Kitabı oku: «Der Schatz im Silbersee», sayfa 15
»Ja, aber nicht schwer.«
»Nun, so müssen sie schnell von ihren Banden befreit werden und dann – —«
»Und dann mit ihnen ins Wasser,« fiel Droll schnell ein.
»Ins Wasser?« fragte Old Firehand erstaunt.
»Natürlich.«
»Ihr scherzt wohl, liebe Tante?«
»Scherzen? Fällt mir gar nicht ein!« Und als er die verwunderten Blicke sah, welche die Umstehenden auf ihn gerichtet hielten, fuhr er kichernd fort: »Ja ins Wasser mit ihnen; hihihihi, das ist der schönste Streich, den es geben kann. Was werden die Tramps für Gesichter machen! und wie werden sie sich die Köpfe zerbrechen!«
»Dazu werden sie gar keine Zeit finden, da ihnen die Schädel ja von uns zerschmettert werden.«
»Nicht sofort, nicht sofort, sondern später.«
»Später? Wieso! Sollen wir ihnen Zeit lassen, uns zu entkommen?«
»Das nicht; aber wir werden ihnen die Gefangenen noch vor dem Überfalle entführen.«
»Haltet Ihr das für möglich?«
»Nicht nur für möglich, sondern sogar für sehr notwendig. Während des Kampfes ist es schwer, für die Sicherheit der Gefangenen zu sorgen; wir müssen sie also schon vorher der Gefahr entzogen haben. Und das ist gar nicht schwer.«
»Nicht? Nun, wie denkt Ihr Euch das? Ich weiß, Ihr seid ein schlauer Fuchs. Ihr habt schon manchen sonst klugen Kerl hinters Licht geführt und Euern Kopf, der sicher verloren schien, heiler Haut aus der Schlinge gezogen. Ist Euch vielleicht auch jetzt so eine bunte Raupe angelaufen?«
»Will‘s meinen!«
»Nun, so beschreibt sie uns!«
»Gehört gar keine große Klugheit dazu. Wundere mich, daß Ihr nicht schon selbst darauf gekommen seid. Denkt doch mal an den Kanal, welcher vom Hofe aus, da hinter dem Hause, nach dem Flusse geht! Er ist unterirdisch, oder richtiger gesagt, verdeckt, und die Tramps haben keine Ahnung von seinem Vorhandensein. Ich habe mich an ihnen vorüber bis an den Fluß geschlichen und erkannte trotz der Dunkelheit den Ort, an welchem der Kanal mündet, an den großen Steinen, welche man dort in das Wasser geworfen hat, um einen kleinen Damm zu bilden, durch welchen die Wellen in den Kanal geleitet werden. Und, denkt Euch, Mesch‘schurs, grad bei dieser Mündung lagern die Tramps. Sie haben am Ufer einen Halbkreis gebildet, in dessen Innern sich die Gefangenen befinden. Sie glauben, dieselben auf diese Weise ganz sicher zu haben, und doch ist es gerade dieser Umstand, welcher es uns möglich macht, sie ihnen zu entführen.«
»Ah, ich beginne zu verstehen!« meinte Old Firehand. »Ihr wollt innerhalb des Hofes in den Kanal hinab und demselben bis zum Flusse folgen?«
»Ja. Ich freilich nicht allein; es müssen noch zwei mit, daß auf jeden Gefangenen einer kommt.«
»Hm! Dieser Gedanke ist freilich vortrefflich. Wir wollen uns aber erst genau erkundigen, ob der Kanal wirklich passierbar ist.«
Old Firehand fragte einige Knechte aus und erfuhr zu seiner Freude, daß der Kanal rein vom Schlamme sei und keine schlechte Luft enthalte; man könne denselben ganz gut beschreiten und – was ein ganz besonders glücklicher Umstand war – es sei an der Mündung ein kleines Boot verborgen, welches drei Männer fassen könne; dieses Boot sei da stets versteckt, damit es nicht von Indianern oder sonstigen Fremden gestohlen werde.
Der Plan der alten listigen Tante wurde nun eingehend besprochen, und man kam darin überein, daß er von Droll, Humply-Bill und dem Gunstick-Uncle ausgeführt werden solle. Als man so weit war, kehrten Blenter und Tom zurück; sie hatten einen ziemlich weiten Umkreis abgesucht, leider aber die Pferde nicht gefunden. Die Tramps waren so klug gewesen, dieselben möglichst weit von der Farm zu entfernen.
