Kitabı oku: «"Ich"»

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KARL MAY’S GESAMMELTE WERKE BAND 34
„ICH“

KARL MAYS LEBEN

UND WERK

43. Auflage 2014

Herausgegeben von Bernhard Schmid

1. Auflage 1916 bis 20. Auflage 1942 herausgegeben von Dr. E. A. Schmid

ab 21. Auflage 1958 herausgegeben von Roland Schmid

ab 38. Auflage 1992 herausgegeben von Lothar Schmid

42. Auflage 2009 herausgegeben von Lothar und Bernhard Schmid

© 1958, 1963, 1968, 1975, 1991, 1992,

1995, 2000, 2002, 2009 Karl-May-Verlag

ISBN 978-3-7802-1534-5

KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG • RADEBEUL

Euchar Albrecht Schmid: Vorwort zur ersten Auflage

Euchar Albrecht Schmid: Vorwort zur zwanzigsten Auflage

Roland Schmid: Vorworte zur 21. bis 37. Auflage (Auszug)

Heinz Stolte: Vorwort zur 38. Auflage 1991

Bernhard Schmid: Vorwort zur 42. Auflage 2009 und 43. Auflage 2014

Karl May: Meine Beichte

Fassung vom 28.5.1908

Faksimile der Fassung vom 1.7.1908

Karl May: Mein Leben und Streben

1 Das Märchen von Sitara

2 Meine Kindheit

3 Keine Jugend

4 Seminar- und Lehrerzeit

5 Im Abgrund

6 Bei der Kolportage

7 Meine Werke

8 Meine Prozesse

9 Letztes Streben

Nachwort des Verlages

Anhang

Karl May: Empor ins Reich der Edelmenschen!

Adolf Gelber / Wilhelm Nhil / Paul Wilhelm Robert Müller: Karl May in Wien

1 Letzte Interviews

2 Das Drama Karl Mays

3 Nachruf auf Karl May

Euchar Albrecht Schmid: Karl Mays Tod und Nachlass

1 Mein Weg zu Karl May

2 Des Dichters Heimgang

3 Das Erbe

4 Die Prozesse

5 Außereuropäische Reisen

6 Einkommen und Vermögen

7 Karl Mays Testament

8 Die Karl-May-Stiftung

9 Gedenkstätten

10 Klara Mays Testament

Euchar Albrecht Schmid: Gestalt und Idee

1 Die Erscheinungsjahre von Mays Werken

2 Nachlassschriften

3 Die Gesammelten Werke

4 Verfälschte Handschriften

5 Wahrheit und Dichtung

6 Das ‚Ich‘

7 ‚Symbolik‘

8 Nachschöpfungen

9 Übersetzungen

Ludwig Gurlitt: Gerechtigkeit für Karl May!

1 Nekrolog auf Karl May

2 Kritik des Nekrologs

3 Streiflichter

4 Mays Leben in der feindlichen Kritik

5 Die Selbstbekenntnisse

6 Der Schriftsteller Karl May

7 Bedeutung und Zukunft

8 Der „Verbrecher als Erzieher“

9 Bilanz

Claus Roxin: Karl May, das Strafrecht und die Literatur

Quellenhinweise

Vorwort zur ersten Auflage

Das vorliegende Werk, das der Unterzeichnete in seiner Eigenschaft als Leiter des Karl-May-Verlags und Verwalter von Karl Mays literarischem Nachlass herausgibt, verfolgt verschiedene Zwecke: Es soll die unvollendet gebliebene Selbstbiografie Mays zu einem vorläufigen Abschluss bringen und dadurch denjenigen Kritikern, die zu einer verständigen und gerechten Nachprüfung von Mays Werdegang und Mays Schöpfungen bereit sind, die notwendigen Unterlagen bieten. Es soll ferner einen Einblick und zugleich eine Übersicht über des Dichters letzte Werke und letzte Pläne ermöglichen, indem es deren wesentliche Leitsätze und Gesichtspunkte an der Hand von Nachlassaufzeichnungen zusammenstellt. Endlich soll es die vielfachen Anfragen aus Karl Mays großem Leserkreis, soweit angängig, beantworten.

Mays literarischer Nachlass ist sehr umfangreich, und die Nachforschungen über den Dichter und seine Schriften können noch lange nicht als abgeschlossen gelten. Weitere ergänzende Mitteilungen müssen späteren Jahren und späteren Bänden vorbehalten bleiben.

Für die Richtigkeit der Angaben im erläuternden Teil übernimmt der Herausgeber die volle Verantwortung; soweit er selber auf Mutmaßungen und Teilergebnisse angewiesen war, ist dies jeweils ausdrücklich bemerkt.

Radebeul, Weihnachten 1916

Dr. E. A. Schmid

Vorwort zur zwanzigsten Auflage

Die Gesamtauflage dieser biografischen Aufzeichnungen über den Volksschriftsteller, die gerade im Jahr der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages die stattliche Höhe von 100 Tausend erreicht, ist ein unanfechtbarer Beweis dafür, dass nicht nur sein Werk lebt, sondern dass man sich mehr und mehr auch mit dem Menschen Karl May befasst, um ihm gerechte Beurteilung angedeihen zu lassen.

Wie schon die vorherigen Auflagen unterscheidet sich die neueste von der ersten durch wesentliche Änderungen. Wiederum wurden die Abschnitte des Buches sorgsam geprüft und durch viele Einzelheiten ergänzt, eine Maßnahme, die auch bei weiteren Auflagen erfolgen wird.

Ich verweise ferner auf das im Laufe der Jahre entstandene aufschlussreiche Schrifttum über Karl May, womit sich ein besonderer Abschnitt beschäftigt.

Die Schar der Mitarbeiter, die mir mit Rat und Tat zur Seite steht, ist seit Gründung des Verlags immer weiter angewachsen. Aus der Reihe derer, die sich mit dem vorliegenden Band eingehend befassten, nenne ich Ministerialdirektor Dr. Richard Jahnke (Berlin), Franz Kandolf (München), Kunstmaler Wilhelm Koch (Reichenberg, Sud.), Johannes Nixdorf (Breslau), Felix Ozlberger (Meran), Amand v. Ozoróczy (Wien), Dipl.-Ing. Ludwig Patsch (Wien), Studienrat Fritz Prüfer (Dessau) und Lehrer und Stadtbibliothekar Hans Zesewitz (Hohenstein-Ernstthal). Herrn Zesewitz möchte ich auch an dieser Stelle ganz besonders für seine Mithilfe danken, denn fast alle auf des Dichters Abkunft und seine frühen Jahre bezüglichen Zeitangaben wie auch die urkundliche Feststellung des Geburtshauses fußen auf seinen Ermittlungen. Ferner gelang es seinen unentwegten Bemühungen, dass die Stadt Hohenstein-Ernstthal im Jahre 1929 an diesem Geburtshaus eine Gedenktafel anbringen ließ sowie eine Karl-May-Straße schuf zur bleibenden Erinnerung an den Heimatdichter.

Radebeul, 25. Februar 1942

100. Wiederkehr von Karl Mays Geburtstag

Dr. E. A. Schmid

Vorworte zur 21. bis 37. Auflage (Auszug)

Eine lange Zeit war seit der zwanzigsten Auflage dieses Buches vergangen – eine Zeit, begleitet von Umbrüchen und Katastrophen, die vieles mühsam Erbaute zunichtemachten –, bis im Herbst 1958 die einundzwanzigste Auflage veröffentlicht werden konnte. Es galt damals, überall neu zu beginnen, auch mit der Arbeit am Werke Karl Mays. Die Forschung war unterdessen unermüdlich beschäftigt, weitere Quellen ausfindig zu machen und zu klären; so konnten zahlreiche Erkenntnisse gewonnen und in der stark erweiterten Ausgabe dieses Buches der Öffentlichkeit vorgelegt werden.

Nach vieljährigen Bemühungen gelang es 1960, den Firmensitz von Radebeul nach Bamberg zu verlegen. Im Rahmen dieser Übersiedlung war es obendrein möglich, einen großen Teil von Karl Mays Nachlass nach Bamberg zu verbringen, insbesondere auch seine umfangreiche Bibliothek und die Einrichtung seines Arbeitszimmers. Zusammen mit wertvollen völkerkundlichen Stücken und einer großen Zahl von Dokumenten und Bildern zur Lebensgeschichte und zum Werk Karl Mays werden diese Gegenstände in Form einer neuen Gedenkstätte in Bamberg der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Während der langjährigen Vorbereitung zur ersten Auflage nach dem Zweiten Weltkrieg ist Dr. Euchar Albrecht Schmid (* 29.8.1884) am 15. Juli 1951 völlig unerwartet verstorben. Seine Witwe Katharina Schmid (* 1.9.1898), die seit 1959 bei ihren Söhnen in Bamberg, der Heimat ihres Mannes, wohnte und hier unermüdlich weiterwirkte, verstarb am 29. Dezember 1974.

Dem Andenken meiner Eltern ist die Neuausgabe dieses Buches gewidmet.

Bamberg, 1958 – 1989

Roland Schmid

Vorwort zur 38. Auflage 1991

Ein Werk wie das hier vorliegende wird niemals in einem endgültigen Sinne „fertig“ sein. Schon im Vorwort zur ersten Auflage hat der Gestalter und Herausgeber, Dr. Euchar Albrecht Schmid, betont, dass notwendige „Ergänzungen späteren Jahren vorbehalten bleiben“ müssten. Dieser Band 34 der Gesammelten Werke, der Einsicht in Leben und Persönlichkeit Karl Mays vermitteln soll, enthält ja außer den vom Autor selbst stammenden biografischen Texten auch das, was nach jeweiliger Kenntnislage spätere Forschung an zusätzlichen Fakten hat erbringen können; nicht ohne auch das Für und Wider der Kritik um Karl May wenigstens andeutend widerzuspiegeln, welches alles ja mit den biografischen Besonderheiten dieses Schriftstellers unlöslich verbunden ist.

Ganz in diesem Sinne hat E. A. Schmid das von ihm gestaltete Buch bis zur 20. Auflage 1942 betreut, nach seinem Tode (1951) ist diese Aufgabe Roland Schmid, einem der vier Söhne des Verlagsgründers, zugefallen. Roland Schmid hat den Band „ICH“ von der 21. Auflage im Jahre 1958 an herausgegeben. Mehr als dreißig Jahre lang, von der 21. bis zur 37. Auflage des Buches, lag die Gestaltung des Werkes in seinen Händen, und er hatte bereits damit begonnen, diese hier nun im Druck erscheinende Ausgabe zu redigieren, als ihn – für alle ganz erschreckend unerwartet – der Tod aus all seinen Arbeiten und Plänen herausriss. Roland Schmid verstarb am 4. Januar 1990, nicht lange vor Vollendung seines 60. Lebensjahres. Während der Arbeiten daran, dieses Buch druckfertig zu machen, wurde besonders deutlich, welchen Verlust an Fachwissen und Engagement die Forschung infolge seines Todes zu beklagen hat. Seiner Verdienste als Verleger, Herausgeber und Forscher sei daher an dieser Stelle dankbar gedacht.

Sein Leben, so kann man sagen, war immer ein Leben mit Karl May. Schon als Knabe war er ein exzellenter Kenner des Gesamtwerks dieses Hausautors, und ein jugendlicher Kopf, der zur präzisen Speicherung von Buchinhalten bis in kleinste Details hervorragend geeignet war, befähigte ihn später, als einer der drei Inhaber des Karl-May-Verlages die Leitung des Lektorats zu übernehmen, was in diesem Falle die Bereiche Literatur, Herstellung und spezielle Karl-May-Forschung umfasst. Schon der Einundzwanzigjährige musste in dieses Amt einspringen, nach kurzem literaturwissenschaftlichem Studium in Jena, weil der Neuanfang des Verlages in Bamberg (unter dem Druck der Kriegsfolgen, die im östlichen Teil Deutschlands May ein Totalverbot der SED-Zensur eingebracht hatten) alle Kräfte der Verlegerfamilie forderte.

Nach diesem Beginn unter schwersten Bedingungen haben dann freilich die folgenden Jahrzehnte für Roland Schmid in dreierlei Beziehung erstaunliche Entwicklungen erbracht, denen er sich zu stellen und denen er gerecht zu werden hatte. Als Erstes gab es für Karl May jene verwunderliche Renaissance beim lesenden Publikum, die einen Millionenausstoß an Büchern und eine unermessliche Popularisierung mittels aller Formen der Medien zur weiteren Folge hatte. Die zweite und wohl bedeutendste Entwicklung, hiermit im Zusammenhang, war es, dass sich in dem seit fast einem Jahrhundert währenden Streit um Wert oder Unwert des Schriftstellers May, in der seit langem so genannten „Karl-May-Frage“, eine entscheidende Wendung vollzog. Sie betraf freilich ganz und gar nicht die ohnehin getreuliche Lesergemeinde, wohl aber den Bereich der Literaturwissenschaft, wo darüber geurteilt wird, was „Literatur“ oder gar „Dichtung“ zu sein hat, und wo – mit Ausnahme einer Dissertation in den Dreißigerjahren – Karl May als Forschungsobjekt überhaupt nicht existierte.

Das hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte aufs Entschiedenste verändert. Im Zuge der Anerkennung eines Begriffs von Literatur, der über den engsten Kreis einer Elite hinaus die Gesamtheit der das gesellschaftliche Leben durchwirkenden „Belletristik“ ins Gesichtsfeld der Forschung brachte, wurde Karl May gewissermaßen entdeckt: als Mammutobjekt für schier uferlose wissenschaftliche Erforschung, sei es mit soziologischer, psychologischer, poetologischer oder kulturhistorischer Zielsetzung. Die im Jahre 1969 gegründete wissenschaftliche Karl-May-Gesellschaft, die heute zur viertgrößten unter den ähnlichen Institutionen in Deutschland geworden ist, dürfte mit ihrer ungewöhnlichen Rührigkeit das entscheidende Verdienst an dieser erfreulichen Entwicklung erworben haben.

Dass wissenschaftliche Forschung zum „Problem Karl May“ danach verlangt, philologisch verwertbare Urfassungen, Erstausgaben, Brieftexte und Nachlassmaterialien in ausreichender Menge verfügbar zu haben, brachte für Roland Schmid eine neue Aufgabe, der er sich in den letzten Jahren als einer Ehrenverpflichtung des Verlages ganz besonders gewidmet hat. Aus der Fülle der von ihm mit bedeutender Sorgfalt herausgegebenen Texte seien hier z. B. die drei Bände „Prozessschriften“ genannt, darunter Mays bis dahin unveröffentlichtes, zur Abrundung seiner Biografie aber zentral wichtiges Werk „Frau Pollmer, eine psychologische Studie“: Sie ergänzen und illustrieren unmittelbar die in dem hier vorliegenden Band „ICH“ enthaltene Autobiografie „Mein Leben und Streben“. In den Bereich seiner Bemühungen zur Wiederverfügbarmachung der alten Textausgaben gehört aber vor allem seine von ihm ausführlich kommentierte Edition der „Freiburger Erstausgaben“ aus den Jahren 1892 bis 1910 im Reprint. Die Wiederherstellung dieses 33-bändigen Sammelwerkes, einst noch von der Hand Mays redigiert, ist das wichtigste Dokument, das uns Roland Schmid aus der Arbeit seines Lebens hinterlassen hat.

Die dritte große „Wende“, die für den Verlag und speziell für den Inhalt des Bandes „ICH“ von Bedeutung gewesen ist, hat Roland Schmid noch erlebt, nachdem schon Jahre vorher die Ächtung Karl Mays in der DDR unter dem Druck der Volksstimmung hatte aufgehoben werden müssen. Die daraufhin auch in diesem Teil Deutschlands vehement ausbrechende Karl-May-Renaissance war, wie wir heute wissen, ein kleines Vorspiel zu größeren Ereignissen: der politischen Wiedervereinigung Deutschlands.

Es bedarf keiner langen Erörterung, um zu begründen, dass auch die hier vorgelegte Neuausgabe des Bandes „ICH“ gegenüber der vorigen Auflage Änderungen aufweist. Diejenigen Texte, die Euchar Albrecht Schmid zu den Karl May und die Geschichte des Verlages betreffenden Fragen beigesteuert hatte, „Karl Mays Tod und Nachlass“ sowie „Gestalt und Idee“, wurden abermals gemäß den inzwischen angefallenen Forschungsergebnissen auf neuesten Stand gebracht. Auch erforderte es die von Grund auf veränderte Situation infolge der Wiedervereinigung, die Chronik des Verlages bis in die Gegenwart fortzuführen. Zur Abrundung der Biografie wurden drei Texte neu aufgenommen: „Letzte Interviews“, „Das Drama Karl Mays“ und „Nachruf auf Karl May“.

Alles in allem kann man sagen, dass dieser Band „ICH“ – anders als in früheren Jahrzehnten – heute in eine weithin entspannte geistige Atmosphäre hinausgeht. Sinn und Tendenz des Buches haben sich dementsprechend gewandelt. Wenn es ursprünglich in der Hauptsache als eine Schutzschrift gedacht war, die den von so vielen Seiten angefeindeten und auch verleumdeten Schriftsteller verteidigen und ihn als eine ernstzunehmende Gestalt der deutschen Literaturgeschichte erst einmal vorstellen sollte, so ist, was dieses betrifft, die apologetische Absicht nunmehr in den Hintergrund getreten. Noch kann man sie, als an einem historischen Dokument, an der hier wiederum aufgenommenen Streitschrift „Gerechtigkeit für Karl May“ von Ludwig Gurlitt ablesen. Man wird die noch heute frisch-lebendig wirkende Diktion des temperamentvollen Begründers der modernen „Reformpädagogik“ ebenso zu würdigen haben wie den Mut zu seinem entschiedenen Engagement, den aufzubringen in den Jahren 1918/19 keineswegs selbstverständlich war.

Nachdem indessen Werk und Gestalt Karl Mays nicht nur als ein erstaunliches Phänomen der deutschen Literaturgeschichte allgemein anerkannt worden ist, sondern darüber hinaus die wissenschaftliche Forschung seit mehr als einem Jahrzehnt in einer Fülle von Dissertationen und anderen akademischen Abhandlungen, Tagungen und Jahrbüchern fast überschwänglich sich mit ihm beschäftigt hat, die Sekundärliteratur über ihn kaum noch überschaubar ist, kann der Band „ICH“ seinerseits sine ira et studio, das heißt: in aller Gelassenheit, Ergebnisse der neuesten Forschung dokumentieren. Nicht Verteidigung, sondern Analyse, Erklärung, Erläuterung sind gefragt. Fünf kleinere Aufsätze, die in früheren Auflagen dieses Buches zu finden waren, sind diesmal weggefallen. Statt ihrer findet der Leser als Abschluss einen Essay, der einen der Höhepunkte der heutigen Karl-May-Forschung darstellt: „Karl May, das Strafrecht und die Literatur“. Sein Verfasser, Prof. Dr. Dres. h.c. Claus Roxin, Ordinarius für Strafrecht, Prozessrecht und Allgemeine Rechtstheorie an der Universität München, ist seit zwei Jahrzehnten zugleich der Vorsitzende der Karl-May-Gesellschaft und hat in beiden seiner Eigenschaften, als Strafrechtler und als Leiter einer literarischen Vereinigung, dem Thema Karl May sein Interesse zugewandt. Die Aufmerksamkeit, die Karl May heute, wie erwähnt, im Bereich akademischer Forschung gefunden hat, ist nicht zum Wenigsten seinem ermunternden Beispiel zuzuschreiben. Seine hier aufgenommene Abhandlung trifft so genau den Kern dessen, was in Mays eigener Lebensbeschreibung nur ahnungsweise erscheint, dass wir dankbar dafür sind, mit Prof. Roxins klärendem Wort dieses Buch abschließen zu können.

Bamberg, im April 1991

Prof. Dr. Heinz Stolte

Vorwort zur 42. Auflage 2009 und 43. Auflage 2014

Was mein Großvater Dr. Euchar Albrecht Schmid 1916 im Vorwort zur ersten Auflage dieses Bandes festgehalten hat und was Prof. Dr. Heinz Stolte 1991 in seinem Vorwort zur 38. Auflage wiederholte, stimmt auch heute noch: Die Nachforschungen über den Dichter und seine Schriften sind längst nicht abgeschlossen. Die Karl-May-Forschung hat sich im Lauf der Jahrzehnte weiterentwickelt. Ein Meilenstein waren ab 1918 die ersten Karl-May-Jahrbücher; 1963 bis 68 gab es die Arbeitsgemeinschaft Karl-May-Biographie, mit der Gründung der Karl-May-Gesellschaft 1969 wurde die Forschung weiter intensiviert. Erfreulicherweise hat Karl May in viele Universitäten Einzug gehalten und wurde zum Thema wissenschaftlicher Arbeiten. Auch der Karl-May-Verlag hat große Schritte unternommen. Insbesondere durch die Arbeit des leider viel zu früh verstorbenen Dr. Dieter Sudhoff – in Zusammenarbeit mit Hans-Dieter Steinmetz – wurde der Nachlass bzw. das Archiv erstmals weitgehend gesichtet und teilweise ausgewertet.

Als Ergebnis sind vor allem die „Karl-May-Chronik“ in fünf Bänden von 2005/06 und die bisher vorliegenden vier Briefbände 91–94 (2007–2013) hervorzuheben. Die Biografie „Winnetous Blutsbruder“ und der umfangreiche Bildband „Karl May und seine Zeit“ ergänzen hervorragend diese Bücher und Mays Autobiografie „Mein Leben und Streben“. Auch viele Untersuchungen zu Teilaspekten von Karl Mays Leben und rund um das Karl-May-Universum bereichern heute das Buchangebot. Ein Ende ist noch lange nicht abzusehen.

Die 42. Auflage 2009 und die jetzt erscheinende 43. Auflage 2014 des Karl-May-Bandes „Ich“ (streng genommen bereits die 48. Druckauflage) sind in einigen Bereichen umgestaltet sowie durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt worden.

2012 wurde zum 100. Todestag Karl Mays das große Karl-May-Jahr mit riesigem Presseecho gefeiert. Der Karl-May-Verlag beging 2013 sein 100-jähriges Firmenjubiläum und dankt allen seinen Mitarbeitern, Autoren und Herausgebern, stellvertretend seien genannt:

Prof. Dr. Siegfried Augustin †, Andreas Barth (Kuhschnappel), Fritz Barthel †, Ekkehard Bartsch (Bad Segeberg), Dr. Rudolf Beissel †, Prof. Dr. Wilhelm Brauneder (Wien), Carl-Heinz Dömken †, Karlheinz Eckardt †, Otto Eicke †, Max Finke †, Nicolas Finke (München), Jenny Florstedt (Leipzig), Otto Forst-Battaglia †, Hans-Henning Gerlach †, Dr. Albrecht Götz von Olenhusen (Freiburg), Otto Gottstein †, Ludwig Gurlitt †, Reinhard Gusky (Naumburg), Anton Haider †, Wolfgang Hainsch (Dresden), Hansotto Hatzig †, Roderich Haug (Bamberg), Dr. Christian Heermann (Leipzig), Wolfgang Hermesmeier (Berlin), Thomas Jeier (Puchheim), Franz Kandolf †, Jörg Kastner (Hannover), Gerhard Klußmeier (Rosengarten), Hartmut Kühne (Hamburg), Prof. Dr. Holger Kuße (Dresden), Werner Legère †, Prof. Dr. Christoph F. Lorenz (Köln), Katharina Maier (Augsburg), Reinhard Marheinecke (Hamburg), Fritz Maschke †, Heinz Mees †, Uwe Neßler (Friedrichshafen), André Neubert (Hohenstein-Ernstthal), Johannes Nixdorf †, Willi Olbrich †, Ludwig Patsch †, Michael Petzel (Göttingen), Dr. Hainer Plaul (Lommatzsch), Jens Pompe (Glauchau), Fritz Prüfer †, Hans-Gerd Röder (Dreieich), Prof. Dr. Claus Roxin (München), Dr. Florian Schleburg (Sinzing), Prof. Dr. Stefan Schmatz (Göttingen), Hartmut Schmidt (Berlin), Jürgen Seul (Bad Neuenahr), Friedhelm Spürkel (Düsseldorf), Christiane Starck (Dreieich), Adolf Stärz †, Hans-Dieter Steinmetz (Dresden), Prof. Dr. Heinz Stolte †, Adalbert Stütz †, Kurt Streller †, Dr. Dieter Sudhoff †, Marie Versini (La Celle-Saint-Cloud), Dr. Wilhelm Vinzenz (Maisach), Adolf Volck †, Prof. Dr. Hartmut Vollmer (Paderborn), Dr. Jürgen Wehnert (Göttingen), Max Weiß †, Dr. Hans Wollschläger † und Hans Zesewitz †.

Bamberg, im Februar 2009 bzw. Mai 2014

Bernhard Schmid

Karl May

Meine Beichte

(28. Mai 1908)

Ihr lasst den Armen schuldig werden, dann überlasst ihr ihn der Pein … Goethe

Ich bin der Sohn blutarmer Webersleute. Man hielt mich für begabt. Man wünschte, ich solle studieren. Aber für Gymnasium und Universität gab es keine Spur von Mitteln. Da hungerten und kummerten meine Eltern und Geschwister jahrelang, um mir durch den Seminarbesuch zu ermöglichen, Lehrer zu werden. Ich ward es, war aber dann so arm, dass ich nicht einmal die allerbilligste Taschenuhr besaß, die Zeit des Unterrichts zu regeln. Ich lehrte an einer Fabrikschule und wohnte mit dem Buchhalter in einem Zimmer und einer Schlafstube zusammen. Er hatte beides vorher allein gehabt und zürnte mir darüber, dass er nun nicht mehr der alleinige Herr seiner Räume und Besuche war. Er war sehr wohlhabend. Er besaß zwei Uhren. Eine neue, gute und eine alte, sehr billige, die er nicht mehr brauchte. Sie hing unbenutzt an der Wand. Ich bat ihn, mir für die Zeit des Schulunterrichts doch diese alte zu borgen, bis ich mir eine kaufen könne. Er tat es. Ich steckte sie täglich ein, wenn ich zur Schule ging. Ich steckte sie auch einmal ein, als ich zu Weihnachten meine Eltern und Geschwister besuchte, die sich unendlich freuten, nun ausgehungert und ausgekummert zu haben und in mir die Hoffnung auf eine bessere Zukunft erblicken zu dürfen. Es waren meine ersten Ferien als Lehrer, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich wahre Weihnachtsferien. Es war mir, als ob ich mich diesen armen, hoffnungsfreudigen Anverwandten als Christgeschenk zu bescheren hätte. Sie sollten ihre Ehre und Freude an mir erleben und nur Gutes von mir erfahren. Kaum war ich bei ihnen angekommen, so wurde ich von einem mir nachgeschickten Gendarm verhaftet und, weil ich mich in meinem maßlosen Entsetzen wie ein wirklicher Dieb benahm, wegen Diebstahls mit sechs Wochen Gefängnis bestraft.

Dieses Entsetzen hat mich nicht wieder verlassen; es gab mich nicht wieder frei. Es krallte sich in mir fest und fraß mich innerlich mitten auseinander. Der Gedanke an die mir widerfahrene Schande und an das Herzeleid meiner armen Eltern und Geschwister bohrte sich so tief und so vernichtend in meine Seele ein, dass sie schwer und gefährlich erkrankte. Es entwickelte sich eine jähe seelische (nicht etwa geistige) Depression, in deren Tiefe wahnsinnige Erwägungen entstanden. Ich begann nicht mich, sondern andere zu beschuldigen: den hinterlistigen, grausamen Eigentümer der Uhr, den Staatsanwalt, den Untersuchungsrichter und alle anderen Personen, die in dieser Sache gegen mich zu tun gehabt hatten. Ich sann auf Rache, und zwar auf eine fürchterliche Rache, auf etwas noch niemals Dagewesenes. Diese Rache sollte darin bestehen, dass ich, der durch die Bestrafung unter die Verbrecher Geworfene, nun wirklich auch Verbrechen beging. Nach meiner Ansicht hatte man mich dann auf dem Gewissen, und am Jüngsten Tage war Gott dann gezwungen, die ganze verruchte Schwefelbande, die mich und die Meinen so elend gemacht hatte, in die Hölle zu schleudern. Der Laie wird solche Gedanken wohl kaum für möglich halten, ich aber weiß, dass sie nicht nur möglich, sondern wirklich sind, denn ich habe es erlebt!

In der ersten Zeit sah ich noch ein, dass solche Grübeleien Irrsinn waren. Ich kämpfte gegen sie, in heißer Angst, viele Monate lang, ohne jemandem etwas davon zu sagen, doch vergeblich! Vater und Mutter merkten es dennoch. Sie baten mich unter Tränen, mich zu fassen; aber ich hatte nicht die Macht, zu widerstehen. Unser Pfarrer hatte mich während der Schuljahre mit Hunderten von ‚Traktätlein‘ gefüttert und überspannt, und auf dem Seminar wurde ich für die damalige selbstgerechte, starre, salbungsvolle und muckerische Schulmeisterreligiosität dressiert, die meiner Wahnidee das beste Nährfeld bot. Das Phantom setzte sich fester; es wuchs; es gewann an Macht. Es raunte mir immerwährend zu: ‚Ewige Verdammnis für die Schurken, die dich angeklagt, verurteilt und zum Verbrecher gemacht haben! So sei also einer! Und je zahlreicher und größer nun deine Verbrechen sind, umso größer ist dann auch die ewige Strafe für sie!‘ Das waren die Gedanken, gegen die ich mich in Hunderten von Tagen und Nächten vergeblich wehrte. Ich war noch nicht gefestigt gegen einen solchen Schicksalsschlag; ich war noch zu jung, zu unerfahren, zu schwach, erst 19 Jahre alt! Dazu der Sohn nicht nur der leiblichen, sondern auch der geistigen und seelischen Armut! Der Irrsinn siegte!

Erst nach Jahren kam ich wieder in den Besitz meiner Seele, nicht plötzlich, sondern nach und nach. Sie kehrte auf demselben Weg zurück, auf dem ich sie verloren hatte, auf dem Weg der Religion. Ich, der Lutheraner, wurde in den letzten Jahren meiner Detention Organist für den katholischen Gottesdienst in der Anstaltskirche. Bei den Klängen der Orgel fand ich mich wieder zu mir zurück. Und die edle, rührende Humanität und psychologische Einsicht des katholischen Anstaltskatecheten hielt meine zurückgekehrte Seele fest, aus reiner Menschlichkeit, ohne den geringsten Versuch, sie für den Papismus zu gewinnen. Darum klingt zuweilen ein Orgelton heraus, den man für katholisch hält, obgleich er nur dem natürlichen Register der Vox humana entstammt. Als ich entlassen wurde, war ich geheilt, vollständig geheilt! Nur durch den Orgelklang und durch die psychologische Einsicht dieses einen, einzigen Menschen! Wie unendlich hoch steht die praktische Psychologie dieses einfachen Mannes, der meine Seele rettete, über der Folterpsychologie jenes sächsischen Staatsanwalts1, der jetzt, nach vierzig Jahren, in seinem neuesten Werk mir meine Seele öffentlich vernichtet und einen literarischen und moralischen Mord an mir begeht, dessen Widerrechtlichkeit geradezu zum Himmel schreit!

Seit jener schweren, dunklen Leidenszeit halte ich, ‚die Seele‘ fest. Ich beschäftige mich nur mit ihr, mit weiter nichts. Ich studiere sie an mir selbst und an jedem anderen Menschen, der mir nahe kommt, mag er sein, wer er will. Ich schreibe Bücher über sie, damit man sie endlich einmal kennenlerne. Ich habe mir die schwere Aufgabe gestellt, der Monograf der ‚Menschheitsseele‘ zu werden. Deshalb durchwandere und beschreibe ich alle ihre Gebiete in Form von symbolischen ‚Reiseerzählungen‘, von denen eine jede irgendeinen interessanten Abschnitt aus dem Reiche der ‚Menschheitsseele‘ behandelt. Dass es da Leute gibt, die mich nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen, dafür kann ich nichts; ich habe nicht auf sie geachtet.

Diejenigen, die mich nicht begreifen wollen, weil ich gegen ihre Vorurteile schreibe, werfen mir vor, dass ich mein ‚Ich‘ vergöttere. Sie nennen mich einen Aufschneider und wohl gar noch Anderes und Schlimmeres. Du lieber Gott! Kein Mensch hat so wenig Grund und Lust aufzuschneiden wie gerade ich! Das ‚Ich‘, in dem ich schreibe, das bin doch nicht ich selbst, sondern das ist die Menschheitsfrage, die ich personifiziere, um sie beantworten zu können. In meinen Büchern identifiziere ich mich mit der Menschheit, der es genau ebenso ergeht, wie es damals mir ergangen ist: Sie hat ihre Seele verloren; infolgedessen ergeht sich ihr Geist in Irrtümern, die nicht eher behoben werden können, als bis ihre Seele sich wieder zurückgefunden hat. Vom Geist spricht jedermann; er gilt heutigentags alles, besonders auch in der Literatur. Aber selbst der größte und klarste Geist hat seine Seele so vollständig vergessen, dass er nicht einmal mehr zu definieren vermag, wer und was sie eigentlich ist.

Darum braucht die Literatur einen einfachdenkenden Menschen, der in seinen Büchern auf alle künstlichen Geisteleien verzichtet und nur allein nach der Seele suchen geht, um sie der Menschheit zurückzugeben. Dieser einfache, auf allen Geistesruhm verzichtende Mensch, zu dessen Aufgaben unendliche Entsagung und unerschütterliche Kraft zum Dulden und Tragen gehört, bin ich. Der Weg, den ich gehe, führt nur durch Herzeleid. Ich bin ihn gegangen. Ich bin tief hinabgestiegen und habe es ausgekostet. Und seit ich nicht mehr drunten bin, habe ich die Menschheitsqual auch hier auf der Höhe kennengelernt. Denn wenn der Niedrige vom Hohen spricht, so schaut er nicht zu ihm hinauf, sondern er zieht ihn zu sich herab. Es hat sich besonders aus dem Münchmeyer-Prozess eine Clique herausgebildet, die es sich zur Aufgabe macht, den tieferen Inhalt meiner Werke abzuleugnen, um mich der Lüge und des Schwindels bezichtigen zu können. Einige wenige einflussreiche Menschen an der Spitze sind im Stande, sogar Einsichtsvolle zu täuschen. Hierzu kommt das Milieu, in dem sich der Inhalt meiner Bücher bewegt. Indem ich meine Leser durch das Reich der Menschheitsseele führe, gebe ich den Provinzen dieses Reiches bekannte geografische Namen. Das erleichtert das Verständnis ungemein, gibt aber der Böswilligkeit die Handhabe, mich zu verleumden. Wenn ich z. B. das Reich der Kunst, um es veranschaulichen zu können, nach Indien verlege und das Reich der religiösen Unduldsamkeit nach Belutschistan, so verlangen diese innerlich blinden Menschen flugs von mir, auch wirklich in Indien und Belutschistan gewesen zu sein. Wo nicht, so bin ich ein literarischer Lügner und Schwindler. An diesem Maßstab gemessen, würde Dante der größte aller Schwindler sein, denn er behauptet, nicht nur im Fegefeuer und in der Hölle, sondern sogar auch im Himmel gewesen zu sein!

Wenn ich von gewöhnlichen Menschen in dieser Weise falsch beurteilt werde, so kann mich das nicht niederdrücken. Aber wenn ich aus den ‚psychologischen‘ und ‚literarischen‘ Seitenhieben meines Untersuchungsrichters ersehe, dass solche Irrungen sich auch bei den Behörden eingeschlichen haben, so beginne ich die eigentlichen Gründe zu ahnen, warum es mir so schwer geworden ist, Vergangenes auszustreichen. Nicht dieses Vergangene an sich ist es, was mir wie Blei an den Füßen hängt, sondern in der Unkenntnis meiner Ideale, meiner Wege und Ziele, meiner vollständig neuen, fast unbegreiflichen Art und Weise liegt der eigentliche und wirkliche Grund, dass mir selbst da Widersacher erwachsen, wo andere Schutz und Hilfe finden würden. So bleibt mir eben nichts übrig, als auf die Gegenwart zu verzichten und das Verständnis erst jenseits des Todes zu suchen.

