Kitabı oku: «Medienpsychologie»

Die Autor:innen
Prof. Dr. Sabine Trepte leitet das Fachgebiet Medienpsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim.
Prof. Dr. Leonard Reinecke ist Professor für Medienwirkung und Medienpsychologie am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Dr. Johanna Schäwel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachgebiets Medienpsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim.
Sabine Trepte Leonard Reinecke Johanna Schäwel
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3., erweiterte und überarbeitete Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039154-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039155-0
epub: ISBN 978-3-17-039156-7
mobi: ISBN 978-3-17-039157-4
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Geleitwort zur Reihe
Erkenntnisse der Psychologie werden täglich in den Medien transportiert. Junge Erwachsene drängeln sich um einen Studienplatz in diesem Fach. Denn die meisten Fragen der Gesellschaft von Morgen sind nicht ohne die Vorgehensweisen und Ergebnisse dieser Wissenschaft des menschlichen Erlebens und Verhaltens zu beantworten. Großbaustellen wie die Bewältigung von Digitalisierung und Globalisierung (inklusive Pandemien) oder der gesellschaftliche Umbau in Richtung Nachhaltigkeit lassen sich im Grunde nur mit Erkenntnissen zu individuellen und sozialen Weisen des Erlebens, deren Entstehungsbedingungen und möglichen Verhaltensveränderungen von Einzelnen und Gruppen sinnvoll bearbeiten. Psychologie ist zugleich innerhalb der Wissenschaft – so eine Analyse der Zitiermuster in über 7 000 natur- und sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften – eine von sieben »hub sciences«, welche die Debatte zur Gewinnung wissenschaftlicher Einsichten bereichert und enge Verbindungen zu Nachbardisziplinen wie Neurowissenschaft, Psychiatrie, Gerontologie und andere Gebiete der Medizin auf der einen, Gesundheitswissenschaft und Public Health auf der anderen, Bildungswissenschaft auf einer dritten sowie Kommunikationswissenschaft, Recht, Volkswirtschaft und weitere Sozialwissenschaften auf einer vierten Seite aufweist. Ein Psychologiestudium erleichtert folglich den Zugang zu den Diskursen innerhalb dieser Disziplinen.
Das Studium der Psychologie erfolgt in Bachelor- und Masterstudiengängen, die auf Modulen basieren. Diese sind in sich abgeschlossen und bauen aufeinander auf. Sie sind jeweils mit Lehr- und Lernzielen versehen und spezifizieren, welche Themen und Methoden in ihnen zu behandeln sind. Aus diesen Angaben leiten sich Art, Umfang und Thematik der Modulprüfungen ab. Die Bände der Reihe Grundriss der Psychologie konzentrieren sich auf das umgrenzte Lehrgebiet des Bachelorstudiums.
Da im Bachelorstudium die Grundlagen des psychologischen Fachwissens gelegt werden, ist es uns ein Anliegen, dass sich jeder Band der Reihe Grundriss der Psychologie ohne Rückgriff auf Wissen aus anderen Teilgebieten der Psychologie lesen lässt. Jeder Band der Grundrissreihe orientiert sich an einem der Module, welche die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) für die Psychologieausbildung ausgearbeitet hat. Damit steht den Studierenden ein breites Grundwissen zur Verfügung, welches die wichtigsten Gebiete aus dem vielfältigen Spektrum der Psychologie verlässlich abdeckt. Dieses ermöglicht nicht nur den Übergang auf den darauf aufbauenden Masterstudiengang der Psychologie, sondern auch eine erste Berufstätigkeit im psychologisch-assistierenden Bereich.
Zugleich können Angehörige anderer Berufe, in denen menschliches Verhalten und Erleben Entscheidungsabläufe beeinflusst, von einem fundierten Grundwissen in Psychologie profitieren. Die Bandbreite reicht vom Fachjournalismus und allen Medienberufen über den Erziehungs- und Gesundheitsbereich, die Wirtschaft mit Human Resources, Produktgestaltung, Marketing und diversen Managementprofilen bis hin zu Angehörigen des Justizsystems und Führungskräften in Politik, Polizei und Militär. Die wissenschaftliche Psychologie bietet insofern – bei ethisch vertretbarer Anwendung – Methoden und Erkenntnisse, über welche Menschen die Gesellschaft in positiver Weise verändern können. Daher können auch Studierende und Praktizierende aus anderen als den klassischen psychologischen Tätigkeitsfeldern vom Wissen eines Bachelors in Psychologie profitieren. Weil die einzelnen Bände so gestaltet sind, dass sie psychologisches Grundlagenwissen voraussetzungsfrei vermitteln, sind sie auch für Angehörige dieser Berufsgruppen geeignet.
Wir wünschen den Leserinnen und Lesern vielfältige Einsichten und Erfolge mit den Bänden der Reihe Grundriss der Psychologie.
Maria von Salisch
Bernd Leplow
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 Vorwort
3 1 Einleitung
4 1.1 Was ist Medienpsychologie?
5 1.2 Medienpsychologie und Medienwissen
6 Zusammenfassung
7 Literaturempfehlungen
8 2 Methoden der Medienpsychologie
9 2.1 Forschungsablauf, Forschungsqualität und Ethik
10 2.2 Experiment
11 2.3 Standardisierte Befragung
12 2.4 Psychophysiologische Methoden
13 2.5 Qualitative Methoden
14 2.6 Inhaltsanalyse
15 Zusammenfassung
16 Literaturempfehlungen
17 3 Medienselektion
18 3.1 Persönlichkeit
19 3.2 Kognitive Diskrepanz und Dissonanz
20 3.3 Soziale Identität, Selbstkonzept und Selbstwert
21 3.4 Emotionen und Stimmungen
22 3.5 Bedürfnisbefriedigung und persönliche Weiterentwicklung
23 Zusammenfassung
24 Literaturempfehlungen
25 4 Medienrezeption
26 4.1 Kognitive Verarbeitung von Medienbotschaften
27 4.2 Emotionen und affektive Dispositionen
28 4.3 Unterhaltungserleben
29 4.4 Parasoziale Interaktion und Identifikation
30 4.5 Involvement, Präsenzerleben und Flow
31 Zusammenfassung
32 Literaturempfehlungen
33 5 Medienwirkungen
34 5.1 Priming und Accessibility
35 5.2 Sozial-kognitive Theorie der Massenkommunikation
36 5.3 Soziale Vergleichsprozesse
37 5.4 Elaboration-Likelihood-Model
38 5.5 Narrative Persuasion
39 5.6 General Aggression Model
40 5.7 Differential Susceptibility to Media Effects Model
41 Zusammenfassung
42 Literaturempfehlungen
43 6 Computervermittelte Kommunikation
44 6.1 Paradigmen der CvK
45 6.2 Kontext und Affordanzen der CvK
46 6.3 Das Hyperpersonal Model
47 6.4 Social Identity Model of De-Individuation
48 6.5 Psychologische Prozesse in der CvK
49 Zusammenfassung
50 Literaturempfehlungen
51 7 Mensch-Computer-Interaktion
52 7.1 Entitäten der MCI
53 7.2 Modelle der MCI
54 7.3 Artifizielle Entitäten als soziale Akteur:innen oder funktionale Objekte?
55 7.4 Gestaltung und Wirkung artifizieller Entitäten
56 Zusammenfassung
57 Literaturempfehlungen
58 8 Lernen, Wissen, Kompetenzen
59 8.1 Lernen mit Medien
60 8.2 Wissen
61 8.3 Medienkompetenz
62 Zusammenfassung
63 Literaturempfehlungen
64 Literatur
65 Stichwortverzeichnis
Vorwort
Medienpsychologie ist nach wie vor das spannendste Fach, das wir kennen. Medieninhalte bringen uns zum Lachen, sie inspirieren und initiieren politische Bewegungen. Wir lernen mit Medien, wir erfahren Selbstwirksamkeit und sie halten uns bis in die Nacht wach, wenn wieder mal etwas so spannend ist, dass wir es einfach nicht abschalten können. Gleichzeitig hassen, diskriminieren und diskreditieren Menschen andere, teilweise unbekannte Menschen mit Medien und nutzen die enorme Reichweite, die auch ganz normale Privatpersonen erhalten können, um populistisch falsche, rassistische und sexistische Botschaften zu verbreiten. Diese Nutzungsformen haben eines gemeinsam: Sie sind mitten im Leben, sie sind Teil unseres Alltages, sie begegnen uns in allen Lebenskontexten und -situationen; wir tragen Medien an unseren Körpern als ständige Begleiter mit uns. Daraus ergeben sich viele psychologische Fragestellungen, die gesellschaftlich debattiert werden. Zu Recht, wie wir finden. Wir brauchen die Antworten, um Medien funktional und gewinnbringend zu nutzen. Medienpsychologische Forschung befasst sich mit all diesen Phänomenen und Kontexten und auch mit der Zielrichtung des »guten Lebens«. Die Forschung liefert in vielen Fällen überraschende Antworten, die mit den Erwartungen der Öffentlichkeit und des Feuilletons brechen. Beispielsweise kann der soziale Vergleich mit erfolgreichen Influencer:innen individuelles Wachstum und Inspiration mit sich bringen, gewalthaltige Computerspiele sind längst nicht so schädlich wie oft vermutet, und Menschen fühlen sich wohler in der Nähe von Robotern, die auch mal zweifeln und eine fehlerhafte Antwort geben. Unser Fach Medienpsychologie hat enorm an Fahrt aufgenommen. Das erhöht die Vielfalt und Qualität der Studien und Theorien sowie im nächsten Schritt auch die Komplexität. Das brachte für uns auch einige Herausforderungen bei dem Verfassen dieses Buches mit sich: Welche neuen Theorien nehmen wir hinzu? Welche Studien wählen wir aus? Wann entscheiden wir uns für Tiefe und wann für eine breite Darstellung? Mit der dritten Auflage des Lehrbuches haben wir kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Geblieben sind Teile der Gliederung und einige Abbildungen, die wir für absolut zentral erachten. Text und Inhalt sind komplett neu. Besonderen Wert haben wir wieder auf die Qualität der vorgestellten Studien gelegt. Wir präsentieren viele Meta-Analysen, Studien mit anspruchsvollen Designs und robusten Ergebnissen und gehen dabei immer wieder auch auf die Forschungsqualität und Limitationen der einzelnen Forschungsfelder ein. Dabei machen wir es Ihnen nicht unbedingt einfach: An vielen Stellen im Buch gibt es keine Universalantworten auf die großen Fragen. Wenn das Forschungsfeld widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht hat, dann werden Sie diesen Widerspruch auch hier im Buch wiederfinden. Wenn eine traditionelle Theorie nicht bestätigt wurde, dann werden Sie das hier lesen. Das ist manchmal herausfordernd, vor allem, wenn ein Buch trotzdem noch innerhalb einer Vorlesung lesbar sein soll. Denn dieses Ziel wollten wir unbedingt aufrechterhalten. Das Lehrbuch Medienpsychologie kann als Lehrbuch innerhalb eines Semesters gelesen und gelernt werden. So machen wir es seit der ersten Auflage an unseren eigenen Universitäten. Darüber hinaus haben wir mit großer Freude festgestellt, dass unser Buch über die grundständigen Studiengänge hinaus auch in Aufbaustudiengängen gelesen wird. Das hat uns ganz besonders gefreut und auch darin bestärkt, dass wir mit dem ersten und zweiten Kapitel viel Kontext geben. Gerade im Hinblick auf die Definitionen von Medien, Kommunikation und Methoden ist dieser Band lesbar ohne ein zusätzliches Nachschlagewerk. Wenn wir eine Methode oder einen methodologischen Begriff nennen, dann erklären wir diese zuvor kurz und knapp im Methodenkapitel. Und nun wünschen wir Ihnen viel Freude mit diesem Band, der zwei Themen vereint, die die Menschen umtreiben wie kaum andere Themen: Medien und Psychologie.
Sabine Trepte, Leonard Reinecke & Johanna Schäwel März 2021
1 Einleitung
Medienpsychologie ist ein lebensnahes Fach, dessen Themen fest im Alltag verankert sind. Die meisten Menschen verbringen täglich viele Stunden damit, das Internet zu nutzen, Zeitung zu lesen und Musik zu hören. Unser gesamter Alltag ist durch die Mediennutzung geprägt, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Aus der Mediennutzung resultieren viele Fragen dazu, warum wir bestimmte Medieninhalte auswählen, wie wir uns während der Rezeption fühlen und welche Wirkungen diese Medienangebote auf unser Denken und Handeln haben. All diesen Fragen widmet sich die Medienpsychologie. In diesem Kapitel werden die grundlegenden Definitionen und das Selbstverständnis des Faches Medienpsychologie dargestellt. Hierzu definieren wir zunächst Medienpsychologie (
Kap. 1.1). Im Anschluss daran zeigen wir auf, dass Medienpsychologie auch das Wissen über Medienangebote, über Quoten, Reichweiten und repräsentative Nutzerzahlen beinhaltet (
Kap. 1.2). Wir begründen, warum diese Statistiken und Daten wichtig für die medienpsychologische Forschung sind und stellen die wichtigsten Recherche-Quellen zusammen.
1.1 Was ist Medienpsychologie?
Die Bezeichnung Medienpsychologie setzt sich aus dem Begriff »Medien« auf der einen und »Psychologie« auf der anderen Seite zusammen. Mit Medien sind sowohl Massenmedien als auch medienvermittelte bzw. unvermittelte Individualkommunikation gemeint.
Massenmedien sind Übertragungskanäle, die Informationen bzw. Inhalte an ein Publikum übermitteln, oder Organisationsformen, z. B. Radio, Fernsehen, Druck- und Pressemedien (Zeitung, Zeitschrift, Buch), Bild- und Tonträgermedien (Kino, Film, CD) oder computervermittelte Medien. Massenkommunikation bezieht sich auf die Kommunikation von und über (1) Inhalte, (2) die kontinuierlich und regelmäßig mithilfe von (3) Medien (4) einer Vielzahl von Personen übermittelt wird (Kunczik & Zipfel, 2005). Diese ist (5) öffentlich und ohne Zugangsberechtigung, (6) einseitig und ohne die Möglichkeit, dass Kommunikator:in und Rezipient:in die Rollen tauschen, sowie (7) ohne direkte Rückkopplung zwischen Rezipient:in und Kommunikator:in.
Individualkommunikation bezieht sich auf computervermittelte Kommunikationsmedien (z. B. Smartphone, Computer) oder die nicht-medienvermittelte Interaktion zwischen Menschen (Six et al., 2007). Bei computervermittelten Interaktionen werden Computer oder andere Formen von Informationstechnologie (z. B. Smartphones) verwendet, um eine (indirekte) Interaktion zwischen Personen zu ermöglichen (computervermittelte Kommunikation). Interagieren User:innen nicht miteinander, sondern direkt mit Anwendungen (z. B. Smartphone Apps) bzw. dem Computer, spricht man in der medienpsychologischen Forschung von Mensch-Computer-Interaktion. Die nicht-medienvermittelte Individualkommunikation findet zwischen zwei Menschen (Dyaden) oder in Gruppen statt und wird als Face-to-Face- Kommunikation bezeichnet.
Sowohl für die Massen- als auch für die Individualkommunikation spielen Sender:in, Empfänger:in und die vermittelte Botschaft eine Rolle. Mit dem Internet sind außerdem eine Reihe von Schnittmengen zwischen Individual- und Massenkommunikation entstanden. Die öffentlich lesbaren Inhalte auf sozialen Netzwerkseiten entsprechen beispielsweise sowohl den Kriterien der Massenkommunikation als auch denen der computervermittelten Individualkommunikation. Konflikte bringt das nicht nur für die wissenschaftlichen Definitionen, sondern zuweilen auch für die User:innen (Schmidt, 2019).
Die Aufgabe der Psychologie ist es, das menschliche Erleben und Verhalten zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren. Dementsprechend lässt sich die folgende Definition ableiten.
Definition
Medienpsychologie
Medienpsychologische Forschung beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Prognose des Erlebens und Verhaltens, das mit Medien verknüpft ist, bzw. das vor, während oder nach der Mediennutzung stattfindet.
Das Fach Medienpsychologie lässt sich anhand zweier Ansätze gliedern: Erstens anhand der psychologischen Trias Emotion, Kognition und Konation; zweitens anhand der Teilaspekte der Mediennutzung Selektion, Rezeption, Wirkung, medienvermittelte Kommunikation.
Emotionen beschreiben das Fühlen und den Affekt, Kognition beschreibt das Denken. Konation bezeichnet das beobachtbare Verhalten.
Die Medienselektion bezieht sich auf jegliche medienbezogenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die vor der eigentlichen Medienrezeption stattfinden. Ganz besonders interessieren hier die Gründe für die Auswahl von Medieninhalten und -angeboten. Medienrezeption umfasst den Prozess der Mediennutzung im engeren Sinne. Es geht also um die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen während der Mediennutzung. Die Medienwirkung umfasst dann schließlich den Einfluss der Mediennutzung auf die der Rezeption nachfolgenden Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Die medienvermittelte Kommunikation kann während der Medienselektion, -rezeption und -wirkung stattfinden. Wenn beispielsweise während und nach der Rezeption eines Nachrichtentextes in sozialen Medien mit anderen Leser:innen diskutiert wird, so handelt es sich um medienvermittelte Kommunikation.
Im Schnittbereich dieser inhaltlichen Dimensionen der Medienpsychologie ergeben sich zahlreiche Anwendungsbereiche, für die die medienpsychologische Grundlagenforschung zentrale Impulse liefert. Ein häufiges und entsprechend wichtiges Ziel dieser anwendungsorientierten medienpsychologischen Forschung ist es, praktische Strategien und Orientierungshilfen für die Mediennutzung im Alltag zu leisten. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist Forschung zur Medienkompetenz, die sich auf die Frage bezieht, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Menschen verfügen sollten, um Medienangebote so zu selektieren und zu nutzen, dass sie ihnen psychisch und physisch guttun und dass sie mit ihnen lernen, aber auch um deren kritische Seiten hinterfragen und sie gleichermaßen genießen und sich mit ihnen unterhalten zu können.
In Tabelle 1.1 sind beispielhaft einige Forschungsfragen zusammengefasst, die aus der Schnittstelle der beiden Strukturen (psychologische Trias und Teilaspekte der Mediennutzung) resultieren können (
Tab. 1.1). Die Tabelle gibt zudem einen Überblick über die Kapitel, in denen die jeweiligen Aspekte betrachtet werden.
Tab. 1.1: Beispiele für medienpsychologische Forschungsfragen bezogen auf Teilaspekte der Mediennutzung (erste Spalte) und Dimensionen des psychologischen Erlebens und Verhaltens (erste Zeile)


EmotionKognitionVerhalten
1.2 Medienpsychologie und Medienwissen
Medienpsychologie kann nicht ohne Medienwissen sinnvoll verstanden und beforscht werden. Aktuelle Statistiken und Daten zu verschiedenen Zielgruppen basieren teilweise auf großangelegten Studien und sind wertvolle Quellen, um die eigene Forschung (z. B. Bachelorarbeiten oder Masterarbeiten) vorzubereiten oder auch, um die Ergebnisse medienpsychologischer Forschung einordnen zu können. Um spezifische psychologische Ergebnisse zum Thema Smartphone- oder App-Rezeption wie beispielsweise Involvement, Sucht oder Sexting einordnen zu können, ist es erforderlich zu wissen, wie viele Menschen wie lange ein Smartphone nutzen. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Quellen.
Merke
Die wichtigsten Quellen zu Mediennutzung und Medienmarkt
1. Media Perspektiven: Monatlich werden Artikel zum Medienmarkt, zu aktuellen Medienangeboten und dem Nutzungsverhalten publiziert. Die Fachzeitschrift ist kostenlos zugänglich und die Artikel basieren häufig auf großangelegten, repräsentativen Studien. Die Zeitschrift wird von der ARD-Werbung Sales & Services GmbH produziert: media-perspektiven.de
2. Studienreihe »Medien und ihr Publikum« (MiP): Jährlich werden in den Media Perspektiven Daten zu Nutzungsdauer und Nutzungshäufigkeit audiovisueller und Online-Medien publiziert. Die Studienreihe MiP ist eine Fusion der seit 1964 laufenden Langzeitstudie Massenkommunikation (Panel- und Trendstudien) sowie der ARD/ZDF-Onlinestudie und wird übersichtlich in den »Basisdaten« der Media Perspektiven aufbereitet: ard-werbung.de/media-perspektiven/basisdaten/
3. KIM, JIM, FIM: Vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Süd-West werden regelmäßig vier repräsentative Studien durchgeführt, die sich dem Mediennutzungsverhalten von Kleinkindern (miniKIM), Kindern (KIM), Jugendlichen (JIM) und Familien (FIM) befassen: mpfs.de
4. Mediaforschung wird von Interessengemeinschaften der Medienunternehmen finanziert. Ein Teil dieser demografischen- und Mediennutzungsdaten ist frei zugänglich. Die agma (Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e. V.) ist eine Interessengemeinschaft großer deutscher Medienhäuser und veröffentlicht jährlich die MA (Media-Analyse). Die IVW (Interessengemeinschaft zur Kontrolle der Verbreitung der Werbeträger e. V.) veröffentlicht Listen der Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften sowie der Nutzung von anderen Werbeträgern (Online-Zeitschriften und Zeitungen, Radio, Kino und paid content). Die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) ist ein privatwirtschaftliches Institut und untersucht im Auftrag der Fernsehsender die Fernsehnutzung in Deutschland. Das Institut für Demoskopie in Allensbach erhebt jährlich die AWA (Allensbacher Werbeträger-Analyse). Die Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung erhebt mit der Studie best for planning (b4p) das Konsum- und Mediennutzungsverhalten. Werbetreibende planen damit Werbeplatzierungen. Marktforschungsunternehmen wie beispielsweise The Nielsen Company und Comscore veröffentlichen interessante Reports und Monitore zu Themen mit medienwirtschaftlicher Relevanz.
5. Forschungsinstitute führen initiativ Studien durch. Sie finanzieren sich über Drittmittel sowie über die Vermarktung von Datensätzen, Sonderauswertungen und Detailergebnissen. Ein Teil der Studien und Daten ist frei zugänglich und kann online sehr detailliert recherchiert und berechnet werden, z. B. die Erhebungen des US-amerikanischen Instituts PEW: pewresearch.org
6. Wissenschaftliche Studien: Die Datensätze wissenschaftlicher Großstudien können zunehmend heruntergeladen und für eigene Berechnungen verwendet werden, beispielsweise folgende Studien: der Deutsche Alterssurvey (dza.de/forschung/deas.html) oder die Eurobarometer Studien (ec.europa.eu/commfrontoffice/publicopin ion/index.cfm/General/index). Hinzu kommen Studien, die über Repositorien wie beispielsweise das Open Science Framework (osf.io), datorium (data.gesis.org/sharing/#!Home) oder psychdata (psychdata.de/) zugänglich sind.
Zusammenfassung
Mit dem Fach Medienpsychologie betrachten wir die gesamte Bandbreite des menschlichen Erlebens und Verhaltens im Kontext der Mediennutzung. Medien werden sowohl in Prozessen der Massenkommunikation als auch der Individualkommunikation genutzt. Für die Medienpsychologie ist im Vergleich dazu auch immer die nicht-medienvermittelte Face-to-Face-Kommunikation relevant. Menschen erleben Medien in verschiedenen Phasen: Vor der Medienselektion entscheiden sie, welche Serie sie nach einem anstrengenden Arbeitstag streamen möchten. Während der Serienrezeption kommunizieren sie aktiv mit anderen über Messenger oder Face-to-Face mit ihren Kindern und Partner:innen. Als Medienwirkung macht sich der Schlafmangel oder auch das schlechte Gewissen am nächsten Tag bemerkbar, wenn die Serienrezeption in die Nacht hineinreichte. Menschen entwickeln Kompetenzen, Achtsamkeit und Selbstregulation im Umgang mit diesen Medien, lernen mit ihnen und produzieren eigene Medieninhalte. Neben der Darstellung von Definitionen ist für ein vollständiges Begreifen der Medienpsychologie auch das Wissen über Nutzungsgewohnheiten, Nutzergruppen und Märkte relevant. Nur wenn Medienpsycholog:innen aus repräsentativen Studien die genaue Nutzungsdauer und -häufigkeit für die klassischen und neuen Medien kennen, können sie das Untersuchungsmaterial sowie die Stichprobenziehung ihrer eigenen Studie planen.
Literaturempfehlungen
Dill, K. E. (Ed.). (2013). The Oxford handbook of media psychology. Oxford University Press.
Krämer, N. C., Schwan, S., Unz, D. & Suckfüll, M. (Hrsg.). (2016). Medienpsychologie: Schlüsselbegriffe und Konzepte. Kohlhammer.
Fragen zur Selbstüberprüfung
1. Definieren Sie »Medienpsychologie«.
2. Warum sind Massen- und Individualkommunikation heute nicht immer klar voneinander abzugrenzen?
3. Warum haben Medienentwicklungen einen Einfluss auf die medienpsychologische Forschung?
4. Recherchieren Sie anhand der in diesem Kapitel angegebenen Quellen: Wie lange sehen 3-jährige deutsche Kinder durchschnittlich pro Tag fern? Wie viel Prozent der 20- bis 25-Jährigen streamen täglich VoD(Video-on-Demand)-Angebote?
5. Recherchieren Sie anhand der in diesem Kapitel angegebenen Quellen: Welche Online- und welche Print-Angebote haben derzeit die größte Reichweite?
2 Methoden der Medienpsychologie
Die Medienpsychologie ist eine empirische Wissenschaft. Die meisten Erkenntnisse stammen aus wissenschaftlichen Studien. Deshalb ist es wichtig, die grundlegenden Methoden zu kennen und zu verstehen. Dieses Kapitel bietet die Möglichkeit, Methodenkenntnisse aufzufrischen oder auch einzelne Methoden nachzuschlagen, wenn sie im weiteren Verlauf des Buchs verwendet werden. Unser Buch wird sowohl in sehr empirisch ausgerichteten Studiengängen als auch in Aufbaustudiengängen gelesen. Das Kapitel beinhaltet aus Platzgründen nicht alle Aspekte der medienpsychologischen Methoden und Methodologie, z. B. Stichprobenziehung sowie die Grundlagen der Testtheorie oder Skalenbildung. Am Ende des Kapitels empfehlen wir entsprechende Literatur.
Wir beginnen mit dem Forschungsablauf (
Kap. 2.1), der für alle Methoden gleichermaßen angewendet werden kann. Der Forschungsablauf ist eine Art Fahrplan und gleichzeitig Gegenstand langjähriger wissenschaftstheoretischer Forschung. Er bietet eine Orientierung zur Chronologie des Forschungsprozesses und dient der Qualitätssicherung und der Reflexion ethischer Aspekte. Danach stellen wir das Experiment (
Kap. 2.2) und die Befragung (
Kap. 2.3) vor. Vermutlich 80 % der in diesem Buch vorgestellten Studien beruhen auf Experimenten und Befragungen. Ebenfalls bedeutsam, aber ressourcenintensiv, weshalb sie weniger angewendet werden, sind die psychophysiologischen Methoden (
Kap. 2.4), die wir anschließend vorstellen. Qualitative Verfahren (
Kap. 2.5) und Inhaltsanalysen (
Kap. 2.6) werden in der Medienpsychologie leider noch viel zu wenig eingesetzt. Wir möchten sie deshalb in diesem Kapitel vorstellen, auch um unsere Leser:innen im Hinblick auf die eigenen Bachelor- und Masterarbeiten zu inspirieren, zumal für beide Methoden computergestützte Vorgehensweisen und Analysetechniken interessante Perspektiven ermöglichen.
2.1 Forschungsablauf, Forschungsqualität und Ethik
Ebenso wie die Psychologie basiert die Medienpsychologie auf einem fest definierten Forschungsablauf (
Abb. 2.1). Am Anfang steht das wissenschaftliche »Problem«, das einen spezifischen Aspekt des Erlebens und Verhaltens im Umgang mit Medien umfasst. Beispielsweise interessieren sich Medienpsycholog:innen für den Umgang mit Selbstoffenbarung im Internet. Eine übergreifende Problemstellung lautet: »Verändert die Nutzung sozialer Medien die Bereitschaft zur Selbstoffenbarung?« (
Kap. 6.5). Wenn das Problem benannt ist, wird es mit den vorhandenen Daten zur Mediennutzung konkretisiert (dazu
Kap. 1.2): Forscher:innen finden heraus, wie viele Menschen eigentlich in sozialen Medien aktiv sind und wie lange und häufig sie spezifische soziale Medien nutzen. Daraufhin werden psychologische Theorien und empirische Studien zur Selbstoffenbarung recherchiert, gelesen und auf Relevanz für die eigene Fragestellung bewertet. Bisherige psychologische Forschung befasst sich seit vielen Jahrzehnten mit dem Konstrukt Selbstoffenbarung und liefert wertvolle Hinweise. Basierend auf den Beobachtungen des Anwendungsfeldes, den Nutzungszahlen und Alltagseindrücken auf der einen Seite und auf den medienpsychologischen, theoretischen und empirischen Vorarbeiten zur Selbstoffenbarung auf der anderen Seite werden Hypothesen aufgestellt. Eine Hypothese lautet beispielsweise: Menschen, die häufig in sozialen Netzwerken aktiv sind, haben eine höhere Bereitschaft zur Selbstoffenbarung als Personen, die weniger häufig in sozialen Netzwerken aktiv sind. Im nächsten Schritt wird eine geeignete Methode gefunden. In unserem Beispiel ist eine längsschnittliche Befragung sinnvoll, da Wirkungen untersucht werden sollen. Das Finden der geeigneten Methoden ist bereits der erste Schritt der Operationalisierung, also der Übersetzung des Designs in konkrete Arbeitsschritte. Wichtiger Teil der Operationalisierung ist dann die Messung des Konstrukts Selbstoffenbarung. Wir möchten den theoretischen Begriff empirisch messbar machen. Operationalisierung bedeutet also, dass der theoretische Begriff als Messanweisung formuliert wird. Im Fall der längsschnittlichen Befragung können wir das Konstrukt Selbstoffenbarung mit Fragen zu Verhalten oder Einstellungen, sogenannten Items, messen. Zur Konstruktion der Items werden zunächst bewährte Messinstrumente aus der Literatur recherchiert und ihre Eignung für die eigene Studie geprüft. Im Zuge dieser Auswahl werden Gütekriterien angelegt, um eine hohe Forschungsqualität zu gewährleisten. Dazu gehören Objektivität, Reliabilität und Validität sowie eine intensive Auseinandersetzung mit der Stichprobentheorie. Wir empfehlen für die Vertiefung dieser Aspekte den Band von Diekmann (2018). Möglicherweise ist es sinnvoll, auch neue, eigene Items zu formulieren, um dem besonderen Medienumfeld, das man untersucht, gerecht zu werden. Nicht immer gibt es vorgefertigte Lösungen in der Literatur. Dann wird die Untersuchung geplant und durchgeführt, und die erhobenen Daten werden mit statistischen Methoden ausgewertet. Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Fachartikeln publiziert, in der Medienpraxis angewendet und sollen gesellschaftspolitische Diskurse und weitere Forschung stimulieren. Die Durchführung einer Studie zieht immer auch eine Reflexion der verwendeten Methoden und Theorien nach sich. Deshalb ist der in Abbildung 2.1 dargestellte Forschungsablauf auch als zirkulärer Prozess zu verstehen: Die mithilfe einer Studie gewonnenen Erkenntnisse zur Eignung der Methoden und Theorien werden in der darauffolgenden Forschung aufgegriffen. Oft wird im Sinne einer Forschungsprogrammatik geforscht, es werden ähnliche Fragen aus verschiedenen theoretischen und empirischen Perspektiven untersucht, sodass man einen tiefgehenden Eindruck erhält.
Eine systematische Forschungsprogrammatik verspricht eine hohe Forschungsqualität. Neben einer umfassenden und systematischen Programmatik beeinflusst die Transparenz – z. B. in Form von Präregistrierungen

Abb. 2.1: Der Forschungsablauf
von Studien – die Forschungsqualität. Lange Zeit hatten vor allem Publikationen eine Chance, in Fachzeitschriften publiziert zu werden, die bestätigte Hypothesen vorweisen konnten. Dass dies keine gesunde Praxis ist, liegt auf der Hand. Nehmen wir an, wissenschaftliche Studien, deren Ergebnisse die aufgestellten Hypothesen bestätigen (die also beispielsweise signifikante Medienwirkungen zeigen), haben eine größere Chance, in wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert zu werden, als Studien, die keine signifikanten Effekte zeigen. Dann würden die positiven Effekte bevorzugt publiziert und die Befundlage verzerrt werden (»Publication Bias«). Alle Lesenden und auch Meta-Analysen würden die Effekte überschätzen. Schlussendlich erhielte die Öffentlichkeit ein falsches Bild. Um den Publication Bias zu vermeiden, werden verschiedene Schritte unternommen. Zum Beispiel beschreiben Wissenschaftler:innen vor der Durchführung der Studie ganz genau, was sie machen möchten, und publizieren diesen Analyse-Plan in Form einer Präregistrierung, sodass von vornherein ausgeschlossen wird, dass unbestätigte Hypothesen möglicherweise nicht publiziert werden.
In Meta-Analysen werden verschiedene Studien gesammelt, die ähnliche Hypothesen mit ähnlichen Operationalisierungen geprüft haben. Es wird simuliert, dass all diese Studien eine einzige Studie darstellen, um so wiederum eine Effektstärke für die interessierende Hypothese berechnen zu können. Effektstärken werden für unterschiedliche statistische Verfahren unterschiedlich berechnet. Sie stellen ein vergleichbares, standardisiertes Maß dar, mit dem der Zusammenhang von zwei Variablen oder auch der Effekt von einer Variablen auf eine andere darstellbar ist. Wir sichern deshalb die Aussagen in diesem Buch mit Meta-Analysen ab bzw. weisen darauf hin, wenn keine Meta-Analysen oder transparenten Studien vorliegen. Im Zuge der Meta-Analyse kann auch ein möglicher Publication Bias berechnet werden (Renkewitz & Keiner, 2019), denn wir können davon ausgehen, dass es ein bestimmtes Ausmaß nicht bestätigter Hypothesen gibt und dass diese in einer Verteilung darstellbar sind.
Neben den hier genannten gibt es viele weitere Maßnahmen, die dazu beitragen können, die Qualität von Forschung zu verbessern. Dazu gehören auch Vorgehensweisen wie Replikationen, also Wiederholungsstudien, anhand derer man erkennen kann, ob bestimmte Ergebnisse sich in anderen Kontexten replizieren lassen oder ob sie womöglich nur in ein- und demselben Labor wiederholbar sind. Darüber hinaus müssen auch strukturelle Vorgehensweisen ergriffen werden, um Forschungsqualität zu sichern, z. B. die Anforderung, dass Fachzeitschriften die Veröffentlichung von transparenten Studien fördern und Autor:innen unterstützen, Studien mit nicht bestätigten Hypothesen zu veröffentlichen. Dienlin et al. (2020) haben eine Agenda formuliert, in der die wichtigsten Maßnahmen für transparente Forschung – also »Open Science« – zusammengefasst sind.
Ein wichtiger Teil der Forschungsqualität ist darüber hinaus die Forschungsethik. Viele der ethischen Grundsätze sind reguliert. Die Daten einer Studie müssen beispielsweise im Sinne der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erhoben, ausgewertet und gespeichert werden, dazu gehört, dass Personen unter 16 Jahren nur mit dem Einverständnis ihrer Eltern befragt werden dürfen. Darüber hinaus gilt es aber, auch solche ethischen Grundsätze zu beachten, die sich erst aus dem spezifischen Studiendesign ergeben. Ethische Erwägungen sind in der Forschung stark prozessorientiert und müssen für jeden Schritt des Forschungsprozesses (
Abb. 2.1) bedacht und immer auch mit den Forschungszielen abgewogen werden. Schlütz und Möhring (2018) geben einen Überblick über diese Schritte, ihre Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten. Dazu gehören beispielsweise die Freiwilligkeit der Studienteilnahme, das Informieren der Teilnehmenden über die Studienziele und der Umgang mit Studienabbrecher:innen (Koch et al., 2019).
2.2 Experiment
Mit Experimenten können Hypothesen geprüft werden, die Ursache-Wirkungsbeziehungen postulieren. Die Hypothese: »Studierende, die vor der Klausur mithilfe einer Meditations-App Achtsamkeitstraining praktizieren, erzielen bessere Klausurergebnisse als Studierende, die diese App nicht nutzen«, beinhaltet, dass das Verhalten vor der Klausur auf die Leistung wirkt, und kann mit einem Experiment untersucht werden. Wir erforschen mit Experimenten Kausalzusammenhänge (Koch et al., 2019).
Definition
Als Experiment bezeichnet man ein Forschungsdesign, in dem (1) mindestens eine unabhängige Variable systematisch variiert wird (experimentelle Manipulation), um deren Einfluss auf mindestens eine abhängige Variable zu untersuchen, (2) die Zuweisung der Versuchspersonen zu den Untersuchungsbedingungen per Zufall erfolgt (Randomisierung) und (3) Störfaktoren möglichst ausgeschaltet werden (Kontrolle).
Von der unabhängigen Variable (UV; Reizvariable) wird in der Hypothese angenommen, dass sie die abhängige Variable (AV; Reaktionsvariable) beeinflusst.
Mit der unabhängigen Variable werden verschiedene experimentelle Bedingungen definiert. Im medienpsychologischen Experiment untersucht man vor allem zwei Arten unabhängiger Variablen: Eigenschaften von Medienangeboten (z. B. Unterhaltsamkeit einer Serie) oder psychologische Zustände (z. B. Stimmung). Häufig kommt ein Stimulus zum Einsatz (z. B. ein Medienangebot, ein Werbespot, eine Filmsequenz), dessen Wirkung auf die abhängige Variable (a) direkt gemessen wird oder der (b) psychologische Zustände stimuliert, die dann wiederum auf die AV wirken.
Die abhängige Variable kann mit verschiedenen Methoden gemessen werden. In der medienpsychologischen Forschung untersucht man häufig mithilfe einer Befragung oder Beobachtung das psychologische Erleben und Verhalten: z. B. Einstellung, Erinnerung, Wissen, Emotionen, Leistung oder Aggressivität.
