarmung lösen, sind wir uns fremd. Auf jeden Fall aber ein wenig verunsichert beide. „Komm mit nach Rom!“, höre ich seine Stimme noch dicht an meinem Ohr sagen und ich schaue in seine kleinen, funkelnden Augen, als der Zug neben uns langsam und quietschend zum Stehen kommt. Rom, denke ich, während wir den Zug besteigen, ist sicher viel zu teuer und auch etwas weit.

Wir finden ein leeres Abteil, ohne dass ich mich lange mit dem Rucksack durch die engen Gänge zwängen muss. Im Nu ist die Schiebetür hinter uns geschlossen und die Vorhänge an der Glasfront zur Tür sind es auch. Gemeinsam hieven wir meinen Rucksack auf die Gepäckablage. Jo fasst links und rechts von sich unter die Sitze am Fenster und zieht sie mit einem Ruck in der Mitte zusammen. Gleich darauf wiederholt er den Vorgang mit den beiden Sitzen daneben. Das geht also auch in den Wagons der italienischen Bahn, lerne ich so. Wir strecken unsere Beine nebeneinander auf der Liegewiese aus, lehnen uns an der Wand unter der Gepäckablage an. Jo hebt seinen Arm an meiner Seite und schaut mich mit einem fast schüchternen Lächeln fragend an. Schließlich legt er ihn um mich, weil er in meinem Gesicht lesen kann, dass ich einverstanden bin und ich kuschele mich an. Er führt die Flasche Wein mit der freien Hand an seinen Mund, zieht den Korken mit den Zähnen heraus und grinst mich mit dem Korken zwischen den Zähnen an. Ich warte einen Moment, blicke in seine grünbraunen Augen, jetzt da er mir vertraut vorkommt. Dann ziehe ich ihm den Korken aus dem Mund, damit er trinken kann.

„Also! Kommst du mit?“ Lachend schüttele ich den Kopf. „Rom ist sicher teuer. Und wo soll ich dort bleiben?“ - „Du kannst mit mir zu meinem Onkel kommen“, ist er überzeugt. „Er ist wirklich nett. Er wird nichts dagegen haben. Und dann zeige ich dir die ganze Stadt.“

