Kitabı oku: «Der Schatz im Silbersee», sayfa 27
Er hielt plötzlich inne. Er hatte in das Fleisch gebissen, nahm die Zähne weit auseinander, behielt den Mund offen und sah seine drei Gefährten einen nach dem andern betroffen an.
»Nun,« erinnerte Jemmy, »so beiße doch!«
»Beißen – – wie? Weeß der Kuckuck, das schnorpst und prasselt gerade wie – wie – wie, na, wie gebratene Scheuerbürschte. Sollte man das für menschenmöglich halten!«
»Das war vorauszusehen. Ich glaube, die alte Pfanne ist weicher als das Fleisch. Jetzt kannst du die Schöpfung deines Geistes selbst verzehren!«
»Oho! Es soll nich von mir gesagt werden, daß ihr meinetwegen hungern müßt. Wie wärsch denn, wenn mir‘s klopften?«
»Versuche es!« lachte Old Shatterhand. »Ich aber will sehen, ob wirklich alles verdorben ist.«
»Na, vielleicht is een Schtück da, welches noch nich ganz zu gar so großer Charakterfestigkeet gediehen is. Lassen Sie mich nur suchen; ich wisch die Asche ab!«
Es gab glücklicherweise einige Stücke, welche noch leidlich genießbar waren und für die vier Personen ausreichten; aber Frank war sehr kleinlaut geworden; er zog sich an eine dunkle Stelle zurück und that, als ob er schliefe. Doch hörte er alles, was gesprochen wurde und sah auch, was draußen im Lager vorging.
Morgen sollten Knox und Hilton am Marterpfahle sterben und die andern Weißen vielleicht ein gleiches Schicksal erfahren. Das gab für die Roten ein großes Fest, zu welchem sie zeitig gerüstet sein mußten. Darum legten sie sich nach dem späten Essen zur Ruhe; die Feuer verlöschten bis auf zwei, nämlich dasjenige an dem Zelte, in welchem sich Old Shatterhand mit seinen drei Gefährten befand, und dasjenige, an welchem Knox und Hilton mit ihren Wächtern lagen. Um das erstere hatte sich ein dreifacher Kreis von Roten gelagert und draußen vor dem Dorfe standen zahlreiche Posten. Ein Entkommen wäre, wenn nicht unmöglich, so doch schwer und sehr gefährlich gewesen.
Old Shatterhand hatte, um nicht während der ganzen Nacht die Augen der Roten auf sich zu haben, die Matte am Eingange herabgelassen. Nun lagen die Weißen im Dunkeln und gaben sich vergeblich Mühe, einzuschlafen.
»Wie wird es morgen um diese Zeit mit uns stehen!« meinte Davy.
»Vielleicht haben uns da die Roten in die ewigen Jagdgründe befördert.«
»Wenigstens einen oder zwei oder drei von uns,« antwortete Jemmy.
»Warum das?« fragte Old Shatterhand.
»Ich denke, sie werden sich nicht an Sie wagen.«
»Also nur an euch? Hm! Was denkst du da von mir! Wir gehören zusammen und keiner von uns darf denken, sich von dem Schicksale der andern ausschließen zu können. Solltet ihr für den Tod bestimmt werden, so kann es mir nicht einfallen, mir das Leben bieten zu lassen. Wir würden in diesem Falle kämpfen bis auf den letzten Mann.«
»Aber Ihr habt ja versprochen, Euch nicht zu wehren.«
»Allerdings, und dieses Versprechen halte ich wörtlich. Aber ich habe nicht versprochen, nicht zu fliehen. Zu diesem letzteren würden wir wenigstens den Versuch machen und wer sich uns da in den Weg stellt, der trägt dann selbst die Schuld daran, daß er weggeräumt wird. Übrigens sind meine Sorgen ganz andrer Art, denn ich vermute, daß die Roten nicht direkt unsern Tod beschließen werden.«
»Sondern, daß sie uns freigeben?«
»Auch das nicht. Ihre Erbitterung gegen die Weißen ist so groß und, wie ich eingestehen muß, so gerecht, daß sie keinem gefangenen Bleichgesichte so mir nichts dir nichts die Freiheit schenken werden. Aber unsre Namen haben einen guten Klang bei ihnen, und außerdem haben sie Angst vor meinem Stutzen, den sie so fürchten, daß sie sich nicht einmal getrauen, ihn anzugreifen. Ich halte es also nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich, daß sie eine Ausnahme mit uns machen werden. Das heißt, sie werden uns nicht Leben und Freiheit schenken, sondern uns um dieselben kämpfen lassen.«
»Alle Teufel! Das wäre ja wunderbar schön. Das wäre ganz genau so, als ob sie uns direkt ermordeten, denn sie würden die Bedingungen so stellen, daß wir untergehen müßten.«
»Allerdings. Aber wir brauchen den Mut dennoch nicht zu verlieren. Der Weiße ist bei dem Roten in die Schule gegangen; er besitzt ebensoviel List und Gewandtheit wie dieser, und in Beziehung auf die Ausdauer ist er ihm überlegen. Diese Erfahrung haben wir alle gemacht, und sie wird uns nicht täuschen. Soll ich die Summa ziehen, so muß ich sagen, daß im offenen Nahekampf es drei Weiße mit vier Indianern aufnehmen, wenn nämlich die Waffen gleich sind und auch die Kräfte gleich stehen. Der kriegerische Stolz der Roten aber wird sie verhindern, uns eine zu große Überzahl gegenüber zu stellen. Thäten sie dies dennoch, so würden wir sie durch Spott veranlassen, es zurückzunehmen.«
»Aber,« meinte Hobble-Frank, welcher bisher geschwiegen hatte, »die Perschpektive, die Sie uns da zeigen, is off keenen Fall beglückend. Diese Kerle werden uns die Geschichte natürlich so sauer wie möglich machen. Ja, Sie mit Ihrer Körperkraft und Elefantenschtärke haben gut lachen; Sie hauen, schlagen und schtoßen sich durch; aber wir andern drei unglücklichen Schwammerlinge, wir werden heute die letzten Freuden des Daseins genossen haben.«
»Wohl in Gestalt deines Elkbratens?« fragte Jemmy.
»Fängste schon wieder an! Ich dächte, unsre Lage wäre eene derartige, daß du es unterlassen kannst, deinen besten Freund und Kampfgenossen noch so kurz vor seiner letzten Himmelfahrt zu Tode zu ärgern. Zersplittere mir mein Denkvermögen nich! Ich habe alle meine Gedanken scharf off unsre Rettung zu richten. Oder meenst du etwa, daß es ungeheuer edel- und ooch heldenmütig is, eenen dem hippologischen Gesichte geweihten Menschen vier Schtunden vor seinem komplimentären Tode durch schpottsüchtige Redensarten langsam abzumurxen?«
»Hippokratisch, nicht hippologisch, heißt das Gesicht,« bemerkte Jemmy. Er brachte es nicht fertig, diese Verbesserung zu unterlassen, und der Kleine geriet darüber in einen solchen Zorn, daß er die Worte hervorstieß: »Höre, das is zu schtark; nu wird mirsch zu toll. Ich kann dich nur mit den Worten niederschmettern, welche Heinrich Heine in »Des Sängers Fluch« bringt, nämlich:
»Du Wütrich teuflischer Natur,
Frech gegen Gott und Mensch und Tier,
Das Ach und Weh der Kreatur
Und deine Missethat an ihr
Hat polizeilich dich beordert
Und vor das Amtsgericht gefordert.«
»Da – nu weeßt du meine Meenung. Nimm sie dir zu Herzen, und drehe sie so lange in deinem Gemüte rum und num, bis du zur reuevollen Einsicht gelangst!«
»Aber, alter Frank, ich meine es ja gar nicht bös; ich muß dich als Freund doch aufmerksam machen, wenn du dich irrst. Ich will nicht haben, daß du dich blamierst.«
»So? Kann ich – ich – ich, nämlich ich, der Hobble-Frank aus Moritzburg, mich etwa wirklich irren und blamieren?«
»Ebenso wie jeder andre Mensch. Gerade auch der Reim, den du jetzt gebraucht hast, ist ein Beweis dafür. Erstens ist im Originale weder von der Polizei, noch von einem Amtsgerichte die Rede; zweitens ist das Gedicht nicht von Heine, sondern von Bürger, und drittens lautet seine Überschrift nicht »Des Sängers Fluch«, sondern »Der wilde Jäger«.«
»So so, i der Tausend! Was du nich alles weeßt oder wissen willst! Wenn du dich in dieser Weise an mich wagst, so kann ich dir nur sagen, daß meine Litteraturgeschichte nich von Blech is, sondern über jeder andern erhaben schteht. Durch deine Verdrehungen der wahrhaftigen Thatsachen und Unwahrscheinlichkeeten willst du mich selber zum wilden Jäger machen; aber das soll dir nich gelingen. Rede von jetzt an, was du willst, ich schpreche keen Wort mehr mit dir, sondern hülle mich dir gegenüber in die tiefste Verächtlichkeet. Wer Heine und Bürger verwechseln kann, noch dazu hier im indianischen Wigwam, dem sind alle Schterne untergegangen. Ich brachte dir schtets mein ganzes, reiches und exponiertes Seelenleben entgegen; aber ich habe mich schrecklich in dir geirrt. Deine Falschheet dreht mir das Zwergfell um; aber ich bin christlich geboren und akademisch erzogen und will es dir verzeihen. Aber unsre Freundschaft ist perdüh, und dein kaltes Temperament wird sich niemals wieder in den Schtrahlen meines Geistes sonnen dürfen. Ade, Jemmy, für immerdar! In diesem Oogenblicke verschwindet dein Planet in Nacht und Grauen. Requiriescat in panem!«
Er legte sich nieder und schloß die Augen. Auf der andern Seite ließ sich etwas hören, was wie ein leises, unterdrücktes Lachen klang; er beachtete es nicht. Die andern setzten das Gespräch nicht fort; es trat tiefe Ruhe ein, deren Stille nur zuweilen von dem Knistern des Feuers unterbrochen wurde.
Der Schlaf senkte sich nach und nach doch auf die müden Augenlider, welche sich erst dann wieder öffneten, als draußen laute Rufe erschollen und dann die Thürmatte geöffnet wurde. Ein Roter blickte herein und sagte: »Die Bleichgesichter mögen sich erheben und mit mir kommen.«
Sie standen auf, nahmen ihre Waffen und folgten ihm. Das Feuer war verlöscht, und die Sonne erhob sich über dem östlichen Horizonte. Sie warf ihre jungen Strahlen gegen den erwähnten Bergstock, daß das von demselben niederfließende Wasser wie flüssiges Gold funkelte und die Oberfläche des Sees wie eine polierte Metallscheibe erglänzte. Jetzt reichte der Blick weiter als am vorigen Abend. Die Ebene, in deren westlichen Teile der See lag, war ungefähr zwei englische Meilen lang und halb so breit und wurde rundum von Wald begrenzt. Im südlichen Teile befand sich das Lager, welches aus gegen hundert Zelten und Hütten bestand. Am Ufer des Sees weideten die Pferde; diejenigen der vier Jäger befanden sich in der Nähe ihres Zeltes; man hatte also die darauf bezügliche Forderung Old Shatterhands berücksichtigt.
Vor und zwischen den Hütten und Zelten standen oder bewegten sich rote Gestalten, welche all ihren kriegerischen Schmuck angelegt hatten, natürlich zur Feier des Todes der beiden gefangenen Mörder. Sie traten, als die vier Weißen vorübergeführt wurden, höflich zurück und hefteten auf die Gestalten derselben ihre Blicke mit einem Ausdrucke, welcher mehr prüfend und taxierend als feindselig genannt werden konnte.
»Was haben diese Kerle?« fragte Frank. »Sie gucken mich ja an, ungefähr so wie man een Pferd betrachtet, welches man koofen will.«
»Sie prüfen unsern Körperbau,« antwortete Old Shatterhand. »Das ist ein Zeichen, daß ich richtig vermutet habe. Unser wahrscheinliches Schicksal ist ihnen bereits bekannt. Wir werden um unser Leben kämpfen müssen.«
»Schön! Das meinige soll ihnen nich billig zu schtehen kommen. Jemmy, hast du Angst?«
Sein Zorn gegen den Dicken war verflogen; man hörte es seiner Frage an, daß er mehr an diesen als an sich selbst dachte.
»Angst habe ich nicht, aber besorgt bin ich, wie sich ganz von selbst versteht. Furcht würde uns nur schaden. Es gilt jetzt, so gefaßt und ruhig wie möglich zu sein.«
Außerhalb des Lagers waren zwei Pfähle in die Erde getrieben; in der Nähe standen fünf mit Federn geschmückte Krieger, der »große Wolf« unter ihnen. Er trat den Weißen einige Schritte entgegen und erklärte: »Ich habe die Bleichgesichter holen lassen, damit sie Zeuge seien, wie die roten Krieger ihre Feinde bestrafen. Man wird sogleich die Mörder bringen, um sie am Pfahle sterben zu lassen.«
»Wir begehren das nicht zu sehen,« antwortete Old Shatterhand.
»Seid ihr Feiglinge, daß ihr euch vor dem fließenden Blute entsetzt? Dann müssen wir euch als solche behandeln und brauchen euch mein Versprechen nicht zu halten.«
»Wir sind Christen. Wir töten unsre Feinde, wenn wir gezwungen sind, schnell; aber wir martern sie nicht.«
»Jetzt seid ihr bei uns und habt euch unsern Gebräuchen zu fügen. Wollt ihr das nicht thun, so beleidigt ihr uns und werdet dafür mit dem Tode bestraft.«
Old Shatterhand wußte, daß der Häuptling im Ernste sprach, und daß er sich mit seinen Gefährten in die größte Gefahr begab, wenn er sich weigerte, der Hinrichtung beizuwohnen. Darum erklärte er gezwungenermaßen: »Nun gut, wir werden bleiben.«
»So laßt euch bei uns nieder! Wenn ihr euch fügt, wird euch ein ehrenvoller Tod beschieden sein.«
Er setzte sich in das Gras, das Gesicht den Pfählen zugewendet. Die andern Häuptlinge thaten dasselbe, und die Weißen mußten sich fügen; dann ließ der »große Wolf« einen weithin schallenden Ruf hören, welcher mit einem allgemeinen Triumphgeheul beantwortet wurde. Es war das Zeichen, daß das gräßliche Schauspiel beginnen solle.
Die Krieger kamen herbei und bildeten um die Pfähle einen Halbkreis, in dessen Innern die Häuptlinge mit den Weißen saßen. Dann näherten sich die Weiber und Kinder, welche sich den Männern gegenüber in einem Bogen aufstellten, so daß der Kreis geschlossen wurde.
Nun brachte man Knox und Hilton, welche so scharf gefesselt waren, daß sie nicht gehen konnten, sondern streckenweise getragen werden mußten. Die Riemen schnitten ihnen so tief in das Fleisch, daß Hilton stöhnte. Knox war still; er lag im Wundfieber und hatte soeben aufgehört zu phantasieren. Sein Anblick war schrecklich. Beide wurden in aufrechter Stellung an die Pfähle gebunden, und zwar mit nassen Riemen, welche sich beim Trocknen so zusammenziehen mußten, daß sie den Opfern einer grausamen Gerechtigkeit die ärgsten Schmerzen bereiteten.
Knoxens Augen waren geschlossen, und sein Kopf hing schwer auf die Brust herab; er hatte das Bewußtsein verloren und wußte nicht, was mit ihm vorging. Hilton ließ seine angsterfüllten Blicke umherschweifen. Als er die vier Jäger sah, rief er ihnen zu: »Rettet mich, rettet mich, Mesch‘schurs. Ihr seid doch keine Heiden. Seid ihr denn gekommen, um uns eines so entsetzlichen Todes sterben zu sehen und euch an unsern Qualen zu weiden?«
»Nein,« antwortete Old Shatterhand. »Wir befinden uns gezwungen hier, können auch nichts für euch thun.«
»Ihr könnt, ihr könnt, wenn ihr nur wollt. Die Roten werden auf euch hören.«
»Nein. Ihr seid allein schuld an eurem Schicksale. Wer den Mut zu sündigen hat, der muß auch den Mut haben, die Strafe auf sich zu nehmen.«
»Ich bin unschuldig. Ich habe keinen Indianer erschossen. Knox hat es gethan.«
»Lügt nicht! Es ist eine freche Feigheit, die Schuld auf ihn allein wälzen zu wollen. Bereut lieber Eure , damit ihr jenseits Vergebung findet!«
»Ich will aber nicht sterben; ich mag nicht sterben! Hilfe, Hilfe, Hilfe!«
Er brüllte so laut, daß es über die weite Ebene hinschallte, und zerrte dabei so an seinen Fesseln, daß ihm das Blut aus dem Fleische spritzte. Da stand der »große Wolf« auf und gab mit der Hand ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Aller Augen richteten sich auf ihn. Er erzählte in der kurzen, kräftigen und doch schwunghaften Weise eines indianischen Redekünstlers, was geschehen war, und schilderte das verräterische Gebaren der Bleichgesichter, mit denen man im Frieden gelebt hatte, und welche nicht beleidigt worden waren, mit Worten, welche einen so tiefen Eindruck auf die Roten machten, daß diese mit den Waffen zu rasseln und zu klirren begannen. Dann erklärte er, daß die beiden Mörder zum Tode am Marterpfahle verurteilt seien und die Hinrichtung nun beginnen werde. Als er geendet und sich niedergesetzt hatte, erhob Hilton nochmals seine Stimme, um Old Shatterhand zur Fürbitte zu bewegen.