Dass ich ein ‚Vorbestrafter‘ bin, werde ich der Welt nicht verschweigen. Ich habe mit ihr abzurechnen, ehe ich sterbe. Es soll mich keine Polizeiaufsicht aus dem zeitlichen Gefängnis hinüber in die ewige Freiheit begleiten. Aber diese Generalbeichte will ich selbst ablegen, offen, ehrlich und ohne Zwang, sonst hat sie keinen Wert. Ich schreibe schon jetzt an meiner eigenen Biografie. Ich kniee täglich im Beichtstuhl. Dagegen aber, dass meine Neider und Widersacher mit ihren Lügen und Gehässigkeiten dieser meiner Beichte vorgreifen, um das ernste literarische Bild, das ich zu hinterlassen habe, zur Karikatur zu fälschen, dagegen verwahre ich mich!

Die folgenden sechs Seiten zeigen eine verkleinerte Faksimile-Wiedergabe der 2. Fassung der ‚Beichte‘ (1.7.1908).








Die 1910 erschienene Erstausgabe der Selbstbiografie „Mein Leben und Streben“ trug den Leitspruch

Wenn dich die Welt aus ihren Toren stößt,

so gehe ruhig fort und lass das Klagen.

Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst

Und ihre Schuld an dir nun selbst zu tragen.

(Karl May „Im Reiche des silbernen Löwen“)

Über die Entstehung und wechselvolle Geschichte der Selbstbiografie „Mein Leben und Streben“ informiert umfassend das „Nachwort des Verlags“. Die vorliegende Ausgabe wurde ergänzt durch Fußnoten mit genauen Daten und erläuternden Hinweisen. Die Trennstellen der einzelnen Seiten der Erstausgabe von 1910 sind durch / gekennzeichnet; einige Umstellungen wurden analog durch // markiert.

1. Das Märchen von Sitara

Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne fliegt und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang über die Sonne hinaus, so kommt man an einen Stern, der Sitara heißt. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet eben ‚Stern‘.

Dieser Stern hat mit unserer Erde viel, sehr viel gemein. Sein Durchmesser ist 1700 Meilen und sein Äquator 5400 Meilen lang. Er dreht sich um sich selbst und zugleich um die Sonne. Die Bewegung um sich selbst dauert genau einen Tag, die Bewegung um die Sonne ebenso genau ein Jahr, keine Sekunde mehr oder weniger. Seine Oberfläche besteht zu einem Teil aus Land und zu zwei Teilen aus Wasser. Aber während man auf der Erde bekanntlich fünf Erd- oder Weltteile zählt, ist das Festland von Sitara in anderer, viel einfacherer Weise gegliedert. Es hängt zusammen. Es bildet nicht mehrere Kontinente, sondern nur einen einzigen, der in ein sehr tief gelegenes, sümpfereiches Niederland und ein der Sonne kühn entgegenstrebendes Hoch- / land zerfällt, die beide durch einen schmäleren, steil aufwärtssteigenden Urwaldstreifen miteinander verbunden sind. Das Tiefland ist eben, ungesund, an giftigen Pflanzen und reißenden Tieren reich und allen von Meer zu Meer dahinbrausenden Stürmen preisgegeben. Man nennt es Ardistan. Ard heißt Erde, Scholle, niedriger Stoff, und bildlich bedeutet es das Wohlbehagen am geistlosen Schmutz und Staub, das rücksichtslose Trachten nach der Materie, den grausamen Vernichtungskampf gegen alles, was nicht zum eigenen Selbst gehört oder nicht gewillt ist, ihm zu dienen. Ardistan ist also die Heimat der niederen, selbstsüchtigen Daseinsformen und, was sich auf seine höheren Bewohner bezieht, das Land der Gewalt- und Egoismusmenschen. Das Hochland hingegen ist gebirgig, gesund, ewig jung und schön im Kuss des Sonnenstrahls, reich an Gaben der Natur und Produkten des menschlichen Fleißes, ein Garten Eden, ein Paradies. Man nennt es Dschinnistan. Dschinn heißt Genius, wohltätiger Geist, segensreiches, unirdisches Wesen, und bildlich bedeutet es den angeborenen Herzenstrieb nach Höherem, das Wohlgefallen am geistigen und seelischen Aufwärtssteigen, das fleißige Trachten nach allem, was gut und was edel ist, und vor allen Dingen die Freude am Glück des Nächsten, an der Wohlfahrt all derer, welche der Liebe und der Hilfe bedürfen. Dschinnistan ist also das Land der wie die Berge aufwärtsstrebenden Humanität und Nächstenliebe, das einst verheißene Land der Edelmenschen.

Tief unten herrscht über Ardistan ein Geschlecht von finster denkenden, selbstsüchtigen Tyrannen, deren oberstes Gesetz in strenger Kürze lautet: „Du sollst der Teufel deines Nächsten sein, damit du dir selbst zum Engel werdest!“ Und hoch oben regiert schon / seit undenklicher Zeit über Dschinnistan eine Dynastie großherziger, echt königlich denkender Fürsten, deren oberstes Gesetz in beglückender Kürze lautet: „Du sollst der Engel deines Nächsten sein, damit du nicht dir selbst zum Teufel werdest!“

Und solange dieses Dschinnistan, dieses Land der Edelmenschen, besteht, ist ein jeder Bürger und eine jede Bürgerin verpflichtet gewesen, heimlich und ohne sich zu verraten, der Schutzengel eines resp. einer andern zu sein. Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein, dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe seelische Finsternis und der heimliche, weil verbotene Jammer nach Befreiung aus dem Elend dieser Hölle! Ist es da ein Wunder, dass da unten im Tiefland eine immer größer werdende Sehnsucht nach dem Hochland entstand? Dass die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen suchen? Millionen und Abermillionen fühlen sich in den Sümpfen von Ardistan wohl. Sie sind die Miasmen gewohnt. Sie wollen es nicht anders haben. Sie würden in der reinen Luft von Dschinnistan nicht existieren können. Das sind nicht etwa nur die Ärmsten und Geringsten, sondern gerade auch die Mächtigsten, die Reichsten und Vornehmsten des Landes, die Pharisäer, die Sünder brauchen, um gerecht erscheinen zu können, die Vielbesitzenden, denen arme Leute nötig sind, um ihnen als Folie zu dienen, die Bequemen, welche Arbeiter haben müssen, um sich in Ruhe zu pflegen, und vor allen Dingen die Klugen, Pfiffigen, denen die Dummen, die Vertrauenden, die Ehrlichen unentbehrlich sind, um von ihnen ausgebeutet zu werden. Was würde aus allen diesen Bevorzugten werden, wenn es die anderen nicht mehr gäbe? Darum ist es jedermann auf das Aller- / strengste verboten, Ardistan zu verlassen, um sich dem Druck des dortigen Gesetzes zu entziehen. Die schärfsten Strafen aber treffen den, der es wagt, nach dem Land der Nächstenliebe und der Humanität, nach Dschinnistan zu flüchten. Die Grenze ist besetzt. Er kommt nicht durch. Er wird ergriffen und nach der ‚Geisterschmiede‘ geschafft, um dort gemartert und gepeinigt zu werden, bis er sich vom Schmerz gezwungen fühlt, Abbitte leistend in das verhasste Joch zurückzukehren.

Denn zwischen Ardistan und Dschinnistan liegt Märdistan, jener steil aufwärtssteigende Urwaldstreifen, durch dessen Baum- und Felsenlabyrinthe der unendlich gefahrvolle und beschwerliche Weg nach oben geht. Märd ist ein persisches Wort; es bedeutet ‚Mann‘. Märdistan ist das Zwischenland, in welches sich nur ‚Männer‘ wagen dürfen; jeder andere geht unbedingt zu Grunde. Der gefährlichste Teil dieses fast noch ganz unbekannten Gebietes ist der ‚Wald von Kulub‘. Kulub ist ein arabisches Wort; es bedeutet die Mehrzahl des deutschen Wortes ‚Herz‘. Also in den Tiefen des Herzens lauern die Feinde, die man, einen nach dem anderen, zu besiegen hat, wenn man aus Ardistan nach Dschinnistan entkommen will. Und mitten in jenem Walde von Kulub ist jener Ort der Qual zu suchen, von dem es in meinem Drama ‚Babel und Bibel‘2 heißt:

„Zu Märdistan, im Walde von Kulub,

liegt einsam, tief versteckt, die Geisterschmiede.“

„Da schmieden Geister?“

„Nein, man schmiedet sie!

Der Sturm bringt sie geschleppt, um Mitternacht,

wenn Wetter leuchten, Tränenfluten stürzen.

Der Hass wirft sich in grimmer Lust auf sie. /

Der Neid schlägt tief ins Fleisch die Krallen ein.

Die Reue schwitzt und jammert am Gebläse.

Am Blocke steht der Schmerz, mit starrem Aug’

im rußigen Gesicht, die Hand am Hammer.

Da, jetzt, o Mensch, ergreifen dich die Zangen.

Man stößt dich in den Brand; die Bälge knarren.

Die Lohe zuckt empor, zum Dach hinaus,

und alles, was du hast und was du bist,

der Leib, der Geist, die Seele, alle Knochen,

die Sehnen, Fibern, Fasern, Fleisch und Blut,

Gedanken und Gefühle, alles, alles

wird dir verbrannt, gepeinigt und gemartert

bis in die weiße Glut –“

„Allah, Allah!“

„Schrei nicht, o Mensch! Ich sage dir, schrei nicht!

Denn wer da schreit, ist dieser Qual nicht wert,

wird weggeworfen in den Brack und Plunder

und muss dann wieder eingeschmolzen werden.

Du aber willst zum Stahl, zur Klinge werden,

die in der Faust des Parakleten funkelt.

Sei also still! Man reißt dich aus dem Feuer –

man wirft dich auf den Amboss – hält dich fest.

Es knallt und prasselt dir in jeder Pore.

Der Schmerz beginnt sein Werk, der Schmied, der Meister.

Er spuckt sich in die Fäuste, greift dann zu.

Hebt beiderhändig hoch den Riesenhammer –

die Schläge fallen. Jeder ist ein Mord,

ein Mord an dir. Du meinst, zermalmt zu werden.

Die Fetzen fliegen heiß nach allen Seiten.

Dein Ich wird dünner, kleiner, immer kleiner,

und dennoch musst du wieder in das Feuer –

und wieder – immer wieder, bis der Schmied

den Geist erkennt, der aus der Höllenqual /

und aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag

ihm ruhig, dankbar froh entgegenlächelt.

Den schraubt er in den Stock und greift zur Feile.

Die kreischt und knirscht und frisst von dir hinweg,

was noch –“

„Halt ein, halt ein! Es ist genug!“

„Es geht noch weiter, denn der Bohrer kommt!

Der schraubt sich tief –“

„Sei still! Um Gottes willen!“

So also sieht es in Märdistan aus, und so also geht es im Innern der ‚Geisterschmiede von Kulub‘ zu! Jeder Bewohner des Sterns Sitara kennt die Sage, dass die Seelen aller bedeutenden Menschen, die geboren werden sollen, vom Himmel herniederkommen. Engel und Teufel warten auf sie. Die Seele, welche das Glück hat, auf einen Engel zu treffen, wird in Dschinnistan geboren, und alle ihre Wege sind geebnet. Die arme Seele aber, welche einem Teufel in die Hände fällt, wird von ihm nach Ardistan geschleppt und in ein umso tieferes Elend geschleudert, je höher die Aufgabe ist, die ihr von oben mitgegeben wurde. Der Teufel will, sie soll zu Grunde gehen, und ruht weder bei Tag noch bei Nacht, aus dem zum Talent oder gar Genie Bestimmten einen möglichst verkommenen, verlorenen Menschen zu machen. Alles Sträuben und Aufbäumen hilft nichts; der Arme ist dem Untergang geweiht. Und selbst wenn es ihm gelänge, aus Ardistan zu entkommen, so würde er doch in Märdistan ergriffen und nach der Geisterschmiede geschleppt, um so lange gefoltert und gequält zu werden, bis er den letzten Rest von Mut verliert, zu widerstreben. /

Nur selten ist die Himmelskraft, die einer solchen nach Ardistan geschleuderten Seele mitgegeben wurde, so groß und so unerschöpflich, dass sie selbst die stärkste Pein der Geisterschmiede erträgt und dem Schmied und seinen Gesellen ‚aus dem Dunst von Ruß und Hammerschlag ruhig, dankbar froh entgegenlächelt‘. Einer solchen Himmelstochter kann selbst dieser größte Schmerz nichts anhaben, sie ist gefeit; sie ist gerettet. Sie wird nicht vom Feuer vernichtet, sondern geläutert und gestählt. Und sind alle Schlacken von ihr abgesprungen, so hat der Schmied von ihr zu lassen, denn es ist nichts mehr an ihr, was nach Ardistan gehört. Darum kann weder Mensch noch Teufel sie mehr hindern, unter dem Zorngeschrei des ganzen Tieflandes nach Dschinnistan emporzusteigen, wo jeder Mensch der Engel seines Nächsten ist. – /

2. Meine Kindheit
(1842–1847)

Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers. Mein Vater war ein armer Weber. Meine Großväter waren beide tödlich verunglückt. Der Vater meiner Mutter daheim, der Vater meines Vaters aber im Walde. Er war zu Weihnacht nach dem Nachbardorf gegangen, um Brot zu holen. Die Nacht überraschte ihn. Er kam im tiefen Schneegestöber vom Wege ab und stürzte in die damals steile Schlucht des ‚Krähenholzes‘, aus der er sich nicht herausarbeiten konnte. Seine Spuren wurden verweht. Man suchte lange Zeit vergeblich nach ihm. Erst als der Schnee verschwunden war, fand man seine Leichte und auch die Brote. Überhaupt ist Weihnacht für mich und die Meinen sehr oft keine frohe, sondern eine verhängnisvolle Zeit gewesen.

Geboren wurde ich am 25. Februar 1842 in dem damals sehr ärmlichen und kleinen erzgebirgischen Weberstädtchen Ernstthal, das jetzt3 mit dem etwas größeren Hohenstein verbunden ist. Wir waren neun Personen: mein Vater, meine Mutter, die beiden Großmütter, / vier Schwestern und ich, der einzige Knabe4. Die Mutter meiner Mutter scheuerte für die Leute und spann Watte. Es kam vor, dass sie sich mehr als 25 Pfennige pro Tag verdiente. Da wurde sie splendid und verteilte zwei Dreierbrötchen, die nur vier Pfennige kosteten, weil sie äußerst hart und altbacken, oft auch schimmelig waren, unter uns fünf Kinder. Sie war eine gute, fleißige, schweigsame Frau, die niemals klagte. Sie starb, wie man sagte, aus Altersschwäche. Die eigentliche Ursache ihres Todes aber war wohl das, was man gegenwärtig diskret als ‚Unterernährung‘ zu bezeichnen pflegt. Über meine andere Großmutter, die Mutter meines Vaters, habe ich etwas mehr zu sagen, doch nicht hier an dieser Stelle. Meine Mutter war eine Märtyrerin, eine Heilige, immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln emsig rührend, beim kleinen, qualmenden Öllämpchen saß und sich unbeachtet wähnte, da kam es vor, dass ihr eine Träne in das Auge trat und, um schneller, als sie gekommen war, zu verschwinden, ihr über die Wange lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitzen wurde die Leidesspur sofort verwischt.

Mein Vater war ein Mensch mit zwei Seelen. Die eine Seele unendlich weich, die andere tyrannisch, voll Übermaß im Zorn, unfähig, sich zu beherrschen. Er besaß hervorragende Talente, die aber alle unentwickelt geblieben waren, der großen Armut wegen. Er hatte nie eine Schule besucht, doch aus eigenem Fleiß fließend / lesen und sehr gut schreiben gelernt. Er besaß zu allem, was nötig war, ein angeborenes Geschick. Was seine Augen sahen, das machten seine Hände nach. Obgleich nur Weber, war er doch im Stande, sich Rock und Hose selbst zu schneidern und seine Stiefel selbst zu besohlen. Er schnitzte und bildhauerte gern, und was er da fertigbrachte, das hatte Schick und war gar nicht so übel. Als ich eine Geige haben musste und er kein Geld auch zu dem Bogen hatte, fertigte er schnell selbst einen. Dem fehlte es zwar ein wenig an schöner Schweifung und Eleganz, aber er genügte vollständig, seine Bestimmung zu erfüllen. Vater war gern fleißig, doch befand sich sein Fleiß stets in Eile. Wozu ein anderer Weber vierzehn Stunden brauchte, dazu brauchte er nur zehn; die übrigen vier verwendete er dann zu Dingen, die ihm lieber waren. Während dieser zehn anstrengenden Stunden war nicht mit ihm auszukommen; alles hatte zu schweigen; niemand durfte sich regen. Da waren wir in steter Angst, ihn zu erzürnen. Dann wehe uns! Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte ‚birkene Hans‘, vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung im großen ‚Ofentopf‘ einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen. Übrigens, wenn die zehn Stunden vorüber waren, so hatten wir nichts mehr zu befürchten; wir atmeten alle auf, und Vaters andere Seele lächelte uns an. Er konnte dann geradezu herzgewinnend sein, doch hatten wir selbst in den heitersten und friedlichsten Augenblicken das Gefühl, dass wir auf vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man den Strick oder den ‚Hans‘ so lange, bis Vater nicht / mehr konnte. Unsere älteste Schwester, ein hochbegabtes, liebes, heiteres, fleißiges Mädchen, wurde sogar noch als Braut mit Ohrfeigen gezüchtigt, weil sie von einem Spaziergang mit ihrem Bräutigam etwas später nach Hause kam, als ihr erlaubt worden war.


Alte Weberhäuser in Ernstthal (Südstraße)


Am Ernstthaler Friedhof an der Bergstraße/Hohe Straße (besteht nicht mehr)


Forsthaus im Hainholz bei Hohenstein

Hier habe ich eine Pause zu machen, um mir eine ernste, wichtigere Bemerkung zu gestatten. Ich schreibe dieses Buch nicht etwa um meiner Gegner willen, etwa um ihnen zu antworten oder mich gegen sie zu verteidigen, sondern ich bin der Meinung, dass durch die Art und Weise, in der man mich umstürmt, jede Antwort und jede Verteidigung ausgeschlossen wird. Ich schreibe dieses Buch auch nicht für meine Freunde, denn die kennen, verstehen und begreifen mich, sodass ich nicht erst nötig habe, ihnen Aufklärung über mich zu geben. Ich schreibe es vielmehr nur um meiner selbst willen, um mir über mich klar zu werden und mir über das, was ich bisher tat und ferner noch zu tun gedenke, Rechenschaft abzulegen. Ich schreibe also, um zu beichten. Aber ich beichte nicht etwa den Menschen, denen es ja auch gar nicht einfällt, mir ihre Sünden einzugestehen, sondern ich beichte meinem Herrgott und mir selbst, und was diese beiden sagen, wenn ich geendet habe, wird für mich maßgebend sein. Es sind für mich also nicht gewöhnliche, sondern heilige Stunden, in denen ich die vorliegenden Bogen schreibe. Ich spreche hier nicht nur für dieses, sondern auch für jenes Leben, an das ich glaube und nach dem ich mich sehne. Indem ich hier beichte, verleihe ich mir die Gestalt und das Wesen, als das ich einst nach dem Tode existieren werde. Da kann es mir wahrlich, wahrlich gleichgültig sein, was man in diesem oder in jenem Lager zu diesem meinem Buche sagt. Ich lege es in ganz andere, in die richtigen Hände, nämlich / in die Hände des Geschicks, der alles wissenden Vorsehung, bei der es weder Gunst noch Ungunst, sondern nur allein Gerechtigkeit und Wahrheit gibt. Da lässt sich nichts verschweigen und nichts beschönigen. Da muss man alles ehrlich sagen und ehrlich bekennen, wie es war und wie es ist, erscheine es auch noch so pietätlos und tue es auch noch so weh. Man hat den Ausdruck ‚Karl-May-Problem‘ erfunden. Wohlan, ich nehme ihn auf und lasse ihn gelten. Dieses Problem aber wird mir keiner von all denen lösen, die meine Bücher nicht gelesen oder nicht begriffen haben und trotzdem über sie urteilen. Das Karl-May-Problem ist das Menschheitsproblem, aus dem großen, alles umfassenden Plural in den Singular, in die einzelne Individualität transportiert. Und genauso, wie dieses Menschheitsproblem zu lösen ist, ist auch das Karl-May-Problem zu lösen, anders nicht! Wer sich unfähig zeigt, das Karl-May-Rätsel in befriedigender, humaner Weise zu lösen, der mag um Gottes willen die schwachen Hände und die unzureichenden Gedanken davon lassen, über sich selbst hinauszugreifen und sich mit schwierigen Menschheitsfragen zu befassen! Der Schlüssel zu all diesen Rätseln ist längst vorhanden. Die christliche Kirche nennt ihn ‚Erbsünde‘. Die Vorväter und Vormütter kennen, heißt die Kinder und Enkel begreifen, und nur der Humanität, der wahren edelmenschlichen Gesinnung ist es gegeben, in Betracht der Vorfahren wahr und ehrlich zu sein, um auch gegen die Nachkommen wahr und ehrlich sein zu können. Den Einfluss der Verstorbenen auf ihre Nachlebenden an das Tageslicht zu ziehen, ist rechts eine Seligkeit und links eine Erlösung für beide Teile, und so habe ich die Meinen genauso zu zeichnen, wie sie in Wirklichkeit waren, mag man dies für unkindlich halten oder nicht. / Ich habe nicht nur gegen sie und mich, sondern auch gegen meine Mitmenschen wahr zu sein. Vielleicht kann mancher aus unserem Beispiel lernen, in seinem Fall das Richtige zu tun.

Mutter hatte ganz unerwartet von einem entfernten Verwandten ein Haus geerbt und einige kleine, leinene Geldbeutel dazu. Einer dieser Geldbeutel enthielt lauter Zweipfenniger, ein anderer lauter Dreipfenniger, ein dritter lauter Groschen. In einem vierten steckte ein ganzes Schock Fünfzigpfenniger, und im fünften und letzten fanden sich zehn alte Schafhäuselsechser, zehn Achtgroschenstücke, fünf Gulden und vier Taler vor. Das war ja ein Vermögen! Das erschien der Armut fast wie eine Million! Freilich war das Haus nur drei schmale Fenster breit und sehr aus Holz gebaut, dafür aber war es drei Stockwerke hoch und hatte ganz oben unter dem First einen Taubenschlag, was bei anderen Häusern bekanntlich nicht immer der Fall zu sein pflegt.5 Großmutter, die Mutter meines Vaters, zog in das Parterre, wo es nur eine Stube mit zwei Fenstern und die Haustür gab. Dahinter lag ein Raum mit einer alten Wäscherolle, die für zwei Pfennige pro Stunde an andere Leute vermietet wurde. Es gab glückliche Sonnabende, an denen diese Rolle zehn, zwölf, ja sogar vierzehn Pfennige einbrachte. Das förderte die Wohlhabenheit ganz bedeutend. Im ersten Stock wohnten die Eltern mit uns. Da stand der Webstuhl mit dem Spulrad. Im zweiten Stock schliefen wir mit einer Kolonie von Mäusen und einigen größeren Nagetieren, die eigentlich im Taubenschlag wohnten und des Nachts nur kamen, uns zu besuchen. Es gab auch einen Keller, doch war er immer leer. Einmal standen einige Säcke Kartoffeln darin, die gehörten aber nicht uns, sondern einem Nach- / barn, der keinen Keller hatte. Großmutter meinte, dass es viel besser wäre, wenn der Keller ihm und die Kartoffeln uns gehörten. Der Hof war gerade so groß, dass wir fünf Kinder uns aufstellen konnten, ohne einander zu stoßen. Hieran grenzte der Garten, in dem es einen Holunderstrauch, einen Apfel-, einen Pflaumenbaum und einen Wassertümpel gab, den wir als ‚Teich‘ bezeichneten. Der Holunder lieferte uns den Tee zum Schwitzen, wenn wir uns erkältet hatten, hielt aber nicht sehr lange vor, denn wenn das eine sich erkältete, fingen auch alle anderen an zu husten und wollten mit ihm schwitzen. Der Apfelbaum blühte immer sehr schön und sehr reichlich; da wir aber nur zu wohl wussten, dass die Äpfel gleich nach der Blüte am besten schmecken, so war er meist schon Anfang Juni abgeerntet. Die Pflaumen aber waren uns heilig. Großmutter aß sie gar zu gern. Sie wurden täglich gezählt, und niemand wagte es, sich an ihnen zu vergreifen. Wir Kinder bekamen doch mehr, viel mehr davon, als eigentlich auf uns fiel. Was den ‚Teich‘ betrifft, so war er sehr reich belebt, doch leider nicht mit Fischen, sondern mit Fröschen. Die kannten wir alle einzeln, sogar an der Stimme. Es waren immer so zwischen zehn und fünfzehn. Wir fütterten sie mit Regenwürmern, Fliegen, Käfern und allerlei anderen guten Dingen, die wir aus gastronomischen oder ästhetischen Gründen nicht selbst genießen konnten, und sie waren uns auch herzlich dankbar dafür. Sie kannten uns. Sie kamen an das Ufer, wenn wir uns ihnen näherten. Einige ließen sich sogar ergreifen und streicheln. Der eigentliche Dank aber erklang uns des Abends, wenn wir am Einschlafen waren. Keine Sennerin kann sich mehr über ihre Zither freuen als wir über unsere Frösche. Wir wussten ganz genau, welcher es war, der sich hören / ließ, ob der Arthur, der Paul oder Fritz, und wenn sie gar zu duettieren oder im Chor zu singen begannen, so sprangen wir aus den Federn und öffneten die Fenster, um mitzuquaken, bis Mutter oder Großmutter kam und uns dahin zurückbrachte, wohin wir jetzt gehörten. Leider aber kam einst ein sogenannter Bezirksarzt in das Städtchen, um sogenannte gesundheitliche Untersuchungen anzustellen. Der hatte überall etwas auszusetzen. Dieser ebenso sonderbare wie gefühllose Mann schlug, als er unseren Garten und unseren schönen Tümpel sah, die Hände über dem Kopf zusammen und erklärte, dass dieser Pest- und Cholerapfuhl sofort verschwinden müsse. Am nächsten Tage brachte der Polizist Eberhardt einen Zettel des Herrn Stadtrichters Layritz, des Inhalts, dass binnen jetzt und drei Tagen der Tümpel auszufüllen und die Froschkolonie zu töten sei, bei fünfzehn ‚Guten Groschen‘ Strafe. Wir Kinder waren empört. Unsere Frösche umbringen! Ja, wenn der Herr Stadtrichter Layritz einer gewesen wäre, dann herzlich, herzlich gern! Wir hielten Rat, und was wir beschlossen, wurde ausgeführt. Der Tümpel wurde so weit ausgeschöpft, dass wir die Frösche fassen konnten. Sie wurden in den großen Deckelkorb getan und dann hinaus hinter das Schießhaus nach dem großen Zechenteich getragen, Großmutter voran, wir hinterher. Dort wurde jeder einzeln herausgenommen, geliebkost, gestreichelt und in das Wasser gelassen. Wie viel Seufzer dabei laut geworden, wie viel Tränen dabei geflossen und wie viel vernichtende Urteile dabei gegen den sogenannten Bezirksarzt gefällt worden sind, das ist jetzt, nach über sechzig Jahren, wohl kaum mehr festzustellen. Doch weiß ich noch ganz bestimmt, dass Großmutter, um dem ungeheuren Schmerz ein Ende zu machen, uns die Versicherung gab, ein jedes von uns werde genau nach zehn / Jahren ein dreimal größeres Haus mit einem fünfmal größeren Garten erben, in dem es einen zehnmal größeren Teich mit zwanzigmal größeren Fröschen gebe. Das brachte in unserer Stimmung eine ebenso plötzliche wie angenehme Änderung hervor. Wir wanderten mit der Großmutter und dem leeren Deckelkorb vergnügt nach Hause.


Geburtshaus in der Niedergasse (später Bahnstraße, seit 1929 Karl-May-Straße) zu Ernstthal, Aufnahme um 1910


Rückseite des Geburtshauses. Im Vordergrund Frau Beyer, eine Nichte Karl Mays, mit einer ihrer Nichten

Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind war und schon laufen konnte. Ich war weder blind geboren noch mit irgendeinem vererbten, körperlichen Fehler behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kräftige, gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu zeihen, ist eine Böswilligkeit, die ich mir unbedingt verbitten muss. Dass ich kurz nach der Geburt sehr schwer erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der rein örtlichen Verhältnisse, der Armut, des Unverstandes und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer fiel. Sobald ich in die Hand eines tüchtigen Arztes kam, kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein höchst kräftiger und widerstandsfähiger Junge, der stark genug war, es mit jedem anderen aufzunehmen. Doch ehe ich über mich selbst berichte, habe ich noch für einige Zeit bei dem Milieu zu bleiben, in dem ich meine erste Kindheit verlebte.

Mutter hatte mit dem Haus auch die auf ihm stehenden Schulden geerbt. Die waren zu verzinsen. Hieraus ergab sich, dass wir eben nur mietfrei wohnten, und auch das nicht einmal ganz. Mutter war sparsam, Vater in seiner Weise auch. Aber wie er in allem maßlos war, in seiner Liebe, seinem Zorn, seinem Fleiß, seinem Lob, seinem Tadel, so auch hier in der Beur- / teilung der kleinen Erbschaft, die nur ein Ansporn sein konnte, weiter zu sparen und das Häuschen von Schulden frei zu machen. Aber wenn er auch nicht geradezu glaubte, plötzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch an, jetzt zu einer anderen Lebensführung übergehen zu dürfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu etwas anderem, Besserem, greifen, was bequemer war und mehr lohnte als die Weberei. Während er schlaflos im Bette lag und darüber nachdachte, was zu ergreifen sei, hörte er die Ratten über sich im leeren Taubenschlag rumoren. Dieses Rumoren wiederholte sich von Tag zu Tag, und so entstand in der jedem Psychologen wohlbekannten Weise in ihm der Entschluss, die Ratten zu vertreiben und Tauben anzuschaffen. Er wollte Taubenhändler werden, obgleich er von diesem Fach nicht das Geringste verstand. Er hatte gehört, dass da sehr viel Geld zu verdienen sei, und war der Meinung, dass er auch ohne die nötigen Sonderkenntnisse genug Intelligenz besitze, jeden Händler zu überlisten. Die Ratten wurden vertrieben und Tauben wurden angeschafft.

Leider war diese Anschaffung nicht ohne Geldkosten zu bewerkstelligen. Mutter musste einen ihrer Beutel opfern, vielleicht gar zwei. Sie tat es nur mit Widerstreben. Sie fand an den Tauben nicht dasselbe Wohlgefallen, das wir Kinder an ihnen fanden. Am meisten Vergnügen machte es uns, wenn wir beobachteten, wie die lieben Tierchen ihre zarten Kleider veränderten. Vater hatte zwei Paar sehr teure ‚Blaustriche‘ gekauft. Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte, wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige Tage später lagen die blauen Federn am Boden; sie / waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die kostbaren ‚Blaustriche‘ entpuppten sich als ganz wertlose Feldweißlinge. Vater erwarb einen sehr schönen, jungen, grauen Trommeltäuberich für einen Taler fünfzehn Gute Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der Täuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem Schlag; sein Wert war gleich null. Solche und ähnliche Fälle mehrten sich. Die Folge davon war, dass Mutter noch einen dritten Beutel opfern musste, um den Taubenhandel in besseren Schwung zu bringen. Freilich gab sich auch Vater große Mühe. Er feierte nicht. Er besuchte alle Märkte, alle Gasthöfe und Schankwirtschaften, um zu kaufen oder Käufer zu finden. Bald kaufte er Erbsen; bald kaufte er Wicken, die er ‚halb geschenkt‘ erhalten hatte. Er war immer unterwegs, von einem Dorf zum andern, von einem Bauern zum andern. Er brachte immerfort Käse, Eier und Butter heim, die wir gar nicht brauchten. Er hatte sie teuer gekauft, um sich die Bauersfrauen handelsgeneigt zu machen, und wurde sie nur mit Mühe und Verlusten wieder los. Dieses unstete, unnütze Leben förderte nicht, sondern fraß das Glück des Hauses; es fraß sogar auch noch die übrigen Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie härmte sich und trug still, bis es Sünde gewesen wäre, weiter zu tragen. Da fasste sie einen Entschluss und ging zum Herrn Stadtrichter Layritz, der sich in diesem Fall viel, viel vernünftiger als damals gegen unsere Frösche zeigte. Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm, dass sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten müsse. Sie verriet ihm, dass sie außer den bisher erwähnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Manne noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr / Stadtrichter Layritz solle doch die Güte haben, ihr zu sagen, wie sie dieses Geld anlegen könne, um sich und ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor. Er öffnete ihn und zählte. Es waren sechzig harte, blanke, wohlgeputzte Taler. Darob großes Erstaunen! Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte er: „Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind eine brave Frau, und ich stehe für Sie ein. Unsere Hebamme ist alt; wir brauchen eine jüngere. Sie gehen nach Dresden und werden für dieses Ihr Geld Hebamme. Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten Zensur zurück, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren Zensur, so können wir Sie nicht brauchen. Jetzt aber gehen Sie heim und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort einmal zu mir kommen; ich hätte mit ihm zu reden!“

Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie kam mit der ersten Zensur zurück, und der Herr Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde angestellt.6 Während ihrer Abwesenheit führte Vater mit Großmutter das Haus. Das war eine schwere Zeit, eine Leidenszeit für uns alle. Die Blattern brachen aus. Wir Kinder lagen alle krank. Großmutter tat fast über Menschenkraft. Vater aber auch. Bei einer der Schwestern7 hatte sich der blatternkranke Kopf in einen unförmigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen, Nase, Mund und Kinn waren vollständig verschwunden. Der Arzt musste durch Messerschnitte nach den Lippen suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einflößen zu können. Sie lebt heute8 noch, ist die Heiterste von uns allen und niemals wieder krank gewesen. Man sieht noch jetzt die Narben, die ihr der Arzt geschnitten hat, als er nach dem Mund suchte. /

Diese schwere Zeit war, als Mutter wiederkam, noch nicht ganz vorüber, mir aber brachte ihr Aufenthalt in Dresden großes Glück. Sie hatte sich durch ihren Fleiß und ihr stilles, tiefernstes Wesen das Wohlwollen der beiden Professoren Grenser und Haase erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten und seelisch doch so regsamen Knaben erzählt. Sie war aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um mich von den beiden Herren behandeln zu lassen. Das geschah nun jetzt, und zwar mit ganz überraschendem Erfolg. Ich lernte sehen und kehrte, auch im Übrigen gesundend, heim. Aber das alles hatte große, große Opfer gefordert, freilich nur für unsere armen Verhältnisse groß. Wir mussten um all der nötigen Ausgaben willen das Haus verkaufen, und das wenige, was von dem Kaufpreis unser war, reichte kaum zu, das Nötigste zu decken. Wir zogen zur Miete9.