Zunächst schwang sich Old Firehand mit dem betreffenden Knechte über die Mauer, um sich zu dem Osagenhäuptling zu begeben und sich selbst zu überzeugen, daß derselbe gut unterrichtet sei. Als das geschehen und er zurückgekehrt war, zogen Droll, Bill und der Uncle ihre Oberkleider aus und stiegen in den Kanal hinab, wo ihnen eine Laterne mitgegeben wurde. Es zeigte sich, daß das Wasser ihnen nur bis an die Brust reichte. Sie nahmen die Gewehre auf die Schulter und befestigten sich die Messer, Revolver und Munitionsbeutel an den Hals. Der lange Gunstick-Uncle ging mit der Laterne voran. Als sie im Eingange des Kanals verschwunden waren, brach Old Firehand mit seinen Leuten auf.
Er ließ das Thor leise öffnen und ließ es, als er mit seinen Begleitern dasselbe passiert hatte nur wieder anlehnen, damit er nötigenfalls, wenn er gezwungen sein sollte, sich zurückzuziehen, es gleich offen fand. Doch blieb ein Knecht zurück, um zu wachen, und es sofort zu schließen, falls die Tramps sich nähern sollten. Die andern Knechte, und auch die Mägde standen an der nach dem Flusse zu liegenden Mauer bereit, einen etwaigen Angriff nach Kräften abzuwehren.
Die Rafters, und besonders die bei ihnen sich befindenden Westmänner, waren im Anschleichen geübt. Unter Führung des berühmten Jägers schlugen sie zunächst einen Bogen nach Norden, um vom Scheine des Feuers nicht getroffen zu werden; dann, als sie den Fluß erreichten, kehrten sie kriechend am Ufer desselben nach Süden zurück, bis sie annehmen konnten, daß sie die Tramps ziemlich erreicht hatten. Old Firehand kroch allein noch weiter, bis sein scharfes Auge trotz der Dunkelheit den Halbkreis der lagernden Vagabunden bemerkt; nun wußte er, nach welchem Punkte der Angriff zu richten sei, und kehrte zu seinen Leuten zurück, um sie zu orientieren und dann auf das Zeichen zu warten, welches mit den drei Befreiern der Gefangenen verabredet worden war.
Diese hatten inzwischen den Kanal passiert, dessen Wasser nicht so kalt war, daß es ihnen hätte beschwerlich werden können. Unweit der Mündung, noch im Innern des Kanales, lag das kleine Boot, welches an einen Eisenhaken befestigt war. Zwei Ruder lagen in demselben. Der Uncle löschte die Laterne aus und hing sie an den Haken; dann gebot Droll den beiden andern, hier zu warten; er wollte zunächst allein hinaus in den Fluß, um zu rekognoszieren. Es dauerte über eine Viertelstunde, ehe er zurückkehrte.
»Nun?« fragte Humply-Bill gespannt.
»Es war keine leichte Aufgabe,« antwortete die Tante. »Das Wasser ist uns nicht hinderlich, da es draußen auch nicht tiefer ist, als hier; aber die Finsternis, welche zwischen den Büschen und Bäumen herrscht, machte mir zu schaffen. Es war gar nichts zu sehen, und ich mußte mich geradezu mit den Händen fortgreifen. Nun ich aber orientiert bin, ist diese Dunkelheit unsre beste Verbündete.«
»Man muß doch, wenn man gegen unsre Feuer blickt, ziemlich deutlich sehen können!«
»Nicht vom Wasser, sondern vom Ufer aus, da das erstere tiefer liegt. Also die Tramps sitzen in einem Halbkreise, dessen Durchmesser der Fluß bildet, und innerhalb desselben, gar nicht weit vom Wasser, befinden sich die Gefangenen – – «
»Welche Unvorsichtigkeit! Auf diese Art und Weise können sie bei der herrschenden Finsternis doch gar nicht genau beobachtet werden. Wie nun, wenn es ihnen gelänge, sich von den Banden zu befreien. Es wäre ihnen dann leicht, ins Wasser zu entkommen und, da jedenfalls wenigstens die beiden Männer schwimmen können, sich zu retten.«
»Unsinn! Es sitzt als besonderer Wächter einer der Tramps bei ihnen, der sie scharf beobachtet.«
»Hm! Der muß also fort. Aber wie?«
»Er wird ausgelöscht, es geht nicht anders und wird auch nicht schade sein um den Kerl.«
»So habt Ihr einen Plan?«
»Ja, die Gefangenen brauchen nicht in das Wasser zu gehen. Wir schaffen das Boot zur Stelle.«
»Das wird man sehen, da sich die Gestalt desselben von den schimmernden Wellen abhebt.«
»Hat sich sein Schimmern! Von dem gestrigen Regen ist das Wasser so getrübt, daß es, besonders unter den Bäumen am Ufer, gar nicht vom festen Erdboden zu unterscheiden ist. Also wir schaffen das Boot hin und binden es an; ihr bleibt bei demselben im Wasser stehen, und ich gehe allein an das Land, um dem Wächter das Messer zu geben und den Gefangenen die Bande zu lösen. Ich bringe sie zu euch; sie rudern sich in den Kanal, wo sie sicher sind, und wir setzen uns dann ganz gemütlich an die Stelle, wo die Gefangenen gesessen haben. Geben wir dann das Zeichen, den Geierschrei, so wird der Tanz sofort beginnen. Einverstanden?«
»Well, es kann nicht besser gemacht werden.«
»Und Ihr, Uncle?«
»Genau so, wie Ihr‘s ausgedacht – wird das famose Werk vollbracht,« antwortete der Gefragte in seiner poetischen Weise.
