Kitabı oku: «Andere Spezies, gleiches Prinzip»

Yazı tipi:

Karen B. London

Andere Spezies, gleiches Prinzip

Wie wir vom Hundetraining fürs Leben lernen


Titel der englischen Originalausgabe: Treat Everyone Like a Dog:

How a Dog Trainer’s World View Can Improve Your Life

© 2020 by Karen B. London

Karen B. London/Animal Point Press

3100 West Shannon Drive

Flagstaff, Arizona 86001

Aus dem Englischen übersetzt von Lisa Wetzmüller

© 2021 für die deutsche Ausgabe

KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3 • D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: +49 (0) 6592 957389-0

www.kynos-verlag.de

Bildnachweis: Titelbild Drobot Dean-stock.adobe.com; sonsedskaya-stock.adobe.com

eBook-Ausgabe der Printversion 2021

ISBN eBook (epub): 978-3-95464-264-9

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-256-4


Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie die Kynos Stiftung Hunde helfen Menschen

www.kynos-stiftung.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Haftungsausschluss

Die Benutzung dieses Buches und die Umsetzung der darin enthaltenen Informationen erfolgt ausdrücklich auf eigenes Risiko. Der Verlag und auch der Autor können für etwaige Unfälle und Schäden jeder Art, die sich bei der Umsetzung von im Buch beschriebenen Vorgehensweisen ergeben, aus keinem Rechtsgrund eine Haftung übernehmen. Rechts- und Schadenersatzansprüche sind ausgeschlossen. Das Werk inklusive aller Inhalte wurde unter größter Sorgfalt erarbeitet. Dennoch können Druckfehler und Falschinformationen nicht vollständig ausgeschlossen werden. Der Verlag und auch der Autor übernehmen keine Haftung für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte des Buches, ebenso nicht für Druckfehler. Es kann keine juristische Verantwortung sowie Haftung in irgendeiner Form für fehlerhafte Angaben und daraus entstandenen Folgen vom Verlag bzw. Autor übernommen werden. Für die Inhalte von den in diesem Buch abgedruckten Internetseiten sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Internetseiten verantwortlich.

Inhalt

Kapitel 1 Positivität

Kapitel 2 Positivität anwenden

Kapitel 3 Grundlegende Trainingsstrategien

Kapitel 4 Weiterführende Trainingsstrategien

Kapitel 5 Klassische Konditionierung

Kapitel 6 Erkenne dein Tier

Kapitel 7 Nützliche Aufgaben und Fähigkeiten beibringen

Kapitel 8 Zusätzliche Trainingsmethoden für eine erweiterte Anwendung

Kapitel 9 Weitere Grundsätze und Ideen aus dem Hundetraining

Für meine Söhne Brian Hofstetter und Evan Hofstetter, für die das Hundetraining mit seinen Grundsätzen schon immer Teil des Alltags war, und die deshalb (so glaube ich) glücklichere und bessere Menschen geworden sind.

Und für meinen Mann Rich Hofstetter, der derartig außergewöhnlich ist und so perfekt zu mir passt, dass ich keinerlei Interesse habe, irgendetwas an ihm oder seinem Verhalten zu ändern.

Vorwort

Von Patricia McConnell, Ph.D.

Kennen Sie das, wenn Ihnen zu spät einfällt, was Sie hätten sagen sollen? Vielleicht während der Heimfahrt nach einem Meeting oder während Sie sich gerade unter der Dusche einseifen? Mir geht es ständig so und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Vielleicht geht es Ihnen genauso. Aber es trifft nicht auf Dr. Karen London zu, da sie die schlagfertigste Person ist, die ich kenne. Bei ihr kann man sicher sein, dass sie immer genau das Richtige sagt, und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt.

Und hier hat sie es wieder geschafft: Dies ist ein Buch voller perfekter Tipps – Tipps, die Ihr Leben unglaublich verbessern werden, weil sie die Grundsätze des Hundetrainings in Ihr Leben einbringen. Hätten Sie gerne, dass Ihr Ehepartner Ihnen öfters Blumen mitbringt? Dass Ihre Kinder ihre Kleidung aufhängen und den Süßigkeiten an der Supermarkt-Kasse widerstehen? All das ist möglich und Karen wird Ihnen beibringen, wie es geht. Verhaltensbeeinflussung ist keine Quantenphysik, aber die meisten von uns haben nicht von klein auf gelernt, sie anzuwenden. Karen erinnert uns jedoch daran, dass gute Hundetrainer ihre Hunde dazu bringen, Erstaunliches zu leisten: Diese Hunde sind bereit, abrupt abzubremsen, obwohl sie gerade ein Kaninchen jagen oder eine fettige Essenverpackung auf ein ruhiges Wort ihres Besitzers hin fallen zu lassen. Wenn wir es schaffen können, hochmotivierte Raubtiere – die noch dazu zu einer anderen Spezies gehören – dazu zu bringen, fröhlich zu uns zurückzukommen und Futter abzulehnen, das wie von Zauberhand vor ihnen erscheint, dann können wir es sicher auch schaffen, unsere Kinder dazu zu bringen, an der Bordsteinkante stehenzubleiben, anstatt hinter einem Ball her auf die Straße zu rennen!

Dieses Buch ruft uns ins Gedächtnis, dass „Training“ in Wirklichkeit eine Art der Verhaltensbeeinflussung ist und dass positive Verstärkung diesbezüglich eines der Hauptwerkzeuge ist. Diese Methode bietet allen Tierarten Chancengleichheit: Anhand von positiver Verstärkung können Zoowärter Blutproben von Tigern entnehmen, Hundetrainer Hunden beibringen, ihre Spielzeuge in einen Korb zu legen und Ehepartner Hilfe beim Hausputz erhalten. Hundetrainer, die positive Verstärkung anwenden, sind von der Effektivität dieser Methode niemals überrascht – aber uns überrascht sehr wohl, wie selten sie im restlichen Leben eingesetzt wird. Es scheint, als ob die menschliche Spezies einen Hang zu Beschwerden, Strafen und Korrekturmaßnahmen hat, obwohl diese Methoden selten so wirksam sind, wie wir gerne glauben würden.

Hier ist ein kleines Beispiel aus meinem eigenen Leben: Als ich meinen Ehemann gerade kennengelernt hatte, erzählte er mir von den häufigen Beschwerden seiner Ex-Frau, die dahin gingen, dass er sie tagsüber selten anrief oder ihr mailte – nicht einmal, wenn es um etwas Wichtiges ging, das wenig Zeit in Anspruch genommen hätte. Da ich zu dem Zeitpunkt frisch in ihn verliebt war, wusste ich, dass ich gerne auch untertags gelegentlich Kontakt mit ihm hätte. Ich traf die bewusste Entscheidung, eine fehlende Reaktion seinerseits niemals zu erwähnen, aber schamlos mit ihm zu flirten, wenn er auf meine Kontaktaufnahme reagierte. In weniger als einem Monat hatte ich ihn so weit, dass er mir öfter mailte oder mich anrief als ich ihn.

Vielleicht denken Sie nun: Oh nein, wie manipulativ! Eine meiner Lieblingsstellen in diesem Buch ist Karens Beobachtung, dass der Einsatz positiver Verstärkung oft als „manipulativ“ gebrandmarkt wird, während wir diesen Begriff niemals für negative Reaktionen – wie beispielsweise Beschwerden oder Strafen – verwenden. So wahr und gleichzeitig komplett unlogisch.

Logisch – und wirksam – wäre es, wenn wir grundlegende Lernmethoden einsetzten, um uns das Leben zu erleichtern. Karens Buch erklärt diese Methoden (wie z. B. Einfangen von Verhalten, Freies Formen, Locken und die Bedeutung des äußeren Umfelds) nicht nur, sondern bietet auch eine Fülle an Beispielen, die aus dem echten Leben gegriffen sind. Zum Beispiel setzte Karen Methoden direkt aus dem Hundetraining ein, um das Verhalten einer Kassiererin in ihrem örtlichen Supermarkt von „unfreundlich“ auf „freundlich“ umzupolen oder um ihren schüchternen Sohn dazu zu bringen, seine Großeltern sofort nach deren Eintreten zu umarmen. Das alles ohne Nörgeln und ohne das Einjagen von Schuldgefühlen, sondern anhand von einfachen Maßnahmen, die das Leben für alle Beteiligten einfacher und befriedigender machen.

Aber es sind nicht nur unsere Söhne, unsere Ehepartner oder alle anderen Menschen, mit denen wir regelmäßig in Kontakt stehen, deren Verhalten unser Leben zu Himmel oder Hölle machen kann. Es sind wir selbst. Wenn Trainer und Schüler in ein und demselben Körper und Geist wohnen, kann es ein bisschen schwierig werden. Mit den eigenen Gewohnheiten zu brechen ist besonders schwer und diese Tatsache besitzt solch eine allgemeine Gültigkeit für die menschliche Natur, dass keine Beispiele nötig sind. Karen eilt jedoch auch hier zu Hilfe und führt Beispiele aus ihrem eigenen Leben an, um aufzuzeigen, wie wir unser eigenes Verhalten auf effektive und angenehme Weise beeinflussen können.

Lassen Sie mich ganz offen sein: Ich bin nicht völlig objektiv. Ich habe Karen kennengelernt, als sie im Jahr 1996 meine Lehrassistentin an der University of Wisconsin-Madison wurde. 150 Studenten belegten den Kurs mit dem Titel „Die Biologie und Philosophie von Mensch-Tier-Beziehungen“, der Lehrplan war voller Kontroversen, und es war sehr viel Interaktion zwischen mir, ihr und den Studenten notwendig. Es gab viel zu organisieren und da Karen immer behilflich war, begann ich sie Radar zu nennen, nach Korporal „Radar“ O’Reilly aus der Fernsehserie M*A*S*H. Radar hatte die Antwort immer schon parat, bevor die Frage gestellt worden war – er war der Inbegriff einer „unschätzbaren Hilfe“. Karen und ich führten unsere Zusammenarbeit in der Hundeschule „Dog’s Best Friend Training“ fort, wo Karen sich von Assistenztrainerin zu Verhaltensberaterin hocharbeitete und schlussendlich einige unserer schwierigsten Aggressionsfälle betreute.

Aggression war nichts Neues für Karen. Als sie sich als meine Lehrassistentin bewarb, schloss sie gerade ihre Ph.D.-Forschungsarbeit zu Aggressionsverhalten bei Wespen ab – die einzigen Tiere, vor denen ich wirklich Angst habe. Sie wusste bereits damals, dass es für uns alle im Bereich des Möglichen liegt, das Verhalten der Lebewesen um uns herum zu beeinflussen, ob diese nun sechs, vier oder zwei Beine haben. Karen hat die Grundsätze des Hundetrainings besser in ihr Leben inkorporiert als jeder andere Mensch, den ich kenne – und ich kenne viele herausragende Tiertrainer. Niemand hat den Dreh so heraus wie sie. Für mich war dieses Buch eine Inspiration und es wird auch für Sie eine sein. Ganz ehrlich, ich kann es kaum erwarten, dass Sie es lesen.

Anmerkung der Autorin

Ich weiß, dass Sie gerne mit dem eigentlichen Buch anfangen möchten und dass dieser Abschnitt zwischen Ihnen und dem Buch steht – eine zusätzliche Seite zum Umblättern, noch eine Verzögerung. Ich werde Sie nicht länger als nötig aufhalten, aber ich muss mich anhand von zwei kurzen Kommentaren erklären, damit es zu keinen Missverständnissen kommt.

Erstens: Ich sage oft, dass ein Hund oder eine Person verstärkt wird, obwohl ich sehr gut weiß, dass eigentlich Verhalten verstärkt wird. Eine strenge Befolgung dieser Formalität führt jedoch sowohl mündlich als auch schriftlich zu holprigen Konstruktionen, weshalb ich diesbezüglich nicht puristisch bin. Wenn ich sage, dass jemand „verstärkt“ wird, so ist das als eine Kurzform zu verstehen, die das Lesen erleichtern soll – und das ist mir wichtiger als begriffliche Perfektion. Obwohl ich weiß, dass manche sich an meinem Umgang mit dieser Formalität stören werden, sollen Sie wissen, dass es sich hierbei um eine bewusste Entscheidung handelt. Ich betrachte diesen Punkt als so wichtig, dass ich ihn sowohl hier als auch später im Text erwähne.

Zweitens: Linguistisch gesprochen lebe ich oft im Hier und Jetzt. Ich habe an diesem Buch fast ein Jahrzehnt lang gearbeitet, weshalb einige der Beispiele in der Gegenwart geschrieben sind, obwohl sie sich auf Dinge beziehen, die vor Jahren passiert sind. Dieses eigenartige Zeitverhältnis wird besonders deutlich, wenn es um meine Kinder geht, da diese älter geworden sind (wie das bei Kindern so ist). Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (der englischen Originalausgabe, Anm. des Übersetzers) waren meine Söhne 15 ½ und 17 Jahre alt. Bitte beachten Sie, dass es sich um dieselben zwei Kinder handelt, wenn ich über meine Klein- oder Grundschulkinder schreibe. Sie können mir glauben, dass ich sie heute nicht mehr wie Kleinkinder behandle.

Einleitung

Überlegen Sie nur einmal, was Hundetrainer erreichen können: Sie bringen sehr schnellen, athletischen, verspielten und energiegeladenen Wesen bei, in einem menschlichen Schneckentempo so langsam neben ihnen herzulaufen, dass jeder Hund mit einem Hauch von Selbstrespekt dabei eigentlich gähnen, einnicken oder rebellieren müsste. Und sie bringen die Hunde sogar dazu, dies mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht zu tun. Denselben Hunden, die – das sollten wir nie vergessen! – Raubtiere sind, bringen sie bei, mitten aus der Jagd auf Eichhörnchen, Reh, Katze oder Auto umzudrehen und zu ihnen zurückgerannt zu kommen.Wenn Hundetrainer „Nein“ sagen, nachdem ihnen versehentlich ein ganzes Steak auf den Küchenboden gefallen ist, dann ziehen sich ihre Hunde zurück, anstatt hemmungslos zu schlemmen. Diese Trainer müssen nicht noch einmal zum Supermarkt fahren, um sich ein neues Abendessen zu kaufen. Natürlich schafft so etwas nicht jeder Hundebesitzer, aber professionelle Hundetrainer können es und sie setzen es tagtäglich um. Offensichtlich wissen Hundetrainer etwas, was der Rest der Welt nicht weiß – und das ist Gold wert.

Hundetrainer wissen, wie sich Verhalten beeinflussen lässt, denn das ist der ganze Punkt am Hundetraining. Verhaltenbeeinflussung ist ein sehr weit gefasster Begriff, unter den viele verschiedene Techniken und Taktiken des Hundetrainings fallen. Im Großen und Ganzen gibt es aber bei jedem Training zwei Grundziele:

1 Ein anderes Individuum dazu zu bringen, ein erwünschtes Verhalten zu zeigen, wenn es gewollt ist (auf Signal), wie zum Beispiel „Sitz“, „Komm“, „Rolle“ oder „Fuß“.

2 Ein anderes Individuum dazu zu bringen, ein unerwünschtes Verhalten nicht zu zeigen (z. B. exzessiv bellen, anspringen, im Garten buddeln, Schuhe zerkauen oder Gäste beißen).

Wie wäre es, wenn Sie das Verhalten der Menschen in Ihrem Leben so beeinflussen könnten wie Hundetrainer das Verhalten ihrer Hunde? Wenn Sie ein Interesse daran haben, wie Sie das Verhalten der Menschen um Sie herum beeinflussen können – Ihren Chef, Ihre Arbeitskollegen, Ihre Kinder, Ihren Ehepartner, Ihre Schwiegereltern und sogar die Kassiererin im Supermarkt, deren Kasse Sie vermeiden, wann immer möglich – ist es dann nicht einleuchtend, zu lernen, was Hundetrainer machen und das in Ihr eigenes Leben zu integrieren? Was ist schwieriger: Ihrem Mann beizubringen, seine Schmutzwäsche in den Wäschekorb zu legen oder Ihrem Hund beizubringen, seine Spielsachen aufzuräumen? (Ja, das ist ein Trick, der Hunden häufig beigebracht wird). Wenn Hundetrainer es dank ihrer Talente schaffen, einen Hund vom Dauerkläffen abzuhalten, dann sollte es doch sicherlich auch möglich sein, die eigene Arbeitskollegin dazu zu bringen, etwas weniger zu nörgeln? Und wenn Hunde lernen können, ein Steak liegen zu lassen, dann sollten Eltern ihre Kinder doch eigentlich auch davon abhalten können, sich in der Supermarkt-Schlange einfach Kaugummi und Süßigkeiten zu schnappen.

Ein wohlerzogener, höflicher hündischer Mitbürger mit einer Vielzahl an Talenten ist für potenzielle Klienten sehr viel überzeugender als jeder Lebenslauf, wenn es darum geht, das Wissen und die Fähigkeiten eines Trainers unter Beweis zu stellen. Was der Hund kann und was der Hund sein lässt, sind beides Dinge, die die Leistungen eines Hundetrainers für manche Menschen wie Zauberei wirken lassen. Aber um ehrlich zu sein, sind diese Ergebnisse nur die Nebenprodukte von beachtlichem Können und Wissen.

Behandeln Sie alle Menschen wie Hunde!

Dieses Wissen und diese Fähigkeiten müssen nicht auf die Hundewelt beschränkt bleiben. Die wahre Magie am Hundetraining – das natürlich überhaupt nichts Übernatürliches an sich hat – ist die durchdachte und sorgfältige Anwendung bewährter Techniken zur Verhaltensbeeinflussung. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Verhalten auf Hunde, Delfine, Elefanten, Ratten, Bienen oder Menschen zutrifft. Die meisten von uns würden gerne bestimmte Verhaltensweisen der Leute um uns herum beeinflussen – und mit den Fähigkeiten eines Hundetrainers ist das möglich. Gewissermaßen schlage ich vor, dass wir alle die Menschen in unserem Leben so behandeln, wie erstklassige Hundetrainer Hunde behandeln. Es ist mir zwar bewusst, dass dies missverstanden werden könnte, aber ich meine es überhaupt nicht beleidigend oder herabsetzend. Ganz im Gegenteil! Als Hundetrainerin und Verhaltensberaterin für Hunde, die seit fast 25 Jahren professionell mit Hunden arbeitet, habe ich enormen Respekt für Hunde. Wenn ich sage, dass wir alle Menschen wie Hunde behandeln sollten, dann meine ich es nicht in dem Sinn, in dem dieser Ausdruck üblicherweise verwendet wird. Ich meine es in einem Sinn, der Hunden nicht nur den höchsten Respekt zollt, sondern fast schon ehrfürchtig ist. Ich kann nicht genug betonen, dass ich glaube, den Menschen eine große Ehre zu erweisen, wenn ich sie im Zuge einer Interaktion oder einer versuchten Verhaltensbeeinflussung behandle wie einen Hund. Und zwar deshalb, weil alle es verdienen, so behandelt zu werden, wie die gütigsten und talentiertesten Trainer ihre Hunde behandeln.

Obwohl sich meine professionelle Arbeit mit Hunden auf den Arbeitstag beschränkt, betrachte ich die Welt auch in der restlichen Zeit durch die Brille eines Hundetrainers. Auf eine gewisse Weise bin ich immer und überall Hundetrainerin. Meine Arbeit hat nicht nur Einfluss auf meine eigenen Handlungsweisen, sondern auch darauf, wie ich viele Lebensereignisse und -situationen interpetiere und wie ich die Menschen um mich herum verstehe. Es war nur natürlich, dass ich die Ideen und Fähigkeiten, die ich als Hundetrainerin gelernt hatte, schlussendlich auch auf Menschen ummünzen würde.

Ich hatte ein Jahrzehnt lang als Hundetrainerin gearbeitet, als ich bewusst anfing, mein berufliches Wissen auch auf meine Interaktionen mit anderen Menschen anzuwenden. Ich entdeckte, dass dies nicht nur erfolgreicher, sondern auch netter ist. Man könnte sagen, dass ich den Menschen um mich herum einen großen Gefallen tat, indem ich begann, sie so zu behandeln, wie ich Hunde behandle – weil es eine freundlichere, sanftere und effektivere Methode ist, um das Verhalten von anderen zu beeinflussen.

Um es also ganz klar zu machen: Ich glaube daran, dass wir alle Menschen wie Hunde behandeln sollten. Ich behandle meinen Mann und meine Kinder wie Hunde. Ich behandle meine Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen wie Hunde. Ich behandle meine Eltern, meine Schwiegereltern, meine Schwester, meine Nichten und Neffen, meine Universitätsstudenten und sogar Fremde wie Hunde. Ich behandle Menschen, die ich beruflich kennenlerne, wie Hunde, und Menschen, mit denen ich privat zu tun habe. In meiner Einstellung anderen Menschen gegenüber bin ich sehr egalitär, und erfreulicherweise hat das für mich bisher sehr gut funktioniert.

Mich hat selten etwas mehr gefreut als der Tag, an dem ich überhörte, wie ein Schulfreund meines damals achtjährigen Sohnes zu ihm sagte, dass ich nie so herumbrüllen würde wie seine Eltern. Mein Sohn antwortete: „Ach, meine Mama hat uns schon seit zirka fünf Jahren nicht mehr angeschrien.“ Und das stimmt. Ich hatte entdeckt, dass es sich für mich (und meine Kinder!) schrecklich anfühlte, wenn ich sie anschrie, selbst wenn es nur gelegentlich war – und es fruchtete auch nicht. Als die beiden zwei und drei Jahre alt waren, schlich sich der folgende Gedanke in mein von Schlafentzug geplagtes Hirn: Bei Hunden brülle ich nie herum oder verliere meine Fassung, egal, was für Rückschläge oder Frustationen ich während des Trainings erlebe. Ich schulde es meinen Kindern, mindestens so freundlich und fair mit ihnen umzugehen wie mit den mir anvertrauten Hunden. Ich werde die Details meiner eigenen Anti-Brüll-Erziehung später beschreiben, aber für jetzt sei nur gesagt, dass die Idee für dieses erste Buch sich in jenem Moment zu entwickeln begann.

Kapitel 1 Positivität

Die Macht der freundlichen und sanften Hundeausbildung

Mir ist völlig bewusst, dass ich (bildhaft gesprochen) gegen den Strom schwimme, wenn ich versuche, viele Leute davon zu überzeugen, dass sie „alle Menschen so behandeln sollten wie einen Hund“. Es klingt einfach nicht wie eine besonders gute Idee. Würde ich mich in der Geschäftswelt bewegen und mit Marketing-Experten zusammenarbeiten, wäre deren erster Ratschlag für mich sicherlich, dieses Motto zu ändern. Mindestens ein Problem besteht darin, dass der Ausdruck traditionell negativ besetzt ist – dieser Ballast ist das Ergebnis von veralteten Methoden, mit Hunden umzugehen. (Ganz abgesehen davon habe ich viele Klienten und Freunde, die ihre Hunde so gut behandeln, dass jeder vernünftige Mensch sich wünschen würde, im nächsten Leben als einer ihrer Hunde wiedergeboren zu werden!) Menschen haben Hunde viele Jahre lang auf eine Art behandelt und ausgebildet, die nicht immer nachahmenswert war. Jedoch hat in den letzten Jahrzehnten eine Revolution im Hundetraining stattgefunden. Diese Bewegung führte dazu, dass man sich immer mehr von aversiven Methoden entfernte und stattdessen positive und humane Trainingsmethoden einsetzte, die ich gerne unter der breiten Kategorie der „Positivität“ zusammenfasse. Je nachdem, wie alt Sie sind und welche Rolle Hundetraining in Ihrem bisherigen Leben gespielt hat, erinnern Sie sich vielleicht noch an eine Zeit, in der Hundetrainer einem Hund „Sitz!“ sagten und wenn der Hund den Befehl nicht befolgte, gab der Hundetrainer einen Leinenruck, um das Halsband straff zu ziehen oder brüllte den Hund an oder ging noch gröber mit ihm um. Heutzutage sagen fast alle Trainer „Sitz!“ zu einem Hund und geben ihm eine Belohnung, wenn er reagiert, indem er sein Hinterteil auf den Boden setzt. Dreimal dürfen Sie raten, welche Methode Hunde glücklicher und kooperationsbereiter macht, eine bessere Mensch-Hund-Beziehung fördert und (dieser Punkt ist in diesem Zusammenhang ganz wesentlich!) zu gut erzogenen Hunden mit einer optimistischen Einstellung führt – weil sie nicht denselben Stresslevel verspüren wie Hunde, die angeschrien oder niedergedrückt werden? Richtig, die „Frohnatur“-Version des Trainings hat alle möglichen Vorteile, sowohl für Mensch als auch für Hund.

Positivität funktioniert

Es gibt durchaus Kritik an dem exklusiven Einsatz positiver Methoden – aber diese läuft meistens auf zwei Haupteinwände hinaus, denen ich beiden nicht zustimme. Nummer Eins lautet, dass diese Methode zu verhätschelnd und nett sei – und wir die Leute damit zu sehr verweichlichen würden. Für mich ergibt das keinen Sinn. Seit wann ist Güte und Wärme etwas, das man begrenzen oder vermeiden sollte? Wir finden diese Einstellung sehr oft in unserem Bildungswesen, da häufig angenommen wird, Kinder würden eine positive Behandlung nur bis zu einem gewissen Alter – sagen wir, neun oder zehn – brauchen oder verdienen. Danach werden strengere, kältere, weniger verständnisvolle Methoden gebilligt und sogar gutgeheißen. Pfui! Ich bin mittleren Alters und ich wünsche mir immer noch, dass jede Person, die mir etwas beibringt – sei es mein Lauftrainer oder eine Steuerberaterin, die ihr Wissen mit mir teilt – freundlich zu mir ist. Ich möchte nicht, dass die Leute mir gegenüber streng oder kritisch sind oder mir das Gefühl vermitteln, dass ich dumm sei. Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass nur unsere jüngsten Gesellschaftsmitglieder einem Höchstmaß an Milde bedürfen. Es ist keine altersabhängige Strategie, Dinge anhand von Positivität und Wärme zu vermitteln und wir sollten aufhören, anzunehmen, dass eine besonders gütige und milde Person nur dazu geeignet ist, die Allerjüngsten zu unterrichten.

Der zweite Einwand ist, dass diese Methoden nicht oder nur bei leichten Fällen funktionieren würden. Viele Menschen glauben, dass es eine Sache ist, positiv, gütig und sanft zu sein, wenn man einem Hund Grundkommandos wie „Sitz“ oder „Platz“ beibringt oder ihm vermittelt, dass er einen zur Begrüßung nicht anspringen soll. Aber wenn es darum geht, dem Hund beizubringen, dass er an anderen Hunden vorbeigehen soll, ohne sie anzukläffen und sich in die Leine zu legen oder dass er keine Gäste beißen darf oder dass er bei Fuß gehen soll – dann ist Strenge vonnöten. In anderen Worten, es gibt einen weitverbreiteten Glauben, dass sanfte, positive Methoden der Verhaltensbeeinflussung nicht so wirksam seien wie strengere Methoden. Tatsache ist aber, dass die sanften Methoden mindestens genauso effektiv sind. Positive Trainingsmethoden sind in der Lage, alle Arten von Verhalten zu beeinflussen – nicht nur die einfachen, und das gilt sowohl für Hunde als auch für Menschen. Die grundlegenden Mittel und Strategien, um das Verhalten anderer zu beeinflussen (d.h., sie zu erziehen) unterscheiden sich nicht für unterschiedliche Verhaltensweisen und Ziele. Die Lernprinzipien, die in diesem Buch später behandelt werden, treffen immer zu – unabhängig vom Kontext und gleichgültig, welches Verhalten beigebracht oder modifiziert werden soll.

Bessere Beziehungen aufbauen

Die neue Positivitätswelle in der Hundeerziehung hat nicht nur zu einem besseren Hundeverhalten geführt, sondern auch zu glücklicheren Hunden und Menschen sowie zu einer verbesserten Beziehung zwischen den beiden. Die Revolution im Hundetraining war teilweise auch deshalb so effektiv, weil es dabei nicht nur darum geht, Leckerchen und Lob zu verteilen. Mindestens genauso wichtig ist die Abwesenheit von strengen Korrekturen und Bestrafungen. Wenn Tiere und Menschen Lernerfahrungen machen können, ohne dabei strenge Maßregelungen – verbal, sozial oder körperlich – fürchten zu müssen, dann lernen sie besser und sind tendenziell glücklicher. In der Debatte über den Einsatz positiver Methoden versus aversiver Methoden geht es sehr viel darum, ob diese Techniken funktionieren. Es ist zwar richtig, dass beide eingesetzt werden können, um einem Hund das erwünschte Verhalten beizubringen – aber nicht beide schaffen es, dabei einen glücklichen Schüler und eine gesunde Beziehung aufrechtzuerhalten.

Der Übergang von strengen Techniken hin zu humaneren Methoden fand teilweise deshalb statt, weil wir heute die Ursachen für hündische Fehlreaktionen anders verstehen. Im System des alten Trainingsstils nannte man es ein „Kommando“, wenn man dem Hund sagte, was er zu tun hatte. Heute nennen wir es „Signal“ und das macht einen Riesenunterschied. Reagierte ein Hund früher nicht richtig auf ein Kommando, dann galt er als ungehorsam, stur oder einfach schlimm. Aber wenn ein Hund nicht richtig auf ein Signal reagiert, ist es viel leichter, anzuerkennen, dass er einfach noch nicht komplett ausgebildet wurde, um auf dieses Signal in dieser bestimmten Situation richtig reagieren zu können. Vielleicht gab es zu viele Ablenkungen oder der Hund hat dieses Signal mit einem anderen, ähnlich klingenden Signal, verwechselt oder vielleicht war er einfach verwirrt. Vielleicht war er auch zu angespannt, um auf dieses konkrete Signal zu reagieren und der Trainer muss sich überlegen, wozu der Hund in diesem Augenblick überhaupt fähig ist. Vielleicht kann ein Hund in der Gegenwart zu vieler anderer Hunde Sitz machen, aber nicht liegen. Vielleicht fühlt er sich zu unwohl, um sich überhaupt hinzusetzen, ist aber in der Lage, auf ein „Schaumich-an“-Signal von Ihnen zu reagieren. Unsere Einstellung hat sich nicht verändert, weil wir heute „Signal“ anstatt „Kommando“ sagen, aber diese Sprachänderung spiegelt die Werteverschiebung wider. Dadurch ist es leichter geworden, die Ursache für eine Verhaltensauffälligkeit anders zu deuten. Der Hund macht nicht Ihnen Schwierigkeiten – er hat selbst Schwierigkeiten mit etwas.

Professionelle Trainer stellen sich oft selbst Fragen, um den Weg zum Erfolg zu bestimmen: „Was ist der kleinste Erfolgspunkt, für den ich diesen Hund positiv bestärken kann?“ (Anders ausgedrückt, ist der Hund bei mir und ausreichend frei von Anspannung und Ablenkungen, um sich für die Belohnung zu interessieren?) Wenn derartige Überlegungen bei einer Ausbildung vorkommen, dann liegt der Fehler nicht beim Hund. Wenn eine Trainerin es nicht schafft, einen Hund dazu zu bringen, ein Verhalten zu zeigen, dann hat sie ihm dieses einfach noch nicht vollständig beigebracht. Und das ist etwas ganz anderes, als einfach anzunehmen, dass der Hund das Problem ist, während alles, was der Trainer macht, natürlich über jeglichen Tadel und alle Kritik erhaben ist.

Positivität an Menschen anwenden

Wenn wir dieses Prinzip auf Interaktionen mit Menschen anwenden, dann merken wir, dass Menschen sehr oft Dinge tun, die als „schlecht“ gelten könnten (Fehlverhalten). Aber in Wirklichkeit liegt das Problem daran, dass diese Menschen sich schwertun und wahrscheinlich in dieser Situation ohne Verhaltensanpassungen nicht erfolgreich sein werden. Dieser Perspektivwechsel kann viele unserer frustrierendsten Interaktionen mit unseren Mitmenschen komplett verändern – und zwar zum Besseren. Dadurch gewinnen wir eine neue Einsicht und neue Lösungen für einige der grundlegenden Herausforderungen, mit denen die meisten Leute in ihrem täglichen Leben konfrontiert sind. Diese Sichtweise ist in vielen Alltagssituationen hilfreich, wie zum Beispiel, wenn wir unsere Kinder in der Früh dazu ermutigen möchten, sich fertig zu machen oder wenn sie sich in Gesellschaft höflich verhalten sollen. Es trifft ebenso auf Situationen zu, in denen wir von unseren Partnern erwarten, dass sie vor unseren Arbeitskollegen ohne Vorbereitung das Richtige sagen oder dass sie sofort ein paar Haushaltsaufgaben erledigen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen. In diesen Fällen ist Erfolg vielleicht deshalb nicht möglich, weil sie unvorbereitet sind – d.h. sie verfügen nicht über genügend Hintergrundwissen, um das Richtige zu sagen und das Falsche zu vermeiden – oder weil sie vielleicht zu großen Hunger haben, um gut funktionieren zu können.

Positivität kann auch auf Kinder angewandt werden, wenn es darum geht, ihnen beizubringen, ihre Schmutzwäsche an den richtigen Ort zu legen oder ihnen gute Tischmanieren zu zeigen. Es ist unsere Aufgabe, unseren Kindern diese Dinge beizubringen (sie zu trainieren!), anstatt ihnen einfach zu sagen (befehlen!), was sie machen sollen. Ähnliche Probleme treten zum Beispiel auf, wenn wir möchten, dass unsere Partner das Geschirr abwaschen oder die Schmutzwäsche in den Wäschekorb legen. Oder wenn wir uns von unseren Arbeitskollegen wünschen, dass sie aufhören, zu reden, damit wir arbeiten können oder dass sie aufhören, sich ständig zu beschweren und damit die Stimmung für alle zu verderben. Warum sollten unsere Kinder oder alle anderen Personen in unserem Leben die Dinge machen wollen, die wir von ihnen erwarten und ihnen sagen? Die einfache Antwort ist, dass sie diese Dinge nicht unbedingt tun möchten und vielleicht ohne ein paar kleine Optimierungen auch gar nicht dazu in der Lage wären. Was bedeutet, dass es an uns liegt, ihr Verhalten auf eine fundiertere und klügere Weise zu beeinflussen als die oft ergebnislosen Techniken, die besonders Eltern gerne anwenden, wenn sie Dinge sagen, wie: „Weil ich es sage!“, oder (vor Wut brüllend): „Mach‘ es einfach, verdammt noch mal!“ Oder wir richten unseren bitteren Zorn gegen unsere Partner, weil sie einfach nicht das machen, was wir wollen und wenn wir es es wollen.

Es ist leicht, zu sehen, wie diese neuen Techniken des Hundetrainings auf Kinder angewandt werden können (und angewandt werden), aber sie können tatsächlich bei Menschen jedes Alters effektiv sein. Ich würde sagen, dass die Bewegung noch Wachstumspotenzial hat und eine breitere Masse erreichen könnte – sie könnte in sehr viel mehr Situationen hilfreich sein, als das bisher der Fall ist. Wenn Sie in letzter Zeit eine neue Fähigkeit erlernt haben, – sei es Stricken, einen Gesellschaftstanz, Kalligrafie, Snowboarden oder etwas anderes – wurden Sie so gut behandelt, wie Sie das gerne gehabt hätten? Ist es nicht viel motivierender, wenn Ihre Lehrperson sagt: „Das war super – Sie haben diese Masche korrekt gestrickt, diesen Tanzschritt elegant zur Musik ausgeführt, ein schönes großes R geschrieben, oder einen guten Bogen gemacht“, – als wenn Sie verachtungsvolle Blicke ernten und hören: „FALSCH! Haben Sie nicht aufgepasst, Sie Dummkopf? Stellen Sie sich ins Eck, bis Sie bereit sind, sich anzustrengen, und mein Gott, Sie sind wirklich unkoordiniert!“ Mir ist nicht klar, warum derartig negatives, abstoßendes Verhalten in irgendeinem Bereich unserer Gesellschaft akzeptabel sein sollte. Im Gegensatz dazu hat eine positive Einstellung so viele Vorteile.

Im Herzen der derzeitigen positiven Trainingsbewegung für Hunde steckt das Konzept, dass man den Hund dabei erwischen möchte, wie er etwas richtig macht. Denn so kann man auf das erwünschte Verhalten reagieren, anstatt nur darauf zu achten, was der Hund falsch macht und die eigene Reaktion dann auf dieses Fehlverhalten abzustimmen. Wenn wir auf ein Verhalten reagieren, indem wir dem ausführenden Individuum eine positive Konsequenz bieten, steigern wir die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Verhalten in der Zukunft wieder auftreten wird – das ist die eigentliche Definition von „positiver Verstärkung“. Ich werde positive Verstärkung später im Buch noch genauer besprechen (sowohl ihre Wirksamkeit, als auch die genauen Einsatztechniken, um Verhalten zu beeinflussen). Im Augenblick möchte ich nur darauf hinweisen, dass einer der Hauptvorteile dieses Verhaltens- und Trainingsansatzes darin liegt, dass Beziehungen dadurch gestärkt anstatt geschwächt werden.

Der Aufbau guter Beziehungen kann zwar das Ergebnis positiver Trainingsmethoden sein, aber eine bestehende gute Beziehung ist für jede Art von Ausbildungs- und Lernerfahrung von Vorteil. In diesem Prozess findet also eine positive Rückkopplungsschleife statt. Eine gute Beziehung ist für den Trainingsprozess absolut hilfreich und ein Trainingserfolg festigt die Beziehung.

Eine starke Bindung ist die Grundlage jeder Ausbildungs- oder Lernbeziehung. Denken wir nur an die Lehrer, die unser Leben am meisten beeinflusst haben oder an die Menschen, die uns außerhalb des Klassenzimmers am meisten beigebracht haben: Die Beziehung zu ihnen war wesentlich. Die Verbundenheit, die wir mit anderen Menschen spüren, spielt eine ganz wichtige Rolle für unser Fühlen, Denken und Handeln. Menschen, die wir respektieren und bewundern – und von denen wir uns im Gegenzug respektiert und angenommen fühlen – haben das größte Potenzial, unser Lernen und Verhalten zu beeinflussen. Die Beziehung ist die Grundlage für den erfolgreichen Einsatz aller verhaltensbeeinflussenden Handlungen.

Die Bedeutung einer guten Beziehung für jeglichen Erfolg ist auch der Grund, weshalb Teambuilding-Übungen in der Schule und am Arbeitsplatz stattfinden. Faktoren wie Vertrauen, fortwährende Kooperation, Angstfreiheit in der Gegenwart der anderen und Sympathie für die anderen sind nützlich, um Verhalten in so gut wie jedem Zusammenhang zu lehren, zu trainieren und zu beeinflussen.

Das ist der Grund, warum viele Verhaltensexperten für Hunde hart daran arbeiten, die Beziehung zwischen den Menschen und ihren Hunden zu verbessern. Es beginnt damit, Positivität in den Interaktionen mit anderen einzusetzen und es bedeutet auch, Spaß miteinander zu haben. Die Methode ist auch bei Menschen hilfreich. Deshalb betonen viele Unternehmensberater, ein Mitglied des Teams zu sein und die Zusammenarbeit wertzuschätzen. Um starke Beziehungen aufzubauen, ist es ganz wichtig, Spaß miteinander zu haben, einander zu verstehen sowie auf die Vorlieben und Abneigungen der anderen zu achten.

Einige der berühmtesten konkreten Beispiele für Hundeverhalten waren das Resultat von Bindung, nicht von Training. Der Hund in Brasilien, der acht Tage lang vor dem Krankenhaus saß, als sein obdachloser Besitzer nach einem Sturz eingeliefert wurde? Der Hund machte dies aufgrund ihrer gegenseitigen Bindung, nicht, weil er darauf trainiert wurde. Die Hunde, die Straßenkindern folgen und die ganze Nacht bei ihnen bleiben, wobei sie ihre Körperwärme einsetzen, um die Kinder vor dem Erfrieren zu bewahren? Auch dies geschieht nicht, weil die Hunde dazu abgerichtet wurden. Dieses lebenrettende Verhalten ist das Ergebnis einer starken, guten Beziehung. Eine meiner Freundinnen stürzte nach Geschäftsschluss am Arbeitsplatz – sie war ganz allein und konnte nicht mehr aufstehen. Ihr Hund blieb die ganze Nacht an ihrer Seite und bellte in der Früh wie ein Höllenhund, um Passanten dazu zu bewegen, Hilfe zu holen. Dasselbe hier – der Hund war nicht dazu ausgebildet worden, im Fall eines Sturzes bei ihr zu bleiben oder andere zu alarmieren. Die starke Bindung zwischen den beiden führte zu seinem Verhalten.

Zwei meiner Freundinnen, die ebenfalls Hundeprofis sind, hatten das Pech, dass ihr Hund einige alte und unersetzliche Familienfotos zerkaute – diese befanden sich in einem Regal, von dem meine Freundinnen dachten, dass es sich außer Reichweite ihres Hundes befände. Beide meinten, die Sache habe sie zwar geärgert, aber sie würden ihren Hund viel zu sehr lieben, als dass sie dies zu einem ernsthaften Problem werden ließen, auf das man viel Zeit verschwendet. Die starke und liebevolle Bindung zwischen diesem Hund und seinen Menschen führte dazu, dass ein Verhaltensproblem als viel weniger gewichtig bewertet wurde als das vielleicht anderweitig der Fall gewesen wäre. Ich höre das ständig von Klienten. Wenn Hunde sich im Haus erleichtern oder bellen oder etwas zerstören, dann möchten die Menschen natürlich das Verhalten ändern – aber wenn die Beziehung liebevoll genug ist, sind Menschen auch in der Lage, zwischenzeitlich mit unglaublichen Problemen zu leben.

Keine Angst vor Fehlern

Positivität bedeutet mehr als nur positive Verstärkung und das Verzichten auf Bestrafung. Es ist zusätzlich wichtig, ein angstfreies Umfeld zu schaffen, in dem Fehler möglich sind. Wenn wir dieses Umfeld schaffen, können Fehler ein wertvoller Teil des Lernprozesses sein und es ist möglich, Risiken einzugehen, um schlussendlich Erfolg zu haben.

Wie minimiert man also die Angst vor Misserfolgen oder schaltet sie ganz aus? Bei Hunden ist das meistens leicht. Fehler haben im Training einfach keine Konsequenzen, abgesehen von einer verpassten Gelegenheit, bestärkt zu werden. Wenn Sie also einem Hund „Verbeugen“ beibringen wollen und er sich stattdessen hinlegt, dann passiert einfach nichts. Er wird nicht bestärkt, weil er nicht das gewünschte Verhalten gezeigt hat, aber ansonsten muss er es einfach noch einmal probieren. Was Sie nicht wollen, ist ein Hund, der Angst davor hat, ein Verhalten zu zeigen, weil er die Konsequenzen fürchtet. Eine Fallgeschichte von negativen Konsequenzen kann zu einem Hund führen, der gar nichts mehr machen möchte. Aber wir wollen einen Hund, der bereit ist, Verhaltensweisen anzubieten, um herauszufinden, was wir von ihm möchten. (Übrigens sage ich oft, dass ein Hund oder eine Person bestärkt wurde, obwohl es eigentlich das Verhalten ist, das bestärkt wurde. Der Versuch, sich an diese Formsache zu halten, führt sowohl im Schriftlichen als auch in der gesprochenen Sprache zu umständlichen Konstruktionen, weshalb ich mich nicht immer daran halte. Wenn ich sage, dass jemand bestärkt wurde, ist das eine Abkürzung zum Zwecke besserer Lesbarkeit – und diese ist mir wichtiger als terminologische Perfektion.)

Bei Menschen ist es manchmal schwieriger (aber nicht weniger wichtig!), ein Umfeld zu schaffen, in dem wenig oder keine Angst besteht, Fehler zu machen. Es ist deshalb eine Herausforderung, weil viele Menschen aufgrund von früheren Strafen, gesellschaftlichen Verurteilungen oder eigener perfektionistischer Tendenzen eine Abneigung gegen Fehler haben. Ich hätte vor Freude tanzen können (und ich habe wahrscheinlich getanzt, aber zählt es wirklich, wenn mich niemand dabei gesehen hat?), als mein Sohn in der vierten Klasse nach der ersten Mathe-Stunde bei Mr. Painter heimkam und mir erzählte, was dieser Lehrer gesagt hatte. Mr. Painter sagte zu den Kindern: „Es gibt einen Radiergummi am Ende unserer Bleistifte und wir sollten uns trauen, ihn zu verwenden!“ Das ist nur ein Zitat, um die positive Stimmung zu verdeutlichen, die er in seinem Klassenzimmer schuf – bei ihm lag der Fokus nicht auf Bestrafungen. Wir alle machen Fehler, das ist keine große Sache. Es ist ein Teil des Lernprozesses. Wenn Fehler akzeptiert werden, sind Kinder viel eher bereit, Dinge auszuprobieren, selbst wenn nicht jeder Versuch von Erfolg gekrönt ist. Auf diese Weise lernen sie sehr viel mehr und sind sehr viel glücklicher dabei, weil die Angst vor Fehlern großteils eliminiert wurde.

Diese Bereitschaft, herumzuprobieren, innovativ zu sein und Vermutungen anzustellen, ist sehr häufig erfolgsbestimmend – aber sie wird von aversiven Methoden zerstört. Hunde, die anhand von Zwang und Gewalt trainiert wurden, zögern oft, irgendetwas auszuprobieren. Sie haben gelernt, dass das Anbieten einer Verhaltensweise – jeglicher Verhaltensweise – das Risiko einer unangenehmen oder sogar schmerzhaften Reaktion beinhaltet. Sie haben auch gelernt, dass sie unerwünschte Konsequenzen eher vermeiden können, wenn sie weniger Verhaltensweisen zeigen. Diese Hunde haben aus gutem Grund Angst davor, falsch zu liegen, weshalb ihre Grundreaktion darauf hinausläuft, nicht viel zu machen.

Dasselbe Muster lässt sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens beobachten. Kinder, die in der Küche herumexperimentieren dürfen, hinterlassen vielleicht ein Chaos, erfinden eigenartig schmeckende Kreationen und lassen gelegentlich alles kolossal anbrennen (Sie merken vielleicht, dass ich hier aus eigener Erfahrung spreche), aber sie lernen, zu kochen. Wenn Sie möchten, dass Menschen Eigeninitiative zeigen, dann müssen Sie ihnen die Freiheit zugestehen, etwas auszuprobieren – obwohl diese Freiheit auch so einige interessante, aufregende und möglicherweise kostspielige Fehler bedeutet. Echte Innovation passiert oft in Unternehmen, die Erfindungsreichtum wertschätzen und Versagen nicht bestrafen. Apple, Google und W.L. Gore and Associates sind berühmt dafür, eine Kultur der Innovation hervorzubringen.

Er braucht Hilfe, keine Korrektur

Im traditionellen Hundetraining wurde der Begriff „Korrektur“ verwendet, um die Anwendung einer aversiven Maßnahme zu bezeichnen – das konnte ein Ruck an einem Würgehalsband, ein Schnauzengriff, ein strenges „Nein!“ oder eine andere aversive Erfahrung sein. Die Korrektur war ein Euphemismus für Strafe, was nicht mit dem Umlenken auf ein Alternativverhalten verwechselt werden sollte. Dies bedeutet, dass man die Konzentration oder das Verhalten eines Hundes von einer Sache auf eine andere lenkt – wenn Ihr Hund zum Beispiel einen Schuh hat und Sie ihm stattdessen einen Kauartikel anbieten, mit dem er sich beschäftigen kann. Es stört mich, wenn ich sehe, dass Menschen ihre Hunde mit Negativität trainieren, egal wie mild die aversive Maßnahme auch sein mag. Wenn Menschen wütend oder frustriert werden, weil ein Hund nicht das gemacht hat, was sie wollten, dann ist das selten bis nie darauf zurückzuführen, dass der Hund einfach stur war und sich geweigert hat, das Richtige zu tun. Allzu oft war der Hund nicht in der Lage, zu folgen, weil er nicht wusste, was von ihm erwartet wird. In dem Fall erhöht eine Strafe nicht die Wahrscheinlichkeit, dass er es in der Zukunft richtig machen wird.

Es tut mir im Herzen weh, wenn ich sehe, wie jemand einen Hund bestraft, der ehrlich verwirrt ist, aber leider sieht man das nur allzu häufig. Mein Herz tut deshalb weh, weil es der besagten Person etwas zurufen möchte, weil es verzweifelt versucht, die folgende Botschaft von mir an den anderen Hundehalter zu übermitteln: „Ich weiß, dass Sie verärgert sind – aber könnten Sie bitte, bitte sehen, dass Ihr Hund keine Korrektur braucht? Ihr Hund braucht Hilfe.“ Es kann tragische Folgen haben, wenn man das beim Hundetraining nicht erkennt.

Versuchen Sie einmal, es aus der Sicht eines Hundes zu sehen. Hunde wissen oft, dass ein Verhalten von ihnen verlangt wird, aber sie wissen nicht, welches. Stellen Sie sich vor, jemand befiehlt Ihnen: „Rospotadspu, flubberall! Rospotadspu, flubberall!“ Und Sie merken, wie die Person immer frustrierter und sogar zornig wird. Das wäre für uns Menschen genauso unverständlich, wie viele Signale es für Hunde sind. Wenn der Hund versucht, zu raten und dabei falsch liegt (er hat ja auch nur geraten!), dann wird er mit strengen Worten, Empörung, Entrüstung und manchmal sogar mit einer körperlichen Strafe gezüchtigt. Es gibt Hunde, die so etwas ständig aushalten müssen und dabei ist die Strafe nicht nur nicht hilfreich, sondern möglicherweise schädlich. Ein bisschen Unterstützung könnte so viel bewirken, aber leider wird dieser Weg zu selten beschritten.

Das Ergebnis ist ein verängstigter, verwirrter und verunsicherter Hund, der sich zusätzlich davor fürchtet, Fehler zu machen. Manchmal wirken Hunde in dieser Situation „wohlerzogen“, aber in Wirklichkeit machen sie gar nichts. Der Grund, warum sie nichts anstellen, ist, dass sie praktisch katatonisch sind, also angststarr. Es hat nichts damit zu tun, dass sie folgsam sind. Solche Hunde zeigen deshalb kein Fehlverhalten, weil sie genau genommen so gut wie überhaupt kein Verhalten zeigen – womit ich meine, dass sie gar nichts machen.

Meine Freundin (und Hundetrainer-Kollegin) Laura Monaco Torelli erzählte mir von einer Situation, in der sie „dicht machte“, wobei sie der Gedanke beschlich: „So muss sich ein gestresstes Tier fühlen!“ Sie wollte ihre Italienischkenntnisse verbessern und ihr Italienischlehrer korrigierte sie sofort nach jedem Wort, wobei er den Kopf schüttelte, mit seinem Finger direkt auf ihr Gesicht zeigte und Dinge sagte, wie: „Nein! Das ist die falsche Aussprache! Sagen Sie es so. SO!“ Für sie fühlte sich das wie eine Bestrafung an, und zwar wie eine ziemlich effektive Strafe. Weshalb sie aufhörte, das Verhalten des Italienisch-Sprechens anzubieten. Bei ihrem nächsten Italienaufenthalt (um ein Seminar zum Thema Hundetraining zu unterrichten) wunderte sich ein Freund und Kollege darüber, dass sie beim Abendessen so still war – sie war normalerweise immer sehr lebhaft und gesprächig. Sie schilderte ihre Sorge, dass ihr holpriges Italienisch auf die anderen ohne die Hilfe eines Dolmetschers verwirrend klingen könnte. Woraufhin er lachte und etwas auf Italienisch zu den anderen Anwesenden sagte, die Laura darauf allesamt warm anlächelten. Wie man es von einem richtigen positiven Hundetrainer erwarten würde, sagte er zu ihr: „Der einzige Weg, um eine Sprache zu lernen, ist einfach zu sprechen. Du kannst dich bei uns sicher fühlen. Wir werden dir helfen.“ Anstatt ihr Verhalten unterdrücken zu müssen, konnte sie daraufhin am Tischgespräch auf Italienisch teilnehmen, wobei sie zahlreiche Wörter und Ausdrücke von ihren Kollegen lernte. Sie brauchte keine Korrektur, um ihr Italienisch zu verbessern. Sie brauchte Hilfe.

Auch wenn es um Kinder geht, denke ich oft an die Parole „Er braucht keine Korrektur. Er braucht Hilfe.“ Während der ersten Monate an einer neuen High-School hatte mein ältester Sohn Schwierigkeiten mit dem häufigen Wechsel der Klassenzimmer. Es fiel ihm schwer, es rechtzeitig in den Unterricht zu schaffen, weshalb er Probleme bekam. Lehrer und diverse Schulmitarbeiter hielten ihm mehrmals strenge Moralpredigten am Gang. Mir brach das fast das Herz, weil er sich so bemüht hatte, es pünktlich in den Unterricht zu schaffen. Eine Bestrafung wäre sinnlos gewesen, weil es nicht so war, als ob er sich nicht angestrengt hätte. Er wollte es so gerne schaffen, aber war einfach noch nicht in der Lage dazu. Sein Hauptproblem bestand darin, dass das Schloss an seinem Spind schwer zu öffnen war und er so gut wie immer mehrere Versuche benötigte. Er hetzte zu seinem Spind und hetzte weiter in den Klassenraum und bemühte sich so, nicht zu trödeln. Aber wenn drei oder vier Versuche nötig waren, um seinen Spind aufzubekommen, brauchte das fast seine fünfminütige Pausenzeit auf – und er war der Unpünktlichkeit einen Schritt nähergekommen. Viele Mitarbeiter der Schule waren verständnisvoll und taten ihr Bestes, um den neuen Fünftklässlern zu helfen, aber nicht alle. Mein Sohn kam einmal heim und erzählte mir, dass er schnellen Schrittes zu seinem Klassenzimmer geeilt war – gerade so, dass er nicht rennen musste – und schon wieder hatte der Schulleiter ihn angebrüllt: „Was machst du noch im Gang? Du solltest schon längst in deinem Klassenzimmer sein!“ Er wurde in die Direktion geschickt, um sich einen Verweis wegen Zu-Spät-Kommens abzuholen und musste erklären, warum er noch nicht in seinem Klassenraum war. Ich kenne meinen Sohn und möchte wetten, dass er aufgrund der Verspätung schon einen panischen Ausdruck auf seinem Gesicht hatte, bevor er überhaupt angeschrien wurde. Ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum ein ausgebildeter Pädagoge nicht erkennen konnte, dass er hier keiner Korrektur bedurfte. Er brauchte Hilfe. Glücklicherweise gab es auch genügend Leute an der Schule, die das bemerkten und denen ich ewig dankbar bin – besonders Mr. Anderson, der begriff, dass mein Sohn einen Trick an dem Schloss nicht kannte: Man musste das Schloss mehrmals drehen, bevor es sich mit der Zahlenkombination öffnen ließ. Sobald ihm das erklärt wurde und er kompetenter darin wurde, seinen Spind zu öffnen (das heißt, sobald ihm geholfen wurde), schaffte er es, für die Dauer des restlichen Jahres pünktlich zu sein. Die Korrekturen waren in Bezug auf eine Verhaltensänderung völlig nutzlos und richteten sogar Schaden an, aber die Hilfestellung löste das Problem sofort. (Ich glaube, das ist das Ende meiner elterlichen Tirade! Ah, wie befreiend!)

Wenn ich sehe, wie eine Person für ihr Verhalten von jemandem getadelt wird, der es eigentlich besser wissen müsste – wie zum Beispiel von einem Elternteil, einem Lehrer oder einem Ehepartner – und ich auch sehen kann, dass diese Person das Gefühl hat, niemals etwas recht machen zu können, dann denke ich daran, wie Hunde früher mit aversiven und gewalttätigen Methoden trainiert wurden und wie sehr sich diese Branche weiterentwickelt hat. Wenn nur das Sicherheitspersonal am Flughafen eine ähnliche Entwicklung durchmachen würde! Wenn ich durch den Sicherheitscheck am Flughafen gehen muss und weiß, dass sich die Regeln seit Dienstag geändert haben, dann weiß ich auch, dass ich Fehler machen werde und deshalb eine strenge Rüge zu erwarten habe. Jedes Mal, wenn das geschieht, denke ich daran, dass dieses Gefühl den Lebensalltag für viele Hunde bedeutet – das Gefühl, keine Chance gehabt zu haben, herauszufinden, was diesmal von ihnen erwartet wird. Was? Ich soll meine Schuhe nicht ausziehen? Das letzte Mal musste ich das machen. Was? Ich bekomme jetzt ein Problem, weil ich an dir hochspringe? Aber ich habe das gestern auch gemacht und da hast du mich hinter den Ohren gekrault und mich „braver Hund“ genannt. Woher soll ich wissen, dass Anspringen in Ordnung ist, wenn du abgetragene Kleidung anhast, aber nicht, wenn du etwas Neues trägst und ganz sicher nicht, wenn dieses Neue weiß ist? Was? Mein iPad muss in eine Kiste gelegt werden? Das letzte Mal wurde mir gesagt, ich soll es in der Tasche lassen. Was meinst du, ich kann heute kein Essen vom Tisch bekommen und wenn ich es versuche, brüllst du mich an? Du hast dein Abendessen gestern mit mir geteilt. Auf Individuen, die keine Chance haben, etwas dauerhaft richtig zu machen – weil die Welt so verwirrend ist – wartet sehr viel Bestrafung und Negativität. Einen Schutz gegen diese Art der Angst und des Unglücks bieten klare Vorgaben sowie eine Positivität, die starke Bindungen aufbaut.

Es scheint mir verrückt, Trainingstechniken anzuwenden, die emotionalen Stress verursachen und Beziehungen nicht nur nicht stärken, sondern sogar beschädigen. Ich bin überglücklich, der Kultur des positiven Hundetrainings anzugehören und ich hätte sehr gerne, dass die Leitlinien meiner Sparte zunehmend auf Menschzu-Mensch-Interaktionen angewandt werden. Zwei eng miteinander verbundene und überzeugende Gründe, warum wir alle dieses Ideal anstreben sollten, sind die Vorteile für die Beziehung und die Effektivität der Verhaltensbeeinflussung.

Positivität breitet sich in der Gesellschaft aus

In der heutigen Gesellschaft gibt es Inseln der Positivität, die sich ausbreiten. Ein Beispiel ist Pete Carroll, Coach der Super-Bowl-Siegermannschaft „Seattle Seahawks“. Zu seinen Erfolgen als Head Coach an der University of Southern California zählte eine Landesmeisterschaft und zahlreiche Siege im College Football (der sogenannte Rose Bowl). Trotz seiner Erfolge auf der College-Ebene gab es einige Leute, die dachten, dass er keinen Erfolg im professionellen Football haben würde. Sein Coaching-Stil galt als zu freundlich, zu enthusiastisch und zu positiv, um für die Profispieler geeignet zu sein. Aber trotz des Vorwurfs, dass er zu weich oder zu spaßorientiert sei, blieb Pete Carroll seiner Persönlichkeit und seinen Methoden treu, was ihm große Erfolge auf beiden Ebenen einbrachte. Es freut mich sehr, dass er die Vorstellung ablehnte, der zufolge ein freundlicher, positiver Trainingsstil nur bei Menschen bis zum Alter von zirka 22 Jahren fruchten kann. Positivität ist für jedes Alter sinnvoll und ich bin immer froh, zu sehen, welchen Erfolg er damit hatte. („Immer“ ist eigentlich eine Übertreibung, weil mich sein Erfolg tatsächlich ziemlich aufregte, als die Seahawks die Packers in den NFC Championship Games im Jahr 2015 schlugen – aber ich werde nicht zulassen, dass meine in Wisconsin gelegenen Wurzeln meinem professionellen Urteil im Weg stehen – ich habe den größten Respekt für die Art, wie Pete Carroll seine Spieler behandelt.) Sein Bestreben, ein förderndes Umfeld zu schaffen und gleichzeitig Erfolge zu feiern, mag im Rahmen der NFL (National Football League) etwas Neues sein, aber es passt zur Philosophie der Positivität, die im heutigen Hundetraining bereits weit verbreitet ist. Es führte außerdem dazu, dass Coach Carroll außergewöhnliche Leistungen von seinen Spielern erhielt.

Auch ein Vergleich zwischen den beiden US-amerikanischen Reality-Shows American Idol und The Voice zeigt sehr deutlich, wie positive Methoden andere zu ihrem besten Verhalten motivieren können. Beide Fernsehformate sind Talentwettbewerbe mit dem Ziel, Gesangstalente zu entdecken. Aber sie gehen dabei sehr unterschiedlich vor und die Experten, die in den Sendungen auftreten, haben unterschiedliche Bezeichnungen. In American Idol heißen sie „Judges“, also „Richter“. Der Name ist Programm: Die Judges richten. Nach dem Auftritt eines jeden Teilnehmers übt die Jury Kritik an dem Auftritt, wobei die Rückmeldungen nicht immer nett ausfallen. Der strengste Judge ist bekannt dafür, seine Kommentare mit der Phrase einzuleiten: „Ich möchte jetzt nicht fies sein, aber …“ Er sagt außerdem Dinge, wie: „Ich fand das schrecklich, einfach nur schrecklich. Für mich hat das geklungen wie eine scheußliche, miserable Schulaufführung.“ Zu Jennifer Hudson (spätere Oscar-, Golden Globe- und Grammy-Gewinnerin) sagte er: „Du bist in diesem Wettbewerb fehl am Platz.“ Hin und wieder kam es vor, dass die Jury-Mitglieder ein Kompliment machten, aber sehr oft waren sie streng oder sogar beleidigend.

Im Gegensatz dazu basiert The Voice auf einem Coaching-System, im Zuge dessen Gesangsstars gegeneinander antreten, indem sie versuchen, die Künstler in ihrem Team zum Erfolg zu führen. (Fairerweise muss ich sagen, dass American Idol in späteren Staffeln ebenfalls Mentoren eingeführt hat, was eine Verbesserung war. Zusätzlich gibt es inzwischen mehr Jury-Mitglieder, die selbst Sänger waren und die weniger harsche Kritik üben. Ganz im Zeichen der Zeit wurde die Sendung positiver.) Aufgrund ihrer gemeinsamen Ziele und Interessen bringen die Coaches in The Voice den Künstlern in ihrem Team verschiedene Fähigkeiten und Strategien in Bezug auf deren gesangliche Auftritte bei. Genau wie bei American Idol singen die Kandidaten jede Woche ein Lied und erhalten dafür Feedback von den Experten in der Sendung. Der Unterschied besteht darin, dass die Coaches hier jede Woche mit den Sängern und Sängerinnen zusammenarbeiten, um das Beste aus ihnen herauszuholen – sie sind auf deren Seite. Sie möchten, dass sie Erfolg haben und Selbstvertrauen aufbauen können – in dieser Sendung geht es nicht darum, die Kandidaten mit „geistreichen“ (aber in Wirklichkeit gemeinen und harten) Kritikpunkten zu demontieren.

Für mich zeigt sich der Unterschied zwischen den Fernsehformaten am deutlichsten, wenn ich die Gesichtsausdrücke und Gefühlszustände der Kandidaten beobachte, während sie nach jedem Auftritt auf ihr Feedback warten. In American Idol sehe ich Angst und Nervosität, während die Mimik der Sänger in The Voice von freudiger Erwartung zeugt. Diese Menschen lernen etwas und werden nicht einfach dafür niedergemacht, dass sie es noch nicht können.

Ein ähnlicher Gegensatz zeigt sich darin, wie Sportkommentatoren über die Leistung von Athleten sprechen. Viele Jahre lang konnte ich es kaum ertragen, den Turn-Kommentatoren bei den Olympischen Spielen zuzuhören, weil sie so kritisch und negativ waren. (In den USA bringt die ehemalige Turnerin und olympische Multi-Medaillen-Gewinnerin Nastia Liukin seit Kurzem ein wunderbares Element der Positivität ein und ich hoffe sehr, dass ihr Einfluss zunehmen wird.) Kleine Unvollkommenheiten werden dauernd als „katastrophal“ bezeichnet und Kommentare wie, „Kommt schon, vielleicht kann irgendjemand mal auf dem Schwebebalken bleiben“, „Oh-oh, ein großer Schritt und fast daneben“, oder „Diese Übung ist immer ein Problem für sie“, bilden ein ständiges, negatives Hintergrundrauschen. Im Turnen herrscht eine Kultur der Fehler-Orientiertheit. Das gesamte Punktesystem – welches im Übrigen subjektiv ist – basiert auf Abzügen. Im Gegensatz dazu gibt es beim Kunstspringen – ebenfalls ein Sport mit subjektiver Punktevergabe – Kommentatoren, denen ich sehr viel lieber zuhöre. Sie sind optimistisch, freundlich und legen ihren Fokus viel stärker auf die Dinge, die gut funktionieren, und nicht auf die Dinge, die schieflaufen. Außerdem stellen sie die Sportler nicht bloß. Es herrscht in diesem Sport auch deshalb eine andere Kultur, weil das System Punkte für erfolgreiche Übungen auf einer Akkumulationsbasis vergibt, anstatt Punkte für Fehler und Unvollkommenheiten abzuziehen.

Die Anzeichen dafür, dass Positivität sich in der Gesellschaft ausbreitet, sind manchmal klein. Ein solches Beispiel sind Sprach-verschiebungen. Ich habe neulich gehört, wie eine Freundin das Sprichwort „zwei Vögel mit einem Samen füttern“ verwendet hat, anstatt auf das bekanntere „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ zurückzugreifen. Als ich sie danach fragte, sagte sie einfach, dass ihr die optimistische Version besser gefiele. Mir auch, weshalb ich nun ebenfalls die geänderte Version verwende, wenn ich ausdrücken will, dass zwei Ziele mit einer einzigen Handlung erreicht wurden.

Kapitel 2 Positivität anwenden

Wie Sie andere dazu bringen, tun zu WOLLEN, was Sie wollen

Wenn ich Leuten erzähle, dass ich bei Menschen gerne dieselben Trainingstechniken anwende, die für mich bei Hunden sehr gut funktionieren, stellen sie sich wahrscheinlich meistens vor, dass ich den Menschen Leckerchen als Belohnung für gutes Verhalten verabreichen würde. Anders ausgedrückt, sie stellen sich vor, dass ich positive Verstärkung anwenden würde, um das Verhalten anderer zu beeinflussen – und sie hätten Recht damit. (Sie stellen sich vielleicht auch vor, dass meine Kinder zuhause Apportierspiele machen. Sie hätten auch damit Recht, aber mehr dazu später. Hoffentlich denken Sie bis dahin nicht mehr, dass ich verrückt bin. Ich traue mich zu wetten, dass meine Kinder eine gute Chance – wenn nicht gar eine hohe Wahrscheinlichkeit – haben, zu sozial gut angepassten Erwachsenen heranzuwachsen.)

Positive Verstärkung

Positive Verstärkung ist ein Teil der sogenannten operanten Konditionierung, was bedeutet, dass Konsequenzen eingesetzt werden, um Verhalten zu beeinflussen. Die anderen Teile der operanten Konditionierung heißen negative Verstärkung, positive Bestrafung und negative Bestrafung. Dies sind die vier grundlegenden Arten, in denen wir Konsequenzen einsetzen können, um die Wahrscheinlichkeit einer Verhaltensweise zu beeinflussen. Obwohl es sich dabei um sehr unterschiedliche Konzepte handelt, werden sie aufgrund der Fachbegriffe leicht verwechselt. Positive Verstärkung bedeutet, dass nach dem gezeigten Verhalten etwas Gutes passiert, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Verhalten erneut auftritt. (Hund macht Rolle. Hund bekommt Belohnung. Es ist wahrscheinlicher, dass der Hund noch einmal eine Rolle macht.) Positive Bestrafung bedeutet, dass nach dem Verhalten etwas Negatives passiert, was die Wahrscheinlichkeit sinken lässt, dass dieses Verhalten erneut auftritt. (Jemand stiehlt die Lebensmittel seines Mitbewohners aus dem Kühlschrank. Der Mitbewohner wird böse und brüllt. Es ist weniger wahrscheinlich, dass der Dieb noch einmal Essen stehlen wird.) Negative Verstärkung bedeutet, dass etwas Schlechtes als Konsequenz des Verhaltens weggenommen wird, wodurch das Verhalten mit höherer Wahrscheinlichkeit erneut auftritt. (Eine Person legt den Anschnallgurt an. Anschnallalarm hört auf. Es ist wahrscheinlicher, dass die Person sich in der Zukunft erneut anschnallen wird.) Negative Bestrafung bedeutet, dass als Reaktion auf ein Verhalten etwas Gutes weggenommen wird, was die Wahrscheinlichkeit senkt, dass dieses Verhalten noch einmal auftritt. (Hund springt an Ihnen hoch, wenn Sie heimkommen. Sie legen die Tüte mit den Leckerchen weg, ohne ihm eines zu geben. Es ist weniger wahrscheinlich, dass er Sie beim nächsten Mal anspringen wird.) Beachten Sie, dass beide Arten der Verstärkung das Verhalten wahrscheinlicher machen, während beide Arten der Bestrafung es weniger wahrscheinlich machen. Die beiden „positiven“ Methoden bedeuten außerdem, dass etwas als Konsequenz auf ein Verhalten zugefügt wird, während die beiden „negativen“ Arten bedeuten, dass etwas weggenommen wird. Obwohl alle vier Konsequenz-Arten im Hundetraining oft zum Einsatz kommen, konzentriere ich mich auf positive Verstärkung.

Ich bin für eine zielgerichtete positive Verstärkung, um Verhalten zu beeinflussen. Mit „zielgerichtet“ meine ich, dass ich Verhalten bewusst verstärken möchte. Einmal ganz abgesehen davon, dass es funktioniert, gefällt mir am besten daran, dass ich durch diese Methode meinen eigenen Willen mit dem eines anderen in Einklang bringen kann. In anderen Worten, es handelt sich um eine Methode, mittels derer ich andere dazu bringen kann, dasselbe machen zu wollen, was ich von ihnen will. Deshalb machen sie freiwillig, was sie „machen sollen“ und genau darum geht es im Training. Positive Verstärkung ist generell die beste Art, dies zu erreichen: Sie basiert nämlich darauf, dass ich Verhaltensweisen verstärke, die mir gefallen, wodurch ich deren Wiederholung erreichen möchte. Dieses Kapitel stellt unter anderem einige Strategien vor, um das Verhalten anderer durch korrekte Verstärkung zu beeinflussen.

Es ist gut möglich, dass jemand, der dies liest, die allgemeine Technik als manipulativ empfindet. Ich gebe zu, dass man so argumentieren könnte, da Leute oft nicht merken, wie ihr Verhalten von anderen bestimmt wird. Und wenn sie es merken, könnten sie das Gefühl bekommen, ausgetrickst worden zu sein. Auf der anderen Seite geht es bei positiver Verstärkung darum, eine Verhaltensentscheidung basierend auf deren guten Konsequenzen zu treffen, es gibt also keine Verlierer. Die Person, deren Verhalten modifiziert wird (oder die etwas Neues lernt), wählt, was sie tun möchte und sollte dementsprechend mit dem Ergebnis zufrieden sein – da dieses Ergebnis per Definition aus ihrer Sicht positiv ist. Auch die Person, die das Verhalten verstärkt, bekommt, was sie will: erwünschtes Verhalten von jemand anderem. Ich möchte außerdem zu bedenken geben, dass Menschen oft sehr wohl merken, dass ihr Verhalten bestärkt wird, aber es macht ihnen nichts aus. Beispiele wären eine Schulklasse, die ein Pizzaessen spendiert bekommt, weil sie Spenden für einen guten Zweck gesammelt hat – oder jemand, der eine Bonuszahlung für eine erfolgreiche Kundenakquisition erhält. Im Allgemeinen akzeptieren wir positive Verstärkung in unserer Gesellschaft, solange das Kind nie beim Namen genannt wird. Die Leute haben meistens überhaupt kein Problem damit, von „Prämien“ oder „Bonuszahlungen“ zu sprechen oder darauf hinzuweisen, dass jemand etwas verdient. Aber sobald man es positive Verstärkung nennt, wird man der Manipulation beschuldigt. Traurig, aber wahr.

Trotzdem muss ich fairerweise auf die Möglichkeit hinweisen, dass die Leute in ihrem Leben sich manipuliert fühlen könnten (was sie nicht glücklich machen würde), wenn sie diese Techniken anwenden. Alles in allem hoffe ich aber, dass das Risiko es ihnen wert sein wird. Ich finde es eine bessere Lösung, als andere Menschen herumzukommandieren, zu nörgeln, zu brüllen, und so weiter – aber ich kann nicht garantieren, dass mir da alle zustimmen werden. Der beste Selbstschutz ist, freundlich zu sein – und unauffällig, wenn möglich. Es ist vielleicht nicht klug, jemandem zu erzählen, was Sie machen, wenn Sie schon das Gefühl haben, dass es bei dieser Person möglicherweise nicht gut ankommen würde. Ich hoffe, der Tag wird kommen, an dem positive Verstärkung und andere Instrumente aus der Welt des Hundetrainings als unproblematisch angesehen werden, aber momentan haben sie in unserer Gesellschaft diesen Nachteil. Was sehr schade ist, weil ich wir alle ständig versuchen, das Verhalten anderer zu beeinflussen. Positive Verstärkung ist einfach nur die nettere Art.

Komischerweise hat mir noch nie jemand gesagt, dass positive Bestrafung manipulativ sei, obwohl sie ständig eingesetzt wird, um Verhalten zu beeinflussen. Mir ist nicht ganz klar, warum der bewusste Einsatz positiver Verstärkung so anders beurteilt wird. Tatsache ist doch, dass Konsequenzen sich immer auf unser Verhalten auswirken und dass dies ständig passiert. Ich trete einfach dafür ein, positive Konsequenzen für das Verhalten anderer bewusst einzusetzen. Ich finde es außerdem sehr wichtig, dass diese absichtlichen Konsequenzen aufrichtig sein sollten. Wenn Sie eine Person für etwas loben, was sie gemacht hat, darf das nicht roboterhaft oder unaufrichtig klingen – das Lob könnte sonst nach hinten losgehen und Sie laufen Gefahr, so zu klingen, als ob Sie gerade ein Karriereseminar zu positiver Verstärkung absolviert hätten und die Techniken nun ausprobieren wollten. Genau das Richtige auf genau die richtige Art zu sagen, ist eine Kunst. Aber nur so bedeutet Ihre Reaktion auf die Handlung anderer auch etwas.

Positive Verstärkung ist ein mächtiges Instrument und in seiner grundlegenden Form unglaublich einfach anzuwenden. Eine Verstärkung ist eine Konsequenz für ein Verhalten, das die Häufigkeit dieses Verhaltens erhöht. Wenn die Konsequenz etwas Erstrebenswertes ist, dann sprechen wir von einem positiven Verstärker. Das beste Beispiel ist vielleicht ein Hund, der eine Belohnung für „Sitz“ erhält und deshalb in der Zukunft eher Sitz machen wird. Es gibt einen Witz, über den ich immer lachen muss und der genau illustriert, was positive Verstärkung ist und wie sie eingesetzt werden kann, um das Verhalten anderer zu beeinflussen. In dem Witz geht es um einen Mann, der fischen will, aber dem schnell die Würmer ausgehen. Er möchte schon resigniert heimgehen, als er eine Schlange mit einem Frosch im Maul entdeckt. Ihm fällt ein, dass sich Frösche hervorragend als Köder eignen und dass eine Schlange ihn nicht gut beißen kann, wenn sie schon einen Frosch im Maul hat. Also packt er die Schlange hinter dem Kopf, schnappt ihr den Frosch weg und legt ihn in seinen Eimer. Aber dann merkt er, dass er ein Problem hat. Wie kann er die Schlange wieder loslassen, ohne von ihr gebissen zu werden? Praktischer Mensch, der er ist, findet er eine Lösung. Er holt eine Flasche Jack Daniels heraus und leert der Schlange ein wenig Whisky ins Maul. Sobald die Schlange sich entspannt und schlaff wird, lässt er sie frei und macht sich wieder ans Fischen. Ein wenig später spürt er plötzlich, wie ihm jemand unten ans Bein tippt. Es ist dieselbe Schlange, mit noch zwei Fröschen im Maul.

Es gibt endlos viele Möglichkeiten, um positive Verstärkungsstrategien anzuwenden und Hundetrainer nehmen an wochenlangen Konferenzen zu dem Thema teil, weil es so komplex ist. Aber Sie müssen kein Experte werden und wie ein Hundetrainer jedes kleinste Detail wissen, um die wichtigsten Strategien und Punkte zu verstehen. Die im folgenden Abschnitt besprochenen Techniken werden Ihnen helfen, diese Methode anzuwenden, um das Verhalten anderer zu beeinflussen.

Verstärken Sie das Verhalten, das Ihnen gefällt

Wenn Sie eine Verhaltensweise beobachten, die Ihnen gefällt und Sie dieses Verhalten wiedersehen wollen, dann verstärken Sie es. In der Welt des Hundetrainings sind wir sehr häufig auf der Suche nach Verhaltensweisen, die uns gefallen. Wir suchen deshalb so intensiv danach, weil wir sie verstärken wollen. Wenn ein Hund sich bei der Begrüßung hinsetzt, besteht die Verstärkung einfach darin, dass ich ihm ein Leckerchen gebe oder ihn streichle und ihm die Aufmerksamkeit schenke, die er sich wünscht. Ich möchte gerne, dass Hunde mich und alle anderen Menschen höflich begrüßen. Sitzen ist höflich, besonders wenn man es mit einem anderen, häufig vorkommenden Begrüßungsverhalten vergleicht, nämlich dem Anspringen. In dem ich das Sitzverhalten verstärke, bestärke ich es auch, was bedeutet, dass es in Zukunft mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten wird.

Bei Hunden gibt es so viele Verhaltensweisen, die mir gefallen. Die grundlegendsten sind: auf Zuruf kommen, locker an der Leine laufen und sanft mit Kindern umgehen. Als Trainerin gefallen mir auch viele andere Verhaltensweisen. Ich könnte zum Beispiel ein Verhalten verstärken, das das Potenzial zu einem süßen Trick hat, wie zum Beispiel: eine Pfote heben, den Kopf schief legen oder sich so strecken, dass es aussieht, als ob der Hund sich verbeugen würde. Jeder Trainer mag vielleicht etwas anderes. Eine meiner Lieblingstrainerinnen, Kathy Sdao, hat eine Vorliebe für niesende Hunde, weshalb sie dieses Verhalten verstärkt, wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Ihr Hund Nick war besonders gut darin, dieses Verhalten auf Signal darzubieten. Egal, welches Verhalten Ihr Herz gewinnt, die allgemeine Regel lautet: Verstärken Sie es, damit es öfter vorkommt. Auch für Menschen gilt die Leitlinie, der zufolge es klug ist, Verhalten zu verstärken, das Ihnen gefällt. Es trifft sowohl auf Menschen als auch Hunde zu, dass verstärkte Verhaltensweisen mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder auftreten.

Ein Verhalten zu verstärken könnte beispielsweise bedeuten, dass Sie Ihr Kind überschwänglich loben, wenn es von selbst daran denkt, sich die Zähne zu putzen. Es bedeutet, Ihrem Mann zu danken, wenn er Ihnen Ihr Lieblingsessen kocht. Es bedeutet, dem Chef einer Person zu sagen, wie zufrieden Sie mit deren Leistung waren und dass Sie deshalb Kunde seines Unternehmens bleiben möchten – im Idealfall machen Sie das, während der Mitarbeiter anwesend ist. (Ansonsten zählen Sie darauf, dass der Chef seinen Angestellten bestärken wird.) Verstärktes Verhalten tritt häufiger auf, weshalb es wichtig ist, jene Verhaltensweisen zu verstärken, die Sie öfter sehen möchten. Es muss nicht einmal übermäßig kompliziert sein. Ich saß einmal im Skilift neben einem mir unbekannten Mann. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen Vater handelte, der bestimmte Verhaltensziele für seine Söhne hatte. Er fragte mich scherzhaft: „Sie haben nicht zufällig eine Idee, wie ich meine Kinder dazu bringen kann, auf der Skipiste Bogen zu fahren, anstatt einfach wild im Schuss runterzurasen? Ich biete Ihnen diese Tüte M&Ms, wenn Sie eine Idee haben, die auch tatsächlich funktioniert.“ Er hörte mit großem Interesse zu, als ich ernsthaft antwortete: „Wie wäre es, wenn Sie jeden Bogen laut abzählen und den Kindern am Ende der Piste genau so viele M&Ms geben, wie sie Bogen gemacht haben?“ Er war sehr optimistisch, dass seine Chancen gut standen. Unten an der Piste überhörte ich, wie er seinen Söhnen sagte, dass er ihre Bogen bei dieser Abfahrt gezählt hätte, und dass jeder nun ein M&M für jeden gefahrenen Bogen bekäme. Sein jüngster Sohn rief laut: „Das nächste Mal schaff‘ ich noch mehr!“

Erwischen Sie andere dabei, wie sie etwas richtig machen! (Und suchen Sie nicht nach Dingen, die falsch laufen)

In der Welt des Hundetrainings ist es eine weitverbreitete Einstellung, auf Verhaltensweisen zu achten (aktiv danach zu suchen!), die einem gefallen und von denen man möchte, dass sie öfter auftreten. Dies ist auch ein philosophischer Lebensansatz, der sehr leicht zu einer Gewohnheit wird, weil er so effektiv darin ist, Verhalten zu beeinflussen – und zwar auf eine gütige Art, ohne schädliche oder schmerzhafte Nebenwirkungen. Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass dadurch auch der Beobachter eine positivere Einstellung entwickelt.

Es ist einfach, auf gutes Verhalten zu achten, anstatt ständig danach zu suchen, was jemand falsch gemacht hat. Aber in manchen Berufen ist es eine so ungewöhnliche Einstellung, dass sie es in die landesweiten Nachrichten schafft – dies war bei der Polizeieinheit in Farmington in New Hampshire der Fall. In jener Stadt begannen die Polizeibeamten, aktiv nach Leuten Ausschau zu halten, die das Richtige taten – also zum Beispiel ihren Hund angeleint hatten, den Zebrastreifen benutzten oder beim Abbiegen den Blinker verwendeten. Sie verstärkten dieses Verhalten dann, indem sie Gutscheine für Pizza oder Pommes verteilten. Es begann damit, dass ein Polizist beobachtete, wie ein Mann keine Mühen scheute, um trotz dichten Schneefalls zum nächsten Zebrastreifen zu gelangen, anstatt die Straße einfach illegal zu überqueren. Der Beamte wollte etwas für den Mann tun, um seine Bemühungen zu belohnen. Diese Strategie der positiven Verstärkung führt nicht nur dazu, dass das Verhalten mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder auftreten wird, sondern sie stellt auch eine Verbindung her und stärkt die Beziehung zwischen der Polizei und den Bürgern. Wenn ein Polizeibeamter auf einen zukommt, denken die meisten Leute: „Oje, meint er, dass ich etwas falsch gemacht habe?“ Wahrscheinlich haben sie dabei auch Angst. Zu hören, dass man etwas richtig gemacht hat, würde die meisten Menschen überraschen, und zwar auf eine gute Art. Normalerweise haben Polizeibeamte mit dem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung zu tun, deren Verhalten nicht dem entspricht, was sie gerne sehen würden (oder mit Menschen, die zu Recht oder Unrecht unter dem Verdacht stehen, sich nicht richtig zu verhalten). Diese Strategie ist also hilfreich, um mit dem Rest der Bevölkerung in Kontakt zu treten. In dieser Branche bedeutet es eine echte Abkehr vom Standardprozedere, nach gutem anstatt nach falschem Verhalten zu suchen, um dieses zu verstärken. Im Rahmen der Polizeiarbeit stellt dies eine echte Revolution dar, obwohl es im Hundetraining Normalität ist.

Polizeibeamte sind nicht die einzigen, für die positive Verstärkung etwas Neues ist – in manchen Bereichen ist sie noch kaum in Erscheinung getreten. In unserer Gesellschaft ist es leider viel gängiger, zu kommentieren oder zu reagieren, wenn jemand etwas macht, was einem nicht gefällt oder was man ablehnt. Vom Standpunkt der Verhaltensbeeinflussung aus gesehen ist es allerdings nicht ideal, nur dann Rückmeldung zu geben, wenn etwas falsch läuft. Menschen neigen dazu, sich eher über Verkaufspersonal oder Flugbegleiter zu beschweren, wenn die Dienstleistung nicht so gut ist, wie erwartet – anstatt diesen Berufssparten ein Kompliment zu machen, wenn sie ihre Arbeit gut erledigen. Menschen neigen auch eher dazu, Dinge zu sagen wie: „Nein, nicht dahin.“, „Das war eine schlechte Idee.“, oder „Warum bist du so langsam?“, anstatt das entsprechende „Ich finde es gut, wo du das hingetan hast.“, „Tolle Idee!“, und „Danke, dass du das so schnell erledigt hast.“

Es ist, als ob die Leute annehmen würden, dass alle anderen das Gewünschte automatisch machen sollten und werden – und dass eine Unterweisung nur dann nötig ist, wenn sie vom offensichtlichen Weg abweichen. Dies hat zum Effekt, dass wir alle in ständiger Erwartung eines grässlichen Alarmtons leben, oder damit rechnen, dass jemand sagt: „Nein! Falsch!“ Es ist Standard, nicht auf die Dinge zu reagieren, die richtig gemacht werden, aber sehr wohl zu kritisieren, wenn etwas falsch gemacht wird.

Man rutscht sehr leicht in die Gewohnheit ab, nur die Fehler aufzuzeigen oder darüber zu reden, was falsch läuft. Es gibt genügend Menschen, die es anscheinend genießen, andere zu kritisieren und sogar nach Möglichkeiten suchen, dies zu tun. (Leider gibt es Leute, die Yelp! und andere öffentliche Feedback-Seiten als eine Chance betrachten, jede Person und jedes Unternehmen zu zerreißen, die oder das auch nur irgendwie von der absoluten Perfektion abweicht. Perfektion ist ein lächerlich hoher Standard.) Sowohl für Hunde als auch für Menschen kann es kränkend und frustrierend sein, wenn nur die Dinge Beachtung finden, die nicht gut sind.

Der Film Arthur Weihnachtsmann ist ein großartiges Beispiel für die Tendenz, nur aufzuzeigen, was schlecht ist. Als Steve, der älteste Sohn des Weihnachtsmannes, alle Weihnachtslieferungen übernimmt und dabei ein Geschenk für ein Kind vergisst, redet sein Vater zu seinem Ärger nur noch über dieses kleine Mädchen und „nicht über die zwei Milliarden Dinge, die ich heute Nacht richtig gemacht habe!“ Steve hat recht – das ist keine Art, jemanden zu behandeln. Ein kleiner Perfektionsfehler heißt noch lange nicht, dass jemand keinen guten Job gemacht hat. Wenn der Fokus auf jedem nur möglichen Fehler liegt, dann leiden alle ständig unter dem drückenden Gefühl, niemals genügen zu können. Es ist sehr viel wirksamer (und sehr viel netter), auf die Dinge zu reagieren, die richtig gemacht wurden. Wenn wir uns auf dieses Verhalten konzentrieren, dann weiß der Akteur auch, dass er das Richtige getan hat. Eine Verbesserung ist so gut wie immer möglich, Perfektion ist nur sehr selten möglich. Und das ist auch in Ordnung so.

Ich habe selbst schon den Fehler gemacht, zu ignorieren, was gut gemacht wurde und nur darüber zu sprechen, was nicht richtig gemacht wurde. In einem Fall fühlte ich mich deshalb schrecklich und schuldig, weil ich es eigentlich besser weiß. Es gibt keine Entschuldigung für mein Verhalten, weil es für Hundetrainer zum Alltagsgeschäft gehört, dass wir bemerken und bestärken, was gut gemacht wurde. Im Jahr 2008 begann ich, eine wöchentliche Tierkolumne (The London Zoo) für meine Lokalzeitung zu schreiben und im Jahr 2009 kam eine zweite wöchentliche Kolumne zum Thema Laufen dazu (High Country Running). Jahrelang hatten die Redakteure der Lokalzeitung gute Arbeit geleistet, aber ich fand das nicht der Rede wert. Nach Hunderten von Kolumnen schrieb ich im Jahr 2012 dann eine Lauf-Kolumne über die vielen Variationen, in denen das Wort „laufen“ in unserer Sprache vorkommt. Ich zählte so unterschiedliche Ausdrücke auf wie: Amok laufen, aus dem Ruder laufen, heiß laufen, Sturm laufen, die Dinge laufen lassen, Gefahr laufen, glatt laufen und jemanden laufen lassen. Ich beendete den Artikel mit dem folgenden Satz, der ein Zitat aus Shakespeares Theaterstück Ein Sommernachtstraum ist: „Der Kurs der wahren Liebe verlief nie reibungslos.“ (im englischen Original lautet der Satz: “The course of true love never did run smooth.”). Als ich die Zeitung las und sah, dass dieses Zitat zu „The course of true love never did run smoothly“ geändert worden war, war ich entsetzt. Das Zitat war nun zwar grammatisch korrekt, aber auch ein Fehlzitat des Originals. Ich kontaktierte den zuständigen Redakteur, erklärte das Problem und warum es mir peinlich war, und bat ihn, das Zitat in der Online-Ausgabe zu ändern. Er war extrem nett und entschuldigte sich, aber später fiel mir ein, dass ich kein einziges Mal Bestätigung oder Wertschätzung ausgedrückt hatte – ich hätte den Redakteuren zum Beispiel für ihre ausgezeichnete Arbeit danken können oder dafür, dass sie mich in den vorhergehenden Jahren unzählige Male gerettet hatten, weil sie den gelegentlichen Grammatikoder Rechtschreibfehler korrigiert hatten. Nein, ich hatte alles ignoriert, was sie richtig gemacht hatten und sie stattdessen für eine einzige, komplett verständliche redaktionelle Änderung kritisiert, die einfach daher rührte, dass sie das Shakespeare-Zitat nicht erkannt hatten. Mein Fehler, umso mehr so, als mir bewusst ist, dass ich darauf achten sollte, was richtig läuft. Ich verschickte später aber eine E-Mail, in der ich mich für meine Beschwerde entschuldigte und meine Dankbarkeit für die vielen Male zum Ausdruck brachte, bei denen ihre Korrektur mich davor bewahrt hatte, Fehler in den Druck zu bringen. Ich merkte außerdem an, dass ich ihre ausgezeichnete Arbeit schon vor langer Zeit hätte anerkennen müssen, anstatt auf das eine Mal zu warten, an dem ich mit der redaktionellen Arbeit nicht einverstanden war, um dann darauf zu reagieren.

Die generelle Vorgehensweise im Hundetraining (die auch anderweitig angewandt werden kann) ist, ständig nach Verhaltensweisen Ausschau zu halten, die einem gefallen, damit man diese verstärken kann. Man nimmt nicht von vornherein an, dass irgendjemand weiß, was man erreichen möchte, was man mag oder was man wertschätzt. Es ist mein Job als Trainerin, den Hund dabei zu erwischen, wie er etwas richtig macht. Wenn ich das Verhalten positiv bestärke, wird es mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder auftreten. Was bedeutet, dass die eigene Reaktion auf gutes Verhalten dieses stärkt. Ich bin immer auf der Suche nach Dingen, die mir gefallen und die ich verstärken könnte. Bei Hunden kann das etwas so Einfaches sein, wie ihnen einen Kauknochen zu geben, wenn sie auf ihr Hundebett gehen – damit bestärke ich dieses Verhalten. Oder ich könnte einem Hund ein Leckerchen geben, wenn er sich hinsetzt, während das Baby an ihm vorbeikrabbelt. Beides sind Beispiele für vorbildhaftes Hundeverhalten, das zur Gewohnheit werden soll – und ich habe beide Hunde dabei “erwischt“, wie sie es machen.

Bei Menschen ist es mindestens genauso wichtig, gutes Verhalten zu bemerken und darauf zu reagieren. Ich habe einmal eine Auszeichnungsfeier für die Fünftklässler an der Schule meines Sohnes besucht. Es wurden Auszeichnungen für gute Noten in verschiedenen Leistungsklassen verliehen sowie für Leistungsverbesserungen, Zivilcourage und Ehrenamtliches. Für den Direktor war es eine schwierige Aufgabe, weil er sowohl die Fünftklässler als auch deren Eltern ansprechen musste. Falls Sie kein 10oder 11-jähriges Kind zuhause haben: Ich kann Ihnen versichern, dass Kinder nicht unbedingt dasselbe unterhaltsam oder witzig finden wie Erwachsene. Es kommt zwar manchmal vor, aber im Großen und Ganzen sind Fünftklässler und deren Eltern zwei verschiedene Zielgruppen. Der Direktor schaffte es ganz wunderbar, seine Kommentare und Witze so auszutarieren, dass beide Gruppen im Publikum auf ihre Kosten kamen – und mir war es ein Bedürfnis, ihn wissen zu lassen, dass ich das bemerkt hatte, indem ich ihm ein kleines Dankesschreiben schickte.

Die Philosophie, darauf zu achten, was richtig gemacht wurde, wirkt sich auch darauf aus, wie ich die Arbeiten und Prüfungen meiner Universitätsstudenten beurteile. Die Vorgehensweise, bei der man anspricht, was falsch ist, während man davon ausgeht, dass alles richtig sein sollte, entspricht einer Benotungstechnik, die annimmt, dass ein Student hundert Prozent bei einer Prüfung erzielt – bis der Professor mit der Bewertung beginnt und Fehler findet. Bei dieser Vorgehensweise werden Prüfungsfragen mit -1 bis -8 bewertet und es gibt eine Gesamtsumme an verlorenen Punkten. Dem liegt eine Negativität zugrunde, die den Studenten meiner Meinung nach nicht beim Lernen hilft – und ich bin mir ganz sicher, dass die meisten sich nicht sehr gut dabei fühlen.

Ich bevorzuge es, bei der Benotung von Prüfungen so vorzugehen, dass ich versuche, Punkte für gut gemachte Arbeit zu vergeben. Jeder Prüfungsbogen ist erst einmal leer und deshalb eine Null, bis der Student ihn durch die Beantwortung von Fragen aufwertet. Es ist meine Aufgabe, nach den Dingen zu suchen, die richtig sind, und die Punkte zu vergeben, die die Studenten für richtige Antworten verdienen. Ich versuche aktiv, den Studenten so viele Punkte wie möglich zu geben, indem ich herausfinde, was sie richtig gemacht haben. Ich vergebe auch immer Teilpunkte für relevante Ideen oder Antworten, die etwas wert sind – selbst, wenn sie unvollständig oder nicht völlig richtig sind. Auf diese Weise kann ich zu jeder Frage, die ein Student irgendwie sinnvoll beantwortet hat, +3 oder +6 oder etwas Ähnliches schreiben. Das scheint vielleicht nur ein kleines Detail zu sein, aber es ist mir wichtig, meinen Studenten mitzuteilen, dass ihre harte Arbeit, ihr Pauken und ihr Mitdenken ihnen bei der Prüfung zum Beispiel 87 Punkte verdient haben, anstatt sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie auf unterschiedlichste Weise versagt und deshalb 13 Punkte verloren haben. Ich möchte sie dabei erwischen, wie sie etwas richtig machen und es interessiert mich nicht, im Grunde zu sagen: „Ha! Da hast du etwas vergessen!“ oder „Oje, das hast du falsch gemacht.“ Es fühlt sich für mich so viel besser an, wenn ich das Äquivalent von „Ja, absolut!“ oder „Gut gemacht!“ sagen kann.

Ich bin Mitglied einer Laufgruppe mit dem Namen „Team Run Flagstaff“. Es handelt sich dabei um eine örtliche Laufgruppe für alle Könnensstufen, und damit meine ich wirklich alle. Es gibt Anfänger-Programme für Leute, die noch nie gelaufen sind, eine Spitzensportlergruppe, zu der sogar Olympiateilnehmer zählen, und sehr viel dazwischen. Vor Jahren begann die gesamte Profi-Truppe dem Chefcoach beim wöchentlichen Laufbahn-Training unter die Arme zu greifen, an dem die meisten unserer Mitglieder teilnehmen. Für viele dieser Profiläufer war es nicht leicht, die normalen, durchschnittlichen Amateur-Läufer zu unterstützen, die das Gros der Clubmitglieder ausmachen. Es war nicht so, dass sie nicht helfen wollten. Aber für die meisten von ihnen fühlte es sich wahrscheinlich komisch an, Läufer anzuspornen, die im Vergleich zu ihnen ziemlich langsam waren – da sie selbst es ja gewöhnt waren, von anderen Blitzläufern umgeben zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie ihren Laufkollegen während eines harten Trainings kein unaufrichtiges Feedback zumuten wollten – schon gar nicht, da wir so weit unter ihrem Niveau waren. Sie waren wahrscheinlich nicht einmal immer imstande, zu sagen, wer sich wirklich sehr anstrengte, wer sich nur ein bisschen bemühte und wer das Training auf die leichte Schulter nahm. Die meisten Profi-Läufer hatten erst kürzlich das College abgeschlossen und ihre Erfahrung mit Amateuren, deren Begeisterung für den Sport weit größer ist als ihr Talent, hielt sich in Grenzen. Die Profis brauchten eine Weile, bis sie uns entspannt unterstützen konnten und auch in der Lage waren, uns beim Laufen anzufeuern und zu loben. In einer frühen Trainingseinheit standen sie hauptsächlich verlegen herum und redeten miteinander, anstatt sich übermäßig ins Training einzubringen. Eine derartige Verlegenheit sieht schnell wie Desinteresse aus, selbst wenn sie gar nicht so gemeint ist – einfach, weil diese Profiläufer die Stars unseres Sports waren und in unseren Augen Superhelden ähnelten, während wir selbst auf weit niedrigerer Ebene herumdümpelten. Amateurläufer wie ich bekommen schnell das Gefühl, Verurteilung anstatt Unterstützung zu erfahren, wenn wir Spitzenläufer sehen, die in Grüppchen zusammenstehen. Dabei war es egal, dass die Profis nur deshalb Grüppchen bildeten und sich unterhielten, weil sie sich unwohl fühlten und nicht, weil sie auf uns herabsahen. Ich wollte gerne zur Lösung dieses Problems beitragen, anstatt mich einfach nur zu beschweren, wie es einige unserer Clubmitglieder verständlicherweise getan hatten.

Eines Tages hatten einige der Profiläufer während des Lauftrainings Zuspruch für uns parat, den sie in der Form von leisen Bemerkungen wie „Gut gemacht, weiter so“, „Das sieht gut aus, Tempo halten“, oder „Genau so, stark bleiben“ ausdrückten. Ich wollte dieses Verhalten gerne bestärken, da es gegenüber den früheren Trainingseinheiten ein echter Fortschritt war. Also lobte ich ein paar der neuen Hilfstrainer, die an der hinteren Seite der Laufbahn standen und sich wirklich sehr bemühten, indem sie einen steten Fluss an optimistischen Kommentaren abgaben. Ich sagte einfach im Vorbeilaufen: „Wie schön, in diesem Abschnitt hier werden wir unterstützt.“ Das klingt jetzt vielleicht weniger bestärkend als Leckerchen oder schnödes Bargeld wären, aber Bestätigung kann sehr verstärkend wirken – besonders, wenn etwas neu ist oder wenn die Menschen sich ihrer Leistung noch unsicher sind. In den folgenden Runden feuerten die Spitzensportler uns noch begeisterter an und ermutigten mich dabei ganz konkret, indem sie meinen Namen und die Namen anderer Leute verwendeten. Beim Training in der nächsten Woche lief ich an einem neuen Coach vorbei, der die Läufer bei jeder absolvierten Runde einer harten Trainingseinheit anfeuerte. Ich sagte zu ihm: „Du bist immer so motivierend, das finde ich gut.“ Auch er steigerte seinen Zuspruch daraufhin noch mehr. Die meisten Profiläufer, die sich als Trainer versuchen, bekommen den Dreh am Ende heraus. Wir wissen ihre zusätzliche Energie wirklich sehr zu schätzen, aber mit ein wenig positiver Verstärkung machen sie noch viel schneller Fortschritte.

Ich wandte einfach das Grundprinzip der positiven Verstärkung an – man erhält immer das Verhalten, welches man verstärkt –, um die Häufigkeit des “guten“ Verhaltens im Falle unserer neuen Hilfscoaches zu steigern.

Verstärkung ist nicht jedes Mal notwendig!

Wenn man einem Hund (oder irgendjemand anderem) etwas Neues beibringt, ist es wichtig, das korrekte Verhalten jedes Mal zu verstärken, damit es erlernt werden kann. Wenn jemand für ein Verhalten regelmäßig bestärkt wird, fällt es demjenigen leichter, die Verbindung herzustellen. Es gibt jedoch keinen Grund, mit dieser Verstärkungsfrequenz bis in alle Ewigkeit weiterzumachen. Viele Menschen, die den Einsatz von Futter im Hundetraining ablehnen, geben als Hauptgrund dafür an, dass sie nicht ständig Leckerchen geben wollen. Bei einem guten Hundetraining ist das auch nicht nötig. Profis wissen, wie sie die Futterbelohnung, die in der frühen Trainingsphase für ein neues Verhalten jedes Mal verwendet wurde, langsam ausschleichen können. Zum einen ist es praktisch, wenn man die Belohnungsfrequenz für ein Verhalten verringern kann. Unsere Hunde sollten nicht nur dann reagieren, wenn es Leckerchen gibt. Und wenn ein Hund ein Verhalten sehr gut verinnerlicht hat, muss auch nicht mehr jede Reaktion verstärkt werden. Dasselbe gilt für Menschen. Als meine Kinder klein waren, bestärkte ich sie regelmäßig dafür, dass sie sich selbst anzogen, ihren Teller aufaßen oder sich die Zähne putzten. Jetzt, da diese Verhaltensweisen gut etabliert sind, muss ich sie nicht mehr dafür bestärken. (Diese Verhaltensweisen werden auf andere Weise verstärkt, wenn die Kinder älter werden. Das schlechte Gefühl von ungeputzten Zähnen fungiert als negativer Verstärker beim Zähneputzen. Verhaltensweisen wie Aufessen und Sich-vor demVerlassen-des Hauses-angemessen-Kleiden werden durch eine soziale Anerkennung bestärkt, die nicht unbedingt von mir kommen muss.) Das Tatsache, dass wir im Training dadurch eine verlässlichere Reaktion erhalten, ist ein zweiter Grund, warum wir weg von andauerndem Verstärken und hin zu gelegentlichem Verstärken wollen. Es gibt nämlich einige Hinweise darauf, dass sporadisches Verstärken im Vergleich zu konstantem Verstärken eine stärkere Wirkung bei Tieren erzielt.

Wissenschaftler haben die biochemischen Vorgänge im Gehirn während eines Signal-Verhaltens-Zyklus untersucht. Sie haben den freigesetzten Dopaminspiegel gemessen und sich dann angesehen, welches Aktivitätsniveau die Dopamin-Signalwege zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufwiesen. Das Ziel dabei war, herauszufinden, wann die Lustzentren des Tieres am stärksten aktiviert wurden. (Dopamin ist ein Neurotransmitter, der vermehrt ausgeschüttet wird, wenn man etwas als lohnend empfindet. Einer der DopaminHauptsignalwege spielt eine wichtige Rolle für die Verhaltensverstärkung.) Sobald ein Tier lernt, dass ein Signal ihm die Gelegenheit bietet, ein Verhalten zu zeigen und dafür etwas von Wert zu erhalten, bereitet ihm nicht nur der Verstärker Freude. In einer eleganten Studie hörten die Tiere ein Signal (eine Glocke) und erhielten daraufhin die Gelegenheit, einen Schalter mehrmals umzulegen. Nach einer Zeitverzögerung von wenigen Sekunden erhielten sie dann eine Futterbelohnung. Man würde denken, dass bei Erhalt der Belohnung am meisten Dopamin ausgeschüttet wurde und dass auch die Signalwege in diesem Moment am aktivsten waren, aber das war nicht der Fall.

Die stärkste Reaktion trat nicht auf, als das Tier den Verstärker erhielt, sondern in dem Augenblick, in dem die Glocke läutete und das Tier begann, den Schalter zu betätigen. Das Wissen um die Bedeutung des Signals und die richtige Reaktion darauf sowie die Vorfreude auf den Erhalt des Verstärkers erzeugten ein stärkeres Glücksgefühl als der Verstärker selbst. Noch faszinierender ist, dass der Dopaminspiegel und die Aktivität in den Dopamin-Signalwegen noch höher sind, wenn das Tier weiß, dass es wahrscheinlich einen Verstärker erhalten wird, aber sich nicht ganz sicher ist. Anders ausgedrückt, wenn ein Tier gespannt wartet und gleichzeitig auf eine Verstärkung hofft, zeigt das Gehirn Anzeichen größerer Glücksgefühle, als wenn sich das Tier der Verstärkung komplett sicher ist. (Was in einem Labor passiert, lässt sich nicht direkt auf das echte Leben übertragen, weil in einem Umfeld, das der Trainer nicht kontrolliert, immer die Möglichkeit miteinander konkurrierender Verstärker besteht. Leider kenne ich keine Studien, die diese Möglichkeit untersucht haben.) Für Hundetrainer und alle anderen, die positive Verstärkung zur Beeinflussung von Verhalten anwenden, bedeutet dies, dass gelegentliches Verstärken mehr als ein langsames Leckerchen-Entwöhnen der Hunde (oder anderweitiger Schüler) ist. Es ist ein potenzieller Weg, um die innere Reaktion ihres Lernobjekts noch stärker und wirkungsvoller auszulösen. Allerdings bestärke ich Hunde (und Menschen) trotzdem sehr viel und lehne es ab, mit Belohnungen zu geizen, nur weil es möglich ist. Eine hohe Verstärkungsfrequenz ist wichtig, wenn jemand etwas Neues lernt, aber nicht nur dann ist es klug, großzügig mit den Belohnungen umzugehen. Zahlreiche Verstärker sind angesichts von Herausforderungen jeglicher Art (Ablenkungen, eine neue Umgebung, unheimliches Wetter, das Tier ist aus irgendeinem Grund zögerlich oder fühlt sich unwohl) hilfreich, um eine lustige und positive Erfahrung zu schaffen. Wenn Sie mit Ihren Verstärkern großzügig umgehen, stellen Sie sicher, dass Sie das gewünschte Verhalten oft sehen werden – und dass es eifrig gezeigt werden wird. Und ist das nicht eigentlich das Ziel? Ich bin gerne die Quelle guter und lustiger Sachen für meine Hunde und alle anderen in meinem Leben.

Der Schüler bestimmt, was verstärkend wirkt

Die richtige Auswahl der „Belohnung“ ist wichtig. Wenn ich einen Hund trainiere, dann entscheidet der Hund, was für ihn verstärkend wirkt. Wenn ein Hund lieber Zerrspiele spielt anstatt Hähnchen zu fressen, dann setze ich Spiel als meine Reaktion auf einen guten Abruf (das heißt, der Hund kommt, wenn er gerufen wird) ein. Ein anderer Hund straft ein Spielzeug vielleicht mit Nichtachtung, wenn echtes Fleisch eine Option ist, und ich respektiere dessen Meinung genauso.

Alles, was Freude macht, kann ein Verstärker sein – aber die besten Dinge wirken immer am stärksten. Für die meisten Hunde gibt es eine Abstufung der Belohnungsqualität: Echtes Fleisch ist besser als ein trockener Hundekeks, aber der ist besser als Trockenfutter. Um das auf Menschen umzulegen – es gilt zumindest für die meisten Menschen: Ein Keks ist besser als ein Cracker, und der ist besser als Salat. Wenn wir kreativ denken wollen, ist es wichtig, auch andere Verstärker außer Futter in Betracht zu ziehen. Was ein Hund in einem bestimmten Augenblick am meisten will, ist vielleicht eine Chance, rauszugehen, ein Apportierspiel zu spielen, den Bauch gekrault zu bekommen oder ein neues Spielzeug. Gleichermaßen wünscht sich ein Mensch vielleicht eine Rückenmassage, das Recht, den nächsten Film aussuchen zu dürfen oder das Angebot eines Familienmitglieds, das Geschirr abzuwaschen oder die Wäsche zu falten.

Auch Arbeitgeber täten gut daran, wenn sie ihre Angestellten mit den Dingen bestärken würden, die für diese auch am verstärkendsten wirken. Für manche Menschen ist das vielleicht mehr Geld, aber für andere wäre vielleicht mehr Freizeit besser und für wieder andere könnte der beste Verstärker zusätzlicher Büroraum für die Arbeit sein. Ebenso sollte ich das Lieblingsessen einer Person verwenden, wenn ich Essen als Verstärker einsetzen will. Für meinen Vater ist zum Beispiel zweifellos Vanilleeis der beste Verstärker, während es für meinen Mann und meinen jüngeren Sohn Karamellbonbons sind und für meinen älteren Sohn Kartoffelchips. Wenn Sie jemandem einen Verstärker anbieten, den diese Person oder dieses Tier gar nicht mag, dann kann sich der Verstärker sogar in eine Strafe verwandeln, die die Häufigkeit des Verhaltens verringert und nicht steigert. Im Hundetraining ist das bekannt. Das häufigste Beispiel ist, wenn Menschen ihre Hunde zu sich rufen und ihnen dann als Belohnung den Kopf tätscheln. Die meisten Hunde hassen das und viele Trainer setzen diese Aversion sogar ein, um aufdringliche Hunde davon abzuhalten, den Leuten in den Schoß zu springen. Für mich ist das Kopftätscheln bei Hunden in etwa so, als ob Großtanten und andere Verwandte einen in die Wange kneifen würden. Vielleicht bin ich in dieser Beziehung übersensibel, weil mir als Kind sehr viel in die Wange gekniffen wurde und einige meiner Verwandten wirklich grob dabei waren. Sie meinten es liebevoll und es bereitete ihnen anscheinend Freude, aber für mich war es abschreckend und unangenehm. Auch die meisten Hunde wollen nicht noch einmal kommen, wenn sie dafür ein Kopftätscheln ernten. Im Gegenteil, es bringt ihnen bei, dass etwas Abschreckendes passiert, wenn sie kommen und es verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sie dies in Zukunft wieder tun werden. Es ist auch insofern schade, als jeder gelungene Abruf eine Gelegenheit ist, dieses Verhalten in der Zukunft wahrscheinlicher zu machen, indem wir dem Hund für sein Kommen Freude bereiten – und nicht Ärger. Wenn ein Hund kommt und als Folge Hähnchen, einen Kauknochen oder ein neues Spielzeug erhält, wird dieser Hund sehr viel wahrscheinlicher auch in Zukunft kommen.

Wenn Sie einem Hund den Kopf tätscheln, der auf Ihr „Komm“ reagiert hat, ist das so, als ob Sie Ihr Kind am Spielplatz von der Schaukel wegrufen, um ihm dann – wenn es von der Schaukel springt und zu Ihnen kommt – in die Wange zu kneifen. Das wird die Bereitschaft des Kindes nicht erhöhen, auch in Zukunft von der Schaukel zu springen und zu kommen. Ganz im Gegensatz zu einer besonderen Süßigkeit oder der Chance, ins Kino zu gehen.

Wenn Sie Ihrem Hund eine Belohnung anbieten, die die meisten Hunde mögen, aber Ihr Hund nicht, wirkt dies ebenfalls nicht verstärkend. Wenn Sie also einen ungewöhnlichen Hund haben, der vielleicht gerne Steak frisst, aber keine Würstchen mag, dann werden bei diesem Hund Würstchen nicht als Verstärker funktionieren. Dasselbe gilt für Menschen. Ich zum Beispiel hasse alles, was nach Pfefferminz schmeckt. Ich ertrage den Geschmack in der Zahnpasta, um gesellschaftsfähig zu sein, aber ansonsten vermeide ich ihn. Minzbonbons oder Minzschokolade stellen für mich keine Belohnung dar und jeder Versuch, mich damit zu bestärken, wird großteils erfolglos sein. (Ich sage „großteils“, weil ich eine gedankenvolle Geste zu schätzen weiß, selbst wenn mir das Geschenk nicht gefällt.) Es ist dermaßen wichtig, Verhalten mit etwas zu bestärken, das auch wirklich verstärkend wirkt, dass ich noch mehr dazu sagen muss. (Ich rede sehr viel, wenn ich eine Leidenschaft für etwas habe und es sieht so aus, als ob das auch beim Schreiben zutrifft. Wer hätte das gedacht?) Wenn man Blumen für jemanden kauft, der stark allergisch auf Blumen reagiert oder einfach so praktisch veranlagt ist, dass er nicht einsieht, warum man Geld für Blumen ausgeben würde, wenn Bargeld doch viel willkommener wäre – dann gilt auch hier, dass die Blumen nicht sehr verstärkend wirken werden. Wenn Sie jemandem eine Reise schenken, der arbeitsbedingt so viel reisen muss, dass er sich über jede Chance freut, zuhause zu bleiben, dann könnte es gut sein, dass die Reise als Strafe angesehen wird und somit ganz sicher kein Verstärker ist.

Gleichermaßen gilt: Wenn Sie Ihren Hund im Park mit „Komm!“ rufen und ihn dann, nachdem er genau das gemacht hat, was Sie von ihm verlangt haben, anleinen und mit ihm nach Hause gehen, dann bestrafen Sie damit den Hund für einen wundervollen Abruf. Das ist unklug, obwohl es vielleicht keinen Schaden anrichtet, wenn der Abruf Ihres Hundes sehr gut verankert ist und es eine lange Geschichte positiver Verstärkung gibt. Rufen Sie Ihren Hund stattdessen zu sich und geben Sie ihm eine Futterbelohnung oder ein Spielzeug, wenn er kommt. Lassen Sie ihn danach noch ein bisschen spielen. Das ist eine Verstärkung! Die Situation ist identisch mit jener, die Eltern allzu gut kennen, wenn ihre Kinder am Spielplatz spielen. Kommen die Kinder bereitwillig auf Ihren Zuruf, dann können Sie dieses Verhalten verstärken, indem Sie sie noch länger spielen lassen. Sagen Sie Ihren Kindern, es sei Zeit zu gehen, und wenn diese sich kooperativ zeigen und abmarschbereit zu ihnen kommen, lassen Sie sie noch ein wenig bleiben. Ich erhielt immer sehr viele Komplimente (und auch den gelegentlichen schockierten Ausdruck) von Eltern, die von der Reaktion meiner Kinder und deren Bereitschaft, den Spielplatz mit mir zu verlassen, beeindruckt waren. Dieses Verhalten hatte ich zum Teil so etabliert.

Manchmal denken wir auch zu viel darüber nach, was der beste Verstärker wäre. Hin und wieder befinde ich mich in Frauengruppen, in denen das Gespräch sich darum dreht, was ihre Männer wollen. Die Frauen reden von mehr Romantik oder davon, mehr Zeit mit ihren Männern zu verbringen, oder dass sie ihnen ihr Lieblingsessen kochen wollen. Sie reden davon, Liebesbriefe schreiben zu wollen oder etwas anderes zu tun, um ihre Ehemänner glücklich zu machen. Ich muss dann immer dem Drang widerstehen, zu rufen, was eine meiner Freundinnen einmal zu dem Thema gesagt hat: „Es ist nicht so kompliziert! Ich glaube, die meisten von euch würden keinen Fehler machen, wenn ihr mehr Sex hättet!“

Vermasseln Sie nicht die Chance auf eine Verstärkung, indem Sie Strafe anwenden – nur weil Sie so lange auf das erwünschte Verhalten warten mussten

Wenn Ihr Mann Ihnen Blumen bringt und Sie sich daraufhin beschweren, dass er das nicht oft genug macht, was tun Sie dann? Sie bestrafen ihn. (Das ist eine häufige Klage, die fast schon aus einem Witz stammen könnte: „Meine Frau hat mich angeschrien, als ich ihr Blumen gebracht habe, weil ich es angeblich nicht oft genug mache. Ein tolles Dankeschön.“) Szenarien dieser Art finden wir in unserer Gesellschaft nur allzu häufig vor: Eltern, die sich während eines Besuchs ihrer Kinder darüber beschwerden, dass diese sie so lange nicht besucht hätten. Ein Freund, der sich bei seiner Freundin beklagt, dass sie schon ewig nicht mehr angerufen habe. Ein Geistlicher, der seiner Gemeinde (denen, die im Gottesdienst anwesend sind!) predigt, wie schlecht die Gottesdienste besucht seien und wie schlecht es sei, nicht regelmäßig in die Kirche zu gehen. Vom Standpunkt der Verstärkung aus ist das alles kontraproduktiv. Tatsächlich ist es so: Etwas passiert, was Ihnen gefällt, woraufhin Sie die Person bestrafen, die etwas Nettes gemacht hat, indem Sie nörgeln oder aggressiv sind. Dadurch machen Sie die wünschenswerten Handlungen in der Zukunft weniger wahrscheinlich. Zusätzlich ist es eine völlig verpasste Chance, weil Bestrafung in solchen Situationen immer auch eine verpasste Gelegenheit ist, das Verhalten zu bestärken, das man sehr wohl haben will.

Es ist wirklich wichtig, keine Chance auf positive Verstärkung zu vermasseln, nur weil etwas zu lange gedauert hat oder weil es zu selten vorkommt. Die Leute wollen häufig wissen, wie sie die Frequenz bestimmter, seltener Vorkommnisse erhöhen können: Wie kann ich meinen Partner dazu bringen, sich aus der Arbeit öfter zu melden? Wie kann ich meine Kinder dazu bringen, zu kommen, um mir bei der Hausarbeit zu helfen? Wenn Sie sich beschweren, wenn die Person Ihnen dann endlich schreibt oder vorbeikommt, um Feuerholz zu spalten und zu schlichten, dann verringert das die Wahrscheinlichkeit, dass sie so etwas Nettes noch einmal tun wird. Aber eigentlich möchten Sie ja genau das Gegenteil – Sie wollen die Wahrscheinlichkeit für die Zukunft erhöhen.

Hundetrainer predigen ihren Klienten immer, dass man einen Hund nie bestrafen darf, wenn er auf Abruf kommt – selbst wenn er dafür sehr viel länger gebraucht hat, als Sie das wollten, weil er noch ein totes Eichhörnchen beschnüffeln musste, bevor er sich zu Ihnen umgedreht hat. Das ist ein guter Ratschlag, weil Sie zwar versuchen, jemanden dafür zu bestrafen, dass er oder sie zu lange für etwas gebraucht hat – aber in Wirklichkeit bestrafen Sie das gewünschte Verhalten. Sie sollten das Verhalten im Gegenteil verstärken, damit es mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder auftritt. Betrachten Sie es einmal aus dem Blickwinkel Ihres Hundes. Sie hören das Signal „Komm!“, aber Sie reagieren nicht gleich, weil Sie so vom toten Eichhörnchen und diesen herrlichen Maden in seinem Inneren abgelenkt sind, dass das Signal nur in einer sehr entfernten Ecke Ihres Hirns ankommt. Ihre Sinne sind vollkommen mit diesem besonderen Schatz vor Ihnen beschäftigt. Aber dank des vielen tollen Trainings und der Übungseinheiten, die Sie erhalten haben, erkennt Ihr Hirn schließlich, dass Sie gerufen werden und obwohl Sie sich eigentlich nicht von Ihrer derzeitigen Beschäftigung losreißen möchten, drehen Sie sich um und laufen zu Ihrer Besitzerin. Sie machen das, weil Sie wissen, dass es erwartet wird und weil normalerweise etwas Gutes passiert, wenn Sie machen, was sie sagt. Sie sind nicht sofort gekommen, aber Sie haben das Eichhörnchen Eichhörnchen sein gelassen und sind zu Ihrer Besitzerin gerannt. Und was passiert? Nicht nur erhalten Sie nichts Gutes dafür, dass Sie gemacht haben, was von Ihnen erwartet wurde (nicht einmal eine fröhliche Begrüßung oder irgendein Zeichen der Anerkennung), nein, Sie werden angebrüllt. Mist, sich von diesem Eichhörnchen loszureißen war es absolut nicht wert! Da kommen Sie also zu ihr, obwohl Sie eigentlich Besseres zu tun gehabt hätten, und dann fühlen Sie sich schrecklich.

Dasselbe gilt, wenn Sie Ihren Freund dafür bestrafen, dass er Sie aus der Arbeit anruft (was Sie ja eigentlich wollen, oder?), indem Sie sich über seine zu seltenen Anrufe beschweren. Er wird nur bereuen, dass er sich das überhaupt angetan hat. Es ist so viel besser, wenn Sie glücklich, leichtherzig und fröhlich klingen – und voller Lob für ihn sind. Denn das wird er hoffentlich als bestärkend empfinden. Außerdem sollten Sie sich klarmachen, dass es auch eine Strafe für ihn sein kann, wenn Sie ihn zu lange an der Strippe halten, obwohl er sehr viel Druck in der Arbeit hat. In dem Fall wird es ihm leidtun, dass er jemals angerufen hat, weil er in seiner Arbeit zurückfällt beziehungsweise Schwierigkeiten am Arbeitsplatz bekommt. Halten Sie das Gespräch kurz, damit Sie ihn nicht bestrafen, indem Sie seine Arbeitszeit mehr beschneiden, als er es sich gewünscht hätte.

Noch besser wäre es, wenn Sie Ihren Freund für seinen Anruf bestärken würden, anstatt einfach davon abzusehen, ihn zu bestrafen. Sie können hier alles in Betracht ziehen, was ihn glücklich macht – das kann die Erwähnung sein, dass Sie unbedingt bald wieder Lasertag mit ihm spielen wollen oder dass Sie ihm heute Abend sein Lieblingsessen kochen wollen, oder es kann auch einfach eine flirtende Bemerkung sein, über die er sich freut. Was zählt, ist nur, dass er am Ende froh sein soll, angerufen zu haben – und nicht voller Reue. Denken Sie immer daran, dass Sie keine Chance auf eine Verstärkung vertun dürfen, nur weil Sie so lange auf das erwünschte Verhalten warten mussten – Sie wollen ja schließlich, dass er öfter anruft. Selbst wenn es für Ihren Geschmack nicht oft genug passiert, sollten Sie sich ins Gedächtnis rufen, dass positive Verstärkung die Frequenz des Verhaltens erhöhen kann. Im Gegensatz dazu bringt es gar nichts, sich in dem Moment über die Seltenheit des Verhaltens zu beschweren, in dem es auftritt. (Gott sei Dank gibt es heutzutage Textnachrichten – Streiterein über die Häufigkeit und Dauer von Anrufen sind dadurch fast ausgestorben!)

Eine gute Entscheidung immer markieren

Ein „Markersignal“ ist ein technischer Trainingsbegriff, der bedeutet, dem Individuum – in meiner Welt ist das oft ein Hund – eine Information in der Form einer Rückmeldung zukommen zu lassen, die so viel bedeutet, wie: „Ja! Das war richtig.“ Clicker gehören zu den häufigsten Markersignalen, aber sie sind nicht die einzige Möglichkeit. Die Trainer von Meeressäugetieren verwenden zum Beispiel Pfeifen, um Verhalten zu markieren.

Markersignale sind eine Möglichkeit, um das korrekte Verhalten anzuerkennen, aber man kann sie sich auch als einen Weg denken, um eine Entscheidung zu markieren. Es besteht so gut wie immer die Wahl, sich zwischen der Ausführung eines Verhaltens und dessen Nicht-Ausführung zu entscheiden. Weil es Wahlmöglichkeiten gibt, ist das Markersignal eine Art, zu sagen: „Ich weiß, dass du eine Wahl hattest und du hast eine gute Wahl getroffen.“ Das kann auch bedeuten, dass Sie manchmal die Entscheidung markieren, etwas nicht zu tun – zum Beispiel, nicht an Ihnen hochzuspringen oder nicht Autos zu jagen. Bei Menschen könnten Sie die Entscheidung markieren, nicht über jemanden zu klatschen oder etwas Bösartiges zu sagen oder sich nicht zu überessen. Uns gefällt Verhalten oft eher deshalb, weil es kein schlechtes Verhalten war, als deshalb, weil es ein gutes Verhalten war. Anders ausgedrückt, es gefällt uns oft, wenn jemand sich dazu entscheidet, etwas nicht zu tun. Und diese Entscheidung ist es wert, verstärkt zu werden, damit sie wieder getroffen wird. Zum Beispiel ist es großartig, wenn ein Hund sich entscheidet, einen Gast nicht anzuspringen – aber nicht so sehr aufgrund dessen, was der Hund tatsächlich macht (sitzen, ein Spielzeug bringen, sich im Kreis drehen, was auch immer), sondern aufgrund der Entscheidung, das schlechte Verhalten des Anspringens nicht auszuüben. Bei Hunden stellen wir sicher, dass wir diese Verhaltensweise des Nicht-Anspringens markieren und verstärken – egal, wie genau sie aussieht. Bei Menschen können wir die Entscheidung selbst sofort mit Lob markieren und verstärken. Es braucht ein bisschen Übung, um daran zu denken, dass die Entscheidung selbst ein Verhalten ist, das markiert und verstärkt werden kann.

Primäre vs. bedingte Verstärker

Ich habe erwähnt, dass Hundetrainer oft Clicker verwenden, um gutes Verhalten zu markieren und dass Delfintrainer oft Pfeifen für denselben Zweck verwenden. Viele Hunde und Delfine haben aus Erfahrung gelernt, Clicker und Pfeifen als Verstärker anzusehen. Clicker und Pfeifen sind Beispiele für bedingte Verstärker, was nur bedeutet, dass die Tiere gelernt haben (dazu konditioniert wurden), diese als Verstärker anzusehen. Um wirklich zu verstehen, was sie sind, müssen wir zuerst verstehen, was primäre Verstärker sind. Primäre Verstärker sind alles, was für ein Tier von Natur aus verstärkend wirkt. Beispiele für primäre Verstärker sind Futter, Spielzeug und Wasser. Hunde müssen nicht erst lernen, dass sich diese Dinge gut anfühlen. Sie tun es einfach von Natur aus. Bedingte Verstärker sind Dinge, die so dauerhaft mit einem primären Verstärker assoziert wurden, dass sie selbst verstärkend wirken. Wenn Hundetrainer einen Clicker einsetzen, dann bringen sie dem Hund als Erstes bei, den Clicker mit einer Belohnung zu verknüpfen. Durch die Kombination dieser zwei Dinge – zuerst kommt ein Click, woraufhin sofort eine Belohnung folgt – bringt der Hundetrainer dem Hund bei, sich genauso über den Clicker zu freuen wie über die Belohnung, die immer danach kommt. Sobald der Hund dieselbe emotionale Reaktion auf den Clicker wie auf die Belohnung zeigt, kann der Trainer den Clicker einsetzen, um das gewünschte Verhalten durch das Markersignal eines Clicks zu verstärken – und nach dem Click folgt eine Belohnung. (Genau derselbe Ablauf findet statt, wenn ich einem Delfin beibringen will, einen Pfeifton mit einem Fisch zu verknüpfen.) Es ist viel einfacher, ein Verhalten mit einem Clicker zu markieren, anstatt zu versuchen, dem Hund eine Belohnung in genau dem Augenblick zu verabreichen, in dem ich ihm sagen will: „Ja! Das wollte ich!“ Stellen Sie sich nur vor, Sie wollten einem Delfin beibringen, höher zu springen und müssten ihm dafür dann einen Fisch genau auf der Höhe des Sprungs zukommen lassen. Wieviel einfacher ist es, eine Pfeife zu verwenden!

Die Anwendung von bedingten Verstärkern kommt bei Menschen nicht allzu häufig zum Einsatz, weil wir uns in den meisten Umständen ziemlich akkurat darüber verständigen können, welches konkrete Verhalten nun das gewünschte war. Das trifft selbst dann zu, wenn wir das Verhalten ein bisschen später markieren, als wir das bei Hunden oder Delfinen tun können. Wenn es um unsere Mitmenschen geht, ist es zwar weniger schwierig, ein Verhalten klar zu markieren, aber das bedeutet nicht, dass bedingte Verstärker bei Menschen gar keine Rolle spielen. Sie haben auch im menschlichen Lernverhalten ihren Platz. Eltern verwenden manchmal Phrasen wie „Gut gemacht“ oder „Super, was du da gemacht hast“ als Markersignal. (Ich bin mir sicher, manche in der Lerntheorie sehr bewanderte Trainer haben beim letzten Satz Krampfzustände bekommen. Es stimmt natürlich, dass derartige Phrasen für Kinder auch eine Form der sozialen Bestätigung darstellen können, was sie eher zu primären als zu bedingten Verstärkern macht. Es ist richtig, dass primäre Verstärker normalerweise nicht Markersignale genannt werden und es ist sehr aufmerksam von Ihnen, zu bemerken, dass nicht jedes Beispiel perfekt in eine Kategorie passt!) In der menschlichen Gesellschaft ist Geld wahrscheinlich der häufigste bedingte Verstärker. Geld wirkt nicht von sich aus positiv oder verstärkend, aber Menschen lernen, dass es damit möglich ist, alle möglichen primären Verstärker zu erwerben. Tatsächlich ist die Assoziation zwischen Geld und dem Erwerb von begehrenswerten Dingen so stark, dass viele Leute überzeugt sind, es handle sich dabei um einen primären, und nicht um einen bedingten, Verstärker.

Vermeiden Sie es, Verhalten zu bestärken, das Ihnen nicht gefällt

Ich habe vor kurzem einen Verstärkungsfehler bei meiner Nachbarin begangen. Es handelt sich um eine ältere Witwe, die mir gegenüber wohnt. Sie befindet sich in einem Lebensabschnitt, in dem es gefährlich sein kann, alleine zu leben. Wir sorgen uns um sie und geben ganz besonders auf ihr Wohlergehen acht, da sie im Falle eines Sturzes nicht mehr in der Lage wäre, aufzustehen. Vor zirka einem Jahr gewöhnte ich mir an, bei ihr vorbeizuschauen und nach dem Rechten zu sehen, wenn sie ihre Zeitung am späten Vormittag noch nicht hereingeholt hatte. Ich brachte ihr dann die Zeitung und blieb eine Weile bei ihr. Sie genoss meine Besuche sehr und äußerte sich öfters dahingehend, dass ich doch öfter kommen solle. Deshalb hätte es keine Überraschung für mich sein sollen, dass sie begann, im Haus zu bleiben und darauf zu warten, dass ich ihr die Zeitung bringen würde, anstatt diese selbst zu holen. Ich hatte ihr das anhand positiver Verstärkung beigebracht, aber dennoch wurde ich davon überrumpelt – weil ich selbst meine Handlungen nicht als verstärkend angesehen hatte. Ich wollte einfach nachbarschaftlich sein und nach ihr sehen – für den Fall, dass sie gestürzt wäre oder es ihr anderweitig zu schlecht ginge, um die Zeitung in der Früh selbst zu holen. Aber völlig unabhängig von meinen Absichten wurde sie positiv dafür bestärkt, im Haus zu bleiben und die Zeitung draußen liegen zu lassen. Das mag wie ein trivialer Fehler klingen, da es wirklich angenehm ist, Zeit mit meiner Nachbarin zu verbringen. Das echte Problem lag eher darin, dass ich unabsichtlich das Warnsystem zerstört hatte, das uns auf ein echtes Problem hätte hinweisen können. (Wenn sie ihre Zeitung nicht bis zehn Uhr am Vormittag hereingeholt hat, könnte das bedeuten, dass sie gestürzt ist oder aus einem anderen Grund dringend Hilfe benötigt. Dumm nur, dass ich ihr beigebracht hatte, die Zeitung liegen zu lassen.)

Selbst wenn Ihnen ein Verhalten nicht gefällt, besteht die Gefahr, dass Ihre Reaktion darauf verstärkend wirkt – egal, ob Sie das beabsichtigen oder nicht. Manchmal verstärken wir Dinge zufällig oder unabsichtlich, und das kann zu Problemen führen. Deshalb ist es besonders wichtig, sorgfältig abzuwägen, was wir verstärken.

In der Hundewelt ist die Gefahr, unerwünschtes Verhalten unabsichtlich zu verstärken, nur allzu gut bekannt. Eines der besten Beispiele dafür ist das Anspringen. Viele Leute wollen ihren Hunden beibringen, nicht an ihnen oder an Gästen hochzuspringen, aber sie haben ihre Hunde im Welpenalter unabsichtlich dafür bestärkt. Wenn junge Hunde am Bein hochspringen, kann das extrem süß und liebenswert wirken. Und natürlich sind Welpen auch noch nicht groß genug, um uns umzuwerfen oder ernsthaft zu schubsen. Deshalb streicheln und loben viele Leute ihre Hunde, wenn sie das machen: „Oh, was bist du für ein süßes kleines Ding! Du bist so niedlich, du Süße!“ Sie sprechen die ganze Zeit in Babysprache mit dem Hund, streicheln ihn, kraulen seine Ohren und vermitteln ihm allgemein das Gefühl, dass es gut war, am Menschen hochzuspringen und dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder geschehen sollte, da es doch so gut funktioniert hat. Selbst bei älteren Hunden wird das Anspringen oft durch eine für sie positive Reaktion bestärkt, was die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung erhöht. Dadurch wird die Reaktion auf das Anspringen quasi zur Definition einer positiven Verstärkung. Es ist besonders schwierig, eine positive Verstärkung für das Anspringen zu vermeiden, weil viele Hunde es machen, um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten und in Kontakt mit uns zu treten. Und selbst die Aufmerksamkeit, die wir schenken, weil wir verärgert sind (wenn wir den Hund von uns loslösen und mit ihm schimpfen), ist Aufmerksamkeit und deshalb ein potenziell positiver Verstärker für den Hund – auch wenn sie nie als positive Reaktion gedacht war. Oder, einfacher ausgedrückt, in der Sprache vieler Eltern: „Negative Aufmerksamkeit ist auch Aufmerksamkeit!“

Ebenso müssen wir bei unseren Interaktionen mit Menschen aufpassen, was wir verstärken, da wir hier genauso oft unbewusst Fehler machen. In einem Fall brach sich der Bruder einer Freundin den Arm, weil er von der Veranda gestürzt war. Er bekam eine Eistüte, die wahrscheinlich als Trost und Belohnung für seine „Tapferkeit“ gedacht war. Leider sah er die Dinge etwas anders – für ihn stellte der Sturz von der Veranda und die sich daraus ergebende Verletzung eine Gelegenheit dar, Eis zu essen. Oje, Sie ahnen schon, wo das hinführt? Richtig, er stürzte sich kurz danach ein zweites Mal von der Veranda, mit der Absicht, sich auch noch den zweiten Arm zu brechen und wieder Eis zu bekommen. Er wurde unabsichtlich für seinen Sprung von der Veranda bestärkt, was das Verhalten wahrscheinlicher machte – in dem Fall sogar so wahrscheinlich, dass er die Aktion tatsächlich wiederholte und sich auch noch den anderen Arm brach.

Falls Sie nun denken, dass dies einfach ein Beispiel aus dem Leben eines ungewöhnlichen Kindes war, kann ich Ihnen versichern, dass dies nicht die einzige Person in meinem sozialen Umfeld ist, die eine Geschichte von einem Kind hat, das absichtlich eine schwere Verletzung riskierte, weil danach gute Dinge passierten. Eine andere Freundin erzählte mir, dass ihre Zwillingsschwester sich als Kind ihre Schneidezähne ausgeschlagen hatte, als sie auf dem Kaminsims balanciert war. Als meine Freundin sah, wieviel Aufmerksamkeit und Süßigkeiten ihre Schwester daraufhin bekam, versuchte sie absichtlich, dasselbe zu tun, indem sie auf leichtsinnige und riskante Weise auf den Kaminsteinen balancierte – dort, wo der Unfall ihrer Schwester passiert war. Glücklicherweise tat sie sich dabei nicht weh, aber man kann nicht behaupten, dass sie es nicht versucht hätte.

Unabsichtliche Verstärkung kann auch zu viel geringeren Problemen führen, wobei manche davon offensichtliche Fallstricke sind, während uns andere überraschen. Zum Beispiel ist den meisten Leuten klar, dass es keine Dauerlösung ist, den Kindern zur Ruhigstellung Süßigkeiten zu geben, wenn sie während eines Telefonats im Hintergrund Lärm machen. Und es ist wirklich keine gute Idee. Warum? Es ist deshalb unklug, weil Sie die Kinder auf die Weise dafür bestärken, Lärm zu machen, während Sie telefonieren. Wenn Sie aber das Gegenteil erreichen wollen – also, dass die Kinder in dieser Situation still sind – dann ist es kontraproduktiv, ihnen Süßigkeiten zu geben, wenn sie laut sind. Es ist sehr viel wirksamer, sie dabei zu erwischen, wie sie das machen, was Sie wollen und sie erst dann zu bestärken – also, wenn sie während eines Telefonats still sind. Der Unterschied für ihr zukünftiges Verhalten ist in dem Fall das genaue Gegenteil: Im ersten Szenario wurden die Kinder dafür bestärkt, laut zu sein (ob nun mit Absicht oder nicht), während sie im zweiten Szenario dafür bestärkt wurden, leise zu sein.

Ich bin froh, berichten zu können, dass mir bewusst war, was ich mache. Ich habe Verstärker passend eingesetzt, um meinen Kindern während meinen Telefonaten das gewünschte Verhalten beizubringen – anstatt wie im Falle meiner Nachbarin das falsche Verhalten unabsichtlich zu bestärken.

Unabsichtliche Verstärkung kann aber auch ein ernsthaftes Problem darstellen, wie das Beispiel von Stalking-Fällen zeigt. Wenn Stalker ihre Opfer verfolgen, rufen sie manchmal an und bitten beispielsweise ihre Ex-Freundin oder ihren Ex-Freund, sich mit ihnen zu treffen oder sie anzurufen. Wenn das Opfer dann zurückruft, wirkt das auf den Stalker verstärkend. Deshalb wäre die richtige Reaktion, nicht zu reagieren. Trotzdem haben viele Leute irgendwann genug und rufen zurück, nachdem der Stalker zwanzig-, dreißig- oder fünfzigmal angerufen hat. Das einzige, was Stalker dadurch lernen, ist dass sie erst bestärkt werden, wenn sie zwanzig-, dreißig- oder fünfzigmal – oder manchmal noch häufiger – angerufen haben. Sie werden für ihre Hartnäckigkeit bestärkt, was nicht gut ist, wenn das Verhalten eigentlich in die entgegengesetzte Richtung verstärkt werden soll – sie sollen aufgeben und ihr Opfer in Ruhe lassen. Wenn Hartnäckigkeit bereits verstärkt wurde, ist es sehr schwierig, dies zu ändern und den Stalkern beizubringen, dass sie keine Reaktion mehr erhalten werden. Sie glauben einfach, sie müssten nur unzählige Male anrufen – vielleicht sogar öfter als das letzte Mal! – um zu bekommen, was sie wollen, nämlich einen Rückruf. Es ist viel besser, niemals zurückzurufen, damit ein Stalker nicht unbeabsichtigt lernt, dass sich Hartnäckigkeit auszahlt.

Löschung und spontane Erholung

Manchmal können wir ein unerwünschtes Verhalten zum Erliegen bringen, indem wir sicherstellen, dass wir es nicht verstärken – beziehungsweise indem wir aufhören, es zu verstärken, falls wir das bislang taten. Wenn wir uns entscheiden, ein Verhalten nicht mehr zu verstärken (das wir bis dahin verstärkt haben), damit es aufhört, sprechen wir von einer Löschung (oder Extinktion) des Verhaltens. Das Schwierige daran ist, dass ein Individuum, welches für ein Verhalten bestärkt wurde, eine Zeit lang braucht, um zu merken, dass es nun nicht mehr bestärkt wird – und damit aufhört. Dies gilt besonders, wenn das Verhalten nur manchmal verstärkt wurde. In anderen Worten, periodisch verstärktes Verhalten kann sich als besonders löschungsresistent erweisen, weil das Individuum an verstärkungsfreie Zeiträume gewöhnt ist und deshalb sehr lange braucht, um zu merken, dass es niemals mehr eine Verstärkung geben wird. Wenn jemand daran gewöhnt ist, dass ein Verhalten jedes Mal verstärkt wird, dann fallen ihm wahrscheinlich schon ein paar Wiederholungen ohne den Erhalt eines Verstärkers auf. Eine bekannte Analogie wäre, dass Menschen einen Spielautomaten sehr lange weiter mit Münzen füttern, selbst wenn sie keinen Gewinn (Verstärker) erzielen, während sie bei einem Getränkeautomaten schon nach ein oder zwei erfolglosen Versuchen aufgeben und kein Geld mehr einwerfen.

Es gibt zwei besonders häufige Verhaltensweisen bei Hunden, die Menschen oft löschen wollen: bei Tisch um Futter betteln und bellen, um aus der Hundebox gelassen zu werden. In beiden Situationen ist das größte Hindernis der konsequente Verzicht auf jegliche Verstärkung. Wenn der Hund sehr lange bellt und schlussendlich herausgelassen wird, dann wurde das Bellen verstärkt – ebenso wie die Hartnäckigkeit des Hundes. Die periodische (gelegentliche) Verstärkung bedeutet, dass der Hund beim nächsten langen Aufenthalt in seiner Hundebox erwarten wird, dass ausdauerndes Bellen zu seiner schlussendlichen Befreiung führen wird. Ebenso wird das Betteln eines Hundes periodisch verstärkt, wenn dieser viele Mahlzeiten hindurch unter dem Tisch warten muss, ohne dass irgendwelche Essensstücke herunterfallen, aber für den hin und wieder dann doch ein Stückchen Steak abfällt. Dies verstärkt das Verhalten eher, als dass es dieses verringern oder gar zum Erliegen bringen würde.

Gleichermaßen schafft es Probleme, wenn Kinder darum betteln, aufbleiben zu dürfen und sie dies manchmal dürfen, während ihnen das Privileg meistens verwehrt bleibt. Das erwünschte Verhalten aus der Sicht der Eltern (ins Bett gehen, ohne um mehr Zeit zu betteln) wird weniger wahrscheinlich, während das Bettelverhalten wahrscheinlicher wird. Deshalb machen Eltern es ihren Kindern besonders schwer, wenn sie zwar wollen, dass diese ohne Murren ins Bett gehen, aber dabei selbst inkonsequent sind. Nicht nur verstärken sie das Verhalten, das sie nicht wollen (betteln, noch länger aufbleiben zu dürfen), sie verstärken es auf eine unvorhersehbare Art, was dieses Verhalten potenziell weiter festigt. Der Grund ist, dass periodische Verstärkung ein Verhalten löschungsresistenter werden lassen kann, was bedeutet, dass es schwieriger ist, dieses Verhalten zum Erliegen zu bringen.

Es gibt einen praktischen Hinweis darauf, dass der Prozess der Löschung fast abgeschlossen ist. Ganz kurz, bevor ein Verhalten zum Erliegen kommt, gibt es ein Phänomen, das spontane Erholung oder Löschungstrotz genannt wird. Dies bedeutet, dass sich die Frequenz eines Verhaltens zeitweilig wieder erhöht, obwohl die Verstärkung dafür aufgehört hat. Wenn man aufhört, ein Verhalten zu verstärken, kann der Hund sich frustriert fühlen. („Warum funktioniert das nicht mehr?!“) Das Ergebnis ist ein Versuch, sich noch mehr anzustrengen, was übersetzt bedeutet, dass ein Verhalten noch öfter oder noch stärker gezeigt wird. Stellen Sie sich ein Kind mit einem Tobsuchtsanfall vor, dessen Eltern früher darauf reagiert hatten, indem sie dem Kind Aufmerksamkeit schenkten, aber die den Tobsuchtsanfall nun bewusst ignorieren. Bei solch einem Kind würde die Häufigkeit oder Intensität der Tobsuchtsanfälle nicht gleichmäßig abnehmen, um dann aufzuhören. Stattdessen sollte man sich auf eine Häufung von Tobsuchtsanfällen kurz vor deren Ende einstellen – und manche davon hätten es wahrscheinlich in sich. Die hohe Intensität und Frequenz der Tobsuchtsanfälle sind ein letzter, verzweifelter – und wahrscheinlich frustrationsbedingter – Versuch, die Verstärkung durch ein Mehr an Anstrengung zu erhalten. Danach folgt die Einsicht, dass das Verhalten der Tobsuchtsanfälle nicht mehr funktioniert.

Es ist sehr verlockend, einem extremen Tobsuchtsanfall nachzugeben, damit das Elend ein Ende findet. Aber aus einer Trainingsund Verhaltensperpektive wäre das ein schrecklicher Fehler. Nicht nur würden Sie damit ein Verhalten verstärken, das schon nah am Verschwinden war, Sie würden es noch dazu schwieriger machen, das Verhalten in der Zukunft zum Erliegen zu bringen. Wenn man ein Verhalten während einer spontanten Erholung verstärkt, verstärkt man damit nicht nur das unerwünschte Verhalten, sondern auch dessen Intensität und potenziell die Hartnäckigkeit des ausführenden Individuums. Wenn Sie ein Verhalten verstärken, das so nah an seiner Löschung ist, erhöhen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass es immer schwieriger werden wird, dieses Verhalten permanent abzustellen. Es wird schwieriger werden und mehr Anstrengung benötigen, weil das Verhalten nun stärker und löschungsresistenter geworden ist. So ein Mist aber auch.

Ein klassisches Beispiel für eine spontane Erholung ist die Situation, in der Sie vergeblich auf einen Lift warten und dann den Liftschalter wiederholt fest und schnell drücken – bevor Sie aufgeben und die Treppe nehmen. Ebenso ist es eine spontane Erholung, wenn Sie bei einem kaputten Snackautomaten wütend immer wieder auf den Knopf eindreschen. Wir sind daran gewöhnt, unseren Snack zu erhalten, wenn wir auf den Knopf drücken. Passiert dies (die Verstärkung) nicht, erhöhen wir die Intensität und Frequenz des Knopf-Drückens – kurz, bevor wir aufgeben.

Jackpot für besondere Leistung

Nicht alle Verstärker sind gleichwertig. Hunde wissen das und Menschen auch. Hunde reagieren unterschiedlich, je nachdem, ob sie einen einzigen Hundekeks bekommen oder ob der Trainer einen ganzen Sack öffnet und sie sich frei bedienen dürfen. Gleichermaßen reagieren Menschen anders, je nachdem, ob ihr Arbeitgeber ihnen eine Tankkarte für eine gut gemachte Arbeit schenkt oder ob sie ein neues Auto für eine korrekte Leistung bekommen. Solche Super-Verstärker haben eine große Bedeutung und das Verhalten, das sie verstärken, wird in der Zukunft wahrscheinlich noch öfter auftreten.

Im Hundetraining nennen wir derartige Riesenverstärker „Jackpots“ und wir sagen, dass wir überragende Leistungen mit einem „Jackpot belohnen“. Hier ist ein Beispiel dafür, wie ich einen Jackpot im Hundetraining eingesetzt habe: Ich war einmal mit meinem Hund Bugsy auf der Farm in Wisconsin unterwegs, wo ich damals wohnte. Die sechzig Hektar Farmland bestanden aus Haus und Hof, Wiesen und Wald. Ich arbeitete an Bugsys Abruf und er war in seinem Training schon ziemlich weit fortgeschritten. Er kam immer, wenn er drinnen und im Hofgelände war. Er war auch komplett zuverlässig, wenn er sich draußen innerhalb eines 10-Meter-Radiuses von mir befand oder innerhalb eines 15-Meter-Radiuses, wenn er nicht besonders abgelenkt war. Seine größte Herausforderung war, zu kommen, wenn er ein Reh gesichtet hatte – von denen es viele auf dem Gelände gab. Er schaffte es, wenn er noch nicht zu jagen begonnen hatte, aber ich hatte Zweifel, dass er umdrehen und zu mir zurückkommen würde, wenn er einmal mit der Hatz begonnen hatte. Das war unser Endziel, aber davon waren wir in unserem Trainingsablauf noch einige Schritte entfernt. Eines Tages, als wir spazieren waren, sah er ein Reh, das ich nicht bemerkt hatte – was bedeutete, dass ich ihn nicht rufen konnte, bevor er sich in Bewegung gesetzt hatte. Er hatte seine Hetzjagd bereits begonnen, als ich mich endlich soweit gesammelt hatte, um mit meiner freudigsten, lockendsten Stimme zu rufen: „Bugsy, komm!“

Er drehte so schnell um, dass er in der Zehntelsekunde zwischen Umdrehen und Zu-Mir-Rennen selbst einen überraschten Gesichtsausdruck hatte. Ich könnte schwören, wenn er eine ComicSprechblase über seinem Kopf gehabt hätte, um seine Gedanken zu beschreiben, dann hätte dort gestanden: „Warum habe ich das gerade gemacht?! Da waren Rehe und ich habe sie gejagt, aber jetzt renne ich plötzlich in die andere Richtung. Was ist da los?“ Es war eine wirklich überragende Leistung, weil er noch nicht komplett darauf trainiert war, eine Rehhatz abzubrechen – obwohl sein Abruf in den meisten anderen Situationen ziemlich perfekt wirkte. Ich wollte ihm einen Jackpot für dieses wundervolle Verhalten gönnen, weshalb ich die Futtertasche abnahm, die ich um meine Taille trug, sie weit aufmachte und ihm erlaubte, seine Schnauze hineinzustecken und jedes einzelne Leckerli zu fressen. So ein Jackpot macht einen riesigen Eindruck auf einen Hund. Ich stelle mir gerne vor, wie er denkt: „Was habe ich gemacht, um das zu verdienen? O ja, richtig, ich habe das Reh in Ruhe gelassen. Das war es total wert!“

Als meine Kinder noch kleiner waren, fand eine der Jackpotträchtigsten Situationen im Auto statt. Manchmal fuhr ich schon los, obwohl die Kinder noch nicht in ihren Sitzen angeschnallt waren. Wenn eines von ihnen dann sagte, „Warte! Ich bin noch nicht angeschnallt!“, fand ich dieses Verhalten immer wundervoll (da es potenziell lebensrettend war!) und bot dafür auch immer einen Jackpot an. Manchmal war das ein riesiger Jackpot, wie in den Park zu gehen, anstatt die geplanten Besorgungen zu machen, und manchmal etwas Einfacheres, wie in einen Laden zu gehen und die Kinder jeweils eine Süßigkeit aussuchen zu lassen. Mein Ziel war, sie dazu zu bringen, es mir zu sagen, wenn sie nicht angeschnallt waren – denn obwohl ich mich bemühte, sehr darauf zu achten, traten hin und wieder Probleme auf. Vielleicht hatte ich sie angeschnallt, aber die Schnalle hatte sich versehentlich wieder gelöst. Als sie älter waren, konnte es auch vorkommen, dass sie einfach noch nicht fertig waren und ich es ein bisschen zu eilig gehabt hatte, loszukommen.

Ich möchte gerne noch zwei Dinge zu dem Anschnall-Jackpot sagen, damit Sie mich nicht für eine Idiotin halten. Erstens kam es ziemlich selten vor, dass ich sie nicht angeschnallt hatte – in den Dutzenden Jahren der Elternschaft, in denen ich Kindersitze in Gebrauch hatte, vielleicht vierbis fünfmal. Ich bin ein bisschen zwanghaft veranlagt und überprüfte die Sicherheitsgurte ständig doppelt und dreifach, aber Schlafmangel und andere schlechte Augenblicke bedeuteten gelegentliche Fehlleistungen. Deshalb wollte ich meine Kinder miteinbeziehen, um zusätzliche Kontrolle und Sicherheit zu haben. Nur einmal, als mein Ältester noch ein Baby war, vermasselte ich es vollständig und fuhr mit ihm, obwohl er nicht komplett angeschnallt war. Diese Erinnerung verursacht mir heute noch Alpträume. (Wenn jemand mit mir über Babys und Schlafentzug reden will, ich bin immer dafür zu haben. Mein erster Sohn weinte jede Nacht von 22 Uhr bis 2 Uhr morgens, und das monatelang. Sagen wir einfach, mein Mann und ich waren während dieser Zeit nicht in Bestform.). Bei allen anderen AnschnallZwischenfällen bemerkte jemand (einer meiner Söhne oder ich) das Problem, während wir noch in unserer Einfahrt oder am Parkplatz waren – weshalb ich das Gefühl habe, dass unser System ziemlich gut funktioniert.

Wenn Sie über Verstärkung im Allgemeinen nachgedacht haben, fragen Sie sich nun vielleicht, ob eine derart starke positive Verstärkung die Frequenz des Sich-Nicht-Anschnallens vor der Fahrt erhöht hat. Die Antwort lautet „Nein“, aber es ist ein berechtigter Einwand. Mir selbst bereitete das von Anfang an Sorgen, aber als die Kinder noch sehr klein waren, war es meine Verantwortung, sie anzuschnallen, weshalb es nicht anders möglich war. Als sie dann alt genug waren, um sich selbst anzuschnallen, hatten sie sich bereits zu sehr daran gewöhnt, bei Autofahrten angeschnallt zu sein und hatten große Angst davor, nicht richtig gesichert zu sein. Obwohl die Möglichkeit also durchaus bestanden hätte, glaube ich nicht, dass es eintrat, weil meine Kinder sich angeschnallt immer am wohlsten fühlten. Sie wollen angeschnallt sein und haben Angst davor, keine Sicherheitsgurte zu tragen. Folglich verstärkten meine Jackpots das Verhalten des Mich-wissen-lassens,-wenn-sie-nicht-angeschnallt-waren und nicht das Verhalten des Nicht-angeschnalltseins während der Fahrt. Ein Hinauszögern des Anschnallens war für meine Kinder überhaupt nicht verlockend, weshalb sie es auch nicht taten. Wenn andere Eltern diese Strategie ausprobieren möchten, sollten sie sich dieser Möglichkeit aber definitiv bewusst sein, da sie nicht immer auszuschließen ist.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
412 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783954642649
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar