Kitabı oku: «Lichte Höhen»
KARL MAY’S GESAMMELTE WERKE
BAND 49
LICHTE HÖHEN
LYRIK UND DRAMA
VON
KARL MAY
Herausgegeben von
Lothar und Bernhard Schmid
© 1998 Karl-May-Verlag
ISBN 978-3-7802-1549-9
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG · RADEBEUL
INHALT
Vorwort
Himmelsgedanken
Widmung
Meine Legitimation
Ragende Berge
Gottesgedanke
Liebe
Ewig
Gottesstunde
Werdet frei!
Mein Himmel
Sternensprache
Sternschnuppe
Sternkunde
Bitte
Gottesmahnung
Hinauf – hinab
Gnade
Ade
Heilesbotschaft
„Vater!“
Läuterung
Wohltätigkeit
Verzeihen
Dein Auge
Güte
In die Berge
Empor
Ergib dich drein
Das Gewissen
Selbstprüfung
Einsicht
Wohin?
Frage
Rätsel
Doppelsieg
Berufung
Unsern Dichtern
Vogelsang
Auf dem Friedhofe
Wo sind die deinen?
Meine Engel
An die Mutter
Des Kindes Seligkeit
Großmütterchen
Frühling
Blind und doch sehend
Im Alter
Die Leiden
Kindschaft
Heimkehr
Umkehr
Wunsch
Das Kapellchen am See
Mahnung
Kannst du noch beten?
Andacht
Hilf mir!
Reue
Kanaan
Im Traum
Du hast – – –
Nur einer?
„Mehr Licht!“
Ich bin bei dir
O bete gern!
Ich liebe
Verständige Liebe
Rückkehr zum Glauben
Segen
Meinem Schutzengel
Tagesscheiden
Dein Engel
Zwei Worte
Abendgebet
Ein Wort von oben
Ruhe
Das Glück
Drei Fragen
Klarheit
Der Mensch
Zuversicht
In tiefer Not
Das heilige Land
Klage
Nachruf
Wahrheitstraum
Guter Rat
Zufall
Abschied
Schweigen
Ernste Weisung
Der Feind
Deine Welt
Sein ist die Zeit
Eine Freundesstimme
Das Volkslied
Dichterwunsch
Erdenleid
Das Ich
Wo?
Entwicklung
Schön
Des Waldes Seele
Sonnenschein
Das Vaterhaus
Die Ehe
Der Himmel auf Erden
Vorwärts!
Die zweite Welt
Abwehr
Menschenliebe
Der Völkerfriede
In Ewigkeit
Nachsicht
Leitung
Sei weise!
Wie das Meer
Dank
Menschenunmöglichkeit
Quitt
Bedachtsamkeit
Selbstbetrug
Von Kampf zu Kampf
Zeit
Das Wort
Dein eigener Richterspruch
Ein inneres Land
Überflüssig
Trost
Weltweisheit
Die Menschheitsseele
Oberflächlichkeit
1901
Zum Schluss
Sinnsprüche
Babel und Bibel
Vorbemerkungen
Erster Akt
Zweiter Akt
Der Dichter über sein Werk
Des Buches Seele
Des Buches Seele (Transkription der Handschrift)
Des Buches Seele (Faksimile der Handschrift)
Weihnachtsabend
Transkription der frühen Handschrift
Aus „Der verlorne Sohn“
Aus „Weihnacht“
Auf 24 Strophen vervollständigte Fassung
Auf 32 Strophen vervollständigte Fassung
Vorwort: Wege zum Gipfel? – Karl May als Lyriker, Dramatiker und Essayist
1.
Karl May ist im Bewusstsein seiner Leser so fest als der Erzähler schlechthin verankert, dass es sehr schwer fällt, ihn auch in anderer Rolle zu akzeptieren. Als ich 1981 bei der Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Berlin den Versuch unternahm, Karl May als Lyriker zu rehabilitieren,1 da war es Prof. Dr. Heinz Stolte, der Nestor der Karl-May-Forschung, der in seiner kurzen Moderation nach dem Vortrag zur (sanften) Korrektur anhob: Karl May, da sei er sicher, habe zwar auch als Lyriker seine Meriten, doch ein genuiner Verfasser von Gedichten sei er eben doch nicht gewesen, vielmehr ein „geborener Erzähler“. Muss das eine das andere ausschließen? Theodor Storm, als Novellist geliebt und geschätzt, war ein bedeutender Lyriker, ohne Zweifel; auch Friedrich Hebbel, der ja heute – wenn überhaupt – nur noch als Dramatiker im Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit weiterlebt, hat Erzählungen von Rang und wunderbare Gedichte verfasst.
Nun gehören die Werke, die Karl May nebst einigen Sinnsprüchen Ende 1900 in seinem einzigen Lyrikband „Himmelsgedanken“ vereinte und veröffentlichte, ohne Zweifel nicht zu den erstrangigen Gedichten deutscher Zunge. Hans Wollschläger, der ja von religiöser Lyrik insgesamt wenig hielt, urteilt wenig freundlich: „Daß May den Beruf des ‚Dichters‘, zu dem er sich jetzt so feierlich entschließt, zunächst ganz einfach im Verfertigen von Gedichten sieht, paßt in das Bild: sein Lernen beginnt auch hier bei den Anfangsgründen. Der Fleiß bringt ihm allerdings keinen Preis ein (sieht man vom ehrerbietigen Murmeln der Gemeinde ab), und in der Tat sind die Gedichte, bis auf wenige winzige Impulse (‚Im Alter‘ etwa), eine ziemlich leer laufende Reim-Maschinerie, die besser aus dem Verkehr geblieben wäre.“2 Dies ist ein deutliches, aber schwerlich ein gerechtes Urteil; auch geht der Vergleich, den Wollschläger zwischen Mays religiöser Gedankenlyrik und Güldenstubbes „Gedanken der Geister von jenseits des Grabes“3 anstellt, ins Leere. Mit Güldenstubbes gezierter mystischer Lyrik hat Mays Poesie gar nichts zu tun, schon eher mit Karl von Geroks (1815-1898) beliebten „Palmblättern“, die May in seinem sonstigen Œuvre oft und gern zitiert. Hermann Cardauns, der dezidierte May-Gegner, behauptete zwar: „Als lyrischen Dichter müssen wir uns Hrn. May verbitten“,4 doch ist dies reine Polemik. Neben Produkten puren Kitsches, wie etwa den Gedichten einer Friederike Kempner, sind Mays „Himmelsgedanken“ geradezu höhere Lyrik und auch den Vergleich mit dem freilich im Reimeschmieden gewandteren Gerok hält May spielend aus. Eine Konkurrenz mit den lyrischen Schöpfungen eines Eichendorff oder Hebbel verbietet sich ganz und gar; aber wenn man die religiöse Lyrik von Emanuel Geibel liest, schneidet May wiederum ganz prächtig ab. Seine Gedichte sind naiv im besten Sinne, sie entsprechen einem natürlichen religiösen Gefühl. Wollschlägers böses Wort von der „leer laufenden Reim-Maschinerie“ hält einer näheren Überprüfung jedenfalls nicht stand. Zweifellos gelingt dem im lyrischen Genre ungeübten May nicht jede Metapher und manchmal machen sich manche Ungereimtheiten und Saxonismen störend bemerkbar; liest man die „Himmelsgedanken“ aber unvoreingenommen, so erschließt sich durchaus die schlichte und anrührende Echtheit der kleinen Gedichte – und unter den Sprüchen findet sich sogar das eine oder andere ausgesprochene Juwel.
Dass Bücher ihre Schicksale haben, wissen wir seit der Antike; dasjenige der „Himmelsgedanken“ lohnt sich doch einmal etwas genauer nachzuverfolgen. Im Jahr 1900 ist der Band im Verlag F. E. Fehsenfeld in einer Auflage von 5.000 Stück und in unterschiedlichen Aufmachungen erschienen. Der Karl-May-Verlag gab nach 1913 die Sammlung vorerst unverändert (auch in der grafischen Anordnung) heraus, ab 1918 dann vermehrt um das Drama „Babel und Bibel“, aber weiterhin unter dem Titel „Himmelsgedanken“. Allerdings regte sich im Kreis um den May-Verleger Dr. Euchar Albrecht Schmid schon früh Kritik an dieser Gestaltung des Bandes 49 der Gesammelten Werke. Insbesondere war es Johannes Nixdorf, der Dr. Schmid schon früh auf manche Schwäche der Mayschen Lyrik aufmerksam machte. Es war wohl auch zum Teil Nixdorfs Idee, den Band um einiges zu erweitern: So liegen Fahnen aus den Jahren 1932ff. vor, die belegen, dass damals ein neugefasster Band 49 (erst unter dem Titel „Himmelsgedanken“, dann unter dem noch zu kommentierenden Signet „Lichte Höhen“) vorbereitet wurde, der neben den „Himmelsgedanken“ und „Babel und Bibel“ auch jene „Skizze zu Babel und Bibel“ enthalten sollte, die May für einen Redakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“ verfasst hatte und die erstmals im Karl-May-Jahrbuch 1921 erschienen war, sowie eine Auswahl früher Gedichte Mays, Fragmente aus dem Nachlass und manches andere. Auch die Tagebuch-Aufzeichnungen von Mays großer Orientreise wurden hier vorgesehen. Das neugestaltete Buch konnte aber vor 1945 nicht mehr erscheinen.
Es ist bekannt, dass Dr. E. A. Schmid etwa die Fortsetzung der Jahrbuch-Reihe mit dem Argument aufschob, man müsse das Werk Karl Mays aus der politischen Diskussion heraushalten. Aus ähnlichen Gründen wurden auch die Bände 31 und 32 der Gesammelten Werke („Ardistan und Dschinnistan“) in den Jahren nach 1933 stillschweigend nicht neu aufgelegt, weil der Verleger fürchten musste, durch die politische Zensur zu Korrekturen an Mays pazifistischem und christlichem Weltbild gezwungen zu sein. In ähnlicher Weise passte Mays christliche Lyrik zum Nationalsozialismus „wie die Faust aufs Auge“, und so verzichtete der Verleger vor 1945 denn auch auf die Publikation des bereits weit vorbereiteten Bandes. Erst 1956 gab sein jüngster Sohn Roland Schmid unter teilweisem Rückgriff auf die alten Vorarbeiten den Band 49 mit dem noch vom Vater stammenden Titel „Lichte Höhen“ neu heraus.
2.
Kann und soll man Lyrik bearbeiten? Eine Frage, die sich heute wohl kaum mehr stellen wird, wenn man bedenkt, dass es sich dabei um das vielleicht Persönlichste eines dichterischen Œuvres handelt. 1932, als Johannes Nixdorf daran ging, die alten „Himmelsgedanken“-Fahnen mit Randbemerkungen zu versehen, war die Situation völlig anders. Man darf nicht vergessen, dass Mays Werk noch in den 1930er Jahren – wie die Person des Verfassers – heftig umstritten war. Der ‚Karl-May-Kampf‘ aus den Jahren nach 1900, der den Schriftsteller zeitweilig an den Rand einer persönlichen Tragödie gebracht hatte, hinterließ seine Spuren bis weit über dessen Tod im Jahre 1912 hinaus. So hielt es etwa Franz Kandolf, der kenntnisreiche und geniale May-Kenner und -Bearbeiter, gedrängt von Klara Mays persönlichem Berater, dem Kriminalpsychologen Erich Wulffen, noch 1927 für nötig, einen so relativ harmlosen Text wie die autobiografische Groteske „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ einschneidend zu überarbeiten, um alle Widersprüche zwischen der realen Biografie des Karl May aus Ernstthal und des fiktiven ‚Dr. Karl May alias Old Shatterhand‘ zu tilgen und so möglichen neuen Angriffen gegen May von vornherein die Spitze abzubrechen.5
Ähnliches schien Johannes Nixdorf, dem Verehrer Mayscher Lyrik, auch im Fall der „Himmelsgedanken“ notwendig zu sein. So wurde unter tatkräftiger Mitarbeit von Dr. E. A. Schmid und dem Schriftsteller Fritz Barthel eine Neufassung erarbeitet, die die offenkundigen Schwächen der alten Gedichte behutsam retuschieren sollte. Dieses Unternehmen war nicht allein auf Bearbeitung gestellt; vielmehr hatte Johannes Nixdorf auch den Gedanken, die ursprünglich lose zwischen die Gedichte verstreuten Sinnsprüche zu einem eigenen Teil zusammenzufassen. „Babel und Bibel“, das einzige Drama Karl Mays, wurde durch die „Skizze zu Babel und Bibel“ ergänzt, und zu den Gedichten aus der Sammlung von 1901 traten die Nachlassfragmente wie „Kyros“, „Weib“, „Wüste“ und „Schejtana“, die bereits von Max Finke in den alten Karl-May-Jahrbüchern ediert worden waren.6
Da die Fahnen aus dem Jahre 1932 heute noch vorliegen, kann man sich auf Grund dieses authentischen Materials ein gutes Bild von den ernsthaften Bemühungen Johannes Nixdorfs, Dr. E. A. Schmids und Fritz Barthels machen, die oft ungeschliffenen lyrischen Produkte Mays sprachlich zu verbessern. Dabei muss man ohne Weiteres zugeben, dass Mays Lyrik unverhohlene Schwächen aufweist. Als Beispiel sei etwa das Gedicht „Meine Legitimation“ genannt, welches May als zweiten Text noch vor das Inhaltsverzeichnis der Sammlung von 1900 stellte. Hier nahmen Johannes Nixdorf und Fritz Barthel einige Änderungen in den ersten beiden Strophen und im Titel vor. Der Auftakt des Gedichts lautete danach folgendermaßen:
Ein Tropfen im All (1932)
Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau!
Solch einen Schmuck gibt es sonst nimmer:
Von jedem Hälmchen auf der Au
glänzt es wie Diamantenschimmer.
Entstammt der Erde, harrst du froh
dem holden Morgenlicht entgegen,
tränkst deinen Halm und wirst ihm so
nicht nur zur Zierde, auch zum Segen.
Kommt dann aus gold-brokatnem Tor
die Königin des Tags gestiegen,
so strebst du sehnsuchtsvoll empor,
dich ihren Strahlen anzuschmiegen.
Du fühlst, du bist ihr untertan,
du kannst nicht ohne sie bestehen
und wirst gezogen himmelan,
in ihrem Kusse aufzugehen.
Dies kann man nicht als ‚Bearbeitung‘ im eigentlichen Sinne bezeichnen; die Bearbeiter sind mit äußerstem Feingefühl vorgegangen. In den weiteren beiden Strophen beschränken sich ihre Eingriffe sogar auf wenige orthografische und interpunktionale Änderungen, wie nun insgesamt die Rechtschreibung den ab 1901 gültigen Regeln angepasst wurde. Dagegen konnte besonders in der ersten Strophe der sprachliche Ausdruck, im Original etwas holprig, durch kleine Retuschen verbessert werden. Die außerhalb Sachsens eher unverständliche Wendung „Spitzt es wie Diamantenschimmer“ ist geschickt durch das hochdeutsche „glänzt“ ersetzt. Ähnliche Gründe gab es auch für die geplante Änderung des Titels. „Meine Legitimation“ – das klang 1932 wohl zu fremdwortbeladen, zu umständlich, zu gespreizt. „Ein Tropfen im All“ ist in der Tat fast schon der bessere Titel. Dennoch hat sich Roland Schmid, als er 1956 das Gedicht für die endgültige Fassung des Bandes 49 noch einmal vorsichtig überarbeitete, wieder für den alten Titel „Meine Legitimation“ entschieden, weil es in der Tat so etwas wie eine Rechtfertigung ist für das, was dann in den anderen „Himmelsgedanken“ folgt: naive, aber ehrliche Poesie, die sich als Tropfen im All begreift, nicht als Mittelpunkt der Schöpfung. Da Roland Schmid die erste Strophe des Gedichtes 1956 noch einmal etwas verbessert hat (wobei besonders die metrischen Unebenheiten beseitigt worden sind), sei diese Neufassung als ein Beispiel dafür zitiert, dass es den Bearbeitern nicht etwa um den eigenen Ruhm ging, sondern lediglich darum, den kostbaren Rohdiamanten der Mayschen Lyrik durch handwerklich geschickte Eingriffe ‚edler‘ zu fassen:
Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau!
Solch einen Schmuck gibt es wohl nimmer:
Von jedem Hälmchen auf der Au
glänzt es wie Diamantenschimmer.
Entstammst der Erde, harrest froh
dem holden Morgenlicht entgegen,
tränkst deinen Halm und wirst ihm so
nicht nur zur Zierde, auch zum Segen.
Freilich gibt es in der Sammlung „Himmelsgedanken“ auch manches, was durch solch vorsichtige Retuschen nicht ohne Weiteres zu ‚retten‘ war. Auch dafür sei ein Beispiel gegeben: Auf Seite 355f. der „Himmelsgedanken“ von 1900 findet sich das Gedicht „Oberflächlichkeit“. Ohne Zweifel ein tiefbewegendes Poem, von den Gedanken her, aber auch formal durch die Zeile „Denk nicht, das Leben sei ein Spiel!“, die die erste und die letzte Strophe eröffnet und so als Klammer wirkt. Leider sind Karl May in der zweiten Strophe die Metaphern durcheinandergeraten; „Blumenflor“ ist in einem Sumpf kaum vorstellbar und „Kletten“ wachsen nicht auf dem Moor. Die Bearbeiter von 1932 haben denn auch vor diesen Schwächen weitgehend kapituliert. Lediglich in der zweiten Strophe „Nur weil du seinen Blumenflor/Nicht als zum Sumpf gehörig kennst“ wurde eine sinnvolle Veränderung vorgenommen. In der Radebeuler Fassung steht, schon deutlich logischer: „Nur weil du seinen Blumenflor/nicht als ein Sumpfgewächs erkennst.“
In der dritten Strophe dagegen bezeichnet Karl May das Leben als „Rettung vor dem Tod“, was in Hinblick auf die Auferstehung Jesu Christi zu verstehen ist. Hier dürfte die Abwandlung in „ein Ringen mit dem Tod“ nicht ganz im Sinne Karl Mays – zumindest nicht in diesem Zusammenhang – gewesen sein. Aber die Bearbeiter waren selber mit dieser in den Fahnen von 1932 vorliegenden Neufassung nicht zufrieden, wie zahlreiche Randbemerkungen, vermutlich von der Hand Fritz Barthels, zeigen.
Barthel nahm zum Beispiel durchaus verständlichen Anstoß an der Formulierung „und glaubst was wunder zu verlieren“, die dialektal geprägt und wenig poetisch ist. In Barthels Randglosse heißt es wörtlich: „Gemeint ist wunder was, d. h., wer weiß, wie viel – ‚was wunder‘ bedeutet: Es ist kein Wunder. Änderung scheint mir notwendig. Vielleicht: ‚und glaubst wer weiß was zu verlieren‘ oder: ‚ein Großes zu verlieren.‘“ Auch die Zeilen: „wirst du gehalten von den Kletten, so sinkst du ein, musst untergehn“, beanstandete Barthel; sein Änderungsvorschlag: „es schlingt sich um dich wie mit Ketten und du sinkst ein, musst untergehn“, scheint zumindest besser als der holprige und in der Metaphorik ungeschickte Originaltext. Aber es wird auch deutlich, dass die Bearbeiter keine endgültige Lösung für dieses – zugegebenermaßen schwächere – Gedicht gefunden haben. Roland Schmid ließ es daher in der Ausgabe von 1956 weg.
Insgesamt wird man also feststellen müssen, dass die 1932 vorgesehene Bearbeitung der Gedichte sich erstens eng begrenzt auf das Ausmerzen ungeschickter Formulierungen, missglückter Metaphern und sprachlicher Irrtümer beschränkte und zweitens von dem Bemühen geprägt war, den Duktus und vor allem die Aussage der Originalgedichte so eng wie möglich beizubehalten. Wie sorgfältig dabei verfahren wurde, zeigen auch erhaltene Fahnen für die Ausgabe von 1956. Hier ist die alte Bearbeitung von Nixdorf, Barthel und Dr. E. A. Schmid in vielen Fällen verbessert und in manchen Punkten auf den Originaltext zurückgeführt worden.
Ein schönes Beispiel stellt das Gedicht „Ragende Berge“ dar. In der Fassung der „Himmelsgedanken“ von 1900 beeindruckt die Stärke seiner Bilder und die Schlichtheit der Sprache. Dagegen stört den empfindlichen Leser manche metrische und sprachliche Stolperstelle. Johannes Nixdorf hat das Gedicht daher für die geplante Ausgabe von 1932 wie folgt umgearbeitet:
Ich sehe Berge ragen
dort an der Steppe Rand.
Es soll mein Fuß mich tragen
hinauf ins bessre Land.
Dort lädt man, wie ich glaube,
zur süßen Ruh mich ein,
und von dem Wanderstaube
werd ich gereinigt sein.
Ich sehe Berge ragen
empor zum geistgen Ziel.
Es türmen sich die Fragen,
doch frage ich nicht viel.
Es wird ja doch beim Steigen,
halt ich zuweilen an,
sich ganz von selber zeigen,
wie weit ich schauen kann.
Ich sehe Berge ragen
bis in des Lichtes Rand.
Der Glaube wird mir sagen
den Weg ins Höhenland.
Dort find ich offne Türen,
ein Engel tritt heraus
und wird mich weiter führen
bis in mein Vaterhaus.
Diese revidierte Fassung geht sehr differenziert mit dem Text um; die zweite Strophe wird praktisch vollständig unverändert beibehalten, die (im sprachlichen Detail weniger gelungene) dritte umfassend bearbeitet. Nun hat sich Roland Schmid aber mit dieser Fassung von 1932 nicht zufriedengegeben. Vielmehr bat er einen seiner jüngeren Mitarbeiter, den damals 19-jährigen Hans Wollschläger, der seine berühmte May-Monografie elf Jahre später verfassen sollte, um Rat und Kritik. Das Ergebnis liegt vor in Form eines neunseitigen Briefes, datiert 13.11.1954. Zu „Ragende Berge“ schreibt Wollschläger konkret:
„Warum muß die Ruhe unbedingt wieder ‚süß‘ sein? Die ganze Sammlung ist es stellenweise schon viel zu sehr. Das ‚…dort ladet man mich ein…‘ ist phraseologisch. Wer lädt denn ein? Besser:
Bald find ich, wie ich glaube,
mich dort zur Ruhe ein,
und von dem Wanderstaube…
Es türmen sich die Fragen,
doch frage ich nicht viel.
Rhetorische Fragen lockern den allzu starren Aufbau auf. Also besser:
…doch wozu frag ich viel?
Ich sehe Berge ragen
bis in des Lichtes Statt.
‚Statt‘ (von ‚stehen‘) bezeichnet immer einen festen Punkt auf der Erde, auf dem man stehen kann (z. B. ‚Ruhestatt‘, ‚Lagerstatt‘ usw.). Das Licht ist nicht lokal gebunden, von einer ‚Statt des Lichtes‘ kann also keine Rede sein. Besser:
Ich sehe Berge ragen
bis auf zu lichten Höhn.
Der Glaube wird mir sagen
den Weg, dorthin zu gehn…
Aber auch diese Version ist matt und nicht gerade erhaben, obgleich durch die ‚lichten Höhn‘ der Anklang an den geplanten Gesamttitel des Werkes da ist, was ich für ganz vorteilhaft halte. Am besten ganz frei:
Ich sehe Berge ragen
bis auf zu lichten Höhn.
Nun will ich ruhig wagen,
den letzten Weg zu gehn…“
Es fällt auf, dass der junge Karl-May-Kenner Wollschläger bei seinen Änderungsvorschlägen durchaus nicht streng auf das Original zurückgreift. In der Tat klingen einige seiner Verse aber freier und besser als die Fassung von Nixdorf. Als Roland Schmid 1956 das Gedicht im Rahmen von Band 49 neu herausgab, hat er denn auch alle wesentlichen Vorschläge Wollschlägers berücksichtigt:
Ich sehe Berge ragen
dort an der Steppe Rand.
Es soll mein Fuß mich tragen
hinauf ins Höhenland.
Bald find ich, wie ich glaube,
mich dort zur Ruhe ein,
und von dem Wanderstaube
werd ich gereinigt sein.
Ich sehe Berge ragen
empor zum geistgen Ziel.
Es türmen sich die Fragen,
doch – wozu frag ich viel?
Es wird ja doch beim Steigen,
halt ich zuweilen an,
sich ganz von selber zeigen,
wie weit ich schauen kann.
Ich sehe Berge ragen
hinauf in lichte Höhn,
nun will ich ruhig wagen,
den letzten Weg zu gehn.
Dort find ich offne Türen;
mein Engel tritt heraus
und wird mich weiter führen
bis in mein Vaterhaus.
Mit den Überarbeitungen der „Himmelsgedanken“ verfolgten Dr. Schmid und seine Mitarbeiter also das Ziel, den gutgemeinten und vielfach sehr eindrucksvollen Versen des Dichters durch behutsame Korrekturen eine größere Wirkung zu verschaffen, und der Erfolg des Bandes „Lichte Höhen“ seit 1956 hat ihnen Recht gegeben.
Wenn wir uns dennoch entschlossen haben, in der vorliegenden Neuauflage des Bandes 49 die Gedichte und Sprüche der „Himmelsgedanken“ im originalen Wortlaut und in der Reihenfolge der Sammlung von 1900 wiederzugeben, so bedarf das einiger Erläuterungen. Wir sind zunächst einmal davon ausgegangen, dass der heutige Leser die Mayschen Gedichte anders liest als noch der von 1932. Die sogenante Nostalgiewelle der 1970er-Jahre hat ja manches wieder ans Tageslicht gefördert, was zuvor verpönt war: die Romane der Hedwig Courths-Mahler, triviale Gedichte von Friederike Kempner oder Agnes Günthers sentimentalen Liebesroman „Die Heilige und ihr Narr“. Hier wird deutlich, dass sich der Geschmack und die Einstellung insbesondere zu den Produkten des ‚fin de siècle‘, der Kunst des späten 19. Jahrhunderts, in den letzten zwanzig, dreißig Jahren nachhaltig verändert hat. Was noch in den 50ern für abgrundtief kitschig und trivial gehalten wurde, war nach 1970 plötzlich unter dem Modetitel ‚Nostalgie‘ interessant und aktuell. Ähnliches gilt etwa auch für die Jugendstilfassaden vieler Häuser aus den Jahren nach 1890, die man etwa noch um 1960 gerne von offizieller Seite der Architekten und Städtebauer als Stilblüten und geschmacklose Auswüchse geißelte und die nach 1970 plötzlich heißbegehrte Aufgaben für Restauratoren und Hausbesitzer bildeten.
Man kann sich durchaus vorstellen, dass 1932 – gerade auf dem Hintergrund des ‚Karl-May-Kampfes‘ – noch das eine oder andere vernichtende Urteil, der Bannstrahl eines strengen Kunstkritikers die im besten Sinne naiven lyrischen Gebilde der „Himmelsgedanken“ getroffen hätte. Heute, wo man sich auch für die Triviallyrik des späten 19. Jahrhunderts zu erwärmen versteht, scheint die Zeit reif zu sein, die „Himmelsgedanken“ wieder unverändert und in voller Länge (in der Ausgabe des Bandes 49 von 1956 ist ein gutes Drittel der Gedichte fortgefallen) aufzulegen.
Dabei wollen wir nicht so doppeldeutig verfahren wie die DDR-Ausgabe der „Himmelsgedanken“ von 1988, die sich zwar in optisch anspruchsvollem Gewand präsentierte, aber gleichzeitig mit einem herausgeberischen Kommentar versehen war, der sich geradezu herablassend-ironisch über Karl Mays lyrische Produkte ausließ und dabei ein gutes Stück unberechtigter Verachtung erkennen ließ.
Vielmehr soll sich nun Karl Mays Gedichtsammlung einfach so dem Leser darbieten, wie der Autor es 1900 gewollt hatte. Dabei werden sich gewiss die vielen tiefen Gedanken erschließen, die May hier – wenn auch auf manchmal schlichte Weise – in Reime und Sinnsprüche gefasst hat.
3.
Der vorliegende Band unterscheidet sich von der von Roland Schmid 1956 eingerichteten Ausgabe weiter dadurch, dass die Texte aus den Nachlassmappen, die Tagebuchaufzeichnungen und Kunstbriefe fortgelassen wurden; sie finden sich heute zusammen mit der Erstfassung des 2. Aktes von ‚Babel und Bibel‘ in dem ganz dem Spätwerk Karl Mays gewidmeten Band 81 „Abdahn Effendi“ in umfangreicherer Form und sorgfältig kommentiert. Aufgrund dieser Überlegungen erschien es sinnvoll, bei der Revision auf die Radebeuler Ausgabe der „Himmelsgedanken“ zurückzugreifen, die neben der Gedicht- und Gedanken-Sammlung von 1900 noch das Drama „Babel und Bibel“ enthielt. Mit diesem einzigen Schauspiel Karl Mays (die Entwürfe zu einer Posse mit Gesang „Die Pantoffelmühle“ sind Fragment geblieben und von dem in den 1890er Jahren von Karl May angekündigten Stück über den ‚Alten Dessauer‘ liegt noch nicht einmal eine Skizze vor) hat es insofern eine besondere Bewandtnis, als die „Arabische Fantasia in zwei Akten“ dem Dichter besonders am Herzen lag. Über zwei Jahre arbeitete May an dem Drama, wobei er auch historische und religionsgeschichtliche Studien betrieb. Als das Stück dann 1906 bei Fehsenfeld im Druck erschien, versprach er sich davon eine Wirkung auf „alle deutschen Bühnen“ hin, doch ist das Drama nie aufgeführt worden. Erst 1979 kam es anlässlich der Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Hannover zu einer szenischen Lesung des vieldeutigen und rätselhaften Textes.
Karl May hat sich mit „Babel und Bibel“ viel Mühe gegeben; angefangen bei seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Theorien des damals bekannten Assyriologen Friedrich Delitzsch, der die Ansicht vertrat, in der Bibel seien Stoffe aus babylonischen Mythen verarbeitet worden. Diese ‚Babel-und-Bibel-These‘ führte damals zu einem heftigen Streit unter den Theologen und Bibelforschern. Eine erste fragmentarische Fassung des Dramas (um 1905 entstanden) ist heute noch vorhanden, ebenso wie der – gleichfalls unvollendete – Entwurf eines „Vorspiels aus zwei Welten“, der ein wenig an den „Prolog im Himmel“ zu Goethes „Faust I“ erinnert.
Wie schon erwähnt, hat sich Karl May in jüngeren Jahren mehrfach mit dem Gedanken an die Abfassung eines dramatischen Textes getragen. Die erhalten gebliebenen Entwürfe zur Posse mit Gesang „Die Pantoffelmühle“ verraten, dass Mays theatralischer Geschmack in seiner Frühzeit stark geprägt war durch die singspielartigen Schwänke der Jahrhundertmitte in der Nachfolge des französischen Vaudeville. Umso erstaunlicher, dass sein einziges wirklich fertiges Drama im dramatischen Schaffen des 19. Jahrhunderts so gut wie keine Vorbilder zu haben scheint. Es ist ein ‚Lehrstück‘, wenn auch nicht im späteren Brechtschen Verständnis, so doch im Sinne des geistlichen Dramas des Mittelalters oder der Mysterienspiele – etwa des „Everyman“, den Hugo von Hofmannsthal 1919 neu bearbeiten sollte. Mit dessen „Jedermann“ hat Mays Drama manchen geistigen Grundzug gemeinsam, obwohl Mays Sprache härter ist als die volkstümlich geprägte, bewusst archaisierende Diktion bei Hofmannsthal.
May wählte eine, wie Martin Schenkel, einer der besten Kenner des „Babel und Bibel“-Stückes, urteilt, „eindringliche Lehr- und Predigtform“,7 um so einige der wichtigsten Themen seines Spätwerks in dramatischer Form darzubieten: die Wandlung eines Gewaltmenschen (Abu Kital, der ‚Vater des Kampfes‘) in einen Edelmenschen, die Suche nach dem wahren Geist der Kunst, aber auch nach dem Geist des Morgenlandes. Dabei gestaltet May eindrückliche Bilder und Personen, die zwar Träger einer Idee, aber dennoch individuelle Charaktere sind: Abu Kital, der Scheik der An’allah (was so viel wie „Ich bin Gott“ bedeutet) vertritt einen kriegerischen Gottesglauben und einen aggressiven Islam, der die Welt für seine Zwecke in Beschlag nehmen will. „Das Morgenland nur für das Morgenland!“, heißt seine Parole, was aber später im Stück verwandelt wird in: „Das Morgenland nur für die An’allah!“ und so den grenzenlosen Egoismus des Abu Kital und seiner Mannen aufdeckt.
Das Schachspiel mit lebenden Figuren, eines der Hauptmotive des Stückes, ist nichts anderes als ein Versuch, den Gegner (die Männer der Todeskarawane) zum Kampf zu provozieren. Dies aber gelingt nicht, weil der Scheik der Todeskarawane und die personifizierte Fantasie (alias Marah Durimeh) in Form eines Schattenspiels darstellen, wie der Kadi und der Imam einst Abu Kitals Frau Bent’ullah (die Bibel) und ihren Sohn (nun Ben Tesalah, der ‚Sohn des Friedens‘, verkleidet als Scheik der Todeskarawane) in der Wüste aussetzen ließen. Dieses Verbrechen war auch Abu Kital verborgen, nun wird das scheinbare Gaukelspiel der Fantasie zum Katalysator für die Läuterung des Scheiks. Am Ende verliert der Held des Dramas zwar seinen Körper – weil er nach Kulub, dem Ort der Geisterschmiede, geht, um dort zu einem Edelmenschen umgeschmiedet zu werden –, doch nur um der Verwandlung willen. Auch Jedermann im Mysterienspiel muss ja sterben; dass sein Weg nicht in die Hölle führt, liegt eben an jener Gewissenserschütterung und inneren Wandlung, die das Stück vorführt.
Anders als im mittelalterlichen und von Hofmannsthal erneuerten Mysterienspiel stattet May seine Gleichnisse mit handfesten, den Motiven seiner Abenteuerromane verwandten Zügen aus. Die Vorbereitung der Kampfhandlungen zwischen den An’allah und den Männern der Todeskarawane etwa erinnert nicht zufällig an jene rituellen Stammeskämpfe, die in Mays Orientromanen so oft vorkommen.
Einmal wird der Vorbeter gepeitscht, als er sich weigert, die Fat’ha zu beten, welche als Symbol für einen gewalttätigen, grausamen Glauben steht. Zwischen Abu Kital und Ben Tesalah, in dem Ersterer noch nicht seinen und Bent’ullahs Sohn erkannt hat, bahnt sich ein regelrechter Zweikampf an. Und auch das Motiv des Schachspiels ist zunächst eher äußerlich-spannender Antrieb der Handlung als Symbol. Gerade darin liegt nun die Stärke des Werkes, dass May aus den äußerlichen Spannungsmotiven geschickt innere Gleichnisse webt und dass die Figuren des Dramas als Personen leben, noch bevor sie der Leser als gleichnishaft erkennt.
Gleichnis ist freilich letztlich alles in diesem Drama: Babel ist nicht nur Ort der Handlung, sondern auch Personifizierung des weltfremden, materialistischen Wissenschaftlers, der den Bezug zum Göttlichen verloren hat. Bent’ullah repräsentiert die verkannte, verstoßene Weisheit der Liebe, die durch tote Gelehrsamkeit zugedeckt wurde; nicht umsonst spielt alles in der Nähe des Turms zu Babel. Dieser steht im Stück für die verschüttete und durch die Wissenschaft eher verstellte als enthüllte Weisheit des Altertums. Schefaka, Babels Tochter, verkörpert als Morgenröte das Prinzip Hoffnung; wenn sie im Gewand Bent’ullahs auftritt, regt sich erstmals das Gewissen im Scheik Abu Kital. Marah Durimeh, die als Fantasie auftritt, ist die Menschenseele, zugleich die Verkörperung der Urmutter, des Ewig-Weiblichen, des Prinzips der Liebe. Indem der Scheik sie zum Spiel, zum Schach herausfordert, hat er sich selbst bereits matt gesetzt; ihren Spielkünsten ist er nicht gewachsen, sodass am Ende die Liebe und Güte über Kital, den Drachen, wie es im Stück heißt, triumphiert.
Also ist „Babel und Bibel“ im tieferen Sinne auch ein Michaelsstück; der Kampf des Erzengels gegen den Drachen des Egoismus, des Materialismus, des Kampfes, ist auch der Kampf, den Marah Durimeh, Ben Tesalah und Bent’ullah führen. Mit Recht urteilt Martin Schenkel, dass die Menschheitsseele im Stück gleich durch drei Figuren repräsentiert wird: durch Marah Durimeh, durch Bent’ullah, die den Geist der Liebe verkörpert, der sich in der Bibel verbirgt, und durch Ben Tesalah, der Sohn des Friedens, der das Gegenbild zu Abu Kital (seinem leiblichen Vater im Drama) darstellt – den bereits geläuterten Edelmenschen, der den Drachen überwunden hat.
Durch den dreifachen Einsatz der Menschheitsseele gelingt es Abu Kital am Schluss des Dramas, zu seinem wahren Ich zu finden. Zwar wird seine Wandlung zum Edelmenschen nicht mehr geschildert, doch macht May deutlich, dass dies ein Prozess ist, der sich der Darstellung durch die Kunst verschließt. Ansonsten aber kommt der Kunst im Stück die wichtige Aufgabe zu, zwischen Religion und Wissenschaft zu vermitteln, damit diese zur wahren Religiosität und zur wahren Wissenschaftlichkeit aufsteigen können. Nur so kann der Forderung nach der Menschlichkeit und nach dem Völkerfrieden, nach der Versöhnung des Morgenlandes mit dem Abendland Nachdruck verliehen werden“.8
Dies klingt nun vielleicht arg theoretisch. Inwieweit es May gelang, seine Ideen nicht nur abstrakt, sondern auch dramatisch zupackend zu realisieren, das könnte nur eine Aufführung des Dramas beweisen.
In einem Punkt leider irrte sich May: Seine Form des Lehrtheaters war für das Jahr 1906 noch zu kühn und zu modern, die Zeit dafür noch nicht reif. Heute aber, nach unseren Erfahrungen mit dem Brechtschen Lehr- und dem Kipphardtschen Dokumentartheater (und dem des Peter Weiß) nimmt es freilich wunder, dass sich immer noch keine Bühne des Dramas „Babel und Bibel“ angenommen hat. Jede noch so gelungene Dramatisierung der Mayschen Romane, dies sei hier so kühn behauptet, kann doch dem einzigen Drama Mays nicht das Wasser reichen, von dem Hans Wollschläger im schon erwähnten Briefwechsel mit dem Karl-May-Verlag sagte: „Ich halte es nach wie vor für eins der großartigsten Bühnenwerke der Jahrhundertwende.“
Ob May ein genuiner Dramatiker war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, da er sich nur noch einmal nach „Babel und Bibel“ (im Prolog zu dem nicht mehr geschriebenen „Kyros“-Stück) an dieser Form versucht hat. Die Wucht und Genauigkeit der Figuren, die Spannung und Präzision der Situationen sowie die Klarheit der Sprache beeindrucken jedenfalls auch bei der Lektüre. Dass May hier den klassischen Blankvers wählte, ist sicher eine Verbeugung vor Lessing, dessen Toleranzidee – in „Nathan der Weise“ und anderswo – May entscheidende Impulse für sein Spätwerk verdankte.
1956 hatte Roland Schmid, unter Berücksichtigung der Vorarbeiten seines Vaters Dr. E. A. Schmid und von dessen Mitarbeitern Johannes Nixdorf und Franz Kandolf, „Babel und Bibel“ in behutsam überarbeiteter Form herausgebracht. Wir haben uns dazu entschieden, nunmehr wieder auf den manchmal etwas unpolierten, aber präzisen Wortlaut der Erstausgabe von 1906 zurückzugreifen, und hoffen damit auch den Wünschen der Leser nachzukommen.
Schließlich wird die Neuausgabe abgerundet durch jene Skizze zu „Babel und Bibel“, welche May am 1. Oktober 1906 für einen Schriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“ verfasste, der um Unterlagen zu dem Stück gebeten hatte. Die Originalhandschrift Mays trägt den Vermerk: „In Eile nur so hingeschrieben. Ist also nur Entwurf. Konnte es nicht erst noch durchlesen, da soeben Ihre Karte kommt. Also bitte, Flüchtigkeiten verzeihen.“ In der Tat weist der handgeschriebene Text manche sprachliche Nachlässigkeit auf, die May nicht mehr korrigiert hat. Auch daher hat Roland Schmid, als er die Erläuterungen des Dichters zu seinem Drama in Band 49 aufnahm, in vielen stilistischen Details nachgebessert. Dennoch soll der Text fürderhin so wiedergegeben werden, wie er sich schon im Karl-May-Jahrbuch 1921 fand. Max Finke folgte dabei fast wörtlich Mays Manuskript und merzte nur einige Flüchtigkeitsfehler aus. Wir denken, dass in diesem Fall Authentizität den Vorrang hat vor absoluter Fehlerlosigkeit und dass Mays Diktion für sich spricht.
Vervollständigt wird der Band schließlich durch verschiedene Fassungen des für May so wichtigen „Weihnachtsgedichts“ und durch den variantenreichen Entwurf zu „Des Buches Seele“, das May 1902 für die Dresdener Buchhandelsvereinigung „Bastei“ verfasste.
Als Roland Schmid 1956 sein Nachwort zu Band 49 abschloss, tat er es mit folgenden Worten: „Früher mochte es Zweifel über die Lebensfähigkeit des Mayschen Werkes geben, heute ist dieser Sieg entschieden. Denn es ist der Sieg, den jeder Kampf für das Gute als Keim in sich trägt.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht, dass wir Mays lyrische und dramatische Versuche, wie sie sich heute wieder in ihrem unveränderten Gewand der Öffentlichkeit darstellen, als „Wege zum Gipfel“ betrachten mögen (so war in der früheren Fassung von Band 49 ganz trefflich der Abschnitt mit den dramatischen Bruchstücken überschrieben): zwar noch nicht als absolute Gipfelstücke Mayschen Könnens, aber doch als wichtige Meilensteine auf dem Weg dorthin. Möge dies sich auch den Lesern des neugestalteten Bandes mitteilen.
