Kitabı oku: «Der Sohn des Bärenjägers», sayfa 3
„Will’s meinen.“
„Woher?“
„Dieser Wohkadeh hat sie ja genannt, als ich mit Martin im Busch lag und euch belauschte. Eigentlich habt Ihr gar nicht so die richtige Gestalt für einen Westmann. Eure Hüfte ist mehr geeignet für einen Müller oder Bäckermeister im alten Germany. Aber...“
„Was?“, fiel der Dicke schnell ein. „Ihr redet da von Deutschland. Kennt Ihr es vielleicht?“
„Na, und ob! Ich bin ein Deutscher mit Haut und Haar!“
„Und ich mit Leib und Seele!“
„Ist’s wahr?“, fragte Frank, indem er sein Pferd anhielt. „Eigentlich konnte ich es mir gleich denken. Einen Yankee von Eurem Körperumfang kann es ja kaum geben. Ich aber freue mich königlich, einen Landsmann getroffen zu haben. Her mit Eurer Hand, Mann! Ihr seid mir herzlich willkommen!“
Sie schlugen ein, dass beiden die Hände schmerzten. Der Dicke aber meinte: „Treibt nur Euer Pferd wieder an! Wir brauchen ja deshalb nicht hier halten zu bleiben. Wie lange seid Ihr denn bereits in den Staaten?“
„Mehr als zehn Jahre.“
„So habt Ihr wohl indessen Euer Deutsch verlernt?“
Beide hatten bisher Englisch gesprochen. Bei der letzten Frage richtete Frank seine kleine Gestalt möglichst hoch im Sattel auf und entgegnete beleidigt. „Ich? Meine Sprache verlernt? Da kommen Sie bei mir verkehrt an! Ich bin ein Deutscher und bleibe ein Deutscher. Wissen Sie ungefähr, wo dazumal meine Wiege gestanden hat?“
„Nein. Ich war ja nicht dabei.“
„Na, allemal nur in Sachsen! Verstehen Sie? Ich habe schon mit manchem Deutschen gesprochen, aber ich habe niemals jemand so gut verstanden, als wenn er eben in Sachsen geboren war. Sachsen ist das Herz von Deutschland. Dresden is klassisch, die Elbe is klassisch, Leipzig is klassisch und die Sächsische Schweiz ooch. Die schönste Gegend is die Strecke zwischen Pirna und Meißen, und so ziemlich zwischen diesen beiden Städten habe ich das Licht der Welt erblickt. Und später habe ich ganz in derselben Gegend meine Laufbahn angefangen. Ich war nämlich Forschtgehilfe in Moritzburg, was ein berühmtes königliches Jagdschloss is mit einer famosen Bildergalerie und großen Karpfenteichen. Mein bester Freund war der dortige Schulmeister, mit dem ich alle Abende Sechsundsechzig gespielt und nachher von den Künsten und Wissenschaften gesprochen habe. Dort habe ich mir ne ganz besondere allgemeine Bildung angeeignet. Oder zweifeln Sie etwa daran? Sie machen mir so ein verbohrtes Gesicht?“
„Ich mag nicht darüber streiten, obgleich ich früher Gymnasiast gewesen bin und mensa dekliniert habe.“
Der Kleine warf Jemmy von der Seite einen pfiffigen Blick zu und frage: „Mensa dekliniert? Da haben Sie sich wohl versprochen?“
„Wüsste nicht, wieso?“
„Na, dann ist’s mit Ihrem Gymnasium ooch nich sehr weit her. Es heißt nicht dekliniert, sondern deklamiert und auch nicht Mensa, sondern Pensa. Sie haben Ihre Pensa deklamiert, vielleicht des Sängers Fluch von Hufeland oder den Freischütz von Frau Maria Leineweber. Aber deshalb keine Feindschaft nich? Es hat eben jeder so viel gelernt, wie er kann, mehr nich, und wenn ich einen Deutschen sehe, so freue ich mich darüber, ooch wenn er nich gerade ein gescheiter Kerl is oder gar ein Sachse. Also, wie steht’s? Wollen wir gute Freunde sein?“
„Gewiss!“, lachte der Dicke. „Ich habe immer gehört, dass die Sachsen die gemütlichsten Leute sind. Warum aber haben Sie Ihre schöne Heimat verlassen?“
„Eben wegen der Kunst und der Wissenschaft.“
„Wieso?“
„Das kam ganz plötzlich und folgendermaßen: Wir sprachen von der Politik und der Weltgeschichte, abends in der Wirtschaft. Wir waren unser drei am Tisch, nämlich der Hausknecht, der Nachtwächter und ich. Der Schulmeister saß am anderen Tisch bei den Vornehmen. Weil ich aber stets ein sehr leutseliger Mensch gewesen bin, hatte ich mich zu den zweien gesetzt, die ooch ganz glücklich waren über diese Art von Herablassung. Bei der Weltgeschichte nun kamen wir ooch off den alten Papa Wrangel zu sprechen und dass der sich das Zeitwort mehrschtenteels[12] so angewöhnt gehabt hatte, dass er es bei jeder Gelegenheit zum Vorschein brachte. Da fingen nun die beiden Kerle an, sich mit mir über die richtige Aussprache dieses Wortes zu streiten. Jeder hatte eine andere Ansicht. Ich sagte, es müsse gesprochen werden: mehrschtenteels; der Hausknecht aber meinte: mehrschtenteils, und der Nachtwächter sagte gar meistenteels. Bei diesem Streit kam ich nach und nach in die Wolle, aber als gebildeter Beamter und Staatsbürger bewahrte ich mir die Kraft, meine Selbstüberwindung zu beherrschen, und wendete mich an meinen Freund, den Schulmeister. Doch er mochte schlechte Laune haben oder so ein bisschen Anflug von gelehrtem Übermut, kurz und gut, er gab mir nicht Recht und sagte, wir hätten alle dreie Unrecht. Er behauptete, in dem Wort mehrschtenteels müssten zwei ‚ei‘ stehen. Weil ich nun aber ganz gewiss weiß, dass es nur een einziges Wort mit zwei ‚ei‘ gibt, nämlich Reisbrei, wurde ich unangenehm. Und als dann noch der Nachtwächter sagte, ich könne ooch nich richtig sprechen, da tat ich denn, was jeder Ehrenmann getan haben würde: Ich warf ihm mein beleidigtes Ehrgefühl an den Kopp und das Bierglas dazu. Jetzt freilich gab es verschiedene Szenen ohne Kulissen und das Ende war, dass ich wegen Störung der öffentlichen Unruhe und wegen Verletzung eines beabsichtigten Körpers in Anklagezustand versetzt wurde. Ich sollte bestraft und abgesetzt werden. Die Bestrafung und Absetzung hätte ich mir wohl gefallen gelassen, aber dass ich ooch meine Anstellung verlieren sollte, das war mir zu viel. Das konnte ich nich verwinden. Als ich die Strafe und die Absetzung überstanden hatte, ging ich auf und davon. Und weil ich alles, was ich einmal mache, ooch gleich ordentlich mache, ging ich sofort nach Amerika. Also is eigentlich nur der alte Wrangel daran schuld, dass Sie mich heute hier getroffen haben.“
„Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn Sie gefallen mir“, versicherte der Dicke, indem er dem Landsmann freundlich zunickte.
„So? Is das wahr? Nun, ich habe ooch gleich so ne Art von heimlicher Zuneigung für Sie empfunden und das hat natürlich seinen guten Grund. Erstens sind Sie kein übler Kerl, zweitens bin ich ooch nich ganz ohne und so können wir drittens recht gute Freunde werden. Beigestanden haben wir einander ooch schon und so is eigentlich das Band fertig, das uns lieblich umschlingen soll. Sie werden gütigst bemerken, dass ich mich stets in gewählten Ausdrücken bewege und daraus können Sie schließen, dass ich mich Ihrer Freundschaftsempfindungen nicht unwürdig erweisen werde. Der Sachse ist immer nobel, und wenn mich heute ein Indianer skalpieren wollte, so würde ich höflich zu ihm sagen: „Bitte, bemühen Sie sich freundlichst! Hier haben Sie meine Skalplocke!“
Da meinte Jemmy lachend: „Wollte er dann ebenso höflich sein, so müsste er Ihnen Ihre Kopfhaut lassen. Aber, um nun auch von einem anderen zu sprechen: Ist Ihr Begleiter wirklich der Sohn des bekannten Bärenjägers Baumann?“
„Ja. Baumann is mein Geschäftsteilhaber und sein Sohn, der Martin, nennt mich Onkel, obgleich ich das einzige Kind meiner Eltern bin und ooch nie verheiratet war. Wir trafen uns drunten in St. Louis, damals, als das Goldfieber die Diggers nach den Schwarzen Hügeln zog. Wir hatten uns beide ein Sümmchen gespart und beschlossen, hier oben nen Laden anzulegen. Das war jedenfalls vorteilhafter, als mit nach Gold zu graben. Die Sache gelang recht gut. Ich übernahm den Laden und Baumann ging off die Jagd, um für den Schnabel zu sorgen. Später aber stellte sich’s heraus, dass hier am Ort kein Gold zu finden war. Die Diggers zogen fort und nun wohnten wir allein da mit unseren Vorräten. Nur nach und nach wurden wir sie an Jäger los, die zufällig hier vorüberkamen. Das letzte Geschäft machten wir vor zwei Wochen. Da suchte uns ne kleine Gesellschaft off, die Baumann anstellen wollte, sie nach dem Yellowstone River zu begleiten. Dort sollten nämlich Halbedelsteine in Massen zu finden sein und diese Leute waren Steinschleifer. Baumann ließ sich bereit finden, machte sich eine ansehnliche Bezahlung aus, verkaufte ihnen eine bedeutende Menge Pulver und Blei und anderes Brauchbare und ging dann mit ihnen fort. Jetzt bin ich nun mit seinem Sohn und einem Neger, den wir von St. Louis mitgenommen haben, ganz allein im Blockhaus.“
„Das Gebiet des Yellowstone River ist aber eine äußerst gefährliche Gegend. Zwischen hier und dort jagen jetzt die Schlangenindianer.“
„Sie haben das Kriegsbeil vergraben.“
„Und ich hörte, dass sie es in neuester Zeit wieder ausgegraben haben sollen. Ihr Freund befindet sich ganz gewiss in Gefahr. Dazu der Bote, der heute zu Ihnen kommt. Ich ahne nichts Gutes.“
„Dieser Indianer ist ein Sioux.“
„Aber er zögerte, seine Botschaft auszurichten. Das ist kein gutes Zeichen. Mit einer frohen Nachricht braucht man nicht zurückhalten, und er sagte mir auch, dass er vom hohen Gebirge im Westen komme.“
„So will ich schnell zu ihm.“ Der kleine Sachse spornte sein Pferd an, um Wohkadeh zu erreichen. Sobald dieser es merkte, stieß er dem seinigen die Fersen in die Weichen und eilte voran. Wenn Hobble-Frank nicht ein Wettrennen unternehmen wollte, musste er darauf verzichten, bereits jetzt mit dem Indianer zu sprechen.
Indessen hatte sich der Sohn des Bärenjägers zu dem Langen Davy gehalten. Dem lag natürlich auch daran, etwas über die Verhältnisse der neuen Bekannten zu erfahren. Er erhielt zwar die Auskunft, aber nicht so ausführlich, wie es sein Wunsch war. Der Knabe war sehr zurückhaltend und einsilbig.
Endlich wand sich der Bach in einer Krümmung um eine Anhöhe, auf der die Nahenden eine Blockhütte erblickten, deren Lage sie zu einem kleinen Fort machte, das sicheren Schutz gegen einen Indianerangriff bot.
Die Höhe fiel an drei Seiten so steil ab, dass man sie kaum erklimmen konnte. Die vierte Seite war mit einer doppelten Fenz versehen. Unten gab es ein Maisfeld und ein kleines, mit Tabak bebautes Stück Land. In dessen Nähe weideten zwei Pferde. Martin deutete auf die Tiere und erklärte: „Von dort haben uns die Männer unsere Pferde gestohlen, als wir nicht daheim waren. Wo mag Bob, unser Neger, sein?“
Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Da lugte ein schwarzer Kopf hinter den hohen Maispflanzen hervor. Zwischen den breitgezogenen, wulstigen Lippen wurden zwei Reihen von Zähnen sichtbar, auf die ein Jaguar hätte stolz sein können. Dann kam die herkulische Gestalt des Negers zum Vorschein. Er hatte einen schweren, dicken Pfahl in der Hand und sagte unter Grinsen:
„Bob sich verstecken und aufpassen. Wenn Spitzbuben wiederkommen und auch noch zwei andere Pferde stehlen wollen, dann ihnen mit diesem Stock die Köpfe einschlagen.“
Er schwang den Pfahl mit einer Leichtigkeit, als sei er eine Weidenrute.
Der Indianer kümmerte sich gar nicht um ihn. Er ritt an ihm vorüber, die vierte, zugängliche Seite der Höhe bis zur Doppelfenz empor, sprang vom Rücken seines Pferdes darüber hinweg und verschwand hinter der Einzäunung.
„Was sein Redman für ein grob Kerl!“, zürnte der Neger. „Reiten an Masser Bob vorüber, ohne sagen: Good day! Springen über Fenz und gar nicht warten, bis Massa Martin ihm erlauben, einzutreten. Masser Bob ihn werden höflich machen!“ Der gute Schwarze gab sich selbst den Titel Masser Bob, also Mister oder Herr Robert. Er war ein freier Neger und fühlte sich gekränkt, weil er von dem Indianer nicht begrüßt worden war.
„Du wirst ihn nicht beleidigen“, warnte Martin. „Er ist unser Freund.“
„Das sein ein ander Sache. Wenn Redman sein Freund von Massa, so sein auch Freund von Masser Bob. Massa Pferde wiederhaben? Spitzbuben tot gemacht?“
„Nein. Sie sind entflohen. Öffne die Fenz!“
Bob stieg mit langen Schritten voran und schob oben die beiden Teile des schweren Tores auseinander, als seien sie aus Papier geschnitten. Dann ritten die anderen in den Raum, der von der Fenz umschlossen wurde.
3. Im Blockhaus
In der Mitte des Platzes erhob sich die viereckige Blockhütte, die aus ineinander gefügten Holzstämmen errichtet war. Die Tür stand offen. Als die Männer eintraten, sahen sie den Indianer in der Mitte des einzigen Raumes sitzen, der das Innere der Hütte bildete. Wo sich sein Pferd befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Es war mit den anderen in die Umfriedung hereingekommen.
Jetzt begrüßten Martin und Hobble-Frank die beiden Jäger mit herzlichem Handschlag. Die Gäste blickten sich im Raum um. Im hinteren Teil hatte sich der Laden befunden, dessen Vorräte aber sehr auf die Neige gegangen waren. Einige auf Pfähle geschlagene Kistendeckel bildeten die Tische. Die Sessel waren ebenso zusammengenagelt. In einer Ecke gewahrte man die Lagerstätten. Sie waren so kostbar, dass man die Bewohner des Blockhauses darum beneiden konnte, denn sie bestanden aus einer ganzen Anzahl übereinander gelegter Felle des fürchterlichen grauen Bären, der das gefährlichste Raubtier Amerikas ist. Richtet sich ein solcher ausgewachsener Grizzly auf den Hinterpranken auf, so ist er leicht noch einen halber Meter größer als ein Mann von guter Körperlänge. Einen solchen Bären erlegt zu haben, gilt bei den Indianern als größtes Heldenstück, und selbst der viel besser bewaffnete Weiße geht diesem Tier lieber aus dem Weg, als dass er sich ohne Not in einen Kampf mit ihm einlässt.
Verschiedene Waffen und Beutestücke von Jagden hingen an den Wänden und in der Nähe des Kamins waren mächtige Stücke Rauchfleisch an hölzernen Pflöcken befestigt.
Es war Abend geworden, und da das Dämmerlicht nur spärlich durch die kleinen, nicht mit Glas, sondern nur mit Läden versehenen Fensteröffnungen einzudringen vermochte, war es in der Hütte ziemlich dunkel. „Masser Bob Feuer anbrennen“, erklärte daher der Neger.
Er brachte trockenes Buschholz herbeigeschleppt und machte mittels seines Punks[13] Feuer auf dem Herd. Der Zunder zu diesem Feuerzeug besteht aus trockenem, leicht glimmendem Moder, der aus der Höhlung verfaulter Bäume genommen wird.
Die riesige Gestalt des Negers wurde während der erwähnten Beschäftigung von der Flamme grell beleuchtet. Er trug einen weiten Anzug aus dem einfachsten Kaliko, aber keine Kopfbedeckung. Das hatte seinen Grund. Der gute Bob war nämlich ein wenig eitel. Er wollte nicht als reiner Afrikaner gelten. Leider aber war sein Kopf mit einem dichten Wald kurzer, krauser Locken versehen, und da gerade diese Wolle seine Abstammung auf das Überzeugendste verriet, hatte er sich alle Mühe gegeben, glauben zu machen, dass er schlichtes Haar besitze. Er hatte darum den Kopf fest mit Hirschtalg eingerieben und das unbändige Wollgewirr in unzählige dünne Zöpfchen geflochten, die wie die Stacheln eines Igels nach allen Richtungen von seinem Kopf abstanden. Das gab bei der Beleuchtung durch das Herdfeuer einen abenteuerlichen Anblick.
Bis jetzt waren nur wenige Worte gewechselt worden. Nun aber meinte Hobble-Frank in englischer Sprache zu dem Indianer: „Mein roter Bruder befindet sich in unserem Haus. Er ist uns willkommen und mag seine Botschaft ausrichten.“
Der Rote warf einen forschenden Blick rundum und fragte: „Wie kann Wohkadeh sprechen, wenn er noch nicht den Rauch des Friedens schmecken durfte?“
Da nahm Martin, der Sohn des Bärenjägers, ein indianisches Kalumet von der Wand und stopfte es mit Tabak. Als sich nun die anderen in die Nähe des Roten gesetzt hatten, steckte er den Tabak in Brand, tat sechs Züge, blies den Rauch nach oben, nach unten und nach den vier Himmelsrichtungen und sagte: „Wohkadeh ist unser Freund und wir sind seine Brüder. Er mag mit uns die Pfeife des Friedens rauchen und uns nachher seine Botschaft sagen.“
Darauf reichte er dem Indianer die Pfeife. Dieser nahm sie in Empfang, erhob sich, tat die gleichen sechs Züge und erklärte sodann: „Wohkadeh hat die Bleichgesichter noch nie gesehen. Er wurde zu ihnen gesandt und sie erretteten ihn aus der Gefangenschaft. Ihre Feinde sind auch seine Feinde, und seine Freunde mögen auch die ihrigen sein. Howgh[14]!“
Dieses ‚Howgh‘ heißt bei den Indianern so viel wie: ja, jawohl, ganz gewiss. Es wird als Zeichen der Bekräftigung oder der Zustimmung gebraucht, besonders in den Pausen oder am Schluss einer Rede.
Wohkadeh gab die Pfeife weiter. Während sie die Runde machte, setzte er sich wieder und wartete. Er benahm sich bei dieser Begrüßung wie ein alter, erfahrener Häuptling, und auch Martin, der noch ein halber Knabe war, zeigte einen Ernst, der seine Überzeugung erkennen ließ, dass er in Abwesenheit seines Vaters der Hausherr sei.
Als der Letzte die Pfeife weggelegt hatte, begann Wohkadeh: „Kennen meine weißen Brüder das Bleichgesicht, das von den Sioux Nonpeh-tahan[15] genannt wird?“
„Du meinst Old Shatterhand?“, erkundigte sich der Lange Davy. „Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber gehört hat wohl ein jeder von ihm. Was ist’s mit ihm?“
„Er liebt die roten Männer, obwohl er ein Bleichgesicht ist. Er ist der berühmteste Pfadfinder. Seine Kugel geht nie fehl und mit der unbewaffneten Faust fällt er den stärksten Feind. Darum wird er Old Shatterhand genannt. Er schont das Blut und das Leben seiner Feinde, er verwundet sie bloß, um sie kampfunfähig zu machen, und nur, wenn es sein eigenes Leben gilt, tötet er den Gegner. Vor mehreren Monaten wurde er droben am Yellowstone von den Sioux-Ogellallah überfallen. Er stand aber auf einem Felsen und sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen. Da trat er hervor und erbot sich, mit dreien von ihnen zu kämpfen, sie mit dem Tomahawk und er ohne Waffe. Er hat sie alle drei mit der Faust erschlagen, darunter Pethaschitscha[16], den stärksten Mann des Stammes. Großes Wehegeheul erhob sich in den Bergen und Klagen in den Wigwams der Ogellallah. Es ist bis heute noch nicht verstummt. Jetzt sind die tapfersten Krieger des Stammes aufgebrochen nach dem Yellowstone River, um an den Gräbern der drei Erschlagenen ihre Todesgesänge ertönen zu lassen. Der Weiße, der ihnen während dieses Zuges begegnet, ist verloren. Er wird auf den Gräbern der von Old Shatterhand Getöteten an den Marterpfahl gebunden und muss langsam unter Qualen sterben, damit seine Seele die Geister der drei Toten in den ewigen Jagdgründen bediene.“
Wohkadeh machte eine Pause und sagte dann ruhig und mit dumpfer Betonung: „Der Bärenjäger und seine Freunde sind von ihnen im Schlaf überrascht und gefangen worden!“
Martin sprang von seinem Sitz auf und rief: „Bob, sattle schleunigst die Pferde! Frank, du magst schnell Munition und Mundvorrat einpacken und ich will indessen die Gewehre ölen und die Messer schleifen! In spätestens einer Stunde brechen wir zum Yellowstone auf!“
„Selbstverständlich!“, rief Frank, indem er sich rasch erhob. „The devil, das soll den Roten schlecht bekommen!“
Auch der Neger erhob sich, raffte den Pfahl auf, den er vorhin mit hereingenommen hatte, und erklärte: „Masser Bob mitgehen! Masser Bob totschlagen all rot Hunde von Ogellallah!“
Da hob der Indianer die Hand und sagte: „Sind meine weißen Brüder Mücken, die zornig umherfliegen, wenn sie gereizt werden? Oder sind sie Männer, die wissen, dass die ruhige Beratung der Tat vorangehen muss? Wohkadeh hat noch nicht ausgesprochen.“
„Mein Vater befindet sich in Gefahr, das genügt!“, brauste der Jüngling auf.
Da warnte Jemmy, der Dicke: „Beruhigt Euch, mein junger Freund! Eile will Weile haben. Lasst Wohkadeh erzählen, bevor wir handeln!“
„Handeln? Ihr wollt auch mit?“
„Das bedarf keiner Frage. Wir haben das Kalumet miteinander geraucht und sind Freunde und Brüder. Der Lange Davy und der Dicke Jemmy haben noch keinen im Stich gelassen, der ihre Hilfe brauchte. Ob wir beide nach Montana reiten, um dort Büffel zu jagen, oder ob wir vorher einen Abstecher zum Yellowstone machen, um mit den Sioux-Ogellallah einen Walzer zu tanzen, das ist uns einerlei. Aber es muss alles in der gehörigen Ordnung vor sich gehen, sonst macht es so alten Jägern, wie wir beide sind, keinen rechten Spaß. Setzt Euch also wieder und bleibt ruhig, wie es sich geziemt!“
„Das ist richtig!“, stimmte der kleine Sachse bei. „Aufregung tut in keiner Lage gut. Wir müssen überlegsam sein.“
Nachdem die drei sich wieder gesetzt hatten, fuhr der junge Indianer fort: „Wohkadeh ist ein Mandan, die Freunde der Bleichgesichter sind. Später wurde er gezwungen, ein Ogellallah zu sein. Aber er wartete nur auf die Gelegenheit, die Ogellallah zu verlassen. Jetzt musste er mit ihren Kriegern nach dem Yellowstone ziehen. Er war dabei, als sie den Bärenjäger und seine Begleiter des Nachts im Schlaf überfielen. Die Ogellallah müssen während dieses Ritts vorsichtig sein, denn dort in den Bergen wohnen ihre grimmigsten Feinde, die Schoschonen. Wohkadeh wurde als Kundschafter ausgesandt, um die Wigwams der Schoschonen auszuspähen. Aber er tat dies nicht, sondern er ritt in größter Eile nach Osten zur Hütte des Bärenjägers, um den Sohn und den Freund von Baumanns Schicksal zu benachrichtigen.“
„Das ist brav, das werde ich niemals vergessen!“, rief Martin. „Weiß denn mein Vater davon?“
„Wohkadeh hat es ihm gesagt und sich den Weg beschreiben lassen. Er hat so heimlich mit dem Bärenjäger gesprochen, dass keiner der Ogellallah es bemerken konnte.“
„Aber sie werden es ahnen, wenn du nicht zu ihnen zurückkehrst!“
„Nein. Sie werden glauben, Wohkadeh sei von den Schoschonen getötet worden.“
„Hat dir mein Vater bestimmte Weisungen für uns mitgegeben?“
„Nein. Wohkadeh soll euch sagen, dass er mit seinen Begleitern gefangen ist. Nun wird mein junger weißer Bruder selbst wissen, was er zu tun hat.“
„Natürlich weiß ich es! Aufbrechen werde ich, und zwar sofort, um den Vater zu befreien.“
Er wollte abermals aufspringen. Doch Jemmy ergriff ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Stop, my boy! Wir haben ja noch nicht alles erfahren. Wohkadeh mag uns sagen, an welcher Stelle Euer Vater überfallen wurde.“
Der Indianer berichtete: „Das Wasser, das die Bleichgesichter den Pulverfluss nennen, entsteht aus fünf Armen. An dem südwestlichen ist der Überfall geschehen.“
„Gut. Das wäre also südwestlich von Murphy. Diese Gegend ist mir nicht ganz unbekannt. Und welche Richtung haben hierauf die Ogellallah eingeschlagen?“
„Nach den südlichen Ausläufern der Berge, die von den Weißen das Dicke Horn genannt werden.“
„Also der Big Horn-Berge. Und weiter?“
„Sie zogen an dem Kopf des bösen Geistes vorüber...“
„Ah, am Devils head!“
„...zu dem Wasser, das dort entspringt und in den Fluss des Dicken Horns läuft. Dort hörten wir von den feindlichen Schoschonen und Wohkadeh wurde als Späher ausgesandt. Er weiß also nicht, wie die Ogellallah weitergeritten sind.“
„Das ist auch nicht nötig. Wir haben Augen und werden ihre Fährte finden. Wann geschah der Überfall?“
„Es sind seitdem vier Tage vergangen.“