Und nun zu der Person, die in seelischer Beziehung den tiefsten und größten Einfluss auf meine Entwicklung ausgeübt hat. Während die Mutter unserer Mutter in Hohenstein geboren war und darum von uns die ‚Hohensteiner Großmutter‘ genannt wurde, stammte die Mutter meines Vaters aus Ernstthal und musste sich darum als ‚Ernstthaler Großmutter‘ bezeichnen lassen. Sie war ein ganz eigenartiges, tiefgründiges, edles und, fast möchte ich sagen, geheimnisvolles Wesen. Sie war mir von Jugend auf ein herzliebes, beglückendes Rätsel, aus dessen Tiefen ich schöpfen durfte, ohne es jemals ausschöpfen zu können. Woher hatte sie das alles? Sehr einfach: Sie war Seele, nichts als Seele, und die heutige Psychologie weiß, was das zu bedeuten hat. Sie war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leid aufgewachsen; darum sah sie alles mit hoffenden, sich / nach Erlösung sehnenden Augen an. Und wer in der richtigen Weise zu hoffen und zu glauben vermag, der hat den Erdenjammer hinter sich geschoben und vor sich nur noch Sonnenschein und Gottesfrieden liegen. Sie war die Tochter bitterarmer Leute, hatte die Mutter früh verloren und einen Vater zu ernähren, der weder stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt war10. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu Tränen rührender Aufopferung. Die Armut erlaubte ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte alle Gräber, und sie bedachte für sich und ihren Vater nur den einen Weg, aus ihrer dürftigen Sterbekammer im Sarge nach dem Kirchhof hinüber. Sie hatte einen Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater gehören, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte nichts, aber er wartete und blieb ihr treu.

Droben auf dem Oberboden stand eine alte Kiste mit noch älteren Büchern. Das waren in Leder gebundene Erbstücke verschiedenen Inhalts, sowohl geistlich als auch weltlich. Es ging die Sage, dass es in der Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte und weitgereiste Herren gegeben habe, an welche diese Bücher noch heute erinnerten. Vater und Tochter konnten lesen; sie hatten es beide von selbst gelernt. Des Abends, nach des Tages Last und Arbeit, wurde das Reifröckchen (kleines Öllämpchen) angebrannt, und eines von beiden las vor. In den Pausen wurde das Gelesene besprochen. Man hatte die Bücher nahezu schon zwanzigmal durch, fing aber immer / wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken fanden, die besser, schöner und auch richtiger zu sein schienen als die früheren. Am meisten gelesen wurde ein ziemlich großer und schon sehr abgegriffener Band, dessen Titel lautete:


Dieses Buch enthielt eine Menge bedeutungsvoller orientalischer Märchen, die sich bisher in keiner anderen Märchensammlung befanden. Großmutter kannte diese Märchen alle. Sie erzählte sie gewöhnlich wörtlich gleichlautend; aber in gewissen Fällen, in denen sie es für nötig hielt, gab sie Änderungen und Anwendungen, aus denen zu ersehen war, dass sie den Geist dessen, was sie erzählte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken ließ. Ihr Lieblingsmärchen war das Märchen von Sitara; es wurde später auch das meinige, weil es die Geografie und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein ethisch behandelt. Doch dies hier nur, um anzudeuten11.

Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstürzen. Die Pflege war so anstrengend, dass auch die Tochter / dem Tode nahe kam, doch überstand sie es. Nach verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und führte sie heim12. Nun endlich, endlich wirklich glücklich! Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester, die später einen schweren Fall tat und an den Folgen verkrüppelte. Man sieht, dass es an Heimsuchungen, oder sagen wir Prüfungen, bei uns nicht fehlte. Und ebenso sieht man, dass ich nichts verschweige. Es darf nicht meine Absicht sein, das Hässliche schönzumalen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes trat jenes unglückliche Weihnachtsereignis ein, von dem ich bereits erzählte. Der brave junge Mann stürzte des Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und erfror. Großmutter hatte mit ihren beiden Kindern an den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach langer Zeit der Qual, dass und in welch schrecklicher Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war alles verwüstet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs; der Hunger wütete. Ein armer Handwerksbursche kam, um zu betteln. Großmutter konnte ihm nichts geben. Sie hatte für sich und ihre Kinder selbst keinen einzigen Bissen Brot. Er sah ihr stilles Weinen. Das erbarmte ihn. Er ging fort und kam nach über einer Stunde wieder. Er schüttete vor ihr aus, was er bekommen hatte, Stücke Brot, ein Dutzend Kartoffeln, eine Kohlrübe, einen kleinen, sehr ehrwürdigen Käse, eine Tüte Mehl, eine Tüte Graupen, ein Scheibchen Wurst und ein winziges Eckchen Hammeltalg. Dann ging er schnell fort, um sich ihrem Dank zu entziehen. Sie hat ihn nie wieder gesehen; Einer aber kennt ihn gewiss und wird es ihm nicht ver- / gessen. Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberförster, den man als ebenso wohlhabend wie edel denkend kannte, war die Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl Kinder hinterlassen. Er wünschte Großmutter zur Führung seiner Wirtschaft zu haben. Sie hätte in dieser Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklärte aber, sich von ihren eigenen Kindern unmöglich trennen zu können, selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, hätte. Der brave Mann besann sich nicht lange. Er erklärte ihr, es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm äßen; sie würden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der höchsten Not.

Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten und erstarkten in der besseren Ernährung. Der Oberförster sah, wie Großmutter sich abmühte, ihm dankbar zu sein und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast über ihre Kräfte, fühlte sich aber wohl dabei. Er beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, dass er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewährte, was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und nicht ohne Stolz. Er aß mit seiner Schwiegermutter allein. Großmutter war nur Dienstbote, doch aß sie nicht in der Gesinde-, sondern mit in der Kinderstube. Als er aber nach längerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer Beziehung an. Er erleichterte ihr die große Arbeitslast, erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends aus ihren Büchern vorzulesen, und gestattete ihr, dann auch in seine eigenen Bücher zu schauen. Wie gern sie das tat! Und er hatte so gute, so nützliche Bücher! /


Den Kindern wurde in vernünftiger Weise Freiheit gewährt. Sie tollten im Walde herum und holten sich kräftige Glieder und rote Wangen. Der kleine May war der Jüngste und Kleinste von allen, aber er tat wacker mit. Und er passte auf; er lernte und merkte. Er wollte alles wissen. Er fragte nach jedem Gegenstand, den er noch nicht kannte. Bald wusste er die Namen aller Pflanzen, aller Raupen und Würmer, aller Käfer und Schmetterlinge, die es in seinem Bereich gab. Er trachtete, ihren Charakter, ihre Eigenschaften und Gewohnheiten kennenzulernen. Diese Wissbegierde erwarb ihm die besondere Zuneigung des Oberförsters, der sich sogar herbeiließ, den Jungen mit sich gehen zu lassen. Ich muss das erwähnen, um Späteres erklärlich zu machen. Der nachherige Rückfall aus dieser sonnenklaren, hoffnungsreichen Jugendzeit in die frühere Not und Erbärmlichkeit konnte auf den Knaben doch nicht glücklich wirken.

In dieser Zeit war es, dass Großmutter während des Mittagessens plötzlich vom Stuhle fiel und tot zu Boden sank. Das ganze Haus geriet in Aufregung. Der Arzt wurde geholt. Er konstatierte Herzschlag; Großmutter sei tot und nach drei Tagen zu begraben. Aber sie lebte. Doch konnte sie kein Glied bewegen, nicht einmal die Lippen oder die nicht ganz geschlossenen Augenlider. Sie sah und hörte alles, das Weinen, das Jammern um sie. Sie verstand jedes Wort, das gesprochen wurde. Sie sah und hörte den Tischler, der erschien, um ihr den Sarg anzumessen. Als er fertig war, wurde sie hineingelegt und in eine kalte Kammer gestellt. Am Begräbnistage bahrte man sie im Hausflur auf. Die Leichenträger kamen, der Pfarrer und der Kantor mit der Kurrende. Die Familie begann, Abschied von der Scheintoten zu nehmen. Man denke sich deren Qual! / Drei Tage und drei Nächte lang hatte sie sich alle mögliche Mühe gegeben, durch irgendeine Bewegung zu zeigen, dass sie noch lebe – – vergeblich! Jetzt kam der letzte Augenblick, an dem noch Rettung möglich war. Hatte man den Sarg einmal geschlossen, so gab es keine Hoffnung mehr. Sie erzählte später, dass sie sich in ihrer fürchterlichen Todesangst ganz unmenschliche Mühe gegeben habe, doch wenigstens mit dem Finger zu wackeln, als einer nach dem andern kam, um ihre Hand zum letzten Mal zu ergreifen. So tat auch das jüngste Mädchen des Oberförsters, das besonders sehr an Großmutter gehangen hatte. Da schrie das Kind erschrocken auf: „Sie hat meine Hand angegriffen; sie will mich festhalten!“ Und richtig, man sah, dass die scheinbar Verstorbene ihre Hand in langsamer Bewegung abwechselnd öffnete und schloss. Von einem Begräbnis konnte nun selbstverständlich nicht mehr die Rede sein. Es wurden andere Ärzte geholt. Großmutter war gerettet. Aber von da an war ihre Lebensführung noch ernster und erhobener als vorher. Sie sprach nur selten von dem, was sie in jenen unvergesslichen drei Tagen auf der Schwelle zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte. Es muss schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten wirklichen Tod nur für Schein und suchte jahrelang nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklären und zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt nur an das Leben glaube, nicht aber an den Tod.

Dieses Ereignis war innerlich noch nicht ganz überwunden, als Großmutter infolge der Versetzung und / Wiederverheiratung des Oberförsters mit ihren beiden Kindern in ihre früheren Verhältnisse zurückgestoßen wurde. Sie kehrte nach Ernstthal zurück und hatte nun wieder jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein braver Mann, der Vogel hieß und auch Weber war, hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie müsse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen; war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe. Er starb und hinterließ ihr alles, was er besessen hatte, die Armut und den Ruf eines braven, fleißigen Mannes. Hierauf wurde es still und stiller um sie. Sie tat ihr Mädchen zu einer Näherin und ihren Knaben zu einem Weber, der ihn von früh bis abends am Spulrad beschäftigte. Denn dass der Junge nun weiter nichts als nur ein Weber zu werden hatte, das verstand sich ganz von selbst. Die Lust dazu war ihm freilich während seines Aufenthalts im Forsthaus völlig vergangen; er hatte sich schon ganz anderes gedacht, und es ist gewiss erklärlich, dass er später, nachdem er in dieses ungeliebte Handwerk hineingezwungen worden war, auf die Idee kam, sich durch den Taubenhandel wieder daraus zu befreien. Doch tat er sowohl als Knabe wie auch als Jüngling seine Pflicht. Er war fleißig und wurde ein tüchtiger Weber, dessen Ware so viel Sauberkeit und Akkuratesse zeigte, dass jeder Unternehmer ihn gern für sich arbeiten ließ. In seinen Freistunden aber strich er durch Feld und Flur, um zu botanisieren und alle die Kenntnisse festzuhalten, die er sich bei dem Oberförster erworben hatte. Darum machte es ihm große Freude, dass sich unter der oben erwähnten Erbschaft unserer Mutter auch einige alte, hochinteressante Bücher befanden, deren Inhalt ihm bei diesen seinen Freibeschäftigungen / von großem Nutzen war. Ich denke da besonders an einen großen, starken Folioband13, der gegen tausend Seiten zählte und folgenden Titel hatte:


Es verstand sich ganz von selbst, dass Vater dieses Buch sofort hernahm und fleißig durchstudierte. Es enthielt sogar mehr, als der Titel versprach. So waren die Namen der Pflanzen oft auch französisch, englisch, russisch, böhmisch, italienisch und sogar arabisch angegeben, was später besonders mir ganz außerordentlich vorwärtshalf. Auch Vater ging von Seite zu Seite dieses köstlichen Buches, von Pflanze zu Pflanze. Er lernte viel, viel / mehr zu dem, was er bereits wusste. Nicht nur die Kenntnis der Gewächse an sich, sondern auch ihrer ernährenden und technischen Eigenschaften und ihrer Heilwirkungen. Die Vorfahren hatten diese Wirkungen geprüft und den Band mit sehr vielen Randbemerkungen versehen, welche sagten, wie diese Prüfungen ausgefallen waren. Dieses Buch wurde mir später eine Quelle der reinsten, nützlichsten Freuden, und ich kann wohl sagen, dass Vater mich dabei vortrefflich unterstützte.

Ein anderes dieser Bücher war eine Sammlung biblischer Holzschnitte, wahrscheinlich aus der ersten Zeit der xylografierenden Kunst. Ich besitze es, ganz ebenso wie das Kräuterbuch, noch heut. Es enthält sehr viele und ganz vortreffliche Bilder; einige fehlen leider. Das erste ist Moses, und das letzte ist das Tier aus dem elften Kapitel der Offenbarung Johannis. Das Titelblatt ist nicht mehr vorhanden. Darum weiß ich nicht, wer der Verfasser ist und aus welchem Jahre das Werk stammt14. Es war Großmutters Hilfsbuch, wenn sie uns die biblischen Geschichten erzählte. Jede dieser Erzählungen war für uns ein Hochgenuss, und damit komme ich auf den größten Vorzug, den Großmutter für uns Kinder hatte, nämlich auf ihre unvergleichliche Gabe, zu erzählen.

Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhörten, so hatte jeder Einzelne von den zwanzig den Eindruck, dass sie das, was sie erzählte, ganz nur für ihn allein erzähle. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets ergab sich am Schluss der innige Zusammenhang zwischen / Himmel und Erde, der Sieg des Guten über das Böse und die Mahnung, dass alles auf Erden nur ein Gleichnis sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im niedrigen sondern nur im höheren Leben liege. Ich bin überzeugt, dass sie das nicht bewusst und in klarer Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug; sondern es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man ihn weder kennt noch beobachtet. Großmutter war eine arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von Gottes Gnaden und darum eine Märchenerzählerin, die aus der Fülle dessen, was sie erzählte, Gestalten schuf, die nicht nur im Märchen, sondern auch in Wahrheit lebten.

In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Märchen von Sitara, sondern das Märchen ‚von der verloren gegangenen und vergessenen Menschenseele‘ auf. Sie tat mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Für mich enthielt diese Erzählung die volle Wahrheit. Aber erst nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich mit dem Innern des Menschen eingehend beschäftigt hatte, erkannte ich, dass die Kenntnis der Menschenseele in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und dass alle unsere Psychologie bisher nicht im Stande war, uns diese Kenntnis zurückzubringen. Ich habe in meiner Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt, um nachzudenken, wohin die Verlorene und Vergessene gekommen sei. Ich wollte und wollte sie finden. Da nahm Großmutter mich auf ihren Schoß, küsste mich auf die Stirn und sagte: „Sei still, mein Junge! Gräme dich nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!“ / „Wo?“, fragte ich. „Hier, bei mir“, antwortete sie. „Du bist diese Seele, du!“ „Aber ich bin doch nicht verloren“, warf ich ein. „Natürlich bist du verloren. Man hat dich herabgeworfen in das ärmste, schmutzigste Ardistan. Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen.“ – Ich begriff das damals nicht, ich verstand es erst später, viel, viel später. Eigentlich war in dieser meiner frühen Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als Seele. Ich sah nichts. Es gab für mich weder Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch Ortsveränderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstände wohl fühlen, hören, auch riechen; aber das genügte nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein Tisch aussieht, das wusste ich nicht; ich konnte mir nur innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war seelisch. Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Äußeres, sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf den heutigen Tag.

Das ist der Unterschied zwischen mir und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern. Das ist die Erklärung zu allem, was man an mir lobt, und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine so tief gegründete und so mächtige Innenwelt besaß, dass sie selbst dann, als er sehend wurde, für lebenslang seine ganze Außenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich schrieb, und nur der besitzt die Fähigkeit, mich zu kritisieren, sonst keiner! /

Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den Eltern, sondern bei Großmutter. Sie war mein Alles. Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin, mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte. Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das kam von ihr. So wurde ich ihr ganz selbstverständlich ähnlich. Was sie mir erzählte, das erzählte ich ihr wieder und fügte hinzu, was meine kindliche Fantasie teils erriet und teils erschaute. Ich erzählte es den Geschwistern und auch anderen, die zu mir kamen, weil ich nicht zu ihnen konnte. Ich erzählte in Großmutters Ton, mit ihrer Sicherheit, die keinen Zweifel duldete. Das klang altklug und überzeugte. Es verlieh mir den Nimbus eines über sein Alter hinaus sehr klugen Kindes. So kamen auch Erwachsene, um mir zuzuhören, und ich wäre vielleicht zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben worden, wenn Großmutter nicht so sehr bescheiden, wahr und klug gewesen wäre, da, wo ich in Gefahr stand, einzuspringen. Einem blinden Kind wird wenig Arbeit gegeben. Es hat mehr Zeit, zu denken und zu grübeln als andere Kinder. Da kann es leicht klüger erscheinen, als es ist. Leider besaß Vater nicht diese kluge Bescheidenheit der Großmutter und auch nicht die schweigsame Bedachtsamkeit der Mutter. Er sprach sehr gern und übertrieb, wie wir bereits wissen, in allem, was er tat und was er sagte. So kam es, dass ich dem Schicksal, dem ich hier entging, später doch noch verfiel, dem entsetzlichen Schicksal, totgelobt zu werden.

Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon derart entwickelt und in seinen späteren Grundzügen festgelegt, dass selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor meinen Augen öffnete, nicht die Macht besaß, den Schwerpunkt, der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen. / Ich blieb ein Kind für alle Zeit, ein umso größeres Kind, je größer ich wurde, und zwar ein Kind, in dem die Seele derart die Oberhand besaß und noch heute besitzt, dass keine Rücksicht auf die Außenwelt und auf das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas zu unterlassen, was ich für seelisch richtig befunden habe. Und solange ich lebe, habe ich unausgesetzt die Erfahrung gemacht, dass es dem Volk genau ebenso ergeht wie mir. Es handelt am liebsten nicht aus äußerlichen Gründen, sondern aus sich selbst heraus, aus seiner Seele heraus. Die größten und schönsten Taten der Nation wurden aus ihrem Inneren heraus geboren. Und wäre der Geist eines Dichters auch noch so stark und noch so erfinderisch, so wird er es doch niemals fertigbringen, der Geschichte eines Volkes den Stoff zu einem großen, nationalen Drama aufzuzwingen, der diesem Volke nicht seelisch gegeben war. Und gründen wir Hunderte von Jugendschriftenvereinen, von Jugendschriftenkommissionen und Tausende von Jugend-, Schüler- und Volksbibliotheken, wir werden das Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen wollen, falls wir Bücher wählen, deren Bedürfnis nur in unserem Pedantismus und in unserer Methodik liegt, nicht aber in den Seelen derer, denen wir sie aufzwingen. Ich habe diese Seelen kennengelernt, habe sie studiert seit meiner Jugendzeit. Ich bin selbst eine solche Seele gewesen, bin sie sogar noch heut. Darum weiß ich, dass man dem Volk und der Jugend keine Tugendmusterbücher in die Hand geben darf, weil es eben keinen Menschen gibt, der ein Tugendmuster ist. Der Leser will Wahrheit, will Natur. Er hasst die sittlichen Haubenstöcke, die immer genauso stehen, wie man sie stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralität angezogen wird. Die Aufgabe des Jugend- / schriftstellers besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen, die in jeder Lage so überaus köstlich einwandfrei handeln, dass man ihrer unbedingt überdrüssig wird, sondern seine größte Kunst besteht darin, dass er von seinen Figuren getrost die Fehler und Dummheiten machen lässt, vor denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist tausendmal besser, er lässt seine Romanfiguren zu Grunde gehen, als dass der ergrimmte Knabe hingeht, um das Böse, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach geschehen musste, nun seinerseits aus dem Buch in das Leben zu übertragen. Hier liegt die Achse, um die sich unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat. Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie stoßen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und packend, so wird man Positives erreichen. –

Nachdem wir zur Miete gezogen waren, wohnten wir am Marktplatz, auf dessen Mitte die Kirche stand. Dieser Platz war der Lieblingsspielplatz der Kinder. Gegen Abend versammelten sich da die älteren Schulknaben unter dem Kirchentor zum Geschichtenerzählen. Das war eine höchst exklusive Gesellschaft. Es durfte nicht jeder hin. Kam einer, den man nicht wollte, so machte man keinen ‚Sums‘; er wurde fortgeprügelt und kehrte gewiss nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst fünf Jahre alt war, die anderen aber dreizehn und vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch niemals da gewesen! Das hatte ich der Großmutter und ihren Erzählungen zu verdanken! Zunächst verhielt ich mich still und machte den Zuhörer, bis ich alle Erzählungen kannte, die hier im Schwange waren. Man nahm mir das nicht übel, denn ich hatte erst vor Kurzem sehen gelernt, hielt die Augen noch halb verbunden und wurde / von allen geschont. Dann aber, als das vorüber war, wurde ich herangezogen. Alle Tage ein anderes Märchen, eine andere Geschichte, eine andere Erzählung. Das war viel, sehr viel verlangt; aber ich leistete es, und zwar mit Vergnügen. Großmutter arbeitete mit. Was ich in der Dämmerstunde zu erzählen hatte, das arbeiteten wir am frühen Morgen, noch ehe wir unsere Morgensuppe aßen, durch. Dann war ich, wenn ich an das Kirchtor kam, wohl vorbereitet. Unser schönes Buch ‚Der Hakawati‘ gab Stoff für lange Zeit. Hierzu kam, dass dieser Stoff sich mit der Zeit ganz außerordentlich vermehrte, doch freilich nicht im Buche, sondern in mir. Das war die sehr einfache und sehr natürliche Folge davon, dass ich nach meinem Sehendwerden die seelische Welt, die durch den Hakawati in mir entstanden war, nun in die sichtbare Welt der Farben, Formen, Körper und Flächen zu übersetzen hatte. Dadurch entstanden unzählige Variationen und Vervielfältigungen, die ich nur dadurch, dass ich sie erzählte, in feste Gestalt und Form zu bringen vermochte.

Inzwischen hatte Vater es erreicht, dass ich in die Schule gehen konnte. Das durfte man erst vom sechsten Lebensjahr an; aber meine Mutter war als Hebamme sehr oft bei dem Herrn Pastor, der ihr diesen Wunsch als Lokalschulinspektor sehr gern erfüllte, und mit dem Herrn Elementarlehrer Schulze kam Vater wöchentlich zweimal zusammen, um Skat oder Schafkopf zu spielen, und darum hielt es nicht schwer, die Erlaubnis auch von dieser Seite zu erlangen. Ich lernte sehr schnell lesen und schreiben, denn Vater und Großmutter halfen dabei, und dann, als ich das konnte, glaubte Vater die Zeit gekommen, das, was er mit mir vorhatte, zu beginnen. Es sollte sich nämlich an mir erfüllen, was sich an ihm nicht erfüllt hatte. Er hatte im Forsthause einen Blick / in bessere und menschlichere Verhältnisse tun dürfen. Und er musste immer daran denken, dass es unter unseren Vorfahren bedeutende Männer gegeben hatte, von denen wir, ihre Nachkommen, sagen mussten, dass wir ihrer nicht würdig seien. Er hatte das werden wollen, war aber von den Verhältnissen gewaltsam niedergehalten worden. Das kränkte und das ärgerte ihn. Für sich hatte er mit diesen Verhältnissen abgeschlossen. Er musste bleiben, was er war, ein armer, ungebildeter Professionist. Aber er übertrug seine Wünsche und Hoffnungen und alles andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles Mögliche zu tun und nicht zu versäumen, aus mir den Mann zu machen, der zu werden ihm versagt gewesen war. Das kann man gewiss nur löblich von ihm nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche Weise er meiner Erziehung gab. Er wollte, was für mich gut und glücklich war. Das konnte er nur mit guten und glücklichen Mitteln erreichen. Leider aber muss ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, dass meine ‚Kindheit‘ jetzt, mit dem fünften Jahr, zu Ende war. Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum Sehen öffnete. Was diese armen Augen von da an bis heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit, Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende peinigt. – /

3. Keine Jugend
(1847–1857)

Du liebe, schöne, goldene Jugendzeit! Wie oft habe ich dich gesehen, wie oft mich über dich gefreut! Bei andern, immer nur bei andern! Bei mir warst du nicht. Um mich gingst du herum, in einem weiten, weiten Bogen. Ich bin nicht neidisch gewesen, wahrlich nicht, denn zum Neid habe ich überhaupt keinen Platz in mir; aber weh hat es doch getan, wenn ich den Sonnenschein auf dem Leben anderer liegen sah, und ich stand so im hintersten, kalten Schattenwinkel. Und ich hatte doch auch ein Herz, und ich sehnte mich doch auch nach Licht und Wärme. Aber Liebe muss sein, selbst im allerärmsten Leben, und wenn dieser Ärmste nur will, so kann er reicher als der Reiche sein. Er braucht nur in sich selbst zu suchen. Da findet er, was ihm das Geschick verweigert, und kann es hinausgeben an alle, alle, von denen er nichts bekommt. Denn wahrlich, wahrlich, es ist besser, arm und doch der Gebende zu sein, als reich und doch der immer nur Empfangende!

Hier ist es wohl am Platze, einen Irrtum, in dem man sich über mich befindet, gleich von vornherein auf- / zuklären. Man hält mich nämlich für sehr reich, sogar für einen Millionär; das bin ich aber nicht. Ich hatte bisher nur mein ‚gutes Auskommen‘, weiter nichts. Selbst hiermit wird es höchstwahrscheinlich zu Ende sein, denn die nimmer ruhenden Angriffe gegen mich müssen endlich doch erreichen, was man mit ihnen erreichen will. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich genauso sterben werde, wie ich geboren bin, nämlich als ein armer, nichts besitzender Mensch. Das tut aber nichts. Das ist rein äußerlich. Das kann an meinem inneren Menschen und seiner Zukunft gar nichts ändern.

Die Lüge, dass ich Millionär sei, dass mein Einkommen 180.000 Mark betragen habe, stammt von einem raffinierten, sehr klug vorausberechnenden Gegner, der ein scharfer Menschenkenner ist und sich keinen Augenblick bedenkt, diese Menschenkenntnis selbst gegen die Stimme des Gewissens in Gewinn und Vorteil umzusetzen15. Er wusste sehr wohl, was er tat, als er seine Lüge in die Zeitungen lancierte. Er erweckte dadurch den allerniedrigsten und allerschlimmsten Feind gegen mich, den Neid. Die früheren Angriffe gegen mich sind jetzt kaum der Rede wert. Aber seit man mich im Besitz von Millionen wähnt, geht man geradezu gnaden- und erbarmungslos gegen mich vor. Sogar in den Artikeln sonst ganz achtbarer und humaner Kritiker spielt diese Geldgehässigkeit eine Rolle. Es berührt unendlich peinlich, Leute, die sich in jedem anderen Fall als literarische Kavaliere erweisen, auf diesem ordinären Gaul herumreiten zu sehen! Ich besitze ein schuldenfreies Haus, in dem ich wohne, und ein kleines Kapital als eisernen Bestand für meine Reisen, weiter nichts. Von dem, was ich einnehme, bleibt nichts übrig. Das reicht gerade aus für meinen bescheidenen Haushalt / und für die schweren Opfer, die ich den mir aufgezwungenen Prozessen zu bringen habe. Früher konnte ich meinem Herzen Genüge tun und gegen arme Menschen, besonders gegen arme Leser meiner Bücher, mildtätig sein. Das hat nun aufgehört. Zwar werde ich infolge jener raffinierten Millionenlüge jetzt mehr als je mit Zuschriften gepeinigt, in denen man Geld von mir verlangt, aber ich kann leider nicht mehr helfen, und fast ein jeder, den ich abweisen muss, fühlt sich enttäuscht und wird zum Feind. Ich konstatiere, dass jene Gewissenlosigkeit, mich als einen steinreichen Mann zu schildern, mir mehr, viel mehr geschadet hat als alle gegnerischen Kritiken und sonstigen Feindseligkeiten zusammengenommen.

Nach dieser Abschweifung, die ich für nötig hielt, nun wieder zurück zur ‚Jugend‘ dieses angeblichen ‚Millionärs‘, der nach ganz anderen Schätzen strebt als alle, die ihn auszubeuten trachten.

Es waren damals schlimme Zeiten, zumal für die armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat liegt. Dem gegenwärtigen Wohlstand ist es fast unmöglich, sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgang der Vierzigerjahre dort durch das Leben hungerte. Arbeitslosigkeit, Misswachs, Teuerung und Revolution, diese vier Worte erklären alles. Es mangelte uns an fast allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt ‚Zur Stadt Glauchau‘, des Mittags die Kartoffelschalen aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir gingen nach der ‚Roten Mühle‘ und ließen uns einige Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um irgendetwas Nahrungsmittelähnliches daraus zu machen. Wir pflückten von den Schutthaufen Melde, von den / Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich, um das zu kochen und mit ihm den Magen zu füllen. Die Blätter der Melde fühlen sich fettig an. Das ergab beim Kochen zwei oder drei kleine Fettäuglein, die auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie delikat uns das erschien! Glücklicherweise gab es unter den vielen Webern des Ortes, die arbeitslos waren, auch einige wenige Strumpfwirker, deren Geschäft nicht ganz zum Stillstehen kam. Sie webten Handschuhe, so außerordentlich billige, weiße Handschuhe, die man den Leichen anzieht, ehe sie begraben werden. Es gelang Mutter, solche Leichenhandschuhe zum Nähen zu bekommen. Da saßen wir nun alle, der Vater ausgenommen, von früh bis abends spät und stichelten drauflos. Mutter nähte die Daumen, denn das war schwer, Großmutter die Längen mit dem kleinen Finger und ich mit den Schwestern die Mittelfinger. Wenn wir sehr fleißig waren, hatten wir alle zusammen am Schluss der Woche elf oder sogar auch zwölf Neugroschen verdient. Welch ein Kapital! Dafür gab es für fünf Pfennige Runkelrübensirup, auf fünf Dreierbrötchen gestrichen; die wurden sehr gewissenhaft zerkleinert und verteilt. Das war zugleich Belohnung für die verflossene und Anregung für die kommende Woche.

Während wir in dieser Weise fleißig daheim arbeiteten, hatte Vater ebenso fleißig auswärts zu tun; leider aber war seine Arbeit mehr ehrend als nährend. Es galt nämlich, den König Friedrich August und die ganze sächsische Regierung vor dem Untergang zu retten. Vorher hatte man gerade das Entgegengesetzte gedacht: Der König sollte abgesetzt und die Regierung aus dem Lande gejagt werden. Das wollte man fast in ganz Sachsen; aber in Hohenstein und Ernstthal kam man sehr bald hier- / von ab, und zwar aus den vortrefflichsten Gründen; es war nämlich zu gefährlich! Die lautesten Schreier hatten sich zusammengetan und einen Bäckerladen gestürmt. Da kam die heilige Hermandad und sperrte sie alle ein. Sie fühlten sich zwar einige Tage lang als politische Opfer und Märtyrer groß und mächtig, aber ihre Frauen wollten von solchem Heldentum nichts wissen; sie sträubten sich mit aller Gewalt dagegen. Sie kamen zusammen; sie gingen auseinander; sie liefen auf und ab; sie gewannen die anderen Frauen; sie politisierten; sie diplomatisierten; sie drohten; sie baten. Ruhige, vernünftige Männer gesellten sich ihnen zu. Der alte, ehrwürdige Pastor Schmidt hielt Friedensreden. Der Herr Stadtrichter Layritz auch. Der Polizist Eberhardt ging von Haus zu Haus und warnte vor den schrecklichen Folgen der Empörung; der Wachtmeister Grabner sekundierte ihm dabei. Am großen Kirchentor erzählten sich die Jungens in der Abenddämmerung nur noch vom Erschossenwerden, vom Aufgehängtwerden und ganz besonders vom Schafott, welches derart beschrieben wurde, dass jedermann, der es hörte, sich mit der Hand nach Hals und Nacken griff.

So kam es, dass die Stimmung sich ganz gründlich änderte. Von der Absetzung des Königs war keine Rede mehr. Im Gegenteil, er hatte zu bleiben, denn einen besseren als ihn konnte es nirgends geben. Von jetzt an galt es nicht mehr, ihn zu vertreiben, sondern ihn zu beschützen. Man hielt Versammlungen ab, um zu beraten, in welcher Weise dies am besten geschehe, und da allüberall von Kampf und Krieg und Sieg gesprochen wurde, so verstand es sich ganz von selbst, dass auch wir Jungens uns nicht nur in kriegerische Stimmungen, sondern auch in kriegerische Gewänder und in kriegerische Heldentaten hineinarbeiteten. Ich freilich nur von ferne, denn ich war zu klein dazu / und hatte keine Zeit; ich musste Handschuhe nähen. Aber die anderen Buben und Mädels standen überall an den Ecken und Winkeln herum, erzählten einander, was sie daheim bei den Eltern gehört hatten, und hielten höchst wichtige Beratungen über die beste Art und Weise, die Monarchie zu erhalten und die Republik zu hintertreiben. Besonders über eine alte, böse Frau war man empört. Die war an allem schuld. Sie hieß die Anarchie und wohnte im tiefsten Wald. Aber des Nachts kam sie in die Städte, um die Häuser niederzureißen und die Scheunen anzubrennen; so eine Bestie! Glücklicherweise waren unsere Väter lauter Helden, von denen keiner sich vor irgendjemandem fürchtete, auch nicht vor dieser ruppigen Anarchie. Man beschloss die allgemeine Bewaffnung für König und Vaterland. In Ernstthal gab es schon seit alten Zeiten eine Schützen- und eine Gardekompanie. Die Erstere schoss nach einem hölzernen Vogel, die Letztere nach einer hölzernen Scheibe. Zu diesen beiden Kompanien sollten noch zwei oder drei andere gegründet werden, besonders auch eine polnische Sensenkompanie zum Totstechen aus der Ferne. Da stellte es sich denn heraus, dass es in unserem Städtchen eine ganz ungewöhnliche Menge von Leuten gab, die kriegerisch veranlagt waren, strategisch sowohl als auch taktisch. Man wollte keinen von ihnen missen. Man zählte sie. Es waren dreiunddreißig. Das stimmte sehr gut und rechnete sich glatt aus, nämlich: Man brauchte pro Kompanie je einen Hauptmann, einen Oberleutnant und einen Leutnant; wenn man zu den Schützen und der Garde noch neun neue Kompanien formte, so ergab das in Summe elf, und alle dreiunddreißig Offiziere waren unter Dach und Fach. Dieser Vorschlag wurde ausgeführt, wobei die Kopfzahl der einzelnen Kompanien ganz selbstver- / ständlich nur klein bemessen sein konnte; aber der Tambourmajor, Herr Strumpfwirkermeister Löser, der beim Militär gestanden hatte, behauptete, dies sei nur vorteilhaft, denn je kleiner eine Kompanie sei, desto weniger Leute könnten im Kriege von ihr weggeschossen werden, und so blieb es bei dem, was beschlossen worden war.

Mein Vater war Hauptmann der siebenten Kompanie. Er bekam einen Säbel und eine Signalpfeife. Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete nach Höherem. Darum beschloss er, sobald er ausexerziert war, sich ganz heimlich, ohne dass irgendjemand etwas davon merkte, im ‚höheren Kommando‘ einzuüben. Und da er mich ausersah, ihm dabei behilflich zu sein, wurde ich einstweilen vom Handschuhenähen dispensiert und wanderte mit ihm tagtäglich hinaus in den Wald, wo auf einer rings von Büschen und Bäumen umgebenen Wiese unsere geheimen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General; ich aber war die sächsische Armee. Ich wurde erst als ‚Zug‘, dann als ganze Kompanie einexerziert. Hierauf wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division. Ich musste bald reiten, bald laufen, bald vor und bald zurück, bald nach rechts und bald nach links, bald angreifen und bald retirieren. Ich war zwar nicht auf den Kopf gefallen und hatte Lust und Liebe zur Sache. Aber ich war noch so jung und klein, und so kann man sich bei dem jähen Temperament meines Generals wohl denken, dass es mir nicht möglich war, mich in so kurzer Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur vollzähligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die Strenge der militärischen Disziplin an mir erfahren zu haben. Aber ich weinte bei keiner Strafe, ich war zu / stolz dazu. Eine sächsische Armee, welche weint, die gibt es nicht! Auch ließ der Lohn nicht auf sich warten. Als Vater Vizekommandant geworden war, sagte er zu mir: „Junge, dazu hast du viel geholfen. Ich baue dir eine Trommel. Du sollst Tambour werden!“ Wie ich mich freute! Und es gab Augenblicke, in denen ich wirklich der Überzeugung war, all diese Püffe, Stöße, Hiebe und Katzenköpfe nur zum Wohl und zur Rettung des Königs von Sachsen und seines Ministeriums empfangen zu haben! Wenn er das wüsste!

