Kitabı oku: «Der Schatz im Silbersee», sayfa 14
Er blickte in der angegebenen Richtung durch das Fernrohr und fuhr schon nach kurzer Zeit fort: »Ganz richtig, dort sind sie! Sie haben einen Bogen geschlagen und kehren nun zu den Blessierten zurück. Es ist anzunehmen, daß – – «
Er hielt inne. Noch immer durch das Rohr sehend, hatte er demselben eine nördliche Richtung gegeben.
»Was ist‘s?« fragte die Dame. »Warum sprecht Ihr nicht weiter, Sir? Warum zeigt Ihr plötzlich ein so bedenkliches Gesicht?«
Er sah noch eine Weile durch das Rohr, setzte dasselbe dann ab und antwortete: »Weil jetzt wahrscheinlich etwas geschieht, was unsre Lage nicht zu verbessern geeignet ist.«
»Was meint Ihr? Was soll geschehen?« fragte sie in ängstlichem Tone.
Er überlegte, ob er ihr die Wahrheit sagen solle. Glücklicherweise wurde seiner Verlegenheit dadurch ein Ende gemacht, daß der Lord auf dem Dache erschien, um sich, zu erkundigen, ob die Tramps zu sehen seien. Dies benutzte Old Firehand, der Dame zu antworten: »Es ist nichts, was uns besonders Angst zu machen braucht, Mylady. Ihr könnt ohne Sorgen hinabgehen, um den Leuten, welche durstig sind, einen Trunk verabreichen zu lassen.«
Sie folgte beruhigt dieser Aufforderung, doch als sie verschwunden war, sagte der Jäger zu dem Lord, welcher sein Riesenteleskop mitgebracht hatte. »Ich hatte einen guten Grund, die Dame jetzt zu entfernen. Nehmt Euer Rohr zur Hand, Mylord, und schaut gerade westlich. Wer ist da zu sehen?«
Der Engländer folgte dieser Aufforderung und antwortete dann: »Die Tramps. Ich sehe sie deutlich. Sie kommen.«
»Kommen sie wirklich?«
»Natürlich. Was sollen sie sonst thun?«
»So scheint mein Rohr besser zu sein als das Eurige, obgleich es viel kleiner ist. Seht Ihr denn die Tramps in Bewegung?«
»Nein, sie halten.«
»Mit den Gesichtern wohin gewendet?«
»Nach Nord.«
»So folgt einmal mit dem Rohre dieser Richtung! Vielleicht seht Ihr dann, weshalb die Kerls angehalten haben.«
»Well, Sir, werde schauen!« Und nach einigen Augenblicken fuhr er fort: »Dort kommen drei Reiter, ohne die Tramps zu bemerken.«
»Reiter? Wirklich?«
»Yes! Doch nein; es scheint eine Lady dabei zu sein. Richtig, es ist eine Dame. Ich sehe das lange Reitkleid und den wehenden Schleier.«
»Und wißt Ihr, wer diese drei sind?«
»Nein. Wie könnte ich wissen – – heighho, es werden doch nicht etwa – —?«
»Allerdings,« nickte Old Firehand ernst. »Sie sind es; der Farmer und sein Bruder nebst dessen Tochter. Der Bote, den wir ihnen entgegenschickten, um sie zu warnen, hat sie nicht getroffen.«
Der Lord schob sein Rohr zusammen und rief: »So müssen wir schnell zu Pferde und hinaus, sonst fallen sie den Tramps in die Hände!«
Er wollte fort. Der Jäger hielt ihn beim Arme fest und sagte: »Bleibt, Sir, und macht keinen Lärm! Die Lady braucht jetzt nichts zu erfahren. Wir können weder warnen noch helfen, denn es ist bereits zu spät. Seht, seht!«
Der Lord setzte sein Rohr wieder an und sah, daß die Tramps sich in Bewegung setzten und den dreien im Galopp entgegenritten.
»All devils!« rief er aus. »Sie werden sie umbringen!«
»Fällt ihnen gar nicht ein! Diese Kerls kennen ihren Vorteil und werden ihn gehörig auszunutzen suchen. Welchen Gewinn könnten sie von dem Tode dieser drei Personen haben? Gar keinen. Sie würden dadurch ganz im Gegenteile nur erreichen, daß unser Verhalten sich verschärfte. Lassen sie dieselben aber leben, um sie als Geiseln zu benutzen, so können sie uns Zugeständnisse erpressen, zu denen wir uns sonst nicht verstehen würden. Paßt auf. Jetzt ist‘s geschehen. Die drei sind umringt. Wir konnten das nicht ändern. Erstens war die Zeit zu kurz, und zweitens sind wir im freien Felde gegen die Tramps selbst jetzt noch viel zu schwach.«
»Well, das ist richtig, Sir,« meinte der Lord. »Aber wehe den Halunken, wenn sie die Gefangenen nicht anständig behandeln! Und – wollen wir uns wirklich irgend welche Zugeständnisse erpressen lassen? Eigentlich müßte man sich schämen, mit solchen Menschen nur in Verhandlung zu treten!«
Old Firehand zuckte auf sehr eigentümliche Weise die Achsel, und ein selbstbewußtes, fast verächtliches Lächeln spielte um seine Lippen, als er antwortete: »Laßt mich nur machen, Sir! Ich habe noch nie etwas gethan, dessen ich mich schämen müßte. Und von Tramps, selbst wenn es tausend wären, läßt Old Firehand sich keine Befehle erteilen. Wenn ich Euch sage, daß die drei Personen, welche jetzt da draußen gefangen genommen worden sind, in keinerlei Gefahr schweben, so könnt Ihr meinen Worten glauben. Dennoch aber ersuche ich Euch, Ms. Butler nicht wissen zu lassen, was geschehen ist. Ich selbst hätte es im Augenblicke der Überraschung fast verraten, und doch kann es nichts nützen, sondern nur schaden, wenn sie es erfährt.«
»Soll es auch sonst niemand wissen?«
»Denjenigen, welche uns näher stehen, wollen wir es mitteilen, damit wenigstens sie wissen, woran wir sind. Wollt Ihr das übernehmen, so geht jetzt hinab zu ihnen, doch sollen sie es nicht weiter plaudern. Ich werde hier die Vagabunden weiter beobachten, und dann nach ihrem Verhalten meine Maßregeln treffen.«
Der Lord begab sich wieder in den Hof hinab, um das Geschehene den Betreffenden bekannt zu machen. Old Firehand richtete seine Aufmerksamkeit auf die Tramps, welche ihre drei Gefangenen in die Mitte genommen hatten und nach der mehrfach erwähnten Baumgruppe ritten, um dort anzuhalten. Sie stiegen daselbst von den Pferden und lagerten sich. Der Jäger sah, daß es eine sehr bewegte Unterhaltung oder Beratung zwischen ihnen gab. Er glaubte zu wissen, welches Resultat dieselbe haben werde, und dachte darüber nach, wie er sich zu demselben verhalten solle. In diesem Sinnen wurde er durch Droll gestört, welcher hastig heraufkam und in deutscher Sprache fragte: »Is es werklich wahr, was der Lord uns sage soll? Die zwee Herrn Butlers sind gefange genomme worde und das Fräulein noch derzu?«
»Allerdings,« nickte Old Firehand.
»Sollte mersch denke, daß so was möglich is. Nu werde de Tramps denke, daß se off‘n große Pferd sitze; se werde komme und große Forderunge mache. Und wir? Was werde wir daroff antworte?«
»Nun, was raten Sie?« fragte Old Firehand, indem er einen lustig forschenden Blick auf den Kleinen warf.
»Das könne Se noch frage!« antwortete dieser. »Nischt, gar nischt wird zugeschtande. Oder wolle Se etwa gar een Lösegeld gebe?«
»Sind wir nicht dazu gezwungen?«
»Nee und nee, und abermals nee! Diese Halunke könne gar nischt mache. Was wolle se thue? Etwa die Gefangene erschlage? Das wird ihne nich einfalle, denn dann hätte se unsre Rache zu fürchte. Zwar werde se uns dermit drohe, wir aber gloobe es nich und lache se eenfach aus.«
»Aber wir haben, selbst wenn Ihre Vermutung richtig ist, Rücksicht auf die Gefangenen zu nehmen, deren Lage jedenfalls eine höchst unangenehme ist. Wenn man sie auch an Leib und Leben schont, so wird man ihnen doch sonst alles mögliche anthun und ihnen in der Weise mit Drohungen zusetzen, daß sie sich ganz unglücklich fühlen.«
»Das kann ihne gar nischt schade; das müsse se sich gefalle lasse. Warum sind se so unvorsichtig in den Gänseschtall gekroche! Es wird ihne in Zukunft zur Warnung diene, und übrigens wird das Elend gar nich lange dauern. Wir sind ja da, und es müßte mit dem Kuckuck zugehe, wenn wir nich Mittel und Wege fände, sie aus der Patsche herauszuhole.«
»Wie wollen wir das anfangen? Haben Sie einen Plan?«
»Nee, noch nich; is ooch gar nich nötig. Zunächst müsse mer abwarte, was weiter geschieht; dann erscht könne mer handle. Es is mer ganz und gar nich angst, wenigstens nich um mich denn ich kenne mich. Is der richtige Oogenblick da, so wird mer sicher ooch der richtige Verschtand komme. Warte mer nur de Nacht ruhig ab, und passe mer off, wo se Lager mache. Da werde ich mich so successive hineinschlängle, um de Gefangene herauszuhole.«
»Ich traue Ihnen dieses Wagnis ganz gerne zu, aber es ist höchst gefährlich!«
»Papperlapapp! Sie und ich habe schon ganz andre Dinge unternomme. Mer sind alle beede nich off de Kopp gefalle. Een altes Altenburger Sprichwort sagt: ›Mache könne mersch, denn habe thune mersch.‹ So is es ooch hier. Wersch im Koppe hat, nämlich de angeborene Intelligenzigkeet, bei dem kann‘s in der Ausführung gar nich fehle. Mer werde uns doch nich vor solche Heiducke fürchte, wie diese Tramps sind, die noch gar nich dahin geroche habe, wo Barthel den Most gefunde hat. Ich denke, daß – – halt!« unterbrach er sich. »Passe Se off! Jetzt komme se. Zwee Kerls, grad offs Haus zu. Se schwenke de Tücher in de Fingersch, damit mer sehe solle, daß se als Parlamentärsch reschpektiert werde müsse. Werde Se mit ihne rede?«
»Natürlich! Um der Gefangenen willen muß ich wissen, was man von uns fordert. Kommen Sie!«
Die beiden begaben sich in den Hof, wo die Besatzung an den Schießscharten stand, um die zwei Unterhändler zu beobachten. Diese blieben außerhalb Schußweite stehen und winkten mit den Tüchern. Old Firehand öffnete das Thor, trat hinaus und gab ihnen ein Zeichen, herbei zu kommen, welcher Aufforderung sie folgten. Als sie ihn erreicht hatten, grüßten sie höflich, gaben sich aber Mühe, möglichst zuversichtliche Gesichter zu zeigen.
»Sir, wir kommen als Abgesandte,« sagte der eine, »um unsre Forderungen zu stellen.«
»So!« antwortete der Jäger in ironischem Tone. »Seit wann wagen es die Prairiehasen, zum Grislybären zu gehen, um ihm Befehle zu erteilen?« Der Vergleich, dessen er sich bediente, war gar nicht so übel. Er stand vor ihnen so hoch, so breit und mächtig und aus seinen Augen schoß ein Blick auf sie, daß sie unwillkürlich einen Schritt zurückwichen.
»Wir sind keine Hasen, Sir!« erklärte der Sprecher.
»Nicht? Nun, dann wohl feige Prairiewölfe, welche sich mit Aas begnügen? Ihr gebt euch für Parlamentäre aus. Räuber seid ihr, Diebe und Mörder, welche sich außerhalb des Gesetzes gestellt haben, und auf die jeder ehrliche Mann also nach Belieben schießen kann!«
»Sir,« fuhr der Tramp auf, »ich muß mir solche Beleidigungen – – – «
»Schweig, Halunke!« donnerte Old Firehand ihn an. »Spitzbuben seid ihr, weiter nichts! Es ist eigentlich eine Schande für mich, daß ich mit euch rede. Ich habe euch die Annäherung auch nur aus dem Grunde gestattet, um einmal zu sehen, wie weit solches Gelichter die Frechheit zu treiben vermag. Ihr habt zu hören, was ich sage, und nicht darüber zu mucksen. Sagt noch ein einziges Wort, welches mir nicht gefällt, und ich schlage euch sofort zu Boden. Wißt ihr, wer ich bin?«
»Nein,« antwortete der Mann, eingeschüchtert und kleinlaut.
»Man nennt mich Old Firehand. Sagt das denen, die euch gesandt haben; sie werden vielleicht wissen, daß ich nicht der Mann bin, mit welchem sich Narretei treiben läßt; sie haben es ja heute schon fühlen und erfahren müssen. Und nun kurz, welchen Auftrag habt ihr auszurichten?«
»Wir sollen melden, daß der Farmer mit seinem Bruder und seiner Nichte in unsre Hände gefallen ist.«
»Weiß es schon!«
»Diese drei Personen müssen sterben —«
»Pshaw!« unterbrach ihn der Jäger.
»– – wenn Ihr nicht auf unsre Bedingungen eingeht,« fuhr der Parlamentär fort.
»Old Firehand läßt sich niemals Bedingungen machen, am allerwenigsten von Leuten eures Schlages. Überdies seid ihr die Besiegten, und hätte jemand Bedingungen zu stellen, so würde nur ich der Betreffende sein.«
»Aber, Sir, wenn Ihr mich nicht anhört, so werden die Gefangenen vor Euren Augen dort an den Bäumen aufgeknüpft!«
»Thut das immerhin! Es gibt hier auf der Farm auch für euch Stricke genug.«
Das hatte der Tramp nicht erwartet. Er wußte wohl, daß man es nicht wagen werde, seine Drohung auszuführen. Er blickte verlegen vor sich nieder und meinte dann: »Bedenkt, drei Menschenleben!«
»Das bedenke ich gar wohl – – nur drei Menschenleben, für welche wir euch alle auslöschen werden! Der Vorteil liegt ganz klar auf unsrer Seite.«
»Aber Ihr könnt den Tod Eurer Freunde so leicht verhüten!«
»Wodurch?«
»Dadurch, daß ihr abzieht und uns die Farm übergebt.«
Da legte Old Firehand dem Manne die Faust so schwer auf die Schulter, daß dieser zusammenzuckte, und antwortete: »Mensch, bist du verrückt? Hast du mir noch etwas zu sagen?«
»Nein.«
»So hebe Dich schleunigst von dannen, sonst betrachte ich Dich als einen Wahnsinnigen, den man unschädlich zu machen hat.«
»Ist das Euer Ernst, Sir?«
»Mein vollster Ernst. Hinweg mit euch, sonst ist‘s um euch geschehen!«
Er zog den Revolver. Die beiden zogen sich schnell zurück, doch wagte es der eine, in gewisser Entfernung für einen Augenblick stehen zu bleiben, und zu fragen: »Dürfen wir wiederkommen, wenn wir einen andern Auftrag erhalten?«
»Nein.«
»Ihr weist also jede Verhandlung ab?«
»Ja. Nur für den roten Cornel werde ich zu sprechen sein, aber auch nicht länger als einen Augenblick.«
»Versprecht Ihr ihm freie Rückkehr zu uns?«
»Ja, im Falle er mich nicht beleidigt.«
»Wir werden es ihm sagen.«
Sie rannten so schnell fort, daß man sah, wie froh sie waren, aus der Nähe des berühmten Mannes entkommen zu sein. Dieser trat nicht wieder in den Hof zurück, sondern er schritt in der Richtung der Tramps vom Thore fort, bis er die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte. Dort setzte er sich auf einen Stein, um den roten Cornel zu erwarten, von dem er als sicher annahm, daß er kommen werde.
Wer Old Firehand nicht kannte, der hätte es für ein außerordentliches Wagnis gehalten, daß dieser sich so weit von den Seinen entfernte, ohne wenigstens ein Gewehr bei sich zu haben; er aber wußte gar wohl, was er thun durfte oder nicht.
Bald zeigte es sich, daß er sich in seiner Vermutung nicht geirrt hatte. Der Kreis der Tramps öffnete sich, und der Cornel kam langsam auf ihn zugeschritten. Er machte eine elegant sein sollende, aber sehr eckig ausfallende Verbeugung und sagte: »Good day, Sir! Ihr habt mit mir zu sprechen verlangt?«
»Davon weiß ich nichts,« antwortete der Westmann. »Ich habe nur gesagt, daß ich außer Euch mit keinem andern reden würde; am liebsten wäre es mir gewesen, auch Ihr hättet Euch nicht sehen lassen.«
»Master, Ihr bedient Euch eines sehr stolzen Tones!«
»Habe auch Ursache dazu. Euch aber wollte ich nicht raten, denselben Ton anzunehmen.«
Sie blickten sich Auge in Auge. Der Cornel senkte das seine zuerst und antwortete in mühsam unterdrücktem Zorne: »Wir stehen wohl ganz gleichberechtigt voreinander!«
»Der Tramp vor dem ehrlichen Westmanne, der Besiegte vor dem Sieger – – nennt Ihr das gleichberechtigt?«
»Noch bin ich nicht besiegt. Wir werden Euch beweisen, daß Eure bisherigen Erfolge nur vorübergehende sind. Es liegt ja nur in unsrer Hand, den Spieß umzukehren.«
»Versucht es doch!« lachte Old Firehand verächtlich.
Das ärgerte den Tramp und er antwortete auffahrend: »Wir brauchten ja nur Eure Unvorsichtigkeit zu benutzen.«
»Ah! Wieso? Welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen?«
»Die, daß Ihr Euch bis hierher von der Farm entfernt habt. Wenn wir gewollt hätten, wäret Ihr in unsre Hände gefallen. Und ohne Euch, das geben wir zu, wären die dort hinter den Mauern nichts gegen uns gewesen.«
Über das Gesicht Old Firehands ging ein heiteres Lachen, demjenigen ähnlich, welches sich bei gutmütigen Erwachsenen zeigt, wenn ein Kind eine recht drastische Dummheit gesagt hat.
»Ihr glaubt Euren eigenen Worten doch wohl selbst nicht,« antwortete er. »Ihr, und Old Firehand fangen! Warum habt Ihr es denn nicht gethan? Daß Ihr es nicht einmal versucht habt, ist der beste Beweis, daß Ihr selbst nicht an die Möglichkeit glaubtet.«
»Oho! Man weiß zwar, daß Ihr ein guter Westmann seid; aber der Unbesiegliche, für den man Euch hält, seid Ihr doch noch lange nicht. Ihr befindet Euch gerade in der Mitte zwischen uns und der Farm. Es brauchten nur einige von uns sich zu Pferde zu setzen, um Euch den Rückweg abzuschneiden, so wäret Ihr unser Gefangener geworden.«
»Meint Ihr wirklich?«
»Ja. Und wenn Ihr der beste Läufer wäret, ein Pferd ist doch noch schneller; das gebt Ihr doch wohl zu. Also wäret Ihr umzingelt gewesen, bevor Ihr das Haus erreichtet.«
»Eure Berechnung stimmt bis auf zwei Punkte. Erstens fragt es sich, ob ich mich nicht gewehrt hätte; einige von euch fürchte ich noch lange nicht. Und zweitens habt Ihr außer acht gelassen, daß diejenigen, welche mich fangen wollten, in den Kugelbereich meiner Leute hätten kommen müssen; sie wären einfach weggeputzt worden. Doch nicht das ist es, wovon wir zu sprechen haben.«
»Nein, das ist es nicht, Sir. Ich bin gekommen, um Euch Gelegenheit zu geben, das Leben unsrer drei Gefangenen zu retten.«
»Dann habt Ihr Euch unnütz bemüht, denn das Leben dieser Leute befindet sich nicht in Gefahr.«
»Nicht?« meinte der Cornel mit einem schadenfrohen Grinsen. »Da irrt Ihr Euch gewaltig, Sir. Wenn Ihr nicht auf unsre Forderungen eingeht, Sir, werden sie aufgeknüpft.«
»Ich habe Euch schon sagen lassen, daß ihr alle dann auch aufgehängt würdet.«
»Lächerlich! Habt Ihr gezählt, wie viele Köpfe wir sind?.«
»Sehr wohl; aber wißt auch Ihr vielleicht, welche Anzahl ich euch entgegenstellen kann?«
»Sehr genau.«
»Pshaw! Ihr habt uns nicht zählen können.«
»Das ist nicht nötig. Wir wissen, wie viele Knechte auf Butlers Farm gewöhnlich vorhanden sind; mehr werden es auch jetzt nicht sein. Dazu kommen höchstens noch die Rafters, welche Ihr vom schwarzen Bärenflusse mitgebracht habt.«
Er blickte den Jäger erwartungsvoll von der Seite an, denn er befand sich wirklich im unklaren über die Leute, welche diesem zur Verfügung standen. Nun wollte er die Miene desselben beobachten, um aus derselben zu schließen, ob die ausgesprochene Vermutung richtig sei oder nicht. Old Firehand wußte das. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und antwortete: »Zählt eure Toten und Verwundeten und sagt mir dann, ob die wenigen Rafters das fertig gebracht hätten. Überdies habt Ihr meine Indianer gesehen und auch die andern Weißen, welche euch im Rücken nahmen.«
»Die andern Weißen?« lachte der Tramp. »Es sind keine andern als eben nur die Rafters gewesen. Ich gebe zu, daß ihr uns da überlistet habt. Ihr seid den Indianern aus der Farm zu Hilfe gekommen; das habe ich mir leider zu spät überlegt. Wir hätten sofort nach der Farm reiten sollen; dann wäre dieselbe in unsre Hände gefallen. Nein, Sir, mit eurer Anzahl könnt ihr uns nicht imponieren. Wenn wir die Gefangenen töten, ist es euch ganz unmöglich, sie zu rächen.«
Wieder war es ein versteckt lauernder Blick, den der Cornel auf Old Firehand warf. Dieser zuckte geringschätzig die Achsel und meinte: »Streiten wir uns nicht. Selbst wenn wir so wenige Köpfe zählten, wie Ihr irrigerweise anzunehmen scheint, wären wir euch weit überlegen. Tramps, Tramps, was sind das für Leute? Faule Arbeiter, Vagabunden, Landstreicher! Da drinnen aber, hinter der Mauer, stehen die berühmtesten Jäger und Scouts des wilden Westens. Ein einziger von ihnen nimmt mindestens zehn Tramps auf sich. Wären wir auch nur zwanzig Westmänner beisammen, und ihr wagtet es, die Gefangenen zu töten, so würden wir wochen- und monatelang auf eurer Ferse bleiben, um euch bis auf den letzten Mann auszurotten. Das wißt ihr sehr genau, und darum werdet ihr euch hüten, diesen drei Personen auch nur ein Haar zu krümmen.«
Er hatte diese Worte in drohendem und so zuversichtlichem Tone gesprochen, daß der Cornel den Blick zu Boden senkte. Dieser letztere wußte, daß der Jäger ganz der Mann sei, seine Worte zur Thatsache zu machen. Es war schon oft dagewesen, daß ein einziger kühner Mann eine ganze Bande verfolgt hatte, um sich an derselben zu rächen, und daß nach und nach alle seiner sicheren Büchse erlegen waren. Und wenn irgend einem Menschen, so war es gerade diesem Old Firehand zuzutrauen, dieses Bravourstück nachzumachen. Doch hütete der Tramp sich gar wohl, dies zuzugeben; er hob den Blick, bohrte ihn höhnisch in das Auge des Jägers und sagte: »Warten wir es ab! Wäret Ihr Eurer Sache so sicher, so ständet Ihr nicht hier. Nur die Besorgnis kann Euch zu mir heraus getrieben haben.«
»Schwatzt nicht solches Zeug. Ich habe mich bereit finden lassen, mit Euch, gerade nur mit Euch zu sprechen, aber nicht aus Angst, sondern um mir Euer Gesicht und Eure Stimme noch einmal genau einzuprägen, um für die Zukunft meiner Sache sicher zu sein. Das ist der Grund. Jetzt seid Ihr meinem Gedächtnisse so sicher einverleibt, daß wir uns trennen können. Wir sind fertig miteinander.«
»Noch nicht, Sir! Erst muß ich wissen, welche Antwort Ihr uns gebt.«
»Ihr habt sie schon.«
»Nein, denn ich habe Euch einen neuen Vorschlag zu machen. Wir wollen nämlich von der Besetzung der Farm absehen.«
»Ach, sehr gnädig! Und was weiter?«
»Ihr gebt uns unsre Pferde, welche ihr eingefangen habt, zurück; dazu legt ihr alle eure Waffen und Munition; dann liefert ihr uns die nötigen Rinder aus, damit wir uns Proviant machen können, und endlich zahlt ihr zwanzigtausend Dollar; so viel wird auf der Farm vorhanden sein.«
»Nur das? Weiter nichts! Sehr schön! Und was bietet Ihr uns dafür?«
»Wir liefern euch die Gefangenen aus und ziehen ab, nachdem Ihr uns Euer Ehrenwort gegeben habt, daß Ihr Euch fortan gegen jeden von uns aller Feindseligkeit enthalten werdet. Jetzt wißt Ihr, was ich will, und ich bitte mir Eure Entscheidung aus. Wir haben bereits zu lange und unnötigerweise geschwatzt.«
Er sagte das in einem Tone, als ob er das größte moralische Recht zu seiner Forderung habe. Old Firehand zog seinen Revolver und antwortete, nicht zornig, sondern sehr ruhig und unter einem unbeschreiblich verächtlichen Lächeln: »Ja, geschwatzt habt Ihr genug, und lauter tolles, hirnverrücktes Zeug, auf welches ich Euch nur das eine sagen kann: Ihr trollt Euch augenblicklich von dannen, sonst erhaltet Ihr eine Kugel in den Kopf!«
»Wie? Ist das – – —«
»Fort! Augenblicklich!« unterbrach ihn der Jäger mit erhobener Stimme, und indem er den Lauf der Waffe auf ihn richtete. »Eins – – zwei – – «
Der Tramp zog es vor, die »drei« nicht abzuwarten; er drehte sich, einen drohenden Fluch ausstoßend, um, und schritt schnell davon. Er hatte es Old Firehand angesehen, daß dieser bei der dritten Zahl wirklich schießen werde. Der Jäger blickte ihm nach, bis er sicher war, nicht etwa hinterrücks von ihm geschossen zu werden; dann kehrte er nach der Farm zurück, von welcher aus man die Zusammenkunft mit großer Aufmerksamkeit beobachtet hatte. Von dem Erfolge derselben gefragt, erstattete er einen kurzen Bericht, welcher sehr beifällig aufgenommen wurde.
»Ihr habt sehr richtig gehandelt, Sir,« erklärte der Lord. »Solchen Schurken darf man keinesfalls auch nur das geringste Zugeständnis machen. Sie haben Angst und werden es unterlassen, sich an den Gefangenen zu vergreifen. Was denkt Ihr, daß sie nun beginnen werden?«
»Hm!« antwortete der Gefragte. »Die Sonne ist im Untergehen. Ich vermute, daß sie warten werden, bis es finster geworden ist, um dann doch noch den Versuch zu machen, über die Mauer zu kommen. Gelingt ihnen das nicht, nun, so bleiben ihnen immer noch die Gefangenen für einen weiteren Erpressungsversuch.«
»Sollten sie wirklich noch einen Angriff wagen?«
»Wahrscheinlich. Sie wissen, daß sie uns an Zahl noch immer vielfach überlegen sind. Wir müssen uns zur Abwehr vorbereiten. Die Vorsicht gebietet uns, sie genau zu beobachten. Sobald es dunkel ist, müssen einige von uns hinaus, um sich an sie anzuschleichen und mich von jeder ihrer Bewegungen zu benachrichtigen. Wer meldet sich freiwillig zu dieser gefährlichen Aufgabe?«
Es waren nicht weniger als alle, welche sich bereit erklärten, und Old Firehand wählte drei aus, welche ihm am geeignetsten erschienen, nämlich die Tante Droll, den Humply-Bill und den Gunstick-Uncle; diese waren herzlich erfreut, ein solches Zeichen seines Vertrauens zu erhalten. Die Sonne hatte jetzt den Horizont erreicht und ihre wie flüssiges Gold über die weite Ebene flutenden Strahlen trafen die Gruppe der Tramps in der Weise, daß man von der Farm aus jeden einzelnen deutlich zu erkennen vermochte. Sie trafen keinerlei Vorbereitungen, weder zur Abreise, noch zum Nachtlager. Daraus war zu vermuten, daß sie die Gegend nicht zu verlassen gedachten, aber auch nicht da, wo sie sich jetzt befanden, bleiben wollten.
Old Firehand ließ Holz nach den vier Ecken des Hofes schaffen, auch Kohlen, welche in Kansas massenhaft gefunden werden, und darum sehr billig sind, dazu einige Fässer mit Petroleum. Als es vollständig dunkel geworden war, wurden die Kundschafter hinausgelassen. Damit dieselben im Falle einer schleunigen Rückkehr, bei welcher sie verfolgt wurden, nicht auf das Öffnen des Thores zu warten brauchten, wobei sie von den Feinden erreicht werden konnten, wurden an einigen Stellen der Mauer starke Lassos befestigt und draußen herabgelassen, an denen sie sich schnell empor- und in den Hof schwingen konnten. Dann tauchte man Holzscheite in Petroleum, brannte sie an und warf sie durch die Schießscharten hinaus. Nachdem noch mehr Holz und dann Kohlen darauf gekommen waren, loderten an den Außenecken vier Feuer, durch welche die Mauerseiten und das vor ihnen liegende Terrain so hell erleuchtet wurden, daß man die Annäherung der Tramps, nicht nur in Haufen, sondern auch jedes einzelnen von ihnen leicht bemerken konnte. Die Flammen wurden nach Bedarf fort und fort durch die Schießscharten gespeist, weil dies diejenige Art und Weise war, bei welcher man sich nicht den Kugeln der Feinde bloßzustellen brauchte. Nun verging weit über eine Stunde, und nichts schien draußen sich zu regen. Da kam der Gunstick-Uncle über die Mauer geturnt. Er suchte Old Firehand auf und meldete in seiner originellen Weise: »Die Tramps sind von den Bäumen fort – nach einem völlig andern Ort.«
»Dachte es mir. Aber wohin?« fragte der Jäger, über den Reim lächelnd. Der Gefragte deutete nach der Ecke, rechts vom Thore, und antwortete in unerschütterlichem Ernste: »Da draußen, im Gesträuch am Fluß – man sie von jetzt an suchen muß.«
»So nahe haben sie sich herangewagt! Aber da hätte man doch ihre Pferde hören müssen?«
»Die trieb man weislich unterdessen – auf die Prairie, um Gras zu fressen – doch kenne ich die Stelle nicht – es fehlte mir das Lampenlicht.«
»Und wo sind Bill und Droll?«
»Die wollten hinterher sich machen – um die Halunken zu bewachen!«
»Schön! Ich muß die Stelle ganz genau wissen, an welcher die Tramps liegen. Seid also so gut, Euch wieder zu den beiden zu gesellen. Sobald die Kerls sich fest gelagert haben, mag Droll kommen und es mir sagen; sie glauben wahrscheinlich, klug zu handeln, sind aber in eine Falle gegangen, welche wir nur zu schließen brauchen.«
Der Uncle entfernte sich, und der Lord, welcher die Unterredung mit angehört hatte, fragte, welche Falle Old Firehand meine. Dieser antwortete: »Der Feind befindet sich dort am Flusse. Er hat hinter sich das Wasser, und vor sich die Mauer; wenn wir die beiden andern Seiten versperren, so haben wir ihn fest.«
»Ganz richtig! Aber wie wollt Ihr diese Sperrung vornehmen?«
»Indem ich die Indianer holen lasse, welche ihn von Süden nehmen müssen; wir aber, die wir uns hier befinden, schleichen uns zum Thore hinaus und greifen ihn im Norden an.«
»So wollt Ihr die Mauer ohne Bedeckung lassen?«
»Nein, die Knechte bleiben zurück; sie werden genügen. Wir würden allerdings schlimm daran sein, wenn die Tramps auf den klugen Gedanken kämen, sich auf die Mauer zu werfen; aber ich traue ihnen die Schlauheit nicht zu, anzunehmen, daß wir so verwegen sind, gerade diesen Hauptverteidigungspunkt preiszugeben. Auch werde ich erkunden lassen, wo sich ihre Pferde befinden. Erfahren wir das, so sind die wenigen Wächter jedenfalls nicht schwer zu überwältigen. Befinden wir uns im Besitze der Pferde, so sind die Kerle verloren, denn wir können diejenigen, welche uns heute abend entkommen, am Tage verfolgen, einholen und aufreiben.«
»Well, ein zwar kühner, aber sehr vortrefflicher Plan. Es ist wahr, Sir, Ihr seid ein tüchtiger Kerl!«
Jetzt mußte der schwarze Tom mit dem alten schlauen Blenter hinaus, um nach den Pferden zu suchen. Dann wurden zwei Knechte, da dieselben die Gegend genau kannten, zu dem Osagenhäuptling geschickt, um demselben eine ausführliche Instruktion zu überbringen. Vor der Wiederkehr dieser Leute konnte nichts unternommen werden.
Es verging eine lange Zeit, ehe sich einer von ihnen sehen ließ. Endlich kamen die Knechte zurück. Sie hatten die Indianer gefunden und herbeigeführt, dieselben lagen nur einige hundert Schritte von den Tramps entfernt am Flusse und waren bereit, beim ersten Schuß, den sie hörten, auf dieselben einzudringen.
Jetzt kam auch Droll mit Bill und dem Uncle.
»Alle drei?« fragte Old Firehand mißbilligend. »Es hätte wenigstens einer noch draußen bleiben sollen.«
»Ich wüßte nicht, weshalb, wenn‘s nötig ist,« antwortete Droll, wieder einmal in seine altgewohnte Redensart verfallend.
»Um die Tramps weiter zu beobachten natürlich.«
»Würde überflüssig sein! Ich weiß, woran ich bin, habe mich so nahe an sie herangeschlichen, daß ich genug hören konnte. Sie ärgern sich riesig über unsre Feuer, welche einen Überfall unmöglich machen, und wollen abwarten, wie lange Holz und Kohlen bei uns reichen. Sie hegen die Absicht, daß nach einigen Stunden der Vorrat zu Ende sein wird, da der Farmer jedenfalls nicht auf so große Brände eingerichtet ist. Dann wollen sie losbrechen.«
»Das ist ja sehr vorteilhaft für uns, denn so bekommen wir Zeit, die Falle zuzuklappen.«
»Welche Falle?«
Old Firehand erklärte ihm, was er vorhatte.
»Das ist herrlich, hihihihi!« lachte Droll halblaut vor sich hin, wie er zu thun pflegte, wenn irgend etwas ihm gute Laune machte. »Das wird und muß gelingen. Die Kerle meinen nämlich, wir denken, daß sie sich noch immer da draußen unter den Bäumen befinden. Aber, Sir, es gibt dabei etwas zu bedenken, was von großer Bedeutung ist.«
»Was?«
»Die Lage der Gefangenen. Ich befürchte, daß man sie töten wird, sobald wir die Feindseligkeiten beginnen.«
»Meint Ihr, daß ich mir das nicht auch schon überlegt habe? Glücklicherweise habe ich nicht die Sorge, welche Ihr soeben ausgesprochen habt. Freilich bin ich überzeugt, daß die Gefangenen die ersten sein würden, welche fallen müßten; aber wir können das verhüten, indem wir dafür sorgen, daß ihnen nichts geschehen kann. Wir schleichen uns an, und drei von uns haben, wenn wir losbrechen, sofort ihre Hände über die beiden Butler und die junge Dame zu halten. Sind sie gefesselt?«