Kitabı oku: «Rilke und der Islam»

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THEOLOGIE DER KULTUR

Rilke und der Islam

Von Prof. Karl-Josef Kuschel

I. DIE REISE DURCH NORDAFRIKA 1910/11

Er steckt in der größten Produktionskrise seines Lebens. In kürzester Zeit war es Rilke gelungen, zu einem vielbeachteten Schriftsteller seiner Generation aufzusteigen. In kürzester Folge waren bedeutende Werke erschienen:

- 1902 „Das Buch der Bilder“

- 1905 das „Stunden-Buch“

- 1907/08 die „Neuen Gedichte“

- 1910 die „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“

Jetzt aber bricht die Produktivität weitgehend ab, und Rilke wird von einer tiefen künstlerischen Lähmung erfaßt. Er weiß: „es ist das Furchtbare an der Kunst, dass sie, je weiter man in ihr kommt, desto mehr zum Äußersten, fast Unmöglichen verpflichtet“, schreibt er an die langjährige Freundin Lou Andreas-Salomé. Im selben Brief teilt Rilke mit, dass er ein Jahr zuvor den Winter in Nordafrika verbracht habe: die Jahreswende 1910/1911. Eine im Nachhinein als zwiespältig empfundene Reise, nicht nur wegen der Widrigkeiten unterwegs, sondern vor allem, weil die neuen sinnlichen Eindrücke nicht zu der erwarteten künstlerischen Ausdruckssprache geführt hatten. Aber „ein wenig Orient“ sei ihm doch „beigebracht worden“, meint er nicht ohne Hoffnung. Ja, auf dem Nilschiff habe er sich „sogar mit dem Arabischen eingelassen“.

In der Tat hatte Rilke von November 1910 bis März 1911 eine Reise durch Nordafrika unternommen.

Sie führt ihn im ersten Teil über Marseille nach Algier, dann nach Tunis und in die tunesischen Orte El-Kantara und Kairouan, um dann unentschieden wegen der Weiterreise vorläufig in Neapel zu enden. Im zweiten Teil aber, vom 6. Januar bis 25. März 1911, gelingt der Sprung nach Ägypten. Auf einer mehrwöchigen Nilreise von Kairo bis Assuan lernt Rilke klassische Stätten des antiken Ägypten kennen. Es ist eine „Welt für sich“, die Rilke sich hier öffnet. Für unseren Zusammenhang ist sie von Bedeutung, weil sich die sinnliche Wahrnehmung von Landschaft und großer Kunst des alten Ägypten auf eigentümliche Weise vermischt mit der Entdeckung einer Weltreligion, die Rilke bisher aus eigener Anschauung nicht kennt: des Islam.

Szenenwechsel: Drei Schlaglichter, die uns das Verhältnis von Europa zum Orient, vom Christentum zum Islam in dem Jahr verdeutlichen, als Rilke erstmals nordafrikanisch-muslimischen Boden betritt: 1910, vier Jahre vor dem Ersten Weltkrieg.

Im selben Jahr 1910 versammeln sich im schottischen Edinburgh die Vertreter aller in der Welt tätigen protestantischen Missionsgesellschaften zur sogenannten Weltmissionskonferenz. Sie sind durchdrungen von einem geschichtlichen Sendungsbewusstsein. Es findet Ausdruck in dem Spitzensatz: Wenn man die Gunst der Stunde nutzt, kann die gesamte Welt in nur einer Generation christianisiert sein. In Nordafrika kann Rilke die Spätfolgen des europäischen Kolonialismus, Imperialismus und Missionarismus erleben. Fast alle Länder sind französische Kolonie, und der christlichen „Mohammedanermission“ ist breiter Entfaltungsraum eingeräumt. Christlicheuropäisches und kolonialimperiales Überlegenheitsgefühl führten zu der Vorstellung, der Islam sei im „Verfall“ begriffen und dabei, durch das Christentum vollständig ersetzt zu werden.

– Im selben Jahr 1910 lebt der aus Frankreich stammende Mönch Charles de Foucault schon fünf Jahre in Nordafrika, vornehmlich in Tamranrasset in der algerischen Sahara, von nichts als dem Gedanken durchdrungen, durch sein persönliches Lebenszeugnis in Armut die Muslime (konkret in Gestalt der Tuarek) zu Christus zu bekehren;

– Im selben Jahr 1910 erscheint im Schwarzwaldstädtchen Calw das Buch des Missionars Johannes Hesse unter dem Titel „Vom Segensgang der Bibel durch die Heidenwelt“. Es ist der Vater von Hermann Hesse. Er hatte im Auftrag der Basler Missionsgesellschaft lange Jahre in Indien gewirkt und ist nun publizistisch in Missionspropaganda tätig. 1911 wird sein Sohn Hermann Hesse zu seiner Reise nach Indonesien und Ceylon aufbrechen. 1910 konnte man in Hesses missionstheologischem Propagandabuch über den Islam lesen:

„Finster ist es überall, wo der Herr Jesus noch nicht seinen Einzug gehalten hat, und ganz besonders finster da, wo man einen anderen höher stellt als Ihn, den eingeborenen Sohn Gottes. Dieser andere ist in vielen Ländern Asiens und Afrikas der falsche Prophet Mohammed. Wo der herrscht, da ist das Evangelium so gut wie ausgeschlossen, und dringt dennoch ein Strahl des Lichtes ein, so gibt es Verfolgungen.“

Und Rilke? Reisen bedeutet für ihn die Suche nach neuen sinnlichen Erfahrungen, nach einer neuen Sprache, einer neuen Ausdruckskraft. Landschaften und Städte als ästhetischsinnliche Einheit kann er wie kaum ein anderer Schriftsteller beschreiben. Bei seiner ersten Orientreise 1910/11 ist dies nicht anders. Vor allem das Museum in Kairo und die riesigen Tempelanlagen von Karnak sind für Rilke unvergessene und überwältigende Eindrücke. Dies alles kann uns hier nicht weiter beschäftigen. Für unser Thema entscheidend ist: Schon in der allerersten Briefäußerung Rilkes auf der Orient-Reise ist auch vom Islam die Rede. AM 26. November 1910 schreibt Rilke aus Algier an seine Frau Clara:

„Algier ist zu großem Teil eine französische Stadt, aber ein Stück Hang, an dem die alten türkischen, maurischen und arabischen Häuser stehen, hängt noch unter sich und mit Himmel und Ausblick großartig und angeboren zusammen; dort ist das Dasein aus Tausendundeiner Nacht, Bettler und Lastträger gehen wie in Schicksalen umher, Allah ist groß, und es ist keine Macht außer seiner Macht in der Luft.“

Gut vier Wochen später ist Rilke in Kairouan, südlich von Tunis. Er weiß, dass er hier eine der heiligsten Stätten des Islams besucht. Unter den zahlreichen Moscheen in der ummauerten Altstadt ragt die Sidi-Moschee als die berühmteste hervor. Kairouan ist eine arabische Neugründung schon aus dem Jahre 671 n.Chr., entstanden im Zuge der ersten muslimischen Eroberung von Nordafrika.

Im 9. Jahrhundert mit prachtvollen Bauwerken ausgestattet, ist der Ort bis heute wegen seiner Teppichweberei sowie seiner Kupfer- und Lederarbeiten berühmt, ein wichtiger Marktort, ein Anziehungspunkt für Fremde, ein großer Wallfahrtsort für Muslime. An Clara Rilke am 21. Dezember 1910:

„Ich bin für einen Tag herübergefahren in die ‘heilige Stadt’ Kairouan, nächst Mekka der große Pilgerort des Islam, den Sidi Okba, ein Gefährte des Propheten, aufgerichtet hat in den großen Ebenen und der sich aus seinen Zerstörungen immer wieder erhoben hat um die ungeheure Moschee herum, in der Hunderte von Säulen aus Karthago und allen römischen Küstenkolonieen zusammengekommen sind, um die dunklen zedernen Decken zu tragen und die weißen Kuppeln zu unterstützen, die heute so blendend vor den grauen, nur da und dort aufreißenden Himmeln stehen, aus denen der Regen fällt, nach dem man seit drei Tagen geschrieen hat. Wie eine Vision liegt die flache weiße Stadt da in ihren rundzinnigen Wällen, mit nichts als Ebene und Gräbern um sich, wie belagert von ihren Toten, die überall vor den Mauern liegen und sich nicht rühren und immer mehr werden. Wunderbar empfindet man hier die Einfachheit und Lebendigkeit dieser Religion, der Prophet ist wie gestern, und die Stadt ist sein wie ein Reich...“ (Briefe aus den Jahren 1907-1914, S. 118f.)

Religionserlebnis ist auch hier, wie oft bei Rilke, Raumerlebnis. Die „ungeheure Moschee“ gibt ihm ein Bewußtsein von der Ungeheuerlichkeit der Anwesenheit Gottes im Raum. Alles wird als lebendig wahrgenommen und als stimmig erlebt: die Moschee und der Raumkontext, der zu ihr paßt. Leben und Tod gehen zusammen: die Moschee ist zugleich Friedhof, und der Friedhof ist Teil der Moschee.

Die Ursprünglichkeit und Elementarität des Islam wird sinnlich erlebt. Von „Verfall“ dieser Religion keine Rede. Die Schlüsselaussagen des Reisenden sind frei von jeglichem christlich-eurozentrischen Überlegenheitsgefühl:

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2025
Hacim:
28 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783831256617
Telif hakkı:
Bookwire
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