Kitabı oku: «...und im Luftschloss wird es kühl», sayfa 4

Yazı tipi:

Sabine nickte. Zayba müsste jetzt zweiunddreißig Jahre alt sein und ihr Bruder demnach vierunddreißig Jahre alt.

Zayba nahm vorsichtig einen kleinen Schluck Kaffee und fuhr fort. „Mein Bruder ging dann nach London, er wollte nicht in Deutschland einen Asylantrag stellen, der Sprache wegen, ich hingegen stellte meinen Antrag auf Asyl hier und bekam auch eine Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens. Keine Ahnung, warum ich nicht mit meinem Bruder nach Großbritannien gehen wollte, vielleicht war ich einfach nur zu erschöpft für einen weiteren Weg. Mein Bruder und ich standen uns immer nahe. Er ist ein großer Bruder, wie ich ihn mir gewünscht habe. Leider ist Joseph homosexuell und das wird in Ghana kaum akzeptiert. Das gilt als was Schlimmes. Mein Bruder durfte seine Liebe zu Männern auf gar keinen Fall öffentlich machen und darum mussten wir fliehen. Joseph wollte sich nicht mehr verstecken. Und Frauen geben ihm absolut nichts, leider… Ich wünsche ja, es wäre anders, aber mittlerweile habe ich akzeptiert, dass er schwul ist.“

Zayba seufzte. „Wir haben in einem kleinen Ort nahe der Stadt Navrongo gelebt, das ist nicht weit weg von der Grenze zu Burkina Faso, im Norden von Ghana. Dieser Teil von Ghana ist eher muslimisch geprägt, allerdings sind Joseph und ich nicht besonders gläubig. Wie auch immer, ständig wurde mein Bruder nach einer Hochzeit gefragt. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis alles aufgeflogen wäre. Nicht einmal meine Eltern wissen, dass Joseph nicht auf Frauen steht. Und ich kam ihm ja auch nur durch einen Zufall auf die Schliche, wenn ich auch schon etwas geahnt habe. Ich habe ihn dann zur Rede gestellt und er bestritt nichts. Und auch bei mir wurde ständig nach einer Hochzeit gefragt. Zwar bin ich nicht schwul, aber ich wollte mir meinen Ehemann lieber selbst aussuchen. Glaub mir, es ist für Joseph und mich sehr schwer gewesen, in Ghana. Ich wollte eigentlich Krankenschwester lernen, aber das hat mein Vater nicht erlaubt. Ich sollte heiraten und Kinder bekommen.

Schön und gut, aber ich wollte nicht den Mann, den mein Vater für mich im Auge hatte, heiraten. Wir flüchteten, ich glaube die Geschichte der Flucht habe ich Dir schon einmal erzählt.“

Erneut nickte Sabine, unterbrach ihre Freundin nicht.

„Wie ich schon sagte, nun bin ich in Deutschland und möchte auch weiterhin hier leben. Nach Großbritannien möchte ich nicht mehr, wer weiß wie das wird nach dem Brexit. Und mal ehrlich, merkt man mir die Muslima noch an?“

„Nö“, erwiderte Sabine, „okay, du isst kein Schweinefleisch und trinkst keinen Alkohol, aber sonst?“

„Am Anfang habe ich noch das traditionelle islamische Kopftuch getragen, wie man es hier in Deutschland auch oft sieht. Du weißt schon den Hidschab. Aber selbst diese Verhüllung habe ich abgelegt. Schließlich ist nicht klar geregelt, wann und wo ich sie tragen muss. Die Vorschriften dazu sind nicht ganz klar. Mein großer Bruder ist schwul, der wird mir wohl kaum Vorschriften machen und meine Eltern und Geschwister sind weit weg. Ich bin nicht streng religiös, aber ich glaube an Schicksal, ich weiß auch nicht warum. Aber jetzt bin ich ein wenig ab vom Thema.

Du weißt, ich habe in der Flüchtlingsunterkunft hier in der Nähe gelebt. Erst der Asylantrag, dann kam die Gestattung. Und Gott sei Dank habe ich mich sehr schnell mit der deutschen Sprache angefreundet, der Olsenbande sei Dank. Das war eine gute Idee von Dir mit mir ab und zu mal so einen Film zu schauen.“

„Das war nur ein Teil meines Planes, um Dir die deutsche Sprache zu vermitteln. Aber im Gegensatz zur Olsenbande hat mein Plan funktioniert, wie Du mir gerade bewiesen hast“, lachte Sabine.

„Mit der Gestattung bekam ich dann auch die Möglichkeit mir eine Arbeit zu suchen“, fuhr Zayba fort, „daher arbeite ich nun in der Osteria hier in der Nähe, ist alles legal. Meinem Arbeitgeber hast Du auch das leckere Essen zu verdanken. Ja und mittlerweile habe ich meinen Aufenthaltstitel, daher hat es auch mit der Wohnung geklappt, die ich mir mit zwei Freundinnen teile. Jede von uns hat ein Zimmer, das bekommen wir gestemmt. Und mir war wirklich der Führerschein erst einmal wichtiger. Und irgendwie träume ich ja immer noch davon Krankenschwester zu werden.“ „Warum hast Du Dich nicht um ein Praktikum bemüht?“, fragte Sabine nach.

„Habe ich gemacht, bei einem Pflegedienst, aber die alten Leutchen wollten sich nicht von einer Afrikanerin anfassen lassen. Daher habe ich diesen Traum auf Eis gelegt, das hat mich entmutigt. Dabei trug ich damals schon den Hidschab nicht mehr, weil ich den alten Leuten keine Angst machen wollte. Ich versuche, mich Eurer Kultur anzupassen, aber meine Hautfarbe wechseln kann ich leider nicht. Dabei hätte mich der Pflegedienst gerne angestellt und sich auch um eine Ausbildung für mich bemüht.“

„Und wenn Du es hier im örtlichen Krankenhaus versuchst?“, warf Sabine ein.

„Wenn ich in den nächsten Tagen frei habe, möchte ich mich mal im Krankenhaus vorstellen. Du hast vielleicht recht, ich sollte nicht so schnell aufgeben. Und vielleicht ist es auf Station auch noch anders, als bei einem Pflegedienst.“

„Mach das mal“, ermutigte Sabine die Freundin, „Du hast doch schon eine Menge erreicht. Und denk mal an die Corona Krise, die Anfang 2020 begonnen hat und lange dauerte. Was wurde da auf einmal nach Pflegekräften geschrien!“

„Ein weiterer großer Traum von mir ist, dass ich auf Dauer in Deutschland leben kann. In einer eigenen Wohnung, mit eigener Familie. Allerdings habe ich auf unserer Flucht keine guten Erfahrungen mit Männern gemacht, daher schiebe ich dieses Thema etwas von mir.“

Zayba machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck Kaffee.

„Und Deine Ehe hat auch nicht gehalten, habe ich mitbekommen?“ Traurig sah Zayba ihre Freundin an.

„Ist kein Drama“ wiegelte Sabine ab, „da gibt es Schlimmeres. Und es muss auch nicht das Ende der Fahnenstange sein, schließlich habe ich einen Verehrer im Internet. Ich weiß nur nicht, ob ich dem Frieden trauen kann.“

„Warum?“ Zayba wurde hellhörig.

„Er schreibt immer mit viel Schmalz, also trägt ziemlich dick auf. Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Aber vielleicht bin ich auch nur zu misstrauisch.“

„Was ist er denn von Beruf?“, wollte Zayba wissen.

„Ingenieur für Bohranlagen, arbeitet aber vorwiegend im Büro, soweit ich das mitbekommen habe. Er hat eine pflegebedürftige Mutter und eine Tochter, die ist siebzehn.“

„Und wo lebt die Tochter?“ Zayba schien mit einem Schlag hellwach zu sein.

„Die lebt in England im Internat, dort geht sie auf eine internationale Schule. Wenn sie ihr Abi in der Tasche hat, will ihr Vater sie nach Deutschland holen.“

„Du könntest recht haben“, murmelte Zayba.

„Womit könnte ich recht haben?“, fragte Sabine verunsichert.

„Mit dem Heiratsschwindler! Die sind nämlich auch in Ghana sehr aktiv. Und dort werden sie auch Love Scammer, oder Romance Scammer genannt, ich denke, diese Begriffe sind auch in Deutschland geläufig. In unserer Nachbarstadt Navrongo hat sich ein regelrechter Wirtschaftszweig mit diesen Betrügereien entwickelt. Manche meiner Landsleute leben davon sogar sehr gut und lachen sich kaputt, über die Dummheit europäischer Frauen, die so leichtgläubig sind und Geld schicken. Kann ich das Facebook Profil von diesem Herrn einmal sehen?“

„Na klar!“ Sabine schaltete bereitwillig ihren Laptop an und öffnete ihren Facebook Account. Doch fand sie kein Profil mehr von David. „Ist ja merkwürdig“, murmelte sie.