Das Experiment kann unter kontrollierten Bedingungen als Laborexperiment, in einer natürlichen Umgebung als Feldexperiment stattfinden oder als befragungsgestütztes Online-Experiment, in dem die Stimuli den Studienteilnehmer:innen im Rahmen einer Online-Befragung dargeboten werden. Das Laborexperiment stellt die in der obigen Definition genannten kontrollierten Bedingungen her und schließt damit umgebungsbedingte Störfaktoren weitestgehend aus. Feld- und befragungsgestützte Online-Experimente können keine vergleichbaren, kontrollierbaren Umgebungen garantieren, da alle Teilnehmenden in anderen Kontexten am Experiment teilnehmen. Diese Online-Experimente gelten deshalb als Quasi-Experimente. Als Quasi-Experimente bezeichnet man Versuchsanordnungen, die keine Kontrolle einzelner Teile der Versuchsanordnung ermöglichen. Deshalb bezeichnet man auch solche Experimente als Quasi-Experiment, bei denen keine Randomisierung möglich ist. Wenn beispielsweise die Persönlichkeit als unabhängige Variable untersucht wird, so kann keine Randomisierung stattfinden. Ob Menschen eher extravertiert sind oder nicht, können wir messen und sie dann entsprechend ihrer Ausprägungen in zwei oder mehr Gruppen einteilen. Damit entstehen Alternativerklärungen für die Wirkung der Persönlichkeit, denn Extraversion steht eventuell systematisch mit anderen Persönlichkeitseigenschaften in Zusammenhang. Diese systematische Kovariation von Störvariablen mit Untersuchungsvariablen bezeichnet man als Konfundierung.
Mit medienpsychologischen Experimenten sollen vor allem zwei Effekte untersucht werden:
• Im Selektionsexperiment wird der Effekt eines emotionalen Zustandes oder einer Haltung auf die Mediennutzung untersucht. Proband:innen werden dabei beobachtet, wie und warum sie bestimmte Medieninhalte auswählen. Das heißt, die Zustände der Person sind hier unabhängige Variablen. Die Teilnehmenden werden per Randomisierung mindestens zwei Gruppen zugeteilt und der psychische Zustand wird über einen Stimulus induziert. Als Beispiel möchten wir hier einen »Klassiker« der Medienpsychologie vorstellen: Bryant und Zillmann (1984) haben im Rahmen ihrer Forschung zum »Mood Management« (
Kap. 3.4) laborexperimentell untersucht, welche Fernsehinhalte Proband:innen am liebsten einschalten, nachdem sie eine langweilige Aufgabe (Experimentalgruppe 1: Dichtungsscheiben ohne Zeitvorgabe auf eine Schnur auffädeln) bzw. eine stressinduzierende Aufgabe erledigt haben (Experimentalgruppe 2: universitären Aufnahmetest unter Zeitdruck lösen). Hier ist also die induzierte Stimmung (Langeweile bzw. Stress) die unabhängige Variable. Die Forscher wollten damit herausfinden, ob Menschen mit der Selektion bestimmter Fernsehangebote auf eine gelangweilte oder gestresste Stimmung reagieren. Die Selektion der Fernsehangebote ist also hier die abhängige Variable. Zur Auswahl standen spannende und ruhige Fernsehprogramme. Wie erwartet, wählten die gelangweilten Proband:innen eher spannende Fernsehangebote aus.
• Im Wirkungsexperiment wird der Effekt eines Medienstimulus auf das Erleben und Verhalten der Proband:innen untersucht. Dazu werden Medienstimuli als unabhängige Variablen der Experimentalgruppe dargeboten und das Erleben und Verhalten der Proband:innen als abhängige Variable gemessen. Beispielsweise wurde untersucht, ob Leser:innen die Qualität eines journalistischen Textes in Abhängigkeit von der Quelle und der ethischen Darstellungsweise als besser oder schlechter beurteilen (Trepte et al., 2008). In diesem Fall waren also die Quelle (Experimentalgruppe 1: überregionale Qualitätszeitung; Experimentalgruppe 2: Blog) und die Art der Darstellung (ethisch vs. unethisch) die unabhängigen Variablen. Die Beurteilung der Qualität war die abhängige Variable und wurde mithilfe einer kurzen Befragung gemessen. In der Beispielstudie hatte die Quelle keinen Einfluss, die Teilnehmenden entschieden über die Qualität des Artikels allein aufgrund seines Inhalts.
Das Design des Experiments wird als Produkt der unabhängigen Variablen und ihrer Stufen ausgedrückt. Das Ergebnis des Produkts repräsentiert die Anzahl der im Experiment untersuchten Gruppen bzw. Versuchsbedingungen. In dem oben erwähnten Experiment wurden zwei unabhängige Variablen (UV), nämlich die Quelle und die Art der Darstellung, manipuliert und ihr Einfluss auf die Bewertung der Qualität eines Zeitungsartikels (AV) untersucht. Demnach handelt es sich um ein 2x2-Experiment (Tageszeitung vs. Blog x ethischer vs. unethischer Inhalt). In diesem Beispiel resultieren also vier Gruppen: Die erste Gruppe liest den Text einer Tageszeitung mit ethischem Inhalt, die zweite Gruppe den Text der Tageszeitung mit unethischem Inhalt, die dritte Gruppe den Blog mit ethischem Inhalt und die vierte Gruppe den Blogeintrag mit unethischem Inhalt. Am gängigsten ist das hier dargestellte between-subjects design. Wie in den zuvor beschriebenen Beispielen werden verschiedene Versuchspersonen verglichen, die jeweils einer Experimentalgruppe zugeordnet werden. Möglich ist auch das within-subjects design, bei dem dieselbe Gruppe im Hinblick auf unterschiedliche Merkmale verglichen oder im Längsschnitt betrachtet wird.
Die besondere Herausforderung medienpsychologischer Experimente liegt in der Auswahl der Medienstimuli. Die Auswahl der Stimuli hat das Ziel, die untersuchte unabhängige Variable möglichst gut zu repräsentieren. Medienstimuli sind komplex und repräsentieren nicht nur die interessierenden Variablen. Möchte man untersuchen, wie die Gewalthaltigkeit eines Computerspiels auf die Aggressivität wirkt, so gilt es zunächst, die Gewalthaltigkeit eines Computerspiels zu definieren, relevante Variablen zu isolieren und schließlich eine geeignete Operationalisierung zu finden (siehe
Abb. 2.1 zum Forschungsablauf). Vielleicht zieht man einen Ego-Shooter mit vielen Gewaltszenen für die experimentelle Bedingung »Gewalt« heran und ein Lernspiel für die experimentelle Bedingung »keine Gewalt«. Dies ist eine extern valide Operationalisierung (vgl. Definition unten). Problematisch an dieser Auswahl ist, dass die Spiele sich nicht nur im Hinblick auf ihre Gewalthaltigkeit unterscheiden, sondern auch im Hinblick auf andere Störvariablen, die ebenfalls auf die abhängige Variable wirken und systematisch mit der unabhängigen Variable kovariieren können. So könnte beispielsweise der Ego-Shooter deutlich anregender sein als das grafisch einfach gestaltete Lernspiel. Das wiederum könnte Aggressivität beeinflussen. Man misst also möglicherweise den Einfluss der Grafik oder auch der Handlung oder Hintergrundmusik und nicht den Einfluss des Gewaltgehalts auf die Aggressivität. Alternativ zu diesen echten Spielen können sog. Vignetten verwendet werden, also kurze Beschreibungen eines Spiels. Dies ist eine intern validere Operationalisierung. Damit sind Hintergrundmusik oder Ästhetik des Medienangebots nicht erlebbar, die Anzahl der Störvariablen ist also reduziert und kontrolliert. Gleichzeitig sind jedoch Stimuli in Vignettenform wenig repräsentativ für echte Computerspiele, weil sie viele Aspekte des Medienangebots nicht widerspiegeln. Damit ist dann die externe Validität deutlich reduziert. Für das Experiment muss die Frage gestellt werden, ob der internen oder externen Validität größere Bedeutung beigemessen werden soll (Trepte & Wirth, 2004). Die interne und externe Validität des medienpsychologischen Experiments beeinflussen die Ergebnisse.
Definitionen
Interne Validität betrifft die Frage, ob und wie gut die Störvariablen kontrolliert sind.
Externe Validität betrifft die Frage, ob und wie weit sich das Ergebnis auf andere Gegebenheiten verallgemeinern lässt. Repräsentieren die Eigenschaften der verwendeten Medienstimuli die in der Problemstellung interessierenden Medieninhalte? Sind die experimentellen Kontextfaktoren für andere Kontexte außerhalb der Experimentalsituation repräsentativ? Je besser die Gegebenheiten übertragbar sind, umso höher ist die externe Validität.
Anhand der genannten Definitionen wird bereits deutlich: Die Forderungen der internen und externen Validität widersprechen sich. Sollen die Medienstimuli aktuelle Medienangebote in ihrer vollen Komplexität und »Reichhaltigkeit« repräsentieren und damit extern valide sein? Oder gilt es, die interne Validität zu bewahren, indem möglichst wenige Störvariablen einfließen? Beide Fragen können nie gleichzeitig mit »Ja« beantwortet werden. Die Konsequenz ist also, für das spezifische Studiendesign Prioritäten zu setzen und geschickt abzuwägen – sowohl bei der Gestaltung der eigenen Studie als auch bei der Lektüre und Bewertung wissenschaftlicher Studien, die andere durchgeführt haben.
Medienpsychologische Forschung ist ganz besonders an dem Erleben von Medienangeboten, ihren Genres und Inhalten interessiert. Mit dem Experiment können wir Menschen die Medienangebote, Genres und Inhalte präsentieren und ihre Reaktionen darauf untersuchen. Echte Laborexperimente sind aufwändig und teuer, da die Teilnehmenden in das Labor kommen und dort betreut und angeleitet werden müssen. Deshalb werden sie trotz ihrer Möglichkeit, Störeinflüsse zu kontrollieren immer weniger durchgeführt. Viele Forscher:innen greifen auf Online-Experimente zurück, die sie in Befragungen einbetten. Dieses Vorgehen ermöglicht eine einfachere, kostengünstigere Rekrutierung und Durchführung – dies aber eben mit einer schlechteren Kontrollierbarkeit von Störeinflüssen.
2.3 Standardisierte Befragung
Mit Befragungen werden in der medienpsychologischen Forschung zahlreiche Variablen erfasst: Rezeptionserleben, Nutzungsmotive, Meinungen, Einstellungen, psychologische Merkmale oder Verhaltensweisen. Standardisierte Befragungen sind ökonomisch, erlauben das gleichzeitige und zügige Erfassen einer Vielzahl von Variablen und sind in allen medienpsychologischen Themenbereichen einsetzbar. Darüber hinaus ermöglichen Online-Befragungen die vereinfachte und nutzerfreundliche Einbettung von audiovisuellen Medieninhalten, sodass die Befragung für die medienpsychologische Forschung in sehr vielfältiger Weise angewendet werden kann. Zu den am häufigsten verwendeten Verfahren gehören die standardisierte, querschnittliche Befragung, die längsschnittliche Befragung und das qualitative Interview (Möhring & Schlütz, 2019).
Definition
Unter dem Begriff Befragung werden Verfahren subsumiert, die durch die Konfrontation mit gezielten Fragen auf die Erfassung individueller Merkmale einer Person abzielen. Von der individuellen Reaktion auf die Fragen wird auf die Ausprägung bestimmter Eigenschaften geschlossen.
Eine notwendige Voraussetzung für die Durchführung von Befragungen im Forschungsprozess besteht ebenso wie im Experiment in der Übersetzung der »Forschungsfragen« in sogenannte »Testfragen« (Kromrey, 2016, S. 347). Wenn beispielsweise die Forschungsfrage darauf abzielt, ob Personen mit stark ausgeprägter Extraversion eher Tinder nutzen, so müssen die einzelnen in der Forschungsfrage enthaltenen Variablen operationalisiert werden (
Abb. 2.1). In unserem Beispiel wird zum einen die psychologische Eigenschaft Extraversion und zum anderen die Verhaltensweise Nutzung von Tinder operationalisiert.
Grundsätzlich lassen sich zwei unterschiedliche Formen der Befragung unterscheiden. In standardisierten Befragungen gibt man den Befragten das Thema, den Ablauf und die Antwortmöglichkeiten weitgehend vor. Demgegenüber lassen nicht standardisierte Befragungsformen erheblichen Freiraum beim Ablauf der Befragung und der Frageformulierung. Diese Art der Befragung findet sich häufig im Bereich der qualitativen Forschungsmethoden (z. B. in Form von Expert:innen-Interviews oder Gruppendiskussionen,
Kap. 2.5).
Befragungen können sowohl mündlich als auch schriftlich durchgeführt werden. Bei mündlichen Befragungen liest ein Interviewer oder eine Interviewerin die Fragen in einem persönlichen Gespräch (persönlich-mündliches Interview) oder am Telefon (Telefonbefragung) vor und notiert die Antworten der Befragten. Mündlich-persönliche bzw. telefonische Befragungen werden im Rahmen von bevölkerungsrepräsentativen Studien, z. B. zur repräsentativen Erfassung der Mediennutzung, eingesetzt. So wird im Rahmen der »ARD/ZDF-Onlinestudie« seit 1997 jährlich die Online-Nutzung in Deutschland mittels repräsentativer Telefonbefragungen ermittelt (Frees & Koch, 2018).
Bei der schriftlichen Befragung wird der Fragebogen den Befragten in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt und diese füllen ihn selbständig aus. Aufgrund der kostengünstigen Durchführbarkeit und der starken Standardisierung dominieren in der Medienpsychologie computergestützte Befragungen (im Labor oder im Feld). Die am häufigsten verwendete Methode ist die Online-Befragung. Von Vorteil ist die kostengünstige Durchführung, und dass auf diese Weise auch sensiblere Themen anonym abgefragt werden können.
Eine Variante der Befragung, ist die Längsschnittbefragung. Diese kann ebenfalls mündlich und schriftlich via Online- oder Paper-Pencil-Befragung durchgeführt werden.
Definition
Mit einer Längsschnittbefragung untersucht man Fragestellungen im Zeitverlauf über mehrere Messzeitpunkte. Dazu werden pro Messzeitpunkt (T) entweder dieselben Personen (Panelstudie) oder unterschiedliche Personen (Trendstudie) in vorher fest definierten zeitlichen Abständen zu einem Thema befragt.
Im Vergleich zu Einzelbefragungen ermöglichen Panelstudien Aussagen zu intraindividuellen Veränderungen von Personen im Zeitverlauf. Dies ist ein großer Vorteil, da somit Wirkprozesse untersucht werden können, die auf der Basis von Befragungen mit nur einem Messzeitpunkt nicht zweifelsfrei zu belegen sind. Längsschnittliche Panelbefragungen erlauben ebenso wie Experimente eine Annäherung an die kausalen Beziehungen von Variablen. So kann in Längsschnittbefragungen die Abfolge von unabhängigen und abhängigen Variablen erfasst und der Einfluss der unabhängigen auf die abhängigen Variablen nachvollzogen werden. Variablen können darüber hinaus im Zeitverlauf untersucht werden, beispielsweise, wenn man die Medienaneignung im Zeitverlauf des Grundschulalters oder die Entwicklung von Medienkompetenz älterer Menschen im Rahmen einer Schulung beurteilen möchte.
Beispiel
Längsschnittbefragung zur sozialen Unterstützung unter Freunden In einer repräsentativen Studie untersuchten Trepte, Masur und Scharkow (2017) die Auswirkung von Selbstoffenbarung auf die erfahrene soziale Unterstützung (siehe auch
Kap. 6.5). Dazu wurden 583 Personen im Abstand von einem halben Jahr dreimal befragt. Sowohl die Bereitschaft, sich in Freundschaften zu offenbaren, als auch die soziale Unterstützung durch befreundete Personen wurden für Face-to-Face-Kommunikation und Instant-Messaging-Kommunikation (IM) abgefragt. Für die IM-Kommunikation zeigte sich: Personen, die bereit waren, sich über IM zu offenbaren, erhielten sechs Monate später mehr soziale Unterstützung über IM und waren ein halbes Jahr später eher bereit, sich über IM noch mehr zu offenbaren. Dieser Effekt zeigte sich jedoch nicht für Face-to-Face-Kommunikation. Vielleicht liegt dies an den Unterschieden zwischen Online- und Offline-Kommunikation: Bei der IM-Kommunikation erhalten die Empfänger:innen nur die verschickte Nachricht und keine weiteren Hinweise zur Interpretation des Inhalts. Anders ist das bei der Face-to-Face-Kommunikation, denn hier erhalten sie zusätzlich zum Gesagten Hinweise durch Gestik, Mimik oder den Kontext. Bei der Online-Kommunikation spielt Selbstoffenbarung daher möglicherweise eine wichtigere Rolle als bei der Offline-Freundschaft. Besonders spannend ist, wie nun die Kommunikation über IM und Face-to-Face interagierten. Es zeigte sich ein Transfereffekt von der Online- auf die Offline-Kommunikation: Menschen, die sich über IM selbst stärker offenbarten, gewannen wie oben beschrieben mehr soziale Unterstützung. Dieser Zugewinn an sozialer Unterstützung über IM führte dann dazu, dass sie sich ein halbes Jahr später auch Face-to-Face mehr offenbarten. Wir sehen also hier sehr deutlich, dass Online- und Offline-Kommunikation ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen.
Verschiedene Fehlerquellen können die Ergebnisse von Befragungen verfälschen, wobei das Befragungsinstrument, der Interviewer oder die Interviewerin und der bzw. die Befragte selbst mögliche Störeinflüsse darstellen können. In der Forschungspraxis wird eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um Störeinflüsse zu minimieren, z. B. sorgsames Formulieren und Testen der Fragen, intensive Schulungen der Interviewer:innen und Zusicherung der Anonymität zur Verringerung von sozial erwünschtem Antwortverhalten.
Befragungen sind oft der erste und der letzte Schritt in umfangreichen Forschungsprogrammen. Sie ermöglichen im ersten Schritt einen kostengünstigen Zugang zum Forschungsfeld, bieten vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und erlauben darüber hinaus die Rekrutierung von schwer zu erreichenden Stichproben. Im letzten Schritt einer Forschungsprogrammatik geht es oft darum, bisher gewonnene Erkenntnisse mit repräsentativen Stichproben zu testen und im weiteren Verlauf zu replizieren. Wenn wir Befragungen durchführen, gehen wir mehr oder weniger explizit davon aus, dass unsere Befragten auskunftsfähig und auskunftsfreudig sind. Wir nehmen an, dass Menschen, die wir befragen, ihre Gefühle, Gedanken und zurückliegenden Verhaltensweisen kennen und sie auch zum Ausdruck bringen können. Diese Annahme ist nicht immer berechtigt. Es gibt verborgene Gefühle und kognitive Zustände, die Menschen weniger gut zugänglich sind. In diesem Fall kommen psychophysiologische Methoden zum Einsatz.
2.4 Psychophysiologische Methoden
Nach dem Ansehen einer Dokumentation sind Menschen nicht unbedingt in der Lage oder fähig, in Worte zu fassen, ob die Rezeption sie ängstigt und in welchem Ausmaß Sorgen oder Angst auftreten. Während der Rezeption eines spannenden Films ist ihnen vielleicht gar nicht bewusst, dass sie emotional erregt sind, lächeln oder intensiv nachdenken. Und beim Computerspielen sind die meisten Menschen zu sehr in das Spiel vertieft, um währenddessen oder danach darüber zu berichten, welchen Spielzügen sie mehr oder weniger Aufmerksamkeit schenkten. Psychophysiologische Methoden sind unabhängig von Sprache oder Erinnerungsvermögen, und sie messen zeitlich präzise. Sie werden eingesetzt, um die Nachteile subjektiv verbaler Datenerhebungen zu umgehen und diese zu ergänzen (Fahr & Hofer, 2013; Hofer & Fahr, 2016; Potter & Bolls, 2012; Vitouch, 1980).
Definition
Psychophysiologie beruht auf (1) der Erforschung psychologischer (sozialer, emotionaler, kognitiver und verhaltensbezogener) Phänomene und (2) den damit in Zusammenhang stehenden physiologischen Prozessen. Die psychophysiologische Forschung widmet sich individuellen Funktionen und Prozessen, setzt sich mit verschiedenen theoretischen Perspektiven auseinander und entwickelt entsprechende Methoden (Cacioppo et al., 2019).
Viele Maße der psychophysiologischen Forschung beziehen sich auf das Ausmaß körperlicher Erregung. Zum Beispiel gibt die elektrodermale Aktivität Auskunft darüber, ob wir uns erregungsbezogen eher in einem »Normalzustand« befinden oder körperlich eher angeregt sind. Verschiedene Begriffe werden in den entsprechenden Fachartikeln und Studien verwendet: Mit Aktivierung oder Arousal wird der Prozess der Anregung beschrieben. Das Arousal dient beispielsweise der Fokussierung der Aufmerksamkeit zur Auslösung von Orientierungsreaktionen sowie der unmittelbaren Verhaltenskontrolle. Als Aktiviertheit oder Aktivation bezeichnet man einen angeregten Zustand bzw. eine messbare Veränderung des Arousals. Als Affekt bezeichnet man eine kurzzeitige emotionale Reaktion. Diese Konstrukte werden in der Regel in Kombination und zusammen mit anderen Maßen erhoben (vgl. folgender Merksatz).
Merke
Psychophysiologische Daten stehen nie für sich allein. Um die Daten sinnvoll interpretieren zu können, werden erstens mehrere psychophysiologische Maße erhoben (z. B. Hautleitwert und Herzrate), die sich im Sinne des Untersuchungsziels sinnvoll ergänzen. Zweitens werden neben psychophysiologischen auch subjektiv verbale Daten erhoben.
Welche psychophysiologischen Verfahren werden wann eingesetzt? Wir geben in Tabelle 2.1 einen Überblick über die wichtigsten psychophysiologischen Verfahren und ihre Einsatzgebiete (
Tab. 2.1; siehe zu Apparaturen: Cacioppo et al., 2019; für einen Überblick: Fahr & Hofer, 2013; Hofer & Fahr, 2016; Potter & Bolls, 2012; sowie zum Eye-Tracking: Blake, 2013).
Die Theorie- und Methodenentwicklung der Psychophysiologie ist komplex, aber es lassen sich einige Daumenregeln für den Einsatz psychophysiologischer Methoden formulieren:
Emotionale Prozesse werden vor allem mit der Messung elektrodermaler Aktivität und kardiovaskulärer Aktivität erfasst. Die erforderlichen Apparaturen sind einfacher und preiswerter in der Anschaffung und Anwendung als die meisten anderen psychophysiologischen Apparaturen. In vielen medienpsychologischen Studien mit psychophysiologischem Bezug werden deshalb diese beiden Verfahren verwendet. Sie werden jedoch kritisch diskutiert, weil sie nicht die verfügbare Bandbreite psychophysiologischer Reaktionen abbilden.
Kognitive Prozesse werden durch Beobachtung der Gehirnaktivität und -konnektivität gemessen. Mit der Elektroenzephalografie (EEG) erfasst man elektrische Potenziale im Gehirn und mit der funktionalen
Tab. 2.1: Überblick psychophysiologischer Verfahren und ihrer Einsatzbereiche





VerfahrenWelche physiologische Aktivität wird gemessen?Mit welcher Apparatur wird was gemessen?Auf welchen psychologischen Prozess wird geschlossen?Medienpsychologische Beispieluntersuchung
Magnetresonanztomografie (fMRT) Stoffwechselaktivitäten. Während mit EDA und EKG Reaktionen des peripheren Nervensystems beobachtet werden, untersucht man mit EEG und fMRT funktionale Aktivitäten des autonomen Nervensystems und auch, wie bestimmte Teile des Gehirns in Verbindung stehen (Turner et al., 2019). Im Vordergrund stehen beispielsweise Fragestellungen zu Einstellungen und Einstellungsänderung (
Kap. 5.4), narrativer Persuasion (
Kap. 5.5) oder Flow (
Kap. 4.5).
Wie in der obigen Definition deutlich wird, beinhaltet Psychophysiologie immer zwei Schritte: Erstens die Messung eines körperlichen Zustandes oder einer körperlichen Reaktion; zweitens den Rückschluss auf kognitive, emotionale Prozesse oder verhaltensbezogene Phänomene. Bei diesem Rückschluss ergeben sich zwei Probleme: Das Problem der Messartefakte und das Valenzproblem. Als Nachteil psychophysiologischer Maße gilt, dass bei der Messung psychophysiologische Reaktionen erfasst werden, die nicht aufgrund der Medienstimuli, sondern aus anderen Gründen entstehen. Manche kann man zuordnen, andere werden evtl. falsch zugeordnet und resultieren in Messartefakten.
Psychophysiologische Daten verraten der Forscherin oder dem Forscher nur wenig über die Valenz, also die subjektive Bedeutung einer Reaktion. Wir vermuten bei einer steigenden Herzrate, dass eine Aufmerksamkeitsallokation stattfindet, wissen jedoch nicht, ob sich der damit verbundene Erregungszustand »gut anfühlt«, also als positive Spannung erlebt oder aber als unangenehmer Stress wahrgenommen wird. Psychophysiologische Daten erlauben Aussagen über die Potenz (Stärke) einer Reaktion, nicht über ihre Valenz (Bedeutung, Bewertung). Eine Ausnahme ist das EMG, mit dem die Muskelaktivität im Gesicht erfasst und damit auf (z. T. sehr subtile, nicht mit bloßem Auge beobachtbare) freudige und traurige Mimik geschlossen werden kann. Bei den anderen psychophysiologischen Methoden helfen ergänzende Befragungen weiter.
Bis heute gibt es ein erhebliches Interesse, aber – verglichen mit Experimental- oder Befragungsstudien – deutlich weniger Forschung, die mit psychophysiologischen Daten arbeitet. Dies ist vermutlich auf den großen Aufwand und die Anschaffungskosten zurückzuführen. In der Regel können nur ein oder zwei Versuchspersonen gleichzeitig beobachtet werden. Auch aufgrund des Aufwandes werden insbesondere fMRT-Studien mit kleinen Stichproben und geringer Power durchgeführt (Turner et al., 2019). Es kann also sein, dass bestimmte, kleinere Zusammenhänge und Effekte nicht signifikant werden und schlimmstenfalls sogar weniger veröffentlicht werden (
Kap. 2.1 zum Publication Bias). Häufig sind Projekte, in denen psychophysiologische Verfahren eingesetzt werden, große, interdisziplinäre Projekte, um das Grundlagenwissen aus Medizin, Psychologie und Kommunikationswissenschaft zu vereinen. Denn diese Methoden sind Mittel zum Zweck, man möchte und muss mit ihnen auch theoretisch arbeiten, um generalisierende medienpsychologische Aussagen treffen zu können (Weber et al., 2018). Fast immer ist die psychophysiologische Forschung auch Grundlagenforschung im Hinblick auf die Methode: Die psychophysiologischen Methoden werden für die angewendeten, medienpsychologischen Designs entwickelt und mit ihnen weiterentwickelt. Dass sich der Aufwand lohnt, sehen wir anhand der publizierten psychophysiologischen Studien (
Tab. 2.1).
2.5 Qualitative Methoden
Wie fühlen sich Menschen, die sich gegen die Nutzung sozialer Netzwerkseiten im Clearnet entschieden haben und stattdessen unter einem Pseudonym ein soziales Netzwerk im Darknet nutzen? Wenn ein Forschungsfeld wenig bekannt ist und exploriert werden soll, wenn situative Strukturen sowie Prozesse des Erlebens und Verhaltens besonders tiefgehend analysiert werden sollen, so eignen sich qualitative Verfahren.
Definition
Qualitative Methoden sehen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Einzelfall vor. Die qualitative Forschung ist induktiv, schließt also von Beobachtungen des Einzelfalls auf allgemeinere Zustände, Prozesse oder Typen. Die Rekonstruktion und das Verstehen des Einzelnen bzw. eines bestimmten Phänomens stehen im Vordergrund. Basierend darauf werden Aussagen über Zusammenhänge, Ursache-Wirkungsbeziehungen oder Verhaltensmuster getroffen.
Die qualitative Forschung hat zum Ziel, die Realität in ihrer vollen Komplexität zu beobachten, zu beschreiben und zu verstehen. Es geht darum, die Bedeutungszuschreibungen und Sinngebungen handelnder Subjekte nachzuvollziehen. Im Vordergrund steht die sogenannte Rekonstruktion, also die genaue Aufarbeitung der beobachteten Prozesse mit dem Ziel einer realitätsgetreuen Abbildung (Gläser & Laudel, 2020).
Während quantitative Verfahren (z. B. standardisierte Befragungen oder psychophysiologische Methoden) Merkmale mithilfe von vorher festgelegten Indikatoren erfassen und sie dadurch quantifizierbar machen, werden mit qualitativen Verfahren diese Indikatoren im Material rekonstruiert und beschrieben.
Eine systematische Grundlage und Leitlinie der qualitativen Forschung ist die Grounded Theory-Methode (Glaser & Strauss, 1967). Sie fasst Ziele, Vorgehensweisen und methodologische Ausgangsüberlegungen der qualitativen Forschung zusammen. Sie beinhaltet, dass theoretische Vorannahmen und in der qualitativen Studie gefundene Erkenntnisse gleichermaßen relevant sind und verknüpft werden und dass qualitative Forschung als ein iterativer Prozess zu verstehen ist. In vielen aktuellen methodologischen Überlegungen sind Ideen der Grounded Theory wiederzufinden. Das Ziel der Grounded Theory-Methode ist, systematisch Theorien zu entwickeln. Darüber hinaus gibt es weitere theoretische Zugänge der Rekonstruktion und Theoriebildung (vgl. im Überblick Mikos & Wegener, 2017).
Zu den qualitativen Verfahren zählen beispielsweise das qualitative (Leitfaden-)Interview, das narrative Interview, die Gruppendiskussion (als eine spezifische Form der Befragung), die teilnehmende Beobachtung, biografische Methoden, Medientagebücher, Kinderzeichnungen und die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2016; Mikos & Wegener, 2017). In der Medienpsychologie sind hauptsächlich qualitative Interviews vertreten und diesen möchten wir uns deshalb im Folgenden widmen.
Das qualitative Interview wird auch als Leitfaden-, Expert:innen- oder problemzentriertes Interview bezeichnet und ist eine Form der mündlichen Befragung, bei der Einzelpersonen zielgerichtet hinsichtlich einer bestimmten Forschungsfrage bzw. Problemstellung befragt werden (Gläser & Laudel, 2020). Die Befragung kann dabei z. B. in Form eines halb-strukturierten Interviews durchgeführt werden, wobei der Interviewer oder die Interviewerin einem Gesprächsleitfaden folgt, in dem zentrale Fragestellungen festgehalten sind. Das Gespräch ist dabei aber nicht auf einen festen Ablauf festgelegt und kann vom Leitfaden abweichen. Auch nicht-strukturierte Formen der Befragung sind möglich (z. B. das narrative Interview), bei dem die Befragten aufgefordert werden, zu einem bestimmten Thema frei zu erzählen, und größtmöglichen Spielraum bei der Ausgestaltung der Erzählung haben. Maßgebend ist hier nicht die Strukturierung des Interviews durch die Forschungsfrage, sondern die Strukturierung erfolgt durch die interviewten Personen selbst. Sie orientieren sich am Ablauf ihrer eigenen Geschichte. Frageformen des problemzentrierten und des narrativen Interviews können kombiniert werden.
Eine spezielle Variante der qualitativen Befragung, die auch in der Medienpsychologie Anwendung findet, ist die sogenannte Think-aloud-Technik. Die Think-aloud-Technik wird beispielsweise zur Analyse von Problemlöseprozessen eingesetzt.
Definition
Bei der Think-aloud- Technik werden Befragte aufgefordert, ihre Gedanken laufend zu verbalisieren, um kognitive Prozesse, z. B. während der Rezeption einer Fernsehsendung oder während der Internetnutzung, nachvollziehbar zu machen (Bilandzic, 2017).
Die systematische und regelgeleitete Planung, Durchführung und Auswertung der qualitativen Interviews sind essenziell. Darüber hinaus gibt es verschiedene methodologische Ansätze zur Durchführung qualitativer Forschung.
Bei der Planung einer qualitativen Interviewstudie müssen persönliche, theoretische und empirische Vorannahmen expliziert werden. Das qualitative Forschungsparadigma geht davon aus, dass Erfahrungen der Befragten durch die Forscher:innen rekonstruiert werden. Voraussetzung hierzu ist, dass die persönlichen Erfahrungen, theoriegeleiteten Vorannahmen und empirischen Eindrücke der Forscher:innen ebenfalls vorab explizit gemacht werden, um sie klar von den Erfahrungen der Befragten abgrenzen bzw. zu diesen in Beziehung setzen zu können. Neben der Sensibilität für diese vorhergehenden Erfahrungen muss die Interviewstudie so geplant und die Fragen so formuliert sein, dass sie maximal offen für überraschende und neue Perspektiven auf die Forschungsfrage sind. Diese Offenheit ist der Kern qualitativer Forschung und ermöglicht ein tiefergehendes Verstehen.
Die Durchführung der qualitativen Interviewstudie erfordert ein systematisches und regelgeleitetes Vorgehen. Die Forschenden entscheiden, wie die Kontaktaufnahme organisiert ist, ob sie persönlich oder telefonisch befragen, welche Interviewsituation sie wählen (z. B. Forschungslabor, Konferenzraum, öffentlicher Ort, private Räume der Interviewten) und wie das Interview aufgezeichnet wird (z. B. Tonaufnahme vs. ex-post-Transkript). Situative Aspekte wie die soziale Interviewsituation beeinflussen die Offenheit, das Vertrauen, die Tiefe der Antworten und nehmen damit indirekt Einfluss auf die Forschungsergebnisse.
Es gibt viele verschiedene Verfahren der Auswertung qualitativer Verfahren, die mit unterschiedlichen theoretischen Grundannahmen einhergehen: qualitative Inhaltsanalyse, Konversationsanalyse, dokumentarische Methode oder interpretative Ethnografie (vgl. im Überblick Mikos & Wegener, 2017). Die gängigste Vorgehensweise in der Medienpsychologie ist die qualitative Inhaltsanalyse (Gläser & Laudel, 2020; Mayring, 2016). Ziele der qualitativen Inhaltsanalyse sind die Zusammenfassung des Materials, die Strukturierung und schließlich Erklärung. Wichtig ist auch immer die Analyse der Antworten, die nicht gegeben wurden, also herauszufinden, welche Erwartungen der Forschenden nicht erfüllt wurden. Die inhaltsanalytische Auswertung erfolgt in der Regel computergestützt mittels Software wie beispielsweise ATLAS.ti oder MAXQDA. Die Regeln und der Prozess der Auswertung werden für die Studie eigens entwickelt (vgl. Beispiele für verschiedene Vorgehensweisen in Mayring, 2016). Verbindendes Element der vielen verschiedenen qualitativen Auswertungsmethoden ist, dass Wörter, Sätze oder Äußerungen im Textmaterial identifiziert und markiert werden, die zueinander und zur übergeordneten Dimension passen oder neue Aspekte ansprechen. Die Dimensionen werden entweder im Verlauf der Textanalyse identifiziert (induktive Kategorienbildung) oder zuvor anhand der Theorie festgelegt (deduktive Kategorienbildung). Diese miteinander in Beziehung stehenden Äußerungen werden dann geordnet, um vorab festgelegte Dimensionen besser zu verstehen und neue theoretische Dimensionen und Ansatzpunkte zu formulieren. Diese Dimensionen werden in einen theoretischen Bezug gesetzt, um Ursache-Wirkungsbeziehungen, Typen, Rezeptionsmodalitäten oder Zusammenhänge zu erkennen. Aus diesen Beziehungen wird das Material insgesamt interpretiert und anschließend theoretisch begründet bzw. die Theorie neu formuliert. Dieses systematische Vorgehen ist ein iterativer, selbstlernender Prozess: Wenn die Interviewtranskripte einmal durchgearbeitet und die Dimensionen theoretisch formuliert wurden, dann geht man das Material erneut durch, um die Zuordnung der Äußerungen zu prüfen und die Definition der Dimensionen zu überdenken und ggf. anzupassen.
Qualitative Methoden haben den Vorteil der Offenheit und sind deshalb besonders für innovative, unerforschte Fragen und neue Medienangebote geeignet. Darüber hinaus folgen sie dem Prinzip des Verstehens, sie eignen sich also für die intensive Ausleuchtung einer Forschungsfrage.
2.6 Inhaltsanalyse
Wie stereotyp werden in Fantasy-Bestsellern (z. B. »Die Tribute von Panem« von S. Collins oder »Harry Potter« von J. K. Rowling) Frauen und Männer dargestellt? In dieser beispielhaften Forschungsfrage geht es um die Analyse von Buchinhalten. Die übergeordnete Problemstellung ist, dass Kinder und Jugendliche diese Romane gern lesen, dass die Bände eine hohe Reichweite in dieser Zielgruppe haben, und dass diese Bücher möglicherweise Einfluss auf geschlechtsstereotypes Denken und Verhalten haben. Um eine fundierte Aussage über die Inhalte selbst treffen zu können, kann im ersten Schritt eine Inhaltsanalyse durchgeführt werden. Im zweiten Schritt könnte dann beispielsweise experimentell die Wirkung der Lektüre ausgewählter Kapitel auf die Kinder und Jugendlichen untersucht werden.
Definition
Die Inhaltsanalyse ist ein empirisches Verfahren, dessen Ziel (1) eine systematische Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von medienvermittelten Botschaften und (2) die darauf basierende Ableitung von interpretativen Schlussfolgerungen ist (Früh, 2017; Rössler, 2017).
Bei der Inhaltsanalyse geht es zum einen darum, rein deskriptiv zu beschreiben, welche manifesten Inhalte und welche Form ein Medieninhalt hat. Ein manifester, direkt beobachtbarer Inhalt ist in unserem Beispiel möglicherweise die Häufigkeit des Auftretens von männlichen und weiblichen Charakteren und ob sie eher Haupt- oder Nebenrollen einnehmen. Zum anderen werden mit der Inhaltsanalyse auch latente Inhalte messbar. Ein latenter Inhalt ist beispielsweise, ob eher weibliche oder eher männliche Akteure in den untersuchten Geschichten die Gesprächsführung übernehmen.
Das Vorgehen der Inhaltsanalyse folgt einem wissenschaftstheoretisch durchdachten Prozess und erfolgt nach vorab festgelegten Qualitäts- und Gütekriterien. Damit wird die Inhaltsanalyse ebenso wie die anderen standardisierten Verfahren intersubjektiv (also für andere Forschende) nachvollziehbar.
Die Entscheidung für die Auswahleinheit, also das interessierende Material, erfolgt systematisch. Dazu wird das relevante Medienangebot (z. B. Fantasy Bücher), der räumliche Geltungsbereich (z. B. in deutscher Übersetzung erschienen) und der Zeitraum (z. B. 2015–dato) bestimmt (Rössler & Geise, 2013). Für die Codierer:innen werden diese Kriterien als sog. Aufgreifkriterien formuliert, durch die sichergestellt werden soll, dass die passenden Bücher in die Stichprobe gelangen. Danach werden alle Analyseeinheiten dieser Stichprobe (z. B. Kapitel, Dialoge, einzelne Aussagen) definiert und für die Analyse herausgegriffen. Wichtigstes Handwerkszeug der Inhaltsanalyse ist das Codebuch. Es enthält genaue Anweisungen, welche Analyseeinheiten ausgewählt werden und welche numerischen Codes bestimmten Ausprägungen zugewiesen werden (Codiereinheiten). In unserem Beispiel kann beispielsweise ermittelt werden, ob und wie viele Darstellungen von weiblicher oder männlicher Dominanz in einem Kapitel auftreten, von welchen Akteur:innen dominante Verhaltensweisen wie Aggression oder Anweisungen ausgehen, gegen bzw. an wen sie sich richten und welche Konsequenzen diese Verhaltensweisen haben (z. B. Belohnung, Bestrafung). Die Inhaltsanalyse macht durch Codierung die Merkmale der Medienbotschaft quantifizierbar.
Neue Perspektiven für die Medienpsychologie eröffnen automatisierte Inhaltsanalysen (Keyling, 2014; Scharkow, 2013). Sie sind der Computational Social Science zuzuordnen. Dieser Forschungsansatz basiert auf digitalen Daten, die »computational«, also mithilfe von Computern abrufbar sind (z. B. Log-Daten). Gleichzeitig werden die Daten auch »computational«, also automatisiert oder teilautomatisiert mithilfe von Algorithmen ausgewertet (vgl. im Überblick Stützer, Welker & Egger, 2018).
Definition
Die automatisierte Inhaltsanalyse ist ein Oberbegriff für Verfahren zur systematischen Erhebung und Auswertung digital vorliegender Datensätze. Die Messung, also der Codiervorgang, basiert auf einem Algorithmus, der entweder (a) explorativ Kategorien identifiziert oder (b) die Daten hypothesengeleitet nach vorgegebenen Kategorien durchsucht.
Computational Social Science und auch die automatisierte Inhaltsanalyse wird in psychologischen Studien angewendet. Beispielsweise analysierten Youyou et al. (2015) inwiefern die Likes von Internetnutzer:innen einen Rückschluss auf ihre Persönlichkeit zulassen. In einem ersten Schritt wurden Persönlichkeitstests mit den Likes der User:innen abgeglichen und nach Mustern gesucht. Dazu griffen die Autor:innen auf kurze Persönlichkeitsfragebogen, die 70 000 Facebook-Nutzer:innen auf Facebook ausgefüllt hatten, und auf die Likes dieser Personen zurück. Beides wurde den Autor:innen von Facebook zur Verfügung gestellt. Die Autor:innen entwickelten einen Algorithmus zur Identifikation von Zusammenhängen zwischen spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen und Likes. Im nächsten Schritt sagten die Autor:innen die Persönlichkeit der User allein anhand der Likes vorher. Diese Vorhersage fiel ähnlich gut, teilweise sogar besser aus als eine Vorhersage der Persönlichkeit durch Freunde oder Bekannte. Dieses Vorgehen wird in ganz ähnlicher Weise in der Markt- und Meinungsforschung und zur Aussteuerung von Werbung in Form von Behavioral Targeting verwendet.
Für die medienpsychologische Forschung sind Inhaltsanalysen von großer Bedeutung. Sie ermöglichen uns, Medien, deren Inhalte und Beschaffenheit, als »Stimuli« des menschlichen Erlebens und Verhaltens besser zu verstehen. Ein tiefgehendes Verständnis der Medienangebote ist erforderlich, um Rückschlüsse auf das Erleben und Verhalten zu ziehen. Darüber hinaus liefern vor allem automatisierte Inhaltsanalysen den Vorteil, dass sie auch die Kommunikation der Nutzenden erfassen. Ethisch bringen die Computational Methods viele offene Fragen mit sich. Können wir öffentlich verfügbare Daten zur Kommunikation der Nutzenden ohne Abstimmung und ohne ihr Einverständnis verwenden? Öffentliche Verfügbarkeit von Daten ist nicht gleichbedeutend mit dem Einverständnis der Verwendung für die Forschung. Eine ethische Debatte wird dazu zunehmend geführt (Breuer, et al., 2020; Collmann & Matei, 2016; Zimmer & Kinder-Kurlanda, 2017).
Zusammenfassung
Medienpsychologische Erkenntnisse basieren auf empirischen Untersuchungen. Immer entscheidet die Qualität einer empirischen Studie darüber, welche Ergebnisse und Erkenntnisse überhaupt gewonnen werden können. Dementsprechend ist für die Interpretation von medienpsychologischen Studienergebnissen und auch Theorien bedeutsam, auf welchen Methoden sie basieren und wie gemessen wurde. In der Medienpraxis und in der Wissenschaft ist deshalb der erste Schritt vor der Verwendung eines Ergebnisses ein Blick in den »Methodenteil« des Artikels oder des Forschungsberichts.
Alle Methoden haben ihre berechtigten Einsatzgebiete, ihre Vor- und Nachteile. Im Experiment können auch weniger zugängliche Reaktionen erhoben werden, denn Medieninhalte werden in einem Stimulus dargeboten und im Vergleich zur Kontrollgruppe kann gemessen werden, ob eine spezifische Reaktion auf diesen spezifischen Stimulus erfolgt. Die Befragung wird meistens eingesetzt, wenn man Menschen zutraut, dass sie selbst Auskunft geben können, und wenn man auf eine festgelegte Grundgesamtheit schließen möchte. Psychophysiologische Methoden und Apparaturen gehen noch weiter unter die Bewusstseinsgrenze, z. B. indem Emotion und Aktivation über die Beobachtung der Gehirnaktivität, Blickbewegungen und Herzrate gemessen werden. Natürlich gibt es auch medienpsychologische Problemstellungen mit wenig bestehender Forschung und vielen offenen Fragen. Dann eignen sich besonders qualitative Verfahren. Sowohl standardisiert als auch offen und explorativ kann auch bei der Inhaltsanalyse von Log-Daten vorgegangen werden, die mithilfe von Computational Methods analysiert werden. Dazu werden die »Spuren« der Internetznutzung angesehen und ausgehend davon auf Gewohnheiten und Verhaltensmuster geschlossen.
Grundsätzlich gilt für die genannten Verfahren, dass sie vor allem in Kombination, in der sog. Triangulation, zum Erfolg führen. Das kann bedeuten, dass verschiedene Methoden zum Einsatz kommen, um dieselbe Fragestellung mit verschiedenen Methoden zu beantworten. Es kann auch bedeuten, dass verschiedene Hypothesen einer Studie mit jeweils unterschiedlichen Methoden adressiert werden. Die Triangulation (Verknüpfung verschiedener Methoden) und die Replikation (Wiederholung einer Studie) sind wichtiger Teil des medienpsychologischen Forschungsrepertoires. Nur wenn dieselben Forschungsfragen wiederholt gestellt werden, können wir sichergehen, dass sie sich in anderen Laboren, Kontexten, Zeiten und Kulturen replizieren lassen. Und nur wenn diese Wiederholungen gelingen, können wir uns auf die Ergebnisse der Studien verlassen.
Literaturempfehlungen
Döring, N. & Bortz, J. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (5. Aufl.). Springer.
Fahr, A. & Hofer, M. (2013). Psychophysiologische Messmethoden. In W. Möhring & D. Schlütz (Hrsg.), Handbuch standardisierte Erhebungsverfahren in der Kommunikationswissenschaft (S. 347–365). Springer VS.
Gläser, J. & Laudel, G. (2020). Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen (7. Aufl.). Springer VS.
Koch, T., Peter, C. & Müller, P. (2018). Das Experiment in der Medien- und Kommunikationswissenschaft: Grundlagen, Durchführung und Auswertung experimenteller Forschung. Springer VS.
Mikos, L. & Wegener, C. (Hrsg.). (2017). Qualitative Medienforschung: Ein Handbuch (2. Aufl.). UVK Verlag.
Möhring, W. & Schlütz, D. (2019). Die Befragung in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung (3. Aufl.). Springer VS.
Potter, R. F. & Bolls, P. D. (2012). Psychophysiological measurement and meaning: Cognitive and emotional processing of media. Routledge.
Rössler, P. (2011). Skalenhandbuch Kommunikationswissenschaft. Springer VS.
Fragen zur Selbstüberprüfung
1. Erklären Sie den Forschungsablauf anhand eines von Ihnen selbst erdachten medienpsychologischen Beispiels.
2. Definieren Sie interne und externe Validität. Warum ist das Problem der internen und externen Validität in der medienpsychologischen Forschung besonders brisant?
3. Was sind typische Merkmale eines Experiments?
4. Welche Vorteile haben Befragungen und welche Arten von Befragungen werden in der Medienpsychologie am häufigsten eingesetzt?
5. Welche methodischen Probleme sind mit dem Einsatz von Befragungen verknüpft?
6. Welchen Vorteil haben Panelbefragungen im Vergleich zu Befragungen mit nur einem Messzeitpunkt?
7. Nennen Sie fünf psychophysiologische Methoden und was diese messen.
8. Worin bestehen die wesentlichen Unterschiede zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden?
9. Beschreiben Sie den Ansatz der Computational Social Science und zeigen Sie die Bedeutung der Computational Social Science für die Medienpsychologie auf.
10. Warum sind automatisierte Inhaltsanalysen besonders gut geeignet, um in der Medienpsychologie neue Perspektiven aufzuzeigen?
3 Medienselektion
Sind eher extravertierte Menschen online aktiver als eher introvertierte Menschen? Haben unsere Gruppenzugehörigkeiten oder unser Selbstkonzept einen Einfluss auf die Auswahl einer Serie? Und wie beeinflussen Gefühle und Stimmungen, für welchen Film und welche Musik wir uns entscheiden? Forschung und Theorien zur Medienselektion bzw. Medienwahl lassen sich ebenso wie die anderen Theorien dieses Bandes in emotionsbezogene, sozial-kognitiv orientierte und verhaltensbezogene Ansätze unterteilen (
Tab. 1.1). Zunächst werden wir erörtern, was eigentlich Persönlichkeit aus psychologischer Perspektive ausmacht und wie man sie erfassen kann (
Kap. 3.1). Anhand empirischer Studien werden wir zeigen, welchen Einfluss Persönlichkeitsfaktoren auf die Selektion von Medieninhalten haben können. Des Weiteren betrachten wir die Dissonanztheorie und unter welchen Umständen Menschen ihre Medienwahl danach ausrichten, möglichst konsistente Entscheidungen zu treffen (
Kap. 3.2). Dann werden wir Theorien der Identität und des Selbst vorstellen und zeigen, wie Medien genutzt werden, um Orientierung im Hinblick auf die eigene Identität zu gewinnen (
Kap. 3.3). Anschließend widmen wir uns der emotionsorientierten Medienwahl, und der Frage, welchen Einfluss bestimmte Stimmungen oder Gefühle auf die Medienwahl haben (
Kap. 3.4). Zuletzt geht es um die Frage, wie Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Autonomieerleben die Medienwahl beeinflussen (
Kap. 3.5).
3.1 Persönlichkeit
»Sag mir wer du bist und ich sage dir, was du schaust, hörst oder liest!« Die Persönlichkeit ist für die Forschung und Praxis so bedeutsam, weil man anhand von klar umrissenen, messbaren Eigenschaften Verhalten, Emotionen und Kognitionen vorhersagen kann. Gerade aufgrund dieser faszinierenden Einfachheit werden Persönlichkeitsfaktoren sowohl in der praktischen als auch in der akademischen medienpsychologischen Forschung verwendet, um Nutzungsinteressen oder -gewohnheiten vorherzusagen. Bevor wir über die Möglichkeiten und Grenzen der Vorhersage von Medienselektion mithilfe von Persönlichkeitsfaktoren nachdenken, zeigen wir auf, was Persönlichkeit eigentlich ausmacht, wie die Persönlichkeitspsychologie arbeitet und welche Persönlichkeitsfaktoren in der Medienpsychologie besonders relevant sind.
Definition
Persönlichkeit beschreibt die Gesamtheit aller Eigenschaften, in denen sich ein Mensch von anderen Menschen gleichen Alters und gleicher Kultur unterscheidet (Neyer & Asendorpf, 2018).
Persönlichkeitseigenschaften im engeren Sinn oder »Traits« umfassen Persönlichkeitsfaktoren wie die Big Five. Sie weisen eine zeitliche Stabilität und transsituative Konsistenz auf, d. h. Menschen werden sich zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Situationen aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale ähnlich verhalten oder fühlen. Traits haben sowohl eine genetische als auch eine Umweltkomponente, sie sind also erblich und werden im Rahmen der Sozialisation vermittelt und geprägt (Stemmler et al., 2016).
Persönlichkeitseigenschaften im weiteren Sinn umfassen Begabungen und Leistungseigenschaften, Informationsverarbeitungsstile, Einstellungen, Werthaltungen, Normorientierungen und Überzeugungen.
Viele Konstrukte der Persönlichkeit gehen auf über hundert Jahre Forschung zurück. So beispielsweise das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit (Big Five), mit dem die gesamte Persönlichkeit erfasst werden soll (McCrae & John, 1992).
Definition
Big Five
Die Bezeichnung Big Five steht für fünf grundlegende Faktoren der Persönlichkeit, denen je zwei Pole zugeordnet sind und die auch mit dem Akronym OCEAN abgekürzt werden (Neyer & Asendorpf, 2018). Wir beschreiben die Faktoren anhand der Facetten des NEO-PI-R (der revidierten Form des NEO-Persönlichkeitsinventars nach Costa und McCrae; vgl. Ostendorf & Angleitner, 2003):
• Offenheit für Erfahrungen / Risikobereitschaft (Openness): Offenheit für Fantasie, Ästhetik, Gefühle, Handlungen, Ideen, Werte
• Gewissenhaftigkeit (Conscientiousness): Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin, Besonnenheit
• Extraversion (Extraversion): Aktivität, Erlebnishunger, Frohsinn, Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit
• Verträglichkeit (Agreeableness): Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit
• Neurotizismus (Neuroticism): Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, soziale Befangenheit, Impulsivität, Verletzlichkeit
In der Medienpsychologie spielt das spannende Feld der Persönlichkeit eine große Rolle. Es gibt eine Vielzahl von Studien, in denen Persönlichkeit und Medienwahl in Zusammenhang gebracht werden, und noch viel mehr Studien, in denen Persönlichkeit geradezu nebenbei erforscht oder aus Interesse (und häufig ohne theoretische Vorarbeit) miterhoben wird. Und wirklich alle Persönlichkeitseigenschaften im engeren und weiteren Sinn (siehe Definition) wurden schon medienpsychologisch beforscht.
Werfen wir beispielsweise einen Blick auf den Zusammenhang zwischen Medienwahl und Neurotizismus, für den Schmitt (2004) zwei Erklärungen vorschlägt: Auf der einen Seite vermutet Schmitt, dass neurotische Personen Medieninhalte auswählen, die sie beruhigen. Stimmungsaufhellende oder ablenkende Inhalte seien in der Lage, die Ängste und Befürchtungen der eher neurotischen Personen zu reduzieren. Auf der anderen Seite könnten neurotische Personen Medienangebote auswählen, die zu ihren Ängsten und Befürchtungen passen, um sich zu wappnen und mit Medien eine Orientierungshilfe zu erlangen. Beide Tendenzen sind auch als »Abwehrreaktion gegen Bedrohung« zu verstehen. Angst fühlt sich zunächst unangenehm an, sodass eher neurotische Menschen Medien nutzen, um das bisweilen unangenehme Gefühl der Angst oder Furcht zu mindern (Liu & Campbell, 2017). In einer Meta-Analyse von 33 Studien aus elf Ländern wurde gezeigt, dass eher neurotische Menschen dazu tendieren, mittels Musikhören Emotionen zu regulieren, als Personen mit geringerem Ausmaß an Neurotizismus (Miranda & Blais-Rochette, 2018). Das heißt, sie hören Musik, um positive und negative Gefühle zu generieren, zu ändern oder beizubehalten. Wir können zudem annehmen, dass emotional eher labile, neurotische Menschen aktiv und ganz gezielt an dieser Labilität arbeiten, und es z. B. mithilfe von Musik vielleicht sogar erreichen können, sich zu stabilisieren und etwaige ängstliche Gefühle zu verringern. Auch die Nutzung sozialer Netzwerkseiten steht in Zusammenhang mit Neurotizismus. Eher neurotische Menschen nutzen länger und häufiger soziale Medien und aktualisieren ihren Status häufiger (Liu & Campbell, 2017).
Personen mit höherer Extraversion wählen vermutlich Medien aus, die Aktivität und soziale Begegnungen ermöglichen (Schmitt, 2004). Medienangebote ermöglichen positive Kontakte und explorierende, neue Erfahrungen. Eher extravertierte Menschen bevorzugen deshalb möglicherweise Medienangebote mit intensiven und wechselnden Reizen, in denen Soziabilität als lohnende und angemessene Aktivität gezeigt wird. Introvertierte hingegen neigen eventuell eher dazu, sich von Reizen abzuschirmen, und präferieren reizarme Medienangebote (Schmitt, 2004). In entsprechenden medienpsychologischen Studien sehen wir diese Tendenzen bestätigt. Von allen Faktoren der Big Five ist vor allem der Faktor Extraversion mit der Medienselektion korreliert. In einer Meta-Analyse zur Social-Media-Nutzung zeigte sich, dass extravertiertere Menschen eher mit anderen User:innen interagieren und mehr Fotos posten als introvertierte User:innen (Liu & Campbell, 2017). Besonders auffällig ist, dass sie berichten, mehr Online-Freunde zu haben als eher introvertierte Menschen. Mit einer mittleren Effektstärke ist der Zusammenhang in den elf untersuchten Studien stärker als für alle anderen Formen der Mediennutzung und alle anderen Persönlichkeitsmerkmale.
Offenheit für Erfahrungen erwies sich zwar nicht als Prädiktor für die generelle Nutzung sozialer Medien (Liu & Campbell, 2017), es zeigten sich jedoch kleine und mittlere Effektstärken für verschiedenen Nutzungsformen: Eher offene Menschen haben ein deutlich höheres Interesse an Online-Spielen, suchen stärker nach Informationen und berichten anhand von Fotos oder in Status-Updates mehr von sich.
