Kitabı oku: «Mobile Röntgenstationen», sayfa 2
Nein, vielleicht schlafe ich endlich ein. Ich erwähne nur einige von denen, die das Gedächtnis aus der Tiefe geholt und an die Oberfläche befördert hat. Eine Menge solcher ließen sich noch ausmachen in diesem meinem Vierteljahrhundert. Na und, würde meine verstorbene Tante sagen, wie viele unschuldige Menschen sind umgekommen, wurden überfallen, erstochen, überfahren! Und, klar, sie hätte Recht gehabt. Auf ihre Art Recht gehabt. Alle, die du genannt hast, so würde sie behaupten, wenn sie noch am Leben wäre, waren doch verdammte Säufer, Selbstmörder, Schizophrene, mit einem Wort, nicht normal! Und hätte wieder Recht gehabt, wie in ihrem ganzen langen Leben. Aber mir erschienen sie aus irgendeinem Grund als Märtyrer. Wie viele unschuldige Menschen habe allein die Schwindsucht dahingerafft, so meine ewig Recht habende Tante. Es ist wahr, sie wurde zu Beginn des Jahrhunderts geboren und hat so manches mit ansehen müssen. Aber ich behaupte: Alle sind sie Märtyrer, wie auch eine große Zahl derer, die unerkannt dahingegangen sind. Nur werden sie schon nicht mehr in Wettbewerb treten ob der Größe ihres Leidens, ihrer Hochherzigkeit oder ihrer Bedeutung für die Menschheit. Sie werden nicht darum bitten, von Kanonikern selig oder gar heilig gesprochen zu werden. Solche wie sie brauchten stets Berater, Schutzpatrone, entschiedene und furchtlose Wegbereiter. Ich jedoch, leider, gleiche denen nicht im Entferntesten. Andererseits: Jeanne d’Arc zum Beispiel musste lange Jahrhunderte warten, bis … Aber was vergleiche ich hier! Meine Märtyrer werden niemals populär werden und die Massen beeindrucken, nicht einmal der arme kleine Povilas. Solche wie sie gab und gibt es doch zuhauf. Vielleicht hatten auch sie Visionen, Erhebungen, Durchblicke, nur wird das niemand mehr erfahren. Heilige müssen zudem ein wenig Furcht erregend, auch nicht ganz zu begreifen sein, das Personal meiner Erzählung hingegen ist durchsichtig wie das erste Eis auf dem See. Schon sehr dem Nullzyklus angepasst, und das ist dasselbe wie ein flacher, zugeschneiter, niemandem hinderlicher Platz auf einem brachliegenden Gelände.
Ich wiederhole: Jeder hat seinen Nullzyklus, der nur ihm gehört, und seinen Willen – den Bau zu beginnen oder alles zu konservieren. In diesem Zyklus, von dem aus alle anderen Arbeiten ihren Anfang nehmen, findet sich von jedem ein bisschen: rostiges Eisen und Kupfer, Goldstaub, Hunde, Rinder- und Menschenknochen, allerhand Plunder, Reste von Dingen, über die wir schon niemals mehr etwas erfahren werden. Vielleicht stößt man auch auf Blindgänger, eine Mine oder ein Artilleriegeschoss. Dann muss ein Sprengkommando ran. Doch andere Entdeckungen sind es wert, von Archäologen begutachtet zu werden. Die sind nicht besonders erwünscht: Sie behindern die laufenden Arbeiten, streiten sich um jede Scherbe, schließlich werden sie, nachdem sie alles durcheinandergebracht haben, davongejagt. Aber auch wer selbst gräbt, geht möglicherweise leer aus, das passiert nicht selten. Nichts als Gräser, Maulwurfsgänge, Äste, Lehmbatzen, Geröll, heller oder dunkler Sand, das Material eben, aus dem das dahinschleichende, durchschnittliche und langweilige Leben gemacht ist. Aber wenn man auf ein Sapropel[5] stößt, dann bedeutet das schon etwas. Ein Sapropel ist eine Hoffnung, Entdeckungen zu machen. Dann war dein Viertel doch nicht hohl und leer. Schmutzig, blutig, übel riechend, mag sein, aber nicht hohl und leer. Auch träger Sand, ein toter Käfer, ein seltsam geformter Kiesel haben ein Recht, darin zu existieren. Doch wenn man auf massivere Dinge stößt, eine alte Truhe etwa, sollte man sich nicht zu früh freuen und Hurra schreien. Irgendein Knopf oder eine Geschosshülse kann hundertmal wichtiger sein als wertloses Geld oder von Patina zerfressener Schmuck, den man dir sowieso wegnimmt. Denn die Leute haben noch dieselben langen Zungen wie vor einem Vierteljahrhundert. Zumindest dieses Jahrhunderts, das nicht nur nach frischem Honig duftet, sondern auch wie Katzenscheiße stinkt.