»Nun gut, ich will es versuchen,« antwortete dieser. »Kann ich nicht den Tod abwenden, so erreiche ich doch so viel, daß derselbe ein schneller und nicht so qualvoller wird.«
Er wendete sich an die Häuptlinge, hatte aber noch nicht den Mund zum Sprechen geöffnet, als der »große Wolf« ihn zornig anfuhr: »Du weißt, daß ich die Sprache der Bleichgesichter spreche und also verstanden habe, was du diesem Hunde dort versprochen hast. Habe ich nicht genug gethan, indem ich dir so günstige Bedingungen stellte? Willst du gegen unser Urteil sprechen und meine Krieger dadurch so erzürnen, daß ich dich nicht gegen sie zu beschützen vermag? Schweig also, und sage kein Wort! Du hast genug an dich selbst zu denken und solltest dich nicht um andre bekümmern. Wenn du die Partei dieser Mörder ergreifst, so stellst du dich ihnen gleich und wirst dasselbe Schicksal erleiden.«
»Meine Religion gebietet mir, eine Fürbitte zu thun,« war die einzige Entschuldigung, welche der Weiße vorbringen durfte.
»Nach welcher Religion haben wir uns zu richten, nach der deinigen oder nach der unsrigen? Hat eure Religion es diesen Hunden geboten, uns im tiefsten Frieden zu überfallen, unsre Pferde zu rauben und unsre Krieger zu töten? Nein! Also soll eure Religion auch keinen Einfluß auf die Bestrafung der Thäter haben.«
Er wendete sich ab und gab mit der Hand ein Zeichen, worauf wohl ein Dutzend Krieger hervortraten. Dann drehte er sich wieder zu Old Shatterhand um und erklärte diesem: »Hier stehen die Anverwandten derer, welche ermordet wurden. Sie haben das Recht, die Strafe zu beginnen.«
»Worin soll dieselbe bestehen?« erkundigte sich der Jäger.
»Aus verschiedenen Qualen. Zuerst wird man mit Messern nach ihnen werfen.«
Wenn bei den Roten ein Feind am Marterpfahle zu sterben hat, so suchen sie die Qualen möglichst zu verlängern. Die ihm beigebrachten Wunden sind erst nur sehr leicht und werden nach und nach schwerer. Gewöhnlich beginnt man mit dem Messerwerfen, welches in der Weise vorgenommen wird, daß hintereinander die verschiedenen Glieder und Körperstellen angegeben werden, welche von den Messern getroffen werden oder in denen dieselben stecken bleiben sollen. Man wählt diese Ziele so aus, daß nicht viel Blut vergossen wird, damit der Gemarterte nicht vorzeitig an Blutverlust stirbt.
»Der rechte Daumen!« gebot der »große Wolf«.
Die Arme der Gefangenen waren in der Weise angebunden, daß die Hände frei hingen. Die hervorgetretenen Roten sonderten sich in zwei Abteilungen, die eine für Hilton und die andre für Knox. Sie nahmen einen Abstand von zwölf Schritten und standen hintereinander. Der Voranstehende nahm sein Messer in die erhobene Rechte, zwischen die ersten drei Finger, zielte, warf und traf den Daumen. Hilton stieß einen Schmerzensschrei aus. Knox wurde auch getroffen, doch war seine Ohnmacht so tief, daß er nicht erwachte.
»Den Zeigefinger«, befahl der Häuptling.
In dieser Weise gab er der Reihe nach die Finger an, welche getroffen werden sollten und auch wirklich mit erstaunlicher Genauigkeit getroffen wurden. Hatte Hilton erst einen einzelnen Schrei ausgestoßen, so brüllte er jetzt unausgesetzt. Knox erwachte erst, als seine linke Hand zum Ziele genommen wurde. Er stierte wie abwesend um sich, schloß dann die blutunterlaufenen Augen wieder und ließ ein ganz unmenschliches Geheul hören. Er hatte gesehen, was man mit ihm begann; das Fieber ergriff ihn wieder, und beides, Delirium und Todesangst, entrissen ihm Laute, für welche man eine menschliche Stimme gar nicht geeignet halten sollte.
Unter dem unausgesetzten Gebrülle beider wurde die Exekution fortgesetzt. Die Messer trafen die Handrücken, Handgelenke, die Muskeln des Unter- und des Oberarmes, und dieselbe Reihenfolge wurde in Beziehung auf die Beine eingehalten. Das währte ungefähr eine Viertelstunde und war der leichte Beginn der Quälung, welche stundenlang dauern sollte. Old Shatterhand und seine drei Gefährten hatten sich abgewendet. Es war ihnen unmöglich, die Scene mit den Augen zu verfolgen. Das Schreien mußten sie über sich ergehen lassen.