Gewissenhaftigkeit geht mit höherem Konformismus und auch einer Langfristorientierung einher. Diese beiden Verhaltenstendenzen vertragen sich nicht immer mit dem Ablenkungspotenzial sozialer Medien. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass eher gewissenhafte Menschen beispielsweise signifikant weniger Online-Games nutzen als weniger gewissenhafte Menschen (Liu & Campbell, 2017).
Verträglichkeit weist keinen Zusammenhang mit der Nutzung sozialer Medien auf. Ergebnisse der Meta-Analyse zeigen, dass eher verträgliche Menschen zwar eher online Fotos posten, andere Zusammenhänge sind jedoch nicht vorhanden bzw. sehr klein (Liu & Campbell, 2017). Es wurde zunächst angenommen, dass weniger verträgliche Menschen online einfacher Kontakte knüpfen als offline und soziale Medien sie dabei unterstützen, soziale Defizite zu kompensieren. Ein solcher Kompensationseffekt wurde jedoch in der genannten Meta-Analyse nicht nachgewiesen.
In welchem Zusammenhang stehen nun aber die Selektion klassischer Massenmedien und die Persönlichkeit? Belastbare Ergebnisse zum Zusammenhang von Persönlichkeit und audio-visuellen Unterhaltungs- oder Informationsformaten sowie Print-Angeboten wurden in den letzten zehn Jahren zwar nur wenig publiziert, darunter sind aber dennoch einige spannende Ergebnisse: Es zeigte sich beispielsweise kein Zusammenhang zwischen den Big Five und der Nachrichtennutzung sowohl in Bezug auf Online- als auch Print-Nachrichtenangebote (Bakker & De Vreese, 2020; Sindermann et al., 2020).
Als ein weiteres Persönlichkeitsmodell möchten wir hier die Dunkle Triade herausgreifen. Mediennutzer:innen werden immer wieder auch negative Verhaltenstendenzen unterstellt und noch häufiger werden Medien negative Wirkpotenziale zugesprochen. Man möchte beispielsweise verstehen, warum auch sehr gewalthaltige Serien, Filme oder Computerspiele auf großes Interesse stoßen. Die Dunkle Triade wird in der medienpsychologischen Forschung oftmals herangezogen, wenn es um die Analyse problematischer und pathologischer Mediennutzung geht. Ihr vielfacher Gebrauch bringt zum Ausdruck, dass Mediennutzung nicht immer adaptiv, sinnvoll und positiv ist.
Definition
Dunkle Triade (Paulhus, 2014; Paulhus & Williams, 2002) Ein Persönlichkeitsmodell, das auf drei Faktoren (Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus) beruht, denen gemeinsam ist, dass sie mit sozial unerwünschten Merkmalen einhergehen und allesamt Tendenzen emotionaler Kälte, Doppelzüngigkeit, Aggressivität und Egoismus beinhalten.
• Narzissmus: bezieht sich auf selbstbezogene Verhaltensweisen (arrogant, dominant, charmant, ausgeprägtes Anspruchsdenken und Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Bewunderung oder Prestige)
• Psychopathie: bezieht sich auf interpersonale Stile (impulsiv, zynisch, kaltherzig, zur Gewalt neigend, fehlender Altruismus oder Reue)
• Machiavellismus: bezieht sich auf die emotionale Kompetenz (manipulativ, z. B. durch Lügen, Schmeicheleien, Vorausplanen und Interaktionen, Unterdrücken und Kontrolle spontaner Reaktionen, unmoralisch, ausbeuterisch)
Die Persönlichkeitsfaktoren der Dunklen Triade gehen laut psychologischen Meta-Analysen mit normverletzendem Verhalten einher. Insofern liegt es nahe, dass in medienpsychologischen Studien untersucht wird, ob Menschen mit höherer Ausprägung in diesen Eigenschaften auch eher an normverletzenden Medien (z. B. sehr gewalthaltigen Medien) interessiert sind und zu problematischem Nutzungsverhalten (z. B. suchtartig oder soziopathisch) neigen. Wie erwartet zeigt sich, dass Menschen, die höhere Ausprägungen auf allen drei Faktoren der Dunklen Triade aufweisen, eher zu problematischer und suchtartiger Nutzung neigen. Sie sind eher Täter von Cyberstalking, -bullying und -trolling (Kircaburun et al., 2018) sowie von sexueller Belästigung (Tang et al., 2020). Interessant ist auch, zwischen den Persönlichkeitsfaktoren zu unterscheiden. So zeigt sich, dass Menschen mit höheren Ausprägungen auf allen Faktoren der Dunklen Triade nicht unbedingt mehr soziale Medien nutzen (Kircaburun et al., 2018). Menschen mit höheren Ausprägungen in Narzissmus nutzen jedoch soziale Medien intensiver, haben mehr Freunde auf sozialen Netzwerkseiten und neigen dort auch eher zur Selbstdarstellung (Gnambs & Appel, 2018).
Appel et al. (2019) nehmen in ihrer Studie eine andere Perspektive ein. Sie haben sich nicht gefragt, ob und warum Menschen mit höheren Ausprägungen auf der Skala der Dunklen Triade antisoziales, gewalthaltiges oder problematisches Mediennutzungsverhalten zeigen, sondern wie Medienangebote, die der eudaimonischen Unterhaltung zuzurechnen sind, die also vor allem Appreciation und Meaningfulness (
Kap. 3.5 und
Kap. 4.3) hervorrufen, auf diese Menschen wirken. Sie nahmen an, dass höhere Ausprägungen auf der Dunklen Triade mit dieser Form der Medienunterhaltung nicht vereinbar sind, vielleicht sogar konfligieren und eine Distanzierung zur Folge haben. Und tatsächlich bewerteten eher dunkle Persönlichkeiten die eudaimonischen Videos insgesamt schlechter und empfanden sie als kitschiger. Die Meaningfulness stand jedoch weder direkt noch indirekt mit der Dunklen Triade in Zusammenhang.
Wir haben nun die Zusammenhänge von Persönlichkeit und Mediennutzung anhand von verschiedenen Persönlichkeitsfaktoren aufgezeigt und immer auch darauf hingewiesen, dass zuvor erwartete Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Medienwahl nicht immer gefunden wurden. Persönlichkeit ist keine »sichere Bank«, wenn es um die Vorhersage von Mediennutzung geht. Die kleinen bis mittleren Effektstärken sind mit der Komplexität beider Variablen (Persönlichkeit und Medieninhalt) zu erklären. Persönlichkeitsvariablen sind Konstrukte, die sich auf eine große Bandbreite an Eigenschaften beziehen. Damit ist ein Einfluss auf das Mediennutzungsverhalten und -erleben auf der einen Seite absolut denkbar. Auf der anderen Seite ist die Frage, wie viel Varianz beide wirklich teilen. Persönlichkeitsfaktoren und die Mediennutzung haben selten einen konkreten, inhaltlichen Bezug, sie teilen also nur wenig systematische Varianz. Darüber hinaus fluktuiert die Mediennutzung über den Tagesverlauf, ist beispielsweise wetter- und altersabhängig, während Persönlichkeit relativ stabil ist. Wir erläutern diese Interaktion von Personen- und Situationsfaktoren in einem späteren Kapitel anhand des General Aggression Model (
Kap. 5.6). Insgesamt können wir also damit rechnen, dass die Persönlichkeit in medienpsychologischen Studien Erkenntnisfortschritte verspricht, wenn:
1. ein inhaltlicher Bezug zwischen Persönlichkeitsvariable und Medienwahl vorhanden ist (z. B. Extraversion und Anzahl von Freunden in sozialen Medien),
2. Persönlichkeitsvariablen nicht in einer übermäßig vereinfachenden bivariaten Beziehung (Persönlichkeit und Medienwahl), sondern als Teil eines Modells betrachtet werden, z. B. indem Mediennutzung sowohl über die Persönlichkeit als auch über andere, situative Prozesse erklärt wird,
3. Persönlichkeitseigenschaften eher zur Erklärung habituellen Nutzungsverhaltens (z. B. Sicherheitsorientierung im Internet bei eher neurotischer Persönlichkeit), oder übergreifender Reaktionstendenzen (z. B. höherer Reaktivität in gewalthaltigen Spielen bei der aggressiven Persönlichkeit) herangezogen werden, da sie eine hohe transsituative Konsistenz und Stabilität aufweisen.
3.2 Kognitive Diskrepanz und Dissonanz
Nehmen wir an, ein junger Wähler hat bei der Landtagswahl seine Stimme für einen Kandidaten der fiktiven Partei »Allianz für Studierende« abgegeben. Nach der Wahl liest dieser Wähler nun in seiner Tageszeitung, dass der gewählte Kandidat während einer Klausurtagung im Fünf-Sterne Hotel Spenden, die für den Wahlkampf bestimmt waren, für Feiern und Wellness ausgegeben hat. Der Wähler ist vermutlich verärgert und frustriert, denn auf der einen Seite verbindet er bestimmte Werte wie Redlichkeit mit dieser Partei, auf der anderen Seite legt die aktuelle Berichterstattung nahe, dass der Spitzenkandidat andere Werte vertrat, nämlich Bereicherung und Korruption. Der Wähler ist nun hochmotiviert, diesen unangenehmen Zustand des Ärgers und der Frustration zu verringern. Was wird er tun? Weitere Berichte lesen, die Berichterstattung meiden oder sein Wahlverhalten und seine politische Einstellung anpassen?
Konsistenztheorien adressieren diesen Prozess und postulieren, dass Menschen nach einem balancierten Zustand von Kognitionen und Verhalten streben. Die Annahmen der Dissonanztheorie haben jahrzehntelang zu umfassender Forschung geführt (Cotton, 1985; Donsbach, 1991; Knobloch-Westerwick, 2015b; Zillmann & Bryant, 1985).
Interessant für die medienpsychologische Forschung ist die Dissonanztheorie vor allem wegen ihrer motivationalen Komponente. Sie bietet die Chance, die drängende Frage zu beantworten, warum Menschen bestimmte Medieninhalte auswählen oder lieber vermeiden. Die Grundidee ist, dass ein Widerspruch zwischen Kognitionen und Verhalten oder zwischen zwei Kognitionen (kognitive Diskrepanz) zu einem unangenehmen Erregungszustand führt (kognitive Dissonanz), und dass Menschen aufgrund dessen aktiv nach Informationen suchen oder ihr Verhalten ändern, um die kognitive Diskrepanz und damit auch die kognitive Dissonanz aufzuheben.
Definitionen
Kognitive Diskrepanz: Widerspruch zwischen verschiedenen Kognitionen oder Kognition und Verhalten.
Kognitive Dissonanz: Ein unangenehmer Erregungszustand, der mit dem Motiv der Beendigung oder Änderung dieses Zustands einhergeht. Die kognitive Dissonanz hat zwei Elemente: Dissonanzerregung und Dissonanzmotivation.
Kongruente und inkongruente Information: Informationen, die entweder den eigenen Einstellungen und dem eigenen Verhalten entsprechen (kongruent) oder nicht (inkongruent).
Gemäß Festinger (1957) engagieren sich Menschen aktiv in der Dissonanzreduktion, denn sie möchten den unangenehmen Erregungszustand der Dissonanz vermeiden. Im Folgenden stellen wir die drei Strategien der Dissonanzreduktion vor. Laut Theorie wird stets die am einfachsten realisierbare Strategie verfolgt:
• Elemente, die Dissonanz erzeugen, ändern oder andere Elemente hinzufügen. Verschiedene Elemente, wie beispielsweise Erfahrungen, Eindrücke oder Informationen können eine Dissonanz hervorrufen. Zur Dissonanzreduktion selektieren und verändern Menschen aktiv diese Elemente und infolgedessen auch ihre Einstellungen. Beispielsweise suchen sie nach weiteren Quellen oder Nachrichten, wenn die vorhandenen als dissonant erlebt werden.
• Dissonanz erzeugende Situationen und Informationen vermeiden. Beispielsweise meiden Menschen jegliche Berichterstattung zu einem Thema und entscheiden sich etwa gegen das Lesen weiterer Zeitungsartikel.
• Situationen oder Informationen neu interpretieren. Menschen reduzieren die Bedeutsamkeit dissonanter Informationen und Kognitionen. Beispielsweise zweifeln sie die Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung an.
Das grundlegende Postulat, dass infolge kognitiver Diskrepanz eine selektive Informationssuche erfolgt, wurde durch Meta-Analysen bestätigt (D’Alessio & Allen, 2010). Geprüft wurde die Dissonanztheorie auch im Kontext von Werbung, Gesundheitskommunikation, Nachrichtenmedien und Unterhaltungsinhalten. Dabei ließen sich jedoch nicht für alle Medien und Anwendungsbereiche die Aussagen der Theorie bestätigen (vgl. im Überblick Knobloch-Westerwick, 2015b).
Es wurden verschiedene Bedingungen untersucht, die den idealtypischen Ablauf der Dissonanzreduktion beeinflussen:
• Aversive Konsequenzen: Dissonanzerregung entsteht vor allem, wenn wir aversive Konsequenzen eines Verhaltens vermuten und uns für diese negativen Konsequenzen selbst verantwortlich fühlen (Cooper, 2012). Wenn also unser junger Wähler aus dem Beispiel zu Beginn des Abschnitts den Eindruck hat, die falsche Partei gewählt zu haben, so fühlt er sich erstens selbst für sein Handeln verantwortlich und zweitens bekommt er die Konsequenzen der Veruntreuung durch die umfassenden Medienberichte zum Thema deutlich zu spüren.
• Stärke der Dissonanz: Sehr schwache und sehr starke Dissonanz führen zu einer weniger intensiven Suche nach Informationen als moderate Dissonanz. Bei sehr schwacher Dissonanz ist das unangenehme Dissonanzempfinden nicht stark genug. Ein Suchverhalten würde sich nicht lohnen. Bei sehr starker Dissonanz kommt eher eine unmittelbare Verhaltensänderung in Frage, auch hier lohnt sich die Informationssuche nicht. Zu viele Informationen müssten gefunden werden, um die Dissonanz mit überzeugender Evidenz aufzuheben. Empfinden wir jedoch ein mittleres Ausmaß der Dissonanz, so lohnt sich die Suche nach Informationen zur Linderung des dissonanten Spannungszustandes und ist am stärksten nachweisbar. Der junge Wähler aus unserem Beispiel ist zunächst erschrocken über die Medienberichte und empfindet mittlere Dissonanz, weil er eine unausgewogene Mediendarstellung vermutet. Das würde ihn zu weiterer Informationssuche anregen. Wenn jedoch eine angebotsübergreifende Berichterstattung auf ein eindeutiges Fehlverhalten des Vertreters der »Allianz für Studierende« hinweist, so ist die Dissonanz zwischen dem eigenen Wahlverhalten und dieser Information so stark, dass sich eine weitere Informationssuche nicht lohnt. Der Wähler wird beispielsweise entscheiden, sein Wahlverhalten bei der nächsten Landtagswahl anzupassen.
• Persönliche Überzeugungen: In verschiedenen Studien wurde immer wieder vermutet, dass in diesem Prozess auch die Parteizugehörigkeit oder politische Überzeugung eine Rolle spielen, dass beispielsweise Menschen mit konservativen Überzeugungen eher danach streben, dissonante Informationen zu vermeiden. Meta-Analysen und Replikationsstudien zeigten das jedoch nicht (Collins et al., 2017).
Die aktuelle medienpsychologische Forschung weist darauf hin, dass bei Menschen, die aufgrund von kognitiver Diskrepanz auch Dissonanz erleben, die Bereitschaft geweckt wird, mit ihrer Informationssuche einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Wenn also Ärger und Frustration erzeugt werden, kann dies produktiv sein und dazu führen, dass Menschen ihre Perspektive erweitern. Wenn jedoch Nachrichten gelesen werden, die zwar im Kontrast zu den eigenen Ansichten stehen, aber nicht die Frustrationsgrenze erreichen, so wird in der Folge eher nach Nachrichten gesucht, die den eigenen Ansichten entsprechen (Tsang, 2019). Dieser Prozess wird als Confirmation Bias bezeichnet und in der Kognitionspsychologie erforscht. Menschen unterliegen bei der Nachrichtenselektion Verzerrungen (Bias), die entstehen, weil sie ihre eigenen Meinungen und Ansichten bestätigen möchten (Confirmation). Das Ausmaß dieser Fehler wird von vielen Faktoren beeinflusst: der Stärke der eigenen Überzeugungen, der Relevanz des Themas, das Vertrauen in das eigene Wissen, der Fundierung der eigenen Meinung, der individuellen Stimmung, dem Persönlichkeitsfaktor Verträglichkeit und auch der Ambivalenz der eigenen Einstellung (Knobloch-Westerwick, 2015b). Wenn beispielsweise die Einstellungen von Menschen, die Nachrichtenbeiträge online kommentieren, stark polarisieren, so werden diese eher einstellungskongruente Informationen suchen. Wenn die Kommentierenden ihre Einstellungen als »noch« ambivalent wahrnehmen, so werden sie auch Informationen suchen, die inkongruent zu ihren eigenen Einstellungen sind (Donsbach & Mothes, 2012).
Die Dissonanztheorie beinhaltet weiterhin das Postulat der Ex-Post Rationalisierung. Wenn Menschen sich selbst dabei beobachten, wie sie sich verhalten und wenn dieses Verhalten mit den eigenen Einstellungen konfligiert, dann wird diese Beobachtung mit nachfolgenden Rationalisierungen ausbalanciert. In einer Studie zum Mediennutzungsverhalten von Kleinkindern wurde vermutet, dass Eltern sich schuldig fühlen, wenn sie ihre 0- bis 6-jährigen Kleinkinder Fernsehen oder Youtube schauen lassen (Beyens et al., 2016). Dazu wurden Eltern über ein Jahr befragt und es zeigte sich, dass sie ihre Einstellungen aus der Sehdauer der Kinder ableiteten, also ex-post ihre eigenen Entscheidungen rationalisierten, wenn sie unter Stress und Zeitdruck standen. Nicht die Einstellung zur Bildschirmzeit beeinflusste den Umgang mit Medien, sondern der Umgang mit Medien beeinflusste die eigene Meinung darüber.
Die Dissonanztheorie ist ein florierendes medienpsychologisches Forschungsfeld, weil sie uns dabei hilft, die Frage zu beantworten, warum Menschen bestimmte Medieninhalte gezielt aufsuchen oder vermeiden. Spannend ist, dass diese Befunde und auch die grundlegenden Theoreme der Dissonanztheorie bisher nicht durchgehend auf andere Bereiche übertragen werden konnten. Vor allem die Gesundheitskommunikation lieferte keine belastbaren Befunde (Knobloch-Westerwick, 2015b). Hier wird zukünftige Forschung herausfinden müssen, warum die grundlegenden Prinzipien der Dissonanzreduktion nicht greifen, wenn es beispielsweise um die Dissonanz zwischen ungesundem Essverhalten und der Berichterstattung zu gesundem Lebensstil geht. Vorstellbar ist, dass Gesundheitsverhalten häufig sehr stark in Gewohnheiten abläuft, die durch Informationssuche und Wissen nicht ohne Weiteres geändert werden. Auf die hier entstehenden Widersprüche und darauf, wie Verhaltensänderungen dennoch erzielt werden können, gehen wir im letzten Kapitel dieses Buchs ein (
Kap. 8).
