Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Am Stillen Ozean», sayfa 19

Yazı tipi:

Uebrigens war das Leben und Treiben des Ortes nicht bloß ein rein religiöses. Es hatten sich chinesische Krämer und Geldwechsler eingefunden, und ich erblickte auch einige Theezelte, von denen ich eines sofort in Verdacht nahm, daß man da auch für gutes Geld eine Pfeife Opium haben könne.

Ich war nicht im Besitze eines Zeltes, da mein Ausflug kein langer sein sollte; ich wohnte vielmehr mit Schangü zusammen. Nachdem wir uns von dem Ritte ein wenig ausgeruht und dann die Andachtsübungen zunächst von weitem beobachtet hatten, traten wir in eines der Theezelte, welches so überfüllt von Menschen war, wie man es auf deutschen Jahrmärkten und Vogelschießen zu sehen bekommt. Wir setzten uns auf eine der erhöhten Matten und tranken einen Tscha, der allerdings besser, aber auch teurer war, als Ziegelthee.

Da drangen Laute an mein Ohr, die mich vor Ueberraschung beinahe zusammenzucken ließen. Es waren russische Worte, grad hinter meinem Rücken gesprochen, wo sich zwei Männer niedergesetzt hatten, die erst nach uns angekommen waren:

»Sprich polnisch! Es giebt Chinesen und Mongolen, welche droben an der Grenze gewesen sind und daher ein wenig Russisch verstehen. Wer aus den Bergwerken entsprungen ist, kann nicht vorsichtig genug sein.«

»Das wird bald sein Ende haben. Was wir ausstanden, ist geradezu unmenschlich, aber der Gedanke, auf den dieser Mieloslaw geriet, ist wirklich großartig. Die Not wird ein Ende haben, und sind wir einmal in Kai-tscheu oder Kintscheu, so sind wir geborgen und kommen dann leicht nach Australien oder Amerika.«

»Wo hat er denn das Mongolische her, welches er beinahe fließend spricht?«

»Er gab den Kindern des Aufsehers Unterricht und fand da eine Grammatik, die er benutzte. Weißt du, daß gestern der Alte da oben wieder wenigstens acht blanke Barren hinaufbekommen hat? Für uns grade ein Stück pro Mann. Beim ersten völlig dunklen Abend wird das Geschäft gemacht. Um Pferde brauchen wir uns nicht zu sorgen; Lebensmittel giebt es auch genug, und so müßte es geradezu eine Unmöglichkeit geben, wenn wir nicht als reiche Leute die See erreichen sollten. «

Schangü wollte das Zelt verlassen, und ich widersetzte mich dem nicht, denn ich hatte genug gehört. Blieb ich länger, so war es möglich, daß sie mir in das Gesicht sehen und erraten konnten, daß ich kein Mongole sei. Daher erhob ich mich und verließ mit dem Lama das Zelt, warf aber vorher noch einen halben Blick auf die beiden Männer, um mir ihre Physiognomie einzuprägen.

Draußen fragte ich den ersten uns Begegnenden, wo das Zelt der Oro sei.

»Dort steht es. Sie kamen arm hierher. Sie hatten kein Zelt, und der Heilige hat es ihnen geschenkt, weil sie seine Schabi geworden sind.«

Ich hatte nach dem Zelte nur gefragt, um es umgehen zu können, damit ich von den Bewohnern desselben nicht bemerkt würde, und ging nun mit einem Lama vor das Lager, um mir das Treiben der Gläubigen in der Nähe zu besehen.

Wir gelangten zu der Formel, auf welcher sich die Leute Schritt um Schritt zur Erde warfen. Einer von ihnen fiel mir durch die ungemeine Last der Bücher auf, welche er mit sich schleppte. Er drehte mir den Rücken zu, hatte aber jetzt eine enge Krümmung zu beschreiben und wandte mir nun sein Gesicht zu. Es war – der Schriftsetzer alias Herr Assessor.

Auch er hatte aufgeblickt. Sein Blick streifte mein Gesicht und leuchtete erschrocken auf. Denn auch er erkannte mich und that vor Schreck unwillkürlich einen Schritt aus der Formel heraus.

Dies machte nach der buddhistischen Ordnung seine ganze bisherige Mühe erfolglos. Er mußte austreten, ging zu einem der die Aufsicht führenden Lamas und gab seine Bücher ab. Dann verbarg er sich schleunigst in der Menge der umherstehenden Menschen.