Die Trommel bekam ich, denn Vater hielt stets Wort. Der Klempnermeister Leistner am Markt in Hohenstein war ihm behilflich, sie zu bauen. Es war eine sehr gut gelungene Solotrommel; sie existiert noch heute. Ich bin später, als ich etwas größer war, doch auch noch als Knabe, Tambour bei der siebenten Kompanie gewesen und werde diese Trommel noch einmal zu erwähnen haben. Die elf Kompanien taten ihre Schuldigkeit. Sie exerzierten fast täglich, wozu mehr als genug Zeit vorhanden war, weil es keine Arbeit gab. Wie wir trotzdem existieren konnten und wovon wir eigentlich gelebt haben, das kann ich heute nicht mehr sagen; es kommt mir wie ein Wunder vor. Es gab auch an anderen Orten ‚Königsretter‘. Die standen miteinander in Verbindung und hatten beschlossen, sobald der Befehl dazu gegeben werde, nach Dresden aufzubrechen und für den König alles zu wagen, unter Umständen sogar das Leben. Und eines schönen Tages kam er, dieser Befehl16. Die Signalhörner erklangen; die Trommeln wirbelten. Aus allen Türen strömten die Helden, um sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Der Fleischermeister Haase war Regimentsadjutant. Er hatte sich ein Pferd geborgt und saß da mitten drauf. Es war keine leichte Sache für ihn, zwischen dem Kommandanten, dem Vize- / kommandanten und den Hauptleuten zu vermitteln, denn der Gaul wollte immer anders als der Reiter. Die Frau Stadtrichter Layritz hängte eine Tischdecke und ihre Sonntagssaloppe zu den Fenstern heraus. Das war geflaggt. Wer etwas dazu hatte, der machte es ihr nach. Dadurch gewann der Marktplatz ein festlich frohes Angesicht. Man war überhaupt nur begeistert. Keine Spur von Abschiedsschmerz! Niemand hatte das Bedürfnis, von Frau und Kindern besonders Abschied zu nehmen. Lauter Jubel, dreimal hoch, vivat, hurra an allen Orten! Der Herr Kommandant hielt eine Rede. Hierauf ein grandioser Tusch der Blasinstrumente und Trommeln. Dann die Kommandorufe der einzelnen Hauptleute: „Achtung – – Augen rechts, rrrricht’t euch – – Augen grrrade aus – – G’wehr bei Fuß – G’wehr auf – – G’wehr präsentiert – G’wehr über – – Rrrrechts um – – Vorwärts marsch!“ Voran der Herr Adjutant auf dem geborgten Pferd, hinter ihm die Musikanten mit dem türkischen Schellenbaum, die Tamboure, sodann der Kommandant und der Vizekommandant, hierauf die Schützen, die Garde und die neun anderen Kompanien, so marschierten die Heerscharen links, rechts, links, rechts zur damaligen Hintergasse hinaus und am Zechenteich vorüber, dem wir damals unsere Frösche anvertrauten, nach Wüstenbrand, um über Chemnitz und Freiberg nach der Hauptstadt zu gelangen. Eine Menge Angehöriger marschierte hinterdrein, um den Mutigen bis an das Weichbild des Städtchens das Geleit zu geben. Ich aber stand bei meinem ganz besonderen Liebling, dem Herrn Kantor Strauch, der unser Nachbar war, an seiner Haustür, dabei die Friederike, seine Frau, die eine Schwester des Herrn Stadtrichter Layritz war. Sie hatten keine Kinder, und ich war berufen, ihnen ihre kleinen wirtschaft- / lichen Angelegenheiten zu besorgen. Ihn liebte ich glühend; sie aber war mir zuwider, denn sie belohnte alle meine Wege, die ich für sie tat, nur mit angefaulten Äpfeln oder mit teigigen Birnen und erlaubte ihrem Mann nicht mehr als monatlich nur zwei Zigarren zu rauchen, das Stück zu zwei Pfennigen. Die musste ich ihm vom Krämer holen, weil er sich schämte, so billige selbst zu kaufen, und er rauchte sie im Hof, weil die Friederike den Tabaksgeruch nicht vertragen konnte. Auch er war heut vom Anblick unserer Truppen aufrichtig begeistert. Während er ihnen nachblickte, sagte er:

„Es ist doch etwas Großes, etwas Edles um solche Begeisterung für Gott, für König und Vaterland!“

„Aber was bringt sie ein?“, fragte die Frau Kantorin.

„Das Glück bringt sie ein, das wirkliche, das wahre Glück!“

Bei diesen Worten trat er in das Haus; er liebte es nicht zu streiten. Ich ging nach unserem Hof. Da stand ein Franzäpfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder und dachte über das nach, was der Herr Kantor gesagt hatte. Also Gott, König und Vaterland, in diesen Worten liegt das wahre Glück; das wollte und musste ich mir merken! Später hat dann das Leben an diesen drei Worten herumgemodelt und herumgemeißelt; aber mögen sich die Formen verändert haben, das innere Wesen ist geblieben.

Von allen, die heute ausgezogen waren, um große Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul zurück. Der Herr Adjutant hatte ihn einem Boten übergeben, der ihn heimbrachte, weil Laufen besser sei als Reiten und weil der Reiter nicht genug Geld übrig habe, das Pferd zu ersetzen, falls es im Kampf verwundet oder / gar erschossen werden sollte. Gegen Abend folgte der Webermeister Kretzschmar. Er behauptete, dass er mit seinen Plattfüßen nicht weitergekonnt habe; dies sei ein Naturfehler, den er nicht ändern könne. Als es dunkel geworden war, stellten sich noch einige andere ein, die aus triftigen Gründen entlassen worden waren und die Nachricht brachten, dass unser Armeekorps hinter Chemnitz bei Öderan biwakiere und Spione nach Freiberg geschickt habe, das dortige Schlachtfeld auszukundschaften. Gegen Morgen kam die überraschende, aber ganz und gar nicht traurige Kunde, dass man aus Freiberg die Weisung erhalten habe, sofort wieder umzukehren, man werde gar nicht gebraucht, denn die Preußen seien in Dresden eingerückt17, und so stehe für den König und die Regierung nicht das Geringste mehr zu befürchten. Man kann sich wohl denken, dass es heute nun keine Schule und keinerlei Arbeit gab. Auch ich empörte mich gegen das Handschuhnähen. Ich riss einfach aus und gesellte mich den wackeren Buben und Mädels zu, die elf Kompanien bilden und ihren heimkehrenden Vätern entgegenziehen sollten. Dieser Plan wurde ausgeführt. Wir kampierten bei den Wüstenbrander Teichen und zogen dann, als die Erwarteten kamen, mit ihnen unter klingendem Spiel und Trommelschlag den Schießhausberg hinab, wo unsere verwaisten Frauen und Mütter standen, um uns alle, Groß und Klein, teils gerührt, teils lachend in Empfang zu nehmen.

Warum ich das alles so ausführlich erzähle? Des tiefen Eindrucks wegen, den es auf mich machte. Ich habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen meines Schicksals zusammengeflossen sind. Dass ich trotz allem, was später geschah, niemals auch nur einen einzigen Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann, wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Ge- / setze schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber auch in diesen kleinen Ereignissen der frühen Jugend, die alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten. Nie habe ich die Worte meines alten, guten Kantors vergessen, die mir nicht nur zu Fleisch und Blut, sondern zu Geist und Seele geworden sind.

Nach diesen Aufregungen kehrte das Leben in seine ruhigen, früheren Bahnen zurück. Ich nähte wieder Handschuhe und ging in die Schule. Aber diese Schule genügte dem Vater nicht. Ich sollte mehr lernen als das, was der damalige Elementarunterricht bot. Meine Stimme entwickelte sich zu einem guten, volltönenden, umfangreichen Sopran. Infolgedessen nahm der Herr Kantor mich in die Kurrende auf. Ich wurde schnell treffsicher und der Öffentlichkeit gegenüber mutig. So kam es, dass mir schon nach kurzer Zeit die Kirchensoli übertragen wurden. Die Gemeinde war arm; sie hatte für teure Kirchenstücke keine Mittel übrig. Der Herr Kantor musste sie abschreiben, und ich schrieb mit. Wo das nicht angängig war, da komponierte er selbst. Und er war Komponist! Und zwar was für einer! Aber er stammte aus dem kleinen, unbedeutenden Dörfchen Mittelbach18 von blutarmen, ungebildeten Eltern, hatte sich durch das Musikstudium förmlich hindurchgehungert und, bis er Lehrer und Kantor wurde, nur in blauen Leinenrock und blaue Leinenhose kleiden können und sah einen Taler für ein Vermögen an, von dem man wochenlang leben konnte. Diese Armut hatte ihn um die Selbstbewertung gebracht. Er verstand es nicht, sich geltend zu machen. Er war mit allem zufrieden. Ein ganz vorzüglicher Orgel-, Klavier- und Violinspieler, kannte er auch die kompositorische Behandlung jedes anderen Musikinstruments und hätte / es schnell zu Ruhm und Verdienst bringen können, wenn ihm mehr Selbstvertrauen und Mut zu eigen gewesen wären. Jedermann wusste: Wo in Sachsen und den angrenzenden Gegenden eine neue Orgel eingeweiht wurde, da erschien ganz sicher der Kantor Strauch aus Ernstthal, um sie kennenzulernen und einmal spielen zu können. Das war die einzige Freude, die er sich gönnte. Denn mehr werden zu wollen als nur Kantor von Ernstthal, dazu fehlte ihm außer der Beherztheit besonders auch die Erlaubnis der sehr gestrengen Frau Friederike, die ein wohlhabendes Mädchen gewesen war und darum in der Ehe als zweiunddreißigfüßiges ‚Prinzipal‘ ertönte, während dem Herrn Kantor nur die Stimme einer sanften ‚Vox humana‘ zugebilligt wurde. Sie besaß mit ihrem Bruder gemeinsam einige Obstgärten, deren Erträgnisse mit der äußersten Genauigkeit verwertet wurden, und dass ich von ihr nur angefaulte oder teigige Äpfel und Birnen bekam, das habe ich bereits erwähnt. Sie wusste das aber mit einer Miene zu geben, als ob sie ein Königreich verschenke. Für den unendlich hohen Wert ihres Mannes, sowohl als Mensch wie auch als Künstler, hatte sie nicht das geringste Verständnis. Sie war an ihre Gärten und er infolgedessen an Ernstthal gekettet. Um sein geistiges Dasein und seine seelischen Bedürfnisse kümmerte sie sich nicht. Sie öffnete keins seiner Bücher, und seine vielen Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren, tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dach standen. Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur an die Papiermühle verkauft, ohne dass ich dies verhindern konnte, denn ich war nicht daheim. Welch ein tiefes, von andern kaum zu fassendes Elend es ist, für das ganze Leben an ein weibliches Wesen gebunden zu sein, welches nur in niederen Lüften atmet und selbst den / begabtesten, ja genialsten Mann nicht in bessere Höhen kommen lässt, das ist nicht auszusagen. Mein alter Kantor konnte dieses Elend nur darum ertragen, weil er eine ungemeine Fügsamkeit besaß und hierzu eine Gutmütigkeit, die niemals vergessen konnte, dass er ein armer Teufel, die Friederike aber ein reiches Mädchen und außerdem die Schwester des Herrn Stadtrichters gewesen war.

Später gab er mir Orgel-, Klavier- und Violinunterricht. Ich habe bereits gesagt, dass Vater den Bogen zur Violine selbst fertigte. Dieser Unterricht war ganz selbstverständlich gratis, denn die Eltern waren zu arm, ihn zu bezahlen. Damit war die gestrenge Frau Friederike gar nicht einverstanden. Der Orgelunterricht wurde in der Kirche und der Violinunterricht in der Schulstube gegeben; da konnte die Frau Kantorin keine Handhabe finden. Aber das Klavier stand in der Wohnstube, und wenn ich da klopfte, um anzufragen, so kam der Herr Kantor neunmal unter zehnmal mit dem Bescheid heraus: „Es gibt heut keinen Unterricht, lieber Karl. Meine Frau hält es nicht aus; sie hat Migräne.“ Manchmal hieß es auch „sie hat Vapeurs“. Was das war, wusste ich nicht, doch hielt ich es für eine Steigerung dessen, was ich auch nicht wusste, nämlich der Migräne. Aber dass sich das immer nur dann einstellte, wenn ich Klavier spielen kam, das wollte mir nicht gefallen. Der gute Herr Kantor glich das dadurch aus, dass er mich nach und nach, gerade wie die Gelegenheit es brachte, auch in der Harmonielehre unterwies, was die Friederike gar nicht zu erfahren brauchte, doch war das in der späteren Knabenzeit, und so weit bin ich jetzt noch nicht.

Wie mein Vater sich in allem ungeduldig zeigte, so auch in dem, was er meine ‚Erziehung‘ nannte. / Wohlgemerkt: Mich ‚erzog‘ er; um die Schwestern kümmerte er sich weniger. Er hatte alle seine Hoffnungen darauf gesetzt, dass ich im Leben das erreichen werde, was von ihm nicht zu erreichen war, nämlich nicht nur eine glücklichere, sondern auch eine geistig höhere Lebensstellung. Denn das muss ich ihm nachrühmen, dass ihm zwar der Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am nächsten stand, dass er aber den höheren Wert auf die kräftige Entwicklung der geistigen Persönlichkeit setzte. Er fühlte das im Innern mehr und deutlicher, als er es in Worten auszudrücken vermochte. Ich sollte ein gebildeter, womöglich ein hochgebildeter Mann werden, der für das allgemeine Menschheitswohl etwas zu leisten vermochte; dies war sein Herzenswunsch, wenn er ihn auch nicht gerade in diesen, sondern in anderen Worten äußerte. Man sieht, er verlangte nicht wenig, aber das war nicht Vermessenheit von ihm, sondern er glaubte fest an das, was er wünschte, und war vollständig überzeugt, es erreichen zu können. Leider aber war er sich über die Wege, auf denen, und über die Mittel, durch welche dieses Ziel zu erreichen war, nicht klar, und er unterschätzte die gewaltigen Hindernisse, die seinem Plan entgegenstanden. Er war zu jedem, selbst zum größten Opfer bereit, aber er bedachte nicht, dass selbst das allergrößte Opfer eines armen Teufels dem Widerstand der Verhältnisse gegenüber kein Gramm, kein Quäntchen wiegt. Und vor allen Dingen, er hatte keine Ahnung davon, dass ein ganz anderer Mann als er dazu gehörte, mit leitender Hand derartigen Zielen zuzusteuern. Er war der Ansicht, dass ich vor allen Dingen so viel wie möglich so schnell wie möglich zu lernen hätte, und hiernach wurde mit größter Energie gehandelt.

Ich war mit fünf Jahren in die Schule gekommen, aus der man mit vierzehn Jahren entlassen wurde. Das / Lernen fiel mir leicht. Ich holte schnell meine zwei Jahre ältere Schwester ein. Dann wurden die Schulbücher älterer Knaben gekauft. Ich musste daheim die Aufgaben lösen, die ihnen in der Schule gestellt waren. So wurde ich sehr bald klassenfremd, für so ein kleines, weiches Menschenkind ein großes, psychologisches Übel, von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. Ich glaube, dass sogar nicht einmal die Lehrer ahnten, was für ein großer Fehler da begangen wurde. Sie gingen von der anspruchslosen Erwägung aus, dass ein Knabe, den man in seiner Klasse nichts mehr lehren kann, ganz einfach und trotz seiner Jugend in die nächsthöhere Klasse zu versetzen ist. Diese Herren waren alle mehr oder weniger mit meinem Vater befreundet, und so drückte sogar der Herr Lokalschulinspektor ein Auge darüber zu, dass ich als acht- oder neunjähriger Knabe schon bei den Elf- und Zwölfjährigen saß. In Beziehung auf meine geistigen Fortschritte, zu denen in einer Elementarschule freilich nicht viel gehörte, war dies allerdings wohl richtig; seelisch aber bedeutete es einen großen, schmerzlichen Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier, dass ich sehr scharf zwischen Geist und Seele, zwischen geistig und seelisch unterscheide. Was mir in den Klassen, in die ich meinem Alter nach noch nicht gehörte, für meinen kleinen Geist gegeben wurde, das wurde auf der anderen Seite meiner Seele genommen. Ich saß nicht unter Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlichen Bedürfnissen in der Luft. Mit einem Wort, ich war gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde von Jahr zu Jahr klassenfremder. Die Kameraden, welche hinter mir lagen, hatte ich verloren, ohne die, bei denen ich mich befand, zu gewinnen. Ich bitte, ja nicht über / dieses nur scheinbar winzige, höchst unwichtige Knabenschicksal zu lächeln. Der Erzieher, der sich im Reich der Menschen- und der Kindesseele auskennt, wird keinen Augenblick zögern, es ernst, sehr ernst zu nehmen. Jeder erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will festen Boden unter den Füßen haben, den es ja nicht verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen. Das, was man als ‚Jugend‘ bezeichnet, habe ich nie gehabt. Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste Folge davon ist, dass ich selbst noch heute, im hohen Alter, in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd. Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie verstanden, und so ist es gekommen, dass um meine Person sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich ganz unmöglich zu unterschreiben vermag.

Das, was ich nach Vaters Ansicht zu lernen hatte, beschränkte sich keineswegs auf den Schulunterricht und auf die Schularbeiten. Er holte allen möglichen sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl befähigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen zu können. Er brachte alles, was er fand, herbei. Ich musste es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, dass ich es dadurch besser behalten könnte. Was hatte ich da alles durchzumachen! Alte Gebetbücher, Rechenbücher, Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich kein Wort verstand. Eine Geografie Deutschlands aus dem Jahre 1802, über 500 Seiten stark, musste ich ganz abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzuprägen. Die stimmten natürlich längst nicht mehr! Ich saß ganze Tage und halbe Nächte lang, um mir dieses wüste, unnötige Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Überfütterung sondergleichen. Ich wäre / hieran wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn sich mein Körper nicht trotz der äußerst schmalen Kost so überaus kräftig entwickelt hätte, dass er selbst solche Anstrengungen ganz leidlich ertragen konnte.

Und es gab auch Zeiten und Stunden der Erholung. Vater pflegte nämlich keinen Spaziergang und keinen Weg über Land zu machen, ohne mich mitzunehmen. Er pflegte hieran nur eine Bedingung zu knüpfen, nämlich die, dass kein Augenblick der Schulzeit dabei versäumt wurde. Die Spaziergänge durch Wald und Hain waren wegen seiner reichen Pflanzenkenntnisse immer hochinteressant. Aber es wurde auch eingekehrt. Es gab bestimmte Tage und bestimmte Restaurationen. Da kamen der Herr Lehrer Schulze, der Herr Rektor, der reiche Wetzel, der Herr Kämmerer Thiele, der Kaufmann Vogel, der Schützenhauptmann Lippold und andere, um Kegel zu schieben oder einen Skat zu spielen. Vater war stets dabei und ich mit, denn ich musste. Er meinte, ich gehöre zu ihm. Er sah mich nicht gern mit anderen Knaben zusammen, weil ich da ohne Aufsicht sei. Dass ich bei ihm, in der Gesellschaft erwachsener Männer, gewiss auch nicht besser aufgehoben war, dafür hatte er kein Verständnis. Ich konnte da Dinge hören und Beobachtungen machen, welche der Jugend am besten vorenthalten bleiben. Übrigens war Vater selbst in der angeregtesten Gesellschaft außerordentlich mäßig. Ich habe ihn niemals betrunken gesehen. Wenn er einkehrte, so war sein regelmäßiges Quantum ein Glas einfaches Bier für sieben Pfennig und ein Glas Kümmel oder Doppelwacholder für sechs Pfennig; davon durfte auch ich mittrinken. Bei besonderen Veranlassungen teilte er ein Stückchen Kuchen für sechs Pfennig mit mir. Niemand hat ihn jemals gewarnt, mich in solche Gesellschaften von Erwachsenen / mitzubringen, selbst der Rektor und der Pastor nicht, der sich auch zuweilen einstellte. Diese Herren wenigstens mussten doch wissen, dass ich da selbst auf erlaubten und vollständig reinen Unterhaltungsgebieten als stiller, aber sehr aufmerksamer Zuhörer in Dinge und Verhältnisse eingeweiht wurde, die mir noch jahrzehntelang fernzuliegen hatten. Ich wurde nicht frühreif, denn dieses Wort pflegt man nur auf Geschlechtliches zu beziehen, und davon bekam ich nichts zu hören, sondern etwas noch viel Schlimmeres: Ich wurde aus meiner Kindheit herausgehoben und auf den harten, schmutzigen Weg gezerrt, auf dem meine Füße das Gefühl haben mussten, als ob sie auf Glassplittern gingen. Wie wohl ich mich dann fühlte, wenn ich zu Großmutter kam und bei ihr mich in mein liebes, liebes Märchenreich flüchten konnte! Freilich war ich viel zu jung, um einzusehen, dass dieses Reich sich aus der wahrsten, festesten Wirklichkeit erhob. Für mich hatte es keine Füße; es schwebte; es konnte mir erst später, wenn ich mich zum Verständnis emporgearbeitet hatte, die Stütze bieten, die mir so nötig war.

Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte, die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es gab Theater19. Zwar nur ein ganz gewöhnliches, armseliges Puppentheater, aber doch Theater. Das war im Webermeisterhaus. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die Hälfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Großmutter hinzugehen. Das kostete fünfzehn Pfennig für uns beide. Es wurde gegeben: ‚Das Müllerröschen oder die Schlacht bei Jena‘. Meine Augen brannten; ich glühte innerlich. Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten für mich. Sie sprachen; sie liebten und hassten; sie duldeten; sie fassten große, kühne Entschlüsse; sie opferten sich auf für / König und für Vaterland. Das war es ja, was der Herr Kantor damals gesagt und bewundert hatte! Mein Herz jubelte. Als wir nach Hause gekommen waren, musste Großmutter mir beschreiben, wie die Puppen bewegt werden.

„An einem Holzkreuz“, erklärte sie mir. „Von diesem Holzkreuz gehen die Fäden hernieder, die an den Gliedern der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man oben das Kreuz bewegt.“

„Aber sie sprechen doch!“, sagte ich.

„Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den Händen hält, spricht. Es ist genauso wie im wirklichen Leben.“

„Wie meinst du das?“

„Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber verstehen lernen.“

Ich gab keine Ruhe, bis wir die Erlaubnis erhielten, nochmals zu gehen. Es wurde gespielt ‚Doktor Faust oder Gott, Mensch und Teufel‘. Es wäre ein vergebliches Beginnen, den Eindruck, den dieses Stück auf mich machte, in Worte fassen zu wollen. Das war nicht der Goethesche Faust, sondern der Faust des uralten Volksstücks, nicht ein Drama, in dem die ganze Philosophie eines großen Dichters aufgestapelt wurde und auch noch etwas mehr, sondern das war ein direkt aus der tiefsten Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei nach Erlösung aus der Qual und Angst des Erdenlebens. Ich hörte, ich fühlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit, obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war, damals wohl kaum neun Jahre alt. Der Goethesche Faust hätte mir, dem Kinde, gar nichts sagen können; er sagt mir, aufrichtig gestanden, selbst heute noch nicht, was er der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen; / aber diese Puppen sprachen laut, fast überlaut, und was sie sagten, das war groß, unendlich groß, weil es so einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann zu Gott zurückkehren darf, wenn er den Menschen mit sich bringt! Und die Fäden, diese Fäden, die alle nach oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles, alles, was sich da unten bewegt, das hängt am Kreuz, am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid. Was nicht an diesem Kreuze hängt, ist überflüssig, ist bewegungslos, ist für den Himmel tot! Freilich kamen mir diese letzteren Gedanken damals noch nicht, noch lange nicht; aber Großmutter sprach sich in dieser Weise, wenn auch nicht so deutlich aus, und was ich nicht direkt vor Augen sah, das begann ich doch zu ahnen. Ich musste als Kurrendaner sonn- und feiertags zweimal in die Kirche, und ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals einen dieser Gottesdienste versäumt zu haben. Aber ich bin aufrichtig genug zu sagen, dass ich trotz aller Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen habe wie damals aus dem Puppentheater. Seit jenem Abend ist mir das Theater bis auf den heutigen Tag als eine Stätte erschienen, durch deren Tor nichts dringen soll, was unsauber, hässlich oder unheilig ist. Als ich den Herrn Kantor fragte, wer dieses Theaterstück ausgesonnen und niedergeschrieben habe, antwortete er, das sei kein einzelner Mensch, sondern die Seele der ganzen Menschheit gewesen, und ein großer, berühmter deutscher Dichter, Wolfgang Goethe geheißen, habe daraus ein herrliches Kunstwerk gemacht, welches nicht für Puppen, sondern für lebende Menschen geschrieben sei. Da fiel ich schnell ein: „Herr Kantor, ich will auch so ein großer Dichter werden, der nicht für Puppen, sondern nur für / lebende Menschen schreibt! Wie habe ich das anzufangen?“ Da sah er mich sehr lange und unter einem fast mitleidigen Lächeln an und antwortete: „Fang es an, wie du willst, mein Junge, es werden doch meist nur Puppen sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst.“ Diesen Bescheid habe ich freilich erst später verstehen gelernt; aber diese beiden Abende haben ohne Zweifel sehr bestimmend auf meine kleine Seele gewirkt. Gott, Mensch und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und geblieben, und der Gedanke, dass die meisten Menschen nur Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen Hintergrund20. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein Mensch, ein Fürst des Geistes oder ein Fürst der Waffen, das Kreuz, von dem die Fäden herunterhängen, in den Händen hält, um das Volk der Menschen zu beeinflussen, das ist niemals sofort, sondern immer nur erst später an den Folgen zu ersehen.

Kurze Zeit darauf lernte ich auch Stücke kennen, die nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern für das Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt, an dem ich auf meine Trommel zurückzukommen habe. Es ließ sich eine Schauspielertruppe für einige Zeit in Ernstthal nieder21. Es handelte sich also nicht um ein Puppen-, sondern um ein wirkliches Theater. Die Preise waren mehr als mäßig: erster Platz 50 Pfennig, zweiter Platz 25 Pfennig, dritter Platz 15 Pfennig und vierter Platz 10 Pfennig, nur zum Stehen. Aber trotz dieser Billigkeit blieb täglich über die Hälfte der Sitze leer. Die ‚Künstler‘ fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht mehr bezahlen; da erschien ihm ein Retter, und dieser Retter war – ich. Er hatte beim Spazierengehen / meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide berieten. Das Resultat war, dass Vater schleunigst nach Hause kam und zu mir sagte: „Karl, hole deine Trommel herunter; wir müssen sie putzen!“ „Wozu?“, fragte ich. „Du hast die Preziosa und alle ihre Zigeuner dreimal über die ganze Bühne herumzutrommeln.“ „Wer ist die Preziosa?“ „Eine junge, schöne Zigeunerin, die eigentlich eine Grafentochter ist. Sie wurde von den Zigeunern geraubt. Jetzt kommt sie zurück und findet ihre Eltern22. Du bist der Tambour und bekommst blanke Knöpfe und einen Hut mit weißer Feder. Das zieht Zuschauer herbei. Es wird bekannt gemacht. Wird das ‚Haus‘ voll, so gibt der Herr Direktor dir fünf Neugroschen; wird es aber nicht voll, so bekommst du nichts. Morgen Vormittag 11 Uhr ist Probe.“

Es versteht sich ganz von selbst, dass ich in Wonne schwamm. Zigeunertambour! Eine Grafentochter! Blanke Knöpfe! Weiße Feder! Dreimal um die ganze Bühne herum! Fünf Neugroschen! Ich schlief in der folgenden Nacht nur wenig und stellte mich mit meiner Trommel sehr pünktlich zur Probe ein. Sie verlief gut. Ich gefiel sämtlichen Künstlerinnen und Künstlern. Die Frau Direktorin streichelte mir die Wange. Der Herr Direktor lobte mein intelligentes Gesicht, meinen Mut und mein schnelles Begriffsvermögen. Meine Rolle sei aber auch sehr leicht. Vielleicht täte ich es für vierzig Pfennig; schon mit dreißig Pfennigen sei dieses Honorar splendid zu nennen. Aber Vater war mit dabei und ging um keinen Pfennig herunter, denn er hatte meinen künstlerischen Wert erkannt und ließ nicht mit sich handeln. Ich hatte für die fünfzig Pfennig nur einmal aufzutreten, um dem großen Zigeunerumzug voranzumarschieren. Ich stand an einer Kulisse, die Zigeuner alle hinter mir. Mir gegenüber in der / jenseitigen Kulisse stand der Regisseur, der den alten Schlossvogt Pedro spielte. Wenn der die rechte Hand emporhob, so war dies das Zeichen für mich, meinen Marsch sofort zu beginnen und nach einem dreimaligen, strammen Umgang in derselben Kulisse wieder zu verschwinden. Das war so kinderleicht; man konnte gar nicht irren. Die blanken Knöpfe bekam ich gleich nach der Probe mit. Mutter musste sie mir anflicken. Es waren über dreißig Stück; sie gingen fast nicht ganz auf meine Weste. Im Laufe des Nachmittags brachte man mir den Hut mit der weißen Feder. Der wurde als Reklame zum Fenster hinausgehängt und hat seine Wirkung getan. Ich hatte mich eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung einzustellen. Da wurde ich von der Frau Direktorin strahlenden Angesichts empfangen, denn der Zuschauerraum war schon jetzt derart gefüllt, dass schnell ganz vorn noch einige ‚Logen‘ eingerichtet wurden, zum Preis von zehn Neugroschen pro Platz. Auch die waren rasch verkauft. Vater, Mutter und Großmutter hatten Freiplätze bekommen. Ich war eben an diesem Tage ein höchst wertvolles Menschenkind. Diese Erkenntnis hatte sich so allgemein verbreitet, dass die Frau Direktorin sich bewogen fühlte, mir meine fünf Neugroschen, schon ehe der Vorhang zum ersten Mal aufging, in die rechte Hosentasche zu stecken. Das erhöhte meine Sicherheit und meine künstlerische Begeisterung bedeutend.

Und nun waren sie da, die großen, erhabenen Augenblicke meines ersten Bühnendebüts! Der erste Akt spielte in Madrid. Da hatte ich nichts zu tun. Ich saß in der Ankleidekammer und horchte auf das, was auf der Bühne gesprochen wurde. Da wurde ich geholt. Ich schnallte die Trommel an, setzte den Federhut auf und ging nach meiner Kulisse. Don Fernando und Donna Klara / und noch irgendwer standen auf der Bühne. In der gegenüberliegenden Kulisse lehnte der Schlossvogt Pedro, der mir das Zeichen zu geben hatte. Er sah mich mit einem so energischen Schritte kommen, dass er glaubte, ich wollte gleich und direkt hinaus auf das Podium. Darum hob er schnell die rechte Hand, um dem abzuwehren. Ich aber nahm das ganz selbstverständlich für das verabredete Zeichen, obgleich die Zigeuner noch nicht hinter mir standen, begann meinen Wirbel zu schlagen und marschierte hinaus, rund um die Bühne herum. Don Fernando und Donna Klara standen vor Schreck ganz starr. „Lausbub!“, schrie mir der Schlossvogt zu, als ich an ihm vorüberschritt. Er griff aus der Kulisse heraus, um mich zu fassen und zu sich hineinzuziehen, aber schon war ich an ihm vorüber. Aus allen Kulissen winkte man mir, doch aufzuhalten und hineinzukommen; ich aber bestand auf dem, was ausgemacht worden war, nämlich dreimal rund um die Bühne herum. „Lausbub!“, brüllte der Schlossvogt, als ich zum zweiten Mal an ihm vorüberkam, und zwar tat er das so laut, dass es trotz des Trommelwirbels auch hinaus- und über den ganzen Zuschauerraum schallte. Lautes Gelächter antwortete von dorther; ich aber begann meine dritte Runde. „Bravo, bravo!“, erklangen die Beifallsrufe des Publikums.

Da kam endlich Bewegung in den erschrockenen Herrn Direktor, der den Don Fernando spielte. Er sprang auf mich zu, fasste meine beiden Arme, sodass ich stehen bleiben und die Trommelschlägel ruhen lassen musste, und donnerte mich an:

„Junge, bist du denn ganz toll geworden? So halte doch an!“

„Nein, nicht anhalten, sondern weiter, immer weiter!“, rief man im Zuschauerraum lachend.

„Ja, weiter, immer weiter!“, antwortete auch ich, während / ich mich von ihm losriss. „Die Zigeuner haben zu kommen! Raus mit der Bande, raus mit der Bande!“

„Ja, raus mit der Bande, raus mit der Bande!“, schrie, brüllte und johlte das Publikum.

Ich aber marschierte weiter und begann meinen Wirbel von Neuem. Und da kam sie, die Bande, wenn auch nur notgedrungen, voran Vianda, die alte Zigeunermutter, und dann die anderen alle hinterdrein. Nun begann erst der eigentliche Umzug, dreimal rundum und dann zu meiner Kulisse wieder hinein. Aber damit gab sich das Publikum nicht zufrieden. Es rief: „Heraus mit der Bande, heraus!“, und wir mussten den Umzug von Neuem beginnen und immer wieder von Neuem. Und am Schluss des Aktes musste ich noch zweimal heraus. War das ein Gaudium! Sodann hatte ich eigentlich nichts mehr zu tun und konnte gehen, aber der Herr Direktor ließ mich nicht fort. Er schrieb mir eine kurze Ansprache auf, die ich jetzt auswendig lernen und am Schluss der Vorstellung halten sollte. Für den Fall, dass ich meine Sache gut machen würde, versprach er mir noch weitere fünfzig Pfennige. Das wirkte äußerst anregend auf mein Gedächtnis. Als das Stück zu Ende war und der Beifall zu verklingen begann, marschierte ich noch einmal trommelwirbelnd hinaus, um dann ganz vorn an der Rampe die ‚hohen Herrschaften‘ zu bitten, sich noch nicht gleich zu entfernen, weil die Frau Direktorin erscheinen und von Platz zu Platz gehen werde, um Abonnementbillets zu verkaufen, so billig, wie sie morgen, übermorgen und auch fernerhin unmöglich abgegeben werden könnten. Als Reminiszenz auf den Wortlaut des heutigen Beifalls hatte der Herr Direktor dem Schluss dieser Ansprache folgende Fassung gegeben: „Also rrrrein mit der Hand in den Beutel! Und rrrraus mit den Moneten, rrrraus!“ / Das wurde nicht etwa übel-, sondern mit gutwilligem Lachen entgegengenommen und hatte den gewünschten Erfolg. Alle Gesichter strahlten, sowohl diejenigen der hohen Direktion als auch die aller übrigen Künstlerinnen und Künstler, das meinige nicht ausgeschlossen, denn ich bekam nicht nur meine weiteren fünf Neugroschen, sondern dazu noch ein Freibillet, das für den ganzen diesmaligen Aufenthalt der Truppe bei uns galt. Ich habe es auch wiederholt benutzt, und zwar für Stücke, in welche Vater mich gehen lassen konnte. Übrigens gab es bei dieser braven Truppe wohl kaum eine sittliche Gefahr für die Zuhörerschaft, denn als der Herr Direktor sich eines Tages mit am Kegelschieben beteiligte und bei dieser Gelegenheit gefragt wurde, warum er alle zärtlichen Liebesszenen so ängstlich aus seinen Stücken streiche, antwortete er: „Teils aus moralischem Pflichtgefühl und teils aus kluger Erwägung. Unsere erste und einzige Liebhaberin ist zu alt und auch zu hässlich für solche Rollen.“

In den Stücken, die ich da besuchte, forschte ich nach dem Kreuz und nach den Fäden, an denen die Puppen hängen. Ich war zu jung, sie zu finden. Das blieb einer späteren Zeit vorbehalten. Auch wollte es mir nicht gelingen, den Gott, den Teufel und den Menschen herauszufinden. Das passiert mir sogar noch heute sehr häufig, obwohl diese drei Faktoren nicht nur die bedeutendsten, sondern sogar die einzigen sind, aus deren Zusammenwirken sich ein Drama aufzubauen hat. Das sage ich jetzt, als Mann, als Greis. Damals, als Kind, verstand ich nichts davon und ließ mir von der leeren, hohlen Oberflächlichkeit gewaltig imponieren, wie jedes andere größere oder kleinere Kind. Die Menschen, die solche Stücke schrieben, die auf der Bühne gegeben wurden, kamen mir wie Götter vor. Wäre ich ein so bevorzugter / Mensch, so würde ich nicht von geraubten Zigeunerinnen erzählen, sondern von meinem herrlichen Sitara-Märchen, von Ardistan und Dschinnistan, von der Geisterschmiede von Kulub, von der Erlösung aus der Erdenqual und anderen, ähnlichen Dingen! Man sieht, ich befand mich hier wieder an einem jener Punkte, an denen ich aus dem Halt, den andere Kinder haben und der auch mir so nötig war, in eine Welt emporgerissen wurde, in die ich nicht gehörte, weil sie nur von auserwählten Männern in reifen Jahren betreten werden darf. Und noch anderes kam hinzu.

Meine Eltern waren evangelisch-lutherisch. Demgemäß war ich evangelisch-lutherisch getauft worden, genoss evangelisch-lutherischen Religionsunterricht und wurde, als ich vierzehn Jahre alt geworden war, evangelisch-lutherisch konfirmiert23. Aber zu einer Stellungnahme gegen Andersgläubige führte das keineswegs. Wir hielten uns weder für besser noch für berufener als sie. Unser alter Pfarrer war ein lieber, menschenfreundlicher Herr, dem es gar nicht in den Sinn kam, im Bereich seines Kirchenamtes religiösen Hass zu säen. Unsere Lehrer dachten ebenso. Und die, auf die es hier am meisten ankam, nämlich Vater, Mutter und Großmutter, die waren alle drei ursprünglich tief religiös, aber von jener angeborenen, nicht angelehrten Religiosität, die sich in keinen Streit einlässt und einem jeden vor allen Dingen die Aufgabe stellt, ein guter Mensch zu sein. Ist er das, so kann er sich dann umso leichter auch als guter Christ erweisen. Ich hörte einst den Herrn Pastor mit dem Herrn Rektor über religiöse Differenzen sprechen. Da sagte der Erstere: „Ein Eiferer ist niemals ein guter Diplomat.“ Das habe ich mir gemerkt. Ich habe bereits gesagt, dass ich an jedem Sonn- und Feiertag zweimal / in die Kirche ging, doch ohne bigott zu sein oder mir dies gar als Verdienst anzurechnen. Ich habe täglich gebetet, in jeder Lage meines Lebens, und bete noch heute. Seit ich lebe, ist es mir keinen Augenblick lang beigekommen, an Gott, an seiner Allmacht, seiner Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit, zu zweifeln. Ich bin auch heute noch unerschütterlich in diesem meinem felsenfesten Glauben.

Ich habe stets eine Hinneigung zum Symbolismus gehabt, und zwar nicht nur zum religiösen. Eine jede Person und eine jede Handlung, die etwas Gutes, Edles, Tiefes bedeutet, ist mir heilig. Darum machten einige religiöse Gebräuche, an denen ich mich als Knabe zu beteiligen hatte, auf mich einen ganz besonderen Eindruck. Der eine dieser Gebräuche war folgender: Die Konfirmanden, welche am Palmsonntag eingesegnet worden waren, beteiligten sich am darauffolgenden Grünen Donnerstag zum ersten Mal in ihrem Leben an der heiligen Kommunion. Nur während dieser einen Abendmahldarreichung, sonst während des ganzen Jahres nicht, standen die ersten vier Kurrendaner je zwei und zwei zu beiden Seiten des Altars, um Handreichungen zu tun. Sie waren genau wie Pfarrer gekleidet, Priesterrock, Beffchen und weißes Halstuch. Sie standen zwischen dem Geistlichen und den paarweise herantretenden Kommunikanten und hielten schwarze, goldberänderte Schutztücher empor, damit ja nichts von der dargereichten heiligen Speise verloren gehe. Da ich sehr jung zur Kurrende gekommen war, hatte ich dieses Amtes mehrere Male zu walten, ehe ich selbst zur Einsegnung kam. Diese frommen, gottesgläubigen Augenblicke vor dem Altar wirken noch heute, nach so vielen Jahren, in mir fort.

Ein anderer dieser Gebräuche war der, dass am ersten Weihnachtsfeiertag jedes Jahr während des / Hauptgottesdienstes der erste Knabe der Kurrende die Kanzel zu besteigen hatte, um die Weissagung des Jesaias Kap. 9 Vers 2 bis 7 zu singen. Er tat dies ganz allein, mit milder, leiser Orgelbegleitung. Es gehörte Mut dazu, und es kam nicht selten vor, dass der Organist dem kleinen Sänger zu Hilfe zu kommen hatte, um ihn vor dem Steckenbleiben zu bewahren. Auch ich habe diese Weissagung gesungen, und genauso, wie die Gemeinde sie von mir hörte, so wirkt sie noch heute in mir fort und klingt von mir hinaus bis in die fernsten Kreise meiner Leser, wenn auch in anderen Worten, zwischen den Zeilen meiner Bücher. Wer als kleiner Schulknabe auf der Kanzel gestanden und mit fröhlich erhobener Stimme vor der lauschenden Gemeinde gesungen hat, dass ein helles Licht erscheine und von nun an des Friedens kein Ende sein werde, den begleitet, wenn er sich nicht absolut dagegen sträubt, jener Stern von Bethlehem durch das Leben, der selbst dann noch weiterleuchtet, wenn alle anderen Sterne verlöschen.

Wer nicht gewohnt ist, tiefer zu blicken, der wird jetzt wahrscheinlich sagen, dass ich auch hier wieder auf einen der Punkte gestoßen sei, an denen mir ein fester Halt nach dem anderen unter den Füßen hinweggenommen wurde, sodass ich schließlich seelisch ganz nur in der Luft zu schweben hatte. Es ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Es wurde mir nichts genommen, sondern viel, sehr viel gegeben, zwar kein Halt und kein Unterschlupf in der Richtung nach der Erde zu, dafür aber ein Tau, stark und fest genug, mich an ihm emporzuretten, wenn unter mir der Abgrund sich öffnen sollte, dem ich, wie Fatalisten behaupten würden, von allem Anfang an verfallen war. Indem ich nun von diesem Abgrund zu sprechen beginne, betrete ich diejenigen Gegenden meiner sogenannten / Jugend, in welcher die Sümpfe lagen und bis heute noch liegen, aus denen alle die Nebel und alle die Gifte steigen, durch die mein Leben mir zu einer ununterbrochenen, endlosen Qual geworden ist.

Dieser Abgrund heißt, damit ich ihn gleich beim richtigen Namen nenne, – – Lektüre. Ich bin ihn nicht etwa hinabgestürzt, plötzlich, jählings und unerwartet, sondern ich bin ihn hinabgestiegen, Schritt um Schritt, langsam und absichtlich, sorgsam geleitet von der Hand meines Vaters. Freilich ahnte dieser ebenso wenig wie ich, wohin dieser Weg uns führte. Meine erste Lektüre bildeten die Märchen, das Kräuterbuch und die Bilderbibel mit den Anmerkungen unserer Vorfahren. Hierauf folgten die verschiedenen Schulbücher der Vergangenheit und Gegenwart, die es im Städtchen gab. Dann alle möglichen anderen Bücher, die Vater sich zusammenborgte. Nebenbei die Bibel. Nicht etwa eine Auswahl biblischer Geschichten, sondern die ganze, volle Bibel, die ich als Knabe wiederholt durchgelesen habe, vom ersten bis zum letzten Wort, mit allem, was darin steht. Vater hielt das für gut, und keiner meiner Lehrer widersprach ihm da, auch der Pfarrer nicht. Er duldete nicht, dass ich, wenn auch nur scheinbar, müßig stand. Und er war gegen alle Beteiligung an den ‚Unarten‘ anderer Knaben. Er erzog mich, wie man Muster herausarbeitet, um sie andern anzupreisen. Ich musste stets zu Hause sein, um zu schreiben, zu lesen und zu ‚lernen‘! Vom Handschuhnähen wurde ich nach und nach befreit. Auch wenn er ausging, brachte mir das keine Erlösung, sondern er nahm mich mit. Wenn ich meine Altersgenossen auf dem Markte springen, tollen, spielen und lachen sah, wagte ich es nur selten, den Wunsch auszusprechen, mittun zu dürfen, denn wenn Vater keine gute Laune hatte, / war dies höchst gefährlich. Saß ich dann betrübt oder gar mit heimlichen Tränen bei meinem Buch, so kam es vor, dass Mutter mich leise zur Tür hinaussteckte und erbarmend sagte: „So geh schnell ein bisschen hinaus; aber komm ja in zehn Minuten wieder, sonst schlägt er dich. Ich sag, ich habe dich wohin geschickt!“ Oh, diese Mutter, diese einzig gute, arme, stille Mutter! Wer da wissen will, wie und was ich noch heute über sie denke, der schlage in meinen ‚Himmelsgedanken‘ die Gedichte ‚An die Mutter‘ und ‚Des Kindes Seligkeit‘ auf. Und das dem erstgenannten folgende bezieht sich auf Großmutter, aus deren Seele die Gestalt meiner Marah Durimeh herausgewachsen ist, jener orientalischen Königstochter, die für mich und meine Leser als ‚Menschheitsseele‘ gilt24.

Als ich so ziemlich alles, was sich in Hohenstein-Ernstthal von Büchern jeden Genres in Privathänden befand, zusammengelesen und auch viel, sehr viel davon abgeschrieben resp. notiert hatte, sah Vater sich nach neuen Quellen um. Es gab deren drei, nämlich die Bibliotheken des Herrn Kantors, des Herrn Rektors und des Herrn Pastors. Der Herr Kantor zeigte sich auch hier als der Vernünftigste von allen. Er sagte, Bücher zur Unterhaltung habe er nicht, sondern nur Bücher zum Lernen, und für die sei ich jetzt noch viel zu jung. Aber er gab doch eins von ihnen her, denn er meinte, für mich als Kurrendaner sei es sehr nützlich, den lateinischen Text unserer Kirchengesänge in die deutsche Sprache übersetzen zu lernen. Dieses Buch war eine lateinische Grammatik, von welcher das Titelblatt fehlte, doch auf dem nächsten Blatt stand zu lesen:

„Ein puer lernen muss, wenn er will werden dominus; lernt er aber mit Verdruss, so wird er ein asinus! “ /

Vater war ganz entzückt von diesem Vierzeiler und meinte, ich solle nur ja dafür sorgen, dass ich kein asinus, sondern ein dominus werde. Also nun schnell und fleißig Lateinisch lernen!

Bald darauf fassten einige Ernstthaler Familien den Entschluss, im nächsten Jahr nach Amerika auszuwandern. Darum sollten ihre Kinder während dieser Frist so viel wie möglich Englisch lernen. Da verstand es sich ganz von selbst, dass ich mitzutun hatte! Und sodann geriet auf irgendeine, ich weiß nicht mehr, welche Weise ein Buch in unseren Besitz, das französische Freimaurerlieder mit Text und Melodie enthielt. Es war im Jahre 1782 in Berlin gedruckt und ‚Seiner Königlichen Hoheit, Friedrich Wilhelm, Prinzen von Preußen‘ gewidmet. Darum musste es gut und von sehr hohem Wert sein! Der Titel lautete ‚Chansons maçonniques‘, und zu der Melodie, die mir am besten gefiel, waren sieben vierzeilige Strophen zu singen, deren erste hierhergesetzt sein mag:

„Nous vénérons de l’Arabie

La sage et noble antiquité,

Et la célèbre Confrérie

Transmise à la postérité.“

Das Wort ‚Freimaurerlieder‘ reizte ganz besonders. Welch eine Wonne, in die Geheimnisse der Freimaurerei eindringen zu können! Glücklicherweise erteilte der Herr Rektor für Privatschüler auch französischen Unterricht. Er gestattete mir, in diesen ‚Cercle‘ einzutreten, und so kam es, dass ich mich jetzt mit dem Lateinischen, Englischen und Französischen zugleich zu befassen hatte.

Der Herr Rektor war in Beziehung auf das Bücherverleihen weniger zurückhaltend als der Herr Kantor. Sein Lieblingsfach war Geografie. Er besaß Hunderte von geografischen und ethnografischen Werken, die er / meinem Vater alle für mich zur Verfügung stellte. Ich fiel über diesen Schatz mit wahrer Begeisterung her, und der gute Herr freute sich darüber, ohne irgendein doch so naheliegendes Bedenken zu hegen. Obgleich er auf eine Pfarrstelle reflektierte, war er in seinem Innern mehr Philosoph als Theolog und einer freieren Richtung zugeneigt. Das sprach sich aber weniger in seinen Worten als vielmehr in den Büchern aus, die er besaß. Zu derselben Zeit öffnete mir auch der Herr Pastor seine Bibliothek. Er war ganz und gar nicht Philosoph, sondern nur und nur und nur Theolog, weiter nichts. Ich meine mit ihm nicht unseren alten, guten Pfarrer, von dem ich schon gesprochen habe, sondern dessen Nachfolger, der mir zunächst alle seine Traktätchen zu lesen gab und hierzu dann allerlei Erweckungs-, Erbauungs- und Jugendschriften von Redenbacher und anderen guten Menschen fügte. So kam es, dass ich vom Rektor z. B. eine begeisterte Schilderung der islamitischen Wohltätigkeit vor mir liegen hatte und vom Herrn Pastor daneben einen Missionsbericht, in welchem über das offensichtliche Nachlassen der christlichen Barmherzigkeit bittere Klage geführt wurde. In der Bibliothek des einen lernte ich Humboldt, Bonpland und alle jene ‚Großen‘ kennen, welche der Wissenschaft mehr als der Religion vertrauen, und in der Bibliothek des zweiten alle jene anderen ‚Großen‘, denen die religiöse Offenbarung himmelhoch über jedem wissenschaftlichen Ergebnis steht. Und dabei war ich nicht etwa ein Erwachsener, sondern ein dummer, ein ganz dummer Junge; aber noch viel törichter als ich waren die, welche mich in diese Konflikte fallen und sinken ließen, ohne zu wissen, was sie taten. Alles, was in diesen so verschiedenen Büchern stand, konnte gut, ja konnte vortrefflich sein; mir aber musste es zum Gift werden. /

Aber es kam noch Schlimmeres. Der sprachliche Privatunterricht, den ich jetzt bekam, musste bezahlt werden, und ich war es, der sich dieses Geld auf irgendeine Weise zu verdienen hatte. Wir sahen uns um. Für eine Hohensteiner Schankwirtschaft wurde ein gewandter, ausdauernder Kegelaufsetzer gesucht. Ich meldete mich, obwohl ich keine Übung besaß, und bekam die Stelle. Da habe ich freilich Geld verdient, sehr viel Geld, aber wie! Durch welche Qualen! Und was habe ich noch außerdem dafür geopfert! Der Kegelschub war vielbesucht, zugebaut und heizbar, sodass er zur Sommer- und zur Winterzeit und bei jeder Witterung benutzt werden konnte. Es wurde täglich geschoben. Von jetzt an hatte ich keine freie Viertelstunde mehr, besonders auch keinen Sonntagnachmittag. Da ging es gleich nach der Kirche los und dauerte bis zur späten Abendstunde. Der Haupttag aber war der Montag, denn da war Wochenmarkt, an dem die Landbewohner zur Stadt kamen, um ihre Erzeugnisse zu bringen, ihre Einkäufe zu machen und – last not least – eine Partie Kegel zu schieben. Aus dieser einen aber wurden fünf, wurden zehn, wurden zwanzig, und es kam an diesen Montagen vor, dass ich mich von mittags zwölf Uhr an bis nach Mitternacht zu schinden hatte, ohne auch nur fünf Minuten ausruhen zu können. Zur Stärkung bekam ich des Nachmittags und des Abends ein Butterbrot und ein Glas abgestandenes, zusammengegossenes Bier. Es kam auch vor, dass ein mitleidiger Kegler, welcher sah, dass ich kaum mehr konnte, mir ein Glas Schnaps herausbrachte, um meine Lebensgeister anzuregen. Ich habe mich ob dieser übermäßigen Anstrengungen daheim niemals beklagt, weil ich sah, wie notwendig man das, was ich verdiente, brauchte. Der Betrag, den ich da wöchentlich zusammenbrachte, war gar / nicht unbedeutend. Ich bekam pro Stunde ein Fixum und außerdem für jedes Honneur, das geschoben wurde, einen festbestimmten Satz. Wurde nicht gespielt, sondern frei gewettet oder gar hasardiert, so bekam dieser Satz eine doppelte oder dreifache Höhe. Es hat Montage gegeben, an denen ich über zwanzig Groschen nach Hause brachte, dafür aber vor Müdigkeit die Treppe zu unserer Wohnung mehr hinaufstürzte als hinaufstieg.

Welchen Gewinn aber hatte ich in seelischer Beziehung? Nicht den geringsten, sondern nur Verlust. Es wurde zwar nur einfaches, billiges Bier, aber besonders viel Schnaps getrunken. Ich werde an anderer Stelle nachweisen, dass es sich hier nicht um Leute handelte, welche das kannten, was man unter Rücksicht oder gar Zartgefühl versteht. Man platzte mit allem, was auf die Zunge kam, ohne Scheu heraus. Man kann sich denken, was ich da alles zu hören bekam! Der langgestreckte, zugebaute Kegelschub wirkte wie ein Hörrohr. Jedes Wort, welches da vorn bei den Spielern gesprochen wurde, klang deutlich heraus zu mir. Alles, was Großmutter und Mutter in mir aufgebaut hatten, der Herr Kantor und der Herr Rektor auch, das empörte sich gegen das, was ich hier zu hören bekam. Es war viel Schmutz und auch viel Gift dabei. Es gab da nicht jene kräftige, kerngesunde Fröhlichkeit wie z. B. bei einem oberbayrischen Kegelschieben, sondern es handelte sich um Leute, welche aus der brusttötenden Atmosphäre ihres Webstuhls direkt in die Schnapswirtschaft kamen, um sich für einige Stunden ein Vergnügen vorzutäuschen, das aber nichts weniger als ein Vergnügen war, für mich jedenfalls eine Qual, körperlich sowohl als auch seelisch.

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und ähn- / liche böse Sachen, nämlich eine Leihbibliothek, und zwar was für eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und äußerlich geradezu ruppige, äußerst gefährliche Büchersammlung, wie diese war, wieder gesehen! Sie rentierte sich außerordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden Städtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Veränderung, die sie erlitt, war die, dass die Einbände immer schmutziger und die Blätter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von Neuem verschlungen, und ich muss der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, dass auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Bänden steckte, gänzlich verfiel. Was für ein Teufel das war, mögen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager25. Sallo Sallini, der edle Räuberhauptmann. Himlo Himlini, der wohltätige Räuberhauptmann. Die Räuberhöhle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernswürdige Bandit. Die schöne Räuberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von Löweneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsrück oder der Raubritter als Beschützer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der König als Mörder. Die Sünden des Erzbischofs usw. usw.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Bücher, einstweilen darin zu lesen. Später sagte er mir, ich könne sie alle lesen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Hause. Ich saß ganze Nächte / lang, glühenden Auges über sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen wären, mich zu warnen. Sie wussten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Dass die wenigen Stützen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, nämlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.


Die Psychologie ist gegenwärtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinanderzuhalten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, dass der Mensch nicht Einzelwesen, sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschließen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist, und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht miteinander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was für eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monströs dicken, wasserköpfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht außergewöhnlich veranlagte Knabe hatte sich in eine unartikulierte geistige Missgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besaß als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erwähnten starken, unzerreißbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, dass ich für König und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle / Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompanien Ernstthals sich gebildet hatten, den schwer bedrängten Monarchen Sachsens und seine Regierung vom Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lektüre dieser schändlichen Leihbibliothek. Alle die Räuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besaßen wahre Frömmigkeit, glühende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohltätigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrückten und Bedrängten auf. Sie zwangen die Leser zu Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Männer aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die Fülle des Lebens, der Tätigkeit, der Bewegung, die in diesen Büchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgendeine große, schwere, kühne Tat, die man zu bewundern hatte. Was dagegen war in all den Büchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktätchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren Büchern des Herrn Rektors? Da waren große, weite und ferne Länder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und Völker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geografie, nur Geografie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnografie, nur Ethnografie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch / kein Teufel da, das Kreuz mit den Fäden in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, nämlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, für den die Bücher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet für sie den Tod.

Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bedürfnisse dessen, der so ein Buch in die Hände nimmt! Kaum fühlt er während des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erfüllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Räuberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder böse Mensch, jeder Sünder, mag er zehnmal König, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist göttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel über die Herrlichkeit und Unumstößlichkeit der göttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch Unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!

Das Schlimmste an dieser Lektüre war, dass sie in meine spätere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, für immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivität, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Großmutter schüttelte den Kopf, und zwar je länger, desto mehr; sie wurde aber von uns anderen überstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuss, von ‚edlen‘ Menschen zu lesen, die immerfort Reichtümer verschenkten. / Dass sie diese Reichtümer vorher anderen gestohlen und geraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wie viel bedürftige Menschen durch so einen Räuberhauptmann unterstützt und gerettet worden seien, so freuten wir uns darüber und bildeten uns ein, wie schön es wäre, wenn so ein Himlo Himlini plötzlich hier bei uns zur Tür hereinträte, zehntausend blanke Taler auf den Tisch zählte und dabei sagte: „Das ist für euern Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterstücke schreibt!“ Das war mir nämlich, seit ich den ‚Faust‘ gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muss bekennen, dass ich diese verderblichen Bücher nicht nur las, sondern auch vorlas, nämlich zunächst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in anderen Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeiführen kann. Alles Positive geht verloren, und schließlich bleibt nur die traurige Negation zurück. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen verändern sich; die Lüge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur Lüge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird immer unzuverlässiger. Das führt schließlich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrund angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum äußersten Verbrechertum.

Das war zur Zeit, als bestimmt werden musste, was nach der Konfirmation aus mir zu werden hatte. Ich wollte so unendlich gern auf das Gymnasium, dann auf die Universität. Aber hierzu fehlten nicht mehr als alle Mittel. Ich musste mit meinen Wünschen weit herunter und kam zuletzt beim Volksschullehrer an. Aber auch hierzu / waren wir zu arm. Wir sahen uns nach Hilfe um. Der Herr Kaufmann Friedrich Wilhelm Layritz, mit dem Herrn Stadtrichter gleichen Namens, aber nicht mit ihm verwandt, war ein sehr reicher und sehr frommer Mann. Man hatte ihm zwar noch keine Wohltat nachweisen können, aber er versäumte keinen Kirchgang, sprach gern von Humanität und Nächstenliebe und war unser Gevatter. Wir hatten uns nach allem erkundigt und uns einen Überschlag gemacht. Wenn wir recht arbeiteten, recht sparten, recht hungerten und ich auf dem Seminar keinen Pfennig unnütz ausgab, so bedurften wir nur eines Zuschusses von fünf bis zehn Talern pro Jahr. Das hatten wir ausgerechnet. Freilich stimmte es nicht; aber wir glaubten, dass es stimmte. Meine Eltern hatten nie auch nur einen Pfennig geborgt; jetzt waren sie mir zuliebe zu einer Anleihe entschlossen. Mutter ging zum Herrn Layritz. Er setzte sich in den Lehnstuhl, faltete die Hände und ließ sich ihr Anliegen vortragen. Sie schilderte ihm alles und bat, uns fünf Taler zu borgen, nicht gleich jetzt, sondern dann, wenn wir sie brauchten, also wenn ich die Aufnahmeprüfung bestanden haben würde. Bis dahin aber war noch lange, lange Zeit. Da antwortete er, ohne sich lange zu besinnen: „Meine liebe Frau Gevatter, es ist wahr, ich bin reich, und Sie sind arm, sehr arm. Aber Sie haben denselben Gott, den auch ich habe, und wie er mir bis hierher geholfen hat, so wird er auch Ihnen weiterhelfen. Ich habe auch Kinder wie Sie und muss für sie sorgen. Ich kann Ihnen also die fünf Taler nicht leihen. Aber gehen Sie getrost nach Hause und beten Sie recht fleißig, so wird sich ganz gewiss zur rechten Zeit jemand finden, der sie übrig hat und sie Ihnen gibt!“

Das war abends. Ich saß da und las in einem / Räuberbuch. Da kam Mutter heim und erzählte, was Herr Layritz gesagt hatte. Sie weinte, mehr aus Empörung über solche Art der Frömmigkeit als über die Abweisung selbst. Vater saß lange Zeit still; dann stand er auf und ging. Unter der Tür aber sagte er: „Einen solchen Versuch machen wir nicht mehr! Karl geht auf das Seminar, und wenn ich mir die Hände blutig arbeiten muss!“ Als er fort war, saßen wir anderen noch lange Zeit traurig beisammen. Dann gingen wir schlafen. Ich schlief aber nicht, sondern ich wachte. Ich sann auf Hilfe. Ich rang nach einem Entschluss. Das Buch, in dem ich gelesen hatte, führte den Titel ‚Die Räuberhöhle an der Sierra Morena oder der Engel aller Bedrängten‘. Als Vater nach Hause gekommen und dann eingeschlafen war, stieg ich aus dem Bett, schlich mich aus der Kammer und zog mich an. Dann schrieb ich einen Zettel: „Ihr sollt euch nicht die Hände blutig arbeiten; ich geh nach Spanien; ich hole Hilfe!“ Diesen Zettel legte ich auf den Tisch, steckte ein Stückchen trockenes Brot in die Tasche, dazu einige Groschen von meinem Kegelgeld, stieg die Treppe hinab, öffnete die Tür, atmete da noch einmal tief und schluchzend auf, aber leise, leise, damit ja niemand es höre, und ging dann gedämpften Schrittes den Marktplatz hinab und die Niedergasse hinaus, den Lungwitzer Weg, der über Lichtenstein nach Zwickau führte, Spanien zu, nach Spanien, dem Land der edlen Räuber, der Helfer aus der Not. /

4. Seminar- und Lehrerzeit
(1857–1861)

Keine Pflanze zieht das, was sie in ihren Zellen und in ihren Früchten aufzuspeichern hat, aus sich selbst heraus, sondern aus dem Boden, dem sie entsprossen ist, und aus der Atmosphäre, in der sie atmet. Pflanze ist in dieser Beziehung auch der Mensch. Körperlich ist er freilich nicht angewachsen, aber geistig und seelisch wurzelt er, und zwar tief, sehr tief, tiefer als mancher Baumriese in kalifornischer Erde. Darum ist kein Mensch für das, was er in seiner Entwicklungszeit tut, in vollem Maß verantwortlich zu machen. Ihm alle seine Fehler vollauf anzurechnen, würde ebenso falsch sein wie die Behauptung, dass er alle seine Vorzüge nur allein sich selbst verdanke. Nur wer den Heimatboden und die Jugendatmosphäre eines ‚Gewordenen‘ genau kennt und richtig zu beurteilen weiß, ist im Stande, einigermaßen nachzuweisen, welche Teile eines Lebensschicksals aus den gegebenen Verhältnissen und welche Teile aus dem rein persönlichen Willen des Betreffenden geflossen sind. Es war eine der größten Grausamkeiten der Vergangenheit, jedem armen Teufel, den die Verhältnisse zur Verletzung der Gesetze / führten, zu seiner eigenen, vielleicht geringen Schuld auch noch die ganze, schwere Last dieser Verhältnisse mit aufzubürden. Es gibt leider auch heute mehr als genug Menschen, welche die Grausamkeit sogar jetzt noch begehen, ohne zu ahnen, dass sie selbst es sind, die, wenn es hier Gesetze gäbe, mit verantwortlich gemacht werden müssten. Und gewöhnlich sind es nicht etwa die Fernstehenden, sondern gerade die lieben ‚Nächsten‘, die Stein um Stein auf den anderen werfen, obgleich die Einflüsse, denen er unterlegen ist, besonders auch von ihnen mit ausgegangen sind. Sie tragen also an der Schuld, die sie auf ihn werfen, selbst mit Schuld.

Wenn ich es hier unternehme, die Verhältnisse, aus denen ich erwuchs, einer ungefärbten Prüfung zu unterwerfen, so geschieht das nicht etwa in der Absicht, irgendeinen Teil meiner eigenen Schuld von mir ab- und auf andere zu werfen, sondern nur, um einmal durch ein laut sprechendes Beispiel zu zeigen, wie vorsichtig man sein muss, wenn man sich die Aufgabe stellt, eine menschliche Existenz nach ihrer Entstehung und Entwicklung hin genau zu untersuchen.

Hohenstein und Ernstthal waren damals zwei so nah beieinander liegende Städtchen, dass sich ihre Gässchen stellenweise wie die Finger zweier gefalteter Hände ineinanderschoben. In Hohenstein wurde der Naturphilosoph Gotthilf Heinrich von Schubert26 geboren, dessen Werke zunächst unter Schellingschem Einfluss entstanden, sich dann aber dem pietistisch-asketischen Mystizismus zuwandten. Seine Vaterstadt hat ihm ein Denkmal gesetzt. Aus Ernstthal stammt der verdienstvolle Philosoph und Publizist Pölitz27, dessen Bibliothek über 30.000 Bände zählte, die er der Stadt Leipzig vermachte. Ich habe es hier weniger mit Hohenstein als vielmehr mit Ernstthal / zu tun, in dem ich, wie der Hobble-Frank sich auszudrücken pflegt, ‚das erste Licht der Welt erblickte‘. Die ersten und ältesten Eindrücke meiner Kindheit sind diejenigen einer beklagenswerten Armut, und zwar nicht nur in materieller, sondern auch in anderer Beziehung. Niemals in meinem Leben habe ich so viel geistige Anspruchslosigkeit beisammen gesehen wie damals. Der Bürgermeister war ein unstudierter Mann. Es gab zwar einen Nachtwächter, aber die Bewohner hatten sich reihum an der Nachtwache zu beteiligen. Die Hauptbeschäftigung bildete die Weberei28. Der Verdienst war kärglich, ja oft überkärglich zu nennen. Zu gewissen Zeiten gab es wochen-, zuweilen sogar monatelang wenig oder gar keine Arbeit. Da sah man Frauen in den Wald gehen und Körbe voll Reisig heimschleppen, um im Winter Feuerung zu haben. Des Nachts konnte man auf einsamen Pfaden Männern begegnen, die Baumstämme nach Hause trugen, die noch während der Nacht zu Feuerholz zersägt und zerhackt werden mussten, damit, wenn die Haussuchung kam, nichts gefunden werden könne. Es galt für die armen Weber, fleißig zu sein, um den Hunger abzuwehren. Am Sonnabend war Zahltag. Da trug ein jeder sein ‚Stück zu Markte‘. Für jeden Fehler, der sich zeigte, gab es einen bestimmten Lohnabzug. Da brachte gar mancher weniger heim, als er erwartet hatte. Dann wurde ausgeruht. Der Abend war der Heiterkeit und – – – dem Schnaps gewidmet. Man fand sich beim Nachbar ein. Da ging die Bulle rundum. Bulle ist Abkürzung von Bouteille. In einigen Familien sang man dazu, aber was für Lieder oft! In anderen regierte die Karte. Da wurde ‚gelumpt‘, ‚geschafkopft‘ oder gar ‚getippt‘. Das Letztere ist ein verbotenes Glücksspiel, dem mancher den Verdienst der ganzen Woche opferte. / Man trank dazu aus einem einzigen Glas. Dies ging von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Auch während der Sonntagsausgänge und überhaupt bei jedem Gang ins Freie war man mit Branntwein versehen. Da saß man im Grünen und trank. Schnaps war überall dabei; man mochte ihn nicht entbehren. Man betrachtete ihn als den einzigen Sorgenbrecher und nahm seine schlimmen Wirkungen hin, als ob sich das so ganz von selbst verstünde.

Freilich gab es auch sogenannte bessere Familien, über die der Alkohol keine Macht besaß, aber die waren in ganz geringer Zahl. Patriziergeschlechter gab es in beiden Städtchen nicht. In Hohenstein wohnten einige Familien, die man höher schätzte als andere, in Ernstthal aber nicht. Die Pfarrer und die Ärzte waren die einzigen akademisch gebildeten Personen, hierzu kam vielleicht ein Rechtsanwalt, dessen Liquidationen absolut nicht das Geschick besaßen, sich in klingende Einnahmen zu verwandeln. So war die ganze Lebensführung überhaupt ungemein niedrig und der allgemeine Umgangston auf eine Note gestimmt, die man jetzt kaum mehr für möglich hält. Im persönlichen Verkehr waren Spitznamen oft gebräuchlicher als die wirklichen, richtigen Namen. Als einziges Beispiel, das ich da anführe, diene der Name Wolf. Es gab einen Weißkopfwolf, einen Rotkopfwolf, einen Daniellobwolf, einen Schlagwolf und noch eine Menge anders genannter Wölfe. Die Häuser waren klein, die Gassen eng. Ein jeder konnte in die Fenster des anderen sehen und alles beobachten, was geschah. So wurde es fast zur Unmöglichkeit, Geheimnisse voreinander zu haben. Und da kein Mensch ohne Fehler ist, so hatte ein jeder seinen Nachbarn im Sack. Man wusste alles, aber man schwieg. Nur zuweilen, wenn man es für nötig hielt, ließ man / ein Wörtchen fallen, und das war genug. Man kam dadurch zur immerwährenden, aber stillen Hechelei, zur niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmütigen Sarkasmus, der aber nichts Reelles an sich hatte. Das war ungesund und griff immer weiter um sich, ohne dass man es beachtete. Das ätzte; das wirkte wie Gift. So hatte sich aus den sonnabendlichen Kartenspielen ein lichtscheues Unternehmen gebildet, das den Zweck verfolgte, verbotenes, ja sogar falsches, betrügerisches Kartenspiel zu pflegen. Die Betreffenden kamen zusammen, um sich in der Zubereitung und im Gebrauch von falschen Karten zu üben. Sie etablierten sich in einer vor der Stadt gelegenen Wirtschaft. Sie schickten Zubringer aus, um Opfer einzufangen. Da saß man nächtelang und spielte um hohe Einsätze. Mancher kam da mit vollen Taschen und ging mit leeren fort. Dieses Treiben war im Städtchen wohlbekannt. Man erzählte sich von jedem neuen Coup, der gemacht worden war. Man sprach von den erbeuteten Summen, und man freute sich darüber, statt dass man diese Betrügereien verwarf. Man verkehrte mit den Falschspielern wie mit ehrlichen Leuten. Man leistete ihnen Vorschub. Ja, man achtete, man rühmte ihre Pfiffigkeit, und man verriet nicht das Geringste von allem, was man von ihnen wusste. Dass hierdurch eigentlich das ganze Städtchen an dem Betrug gegen die herbeigeschleppten Opfer beteiligt wurde und dass jedermann, der von diesen Gaunereien wusste, sich, streng genommen, als Hehler zu betrachten hatte, das leuchtete keinem Menschen ein. Wer damals gesagt hätte, dass dies einen beklagenswerten, allgemeinen moralischen Tiefstand bedeutete, der wäre wohl ausgelacht worden, oder gar noch Schlimmeres. Das allgemeine Rechtsgefühl war irregeführt. Man bewunderte die Falschspieler, wie man / die Rinaldo Rinaldini und die Himlo Himlini der alten Leihbibliothek bewunderte, deren Bände man verschlang, weil sie die einzige war, die es in den beiden Städtchen gab. Ich habe niemals gehört, dass der Bürgermeister, der Pfarrer oder ein sonst hierzu berufener Beamter einen dieser Falschspieler zu sich kommen ließ, um ihn zu ermahnen, von dem bösen Beispiel, welches der ganzen Gemeinde gegeben wurde, abzulassen. Man duldete es. Man ging schweigend darüber hinweg. Die Jugend aber, die das alles mit ansah und mit anhörte, musste den Eindruck gewinnen, dass diese Betrügereien bewundernswerte und sehr lohnende Taten seien, und so ein Eindruck wird nie wieder verwischt. Mir wurde einst von einem Juristen gesagt, ich sei in einem Sumpf geboren worden. Ob dieser Herr wohl Recht gehabt hat?