Ein Indianer wird von frühester Kindheit an in dem Ertragen körperlicher Schmerzen geübt. Er gelangt dadurch so weit, daß er die größten Qualen ertragen kann, ohne mit der Wimper zu zucken. Vielleicht sind die Nerven des Roten auch weniger empfindlich als diejenigen des Weißen. Wenn der Indianer gefangen wird und am Marterpfahle stirbt, so erträgt er die ihm zugefügten Schmerzen mit lächelndem Munde, singt mit lauter Stimme sein Todeslied und unterbricht dasselbe nur hie und da, um seine Peiniger zu schmähen und zu verlachen. Ein jammernder Mann am Marterpfahle ist bei den Roten eine Unmöglichkeit. Wer über Schmerzen klagt, wird verachtet, und je lauter die Klagen werden, desto größer wird die Verachtung. Es ist vorgekommen, daß gemarterte Weiße, welche sterben sollten, ihre Freiheit erhielten, weil sie durch ihre unmännlichen Klagen zeigten, daß sie Memmen seien, welche man nicht zu fürchten brauche und deren Tötung für jeden Krieger eine Schande sei.
Man kann sich da denken, welchen Eindruck das Gejammer Knoxens und Hiltons machte. Die Roten wendeten sich ab und ließen Rufe der Entrüstung und Verachtung hören. Als den Verwandten der ermordeten Utahs Genüge geschehen war und nun andre aufgefordert wurden, vorzutreten, und die Peinigung durch ein neues Mittel fortzusetzen, fand sich kein einziger Krieger bereit dazu. Solche »Hunde, Coyoten und Kröten« wollte niemand berühren. Da erhob sich einer der Häuptlinge und sagte: »Diese Menschen sind nicht wert, daß ein tapferer Krieger Hand an sie legt; das sehen meine roten Brüder doch wohl ein. Wir wollen sie den Weibern überlassen. Wer von der Hand eines Weibes stirbt, dessen Seele nimmt in den ewigen Jagdgründen die Gestalt einer Frau an und muß arbeiten in alle Ewigkeit. Ich habe gesprochen.«
Dieser Vorschlag wurde nach kurzer Beratung angenommen. Die Frauen und Mütter der Ermordeten wurden aufgerufen; sie bekamen Messer, um den beiden dem Tode Geweihten leichte Schnitte zu versetzen, auch in der Reihenfolge, welche der »große Wolf« anzugeben hatte.
Einem gesitteten Europäer wird es schwer, zu glauben, daß ein Weib sich zu solchen Grausamkeiten herbeilassen könne. Aber die Roten sind eben nicht zivilisiert, und hier bannte die Rache für den vielfachen Mord jede mildere Regung. Die Frauen, meist alte Weiber, begannen ihr Werk, und das Heulen und Jammern der beiden Weißen erhob sich von neuem, und zwar in einer Weise, daß es selbst den Ohren der Roten unerträglich wurde. Der »große Wolf« gebot Einhalt und sagte: »Diese Memmen sind es auch nicht wert, nach dem Tode Frauen zu sein. Kein roter Mann wird raten, ihnen die Freiheit zu geben, denn ihre Schuld ist zu groß; sie müssen sterben; aber sie sollen die ewigen Jagdgründe als Coyoten betreten, welche ohne Aufhören gehetzt und verfolgt werden. Man übergebe sie den Hunden. Ich habe gesprochen.«
Es begann eine Beratung, deren Ergebnis Old Shatterhand voraussah und mit Grauen erwartete. Er war so kühn, eine Fürbitte zu wagen, wurde aber in einer Weise abgewiesen, daß er froh war, nicht noch Schlimmeres davongetragen zu haben. Der Beschluß wurde ganz nach dem Antrage des »großen Wolfes« gefaßt. Einige Rote entfernten sich, um die Hunde zu holen. Der Häuptling wendete sich zu den vier Weißen: »Die Hunde der Utahs sind auf die Bleichgesichter dressiert; sie thun ihnen nichts; sie werfen sich erst dann auf sie, wenn sie gehetzt werden; dann aber zerreißen sie jeden Weißen, welcher sich in der Nähe befindet. Ich werde euch also fortbringen und in einem Zelte bewachen lassen, bis die Tiere wieder angebunden sind.«
Auf seinen Befehl wurden die vier in ein nahes Zelt gebracht und dort von mehreren Indianern bewacht. Es war ihnen gerade so zu Mute, als ob sie selbst für die Gebisse der Bestien bestimmt seien. Die beiden Mörder hatten den Tod verdient; aber von Hunden zerrissen werden, das war ein gräßliches Ende.
