Kitabı oku: «Mobile Röntgenstationen», sayfa 3

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Aber kehren wir zu unserem Thema und zu den Schwindsüchtigen zurück. Noch einmal begeben wir uns in jene famosen Zeiten, als diese Kranken noch hoch geehrt wurden, verhätschelt und verwöhnt, nicht nur mit Penizillin, auch mit reichlich Obst und Früchten. Ist es auch nicht leicht, die Kaste der Schwindsüchtigen mit wenigen Worten zu beschreiben, einige ihrer charakterlichen Besonderheiten sind sowohl Poeten, Priestern als auch von Tbc befallenen Proletariern eigen. Ein von dieser Krankheit befallener Mensch ist für gewöhnlich äußerst reizbar, nervös, er hasst soziale Ungleichheit. Auch ist er bereit, sich rasch zu verlieben, wenn diese Liebe nur ohne Erwiderung bleibt. Dann kann so einer sich wirklich unglücklich fühlen, bis zu den Ohren ins eigene Elend eintauchen. Andererseits ist ein so geartetes Wesen auch empfindlich für das Unglück seiner Mitmenschen. So ein ausgetrockneter Wurm kann sich aufopfern, um in einem Fluss einen Dickwanst vor dem Ertrinken zu retten, aus einem brennenden Haus eine Alte oder einen Invaliden hinauszutragen. Sind doch die Tage jener Moribunden ohnehin gezählt. Außerdem neigen diese Leute dazu, umgehend alle möglichen Fragen zu diskutieren: vom Klimawechsel über die Politik bis hin zur Menstruation der Mücken. Der von der Tbc Heimgesuchte war damals häufig auch eine politisch engagierte Person. Die eifrigsten Propagandisten und Agitatoren des Kommunismus rekrutierten sich aus ihren Reihen. Schwindsüchtige vernichteten die gefährlichsten Bunker der Waldbrüder[10]. Das Wissen, dass das Ende nahe war, inspirierte, es fiel dann leichter, Heldentaten zu vollbringen. Schon fiebernd, verfassten die Poeten ihre besten Gedichte, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass nach vielen Jahren, wenn der letzte Tbc-Bazillus ihre sterblichen Hüllen verlassen haben würde, gesunde und satte Literaturologen, ohne die geringsten Gewissensbisse, ihre Tragödien zu unsterblichen Traktaten verarbeiten und sich damit Ruhm erwerben würden.

Auch das ist kein Geheimnis: Der fatale Bazillus stimulierte die Sexualität der auf diese Weise Verurteilten, der zugrunde gehende Organismus bündelte, in einem letzten Aufflackern, so viele Energien, dass er zuweilen wie eine Flamme loderte, und dann musste auch der größte Moralist und Puritaner eingestehen: Das kann man nicht verbieten! Und in der Tat, hier gibt es nichts zu verurteilen. Wo wenig Zeit bleibt, ist das Gefühl echt, heiß und schnell. Keine Zeit mehr, Intrigen zu spinnen, nach Herkunft und materieller Lage des Partners zu fragen, ästhetische Ansichten zu erkunden, noch weniger politische, obwohl es – klar – auch Ausnahmen gibt. Die Liebe der von der Schwindsucht Heimgesuchten ist rein, keusch und uneigennützig, eine Kompensation für alles Elend, das Gefühl schicksalhafter Verstrickung. Sie verstehen doch, dass die so genannten Gesunden sie nur beneiden, auch das tröstet. Man weiß, jede fatale Krankheit hat auch ihre Vorteile, zumindest bei uns. Diese naive und heuchlerische Gesellschaft, einige Spezialisten ausgenommen, schert sich überhaupt nicht, um ein Beispiel zu nennen, um das traurige Schicksal von Syphilitikern oder Alkoholikern, um ihr Elend, ihren Schmerz und ihren Selbsthass. Man ist fest davon überzeugt, dass alles nur Ausschweifung und Willenlosigkeit ist. Diese Unglücklichen werden ein wenig anders behandelt als die sich offen gebenden Schwindsüchtigen, nämlich mit Schadenfreude, kaum verhohlenem Hass und einem wohligen Seufzer, wenn so ein armer Kerl den Geist aufgegeben hat: Habe ich es nicht gesagt?! Währenddessen blieb den Schwindsüchtigen meist Gleichgültigkeit, ein vages Mitgefühl, dazu die zoologische Angst sich anzustecken. Man mied sie, wo es ging, suchte sich zu schützen, aber verehrte sie auch auf eigentümliche Weise. Wenigstens früher dominierte diese Einstellung. Jetzt trifft man sie immer seltener an.