Zwei eigenartige Gewächse dieses Sumpfes waren die beiden Namen ‚Batzendorf‘ und die ‚Lügenschmiede‘. Der erste leitet sich auf die bekannte alte süddeutsche und Schweizer Scheidemünze, Batzen genannt, zurück. Batzendorf war eine fingierte Dorfgemeinde, der jeder Einwohner Ernstthals beitreten konnte. Es war ein Jux, aber ein Jux, der häufig zum Ausarten kam. Batzendorf hatte seinen eigenen Gemeindevorstand, seinen eigenen Pfarrer, seine eigene Gemeindeverwaltung, das alles aber von der heiter sein sollenden Seite genommen. Das allerkleinste Häuschen Ernstthals, das der alten Gemüsehändlerin Dore Wendelbrück, wurde zum Batzendorfer Rathaus erhoben. Eines Morgens stand ein Turm darauf, den man aus Latten und Zigarrenkistchen gezimmert und der alten Dore auf das Dach gesetzt hatte, ohne sie zu fragen. Sie war aber sehr stolz darauf. Die Wirtin zum Meisterhaus war Dorfnachtwächter. Sie musste die / Stunden ansagen und tuten. Jede Behörde und jede Charge war vertreten, bis tief herunter zum Kartoffel- und zum Schotenwächter, auch das alles in das Komische gezogen. Des Sonnabends war Versammlungstag. Da kam die Gemeinde zusammen, und es wurden die tollsten Sachen ausgeheckt, um dann wirklich ausgeführt zu werden: Taufen fünfzigjähriger Säuglinge, Verheiratung zweier Witwen miteinander, eine Spritzenprobe ohne Wasser, Neuwahl einer Gemeindegans, öffentliche Prüfung eines neuen Bandwurmmittels und ähnliche tolle, oft sogar sehr tolle Sachen. Der Herr Stadtrichter Layritz war alt geworden und duldete das. Der Herr Pastor war noch älter und glaubte von allem das Beste. Er sagte immer: „Nur nicht übertreiben, nur nicht übertreiben!“ Damit glaubte er, seiner Pflicht genügt zu haben. Der Herr Kantor schüttelte den Kopf. Er war zu bescheiden, öffentlich mit einem Tadel hervorzutreten. Aber unter vier Augen hatte er den Mut, meinen Vater zu warnen: „Machen Sie nicht mit, Herr Nachbar, machen Sie ja nicht mit! Es ist nicht gut für Sie und auch nicht gut für den Karl! Was man da treibt, ist alles weiter nichts als Persiflage, Ironie, Verhöhnung und Verspottung von Dingen, an deren Heiligkeit ja niemand rühren soll! Und zumal Kinder sollen so etwas nie zu sehen und zu hören bekommen!“

Er hatte sehr, sehr Recht. Dieses ‚Batzendorf‘, in dem man nur mit Batzengeld zahlen durfte, hat eine ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille, heimliche, doch umso bösere Wirkung gehabt. Da lockerten sich ‚die Bande frommer Scheu‘. Da gab es wöchentlich etwas Neues. Wir Kinder verfolgten die Albernheiten der Erwachsenen mit riesigem Interesse und höhnten und persiflierten mit, freilich ohne uns dessen bewusst / zu werden. Das ging so fort, bis ein neuer, strammerer Zug in die Ortsverwaltung und in die Kirchenleitung kam und Batzendorf an sich selbst zu Grunde ging. Aber einen Nutzen hatte es keinem Menschen gebracht. Es war eine Versumpfung, in welche nicht nur die Alten gestiegen sind, sondern wir Jungen wurden auch mit hineingeführt und haben sehr viel von unserer Kindlichkeit drin stecken lassen müssen. Dem Unbegabten schadet das weniger; in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem Innern Dimensionen an, die später, wenn sie zu Tage treten, nicht mehr einzudämmen sind.

Die ‚Lügenschmiede‘ war etwas neueren Datums. Indem ich von ihr spreche, nenne ich absichtlich keine Namen. Ich will das, was ich sage, nur gegen die Sache selbst, nicht aber gegen Personen richten. Es gab in Ernstthal einige jüngere Leute, die außerordentlich satirisch begabt waren. An sich sehr achtbare, liebenswürdige Menschen, hätten sie in anderen, größeren Verhältnissen durch diese Begabung ihr Glück machen können; so aber blieben sie unten in den kleinen Verhältnissen hängen und konnten also auch nur Kleinliches und Gewöhnliches, oft sogar nur sehr Triviales leisten. Es war wirklich schade um sie!

Einer von ihnen, vielleicht der Unternehmendste und Witzigste, brachte es zum Hausbesitzer und hatte die Kühnheit, in diesem Ernstthal, wo so wenig Sinn und Mittel für Delikatessen vorhanden waren, ein Delikatessengeschäft zu errichten, aber natürlich mit Restauration, denn ohne diese wäre es ganz unmöglich gegangen. Diese Restauration hatte zunächst keinen besonderen Namen; aber nicht lange, so wurde ihr einer gegeben, und zwar ein sehr bezeichnender. Man nannte sie die Lügenschmiede und ihren Besitzer, den Wirt, den Lügenschmied. / Weshalb? Sowohl dem Wirt als auch seinen Stammgästen saß allen der Schalk im Nacken. Ein anderer konnte öfters dort verkehren, ohne dass er etwas davon bemerkte. Aber plötzlich brach es über ihn herein, plötzlich, ganz unerwartet und mit einer Sicherheit, der nicht zu widerstehen war. Er wurde ‚gemacht‘, wie man es nannte. Man hatte seine schwächste Seite und seinen stärksten Nagel entdeckt und hängte an diesem irgendeine wohlausgedachte Lüge auf, die er glauben musste, er mochte wollen oder nicht. An dieser Lüge blamierte er sich, mochte er sich noch so sehr dagegen sträuben oder mochte er zehnmal und hundertmal klüger sein als alle die, welche beschlossen hatten, ihn zu Fall zu bringen. Diese Lügenschmiede wurde weithin bekannt. Tausende von Fremden kamen, um da einzukehren, und ein jeder, dem es etwa einfiel, mit dem Wirt und seinen Stammgästen anzubinden, nahm seine Backpfeife mit und zog beschämt von dannen.

Gewöhnliche Gäste kaufte man sich billig. Verlangte einer ein Glas Bier, so bekam er einen Kognak. Begehrte er einen Schnaps, so erhielt er Limonade. Wollte er einen marinierten Hering essen, so setzte man ihm Kartoffeln in der Schale und Apfelmus vor. Und keiner weigerte sich, dies zu nehmen und zu bezahlen, denn jeder wusste, die Blamage kommt dann hinterher. Bessere Gäste hatten keine so gewöhnlichen Witze zu befürchten. Die ließ man warten. „Der muss erst noch reif werden“, pflegte der Lügenschmied zu sagen. Und jeder wurde reif, jeder, mochte er sein, wer oder was er wollte, ob studiert oder nicht studiert, ob hoch gestellt oder niedrig. Es gab da oft geradezu geniale Witze, immer aber mit einem Einschlag aus dem Gewöhnlichen heraus. Einem Gast, der sich rasieren lassen wollte, wurde gesagt, der Barbier / sei nicht zu Hause, sondern er sitze grad hier neben ihm. Dieser war aber kein Barbier, sondern ein Bäckermeister. Er seifte den Betreffenden mit Anilinwasser ein und rasierte ihn, ohne dass einer der Anwesenden eine Miene dabei verzog. Der Rasierte bezahlte und ging dann vergnügt von dannen, vollständig blau im Gesicht. Er konnte sich wochenlang nicht sehen lassen, zur Strafe dafür, dass er in der Lügenschmiede behauptet hatte, er sei gescheiter als alle, ihn könne niemand foppen. Einem andern Gast wurde weisgemacht, sein Bruder sei heut’ Vormittag auf dem Jahrmarkt verunglückt und mit dem rechten Bein in das Räderwerk geraten; man habe ihm infolgedessen das Bein unterhalb des Knies abnehmen müssen. Der Mann sprang erschrocken auf und rannte fort, kam aber sehr bald lachend und mit seinem vollständig gesunden Bruder zurück. Auch die Herren von der Behörde verkehrten sehr gern in der Lügenschmiede, doch nur zu Zeiten, in denen sie sich dort allein und unbeobachtet wussten. Sie ließen sich auch einen Ulk gefallen, und oft hatte der Lügenschmied es nur ihrem Einfluss zu verdanken, dass seine oft zu weit gehenden Witze ohne unangenehme Folgen blieben. Denn die Sache artete, wie alles, was unten aus dem Niedrigen stammt, nach und nach aus. Die Witze wurden gewöhnlicher; sie verloren den Reiz. Man hatte sich verausgabt. Und ein jeder, der die Lügenschmiede betrat, glaubte, Lügen machen und Unwahrheiten präsentieren zu dürfen. Der Geist ging aus. Was früher wirklicher Humor, wirkliche Schalkhaftigkeit und wirklicher Scherz und Schwank gewesen war, das wurde jetzt zur Zote, zur Zweideutigkeit, zur Unwahrheit, zur Fälschung, zur unvorsichtigen Klatscherei und Lüge. Die Lügenschmiede ist jetzt ver- / schwunden. Das Haus wurde der Erde gleichgemacht29. Leider aber sind die Folgen dieser unangebrachten Witzbolderei nicht auch verschwunden. Sie existieren noch heute. Sie wirken fort. Auch das war ein Sumpf, und zwar ein unter hellem Grün und winkenden Blumen verborgener Sumpf. Nicht nur die Ortsseele hat unter ihm gelitten, sondern seine Miasmen sind auch im weiten Umkreis rund über das Land gegangen, und leider, leider bin auch ich einer von denen, die sehr und schwer darunter zu leiden hatten und noch heutigen Tages leiden müssen. Dass meine Gegner es wagen konnten, den Karl May, der ich in Wirklichkeit und Wahrheit bin, in die verlogenste aller Karikaturen zu verwandeln und mich sogar als Marktweiberbandit und Räuberhauptmann durch alle Zeitungen zu schleppen, das wurde zum größten Teil durch die Lügenschmiede ermöglicht, deren Stammgäste gar nicht bedachten, was sie an mir begingen, als sie einander mit immer neuen Erfindungen über meine angeblichen Abenteuer und Missetaten traktierten. Ich komme hierauf an anderer Stelle zurück und habe hier noch ganz kurz zu sagen:

Was ich über jene Falschspielergesellschaft, über ‚Batzendorf‘ und über die ‚Lügenschmiede‘ zu berichten hatte, sind nur einige kurze Einblicke in die damaligen Verhältnisse meiner Vaterstadt. Ich könnte diese Einblicke noch überaus erweitern und vertiefen, um nachzuweisen, dass es wirklich und wahrhaft ein sehr verseuchter Boden gewesen ist, in den meine Seele gezwungen war, ihre Wurzeln zu schlagen, will dies aber gern und mit Vergnügen unterlassen, weil ich kürzlich zu meiner Freude gesehen habe, wie viel sich dort verändert hat. Ich hatte meine Vaterstadt schon lange Zeit gemieden und wollte sie auch ferner meiden, als ich durch eine Rechtssache gezwungen wurde, / sie noch einmal aufzusuchen. Ich wurde angenehm enttäuscht. Das meine ich nicht äußerlich, sondern innerlich. Ich habe der Städte und Orte genug gesehen; da kann mich nichts überraschen und auch nichts enttäuschen. Wie ich bei jeder Begegnung mit einem mir bisher fremden Menschen zunächst und vor allen Dingen seine Seele kennenzulernen suche, so auch die Seele eines jeden Ortes, den ich neu betrete. Und die Seele Hohenstein-Ernstthals war zwar noch die alte; das sah ich sofort; aber sie hatte sich gehoben; sie hatte sich gereinigt; sie hatte ein ganz anderes, besseres und würdigeres Aussehen bekommen. Ich hatte Gelegenheit, sie einige Tage lang beobachten zu können, und darf wohl sagen, dass mir diese Beobachtungen Freude bereiteten. Ich fand Intelligenz, wo es früher keine gegeben hatte. Ich begegnete einem regen Rechtsgefühl, das nicht so leicht wie früher irrezuleiten war. Es gab mehr Gemeindesinn, mehr Zusammenhangsgefühl. Ja, die materiellen Verhältnisse zeigten überall schon einen Aufblick hinauf in das Ideale. Der Boden, auf dem man lebte, hatte sich gehoben und zeigte die Fähigkeit, sich auch fernerhin zu veredeln. Ich begegnete alten Bekannten, aus denen in Wirklichkeit ‚etwas geworden‘ war. Das war mir eine Genugtuung, die ich nicht erwartet hatte. Da gab es nicht mehr jene alten, indolenten Gesichter mit dem Ausdruck unangenehmer Bauernpfiffigkeit, sondern die Züge sprachen von Einsicht und Fähigkeit, von gesunder Klugheit und überlegsamer Urteilskraft. War dies etwa nur eine Folge des Zuzugs von außen her? Gewiss nicht ausschließlich, obwohl nicht abgeleugnet werden kann, dass fremdes Blut auch im Gemeindeleben auffrischend, stärkend und verbessernd wirkt. Ich gestehe aufrichtig, dass ich seit jenem Besuch und seit jenen Be- / obachtungen mit meiner Vaterstadt wieder sympathisiere und von Herzen wünsche, dass der jetzt so deutlich sichtbare Fortschritt auch nach geistigen Zielen anhalten möge. Der Beweis ist erbracht, dass die alten Zeiten vorüber sind. Man hat sich aufgerafft und steigt mit jugendlicher Energie empor; das bringt Erfolg, und mit dem Erfolg kommt auch der Segen. –

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen kann ich nun zu mir selbst zurückkehren und zu jener Morgenfrühe, in der ich aus Ernstthal fortging, um mir bei einem edlen spanischen Räuberhauptmann Hilfe zu holen. Man glaube ja nicht, dass dies eine ‚verrückte‘ Idee gewesen sei. Ich war geistig kerngesund. Meine Logik war zwar noch kindlich, aber doch schon wohlgeübt. Der Fehler lag daran, dass ich infolge des verschlungenen Leseschunds den Roman für das Leben hielt und darum das Leben nun einfach als Roman behandelte. Die überreiche Fantasie, mit der mich die Natur begabte, machte die Möglichkeit dieser Verwechslung zur Wirklichkeit.


Neumarkt in Ernstthal; von links: „Stadt Glauchau“, Wohnhaus May nach 1845, Häuser Kantor Strauch und Pfarrer Schmidt, Kirche St. Trinitatis (Zeichnung 1843)


Die „Lügenschmiede“ an der Braugasse in Ernstthal mit Blick in die Hermannstraße. Das Restaurant wurde 1900 abgerissen.

Meine Reise nach Spanien dauerte nur einen Tag. In der Gegend von Zwickau wohnten Verwandte von uns. Bei ihnen kehrte ich ein. Sie nahmen mich freundlich auf und veranlassten mich zu bleiben. Inzwischen hatte man daheim meinen Zettel gefunden und gelesen. Vater wusste, nach welcher Richtung hin Spanien liegt. Er dachte sofort an die erwähnten Verwandten und machte sich in der Überzeugung, mich sicher dort anzutreffen, sofort auf den Weg. Als er kam, saßen wir rund um den Tisch, und ich erzählte in aller Herzensaufrichtigkeit, wohin ich wollte, zu wem und auch warum. Die Verwandten waren arme, einfache, ehrliche Webersleute. Von Fantasie gab es bei ihnen keine Spur. Sie waren über mein Vorhaben einfach entsetzt. Hilfe bei / einem Räuberhauptmann suchen! Sie wussten sich zunächst keinen Rat, was sie mit mir anfangen sollten, und da war es wie eine Erlösung für sie, als sie meinen Vater hereintreten sahen. Er, der jähzornige, leicht überhitzige Mann, verhielt sich ganz anders als gewöhnlich. Seine Augen waren feucht. Er sagte mir kein einziges Wort des Zorns. Er drückte mich an sich und sagte: „Mach so etwas niemals wieder, niemals!“ Dann ging er nach kurzem Ausruhen mit mir fort – wieder heim.

Der Weg betrug fünf Stunden. Wir sind in dieser Zeit still nebeneinander hergegangen; er führte mich an der Hand. Nie habe ich deutlicher gefühlt als damals, wie lieb er mich eigentlich hatte. Alles, was er vom Leben wünschte und hoffte, das konzentrierte er auf mich. Ich nahm mir heilig vor, ihn niemals wieder ein solches Leid wie das heutige an mir erleben zu lassen. Und er? Was mochten das wohl für Gedanken sein, die jetzt in ihm erklangen? Er sagte nichts. Als wir nach Hause kamen, musste ich mich niederlegen, denn ich kleiner Kerl war zehn Stunden lang gelaufen und außerordentlich müde. Von meinem Ausflug nach Spanien wurde nie ein Wort gesprochen; aber das Kegelaufsetzen und das Lesen jener verderblichen Romane hörte auf. Als dann die Zeit gekommen war, stellte sich die nötige Hilfe ein, ohne aus dem Land der Kastanien geholt werden zu müssen. Der Herr Pastor legte ein gutes Wort für mich bei unserm Kirchenpatron, dem Grafen von Hinterglauchau, ein, und dieser gewährte mir eine Unterstützung von fünfzehn Talern pro Jahr, eine Summe, die man für mich für hinreichend hielt, das Seminar zu besuchen30. Zu Ostern 1856 wurde ich konfirmiert. Zu Michaelis bestand ich die Aufnahmeprüfung für das Proseminar zu Waldenburg und wurde dort aufgenommen. /

Also nicht Gymnasiast, sondern nur Seminarist! Nicht akademisches Studium, sondern nur Lehrer werden! Nur? Wie falsch! Es gibt keinen höheren Stand als den Lehrerstand, und ich dachte, fühlte und lebte mich derart in meine nunmehrige Aufgabe hinein, dass mir alles Freude machte, was sich auf sie bezog. Freilich stand diese Aufgabe nur im Vordergrund. Im Hintergrund, hoch über sie hinausragend, hob sich das über alles andere empor, was mir seit jenem Abend, an dem ich den Faust gesehen hatte, zum Ideal geworden war: Stücke für das Theater schreiben! Über das Thema Gott, Mensch und Teufel! Konnte ich das als Lehrer nicht ebenso gut wie als gewesener Akademiker? Ganz gewiss, vorausgesetzt freilich, dass die Gabe dazu nicht fehlte. Wie stolz ich war, als ich zum ersten Mal die grüne Mütze trug! Wie stolz auch meine Eltern und Geschwister! Großmutter drückte mich an sich und bat:

„Denk immer an unser Märchen! Jetzt bist du noch in Ardistan; du sollst aber hinauf nach Dschinnistan. Dieser Weg wird heut beginnen. Du hast zu steigen. Kehre dich niemals an die, welche dich zurückhalten wollen!“

„Und die Geisterschmiede?“, fragte ich. „Muss ich da hinein?“

„Bist du es wert, so kannst du sie nicht umgehen“, antwortete sie. „Bist du es aber nicht wert, so wird dein Leben ohne Kampf und ohne Qual verlaufen.“

„Ich will aber hinein; ich will!“, rief ich mutig aus.

Da legte sie mir ihre Hand auf das Haupt und sagte lächelnd:

„Das steht bei Gott: Vergiss ihn nicht! Vergiss ihn nie in deinem Leben!“

Diesem Rat bin ich gehorsam gewesen, muss aber, / wenn ich ehrlich sein will, eingestehen, dass mir das niemals schwer geworden ist. Ich kann mich nicht besinnen, dass ich je mit dem Zweifel oder gar mit dem Unglauben zu ringen gehabt hätte. Die Überzeugung, dass es einen Gott gebe, der auch über mir wachen und mich nie verlassen werde, ist, sozusagen, zu jeder Zeit ein festes, unveräußerliches Ingrediens meiner Persönlichkeit gewesen, und ich kann es mir also keineswegs als ein Verdienst anrechnen, dass ich diesem meinem lichten, schönen Kinderglauben niemals untreu geworden bin. Freilich, so ganz ohne alle innere Störung ist es auch bei mir nicht abgegangen; aber diese Störung kam von außen her und wurde nicht in der Weise aufgenommen, dass sie sich hätte festsetzen können. Sie hatte ihre Ursache in der ganz besonderen Art, in welcher die Theologie und der Religionsunterricht am Seminar behandelt wurde. Es gab täglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder Schüler unweigerlich teilnehmen musste. Das war ganz richtig. Wir wurden sonn- und feiertäglich in corpore in die Kirche geführt. Das war ebenso richtig. Es gab außerdem bestimmte Feierlichkeiten für Missions- und ähnliche Zwecke. Auch das war gut und zweckentsprechend. Und es gab für sämtliche Seminarklassen einen wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in Religions-, Bibel- und Gesangbuchslehre. Das war ganz selbstverständlich. Aber es gab bei alledem eines nicht, nämlich gerade das, was in allen religiösen Dingen die Hauptsache ist; nämlich es gab keine Liebe, keine Milde, keine Demut, keine Versöhnlichkeit. Der Unterricht war kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie. Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab. Die Religionsstunden waren diejenigen Stunden, für welche man sich am allerwenigsten zu erwärmen vermochte. / Man war immer froh, wenn der Zeiger die Zwölf erreichte. Dabei wurde dieser Unterricht von Jahr zu Jahr in genau denselben Absätzen und genau denselben Worten und Ausdrücken geführt. Was es am heutigen Datum gab, das gab es im nächsten Jahr an ganz demselben Tag unweigerlich wieder. Das ging wie eine alte Kuckucksuhr; das klang alles so sehr nach Holz, und das sah alles so aus wie gemacht, wie fabriziert. Jeder einzelne Gedanke gehörte in sein bestimmtes Dutzend und durfte sich beileibe nicht an einer anderen Stelle sehen lassen. Das ließ keine Spur von Wärme aufkommen; das tötete innerlich ab. Ich habe unter allen meinen Mitschülern keinen einzigen gekannt, der jemals ein sympathisches Wort über diese Art des Religionsunterrichts gesagt hätte. Und ich habe auch keinen gekannt, der so religiös gewesen wäre, aus freien Stücken einmal die Hände zu falten, um zu beten. Ich selbst habe stets und bei jeder Veranlassung gebetet; ich tue das auch noch heute, ohne mich zu genieren; aber damals im Seminar habe ich das geheim gehalten, weil ich das Lächeln meiner Mitschüler fürchtete.

Ich hätte gern über diese religiösen Verhältnisse geschwiegen, durfte dies aber nicht, weil ich die Aufgabe habe, alles aufrichtig zu sagen, was auf meinen inneren und äußeren Werdegang von Einfluss war. Dieses Seminar-Christentum kam mir ebenso seelenlos wie streitbar vor. Es befriedigte nicht und behauptete trotzdem, die einzige reine, wahre Lehre zu sein. Wie arm und wie gottverlassen man sich da fühlte! Die andern nahmen das gar nicht etwa als ein Unglück hin; sie waren gleichgültig; ich aber mit meiner religiösen Liebebedürftigkeit fühlte mich erkaltet und zog mich in mich selbst zurück. Ich vereinsamte auch hier, und zwar mehr, viel mehr / als daheim. Und ich wurde hier noch klassenfremder, als ich es dort gewesen war. Das lag teils in den Verhältnissen, teils aber auch an mir selbst.

Ich wusste viel mehr als meine Mitschüler. Das darf ich sagen, ohne in den Verdacht der Prahlerei zu fallen. Denn was ich wusste, das war eben nichts weiter als nur Wust, eine regellose, ungeordnete Anhäufung von Wissensstoff, der mir nicht den geringsten Nutzen brachte, sondern mich nur beschwerte. Wenn ich ja einmal von dieser meiner unfruchtbaren Vielwisserei etwas merken ließ, sah man mich staunend an und lächelte darüber. Man fühlte instinktiv heraus, dass ich weniger beneidens- als vielmehr beklagenswert sei. Die andern, meist Lehrersöhne, hatten zwar nicht so viel gelernt, aber das, was sie gelernt hatten, lag wohlaufgespeichert und wohlgeordnet in den Kammern ihres Gedächtnisses, stets bereit, benutzt zu werden. Ich fühlte, dass ich gegen sie sehr im Nachteil stand, und sträubte mich doch, dies mir und ihnen einzugestehen. Meine stille und fleißige Hauptarbeit war, vor allen Dingen Ordnung in meinem armen Kopf zu schaffen, und das ging leider nicht so schnell, wie ich es wünschte. Das, was ich da aufbaute, fiel immer wieder ein. Es war wie ein mühsames Graben durch einen Schneehaufen hindurch, dessen Massen immer wieder nachrutschen. Und dabei gab es einen Gegensatz, der sich absolut nicht beseitigen lassen wollte. Nämlich den Gegensatz zwischen meiner außerordentlich fruchtbaren Fantasie und der Trockenheit und absoluten Poesielosigkeit des hiesigen Unterrichts. Ich war damals noch viel zu jung, als dass ich eingesehen hätte, woher diese Trockenheit kam. Man lehrte nämlich weniger das, was zu lernen war, als vielmehr die Art und Weise, in der man zu lernen / hatte. Man lehrte uns das Lernen. Hatten wir das begriffen, so war das Weitere leicht. Man gab uns lauter Knochen; daher die geradezu schmerzende Trockenheit des Unterrichts. Aber aus diesen Knochen fügte man die Skelette der einzelnen Wissenschaften zusammen, deren Fleisch dann später hinzuzufügen war. Bei mir aber hatte sich bisher gerade das Umgekehrte ereignet: Ich hatte mir zwar eine Unmasse von Fleisch zusammengeschleppt, aber keinen einzigen tragenden, stützenden Knochen dazu. In meinem Wissen fehlte das feste Gerippe. Ich war in Beziehung auf das, was ich geistig besaß, eine Qualle, die weder innerlich noch äußerlich einen Halt besaß und darum auch keinen Ort, an dem sie sich daheim zu fühlen vermochte.

Und das Schlimmste hierbei war: Das knochenlose Fleisch dieser Qualle war nicht gesund, sondern krank, schwer krank; es war von den Schundromanen des Kegelhausbesitzers vergiftet. Das begann ich jetzt erst eigentlich einzusehen und fühlte mich umso unglücklicher dabei, als ich mit keinem Menschen darüber sprechen konnte, ohne mich dadurch bloßzustellen. Gerade die Trockenheit und, ich muss wohl sagen, die Seelenlosigkeit dieses Seminarunterrichts war es, die mich zu der Erkenntnis meiner Vergiftung führte. Ich fand für die Skelette, die uns geboten wurden, damit wir sie beleben möchten, kein gesundes Fleisch in mir. Alles, was ich zusammenfügte und was ich mir innerlich aufzubauen versuchte, wurde formlos, wurde hässlich, wurde unwahr und ungesetzlich. Ich begann, Angst vor mir zu bekommen, und arbeitete unausgesetzt an meiner seelischen Gestalt herum, mich innerlich zu säubern, zu reinigen, zu ordnen und zu heben, ohne fremde Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, die es ja auch gar nicht gab. Ich hätte mich wohl gern einem unserer Lehrer / anvertraut, aber die waren ja alle so erhaben, so kalt, so unnahbar, und vor allen Dingen, das fühlte ich heraus, keiner von ihnen hätte mich verstanden; sie waren keine Psychologen. Sie hätten mich befremdet angesehen und einfach stehengelassen.

Hierzu kam der angeborene, unwiderstehliche Drang nach geistiger Betätigung. Ich lernte sehr leicht und hatte demzufolge viel Zeit übrig. So dichtete ich im Stillen; ja, ich komponierte. Die paar Pfennig, die ich erübrigte, wurden in Schreibpapier angelegt. Aber was ich schrieb, das sollte keine Schülerarbeit werden, sondern etwas Brauchbares, etwas wirklich Gutes. Und was schrieb ich da? Ganz selbstverständlich eine Indianergeschichte! Wozu? Ganz selbstverständlich, um gedruckt zu werden! Von wem? Ganz selbstverständlich von der ‚Gartenlaube‘, die vor einigen Jahren gegründet worden war, aber schon von jedermann gelesen wurde31. Da war ich sechzehn Jahre alt. Ich schickte das Manuskript ein. Als sich eine ganze Woche lang nichts hierauf ereignete, bat ich um Antwort. Es kam keine. Darum schrieb ich nach weiteren vierzehn Tagen in einem strengeren Ton, und nach weiteren zwei Wochen verlangte ich mein Manuskript zurück, um es an eine andere Redaktion zu senden. Es kam. Dazu ein Brief, von Ernst Keil32 selbst geschrieben, vier große Quartseiten lang. Ich war fern davon, dies so zu schätzen, wie es zu schätzen war. Er kanzelte mich zunächst ganz tüchtig herunter, sodass ich mich wirklich aufrichtig schämte, denn er zählte mir höchst gewissenhaft alle Missetaten auf, die ich, natürlich ohne es zu ahnen, in der Erzählung begangen hatte. Gegen den Schluss hin aber milderten sich die Vorwürfe, und am Ende reichte er mir, dem dummen Jungen, vergnügt die Hand und sagte mir, dass er nicht übermäßig entsetzt / sein würde, wenn sich nach vier oder fünf Jahren wieder eine Indianergeschichte von mir bei ihm einstellen sollte. Er hat keine bekommen; aber daran trage nicht ich die Schuld, sondern die Verhältnisse gestatteten es nicht. Das war der erste literarische Erfolg, den ich zu verzeichnen habe. Damals freilich hielt ich es für einen absoluten Misserfolg und fühlte mich sehr unglücklich darüber. Inzwischen verging die Zeit. Ich stieg aus dem Proseminar in die vierte, dritte und zweite Seminarklasse, und in dieser zweiten Klasse war es, wo mich jenes Schicksal überfiel, aus dem meine Gegner so übelklingendes Kapital geschlagen haben.

Es herrschte im Seminar der Gebrauch, dass die Angelegenheiten jeder Klasse reihum zu besorgen waren, von jedem eine Woche lang. Darum wurde der Betreffende als ‚Wochner‘ bezeichnet. Außerdem gab es in der ersten Klasse einen ‚Ordnungswochner‘ und in der zweiten einen ‚Lichtwochner‘, welch Letzterer die Beleuchtung der Klassenzimmer zu übersehen hatte. Diese Beleuchtung geschah damals mit Hilfe von Talglichtern, von denen, wenn eines niedergebrannt war, ein anderes neu aufgesteckt wurde. Der Lichtwochner hatte täglich die Säuberung der alten, wertlosen Leuchter vorzunehmen und insbesondere die Dillen von den stecken gebliebenen Docht- und Talgresten zu reinigen. Diese Reste wurden entweder einfach weggeworfen oder vom Hausmann zu Stiefel- oder anderer Schmiere zusammengeschmolzen. Sie waren allgemein als wertlos anzusehen.

Es war anfangs der Weihnachtswoche, als die Reihe, Lichtwochner zu sein, an mich kam33. Ich besorgte diese Arbeit wie jeder andere. Am Tag vor dem Weihnachtsheiligenabend begannen unsere Ferien. Am Tage vorher kam eine meiner Schwestern, um meine Wäsche ab- / zuholen und das wenige Gepäck, welches ich mit in die Ferien zu nehmen hatte. Sie tat dies stets, sooft es Ferien gab. Der Weg, den sie da von Ernstthal nach Waldenburg machte, war zwei Stunden lang. So auch jetzt. Als sie diesmal kam, war ich gerade beim Reinigen der Leuchter. Sie war traurig. Es stand nicht gut daheim. Es gab keine Arbeit und darum keinen Verdienst. Mutter pflegte, wie selbst die ärmsten Leute, für das Weihnachtsfest wenigstens einige Kuchen zu backen. Das hatte sie heuer kaum erschwingen können. Aber beschert werden konnte nichts, gar nichts, denn es fehlte das Geld dazu. Es gab keine Lichte für den Weihnachtsleuchter. Sogar die hölzernen Engel der kleineren Schwestern sollten ohne Lichte sein. Zu diesen Engeln gehörten drei kleine Lichte, das Stück für fünf oder sechs Pfennig; aber wenn diese achtzehn Pfennig zu andern, notwendigeren Dingen gebraucht wurden, so hatte man sich eben zu fügen. Das tat mir weh. Der Schwester stand das Weinen hinter den Augen. Sie sah die Talgreste, die ich soeben aus den Dillen und von den Leuchtern herabgekratzt hatte. „Könnte man denn daraus nicht einige Pfenniglichte machen?“, fragte sie. „Ganz leicht“, antwortete ich. „Man braucht dazu eine Papierröhre und einen Docht, weiter nichts. Aber brennen würde es schlecht, denn dieses Zeug ist nur noch höchstens für Schmiere zu gebrauchen.“ „Wenn auch, wenn auch! Wir hätten doch eine Art von Licht für die drei Engel. Wem gehört dieser Abfall?“ „Eigentlich niemandem. Ich habe ihn zum Hausmann zu schaffen. Ob der ihn wegwirft oder nicht, ist seine Sache.“ „Also wäre es wohl nicht gestohlen, wenn wir uns ein bisschen davon mit nach Hause nähmen?“ „Gestohlen? Lächerlich! Fällt keinem Menschen ein! Der ganze Schmutz ist nicht drei Pfennige / wert. Ich wickle dir ein wenig davon ein. Daraus machen wir drei kleine Weihnachtslichte.“34

Gesagt, getan! Wir waren nicht allein. Ein anderer Seminarist stand dabei. Einer aus der ersten Klasse, also eine Klasse über mir. Es widerstrebt mir, seinen Namen zu nennen. Sein Vater war Gendarm. Dieser wackere Mitschüler sah alles mit an. Er warnte mich nicht etwa, sondern er war ganz freundlich dabei, ging fort und – zeigte mich an. Der Herr Direktor kam in eigener Person, den ‚Diebstahl‘ zu untersuchen. Ich gestand sehr ruhig ein, was ich getan hatte, und gab den ‚Raub‘, den ich begangen hatte, zurück. Ich dachte wahrhaftig nichts Arges. Er aber nannte mich einen ‚infernalischen Charakter‘ und rief die Lehrerkonferenz zusammen, über mich und meine Strafe zu entscheiden. Schon nach einer halben Stunde wurde sie mir verkündet. Ich war aus dem Seminar entlassen und konnte gehen, wohin es mir beliebte.35 Ich ging gleich mit der Schwester – in die heiligen Christferien – ohne Talg für die Weihnachtsengel – es waren das sehr trübe, dunkle Weihnachtsfeiertage. Ich habe wohl überhaupt schon gesagt, dass gerade Weihnacht für mich oft eine Zeit der Trauer, nicht der Freude gewesen sei.