»Schön, also vorwärts!«
Sie banden das Boot los und schoben es aus dem Kanale in den Fluß. Droll, welcher das Terrain kannte, machte den Führer. Sich immer hart am Ufer haltend, bewegten sie sich langsam und vorsichtig weiter, bis er anhielt und die beiden andern bemerkten, daß er das Fahrzeug anband.
»Wir sind zur Stelle,« raunte er ihnen zu, »jetzt warten, bis ich wiederkomme!«
Das Ufer war hier nicht hoch. Er kroch leise hinauf. Jenseits der Büsche brannten an den beiden Mauerecken die Feuer, gegen die sich die Gegenstände in leidlich erkennbaren Umrissen abhoben. Höchstens zehn Schritte vom Ufer entfernt saßen vier Personen, die Gefangenen mit ihrem Wächter. Weiter zurück sah der Kleine die Tramps in allen möglichen Stellungen ruhen. Er kroch, ohne das Gewehr wegzulegen, weiter, bis er sich hinter dem Wächter befand. Nun erst legte er es weg und griff zum Messer. Der Tramp mußte sterben, ohne einen Laut ausstoßen zu können. Droll zog die Knie unter dem Leib heran, schnellte sich rasch auf, ergriff den Mann mit der Linken von hinten fest bei der Kehle und stieß ihm mit der Rechten die Klinge so kunstgerecht und genau in den Rücken, daß sie das Herz durchschnitt. Sich dann rasch wieder niederlassend zog er den Tramp neben sich auf den Boden. Das war so blitzschnell gegangen, daß die Gefangenen es gar nicht bemerkt hatten. Erst nach einiger Zeit sagte das Mädchen: »Pa‘a, unser Wächter ist ja fort!«
»Wirklich? Ah, ja; das wundert mich; aber bleib still sitzen; jedenfalls will er uns auf die Probe stellen.«
»Leise, leise!« flüsterte Droll ihnen zu. »Niemand darf einen Laut hören. Der Wächter liegt erstochen hier im Grase; ich bin gekommen, euch zu retten.«
»Retten? Heavens! Unmöglich! Ihr seid der Wächter selbst!«
»Nein, Sir; ich bin Euer Freund. Ihr kennt mich vom Arkansas her. Droll, den sie die Tante nennen.«
»Mein Gott! Ist‘s wahr?«
»Leiser, leiser, Sir! Old Firehand ist auch da, und der schwarze Tom und noch viele andre. Die Tramps wollten die Farm plündern; wir aber haben sie zurückgeschlagen. Wir sahen, daß sie Euch ergriffen, und ich habe mich mit zwei tüchtigen Boys hergeschlichen, um Euch zunächst herauszuholen. Und wenn Ihr mir noch nicht traut, da Ihr mein Gesicht nicht sehen könnt, so will ich Euch die Wahrheit meiner Worte beweisen, indem ich Euch losbinde. Gebt Eure Fesseln her!«
Einige Schnitte mit dem Messer, und die drei Leute befanden sich wieder im freien Gebrauche der Glieder.
»Jetzt glauben wir Euch, Sir,« flüsterte der Farmer, welcher bis jetzt geschwiegen hatte. »Ihr sollt sehen, wie ich Euch danke. Jetzt aber wohin?«
»Leise hinunter in den Kahn. Wir sind durch den Kanal gekommen und haben das Boot mitgebracht. Ihr steigt mit der kleinen Miß hinein und retiriert nach dem Kanal, den Ihr ja kennt, um zu warten, bis der Tanz vorüber ist.«
»Der Tanz? Welcher Tanz?«
»Der eben beginnen soll. Hier auf dieser Seite haben die Tramps den Fluß und gegenüber die Mauer, zwei Hindernisse, welche sie nicht beseitigen können. Rechts von uns hält Old Firehand mit einer Anzahl von Rafters und Jägern, und links wartet der Osagenhäuptling »gute Sonne« mit einer Schar von Roten nur auf mein Zeichen zum Angriffe. Sobald ich es gebe, wissen diese Leute, daß Ihr Euch in Sicherheit befindet, und dringen auf die Tramps ein, welche, von rechts und links angegriffen, und von dem Flusse und der Mauer eingeschlossen, wenn auch nicht vollständig aufgerieben, aber doch so große Verluste erleiden werden müssen, daß sie nicht daran denken können, die Feindseligkeiten fortzusetzen.«
»Ach, steht es so. Und da sollen wir uns im Boote in Sicherheit bringen?«
»Ja. Es stand ja zu befürchten, daß die Kerle, sobald wir sie angriffen, kurzen Prozeß mit Euch machen würden. Darum kamen wir, um vor allen Dingen erst Euch herauszuholen.«
»Das ist ebenso brav wie kühn von Euch, und Ihr habt Euch das Recht auf unsre größte Dankbarkeit erworben; aber glaubt Ihr denn wirklich, daß mein Bruder und ich solche Memmen sind, daß wir die Hände in den Schoß legen, während ihr andern für uns kämpft und euer Leben wagt? Nein, Sir, da irrt Ihr Euch!«
»Hm, schön! Ist mir lieb zu hören! Das gibt zwei Männer mehr für uns. Thut also, was Euch gefällt. Aber die kleine Miß darf nicht da bleiben, wo die Kugeln fliegen werden; die wenigstens müssen wir fortschaffen.«
»Allerdings. Habt die Güte, sie im Boote nach dem Kanale zu bringen! Wie aber steht es mit den Waffen? Man hat uns die unsrigen abgenommen. Könnt Ihr uns nicht wenigstens einen Revolver, ein Messer ablassen?«
»Ist nicht nötig, Sir. Was wir haben, brauchen wir selber; aber hier liegt der Wächter, dessen Armatur für einen von euch hinreicht. Für den andern werde ich dadurch sorgen, daß ich mich gleich an einen Tramp schleiche, um ihm – – – pst, still, da kommt einer! Jedenfalls einer der Anführer, welcher sich überzeugen will, daß Ihr gut bewacht werdet. Laßt mich nur machen!«
Gegen das Feuer blickend, sah man einen Mann kommen, welcher die Stellung der Tramps abschritt, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Er kam langsam herbei, blieb vor den Gefangenen stehen und fragte: »Nun, Collins, ist etwas vorgekommen?«
»Nein,« antwortete Droll, den er für den Wächter hielt.
»Well! Halte die Augen offen! Es gilt deinen Kopf, wenn du nicht aufpassest. Verstanden?«
»Yes. Mein Kopf sitzt jedenfalls fester als der deinige. Nimm dich in acht!«
Er bediente sich absichtlich dieser drohenden Worte und sprach sie ebenso absichtlich mit unverstellter Stimme; er wünschte, daß der Mann sich zu ihm niederbücken möge. Sein Zweck wurde erreicht. Der Tramp trat einen Schritt näher, bog den Kopf herab und sagte: »Was fällt dir ein! Wie meinst du das? Wessen Stimme ist das? Bist du denn nicht Collins, den ich – – —«
Er konnte nicht weiter sprechen, denn Droll legte ihm beide Hände so fest wie Eisenklammern um den Hals, riß ihn vollends zu sich nieder und drückte ihm die Kehle so zusammen, daß derselben kein weiterer Laut entfahren konnte. Man hörte ein kurzes Strampeln der Beine, dann wurde es still, bis Droll leise sagte: »So, der hat euch seine Waffen gebracht; das war sehr gefällig von ihm.
»Habt Ihr ihn denn fest?« fragte der Farmer.
»Wie könnt Ihr nur fragen! Er ist ausgelöscht. Nehmt sein Gewehr und alles, was er bei sich hat; ich werde indessen die kleine Miß zum Boote bringen.«
Droll richtete sich halb auf, nahm Ellen Butler bei der Hand und geleitete sie an das Wasser, wo er seine wartenden Gefährten von dem Stand der Dinge unterrichtete. Bill und der Uncle brachten das Mädchen nach dem Kanal, wo sie das Boot festbanden, und wateten dann zurück, um sich zu Droll und den beiden Butlers zu gesellen. Diese hatten sich inzwischen mit den Waffen der beiden Tramps bewehrt und nun meinte Tante Droll ernst: »Jetzt kann‘s losgehen. Die Kerle werden natürlich sofort hierher kommen, um sich der Gefangenen zu versichern, und das könnte für uns gefährlich werden. Kriechen wir also zunächst eine Strecke fort, nach rechts hinauf, um dem zu entgehen.«
Die fünf bewegten sich vorsichtig am Ufer hin, bis sie eine geeignete Stelle fanden. Dort richteten sie sich auf, und jeder stellte sich hinter einen Baum, der ihm Deckung gewährte. Sie befanden sich im vollständigen Dunkel und hatten die Tramps deutlich genug vor sich, um genau zielen zu können. Da legte Droll die Hand an den Mund und ließ ein kurzes, müdes Krächzen hören, wie von einem Raubvogel, welcher für einen Augenblick aus dem Schlaf erwacht. Dieser in der Prairie so häufige Ton konnte den Tramps nicht auffallen; sie beachteten ihn gar nicht, selbst als er ein und noch einmal wiederholt wurde. Für wenige Augenblicke herrschte noch tiefe Stille; dann hörte man plötzlich Old Firehands weithin schallenden Befehl: »Los, Feuer!«
Von rechts her krachten die Büchsen der Rafters, welche sich so nahe herangeschlichen hatten, daß jeder seinen Mann auf das Korn nehmen konnte. Darauf ertönte links das markzerschneidende, schrille Kriegsgeheul der Indianer, welche erst einen Pfeilregen auf die Tramps sandten und dann mit den Tomahawks auf dieselben eindrangen.
»Jetzt auch wir!« gebot Droll. »Erst die Kugeln, und dann mit den Kolben drauf!«
Es war eine echte, wilde Westlandsscene, welche sich nun entwickelte. Die Tramps hatten sich so vollständig sicher gefühlt, daß der plötzliche Angriff sie in tiefsten Schreck versetzte. Wie Hasen, über denen die Fänge des Adlers rauschen, duckten sie sich zunächst entsetzt und widerstandslos zusammen; dann, als die Angreifenden sich mitten unter ihnen befanden und mit Kolben, Tomahawks, Revolvern und Bowiemessern arbeiteten, wich die augenblickliche Erstarrung von ihnen, und sie begannen sich zu wehren. Sie waren nicht im stande, die Gegner zu zählen; die Schar derselben erschien ihnen in dem von den Feuern nur dürftig erhellten nächtlichen Dunkel als eine doppelt und dreifach größere, als sie wirklich war. Das vermehrte ihre Angst, und die Flucht erschien ihnen der einzige Rettungsweg.
»Fort, fort, zu den Pferden!« hörte man eine Stimme rufen oder viel mehr brüllen. »Das ist der Cornel,« schrie Droll. »Werft euch auf ihn; laßt ihn nicht entkommen!«
Er eilte nach der Gegend, aus welcher der Ruf erklungen war, und andre folgten ihm, doch vergeblich. Der rote Cornel war so schlau gewesen, sich sofort im Gebüsch zu verstecken und von demselben aus die Scene zu beobachten. Er schlich sich wie eine Schlange von Strauch zu Strauch und hielt sich dabei immer im tiefen Dunkel, so daß er nicht gesehen werden konnte. Die Sieger gaben sich alle Mühe, möglichst wenige entkommen zu lassen, aber die Zahl der Tramps war eine so große, daß ihnen, zumal sie sich endlich klugerweise eng beisammen hielten, der Durchbruch leicht gelingen mußte. Sie rannten nach Norden zu von dannen.