Wären wir an einem Orte gewesen, an welchem sich ein russischer oder wenigstens europäischer Konsul befunden hätte, so hätte ich sofort Anzeige gemacht. Was aber sollte ich hier thun? Die Entsprungenen galten als Gläubige; bei den Lamas eine Anzeige ohne Beweise vorzubringen, hätte mir jedenfalls nur geschadet, und so beschloß ich, zu warten, bis mir diese Beweise in die Hände kommen würden. Aber Schangü durfte ich eine Mitteilung machen:

»Ich habe die Oro gesehen,« sagte ich ihm.

»Wo?«

»Vorhin zwei in dem Zelte, und jetzt einen hier. Es war jener, welcher die Bücher abgeben mußte. Sie glauben nicht an den Heiligen.«

»Woher weißt du das?«

»Ich hörte sie sprechen. Sie wollten in einer dunklen Nacht hinaufklettern und ihm seine Schätze nehmen.«

Er erschrak und fragte schnell:

»Sagten sie dies?«

»Ja. Es sind Diebe und Mörder, die aus den Bergwerken der Oro entsprungen sind.«

»So müssen wir es schnell den Lamas melden!«

»Kannst du ihnen die Wahrheit dessen, was ich sage, beweisen?«

»Nein.« »So warte, bis du es kannst.« »Nein; ich werde es thun. Komm!« »Du wirst warten!«

»Ich warte nicht, denn sie würden den Heiligen ermorden. Sieh diesen Kuang-fu! Es ist der Beamte, welchen der Kaiser gesandt hat, die Ordnung zu überwachen und für die Sicherheit zu sorgen, das erkennst du an seinem Knopfe. Ich wußte nicht, daß ein solcher da ist; nun aber können die Lamas ohne ihn nichts thun.«

Er ließ sich nicht halten und eilte auf den Mandarin zu. Dieser hörte ihn ruhig an und winkte mich dann zu sich. Zwei Pings, die ihm gefolgt waren, standen in der Nähe.

»Du bist ein Oro?« fragte er mich mit strenger Miene.

»Nein,« antwortete ich erstaunt.

»Folgt mir beide!«

Er wandte sich; die beiden Polizeisoldaten nahmen uns in die Mitte und führten uns hinter ihm her nach einem Zelte, an dessen Thür der kaiserliche Drache gemalt war. Dort winkte er, uns zu setzen.

»Du bist ein Oro, der aus den Bergwerken entsprungen ist, und du bist ein verkleideter Lama, der ihm geholfen hat. Soeben wurde mir diese Anzeige gemacht. Ich werde diese Sache untersuchen, sobald ich zurückkehre. Ihr aber bleibt hier sitzen, denn diese beiden Soldaten werden euch töten, wenn ihr versucht, euch zu entfernen.«

Er verließ das Zelt, ohne uns Zeit zu einem Einwande zu geben. Ich ahnte natürlich Sofort, daß dieser Schachzug von Mieloslaw gethan worden sei, und beschloß, mich in Geduld zu fassen.

Wir warteten wohl zwei Stunden vergeblich, dann erfuhren wir, daß der Kuang-fu von den Oro eingeladen sei und erst spät zurückkehren werde.

Ihr Entschluß war sehr leicht zu erraten. Es war längst Abend geworden, und die Gläubigen hatten sich jedenfalls von dem Berge zurückgezogen.

»Wann kommt der Kuang-fu?« fragte ich.

»Wer weiß es!« antworteten die Soldaten.

»So – — – » Ich hielt mit einer beabsichtigten Drohung inne, denn es erscholl ein schriller Schrei wie hoch aus der Luft, den man im ganzen Lager hören konnte. Nach einer Weile folgte ihm ein zweiter, und draußen erhob sich ein Rennen, Laufen und Schreien, daß die beiden Soldaten nachsahen, was es gäbe. Sie kamen nicht wieder herein.

Nun traten auch wir hinaus und sahen, daß sie fort waren.

Vom heiligen Berge her ertönte ein entsetzlicher Lärm. Schangü eilte davon, ich aber lief zunächst nach dem Zelte der Russen.

Im Innern desselben war es ganz dunkel; ein menschlicher Körper lag hier schnarchend am Boden, und ein unverkennbarer, scharfer Geruch sagte mir, daß der Mann im Opiumrausche liege. Es war der Mandarin.

Jetzt ging auch ich hinaus nach dem Berge. Ich konnte nicht bis an die Seile kommen, aber ich hörte, daß der Heilige einen Menschen aus der Höhle gestürzt habe, welcher ihn berauben wollte. Andere Männer hätten auch an den Seilen gehangen, wären aber auf seinen Schrei entflohen.