An diesen Weihnachtstagen erloschen heilige Flammen in mir, Lichter, die mir wert gewesen waren. Ich lernte zwischen dem Christentum und seinen Bekennern unterscheiden. Ich hatte Christen kennengelernt, die unchristlicher gegen mich verfahren waren, als Juden, Türken und Heiden verfahren würden.

Glücklicherweise zeigte sich das Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts, an welches ich mich wandte, verständiger und humaner als die Seminardirektion. Ich erlangte ohne Weiteres die Genehmigung, meine unter- / brochenen Studien auf dem Seminar in Plauen fortzusetzen. Ich kam dort in dieselbe Klasse36, also in die zweite, und bestand nach zurückgelegter erster Klasse das Lehrerexamen37, worauf ich meine erste Stelle in Glauchau38 erhielt, bald aber nach Altchemnitz kam, und zwar in eine Fabrikschule39, deren Schüler ausschließlich aus ziemlich erwachsenen Fabrikarbeitern bestanden. Hier haben meine Bekenntnisse zu beginnen. Ich lege sie ab, ohne Scheu, der Wahrheit gemäß, als ob ich mich nicht mit mir selbst, sondern mit einer anderen, mir fremden Person beschäftigte.

Ich komme auf die Armut meiner Eltern zurück. Das Examen hatte einen Frackanzug erfordert, für unsere Verhältnisse eine kostspielige Sache. Hierzu kam, da ich als Lehrer nicht mehr wie als Schüler herumlaufen konnte, eine wenn auch noch so bescheidene Ausstattung an Wäsche und anderen notwendigen Dingen. Das konnten meine Eltern nicht bezahlen; ich musste es auf mein Konto nehmen; das heißt, ich borgte es mir, um es von meinem Gehalt nach und nach abzuzahlen. Da hieß es sparsam sein und jeden Pfennig umdrehen, ehe er ausgegeben wurde! Ich beschränkte mich auf das Äußerste und verzichtete auf jede Ausgabe, die nicht absolut notwendig war. Ich besaß nicht einmal eine Uhr, die doch für einen Lehrer, der sich nach Minuten zu richten hat, fast unentbehrlich ist.

Der Fabrikherr, dessen Schule mir anvertraut worden war, hatte kontraktlich für Logis für mich zu sorgen. Er machte sich das leicht. Einer seiner Buchhalter besaß auch freies Logis, Stube mit Schlafstube. Er hatte bisher beides allein besessen; nun wurde ich zu ihm einquartiert; er musste mit mir teilen. Hierdurch verlor er seine Selbstständigkeit und seine Bequemlichkeit; ich genierte ihn an allen Ecken und Enden, und so lässt es sich gar / wohl begreifen, dass ich ihm nicht sonderlich willkommen war und ihm der Gedanke nahelag, sich auf irgendeine Weise von dieser Störung zu befreien. Im Übrigen kam ich ganz gut mit ihm aus. Ich war ihm möglichst gefällig und behandelte ihn, da ich sah, dass er das wünschte, als den eigentlichen Herrn des Logis. Das verpflichtete ihn zur Gegenfreundlichkeit. Die Gelegenheit hierzu fand sich sehr bald. Er hatte von seinen Eltern eine neue Taschenuhr bekommen. Seine alte, die er nun nicht mehr brauchte, hing unbenutzt an einem Nagel an der Wand. Sie hatte einen Wert von höchstens zwanzig Mark. Er bot sie mir zum Kauf an, weil ich keine besaß; ich lehnte aber ab, denn wenn ich mir einmal eine Uhr kaufte, so sollte es eine neue, bessere sein. Freilich stand dies noch in weitem Feld, weil ich zuvor meine Schulden abzuzahlen hatte. Da machte er selbst mir den Vorschlag, seine alte Uhr, wenn ich in die Schule müsse, zu mir zu stecken, da ich doch zur Pünktlichkeit verpflichtet sei. Ich ging darauf ein und war ihm dankbar dafür. In der ersten Zeit hängte ich die Uhr, sobald ich aus der Schule zurückkehrte, sofort an den Nagel zurück. Später unterblieb das zuweilen; ich behielt sie noch stundenlang in der Tasche, denn eine so auffällige Betonung, dass sie nicht mir gehöre, kam mir nicht gewissenhaft, sondern lächerlich vor. Schließlich nahm ich sie sogar auf Ausgängen mit und hängte sie erst am Abend, nach meiner Heimkehr, an Ort und Stelle. Ein wirklich freundschaftlicher oder gar herzlicher Umgang fand nicht zwischen uns statt. Er duldete mich nur notgedrungen und ließ es mich zuweilen absichtlich merken, dass ihm die Teilung seiner Wohnung nicht behage.


Königliches Seminar zu Waldenburg um 1850


Königliches Seminar zu Plauen um 1870


Abgangszeugnis vom 13.9.1861

Da kam Weihnacht40. Ich teilte ihm mit, dass ich die Feiertage bei den Eltern zubringen würde, und ver- / abschiedete mich von ihm, weil ich nach Schluss der Schule gleich abreisen wollte, ohne erst in die Wohnung zurückzukehren. Als die letzte Schulstunde vorüber war, fuhr ich nach Ernstthal, nur eine Bahnstunde lang, also gar nicht weit. Die Uhr zurückzulassen, daran hatte ich in meiner Ferienfreude nicht gedacht. Als ich bemerkte, dass sie sich in meiner Tasche befand, war mir das sehr gleichgültig. Ich war mir ja nicht der geringsten unlauteren Absicht bewusst. Dieser Abend bei den Eltern war so glücklich! Ich hatte die Schülerzeit hinter mir; ich besaß ein Amt; ich bekam Gehalt. Der Anfang zum Aufstieg war da. Morgen war Heiliger Abend. Wir begannen schon heute die Christbescherung vorzubereiten. Dabei sprach ich über meine Zukunft, über meine Ideale, die für mich alle im hellsten Weihnachtsglanz standen. Der Vater schwärmte mit. Die Mutter war stillglücklich. Großmutters alte, treue Augen strahlten. Als wir endlich zur Ruhe gegangen waren, lag ich noch lange Zeit wach im Bett und hielt Rechenschaft über mich. Meine innere Unklarheit wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst. Ich sah die Abgründe hinter mir gähnen, vor mir aber keinen mehr, denn mein Weg schien zwar schwer und mühevoll, aber völlig frei zu sein: Schriftsteller werden; Großes leisten, aber vorher Großes lernen! Alle inneren Fehler, welche die Folgen meiner verkehrten Erziehung waren, nach und nach hinauswerfen, damit Platz für Neues, Besseres, Richtigeres, Edles werde! In diesen Gedanken schlief ich ein, und als ich früh erwachte, war der Vormittag schon fast vorüber, und ich musste nach dem Hohensteiner Christmarkt, um noch einige kleine Einkäufe zur Bescherung für die Schwestern zu machen. Dort traf ich einen Gendarm, der mich fragte, ob ich der Lehrer May sei. Als ich dies bejahte, forderte er / mich auf, mit ihm nach dem Rathaus zu kommen, zur Polizei, wo man eine Befragung für mich habe. Ich ging mit, vollständig ahnungslos. Ich wurde zunächst in die Wohnstube geführt, nicht in das Büro. Da saß eine Frau und nähte. Wessen Frau, darüber bitte ich, schweigen zu dürfen. Sie war eine gute Bekannte meiner Mutter, eine Schulkameradin von ihr, und sah mich mit angstvollen Augen an. Der Gendarm gebot mir, mich niederzusetzen, und ging für kurze Zeit hinaus, seine Meldung zu machen. Das benutzte die Frau, mich hastig zu fragen:

„Sie sind arretiert!41 Wissen Sie das?“

„Nein“, antwortete ich, tödlich erschrocken. „Warum?“

„Sie sollen Ihrem Mietkameraden seine Taschenuhr gestohlen haben! Wenn man sie bei Ihnen findet, bekommen Sie Gefängnis und werden als Lehrer abgesetzt!“

Mir flimmerten die Augen. Ich hatte das Gefühl, als habe mir jemand mit einer Keule über den Kopf geschlagen. Ich dachte an den gestrigen Abend, an meine Gedanken vor dem Einschlafen, und nun plötzlich Absetzung und Gefängnis!

„Aber die ist ja gar nicht gestohlen, sondern nur geborgt!“, stammelte ich, während ich sie aus der Tasche zog.

„Das glaubt man Ihnen nicht! Weg damit! Geben Sie sie ihm heimlich wieder, doch lassen Sie sie jetzt nicht sehen! Schnell, schnell!“

Meine Bestürzung war unbeschreiblich. Ein einziger klarer, ruhiger Gedanke hätte mich gerettet, aber er blieb aus. Ich brauchte die Uhr einfach nur vorzuzeigen und die Wahrheit zu sagen, so war alles gut; aber ich stand vor Schreck wie im Fieber und handelte wie im Fieber. / Die Uhr verschwand, nicht wieder in der Tasche, sondern im Anzug, wohin sie nicht gehörte, und kaum war dies geschehen, so kehrte der Gendarm zurück, um mich abzuholen. Mache ich es mit dem, was nun geschah, so kurz wie möglich! Ich beging den Wahnsinn, den Besitz der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man nach ihr suchte, gefunden42. So vernichtete mich also die Lüge, anstatt dass sie mich rettete; das tut sie ja immer; ich war ein – Dieb! Ich wurde nach Chemnitz vor den Untersuchungsrichter geschafft, brachte die Weihnachtsfeiertage anstatt bei den Eltern hinter Schloss und Riegel zu und wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Ob und womit ich mich verteidigt habe; ob ich zur Berufung, zur Appellation, zu irgendeinem Rechtsmittel, zu einem Gnadengesuch, zu einem Anwalt meine Zuflucht nahm, das weiß ich nicht zu sagen43. Jene Tage sind aus meinem Gedächtnis entschwunden, vollständig entschwunden. Ich möchte aus wichtigen psychologischen Gründen gern alles so offen und ausführlich wie möglich erzählen, kann das aber leider nicht, weil das alles infolge ganz eigenartiger, seelischer Zustände, über die ich im nächsten Kapitel zu berichten haben werde, aus meiner Erinnerung ausgestrichen ist. Ich weiß nur, dass ich mich vollständig verloren hatte und dass ich mich dann in der Pflege der Eltern und besonders der Großmutter wiederfand. Als ich mich mühsam erholt hatte und wieder kräftig genug auf den Beinen war, bin ich nach Altchemnitz gegangen, um mein beschädigtes Gedächtnis wieder aufzufrischen. Es war in Beziehung auf die Örtlichkeiten vergebens; ich erkannte nichts, weder die Fabrik, noch meine damalige Wohnung, noch irgendeine Stelle, an der ich ganz unbedingt gewesen war. Aber plötzlich stand er vor mir, mein Wohnungsgenosse, der Buchhalter. / Er kam mir auf der Straße entgegen und hielt den Schritt an, als wir uns erreichten. Den erkannte ich sofort, er mich auch, obgleich er versicherte, dass ich ganz anders aussehe als früher, so außerordentlich leidend. Er gab mir die Hand und bat mich, ihm zu verzeihen. So, wie es gekommen sei, das habe er keineswegs gewollt. Es tue ihm unendlich leid, mir meine Karriere verdorben zu haben! Ich sah ihn groß an. Mir meine Karriere verdorben? Hätte das überhaupt jemand gekonnt? Selbst wenn der Staat mich nicht mehr anstellen will, gibt es doch Privatstellen genug, die besser bezahlt werden als diejenigen des Staates. Und meine Absicht war es ja niemals gewesen, Volks- oder gar Fabrikschullehrer zu bleiben; ich hatte ganz anders geplant und plante das auch noch heute. Ich ließ den Mann mitten auf der Straße stehen und entfernte mich, ohne ihm einen Vorwurf zu machen.

Ja, ich ging fort, aber wohin?! Das ahnte ich damals nicht. Ich habe im letzten Verlauf dieser Darstellung gesagt, dass die Abgründe hinter mir lagen, vor mir aber keine, und dass ich die Absicht hegte, Großes zu leisten, vorher aber Großes zu lernen. Das Erstere war falsch. Die Abgründe lagen ganz im Gegenteil nicht hinter mir, sondern vor mir. Und das Große, was ich zu lernen und zu leisten hatte, war, in diese Abgründe zu stürzen, ohne zu zerschmettern, und jenseits frei hinaufzusteigen, ohne jemals wieder zurückzufallen. Dies ist die schwerste Aufgabe, die es für einen Sterblichen gibt, und ich glaube, ich habe sie gelöst. –

5. Im Abgrund
(1862–1874)

Ich komme nun zu der Zeit, die für mich und für jeden Menschenfreund die schrecklichste, für den Psychologen aber die interessanteste ist. Es liegt mir in der schreibenden Hand und in der Feder, der vorliegenden Darstellung jene psychologische oder gar kriminalpsychologische Färbung zu geben, die am besten geeignet wäre, das, was damals in mir vorgegangen ist, für den Fachmann begreiflich zu machen; aber ich schreibe hier nicht für den seelenkundigen Spezialisten, sondern für die Welt, in der meine Bücher gelesen werden, und habe mich also aller Versuche, Psychologie zu treiben, zu enthalten. Ich werde infolgedessen alle Fachausdrücke vermeiden und lieber einen bildlichen Ausdruck in Anwendung bringen als einen, der nicht allgemein verständlich ist.

Die im letzten Kapitel erwähnte Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht. Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder auf, doch nur äußerlich; innerlich blieb ich in dumpfer Betäubung liegen; wochenlang, ja monatelang. Dass es / gerade zur Weihnachtszeit geschehen war, hatte die Wirkung verdoppelt. Ob ich mich an einen Rechtsanwalt wendete, ob ich Berufung eingelegt, appelliert oder sonst irgendein Rechtsmittel ergriffen habe, das weiß ich nicht. Ich weiß nur noch, dass ich sechs Wochen lang44 in einer Zelle wohnte, zwei andere Männer mit mir. Sie waren Untersuchungsgefangene. Man schien mich also für ungefährlich zu halten, sonst hätte man mich nicht mit Personen zusammengesperrt, die noch nicht abgeurteilt waren. Der eine war ein Bankbeamter, der andere ein Hotelier. Weshalb sie in Untersuchungshaft saßen, das kümmerte mich nicht. Sie zeigten sich lieb zu mir und gaben sich Mühe, mich aus dem Zustand innerlicher Versteinerung, in dem ich mich befand, emporzuheben, doch vergeblich. Ich verließ die Zelle nach Beendigung meiner Haft mit derselben Empfindungslosigkeit, in der ich sie betreten hatte. Ich ging heim zu den Eltern.

Weder dem Vater, noch der Mutter, noch der Großmutter, noch den Schwestern fiel es ein, mir Vorwürfe zu machen. Und das war geradezu entsetzlich! Als ich damals in meinem kindlichen Unverstand nach Spanien wollte und Vater mich heimholte, hatte ich mir vorgenommen, ihn niemals wieder mit Ähnlichem zu betrüben, und es war so ganz anders und so viel schlimmer gekommen! Um meine Zukunft oder um eine Anstellung war es mir nicht; die hätte ich zu jeder Zeit erhalten können. Nun, da es so stand, handelte es sich für mich darum, nicht erst seitwärts abzuschweifen, sondern gleich jetzt und für immer in den Weg einzubiegen, an dessen anderem Ende die Ideale lagen, die ich seit meiner Knabenzeit im tiefsten Herzen trug. Schriftsteller werden, Dichter werden! Lernen, lernen, lernen! Am Großen, Schönen, Edlen mich emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeit! Die Welt / als Bühne kennenlernen und die Menschheit, die sich auf ihr bewegt! Und am Schluss dieses schweren, arbeitsreichen Lebens für die andere Bühne schreiben, für das Theater, um dort die Rätsel zu lösen, die mich schon seit frühester Kindheit umfangen hatten und die ich heute zwar fühlte, aber noch lange, lange, lange nicht begriff!

Dieser sich in mir vollziehende Gedanken- oder Willensvorgang sprach sich nicht etwa klar, kurz und bündig aus, o nein, denn es herrschte jetzt in mir das strikte Gegenteil von Klarheit; es war Nacht; es gab nur wenige freie Augenblicke, in denen ich weitersah, als gerade der heutige Tag mich sehen ließ. Diese Nacht war nicht ganz dunkel; sie hatte Dämmerlicht. Und sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auch auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank. Ich besaß die Fähigkeit zu jedem logischen Schluss, zur Lösung jeder mathematischen Aufgabe. Ich hatte den schärfsten Einblick in alles, was außer mir lag; aber sobald es sich mir näherte, um zu mir in Beziehung zu treten, hörte diese Einsicht auf. Ich war nicht im Stande, mich selbst zu betrachten, mich selbst zu verstehen, mich selbst zu führen und zu lenken. Nur zuweilen kam ein Augenblick, der mir die Fähigkeit brachte, zu wissen, was ich wollte, und dann wurde dieses Wollen festgehalten bis zum nächsten Augenblick. Es war ein Zustand, wie ich ihn noch bei keinem Menschen gesehen und in keinem Buch gelesen hatte. Und ich war mir dieses seelischen Zustandes geistig sehr wohl bewusst, besaß aber nicht die Macht, ihn zu ändern oder gar zu überwinden. Es bildete sich bei mir das Bewusstsein heraus, dass ich kein Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persönlichkeit, ganz dem neuen Lehrsatz entsprechend, nicht Einzelwesen, sondern Drama ist der Mensch. In diesem Drama gab / es verschiedene handelnde Persönlichkeiten, die sich bald gar nicht, bald aber auch sehr genau voneinander unterschieden.

Da war zunächst ich selbst, nämlich ich, der ich das alles beobachtete. Aber wer dieses Ich eigentlich war und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es besaß große Ähnlichkeit mit meinem Vater und hatte alle seine Fehler. Ein zweites Wesen in mir stand stets nur in der Ferne. Es glich einer Fee, einem Engel, einer jener reinen, beglückenden Gestalten aus Großmutters Märchenbuch. Es mahnte; es warnte. Es lächelte, wenn ich gehorchte, und es trauerte, wenn ich ungehorsam war. Die dritte, natürlich nicht körperliche, sondern seelische Gestalt, war mir direkt widerlich. Fatal, hässlich, höhnisch, abstoßend, stets finster und drohend; anders habe ich sie nie gesehen und anders habe ich sie nie gehört. Denn ich sah sie nicht nur, sondern ich hörte sie auch; sie sprach. Sie sprach oft ganze Tage und ganze Nächte lang in einem fort zu mir. Und sie wollte nie das Gute, sondern stets nur das, was bös und ungesetzlich war. Sie war mir neu; ich hatte sie nie gesehen, sondern sah sie erst jetzt, seit ich innerlich gespalten war. Aber wenn sie einmal still war und ich darum Zeit fand, sie unbemerkt und aufmerksam zu betrachten, dann kam sie mir so vertraut und so bekannt vor, als ob ich sie schon tausendmal gesehen hätte. Dann wechselte ihre Gestalt, und es wechselte auch ihr Gesicht. Bald stammte sie aus Batzendorf, bald aus dem Kegelschub oder aus der Lügenschmiede. Heute sah sie aus wie Rinaldo Rinaldini, morgen wie der Raubritter Kuno von der Eulenburg und übermorgen wie der fromme Seminardirektor, als er vor meinem Talgpapier stand.

Diese inneren Beobachtungen machte ich nicht mit / einem Mal, sondern nach und nach. Es vergingen viele, viele Monate, bis sie sich in mir so weit entwickelt hatten, dass ich sie mit dem geistigen Auge fassen und durch das Gedächtnis festhalten konnte. Und da begann ich zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte. Was sich in jedem Menschen vollzieht, ohne dass er es bemerkt oder auch nur ahnt, das vollzog sich in mir, während ich es sah und hörte. War dies ein Vorzug, eine Gottesgnade? Oder war ich verrückt? Dann aber jedenfalls nicht geistig, sondern seelisch verrückt, denn ich machte diese Beobachtungen mit einer Objektivität und Kaltblütigkeit, als ob es sich nicht um mich selbst, sondern um einen ganz anderen, mir vollständig fremden Menschen handle. Und ich lebte das gewöhnliche, alltägliche Leben ganz so, wie jede gesunde Person es lebt, die von derartigen psychologischen Vorgängen nicht angefochten wird. Es kehrte mir die Kraft und der Wille zum Leben zurück. Ich arbeitete. Ich gab Unterricht in Musik und fremden Sprachen. Ich dichtete; ich komponierte. Ich bildete mir eine kleine Instrumentalkapelle, um das, was ich komponierte, einzuüben und aufzuführen. Es leben noch heute Mitglieder dieser Kapelle. Ich wurde Direktor eines Gesangvereins, mit dem ich öffentliche Konzerte gab, trotz meiner Jugend45. Und ich begann zu schriftstellern. Ich schrieb erst Humoresken, dann ‚Erzgebirgische Dorfgeschichten‘. Ich hatte nicht die geringste Not, Verleger zu finden. Gute, packende Humoresken sind äußerst selten und werden hoch bezahlt. Die meinigen gingen aus einer Zeitung in die andere. Es war eine Freude, zu sehen, wie sich das so vortrefflich entwickelte. Aber diese Freude wurde in der grausamsten Weise durch eine andere Entwicklung vergällt, die sich zu gleicher Zeit und dem konform in meinem Innern vollzog. Die Spaltung dort griff weiter um sich. Jede / Empfindung, jedes Gefühl schien Form annehmen zu wollen. Es wimmelte von Gestalten in mir, die mitsorgen, mitarbeiten, mitschaffen, mitdichten und mitkomponieren wollten. Und jede dieser Gestalten sprach; ich musste sie hören. Es war zum Wahnsinnigwerden! Wie es früher außer mir selbst nur zwei Gestalten gegeben hatte, die helle und die dunkle, so jetzt außer mir zwei Gruppen. Und je länger es dauerte, dass sie sich voneinander unterschieden, umso deutlicher erkannte ich sie. Es kämpften da zwei andere feindliche Heerlager gegeneinander: Großmutters helle, lichte Bibel- und Märchengestalten gegen die schmutzigen Dämonen jener unglückseligen Hohensteiner Leihbibliothek. Ardistan gegen Dschinnistan. Die übererbten Gedanken des Sumpfes, in dem ich geboren wurde, gegen die beglückenden Ideen des Hochlandes, nach dem ich strebte. Die Miasmen einer vergifteten Kinder- und Jugendzeit gegen die reinen, beseligenden Wünsche und Hoffnungen, mit denen ich in die Zukunft schaute, die Lüge gegen die Wahrheit, das Laster gegen die Tugend, die eingeborene menschliche Bestie gegen die Wiedergeburt, nach der jeder Sterbliche zu streben hat, um zum Edelmenschen zu werden.

Solche inneren Kämpfe hat jeder denkende Mensch, der vorwärtsstrebt, durchzumachen. Bei ihm sind es Gedanken und Empfindungen, die gegeneinander streiten. Bei mir aber hatten diese Gedanken und Regungen sich zu sichtbaren und hörbaren Gestalten verdichtet. Ich sah sie bei geschlossenen Augen, und ich hörte sie bei Tag und bei Nacht; sie störten mich aus der Arbeit; sie weckten mich aus dem Schlaf. Die dunklen waren mächtiger als die hellen; gegen ihre Zudringlichkeit gab es keinen Widerstand. In gewöhnlichen Stunden herrschte Ruhe in mir; da gab es keinen Konflikt. Sobald ich aber zu / arbeiten begann, erwachte Gestalt um Gestalt. Eine jede wollte die Arbeit so, wie sie es wünschte. Auch kam es sehr auf das Thema an, das ich behandelte. Gegen eine lustige Humoreske hatte niemand etwas. Die konnte ich ohne Streit und Störung vollenden. Bei einer ernsten Dorfgeschichte aber erhoben sich zahlreiche Stimmen für und gegen mich. In diesen Dorfgeschichten wies ich regelmäßig nach, dass Gott nicht mit sich spotten lässt, sondern genauso straft, wie man sündigt. Hiergegen empörten sich gewisse Gestalten in mir. Den größten Widerstand aber fand ich, sobald ich in meinen Arbeiten oder meiner Lektüre noch höhere Linien bestieg. Wenn ich mir ein religiös oder ethisch oder ästhetisch hohes Thema stellte, empörte sich die dunkle Gestalt in mir mit aller Macht dagegen und bereitete mir Qualen, die ganz unaussprechlich sind. Um zu zeigen, in welcher Weise das vor sich ging und was für Qualen das waren, will ich ein erläuterndes Beispiel bringen: Ich hatte den Auftrag erhalten, eine Parodie auf ‚Des Sängers Fluch‘ von Uhland zu schreiben. Ich tat es. Die Parodie bekam den Titel ‚Des Schneiders Fluch‘. Ein Schneider verfluchte einen Schuster, sein baufälliges Häuschen und winziges Gärtchen, in dem nur zwei Stachelbeerbüsche standen.

Bei der Verfluchung des Häuschens kam es zu folgenden Zeilen:

„Die Hypotheken lauern

schon heut auf euern Sturz.

Ich hört’s, verruchte Mauern,

ich mach’ es mit euch kurz!“

Diese Parodie dichtete ich, ohne innerlich dabei gestört zu sein. Gegen so niedrige Sachen gab es nicht die geringste Empörung in mir. Nur die lichte Gestalt verschwand; sie trauerte, denn mein Können reichte zu Besserem und / Edlerem aus.

Einige Zeit später hatte ich ein Lehrgedicht zu schreiben, von dem mir jetzt nur noch folgende Strophen gegenwärtig sind:

„Wenn ihr erst selbst das Wort verstanden,

das euer Heiland euch gelehrt,

und es in euren eig’nen Landen

befolgt und mit Gehorsam ehrt,

dann einet sich zu einem Strome

die Menschheit all von nah und fern

und kniet anbetend in dem Dome

der Schöpfung vor dem einen Herrn.

Dann wird der Glaube triumphieren,

der einen Gott und Vater kennt;

die Namen sinken, und es führen

die Wege all zum Firmament.“

Kaum hatte ich mich hingesetzt, um die Disposition zu diesem hochstrebenden Gedicht niederzuschreiben, so trat eine seltene Klarheit in mir ein, ich sah das frohe Lächeln der lichten Gestalt, und hundert schöne, edle Gedanken eilten herbei, um von mir aufgenommen zu werden. Ich griff zur Feder. Da aber war es plötzlich, als ob ein schwarzer Vorhang in mir niederfalle. Die Klarheit war vorüber, die lichte Gestalt verschwand; die dunkle tauchte auf, höhnisch, lachend und überall, durch mein ganzes inneres Wesen, erscholl es wie mit hundert Stimmen „des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch!“ So klang es stunden- und stundenlang in mir fort, endlos, unaufhörlich und ohne die geringste Pause, nicht etwa nur in der Einbildung, sondern wirklich, wirklich. Es war, als ob diese Stimmen nicht in mir, sondern gerade vor meinem äußeren Ohr ertönten. Ich gab mir alle Mühe, sie zum Schweigen zu bringen, doch war das, solange ich die Feder in der Hand hielt und / zum Schreiben sitzen blieb, vergeblich. Auch als ich aufstand, klangen sie fort, und nur als mir der Gedanke kam, auf das Lehrgedicht zu verzichten, trat augenblicklich Schweigen ein. Da ich aber mein Versprechen, es anzufertigen, halten musste, so griff ich bald wieder zur Feder. Sofort erklang der Stimmenchor von Neuem „des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch!“, und als ich trotzdem alle meine Gedanken auf meine Aufgabe konzentrierte, kamen die lautgebrüllten Sätze hinzu „die Hypotheken lauern, die Hypotheken lauern; ihr hört’s, verruchte Mauern, ihr hört’s verruchte Mauern!“ Das ging den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch und auch dann noch immer weiter. Kein anderer Mensch sah und hörte es; niemand ahnte, was und wie furchtbar ich litt. Jeder andere hätte das als Wahnsinn bezeichnet, ich aber nicht. Ich blieb kaltblütig und beobachtete mich. Ich setzte es trotz aller Gegenwehr durch, dass mein Gedicht zur vereinbarten Zeit fertig wurde. Aber derartige Siege hatte ich immer sehr teuer zu bezahlen; ich brach dann innerlich zusammen.

Leider erstreckte sich diese gewalttätige Verhinderung meiner guten Vorsätze nicht nur auf meine Studien und Arbeiten, sondern noch viel mehr und ganz besonders auch auf meine Lebensführung, auf mein alltägliches Tun. Es war, als ob ich aus jener Zelle, in der ich sechs Wochen lang eingekerkert gewesen war, eine ganze Menge unsichtbarer Verbrecherexistenzen mit heimgebracht hätte, die es nun als ihre Aufgabe betrachteten, sich bei mir einzunisten und mich ihnen gleichgesinnt zu machen. Ich sah sie nicht, ich sah nur die finstere, höhnische Hauptgestalt aus dem heimatlichen Sumpf und den Hohensteiner Schundromanen; aber sie sprachen auf mich ein; sie beeinflussten mich. Und wenn ich mich dagegen sträubte, / so wurden sie lauter, um mich zu betäuben und so zu ermüden, dass ich die Kraft zum Widerstand verlor. Die Hauptsache war, dass ich mich rächen sollte, rächen an dem Eigentümer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, nur um mich aus seiner Wohnung loszuwerden, rächen an der Polizei, rächen an dem Richter, rächen am Staat, an der Menschheit, überhaupt an jedermann! Ich war ein Mustermensch, weiß, rein und unschuldig wie ein Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft, um mein Lebensglück. Wodurch? Dadurch, dass ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, nämlich ein Verbrecher.

Das war es, was die Versucher in meinem Innern von mir forderten. Ich wehrte mich, so gut ich’s konnte, soweit meine Kräfte reichten. Ich gab allem, was ich damals schrieb, besonders meinen Dorfgeschichten, eine ethische, eine streng gesetzliche, eine königstreue Tendenz. Das tat ich, nicht nur anderen, sondern auch mir selbst zur Stütze. Aber wie schwer, wie unendlich schwer ist mir das geworden! Wenn ich nicht tat, was diese lauten Stimmen in mir verlangten, wurde ich von ihnen mit Hohngelächter, mit Flüchen und Verwünschungen überschüttet, nicht nur stundenlang, sondern halbe Tage und ganze Nächte lang. Ich bin, um diesen Stimmen zu entgehen, aus dem Bett gesprungen und hinaus in den Regen und das Schneegestöber gelaufen. Es hat mich fortgetrieben, wie weit, wie weit! Ich bin aus der Heimat fort, um mich zu retten, kein Mensch wusste, wohin, doch es zog mich wieder und immer wieder zurück. Niemand erfuhr, was in mir vorging und wie un- oder gar übermenschlich ich kämpfte, weder Vater noch Mutter noch Großmutter noch eine der Schwestern. Und noch viel weniger ein anderer, ein fremder Mensch; man hätte mich / ja doch nicht verstanden, sondern mich einfach für übergeschnappt erklärt. Ob irgendjemand an meiner Stelle das ausgehalten hätte, das weiß ich nicht, ich glaube es aber kaum. Ich war sowohl körperlich als auch geistig ein kräftiger, sogar ein sehr kräftiger Mensch, aber ich wurde dennoch müder und müder. Es kamen zunächst Tage, dann aber ganze Wochen, in denen es vollständig dunkel in mir wurde; da wusste ich kaum oder oft auch gar nicht, was ich tat. In solchen Zeiten war die lichte Gestalt in mir vollständig verschwunden. Das dunkle Wesen führte mich an der Hand. Es ging immerfort am Abgrund hin. Bald sollte ich dies, bald jenes tun, was doch verboten war. Ich wehrte mich zuletzt nur noch wie im Traum. Hätte ich den Eltern oder doch wenigstens der Großmutter gesagt, wie es um mich stand, so wäre der tiefe Sturz, dem ich entgegentrieb, gewisslich unterblieben. Und er kam, nicht daheim in der Heimat, sondern in Leipzig, wohin mich eine Theaterangelegenheit führte. Dort habe ich, der ich gar nichts Derartiges brauchte, Rauchwaren46 gekauft und bin mit ihnen verschwunden, ohne zu bezahlen. Wie ich es angefangen habe, dies fertigzubringen, das kann ich nicht mehr sagen; ich habe es wahrscheinlich auch schon damals nicht gewusst. Denn für mich ist es sicher und gewiss, dass ich ganz unmöglich bei klarem Bewusstsein gehandelt haben kann.47 Ich weiß von der darauffolgenden Gerichtsverhandlung48 gar nichts mehr, weder im Einzelnen noch im Ganzen. Ich kann mich auch nicht auf den Wortlaut des Urteils besinnen. Ich habe bis jetzt geglaubt, dass die Strafe vier Jahre Gefängnis betragen habe; nach dem aber, was jetzt hierüber in den Zeitungen steht49, ist es noch ein Monat darüber gewesen. Doch das ist Nebensache. Hauptsache ist, dass der Abgrund nicht vergeblich für mich offengestanden hatte. / Ich war hinabgestürzt; ich wurde in das Landesgefängnis Zwickau eingeliefert.50

Ehe ich mich über diese meine Detention verbreite, habe ich mich gegen einige Vorurteile und falsche Anschauungen zu wenden, die sich gegen alles, was mit dem Strafvollzug zusammenhängt, richten und mit denen nun doch endlich einmal aufgeräumt werden sollte. Ich habe manchen gebildeten Mitgefangenen in begreiflicher, aber unberechtigter Erbitterung drohen hören, dass er nach seiner Entlassung ein Buch über seine Gefangenschaft schreiben werde, um die ebenso schweren wie unzähligen Mängel unserer Rechtspflege und unseres Strafvollzugs aufzudecken. Ein verständiger Mann lächelt über solche Drohungen, die zwar ausgesprochen, aber nur höchst selten ausgeführt werden. Jeder entlassene Gefangene, der Ehrgefühl besitzt, ist froh, die Zeit der Strafe hinter sich zu haben. Es fällt ihm nicht ein, das, was bisher doch nur wenige wussten, nun, da es überstanden ist, an die volle Öffentlichkeit zu bringen. Er schweigt also. Und das ist gut, weil sein Buch, wenn er es schriebe, gewiss beweisen würde, dass unter tausend Gefangenen kaum einer ist, der über sich und seine Bestrafung unbefangen und sachgemäß zu urteilen vermag. Ich aber glaube, mich zu dieser Sachlichkeit und Unbefangenheit emporgearbeitet zu haben; ich halte mein Urteil für wohlerwogen und richtig und fühle mich verpflichtet, hier folgende Punkte festzustellen:

Die Zeiten, in denen die Gefängnisse als ‚Verbrecherschulen‘ bezeichnet werden durften, sind längst vorüber. In unseren Strafanstalten geht es nicht weniger moralisch und nicht weniger human als in der Freiheit zu. Das, was man einst als ‚Verbrecherwelt‘ brandmarkte, gibt es nicht mehr. Die Bewohnerschaft der / heutigen Strafhäuser rekrutiert sich aus allen Ständen des Volkes. Sie setzt sich in Beziehung auf Beruf und Intelligenz aus denselben Prozentsätzen zusammen wie die der ‚Unbestraften‘.

An der Tat des Einzelnen ist auch die Gesamtheit schuld. Sie hat ihn um ihrer selbst willen zu ‚ent‘-schuldigen.

Der deutsche Richterstand ist sich der Wahrheit dieses Satzes wohl bewusst. Ich habe keinen einzigen Richter kennengelernt, auch unter denen, welche gegen mich entschieden, dem ich einen Vorwurf machen könnte. Die zahlreichen Prozesse, zu denen meine Gegner mich förmlich zwingen, geben mir reichliche Gelegenheit, Erfahrungen zu machen, und ich muss sagen, dass ich alle diese Herren, sowohl Straf- als auch Zivilrichter, nur hochachten kann. Ich habe sogar den Fall erlebt, dass ein Dresdener Richter mir Recht gab, obwohl alle seine Verwandten und Bekannten gegen mich waren und ihn in diesem Sinne zu beeinflussen suchten. Welche Genugtuung und welch ein Vertrauen zu dem ganzen Richterstand dies erweckt, das weiß nur der, der Gleiches wie ich erlebte.

In Beziehung auf den Strafvollzug kann ich dasselbe aussprechen. Ich habe während meiner Gefangenschaft nicht einen einzigen Oberbeamten oder Aufseher kennengelernt, der mir in Beziehung auf Gerechtigkeit und Humanität Grund zu irgendeinem Tadel gegeben hätte. Ich behaupte sogar, dass die Aufseher die Strenge des Dienstes viel stärker empfinden als der Gefangene selbst. Ich habe Hunderte von Malen eine Güte, eine Geduld und Langmut bewundert, die mir selbst unmöglich gewesen wäre. Das Gefängnis ist kein Konzerthaus und kein Tanzsalon, sondern eine sehr, sehr ernste Stätte, in welcher der Mensch zur Erkenntnis seiner selbst zu kommen / hat. Der Häftling, der so verständig ist, sich dies zu sagen, wird niemals Grund zur Klage, sondern alle mögliche Hilfe finden, das, was ihm vorzuwerfen war, vergessen zu machen. Es gab Beamte, die ich herzlich lieb gewann, und ich bin vollständig überzeugt, dass ihre Erwiderung dieser meiner Zuneigung nicht etwa nur vorgetäuscht, sondern ehrlich und aufrichtig war.

Wenn die Erfolge unserer Rechtsprechung und unseres Strafvollzugs trotzdem nicht so sind, wie wir sie uns wünschen, so tragen wahrlich nicht die Richter und auch nicht die Strafanstaltsbeamten die Schuld, sondern die Ursachen sind ganz anderswo zu suchen, nämlich in der Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung, in der törichten Selbstgerechtigkeit des lieben Nächsten, in gewissen, allzu tief eingefressenen Vorurteilen und nicht zum Geringsten auch in unserer sogenannten, hochgepriesenen ‚Kriminalpsychologie‘, an die nur gewisse Fachleute glauben, nicht aber der wirkliche Menschenkenner und noch viel weniger der, um den es sich hier eigentlich handelt, nämlich der sogenannte – Verbrecher.

Dies sind die Quellen, aus denen immer wieder neue Straftaten und neue Rückfälle fließen, obgleich doch sonst alles Mögliche geschieht, diese trüben Wasser einzudämmen und nach und nach zum Versiegen zu bringen. Soll ich sie mit Beispielen belegen und damit sogleich bei der letzten, der ‚Kriminalpsychologie‘ beginnen, so liegen vor mir mehrere Werke dieses hochinteressanten, äußerst strittigen Faches aufgeschlagen, deren Inhalt von Beweisen dessen, was ich behaupte, geradezu wimmelt. Einer der Herren Verfasser, ein bekannter Staatsanwalt, zeichnet sich durch seine zahlreichen Versuche aus, die Gesetzgebung und den Strafvollzug in mildere, humanere Bahnen zu lenken. Er hat sich dadurch einen Namen gemacht. Er / wird, wann und wo es sich um diese Humanisierung handelt, oft genannt und würde ein Segen auf diesem Gebiet sein, wenn er nicht als Kriminalpsychologe das wieder zerstörte, was er als Vorkämpfer der Humanität aufzubauen strebt. Ich nenne auch hier keinen Namen, denn es kommt mir nicht auf die Person, sondern auf die Sache an. Als Menschenfreund im höchsten Grade beachtenswert, kann er als ‚Seelenforscher‘ in fast noch höherem Grade unbedachtsam und grausam sein. Indem er seine öffentlichen Behauptungen mit Beweisen zu belegen versucht, lässt er sich so weit hinreißen, Personen, die vor dreißig und noch mehr Jahren bestraft worden sind, nun aber sich in mühsam errungener, öffentlicher Stellung befinden, mit in seine ‚psychiatrischen‘ Betrachtungen zu ziehen und sie in seinen Schriften derart kenntlich zu machen, dass jedermann weiß, wen er meint51. Von einem Rechtsanwalt hierüber zur Rede gestellt, antwortete er, dass er als Wissenschaftler hierzu berechtigt sei; es gebe einen Paragrafen, der ihm das erlaube. Ich unterlasse es, kritische Bemerkungen hieran zu knüpfen. Aber selbst wenn es wahr wäre, dass es einen solchen Paragrafen gibt, wer zwingt den Herrn Staatsanwalt, einem derartigen Paragrafen zuliebe gegen seine eigene, sonstige Humanität zu handeln und Menschen, die ihm nie etwas zu Leide taten und deren Schutz ihm als dem Vertreter des Staats obzuliegen hatte, bei lebendigem Leibe mit dem Messer zu zerschneiden? Falls dieser Paragraf in Wirklichkeit vorhanden ist, so wird es für den Reichstag höchste Zeit, ihn einer ernsten Prüfung zu unterwerfen. Wenn jeder einstige Strafgefangene, mag er sich noch so hoch emporgearbeitet haben, durch das Gesetz gezwungen ist, es sich gefallen zu lassen, dass die Herren Kriminalpsychologen ihn öffentlich an den wissen- / schaftlichen Pranger stellen, so darf man sich gewiss nicht darüber wundern, dass sich in der Kriminalität keine Neigung zur Besserung zeigt. Ich werde im Verlauf meiner Darstellungen auf diesen Punkt zurückkommen müssen.

Was die Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung betrifft, so brauche ich hier nur auf die völlige Schutzlosigkeit der Vorbestraften gewissen Rechtsanwälten gegenüber hinzuweisen. Der größte Schurke kann durch seinen Anwalt in den Besitz der diskreten Akten dessen gelangen, den er verderben will; das wird dann veröffentlicht, und der arme Teufel ist verloren! A. ist ein Schuft; B. ist ein Ehrenmann, aber leider vorbestraft. A. hat die Absicht, B. zu vernichten. Er braucht ihn bloß zu beleidigen und sich von ihm verklagen zu lassen. Er verlangt dann als Beschuldigter, dass die Strafakten des Klägers vorgelegt werden. Das geschieht. Sie werden in öffentlicher Verhandlung vorgelesen. A. bekommt zehn Mark Beleidigungsstrafe; B. aber ist in die frühere Verachtung und in das frühere Elend zurückgeworfen und wird nun darauf schwören, dass für den einmal Bestraften alle Vorsätze, sich zu ‚bessern‘, nutzlos sind. Wenn er nun rückfällig wird, ist es gewiss kein Wunder. Es gibt leider nicht wenige Rechtsanwälte, die ganz ohne Bedenken zu dem höchst unfairen Mittel greifen, die Prozesse, die in sachlicher Weise nicht zu gewinnen sind, in persönlich gehässiger, rücksichtsloser Weise zu führen. Auch ich selbst habe es mit solchen Gegnern zu tun gehabt, aber immer gesehen, dass unsere Richter sich durch derartigen Schmutz niemals beeinflussen lassen. Ich bin überzeugt, dass gerade diese Herren es mit Freuden begrüßen würden, wenn endlich jene gesetzlichen Bestimmungen in Wegfall kämen, durch die es, wie bereits gesagt, jedem Schurken ermöglicht ist, längst Vergangenes und längst Gesühntes / wieder aufzudecken. Dann würde die bedeutende Zahl der sogenannten Erbitterungsrückfälle wohl bald auch in Wegfall kommen.

Dass ich die törichte Selbstgerechtigkeit des ‚lieben Nächsten‘ anführte, geschah mit vollstem Recht. Sie ist und bleibt die Hauptursache der Missstände, die hier zu besprechen sind. Ich will keineswegs behaupten, dass dies auf einem ethischen Mangel beruhe. Ich meine vielmehr, es liegen alte Vorurteile vor, die sich so tief eingefressen haben, dass man sie gar nicht mehr als Vorurteile erkennt, sondern für Wahrheiten hält, an denen niemand zu rütteln vermag. Der ‚Verbrecher‘ war einst vogelfrei; er ist es auch noch heute. Ein jeder hackt auf ihn ein; ist es nicht offen, so geschieht es doch heimlich. Er suche Arbeit, er suche Hilfe, er suche Recht, so wird er jedem anderen nachgesetzt. Es gibt im Leben hundert und aberhundert Punkte, von denen aus er als minderwertiger Mensch betrachtet und behandelt wird, und es bedarf von seiner Seite einer ungewöhnlichen Seelenruhe und einer seltenen Willenskraft, dies immer wieder und immer wieder zu ertragen, ohne sich auf die alte Bahn zurückwerfen zu lassen. Die größte Gefahr für ihn liegt darin, dass ihm von dem lieben Nächsten das Ehrgefühl nach und nach abgestumpft oder gar getötet wird. Lässt er es so weit kommen, so ist er verloren, und die Kriminalität gibt ihr entweder erbittertes oder vollständig gleichgültig gewordenes Opfer nie wieder her. Dies wird und kann gar nicht anders werden, solange an dem alten, ebenso unsinnigen wie grausamen Vorurteil festgehalten wird, dass jeder bestrafte Mensch für die ganze Zeit seines Lebens als ‚Verbrecher‘ zu betrachten sei. Kürzlich kam in Charlottenburg der Fall vor, dass jemand, der vor über vierzig Jahren bestraft worden war, sich seitdem / aber gut geführt hatte, von einem übelwollenden Menschen als ‚geborener Verbrecher‘ bezeichnet wurde. Der Beleidigte verklagte den Beleidiger, doch dieser wurde freigesprochen. Heißt das nicht, einen armen Menschen, der sich mit äußerster Willenskraft aus dem Abgrund emporgearbeitet und vierzig Jahre lang oben bewährt hat, mit brutaler Gewalt wieder hinunterwerfen52?

Da unten lag auch ich. Indem ich hierüber weiter berichte, ist es keineswegs meine Absicht, dies in der Weise zu tun, wie aufregungsbedürftige, sensationslüsterne Leser es wünschen. Es ist mehr als genug, wenn man solche Dinge nur einmal erlebt. Ist man gezwungen, sie zum zweiten Mal zu erleben, indem man sie für andere niederschreibt, so besitzt man gewiss die Berechtigung, sich so kurz wie möglich zu fassen. Von dieser Berechtigung mache ich hiermit Gebrauch.

Ich fand bei meiner Einlieferung in die Strafanstalt53 eine ernste, aber keineswegs verletzende Aufnahme. Wer höflich ist, sich den Hausgesetzen fügt und nicht dummerweise immerfort seine Unschuld beteuert, wird nie über Härte zu klagen haben. Was die Beschäftigung betrifft, die man für mich auswählte, so wurde ich der Schreibstube zugeteilt. Man kann hieraus ersehen, wie fürsorglich die Verhältnisse der Gefangenen von der Direktion berücksichtigt werden. Leider aber hatte diese Fürsorge in meinem Fall nicht den erwarteten Erfolg. Nämlich ich versagte als Schreiber so vollständig, dass ich als unbrauchbar befunden wurde. Ich hatte als Neueingetretener das Leichteste zu tun, was es gab; aber auch das brachte ich nicht fertig. Das fiel auf. Man sagte sich, dass es mit mir eine ganz besondere Bewandtnis haben müsse, denn schreiben musste ich doch können! Ich wurde Gegenstand besonderer Beachtung. Man gab mir andere Arbeit, / und zwar die anständigste Handarbeit, die man hatte. Ich kam in den Saal der Portefeuillearbeiter und wurde Mitglied einer Riege, in welcher feine Geld- und Zigarrentaschen gefertigt wurden. Diese Riege bestand mit mir aus vier Personen, nämlich einem Kaufmann aus Prag, einem Lehrer aus Leipzig, und was der Vierte war, das konnte ich nicht erfahren; er sprach niemals davon. Diese drei Mitarbeiter waren liebe, gute Menschen. Sie arbeiteten schon seit längerer Zeit zusammen, standen bei den Vorgesetzten in gutem Ansehen und gaben sich alle mögliche Mühe, mir die Lehrzeit und überhaupt die schwere Zeit so leicht wie möglich zu machen. Nie ist ein unschönes oder gar verbotenes Wort zwischen uns gefallen. Unser Arbeitssaal fasste siebzig bis achtzig Menschen. Ich habe unter ihnen nicht einen einzigen bemerkt, dessen Verhalten an die Behauptung erinnert hätte, dass das Gefängnis die hohe Schule der Verbrecher sei. Im Gegenteil! Jeder Einzelne war unausgesetzt bemüht, einen möglichst guten Eindruck auf seine Vorgesetzten und Mitgefangenen zu machen. Vom Schmieden schlimmer Pläne für die Zukunft habe ich während meiner ganzen Gefangenschaft niemals etwas gehört. Hätte irgendeiner gewagt, so etwas zu verlautbaren, so wäre er, wenn nicht angezeigt, so doch auf das Energischste zurückgewiesen worden.

Der Aufseher dieses Saals oder, wie es dort genannt wurde, dieser Visitation hieß Göhler. Ich nenne seinen Namen mit großer, aufrichtiger Dankbarkeit. Er hatte mich zu beobachten und kam, obwohl er von Psychologie nicht das Geringste verstand, nur infolge seiner Humanität und seiner reichen Erfahrung meinem inneren Wesen derart auf die Spur, dass seine Berichte über mich, wie sich später herausstellte, die Wahrheit fast erreichten. / Er hatte, wie wohl alle diese Aufseher, früher beim Militär gestanden, und zwar bei der Kapelle, als erster Pistonbläser. Darum war ihm das Musik- und Bläserkorps der Gefangenen anvertraut. Er gab des Sonntags in den Visitationen und Gefängnishöfen Konzerte, die er sehr gut dirigierte. Auch hatte er bei Kirchenmusik die Sänger mit seiner Instrumentalmusik zu begleiten. Leider aber besaßen weder er noch der Katechet, dem das Kirchenkorps unterstand, die nötigen theoretischen Kenntnisse, die Stücke, welche gegeben werden sollten, für die vorhandenen Kräfte umzuarbeiten oder, wie der fachmännische Ausdruck heißt, zu arrangieren. Darum hatten beide Herren schon längst nach einem Gefangenen gesucht, der diese Lücke auszufüllen vermochte; es war aber keiner vorhanden gewesen.

Jetzt nun kam Aufseher Göhler infolge seiner Beobachtung meines seelischen Zustands auf die Idee, mich in sein Bläserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Er fragte bei der Direktion an und bekam die Erlaubnis. Dann fragte er mich, und ich sagte ganz selbstverständlich auch nicht nein. Ich trat in die Kapelle ein. Es war gerade nur das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den Händen gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit. Der Aufseher freute sich darüber. Er freute sich noch mehr, als er erfuhr, dass ich Kompositionslehre getrieben habe und Musikstücke arrangieren könne. Er meldete das sofort dem Katecheten, und dieser nahm mich unter die Kirchensänger auf. Nun war ich also Mitglied sowohl des Bläser- als auch des Kirchenchors und beschäftigte mich damit, die vorhandenen Musikstücke durchzusehen und neue zu arrangieren. Die Konzerte und Aufführungen bekamen jetzt ein ganz anderes Gepräge. /

Ich muss erwähnen, dass diese musikalischen Arbeiten nur Nebenarbeiten waren. Ich wurde durch sie keineswegs von dem Arbeitspensum entbunden, das jeder Gefangene pro Tag zu liefern hat, wenn er vermeiden will, sich Unannehmlichkeiten auszusetzen. Dieses Pensum ist nicht zu hoch gestellt; ein jeder Arbeitswillige kann es liefern. Wer geschickt ist, der liefert es sogar in wenigen Stunden. Darum blieb mir reichlich genug Zeit für meine kompositorische Beschäftigung übrig, die ich nicht aufgab, auch als ich aus der Visitation der Portefeuillearbeiter versetzt worden war. Es wurde mir nämlich mein inniger Wunsch erfüllt, isoliert zu werden.

Ich hatte gleich bei meiner Einlieferung gebeten, eine Zelle für mich allein zu bekommen; die Erfüllung dieses Wunsches war aber nicht angängig gewesen. Erst nun, da man über mich zu einem psychologisch abgeschlossenen Resultat kam, wurde ich in das Isolierhaus versetzt und unmittelbar neben dem Arbeitsraum des Inspektors einquartiert. Er war ein hochgebildeter, sehr pflichtbewusster und humaner Herr, dessen besonderer Schreiber ich wurde. Das war eine Stelle, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte. Ich mache hier auf den psychologisch bedeutungsvollen Umstand aufmerksam, dass ich zur Zeit meiner Einlieferung vollständig unfähig gewesen war, Schreiber zu sein, nun aber für fähig gehalten wurde, eine Schreiberstelle zu bekleiden, die große geistige Um- und Einsicht erforderte und die höchste Vertrauensstelle war, die es in der ganzen Anstalt gab. Mein Inspektor war nämlich neben seiner Direktion des Isolierhauses noch beruflich schriftstellerisch tätig. Diese seine Tätigkeit bezog sich auf die besondere Statistik unserer Anstalt und auf das Wesen und die Aufgaben des Strafvollzugs überhaupt. Er schrieb die hierauf bezüglichen Berichte / und stand mit allen hervorragenden Männern des Strafvollzugs in lebhafter Korrespondenz. Meine Aufgabe war, die statistischen Ziffern zu ermitteln, sie auf ihre Zuverlässigkeit zu untersuchen, sie zusammenzustellen, zu vergleichen und dann die Resultate aus ihnen zu ziehen. Das war an und für sich eine sehr schwere, anstrengende und scheinbar langweilige Beschäftigung mit leblosem Ziffernwerk; aber diese Ziffern zu Gestalten zusammenzusetzen und diesen Gestalten Leben und Seele einzuhauchen, ihnen Sprache zu verleihen, das war im höchsten Grade interessant, und ich darf wohl sagen, dass ich da viel, sehr viel gelernt habe und dass mich diese Arbeiten in stiller, einsamer Zelle in Beziehung auf Menschheitspsychologie viel weiter vorwärtsgebracht haben, als ich ohne diese Gefangenschaft jemals gekommen wäre. Dass mir hierzu nur die besten und zuverlässigsten Unterlagen zu Gebote standen, versteht sich ganz von selbst. Es sind mir da ganz eigenartige Lichter aufgegangen. Ich habe da in die tiefsten Tiefen des Menschenlebens geschaut und Dinge gesehen, die andere niemals sehen werden, weil sie keine Augen dafür haben. Ich habe da erkannt, dass Großmutters Märchen die Wahrheit sagt, dass es ein Dschinnistan und ein Ardistan gibt, ein ethisches Hochland und ein ethisches Tiefland, und dass die Hauptbewegung, an der wir alle teilzunehmen haben, nicht von oben nach unten geht, sondern von unten nach oben, empor, empor zur Befreiung von der Sünde, hinauf, hinauf zur Edelmenschlichkeit. Diese Erkenntnis ist mir von größtem Segen gewesen; sie hat auch mich selbst befreit. Ich habe die in mir schreienden Stimmen, von denen ich weiter oben sprach, auch in der Zelle vernommen. Ich habe mit ihnen gekämpft und sie stets zum Schweigen gebracht. Sie kehrten zwar zurück; sie ließen / sich wieder hören, doch in immer längeren Zwischenräumen, bis ich endlich annehmen konnte, dass sie ganz und für immer stumm geworden seien.

Außerdem hatte ich die Bibliothek der Gefangenen zu verwalten, und auch die Bibliothek der Beamten stand mir offen. Die Werke der Letzteren bezogen sich nicht etwa nur auf Strafrecht und auf Strafvollzug, sondern es waren alle Wissenschaften vertreten. Ich habe diese köstlichen, inhaltsreichen Bücher nicht nur gelesen, sondern studiert und sehr viel daraus gewonnen. Und es waren nicht nur die Werke der Anstaltsbibliotheken, die mir zur Verfügung standen, sondern man zeigte sich auch gern bereit, mir Bücher von auswärts zugängig zu machen Es war mir ein unwiderstehliches Bedürfnis, die Ruhe und Ungestörtheit der Zelle so viel wie möglich für mein geistiges Vorwärtskommen auszunutzen, und die Beamten hatten ihre Freude daran, mir hierzu in jeder, den Anstaltsgesetzen nicht widersprechenden Weise behilflich zu sein. So verwandelte sich für mich die Strafzeit in eine Studienzeit, zu der mir größere Sammlung und größere Vertiefungsmöglichkeit geboten war, als ein Hochschüler jemals in der Freiheit findet. Ich werde über diesen großen, unschätzbaren Gewinn, den die Gefangenschaft mir brachte, noch fernerhin sprechen. Noch heute bin ich ganz besonders dankbar dafür, dass es mir nicht verboten war, mir fremdsprachige Grammatiken anzuschaffen und hierdurch den eigentlichen Grund zu meinen späteren Reisearbeiten zu legen, die aber bekanntlich gar keine Reisearbeiten sind, sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes Genre bilden sollen. Doch ist es für jetzt nicht meine Absicht, mich über diese meine Studien zu verbreiten, sondern ich habe mich hier allein und ganz besonders mit dem Umstand zu befassen, dass die mir an- / vertraute Verwaltung der Gefangenenbibliothek mir Gelegenheit zu höchst wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen gab, unter deren Einfluss meine schriftstellerische Tätigkeit sich zu dem gestaltete, was sie geworden ist.

Wenn ich behaupte, dass ich die literarischen Bedürfnisse oder sagen wir die Lesebedürfnisse der Volksseele kennenlernte, so bitte ich, diese Behauptung ernst zu nehmen. Man soll nicht sagen, dass jeder Volksbibliothekar und jeder Leihbibliothekar genau dieselben Erfahrungen machen könne, denn das ist nicht wahr. Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei dem Letzteren kann das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbedürfnis werden. Sein Wesen wendet sich, es kehrt sich um. Die äußere Persönlichkeit hat unter der Anstaltszucht ihre Geltung aufzugeben; die innere tritt hervor. Und diese ist es, die von dem Beamten, von der Anstaltserziehung erkannt und gepackt werden muss, wenn der menschlich große, humane Zweck der Strafe erreicht werden soll, moralische Erhebung und Festigung, Aussöhnung zwischen der Gesellschaft und dem sogenannten Verbrecher, die sich beide aneinander versündigten. Dieses Hervortreten der inneren Persönlichkeit ist in der Freiheit eine Ausnahme, in der Gefangenschaft aber die Regel. Der Gefangene hat während seiner Detention auf alle seine leiblichen Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine Nummer, die in den Büchern eingetragen wird und bei der man ihn auch nennt. Umso kräftiger, ja ungestümer tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich, ihre Rechte und Bedürfnisse geltend zu machen. Der Leib ist gezwungen, sich in die Gefängniskleidung und Gefängniskost zu fügen. Wehe, wenn man den Fehler / begeht, den gleichen Zwang auch auf die Seele ausüben zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus dem Gefängniskleid, und sie verlangt mit Heißhunger nach einer Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu befreien. Man glaube mir, kein Sträfling wünscht das Böse für sich; sie alle wünschen das Gute. Im tiefsten Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur körperlich, sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige Seele sich gut kleiden und gut nähren, nämlich gut im ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den sonntäglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen Besuchen der Anstaltsgeistlichen und anderen Beamten? Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefährten? Man beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei derartig gegebenen Verhältnissen nur die Bibliothek sein. Der Gefangene, der sich so führt, dass ihm das Lesen nicht verboten werden muss, bekommt pro Woche ein Buch. Der Inhalt bildet sieben Tage lang die seelische Kost für den nach Nahrung Schmachtenden. Er darf sich das Buch nicht wählen; er muss nehmen, was er bekommt. Was man ihm gibt, kann ihm zum Glück, kann ihm zum Unglück werden, kann ihm Belehrung oder Strafe sein, kann ihn zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht bringen, ihn aber auch empören und verhärten. Einer meiner Mitgefangenen, ein geistreicher Bankier, hatte ein Dreivierteljahr lang weiter nichts als alte ‚Frauendorfer Blätter‘ zu lesen bekommen, trockene Unterweisungen im Gartenbau, die ihn weder interessierten noch ihm irgendeinen Nutzen bringen konnten. Er trug es in steigender Erbitterung, bis ich die Bibliothek übernahm und ihm Passenderes gab. / Einen Schauspieler, der ein Feuerkopf war, hatten Jeremias Gotthelfs54 Erzählungen derart außer sich gebracht, dass er nahe daran stand, wegen Ungebühr bestraft zu werden. Das Letzte, was er hatte lesen müssen, hatte den Titel gehabt ‚Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen‘. Als ich ihm einen Band von Edmund Hoefer55 gab, war er so froh, als ob ich ihm ein Vermögen geschenkt hätte. Ein sozialdemokratischer Klempnermeister war einer langen Reihe von Erbauungsbüchern zum Opfer gefallen. Er schwor mir wütend zu, dass es schon um dieser Bücher willen keinen Herrgott geben könne. Er habe nur aus bitterer Not Bankrott gemacht; die Verfasser und Herausgeber dieser Schriften aber seien aus Selbstgerechtigkeit und Übermut bankrott und verdienten wenigstens dieselbe Gefängnisstrafe wie er.

Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich zunächst meine Bibliothek und sodann auch die Bedürfnisse ihrer Leser kennenzulernen hatte. Das war mit ernsten und schwierigen psychologischen Erwägungen verbunden und führte zu dem betrübenden Schlussresultat, dass eigentlich solche Bücher, wie wir sie brauchten, nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht nur in unserer Gefängnisbibliothek, sie fehlten auch überhaupt in der gesamten Literatur.

Ich dachte an meine Knabenzeit, an die Traktätchen, die ich da gelesen, und an den Schund, der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich verglich. Da dämmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind nur die Bewohner der Strafanstalten der Freiheit beraubt? Ist nicht eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu fühlbar vorhanden sind? Ist es nur für die Bewohner der Strafanstalten der Leib, der gebändigt werden muss, damit / der höhere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur Geltung kommen möge? Muss nicht überhaupt bei allen Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit gewinnende Seele sich zum höchsten irdischen Ideal, zur Edelmenschlichkeit, erheben kann? Und sind es nicht die Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher Tiefe zu solcher Höhe führen sollen? Die Literatur, der auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene, mit angehöre!

Auf diesem Gedankenpfad weitergehend, gelangte ich zu Betrachtungen und Schlüssen, die scheinbar höchst seltsam, im Grunde genommen aber ganz natürlich waren. Es wurde zwischen meinen vier engen Wänden hell; sie weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich, und endlich erkannte ich die zwar verborgenen, aber doch innigen Zusammenhänge zwischen dem Kleinsten und dem Größten, dem Körperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben, alten Märchen meiner Großmutter in ihrer tiefen Bedeutung zu begreifen. Ich lag nächtelang wach und dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten, verachteten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der Menschheitsqual, bei der Treberkost des Verlorenen Sohnes unserer biblischen Geschichte. Meine Fantasie begann, das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es zu ergreifen / und festhalten zu können. Es wohnte und lebte in mir. Aber nicht nur da, sondern auch außerhalb, allüberall, in jedem anderen Menschen, auch im Menschengeschlecht als Großes und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine Marah Durimeh, die große, herrliche Menschheitsseele, der ich die Gestalt meiner geliebten Großmutter gab. Da tauchte zum ersten Mal mein Tatellah-Satah in mir auf, jener geheimnisvolle ‚Bewahrer der großen Medizin‘, den meine Leser im dreiunddreißigsten meiner Bände56 kennengelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke ‚Winnetou‘ geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke, nicht aber er selbst, den ich erst später fand. Damals habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek und alle anderen, die mir zugängig wurden – verschlungen, hätte ich beinahe gesagt; aber das würde nicht wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort für Wort zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit in mir aufgenommen, die höchstwahrscheinlich nicht allzu häufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben, meine Seligkeit davon abhinge, mir innerlich klarzuwerden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit zurück und holte den alten, kühnen Wunsch hervor, ‚ein Märchenerzähler zu werden, wie du, Großmutter, bist‘. Ich befand mich ja an einem der größten und reichsten Fundorte alles dessen, was da zu erzählen war, im Gefängnis. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was draußen in der Freiheit so leicht und so dünn vorüberfließt, dass man es nicht ergreifen und noch viel weniger betrachten kann. Und da erheben sich die Grundsätze, die sich draußen wie auf ebener Fläche vermischen, so bergeshoch, dass in dieser Vergrößerung alles offenbar wird, / was anderwärts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen, hochgelehrten Werke über Psychologie, besonders über Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingeprägt. Sie enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Rätseln und Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in ebenso klarer wie erschütternder Aufrichtigkeit. Welch ein Unterschied zwischen beiden! Wo war die Wahrheit zu suchen? In den aufgeschlagenen Büchern oder in der aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft ist wahr und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft irrt und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege führen über den Irrtum zur Wahrheit; dort müssen sie sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet, das können wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen Auge vergönnt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge des – Märchens. Darum will ich Märchenerzähler sein, nichts anderes als Märchenerzähler, ganz so, wie Großmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu öffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach Erlösung trachtenden Märchen. In jeder Zelle eins und auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende Dornröschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und Liebe wachgeküsst zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende Seelen, in alten Schlössern, die in Gefängnisse umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen die Humanität von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel geht, um aufzuwecken und frei zu machen, was des Aufwachens und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse und Märchen erzählen, in denen tief verborgen die Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu / erschauen vermag. Ich will Licht schöpfen aus dem Dunkel meines Gefängnislebens. Ich will die Strafe, die mich getroffen hat, in Freiheit für andere verwandeln. Ich will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein großes Mitleid mit allen denen, die gefallen sind, verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es schließlich kein ‚Verbrechen‘ mehr und keine ‚Verbrecher‘ gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.

Aber kein Mensch darf ahnen, dass das, was ich erzähle, nur Gleichnisse und nur Märchen sind, denn wüsste man das, so würde ich nie erreichen, was ich zu erreichen gedenke. Ich muss selbst zum Märchen werden, ich selbst, mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kühnheit sein, an der ich leicht zu Grunde gehen kann, was aber liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es sich um große, riesig emporstrebende Fragen der ganzen Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksälchen eines verachteten Gefangenen, der für die Gesellschaft schon so und überhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise, in der man über das ‚Verbrechen‘ denkt und spricht, nicht baldigst ändert!

Das war ein Gedanke, der mir ganz plötzlich kam, sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verließ. Er gewann Macht über mich; er wurde groß. Er nahm endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb, weil er in sich die Erfüllung alles dessen barg, was schon von meiner Kindheit an als Wunsch und Hoffnung in mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er hatte mich und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch. Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange, lange Zeit, und es gingen noch trübere und noch schwerere Tage dahin, als die gegenwärtigen waren, ehe ich meinen / Arbeitsplan entwickelt und derart festgelegt hatte, dass an ihm nichts mehr zu ändern war. Ich nahm mir vor, zunächst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, dass ich mich absolut nur auf gottesgläubigem Boden bewege. Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, das im allgemeinsten Interesse steht und die größte Eindrucksfähigkeit besitzt, nämlich zur Reiseerzählung. Diesen Erzählungen wirkliche Reisen zu Grunde zu legen, war nicht absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse und nur Märchen sein, allerdings außerordentlich vielsagende Gleichnisse und Märchen. Trotzdem aber waren Reisen wünschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen Milieus kennenzulernen, in denen meine Gestalten sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich tüchtig vorzubereiten, Erdkunde, Völkerkunde, Sprachkunde treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemäß behaupten, dass alles, was ich erzählte, Selbsterlebtes und Miterlebtes sei. Aber ich musste diese Sujets hinaus in ferne Länder und zu fernen Völkern versetzen, um ihnen diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen Kleidung nicht besitzen. In die Prärie oder unter Palmen versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder von den Schneestürmen des Wilden Westens umtobt, in Gefahren schwebend, welche das stärkste Mitgefühl der Lesenden erwecken, so und nicht anders mussten alle meine Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in allen den Ländern, die zu beschreiben waren, wenigstens theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europäer / es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und dazu war der stille ungestörte Gefängnisraum, in dem ich lebte, gerade so die richtige Stelle.

Es gibt irdische Wahrheiten und es gibt himmlische Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch die Wissenschaft, die himmlischen durch Offenbarung gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den Gelehrten höchstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden. Sie wird überall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein, aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, ohne erhört und aufgenommen zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder himmelan und kehrt zu dem zurück, von dem sie ausgegangen ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber lächelt mild und spricht: „Weine nicht! Geh wieder zur Erde nieder und klopfe bei dem Einzigen an, dessen Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn, dich in das Gewand des Märchens zu kleiden, und versuche dann dein Heil noch einmal!“ Sie gehorcht. Der Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie beginnt ihren Gang als Märchen nun von Neuem, und wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man öffnet ihr die Türen und die Herzen. Man lauscht mit Andacht ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie zu bleiben, denn jeder hat sie lieb gewonnen. Sie aber muss weiter, immer weiter, um zu erfüllen, was ihr aufgetragen worden ist. Doch geht sie nur als Märchen; als Wahrheit / aber bleibt sie zurück. Und wenn man sie auch nicht sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus für alle Folgezeiten.

So, das ist das Märchen! Aber nicht das Kindermärchen, sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Märchen, trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die höchste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm wohnenden Seele gemäß. Und einer jener Dichter, zu denen die ewige Wahrheit kommt, um sich kleiden zu lassen, wollte ich sein! Ich weiß gar wohl, welche Kühnheit das war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fürchten. Die Wahrheit ist so verhasst und das Märchen so verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander. Das Märchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen, ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe dringt. Wie man behauptet, dass das Märchen nur für Kinder sei, so bezeichnet man mich als ‚Jugendschriftsteller‘, der nur für unerwachsene Buben schreibe. Kurz, ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, dass ich so verwegen gewesen bin, nur ein Märchen- und Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein ‚Leben und Streben‘ schon an und für sich selbst einem Märchen, und sind es doch fast unzählige Fabeln und Märchen, mit denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so glaubt man mir ebenso wenig, wie mancher dem Märchen glaubt. Aber wie jedes echte Märchen doch endlich einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur Wahrheit werden, und was man mir heute nicht glaubt, das wird man morgen glauben lernen.

Also alle meine Reiseerzählungen, die ich zu schreiben beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie sollten etwas sagen, was nicht auf der Oberfläche lag. / Ich wollte Neues, Beglückendes bringen, ohne meine Leser mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das musste ich suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Türen legen, weil man alles, was man so billig bekommt, liegen zu lassen pflegt und nur das zu schätzen weiß, was man sich mühsam zu erringen hat. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, dass meine Reiseerzählungen bildlich zu nehmen seien. Man hätte mich einfach nicht gelesen, und alles, was ich lösen wollte, wäre Fabel und Märchen geblieben. Der Leser musste ganz ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete es dann als wohlerrungen und hielt es für das Leben fest.

Aber was war denn eigentlich das, was ich geben wollte? Das war vielerlei und nichts Alltägliches. Ich wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsrätsel lösen. Man lache mich aus; aber ich habe es gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein anderer wissen. Es mag bei der Ausführung dann wohl mancher Fehler unterlaufen sein, denn ich bin ein irrender Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur Veröffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das nicht noch lächerlicher als das Vorhergegangene? Mag man es dafür halten; ich aber habe an hundert und wieder hundert unglücklichen Menschen gesehen, dass sie nur darum in das Unglück geraten waren und nur darum darin steckenblieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen der ganzen irdischen Schöpfung, vollständig vernachlässigt worden waren. Der Geist ist das verzogene, einge- / bildete Lieblingskind, die Seele das zurückgesetzte, hungernde und frierende Aschenbrödel. Für den Geist sind alle Schulen da, von der Abc-Schützen-Schule bis hinauf zur Universität, für die Seele aber keine einzige. Für den Geist werden Millionen Bücher geschrieben, wie viele für die Seele? Dem Menschengeiste werden tausend und abertausend Denkmäler gesetzt; wo stehen die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der für die Seele schreibt, ganz nur für sie allein, mag man darüber lächeln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern zu tun, was ich mir vorgenommen habe.

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