„Nein, das ist eine Masche der Heiratsschwindler, ehe sie auffliegen, löschen sie häufig das Profil und kommen Facebook zuvor. Ich nehme an, er hat Dich auf einen Messenger gelockt?“

Sabine nickte stumm, loggte sich aus Facebook aus und fuhr den PC herunter.

„Ich kann Dir nun natürlich nicht sagen, ob es sich um einen Heiratsschwindler handelt, oder nicht, ich kann Dich nur warnen. Mein Bruder sollte da auch mitmachen, hat aber abgelehnt. Und kurz darauf lehnte ich ab. Auch Frauen geben sich gerne mal als reiche, gebildete Männer aus. Wobei die in der Minderheit sind. Ich selbst sollte mich damals als Lehrerin einer angeblichen Tochter so eines Scammers ausgeben. Die Tochter war dann in Not auf einer Klassenfahrt und so weiter… Glaub mir, da haben sich regelrechte Netzwerke gebildet. Und diese Betrüger werden immer geschickter. Da werden Fotos gefälscht, Ausweise gefälscht, sogar telefonische Fangschaltungen werden gelegt! Und Liebesbriefe kannst Du Dir aus dem Internet ziehen. Auch da haben die Scammer leichtes Spiel, wirklich. Die haben mir damals solche Briefe gezeigt, auch in deutscher Sprache. Du kannst natürlich den Kontakt aufrechterhalten, aber brich ab, wenn es zu einer Geldforderung kommt. Außer einem leeren Konto und einer verletzten Seele wird es Dir nichts einbringen.“

Sabine hatte aufmerksam zugehört. Sie dachte einen Augenblick nach und antwortete dann: „Also ich nehme Deine Warnung sehr ernst. Auf jeden Fall werde ich den Kontakt eindämmen. Und dann einfach abwarten was passiert. Irgendwie hoffe ich doch auf Liebe, aber ich wäre wohl mehr als dumm, Deine Warnung einfach zu ignorieren.“

Zayba sah auf die Uhr in Sabines Wohnzimmer. „Oh, schon zweiundzwanzig Uhr, ich sollte mich so langsam vom Acker machen.“ Sie erhob sich und verschwand im Badezimmer.

Sabine trug das verbliebene Geschirr in die Küche. Zayba trat zu ihr und sagte: „Denk bitte an meine Warnung, ich möchte wirklich nicht, dass Du einem Betrüger aufsitzt, egal wo er zu Hause ist.“ Zayba griff sich den Speisebehälter. „Ach, hier ist noch Weißbrot und Kräuterbutter, für morgen zum Frühstück. So jetzt habe ich alles.“

Sabine bedankte sich herzlich und hielt ihrer Freundin die Wohnungstür auf. Spontan entschloss sich die Frau, bei der Nachbarin zu klingeln und die Brötchen für die nächsten Tage abzubestellen. Sie hatte Glück, Frau Spaltholz öffnete freundlich. Sabine erklärte die Situation, entschuldigte sich, dass sie so spät geklingelt hatte und begab sich wieder zurück in ihre Wohnung. Das habe ich hinbekommen, dachte sie zufrieden. Sabine wusch ab, doch sie war nicht müde. Daher widmete sie sich der Zeitung, die sie heute gekauft hatte. Der Artikel über die Frauen, die auf einen Romance Scammer hereingefallen waren, interessierte sie brennend.

Vier Frauen, vier Schicksale und fast immer die gleiche Masche. Trotz der milden Sommernacht wurde Sabine kalt und sie entschloss sich, vorsichtig zu sein. Die Betrüger kamen aus Afrika, Asien, aber auch aus Osteuropa. Gerne bedienten sie sich Übersetzungsprogrammen und Liebesbriefen aus dem Internet. Sabine hielt es nicht mehr aus und tippte eine Nachricht an David.

Gerade wollte ich zu Bett gehen und war kurz auf Facebook unterwegs.

Leider kann ich Dein Profil nicht mehr finden, was ist passiert?“

Dann tippte sie eine Nachricht an Monika, in der sie sich wegen morgen erkundigte. Prompt klingelte wenige Minuten später das Telefon. Es konnte nur Monika sein.

„Klar klappt das, ich bin um zehn Uhr bei Dir. Du kannst uns einen Kaffee machen. Ich möchte alles über Deinen neuen Lover wissen.“

„Ich glaube, den Lover kann ich abschreiben, zumindest wenn Zayba recht hat, aber das erzähle ich Dir in aller Ruhe morgen. Ich werde jetzt auch ins Bett gehen.“ „Gut, dann bis morgen, schlaf gut.“ Und schon hatte Monika aufgelegt.

Sabine zog sich zurück, ein ereignisreicher Tag ging zu Ende.

Tag fünfzehn
(Freitag)

Sabine erwachte am nächsten Morgen und fühlte sich frisch und ausgeruht. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigte sieben Uhr und Sabine stand auf.

Die Morgentoilette war kein Problem und sie freute sich auf Weißbrot mit Kräuterbutter. Das Frühstück war schnell zubereitet und Sabine setzte sich ins Wohnzimmer.

Hatte David geschrieben? Sie warf einen Blick auf ihr Smartphone und fand eine Nachricht von ihrer Bekanntschaft.

Meinen Facebook Account habe ich gelöscht, weil mein PC offenbar seinen Geist aufgegeben hat und ich nicht weiß, wann ich ein neues Gerät bekomme.

Darling, ich kann und will nicht mehr ohne Dich leben. Und darum werde ich auch einen neuen beruflichen Weg einschlagen. Näheres erfahre ich aber erst im Laufe des Tages. Ich bitte Dich um Geduld, kann Dir aber schon versichern, es wird nicht unser finanzieller Schaden sein, mein Engel.

Sabine überlegte kurz und tippte dann eine Antwort. Lust hatte sie nicht dazu. Aber sie fand, dass sie es David schuldig war.

Da bin ich gespannt, was Du mir Neues zu berichten hast. Allerdings werde ich das Wochenende auf dem Reiterhof meiner Freundin verbringen. Wundere Dich also nicht, wenn ich nicht so schnell antworte wie sonst.

Endlich konnte sich Sabine ihrem Frühstück widmen. Danach wusch sie ab und packte eine Reisetasche für ihren Kurzurlaub auf dem Reiterhof. Meinen Reader darf ich nicht vergessen, vermutlich komme ich bei Monika zum Lesen, dachte sie. Um kurz nach zehn klingelte es an ihrer Haustür.

„Na biste bereit für meine Hufeisenträger?“

Sabine lachte und öffnete ihrer Freundin die Tür. Monika schob sich gut gelaunt in die Wohnung und ließ Sabine nicht zu Wort kommen.

„Warte mal ich mache uns einen Kaffee und dann erzählst du mir, was alles gestern gelaufen ist.“ Monika holte zwei Tassen aus dem Schrank und machte sich daran Kaffee zu brühen.

„Du solltest doch mal über einen Kapselautomaten nachdenken, die Dinger sind wirklich praktisch“, meinte Monika.

„Für mich allein lohnt sich diese Anschaffung nicht, ich trinke kaum Kaffee“, erwiderte Sabine, „und die Dinger gelten als Umweltverschmutzer!“

„Na vielleicht bist Du ja nicht mehr so lange allein, was ist das denn für ein geheimnisvoller Mann, den Du da im Internet kennengelernt hast?“ Monika schien vor Neugier zu platzen und fuhr fort: „Warte ich bringe den Kaffee ins Wohnzimmer, dann können wir es uns gemütlich machen.“ Nachdem die beiden Frauen im Wohnzimmer Platz genommen hatten, berichtete Sabine vom gestrigen Abendbrot mit Zayba und ihrer Internetbekanntschaft.

Dann zeigte sie Monika den Gesprächsverlauf auf ihrem Smartphone. Ab und zu grinste Monika, dann wurde sie nachdenklich.

„Also da könnte Zayba recht haben, das sieht doch zu schön aus, um wahr zu sein. Allerdings habe ich von Heiratsschwindel über das Internet noch nie etwas gehört.

Wobei ich nun auch nicht so viel im Internet unterwegs bin, dazu fehlt mir die Zeit. Was wirst du tun?“

„Ich habe mich entschlossen, erst einmal abzuwarten. Vielleicht kommt auch gar keine Geldforderung und ich kann David in Hamburg oder Berlin treffen. Glaub mir, wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte, wäre ich vielleicht schon nach Hamburg gefahren. Ich habe ihm nichts von meinem Unfall erzählt. Das kann ich später noch machen, wenn ich es ihm überhaupt erzähle.“

Nachdenklich nippte Sabine an ihrem Kaffee. „In seiner letzten Nachricht hat er von beruflichen Veränderungen gesprochen, mal sehen was kommt. Jetzt freue ich mich erst einmal auf die Zeit auf Deinem Hof. Ich hoffe, ich falle Euch nicht zur Last.“

„So ein Quatsch, Du und zur Last fallen. Außerdem kann ich Dich beruhigen, bei uns hat jetzt auch ein Arzt sein Pferd zu stehen und der wird am Wochenende auch auf dem Hof sein. Solltest Du mir umkippen, wirst Du gleich erstklassig versorgt. Ich hab Dich schon angemeldet. Und seine Arzttasche hat er ohnehin immer dabei. Warte, ich spüle noch schnell die Tassen ab und dann können wir los.“ Gesagt, getan.

Wenige Minuten später saßen die beiden im Auto. Lange fuhren sie nicht. Monika parkte das Fahrzeug in einem Carport und schaltete den Motor aus.

Plötzlich schlug sich Sabine vor die Stirn. „Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe“, maulte sie.

„Na was denn?“, Monika sah ihre Freundin fragend an.

„Ich wollte doch noch Möhren und Äpfel kaufen, als Leckerlis für die Pferde, das habe ich total vergessen, ach Mensch!“

„Nun heul mal nicht gleich. Futtermöhren haben wir genug da und Apfelpellets kann ich Dir auch geben. Da kannst Du die Hufeisenträger ruhig verwöhnen, aber übertreib bitte nicht. Pass mal auf, ich bringe jetzt Deine Reisetasche auf Dein Zimmer und dann gehen wir beide mal in den Stall.“

„Okay, gehen wir ein schönes langes Wochenende an!“, antwortete Sabine und stieg aus dem Auto. Sie folgte ihrer Freundin in das große Wohnhaus und stellte ihre Handtasche in der Küche ab. Schön, wieder hier zu sein, dachte sie, auch wenn ich den Traum vom eigenen Pferd längst begraben habe.

Monika polterte die Treppe herunter.

„Wir gehen jetzt in die Futterkammer und holen ein paar Leckerlis für die Tiere. Die sind fast alle auf der Koppel bis auf MOONLIGHT IN SPE. Der steht erst seit kurzem bei mir und muss sich erst ein bisschen eingewöhnen.“

„MOONLIGHT IN SPE?“, Sabine überlegte, „ist der nicht in Hoppegarten Rennen gelaufen. Wir waren doch vor zwei Jahren mal studienhalber auf der Rennbahn Hoppegarten und bei mir ist der Name irgendwie haften geblieben.“

„Ja, aber meistens lief er wie ein Leichenwagenpferd, darum wurde er auch als Reitpferd verkauft. Bis auf einige wenige Platzierungen war da wohl nicht viel. Den Zielrichter hat er wenig bemüht. Aber vielleicht macht er unserem Doktor Freude, ich erwähnte diesen Herrn ja schon. Der hat ihn gekauft und nun steht das Tier bei uns. Ein Phlegmatiker durch und durch, das habe ich schon raus. Von einem Vollblüter ist da nichts zu merken, außer vom Aussehen her.“

„Na hoffentlich hat der Onkel Doktor auch genug Zeit für das Tier. Ich habe schon Reiter erlebt, die haben ihr Pferd von Montag bis Freitag nicht bewegt und am Wochenende strapaziert.“

„Nein, das haben der Doktor und ich schon abgesprochen, wenn er keine Zeit hat, darf auch eine meiner fleißigen Helferinnen das Tier in Bewegung halten. Laura und Leonie sind keine Kinder mehr, die wären für dieses Pferd bestimmt geeignet. Sein neuer Besitzer nennt ihn übrigens ‚Matze‘, weil ihm sein eigentlicher Name viel zu hochtrabend klingt. Ich denke, wir bekommen mit Matze alles auf die Reihe.“

In bester Laune folgte Sabine ihrer Freundin. In der Futterkammer füllte Monika Möhren in eine Schüssel. Kaum waren die beiden an der Koppel angekommen, trabten die Pferde leicht schnaubend an. „Die kennen die Schüssel“, grinste Monika. Sabine bemühte sich, die Möhren gerecht zu verteilen. Bei den vielen neugierigen Pferdenasen keine leichte Aufgabe. Sabine lachte. Besser als in der Wohnung zu hocken und zu grübeln, fand sie.

Nachdem die Schüssel geleert war, begaben sie sich zurück in die Futterkammer. Auf einmal hatte Monika eine Idee.

„Wollen wir mal versuchen, Matze ein paar Leckerchen anzubieten? Gestern Abend hat er leider nicht gefressen und auch heute Morgen war die Futterkrippe eher uninteressant, Heimweh nehme ich mal an.“

Sabine überlegte. „Und wenn er Probleme mit den Zähnen hat?“

„Nee“, Monika schüttelte den Kopf, „das ist Heimweh, das hatte ich schon öfter bei Neulingen. Die Zähne sind okay, glaub mir.“

Sich leise unterhaltend betraten die beiden Frauen den Stall. „Er steht ganz hinten in der letzten Box. Ängstlich ist er nicht, aber bis jetzt zeigt er kein Interesse an Futter.“

„Lässt er Dich in die Box?“, wollte Sabine wissen.

„Ja, er ist auch nicht aggressiv, er beißt nicht, er schlägt nicht aus. Anfassen lässt er sich, auch wenn er da am Anfang Probleme gemacht hat. Aber er schaut mich regelrecht fragend an. Das ist irgendwie Heimweh, da kannst Du sagen, was Du willst.“

Unterdessen hatten sie die Box von Matze erreicht. Ein hübsches dunkelbraunes Tier schaute durch die Gitterstäbe der Box. Vorsichtig schob Monika die Boxentür auf und betrat das Revier des Pferdes.

„Na mein Kleiner noch immer keinen Hunger?“ Monika tätschelte dem Tier den Hals.

Sabine betrat vorsichtig die Box und ließ Matze an ihrer Hand schnuppern.

„Warte mal, ich hole die Apfelpellets“. Monika verließ die Box und eilte in die Futterkammer. Sabine setzte sich auf die breite altmodische Umrandung der Futterkrippe und streckte die Beine aus. Gedankenverloren kramte sie in ihrer Hosentasche und fand ein Fruchtbonbon. Sie wickelte es aus und wollte es sich in den Mund schieben. Doch das Bonbon fiel Sabine aus der Hand.

Matze spitzte die Ohren, senkte den Kopf und suchte mit seinen Nüstern den Boden seiner Box ab. Er fand das Bonbon und nahm es. Matze zerbiss das Bonbon nicht, wie es Pferde üblicherweise mit Zuckerstücken tun, nein er begann das Bonbon zu lutschen und schloss dabei genussvoll die Augen. Sabine fing auf ihrem Sitzplatz herzhaft an zu lachen.

„Na Du bist mir vielleicht ein Feinschmecker“, meinte sie.

Unterdessen fand sich Monika wieder in der Box von Matze ein.

„Ich fass es nicht, was hast Du dem denn gegeben?“ Mit großen Augen sah Monika ihre Freundin an.

„Ein Fruchtbonbon, Du weißt doch, die die ich so gerne esse. Aber das war keine Absicht, er ist mir runtergefallen.“ Sabine zog den Kopf ein und blickte Monika schuldbewusst an.

„Ist ja nicht schlimm“, tröstete Monika und fuhr fort, „dann versuchen wir es jetzt mal mit den Apfelpellets.“

Monika reichte Sabine eine Papiertüte und sagte: „In dieser Tüte ist noch ein kleiner Rest, streu ihm das Zeug einfach in die Futterkrippe, Du sitzt gerade so günstig“, Monika grinste. Sabine tat, was Monika sagte und reichte ihrer Freundin die leere Papiertüte. Dann glitt sie von der Umrandung der Futterkrippe, um Matze nicht zu stören. Sich leise unterhaltend verließen die Frauen die Box.

„Nach dem Mittagessen können wir noch einmal nach Matze schauen, ich wette der frisst heute noch, da habe ich kaum Bedenken“. Dann fuhr Monika fort: „Heute Abend ist bei uns Grillen angesagt. Torsten macht den Grillmeister, ich denke Du bist gerne mit dabei. Ich habe schon etliche Salate fertig, da kannst Du schon mal probieren. Ist ohnehin gleich Mittag.“

„Okay, Grillen ist super und Torsten macht das bestimmt ganz toll“. Sabine mochte den Ehemann von Monika sehr, wenn sie ihn auch nur selten sah.

„Was macht Dein Göttergatte überhaupt, ist er immer noch der IT-Experte in der Stadtverwaltung? Ich weiß gar nicht, wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe.“ Nachdenklich runzelte Sabine die Stirn und überlegte.

„Ja, er ist noch bei der Stadt und die Stelle ist auch okay. Aber er ist häufig unterwegs. Warte, jetzt essen wir erst. Setz Dich hin, ich hole uns alles.“

Monika wies auf eine gemütliche, überdachte Sitzecke in der Nähe des Wohnhauses und verschwand im Haus. Sabine nahm Platz, schloss die Augen und ließ sich ihr Gesicht von der Sonne bescheinen. Hoffentlich bin ich bald wieder fit, dachte sie, schon allein damit ich Monika mehr helfen kann. Und dann lege ich gleich wieder los mit Sport.

Ein Klappern riss Sabine aus ihren Gedanken. Monika stellte vorsichtig ein Tablett auf den Tisch.

„Ich habe erst einmal meine neuste Kreation mitgebracht, ‘Insalata Paradiso‘. Passt prima zum Sommer.“ Monika stellte eine Schüssel mit Salat auf den Tisch und befüllte zwei Teller. Anschließend stellte sie Wasser und Gläser auf den Tisch.

Geduldig wartete Sabine, bis Monika sich setzte.

„Lang zu, aber denk dran, wir grillen noch heute Abend.“

„Der Salat ist schon mal sehr lecker“, meinte Sabine, nachdem sie probiert hatte. Eigentlich wollte sie etwas sagen, aber Monika fiel ihr ins Wort.

„Hey wollen wir uns nicht mal an vegetarischen Grillspießen versuchen? Ich denke da an Zucchini, Tomaten und Zwiebeln, oder etwas in dieser Art. Klar, das probieren wir aus.“ Ehe Sabine antworten konnte, sprudelte Monika weiter: „Um das Fleisch kümmert sich Torsten und wir bereiten heute Nachmittag das Veggiezeug vor. Was hältst Du davon?“

„Eine Menge, dann kann ich Dir wenigstens ein bisschen helfen. Ansonsten hätte ich mir wohl meinen Reader geschnappt und gelesen.“

„Nee, Du Büchernärrin, hilf mir lieber noch ein bissen in der Küche. Dann ist mir auch nicht so langweilig und viel Arbeit ist es auch nicht, denn die Salate sind alle schon fertig.“ Monika kaute zufrieden.

Sabine ließ sich den Salat weiter schmecken und meinte nach einer Weile: „Auf einen Nachschlag verzichte ich aber, schließlich will ich heute Abend wieder Appetit haben. Und meinem Smartphone kann ich eine Pause gönnen, ich helf Dir lieber!“

Mit einem Schlag, wurde Sabine bewusst, dass sie in den letzten Stunden kaum an David gedacht hatte. Vielleicht sollte ich ihn abhaken, überlegte sie, während sie die letzten Bissen von ihrem Salat genoss. Allerdings hat er von einem neuen beruflichen Weg gesprochen, da bin ich doch gespannt, überlegte sie weiter. Vollkommen in Gedanken lächelte sie.

„Wie ich sehe, bist du zufrieden“, meinte Monika grinsend, während sie das Geschirr zusammenräumte.

„Das bin ich auch, allerdings bin ich auch ein bisschen müde“, Sabine gähnte. „Na dann hau Dich doch ein Stündchen hin, oder auch zwei, wenn Du magst. Später kannst Du mir immer noch helfen, das ist kein Problem. Und der heutige Abend wird ohnehin lang werden, denke ich mal.“ Monika zwinkerte ihrer Freundin zu. „Okay, wenn Du mich entbehren kannst.“ „Logo“, meinte Monika, „ab ins Haus, ich komme schon klar.“ Sie schnappte sich das Tablett, Sabine folgte ihr. In der Küche wechselten sie ein paar Worte und Sabine suchte ihr Zimmer auf. Dann öffnete sie das Zimmerfenster weit, zog die Schuhe aus, legte die Orthese ab und streckte sich auf dem Bett aus. Wenig später schlief sie tief und fest.

Laute Motorengeräusche weckten Sabine. Verschlafen griff sie nach ihrem Smartphone, sah auf die Uhr und erschrak. Hatte sie so lange geschlafen? Schon kurz vor sechzehn Uhr! Hastig erhob sie sich von ihrem Bett, schloss das Fenster und machte sich fertig, um unter die Leute zu gehen.

Himmelarsch, dachte sie auf dem Weg in die Küche, ich wollte doch helfen!

Freundlich lächelnd betrat Sabine die Küche.

„Na Hühnchen Hinkefuß, hast Du ausgeschlafen?“, neckte sie Monika.

„Hättest mich ja wecken können“, Sabine maulte.

„Aber warum denn? Du kannst Dich doch ausschlafen! Wir kommen hier schon klar. Geh lieber raus und besuche Matze, sein Besitzer ist gerade eingetroffen. Vielleicht hat Matze jetzt gefressen, was meinst Du? Schau einfach mal nach und lerne unseren Doktor mal kennen. Keine Angst, er beißt nicht, ich kenne ihn zwar noch nicht so sehr lange, aber er ist wirklich nett.“

„Okay“, lenkte Sabine freundlich ein und machte sich lächelnd auf den Weg in den Stall. Hoffentlich hat Matze gefressen, dachte sie, als sie den Stall betrat. Im Stall hörte sie einen Mann leise mit Matze sprechen. Vorsichtig näherte sich Sabine der Box und fragte: „Hat er gefressen?“

Der Mann in der Box drehte sich zu Sabine um. Er war etwa so alt wie Sabine, keine Männerschönheit, aber auch kein hässlicher Vogel. Er musterte Sabine mit seinen Blicken von oben bis unten und einen Augenblick verharrte sein Blick an der Orthese.

„Sie müssen Sabine Bethke sein, nicht wahr?“ Freundlich streckte der Mann Sabine die Hand entgegen und sagte: „Holger Müller, Mediziner, eigentlich aus Hannover und nun hier gestrandet.“

Sabine lachte und erwiderte: „Ja, Sabine Bethke, Mitarbeiterin eines Verlages, Pferdenärrin durch und durch, hier in der Nähe von Berlin geboren und aufgewachsen.“

„Um auf Deine Frage zurückzukommen, auf einmal frisst Matze. Ich werde Monika mal fragen, ob er gleich auf die Gastkoppel kann, ansonsten bekommt er hier noch einen Koller und wird stallmutig. Er ist immerhin ein Rennpferd und braucht Bewegung“. Stolz tätschelte er Matze den Hals, verließ die Box und fuhr fort: „Darf ich Mylady zum Haus geleiten?“ Galant bot Holger Müller Sabine den Arm.

„Aber gerne doch, Herr Doktor“. Sabine nahm den Arm gerne an.

„Das ‚Herr Doktor‘ lass mal, wir sind hier nicht in einer Arztpraxis. Abgesehen davon darfst Du mich gerne Holger nennen. Ich glaube, dass wir uns hier ab und zu sehen werden. Ich gedenke nicht wieder nach Hannover zu gehen.“

Im letzten Satz schwang eine gewisse Bitterkeit mit.

„Und warum willst Du nicht wieder in Deine alte Heimat?“

Gleich darauf bereute Sabine ihre Frage, denn sie wollte nicht als neugierige Ziege dastehen.

„Ich kann meiner Frau nicht verzeihen, was sie mir angetan hat, wenn Du möchtest, erzähle ich Dir die ganz Geschichte, wenn wir nachher grillen.“ Holger wies mit der Hand auf mehrere Grills, mit denen sich Torsten eifrig beschäftigte.

„Nur wenn Du magst, ich möchte Dich nicht aushorchen.“ Sabine zog den Kopf ein.

„Tust Du nicht und irgendwann würdest Du es sicher ohnehin erfahren. Aber jetzt frage ich erst einmal Monika, ob Matze auf die Gastkoppel darf. Da ist er zwar allein, kann seine Mitbewohner aber schon einmal kennen lernen und sich die Hufe vertreten. Geh doch einfach schon mal an den Grillplatz, oder warte, ich bringe Dich!“

Holger zwinkerte Sabine zu und brachte sie auf eine Bank am Grillplatz.

„Jetzt kann ich in etwa nachvollziehen, wie es meiner Freundin Caroline in Dänemark geht. Eine ganz prima Freundin, nur von Geburt an gehbehindert“, murmelte Sabine und fuhr fort: „Aber sie hat wenigstens in der Liebe, wenn auch etwas spät Ihr Glück gefunden“, Sabine seufzte.

„Du, erzähle mir das später, aber ich frag erst einmal die Monika, wegen der Koppel.“

Holger spurtete auf das Haus zu und verschwand. Wenige Minuten später brachte er Matze auf die kleine Gastkoppel, die für Besucherpferde gedacht war. Das Pferd genoss seine neue Freiheit in vollen Zügen. Seine übermütigen Bocksprünge zeugten davon.

„Dem geht es mittlerweile echt gut.“ Monika war zu ihrer Freundin getreten und stellte den ersten Salat ab. „Der Holger kommt gleich, wollte sich nur noch kurz die Hände waschen“, erklärte sie und stupste Sabine an. „Wie findste denn unseren Doktor?“

„Nett und freundlich ist er, aber ansonsten kann ich mir noch kein Bild machen“, meinte Sabine.

„Der hat eine Menge durch, vielleicht erzählt er es Dir“. Monika war schon wieder fast auf dem Weg in die Küche und fuhr fort: „Wenn Du etwas vom Grill möchtest, dann sag einfach Bescheid“.

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