Kitabı oku: «Mombasa»
Jürgen Jesinghaus
Mombasa
SAGA Egmont
Mombasa
Copyright © 2010, 2018 Jürgen Jesinghaus und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9783905960693
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 3.0
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„Mein Herz ist eine Weide für Gazellen, ein Kloster
für christliche Mönche, ein Tempel für Heiden,
die Kaaba für muslimische Pilger,
die Doppeltafel des jüdischen Gesetzes,
die Buchrolle des Korans.
Ich folge meiner Religion der Liebe
– wohin auch immer sich ihre Kamele wenden.“
Aus: ‚Dolmetsch der Sehnsüchte‘
von Ibn Arab
Teil I
Kapitel 1
1.
Die Spielsteins wurden einmal als „Arembergische Hofjuden“ bezeichnet, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Daniels Vorfahren tatsächlich im Arembergischen gelebt und vielleicht eine Stelle bei Hofe innehatten, wahrscheinlich in den Positionen von Inspektoren, die über praktische Fähigkeiten ebenso verfügten wie über solide Verwaltungskenntnisse. Die „Dernauer Verwandtschaft“ hingegen existierte nachgewiesenermaßen. Sie hatte sich, wie andere Juden auch, im Lauf der Jahrhunderte an der Grenze zwischen dem Kölner und Mainzer Erzbistum versammelt, in der trügerischen Sicherheit einer klerikalen Demarkationslinie, die ihnen das Hinüber- und Herüberwechseln in die Herrschaftsbereiche der konkurrierenden und zeitweise verfehdeten Bistümer erlaubte. Die Dernauer Verwandtschaft ist nach dem Französischen Krieg in die USA ausgewandert. Die überhitzte Konjunktur im Deutschen Reich und ihre nachteiligen Folgen mögen der Grund dafür gewesen sein.
Die zurückgebliebenen Spielsteins unterhielten stets eine lose Verbindung zur amerikanischen Koterie, die gestärkt wurde durch die Zuversicht einer Zusammenführung in den USA. Die Dernauer Verwandtschaft rühmte sich einer belesenen Tante, Eva Sophie, die den Ursprung der Spielsteins im Flandrischen vermutete. Daniel amüsierte sich später über die Ergebnisse ihrer Ahnenforschung, die eindeutig den Nicht-Arier-Nachweis stützten, da die Familie (Tante Sophie zufolge) aus dem israelitischen Stamme Dan herangewachsen war. Sie machte dafür den Gerechtigkeitssinn und den Hang zum Wasser geltend, der allen Spielsteins zu eigen gewesen seien, weswegen sie auch am Wasser gewohnt hätten, nicht weit von Antwerpen. Tante Sophies Denkschrift, die in der Familie kursierte, ist in einem Exemplar auf Daniel gekommen. Es befand sich in dem Nachlass seines Vaters Prosper.
Daniels Großvater jedenfalls lebte schon in Bonn, und um 1890 wurde Daniels Vater Prosper im Bonner Quartier Latin geboren, nicht weit vom jüdischen Friedhof entfernt, der heute in trauriger Verlassenheit daliegt (auf ihm ist der Großvater väterlicherseits begraben). Prosper hatte etwa um 1910 seine Meisterprüfung abgelegt und eine Stelle in einer Schuhfabrik erhalten. Diese Position befähigte ihn, in seinen eigenen Augen und in den Augen der Verwandtschaft, zu heiraten. In der Zeit, die man einem jungen Ehepaar zubilligte, wurde Daniel geboren - 1911.
