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Kitabı oku: «Im Lande des Mahdi II», sayfa 25

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»Der Effendi, der Effendi selbst!« schrie der Muza‘bir. »Er ist mitten unter uns! Allah beschütze uns! O Allah, Allah!«

Die erschrockenen Menschen standen steif wie die Marmorbilder. Einige sperrten die Mäuler auf; keiner aber machte eine Bewegung, sich an mir zu vergreifen. Das mußte ich benutzen. Zwei Sprünge brachten mich zu Ben Nil. Ich riß ihn los und schleuderte ihn zur Thüre hinaus, so daß die Arnauten nach links und rechts zurückflogen. Nun auch mir mit Fausthieben und —stößen Bahn brechend, drang ich ihm nach. Ich kam hinaus. Hinter mir hatte man sich gefaßt.

»Heraus, Arnauten, heraus!« rief die gewaltige Baßstimme des Sangak. »Haltet die Flüchtlinge, haltet sie!«

Ben Nil war vor der Thüre niedergestürzt und hatte sich noch nicht erhoben. Ich stolperte über ihn. Uns gegenüber wurde die Thüre aufgestoßen und mir an den Kopf geschlagen. Arnauten kämen heraus. Hinter uns drängten die andern. Mir flimmerte es vor den Augen; der Schlag der Thüre hatte mich an einer empfindlichen Stelle getroffen. Ich fühlte mich ergriffen; ich rang mit zehn, mit zwanzig Fäusten; ich stieß und schlug um mich; ich trat mit den Füßen nach rechts und links, nach hinten und vorn – vergeblich. Wir wurden niedergerungen und in das Empfangszimmer geschleift, wo man uns fesselte.

Der Auftritt ließ sich unmöglich beschreiben. Ich kochte vor Anstrengung, Ben Nil ebenso; aber auch die Arnauten standen keuchend und mit fliegendem Atem um uns herum. Der Sangak schob sie auseinander, so daß er zu uns konnte, wirbelte mit den Händen seinen langen Schnurrbart rechts und links in die Luft hinaus und rief in höhnischem und zugleich triumphierendem Tone:

»Welch ein Tag! Welch eine glückliche Stunde! Welch eine Ueberraschung! Haben meine Ohren denn recht gehört? Ja, denn dieser Mann würde nicht versucht haben, zu entfliehen, wenn er nicht derjenige wäre, als welcher er bezeichnet wurde.«

»Pah!« antwortete ich ihm. »Ich habe ja selbst zugegeben, daß ich es bin.«

»Also doch! Und welch eine Frechheit, welch eine Unverschämtheit, es auch noch zuzugeben! Hebt die Kerle auf und stellt sie an die Wand! Ich muß sie mir jetzt einmal näher betrachten.«

Man folgte diesem Gebote. Als wir nun wie Schaustücke an der Mauer lehnten, stellte sich der Sangak vor mich hin und sagte schließlich, nachdem er, wie um sich zur Rache anzuspornen, alles, was er von mir gehört hatte, der Reihe nach, wie es geschehen war, aufgezählt hatte:

»Und was wolltest du jetzt bei mir? Du bist doch jedenfalls nicht ohne Absicht zu mir gekommen?«

»Allerdings nicht.«

»So antworte! Was führtest du gegen mich im Schilde?«

»Vielleicht sage ich es dir nachher, jetzt aber noch nicht.«

Da wendete er sich an den Mokkadem und den Muza‘bir:

»Dieser verfluchteste der Giaurs ist noch viel schlimmer und gefährlicher, als ihr ihn mir beschrieben habt. Denkt euch nur, er kam vorhin zu mir, nannte sich Iskander Patras und gab sich für den Dolmetscher der Seribah Aliab aus. Er brachte mir einen Brief, den er wahrscheinlich selbst geschrieben hat, und nun frage ich euch, welche Absicht er dabei wohl gehabt haben mag!.«

»Eine schlimme jedenfalls,« antwortete der Mokkadem. »Wenn er es dir nicht sagen will, so laß ihn prügeln, bis er es vor Schmerzen gesteht.«

»Das werde ich allerdings thun, und zwar sofort.«

»Dann lieferst du ihn uns aus. Wir bringen ihn zu Ibn Asl, wo ihn das Schicksal ereilen wird, welches ihm schon wiederholt vorhergesagt worden ist.«

»Ja,« fiel ich ein. »Es sollen mir alle Glieder einzeln vom Leibe gerissen werden. Aber damit hat es noch gute Weile. Um zu erfahren, was ich bei dir wollte, o Sangak, brauchst du mich nicht peitschen zu lassen. Du hast ja gehört, daß ich es dir sagen will. Ich kam zu dir, um dich zu warnen vor Ibn Asl und seinen Leuten.«

»Welch eine Warnung!« lachte er höhnisch auf. »Bist du toll!«

»Dann müßte der Mudir es auch sein, denn er ist es, der mich zu dir geschickt hat.«

»Der? Lüge, dreifache Lüge!«

»Frage Ben Nil, meinen Begleiter! Wir wohnen bei dem Mudir, und er hat mich zu dir geschickt, um von Ibn Asl mit dir zu reden.«

Ich sah, daß er erschrak, denn er veränderte die Farbe.

»Hund, sage die Wahrheit!« gebot er Ben Nil. »Wo wohnet ihr?«

»Beim Mudir,« antwortete der Genannte.

»Hat er von mir gesprochen?«

»Ja, wie mein Effendi bereits gesagt hat.«

»Ihr habt euch besprochen; ihr lügt!«

»Denke, was du Willst; ich aber will die Reihe meiner Thaten, welche du vorhin aufzähltest, um noch eine verlängern. Du wirst von Ibn Asl erfahren haben, daß er Amr el Makaschef, den Häuptling der Baqquara, in die Wüste gesandt hat. Ich habe den Häuptling ergriffen und mit nach Faschodah gebracht, um ihn dem Mudir zu übergeben. Das ist geschehen, ehe ich zu dir kam. Der Scheik steckt nun im Gefängnisse und wird seine berühmten »fünfhundert« erhalten, wenn ihm nicht noch Schlimmeres bevorsteht.«

»Mensch, was thust du uns für Schaden! Ich möchte dich zermalmen!«

»Das wirst du bleiben lassen, denn wenn ich nicht bis Mitternacht zum Mudir zurückgekehrt bin, wirst du eingesperrt. Darauf kannst du dich verlassen.«

»Glaube ihm nicht! Er lügt, um sich zu retten!« warnte ihn der Mokkadem.

»Ich werde binnen wenig Minuten wissen, woran ich bin.«

Bei diesen Worten ging der Sangak hinaus. Als er zurückkam, zog er sich mit dem Mokkadem und dem Muza‘bir in die entfernteste Ecke zurück, wo sie leise, aber äußerst lebhaft miteinander verhandelten. Dies dauerte solange, bis ein Arnaut eintrat.

»Nun?« fragte ihn der Sangak laut.

»Der Scheik der Baqquara steckt an Ketten im Gefängnisse. Ich habe ihn gesehen,« meldete der Mann.

»Legt die Gefangenen wieder nieder, und packt euch dann alle hinaus!«

Wir wurden wieder glatt auf den Boden gelegt. Die drei standen in der Ecke und stritten sich. Wir konnten zwar nichts verstehen, sahen aber ihre äußerst lebhaften Gesten und Gebärden. Endlich gingen auch sie hinaus. Vorher aber trat der Sangak zu mir und sagte:

»Das hast du sehr fein angelegt, aber es soll dir doch nichts helfen. Wir sehen uns niemals wieder. Der Scheitan fresse euch, ihr Hunde!«

Er spuckte uns an und ging. Wir lagen für kurze Zeit allein in dem Zimmer. Was sollte ich thun? Meinem braven Ben Nil dafür, daß ihn die Sorge um mich zu einer Dummheit getrieben hatte, Vorwürfe machen? Das fiel mir nicht ein. Ich hätte übrigens dadurch unsere Lage nicht zu ändern vermocht. Er fing selbst davon an, indem er in gepreßtem Tone sagte:

»Effendi, ich habe eine große Unvorsichtigkeit begangen, die du mir unmöglich verzeihen kannst. Gieße deinen Zorn über mich aus! Das ist mir lieber als dieses Schweigen, welches meine Seele bedrückt.«

»Ich zürne dir nicht,« antwortete ich. »Du hast nur dich selbst in Schaden gebracht, nicht aber mich.«

»Nein, auch dich! Wäre ich nicht gekommen und ergriffen worden, so befändest du dich jetzt in Freiheit und könntest zu uns zurückkehren.«

»Du irrst. Ich wäre auch ohne deine Anwesenheit erkannt worden.«

»Aber du hättest allein leichter fliehen können als zu zweien.«

»Schwerlich. Wie die Verhältnisse hier liegen, war ein Entkommen mit dir nicht schwerer, als wenn ich mich allein befunden hätte.«

»Wenn dies wirklich deine Ansicht ist, so bin ich wenigstens in Beziehung auf deinen Zorn beruhigt, wenn auch nicht betreffs dessen, was uns nun erwartet. Man wird uns ganz gewiß töten; auf keinen Fall dürfen wir hoffen, diesen Leuten, welche einen so grimmigen Haß gegen uns hegen, diesesmal zu entkommen.«

»Ich hege diese Hoffnung und habe keine Lust, sie aufzugeben. Ich habe mich in noch viel schlimmern Lagen befunden, ohne den Mut zu verlieren, und auch du; als du so verlassen im tiefen Brunnen bei Siut stecktest, um elend zu verhungern, hattest du eigentlich weniger Veranlassung als jetzt, auf Rettung zu hoffen. Ich bin überzeugt, daß uns hier in Faschodah nichts geschieht. Man wird uns jedenfalls dorthin schaffen, wo Ibn Asl sich befindet. Wir müssen es abwarten. Ich bin froh, daß ich meine Waffen und mein sonstiges Eigentum nicht bei mir hatte. Es wäre mir abgenommen worden, und ich hätte im Falle einer heimlichen Flucht darauf verzichten müssen und alles verloren. Wie steht es denn mit deiner Habe?«

»Ich besitze nichts. Die Flinte und meine Pistolen hatte ich bei dem Mudir abgelegt, und da er von meinem Vorhaben nichts wissen durfte und ich mich unbemerkt fortschleichen mußte, so habe ich nur das Messer bei mir gehabt, und dieses allein ist mir abgenommen worden.«

Jetzt kamen vier Männer herein, welche lange und breite Bastmatten und Stricke trugen. Wir erhielten Knebel in den Mund; man verband uns die Augen, und dann wurden wir in die Matten gewickelt, welche man darauf mit den Stricken umschlang. So bildeten wir zwei steife, walzenförmige Pakete, welche aufgenommen und fortgetragen wurden. Unsere Köpfe ragten über die Matten heraus, so daß wir wenigstens an Luft keinen Mangel litten.

Natürlich konnten wir nicht sehen, wohin man uns schaffte. Ich fühlte, daß es über Schmutzhaufen und Schlammlöcher ging; dann hörte ich Wasser plätschern und man ließ uns auf eine harte Unterlage nieder.

»Jetzt fort, schnell und vorsichtig!« hörte ich eine befehlende Stimme sagen.

Dann vernahm ich das Geräusch der in das Wasser getauchten Ruder, wir lagen also jedenfalls in einem Boote. Tiefe Stille herrschte um uns. Sie wurde nur von Zeit zu Zeit durch eine flüsternde Stimme unterbrochen, deren Worte ich nicht verstehen konnte. Später, als man Faschodah im Rücken hatte, wurde lauter gesprochen, doch nichts, was uns über das Ziel unserer Fahrt Aufklärung geben konnte. Was ich vernahm, waren nur kurze Kommandoworte, welche sich auf das Rudern und den Gebrauch des Steuers bezogen.

Es verging eine lange, lange Zeit. Wie viele Stunden es waren, das nur zu raten, war mir unmöglich. Als man endlich anlegte, war es mir, als ob die Fahrt einen ganzen Tag gedauert hätte.

»Wer ist da?« rief eine Stimme, aus der Höhe, wie mir schien.

»Leute des Sangak,« lautete die Antwort.

»Ist Ibn Asl da?«

»Nein. Doch kommt herauf!«

Wieder verging eine Weile, während welcher man über uns leise sprach. Auch jetzt konnte ich nichts verstehen, aber es waren Töne freudiger Verwunderung, die sich in das Geflüster mischten. Dann band man uns an Seile, um uns emporzuziehen. Wir wurden hart niedergeworfen und dann aus unsern Hüllen gewickelt. Man nahm uns die Knebel und die Augenbinden weg, und nun sah ich, daß wir auf dem Decke eines Schiffes lagen. Ungefähr zwanzig Männer standen um uns. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen, denn der Mond schien hell.

Man hatte also nicht einen ganzen Tag, sondern noch nicht einmal bis zum Anbruche des Morgens gerudert. Freilich war es kein Wunder, daß mir diese Zeit so lang geworden war.