Aber vielleicht ist es auch für mich selbst Zeit zu beginnen, denn neue Freunde werden sich kaum noch einfinden, und die alten erschrecken einen immer häufiger mit einem finalen Scherz: Ohne jede Vorwarnung begeben sie sich dorthin, wohin es schon vor vielen Jahren den kleinen Povilas verschlug, den Philologen und Kellner Šarlis, die Verse schmiedende Mika, den Saxophonisten Henrikas und andere, die hier nicht namentlich aufzuführen sind. Und alle einzeln, jeder für sich. Vielleicht wäre es in der Gruppe angenehmer gewesen? Man hätte ein paar Worte gewechselt, eine Selbstgedrehte herumgehen lassen. Wohl kaum. Jener Scherz ist finster genug, und er ist unwiderruflich. Da kommt doch keiner, klopft an die Tür und sagt: Nimm’s nicht übel, diesmal hab ich ein wenig übertrieben! Auch weiß man nie, wann man selbst mit diesem Scherz seine Mitmenschen erschreckt, daher fürchte ich mich, etwas über andere zu sagen, ohne in deren neues Fell geschlüpft zu sein.
An einem Sommerabend fuhr ein sehr berühmter Regisseur mit eigenem Auto bei mir vor, den Kopf kahl geschoren, dennoch hatte er wenig von einem Banditen. Einmetersechsundneunzig, mit dem Blick eines müden Falken, es gibt auch solche. Er zog an seiner Zigarette, schlürfte Kaffee, um dann gleich zur Sache zu kommen: Wir machen einen Film. Sie machen immer irgendwas, anders können sie gar nicht mehr. Das Theater, so bekam ich zu hören, habe ihm schon allen Saft aus den Adern gezogen, eine Bluttransfusion sei nötig. Er drückte sich einfacher aus, ich übertreibe jetzt. Ich hörte mir alles an und wusste: Da kommt was auf dich zu. Aber ich nickte nur mit dem Kopf: klar, natürlich, worüber, wann? Auf Ruhm war der Kahlköpfige nicht aus, er war berühmt genug, obendrein einer, der geradezu zur Kunst verurteilt war und darüber nicht gern sprach. Wir waren miteinander noch aus jenen Nullzyklus-Jahren bekannt, als der heutige Genius in einer Armeejacke – himbeerfarbene Streifen! – in der Altstadt Kabelgräben aushob und manchmal hungrig in der Werkstatt eines Restaurators auftauchte, wo es einen Löffel Grütze oder eine heiße Wurst mit Senf für ihn gab. Damals war er noch dürrer als jetzt. Und auch schon nicht sehr gesprächig. Übrigens dauerte das nicht lange. Als er den für ihn unpassenden Dienst beendet hatte, bekam er seine eigene Theatertruppe und wurde mit jedem Jahr berühmter, bis er es so weit gebracht hatte, dass alle potenziellen Konkurrenten begriffen: Da ist nichts zu machen, den holt man doch nicht ein. Besser war es, gemächlich die eigene Furche zu ziehen und in Zeitungen mit sympathischen Theaterkritikerinnen zu disputieren.
Einen Film will ich machen, brachte der Kahlköpfige ruhig zwischen seinen Zahnbrücken hervor. Goldzähne hatte er noch keine, wenigstens vorne. – Und weißt du was? Wir setzen uns ins Auto und fahren los. Jetzt gleich.
Wohin? Es war natürlich, sich danach zu erkundigen, obwohl es mir egal war.
Am Friedhof von Rasai vorbei bogen wir in die Schwarze Straße ein. Seit langem wusste ich es: Sie, die Schwarze, führt bis Veliučionai, wo sich ein Gefängnis für minderjährige Kriminelle befindet, natürlich nannte es sich anders. Ein Vetter von mir, Boxer und Nihilist, hatte dort irgendwann einmal Physik unterrichtet. Diese Hundesöhne fürchten mich, den Sportlehrer und sonst niemanden, pflegte er zu sagen. Aber wir bogen in die andere Richtung ab. Freudenstraße. Hier freuten sich Bäume, Büsche, die neuen und nicht mehr neuen Mauern, öffneten sich eindrucksvolle Ausblicke in ein weites Tal, dahinter rotes Gestein, die berühmte Senke. Dann schon andere Wälder, finstere, dunkelgrüne und sogar blau schimmernde. Vor fünfzehn Jahren war ich täglich durch die Freudenstraße ins Psychoneurologische Krankenhaus gefahren, hatte es geschafft, dort als Hilfspfleger unterzukommen. Nach mir entließen sie einen berühmten Theaterkritiker, der dort auch vorübergehend tätig war und selbst ein kleines Stück aufführte, in dem sowohl das Personal als auch die Patienten mitspielten. Nun lächelte ich: So verbunden ist mein Leben mit dem Theater! Als Pfleger hielt ich es dort nicht lange aus, die Ärzte und Schwestern jagten mir weit mehr Angst ein als ihre Patienten. Einige Monate fuhr ich mit dem Vierunddreißiger Bus hier durch und dachte jedes Mal: Gleich werde ich in die Straße der Hoffnungslosigkeit gelangen, das Territorium der absoluten und relativen Idiotie betreten. Es galt, die Mühseligen und Beladenen zu beruhigen, denen, die sich nicht aus dem Bett erheben konnten, Essen zu bringen, und nachmittags diejenigen, in denen noch ein Funke eines seltsamen, uns unzugänglichen Verstandes glomm, in einen vergitterten Hof zum Ausgang zu führen.
Freudenstraße, sagte ich laut und lächelte süßsauer.
Was quasselst du da? Der Genius drehte sich zu mir um, und ich dachte plötzlich: Vielleicht könnte sein Film von Verrückten handeln? Von anderen Verrückten natürlich, nicht unbedingt von denen in Zwangsjacken und mit gespaltener Zunge. Doch lieber nicht, davon gibt es zu viele, alle wird man nicht erfassen, nicht mal in einem Monumentalfilm.
In die Stadt zurück nahmen wir schon einen anderen Weg, den über Kairėnai und Šaltinis, das durch eine Heilquelle berühmt war, zu der die Leute pilgerten wie zu irgendeinem Lourdes. Ihr Wasser versiegt nicht, säuert nicht, erklärte der Regisseur. Es stillt nicht nur den Durst, sondern läutert auch den Geist. Pkws standen dort, der eine oder andere kleine Kiosk, der Handel wittert heute schnell ein Geschäft. Wir stiegen aus dem Wagen, reihten uns in die Schlange ein und tranken wirklich vorzügliches Wasser. Sogar Tafeln mit diversen Anzeigen waren zu sehen, die Leute versuchten Wohnungen zu tauschen, zu kaufen oder zu verkaufen, rieten zu einer Massage oder wollten heiraten. Vor einem entfernteren Häuschen vertrat sich ebenfalls eine Menschenschlange die Füße. Ich bog deshalb in einen Fichtenwald ein, aber auch hier war alles voller Autos. So musste ich noch ein ganzes Stück weiter ins Unterholz, bis ich das Wunderwasser wieder ablassen konnte. Dann sah ich mich um und erblickte, nur einige Schritte vor mir, ein seltsames Ungetüm. Ein fast völlig verrosteter Bus stand dort, ohne Räder, eher wohl das Gerippe eines Fahrzeuges, aber noch nicht ganz. Na und, ein Bus, dachte ich gleichgültig, um dann unvermutet die vernickelte Firmenaufschrift zu Gesicht zu bekommen. Verblüffenderweise war sie heil geblieben. Ikarus. Seinerzeit eine sehr populäre ungarische Marke, es gab davon mehrere Generationen. Hier handelte es sich um einen der ältesten Typen, ein Veteran war das. Nur irgendwie seltsam. Denn das hier war offenbar kein Fahrzeug zur Personenbeförderung. Sogar an dem, was noch übrig war, konnte man es sehen. Den Bus rechnete ich ebenfalls meinem Nullzyklus zu, daher begann ich, einzig aus Neugier, mich zu nähern. Irgendwelche Wände, Ummantelungen, Platten, Reste von Sitzen. Klar, dass das kein normaler Reisebus war. Und plötzlich die Erleuchtung: Ein Röntgenbus! Eine mobile Röntgenstation! Hätte ich nicht gleich darauf kommen können? Mir wurde warm ums Herz: Noch so ein Dinosaurier aus alten Zeiten. Einer von denen, die damals ganz Litauen abklapperten. Deren Betreiber wissen wollten, wer von den Sowjetbürgern es noch wagte, an Tuberkulose zu erkranken, auch Tbc genannt oder volkstümlicher: Schwindsucht. Nun stellt euch mal schön in der Reihe auf, und dann einer nach dem anderen. Bitte den Oberkörper frei machen. Hier hinstellen. Tief einatmen. Die Luft anhalten. Gut, das war’s. Der Nächste, der Nächste, der Nächste … Schulen, Betriebe, Arbeitskollektive, alle in Reih und Glied. Vielleicht hatte sich bei irgendeinem ein winziger Tuberkuloseherd gebildet?
Zur Quelle zurückgekehrt, benachrichtigte ich den Regisseur. Komm mal mit, ich will dir was zeigen! Er zuckte nur mit den Schultern und folgte mir, wir hatten ja Zeit. Schweigend näherten wir uns dem von mir entdeckten Gefährt. Es dämmerte bereits, aber er erkannte den Bus sofort. – Röntgen, klar! Ich erinnere mich! Ich spürte, dass er aufgeregt war, nur um nichts in der Welt hätte er das zugegeben. Er bückte sich und kroch hinein, fluchend, weil es schon dunkel und kaum etwas zu sehen war. Was eigentlich wollte er bei hereinbrechender Nacht dort erblicken? Vielleicht den eigenen Brustkorb, dazu die in endlosen Proben verräucherte Lunge? Ich stand neben dem Ikarus, wartete und wartete, es wurde allmählich langweilig.
Endlich zwängte er sich heraus, stolperte, fluchte abermals, fuhr sich mit der Hand über den Hosenboden. Das war’s, rief er, fahren wir! Ich schwieg, wenn ihm danach war, würde er selbst mit der Sprache herausrücken. So kam es auch: In der Nähe der zukünftigen Botschaft Georgiens drehte sich der Regisseur zu mir um und verkündete halblaut:
Alles klar. Wir machen den Film. Über diesen Röntgen. Und über diese Busse. Morgen fahren wir wieder dorthin, tagsüber natürlich. Übernimmst du das Drehbuch?
Ich zuckte mit den Schultern, aber er hatte bereits entschieden.
1
Unermesslich ist der Hochmut des irdischen Verstandes, dabei sind die so genannten zivilisatorischen Errungenschaften, auf die wir so stolz sind – wem gegenüber eigentlich? –, zunächst nur dumme und reichlich unangenehme Zufälle. So, wie man im Wald auf einen Ast tritt und plötzlich begreift, dass es kein Ast ist, sondern die Schwanzspitze einer vor sich hin dösenden Schlange. Ja, manchmal ganz unbeabsichtigt, meist in Extremsituationen, verbinden sich in der Hirnrinde zwei kleine Drähte, und dem Menschen kommt zumindest für einen Augenblick der Gedanke, dass sämtliche Erfindungen die größte Hohlheit sind. Aber gleich denkt er wieder über deren Nutzen nach, so geht das schon lange und wird sich ewig fortsetzen. Dabei ist es ein wahres Glück, dass der Mensch nur einen sehr kleinen Teil seiner erahnten, sogar berechneten, intellektuellen Potenzen nutzt, ein Glück für ihn selbst, für wen sonst? Die Menschheit hätte innehalten und erst einmal durchatmen können, nachdem der Blitzableiter und das Wasserklosett erfunden worden waren, schon damals gab es nüchterne Stimmen, die sagten: Genug! Ernste Männer wie auch die Existenzialisten behaupteten, am glücklichsten auf Erden seien die Wilden und die sich heimlich ins Fäustchen lachenden Irren, aber es ging immer weiter. Der Mixer wurde erfunden, der Getränkeautomat, schließlich das Fließband, die schlimmste Erfindung aller Zeiten. Der Hochmut gewann wieder die Oberhand, so war es jedes Mal. Aus alberner Neugier erfand der Mensch den Taucheranzug, irgendein Morse schuf sein Alphabet, die Generäle entdeckten Täuschung und Tarnung, und als unerwartet Strahlen entdeckt wurden, genannt nach Wilhelm Conrad Röntgen, öffnete sich – er trägt hier die größte Schuld! – ein direkter Weg hin zum atomaren Schrecken. Unwichtig, dass es nicht gleich passierte. Unwichtig, dass der Mann das gar nicht gewollt hatte, alle sagen es. Unwichtig selbst, dass die Herren Erfinder anständige, ehrsame und gottesfürchtige Menschen waren. Vieles gibt es, was nicht mehr wichtig ist, selbst die Resultate, auf die seit Jahrhunderten zwei der dümmsten Kasten des Menschengeschlechts Zugriff haben: Militärs und Politiker. Dann kommen schon Geschäftsleute, Technologen, durchgedrehte Genies. Und erst danach die blinden Vollstrecker, auch sie sind Opfer. Und obwohl auch diese Reihenfolge völlig unwichtig ist – sie wird übrigens hartnäckig in Frage gestellt, und einige herausragende Persönlichkeiten werden unverdient in den Himmel gehoben! –, auf den Atom-Knopf drücken kann auch ein großer Humanist oder ein sentimentaler Akademiker, nichts ändert sich dadurch. Nein, vielleicht war schon der Blitzableiter zu viel. Gar nicht zu reden vom Wasserklosett. So sehe ich es vor mir: Einen Bauern, der auf offenem Feld kackt, erschlägt ein Ausfluss himmlischer Elektrizität, Amen. Man hätte sich mit dem Rad und dem Feuerstein begnügen sollen. Es wäre möglich gewesen, sich zu vermehren, Wege anzulegen ebenfalls. Du ratterst dahin, hältst an, entfachst ein Feuerchen, brätst dir einen Hirsch, bekreuzigst dich und ratterst wieder weiter und weiter. Mir reicht W. C. Röntgen. Es ist nicht an mir, ihn anzuklagen, das wäre allzu naiv. Jeder kluge Mensch würde, ohne die Stimme zu heben, erklären, wie viel Gutes er der Menschheit gebracht hat, uns Taugenichtsen, die wir in feuchten Kellerräumen vegetieren und billigen Tabak schmauchen, in Bergwerken, Fabriken, im Staub der Straßen husten, den Gestank von Asphalt und die Abgase von Autos einatmen. Er, Wilhelm Conrad, schaffte es, überraschend auch für ihn selbst, dass Begriffe wie Tuberkel, Kaverne, Schwindsucht unseren Ohren nicht mehr so düster und fatal klingen. Die Tuberkulose, einst eine schreckliche, fragiles Leben hinmähende Chimäre, wurde dank seiner Erfindung dramatischer, doch hoffnungsvoller Alltag. Zur Erinnerung: Ihr wirkliches Gesicht bekam die Schwindsucht erst, als sie sich im Röntgenogramm zu erkennen gab. 1896 entstand die erste Röntgenaufnahme: Die Heroen der Wissenschaft fotografierten damals ein totes Neugeborenes. Damit fing alles an! Und machen wir uns nichts vor, bis dahin hatte sich die zivilisierte Welt schön arrangiert mit der Schwindsucht und nicht mal den Versuch gemacht, ihr wirklich Paroli zu bieten. Das wäre doch albern gewesen. Wie viel frischen Wind trug sie unter das Dach der Künste! Giuseppe Verdi lässt sogar die reizende Violetta an Tuberkulose erkranken, die schön und traurig singt, dann noch mit Alfredo in Gesellschaft Champagner schlürft und liebend stirbt. Und Alfredo denkt nicht daran, sich mit einem Taschentuch oder einer sterilen Maske zu schützen. Zumindest auf der Bühne. Die Schwindsucht, das war die Schwester des Sensenmannes, die wahllos ihre Opfer niederstreckte, ohne sich um Titel, Verdienste, Rechtgläubigkeit oder Häresien zu scheren. Zu Zeiten Prinz Kazimirs gab es nicht so viel Rauch, Gase und hundert andere Übel der Jetztzeit, aber die Lungenseuche mähte auch ihn nieder. Und der lebte doch in einem Schloss, hatte zu essen und zu trinken und war vermutlich Nichtraucher. Poeten, Musikanten, Heerführer, hohe Adlige, Männer der Bildung und Wissenschaft – der Bazillus mochte sie alle gleichermaßen, richtete sich in ihren Körpern ein, entschlossen, nicht zu weichen, bis deren Besitzer ihren letzten Atemzug getan hatten. Damit die Schwindsucht nicht als Krankheit der Oberen erschien wie Podagra oder Migräne, befiel der Bazillus regelmäßig auch die unteren Schichten: Proletariat, Plebs, Handwerker, Bürger und Beamte. Einzig die Bauern schienen sich ihm zu entziehen, aber auch nicht alle. Andererseits: Wer wollte behaupten, dass zum Beispiel die Poeten ohne Ihre Majestät die Schwindsucht wären, was sie geworden sind? Jede Literaturgeschichte sollte den Tuberkulosekranken wenigstens einen stattlichen Band widmen. Den Litauern reichte eine solide wissenschaftliche Abhandlung. Die könnte man dann ausweiten und ergänzen. Ohne es selbst zu wollen, hat diese Krankheit Völker, Rassen und Klassen mehr vereint, als Naturkatastrophen oder auch Gleichheitslosungen es vermochten, sie war der beste Gleichmacher. Könnte sie selbst einige Worte über sich sagen, würde sie sicher verkünden: Ich bin eine, die hinterhältig ist und sich Zeit lässt. Ich bin eine Geißel, eine Unheilbringerin. Und eine Schande für euch, eine heilende Wunde. In der Epoche des Sozialismus – so etwas gab es! – wurde alles Elend, das die Tuberkulose brachte, mit dem größten Vergnügen dem faulenden und sterbenden Kapitalismus angelastet, klar, ein schöner Nährboden für Bazillen! Aber als sie sich auch in den Zeiten des reifen Sozialismus nicht verabschieden wollte, hörte man auf, laut über sie zu sprechen. Doch diese Krankheit ließ sich durch nichts beeindrucken und streckte unbekümmert weiter ihre langen Krallen aus. Ratlosigkeit breitete sich aus. Man konnte sie weder zum Tode verurteilen noch nach Sibirien verbannen, wo sie sicher an der Kälte krepiert wäre. Es war nicht möglich, sie raffiniert zu foltern oder einfach zu erschießen. So oft man auch anlegte, man schoss immer vorbei. Die Schwindsucht saß gleichsam nebenan, selbst in KGB-Zentralen und deren zahlreichen Filialen. Sie konnte man verhören bis zum Abwinken, auspeitschen, mit Schlaflosigkeit oder Hunger quälen. Alles umsonst! Man konnte ihr nicht einmal damit drohen, sie niemals ins Ausland zu lassen, diese Übeltäterin überschritt die Grenzen, wo und wann immer es ihr passte. Daher ehrten die Sowjets Röntgen, wenn auch mit einem Stirnrunzeln. Doch offiziell galt die Schwindsucht weiterhin als ein Erbe des Kapitalismus, genau wie Syphilis, Diphtherie, Messerstechereien, Opportunismus, Darmverstopfung und eine Menge anderer Unbill, die geeignet war, den Volkszorn zu mobilisieren. Liebend gern hätte man auch die Trunksucht dazugezählt, es sogar versucht, bis man es schließlich aufgab: Lassen wir das. Obwohl die Medizin jener Zeit auch verkündete, dass Branntwein die Tuberkulose kaum heile, das Gegenteil sei der Fall. Es war auch wirklich zum Verzweifeln: Der Faschismus war zerschlagen, die Überreste der Bourgeoisie im Lande beseitigt, und diese Krankheit ging noch immer ihrer schwarzen Arbeit nach. Und Blut hustete selbst der eine oder andere Parteisekretär. Dabei war es niemandem angenehm zu sehen, wenn ein Bestarbeiter, der eben noch eine feurige Rede gehalten hatte, auf einmal ein Taschentuch auseinander faltete und leise – andere hörten es umso mehr! – hineinhustete und Blut spuckte. Der wird’s nicht mehr lange machen, flüsterte man dann im Publikum. Geschlechtskranke, Homosexuelle und andere raffinierte Perverse überwand die Sowjetmacht auf einfache Weise, man steckte sie in Lager, isolierte sie von der geschlechtslosen Gesellschaft, schwang die Peitsche der Satire. Schwindsüchtige, klar, hätte man auch hinter Gitter bringen können, auf dass sie nicht husteten und Blut spuckten, wo es sich nicht ziemte. Aber das schien wenig sinnvoll, weil auch Parteimitglieder an Tbc erkrankten. Die Strategen des Kommunismus waren zum Umdenken gezwungen. Sie trieben nun diese Patienten in Prophylaktorien, diverse Institute, Spezialkliniken und Sanatorien, man verabreichte ihnen fettreichere Kost. Nach und nach verwandelte sich der sowjetische Schwindsüchtige geradezu in einen Privilegierten. Die Krankheit, so hörte man, habe er aus der Vergangenheit mitgebracht oder sich sogar als Folge des Kampfes mit dem Weltimperialismus zugezogen. Mochte er es sich also in seinen letzten Tagen gut gehen lassen, an der See oder sonst in einem Kiefernwald, mochte er den Pazifisten Remarque lesen oder besser noch Čechov, der im zaristischen Jalta Dienst tat, einem wahren Schwindsüchtigenparadies. Die Welt sah, die Sowjets standen dieser Krankheit nicht gleichgültig gegenüber. Sie taten, was in ihren Kräften stand, man konnte ihnen keine Vorwürfe machen. Währenddessen waren die Schwindsüchtigen selbst dabei, sich mit ihrem Unglück zu arrangieren. Sie erfreuten sich an kleinen Privilegien, indem sie sich etwa, ein wenig zu Kräften gekommen, nicht mehr mit Schnaps therapierten, sondern mit Kognak. Und nicht mehr Machorka rauchten, sondern Kazbek oder sogar Hercogovina-Flor, wie Väterchen Stalin. Abgelegene Sanatorien richteten für die hoffnungslosen Fälle komfortable kleine Häuser ein, wo die Moribunden, bevor sie ihre Reise ins Nichts antraten (der Himmel war verboten), es noch schafften, sich Schallplatten anzuhören, Akkordeonmusik zu lauschen, berauschende alkoholische Getränke zu verköstigen, um danach, die letzten Kräfte mobilisierend, mit einer Schicksalspartnerin ins Bett zu steigen.
Der Fortschritt auf diesem Gebiet war übrigens so augenscheinlich, dass bereits 1947 med. Felčeris[6] Zigmantas Strazdas unschwer eine Dissertation verteidigte mit dem Thema: Der Einfluss der Sowjetmacht und ihr Sieg im Kampf mit Tbc. Nachdem er seinen Doktortitel in der Tasche hatte, wurde ihm auch erlaubt, seinen Nachnamen zu ändern, seit 1948 wurde er schon überall Z. Erelis[7] genannt. Dieser Name findet sich, in eine Granitplatte eingemeißelt, auf dem Friedhof von Petrašiūnai, gestaltet in der unregelmäßigen Form eines rechten Lungenflügels. Die Schwindsucht mähte Erelis im Jahre 1950 nieder. Er starb im Herbst, einer heiteren Jahreszeit für alle von der Tuberkulose Geplagten, und wurde neben einem Volkskünstler der UdSSR begraben. Sehr zur Unzeit übrigens. Denn nachdem sich das Litauische Volk freiwillig der sowjetischen Völkerfamilie angeschlossen hatte, war ihm gerade erst das Recht gewährt worden, das düstere historische Kapitel, das die Schwindsucht schrieb, zu beenden. In sämtlichen Publikationen jener Jahre wurde sie als historisch abgetan beschrieben, als beinahe so etwas wie die mittelalterliche Pest, und dem vermeintlich letzten an Schwindsucht gestorbenen Patienten hatte man neben der Kaunasser Klinik ein nicht sehr künstlerisches, dafür wirklichkeitsnahes Denkmal gesetzt. Für die Figur saß sogar eine konkrete Person Modell: Ein Mann mittleren Alters, der dort mit einer offenen Kaverne lag, stellte sich dem Bildhauer, Stalinpreisträger der Stufe III, willig für ein Denkmal in Lebensgröße zur Verfügung. Das Elend war nur, dass der Kranke, ein Mann von kristallklarer Gesinnung, Organisator der kollektiven Landwirtschaft und Proletarier der dritten Generation, den Künstler überlebte. Die beiden Männer freundeten sich während der Dauer des Entstehungsprozesses dieses Kunstwerks heftig miteinander an, und weil man auch ähnliche Ansichten hatte, begann man im Klub des Sanatoriums, wo ein Studio eingerichtet wurde, Frauen anzulocken (Köchinnen, Krankenschwestern), hemmungslos zu saufen, und der Bildhauer wurde bald von einem Delirium tremens heimgesucht. Von einer schweren Depression geplagt, stürzte er zusammen mit einem Scherbenregen aus dem Fenster und hatte sich glücklich aus dem Leben befördert. Die Statue, ein wenig modifiziert, beendete sein Schüler. Sie war wesentlich beleibter ausgefallen, und auf dem Gesicht zeigte sich etwas wie ein Lächeln. Neben der Klinik aufgestellt, stand sie noch bis zum Herbst 1961. Bis eine Gipshand und die Nase abgefallen waren, die Streben des Metallgerüstes an einigen Stellen herausragten und die ästhetisch gestimmte Klinikleitung das Meisterwerk abtragen ließ. Keinerlei Proteste, keine Nachricht in den Zeitungen.
Zu dieser Zeit begriff es sogar die Regierung der UdSSR: Allein mit Enthusiasmus und den üblichen Hauruck-Aktionen war diese heimtückische Krankheit nicht zu besiegen. Also bekamen die Tuberkulösen noch mehr Privilegien, sogar in den Gefängnissen wurden ihnen etwas geräumigere Zellen zugewiesen, die als Krankenzimmer galten. Heutzutage, da die arme Schwindsucht längst verdrängt wurde von Seiner Majestät dem Krebs, von Herzkrankheiten und dem weltweit operierenden AIDS, hat jeder normale Mensch zumindest einige an Tuberkulose leidende Freunde oder Bekannte. Sie sind einsam. Gingen all ihrer früheren Privilegien verlustig. Verloren ihr Image. Es war noch gar nicht lange her, dass sich ein Patient dieser Art, nachdem er ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt hatte, wieder ins ungemachte Nest legte, sich reckte und streckte, sich dann rumdrehte und wieder einschlief. Diese Zeiten waren ein für allemal vorbei. Ist doch unser Schwindsüchtiger heute isoliert, ungeliebt, mehr noch: Er wird leise verachtet. Da genießen Krebskranke oder Herzpatienten ein höheres Prestige, ganz zu schweigen von den Helden an der AIDS-Front. Röntgen hätten sich die Haare gesträubt: Weshalb, zum Teufel, hab ich mich angestrengt und Zeit vergeudet? Er möge sich beruhigen, sein Name ist in die Ewigkeit eingegangen. In Röntgen-Einheiten wird die elektromagnetische Hintergrund-Strahlung gemessen, die schon zu Zeiten Caligulas, Vytautas des Großen, Murawjows[8] und Vincas Kudirkas[9] existierte. Schön auch, wenn ein an einem Seeufer gemessener überhöhter Strahlenpegel öffentlich im Radio bekannt gegeben wird: Besser eine Ahnung zu haben von diesen Dingen als in Unwissenheit dahinzudämmern! Metalle wurden entdeckt, die nachts wie Johanniskäfer leuchteten, und die gestohlenen Behälter mit diesem Brennmaterial, die, sogar in der Erde vergraben, leise tickten – wie viele Röntgen kamen hier zusammen! Vielleicht zirpte das bereits zu Dschingis Khans Zeiten, wer weiß es? Aber hätten sich etwa die Kreuzritter um irgendeine Hintergrundstrahlung geschert, als sie ihre Katapulte auf dem Nemunas bis nach Kaunas heranschifften? Die Menschen hatten andere Sorgen. Zu essen und zu trinken zu haben war das Wichtigste, im Wald ein verirrtes Reh einzufangen oder ein Weibsbild, am Flussufer die stolpernden Lastpferde zu füttern und sich vor einem Hinterhalt der Heiden in Acht zu nehmen. Ähnliche Sorgen hatten auch Ritter, Handelsleute, Räuber und Wegelagerer, Heerführer, später Gendarme, Postkutscher, Mönche und einsame Wanderer. Jene Strahlung existierte, aber zu allen Zeiten gab es handgreiflicheres Unglück: Dürrekatastrophen, Ernteausfälle, Hochwasser und Seuchen, die das Vieh dezimierten. Und wo noch Feuersbrünste hinzukamen, Flucht vor Feinden, schmerzende Knochen, Impotenz, Beulen und später besagte Schwindsucht, da trocknete der Mensch allmählich ein, ein dürrer Strunk, bis schließlich ein Windstoß reichte, um den Stiel zu knicken. Dieses Ende ist jedoch so vielfältig, dass häufig niemand dieses leise Wegknicken bemerkt. In früheren Jahrhunderten – das ist wahr – gab es solche, die darauf aus waren, öffentlich zu sterben, nicht nur Russen, nein. Willig legte man den Kopf aufs Schafott oder steckte ihn in die Schlinge, damit es nur alle sahen! In Merkinė zum Beispiel. Dort gibt es einen Ort, wo das Sterbebett eines Königs zu besichtigen ist, direkt auf dem Platz gegenüber einer Kaschemme. Sollten alle sehen, wie die Großen dem Tod entgegensahen, so der letzte Wille des Mannes, der auch erfüllt wurde. Heute entschließt sich nur selten einer dazu, auch die Polizei würde es nicht erlauben. Sonst würden wir Betten dieser Art sicher auch auf Plätzen und bewegten Kreuzungen begegnen, obwohl meine Zeitgenossen Waggons, Zelte und durchsichtige Käfige bevorzugten. Sie erkrankten nicht an der Schwindsucht, wollten auch nicht öffentlich sterben, sie waren einfach Meister im Hungern. Vielleicht ist hier der Jude Franz Kafka ein wenig schuld, der einst seine Erzählung Der Hungerkünstler schrieb. Oder vielleicht auch nicht, erinnern wir uns an Franz von Assisi oder an einen, der noch schlimmer fastete, Bruder Klaus, ein Schweizer!