Wenn damals irgendein Alkoholiker den Tag mit schrecklichem Gram beendete, einsam, sein Schicksal verfluchend, sich Branntwein oder Parfüm in die Kehle goss, empfing der Schwindsüchtige, wenn er sich nur bewegen konnte, den Tod wie den herannahenden Frühling, heiß liebend und ebenso heiß geliebt, umgeben von Verehrern (Künstlern, Geistlichen, Deputierten), stets mit Wünschen und Direktiven konfrontiert, auch an die Hinterbliebenen zu denken: Das war Pflicht eines jeden gebildeten Tuberkulose-Kranken. Staats- und Parteifunktionären wurde zuweilen diskret empfohlen sich zu erschießen, es erübrigt sich sicher zu erwähnen, von welchem Staat und welcher Partei hier die Rede ist. In der Nachkriegszeit, als überall Schüsse fielen, baten Erkrankte selbst darum, ihnen lebensgefährliche Aufgaben zu übertragen (Gründung von Kolchosen, Wahlen in abgelegenen Walddörfern), und hatten sie das geschafft, konnte der Abzug des Revolvers auch den Genossen treffen. So mancher Schwindsüchtige trat vor seinem Tod noch in die VKP ein, später in die KPdSU. Wieder gibt es da nichts zu verurteilen, der Mann dachte nicht nur an seinen Grabstein, sondern auch an seine Angehörigen und ihr künftiges Wohl, selbst das von Kindern und Kindeskindern, die irgendwann die Absicht haben würden zu studieren oder eine Dienstreise ins Ausland antreten wollen könnten. Die Biografie des Großvaters war da immer von Nutzen. Einer, der als Kommunist starb, war etwas mehr wert als einer, der während der deutschen Okkupation Dorfältester war oder zu Smetonas Zeiten Direktor einer Milchfabrik, Rechtsanwalt oder dergleichen. Gar nicht zu reden von einem Großvater, der im Wald umgekommen war!

In den Röntgenaufnahmen, die sich noch immer in den Archiven der Mediziner finden, spielen diese Dinge keine Rolle. Da finden sich nur Verschattungen, Flecken, Kavernen, diverse, oft Ungutes verheißende Markierungen, wobei es keine Rolle spielte, ob der Inhaber der Lunge ein KGB-Leutnant war oder, in der Nachkriegszeit, ein fanatischer Intelligenzler, der die halbe Klasse seiner Zöglinge in den Wald schickte. In dieser Eigenschaft ist die Wissenschaft bemüht, sich von der schmutzigen Politik abzugrenzen. Nur ist Objektivität auch in der Wissenschaft, auch in der ganz unschuldigen, wahnsinnig schwer zu erreichen. Ein Spezialist kann selbst die lateinische Grammatik ideologisieren. Und was bedeuten dann schon Geschichte, Geographie oder Physik? Doch obwohl die Bolschewisten zunächst alle Wissenschaft der Welt für Hirngespinste hielten, erdacht von Juden, Kosmopoliten und Freimaurern, schufen sie schon bald ihre Wissenschaft. Aber nein, die Landwirtschaft und die künstliche Besamung in den Ställen leitete weiterhin die Partei, die in ihre Reihen allmählich auch Juden, Kosmopoliten und Freimaurer aufnahm. Hat doch die Wissenschaft die seltsame Eigenschaft voranzuschreiten. So hat sie es immer gehalten, selbst im finsteren Mittelalter. Und auch zu Džugašvilis Zeiten. Sie ist auch darin einzigartig, dass man niemals weiß, was man von ihr zu erwarten hat und erhoffen kann. Immer erschreckt sie einen mit irgendwelchen Späßen, meist bösartigen. Wurde irgendetwas Wertvolles erfunden, erklärte sie selbst, oder es stellte sich eben heraus, dass jene großartige Erfindung äußerst negative, geradezu ekelhafte Seiten hat. Beispiele dafür gibt es, so viele man will. So war es zu allen Zeiten, selbst in der Antike und der bis heute unverdient verehrten Renaissance. Die unschuldigsten Dinge, Medikamente, Farben, Nägel, Konservierungsmittel, Gummiboote, gar nicht zu reden von garstigen Phänomenen der Chemiewissenschaft, wandeln sich, damals wie heute, in Krankheitsherde und Unwohlsein. Ich will gar nicht an synthetische Stoffe erinnern, an wachstumsstimulierende Präparate für Mensch und Tier, Doping und eine Menge anderer Dinge, deren Entdecker hoch geehrt wurden. Chemie ist überhaupt am schlimmsten: Als ich vernahm, dass die Amerikaner nachgewiesen haben, dass selbst alle unsere Gedanken, die erotischen eingeschlossen, hervorgerufen werden von einer – zweifellos hochkomplizierten – chemischen Reaktion in unserer ein wenig gefurchten Hirnrinde, da war ich ordentlich entsetzt und bemühte mich einen halben Tag lang, überhaupt nichts zu denken. Aber was hilft es, man denkt doch trotzdem! Das eben ist Chemie! Indem ich spüre, dass dieses mein Traktat dann auch ein chemisches ist, kann ich aufatmen und alles Elend – Lücken der Argumentation, Unebenheiten des Stils, Abschweifungen vom Thema, diese Rösselsprünge von der Tuberkulose zur Politik, von der Erotik zum Militärwesen usw. – ganz einfach der Chemie anlasten. Nicht Mendelejew natürlich und nicht den schlauköpfigen Amerikanern.

Röntgen war ein Deutscher, der Name ist übrigens recht selten. Klar, dass er auch kein Nazi war. Nie bekam man zu hören, er habe Wagner verehrt, wie Hitler oder Lenin. Ohne es selbst zu wissen, ebnete er den Weg, der zur Atomwaffe führte, er war der erste Physiker, der den Nobelpreis erhielt. Man höre: Nobel und Röntgen. Ein Schwede und ein Deutscher. Zwei Europäer. Der eine erfand das Dynamit, der andere entdeckte jene sonderbaren Strahlen. Der eine kannte den anderen nicht, beriet sich nicht mit ihm. Überhaupt, Schweden und Dynamit. Es will einem nicht in den Kopf. Dreihundert Jahre keinen Krieg geführt, und dann der Welt ein solches Spielzeug bescheren. Und was ist aus seiner Prämie geworden? Eine verspätete Reverenz.

Wilhelm Conrad Röntgen bekam den Nobelpreis. Ein Mensch mit einem tugendhaften Gesicht, ich habe ein Foto von ihm gesehen (keine Röntgenaufnahme). Unzweifelhaft ein Humanist. Und überhaupt: Wer beschuldigt heute die Chinesen, seinerzeit das Schießpulver erfunden zu haben? Jeder Gebildete aus dem Reich der Mitte wird sogleich entgegenhalten, man habe ja auch das Papier erfunden. Und was wäre ohne diese Erfindung selbst das beste WC wert? Nichts.

Die Litauer haben mit all diesen Dingen nichts zu tun, sie erkrankten nur zu allen Zeiten an der Schwindsucht. Klar, sie erkrankten auch an Masern, Windpocken, Scharlach, Angina, an der Pest und den richtigen Pocken, an Epilepsie, Depression, Grippe, an der Krätze und an Parodontose. Aber die Schwindsucht suchte sie besonders heim und kann sich bis heute nicht von ihnen trennen.

Doch was die schlimmen Erfindungen dieses Jahrhunderts betrifft, so haben die Litauer, dieses eine Mal wenigstens, nichts damit zu tun. Eine Kleinigkeit, gewiss, aber angenehm. Wir können unsere Hände und Füße in Unschuld waschen – nichts zu tun mit Röntgen, auch nicht mit Alfred Nobel. Wir werden uns stattdessen weiter herumstreiten wegen der litauischen Abstammung Alexanders von Mazedonien, Iwans des Schrecklichen, Adam Mickevicz’, Dostoevskijs, Tolstojs, Pilsudskis, des Boxers Sharkey und selbst des Papstes. Aber Röntgen und Nobel überlassen wir getrost dem Gewissen der Deutschen und der Schweden.

2

Denn es gibt nur noch ein großes Abenteuer – die Reise in das eigene Ich. Und da ist weder Raum noch Zeit von Bedeutung, auch nicht äußere Tätigkeit.

Henry Miller: Wendekreis des Krebses

Im Sommer 1968 unterschied ich mich kaum von meinen Altersgenossen: Wann immer es ging, vermied ich jedwede Verantwortung. Der Selbstschutzinstinkt war in der Tat sehr ausgeprägt, Feigheit mochte man das nicht nennen. Verantwortung mied ich also, dafür bemerkte ich wahnsinnig schnell die Fehler und Versäumnisse anderer, meist denselben Mangel an Verantwortungsgefühl. Kaum waren die Prüfungen zum Sommersemester beendet, wurde ich, nicht weit von der Grenze zu Volkspolen entfernt, in ein Pionierlager gesteckt, um dort die Gruppe der Älteren zu leiten. Nicht gerade ans Herz gewachsen waren mir diese Pioniere, freche und dreiste Halbwüchsige aus Kaunas, Kapsukas und Alytus, Städte, die sich durch provinzielle Arroganz auszeichneten. Die Jungen, beinahe alle, schwammen schlecht, und der See erstreckte sich gleich neben dem Hof des Lagers, eingerichtet in einer im Sommer leer stehenden Mittelschule. Es war warm, die Kinder zog es verständlicherweise ständig zum Wasser hin, und der Lagerleiter, ein ergrauter Schürzenjäger, Lehrer für Sport und Geschichte, pflegte ständig zu wiederholen: Passiert was und es ertrinkt einer, bist zuerst du verantwortlich, dann erst ich!