Ein anderer wußte bereits, daß der Herabgestürzte einer der Oro sei. Der Sturz aus solcher Höhe hatte seinen Leib vollständig zerschmettert.

Kaum eine Minute später kam eine neue Kunde. Es waren sieben Pferde gestohlen, und es fehlten die sieben anderen Russen. Im Nu zerteilte sich die Menge. Der Mongole kennt kein größeres Gaudium, als einem Pferdediebe nachzujagen. Alles eilte daher nach den Pferden, und während einige emporkletternde Lamas sich um ihren Heiligen bekümmerten, nahm ich mir Zeit, den Toten zu betrachten.

Ich erkannte ihn beim Scheine der kleinen Argolflamme, welche angezündet wurde. Es war der Assessor. Er hatte Gott gespottet und sich zum Om, mani padme hum bekannt. Die Höhle da oben führte den Namen Padma, die Lotosblume – er ging vom Kreuze zur Padma und von der Padma in den Tod. Es giebt eine Gerechtigkeit, die über alles menschliche Wollen und Können erhaben ist!

Am andern Tage kehrten nach und nach die Reiter zurück. Hie und da brachte einer eines der geraubten Pferde; von den Räubern aber sprach keiner ein Wort; ich wenigstens konnte nicht erfahren, was mit ihnen geschehen ist. – — —

Der Girl-Robber

Eine Menschenjagd

Ich war mit einem Steamer der Peninsular – and Oriental-Company von Suez nach Ceylon gekommen und in Point de Galle gelandet. Mein Aufenthalt hier sollte ein nur kurzer sein, denn das Ziel meiner Reise war Bombay, von wo aus ich dann Vorderindien kennen lernen wollte. Verschiedene Umstände jedoch bewirkten, daß ich länger blieb, was ich sehr wohl thun konnte, da ich vollständig Herr meiner Zeit und Bestimmung war.

Wer – ausgedorrt durch die glühende Hitze des arabischen Meeres – ein Land von der Beschaffenheit der Insel Ceylon betritt, fühlt sich von körperlichen und geistigen Rücksichten so gefesselt, daß es ihm schwer wird, es in Kürze wieder zu verlassen. Die großartige Natur der Insel fordert unbedingt den Wissensdurst heraus, und ihre ethnographischen Verhältnisse sind so interessant, daß man sich unwillkürlich zu längeren Studien veranlaßt fühlt.

Jetzt stand ich auf dem Leuchttürme von Point de Galle, versunken in dem Genusse des herrlichen Panoramas, welches sich unten zu meinen Füßen ausbreitete.

In dem Hafen lag eine Menge Fahrzeuge vor Anker; ein – und auslaufende Schiffe belebten die Scene; es waren unter ihnen alle Gattungen und Größen vom prachtvollsten, gigantischen europäischen Dampfer bis herunter zur erbärmlichen chinesischen Dschonke und zu dem eigentümlich gebauten singhalesischen Landungsboote vertreten. Schwedische und dänische Thranschiffe, vom Walfischfange aus dem südlichen Polarmeere kommend, schwere holländische Dreimaster mit hoher, altmodischer Gallione, englische Marinefahrzeuge und Kauffahrer, leichte französische Vaisseaux und schlanke Amerikaner, scharf auf den Kiel gebaut und mit einer Takelage versehen, die eine Gewandtheit in der Manövrierkunst erfordert, welche dem kühnen und dabei kaltblütigen Yankee eigentümlich ist, kamen und gingen oder ritten, sich leicht von Bord zu Bord neigend, auf ihren aus unzerbrechlichem englischen Stahl gefertigten Ankerketten. Daran schloß sich ein reichbelebtes Ufer, dessen Scenerie allerdings geeignet war, die Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

Kleine Felseninseln, von Kokospalmen und Pandanen bestanden, ragten aus den schimmernden, in ewiger Bewegung wallenden Fluten empor. Zwischen ihnen zogen sich zahlreiche Korallengärten hin, von schmalen Wasserarmen getrennt, in deren durchsichtigen Wellen rote und blaue Fische schwammen; gefräßige Haie zerrten nahe am Ufer an dem Kadaver eines toten Hundes; aufgebrochene Muscheln glänzten im nassen Sande, und vielgliederige Krabben krochen die Steilung der Felsen hinan.