Christoph F. Lorenz
Himmelsgedanken
Widmung
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht,
Ob dort in jenen Fernen
Die Liebe mein gedacht.
Da kam ein Strahl hernieder,
Hell leuchtend, in mein Herz
Und nahm all meine Lieder
Zu dir, Gott, himmelwärts.
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht,
Warum in jene Fernen
Er sie emporgebracht.
Da kam die Antwort nieder:
„Denk nicht an irdschen Ruhm;
Ich lieh dir diese Lieder;
Sie sind mein Eigentum!“
Ich fragte zu den Sternen
Wohl auf in stiller Nacht:
„Gilt dort in jenen Fernen
Auch mir die Himmelspracht?“
Da klang es heilig nieder:
„Du gingst von hier einst aus
Und kehrst wie deine Lieder
Zurück ins Vaterhaus!“
Meine Legitimation
Grüß Gott, du liebes Tröpflein Tau!
So einen Schmuck gibt es wohl nimmer:
Von jedem Hälmchen auf der Au
Spitzt es wie Diamantenschimmer.
Entstammt der Erde, harrst du froh
Dem holden Morgenlicht entgegen,
Tränkst deinen Halm und wirst ihm so
Nicht nur zur Zierde, auch zum Segen.
Kommt dann aus gold-brokatnem Tor
Die Königin des Tags gestiegen,
So strebst du sehnsuchtsvoll empor,
Dich ihrem Strahle anzuschmiegen.
Du fühlst, du bist ihr untertan,
Du kannst nicht ohne sie bestehen
Und wirst gezogen himmelan,
In ihrem Kusse aufzugehen.
Ein solches Tröpflein bin auch ich
Am Lebensmorgen einst gewesen,
Ein Tröpflein, das den andern glich,
Nicht auserwählt, nicht auserlesen.
Ich hing nicht hoch, ich wurde nicht
Von einer Rose stolz getragen;
Tief unten sah ich auf zum Licht
Und durfte kaum zu hoffen wagen.
Da stieg sie auf, so himmlisch klar,
So gnadenreich, voll Welterbarmen,
Und mich trieb es so wunderbar,
Mit ihr die Menschheit zu umarmen.
Es war, als ob ich beten müsst:
„O komm, und stille mein Verlangen!“
Da hat die Liebe mich geküsst,
Und ich bin in ihr aufgegangen.
Ragende Berge
Ich sehe Berge ragen
Dort an der Steppe Rand.
Es soll mein Fuß mich tragen
Hinauf ins bessre Land.
Dort ladet, wie ich glaube,
Zur Ruhe man mich ein,
Und von dem Wanderstaube
Werd ich gereinigt sein.
Ich sehe Berge ragen
Empor zum geistgen Ziel.
Es türmen sich die Fragen,
Doch frage ich nicht viel.
Es wird ja doch beim Steigen,
Halt ich zuweilen an,
Sich ganz von selber zeigen,
Wie weit ich schauen kann.
Ich sehe Berge ragen
Bis in des Lichtes Reich.
Der Glaube wird mir sagen
Den Weg, den rechten Steig.
Dort find ich offne Türen;
Mein Engel tritt heraus
Und wird mich weiter führen
Bis in das Vaterhaus.
Gottesgedanke
Ich bleib dir treu. Du wardst mit mir geboren
Als mein Begleiter für das Erdental.
Wir gingen uns niemals, niemals verloren;
Ich war die Welt, du warst mein Sonnenstrahl.
Ja, ich die Welt! Es ist der Schöpfung Ganzes
Im Menschen klein, doch völlig dargestellt,
Und atmet es im Lichte deines Glanzes,
So ist es eine große, schöne Welt.
Ich bleib dir treu. Es wechselten die Zeiten,
Es kamen Jahre, Monde, Tag und Nacht.
Sie waren Bilder einstger Ewigkeiten,
Und du hast sie verständlich mir gemacht.
Ich leb ein äußres und ein innres Leben,
Eins mehr für hier, das andre mehr für dort,
Und soll ich beiden Ziel und Richtung geben,
So find ich nur durch dich das rechte Wort.
Ich bleib dir treu, du herrlicher Gedanke,
Dass Gott auch meine kleine Welt regiert.
Vor dir fällt jede, auch die letzte Schranke,
An welcher selbst der Mut den Mut verliert.
Du warst die einzge Leuchte mir auf Erden
Und wirst sie mir für ewig, ewig sein.
Wer darnach trachtet, selig einst zu werden,
Der wird es nur durch dich, durch dich allein.
Liebe
Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben,
Wie größer es kein andres, zweites gibt:
Wer Liebe finden will, muss selbst auch lieben,
Weil nur empfangne Liebe wiederliebt.
Und bliebe sie auch ohne Gegenspende,
So ist sie ja die ewge Gotteskraft,
Die aus sich selbst heraus und ohne Ende
Sich stete Fülle, neue Gaben schafft.
Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben,
Wie größer es kein andres, zweites gibt:
Nur der versteht es, recht und wahr zu lieben,
Der die empfangne Liebe weiterliebt.
So soll von Sieg zu Sieg sie stetig streben,
Allgegenwärtig wie der Sonnenschein,
Zur Allmacht werden auch im Erdenleben
Und die Befreierin der Menschheit sein.
Es ward vom Herrn ein großes Wort geschrieben,
Wie größer es kein andres, zweites gibt:
Einst wird das Kind so wie der Vater lieben,
Die Kreatur so, wie der Schöpfer liebt.
O Gott, o Liebe, nimm mich ganz zu eigen;
Ich gebe mich dir durch dich selber hin.
Führ mich in dich und lass zu dir mich steigen,
Bis einst ich auch nur Liebe, Liebe bin!
Ewig
Ihr sucht und sucht: „Wo ist die Ewigkeit?“
„Jenseits des Todes! Über unsern Sternen!
Hier ist die Zeit, und grad nur in der Zeit
Hat für das ewge Leben man zu lernen.
Hier sind die Jahre, Monde, Tage, Stunden;
Wir leben nach des Uhrenzeigers Lauf.
Hat er die Zwölf, die Mitternacht, gefunden,
So kommt die Ewigkeit, die Zeit hört auf.“
So wird von euch gesprochen und gedacht;
So hören es die Schüler von den Meistern,
Und während Einer frech darüber lacht,
Lässt sich der Andere davon begeistern.
Ihr meint, die Ewigkeit sei nur zu glauben,
Sei eine Zweifelssache, ein Vielleicht,
Und sendet aus der Arche eure Tauben,
Von denen keine auf zur Wahrheit steigt.
So hört es denn: Die Ewigkeit ist dort,
Ist hier, ist vor und nach euch, allerorten,
Der Zeitenraum, der grenzenlose Ort,
Der nur im Wechsel endlich ist geworden.
Sobald die ewge Liebe schöpfrisch handelt,
Hat ihren Ratschluss sie in Form gebracht
Und die Unendlichkeit in Zeit verwandelt,
Doch diese Zeit als ewig sich gedacht.
So lebt ihr also in der Ewigkeit;
Euch ward die Gnade, sie als Zeit zu fassen.
Benützt ihr sie, so wird als Seligkeit
Der Herr sie euch für ewig, ewig lassen.
Wer dies nicht tut, dem steht der Abgrund offen,
Aus dem die Erdenstunde ihn gebar,
Und nur vom Himmel ist für ihn zu hoffen,
Dass er das wieder wird, was hier er war.
Gottesstunde
Du rechnest nach der Zeit der Erde
Und ahnst noch nichts von Himmelszeit.
Nach welcher Gott wohl rechnen werde,
Darüber weißt du nicht Bescheid.
Zwar hast du dem metallnen Munde
Die irdschen Zeichen eingeprägt,
Doch hörst du nicht die wahre Stunde,
Die tief in deinem Innern schlägt.
Durch deine Zeit ward dir geboren
Des Lebens ganze, schwere Last;
Die wahre Zeit ging dir verloren,
Weil du sie nicht begriffen hast.
Nun schmerzt dich manche, manche Wunde,
Doch machte keine noch dich klug:
Du hast versäumt die Gottesstunde,
Als sie in deinem Innern schlug.
Will’s Gott in seiner Gnade geben,
Dass sie dir nochmals schlagen mag,
So trittst du in ein neues Leben
An deinem ersten Himmelstag.
Nur lausche, lausche stets der Kunde,
Die dir sein Engel abwärts trägt;
Versäume nicht die Gottesstunde,
Wenn wieder an dein Herz sie schlägt!
Werdet frei!
Werdet frei! Ihr windet euch in Ketten,
Und der Glaube nur kann euch befrein.
Werdet frei! Gott möchte gern euch retten,
Aber grad durch ihn wollt ihr’s nicht sein.
Ist’s so schwer, Verehrung dem zu zollen,
Der da war und ist in Ewigkeit?
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
Werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!
Kam der Hauch des Herrn zur Erde nieder,
Dass des Fleisches Ackerknecht er sei?
Öffnet ihm die Heimatspforte wieder;
Macht ihn vom Gesindedienste frei!
Längst schon ist des Himmels Ruf erschollen;
Ihn zu hören, ist’s nun höchste Zeit.
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
Werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!
Hält die Fremde euch denn so gefangen,
Dass ihr eure Heimat nicht mehr kennt?
Könnt ihr nicht mehr zu dem Wort gelangen,
Welches euch beim rechten Namen nennt?
Wenn sie es euch offenbaren sollen,
Sind viel heilge Stimmen gern bereit.
Werdet frei! Ihr braucht es nur zu wollen;
Werdet frei, die ihr jetzt Sklaven seid!
Mein Himmel
Wie ist der Himmel doch so weit
Entfernt von mir mit seinen Sternen!
Er baut zur Grenzenlosigkeit
Sich auf durch unmessbare Fernen.
Es reicht mein schwacher Blick nicht hin,
Mir nur die nächste Welt zu zeigen;
Ich fühle, dass ich Erde bin,
Nicht wert, zu ihr emporzusteigen.
Wie ist der Himmel doch so nah!
Er strahlt in mir mit tausend Sternen.
Fühl ich ihn nicht, er ist doch da;
Ich muß ihn nur erfassen lernen.
Die ganze Unermesslichkeit
Der Liebe darf ich in mir tragen;
Es hemmt sie weder Raum noch Zeit,
Mich auf zu Gott, dem Herrn zu tragen.
Unendlich und doch endlich ist
Der Himmel um die kleine Erde,
Doch du in meinem Herzen bist
Der, den ich ewig haben werde.
Was andern Himmeln drohen mag,
Dir hat es nicht und nie zu gelten:
Für dich gibt’s keinen letzten Tag
Und keinen Untergang der Welten.
Wie ist der Himmel doch so weit,
Und wie so nahe kann er liegen,
Wenn über unsre Blödigkeit
Der Glaube und die Liebe siegen.
Ich blick empor; ich schau in mich;
Dort darf ich nichts, hier Alles hoffen.
Mein Gott und Herr, ich bitte dich,
Erhalt mir diesen Himmel offen!
Sternensprache
Schau auf, schau auf zum Firmament,
Und lass von ihm dir zeigen:
Von allen Sternen, die ihr kennt,
Hat keiner Licht zu eigen.
Trotz ihrer Größe, ihrer Zahl
Sind sie nur Lichtverbreiter;
Ein jeder nimmt des andern Strahl
Und gibt ihn folgsam weiter.
Der einzge Sonnenquell des Lichts
Ist des Allmächtgen Liebe,
Und selbst auch diese wäre nichts,
Wenn sie nicht leuchtend bliebe.
Sie geht im Strahlenkleide aus,
Sich selbst der Welt zu geben,
Macht jeden Stern zu Gottes Haus
Und küsst ihn wach zum Leben.
Schau auf, schau auf zum Sternenzelt,
Und lass von ihm dir sagen:
Die Liebe wird von einer Welt
Der andern zugetragen.
Gibt sie ein Stern dem andern nicht,
Weil er Gott nicht verstanden,
So ist er für sie ohne Licht
Und also nicht vorhanden.
Sternschnuppe
Es fiel ein Stern, habt ihr gedacht,
Aus weiten, unbekannten Fernen.
Ging unter er in dunkle Nacht?
Blieb er am Himmel bei den Sternen?
Ist’s eine Welt, die im Entstehn
Sich Kraft und Stoff zu holen strebte?
War’s eine Welt, die im Vergehn
Durchs Leuchten sich zu Ende lebte?
Was werdet ihr vielleicht, vielleicht
Durch eure Rohre noch ergründen,
Jedoch wer ihren Weg ihr zeigt,
Kann nur der Glaube euch verkünden.
Sternkunde
Ich sah dich oft in stiller Nacht.
Du nahmst ins Rohr des Himmels Sterne
Und hast darüber nachgedacht,
Wie man sie wohl ergründen lerne.
Ist’s um die Körper dir zu tun,
So magst du deiner Forschung leben.
Die Wissenschaft darf nimmer ruhn;
Es ist ihr Schweres aufgegeben.
Doch weiter, weiter trachte nicht;
Die Allmacht lässt sich nicht bestehlen.
Gott gab den Sternen zwar das Licht,
Sie zu ergründen, wird dir’s fehlen.
Der Weg zum rechten, wahren Schaun
Steigt nicht empor auf Prismenstrahlen.
Es ist da Andres aufzubaun
Als Logarithmen-Dezimalen.
Den großen Weltzusammenhang
Regiert allein die Hand des Einen,
Durch die sich wie ein Lobgesang
Die Sphärentöne hell vereinen.
Zu seiner Wunder ewgem Reich
Ist keines seiner Schöpfungsworte
Und nie ein Ton dem andern gleich
Und doch harmonisch im Akkorde.
Willst du ein Intervall verstehn
Von deinem Standpunkt aus, der Erde,
So musst du bittend zu ihm gehn,
Ob er es dir erlauben werde.
Dann lausche demutsvoll und still,
Dein ganzes Sein ihm zugewendet,
Bis er dein Flehn erhören will
Und einen seiner Boten sendet.
Der nimmt und trägt dich hoch empor,
Wo keine Gegenklänge stören,
Und dann wirst du im Weltenchor
Die Stimme deines Sternes hören.
Bitte
Geh hin, mein Herz, und kniee nieder,
Und sprich: „Nimm mich, o Vater, wieder!“
Im Himmel war ich mir zu klein;
Ich wollte Herr der Erde sein,
Und um sie ganz und ganz zu erben,
Gab ich den kühnen Preis, zu sterben.
Geh hin, mein Herz, und kniee nieder,
Und sprich: „Nimm mich, o Vater, wieder!“
Mir war zu eng die Ewigkeit;
Ich trat als Sünder in die Zeit
Und hab in keiner ihrer Stunden
Das, was ich mir versprach, gefunden.
Geh hin, mein Herz, und kniee nieder,
Und sprich: „Nimm mich, o Vater, wieder!“
Ich war verblendet, war betört,
Als ich mich gegen dich empört,
Und will es niemals wieder wagen,
Dich nach dem Herrscherrecht zu fragen.
Geh hin, mein Herz, und kniee nieder,
Und sprich: „Nimm mich, o Vater, wieder!“
Jetzt ist die Erde mir zu klein;
Ich will im Himmel wieder sein
Und bin bereit, um ihn zu erben,
Dem Irdschen wieder abzusterben.
Gottesmahnung
Gib mir, o Mensch, was mir gehört,
Und gib der Welt, was sie dir borgte,
So ist sofort der Wahn zerstört,
Dass sie mehr als ich für dich sorgte.
Du bist aus deinem Vaterland
Als Gast zu ihr hinabgegangen
Und hast dafür aus ihrer Hand
Nichts als die Sünde nur empfangen.
Nun will sie durch die Gleisnerin
Dich fest und fester an sich binden.
Es soll des Kindes Heimatssinn
Das Vaterhaus nicht wiederfinden.
Drum gib die Sünde ihr zurück,
Und mach dich frei von ihren Ketten;
Bei mir liegt all dein Heil, dein Glück,
Und nur die Umkehr kann dich retten.
Hinauf – hinab
Hinauf zu dir will ich nur immer denken,
Hinauf zu dir, der ewig mein gedenkt.
Zu dir will meinen Flügelschlag ich lenken,
Zur dir, der all mein Sehnen zu sich lenkt.
Es sind nicht stolze Höhen zu ersteigen,
Es ist kein Flug, wie der Fantast ihn liebt,
Und doch gilt es, das Höchste zu erreichen,
Was es auf Erden für den Himmel gibt.
Hinab in mich will ich nur immer denken,
Wo es so falsch, so irrig für mich denkt.
In mich hinab will meine Kraft ich senken,
Der andern nach, die sich dorthin gesenkt.
Es sind nicht grausge Tiefen zu ergründen,
So weit hinab wie vorher himmelan,
Und dennoch ist der Abgrund unsrer Sünden
Das grausig Tiefste, was es geben kann.
Hinauf, hinab will ich nur immer denken,
So wie man dort ja meiner stets gedenkt;
Dann werd ich mir das Allerhöchste schenken,
Nachdem ich mir das Tiefste, mich, geschenkt.
Es ist nicht schwerer Rätsel Sinn zu lösen;
Es stürzt kein Himmel, keine Erde ein;
Nur möchte ich mich reinigen vom Bösen
Und gern ein Mensch nach Gottes Willen sein.
Gnade
Steig nieder, liebes, heilges Wunder,
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann.
Senk dich zu mir, in mich herunter,
Und zünd in mir des Altars Kerzen an.
Sie harren dein, schon lange dir bereit;
O komm, o komm, es ist wohl an der Zeit!
Steig nieder, liebes, heilges Wunder,
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann.
Bring deinen Himmel mir herunter,
Und zünd am meinigen die Sterne an.
Sie harren dein, schon lange dir bereit,
Und sollen leuchten bis in Ewigkeit.
Steig nieder, liebes, heilges Wunder,
Das ich gern fassen möcht und doch nicht kann.
Dann geht zwar dein Geheimnis unter,
Doch bricht für mich der Tag des Schauens an;
Zum Jubelton erschallt der Selgen Chor,
Und du trägst mich zum Wiedersehn empor.
Ade
Ich gehe fort, und dennoch geh ich nicht.
Ade, mein Heim, und doch auch nicht ade!
Ich scheide zwar, doch leist ich nicht Verzicht,
Dass ich dich einst nach Jahren wiederseh.
Ob dich mein Fuß für eine Zeit verlässt,
Du hältst doch meine ganze Seele fest.
Ans Land, wo meine Wiege einst gestanden,
Bleib ich gekettet mit geheimen Banden.
Ich gehe fort, und dennoch geh ich nicht.
Ade, lieb Mütterlein, und nicht ade!
Ob auch der Mund das Wort des Abschieds spricht,
Das Herz weiß doch, dass ich nicht von dir geh.
Treibt das Geschick mich in die Welt hinaus,
Es scheint nur so; ich bleib bei dir zu Haus.
Wohl mag der Gram mein Gehn ein Scheiden nennen,
Die Ferne kann nie Sohn und Mutter trennen.
Ich gehe fort, und dennoch geh ich nicht.
Ade, ihr Lieben, und doch nicht ade!
Trägt mich der Tod jetzt auf zum ewgen Licht,
Wisst, dass unsichtbar stets ich bei euch steh.
Von Gott zu eurem Schutz herabgesandt,
Halt über euch ich meine treue Hand.
Es stirbt der Körper nur, und nach dem Tode
Wird mein Gebet für euch ein Himmelsbote.
Heilesbotschaft
Es ging ein Heil von oben aus,
Vom Paradies, vom Vaterhaus.
Die Engel tragen es zur Erde,
Damit es uns zu eigen werde.
Doch bleibt dem menschlichen Verstand
Die Gottesbotschaft unbekannt,
Weil er das, was er denkt und dichtet,
Nach außen, nicht nach innen richtet.
Er fasst in seiner Prosa nicht
Des Himmels herrlichstes Gedicht.
Zum Herzen nur ist es gekommen
Und wird von ihm allein vernommen.
„Vater!“
Komm her und sprich ein einzig Wort,
Ein Wort, so kinderleicht zu sagen.
Komm her und geh nicht wieder fort;
Du brauchst vor mir ja nicht zu zagen.
Ich warte schon so lange dein;
O lass es nicht vergeblich sein!
Du sprachst als Kind dies liebe Wort
So oft und gern, wenn du gelitten;
Es ward gehört am rechten Ort:
Das Vaterherz ließ sich erbitten.
Wie ist dies Wort so klein, so klein,
Und doch kann keines größer sein.
Nun bist du längst das Kind nicht mehr,
Das du einst warst in jenen Tagen,
Und wie so lang ist der nicht mehr,
Dem du dein Leiden durftest klagen.
Er ging; doch trat ich für ihn ein;
Die Liebe kann nicht sterblich sein.
Drum sprich dies Wort nun auch zu mir;
Es kann dir doch so schwer nicht fallen.
O, hörtest du’s im Himmel hier
Von aller Selgen Mund erschallen!
Sprich „Vater“, nur dies Wort allein,
Und ich will dir es ewig sein!
Läuterung
Geh hin und schau in dich hinein
Bis in die tiefsten Herzensfalten;
Dann stellt sich die Erkenntnis ein:
Du musst dich gänzlich umgestalten.
In Gottes Buche steht ein Wort:
„Es sei denn, du wirst neu geboren,
So sinkst du hier und bist für dort
Und für die Seligkeit verloren.“
Geh hin und bitte Gott, den Herrn,
Er wolle gnädig dir verzeihen.
Er tut es; ja, er tut es gern,
Ob auch der Fehler viele seien.
Doch wer vielleicht sich darauf stützt,
Dass Gottes Gnade Alles wende,
Und seine Zeit und Kraft nicht nützt,
Für den geht plötzlich sie zu Ende.
Geh hin und sündige nicht mehr;
Dir ward sehr viel, sehr viel vergeben.
Wird dir die Läuterung zu schwer,
So fehlt der Ernst, sie zu erstreben,
So sehr du dich dagegen bäumst,
Zum Scherz bist du hier nicht auf Erden,
Und Alles, was du jetzt versäumst,
Muss nachgeholt, gebüßt einst werden!
Wohltätigkeit
Streckt sich bittend dir entgegen
Eines Bettlers arme Hand,
Sei ein Teil ihr von dem Segen,
Der dir wurde, zugewandt.
Güter, die dir Gott gegeben,
Sind für Andre dir geliehn,
Und nur was du für das Leben
Brauchst, sollst du davon beziehn.
Gehst du dennoch da vorüber,
Wo Erbarmung nötig ist,
O, so denke dort hinüber,
Wo du auch nur Bettler bist!
Verzeihen
Vergib, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
Nie trage nach; nie pflege deinen Zorn!
Es strömt aus dir im Blute mir das Leben;
Für Andre sei ein steter Freudenborn.
Gott machte dich so reich, so reich an Habe,
Doch meine nicht, sie sei für dich allein.
Indem du gibst, empfängst du selbst die Gabe;
Die allerschönste aber ist – – – verzeihn.
Vergib, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
Denk nicht, du stehest nicht in Andrer Schuld!
Wie lange willst du in derselben schweben?
Wie oft verlangst du, und wie viel, Geduld?
Des Nächsten Konto hältst du aufgeschlagen
Und stöberst seinem Soll und Haben nach;
Geh einmal hin, um bei ihm anzufragen,
Wie’s mit dem deinigen wohl stehen mag!
Vergib, mein Herz, so wird auch dir vergeben;
Schau doch empor und sag, du zittrest nicht!
Du magst es noch so sehr zu leugnen streben,
Da oben wartet deiner das Gericht.
Dann wirst du nicht nach deinem Maß gemessen,
Nach welchem du dir so gerecht erscheinst;
Drum wolle ja die Mahnung nie vergessen:
„Vergib mein Herz!“ Das rettet dich dereinst!
Dein Auge
Hüte dein Auge; bewache es immer,
Denn deine Seele, sie zeigt sich darin,
Sei es in sanftem, erbarmendem Schimmer,
Sei es verdüstert von grollendem Sinn.
Gutes und Böses bereiten die Hände;
Segen und Fluch, sie entquellen dem Mund;
Aber durch wundergeheime Verbände
Tun sie vorher schon im Blicke sich kund.
Hüte dein Auge; bewache es immer,
Nicht wegen Anderen, sondern für dich.
Täuscht dich sonst Alles, das Auge trügt nimmer,
Denn auch nach innen entschleiert es sich.
Prüfe dich fleißig, so wirst du entdecken,
Dass jede Regung ins Aug sich verirrt,
Um dort verrätrische Lichter zu wecken,
Ehe zum Worte, zum Werke sie wird.
Hüte dein Auge; bewache es immer,
Halte es stetig in sorgender Hut.
Fühlst du im Blick einen glühenden Flimmer,
Warte und schweig, denn – – du bist jetzt nicht gut.
Warte und schweig, bis ein besseres Regen,
Welches die sündige Wallung vertrieb,
Zeit gewann, sich in dein Auge zu legen;
Dann rede frei, denn – – du bist wieder lieb.
Güte
Streu Blumen aus auf deinem Lebenspfad;
Sie sind dir ja dazu gegeben!
Dies Blumenstreuen ist die beste Saat
Zur Ernte schon in diesem Leben.
Es kehrt ein jedes, auch bescheidnes Glück,
Nachdem es wo ein Leid geendet,
Gewiss verdoppelt und sehr bald zurück
Zu dem, der liebreich es gespendet.
Streu Blumen aus auf deinem Erdenpfad;
Sie sind dir ja dazu gegeben!
Dies Blumenstreuen ist die beste Saat
Zur Ernte auch in jenem Leben.
Es bleibt die Saat der Liebe ewig grün,
Und ihre Blumen welken nimmer;
Sie werden dir einst schon entgegenblühn
Beim ersten Himmels-Morgenschimmer.
Streu Blumen aus auf deinem Erdenpfad;
Sag nicht, du seist zu arm zum Geben!
Gelegenheit ist stets zur Liebestat,
Und Blumen hat das ärmste Leben.
Meinst du, es müssen immer Rosen sein?
Gott kennt ja jede, jede Blüte.
Er fragt nicht, ob die Gabe groß, ob klein,
Er misst sie nur nach deiner Güte.
In die Berge
Schon weicht das Flache hinter mir;
Die Ebene beginnt, zu steigen.
So naht das Herz, Jehovah, dir,
Wenn hinter ihm die Zweifel weichen.
Es ist, als ob am Horizont
Ich Bergesspitzen leuchten sähe.
So reinigt, läutert, wärmt und sonnt
Die Seele sich in Himmelsnähe.
Hinauf, hinauf! Ich raste nicht;
Ich darf und mag nicht unten bleiben.
Mein frömmstes, herzlichstes Gedicht
Will ich beim Glühn der Alpen schreiben.
Dann werde ich es heimlich, still,
In einem Kirchlein niederlegen;
Vielleicht gereicht’s, so Gott es will,
Dem, der es findet, dann zum Segen!
Empor
Herr, gib mir Schwingen, aufzusteigen
Aus dunkler Nacht zum hellen Licht!
Du willst mir deinen Himmel zeigen,
Und ich, ich komm und komme nicht.
Es halten mich die Eigenschaften
Des Staubes an der Erde hier;
Ich aber will nicht unten haften;
Hilf mir hinauf, hinauf zu dir!
Herr, gib mir Schwingen, aufzusteigen
Aus dunkler Nacht zum hellen Tag!
Wie lange Zeit soll noch verstreichen
Bis zu dem ersten Flügelschlag?
Soll bei der starren, irdschen Schwere
Dies mein Gebet vergeblich sein,
So sende deiner Engel Heere,
Dass sie mir ihre Flügel leihn!
Ja, gib mir Schwingen, aufzusteigen – – –
O Herr, ich steig, ich steige schon!
Ich seh die Nacht dem Tage weichen
Und nähere mich deinem Thron.
Hinweg mit allen meinen Klagen,
Denn was ich bat, das ist geschehn:
Ich fühle mich emporgetragen
Und werde deinen Himmel sehn!
Ergib dich drein
Ergib dich drein, du liebes Menschenkind,
Dass deine Wege nicht die meinen sind.
Es kann nicht Alles so, wie du willst, sein;
Du bist nicht Herr, ergib dich ruhig drein!
Ergib dich drein, und forsch und hadre nicht;
Tu, was die heilge Stimme in dir spricht.
Sie flüstert dir das einzig Richtge ein;
Sie täuscht dich nicht; ergib dich ruhig drein!
Ergib dich drein. Beschwerlich ist der Steg,
Der deiner harrt, fernab vom breiten Weg.
Schlägst du ihn ein, schlägst du ihn gläubig ein,
So wird er dir ein Pfad zum Himmel sein!
Das Gewissen
Was tatest du, als ich dich einstens bat,
Nach Gottes Wohlgefallen nur zu streben?
Ich wollte dir das Glück des Lebens geben;
Nun aber sag, was galt dir da mein Rat?
Was tatest du, als ich dich einst belehrt,
Dass deine Wege falsche Wege seien?
Ich wollte dich vom Bösen gern befreien;
Nun muss ich fragen: Hast du dich bekehrt?
Was tatest du, als ich dich dann verließ?
Ich glaubte wohl, du werdest mich vermissen
Und reuevoll um mich zu bitten wissen;
Nun frag ich dich: Was hat geholfen dies?
Jetzt komme ich ein letztes Mal zu dir
Und frage dich: Wozu bist du geboren?
Hörst du auch diesmal nicht, bist du verloren;
Ich bin es, dein Gewissen. Folge mir!
Selbstprüfung
Es naht ein ernster, heilger Tag,
An dem ich in mich forschen gehe,
Nach Allem, was ich suche, frag
Und vor mir selbst als Richter stehe.
Ich halte da ein streng Gericht
Und prüfe nicht etwa gelinde,
Damit dereinst bei Gott ich nicht
Ein niederschmetternd Urteil finde.
Und wann kommt dieser ernste Tag?
An jedem Morgen kehrt er wieder
Und schreibt der Stunden schweren Schlag
Für einst und ewig in mir nieder.
Einsicht
Schau nicht, schau nicht so um dich her,
Als ob da deine Welt sich breite.
Die Erde nicht und nicht das Meer
Zieh deinen Blick hinaus ins Weite.
Du wohnst hier nur im Wanderzelt;
Die Heimat fordert all dein Sinnen,
Und suchst du deine wahre Welt,
So richte deinen Blick nach innen.
Bau nicht, bau nicht ein festes Haus
Als Heim auf irdschem Grund und Boden;
Man trägt dich doch dereinst hinaus
Und legt als tot dich zu den Toten.
Dein wahres Heim, es ist nur dort,
Wohin du lebst und denkst, zu schauen,
Und jede Tat und jedes Wort
Trägst du ihm zu, um es zu bauen.
Trau nicht, trau nicht dem ebnen Weg,
Den Tausende durchs Leben wandern.
Weich ab, weich ab zum steilen Steg,
Und lass sie lächeln, all die Andern.
Sieh auf die Toren nicht zurück,
Und achte nicht auf ihre Stimmen;
Denn wisse wohl, dein wahres Glück
Liegt hoch und lässt sich nur erklimmen.
Wohin?
Frag doch einmal und lass dir endlich zeigen,
Wohin du kommst, wenn du so weitergehst.
Du sollst nicht abwärts, sondern aufwärts steigen;
Drum halte ein und siehe, wo du stehst!
Frag nicht die Welt, nicht sterbliche Propheten;
Schon Mancher, Mancher frug sie und beklagt’s.
Frag nur die Wahrheit, und sie wird dann reden;
Frag nur den Himmel, und der Himmel sagt’s!
Und weißt du, wo du diese Wahrheit findest?
Und weißt du auch, wo dieser Himmel ist?
Ich sehe, wie du dich verlegen windest;
Du weißt es nicht! Nun sag, bist du ein – – Christ?
Frage
Hast du gelebt? O, wolle Antwort geben:
Hältst du dein Leben wirklich für ein Leben,
Das dich zu sich zurück, zum Leben führt?
Wie weit bist du zum Urquell vorgedrungen,
Dem deine Seele, dem dein Sein entsprungen,
Dem deine ganze Strebenskraft gebührt?
Hast du geglaubt? O, wolle mir doch sagen,
Wie viele wohl von deinen Erdentagen
Den wahren, echten Sonnenschein gekannt.
Der Glaube gibt Unendlichkeit des Schauens
Im klaren, warmen Lichte des Vertrauens
Und zeigt dir jenes, nicht nur dieses Land.
Hast du gewirkt? O, wolle mich verstehen:
Ich sehe fleißig dich zur Arbeit gehen;
Du sorgst und kämpfest in und mit der Zeit.
Doch öffnet sich dir einst die dunkle Pforte,
So knarren in den Angeln dir die Worte:
„Hast du gewirkt auch für die Ewigkeit?“
Rätsel
Ring dich nieder; ring dich nieder!
Welch ein Wort und wie so wahr.
Sag dir’s täglich, stündlich wieder;
Werde dir darüber klar!
Ring dich nieder, um zu zeigen,
Dass du deine Psyche kennst.
Du kannst dich nur dann erreichen,
Wenn du von dir selbst dich trennst.
Ring dich nieder, bis zerronnen
Ist dein ganzes, ganzes Ich,
Dann hast Alles du gewonnen,
Was verloren ist für dich.
Ring dich nieder; gehe unter,
Bis du gänzlich dir entschwebst;
Dann geschieht das große Wunder,
Dass du tausendfältig lebst.
Ring dich nieder; ring dich nieder;
Lös dich auf und gehe ein;
Sterbend auferstehst du wieder
Und wirst ein Verklärter sein!
Doppelsieg
Denk nicht an dich, wenn dir ein Weh
Von irgend Jemand widerfährt;
Denk nur an ihn allein und geh
Dorthin, wo dich’s Gebet verklärt.
Dann fühlst du wohl, dass im Verzeihn
Ein zweifach großer Segen liegt:
Du hast nicht über dich allein,
Du hast auch über ihn gesiegt.
Berufung
Greif zu, o Mensch, greif zu,
Wenn dir der Himmel reicht die offne Hand,
Sonst denke nicht, dass du
Einst seist im Buch des Glückes mit genannt.
Wer diesen Wink des Himmels nicht beachtet,
Der sieht auch nicht des Himmels Ratschluss ein
Und wird, wie er auch nach dem Glücke trachtet,
Doch ohne Glück, so lang er trachtet, sein.
Greif zu, o Volk, greif zu,
Wenn dir der Himmel reicht die offne Hand,
Sonst denke nicht, dass du
Einst seist im Buch der Völker mit genannt.
Wenn diesen Fingerzeig du nicht beachtest,
Wirst du dem Tod, dem Untergang dich weihn
Und, ob du auch nach Glanz und Führung trachtest,
Doch unter Völkern nur ein Völkchen sein.
Greif zu, o Fürst, greif zu,
Wenn dir der Himmel reicht die offne Hand,
Sonst denke nicht, dass du
Einst seist im Buch der Fürsten mit genannt.
Ein Herrscher, der des Himmels Stimme achtet,
Die ihn beruft, der Völker Heil zu sein,
Bei dem stellt sich das Glück, nach dem er trachtet,
Ja ganz von selbst, als Himmelsgabe, ein.
Unsern Dichtern
Geht nach dem Morgenland; vernehmt die Weisen,
Die einst zum Saitenspiele dort erklungen.
Sie sollten Gott, den Einzigen, nur preisen
Und wurden doch für Andre auch gesungen.
Die Sänger starben, doch seht ihr die Noten
Der Lieder noch, wenn ihr vor Säulen steht,
Und mit dem Auge hört ihr noch der Toten
Gesänge, wenn ihr durch die Trümmer geht.
Die Psalter und die Harfen sind zerbrochen,
Zu denen Davids Stimme man gehört,
Und wo der Herr durch Steine einst gesprochen,
Liegt ihre Harmonie, ihr Reim zerstört.
Doch seht ihr wo ein Kapitell noch ragen,
Ein steinern Lied, im zarten Mondesschein,
So dürft ihr im Gedicht es heimwärts tragen
Und der Verstorbnen fromme Erben sein.
Geht nach dem Morgenland; vernehmt die Weisen,
Die dorten einst in Wort und Werk erklungen.
Sie sollten Gott, den Einzigen, nur preisen
Und wurden doch für ihn nicht ausgesungen.
Die Töne hört, die sich aus Trümmern ringen;
Vernehmt ihr Klagen und befreiet sie;
dann wird in Euern Liedern neu erklingen
Des Morgenlandes Gottespoesie!
Vogelsang
Es klang ein Lied vom Himmelszelt
Hell über allen Landen,
Doch hat es in der weiten Welt
Wohl Niemand recht verstanden.
Nur durch der Vöglein lauschend Ohr
Ist tiefer es gedrungen
Und wird seitdem als Frühlingschor
In Feld und Wald gesungen.
Doch wo man einen Menschen sieht
Durch Busch und Auen gehen,
So kann er leider dieses Lied
Noch immer nicht verstehen.
Auf dem Friedhofe
Komm her; komm her, du fremder Wandersmann;
Geh nicht vorbei an unbekanntem Grabe.
Hör mich, ja auch um deinetwillen, an
Und glaube, was ich dir zu sagen habe!
Ein jeder Mensch, der nach dem Himmel strebt,
Soll hier ein liebes, gutes Wörtlein sagen;
Es wird der Seele, die da oben lebt,
Auf Händen des Gebets emporgetragen.
Dort nimmt sie es mit Freuden in Empfang
Und lächelt dankbar auf den Spender nieder,
Und dieses Lächeln strahlt ihm lebenslang
Das, was er gab, mit tausend Zinsen wieder.
Wo sind die deinen?
Siehst du dort an des Abgrunds Rand
Die Schar der Kinder sorglos schreiten?
Kaum noch die Breite einer Hand,
So ist der Sturz nicht zu vermeiden.
Zu ihren Füßen gähnt der Tod;
Vor Angst will dir das Herz erkalten,
Doch ob er grinst und ob er droht,
Sie werden unsichtbar gehalten.
Nun steig einmal, du stolzer Mann,
Hinauf, desselben Wegs zu gehen!
Warum schaust du mich fragend an?
Warum bleibst du so zagend stehen?
Du fragst und zagst ja nie und nicht
Auf deinen steilen Zweiflerspfaden;
Wie kommt’s, dass jetzt der Mut dir bricht?
Ich glaub, ich habe es erraten.
Du wanderst kühn von Trug zu Trug
Am Abgrund deiner geistgen Öde,
Doch hier vor diesem Bergeszug
Da schwindelt dir, da wirst du blöde.
Nun schau hinauf zum Felsenjoch
Und sieh den sichern Gang der Kleinen:
Sie haben ihre Engel noch;
Du aber sag, wo sind die deinen?
Meine Engel
Ich saß im lieben, trauten Stübchen,
Grad als der Tag dem Abend wich.
Mein kleines, süßes Herzensbübchen
Schlang seine Ärmchen warm um mich.
Da strich, nicht etwa von der Sonne,
An uns vorbei ein lichter Schein,
Und ich gedachte voller Wonne:
„Das wird des Kindes Engel sein!“
Ich wachte an dem Krankenlager.
Es war so düster in dem Raum!
Der Leidenden Gesicht so hager;
Man unterschied die Züge kaum.
Wir beteten; da plötzlich legte
Sich um ihr Haupt ein lichter Schein,
Der den Gedanken in mir regte:
„Das wird der Kranken Engel sein!“
Er stand vor mir im halben Dunkel,
Die Klinge in der Faust bereit;
Des Augs verräterisch Gefunkel
Gab mir zum Weichen nicht mehr Zeit.
Da, als er auszuholen wagte,
Floss zwischen uns ein heller Schein;
Es sank die Hand; ich aber sagte:
„Das wird vielleicht dein Engel sein!“
Es lag die Bibel aufgeschlagen,
Und der Verleumder stand dabei,
Um auf das heilge Buch zu sagen,
Dass seine Lüge Wahrheit sei.
Da war ein fremder Ton zu hören,
Wie überirdisch, warnend, fein.
Der Mann schrie auf: „Ich will nicht schwören,
Denn das, das wird mein Engel sein!“
Bin ich dereinst bereit zum Scheiden,
Und ihr steht weinend um mich her,
So mag es Tröstung euch bereiten,
Dass ich zurück zum Vater kehr.
Habt Acht auf einen lichten Schimmer,
Auf einen Ton, ersterbend lind,
Und trifft es ein, so zweifelt nimmer,
Dass dies dann meine Engel sind!
An die Mutter
Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
So manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
O komm noch einmal, einmal zu mir her!
Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
Zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
O komm, o komm und sag, dass du verzeihst!
Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
Wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung und bring mit die Kunde,
Dass auch die Seligkeit sich mein erbarmt!
Des Kindes Seligkeit
Ich schlafe ein an meiner Mutter Brust;
O welche Wonne, welche selge Lust!
Die Mutter ist so fromm; sie ist so rein,
Und ich will so wie sie auch immer sein.
Ich schlafe ein an meiner Mutter Brust;
O welche Wonne, welche selge Lust!
Sie ist so lieb; sie ist so mild, so gut;
Ich sag ihr Alles, was mir wehe tut.
Ich schlafe ein an meiner Mutter Brust;
O welche Wonne, welche selge Lust!
Geht sie dereinst in Gottes Himmel ein,
Wird sie mein Engel, o mein Engel sein!
Großmütterchen
Sie trug mich stets auf ihren Armen;
Sie lehrte mich den ersten Schritt,
Und weinte ich zum Herzerbarmen,
So weinte sie erbarmend mit.
Wenn sie des Abends mich ins Nestchen
Mit linder Segenshand gebracht,
So bat ich: „Bleibe noch ein Restchen“,
Und meinte da „die ganze Nacht“.
Und wenn ein böser Traum mich schreckte,
So saß sie da beim kleinen Licht,
Nahm weg den Schirm, der es bedeckte,
Und sah mir liebend ins Gesicht.
Trotz ihrer hellen Augensterne
Tat ich sodann die Frage doch:
„Ich träume ohne dich nicht gerne;
Großmütterchen, sag, wachst du noch?“
Zwar ist sie längst von mir gegangen;
Ich selbst bin alt, fast schon ein Greis,
Und fühl mich doch von ihr umfangen,
Die mich noch jetzt zu segnen weiß.
Stets ist es mir, geh ich zur Ruhe,
Als setze sie sich zu mir hin,
Und wenn ich etwas Wichtges tue,
Kommt sie mir hilfreich in den Sinn.
So oft ich Sterne leuchten sehe,
Hell wie in meiner Jugendzeit,
Hör ich ihr Wort: „Was auch geschehe,
Du und dein Glück, ihr seid gefeit.“
Dann möchte ich, wie in jenen Tagen,
Zwar überflüssig, aber doch
Die lieben, lieben Sterne fragen:
„Großmütterchen, sag, wachst du noch?“
Frühling
Es ist ein linder Frühlingshauch
Heut übers Feld gegangen,
Und nun will Wiese, Baum und Strauch
In tausend Blüten prangen.
Schon morgen wohl, schon über Nacht
Gibt’s rings ein duftend Sprießen;
O Frühlingswonne, Frühlingspracht,
Sei mir, sei mir gepriesen!
In meine Seele ist ein Strahl
Vom Himmel mir gedrungen,
Und nun sind Blüten ohne Zahl
Wie draußen aufgesprungen.
Das sprosst und treibt, will dankbar sein,
Will Glück und Freude spenden.
Herrgott, lass diesen Sonnenschein
Doch niemals in mir enden!
Blind und doch sehend
Die Sonne krönt den goldnen Tag;
Der Abend nennt die Sterne sein;
Wo nur ein Aug sich öffnen mag,
Glänzt ihm ein Licht, ein Himmelsschein.
Doch all die Wonne, all die Pracht,
Mein toter Blick erfasst sie nicht;
In meines Daseins dunkler Nacht
Gibt’s keine Sonne, gibt’s kein Licht.
Mein Gott und Vater, nahmst du mir
Der Erde schönstes, freistes Gut,
So ruf ich flehend auf zu dir
Um deinen Schirm, um deine Hut.
Hör mein Gebet; vernimm den Schrei;
Ich bin dein Kind; verstoß mich nicht.
O halt mich fest, Herrgott, und sei
Du meine Sonne, du mein Licht!
Wie wird mir doch? Es tagt und tagt
Mir in des Herzens Nacht hinein,
Und eine Stimme in mir sagt:
„Der Herr der Welt erbarmt sich dein!“
Es wird die Seele mir so weit;
Nun bin ich still und zage nicht,
Denn du, o Allbarmherzigkeit,
Bist meine Sonne, bist mein Licht!
Im Alter
Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;
Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
Doch eine Ähre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.
Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch brauche ich der Reife mehr,
So lass mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
Für dich und deinen Himmel sein.
Die Leiden
Es ging ein Schwert durch meine Seele,
Wie es einst durch Maria ging.
Ob ich’s gesteh, ob ich’s verhehle,
Dass ich zu sehr am Irdschen hing,
Es ward durch dieses Schwert getroffen,
Und ich, ich lass die Wunde offen.
Nun wird es langsam sich verbluten.
Zwar ist’s mein eignes Blut, das fließt,
Doch auch die Gegnerschaft des Guten,
Die aus der Wunde sich ergießt.
Ich lass das alte Leben rinnen,
Ein neues, bessres zu gewinnen.
Es ist der große Zweck der Leiden,
Der durch die ganze Schöpfung geht:
Sie nahen nur, um auszuscheiden,
Was Gottes Ratschluss widersteht.
Ich will im Leid, das mir geschehen,
Nur göttliche Erziehung sehen.
Kindschaft
Ich war ein Kind, als hilflos ich gelegen
Im Arm der Liebe, die mich einst gebar,
Und diese Kindheit wurde mir zum Segen,
Als außer ihr mir nichts zum Segen war.
Ich blieb ein Kind und ruhte wohlgebettet
Im Gottvertrauen meiner Kindlichkeit.
Sie hat mich tausend-, tausendmal gerettet
Und zeigte mir den Weg zur Seligkeit.
Ich bin ein Kind noch heut, in Greisesjahren,
Dein Kind, mein Gott, und strebe zu dir hin.
O wolle diese Kindschaft mir bewahren,
Bis ich bei dir in deinem Himmel bin!
Heimkehr
Ich kehre heim! Auch ich ging wie die Andern
Hinaus ins Leben, in die weite Welt.
Doch nirgends bot sich mir bei meinem Wandern
Die rechte Stelle für mein kleines Zelt.
Es störte mich das Locken und das Prahlen
Mit nichtgem Tand, mit eitlem Trug und Schein;
Ich wollte nicht das Blei mit Gold bezahlen
Und nicht der Erde meinen Himmel weihn.
Ich kehre heim! Ich sehe rings ein Trachten
Nach Zielen, die nicht meine Ziele sind.
Ich will zur Heimat; mag man mich verachten,
Dass da ich sein will, wo ich war als Kind.
Ich will zurück zu jenen selgen Tagen,
Wo ich an dich und deiner Engel Schar
So innig glaubte, ohne viel zu fragen,
Und nur dein Kind und gar nichts Andres war.
Ich kehre heim! Ich bin des Hastens müde
Nach Flitterkram, nach gleisnerischem Ruhm.
Sei du mein Stab; führ mich in deiner Güte
Zu meiner Kindheit süßem Heiligtum!
Ich weiß es ja, dies Trachten und dies Dichten
Bringt nicht das wahre Heil, das wahre Glück;
Ich will so gern, so gern darauf verzichten
Und kehr in meine Jugendzeit zurück.
Ich kehre heim! Ich sehne mich nach Ruhe,
Und diese find ich nur und nur in dir,
Denn was ich für das Zeitliche hier tue,
Das rächt sich an dem Ewigen in mir.
Ich kehre heim. Mein himmlischer Berater,
Ich bin so gern dein Kind, so gern noch klein;
Du warst schon meiner Jugend Schirm und Vater
Und sollst es, wenn ich sterbe, auch noch sein!
Umkehr
Ich segne dich. Ich sah die Träne stehn
Im Auge, das du bittend zu mir hobst.
Ich segne dich. Ich sah dich in dich gehn
Und höre, was du dir und mir gelobst.
Es ist ein Jubeltag dem Paradies
Und allen seinen Seligen beschert,
Wenn eine Seele, die es einst verließ,
Am Arm der Einsicht reuig wiederkehrt.
Ich segne dich. Ich sah dich betend knien;
Ich hörte es, du habest dich ermannt
Und wollest endlich, endlich heimwärts ziehn,
Da du den Weg zum wahren Heil erkannt.
Ich segne dich, wie Niemand segnen kann
Als ich, die ewge Liebe, nur allein,
Und fühlst du diese meine Liebe, dann
Wirst du für immerdar gesegnet sein.
Ich segne dich, weil du um Gnade batst,
Denn du warst mir noch immer, immer lieb.
Du Armer wusstest ja nicht, was du tatst,
Als dich der Irrtum aus dem Himmel trieb.
Ich segne dich, und dieser Segen fasst
In sich des Himmels ganze Seligkeit:
So wie Vergebung du gefunden hast,
Sei zum Verzeihen stets auch du bereit!
Wunsch
Tret in ein Gotteshaus ich ein,
So soll es hell und freundlich sein.
Die Dunkelheit, ich lieb sie nicht;
Ich will es um und in mir licht.
Tret in ein Gotteshaus ich ein,
Möcht dennoch es auch schattig sein.
In Gottes Schatten ruht sich’s lind;
Ich freue mich, wo ich ihn find.
Tret in ein Gotteshaus ich ein,
Soll es des Vaters Haus mir sein.
Wenn seine liebe Glocke schallt,
Komm ich gewiss, komm alsobald.
Das Kapellchen am See
Ein Glöcklein hör ich klingen
Wohl über den lauschenden See;
Das will mir immer bringen
Ein wonniges Glück und ein Weh.
Ein Glück, weil es mich mahnet:
„Fahr über, und glaube an mich;
Was keine Erde ahnet,
Bereitet der Himmel für dich!“
Ein Weh auch, denn nur Einer
Setzt über und betet allein.
Will außer mir denn Keiner
Gerettet und selig dort sein?
Mahnung
Siehst du an des Berges Hange
Irgendwo ein Kirchlein stehn,
Warte, warte ja nicht lange,
Sei so gut, hineinzugehn!
Liebst du es, mit Gott zu reden,
Kniee hin und bete still;
In der Kirche hört er Jeden,
Der ihm Etwas sagen will.
Bist du Zweifler, nun, so falte
Wenigstens die Hände stumm,
Dass der Herr dich noch erhalte,
Wenn du auch nicht weißt, warum.
Und bist du vielleicht gescheiter
Als die „Einfalt, welche glaubt“,
Nun, so tue gar nichts weiter
Als: Entblöß dein stolzes Haupt.
Ja, siehst du am Bergeshange
Irgendwo ein Kirchlein stehn,
Dieses Opfer währt nicht lange:
Sei so gut, hineinzugehn!
Kannst du noch beten?
Kannst du noch beten? Sag, kannst du es noch?
Wenn nicht, so denk an deine Mutter doch,
Wie sie so liebend über dir gewaltet
Und dir die kleinen Händchen fromm gefaltet,
Damit der liebe Gott ihr Glück bewahre,
Und dieses Glück warst du – – wie viele Jahre?
Kannst du noch beten? Sag, kannst du es noch?
Wenn nicht, so denk an deine Kinder doch!
Hältst du’s für überflüssig, sie zu lehren,
Den Herrn und Vater gläubig zu verehren?
Was kann der irdische von ihnen wollen,
Wenn sie den himmlischen nicht achten sollen?
Kannst du noch beten? Sag, kannst du es noch?
Wenn nicht, so fasse Mut; versuch es doch!
Es wartet Gott wohl gar Zeit deines Lebens
Nur auf ein kleines Wörtchen, doch vergebens.
Die Todesangst wird dieses Wort dir zeigen,
Vielleicht zu spät; die Antwort ist dann – – Schweigen!
Andacht
Sei mir gegrüßt in stiller Stunde,
Du liebes, frohes Händefalten!
Du trägst zum Himmel auf die Kunde,
Dass ich vertraue seinem Walten.
Des Tages Last ist mir genommen,
Und meine Seele ruht im Herrn;
Ich darf mit Dank und Bitten kommen,
Und ich, ich komme ja so gern.
Sei mir gegrüßt in stiller Stunde,
Du liebes, frohes Händefalten!
Du bringst vom Himmel mir die Kunde,
Dass mich des Vaters Hand wird halten.
Des Tages Stimmen sind verklungen,
Und meine Seele ruht im Herrn;
Es tönen in mir andre Zungen,
Und ich, ich höre sie so gern.
Sei mir gegrüßt in stiller Stunde,
Du liebes, frohes Händefalten!
Steig auf und nieder, Himmelskunde,
Mich für das Jenseits zu gestalten.
Will einst der letzte Tag verschwinden,
Ruht meine Seele in dem Herrn
Und wird die Heimat wiederfinden,
Nach der sie sucht so gern, so gern.
Hilf mir!
Hilf mir, o Gott, nur deinen Weg zu gehen,
Den einzgen Weg, der uns zum Heile führt.
Ich fühl um meine Stirn ein lindes Wehen,
Das wie ein Hauch von oben mich berührt.
Dorthin will ich des Glaubens Flügel schlagen,
Die mich durch dich empor und zu dir tragen.
Hilf mir, o Gott, stets deiner zu gedenken,
Und was ich tu, auf dich nur zu beziehn.
Woll dich in mich, lass mich in dich versenken
Und Alles, was mich von dir scheidet, fliehn.
Ich will nur dich allein im Aug behalten
Und geistig mich durch dich für dich gestalten.
Hilf mir, o Gott, mich endlich zu besiegen;
Ich weiß es ja, ich bin mein ärgster Feind.
Ich will niemals, auch mir nicht, unterliegen;
Nur dieser Sieg ist’s, der mich dir vereint.
So hilf mir denn, hilf deinem schwachen Kinde,
Dass ich durchs Vaterherz den Himmel finde!
Reue
Herr, schau mich an! Ich lieg vor dir im Staube,
Und bis du mich erhörst, so lange bleib ich liegen.
Wie Noah damals ausgesandt die Taube,
So lass ich mein Gebet nach deiner Gnade fliegen.
Ich sündigte im Himmel und vor dir;
Verzeihe mir, mein Gott, verzeihe mir!
Herr, schau mich an! Ich lieg vor dir im Staube,
Ein bittend Kind vor seines Vaters Türe.
Ich hatte dein vergessen, doch erlaube,
Dass mich die Reue wieder zu dir führe.
Ich will hinfort dir gern gehorsam sein;
O lass, mein Gott, o lass mich wieder ein!
Herr, schau mich an! Ich lieg vor dir im Staube,
Doch hör ich schon des Engels Schritte klingen.
Er naht und wird mir Alles, was ich glaube,
Verzeihung, Hilfe und Erlösung bringen.
Er führt mich wieder, wieder zu dir hin,
Und ich, ich fühl, dass ich im Himmel bin!
Kanaan
Verlass mich nicht! Ich steh im dunkeln Land.
Führ mich zur Wahrheit, Herr, an deiner Hand.
Ich sehne mich nach deinem Licht;
Verlass mich nicht, o Herr, verlass mich nicht!
Verlass mich nicht! Herr, hör mein Flehen an.
Hinüber schaut mein Aug nach Kanaan.
Gib mir, was dein Prophet verspricht;
Verlass mich nicht, o Herr, verlass mich nicht!
Verlass mich nicht! Es winkt mir Zion schon.
Ich seh den Himmelsglanz um deinen Thron.
Es leuchtet mir dein Angesicht;
Verlass mich nicht, o Herr, verlass mich nicht!
Im Traum
Ich ging im Traum zum Himmel ein
Und blieb dort an der Türe stehen.
Ich sah so viele Engelein
Hinaus und wieder einwärts gehen.
Sie schwebten leuchtend hin und her,
Der Himmel hier und dort die Erde,
Auf Letzterer zu fragen, wer
Sich ihnen anvertrauen werde.
Doch ob ich ohne Unterlass
Auf ihr Bemühn, ihr Sorgen schaute,
Es war so wunderselten, dass
Sich ihnen Jemand anvertraute.
Das tat mir so unendlich leid,
Dass ich von meinem Traum erwachte
Und nun seitdem und allezeit
Den Engeln zu gehorchen trachte.
O, könnte Jeder so wie ich
Einmal im Traum zum Himmel gehen,
Es würde dieser sicherlich
Nicht mehr vergeblich offen stehen!
Du hast – – –
Du hast den Kopf zum Sinnen und zum Denken,
Kannst auf- und abwärts dein Bestreben lenken;
Lass es zur Höhe oder Tiefe gehen,
Doch harr des Richters, ob du wirst bestehen.
Du hast das Herz; nie ist’s im Leben still;
Es schlägt für gut und bös, wofür es will,
Doch ob es fleißig, noch so fleißig war,
Der Schläge Summe wird einst offenbar.
Du hast die Hände, welche wirken sollen;
Sie können nehmen, geben, wie sie wollen,
Doch selbst was sie verborgen hier getrieben,
Das findest du einst Alles aufgeschrieben.
Du hast die Füße, welche selten ruhn,
Kannst vorwärts, rückwärts deine Schritte tun,
Und bist du ungewiss, hast du die Knie,
O, beug sie zum Gebet, o beuge sie!
Nur einer?
Es leuchtete in trüber Nacht
Vom Himmel einsam mir ein Stern,
Und ich, auch trüb, ich hab gedacht,
Die andern seien mir so fern.
Da lächelte mit hellem Strahl
Er mir die ganze Wahrheit zu
Und brachte meines Zweifels Qual
Mit seinem Himmelsgruß zur Ruh:
„Es glänzen Millionen hier
Ganz in demselben Himmelslicht
Und in derselben Liebe dir,
Dein Auge aber sieht es nicht!“
„Mehr Licht!“
„Mehr Licht, mehr Licht!“ Die Finsternis
Lässt mich nur zagend vorwärts gehn;
Ich schreite langsam, ungewiss
Und bleib oft ängstlich tastend stehn.
„Mehr Licht, mehr Licht!“ Zwar leuchtet mir
Die Weisheit dieser klugen Welt,
Doch so, dass sie den Weg zu dir
Verdunkelt, aber nicht erhellt.
„Mehr Licht, mehr Licht!“ Am Glauben nur,
An ihm allein, allein gebricht’s;
Ihn scheut die irdische Natur
Und mit ihm dich, den Quell des Lichts.
Ich bin bei dir
Ich bin bei dir, ob du mich kennst, ob nicht;
Hör oder hör es nicht, was meine Stimme spricht.
Du hast die Wahl; du hast auch deine Pflicht;
Nun stürz ins Dunkel oder steig zum Licht.
Ich bin bei dir; es kann nicht anders sein;
Ich bin der, der ich bin, ich ewig nur allein.
Nimm mich als Fels, nimm irdschen Sand und Stein;
Ich stütz dein Haus; auf Erde fällt es ein.
Ich bin bei dir; ich bleibe fort und fort;
Ich warte hier auf dich, doch warte ich nicht dort.
Wo strebst du hin, nach welchem letzten Ort?
Nun sprich es aus, sprich das Entscheidungswort!
O bete gern!
O bete gern! Du brauchst dich nicht zu scheun;
Sei nicht von Sorge um das Wort betört.
Der Vater wird sich immer, immer freun,
Wenn er die Stimme seines Kindes hört.
O bete oft! Du hast ja Zeit dazu,
Und Wunsch und Dank bringt dir wohl jeder Tag.
Das Kind lässt ja dem Vater auch nicht Ruh,
Bis es gesagt hat, was es sagen mag.
O bete kurz! Es gleiche dein Begehr
Dem Kuss des Kindes, das den Vater liebt
Und von ihm weiß, dass er so gern noch mehr,
Als was es sich erbitten möchte, gibt.
Ja, bete kurz, doch bete oft und gern;
Der Vater ist dir ja so wohlgesinnt;
Du betest zwar zu Gott, dem Weltenherrn,
Doch bist du dieses Herrn geliebtes Kind.
Ich liebe
„Ich liebe“ ist ein Gotteswort;
„Ich liebe“ dringt ins Herz hinein.
„Ich liebe“ will an jedem Ort
Gegeben, nur gegeben sein.
„Ich liebe“ kam vom Himmel einst
Zu dir, zu mir, zu aller Welt,
Doch ist es nicht das, was du meinst
Und was als Liebe sich verstellt.
„Ich liebe“ ist nicht ein Begehr;
„Ich liebe“ dient und opfert nur,
Und fällt dir eine Liebe schwer,
So ist sie himmlischer Natur.
Die Erde lebt seit Anbeginn
Von dem, was ihr der Himmel gibt;
Er aber lebt und gibt sich hin,
Denn dass er lebt, heißt, dass er liebt.
Verständige Liebe
O Liebe, die ich endlich nun erfasst
Und die du mich so ganz ergriffen hast,
Daß ich nur dir, nur dir zu eigen bin,
Nimm mich; nimm mich; ich gebe mich dir hin.
Wer sich mit seinem Sein in dich versenkt,
Dem wird von dir ein besseres geschenkt,
Denn was du von ihm nimmst, gibst du als Glück,
Als Seligkeit ihm tausendfach zurück.
So will ich durch dich und in dir allein
Nur im Beglücken selbst auch glücklich sein,
Will nimmer rasten und will nimmer ruhn,
Nur was du willst, nichts Anderes zu tun.
Jedoch damit ich ja nicht irre geh
Und unter Lieben schwach zu sein versteh,
So gib mir deinen Bruder an die Hand,
Den klugen Lebensführer, den Verstand!
Rückkehr zum Glauben
Ich grüße dich. Du warst als heller Stern
An meinem Himmel leuchtend aufgegangen.
Dein Licht, es zeigte mir den Weg zum Herrn,
An dessen Thron der Engel Chöre klangen.
Ich folgte dir gehorsam, hoch beglückt,
Und ließ mir als dein dankbar staunend Eigen,
Dem Kreis der Erde mehr und mehr entrückt,
Der Allmacht und der Liebe Wunder zeigen.
Ich grüße dich, wie ich dich einst gegrüßt
An jedem Tag, den mir der Herr gegeben.
Vielleicht, vielleicht hab ich genug gebüßt
Und darf nun wieder für und durch dich leben.
Ich konnte, was mich leise dir entzog,
Mit meinem schwachen Auge nicht erkennen;
Nun aber weiß ich, dass es mich betrog,
Und lasse mich nicht wieder von dir trennen.
Ich grüße dich. Du bringst die Klarheit mir,
Und nun darf die Genesung ich erwarten.
Es schlägt mein Puls von Neuem auf zu dir,
Und ich, ich lach der Zweifel, die mich narrten.
Ich grüße dich so froh, so dankerfüllt;
Ich konnte irren, doch du musstest siegen,
Und ob die Brandung hinter mir noch brüllt,
Du warst der Anker – – ich bin ihr entstiegen.
Segen
Der Schlehdorn steht in Blüten,
Nun da ich scheiden muss.
Die Schwalbe aus dem Süden
Bringt mir den Abschiedsgruß.
Der Schlehdorn steht in Blüten;
So blühst, mein Kind, auch du.
Brich sie für mich, den Müden,
Deck mich mit ihnen zu.
Der Schlehdorn steht in Blüten;
Welch eine süße Last.
Mag dich der Herr behüten,
Wenn du mich nicht mehr hast!
Meinem Schutzengel
Ich war bei dir und lag doch so entlegen
Von deiner Wohnung betend auf den Knien.
Ich war bei dir; ich bat um deinen Segen
Und fragte, ob du mir vielleicht verziehn.
Du warst bei mir und standest doch so ferne
Von meinem Erdenheim vor Gottes Thron.
Wir atmen zwar nicht auf demselben Sterne,
Doch fühl ich Segen und Verzeihung schon.
Wir haben uns, du Geist, ich Staub, gefunden,
Als ich durch dich den Weg zum Himmel fand,
Und sind wie Leib und Seele nun verbunden,
Wie Gottes Wille und des Menschen Hand.
Und kann ich diesen Willen nicht begreifen,
So gibst du mir ihn klar und klarer kund:
Ich soll durch dich empor und zu dir reisen;
Dann gehen wir weiter, das ist unser Bund.
Tagesscheiden
Nun gehst du hin in Frieden,
Du schöner, goldner Tag.
Bist du von uns geschieden,
Ich doch nicht trauern mag.
Du kehrst doch morgen wieder;
Nicht ewig währt die Nacht;
Dann steigst du vom Himmel hernieder
In neuer uns segnender Pracht.
So werd auch ich in Frieden
Von hinnen scheiden gehn;
Es gibt doch schon hienieden
Ein geistig Auferstehn.
Am Firmament geschrieben
Steht mein und euer Glück:
Als segnender Engel, ihr Lieben,
Kehr täglich zu euch ich zurück.
Dein Engel
O glaube nicht, du seist verlassen,
Wenn dir kein Mensch zur Seite steht.
Lern nur den leisen Hauch erfassen,
Der, wenn du klagst, dich lind umweht.
Es zieht ein sinnenfremdes Mahnen
Dein geistig Wesen zu sich hin:
„Willst du, willst du denn gar nicht ahnen,
Dass ich, dein Engel, bei dir bin?“
O wolle nicht darüber trauern,
Dass dich kein Mensch im Herzen trägt.
Dort, jenseits unsrer Kirchhofsmauern,
Gibt’s einen Puls, der für dich schlägt.
Er hat für dich schon hier geschlagen,
Und fühlst du ihn, so sagt er dir:
„Du wirst auf Flügeln stets getragen;
Ich bin dein Engel; glaub es mir!“
O lass dir nicht ins Auge steigen
Des Leides stille Tränenflut.
Wiss, dass grad in den schmerzensreichen
Geschicken tiefe Weisheit ruht.
Grad in des Lebens schwersten Stunden
Spricht tröstend dir dein Engel zu:
„Durchs Leiden hast du mich gefunden;
Ich bin getrost; nun sei’s auch du!“
Zwei Worte
Zu früh, zu spät – – zwei Worte, welche eigen
Dem Menschenleben, auch dem deinen, sind.
Du siehst, dass dir die Stunden schnell verstreichen
Und dass mit ihnen deine Zeit verrinnt.
Du ahnst den Irrtum nicht, an dem du leidest;
Du hast ja Zeit, du hast unendlich Zeit,
Und wenn du dich in ihr zu früh entscheidest,
Entscheidest du für deine Ewigkeit.
Es war zu früh, als du die Rechnung schlossest
Und in das Defizit den Himmel warfst,
Zu früh, als du begeistert überflossest
Für Zwecke, denen du nicht dienen darfst.
Es war zu früh; du warst nicht reif zum Denken,
Als du dein Ziel nur an das Grab gestellt,
Denn du verstandst noch nicht, dich in die Gruft zu senken,
Um aufzustehn schon hier in dieser Welt.
Es war zu spät, als plötzlich du erkanntest,
Dass du vielleicht, vielleicht nicht recht getan,
Zu spät, als du dich halb, nur halb ermanntest,
Denn das „Vielleicht“ hielt dich auf falscher Bahn.
Es war zu spät; du hattest dich entschieden
Und lebtest also nicht mehr in der Zeit.
Zwar warst und bist du immer noch hienieden,
Doch war’s schon Tod und ist schon Ewigkeit.
Abendgebet
Herr, bleib bei uns! Es will die Nacht sich neigen;
Die Sonne sank schon längst hinab zur Ruh.
Herr, bleib bei uns! Es will kein Stern sich zeigen,
Und tiefes Dunkel deckt die Erde zu.
Warst du bei uns, als uns der Tag noch glühte
Und uns sein Strahl hell in das Aug gelacht,
So sei und bleib bei uns, Herr, und behüte
Durch deine Engel uns auch in der Nacht!
Herr, bleib bei uns und sende deine Boten
Zu uns ins ihnen treue, stille Haus.
Herr, bleib bei uns und treib die Glaubenstoten
Aus unserm Heim, von unserm Herd hinaus.
Lass uns den Kampf mit ihrer Macht bestehen,
Die aus dem Dunkel zu uns aufwärts stieg;
Lass deine Gnade helfend uns umwehen;
Gib deinen Engeln und gib uns den Sieg!
Herr, bleib bei uns jetzt und zu allen Zeiten;
Vor allem bleib, wenn unser Aug einst bricht.
Lass dein Erbarmen uns hinüberleiten
Zur ewgen Wahrheit und zum ewgen Licht.
Wie dir schon jetzt der Sphären Lieder klingen,
Die von der Last der Schwere sind befreit,
So sollen dir auch unsre Lippen bringen
Ein Halleluja, Herr, in Ewigkeit!
Ein Wort von oben
Ich ging zum Himmel ein, doch bin ich euch nicht fern;
Wenn ihr ihn auch nicht seht, den Garten Eden.
Es reicht der Himmel ja von Stern zu Stern,
Umfassend auch den irdischen Planeten.
Vor Gott sind alle, alle Welten gleich,
Die er für seine Selgen vorbereitet,
Und weil es ohne Ende ist, sein Reich,
So liegt es auch um euch rings ausgebreitet.
Ich ging zum Himmel ein, doch bin ich euch nicht fern;
Denkt ja nicht, dass ich euch entzogen werde.
Der Himmel ist die Herrlichkeit des Herrn,
Und diese leuchtet euch auch auf der Erde.
Es sieht zwar euer Aug das Wunder nicht,
Zu dem ich selig meine Blicke leite,
Doch wenn mein Herz für euch zum Vater spricht,
So kniee betend ich an eurer Seite.
Ich ging zum Himmel ein, doch bin ich euch nicht fern;
Der Himmel reicht so weit wie Gottes Liebe,
Auch bis zu euch, und wie säh ich’s so gern,
Dass euch der Zweifel nicht aus ihm vertriebe!
O, atmet diese Gottesliebe ein,
Und gebt mit jedem Wort und Blick sie weiter,
So werdet ihr bald hoch gestiegen sein
Auf – – ich will’s sagen! – – auf der Himmelsleiter.
Ruhe
Ruh aus von deinem Tagewerke
Am Abend, wenn du müde bist.
Du hast es nötig, aber merke,
Dass es zur Vorbereitung ist.
Erhole dich von deinen Sorgen,
Doch schlafe ohne sie nicht ein;
Vielleicht hast du am nächsten Morgen
Schon keine Zeit mehr, müd zu sein.
Ruh aus von deinem Lebenswerke
Im Alter, wenn du müde bist.
Du darfst es tun, doch aber merke,
Dass dies die letzte Ruhe ist.
Es wird die Arbeit dich begleiten
In jenes andre Land hinein.
Dort ist es aus mit unsern Zeiten,
Auch mit der Zeit zum Müdesein.
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