Zu Beginn des ersten Weltkriegs wiegte sich die Familie in der Hoffnung, das protestantische Kaiserhaus könne auf Juden verzichten. Diese trügerische Annahme wurde 1915 zunichte, der Vater eingezogen. Ein Jahr später musste der Kaiser ihn entbehren, weil ein russisches Geschoss Prospers Dienst mit der Waffe beendete. Ein Streifschuss wäre zu wenig, ein Kopfschuss zu viel gesagt. Darum sprach er von seinem Heimatschuss. Fortan galt er als Invalide. Wie alle (oder die meisten) Frontsoldaten hat Prosper wenig über Kriegserlebnisse gesprochen, wahrscheinlich weil ihm die Worte fehlten, Angst und Fassungslosigkeit auszudrücken, und weil er nur einen kleinen Ausschnitt der Schlacht erlebt hatte, in einem Dreckloch, ohne Strategie, nur mit der Sorge, den Hintern flach zu halten. Die Stabsoffiziere mit ihren Karten hatten die Augen frei. Sie könnten mehr berichten. Sie haben vielleicht gewusst, wozu ein Befehl gut gewesen sein soll. Prosper erinnerte sich noch an die Etappe und nickte bei der Lektüre seiner eigenen Briefberichte verständig mit dem Kopf, aber die Brussilow-Offensive kannte er nur aus der Literatur, als wäre ihm genau das Stückchen Erinnerung daran weggeschossen worden. Er war dennoch imstande, sie so gut zu erklären wie jeder Stabsoffizier, weil er darüber gelesen hatte.
Seinen Vorgesetzten in der Schuhfabrik hatte es ärger erwischt. Er starb im letzten Kriegsjahr an einer verschleppten Blinddarmentzündung. Trotzdem wurde ihm das Epitheton „Held“ zuerkannt. Prosper durfte nach seiner Rückkehr aus dem Lazarett den Posten in der Schuhfabrik übernehmen. Die Witwe des den Heldentod gestorbenen Meisters, dessen Stelle Prosper angetreten hatte, beschloss 1918, nach Dresden zu ziehen, zurück zu ihrer Verwandtschaft, und ihr Wohnhaus in der Pfarrer-Gyssel-Straße, das ihr Mann 1913 gekauft hatte, wieder zu entäußern. Prosper wollte auch diesbezüglich in die Fußstapfen seines Vorgängers treten und dessen Immobilie in Besitz nehmen. Die Witwe zeigte sich geneigt. Der Ruf, dass Juden Geld besäßen oder dass im Laufe der Zeit Geld an ihnen kleben bliebe, vereitelte allerdings die Aussicht auf einen günstigen Kaufpreis. Außerdem stellte sie die Bedingung, dass der neue Eigentümer auch das Grab ihres Mannes in Pflege zu nehmen hätte, und zwar für so lange, wie er der Besitzer des Hauses bleiben würde. Danach, so sagte sie, werde Gott weiter sehen. Prosper übernahm dankbar schon vor Vertragsabschluss die Pflege. Und so kam es, dass man ihn einige Male auf dem städtischen Nordfriedhof beobachtete, wie er mit Hingabe die Kunststeinfigur einer Trauernden abwusch, die ihren Ellbogen auf eine gebrochene Säule stützte und ihren Kopf in eine Hand schmiegte. Deshalb hielten ihn manche auch für keinen Juden, sondern für einen Christen, von dem die Katholiken meinten, er sei Protestant, und die Protestanten, er sei Katholik oder Altkatholik. Stets wusch er die blicklosen Augen der Trauernden aus, wie um sie von den Tränen zu befreien und ihren umflorten Blick zu schärfen. Darum hieß er in der Familie „Tränenwischer“. Als die Inflation nahte, zerschlug sich das Kaufvorhaben. Die Witwe war klug genug, das Wohnhaus ihres Mannes einem täglich wachsenden nominellen Guthaben auf ihrem Konto vorzuziehen. Nach der Einführung der Rentenmark besaß sie noch ihre Immobilie, aber die Spielsteins hatten rein gar nichts außer dem Lebensnotwendigen. Nach der Währungsreform verkaufte die Witwe dann doch, um in ihr geliebtes Dresden zu ziehen. Dieses Mal verhandelte sie erfolgreich mit dem Kieswerkbesitzer Bernhard Hartkopf, der ein Verbindungsbüro in der Stadt benötigte und die Wohnungen vermieten wollte, vorzugsweise an seine Arbeiter, die sich zur Ruhe gesetzt hatten. Bei Gelegenheit des Hauskaufs mögen sich Prosper Spielstein und Bernhard Hartkopf begegnet sein, vielleicht auf dem Nordfriedhof, denn die Witwe bestand nach wie vor auf ihrer Forderung, der Besitzer des Hauses müsse das Grab ihres gefallenen Mannes pflegen, wofür sie einen Nachlass des Kaufpreises gewährte.
2.