Draußen herrschte wohl zehn Minuten lang eine Stille, welche nur zuweilen von dem Jammer Hiltons, der sein Schicksal noch nicht kannte, unterbrochen wurde. Dann hörte man lautes, hastiges Bellen, welches in ein blutdürstiges Geheul überging; zwei menschliche Stimmen kreischten in fürchterlicher Todesangst auf; dann wurde es wieder still.
»Horch!« sagte Jemmy. »Ich höre Knochen krachen. Ich glaube gar, man läßt die beiden von den Hunden fressen.«
»Möglich, aber ich glaube es nicht,« antwortete Old Shatterhand. Das Krachen lebt nur in deiner Einbildung. Auch die meinige ist ungewöhnlich aufgeregt. Wohl uns, daß wir nicht gezwungen waren, die Scene mit anzusehen!«
Jetzt wurden sie wieder aus dem Zelte gelassen, um nach dem Richtplatze zurückgeführt zu werden. Weiter drin, im Innern des Lagers, sah man vier oder fünf Rote gehen, welche die Hunde an starken Riemen zurückzubringen hatten. Ob die Tiere die Spuren der Weißen gewittert hatten – – einer der Hunde war kaum fortzuzerren; er sah sich um und erblickte die vier Jäger; mit einem gewaltigen Rucke riß er sich los und kam herbeigestürzt. Ein allgemeiner Schreckensschrei erscholl; der Hund war so groß und stark, daß es für einen Menschen ganz unmöglich schien, es mit ihm aufzunehmen. Und doch wollte keiner der Indianer auf ihn schießen, da das Tier ein sehr wertvolles war. Jemmy legte sein Gewehr an und zielte.
»Halt, nicht schießen,« gebot Old Shatterhand. »Die Roten könnten uns den Tod dieses prächtigen Hundes übelnehmen, und ich will ihnen zugleich zeigen, was die Faust eines weißen Jägers vermag.«
Diese Worte waren hastig hervorgestoßen. Es geschah überhaupt alles weit schneller, als es erzählt oder beschrieben werden kann, denn der Hund hatte die ganze Strecke in wahrhaft pantherähnlichen Sprüngen in nicht mehr als zehn oder zwölf Sekunden zurückgelegt. Old Shatterhand trat ihm mit einer schnellen Bewegung entgegen, die Hände niederhaltend.
»Du bist verloren!« schrie ihm der »große Wolf« zu.
»Warte es ab!« antwortete der Jäger.
Jetzt war der Hund da. Er hatte den zähnebewehrten Rachen weit geöffnet und warf sich mit raubtierartigem Schnaufen auf den Gegner. Dieser hielt die Augen fest auf diejenigen des Tieres gerichtet; als dasselbe zum Sprunge ansetzte, und sich bereits in der Luft befand, warf er sich ihm mit schnell ausgespreizten Armen entgegen – ein gewaltiger Zusammenprall von Hund und Mensch – Old Shatterhand schlug die Arme über dem Nacken des Tieres, welches nach seiner Gurgel gezielt hatte, zusammen und drückte den Kopf des Hundes so fest gegen sich, daß dieser nicht zu beißen vermochte. Ein noch festerer Druck, und dem Hunde ging der Atem aus; seine kratzenden Beine fielen schlaff nach unten. Mit einer schnellen Bewegung riß der Jäger den Kopf der Bestie mit der linken Hand von sich ab – ein Schlag mit der rechten Faust auf die Schnauze, dann schleuderte er ihn von sich.
»Da liegt er,« rief er, sich umdrehend, dem Häuptling zu. »Laßt ihn anbinden, damit er, wenn er erwacht, nicht Unheil anrichtet.«
»Uff, ugh, ugh, uff!« erscholl es von den Lippen der erstaunten Roten. Das hätte keiner von ihnen gewagt; das hätten sie nicht für möglich gehalten. Der »große Wolf« gab den Befehl, das Tier fortzuschaffen, trat zu Old Shatterhand und sagte in aufrichtig bewunderndem Tone: »Mein weißer Bruder ist ein Held. Anstatt sich von dem Bluthunde niederreißen und zerfleischen zu lassen, hat er ihn zu Boden geschlagen. Die Füße keines Roten hätten so fest gestanden, und die Brust keines andern Menschen hätten diesen Zusammenprall ausgehalten; ihm wären die Rippen eingedrückt worden. Warum ließ Old Shatterhand nicht schießen?«
»Weil ich euch nicht um dieses prächtige Tier bringen wollte.«
»Welche Unvorsichtigkeit! Wenn es dich nun zerrissen hätte!«
»Pshaw! Old Shatterhand wird von keinem Hunde zerrissen! Was gedenken die Krieger der Utahs nun zu thun?«
»Sie werden über euch beraten, denn die Zeit dazu ist gekommen. Wollen die Bleichgesichter nicht um Mitleid bitten?«
»Mitleid? Bist du toll? Frage mich doch lieber, ob ich geneigt bin, Mitleid mit euch zu haben!«
Der Häuptling führte ihn mit einem Blicke, in welchem ebensowohl Erstaunen als Bewunderung lag, zur Seite, wo die vier Weißen sich außerhalb des Kreises der Roten niedersetzen sollten, um die Beratung nicht belauschen zu können. Dann verfügte er sich nach dem Platze, welchen er schon vorher eingenommen gehabt hatte.
Die Augen der Jäger richteten sich natürlich nach den beiden Pfählen. Dort hingen die zerfleischten Körper und Glieder der Mörder an den von den Hunden vielfach zerrissenen Riemen nieder, ein wirklich grauenhafter Anblick.
Nun begann die entscheidende Sitzung, welche ganz in indianischer Weise abgehalten wurde. Erst sprach der »große Wolf« eine lange Zeit; dann folgten die Häuptlinge einer nach dem andern; der Wolf begann wieder, die andern auch; gewöhnliche Krieger durften nicht sprechen; sie standen ehrfurchtsvoll lauschend im Kreise. Der Indianer ist wortkarg; aber bei Beratungen spricht er gern und viel. Es gibt Rote, welche als Redner eine ganz bedeutende Berühmtheit erlangt haben.
Die Beratung nahm wohl zwei Stunden in Anspruch, eine lange Zeit für diejenigen, deren Schicksal von dem Erfolge derselben abhängig war; dann kündete ein allgemein und laut gerufenes »Howgh!« den Schluß der Sitzung an. Die Weißen wurden geholt; sie mußten in das Innere des Kreises treten, um dort ihr Schicksal zu vernehmen. Der »große Wolf« erhob sich von der Erde, um ihnen dasselbe zu verkündigen: »Die vier Bleichgesichter haben bereits gehört, weshalb wir die Kriegsbeile ausgegraben haben; ich will es ihnen nicht wiederholen. Wir haben geschworen, alle Weißen, welche in unsre Hände geraten, zu töten, und ich dürfte mit euch keine Ausnahme machen. Ihr seid mir hierher gefolgt, damit über euch beraten werde, und habt mir versprochen, keine Gegenwehr zu leisten. Wir wissen, daß ihr die Freunde der roten Männer seid, und darum sollt ihr nicht das Schicksal der andern Bleichgesichter, welche wir fangen werden, teilen. Diese kommen sofort an den Marterpfahl; ihr aber sollt um euer Leben kämpfen dürfen.«
Er machte eine Pause, welche Old Shatterhand zu der Frage benutzte: »Mit wem? Wir vier Personen gegen euch alle? Gut, ich bin einverstanden. Meine Todesflinte wird viele von euch in die ewigen Jagdgründe senden!«
Er erhob den Stutzen. Der Häuptling vermochte nicht ganz seinen Schreck zu verbergen; er machte eine schnelle, abwehrende Bewegung und antwortete: »Old Shatterhand irrt sich, jeder von euch soll einen Gegner haben, mit welchem er kämpft, und der Sieger hat das Recht, den Besiegten zu töten.«
»Damit bin ich einverstanden. Wer aber hat das Recht, unsre Gegner zu wählen, wir oder ihr?«
»Wir. Ich werde eine Aufforderung ergehen lassen, auf welche sich Freiwillige melden.«
»Und wie oder mit welchen Waffen soll gekämpft werden?«
»So, wie derjenige von uns, welcher sich meldet, bestimmt.«
»Ach! Nach unsern Wünschen werdet ihr euch also da nicht richten?«
»Nein.«
»Das ist ungerecht.«
»Nein, das ist gerecht. Du mußt bedenken, daß wir im Vorteile vor euch sind und also auch einen Vorteil zu verlangen haben.«