Die Häuser und Hütten der Stadt hatten sich schalkhaft unter den Kronen der Palmen und Fruchtbäume versteckt, und wo die reinlichen Straßen offen vor dem Blicke lagen, da war eine reiche Menge von Lebenserscheinungen zu erkennen: weidende Zebuochsen, am Kanalbaue beschäftigte Elefanten, deren Klugheit und Stärke zwanzig menschliche Arme ersetzte, schwarze Schildwachen, promenierende Ladies, durchsichtig weiße Kinder englischer Eltern mit kleinen, beweglichen französischen Bonnen oder hageren Londoner Governessen und braunen, eingeborenen Ammen, tabakrauchende singhalesische Mädchen und Knaben, behäbig und stolz einherschreitende Muselmänner, schachernde Juden, mit allen denkbaren und scheinbar wertlosen Kleinigkeiten behangen, bezopfte Malaylas, Betel kauende Ratschputen, Buddhapriester in ihrem langen, schwefelgelben Gewande mit nackt abgeschorenem Kopf und Bart, englische Midshipmen in roter Jacke, laut mit dem schweren Säbel rasselnd, malerisch schöne Hindumädchen: Nase, Stirn, Ohren, Arme und Beine mit Korallen oder Gold und Edelsteinen behangen.

Ueber dem allen lag der bezaubernde Duft des Südens ausgegossen. Die Sonne schickte sich an, in die Wogen des Meeres zu steigen, und warf ihre Reflexe vom tiefsten, gesättigten Purpur bis zum leuchtendsten Flammengold über die rastlos sich neu gestaltende Fläche der wogenden See. Es war ein Anblick, in den man sich stundenlang versenken konnte, ohne seiner müde zu werden.

Neben mir lehnte Sir John Raffley. Er bemerkte von alledem, was ich sah, nicht das Geringste. Die herrlichen Tinten, in denen der Himmel flimmerte und glühte, das strahlendurchblitzte Krystall der See, der erquickende Balsam der sich abkühlenden Lüfte und die bunte, interessante Bewegung auf dem vor uns liegenden Fleckchen der schönen Gotteswelt, sie gingen ihm verloren; sie waren ihm im höchsten Grade gleichgültig; sie durften es nicht wagen, seine Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen. Und warum? Wunderbare und ganz überflüssige Frage! Was war denn eigentlich dieses Ceylon in seinen Augen? Ein Eiland, eine Insel mit einigen Menschen, einigen Tieren und einigen Pflanzen darauf und rund herum von Wasser umgeben, welches nicht einmal zum Waschen oder zur Bereitung einer Tasse Thees geeignet ist. Was ist das weiter! Etwas Sehenswertes oder gar Wunderbares gewiß nicht! Was ist Point de Galle gegen Hull, Plymouth, Portsmouth,

Southampton oder gar London; was ist der Gouverneur zu Colombo gegen die Königin Viktoria von Altengland, Irland und Schottland; was ist Ceylon gegen Großbritannien und seine Kolonien; was ist überhaupt die ganze Welt gegen Raffley-Castle, wo Sir John geboren worden ist?!

Der gute, ehrenwerte Sir John war ein Engländer im Superlativ. Besitzer eines unermeßlichen Vermögens, hatte er noch nie daran gedacht, sich zu verehelichen, und war einer jener zugeknöpften, schweigsamen Englishmen, welche alle Winkel der Erde durchstöbern, selbst die entferntesten Länder unsicher machen, die größten Gefahren und gewagtesten Abenteuer mit unendlichem Gleichmute bestehen und endlich müde und übersättigt die Heimat wieder aufsuchen, um als Mitglied irgend eines berühmten Reiseklubs einsilbige Bemerkungen über die gehabten Erlebnisse machen zu dürfen. Er hatte den Spleen in der Weise, daß seine lange, knochige Gestalt nur in seltenen Augenblicken einen kleinen Anflug von Genießbarkeit zeigte, besaß aber doch ein gutes Herz, welches immer bereit war, die großen und kleinen Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen. Eine innere Erregung schien bei ihm gar nicht denkbar, und er zeigte nur dann eine lebhaftere Beweglichkeit, wann er auf eine Gelegenheit stieß, eine Wette einzugehen. Die Wettsucht nämlich war seine einzige Leidenschaft, wenn bei ihm von Leidenschaft überhaupt die Rede sein konnte, und es wäre wirklich gradezu ein Wunder gewesen, hätte er eine solche Gelegenheit versäumt. Meine Leser werden sich erinnern, daß ich noch andere Inglishmen kennen gelernt habe, welche ebenso wie er an dieser Wettsucht litten.

Nachdem er aller Herren Länder kennen gelernt hatte, war er zuletzt nach Indien gekommen, dessen General-Gouverneur ein Verwandter von ihm war, hatte es in den verschiedensten Richtungen durchstreift, war auch schon einige Male auf Ceylon gewesen und im Auftrage des Gouverneurs jetzt wieder hergekommen, um sich wichtiger Botschaften an den Statthalter zu entledigen. Ich hatte ihn im Hotel Madras kennen gelernt und mich ihm angeschlossen, weil seine Erfahrungen und Konnexionen mir von großem Nutzen sein konnten. Die Vertretung Deutschlands war damals keine so kräftige und imponierende wie jetzt, besonders in jenen fernen Ländern, und der Anschluß an einen Engländer, dessen Regierung die ihr Angehörigen allerorts nachdrücklich zu schützen wußte, also nur vorteilhaft zu nennen. Wir hatten uns nach und nach auch geistig zusammengefunden, und obgleich er mich niemals auch nur zur kleinsten Wette vermocht hatte, war ich ihm doch so lieb und befreundet geworden, daß er trotz seiner sonstigen Unnahbarkeit eine wahrhaft brüderliche Zuneigung für mich an den Tag legte.

Also jetzt lehnte er, völlig unberührt von den uns umgebenden Naturreizen, in denen ich sozusagen schwelgte, neben mir und beschielte den goldenen Klemmer, welcher ihm vorn auf der äußersten Nasenspitze saß, mit einer Beharrlichkeit, als wolle er an dem Sehinstrumente irgend eine wichtige welterschütternde Entdeckung machen. Neben ihm lehnte sein Regen – und Sonnenschirm, welcher so kunstvoll zusammengesetzt war, daß er ihn als Stock, Degen, Sessel, Tabakspfeife und Fernrohr benutzen konnte. Dieses Unikum war ihm von dem Traveller-Club, London, Near-Street 47, als Souvenir verehrt worden; er trennte sich niemals, weder bei Tage noch bei Nacht, von demselben und hätte es um alle Schätze der Welt nicht von sich gegeben. Diese Chair-and-umbrella-pipe, wie er es nannte, war ihm beinahe so lieb wie seine prachtvoll eingerichtete und pfeilschnelle kleine Dampfjacht, welche unten im Hafen vor Anker lag, und die er sich für seinen persönlichen Gebrauch auf den Werften von Greenock am Clyde, den in aller Welt berühmten Schiffsbauwerkstätten, hatte bauen lassen, weil er stets auf eigenen Füßen stehen und von dem Befehle eines Kapitäns nicht abhängig sein wollte.

Während mein Auge nach unten schweifte, fiel mir ein Zug eingeborener Soldaten auf, welcher sich einem weit in die See hinausragenden Felsen näherte. Voran schritt, von zwei Bewaffneten sorgfältig bewacht, ein an den Händen gefesselter Mann, welcher seiner Kleidung nach ein Singhalese sein mußte. Jedenfalls lag hier eine Exekution vor, und da ich das lebhafte Interesse, welches mein Gefährte für dergleichen Vorkommnisse hegte, gar wohl kannte, so machte ich den Versuch, ihn aus seiner welterschütternden Betrachtung aufzustören.

»Sir John Raffley!«

Er antwortete nicht.

»Sir John Raffley!« rief ich mit erhöhter Stimme.

»Yes!« antwortete er jetzt, natürlich ohne von dem goldenen Gestelle seiner Brille aufzublicken.

»Wollt Ihr nicht einmal dort hinüberschauen, Sir?« »Warum?« »Ich glaube, es wird einer in das Wasser geworfen!«

»Einer? Was für einer? Ein Hund? Ein Pferd? Ein Mensch?«

»Ein Mensch, Sir John!« »Well! So laßt ihn ruhig ersaufen, Charley!«

Er studierte mit unverändertem Eifer an seinem Klemmer weiter. Der Zug war auf der Höhe des Felsens angekommen und machte dort Halt. Die Soldaten schlossen einen Kreis um den Gefesselten.

Ich möchte doch wissen, was der arme Teufel verbrochen hat,« bemerkte ich, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Hat er Euch etwas gethan?« »Nein.« »Good God, so laßt ihn also doch ersaufen, Charley!«

»Aber es sind ihm die beiden Arme zusammengeschnürt!« Jetzt hatte ich das Richtige getroffen, um seine Teilnahme zu erregen. Jeder, auch der kleinste unnötige Eingriff in die persönliche Freiheit eines Menschen war ihm verhaßt.

»Gefesselt ist er? Zounds, das ist grausam, das ist feig, das ist gemein, das ist elend! Das würde man in Altengland nicht thun!«

»Ihr habt sehr recht. Der Brite ist in jeder Beziehung nobel. Wenn er einen hängt, so läßt er ihn wenigstens mit freien Gliedern sterben. Die Barbarei freilich kennt solche menschliche Rücksichten nicht. Seht nur, welche Menge von Wächtern den armen Kerl begleitet!«

»Wo ist es, Charley?« »Da drüben auf der Felsenzunge.«

Er warf jetzt wirklich einen Blick hinüber nach dem Orte, den ihm meine ausgestreckte Hand bezeichnete. Ich erwartete immer noch eine seiner gleichgültigen Bemerkungen, hatte mich aber dieses Mal getäuscht, denn seine Rechte fuhr empor, um den Klemmer näher an das Auge zu bringen und durch diese Manipulationen dem Gesichte die nötige Schärfe zu geben.

»Heigh-ho, ist’s möglich!«

»Was?«

»Daß es Kaladi ist!«

»Kaladi? Wer ist das, Sir John!«

»Das sollt Ihr später erfahren. Ich muß mich überzeugen!«

Er ergriff seinen Schirm, spannte dessen weißgraues Dach auf, drehte an einigen Schrauben des hohlen Doppelstockes und suchte durch das jetzt entstandene Fernrohr den Punkt, auf welchem die Exekution vor sich gehen sollte.

»Wollen wir wetten, Charley?« fragte er nach einer Pause, während welcher seine Mienen eine immer größer werdende Spannung angenommen hatten.

»Worüber?«

»Daß sich dieser Mann nicht ertränken läßt?«

»Ah!«

»Nicht wahr, das klingt unmöglich? Und doch setze ich hundert Sovereigns!«

»Gegen wen?«

»Gegen Euch natürlich!«

»Ihr wißt, Sir, daß ich nicht wette.«

»Well, das ist wahr. Ihr seid ein prächtiger Kerl, Charley, aber bis zum vollkommenen Gentleman habt Ihr es noch nicht gebracht, sonst würdet Ihr Euch nicht beständig weigern, einmal einen guten Einsatz anzunehmen. Dennoch aber werde ich Euch beweisen, daß ich die Wette gewinnen würde!«

Er steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen scharfen, durchdringenden Pfiff erschallen, welcher weithin zu vernehmen war. Auch der Verurteilte hörte ihn. Kannte er dieses Signal des Engländers? Mit einer raschen Bewegung hob er den tief gesenkten Kopf und blickte zum Leuchtturme empor. Raffley stieß einen zweiten Pfiff aus und schwenkte den Schirm in der Luft.

Die Wirkung war eine augenblickliche und überraschende. Der zu dem Tode des Ertrinkens Verurteilte schnellte sich ganz unerwartet durch den Kreis der ihn umstehenden Soldaten bis an den Rand der Klippe und stürzte sich kopfüber in die Fluten des Meeres hinab.

»Seht Ihr es, Charley,« sagte John Raffley, »daß ich gewinnen würde?«

»Ich sehe es noch nicht; der Mann hat sich ja selbst ertränkt!«

»Sich ertränkt? Seid Ihr bei Sinnen?«

»Nun, was anders?«

»Was anders? Well, Ihr werdet es gleich sehen! Behold, da taucht er aus den Wogen auf. Nun, Charley, was sagt Ihr jetzt?«

»Bei Gott, er lebt! Der Kerl schwimmt ja trotz seiner gefesselten Hände wie ein Fisch!«

»Wie ein Fisch? Pshaw, das ist noch zu wenig; wie ein Hummer wollt Ihr sagen! Es ist Kaladi, mein früherer Diener, der beste Taucher und Schwimmer im ganzen Bereiche dieser tristen und langweiligen Insel, was aber der brave Mudellier, der ihn verurteilt hat, nicht zu wissen scheint.«

»Der Mann war Euer Diener? Drum kennt er Euern Pfiff!«

»So ist es. Er muß übrigens etwas verteufelt Schlimmes begangen haben, denn diese Distriktsverwalter lassen jeden Eingeborenen durchschlüpfen, wenn es nur irgend möglich ist; sie sind ja selbst ausschließlich Singhalesen. Seht, die gebundenen Arme genieren ihn nicht im geringsten, weil er auf dem Rücken schwimmt. Er kommt grad auf den Leuchtturm zu!«

Der sonst so wortkarge Mann war mit einemmale ganz außerordentlich lebendig geworden. Er verfolgte jede Bewegung des Schwimmenden mit ungewöhnlicher Spannung, focht mit den Händen hin und her, als könne er ihm dadurch behilflich sein, und machte mir dabei die notwendig scheinenden Erklärungen.

»Wie er stößt; wie schnell er vorwärts kommt! Er wird von dem Volke verfolgt, der Teufel hole es! Aber ehe die Soldaten den Umweg von der Klippe nach dem Leuchtturme gemacht haben, ist er längst hier angekommen. Ich kenne ihn. Wir sind im vorigen Frühjahre miteinander über den Kalina-Ganga, über den Kalu-Ganga und sogar über den reißenden, hoch angeschwollenen Mehavella-Ganga geschwommen.«

»Was war er denn, bevor er in Eure Dienste trat?«

»Er war der geschickteste Perlfischer auf den Bänken von Negombo und ist nur mir zuliebe mit in das Innere des Landes gegangen. Ich erkannte ihn gleich und werde ihn retten.«

»Auf welche Weise? Wenn er wirklich ein schweres Verbrechen begangen hat, wird das unmöglich sein.«

»Unmöglich? Ihr kennt dieses verrückte Land und dieses noch viel verrücktere Volk noch nicht, Charley. Ich bin Sir John Raffley aus Raffley-Castle in Altengland und will den Mudellier sehen, der es wagt, mit mir zu rechten! Da, jetzt hat er das Ufer erreicht. Es ist ein Glück, daß kein Haifisch mehr in der Nähe war, sonst hätte er wegen der gefesselten Arme einen schweren Stand gehabt. Kommt, Charley, wir gehen ihm entgegen! Er hat mich erkannt und kommt herbeigelaufen.«

Es war so. Kaladi war an das Land gestiegen und kam zu der Plattform, auf welcher sich die schlanke Säule des eisernen Turmes erhob, eiligen Laufes heraufgesprungen. Wir stiegen schnell die Treppe hinab und stießen unten an der Thür mit ihm zusammen.

»Wischnu segne Euch, Sihdi,« grüßte er atemlos. »Ich war dem Tode nahe. Sie wollten mir noch die Beine fesseln und die Augen verbinden. Ihr aber seid ein Radscha, ein Herr, ein Maharadscha, ein großer und gewaltiger Herr, und werdet Kaladi, Euren treuen Diener, retten?«

»Well, das werde ich thun,« antwortete Raffley, indem er sein Messer hervorzog und die Baststricke, mit denen der Singhalese gebunden war, durchschnitt. »Was hast du verbrochen?«

»O nichts, nichts, Sihdi, fast gar nichts. Mein Kris war scharf und spitz, sehr scharf und spitz, und ist einem ein wenig zu tief in das Herz gefahren.«

»Murderer! Alle Wetter, Mensch, das ist schon etwas mehr als nichts! Hast du ihn getötet?«

»Ja, ein wenig.«

»Was war er?«

»Ein Chinese.«

»Ein Chinese nur? Das ist gut! Was hat er dir denn gethan, daß du nach dem Dolche griffest?«

»Er kam und wollte mir Molama, die Blume und das Glück meines Lebens, rauben.«

»Fudge! Das Glück deines Lebens! Dummheit! Unter hundert Albernheiten, welche ihr Menschen begeht, sind neunundneunzig Male diese verwünschten Frauenzimmer schuld. Die Liebe ist die ärgste Monomanie, welche ich kenne, und hat schon Millionen um den Verstand gebracht. Aber ich hoffe, daß dich das Bad abgekühlt hat. Du kennst das Hotel Madras?«

»Wie sollte ich nicht, Sihdi! Ihr habt ja zweimal daselbst gewohnt, wo ich mit Euch gewesen bin!«

»Ich wohne jetzt wieder da. Hier kommen schon deine Verfolger. Verbirg dich jetzt; in einer Stunde suchst du mich wieder auf!«

»O gütiger Herr, wie soll ich Euch danken? Ich habe mein Leben wieder und darf Molama, den Trost meiner Augen, sehen. Wischnu, der Allgütige, möge Euch dafür belohnen!«

»Cheer up, Schlingel, sonst fangen sie dich noch!«

Kaladi sprang auf der andern Seite der Plattform hinab und war im nächsten Augenblick hinter dem dort wuchernden Bambusdickicht verschwunden.

Es war die höchste Zeit gewesen, denn die Soldaten befanden sich bereits in der Nähe, und eine Menge Volkes, welches auf den ungewöhnlichen Vorgang aufmerksam geworden war, kam herbeigelaufen. Ich war einigermaßen besorgt über den Verlauf, den die Sache nehmen werde. Raffley aber trat den Verfolgern, deren Anführer uns erreicht hatte, mit seinem gewöhnlichen Gleichmute entgegen.

»Wo ist Kaladi, der uns entlaufen ist?« fragte der Erwähnte.