1923 zogen die Spielsteins nach Oplyr zur Miete in ein Fachwerkhaus. Der Hauskauf in Bonn war nicht zustande gekommen. Prosper hatte die Stelle in der Schuhfabrik aufgegeben, weil die Ärzte ihm geraten hatten, in seinem Zustand (mit dem Streifschuss am Kopf) ein „vegetatives Leben“ zu führen, ein Leben an der frischen Luft, mit einem Gärtchen, ein wenig Landwirtschaft, ohne Überanstrengung. Der Tränenwischer pachtete also ein Stück Land und unterhielt im Keller seines Hauses eine kleine Schusterwerkstatt. Er hatte gelernt, Schuhe in Handarbeit herzustellen, und bezog aus dieser Kunstfertigkeit, zusätzlich zu seiner Kriegerrente, einen Verdienst, der zum Lebensunterhalt seiner Familie ausreichte.
Für seinen Sohn Daniel waren die folgenden Jahre die glücklichsten des Lebens, trotz der politischen und wirtschaftlichen Krisen, deren Auswirkungen er als normal empfand und die der Entfaltung seines Geistes beiläufig als Hintergrund dienten. Er musste zwar nach dem Umzug die Realschule aufgeben, in die er gerade aufgenommen worden war, denn es gab damals in Oplyr keine vergleichbare Schule. Das war für ihn keine Katastrophe. In der Volksschule Oplyrs galt er zwar als der Jude, weil er nicht am katholischen Gottesdienst teilnahm, aber die Bezeichnung „dä Jud“ hatte nur die Bedeutung von: der Fremde, der Andersgläubige, der Abessinier, der Zugewanderte, der von jenseits des Gebirges. Sie sollte nicht verletzen. Dan erfreute sich einiger Beliebtheit, denn er wurde als „Städter“ und bereits „Einjähriger“ angesehen, nur weil er die gebohnerten Flure einer höheren Schule gerochen hatte und weil man bei ihm mehr verwertbares Wissen vermutete als bei den Dörflern. Und weil Daniel nicht dumm war.
Er machte den Zeitabschnitt des Glücks gegen Ende seiner Kindheit an nur einem Tage fest, einem Tag, den er nicht zu datieren wüsste, der ihm aber für immer vor Augen stand. An jenem Tag, eigentlich an jenem Abend, durfte er später ins Bett gehen als üblich, weil die Erwachsenen in seltener Eintracht einen Gang über das Land machten, denn es war nichts vorgefallen, worüber sich zu streiten gelohnt hätte. Eine Laune, ein kostbarer Zufall: Kein Husten musste kuriert, keine Blutvergiftung ausgebadet, keine Warze besprochen werden. Keine Heimsuchung durch Migräne, keine Sütterlin-Briefe an Ämter. Darum lag die Brille im Futteral, der Tintenstift im Nähkorb. Keine Vorbereitung eines Festes. Kein Auftrag zum Schuhebesohlen. Darum blieben Prospers Hammer und Ahle in den Lederschlaufen am leimverklebten Schustertisch. Die Pumpe am Brunnen hatte nicht versagt. Keiner brauchte Eisenreifen über Holzräder zu ziehen. Die Kartoffeln waren ausgegraben, die Forken gerade gebogen, die Fahrräder geflickt. Kein Tier (außer der Katze) trächtig, das Unkraut gejätet, der Feuerwehrlöschteich umzäunt und der Garten gegen den Wald durch Maschendraht gesichert. Laune und Zufall. Nichts blieb zu tun übrig – außer dem Stopfen und Nähen, dem Nähen und Stopfen. Die Einsicht hatte sich durchgesetzt, dass diese ewige Arbeit auch noch in einem Stündchen gemacht werden könne, denn Stopfen und Nähen haben kein Ende, ob sie schnell oder langsam verrichtet werden. So zogen sie los, um die Krume zu prüfen, die Saat zu besichtigen, das Wetter zu ergründen, denn nichts ist zwecklos und Müßiggang aller Laster Anfang. Der Junge musste, ja er durfte wie auch der Hund, die Erwachsenen begleiten.
Daniel erlebt die anbrechende Sommernacht als Verheißung ewiger Zukunft. Die unzähligen Morgen hinter diesem Abend, wie viele Felder und Hügel und Höfe und Landstraßen und Dörfer und Städte und Kühe und Flüsse hinter diesem schönen Wald mit seiner Kühle am Abend! Der Junge kann nicht denken, ein wie großer Bruchteil seines Lebens schon verbraucht ist. Der Gang durch die warmen Felder, über einen ungepflügten Grasstreifen. Die Schemen der Erwachsenen. Ihre Unterhaltung, obwohl mit gewohnter Kraft geführt, ist kaum vernehmbar, berührt kaum das stille Wasser der Welt. Die Umrisse vor sich und die dunkle Ruhe, um die Sterne sichtbar zu machen, versetzen das Kind in eine Stimmung der Geborgenheit und Weltoffenheit zugleich. Es träumt von einer Zukunft, in der es behangen mit Waffen und Werkzeugen seine Taten verrichtet. Das Motorrad auf der Landstraße reißt die Stille auf längs einer vorgezeichneten Naht. Man kann es lange hören. Das ersterbende Geräusch zwingt Daniel, ihm nachzuhorchen, bis der Ton zu einer Spitze wird und nur die Haut der Stille eindrückt. Noch schreitet der Junge hinter seinen Eltern und fühlt sich festlich geborgen. In Gedanken aber sieht es sich auf dem Motorrad voll Mut und voll Angst an dem schwarzen Wald vorbei brausen, durch den Duft des Asphalts, den berauschenden Duft der Ferne, durch die nachleuchtenden Felder, zu dem weitesten Punkt, den er je mit dem Fahrrad erreicht hat, vorbei an der Ziegelei, in der es spukt, in der ein Mörder haust, in rasender Fahrt vorüber am Schatten des Mörders, der gestikulierend über den Weg zur Landstraße läuft, dem Kind aber nichts anhaben kann, denn es ist schneller und schon längst auf dem Weg zu einem Meer, das nur in den Büchern steht und wo das Kind noch nichts von seiner Zukunft verbraucht haben wird. Erst wenn es selber schaut, wovon die Bücher berichten, fängt das Leben an zu zählen.
Im Nachhinein sah er es so. Die Welt erschien ihm friedlich, trotz der Not, über die seine Eltern jammerten, trotz der Invalidität seines Vaters. Die Nachbarn, die Leute in Oplyr, sind zwar Bauern und Dörfler, aber von einer nachsichtigen Freundlichkeit, als hätte der Strom, an dem sich bedeutende Städte aufreihen, die giftige Beschränktheit hinweggespült. Noch heute kann man erleben, dass Kinder guten Tag entbieten, zwar mit fragendem Gesicht, wie wohl die Erwiderung ausfallen würde, aber ohne Affigkeit. Nein, diese Leute waren damals keine Bedrohung gewesen. Noch nicht. Die Bedrohung kam nicht von außen, sondern von seinem Vater, dem Tränenwischer, der gegen Ende der 1920er immer eigenbrödlerischer wurde und den die politische und wirtschaftliche Entwicklung zunehmend beunruhigte.
3.
Immer häufiger kam er auf die Dernauer Verwandtschaft zu sprechen, und eines Tages wusste er genau, was er wollte: nach Amerika auswandern, zunächst alleine, um seiner Familie den Boden zu bereiten. Um 1930 stand ihm dieser Entschluss klar vor Augen. Drei Jahre des Kampfes um Entschlüsse und Zukunftspläne waren für Daniel und seine Mutter eine schwere Zeit. Dan, der in den glücklichen Jahren der 1920er in der Familie einen festen Platz eingenommen hatte, fühlte sich vernachlässigt. Die Dernauer Verwandtschaft rückte zusehends in den Mittelpunkt der Familiengespräche, die sich nach Feierabend am Küchentisch entspannen. Die Mutter wollte nicht nach Amerika. Je mehr sie ihren Standpunkt verdeutlichte, desto mehr beharrte Prosper auf der seiner Ansicht nach einzigen Lösung, der deutschen Misere zu entfliehen und „drüben“ wohlhabend zu werden.
Die Spielsteins hungerten zwar nicht, aber sie lebten von der Hand in den Mund, und am Ende eines Monats war alles aufgebraucht bis auf ein paar Pfennige. Dieses kupferbraune Häufchen diente der Frau als schlagendes Argument gegen den Auswanderungsplan ihres Mannes, der umgekehrt im Geldmangel die Berechtigung zum Aufbruch in eine bessere Zukunft erkannte und in sich einen Abraham, einen Moses oder Josua erblickte, der allen Widerständen zum Trotz aufbrechen würde in ein gelobtes Land, wo er als Farmer ein patriarchalisches Leben zu führen gedachte. Seine Hoffnung war die Dernauer Verwandtschaft. Sie nahm (wenigstens für ihn) konkrete Konturen an, als er einen Brief aus den USA empfing, der eine allgemein gehaltene Einladung enthielt: Wenn er die Überfahrt würde finanzieren können, sei der Rest kein Problem. Mit einer großen Anstrengung gelang es der Familie, einen Betrag anzusparen, mit dem man die Passage auf einem Schiff bezahlte, an das der Reisende keine Ansprüche stellen durfte. Man bedauerte die Witwe und den jungen Mann, der, obwohl im heiratsfähigen Alter, nichts für die Gründung einer eigenen Familie hatte zurücklegen können. Welcher Art Flucht Prospers Auswanderung war, niemand weiß es genau. Später hieß es, er habe alles kommen sehen. Wenn dein Vater durchgekommen wäre, mit etwas mehr Glück, dann säßest du jetzt in Washington oder New York, und du könntest mir von Zeit zu Zeit eine Ansichtskarte vom Weißen Haus oder vom Empire State Building schicken. Das war so eine Redensart von Heinz Ollet, dem Müllkutscher, die er zu variieren pflegte, wenn Dan und er über sich sprachen (aber davon später mehr).
Der Abschied war auf einen Dienstag anberaumt worden. Die Familie wusste in ihrer Bekümmerung nicht, wie ein solcher Abschied vonstatten ginge. Aber schon am Montag war Prosper verschwunden und wurde nie wieder gesehen. Aus einem nicht mehr nachvollziehbaren Grund ist er aus Le Havre abgedampft. Er hat später nichts anderes darüber geschrieben, als eben die Wiedergabe dieser Tatsache. Vielleicht war sie für ihn so einleuchtend, dass er eine Erklärung nicht für erforderlich hielt, und vielleicht war es tatsächlich nur der niedrige Fahrpreis, der ihn dazu bewog, ein Schiff in Le Havre zu besteigen. Andererseits hielt sich das Gerücht, nachdem es einmal aufgekommen war, dass er unterwegs jemanden aufgelesen und mitgenommen hatte, den großen Unbekannten oder die unsterbliche Geliebte. Daniels Mutter hing der zweiten Deutung an und litt. Dan wiederholte ständig: Es war der Preis, Vater hat sich umgehört und erfahren, dass in Le Havre ein billiger Frachter in die Staaten fährt. Aber warum die vorzeitige Abreise? Warum sagte er nichts? Ja, warum. Prosper hat darüber kein Wort verloren, obwohl man ihm Schreibfaulheit nicht vorwerfen konnte. Er berichtete von erfolgreichen Unternehmungen, und eines Tages, dass er endlich eine Anstellung in Aussicht habe. Diese Mitteilung bedrückte die Familie, weil aus ihr hervorging, dass die erfolgreichen Unternehmungen geschwindelt waren, um die Daheimgebliebenen zu trösten. Die Aussicht, in irgendeinem Lagerverwaltungsbüro in New York (die Briefe kamen alle aus NY) zu arbeiten, hatte ihn so ergriffen, dass er unversehens in einen Ton aufrichtiger Berichterstattung gefallen war und so einen Schimmer der Wahrheit über seine tatsächliche Lage preisgab. In der Dernauer Verwandtschaft war er herumgereicht worden, aber er hatte nirgendwo einen sicheren Unterschlupf gefunden, er war dort der Fremde aus der Heimat, aus der fremden Heimat. Das reichte für freundliche Worte, auch für ein wenig Geld.
1933 traf der teuerste Brief von allen ein, ein dickes Luftpostschreiben aus New Jersey. Mehrere Seiten wurden darauf verwendet, die Empfänger auf die erschütternde Nachricht vorzubereiten und zu schildern, ein wie tapferer, ein wie fürsorglicher Mann Prosper gewesen sei, da er trotz seiner Behinderung versucht habe, für seine Familie und sich, in erster Linie aber für seine Familie, eine neue Existenz in dem demokratischsten Land der Erde aufzubauen, eine Aufgabe, die trotz der zahlreichen Unterstützung, die er in der neuen Welt erfahren habe, eines Samsons würdig gewesen wäre. Die Nachricht selbst: Der Tränenwischer ist im Hafen tot aufgefunden worden mit einer klaffenden Kopfwunde, so dass die Polizei Mord nicht ausschließt. Der Brief deutete an, dass er einige Male aufgelesen worden sei und einmal in ein Männerasyl („zusammen mit Negern“) gesteckt worden war. Monate später kam der amtliche Bescheid: in Yonkers gestorben vermutlich an den Folgen einer alten Verletzung. Der Tote hatte außer den Personalien, die ihn als „a certain Prosper Spielstein“ aus dem Deutschen Reich auswiesen, nichts bei sich. Seine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen. Die Beisetzung habe in Paterson, NJ, stattgefunden, die Kosten seien von Verwandten beglichen worden.
Daniels Mutter hat ein Wochenende vor sich hin geweint und ist in Erinnerungen geschwommen. Ein paar Fotos wurden zusammengekratzt, Briefe geschrieben. Danach war sie eine alte Frau, von einer Woche zur anderen. Prosper hatte sich ein für allemal einer Erklärung entzogen. Die Kränkung war unheilbar. Daniels Mutter starb am gebrochenen Herzen, so sagt man (wie soll man es besser sagen). Dan lernte, alles der Kriegsverletzung zuzuschreiben, und kein Mensch weiß, ob dieser Glaube nicht sogar den Tatsachen entspricht.
Daniel durfte als Kalfaktor in der Schuhfabrik arbeiten, wo sein Vater einen wichtigen Posten bekleidet hatte. Aber 1933 wurde er entlassen. Man warf ihm vor, das ihm anvertraute Geld eines Kollegen veruntreut zu haben. Als die Firmenleitung nach langen rufschädigenden Untersuchungen die Sache auf sich beruhen lassen wollte, um die Justiz nicht zu bemühen, weil der Vorwurf des Kameradendiebstahls nicht erhärtet werden könne, willigte Daniel angewidert in die Kündigung ein, die trotz mangelnder Beweise ausgesprochen worden war und die er der Judenfeindlichkeit der neuen Regierung ankreidete. Im selben Jahr fing er bei Hartkopf an, vielleicht weil sich die Väter kannten und die Jungen, Daniel und Gustav (der Erbe) sich angefreundet hatten. Daniel selbst datierte seine große Liebe zu Gustavs Halbkusine in das Jahr 1934. In seiner Erinnerung hatte man sogar von einem Verlöbnis gesprochen. Und dann war plötzlich nicht mehr die Rede davon, und der alte Hartkopf pflegte nur noch einen förmlichen Umgang mit Daniel. Aber Dan durfte seine Stelle behalten. Damals war die große Zeit des Kirchgängers Bernhard Hartkopf, der seinen Bedarf an Ausübung religiöser Pflichten für den Rest seines Lebens deckte. Es wird überliefert, er habe mit seinem Kirchgang ein Zeichen dafür setzen wollen, dass mit der „neuen Zeit“ nicht alle Werte verloren gingen. Angeblich hat man ihn deswegen nach Bonn bestellt, wo er die Aussage näher erläutern sollte. Aber erst Gustav Hartkopf, der Erbe, war tatsächlich in einer „politischen“ Angelegenheit in der Gestapo-Zentrale am Kreuzbergweg.
Daniel Spielstein ging 1941 in die „Illegalität“. Er bezog eine Wohnung im Haus, das sein Vater, der Augenwischer, gerne gekauft hätte, aber Bernhard Hartkopf schließlich gekauft hatte. Er nannte sich Spielsin – Spiälsin (Betonung auf ‚äl‘). Das Versagen einer behördlichen Schreibmaschine, nämlich das am Typenhebel hochgerutschte ‚e‘ (der am häufigsten benutzte Vokal hatte den Fliehkräften nicht mehr standgehalten), die Schludrigkeit eines Beamten und die eigene genialisch-schwungvolle Unterschrift gestatteten eine Lesart in seinem Pass, die ihm die vielleicht lebenswichtige Namensänderung vom jüdischen ‚Spielstein‘ ins christlich-polnische ‚Spielsin‘ ermöglichte - Spiälsin („mein Name ist Spiälsin - das konnten Sie nicht wissen“).