„Ich weiß nicht“, und weiß grad wirklich nicht mehr. „Und ich habe doch nur ein Ticket bis Foligno.“ - „Beh“, winkt er ab „das merkt doch keiner!“ Der Fahrkartenkontrolleur, der uns kurz darauf noch einmal in unserer Zweisamkeit stört, aber registriert das sehr wohl. Er weist mich darauf hin, dass ich noch umsteigen muss und auch darauf, dass ich mein Ziel erst spät in der Nacht erreichen werde. „Hast du denn eine Unterkunft gebucht in Perugia?“, bohrt der junge Mann neben mir. „Nein, ich gehe auf einen Zeltplatz oder schlafe am Bahnhof oder so.“ -„Siehste! Das habe ich mir gedacht!“, grinst er mich triumphierend an. „Was bitte soll das heißen?“ Er grinst ganz schön frech. „Ich hab`s doch gesagt! Du siehst nicht so aus, als würdest du so eine Reise planen. Ich habe doch gesagt, du bist offen! Nicht spießig und ängstlich wie viele andere Frauen!“ Ein bisschen hat er ja Recht, begreife ich, was er meint. „Was also willst du in Perugia?“, lässt er nicht locker. Aber was also will man überhaupt in irgendeiner italienischen Stadt? „Sie soll sehr schön sein, diese Stadt, habe ich gehört. Und es ist nicht so weit.“ -„So weit von was? Von Deutschland?“ - „Das auch. Und auch nicht so weit vom Meer, von der Adria.“ -„Du meinst, wenn es dir nicht gefällt dort, fährst du zurück und legst dich an den Strand, damit du doch noch viele Bücher lesen kannst?“ Er bringt mich zum lächeln, dieser Mann. „Ja, du hast das immer“, fällt mir aber ein. „Du wohnst hier! Du kannst jeden Tag ans Meer fahren, wenn du willst.“ - „Nein!“, wackelt sein mir bereits vertrauter langer Zeigefinger dicht an meinem Kopf hin und her. „Meine Eltern wohnen am Meer. Ich nicht mehr!“ - „Ach ja, Marcerata jetzt!“ - „Tss!“, schnalzt seine Zunge kurz. Also auch dort wohl nicht mehr. „Warum also Perugia und nicht Rom?“, tut er, als hätte meine Erklärung für ihn keinen Sinn ergeben. „Weil ich irgendwann auch wieder zurückfahren muss“, fällt mir langsam keine Begründung mehr ein. Lustiger Blick jetzt von ihm! „Eh!“, macht er. „Die paar Kilometer mehr! Und außerdem, du kennst das doch! Alle Wege führen nach Rom. Und das hießt im Umkehrschluss?“ - “Dass alle Wege auch von dort fortführen“, hat er mich grad beeindruckt. „Aber umsonst wird es trotzdem nicht sein.“ - „Eh!“, macht er wieder, etwas spöttisch dieses Mal. „Geld ist in Italien kein großes Problem!“ Nicht weiter darauf eingehen, denke ich und frage stattdessen: „Und was genau würdest du mir in Rom zeigen?“ - „Na, alles! All die Kulturdenkmäler, das alte Rom, die ganze Stadt eben!“, gibt er an. „Das Pantheon und das Kolosseum. Ah, kennst du das Kolosseum?“ Mein Kopf reibt verneinend an seiner Schulter rauf und runter. „Ohh“, zeigt er seine Anerkennung, „das erste Stadion der Welt. Vor 1800 Jahren erbaut. Stell dir vor! So groß und schon kurz nach Christi Geburt errichtet. Und es steht immer noch da!“ Erstaunlich, dass dieser junge Mann hier neben mir sich so sehr für alte Gebäude begeistern kann. „Na, es sind wohl eher Reste davon“, gebe ich zu bedenken, denn das eine oder andere Foto von diesem Wunderwerk habe ich ja nun auch schon einmal gesehen. „Nein, nicht Reste!“, empört er sich. „Es fehlen ein paar Steine, aber er ist noch immer klar zu erkennen wie es ausgesehen hat.“ Er nimmt einen Schluck Wein aus der Flasche, hält sie mir hin. Ich habe eigentlich genug. „Du musst es sehen!“, findet er. „In die Räume darunter gehen, von wo aus die Gladiatoren – Gladiatoren? Du weißt, was Gladiatoren sind? – Natürlich! Du liest Bücher, du musst das wissen!“ Und wieder lachen wir. „Also, von wo aus die Gladiatoren in die Arena gegangen sind. Dort kann man alles hören, was an Geräuschen aus der Arena kommt. Stell dir vor, das Geschrei der Menschen auf den Rängen, und dann das Geschrei der Kämpfer, wenn sie verletzt, zerfetzt worden sind!“ Eine ganz wunderbare Vorstellung, finde ich. „Du warst schon mal dort?“, nehme ich an. „Aber sicher! Ich bin Italiener!“, identifiziert er sich also doch mit dem Land, aus dem er stammt. „Bei uns fährt man dort mit der Schulklasse hin. Bei euch nicht?“, wundert er sich doch jetzt nicht wirklich. „Ach, nein! Bei euch wahrscheinlich nicht. Oder? Für euch sind die nicht so wichtig, die Römer. Oder?“ Er sieht süß aus, wenn er so mehr mit sich selbst als mit mir spricht und seine Mimik dabei ganz schnell wechselt, hin und her. Bohrend aber wird nun sein Blick. „Da ist noch was anderes, stimmt´s? Noch ein anderer Grund, warum du nicht so weit von hier weg willst.“ Er hat mich durchschaut, weiß ich in diesem Moment. „Ahh“, grinst sein Gesicht. „Du hast jemanden kennen gelernt, richtig? Du hast dich verliebt, dort an der Adria? Hab` ich Recht?“ Ich werde ihm nichts mehr vormachen können jetzt. „Na los, erzähl schon! Warum bist du im Sommer an die Adria gefahren? Zum Urlaub machen, stimmt´s? Und wo hast du ihn kennen gelernt? Am Strand?“ Und als würde mein neuer Reisebegleiter plötzlich zur Ruhe kommen, lehnt er seinen Kopf nach hinten an die Wand und lauscht tatsächlich nur noch meinen Worten.

4 Südwärts

„Re-bel – Re-bel“ scheppert es aus den Autoboxen der roten Ente, die unweit vor München rechts die Ausfahrt auf die Autobahnraststätte nimmt. Endlich, denkt Lena. Endlich! Sie hat nichts gegen die Musik von Bowie. Im Gegenteil! Spätestens mit seinem Heldenlied hatte sich der britische Musiker auch in ihr Herz gesungen. Man konnte sich so wunderbar identifizieren mit diesen Helden und mit den sich Küssenden in diesem Song, fand sie. Man begann zu träumen von sich selbst und dem, der nun mal eben gerade das eigene Herz bewegte und konnte so selbst zur Heldin werden. Bis das mit den Schüssen kam. Das brachte sie dann immer wieder zurück in das Jetzt und Hier. Zurück an den Ort, an dem dieser Rocksong spielt. Denn diese Helden, sie küssen sich unweit der Mauer. Dieser Mauer, die einen Teil Berlins zu einer Insel macht. Einer Insel umgeben von einer Wand aus Beton und Wachtürmen, ganz gleich, in welche Richtung man sich auch dreht. Dahinter der Osten, das andere Deutschland, das unzugänglich ist für sie und die meisten anderen, sieht man von dem Stück Autobahn, auf welchem man durch dieses Deutschland hindurch direkt nach Westberlin fahren kann, mal ab. Und dort auf dieser Transit-Strecke, kam Lena mit Bowie im Ohr in der Ente in den Sinn, während sie auf die Landschaft schaute, die an ihnen vorüberzog, hatte man stets dieses seltsame, ja bedrückende Gefühl. Einfach, weil man nur zu genau wusste, dass man beobachtet wurde, die gesamte öde Strecke lang. Überall konnte man sie in ihren Trabis und Wartburgs in der Landschaft stehen sehen, diese Volkspolizisten, kurz Vopos genannt, die tagein und tagaus nur darauf lauerten, die Wessis auf ihrem Weg von oder nach West-Berlin wegen eines Regelverstoßes zu belangen, Devisen einzusammeln, Macht zu demonstrieren. Da brauchte man gar nicht verbotenerweise anzuhalten, um vielleicht einem dringenden Bedürfnis nachzugeben oder nur ein wenig schneller als die erlaubten einhundert Stundenkilometer zu fahren. Sie kamen schon, hatte man die Musik zu laut aufgedreht, so laut, wie gerade die von David Bowie hier in der Ente spielt. „Wir sind dann wir“, singt er in seinem Heldenlied, „für diesen Tag.“ Ach was! Er singt es nicht! Er schreit es! Laut und kraftvoll ruft seine Stimme es in die Welt hinaus und sie ruft es in eben der Sprache, die gesprochen wird, dort wo diese Mauer steht, zu beiden Seiten von ihr. Ja, und eben so hatte der Mann mit den verschiedenfarbigen Augen sich auch in Lenas Herz gesungen. Fünfundvierzig Minuten seiner Musik auf der einen und beinahe weitere fünfundvierzig auf der anderen Seite aber waren echt mehr als genug. Wer war denn nur auf diese bekloppte Idee gekommen, fragte Lena sich, sämtliche Scheiben des Musikers und seiner Band hintereinander weg auf eine Kassette aufzunehmen?

„Und ihr wollt durch Italien?“, hatte Frank, Fahrer und Besitzer der Ente mit den scheppernden Boxen, seine Mitfahrer auf Zeit kritisch angesehen. „Ja, warum denn nicht?“, hatte Rainer, der vorne neben Frank saß, ganz unbesorgt zurückgegeben. „Ihr habt aber schon gehört, dass die Maffia dort gestern grad wieder drei Polizisten erschossen hat. Einfach so! Auf offener Straße!“, erklärte Frank dann zu Lenas und Rainers Erstaunen. „Nein, nichts gehört!“, war Rainer einfach nicht klar, was ihr Fahrer ihnen sagen wollte. „Aber das wird ja wohl auch auf Sizilien gewesen sein oder irgendwo bei Neapel, denk ich mal. Und wir wollen ja zur anderen Seite hin“, warf er daher einen fragenden Blick aus seinen graublauen Augen nach hinten zu Lena. „Ja, schon! Aber das kam doch überall in den Nachrichten, im Fernsehen“, ließ ihr Fahrer nicht locker. - „Im Fernsehen?“, gab Rainer zurück, „So `n Ding ham` wir bei uns im Haus ja gar nicht.“ - „Radio? Zeitungen vielleicht?“, blickte Frank ihn herausfordernd an und Rainer schwante plötzlich, worum es ihrem Fahrer wirklich ging. Er hatte sich ihnen als Politikstudent vorgestellt. Politikwissenschaften im sechsten Semester. Wer so lange durchhielt, davon war Rainer überzeugt, hatte wirklich Gefallen an seinem Studium gefunden. Der Kram mit der Maffia, er sollte keine Warnung sein, begriff Rainer nun. Dieser Frank wollte einfach nur herauskriegen, wie informiert sie waren. Lena, auf der Rückbank eingeklemmt zwischen Taschen und Rucksäcken, sah, wie Rainer sich mit den Fingern seiner linken Hand langsam durch seine schulterlangen, straßenköterblonden Haare strich. Das tat er immer, wenn er unsicher war, ihm nichts mehr einfiel, was er hätte sagen können. „Meinst du, wir hätten lieber durch die Sozialistische Republik Jugoslawien fahren sollen?“ versuchte sie ihm daher zwischen dem Wenigen hindurch, was die französischen Autobauer in der Mitte an Platz zwischen den Vordersitzen des Kleinwagens gelassen hatten, zur Hilfe zu kommen. „Warum nicht?“, tat Fahrer nun glatt so, als hätte er wiederrum nichts von den Aufständen dort gehört, davon, dass gewisse Volksgruppen, die im Vielvölkerstaat Jugoslawien unterdrückt und wohl auch verfolgt wurden, gerade immer wieder versuchten, sich mit Gewalt dagegen zu wehren. „In den kommunistischen Ländern ist man doch viel sicherer unterwegs. Es gibt überall Polizei. Es wird doch alles viel mehr beobachtet und kontrolliert.“ Und so war es dann schlagartig wiedergekommen, dieses bedrückende Gefühl, dass Lena gehabt hatte, war sie nach West-Berlin gefahren. Dieses mulmige Gefühl auf der Transit-Autobahn. „Und auf genau so etwas hab` ich überhaupt keinen Lust!“, wehrte sie die Vorstellung daher vehement ab, so in Richtung Süden zu reisen, während Rainers Finger aus den Haaren auf sein Knie fielen, wo sie automatisch begannen, sich im Takt von Bowies Musik auf und ab zu bewegen. „Ich möchte mich in einem Land frei bewegen können, anhalten können, wann ich will, hingehen können, wohin ich will.“ – „Und du meinst, das kannst du in Italien oder Griechenland? Mit deinen hellen, rotblonden Haaren, so wie die in der Sonne leuchten!“, entgegnete Frank und seine Worte waren nicht ironisch gemeint. Mit ihm konnte man sicher endlos diskutieren, wurde Lena klar, und irgendwie war ihr dieser Student mit den langen Haaren, der nur vier, fünf Jahre älter sein konnte als sie, auch ziemlich unsympathisch. Rainer hatte schließlich unbedingt vorne sitzen wollen, befand sie nun, sollte er sich dann doch auch um die Unterhaltung mit diesem Studenten bemühen. Sollte er ihm doch einfach von dem leer stehenden Haus erzählen, in das er und ein paar seiner Freunde einfach eingezogen waren oder was auch immer. Im hinteren Teil der Ente konnte Lena bei der lauten Musik, sobald sie sich zurücklehnte, ja eh kaum etwas von dem verstehen, was die beiden da vorne von sich gaben. Und das, fand sie, war auch gut so nun.

Erst als Frank an der Tankstelle vorbei auf die Parkplätze vor dem Restaurant der Raststätte zusteuert, drosselt er auch die Geschwindigkeit. Reflexartig geht Rainers rechter Arm zum Fenster hin und klappt die untere Hälfte nach oben auf. Eine Lawine scheinbar kühler Luft ergießt sich in das Innere des Wagens. Fahrtluft wohl, denn kühl ist es zurzeit einfach nirgendwo. Vor fünf Tagen war sie gekommen, diese Hitze, und hatte es sich im ganzen Land gemütlich gemacht. Wer konnte, der lag jetzt an einem der vielen Seen Schleswig-Holsteins oder an den Stränden einer seiner beiden Meere. Sie aber hatten sich Griechenland vorgenommen, wollten einfach mal etwas anderes sehen.

„Da sind sie!“, ruft Rainer aus und auch Lena kann Tina und Jan auf der kniehohen Steinmauer vor der Hecke sitzen sehen, die das Gelände des Restaurants zu den Parkplätzen hin begrenzt. „Na, dann mal noch gute Reise!“, ruft Frank ihnen noch zu, nachdem Lena und Rainer sich und ihr Gepäck aus der Ente gepult haben. Sonderlich herzlich klingt es nicht. Froh, endlich aus dem Backofen heraus zu sein, atmet Lena tief die Luft ein. Sie scheint ihr voller Sauerstoff zu sein hier unten in Bayern.

„Das hat aber gedauert!“, grinst Jan ihnen schelmisch mit seinen großen, grünen Augen entgegen. „Wir warten hier schon über `ne Stunde!“ Er wirkt aber ganz zufrieden, findet Rainer und trommelt, kaum dass er neben ihm auf der Mauer sitzt, schon wieder mit den Handflächen auf seinen Knien und Schenkeln herum, tritt dazu mit den Füßen den Takt. „Das ist echt manisch bei dir, oder?“, funkeln Tinas große, haselnussbraune Augen ihn ein wenig genervt an. Gut, dass Tina das sagt, denkt Lena, und das in ihrer netten Art. Ihr selbst hängen die Stunden mit Bowie in der Ente noch nach. Rainer aber trommelt weiter, ganz unbeirrt.

„Habt ihr `nen guten Trip gehabt?“, erkundigt er sich bei Jan. Dieser schmale Kerl kann tatsächlich seine Stimme benutzen, ohne dass er beim Trommeln aus dem Takt kommt. Ganz unfassbar findet Lena das. „Bei uns ist alles ganz cool gelaufen, oder?“, strahlt Tinas rundliches Gesicht angetan über den bisherigen Verlauf ihrer Tour in das ebenfalls ein wenig rundliche Gesicht von Jan. „Jo!“, findet auch er. „Wann sind wir heute Morgen losgekommen?“, will Tina offensichtlich herausfinden, wie lange sie bis hierher gebraucht haben. „Gegen sieben“, meint Jan sich zu erinnern und versucht, sich seine dünnen, strohblonden Haare, die an seinen feuchten Wangen kleben, aus dem Gesicht zu streichen. „Na, acht war`s wohl schon!“, ist Lena der Meinung. „Und jetzt? Wie spät ist es jetzt?“ Sie alle, sie können nur spekulieren, denn keiner von ihnen hat eine Uhr mitgenommen. Zur Not kann man ja auch fragen, haben sie alle gelernt und auch dass sie ein recht gutes Gefühl dafür haben, wie viel Uhr es gerade so ist. „Gegen fünf schätz ich mal!“, sagt Rainers und „Denk ich auch mal so“ das von Lena, während sie die Pappschachtel mit den Eiern, die sie heute Morgen noch schnell hart gekocht hat, aus ihrem Rucksack kramt. Die Eier, sie sind warm. „Wir haben schon gefuttert“, erklärt Jan und hält ihr eine Brottüte hin. Belegte Brote sind darin. Auch die sind warm, wie der Belag aus Butter und Käse, der zwischen den Broten klebt.

„Bis Brindisi sind es aber sicher noch über tausend Kilometer“, überlegt Jan laut, nachdem er die Doppelseite, die er zu Hause aus seinem Schulatlanten gerissen hatte, aus seiner hinteren Hosentasche gezogen und sorgsam auf dem Gehweg entfaltet hat. Im Schneidersitz lässt er sich davor nieder. „Zwei Tage noch und wir sind da, Leute!“, ist er gewiss. „Also trampen wir heute noch weiter?“ Das war zwar so abgemacht, aber Tina fragt eben immer lieber noch einmal nach. „Angebracht, wenn wir irgendwann mal ankommen wollen“, findet Rainer in seiner ihm eigenen, trockenen Art. „OK, Leute! Mal sehen, wo wir uns das nächste Mal treffen können!“, lässt Jan die Kuppe seines Zeigefingers durch Österreich und Norditalien wandern. Irgendwo an der Adria hält er an. Tina, Lena und Rainer beobachten aufmerksam, wie ihr Freund seinen Zeigefinger auf diesen Ort dort am Meer drückt, der Daumen derselben Hand auf München hinuntergeht und er dann versucht die so entstandene Distanz zwischen den beiden Fingern in der Luft festzuhalten, während er die Hand um den Daumen herum in Richtung Hamburg dreht. „Das ist in etwa die Strecke, die wir heute auch zurückgelegt haben“, erklärt er schließlich triumphierend das, was den anderen auch so klar geworden ist. „Hm“, hat Tina beim Anblick des Punktes an der italienischen Adriaküste, auf dem Jans Fingerspitze nun wieder liegt, aber Bedenken. „Vielleicht etwas groß, oder?“ - „Also Leute!“, kommt Rainer noch ein anderer Gedanke. „Vielleicht sollten wir erst mal klären, wo wir uns genau treffen wollen. Also, ich meine nicht den Ort, sondern wo da im Ort. Dann lässt sich der Ort vielleicht auch leichter bestimmen.“ - „Also das wo im wo“, fasst Jan ganz ernst Rainers Aussage zusammen, ohne seinen Zeigefinger von der italienischen Adriaküste wegzunehmen. „Ja, irgendwas, was es in jeder Stadt gibt“, findet der Trommler unter ihnen. „Ok, aber eben auch in einer kleinen!“ will Tina auf der Suche nach dem Treffpunkt nicht endlos durch irgendwelche italienischen Straßen irren. „Rathaus“, nuschelt Rainer neben ihr, den Rest des hart gekochten Eies noch im Mund. „Na klar! `N Rathaus gibt´s immer, oder?“, ist sie begeistert und tippt mit ihrem Zeigefinger auf einen Ort an der Küste gleich neben Jans Finger, welchen sie dabei leicht berührt. „Was ist denn hiermit?“ Skeptisch beäugt Jan das, was an dem langen Finger neben dem seinen geschrieben steht. „Kann ja kein Schwein aussprechen, das Ding!“, lächeln seine grünen Augen die Besitzerin des schmalen Fingers neben dem seinen dann liebevoll an. „Aber es ist nicht so viel weiter und scheint erheblich kleiner zu sein.“ findet die. „Na, hier auf der Atlasseite jedenfalls!“, schmunzelt Rainer und seine Hände, die auf seine Schenkel schlagen, wechseln den Takt. „Ach!“, bemerkt Jan. „Und außerdem ist das doch Latein!“ - „Latein? In Italien?“, grinst Rainer mit seinem breiten Mund die Mädels an, aber er erwartet keine Reaktion. Schon gar nicht von Jan. Alle kennen den Jungen mit den sanften, grünen Augen. Alle wissen, dass er immer wieder Bemerkungen macht, die vollkommen überflüssig sind, Dinge sagt, die sich jedem von selbst erschließen, die nicht noch einmal explizit benannt oder erklärt werden müssen. Aber alle drei wissen auch, dass es Jan seinen Freunden nicht übel nimmt, wenn sie sich über diese, seine Eigenart lustig machen. Da ist er großartig, hat Rainer schon oft gedacht. Als hätte Jan selbst Freude daran, mit dieser, seiner Marotte anderen Leuten ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern.

