Kitabı oku: «Music Lovers», sayfa 3
Mein Instrument, die Trommel, versetzte einst Menschen in patriotische Verzückung und brachte Soldaten dazu, ihre Mitmenschen umzubringen. Ein anderer meisterhafter Schlagzeuger mit Nachnamen Jones, Jo Jones, riet einst einem jungen Kollegen: „Schlag nicht auf die Trommel ein, sondern spiele auf ihr … Die Trommel ist eine Frau.“ Selbstverständlich lehrte uns John Coltranes Schlagzeuger aber auch, dass Trommeln mehr sind als nur der Soundtrack zum Krieg, sie mehr zu bieten haben als nur einen Beat, zu dem sich prima tanzen lässt. Elvin pushte das Konzept auf die höchstmögliche Ebene. Hinsichtlich der Jahre mit Coltrane kommentierte er: „Wir artikulierten unser bis dahin erlangtes kollektives Gewissen und formten es innerhalb dieses Kontexts zu einem kohäsiven Sound. So brachten wir zum Ausdruck, wie wir uns fühlten – spirituell, emotional und intellektuell. Wir mussten uns gar nicht großartig unterhalten …
alles lief telepathisch ab.“
Nach der Darbietung an der UCLA durften die Leute auf die Bühne kommen, weshalb sich auch meine Wenigkeit auf den Weg machte, um ganz schüchtern in die Rolle des Groupies zu schlüpfen. Hier handelte es sich nicht um eine Rockshow, weshalb Fans nicht erst – zumindest gefühlt – die Berliner Mauer überwinden mussten, um an einen Bühnenkünstler heranzukommen. Mir fehlte immer noch der Mut, meinen Lehrmeister anzusprechen, weshalb ich Elvin einfach nur dabei beobachtete, wie er mit einem Hammer Nägel aus dem Boden zog, die er eingeschlagen hatte, um seine Bassdrum daran zu hindern, auf der Bühne nach vorn zu rutschen. Manchmal spielte der Mann schon ziemlich hart! Ich hielt mich in der Nähe seines Schlagzeugs auf und warf verstohlene Blicke auf mein Idol. Irgendwann sollten wir noch Freunde werden. Bis heute erscheint mir sein Stil besonders nacheifernswert.
Mein nächster persönlicher Kontakt mit Elvin Jones fand erst viele Jahre später statt. In den 1980ern war Coltrane längst tot und Elvins Jazz Machine bot vielen jungen Musikern eine Plattform. Ich war gerade in New York und begab mich ins Slugs auf der Lower East Side. (Slugs war jener Jazz-Club, in dem der Trompeter Lee Morgan von seiner Frau erschossen worden war.) Die Rückseite der Bühne wurde durch eine rote Ziegelmauer begrenzt, die Elvins Sound lauter als je zuvor ins Publikum zurückwarf. Anders als viele Jazzmusiker verzichtete er zumeist auf ein Sakko, da seine muskulösen Arme die Nähte hätten platzen lassen. Mir fiel auf, dass seine Musik vielen der Besuchern zu intensiv war. Ich hingegen kam voll auf meine Kosten und mein Verlangen nach seinen Rhythmen wurde mehr als gestillt.
Ich erinnerte mich an die frühen Proben mit den Doors, als wir die Solo-Parts für „Light My Fire“ an ein paar Akkordwechseln von „My Favorite Things“ orientierten. Coltrane hatte sich dafür bei einer abgeschmackten Broadway-Nummer aus The Sound of Music bedient und sein ganz eigenes Ding daraus gemacht. Elvins Einfluss auf mich war wohl unleugbar, was auch dem renommierten Musikkritiker Greil Marcus auffiel, der über mein Spiel bei „Light My Fire“ schrieb:
Quer über Manzareks Solo hinweg erhebt sich diese wilde Bestie namens John Densmore, der mit unablässiger, dringlicher Hartnäckigkeit seiner donnernden Drums die Musik glatt verschlingen könnte, sie aber stattdessen wieder ausspuckt. In unerwarteten Augenblicken zieht er sich ein wenig zurück und zieht dabei auch Manzarek mit. Sein Sound bietet plötzlich jede Menge Freiraum und man nimmt den Schlag auf die Snare als Einzelereignis wahr. Bei Kriegers Solo gibt er sich vorsichtiger, als ob sich die Bestie nicht ganz sicher ist, mit welcher Tiergattung sie sich nun konfrontiert sieht. Als ob sie noch abwarten möchte, um es herauszufinden. Während diese Passage sich fortsetzt, so flüssig gespielt von Krieger, wiederholt Densmore noch einmal den Einzelschlag auf die Snare, den er schon zu Beginn des Songs abgefeuert hat: Das Erste, was man zu hören bekommt, dessen Echo umgehend von Manzareks fulminantem Einstieg absorbiert wird. Von Anfang bis Ende behält Densmore das Lenkrad fest im Griff, weshalb alle anderen auch so befreit aufspielen können.
Ich wusste, dass ich mir das vom Jazz abgeschaut hatte. Ich bin ja so dankbar dafür!
1995 sah ich Jones im Vine Street Bar & Grill, einem Jazzclub, der sich ein paar Blocks vom alten Manne Hole in Hollywood entfernt befand. Ich war besonders aufgeregt. Nachdem ich Zeuge einer Darbietung geworden war, die nicht weniger kraftvoll gewesen war als jene 30 Jahre zuvor, begab ich mich hinter die Bühne, um mich nun tatsächlich mit Elvin zu unterhalten. Unter dem Arm trug ich meine Memoiren Mein Leben mit Jim Morrison und den Doors. Mittlerweile war ich selbst längst ein gefeierter Schlagzeuger, aber was ich mir hier gerade zu Gemüte geführt hatte, war kein Rock’n’Roll, sondern Jazzs –
die Grundlage meiner ganzen Herangehensweise an das Thema Schlagzeug. Ganz schön verzagt stellte ich mich selbst vor. Mein Name sagte Elvin gar nichts. Deshalb überreichte ich ihm rasch ein Exemplar meines Buches und sagte: „Das ist für dich. Es ist meine Autobiografie und handelt davon, in einer Rockband zu spielen. Ich schreibe darin auch, dass du es bist, dem ich meine Hände verdanke.“
Ich war auf eine herablassende Reaktion eingestellt. Immerhin galt Jazz als die wertvollere Kunstform. Aber so tickte Mr. Jones nicht. Er verhielt sich unfassbar freundlich und liebenswert. Wieder einmal schätzte ich mich einfach nur glücklich, mich in seiner Gegenwart aufhalten zu dürfen. Er sprach mit leiser Stimme und bedankte sich für meinen Besuch. Ich fühlte mich vollkommen geehrt, weil ich diesem Mann, dem ich so viel verdankte, die Aufwartung machen durfte.
Einige Jahre später trat Elvin mit seiner Gruppe Jazz Machine in der Jazz Bakery in Culver City auf. Und wieder begab ich mich auf Pilgerfahrt. Elvins Spiel hatte sich nicht im Geringsten verschlechtert. Er channelte nach wie vor den Pulsschlag des Universums. Nach dem letzten Set des Abends freundete ich mich mit einem weiteren Schlagzeuger an, Len Curiel, der ganz offenkundig Elvins größter Fan war. „Du musst unbedingt noch eine Runde mit ihm plaudern“, meinte Len. „Er ist total zugänglich und wird dir seine Telefonnummer in New York geben. Vielleicht gehen wir später noch alle zusammen einen Happen essen. Ich habe das schon oft mit ihm gemacht.“
Wow! Abhängen mit meinem Mentor? „Ich werde mal helfen, sein Schlagzeug abzubauen“, sagte ich zu Len, als ich sah, wie Elvins Frau einen Beckenständer auseinanderschraubte.
„Keiko wird dir das auf keinen Fall gestatten“, lachte Len. „Sie ist sein Manager und Roadie.“
Ich erspähte Dave Weckl, der mit Chick Corea spielte, sowie den Schlagzeuger von Blood, Sweat & Tears, Bobby Colomby. Beide sahen auf die Bühne hinauf und wollten ebenfalls helfen. Aber Keiko ließ sich nicht beirren. Sie lebte mit ihrem Mann bereits seit über 40 Jahren in einem Zwei-Zimmer-Apartment an der Upper West Side in New York. Das Viertel mochte sich vielleicht verändert haben, doch ihre Zuneigung zueinander war dieselbe geblieben.
Elvins Augen begannen zu strahlen, als ich mich hinter die Bühne begab und ihn fragte, wen er selbst zu seinen Mentoren und Vorbildern zählte. „Sid Cartlett, yeah, Big Sid Cartlett und noch viele andere“, antwortete er. Auf die Gefahr hin, wie ein 50-jähriges Groupie zu wirken, bat ich Jones, meine alten Coltrane-LPs zu signieren, die ich mitgebracht hatte. „Dafür brauchst du dich doch nicht zu genieren“, sprach mir Elvin Mut zu, während er sein Autogramm auf meine Sammlerstücke setzte. Ich freute mich riesig, als er noch „Für John“ auf ein großes Poster von ihm hinzufügte, dass ich mit zum Gig geschleppt hatte.
Keiko versuchte, Bewegung in die Meute zu bringen, um die lebende Legende endlich zum Aufbrechen zu bewegen. Das späte Abendessen mit dem Trommel-Genie würde somit entfallen. Aber als wir uns zu ihrem Auto begaben, ließ mich mein Guru ihm eine Beckentasche abnehmen und den Rest des Weges für ihn tragen. Obwohl es nur wenige Meter waren, war es mir dennoch eine große Ehre. Ich hatte auch nur 35 Jahre darauf warten müssen.
V.
Jim Morrison
* * *
Der Schamane
Wenn du mit deinen Füßen fest auf dem Boden stehst,
werden die Geister der Erde deine Beine emporsteigen.
Meine dritte Begegnung mit jemandem, der Zugang zu einer anderen Welt zu haben schien, ereignete sich, als ich zum ersten Mal auf Jim Morrison traf. Seine direkte Verbindung zur „anderen Seite“ fiel mir schon sehr bald auf. Ich jammte in der Garage der Familie Manzarek, als mir Ray ein zerknülltes Stück Papier reichte, auf dem Jim seinen Songtext zu „Break on Through“ notiert hatte:
Day destroys the night
Night divides the day
Tried to run, tried to hide
Break on through to the other side.
Diese Zeilen besaßen nicht nur Rhythmus, was ich als Schlagzeuger zu schätzen wusste, sie handelten auch von einer Verbindung zum Nichts und einem Aufstreben des Bewusstseins. Seine Worte entsprachen voll und ganz den Gefühlen eines Suchenden, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, uns mitzuteilen, dass das Leben bittere wie süße Seiten aufzuweisen hätte, aber auch noch etwas anderes existiert.
Als wir uns kennenlernten, war das Wort „Schamane“ noch nicht weithin geläufig. Es war noch kein Teil unseres kulturellen Kanons. Ich kannte den Begriff jedenfalls noch nicht, als ich in Jims Gedichten darauf stieß. Er war gut vertraut mit den Praktiken spiritueller Anführer in angeblich primitiven Stammeskulturen – dass sie psychedelische Pflanzen konsumierten, sich in Trance-Zustände versetzten und Menschen zu heilen vermochten. Jim hatte schon Jahre zuvor begonnen, Bücher förmlich zu absorbieren. Er saugte sie auf wie ein Schwamm. Bereits mit 14 hatte er mit dem Schreiben begonnen. Er besaß unzählige Notizbücher, die geradezu überquollen vor Gedichten, Tiraden und Prosa. In späteren Interviews verglich er sein Leben mit einem Bogen, dessen Sehne 22 Jahre lang festgespannt worden war, bevor der Pfeil endlich losgelassen wurde.
Jim war eigentlich kein Musiker. Tatsächlich konnte er keinem Instrument auch nur einen einzigen Akkord entlocken. Mir erklärte er einmal, dass er ein gesamtes Rockkonzert in seinem Kopf gehört hätte und er nun die Welt an dieser Musik teilhaben lassen wollte. Er ersann Melodien, um sich die Songtexte, die reinste Poesie für mich waren, besser merken zu können. Was für eine Gabe! Wenn man sich etwa „The Crystal Ship“ anhört, fällt auf, dass die Melodie ein paar sehr ausgeklügelte Akkordwechsel vollführt. Obwohl Jim den Blues liebte, der auf einem einfachen 12-Takt-Format basiert, hing er auch seinen eigenen inneren Melodien nach, die wiederum auf relativ komplexen Akkordstrukturen beruhten. Alles, was sich in seinem Kopf abspielte, war absolut intuitiv – und ohne uns drei Musiker hätte er nicht über die Möglichkeit verfügt, seine Ideen auch umzusetzen. Er schrieb zuerst den simpel aufgebauten „Roadhouse Blues“, bevor er dann den weitaus komplizierteren Song „When the Music’s Over“ hinterherschob. Und so weiter. Für Jim verstummte die Musik keine Sekunde lang.
Jemand sagte einmal zu mir, dass Jim, wenn er nicht die Band gehabt hätte, eventuell schon früher gestorben wäre. Dieser Gedanke beschäftigt mich immer noch. Der positive Aspekt von Jims Tendenz zu Ausschweifungen – sein Impuls zur Maßlosigkeit –
bestand letztlich darin, seine Ängste in Kreativität umzumünzen. Die negative Seite manifestierte sich natürlich in Form seines Drogen- und Alkoholmissbrauchs.
Der großartige, aber leider verstorbene Tom Petty, dieser superbe Songwriter, teilte mir seine eigene Theorie zu Jim mit. „Manche Künstler, nämlich die wirklich großartigen, brennen auf voller Flamme. Auf diese Weise verbrauchen sie aber umso schneller sehr viel Treibstoff. Man muss sich so lange und so fest wie möglich daran erfreuen, wie das eben möglich ist.“ Morrison steckte voller Energie, die er irgendwie verbrennen musste. Es war letztendlich der „Geist“ aus der Flasche, der seine Flamme zum Erlöschen bringen sollte. Wir alle waren gesegnet, zumindest die 27 Jahre lang, die er auf diesem Planeten weilte, an seiner kreativen Kraft teilhaben zu dürfen. Er schenkte uns seinen Sound – und was aus seinem Munde zu uns drang, war etwas ganz Besonderes.
Anfangs spielten seine Nerven seiner Stimme noch einen Streich, woraufhin sie eher dünn zu erklingen pflegte, doch nach einem Jahr Proben entwickelte sie sich zu einem satten Bariton. Und dann gab es ja noch seine Schreie. Als ob jemand an ein Kreuz genagelt würde. Gepeinigte Schmerzenslaute, die dem Innersten seiner Seele zu entspringen schienen. Da er vor dem Aufeinandertreffen mit seinen Bandkollegen noch nie gesungen hatte, wirkte seine Stimme wie eine gewaltige Gabe aus einer anderen Welt. Während andere Rocksänger Probleme mit dem Hals bekamen und sich Eingriffen unterziehen mussten, schienen Jims Stimmbänder nie wirklich in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Auch wenn er sich manchmal anhörte, als hätte er sich in die Kehle gegriffen und sie herausgerissen, um sie der ganzen Welt präsentieren zu können. Vermutlich verließ er sich beim Singen auf sein Zwerchfell, wozu einem auch Gesangslehrer raten.
Seine drei musikalischen Nebenmänner – und es brauchte gleich drei von uns, um dem Elan dieser einen Person gerecht zu werden –
durften sich glücklich schätzen, Jim den perfekten klanglichen Rahmen zu bieten, in dem er sich ideal bewegen konnte. Natürlich war das nicht nur reines Glück – Talent gehörte schon auch dazu. Als er uns zum ersten Mal a cappella „The End“ vortrug, hielt ich es für ein Abschiedslied für eine Verflossene. Aber im Verlauf der Zeit, als wir es in den Clubs spielten, breitete sich der Mittelteil wie eine riesige Leinwand vor ihm aus, auf der sich Jim so richtig austoben konnte. Man konnte richtig die Liebe und Wonne spüren, die er empfand, als er sich voll und ganz dem Klangteppich des Gitarren-Drones, den gehaltenen Orgeltönen und dem grenzsprengenden Groove hingab. Ich hörte auf meine Eingebung und nahm die Snare-Trommeln ab, die einen typischen Rock-Sound verbreiten. Stattdessen spiele ich einen düsteren, stimmungsvollen Sound auf den Toms. Jim fühlte sich wohl und sicher genug, um sein Unterbewusstsein zu entfesseln und seine tiefgründigen, mitunter auch düsteren Gedanken mit der Welt zu teilen. Er brachte auf diese Weise die urwüchsigen, sexuellen und ödipalen Aspekte unser aller Psychen ans Tageslicht.
The blue bus is callin’ us
Driver where you takin’ us?
Meet me at the back of the blue bus,
Doin’ the blue rock, on a blue bus … yeah.
Obwohl ich manche von Jims Texten nicht verstand, stellte ich sie nicht infrage. Ich konnte sie spüren – und sie fühlten sich richtig an. Mein Freund Robert Bly, ein amerikanischer Dichter, sagte einmal zu mir, dass er mitunter in seinen Gedichten Zeilen schrieb, die er zwar selbst nicht ganz begriff, die aber auf der Gefühlsebene ihre Berechtigung besaßen. Vom Sound quasi eingehüllt, brachte Jim jene archetypischen Unterströmungen zum Ausdruck, die uns alle, obwohl wir uns dessen in der Regel nicht bewusst sind, miteinander verbinden. Doch manchmal schien Jim seine Poesie auch nicht weiter zu analysieren und einfach loszulegen.
Ride the snake, to the lake, the ancient lake,
The snake he’s long, seven miles, he’s old
And his skin is cold, baby.
Wir ließen uns mit Jim auf ein Risiko ein, trafen ihn „at the back of the blue bus / Doin’ a blue rock“. Und dafür werden wir ihm für immer dankbar sein. Der Sound, der von hinten aus dem Bus drang, war sehr tiefgründig. Er vermittelte Urängste, Urgelüste und alles, was dazwischen lag.
Als ich begriff, dass Jim sich im rasanten Sinkflug befand, zog ich mich als Freund aus Selbstschutz zurück. Klar, sobald wir der Wiege entwachsen sind, halten wir bereits Kurs auf unser Grab, doch ich wollte, dass meine eigene Reise gemächlicher verlief. Ich war davon ausgegangen, dass wir uns vielleicht für ein Jahrzehnt oder so würden halten können, doch ich hatte ja keine Ahnung, dass unser Leadsänger sich in einen Schaltkreis konzentrierter, allumfassender Klangschwingungen eingeklinkt hatte, der Schallwellen aussendete, die man auch heute noch, 50 Jahre später, vernehmen kann.
Wynton Marsalis, von dem mit Blood on the Fields die erste Jazz-Komposition stammt, die den Pulitzer-Preis gewann, beschreibt Musik als „unsichtbare Kraft“. Ich bin stolz darauf und dankbar dafür, dass ich mit den Doors zum Sound beitragen durfte. Angetrieben von Jims Elan, unterstützten wir ihn dabei, das Konzert aus seinem Kopf herauszuholen und hinaus ins Universum zu entsenden. „Light My Fire“ wurde 1972 im Rahmen der Apollo-17-Mission gespielt. Unlängst erst wurde unser erstes Album in die Library of Congress aufgenommen. Also fand Morrisons Botschaft ihr Publikum. Ich bin mir sicher, dass Jim sehr stolz darauf ist.
VI.
Emil Richards
* * *
Gute Schwingungen
Musik beruht auf Vibration.
Emil Richards, der zu den beliebtesten Musikern zählt, die jemals auf Erden weilten, hat mit allen gespielt. Damit meine ich wirklich mit jedem – von Frank Sinatra über George Harrison bis hin zu Ravi Shankar. Seine musikalische Präsenz schmückte sämtliche Genres.
Zum ersten Mal traf ich ihn im Shelly’s Manne Hole, jenem Jazzclub in Hollywood, in dem ich auch Coltrane gesehen habe. Tatsächlich sah ich alle Größen dort – und Emil zählte auch dazu. Er spielte dort das Vibraphon mit dem Paul Horn Quintet, einer Gruppe, der auch Miles Davis huldigte. „Paul Horn spielt sein Instrument so, wie sich das gehört“, lobte ihn der Trompeten-Großmeister. Der Altsaxofonist erwiderte das Kompliment. „Miles versteht es, auf den richtigen Augenblick zu warten. Er spielt keine Noten, solange er damit nicht etwas aussagen will. Aber wenn es soweit ist, spricht er die Wahrheit.“
Das Paul Horn Quintet spielte diese hastigen Jazz-Walzer-Tempi, von denen ich als Teenager gar nicht genug bekommen konnte. Ich drosch stundenlang auf die Felle ein, im Bestreben, diesen speziellen 3/4-Takt-Groove nachzuahmen. Wenn Emil ein Solo vom Stapel ließ, war das, als ob er einen Toast mit Butter bestreichen würde. Er lehnte sich dann ein wenig nach links oder rechts und glitt äußerst behände und dynamisch mit seinen Schlegeln über das metallene Vibraphon. Gleichzeitig schien sein Spiel jeglicher Anspannung zu entbehren. Doch was letztlich spielerisch und einfach wirkte, so fand ich heraus, war das Resultat jeder Menge harter Arbeit. Es ist ganz egal, welcher Kunstform man sich verschrieben hat – der Malerei, der Musik, der Schauspielerei –, sie alle erfordern jahrelange Übung.
Jahre nachdem ich Emil Richards Jazz spielen gesehen hatte, begab ich mich auf einen einmonatigen Meditations-Urlaub zum Maharishi. Zu meiner großen Freude traf ich dort auf Paul Horn und Emil. Am Ende dieser Einkehr gab es eine Jam-Session. Mehrere Blues- und Rockmusiker zogen ihr Ding durch, als schließlich Paul und Emil die Bühne betraten. Nun war auch mein Zeitpunkt gekommen. Mein Herz pochte heftig, als ich mich ebenfalls auf die Bühne begab und mich zum Schlagzeuger beugte, um ihm zu sagen: „Ich kennen die Nummern, die sie spielen werden.“ Er reichte mir die Sticks.
Ich gab einen flott gespielten ¾-Takt vor und schon spielten wir „Fun Time“. Ich war überzeugt, dass das, was meine Hände da taten, zum Sound passte. Emil bestätigte mir das, indem er sich zu mir umdrehte und mir mit dem Daumen nach oben seine Zustimmung vermittelte. Er grinste übers ganze Gesicht. Dieser Augenblick ist mir auch heute noch gegenwärtig, obwohl es schon 50 Jahre her ist. Ich zehre immer noch davon. Dieser junge Schlagzeuger in seinen Zwanzigern spielte hier mit zwei seiner Helden und sie reagierten mit Zustimmung.
Es vergingen daraufhin wieder ein paar Jahre. George Harrison tourte inzwischen mit einer Gruppe von ausgezeichneten Rockmusikern und Ravi Shankar, dem phänomenalen indischen Sitar-Spieler. Ravi wiederum begleitete ein kleines Ensemble von indischen Musikern. Emil spielte mit beiden Gruppen. Um in der Lage zu sein, diese ausgefuchsten Raga-Rhythmen zu spielen, musste man es schon draufhaben – ein weiteres Beispiel für seine Vielseitigkeit. Mittlerweile hatten wir uns angefreundet und ich genoss es, seinen vielen Anekdoten über all die Größen, die er in seinem Leben getroffen hatte, lauschen zu dürfen: „Einmal, als ich mit Frank [Sinatra] auf Tour war, fragte er mich, was es mit dem Namen Emil auf sich hätte. ‚Du heißt doch Emilio, stimmts?‘ Ich antwortete ihm: ‚So ist es,
Mr. Chairman!‘“
Der langjährige Studiotechniker der Doors, Bruce Botnick, war dazu übergegangen, große Sinfonie-Orchester für Filmmusik-Produktionen aufzunehmen. Er lud mich zu einer Session ein. Der berühmte Filmkomponist Jerry Goldsmith stand gerade hinter der Konsole, als ich den Regieraum des Studios betrat. Bruce stellte mich der weißhaarigen Legende mit dem Pferdeschwanz vor. Goldsmith gab sich freundlich, hatte aber eine Menge um die Ohren. Wenn man Musik für einen Film aufnimmt, muss man sich um hunderte musikalische Details kümmern.
Mir fiel auf, dass sich im Studio gerade einmal vier Overhead-Mikrofone befanden, die aber 80 bis 90 Musiker einfangen sollten. „Bruce, du hast ja für mein Schlagzeug schon mehr Mikros verwendet als hier. Was hat es denn damit auf sich?“
„Wenn man sie richtig positioniert, John, dann braucht man nicht mehr“, erwiderte mir Bruce.
Diese Antwort erinnerte mich wiederum an den brillanten Produzenten Daniel Lanois, der ganz hinten im Mix eine mit sehr viel Echo verhallte Gitarre platzierte, was der Musik Tiefe und Räumlichkeit verlieh.
Plötzlich erspähte ich ein mir bekanntes Gesicht unter den Perkussionisten: Emil Richards! „Okay, ich verziehe mich mal zu meinen Leuten.“ Ich blickte zu Goldsmith, um sicherzustellen, dass er nicht gerade aufnehmen wollte. Dann betrat ich den Aufnahmeraum. Es erinnerte mich an das Sinfonie-Orchester an der Highschool, nur handelte es sich hier garantiert nicht um Amateure. Emil hieß mich unter meinesgleichen willkommen und zeigte mir seine Ausrüstung. Er besaß eine der umfangreichsten Sammlungen von Instrumenten, die er aus jeder Ecke der Welt mitgebracht hatte.
Als ich Mike am Flügel bemerkte, kam auch er zu uns herüber. Er hatte mit mir die Uni High School besucht. Schon damals hatte sich abgezeichnet, dass er einmal ein großartiger Jazzpianist werden würde. All die Typen hier spielten in der Oberliga der Studiomusiker und wurden angeheuert, um so mancher Session ihren Stempel aufzudrücken. Die meisten von ihnen bekamen das Doppelte oder Dreifache vom Mindestlohn bezahlt.
Jerry Goldsmith hatte nun ebenfalls den Raum betreten und Aufstellung am Podium bezogen. Er machte mit dem Dirigentenstab auf sich aufmerksam. „Einsatz Nummer 36, bitte“, informierte er die große Ansammlung von Musikern. Emil signalisierte mir, dass ich bleiben könne, wenn ich mich mucksmäuschenstill verhielte. Mike Lang kehrte an seinen Flügel zurück. Bruces Stimme erklang über die Lautsprecher: Die Aufzeichnung lief bereits. Jerry dirigierte ein paar überaus komplexe Minuten Orchestermusik. Im Anschluss rief Bruce: „Alles im Kasten!“
Mike Lang kam nun noch einmal zu uns rüber, um unser Pläuschchen fortzusetzen. Ich konnte kaum fassen, dass diese Musiker diese so anspruchsvolle Musik vom Blatt spielen konnten. Ich weiß noch, wie ich mich in der Schule mit dem Notenlesen geplagt hatte. Diese Typen aber schafften alles gleich im ersten Anlauf. Ich empfand enormen Respekt für sie.
Das nächste Mal sah ich Emil erst auf der DVD Concert for George wieder. Ein trauriger Anlass eigentlich: Immerhin handelte es sich hierbei um die Aufzeichnung jener Veranstaltung, die zu George Harrisons erstem Todestag in der Royal Albert Hall stattgefunden hatte. Allerdings war diese Show auch eine der eindrucksvollsten Hommagen, die einem Musiker zuteilwerden konnten. In der ersten Hälfte spielten ungefähr 15 der besten indischen Musiker eine Komposition, die Ravi Shankar anlässlich Georges Ableben geschrieben hatte. Ravis Tochter Anoushka dirigierte und Emil spielte auf der Marimba. Er weihte mich ein, dass Anoushka eine ganz klare Linie verfolgte, um den westlichen Musikern zu helfen, in die sehr komplexen Raga-Melodien hineinzufinden. Das war ja so spannend! George erhielt einen musikalischen Abschied, den selbst die Engel im Himmel noch hören konnten.
Jahre später erklärte mir Emil beim Abendessen, dass er kurz nach Georges Tod noch bei ihm gewesen war. Er war gerade mit seiner heißgeliebten Frau Celeste im Kino, als er von Georges Frau Olivia einen Anruf erhielt. George hatte zwar unsere Daseinsebene bereits verlassen, doch Olivia lud Emil und Celeste zu sich ein, um sich noch zu verabschieden. Zusammen hielten sie am Bett des Beatles-Gitarristen eine traditionelle Puja ab. Dabei handelt es sich um ein Gebetsritual, mit der man einer Gottheit die Ehre erweisen möchte. Emil schwor mir, dass er, als er zum Ende kam, den Anflug eines Lächelns über Georges Gesicht huschen sah.
Emil channelte die Musik der Sphären. Es existieren Geister, die unter uns wandeln, um uns das Licht zu bringen. Wir können so viel Licht gebrauchen, wie wir kriegen können, da die Dunkelheit um uns herum fast undurchdringlich erscheint. Emil leuchtete mit seinem Licht in den Abgrund. Er tat dies mit einem Lächeln. Es ist nun schon 20 Jahre her, dass ihm ein Arzt mitteilte, dass er aufgrund seines Zigarettenkonsums wohl bald den Löffel würde abgeben müssen. George Harrison hatte ihm einmal eine riesige Kiste für seine Percussion-Instrumente bauen lassen, die ein exakter Nachbau einer Camel-Packung war.
Seine Tochter Camille erzählte mir, dass ihr Dad eines Tages auf seine Handfläche zeigte und sagte: „Sieh mal die Lebenslinie hier. Die ist so lang, die reicht bis zu meinen Eiern runter!“ Vor ein paar Jahren sagte Emil beim Mittagessen zu mir: „Ich werde euch schon noch ein Weilchen erhalten bleiben.“ Ich fragte mich, wie viel Einfluss er auf solche kosmischen Fragen tatsächlich hatte. Nun ist das Licht meines geliebten Lehrmeisters erloschen und ich beende das Telefonat, in dem mich Celeste davon in Kenntnis gesetzt hat. Sie berichtete mir auch, dass er sie vor ein paar Tagen noch darum gebeten hatte, sich zu ihm ins Bett zu legen, um ihn zu festzuhalten. Er war 86 Jahre alt und alles ging ganz schnell. Keine Schmerzen. Am Morgen hatte er noch zu seiner Tochter gesagt: „Heute ist es soweit.“
„Ach, komm schon, Dad!“, hatte Camille unwirsch reagiert.
Um sein Licht wieder zum Erstrahlen zu bringen, spielte ich auf einer afrikanischen Trommel, die ich von Emil geschenkt bekommen hatte. Ich widme den Rest meines Lebens der Aufgabe, jenen Funken zu channeln, der den Augen meines Percussion-Kollegen zu entspringen schien.
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