3.3 Soziale Identität, Selbstkonzept und Selbstwert
Menschen wählen Medienangebote ganz gezielt aus, um an der eigenen Identität und dem eigenen Selbstkonzept zu arbeiten, beides zu gestalten und zu reflektieren. Die Identität und das Selbst werden aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Die soziale Identität nimmt Gruppenzugehörigkeiten in den Fokus, das Selbstkonzept beinhaltet darüber hinaus weitere Selbsteinschätzungen und Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften. Diese beiden Blickwinkel sind auch für die medienpsychologische Forschung zur Medienselektion relevant, denn Menschen möchten ihre Gruppenzugehörigkeiten und ihr Selbstkonzept richtig einschätzen und suchen gezielt nach Informationen, um dies zu erreichen.
Definitionen
Selbstkonzept: Das subjektive Bild der eigenen Person, das in einem komplexen Wissenssystem angeordnet ist. Je nach situativem Kontext sind für die meisten Menschen unterschiedliche Bereiche des Selbstkonzepts salient (Neyer & Asendorpf, 2018).
Selbstwertgefühl: Subjektive Bewertung der eigenen Person und die damit verbundene Zufriedenheit. Das Selbstwertgefühl ist bereichsspezifisch (z. B. intellektuell, sozial, emotional) oder bereichsübergreifend-universell.
Soziale Identität: Der Teil des Selbstkonzepts, der das (a) Wissen eines Individuums über die eigenen Gruppenzugehörigkeiten (kognitive Komponente), (b) die Bewertung (evaluative Komponente), (c) emotionale Valenz dieser Gruppenzugehörigkeit (emotionale Komponente) und (d) den Antrieb zu individueller Mobilität (motivationale Komponente) beinhaltet (Ellemers & Haslam, 2012).
Menschen sind demnach motiviert, ihre eigene Gruppe positiv zu bewerten und deshalb ein positives Selbstwertgefühl zu erleben. In der Medienpsychologie wurde die Theorie der sozialen Identität bisher im Zusammenhang mit Online-Nachrichten (Dvir-Gvirsman, 2019; Trepte et al., 2018b), Musik (Tarrant et al., 2001) und Film- und Fernsehinhalten untersucht (Joyce & Harwood, 2014; Schmader et al., 2015; Trepte, 2004). Die Studien zeigen, dass Gruppenzugehörigkeiten die Wahl und Bewertung von Musik oder Nachrichteninhalten beeinflussen. Im Folgenden werden wir die sechs Schritte der Theorie der sozialen Identität durchgehen, die auf den Arbeiten von Tajfel (1979) sowie seinen Schülern (Turner et al., 1979) beruhen, ihre Bedeutung für die Medienpsychologie verdeutlichen und für jeden Schritt medienpsychologische Beispielstudien nennen (vgl. im Überblick Trepte & Loy, 2017). Darüber hinaus wird die Theorie der sozialen Identität wieder relevant, wenn wir das Social Identity Model of De-Individuation behandeln (
Kap. 6.4).
Selbstkategorisierung
Grundannahme der Theorie der sozialen Identität ist, dass Menschen sich im Sinne einer »Selbstkategorisierung« verschiedenen Gruppen und Gruppierungen zuordnen. Gemeint sind sowohl kleine und kurzfristig bestehende Gruppen, wie z. B. eine Fußballmannschaft, als auch natürliche oder langfristig bestehende Gruppen, wie z. B. Nationalität oder Geschlecht. Medieninhalte aktualisieren eine oder mehrere soziale Kategorien, d. h. wir fühlen uns durch Medienrezeption an unsere sozialen Kategorien erinnert und sie werden salient. Denkbar ist, dass verschiedene Identitätsdimensionen gleichzeitig wirken und die Medienwahl beeinflussen. So könnte z. B. die Rezeption der Fernsehserie »How I Met Your Mother« gleichzeitig die Gruppenzugehörigkeit einer Zuschauerin als Frau, als Berufstätige und als Single salient machen. Die Protagonistinnen der Serie erlauben Referenzen zu allen genannten sozialen Kategorien.
Sozialer Vergleich
Bei der Evaluation ihrer sozialen Identität vergleichen Menschen, wie die eigene soziale Gruppe im Vergleich zu anderen Gruppen dasteht. Damit ein sozialer Vergleich stattfindet, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein: (1) Zunächst müssen wir uns mit der eigenen Gruppe identifizieren, also die konkrete Gruppenzugehörigkeit als einen bedeutenden Teil des Selbstkonzeptes bewerten. (2) Weiterhin sollte die Gruppenzugehörigkeit und (3) auch die Vergleichskategorie in einer bestimmten Situation salient sein, d. h. beides sollte bewusst sein und aktuell eine gewisse Relevanz haben. (4) Darüber hinaus sollte die Out-Group im Hinblick auf die zu bewertenden Dimensionen eine relevante Vergleichsgruppe und einigermaßen ähnlich sein. Weitere Voraussetzungen sind (5) die Identifikation mit der In-Group, (6) und dass die Situation einen sozialen Vergleich ermöglicht.
Beim sozialen Vergleich besteht ein gewisser Druck zur Uniformität: Mitglieder einer Gruppe wünschen sich ähnliche Meinungen und Fähigkeiten wie ihre Gruppenmitglieder. Dieser Wunsch ist umso stärker, je attraktiver die eigene Gruppe ist und je größer die Bedeutung ist, die diese Meinungen und Fähigkeitsdimensionen für die Gruppe haben. Bei Diskrepanz innerhalb der Gruppe ändern Menschen deshalb ihre Meinung oder versuchen, die Meinung anderer zu beeinflussen. Bei den Fähigkeiten sind diese Handlungsoptionen eingeschränkt und damit hört der Druck zur Reduktion der Diskrepanzen bei Leistungsvergleichen nie auf, da jeder besser sein möchte als der andere.
Soziale Distinktheit
Eine positive soziale Distinktheit entsteht aufgrund einer positiven Selbstbewertung in Abgrenzung zu anderen Gruppen und deren Mitgliedern. Zur Herstellung von positiver sozialer Distinktheit tendieren Menschen dazu, ganz aktiv die eigene Gruppe zu begünstigen und fremde Gruppen zu diskriminieren, um dadurch eine Selbstaufwertung zu erreichen. Aus diesem Grund wählen Menschen vor allem Medienformate aus, in denen die eigene Altersgruppe, die eigene ethnische oder nationale Zugehörigkeit, die eigene Schule, die eigene Partei oder Menschen mit derselben Geschlechteridentifikation positiv bewertet werden (Trepte & Loy, 2017).
In einigen wenigen Studien wurden darüber hinaus auch Effekte untersucht. Die positive Bewertung der In-Group und die negative Bewertung der Out-Group in Nachrichten haben einen deutlichen Einfluss auf die soziale Distinktheit. So haben beispielsweise Trepte et al. (2018b) ein Experiment mit deutschen und US-Studierenden durchgeführt, die Online-Nachrichten zur Bildungs- und Militärpolitik beider Länder lasen, in denen entweder die eine oder die andere Nationalität besser bewertet wurde. Es zeigten sich Effekte der Valenz der Artikel auf die positive Distinktheit beider Gruppen: Wenn die beteiligten Studierenden Artikel lasen, in denen ihre eigene Nationalität positiv bewertet wurde, dann fühlten sie sich danach auch deutlich besser im Hinblick auf ihre Nationalität.
Soziale Identität
Das individuelle Wissen, einer bestimmten Gruppe anzugehören, und die Bewertung dieser Gruppenzugehörigkeit werden als soziale Identität bezeichnet. Die motivationale Komponente der Theorie der sozialen Identität ist demnach der Antrieb des Menschen, die eigene Person durch eine positive Bewertung der In-Group aufzuwerten. Diese Aufwertung kann sich an objektiven Maßen orientieren oder auch an subjektiven Deutungen. Positive soziale Identität wird beispielsweise erreicht, wenn Formate rezipiert werden, in denen Protagonist:innen der eigenen sozialen Kategorie positiv dargestellt werden. Die Effekte der sozialen Identität auf die Medienwahl wurden in vielen Experimenten nachgewiesen (vgl. im Überblick Trepte & Loy, 2017). Spannend wird es, wenn verschiedene soziale Identitäten in Konflikt stehen, z. B. die Geschlechtsidentität und die politische Identität. Was passiert, wenn eine Frau ihre eher konservative politische Identität nicht mit ihrer eher liberalen Genderidentität vereinen kann? 79 % der Frauen, die in einem Experiment diesem Konflikt ausgesetzt wurden, wählten gezielt Nachrichten aus, die möglichst beide Gruppen positiv bewerteten (Dvir-Gvirsman, 2019). Wenn das nicht möglich war, so entschieden sich 69 % für den Nachrichtenartikel, der die politische Identität repräsentierte, und 31 % für einen Artikel, der die Genderidentität repräsentierte. Die Identifikation mit der eigenen Gruppe hatte einen deutlichen Einfluss auf die Medienselektion.
Selbstwertgefühl
Die Self-Esteem Hypothesis (Hogg & Abrams, 1990) beinhaltet zwei Aussagen: zum einen, dass positive soziale Distinktheit und Out-Group-Diskriminierung zu positivem Selbstwert führen kann; zum anderen, dass ein negativer Selbstwert die Out-Group-Diskriminierung anregt. Beide Postulate unterscheiden sich also in ihrer Kausalrichtung. Einmal wird der Selbstwert als abhängige Variable postuliert, einmal als unabhängige. Es gibt eine Reihe von Studien, die den Einfluss des Selbstwertes auf die Medienwahl zeigen (Tarrant et al., 2001). Die Wirkung sozialer Distinktheit auf den Selbstwert konnte jedoch so klar nicht nachgewiesen werden (z. B. McKinley et al., 2014; Schmader et al., 2015). Der Trait-Selbstwert wird vermutlich durch die Medienwahl nicht beeinflusst, da es sich um eine stabile Eigenschaft handelt, die transsituativ konsistent ist und damit ebenso wie andere Persönlichkeitseigenschaften weniger von Medienrezeption beeinflusst wird (
Kap. 3.1). Diese Annahme kontrastieren wir mit Studienergebnissen, die den Einfluss von negativen Darstellungen der In-Group auf Affekt untersuchten (vgl. Definition von Affekt in
Kap. 3.4). Affekt ist weitaus weniger stabil. In zwei Studien sahen Mexiko-Amerikaner:innen und Amerikaner:innen mit europäischen Wurzeln kurze Clips, in denen Latino-Amerikaner:innen stereotyp dargestellt wurden (McKinley et al., 2014). Folgende Ergebnisse wurden bezüglich der Wirkung auf Affekt gefunden: Mexiko-Amerikaner:innen fühlten sich aufgrund der Darstellung zornig und schuldig und zwar insbesondere dann, wenn sie sich stark mit der ethnischen Gruppe der Latinos identifizierten. Spannend ist, dass Studierende mit europäischen Wurzeln sich ebenfalls zornig und schuldig fühlten, wenn sie die negativen Videos sahen. Im Gegensatz zu den eher flüchtigen Wirkungen auf Affekt, zeigte sich kein Effekt der Clips auf das Selbstwertgefühl. Diese und viele andere Studien zeigen, dass der Einfluss sozialer Identität auf das Selbstwertgefühl nicht nachweisbar ist, dass Affekt jedoch beeinflusst wird. Darüber hinaus verdeutlicht diese Studie, dass in der Forschung zur sozialen Identität die Wirkungen auf In-Groups immer auch mit Wirkungen auf Out-Groups kontrastiert werden sollten. In manchen Fällen fühlen sich diskriminierte und nicht diskriminierte Gruppen gleichermaßen berührt und verletzt.
Individuelle Mobilität, soziale Kreativität, sozialer Wettstreit und soziale Veränderung
Bei negativer sozialer Identität kann die Gruppe ggf. verlassen werden, um positive soziale Identität herzustellen (individuelle Mobilität). Wenn soziale Mobilität nicht möglich ist, werden Vergleiche mit Gruppen angestrebt, die weniger gut bewertet sind als die eigene Gruppe und Eigenschaften der eigenen Gruppe betont, die sich dem Vergleich mit der besseren Vergleichsgruppe entziehen (soziale Kreativität). Oder Menschen versuchen, ihre Gruppe zu verändern (sozialer Wettstreit und soziale Veränderung). Diese Prozesse wurden in einem Experiment mit Studierenden untersucht, die sich selbst als Muslim:innen identifizierten (Saleem & Ramasubramanian, 2019). Die Studierenden sahen entweder Youtube-Nachrichten von CBS aus dem Jahr 2007, in denen die Verantwortlichkeit von Muslim:innen für den Terroranschlag auf Fort Dix festgestellt wurde, oder Nachrichten über eine Schule, die während des Ramadans die Nachmittagsschulzeiten anpasste. Im ersten Nachrichtenbeitrag wurde die Religionszugehörigkeit mit Terror und Kriminalität in Verbindung gebracht und im zweiten Beitrag wurde Religionszugehörigkeit neutral dokumentiert. Muslimische Studierende, die den Beitrag zum Terroranschlag sahen, hatten eher den Wunsch nach individueller Mobilität als Studierende, die das Schulvideo sahen. Sie wollten nicht Teil der Majorität der US-Amerikaner:innen sein. Man kann annehmen, dass sie sich durch die Darstellung falsch dargestellt und missverstanden fühlten und sich deshalb von der Majorität der US-Amerikaner:innen abgrenzen wollten. Direkte Einflüsse der Nachrichten auf den Wunsch nach sozialer Veränderung konnten jedoch nicht nachgewiesen werden. Vielmehr hatten nur diejenigen Studierenden das Bedürfnis nach sozialer Veränderung, die sich durch das negative Video diskriminiert fühlten. Wir sehen also, dass Medienangebote sehr unterschiedlich gelesen werden können. Entscheidend ist, ob sie von Rezipierenden als diskriminierend empfunden werden, und es bleibt zu hoffen, dass medienpsychologische Erkenntnisse Aufmerksamkeit bei Medienschaffenden finden, um Rassismus, Terror und Diskriminierung vorzubeugen.
Bei der Social Identity-Theorie handelt es sich um eine sog. Grand Theory. Die Theorie definiert einen Denkansatz und eine bestimmte Auswahl an Variablen, die modelliert werden. Es handelt sich nicht um einen in Gänze operationalisierbaren psychologischen Prozess. Trepte (2006; Trepte et al., 2018b) hat diesen Ablauf im »Identitätsmodell der Medienwahl« für die Medienpsychologie beschrieben. In der medienpsychologischen Forschung wurde der oben dargestellte Ablauf von sozialer Kategorisierung zu sozialer Mobilität jedoch noch nie als Gesamtprozess empirisch untersucht. In der empirischen Forschung zur Theorie sozialer Identität gibt es einige wenige Ansätze, die Theorie sozialer Identität nicht nur als Theorie zur Erklärung der Medienselektion, sondern auch zur Erklärung von Medienwirkungen heranzuziehen. So haben beispielsweise Trepte et al. (2018b) den Einfluss der Bewertung von In-Group und Out-Group untersucht und gezeigt, dass deutsche Studierende sich besser Nachrichten merken können, die positiv über das eigene Land berichten. Theoretisch wurde die Theorie sozialer Identität ganz maßgebend von Turner (1984) – einem Schüler Henri Tajfels – weiterentwickelt (vgl. im Überblick Trepte & Loy, 2017). Turner (1984) formulierte die Theorie sozialer Kategorisierung und betonte in seinem Ansatz besonders die oben beschriebenen Prozesse der Selbstkategorisierung und Salienz. Er unterschied zwischen personaler und sozialer Identität. Personale Identität und soziale Identität repräsentieren – je nach Salienz und Situation – unterschiedlich starke Bezüge auf das Selbst (personale Identität) oder auf soziale Gruppen (soziale Identität). In manchen Situationen ist die personale Identität salienter, in anderen die soziale Identität und in wieder anderen Situationen sind beide Identitäten gleichermaßen salient. Diese Weiterentwicklung wird in der Medienpsychologie vor allem in der computervermittelten Kommunikation betrachtet und auch wir werden uns ihr später im Buch noch einmal ausführlich im Rahmen der Social Identity and De-Individuation-Theorie zuwenden (
Kap. 6.4).
3.4 Emotionen und Stimmungen
Emotionen und Stimmungen können Auslöser der Medienwahl sein: Ob wir einen anstrengenden oder fröhlichen Tag haben, ob ein schockierendes Erlebnis oder eine traurige Erkenntnis verarbeitet werden müssen, beeinflusst maßgeblich, welche Musik wir hören, welche Serie wir schauen und ob wir uns für oder gegen das Teilen unserer Erlebnisse auf Instagram oder in unserer Messenger-Gruppe entscheiden.
Bevor wir nun auf die Effekte von Stimmungen und Gefühlen auf die Medienwahl eingehen, werfen wir einen Blick in die Emotionspsychologie: Was ist eigentlich eine Emotion, ein Gefühl, eine Stimmung? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Wir kennen keine andere Subdisziplin der Psychologie, die so damit ringt, ihre Kernbegriffe zu definieren. An die hundert Definitionen existieren. Dieses Ringen ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass Emotionen einerseits fast naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgen, z. B. unabhängig von Alter, Kultur oder Kontexten steigen bei Angst und Furcht Pulsvolumen und Herzfrequenz. Andererseits müssen die damit einhergehenden subjektiven Gefühle definiert werden und das ist ein recht normativer Prozess. Wenn wir also Emotionen in der Medienpsychologie betrachten, ist es interessant, diese Definitionsproblematik im Hinterkopf zu behalten. Sie fordert uns nicht nur heraus, Definitionen kontinuierlich zur reflektieren, sondern gibt uns auch eine gewisse Freiheit für die Definition der Emotion im Kontext der Medienpsychologie.
Definitionen
Eine Emotion hat drei Bestandteile: (1) ein subjektives Gefühl, also ein Zustand, dessen Qualität von der betroffenen Person beschreibbar ist (z. B. Freude), (2) einen emotionalen Ausdruck, also Verhalten, das mehr oder weniger beobachtbar ist und somit von anderen Menschen beschrieben werden kann (z. B. Lächeln), (3) einen körperlichen Zustand, der einen Anfang und ein Ende hat und mit psycho-physiologischen Methoden messbar ist (z. B. Herzrate). Emotionen treten in der Regel als Reaktion auf ein emotionsauslösendes Ereignis auf, sind von kurzer Dauer und haben einen klaren Anfangs- und Endpunkt (Schmidt-Atzert et al., 2014).
Stimmungen werden ebenso wie Emotionen als Formen des affektiven Erlebens verstanden. Im Gegensatz zu Emotionen sind sie jedoch langwieriger und können nicht einem konkreten Auslöser zugeordnet werden. Sie haben keinen klaren Anfangs- und Endpunkt.
Affekt beschreibt eine kurzzeitige emotionale Reaktion auf einen Reiz oder eine Situation.
Die Emotionspsychologie befasst sich mit drei Forschungsbereichen, die mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und Studien der Medienpsychologie verknüpft sind:
1. Entstehung von Emotionen: Es wird beispielsweise angenommen, dass Emotionen zumindest teilweise angeboren sind. Untersucht wird, wie sie sich im Verlauf der Entwicklung eines Menschen durch Lernen verändern oder welchen Einfluss Rollenmodelle nehmen. Für die Medienpsychologie ist das besonders im Kontext der Medienwirkungen relevant, denn hier geht es um die Frage wie Medien auf Emotionen wirken. Medien werden also hier als Auslöser im Entstehungsprozess von Emotionen erforscht (
Kap. 4.2).
2. Wahrnehmung und Erleben von Emotionen: Dabei werden beispielsweise neurowissenschaftliche Erklärungsansätze herangezogen, um herauszufinden, wie Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse in emotionsverarbeitenden Hirnsystemen repräsentiert werden. Und ein wichtiger Teil ist die Entwicklung von Methoden und Verfahren, mit denen die Emotionswahrnehmung erfasst werden kann (
Kap. 2).
3. Wirkung von Emotionen: Abhängig von ihren Stimmungen, Gefühlen und spontanem Affekt selektieren Menschen ganz unterschiedliche Situationen und auch Medienangebote. Dieses Thema werden wir nun näher betrachten.
Dolf Zillmann befasste sich mit dem Einfluss von Emotionen und Stimmungen auf die Auswahl unterhaltsamer Medieninhalte (Zillmann 1988a, 1988b; für einen Überblick vgl. Reinecke, 2017). Zu Beginn seiner Forschung postulierte er die Drei-Faktoren-Theorie der Emotion (Zillmann, 2004) und publizierte wenig später gemeinsam mit Jennings Bryant den ersten Beitrag zur emotionsbedingten Selective Exposure, also der selektiven Medienwahl (Zillmann & Bryant, 1985). Darauf basieren die Arbeiten zum Mood Management.
Die Mood Management Theory besagt, dass Zuschauer unterhaltsame Medienangebote in Abhängigkeit von ihrer aktuellen Stimmung und ihrem aktuellen Erregungslevel auswählen und dass sie danach streben, eine möglichst gute Stimmung aufrechtzuerhalten oder herzustellen. Zillmann untersuchte die Effekte der Stimmung vor allem in Experimenten. Er nimmt an, dass man die Rezeptionssituation und den Selektionsprozess in Befragungen nicht valide abbilden kann.
Die Prämissen der Mood Management Theory beinhalten, dass Menschen sich ihrer Bedürfnisse nicht bewusst sind und dass lediglich die Entscheidung zur Mediennutzung, nicht aber die Auswahl der eigentlichen Medieninhalte bewusst getroffen wird. Zillmann (1988a, 1988b) geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich hedonistisch veranlagt sind. Die Mood Management Theory basiert auf sechs Annahmen:
1. Überstimulation wie Stress und Unterstimulation wie Langeweile sollen vermieden werden.
2. Bei Überstimulation werden beruhigende und bei Unterstimulation anregende Medieninhalte ausgewählt.
3. Der Mensch strebt danach, eine positive Stimmung zu erreichen und aufrechtzuerhalten, bzw. negative Stimmungen zu vermeiden oder zu reduzieren.
4. Bei positiver Stimmung werden wenig ablenkende oder absorbierende Inhalte gewählt, um die positive Stimmung beizubehalten.
5. Bei negativer Stimmung werden ablenkende und involvierende Medieninhalte gewählt. Diese Stimuli sollten inhaltlich möglichst wenig mit der aversiven Stimmung zu tun haben.
6. Das Ergebnis einer Medienselektion wird gelernt und auf nachfolgende Selektionsentscheidungen angewandt. Dabei wirken Prozesse des Verstärkungslernens (operantes Konditionieren): Positive Stimmungen wirken verstärkend und führen dazu, dass sich Menschen bei der nächsten anstehenden Medienwahl wieder für ein entsprechendes Angebot entscheiden.
Vereinfacht ist der Zusammenhang zwischen Stimmung und Erregungsniveau in Abbildung 3.1 dargestellt. Die hypothetische Verteilung verdeutlicht idealtypisch das Zillmann’sche Postulat, dass Menschen einen optimalen Stimmungszustand erreichen, wenn sie sich auf einem individuell mittleren Erregungsniveau befinden (vgl. zum Begriff der Erregung bzw. des Arousal
Kap. 2.4).

Abb. 3.1: Hypothetische Verteilung von Stimmung und Erregungsniveau
In den klassischen Selektionsexperimenten (
Kap. 2.2) der Mood Management Theory werden Menschen durch Frustration in eine schlechte Stimmung versetzt, sie erhalten eine langweilige oder stressinduzierende Aufgabe (Experimentalgruppe). Eine andere Gruppe erhält keinen oder einen neutralen Stimulus (Kontrollgruppe). Anschließend können sie aus einem Angebot von verschiedenen Medien auswählen und die Medienwahl der Gruppen wird verglichen. Die Annahmen der Mood Management Theory wurden auf diese oder ähnliche Weise in vielen Studien überprüft und auf verschiedene Medienkontexte und Rezipient:innengruppen angewandt (vgl. im Überblick Reinecke, 2017).
Für die Medienwahl ist nicht nur die Stimmung, sondern auch das Medienangebot entscheidend. Eigenschaften der Medienunterhaltung werden ebenfalls als Teil der Mood Management Theory definiert:
1. Erregungspotenzial: Wie hoch ist das Erregungspotenzial des Unterhaltungsangebotes? Ist die Unterhaltung aufregend oder eher langweilig?
2. Absorptionspotenzial: Wie sehr lenkt das Unterhaltungsangebot ab bzw. »saugt ein«?
3. Semantische Affinität: Wie nah sind sich inhaltlich die aktuelle Stimmung des Individuums und das Unterhaltungsangebot?
4. Affektive Valenz: Welche affektive Färbung hat das Unterhaltungsangebot? Hat es eher eine positive (z. B. heitere oder fröhliche) oder negative (z. B. ernste oder traurige) Tonalität?
Dass Zillmann Medieneigenschaften in seiner Theorie bedachte, ist besonders hervorzuheben, denn nur wenige medienpsychologische Theorien benennen explizit skalierbare Medieneigenschaften. Diese Grundannahmen der Theorie wurden bisher vor allem im Hinblick auf die Eigenschaften von Computerspielen untersucht (Bowman & Tamborini, 2013). Beispielsweise wurde in Studien unterschieden, ob Konsolen und ihre Steuerung ein eher hohes Absorptionspotenzial haben (z. B. Flightstick, Joy-Stick) oder ein eher geringes (z. B. PC-Tastatur). Die Forschung konzentriert sich jedoch bisher stark auf interaktive Angebote und wenig auf Filme, für die Zillmann die Theorie vornehmlich entwarf. Ob jedoch eher ein klassischer Hollywood-Film mit hohem Erregungs- und Absorptionspotenzial und einer ausgeprägten semantischen Affinität und hedonischen Valenz von Mediennutzenden selektiert wird, oder ob eher ein Film, der all diese Kriterien nicht erfüllt, aber z. B. einen oscarprämierten Cast hat, ausgewählt wird, wissen wir bisher nicht.
Eine Vielzahl an Studien zur Mood Management Theory konnte die grundlegenden Effekte von Stimmung und Stimulation auf die Wahl von unterhaltsamen Medieninhalten replizieren. Gleichzeitig führten die grundlegenden Studien zu offenen Fragen und damit zu Erweiterungen der Theorie, die wir im Folgenden vorstellen.
Das Sad-Film- Paradoxon beschreibt einen Prozess der Medienselektion, der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: Menschen wählen wissentlich Unterhaltungsangebote (z. B. traurige Musik oder ein TV-Drama) aus, die sie in eine schlechte Stimmung versetzen (Vogel, 2007). Das Sad-Film-Paradoxon hat eine Welle von Forschung initiiert, die zu verschiedenen interessanten Erweiterungen der Mood Management Theory geführt hat. Wir schauen uns diese Theorieerweiterungen an und betrachten sie hier vor allem als Erklärungsvariante des Sad-Film-Paradoxons. Diese Erweiterungen sind aber auch ohne das Paradoxon als singuläre Theoriebausteine relevant und eignen sich sehr gut zur Erklärung der Medienselektion aufgrund von Emotionen und Stimmungen (vgl. im Überblick Knobloch-Westerwick, 2015b):
• Emotional Utility entsteht, wenn die emotionale Nützlichkeit auf anderem Weg als durch unmittelbare positive Gefühle erreicht wird. Menschen können es als gewinnbringend empfinden, negative oder ambivalente Emotionen zu erleben. In diesem Fall können positive Meta-Emotionen entstehen, also positive »Gefühle über Gefühle«. Der Ansatz der Meta-Emotionen unterstellt, dass Menschen während der Mediennutzung ihre Emotionen in einem Bewertungsprozess wahrnehmen und überprüfen (Schramm & Oliver, 2012). Dieses Appraisal kann so intuitiv wie primäre Emotionen erlebt werden (vgl. Definition von Appraisal in
Kap. 4.2). Während der Rezeption von Horrorfilmen, Tragödien, Dramen oder anderen primär aversiven Inhalten können Rezipient:innen gleichzeitig negative Stimmungen im Hinblick auf die Inhalte und positive Meta-Emotionen empfinden. Diese positiven Meta-Emotionen entstehen beispielsweise, weil ein Interesse besteht, neue oder fremdartige Emotionen zu erfahren, oder weil sie die Inhalte und die empfundenen Emotionen als besonders bedeutungsvoll empfinden (Schramm & Oliver, 2012). Wenn wir beispielsweise in der Serie »Shameless« ertragen müssen, dass Kinder von ihren Eltern vernachlässigt werden, elterliche Aufgaben übernehmen, Geschwister versorgen und den Lebensunterhalt verdienen, so haben wir dennoch die Möglichkeit, uns in die prekäre Lebenswelt dieser Kinder zu begeben, die wir ohne die Rezeption der Serie evtl. nicht hätten »fühlen« können. Dass diese Situation überhaupt in eingeschränktem Maße erlebt werden kann, vermittelt dann positive Meta-Emotionen, weil diese Emotionen als bedeutungsvoll empfunden werden (siehe auch
Kap. 4.3 zum Unterhaltungserleben).
• Information Utility bezeichnet das Bedürfnis, mithilfe von Medienangeboten Orientierung und Information über Probleme, gesellschaftliche Bedrohungen oder das Leben anderer zu erfahren. Zillmann (2000) hat dieses Bedürfnis nach Orientierung und Information im Kontext der Mood Management Theory so interpretiert, dass die Sammlung von Informationen dem mittelfristigen hedonistischen Ziel, sich sicher und damit besser zu fühlen, dienen kann.
• Telic Hedonism beschreibt, dass Menschen kurzfristige hedonistische Ziele zurückstellen und sogar kurzfristige »negative« Emotionen in Kauf nehmen, da sie langfristig hedonistisch profitieren. Beispielsweise entscheiden wir uns für die Serie »Shameless« nicht trotz, sondern weil sie prekäre Lebensverhältnisse zeigt. Wir sind in der Lage unser Bedürfnis nach guter Stimmung hinauszuzögern und anzupassen. Wir akzeptieren, dass wir erst die Misere der Kinder drogensüchtiger Eltern mitansehen müssen, um dann im Verlauf der Serie herauszufinden (und es als unterhaltsam, also hedonistisch positiv erleben), dass sie ihr Leben mit wenig Geld und viel gegenseitiger Unterstützung unkonventionell meistern.
• Mood Adjustment beschreibt, dass Menschen nicht unmittelbar hedonistische Ziele mit der Mediennutzung erreichen müssen, sondern Medien auch nutzen, um die Stimmung anderen Zielen unterzuordnen. Die Stimmung wird also angepasst, um bestimmte Ziele zu erreichen (Knobloch-Westerwick et al., 2020). Während Telic Hedonism die übergreifende Verschiebung des Hedonismus anspricht, bezieht sich Mood Adjustment auf die Anpassung der Stimmung im Hinblick auf das zu erreichende Ziel.
Auch wenn es in diesem Abschnitt vor allem um die Medienselektion geht, stellt sich natürlich auch die Frage, ob die letztlich selektierten Medien die intendierten Wirkungen erzielen. Wie geht es weiter, wenn Menschen Medien mit dem Ziel auswählen, ihre Stimmung zu verbessern? Wenn negative Stimmungen »repariert« werden, wird das als Mood Repair bezeichnet. Mood Repair kann mithilfe von Ablenkung stattfinden, d. h. indem in anderen Bereichen Erfolge erzielt oder positive Erfahrungen gemacht werden (Reinecke et al., 2012). Die Forschung zu Computerspielen hat gezeigt, dass Menschen sehr gut in der Lage sind, ihre Stimmung und sogar die Selbsteinschätzung der eigenen Kompetenz mit Gaming-Erfolgen zu »reparieren«, wenn sie zuvor in einem manipulierten Feedback erfahren hatten, dass ihr Wissen unterdurchschnittlich sei (Koban et al., 2019).
Die Forschung zum Mood Management, Mood Adjustment und Mood Repair zeigt, dass die intensive, programmatische Arbeit am Thema der emotionsinduzierten Medienwahl zu sehr fruchtbaren Ergebnissen geführt hat. Dies ist ein zukunftsweisendes Forschungsfeld für die Gaming-Forschung, da Computerspiele ganz klar die emotionale Verarbeitung ansprechen. Auf VR-Technologie (z. B. Oculus Rift oder HTC Vive) basierende Spiele werden deshalb häufig als »Empathy Machines« bezeichnet (Hassan, 2019). Wir nehmen an, dass Spieler:innen ihr Mood Management mit interaktiven oder VR-Spielen noch genauer aussteuern können als z. B. mit Serien und dass Mood Repair psychologisch und physiologisch auf diese Weise gezielt stattfinden kann (Rieger et al., 2015).
3.5 Bedürfnisbefriedigung und persönliche Weiterentwicklung
Wir haben in den bisherigen Abschnitten zur Medienselektion gesehen, dass emotionale und kognitive Prozesse bei der Medienselektion Hand in Hand gehen. Medienselektion kann besonders gewinnbringend erklärt werden, wenn wir beide Prozesse berücksichtigen (Vorderer & Reinecke, 2012, 2015). Auch haben wir die offenen Fragen der Forschung zur Medienselektion kennen gelernt (z. B. Sad-Film-Paradoxon). Die von Ryan und Deci (2000, 2017) begründete Self-Determination Theory wird herangezogen, um erstens die Integration von Emotion und Kognition zu leisten, und um zweitens offene Fragen, wie etwa das oben angesprochene Sad-Film-Paradoxon zu adressieren. Dazu wird die Medienwahl auf die Befriedigung von psychologischen Grundbedürfnissen zurückgeführt, um so aus hedonistischer Perspektive paradox erscheinende Mediennutzung besser zu verstehen.
Die Self-Determination Theory geht davon aus, dass zur generellen Bedürfnisbefriedigung und zum individuellen Wohlbefinden drei grundlegende Motive befriedigt sein müssen: Autonomie, Herausforderung und Verbundenheit mit anderen Menschen (Vansteenkiste, Ryan & Soenens, 2020). Im Hinblick auf die Rezeption unterhaltsamer Medieninhalte wird angenommen, dass neben rein hedonistischen Bedürfnissen auch diese drei genannten Grundbedürfnisse maßgebend für die Medienwahl sein können (Rigby & Ryan, 2017; Tamborini et al., 2011). Damit werden Motive der Mediennutzung vorgeschlagen, die das persönliche Wachstum und die individuelle Weiterentwicklung betreffen. Und in der Tat zeigen zahlreiche empirische Studien, dass die drei in der Self-Determination Theory definierten Grundbedürfnisse zentrale Treiber der Selektion ganz unterschiedlicher Mediengattungen sind. Sie spielen eine Rolle bei der Nutzung interaktiver Medien, z. B. Computerspiele (Reer & Krämer, 2020; Rogers, 2017), Social Media (Cui & Ji, 2019; Reinecke et al., 2014) und Smartphones (Meier, 2018) und nicht-interaktiver Medien, z. B. Filme oder Serien (Adachi et al., 2018; Granow et al., 2018).
Vorderer und Reinecke (2015) schlagen basierend auf der Self-Determination Theory ein Zwei-Ebenen-Modell vor. Dieses soll nicht nur das Motiv der Unterhaltungsnutzung erklären, sondern auch die Appreciation, also die antizipierte kognitiv und emotional anerkennende Bewertung der Unterhaltungsformate. Vorderer (2011) ergänzt vorhandene Selektionstheorien dahingehend, dass nicht nur das bloße emotional geprägte Vergnügen, sondern eben auch die mentale Wertschätzung eines Medienangebotes antizipiert wird und einen Einfluss auf die letztlich stattfindende Medienwahl hat (zu weiteren Definitionen von Appreciation siehe auch
Kap. 4.3). Der wesentliche Gewinn dieser Ansätze ist, dass die unmittelbare emotionale Bedürfnisbefriedigung zwar als ein erstes Ziel der Medienwahl verstanden wird, dass aber auch Nutzungsmotive berücksichtigt werden, die eine tiefere, mentale Befriedigung versprechen, z. B. auf intellektueller oder ästhetischer Ebene. Um persönliche Weiterentwicklung durch Mediennutzung zu erreichen, werden dabei auch negative Gefühle toleriert, die bei der Rezeption entstehen können.
An diesen Gedanken knüpfen Ansätze zur Meaningfulness an (Oliver & Raney, 2011; Oliver et al., 2018). Demnach kann Medienunterhaltung aus verschiedenen Gründen als »meaningful« oder bedeutsam verstanden werden: (1) wenn sie sich auf moralische Verdienste anderer bezieht, (2) wenn sie Anlass dazu gibt, das eigene moralische Selbstverständnis zu reflektieren, (3) wenn sie Hinweise beinhaltet, wie ein glückliches Leben geführt werden kann, oder an den Wert des Lebens erinnert, (4) wenn sie verspricht, sich mit einem Thema zu befassen, mit dem sich auch die Zuschauerin oder der Zuschauer intensiv auseinandergesetzt hat, und (5) wenn sie spirituelle Erfahrungen oder ein Gefühl von Inspiration vermittelt (Oliver & Bartsch, 2011; Raney et al., 2018). Wenn Unterhaltungsangebote diese Gratifikationen versprechen, so sollten Zuschauer:innen die antizipierten aversiven Inhalte in Kauf nehmen, um aus den Medieninhalten Bedeutungsvolles für ihr eigenes Leben ziehen zu können.
Die Befriedigung komplexer Grundbedürfnisse und das Wachsen als Person stellen somit zentrale Zuwendungsmotive zu den Medien dar. Das starke Potenzial der Mediennutzung, diese Bedürfnisse zu befriedigen, hat aber auch Schattenseiten. So zeigt sich in einer wachsenden Zahl von Studien, dass insbesondere Mediennutzende, deren Grundbedürfnisse außerhalb der Medien nicht oder nur unzureichend befriedigt werden und die z. B. unter verringerter Lebenszufriedenheit oder familiären Konflikten leiden, ein erhöhtes Risiko für unkontrollierte und problematische Mediennutzung aufweisen (Cheng & Li, 2014; Fumero et al., 2018). Mediennutzung kann unter diesen Umständen eine dysfunktionale Bewältigungsstrategie darstellen.
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