„Ne, echt jetzt!“, muss Jan noch mal auf die Sprache zurückkommen, nachdem er den Namen des Ortes dort an der Küste noch einmal studiert hat. „Nova vita! Das kann man sich doch merken!“ - „Da steht zwar noch ein bisschen mehr, aber .... ach!“, seufzt Tina, „Ich schreib` mir das jetzt einfach mal auf! Hat jemand `nen Stift, `nen Kugelschreiber?“ Jan hat, griffbereit, und ein sanftmütiges Lächeln geht über sein noch jungenhaftes Gesicht, als er ihn Tina reicht. „Ich find ja auch, dass wir mal tauschen!“, will Rainer eigentlich nur mal schauen, wie Lena auf diesen Vorschlag reagieren wird. „Was meinst du mit tauschen?“, schaut die ihn aber vollkommen unberührt an, da sie zunehmend das Gefühl hat, die Welt um sie herum würde sich von ihr entfernen. „Na, mal die Jungs zusammen und die Mädels“, versucht Rainer sich nicht anmerken zu lassen, was er eigentlich herausfinden will. „Also, falls ihr keine Angst habt, so ausgerechnet in Italien, zwei Frauen und so….“ Tina und Lena schauen sich an. Angst, so sagen ihre Augen, wovor sollen wir die haben? „Was soll denn schon passieren?“ hat Tina das sichere Gefühl, dass sie Lena genau so vertrauen kann wie Jan. „Na ja“, gibt Jan zu bedenken, „man hat ja schon so einiges gehört!“ - „Oh ne, bitte!“, stöhnt Lena, während sie sich auf die Mauer legt, „Jetzt nicht wieder diese leidige Diskussion über all das, was beim Trampen passieren kann! Das muss ich doch schon ständig mit meinen Eltern durchkauen. Das reicht mir echt!“ – „Und mir erst!“, hasst auch Tina dieses Thema. Aber sie möchte dem blonden Jungen mit dem sanften Gesicht auch nicht vor den Kopf stoßen. „Wir sind doch zu zweit!“, erklärt sie daher ruhig. „Und viel, was man uns wegnehmen kann, haben wir ja nun wirklich auch nicht dabei!“ Eure Körper, denk Jan, dem der Vorschlag seines Kumpels nicht sonderlich gefällt. Doch dann schweift sein Blick ungewollt an Tinas recht langen, unbekleideten Beinen entlang und er beschließt, besser nicht davon anzufangen.

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