Derjenige, welcher mir am nächsten stand, war Murad Nassyr, der dicke Türke, mit welchem ich hatte reisen sollen, um sein Compagnon im Sklavenhandel zu werden. Als ich ihn jetzt vor mir stehen sah, mußte ich an die Abschiedsworte denken, welche er mir in Korosko zugerufen hatte. Sie waren drohend genug, doch hatte ich vor diesem dicken Türken weit weniger Respekt als vor seinen Verbündeten, welche viel mehr Energie besaßen und weit gefährlicher waren als er. Er sprach mit einem Manne, welcher wohl zu denen gehörte, die mich auf das Schiff gebracht hatten. Ich hörte, daß er ihn fragte:

»Wo sind der Muza‘bir und der Mokkadem? Konnten sie nicht gleich mitkommen?«

»Sie haben Faschodah auf dem Landwege verlassen, um zu den Dinka zu gehen, bei denen sich Ibn Asl befindet. Sie wollen ihn von der Gefangennahme der beiden Männer benachrichtigen.«

»Dann werden sie ihn vielleicht nicht mehr dort antreffen. Ich erwarte ihn in jedem Augenblicke mit den angeworbenen Dinka. Kommt er eher als sie, so müssen wir ihretwegen hier liegen bleiben und die kostbare Zeit versäumen.«

Diese Worte bewiesen, daß Murad Nassyr kein Uebermaß von Klugheit besaß. Es war ein Fehler von ihm, in meiner Gegenwart hören zu lassen, daß Ibn Asl im Begriff stand, eine Schar von Dinka zum Sklavenfange anzuwerben. Er war dazu gezwungen, weil wir alle seine Leute ergriffen hatten. Jetzt wendete sich Murad Nassyr zu mir, indem er mich in giftigem Tone fragte:

»Kennst du mich noch, du Hund? Reichen deine Gedanken soweit, jetzt noch zu wissen, wer ich bin?«

Da ich nicht antwortete, fuhr er fort:

»Denke an Korosko und an die Worte, welche ich dir dort zurückließ!«

Und als ich auch jetzt nichts sagte, fügte er hinzu:

»Ich drohte dir damals: Sollte ich dich wiedersehen, so zerschmettere ich dich! Dieses Wiedersehen findet jetzt statt. Bereite dich auf den Tod vor. Du bist verloren und hast bei uns keine Barmherzigkeit zu erwarten.«

Er mochte denken, daß ich nun antworten werde. Als dies nicht geschah, trat er mich in die Seite und fuhr mich an.

»Willst du wohl dein Maul öffnen, du schmutzige Kröte! Hat der Schreck, die Angst dich stumm gemacht?«

Da lachte ich laut auf und antwortete:

»Die Angst? Etwa vor dir? Lieber Dicker, laß dich doch nicht auslachen! Vor dir erschrickt kein Mensch, ich aber am allerwenigsten. Du kannst wohl Pillau mit Schafschwanz verschlingen, mich aber nicht.«

»Hund, verhöhnst du mich auch noch! Ich werde dafür deine Qualen verdoppeln!«

»Laß mich in Ruh‘! Du spielst mit dieser Drohung eine so lächerliche Figur, daß man dich nur auslachen kann. Du kennst mich schon von Algier her und mußt doch wissen, daß deine Prahlerei auf mich keinen Eindruck macht. Lege dich also aufs Ohr und schlafe; das ist jedenfalls besser als ein so verunglückter Versuch, mich bange vor dir zu machen!«

Da versetzte er mir einen zweiten Fußtritt und rief:

»Das will ich dir gedenken! Ich weiß, daß du bereits erfahren hast, welche Qualen dir beschieden sind; sie sollen nun noch entsetzlicher werden, als du bisher wußtest. Glaube ja nicht, auch diesmal zu entkommen! Ich selbst werde dich bewachen und dich, bis Ibn Asl kommt, nicht aus meinen Augen lassen. Hebt die Hunde auf und folgt mir mit ihnen!«

Er begab sich nach dem Vorderteile des Verdeckes, und man trug uns hinter ihm drein, öffnete eine von zwei Thüren, welche ich nebeneinander sah, trat in einen Raum, der jedenfalls seine Wohnung bildete, und untersuchte da unsere Fesseln. Dies geschah beim Scheine einer Lampe, welche hier brannte. Als er sich überzeugt hatte, daß wir festgebunden waren und nicht loskommen konnten, gab er die zu unserer Unterkunft nötigen Befehle.

Der Raum, in welchem wir uns befanden, hatte nicht etwa Holzwände; er glich vielmehr einem Zelte. Man hatte Stangen über dem Vorderteil des Schiffes angebracht und Matten auf dieselben gebreitet. Das war ein Sonnendach, von welchem mehrere Stücke Leinwand, welche als Wände dienten, herniederhingen. Die vordere Wand bestand aus zwei Stücken; das waren die von mir erwähnten beiden Thüren. Eine Querwand schied den Raum in zwei Teile. In demjenigen rechter Hand befanden wir uns. Aus dem links liegenden Teile hörte ich weibliche Flüsterstimmen klingen, was mich auf die Vermutung brachte, daß dort die Schwester des Türken mit ihren Dienerinnen untergebracht sei. Hinten gab es wieder eine Querleinwand, welche jetzt aufgehoben wurde. Dort war das Innere der Schiffsspitze, ein sechs Fuß langer, vier Fuß schmaler Raum, in welchem verschiedenes Gepäck und Gerümpel lag. Man schaffte dieses letztere fort, um Platz für uns zu bekommen. Dann wurden starke Eisennägel in die Diele geschlagen, an welche man uns festband, eine Vorsicht, die gar nicht überflüssig war, denn falls es uns gelang, uns unserer Fesseln zu entledigen, brauchten wir nur die Matte, welche die Decke bildete, emporzuheben, um über Bord kommen zu können.

Als wir in dieser Weise befestigt waren, sagte Murad Nassyr.

»Jetzt könnt ihr euch nicht rühren. Nun versucht doch einmal, mir zu entfliehen! Ibn Asl kommt jedenfalls bis Nachmittag zurück; dann wird euer Schicksal entschieden. Ich wohne gleich nebenan und kann jedes eurer Worte hören. Vernehme ich das Geringste, was mir nicht gefällt, so erhaltet ihr die Peitsche. Jetzt gebe euch Allah eine angenehme Ruhe und noch angenehmere Träume!«

Er sprach diesen Wunsch in höhnischem Tone aus und entfernte sich dann mit seinen Leuten. Wir sahen das Licht durch die dünne Leinwand scheinen und seinen Schatten sich an derselben bewegen. Dadurch wurde uns verraten, was er that. Er hob die Seitenleinwand auf und verschwand hinter derselben. Dann hörten wir flüstern und erkannten seine und die Stimme eines weiblichen Wesens, welches, wie ich vermutet hatte und dann bald erfuhr, seine Schwester war.

Bald darauf kam er in sein Gemach zurück und setzte sich nieder. Nach abermals einem Weilchen zeichnete sich ein weiblicher Schatten an der Leinwand ab. Die Schwester war zu ihm getreten. Sie flüsterten miteinander; dann stand er auf und ging mit ihr hinaus auf das Deck.

Kaum war dies geschehen, so wurde wieder eine weibliche Gestalt sichtbar, welche aus der Seitenabteilung trat. Sie näherte sich der Leinwand, hinter welcher wir lagen, hob dieselbe ein wenig empor und sagte leise:

»Effendi, wo bist du?«

»Hier!« antwortete ich. »Wer bist du?«

»Ich bin Fatma, die du kennst.«

Also Fatma, die Lieblingsdienerin der Schwester des Türken! In welcher Absicht kam sie? jedenfalls in keiner schlechten.

»Was wünschest du von mir?« fragte ich sie.

»Meine Herrin sendet mich. Sie hat von dem Herrn erfahren, daß du gefangen bist und zu Tode gemartert werden sollst. Das thut ihrem Herzen weh.«

»Allah segne sie für das Mitgefühl!«

»Ja, sie ist gut, Effendi. Sie will dich retten.«

»Hamdulillah! In welcher Weise?«

»Leider kann sie gar nicht viel thun; aber was sie kann, das soll geschehen. Du hast, als ihr Haar zu schwinden begann, ihr die Zierde ihres Hauptes wiedergegeben. Das kann sie nicht vergessen. Sie will dir dafür danken, und ich soll dich bitten, mir zu sagen, welch einen Wunsch du hast.«

»Wo ist sie?«

»Draußen auf dem Deck. Sie hat ihren Bruder beredet, mit hinaus zu gehen, damit ich mit dir reden kann.«

»Aber wenn er nun plötzlich zurückkehrt und sieht, was du thust!«

»Sie will ihn draußen festhalten, bis ich ihr ein Zeichen gebe, daß ich ihren Auftrag ausgerichtet habe.«

»Das ist gut. Bringe mir schnell ein scharfes Messer.«

Sie ging, brachte das Messer und reichte es mir zu.

»Ich kann es nicht fassen, denn meine Hände sind gefesselt. Du mußt mir die Liebe erweisen, sie loszuschneiden.«

»Allah, was verlangst du von mir! Meine Hände zittern vor Angst; aber ich werde es dennoch thun, da du der Wohlthäter meiner Herrin bist.«

Ich fühlte allerdings, daß ihre Hände zitterten, als sie den Strick durchschnitt. Dann nahm ich das Messer, drückte ihr die Hand und sagte:

»Ich danke dir, Fatma, du Lieblichste unter den Töchtern; Allah möge es dir vergelten! Weißt du, wie viel Männer sich auf diesem Schiffe befinden?«

»Zwanzig und ein paar. Sie liegen draußen und schlafen.«

»Wo sind die Leute, welche uns gebracht haben? Wieder nach Faschodah zurück?«

»Nein. Sie liegen bei unsern Leuten.«

»So hängt also ihr Boot noch an dem Schiffe?«

»Ja.«

»Das ist es, was ich wissen will. Du kannst nun gehen und brauchst das Zeichen gar nicht zu geben, denn deine Herrin wird ohne dasselbe in einigen Minuten erfahren, daß du deinen Auftrag gut ausgeführt hast. Wahrscheinlich sehen wir uns wieder. Dann werde ich dir ausführlicher danken, als es jetzt geschehen kann.«

Sie zog sich zurück.

»Welche Wonne, Effendi!« sagte Ben Nil. »Du hattest doch recht. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Wir sind gerettet, wenn man uns nicht aufhält!«

»Aufhält? Wenn ich im freien Besitze meiner Glieder bin und ein Messer in meiner Hand habe, lasse ich mich von zwanzig und einigen Männern nicht aufhalten. Darauf kannst du dich verlassen. Es ist ganz so, als ob wir schon frei wären.«

Da ich die Hände frei hatte, war es nicht schwer, mir auch die Füße frei zu machen und mich von dem Nagel loszuschneiden. Dasselbe that ich dann auch mit Ben Nil. Wir standen jetzt aufrecht. Ich hob die Matte, welche die Decke bildete, ein wenig in die Höhe und sah hinaus.

Noch schien der Mond. Wir lagen am rechten Ufer des Flusses. Unweit vom Schiffe sah ich die phantastischen Gestalten von drei nebeneinander stehenden Armleuchtereuphorbien. Das mußte mir später als Merkmal dienen. Auf dem Deck lagen die Schläfer. Der Türke stand mit seiner Schwester hinten am Steuer und blickte mit ihr, über das Geländer gebeugt, in die Flut hinab. Das Boot mußte auf der Wasserseite hängen. Das Schiff war mit einem Bug- und einem Quarteranker befestigt. Die Kette des ersteren hing an einem starken Eisenringe, welcher an der innern Bugwand, also an unserm Gefängnisse angebracht war.

»Es steht alles sehr gut,« sagte ich. »Wir klettern an dieser Kette über Bord. Kein Mensch achtet auf uns. Haben wir das Wasser erreicht, so schwimmen wir nach dem Boote.«

Ich schob die Matte über uns ganz weg und schwang mich über die Brüstung, um jenseits an der Kette hinabzuklettern. Ben Nil folgte mir. Es war gar keine Kunst, hinunter zu kommen. Daß wir naß wurden, konnte uns in diesem Klima nur lieb sein.

Wir hielten uns im Schwimmen natürlich so nahe wie möglich an die Schiffswand, damit man uns nicht von oben sehen könne. Auch hüteten wir uns, zu plätschern. Das Boot, welches wir suchten, hing hinten an der dem Wasser zugekehrten Seite des Schiffes. Nun fragte es sich, ob man die Ruder liegen gelassen hatte. Als wir es erreichten, sahen wir zu unserer Freude, daß sie darin lagen. Wir stiegen ein.

»Nun schnell fort, Effendi!« meinte Ben Nil. »Wir sind wieder frei und wollen uns keinen Augenblick hier aufhalten.«

Er setzte sich auf die Ruderbank und wollte den Riemen gegen die Schiffswand stemmen, um von dem Schiffe abzukommen, als man uns bemerkte.

»Der Effendi ist los!« schrie Murad, »er will entkommen! Da unten ist er im Boote. Auf, ihr Männer, zur Verfolgung! Tausend Piaster jedem, der ihn mir bringt!«

Vom Deck ertönten wirre Stimmen. Man beeilte sich, in das Boot zu kommen, welches zum Schiffe gehörte und jedenfalls hinten am Steuer hing, so daß wir es nicht gesehen hatten.

»Schnell, schnell!« schrie er. »Zweitausend, dreitausend Piaster, wenn ihr ihn wieder fangt!«

»Zehntausend Piaster demjenigen, der mich ergreift!« lachte ich als Antwort. Dann tauchte ich die Ruder ein, Ben Nil folgte meinem Beispiele, und unser Boot flog, wie von einer Sehne geschnellt, flußabwärts. Es verstand sich ganz von selbst, daß man uns flußaufwärts geschafft hatte. Also mußten wir, um nach Faschodah zu kommen, die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Wir konnten schon nach kurzer Zeit das Schiff nicht mehr sehen.

Ben Nil war ein ausgezeichneter Ruderer; auch ich hatte gelernt, einen Riemen zu gebrauchen, und so hatten wir keine Sorge, daß man uns einholen werde. Schon nach einer Viertelstunde ließen wir in unserer Anstrengung nach, da es gar nicht nötig war, eine solche Schnelligkeit zu entfalten.

Nach meiner Ansicht war es, als man uns bei dem Sangak gefangen nahm, ungefähr zehn Uhr abends gewesen. Ein Blick nach dem Himmel zeigte, daß es jetzt vielleicht morgens drei Uhr sei. Waren wir eine Stunde auf dem Schiffe gewesen, so hatte die Fahrt nach demselben vier Stunden gedauert, eine Zeit, welche mir wie eine Ewigkeit vorgekommen war. Da man flußabwärts schneller vorwärts kommt, rechnete ich drei Stunden auf unsere Fahrt; also mußten wir Faschodah gegen sechs Uhr erreichen.

Man kann sich leicht denken, in welcher Stimmung wir uns befanden. Ben Nil jubelte zuweilen laut auf. Ich blieb zwar still, doch war meine Freude nicht geringer als die seinige. Und wem hatten wir unsere Rettung zu verdanken? Der Auflösung eines einfachen, wohlbekannten Salzes, mit welcher ich einst die kahle Stelle auf dem Kopfe der Schwester des Türken befeuchtet hatte. Damals dachte ich nicht, daß mich dieses später aus solcher Not erlösen werde. Die Schwester war doch ein gutes, dankbares Mädchen. Ich nahm mir vor, alles aufzubieten, um zu verhindern, daß sie Ibn Asls Frau werde.

Als der Morgen graute, hatten wir uns Faschodah soweit genähert, daß wir es liegen sahen. Ein kleines Segelboot kreuzte auf dem Flusse hin und her, welches nur einen Mann trug. Als dieser uns bemerkte, hielt er auf uns zu, ließ das Segel fallen und fragte:

»Woher kommt ihr?«

»Von da oben,« antwortete ich, indem ich rückwärts deutete. »Wir wollen nach Faschodah.«

»Wer seid ihr?«

Warum fragst du? Bist du ein Beamter des Mudir?«

»Nein. Aber ich suche einen fremden Effendi und einen jungen Mann, welcher Ben Nil heißt, die seit gestern abend spurlos verschwunden sind. Der Mudir läßt nach ihnen suchen. Da ihr zwei seid und ich euch nicht kenne, auch die Beschreibung stimmt, so glaube ich, die Gesuchten gefunden zu haben.«

»Kennst du den Sangak der Arnauten?«

»Ich habe ihn gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.«

»Hassest oder liebest du ihn?«

»Herr, diese Frage ist gefährlich; da ich aber weder etwas Gutes noch etwas Böses von ihm zu erwarten habe, so will ich sie beantworten. Ich hasse ihn nicht, und liebe ihn nicht; er ist mir gleichgültig, obgleich er viel Einfluß und Macht besitzt.«

»So will auch ich aufrichtig sein, obgleich ich eigentlich Grund habe, dir die Wahrheit zu verschweigen. Wir sind diejenigen, welche du suchst.«

»Wirklich? Ist‘s wahr?« fragte er in freudigem Tone. »Hamdulillah! So bin ich es, der sich das viele Geld verdient!«

»Welches Geld?«

»Die hundert Piaster, welche der Mudir für dich zahlen will.«

»Du sollst sie bekommen, obgleich er uns auch ohne dich wiedergesehen hätte.«

»Hätte er das?« fragte er enttäuscht. »Allah! So erhalte ich das Geld nicht!«

»Er wird es dir geben. Verlange es nur!«

»Fällt mir nicht ein, Effendi. Ich würde an Stelle der Piaster fünfhundert Hiebe erhalten.«

»Du bekommst das Geld. Ich gebe dir mein Wort. Und wenn er sich weigert, so werde ich es dir geben. Aber ich knüpfe die Bedingung daran, daß du uns zu dem Mudir bringst, ohne daß wir von dem Sangak oder einem seiner Arnauten gesehen werden.«

Er blickte mich verwundert an und fragte:

»Effendi, sind diese Arnauten an euerm Verschwinden schuld?«

»Das kann ich dir nicht sagen, weil ich dich nicht kenne.«

»O, du darfst mir vertrauen. Ich bin ein armer Fischer und liefere das, was ich fange, nur in die Küche des Mudirs, welcher mich dafür bezahlt, während ich von dem Sangak nichts bekommen würde.«

»Wo wohnest du?«

»Hier vor der Stadt. Du siehst meine Hütte dort links am Ufer. Sie steht weit entfernt von allen andern Hütten und Häusern.«

Ich erzählte ihm, was uns geschehen war, und fuhr dann fort:

»Erfährt der Sangak, daß wir wieder da sind, so findet er vielleicht Zeit zur Flucht, ehe der Befehl, ihn zu ergreifen, gegeben werden kann.«

»Effendi, ich würde über das, was ich da höre, staunen, wenn ich nicht wüßte, was für ein gewaltthätiger Mann dieser Sangak ist. Wenn es so ist, so hast du recht. Du mußt unbemerkt zum Mudir kommen. Ich werde dich jetzt nach meiner Hütte bringen, wo ihr wartet, bis ich beim Mudir gewesen bin, dem ich sagen will, was du mir anbefiehlst.«

»Gut, ich bin einverstanden.«

»Aber ihr dürft mir jetzt nicht im Boote folgen, denn das würde auffallen. Man darf nicht sehen, daß ich zwei Männer bei mir habe, denn man würde sogleich ahnen, daß ihr es seid. Steig zu mir herein. Ich werde dich erst allein nach meiner Hütte rudern. Dann hole ich auch Ben Nil ab, der hier ans Ufer legen und da auf mich warten mag.«

Ich sprang zu ihm hinüber und wurde von ihm nach der Hütte gebracht, welche die äußerste der Stadt war. Sein Weib, eine Negerin, war daheim und erhielt von ihm den Befehl, uns verborgen zu halten und keinen Menschen in die Hütte zu lassen. Dann holte er Ben Nil. Als dieses geschehen war und er von mir genaue Instruktion erhalten hatte, begab er sich zum Mudir.

Es dauerte fast eine Stunde, bis er zurückkehrte. Er brachte Anzüge, einen weiblichen für Ben Nil und den eines Eunuchen für mich. Ich hatte mir das Gesicht zu schwärzen. Zwar hätte ich in weiblicher Kleidung viel weniger erkannt werden können, als in derjenigen eines Haremwächters, aber meine Figur paßte nicht zu einer solchen Maskerade.

Als wir diese Anzüge angelegt hatten, bestiegen wir das Boot wieder und der Fischer ruderte uns, nachdem er seinem Weibe die strengste Verschwiegenheit anbefohlen hatte.

Ben Nil war tief eingehüllt. Ein Schleier bedeckte sein Gesicht, so daß er vollständig einer Frau glich. Die Verkleidung belustigte ihn außerordentlich und er kicherte in einem fort vor sich hin, weniger über sich als über mein schwarzes Gesicht, zu welchem der Bart gar nicht passen wollte.

Als wir ausstiegen, war kein Mensch zu sehen. Vielleicht aus Zufall, vielleicht auch deshalb, weil so viele Leute auf der Suche nach uns waren, um sich die hundert Piaster zu verdienen. Wir erreichten sogar das Regierungsgebäude, ohne von jemandem beobachtet worden zu sein, und wurden dort von einem Bediensteten, welcher auf uns gewartet hatte, zu seinem Herrn geführt. Dieser hatte dafür sorgen lassen, daß uns im Innern des Gebäudes niemand begegnete.

Er saß rauchend auf einem seidenen Diwan. Ueber sein ernstes, ja strenges Gesicht ging, als wir eintraten und sein Auge auf uns fiel, ein heiteres Lächeln. Ja, es schien, als ob er sich Mühe geben müsse, nicht laut aufzulachen.

»Allah thut Wunder!« rief er aus. »Wer hat schon einmal einen Neger, einen Hüter der Frauen, mit einem solchen Barte gesehen! Hat man dich erkannt, Effendi?«

»Nein. Wir sind von keinem Menschen beachtet worden.«

»Das ist gut. Setzt euch, und nehmt die Pfeifen, welche ich für euch bereit legen ließ. Du aber wartest draußen vor der Thür, um zu erfahren, ob ich dir das Geld geben werde oder nicht!«

Die letzten Worte waren an den Fischer gerichtet, welcher dem Befehle nicht sofort gehorchte, sondern in bittendem Tone antwortete:

»Verzeihe meine Kühnheit, o Mudir, und erlaube mir, dir zu – —«

»Schweig, sonst bekommst du sofort fünfhundert!« unterbrach ihn der Mudir mit Donnerstimme. »Hinaus mit dir!«

Ich hatte mich mit Ben Nil zu ihm gesetzt. Wir steckten unsere Pfeifen an, und dann mußte ich erzählen. Der Statthalter verzog während meines Berichtes keine Miene und ließ auch kein Wort hören. Als ich geendet hatte, schwieg er immer noch eine Weile; dann brach er los, aber nicht so, wie ich erwartet hatte, sondern beinahe leise und in sehr ruhigem Tone. Aber gerade diese Ruhe ließ auf die Größe seines Grimmes, den er gewaltsam niederzwang, schließen.

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Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
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