Kitabı oku: «Die Grundschule neu bestimmen»

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Der Autor


Johannes Jung war zunächst als Lehrer in Grund- und Hauptschulen tätig, bevor er 1996 als Dozent an die Universität Würzburg wechselte. Nach Lehrstuhlvertretungen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Regensburg schloss er 2010 seine Habilitation über den Heimatkundeunterricht in der DDR ab. Seit 2017 ist er als apl. Professor an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg tätig. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen neben der historisch-systematischen Grundschulforschung vor allem im Sachunterricht, beispielsweise im Philosophieren mit Kindern, aber auch in der gesellschaftlich-politischen Erziehung. Dabei steht für ihn immer die Frage des Praxisbezugs und der Praxistauglichkeit im Mittelpunkt.

Johannes Jung

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037194-1

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pdf: ISBN 978-3-17-037195-8

epub: ISBN 978-3-17-037196-5

mobi: ISBN 978-3-17-037197-2

Vorwort der Herausgeberinnen

Die aktuellen gesellschaftlichen und häufig globalisierungsbedingten Veränderungen beeinflussen Grundschulen auf mannigfaltige Arten. Angesichts dessen thematisiert die neue Reihe »Grundschule heute« – herausgegeben von Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother (Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Würzburg) und Dr. Sarah Désirée Lange (Akademische Rätin am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Universität Würzburg) – drängende Zukunftsfragen in ihrer Bedeutung für die Disziplin der Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Entwicklungen der Gegenwart betreffen Bereiche wie Digitalisierung, Inklusion, Globalisierung, Migration und Flucht und bringen weitreichende neue Herausforderungen für Lehrkräfte, Schulleitungen und für Eltern und ihre Kinder mit sich.

So stellt beispielsweise der mit den gesellschaftlichen Digitalisierungsprozessen verbundene Anspruch, Schülerinnen und Schüler zu einem selbstbestimmten und reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu befähigen, alle Beteiligten vor neue Herausforderungen. Auch Mehrsprachigkeit und Fluchtmigration sind Phänomene gesellschaftlicher Entwicklungen, die gegenwärtig in hohem Maße zur Komplexität professionellen Handelns von Lehrkräften beitragen.

Mit der vorliegenden Reihe soll der grundschulpädagogische Diskurs hinsichtlich der gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen der Gesellschaft weiterentwickelt werden. Dazu werden in jedem Band neben einer forschungs- und theoriebasierten Auseinandersetzung auch jeweils praktisch umsetzbare Ansätze für die Gestaltung von Unterricht und von grundschulbezogenen Bildungsprozessen herausgearbeitet.

In diesem Zusammenhang werden auch die aktuellen Strukturen und Inhalte der Ausbildung von Grundschullehrkräften hinterfragt. So werden in der Reihe »Grundschule heute« relevante Professionalisierungsfelder identifiziert, mögliche Implikationen für die Rahmenbedingungen der Lehrkräftebildung aufgezeigt und Anforderungen an eine qualitativ hochwertige und zeitgemäße Qualifizierung von Grundschullehrkräften diskutiert.

Zusammenfassend geht es darum, hinsichtlich gegenwärtiger und künftiger Herausforderungen die institutionellen Bedingungen der Grundschule mit dem Anspruch an grundlegende Bildung und die Frage nach zeitgemäßen Bildungsinhalten neu in den Blick zu nehmen. Damit verbunden ist die genaue Betrachtung kindlicher Lebenswelten und die Berücksichtigung aktueller Aufwachsensbedingungen der Schülerinnen und Schüler. Auf Schul- und Unterrichtsebene stellen sich dabei pädagogisch-didaktische Fragen, zu denen auch rahmende Raum-, Zeit- und Organisationsstrukturen gehören. Auf Seiten der Lehrkräfte umfasst dies anspruchsvolle und zum Teil spannungsreiche Aufgaben, die sich beispielsweise in einem reflektierten Umgang mit sprachlicher Vielfalt und Mehrsprachigkeit im Zuge von Migration und Flucht manifestieren oder mit der Forderung nach einem inklusiven Schulsystem verbunden sind.

Würzburg, im Dezember 2020

Sanna Pohlmann-Rother und Sarah Désirée Lange

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort der Herausgeberinnen

2  Vorwort und Überblick

3  1 Theorie der Grundschule – ein Desideratum?

4  1.1 Was ist eine Theorie?

5  1.2 Was umfasst und bewirkt eine Theorie?

6  1.3 Die Grundschule – eine Tradition ohne Theorie?

7  1.4 Welchen Sinn hat eine Theorie der Grundschule?

8  1.5 Exkurs I: Grundschulforschung – Die wissenschaftlichen Profile einer jungen Disziplin im Überblick

9  2 Die Grundschule: Kernaufgaben, Spezifika, Leitvorstellungen

10  2.1 Erstes Leitbild: Die Grundschule als verbindende Brücke oder Vermittlungsort

11  2.2 Zweites Leitbild: Die Grundschule als Ort der Vorbereitung

12  2.3 Drittes Leitbild: Die Grundschule als Ort erster Beschulung

13  2.4 Viertes Leitbild: Die Grundschule als Ort gemeinsamer Beschulung

14  2.5 Fünftes Leitbild: Die Grundschule als Ort kindgemäßer Beschulung

15  2.6 Exkurs II: Kindgemäß – eine begriffliche Klärung

16  2.7 Sechstes Leitbild: Die Grundschule als Ort grundlegender Beschulung

17  2.8 Exkurs III: Bildung – Lernen – Literacy – Kompetenz – Qualifikation? Ein Abgrenzungsversuch

18  2.9 Grundlegende Bildung als autopoetischer Prozess

19  3 Die Grundschule als der Ort Grundlegender Bildung

20  3.1 Grundlegende Bildung als System von Dimensionen und Modalitäten

21  3.2 Grundlegende Bildung eröffnet Weltbegegnungspfade und Sinnprovinzen (Dimensionen)

22  3.3 Grundlegende Bildung verändert Umgangsweisen – Modi der Weltbegegnung

23  4 Bilanzierungsversuch und Fazit: Welchen Ertrag liefert die Theorie der Grundschule?

24  4.1 Was ist der Ertrag einer Theorie der Grundschule für die Disziplin?

25  4.2 Was ist der Ertrag einer Theorie der Grundschule für die Institution?

26  4.3 Was ist der Ertrag einer Theorie der Grundschule für die Profession?

27  Literaturangaben

Vorwort und Überblick

Zentraler Bezugspunkt dieses Bandes ist die deutsche Grundschule. Dabei geht es nicht nur um diese Schulform als Institution, sondern auch um das Selbstverständnis und die Aufgaben des in ihr beschäftigten Lehrpersonals, ebenso um die universitäre Bezugsdisziplin Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik, die sowohl für die Ausbildung des Personals als auch für die wissenschaftliche Beforschung des Handlungsfeldes zuständig ist. Mit Blick auf diese drei Bereiche stellt das Buch den Versuch dar, für die deutsche Grundschule einen umfassenden und konsistenten theoretischen Überbau zu entwerfen, der allerdings auch eine Hilfe für das praktische Handeln im Schul- und Unterrichtsalltag sein sollte.

Als Eröffnungsband der Reihe Grundschule heute soll damit zunächst eine tragfähige konzeptionelle Basis für die aktuelle Grundschule entworfen werden. Gerade vor dem Hintergrund neuer und vielfältiger gesellschaftlicher und pädagogischer Herausforderungen können einzelne Fragen und Aufgaben, wie der Umgang mit Migration, Inklusion oder virtuellem Leben und Lernen, in den folgenden Bänden der Reihe natürlich viel differenzierter und spezifischer dargestellt werden. Dieser erste Band bescheidet sich mit einer großen theoretischen Rahmung, innerhalb derer sich die moderne deutsche Grundschule zu positionieren und praktisch zu entfalten vermag.

Dafür muss zunächst, in einem ersten Kapitel, der Frage nachgegangen werden, weshalb dies eigentlich notwendig ist. Zu klären wäre hier vor allem, was eine theoretische Rahmung denn überhaupt leisten kann, gerade für die Praxis, was sie zu umfassen vermag und welche Reichweite sie haben kann. Zudem soll, durch einen anschließenden Überblick über bereits existierende, durchaus respektable, aussichtsreiche und vielseitige Theorieansätze – etwa durch Friederike Heinzel oder Ludwig Duncker – die These untersucht werden, ob die Grundschule bislang wirklich ohne eigenständige Theorie geblieben ist. Damit verbunden ist natürlich die Frage, ob das Fehlen einer Theorie der Grundschule denn überhaupt als Mangel anzusehen ist. Dies alles darf als Resümee des aktuellen Forschungs- und Erkenntnisstandes und als Momentaufnahme und Zusammenschau wissenschaftlicher Desiderata angesehen werden. In diesem Zusammenhang soll anschließend die Frage geklärt werden, zu welchem Zweck dieser theoretische Rahmen und die theoretische Fundierung der Grundschule denn überhaupt sinnvoll, gar notwendig sein könnten, welcher Zuwachs an Erkenntnis und Handlungskompetenz daraus erwachsen könnte. Ähnlich fundamental ist der Blick in die Entwicklung, den aktuellen Zustand und die Weiterentwicklung der universitären Disziplin Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Gerade aus der vergleichenden Analyse bisheriger Ansätze lassen sich möglicherweise neue disziplinäre Entwicklungsperspektiven gewinnen. Ein kurzer Exkurs über die forschungsmethodische Situation der Grundschulpädagogik und -didaktik wird dieses Kapitel abrunden.

Dann, im zweiten Kapitel, gilt es zunächst einmal die Spezifika der Grundschule zu bestimmen – falls es sie überhaupt geben sollte! Dabei müssen die lediglich bildungsadministrativen Zufälligkeiten dieser Schulstufe, also die momentane Festlegung auf die ersten vier bzw. sechs Schuljahre, als eher nachgeordnet angesehen werden. Die Frage ist also zu klären, was die Anfangsphase institutionalisierter Bildung im Innersten ausmacht und zusammenhält. Hierbei lassen sich verschiedene Charakteristika der Grundschule identifizieren, die oft eine ausgesprochen divergente Trennschärfe besitzen. Nach meiner Auffassung lässt sich hier als zentrales Spezifikum die Grundlegende Bildung ausmachen, wobei das Attribut grundlegend in doppelter Weise irreführend wirken könnte. Irritierend deshalb, weil es doch sowohl Vorläufigkeit wie auch Unfertigkeit nahelegt und zudem die Frage offenlässt, wo sich ganz konkret die Grenze zwischen grundlegend und weiterführend ziehen lässt.

Das dritte Kapitel widmet sich dementsprechend einer Zentrierung auf die Grundlegende Bildung als dem konstitutiven Kern der Grundschule. Neben einer Klärung des fundamentalen Lern- und Bildungsbegriffes und Überlegungen zu Vermittlung und Selbstkonstruktion soll die Idee von Grundlegender Bildung weiterentwickelt werden. Grundlegende Bildung besteht dabei, nach meiner Vorstellung, aus welterschließenden Dimensionen, gleichsam Wegen oder Blickrichtungen in die Welt, und Modi, die als Vorgehens- oder Umgangsweisen auf diesen Wegen verstanden werden sollen – eine Kombination aus Richtungen und Bewegungsarten sozusagen. Bei diesem Verständnis von Bildung ist eher an einen ausstrahlenden Kern als an ein festgegossenes Fundament gedacht; der eher zutreffende Terminus Nukleare statt Grundlegende Bildung dürfte aktuell aber wenig gesellschaftliche und pädagogische Akzeptanz erfahren.

Im vierten Kapitel sollen noch einmal die Ergebnisse resümierend zusammengefasst und in ihren profil- und identitätsstiftenden Möglichkeiten verdeutlicht werden: Wie lassen sich zentrale Aufgaben der Institution, der Profession und der Disziplin erkennen, herleiten und begründen, welche lassen sich zurückweisen? Und wie können die Institution, die Profession und die Disziplin durch eine derartige theoretische Rahmung eine innere Struktur und eine Abgrenzung nach außen gewinnen? In diesem Gliederungspunkt geht es also ganz zentral um handlungs- und entscheidungsleitende Potentiale, die Schule, Lehrkräfte und wissenschaftliche Forschungsansätze bzw. -schwerpunkte mit dem Blick auf die Grundlegende Bildung gewinnen oder unterstützen können.

Im Überblick ist dies also die Zielsetzung, aus welcher der innerste Anspruch dieses Bandes erwächst. Damit sind Hoffnungen verbunden, keine Versprechen.

1
Theorie der Grundschule – ein Desideratum?

In diesem ersten Kapitel sollen vier Punkte geklärt werden: Was ist unter einer Theorie oder einer Theoretischen Rahmung zu verstehen? Was kann in diesem Rahmen Platz finden? Ist eine solche theoretische Rahmung für die Grundschule nicht bereits vorhanden, nachdem diese Schulstufe ja real durchaus existiert? Und kann diese Theorie überhaupt etwas bewirken, ist sie notwendig?

1.1 Was ist eine Theorie?

Zunächst einmal soll geklärt werden, was mit dem Begriff Theorie überhaupt gemeint werden kann. Der Begriff ist ja auch wissenschaftstheoretisch nicht ganz unumstrittenen. Unter einer wissenschaftlichen Theorie ganz generell, soweit dürfte Konsens bestehen, lässt sich ein System von weitgehend widerspruchsfreien Grundannahmen verstehen, das logisch oder empirisch überprüfbar sein muss und Phänomene der Welt beschreiben, erklären und analysieren kann. Im besten Falle und in gewissem, nicht zu engem Rahmen erlaubt sie auch eine Prognose zukünftiger Entwicklungen. In der klassischen griechisch-antiken Philosophie verstand sich eine Theorie eher als eine »reine Betrachtung der Wesensstrukturen der Welt […] eine geistige, gedankliche Schau, eine besondere Erkenntnisweise, die frei von der sinnlichen Wahrnehmung und praktischen Bezügen« (Ulfig 1997, 420) sein konnte. Spätestens seit dem Marxschen Ideologievorwurf an die traditionelle Philosophie rückte der geschärfte Blick auf die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit stärker in den Mittelpunkt, die Ablehnung einer bloßen geistigen Betrachtung dürfte insgesamt akzeptiert sein. Nach Marx und der an ihm orientierten Kritischen Theorie der sogenannten Frankfurter Schule (v. a. Adorno, Horkheimer, Habermas) ist es notwendiges Ziel jeder sozialwissenschaftlichen Theorie, nicht nur die »Abhängigkeit von der jeweiligen gesellschaftlich-ökonomischen Praxis, von Interessen der jeweils herrschenden Klassen, speziellen Ideologien usw.« (Gondosch et al., 61) aufzuzeigen, sondern auch Veränderungen, Weiterentwicklungen und politische Aktionen zu initiieren. So verstanden, müsste aus einer Theorie der Grundschule fast zwangsläufig ein bildungspolitisches Programm entstehen. Bei Hanna Kipers Theorie der Schule resultiert aus eben dieser Bezugnahme auf die Kritische Theorie konsequenterweise etwa die Forderung nach Bildungsgerechtigkeit und Partizipation (vgl. Kiper 2013). Grundsätzlich ist daher der mögliche Anspruch auf eine klare, praxisorientierte Relevanz durchaus einsichtig und soll aufrechterhalten werden. Praxis allerdings wird hier ausdrücklich nicht als mechanistisches Hantieren, sondern als überlegtes, vernunftgeleitetes, geistig durchdrungenes Handeln verstanden. Ansonsten besteht nämlich durchaus die Gefahr, dass bei eindeutig handlungsleitenden Folgerungen die Übergänge zwischen deskriptiven und normativen Gesichtspunkten relativ rasch verschwimmen und wieder eine programmatische pädagogische Theorie mit ideologischen Elementen entsteht.

Neben diesem Problem, dass eine Theorie stark normativ und einengend wirken kann, finden sich etwa bei Martin Heidegger ganz andere Vorbehalte gegenüber wissenschaftlichen Theorien. In der geisteswissenschaftlichen Tradition Wilhelm Diltheys erteilt er jeder Möglichkeit einer theoriebasierten wissenschaftlichen Erkenntnis eine klare Absage und fordert stattdessen ein »Vorgehen als Hermeneutik, d. h. als Kunst der Auslegung zum Zweck von Sinnverständnis« (Gondosch et al. 1980, 60; Hervorh. i. O.). Hier geht es nicht um Theorien als Möglichkeiten und Grundlagen für die scharfe Analyse und das Erklären der Wirklichkeit, sondern um ein Sich-Hineinversetzen und elementares, seelisches Verstehen nach den Maßgaben des Hermeneutischen Zirkels (vgl. Ulfig 1997, 174 f.).

Auf der anderen Seite wäre auch noch die Position radikaler Wissenschaftsskeptiker wie Paul Feyerabend zu erwähnen, die vor allem in den sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien eine dogmatische, uniformierende Hegemonie der Wissenschaftsgesellschaft sehen, die unseren Blick auf die Welt und die Wahrnehmung von Wirklichkeit bestimmt (vgl. Feyerabend 1976).