Auch deshalb hasste ich diese Gören. Die Natur hier war prächtig, ich wollte allein spazieren gehen, mit dem Kahn hinausrudern und ein Bier trinken, mich überhaupt ein wenig von der Stadt erholen und haftete gleichsam für zwanzig und mehr Kinderleben. Dieser See neben der Schule führte unmittelbar ins Tiefe, ein paar Meter vom Ufer reichte er einem schon über den Kopf. Eine richtige Badeanstalt, gelb gestrichen, gab es erst einen guten Kilometer weiter, am anderen Seeufer. Der Lagerleiter, der stets einen etwas versoffenen Eindruck machte, pflegte zu erzählen, wie einst beim Lesen, in einem angeketteten Kahn sitzend, sein bester Studienfreund ins Wasser stürzte und ertrank, das war allerdings an einem anderen See passiert, aber trotzdem! Und was für Gedichte er geschrieben, wie viele Mädchen er gehabt hatte! Und wie ein anderer Freund auf noch dümmere Art ums Leben gekommen war, die Beine draußen im Trockenen, den Kopf im Wasser. Der sei selbst schuld gewesen, habe es zu arg getrieben. Ertrunken, obwohl er schwimmen konnte wie ein Hecht. Heute pfeife ich auf solche Tiraden, damals jagten sie mir einen Schreck ein. Ich scheuchte, was albern war, die Kids immer wieder vom Wasser weg, wofür sie mich noch mehr hassten. Mit Ausnahme eines Jungen aus Kaunas, der sich dem See nicht mal näherte und die ganze Zeit in Schuhen herumlief. Wegen mir hasste die Meute dann auch ihn. Ich selbst badete, schwamm und ruderte mit Leidenschaft, war ich doch am Wasser aufgewachsen, das ich später überall vermisste, besonders in der Stadt. Deshalb war ich noch vor dem ersten Trompetenstoß auf den Beinen, schwamm, tauchte und ging dann frühstücken, frisch und munter, ohne die drückende Last der Verantwortung.

An so einem trüben, ja kühlen Morgen, als ich wieder baden war, erblickte ich neben einem Kahn, im Evakostüm, die aus dem Wasser steigende Lucija, Lehrerin der russischen Sprache im ersten Jahr, drei oder vier Jahre älter als ich, flachbrüstig und dürr wie ein Wacholderstrauch. Dennoch war sie ein weibliches Wesen, daran zweifelte ich nicht, obwohl es da vor mir nicht viel zu verbergen gab. Als sie mich erblickt hatte, spielte sie sehr natürlich die Erschrockene, vielleicht sogar eine, die sich schämte, dann grinste sie bis über beide Ohren und sprang wie ein Goldfisch zurück ins kalte Wasser. Hin und wieder hatten wir schon das eine oder andere Wort gewechselt, in dienstlichen Angelegenheiten, Lucija beaufsichtigte eine Schar älterer Mädchen. Da gab sie sich oft arrogant und spielte die Allwissende. Jetzt, nachdem sie es schon bis zur Mitte des Sees geschafft hatte, machte sie kehrt, schwamm zurück, klammerte sich an das Heck des Kahns und erklärte, schwer atmend, dass das ihr Platz sei und sie ihn nicht zu wechseln gedenke. Ob ich wenigstens einen Funken Schamgefühl hätte, fragte sie und befahl mir anschließend, mich umzudrehen und mir die Augen zuzuhalten. Ich drehte mich um, aber an den zweiten Teil der Anweisung hielt ich mich nicht, kicherte nur leise. Noch hatte ich damals die dumme Angewohnheit, vor allen Respekt zu haben, wenn sie nur ein paar Jahre älter waren, oder ihnen aus dem Wege zu gehen, besonders wenn sie weiblichen Geschlechts waren. Lucija stieg rasch in ihren geblümten Sarafan, ich tauchte ins Wasser und schwamm fast bis zum anderen Ufer, und als ich wieder am diesseitigen ankam, saß Lucija im Kahn, rauchte eine Zigarette, um mich, mit ein wenig zusammengekniffenen Augen, zu beobachten. Ihre Haare waren noch nass, aber dennoch sehr rot. Sicher leuchten sie sogar in der Dunkelheit, dachte ich aus irgendeinem Grund. Ich nahm neben ihr im Kahn Platz und rauchte ebenfalls. Ihre Sandaletten waren hässlich, wie auch dieser Sarafan. Was will man sagen – Russistin. Wäre sie ein Mann, fiel mir ein, liefe sie wahrscheinlich in einem tolstojschen Bauernkittel herum.

Ich beobachtete sie ebenfalls aus den Augenwinkeln. Zum ersten Mal begegneten sich unsere Blicke. Ich war zu gehemmt, um etwas zu sagen, das hübsche Gesichtchen schien beinahe so etwas wie Weisheit auszustrahlen. Und wenn sie es auf der harten Ruderbank aushielt, musste sie auch Hintern haben! Von anderen hatte ich bereits von Lucijas Devise gehört, die sie sich in ihr Wappen, wenn sie ein solches besäße, eingravieren ließe: Nie werde ich heiraten und niemandes Sklavin sein! Schön. Als könnte sich da eine kaum retten vor Heiratskandidaten. Meinetwegen. Mich interessierten hier mehr die Praktikantinnen aus dem nahe gelegenen Lehrerseminar, das sich damals schon Pädagogische Fachschule nannte. Die deklamierten wenigstens keine pädagogischen Poeme, waren freundlich und lachten ständig. Einige schienen richtige Athletinnen zu sein, mit den Kindern trieben sie Späße und kamen gut mit ihnen zurecht. Lucija, wie streng und prinzipienfest sie sich auch gab, hatte es da schwerer. Allzu sehr liebte sie es, Befehle zu erteilen: Geh da und dort hin! Bring dies und das! Gib das her! Vergiss dies und jenes nicht! Diese Stadtkinder machten sich offen über sie lustig. Einmal suchte sie, wahrhaft in Rage, das Seeufer ab, als Daiva aus Kaunas sich im Kohlenkeller der im Sommer leeren Schule versteckt hatte, niemandem war es in den Sinn gekommen, dort nachzusehen. Nach einer halben Stunde suchte bereits das ganze Lager, selbst der Lagerleiter, der nicht versäumte, auch Lucija eine Lektion zu erteilen: Du bist verantwortlich! Du! Ganz zufällig steckte ich den Kopf in diesen Keller und erblickte in der Dunkelheit ein leuchtendes Augenpaar. Komm schon raus, alles ist gut, hab keine Angst. Ich nahm die Kleine an die Hand und half ihr ans Tageslicht. Danach fiel mir Lucija vor allen anderen um den Hals, zuckte aber sogleich zurück, als habe sie sich verbrannt. So etwas verletzte ihre Prinzipien. Die Ausreißerin wäre von ihr ordentlich versohlt worden, aber die wurde schon von Frau Saulynienė, einer älteren Lehrerin, beruhigt. Alles ging wieder seinen gewohnten Gang. Der Lagerleiter nahm eine Praktikantin in seinen Kahn und ruderte mit ihr hinaus, um die Fischnetze zu kontrollieren, die Kinder spielten Völkerball, die Älteren ließen lässig ein schon ramponiertes Leder in den Korb gleiten, dann begaben sich alle zum Abendbrot.

Jetzt blinzelte Lucija in den trüben Himmel, blies den Rauch einer Zigarette in die Luft und erklärte: Die Kinder können wir heute nicht ins Kino lassen. Ist für Erwachsene.

Was bringen sie denn? – wollte ich wissen.

Sonne und Schatten, einen bulgarischen Streifen. Ich werde ihn mir zum zweiten Mal ansehen. Ein großartiger Film!

Der Film erschien mir sentimental und seicht. Lucija erlaubte mir, ihr Händchen zu halten, tat, als habe sie nichts bemerkt, als ich meine Pranke auf ihr schmales, hartes Knie legte. Aber als ich, dadurch ermutigt, versuchte, ihre Schenkel zu betasten, rammte sie mir so gekonnt und geübt – ich zweifle nicht, dass es geübt war! – ihren pfahlspitzen Ellenbogen in die Seite, dass mir für einen Augenblick die Luft wegblieb. In diesem Moment endete auch der Streifen: konec fil’ma.

Untergebracht war ich im Erdkundekabinett, zusammen mit dem Kraftfahrer des Lagers, dem Hausmeister und einem Hilfsarbeiter. Nachdem ich von deren Schnarchkonzert wach geworden war, erhob ich mich und beschloss, ein wenig herumzulaufen. Morgen war Sonntag, Besucher wurden erwartet, es würde ein ruhigerer Tag werden mit Zeit sich auszuschlafen.

In der Schulkantine ertappte ich den Lagerleiter, schon wieder mit einer anderen Praktikantin, und ausgerechnet auf dem Tisch, hörte, wie sie, Athletin, Meisterin im Diskuswerfen an der Pädagogischen Fachschule, heulte und schluchzte und der Lagerleiter sie heuchlerisch zu beruhigen suchte: Mein Püppchen, jetzt sind wir richtige Kollegen! Dann blickte er zur Seite, ganz unwillentlich, und sah mich. Ich schlich mich still nach draußen, rauchte und beobachtete, wie über den Wellen des Sees ein warmer, duns-tiger Nebel hing. Ein richtiger Sommer!

Am nächsten Tag, schon gegen Abend, bestellte er mich in sein Kabinett, goss Schnaps in ein geschliffenes Glas, legte eine Gurke daneben, schenkte auch sich selbst ein, und als wir beide tranken, ich eher unwillig, er in einem Zug, bat er mich in ziemlich anzüglicher Manier, den Mund zu halten. Und du, warum kommst du nicht aus dem Kreuz? – setzte er noch hinzu. Denen juckt’s doch allen, verstehst du! Dann klopfte er mir auf die Schulter, beschwerte sich, nun schon in ernstem Ton, wie schwer es sei, hier Chef zu sein, weil es an allem und jedem fehle. Der Wirtschaftsführer habe für das Lager ein Schlachtschwein gekauft – nichts als Speck! Die Kinder werden Durchfall bekommen von diesem schwabbeligen Zeug, und überhaupt, wer mag schon diese Speckschwarten?! So war er, dieser Lagerleiter, wirtschaftlich denkend, sympathisch, von vielen geliebt, ewig besorgt um das Wohl seiner Mitmenschen und für alles verantwortlich.

Ich gehörte nicht zu diesem Typus. Alle Verantwortung vergessend, bat ich ihn umgehend, mich für drei Tage nach Vilnius zu lassen. Ich wusste, dort fanden die ersten Baltischen Gaudeamus-Feiern statt, mit Chören, Fackelzügen, reichlich Bierkonsum, Vereinen, Verbänden und allumfassender KGB-Aufsicht. Was willst du hier, klar, fahr los. Der Lagerleiter war sofort einverstanden und steckte mir gleich noch, in einem Anfall von Großzügigkeit, zehn Rubel Vorschuss zu.

Das Fest! Menschenmassen, Gedränge und Geschiebe, Schlangen vor den Kiosken, bekannte Gesichter, unbekannte Gesichter, Lieder auf der Bühne im Vingis-Park, Gegröle der Besoffenen in den Straßen, Volkstrachten und Kopfschmuck, ein Meer von Fackeln auf dem Platz vor der Kathedrale. Ich mit Elli in der Masse, untergehakt, um uns nicht zu verlieren, und ein Typ neben uns, laut: Fackeln! Auch der Führer hat so angefangen!

Und hatte überhaupt keine Angst, abgefackelt zu werden oder dass ihm einer im selben Ton antwortete, nur das Entgegengesetzte. Wie auch, der wartete geradezu: Vielleicht erregt sich jemand. Vielleicht gibt einer Zunder. Nein, nichts. Ich übernachtete in unserem leeren Wohnheim, mit Ach und Krach schaffte ich es, dass sie mich reinließen. So unterhielt ich mich mit Elli, drei Nächte lang. Nicht ganz und gar platonisch ging es zu, aber mehr war nicht. Das Gaudeamus dauerte noch an, und schon fand ich mich bereit, wieder ins Lager zurückzukehren, freiwillig. Kümmerte mich etwa, was sich dort abspielte? War am Ende das verdammte Verantwortungsgefühl erwacht? Wohl kaum. Hinter der Stadt versuchte ich es per Anhalter, mit Lastwagen. Je weiter, desto mühseliger kam ich vorwärts. Ein paar Kilometer nahmen sie mich mit, dann durfte ich wieder aussteigen. Dafür umsonst, für ein Dankeschön. In Merkinė traf ich ein paar Bekannte, die Geographie studierten, wir hatten zusammen die Veranstaltungen des Militär-Lehrstuhls besucht. Nicht weit entfernt war auch ihr wissenschaftliches Lager. Ich weiß gar nicht, was sie dort trieben, vielleicht die Windgeschwindigkeit messen, oder sie gingen irgendwelchen geomorphologischen Forschungen nach. Vielleicht nahmen sie auch Erdproben? Sie luden mich zu sich ein, Weiber noch und noch, die wieherten wie die Stuten, während wir nur zu viert waren! Erst gegen Abend traf ich in Leipalingas ein und blieb dort hängen. Verzweifelt suchte ich die einzige Kneipe auf, die sich in einem lang gestreckten Holzhaus befand, kratzte ein paar Kopeken zusammen für ein vom Fass gezapftes Bier. Um mich herum nur Männer, wie sonst. Und da kriegten sich schon welche in die Haare. Nur schnell ins Lager, beinahe hätte ich gesagt: nach Hause. Ich begab mich bei anbrechender Dämmerung hinaus auf die Landstraße, um zu Fuß weiterzumarschieren. An mir vorbei immer wieder leere Lastwagen, aber nicht einer dieser Scheißkerle hielt an. Da, noch einer. Eine ganze Wagenkolonne. Und zu dieser Zeit, nachts! Weiter zu Fuß. Ärgerlich und erschöpft erreichte ich das Stadtzentrum, auch hier alles voller Transportfahrzeuge, mit Planen und diversen Aufbauten. Scheinwerfer blinkten, heisere Männerstimmen waren zu hören. In den nicht sehr zahlreichen Ämtern brannte Licht. Dann erfuhr ich, was schon lange in der Luft gelegen hatte: In dieser Nacht war die russische Armee in die Tschechoslowakei einmarschiert, überall war boegotovnost’ nomer odin[11] angesagt. Erst viel später, als ich mich an diese Nacht erinnerte, versuchte ich mir alles vorzustellen: Über die Moldaubrücken rasselnde russische und DDR-Panzer, aus der Luft über Prag abspringende Fallschirmjäger aus Kaunas und Alytus, auf die niemand schoss und die sich in der tschechischen Hauptstadt auskannten wie in ihrer Garnison. Nicht von ungefähr nannten später die NATO-Strategen die sowjetrussische Prag-Operation einfach großartig! In die Fantasie passten unschwer jene über die bayerische Grenze flüchtenden Tschechen, die in Alarmbereitschaft versetzte, aber Gott sei Dank in den Kasernen verbliebene Bundeswehr. Als würde ich selbst daneben stehen, spürte ich die Verwirrung und Anspannung in Brüssel, Moskau, Bonn, Washington … Dasselbe spielte sich in jener Nacht, nur in Miniatur, auch in der Kleinstadt nahe der polnischen Grenze ab, auf dem zentralen Platz, dem einzigen, den es gab. Wozu brauchen sie all diese Lastwagen? – dachte ich naiv. Fahrzeuge der verschiedensten Art waren zu besichtigen, die einen hatten zuvor Mist geladen, andere rochen nach Heu, Holz, Schotter oder Ziegelsteinen. Bei den meisten handelte es sich um so genannte Molotovkas: recht unansehnliche, aber robuste Maschinen. Von irgendwoher ratterte sogar ein alter Studebaker heran, einst ein Geschenk der Alliierten, der lange Jahre irgendwelche Kolchosschweine und Kälber zum Schlachthof transportiert hatte. Alle wussten es bereits: In dieser Nacht wird den Tschechen brüderliche Hilfe zuteil. Und war es wichtig, wenn diese Dussel ein solch großherziges Angebot verabscheuten, es fürchteten wie der Teufel das Weihwasser? Ich hatte nur eines im Sinn: mich ordentlich auszuschlafen. Und, zu meinem eigenen Erstaunen: Ist da nicht etwa einer ertrunken von meinen kleinen Banditen? Hat sich nicht einer beim Herumtollen was gebrochen? Seltsam! Da war Česlovas aus Kapsukas, der überhaupt nicht schwimmen konnte, aber stets der Erste am See sein wollte. Gerade so über Wasser hielten sich die Kaunasser Brüder Lagunavičiai, der kleine Mulė, der offenbar auch aus Kaunas kam, und noch einige. Die im Stau stecken gebliebenen Maschinen hupten laut. Aber eine besondere Panik gab es nicht. Eine Mehrheit wurde um den Schlaf gebracht, das war alles. Ich hörte die Männer: Der Westen wird auch diesmal kuschen, es ist auch besser, sich nicht mit den Russen anzulegen. Ein anderer: Ihr werdet sehen, die Tschechen werden einen großen Lärm machen und dann brav die Ohren anlegen. Großartig, sagte noch einer, dafür werden sie uns noch viel mehr schützen!

Am Rand des Platzes stieß ich unerwartet auf die sich unruhig umschauende Lucija. Und sie sah mich, rannte auf mich zu, schlang ihre heißen, dürren Arme um meinen Hals und küsste mich auf den Mund. In dieser Nacht schliefen wir das erste Mal miteinander, hemmungslos, zwei Verrückte, zwei Ratten, in die Ecke gepresst in einem sinkenden Schiff. Vielleicht übertreibe ich ein wenig, aber damals schien mir das wirklich so. Dann redeten wir ganze Nächte hindurch, nur nicht über Gefühle, es ging um Literatur. Lucija war nämlich bis zum Wahnsinn in die russische Literatur verliebt, verstand sie, sprach inspiriert, vielleicht sogar exaltiert, aber was sie sagte, klang echt. Ich war jung, Lucija wurde meine Liebes- und Literaturlehrerin, und auf beiden Gebieten machte ich erstaunliche Fortschritte, wenigstens sagte sie mir das. Nachdem ich ein wenig geschlafen hatte, schlenderte ich durch das Lager und wartete von frühmorgens an einzig auf den Abend. Die Praktikantinnen, die alles mitbekamen, sahen weg, und der Lagerleiter brachte alles auf ein Wort: molodec![12] Die Kinder mochten mich jetzt sogar auf eigentümliche Weise, ich ließ sie nämlich tun, was immer sie wollten, nur nicht ins Wasser! Darüber hinaus wies ich die guten Schwimmer an – es gab auch solche –, auf die Tollpatsche Acht zu geben, und es schien, als gehorchten diese. Einmal organisierten wir einen Ausflug mit Übernachtung, Lucija war auch dabei mit ihrer Mädchengruppe. Die Kinder, wahre Engel diesmal, stellten uns ein Zelt auf, das sie mit Moos auskleideten. Nachdem man ein paar Schleien und Barsche gefangen hatte, wurde Fischsuppe gekocht. Ein Lagerfeuer brannte bis zum Morgen. Die Kinder schliefen, und Lucija und ich setzten uns an den See, das mit Moos gepolsterte Nachtlager wollten wir nicht ausprobieren. Nach dem Ausflug setzten sich die heißen Nächte fort, wir liebten uns und vernahmen zugleich immer beunruhigendere Nachrichten aus dem okkupierten Prag. Lucija verteidigte die Russen nicht, nur ihre Literatur. Über Politik wollte sie überhaupt nicht reden. Runzelte nur die Stirn, als ich laut die Kubakrise erwähnte, damals war ich kaum dreizehn gewesen. Lassen wir das, sagte sie, ich deklamiere dir lieber Cvetaeva! Und das tat sie dann auch, in gedämpftem Ton, aber empfindsam und gekonnt. Wir fielen übereinander her und redeten dann wieder, bis Lucijas Vermieterin, angespornt vom Ortsgeistlichen und ihren Glaubensgenossen, es nicht mehr ertrug und uns eines Nachts vertrieb, wie Adam und Eva aus dem Paradies. Raus, sündiges Pack! Die gute Pigagienė. Eine von erotischen Begierden gequälte Witwe. Eine kinderlose Alte. Brave Dienerin ihres Herrn, die alle möglichen Blumen und Gewächse zog, die alle auf dem Altar landeten. Lucija packte rasch ihren Koffer, warf sich den Regenmantel über die Schulter, reichte mir noch einen Beutel. Die Bücher, verehrte Dame, sagte sie zur Pigagienė, hol ich später, vielleicht morgen. Und wehe, es ist was verschwunden! Die Witwe drohte, sich beim Lagerleiter über uns zu beschweren, und als Lucija nur schallend lachte, beschwor sie alle Strafen des Himmels und der Hölle auf uns herab, damals erschien uns beiden das nicht schlimm. Als wir auf der Straße standen, wo schon der Morgen dämmerte, verfinsterte sie sich, nannte die Vermieterin wütend Hexe und alte Betschwester und dann noch schlimmer, schon russisch. Obwohl ich ahnte, dass der guten Frau nicht sofort der Geduldsfaden gerissen war, dass Lucija wohl auch zuvor schon lernwillige Schüler gehabt hatte. Aber ich schwieg. Fragte sie nichts. Fühlte mich ihr zugehörig. Über Gefühle, wie gesagt, sprachen wir nie miteinander. Nur über Pasternak, Esenin, Mandel’štam, Achmatova und Cvetaeva. Sogar über Majakovskij und Gor’kij. Zuweilen über Turgenev und Bunin. Klassik! Aber Vorträge über Gercen und Dobroljubov konnte ich schon nicht mehr ertragen. Dann begann Lucija mich zu kitzeln, und alles endete im Bett. Was für ein Temperament! Dieser Rote Wacholder flammte auch von innen.

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