»Immer hinter ihnen drein!« gebot Old Firehand. »Laßt sie nicht zu Atem kommen!«
Er wollte mit den Tramps zugleich zu ihren Pferden gelangen, aber das stellte sich bald als unmöglich heraus. Je weiter man sich von der Farm entfernte, desto geringer wurde der Schein der brennenden Feuer, und man war schließlich von einer solchen Finsternis umgeben, daß zwischen Freunden und Feinden gar nicht mehr unterschieden werden konnte. Es kam vor, daß die ersteren aneinander gerieten, und das hielt die Verfolgung auf. Old Firehand sah sich gezwungen, zum Sammeln zu rufen; es dauerte Minuten, bevor er seine Leute vereinigen konnte, und das gab den Flüchtigen einen Vorsprung, welcher, da man sie nicht sehen konnte, unmöglich auszugleichen war. Zwar drangen die Verfolger in der bisherigen Richtung weiter, aber bald hörten sie ein höhnisches Geheul der Tramps, und der Hufschlag vieler davonjagender Pferde belehrte sie, daß alle weitere Mühe vergeblich sein werde.
»Umkehren!« befahl Old Firehand. »Es bleibt uns nur noch übrig, zu verhindern, daß die Verwundeten sich verstecken, um dann zu entkommen.«
Diese Sorge war eine überflüssige. Die Indianer hatten sich nicht an der Verfolgung beteiligt. Nach den Skalps der Weißen lüstern, waren sie zurückgeblieben und hatten den Kampfplatz und das daran stoßende Gebüsch bis an den Fluß sorgfältig abgesucht, um jeden noch lebenden Tramp zu töten und zu skalpieren.
Als dann beim Schein von Holzbränden die Leichen gezählt wurden, stellte es sich heraus, daß, die schon am Tage Gefallenen mitgerechnet, auf jeden Sieger zwei Besiegte kamen, eine schreckliche Anzahl! Trotzdem war die Zahl der Entkommenen eine so bedeutende, daß man sich über ihre Flucht beglückwünschen konnte.
Ellen Butler war selbstverständlich sofort aus ihrem Verstecke geholt worden. Das junge Mädchen hatte sich nicht gefürchtet und sich überhaupt vom Augenblicke der Gefangennahme an erstaunlich ruhig und besonnen gezeigt. Als Old Firehand dies erfuhr, erklärte er dem Vater: »Ich habe es bisher für sehr gewagt gehalten, Ellen mit nach dem Silbersee zu nehmen, nun aber habe ich nichts mehr dagegen, denn ich bin überzeugt, daß sie uns keine besondere Sorge machen wird.«
Da an eine Rückkehr der Tramps nicht zu denken war, so konnte man, wenigstens was die Indianer betraf, den Rest der Nacht der Siegesfreude widmen. Sie erhielten zwei Rinder, welche geschlachtet und verteilt wurden, und bald ging von den Feuern der kräftige Duft des Bratens aus. Später wurde die Beute verteilt. Die Waffen der Gefallenen und auch sonst alles, was dieselben bei sich gehabt hatten, waren den Roten überlassen worden, ein Umstand, welcher dieselben mit Entzücken erfüllte. Sie gaben demselben den bei ihnen gebräuchlichen Ausdruck. Lange Reden wurden gehalten, Kriegs- und andre Tänze aufgeführt; erst als der Tag anbrach, nahm der Lärm ein Ende; der Jubel verstummte, und die Roten hüllten sich in ihre Decken, um endlich einzuschlafen.
Anders die Rafters. Glücklicherweise war keiner von ihnen gefallen, doch hatten einige Verwundungen davongetragen. Old Firehand beabsichtigte, mit ihnen bei Tagesanbruch der Spur der Tramps zu folgen, um zu erfahren, wohin sich diese gewendet hatten. Darum hatten sie sich schlafen gelegt, um zur angegebenen Zeit gekräftigt und munter zu sein. Sie fanden dann, daß die Fährte zurück nach dem Osage-nook führte, und folgten ihr bis dorthin; aber als sie ankamen, war der Platz leer. Old Firehand untersuchte ihn genau. Es waren inzwischen neue Scharen von Tramps angekommen gewesen; die Flüchtigen hatten sich mit diesen vereinigt und waren dann ohne Verweilen in nördlicher Richtung davongeritten, wohl ahnend, daß man sie hier aufsuchen werde. Sie hatten also ihre Absicht auf die Farm aufgegeben und ahnten nicht, daß Old Firehand den Plan genau kannte, den sie nun jetzt verfolgen wollten.