Diese Hinweise und Vorbehalte extrem kritischer Skeptiker gelten sicher innerhalb der scientific-community nicht unbedingt als mehrheitsfähig und deuten eher auf die mögliche Breite des Diskurses hin, sollten aber doch zumindest Erwähnung finden. Dies geschieht allein deshalb, weil sich hier erkennen lässt, dass bereits das Errichten eines theoretischen Überbaues durchaus als tendenziöses und absichtsvolles Unternehmen gewertet werden kann, welches mit eben diesen Konstruktionen neue Wirklichkeiten schafft und Ziele erschließt. All das gilt umso mehr, nachdem sich Wissenschaft meines Erachtens natürlich primär auch als soziale Konstruktion begreifen lässt. Für grundlegende theoretische Paradigmenwechsel, wie beispielsweise in den letzten Jahren bei der Frage der Inklusion, sind daher eher gesellschaftliche Diskurswechsel verantwortlich als wissenschaftlicher Erkenntniszuwachs oder eine ausreichende forschungsbasierte Evidenz.

Thomas S. Kuhn hat aus wissenschaftstheoretischer Perspektive ja bereits vor Jahrzehnten seine Meta-Theorien über die asynchronen und abrupten Diskontinuitäten in Bezug auf die Paradigmenwechsel bei Theoriebildung und neuer Fokussierung formuliert (vgl. Kuhn 1967). Seine Überlegungen haben natürlich breiten Widerspruch auch innerhalb der Wissenschaft hervorgerufen, scheinen aber doch in regelmäßigen Abständen immer wieder neu diskutiert und aktualisiert zu werden.

Wie dem auch sei: Bei jedem Versuch, eine theoretische Fundierung und Rahmung für ein bestimmtes Themengebiet oder Weltphänomen zu konstruieren, scheint eine skeptische Vorsicht und Abgrenzung gegenüber aller intendierten Parteilichkeit geboten, da nichts absichtslos vorgenommen wird und normative Wertungen und eigene Parteinahmen sich niemals ausschließen lassen. Dies gilt auch für den vorliegenden Versuch. Daher soll möglichst lückenlos versucht werden, die Absichten des Verfassers so transparent wie möglich darzulegen.

1.2 Was umfasst und bewirkt eine Theorie?

Im Folgenden sei auf den Umfang und die mögliche Reichweite einer jeden theoretischen Rahmung hingewiesen. Als ambitioniertestes Vorhaben sind hier sicher die weitreichenden, kohärenten Haupttheorien zu sehen, die ausgewählte Phänomene wie etwa die Schule ganz generell, raum- und zeitübergreifend, zu erfassen und zu erklären suchen. Mit dem Ende der großen Erzählungen haben diese Haupttheorien aber deutlich an Attraktivität und Überzeugungskraft verloren (vgl. Lyotard 2012). Die hier vorliegende Positionsbestimmung der Grundschule ist daher auch lediglich als eine Theorie mittlerer Reichweite zu verstehen, die sich ihrer Begrenztheit bewusst ist und deren Erklärungswert in erster Linie an die spezifische nationale und historische Sondersituation der deutschen Grundschule gebunden ist. Rückschlüsse und erhellende Analogien zu anderen Zeiten und anderen Gegebenheiten sind damit natürlich nicht ausgeschlossen.

Zusammengefasst lässt sich Theorie in unserem Zusammenhang also terminologisch eingrenzen als der Versuch eines widerspruchsfreien, überprüfbaren Systems mittlerer Reichweite von sowohl deduktiv wie auch induktiv gewonnenen Grundannahmen, die sowohl beschreibend wie auch erklärend angelegt sind und die historisch-gesellschaftliche Realitätsausschnitte im Blick haben. Im vorliegenden Fall soll also die deutsche Grundschule in ihren Kerndeterminanten erfasst, strukturiert und geklärt werden. Ein normativer, Handlungen generierender und Denkprozesse leitender und damit die Wirklichkeit verändernder Anspruch kann von dem primär deskriptiven und analytischen Habitus dieser Publikation zunächst einmal nicht eingefordert werden. Im besten Falle, auch das sei nicht verschwiegen, wird aber möglicherweise ein handlungsleitender Nutzen daraus erwachsen. Es sei also für diesen Versuch einer Theorie der Grundschule zunächst einmal ein eher bescheidener Entwurf vorgeschlagen, der zwar die aktuellen Gegebenheiten und Bedingtheiten von Grundschule zu berücksichtigen sucht, aber doch auch dem alten Qualitätsanspruch von Ockhams Rasiermesser zu genügen sucht. Der Philosoph William von Ockham nämlich hatte den Anspruch formuliert, dass alle Theorien im Zweifelsfalle möglichst einfach zu halten wären.

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19 aralık 2025
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183 s. 6 illüstrasyon
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9783170371965
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