»Was willst du von ihm?«

Der Mann stutzte bei dem barschen, befehlshaberischen Tone dieser Gegenfrage, die er, der in seinem Rechte zu sein glaubte, jedenfalls nicht erwartet hatte.

»Ich will ihn wiederhaben.«

»So suche ihn!«

»Ihr wißt, wo er sich befindet.«

»Ah, meinst du?«

Der Klemmer ritt wieder vorn auf seiner Nasenspitze; John Raffley zupfte sich an den beiden Bartkoteletten und lachte in einer Weise, aus welcher sich deutlich ersehen ließ, daß ihm der Vorgang großes Vergnügen machte.

»Ja, Ihr wißt es, denn Ihr habt ihm gepfiffen und gewinkt und ihn zur Flucht verleitet.«

»Das ist wahr! Hast du etwas dagegen?«

»Ich muß Euch arretieren!«

Der gute John Raffley riß vor Vergnügen den Mund samt den Augen so weit auf, als es ging.

»Verhaften? Mich, einen Peer und Gentleman aus Altengland? Hier auf Ceylon in diesem Eidechsenneste? Mensch, du bist wahnsinnig, du bist vollständig übergeschnappt! Mach, daß du fortkommst! Kaladi gehört mir und ich thue mit ihm, was mir beliebt.«

»Er gehört Euch? Wie so?«

»Er ist mein Diener und thut alles, was er thut, auf meinen Befehl. Ohne meinen Willen darf ihm kein Mensch auch nur ein Haar krümmen, selbst der Mudellier nicht.«

»Wenn er Euer Diener ist, warum blieb er nicht bei Euch stehen, warum ging er da fort?«

»Ich schickte ihn fort, weil es mir so gefiel. Du aber gehst zum Mudellier und sagst ihm, daß ich mit ihm sprechen werde!«

»Ihr werdet nicht mit ihm sprechen, sondern er mit Euch.«

»Ah? Inwiefern?«

»Weil ich Euch verhaften und zu ihm führen werde. Den aber, welchen Ihr Euern Diener nennt, lasse ich verfolgen und werde ihn sicher fangen. Vorwärts, kommt mit mir!«

»Begone; mach, daß du fortkommst!«

»Wenn Ihr nicht gutwillig mitgeht, so werde ich Euch zwingen müssen!«

»Versuche es einmal, ob du es fertig bringst!«

Er zog, im höchsten Grade belustigt, ein Paar riesige Drehpistolen hervor. Ich folgte seinem Beispiele und griff zu meinem Revolver.

»Ihr wollt Euch wehren?« fragte der Ceylonese erschrocken.

»Nein, mein lieber Sohn. Wir wollen uns nicht wehren, sondern werden dich nur ein wenig erschießen, wenn es dir einfallen sollte, uns noch länger zu belästigen.«

Der Mann befand sich sichtlich in einer schauderhaften Verlegenheit. Die Pflicht stritt in ihm mit der Furcht, welche ihm unsere Waffen einflößten, doch schien die Furcht zu siegen.

»Wie sagtet Ihr, woher Ihr seid, Sihdi?«

»Aus England.«

»Aus Anglistan, wo die große Königin wohnt? Ist das wirklich wahr?«

»Wirklich!«

»Und Ihr werdet auch gewiß zum Mudellier gehen?«

»Gewiß.«

»Und Ihr werdet mich nicht betrügen?«

Raffleys Gesicht leuchtete förmlich vor Vergnügen. Er liebkoste seinen Bart in einer Weise, welche auf die beste Laune schließen ließ, und antwortete:

»Ich bin ein Maharadscha aus Anglistan, und dieser Sihdi hier ist ein noch viel größerer Maharadscha aus Germanistan. Wenn du es nicht glaubst, so werde ich es dir beweisen. Kannst du lesen?«

»Ja!« versicherte der Gefragte, obgleich er sicher keinen Buchstaben kannte. Er gab diese Antwort jedenfalls nur, um sich bei seinen Untergebenen in den gehörigen Respekt zu setzen.

Sir John griff in die Tasche und brachte ein zusammengefaltetes Papier hervor. Es war die Speisekarte, welche er vorher im Hotel Madras zu sich gesteckt hatte. »Hier, lies!«

Der Mann ergriff das Blatt, führte es respektvoll an die Stirne, betrachtete es dann mit ernster, wichtiger Kennermiene und bewegte dabei die Lippen, als ob er lese. Dann schlug er es höchst sorgfältig wieder zusammen, drückte es an die Brust und gab es zurück.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
570 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain