Kitabı oku: «Waldröschen IV. Matavese, der Fürst des Felsens. Teil 2», sayfa 9
16. Kapitel
Der Abend verging wie der gestrige, nur daß die Indianerin sich hütete, in den Garten zu gehen. Als der Rittmeister sich mit einem gute Nacht empfahl, ging Sternau scheinbar auch schlafen, kehrte aber auf der Treppe um und begab sich in eines der Gemächer, die im Parterre neben dem Hausflur lagen.
Wenn der Rittmeister mit dem Mordgesindel in Beziehung stand, so war es klar, daß er nur des Nachts mit diesen Leuten verkehren konnte; daher hatte Sternau beschlossen, sich auf die Lauer zu legen. Die hintere Tür war verschlossen, und da infolgedessen das Haus nur durch die vordere verlassen werden konnte, so mußte Sternau den Rittmeister, sobald dieser einen heimlichen Weg antrat, unbedingt bemerken.
Er öffnete den einen Flügel seines Fensters ein wenig, um besser hören zu können, und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Es kam ihm der Gedanke an die Heimat und an sein schönes Weib, aber er drängte diese Vorstellung zurück, da er seine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu konzentrieren hatte. So saß er lange mit scharf wachenden Sinnen, bis Mitternacht nahe war.
Da kam es ihm vor, als ob er ein Geräusch vernehme, das sich im Flur hören ließ. Er horchte mit doppeltem Fleiß und hörte die vordere Tür, neben der sein Fenster lag, leise öffnen. Ein scharfer Blick durch das Fenster zeigte ihm die Gestalt des Rittmeisters, der behutsam das Haus verließ und nach dem Tor schritt. Dasselbe war nicht verschlossen, da die Gegenwart der Lanzenreiter mehr als genug Schutz und Sicherheit bot Man mußte es offenlassen, damit Mannschaft und Offiziere auch des Abends und Nachts miteinander verkehren konnten. Der Rittmeister trat in das Freie hinaus.
Sternau sprang durch sein Fenster, dessen Flügel er wieder anlehnte, und folgte ihm, aber nicht hinaus in das Freie, sondern nur bis an die Palisaden, die den Hof umschlossen. Über dieselben hinweg konnte er in das Freie blicken und so den Rittmeister sehen, wie er von Feuer zu Feuer ging, um die Wachen zu inspizieren. Wie dieser draußen ging, so folgte ihm Sternau im Inneren des Hofes.
Bei einem zufälligen Rückblick auf das Gebäude bemerkte Sternau oben auf dem platten Dach desselben eine Gestalt, die langsam auf und nieder schritt. Er konnte ihre Züge nicht erkennen, aber er wußte, daß es Emma sei, der er heute ernstlich anbefohlen hatte, frische Luft zu genießen, da sie sonst sich am Krankenbett zu sehr anstrenge. Des Tages wollte sie mit dem Militär nicht in Berührung kommen, und so zog sie es vor, jetzt, da der Geliebte schlief, sich auf dem Dach des Hauses zu ergehen.
Der Rittmeister hatte das ganze Lager durchschritten und hätte nun zurückkehren müssen, aber er huschte nach der südlichen Ecke des Hauses zu.
Was wollte er dort? Warum schritt er nicht laut, wie ein ehrlicher Spaziergänger? Sternau folgte ihm von innen mit unhörbaren Schritten und kam so an die Stelle, wo draußen vor den Planken die beiden miteinander sprachen. Er hörte eine fremde Stimme sagen:
»Sie selbst waren uns im Weg. Wir hätten ja Sie getroffen!« – »Warum postiertet ihr euch nicht auf die linke Seite?« – »Das blieb sich gleich. Wer denkt, daß dieser Mensch so scharfsinnig ist!« – »Es scheint fast, als ob er allwissend sei. Ich kann für den Augenblick nicht gleich einen neuen Plan entwerfen, sondern muß erst abwarten und beobachten. Zudem ist es möglich, daß dieser Señor Sternau mich beobachtet, darum dürfen wir uns hier nicht wieder treffen.« – »Wo denn?« – »Hast du Papier und Blei?« – »Nein.« – »Aber schreiben und lesen kannst du?« – »Ja.« – »Hier hast du einige Bogen und auch eine Bleifeder, die ich dir mitgebracht habe. Wenn man von hier nach der Schlucht des Tigers geht und an den Wald kommt, liegt zwischen den ersten Bäumen ein nicht zu großer Stein. Dorthin werde ich euch des Vormittags oder wenn es paßt eure Instruktion stecken, sie wird unter dem Stein liegen. Und habt ihr mir eine Antwort zu geben, so werde ich sie an demselben Ort finden. Hast du verstanden?« – »Ja; man braucht kein Gelehrter zu sein, um es zu begreifen. Aber sagen Sie, Señor, was ist das für eine Gestalt, die dort oben hin- und herläuft?« – »Wo?« – »Auf dem Dach.« – »Ich habe sie noch gar nicht bemerkt. Ah, das ist Emma, die Tochter des Haziendero. Ich werde ihr ein wenig Gesellschaft leisten. Hast du sonst vielleicht noch etwas zu fragen?« – »Nein.« – »So gehe. Aber das merke dir: Wenn ihr euch abermals so ungeschickt benehmt wie heute morgen, so ist es aus mit unserem Geschäft. Ich kann keine Dummköpfe gebrauchen. Gute Nacht.«
Als Sternau die beiden letzten Worte hörte, schlüpfte er schleunigst zurück, stieg durch das Fenster wieder ein und verschloß dasselbe. Er hatte genug erfahren. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, dieser Rittmeister war als Todfeind zu betrachten; er war von Cortejo beauftragt worden und tat nun sein möglichstes, diesen Auftrag zu erfüllen.
Ein Glück war es, daß Sternau das Versteck der Korrespondenz erfahren hatte, denn nun konnte er leicht die Machinationen seiner Feinde durchkreuzen. Aber was wollte der Rittmeister jetzt droben auf dem Dach? War das nur eine leichtsinnige Bemerkung gewesen, oder war es ihm Ernst, Emma aufzusuchen? Das mußte abgewartet werden.
Sternau sah bald seinen Gegner durch das Tor zurückkehren; er hörte ihn durch den Hausflur eintreten und dann leise, ganz leise die Treppe ersteigen. Nach einigen Minuten öffnete auch er die Tür seines Zimmers geräuschlos und folgte dem Offizier. Mit unhörbaren Schritten stieg er langsam die erste und zweite Treppe empor, welche letztere auf das platte Dach mittels einer leiterähnlichen Fortsetzung führte. Man trat durch eine Falltür hinaus.
Als Sternau diese letztere erreichte, fand er sie offen. Er steckte vorsichtig den Kopf hindurch und erblickte Emma und den Rittmeister, die ganz in der Nähe standen.
»Sie wollen mich wirklich fliehen, Señorita?« fragte soeben der letztere. – »Ich muß fort«, antwortete Emma mit einer Bewegung nach der Tür.
Sternau sah, daß der Rittmeister sie bei der Hand gefaßt hatte und daran festhielt.
»Nein, Sie werden bleiben, Señorita«, entgegnete der Offizier. »Sie werden bleiben und anhören, was ich Ihnen zu sagen habe von meinem vollen Herzen, von meiner unendlichen Liebe und von meinem glühenden Verlangen, Sie an meine Brust zu drücken. Kommen Sie, Emma, sträuben Sie sich nicht, denn dies würde vergeblich sein!« – »Ich bitte inständigst, lassen Sie mich gehen, Señor!« bat sie in einem Ton, der die Größe ihrer Herzensangst erkennen ließ. – »Nein, ich lasse Sie nicht. Ich muß Ihre Lippen küssen.«
Er versuchte sie an sich zu ziehen, sie wehrte sich vergeblich und sagte verzweifelnd:
»Mein Gott, soll ich denn um Hilfe rufen!«
Mit einem raschen Schwung stand da auf einmal Sternau neben ihnen.
»Nein, Señorita, das brauchen Sie nicht, die Hilfe ist schon da. Wenn Señor Verdoja nicht sofort Ihre Hand freigibt, fliegt er vom Dach hinab in den Hof!« – »Ah, Señor Sternau!« stammelte sie erleichtert. »Helfen Sie mir!« – »Sternau!« knirschte der Rittmeister. – »Ja, ich bin es. Lassen Sie die Dame los!«
Da legte der Offizier nun erst recht seinen Arm um sie und fragte:
»Was wollen Sie hier? Was haben Sie mir zu befehlen? Packen Sie sich, Unverschämter!«
Er hatte dieses Wort kaum ausgesprochen, so sauste die Faust Sternaus durch die Luft, ein fürchterlicher Schlag traf Verdojas Kopf, und er brach zusammen. Dann wandte sich der Deutsche zu dem Mädchen, das von dem Offizier fast mit niedergerissen worden wäre.
»Kommen Sie, Señorita, ich werde Sie hinuntergeleiten!« – »O mein Gott«, klagte sie, am ganzen Körper zitternd, »ich habe nichts getan, was ihm den Mut zu einem solchen Überfall geben könnte!« – »Ich weiß es«, antwortete er. »Diese Art von Menschen hat den Mut zu allem Bösen, aber nicht zum Guten.« – »Diese Lanzenreiter lassen mir nur die Plattform des Hauses zum Promenieren übrig, und nun werde ich auch diese meiden müssen.« – »Nein, Señorita. Sie bedürfen der Erholung in freier Luft, und man soll Ihnen diese abendliche Promenade nicht rauben. Ich werde dafür sorgen, daß Sie fernerhin ungestört bleiben.« – »Aber Sie werden sich dadurch grimmige Feinde machen, Señor!« – »Ich fürchte diese Sorte von Feinden nicht«, sagte er in wegwerfendem Ton. – »Sie haben den Mann niedergeschlagen. Wird das zu keinem Streit führen?« – »Vielleicht. Aber sorgen Sie sich nicht um mich. Eine offene Forderung hat ungleich weniger zu bedeuten als eine versteckte Heimtücke, gegen die man nicht gewappnet ist. Lassen wir jetzt den Mann liegen, und versuchen Sie, die freche Beleidigung im Schlaf zu vergessen. Er ist nicht wert, viel Worte um ihn zu verlieren.«
Er geleitete sie die Treppe hinab bis vor die Tür des Krankenzimmers, wo er sich von ihr verabschiedete, denn sie wollte bei dem Bräutigam bleiben. In sein eigenes Gemach zurückgekehrt, an dem der Kapitän der Lanzenreiter vorüber mußte, lehnte er die Tür nur leicht an und wartete. Erst nach längerer Zeit hörte er ihn mit leisen Schritten vom Dach herabkommen und dann den Korridor durchschleichen. Nun erst begab sich auch Sternau zur Ruhe.
Emma fühlte sich durch die ihr angetane Infamie so aufgeregt und geängstigt, daß sie, in der Hängematte am Krankenbett liegend, keinen Schlaf fand. Sie wurde von peinigenden Gedanken gequält. Die Lanzenreiter wollten noch einige Zeit auf der Hazienda verweilen. Da fand Kapitän Verdoja leicht Gelegenheit, seinen Angriff zu wiederholen, und es war mehr als fraglich, ob sich dann abermals ein so mutiger Beschützer finden werde. Auf ihren Vater konnte sie nicht rechnen. Er war erstens nicht zum Helden geboren und hatte zweitens alle mögliche Rücksicht auf die halb wilden Soldaten, die zudem ja seine Gäste waren, zu nehmen. Sie sagte sich ferner, daß die Rolle eines Beschützers unter den gegenwärtigen Umständen mit einer nicht geringen Gefahr verbunden sei. Sternau hatte ganz gewiß sein rasches und energisches Auftreten zu büßen. Was waren zwei oder drei noch so mutige Männer gegen eine zahlreiche Schar unzivilisierter Lanzenreiter, von denen jeder einzelne so ziemlich außerhalb der gesetzlichen Ordnung stand.
In solchen Gedanken und Befürchtungen verging ihr die Nacht. Sie konnte denselben um so mehr nachhängen, als der Kranke die im Zimmer herrschende Stille nicht unterbrach. Er lag in einem festen, gesunden Schlaf, daß er sich nicht ein einziges Mal regte. Er schlief sogar noch, als am Morgen Karja, die schöne Indianerin, hereinschlüpfte, um nach ihrer Gewohnheit Emma in den notwendigen häuslichen Anordnungen für einige Zeit abzulösen.
»War seine Nacht eine gute?« fragte sie. – »Ja«, antwortete Emma. »Er hat ohne Unterbrechung geschlafen, und nun steht, Gott sei Dank, zu erwarten, daß seine Genesung sicher und ungestört fortschreiten wird. Señor Sternau sagte, die Trepanation sei an und für sich nicht gefährlich, aber man müsse das Wundfieber und die sonstigen Folgen fürchten. Wir haben ihm von unserem Wundkraut aufgelegt und eingegeben; infolgedessen ist das Fieber kaum zu spüren. Es steht zu erwarten, daß Gott ihn beschützen und recht bald gesund machen wird.« – »Das ist mein innigster Wunsch«, sagte Karja. »Also um Señor Helmers brauchen wir fast nicht mehr bange zu sein; aber um deinetwillen bin ich besorgt.« – »Warum?« – »Du siehst so bleich und angegriffen aus. Das Nachtwachen schwächt dich zu sehr.« – »Das ist es nicht. Wenn ich mich ermüdet fühle, so ist es nicht der Krankenpflege, sondern eines anderen Grundes wegen.«
Sie erzählte nun mit leiser Stimme, um den Schlummernden nicht zu wecken, ihr Abenteuer auf dem Dach. Karja, die ihr mit vollster Teilnahme zuhörte, wurde dadurch veranlaßt, auch ihre Begegnung mit Leutnant Pardero im Garten zu erwähnen. Beide waren noch dabei, ihren Abscheu über solche unverzeihliche Zudringlichkeiten in Worte zu fassen, als Sternau eintrat. Er hatte gleich nach seinem Erwachen nach dem Patienten sehen wollen, war ganz leise eingetreten und hörte die letzten Worte ihrer Unterhaltung, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Als sie ihn sahen, war es zum Schweigen zu spät. Er entschuldigte sich und fragte die Indianerin:
»Wie, auch Sie haben in ähnlicher Weise wie Señorita Emma zu leiden gehabt?« – »Leider, ja«, antwortete sie. – »Von wem?« – »Leutnant Pardero fiel mich im Garten an, und als ich entfloh, lief ich dem Kapitän in die Hände, der mich fassen wollte.« – »Schurken!«
Sternau sagte nur dieses eine Wort, dann wandte er sich zu dem Schlafenden. Als er ihn aufmerksam betrachtet und besonders auch seine ruhigen Atemzüge gezählt hatte, nickte er befriedigt Er hörte nun, daß der Patient ununterbrochen geschlafen habe; da heiterte sich sein Gesicht noch mehr auf, und er sagte:
»Lassen wir ihn ruhig schlafen. Schlaf und Ruhe sind die besten und sichersten Mittel zu seiner Wiederherstellung.«
17. Kapitel
Sternau unternahm jetzt einen Morgenspaziergang hinaus nach den Weideplätzen, fing sich eines der Pferde und galoppierte auf demselben eine Strecke in die Savanne hinein; dann kehrte er wieder zurück. Er gab das Pferd frei und schritt zu Fuß der Hazienda zu. Unter dem Tor begegnete ihm der Leutnant Pardero.
»Ah, Señor Sternau!« sagte dieser, stehenbleibend und in einem nicht eben höflichen Ton. »Ich habe Sie gesucht!« – »Weshalb?« fragte Sternau kurz. – »Ich muß mit Ihnen sprechen!« – »Sie müssen?« meinte der Deutsche in einem verwunderten Ton. »Heißt das vielleicht, das ich gezwungen bin, Sie anzuhören?« – »Allerdings«, lautete die spöttische Antwort. – »Nun ja, ein gebildeter Mann verweigert keinem anderen das Gehör, vorausgesetzt, daß die nötigen Höflichkeiten nicht vernachlässigt werden. Unter dem Torweg erteile ich keine Audienz. Haben Sie mich zu sprechen, so kommen Sie nach meinem Zimmer.«
Der Leutnant verfärbte sich, trat einen Schritt zurück und erwiderte:
»Sie sprechen so hochmütig von Audienzen. Halten Sie sich für ein gekröntes Haupt?« – »Pah! Ich verstehe Audienz in weiterem Sinne, bei der es sich um eine Unterredung zwischen einem höher und einem niedriger Gestellten handelt. Sie werden mir doch zugeben, daß unsere Stellungen in bürgerlicher, intellektueller und moralischer Beziehung sich nicht gleich sind. Ich werde dennoch bereit sein, Sie anzuhören.«
Er wandte sich zum Gehen, doch der Leutnant faßte ihn hastig beim Arm und fragte mit drohender Miene:
»Meinen Sie etwa, daß ich moralisch unter Ihnen stehe?« – »Ich meine niemals etwas, sondern ich sage stets nur das, von dessen Wahrheit ich vollständig überzeugt bin. Nehmen Sie übrigens Ihre Hand von meinem Arm, ich liebe derartige Berührungen nicht.«
Er schüttelte die Hand des Spaniers von sich ab und ging fort. Der Leutnant fühlte sich durch den Ton und den Blick des Deutschen eingeschüchtert; er ließ ihn gehen, verfolgte ihn aber mit flammenden Augen und murmelte:
»Prahler, das sollst du büßen! Diese Deutschen sind wie die Maulesel; tragen geduldig und ohne Mut und ohne Ehrgefühl die größten Lasten, rappelt es aber einmal in ihrem Kopf, so werden sie störrisch und ungezogen, man kann sie dann nur durch Prügel zähmen. Und dieses Experiment werde ich hier anwenden. Wir wollen doch einmal sehen, ob dieser Sternau so stolz bleibt, wenn er erfährt, um was es sich handelt.«
Er wartete ein kleines Weilchen und begab sich sodann nach der Wohnung Sternaus. Dieser hatte ihn erwartet; er ahnte, welchen Gegenstand die Unterredung betreffen werde, und empfing den Eintretenden mit einer kalten, aber höflichen Verbeugung.
»Sie sehen, Señor, daß ich komme«, sagte der Spanier mit einem höhnischen Lächeln.
Sternau nickte.
»Zur Audienz«, fügte der Spanier hinzu.
Sternau nickte abermals, ohne ein Wort zu sagen.
»Darum hoffe ich, daß ich jetzt Gehör finden werde!« fügte Pardero drohend hinzu. – »Jedenfalls, wenn Sie sich anständig betragen«, antwortete der Deutsche.
Da brauste der Spanier auf.
»Herr, haben Sie mich einmal unanständig gesehen?« – »Kommen wir zur Sache, Señor Pardero!« entgegnete Sternau eiseskühl. – »Gut, wir können ja diesen Gegenstand einstweilen fallenlassen. Aber ich bin nicht gewöhnt, stehend mich zu unterhalten!«
Der Spanier blickte nach einem der vorhandenen Stühle. Sternau tat, als habe er den Blick gar nicht bemerkt, und antwortete mit einem sarkastischen Lächeln:
»Von einer Unterhaltung ist hier keine Rede, sondern von einer Audienz. Der Empfangene hat sein Gesuch stehend vorzutragen. Ist dies gegen Ihren Geschmack, so muß ich die gegenwärtige Zusammenkunft für beendet erklären.«
Hatte Sternau bei diesen Worten beabsichtigt, den Spanier auf das tiefste zu beleidigen, so war es ihm vollständig gelungen. Parderos Gesicht flammte von der Röte des Zorns, seine Augen glühten, und seine Stimme zitterte, als er antwortete:
»Señor, ich fühle mich nicht mehr in der Lage, Sie für einen Kavalier zu halten!« – »Ihre Lage ist mir vollständig gleichgültig«, lächelte Sternau. »Aber bitte, kommen Sie zur Sache. Ich bin nicht gewillt, mich für einen Schwätzer halten zu lassen.«
Pardero wollte aufbrausen, als er aber sah, daß Sternau sogleich nach dem Hut griff, um sich zu entfernen, bezwang er sich und sagte mit möglichster Gelassenheit:
»Ich komme im Auftrag meines Vorgesetzten, Kapitän Verdoja.«
Als Sternau keine Miene machte, diese Einleitung mit einem Wort zu beantworten, fuhr der Spanier leichthin fort:
»Gestehen Sie, daß Sie ihn beleidigt haben?«
Sternau zuckte die Schultern und erwiderte lächelnd:
»Sie scheinen nicht gewohnt zu sein, Ihre Ausdrücke treffend zu wählen. Gestehen kann nur ein Verbrecher dem Richter gegenüber, und ich bin ebensowenig das erstere, wie Sie das andere sind. Von einem Geständnis meinerseits kann also keine Rede sein. Übrigens habe ich diesen Mann nicht beleidigt, sondern niedergeschlagen. Vielleicht ist das Ihrer Ansicht nach eine Beleidigung im Komparativ oder gar im Superlativ.« – »Ja«, rief der Leutnant, »das ist es allerdings. Der Kapitän fordert Genugtuung!« – »Ah!« dehnte Sternau mit gut gespielter Verwunderung. »Genugtuung? Und diese fordert er durch Sie?« – »Wie Sie hören.« – »Hm! Sind Ihnen die Regeln des Duells bekannt, Señor Pardero?« – »Zweifeln Sie daran?« – »Ja.« – »Donnerwetter!« – »Bitte, ich bin nicht gewöhnt, in meinem Zimmer dergleichen Ausdrücke zu vernehmen. Ich zweifle an Ihrer Kenntnis der Duellgesetze, weil Sie sich zum Kartellträger in einer Angelegenheit hergeben, die nichts weniger als ehrenvoll für Sie sein kann. Ist Ihnen die Veranlassung zu dem Hieb bekannt, den Kapitän Verdoja von mir erhalten hat?« – »Vollkommen«, antwortete der Gefragte mit vor Wut bebender Stimme. – »Nun, dann verachte ich Sie! Ich schlug den Kapitän nieder, weil er eine anständige Dame beleidigte, die sogar die Tochter seines Gastfreundes war. Wer sich zur Vermittlung eines solchen Falles hergibt, der ist in meinen Augen nicht nur eine moralische Null, sondern er ist sogar ein ganz bedeutendes sittliches Minus.«
Da griff der Spanier nach seinem Degen, zog die Klinge halb heraus und rief:
»Was sagen Sie? Was wagen Sie? Ich werde …« – »Nichts werden Sie!« sagte Sternau ruhig, aber diese Ruhe war diejenige vor dem Donnerschlag. In seinen Augen blitzte ein Wetterleuchten auf, das auch einen mutigeren Mann, als der Leutnant war, hätte erschrecken können. Er fuhr fort: »Nehmen Sie die Hand vom Degen, sonst zerbreche ich ihn vor Ihren Augen! Es kann mich eigentlich nicht wundern, daß Sie die Botschaft des Kapitäns übernommen haben, denn Sie sind ein ebenso großer Schurke wie er. Sie haben …« – »Halt!« schrie der Leutnant, den die Wut jetzt übermannte. »Sagen Sie noch ein solches Wort, so durchbohre ich Sie! Wollen Sie mir sogleich diesen Schurken abbitten?«
Er zog den Degen vollends heraus und holte zum Stoß aus. Sternau stellte sich ihm gemütlich gegenüber, schlug die Arme über der breiten, mächtigen Brust zusammen und sagte:
»Gut, wenn Sie es wünschen, so bitte ich Ihnen den ›Schurken‹ ab. Es ist wahr; Sie sind kein Schurke, sondern ein Doppelschurke, ein elender!«
Der Eindruck dieser Worte war kein augenblicklicher. Der Spanier stand ganz steif, er konnte im ersten Moment sich gar nicht fassen und seinen Gegner gar nicht begreifen, dann aber stieß er einen heiseren Schrei der Wut aus und zückte den Degen. Aber in demselben Augenblick befand sich die scharfe, spitze Waffe in der Hand des Deutschen; der Spanier wußte gar nicht, wie sie ihm entwunden worden war. Sternau bog die Klinge zweimal zusammen und warf die drei Stücke dem Leutnant vor die Füße.
»Hier haben Sie Ihren Apfelschäler!« sagte er lachend. »Sie haben Señorita Karja ebenso beleidigt, wie Ihr Kapitän Señorita Emma beleidigte. Es ist ein Schurke so groß wie der andere. Wenn Sie mein Zimmer nicht sofort verlassen, werfe ich Sie zum Fenster hinaus.«
Er streckte seinen Arm drohend nach dem Gegner. Dieser schlüpfte gewandt unter demselben hinweg und sprang nach der Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und rief, dem Deutschen die geballte Faust entgegenstreckend:
»Das sollen Sie büßen, und zwar bald, bald! Sie werden sich mit zweien zu schlagen haben, anstatt nur mit einem, und wenigstens einer von uns wird Sie töten, wenn Sie nicht geradezu den Teufel im Leib haben.«
Er eilte zur Tür hinaus. Sternau brannte sich ruhig eine Zigarette an und wartete nun gleichmütig der Dinge, die da kommen sollten. Seine Geduld sollte nicht lange auf die Probe gestellt werden, denn bereits nach einer kleinen Viertelstunde klopfte es an seiner Tür, und auf sein lautes »Herein!« trat der andere Leutnant durch die geöffnete Tür, verbeugte sich sehr höflich und sagte in einem ebenso höflichen Ton:
»Verzeihung, Señor Sternau, daß ich Sie störe! Können Sie sich mir auf höchstens fünf Minuten widmen?« – »Gern, Señor. Bitte, nehmen Sie Platz, und bedienen Sie sich einer Zigarette!«
Der Offizier war ganz überrascht über diese Freundlichkeit. Leutnant Pardero hatte ihm von dem Verhalten Sternaus erzählt, und anstatt in diesem einen Wüterich zu finden, wurde er mit solcher Höflichkeit empfangen. Was ein europäischer Offizier als Kartellträger unterlassen hätte, der Leutnant tat es, er nahm eine Zigarette und ließ sie sich von Sternau in Brand stecken. Eigentlich mußte ihm die Veranlassung seines Besuchs doch verbieten, sie anzunehmen. Als beide nun einander gegenübersaßen, begann der Offizier.
»Aufrichtig gestanden komme ich nicht gern zu Ihnen, Señor; denn die Angelegenheit, die mich zu Ihnen führt, ist eine feindliche.«
Er hielt inne und blickte Sternau erwartungsvoll an. Dieser wollte Ihm das Schwierige seiner Lage erleichtern und sagte daher mild:
»Sprechen Sie getrost, Señor! Ich bin jedenfalls auf das, was Sie mir bringen, bereits genugsam vorbereitet.« – »Nun, ich komme im Auftrag der Señores Verdoja und Pardero, die von Ihnen beleidigt zu sein glauben.«
Sternau nickte leichthin.
»Sie gebrauchen den richtigen Ausdruck«, sagte er. »Die Señores glauben, von mir beleidigt zu sein, aber im Gegenteil sind diese beiden es, die zwei Damen beleidigten, die sich ohne Schutz befanden, dann aber in mir den Rächer fanden. Señor, Sie bringen mir nun eine Aufforderung zum Zweikampf?« – »Ja, Señor Sternau.« – »Und mit wem soll ich mich schlagen?« – »Mit beiden.« – »Hm! Das tut mir leid um Ihretwillen, denn Sie sind der Abgesandte von Männern, die ich nicht achten kann. Übrigens brauche ich die Forderung gar nicht anzunehmen, da man sich nur mit Ehrenmännern schlägt. Aber ich will Sie, der Sie höflich zu mir sprachen, nicht kränken, und ebenso will ich bedenken, daß ich mich gegenwärtig in einem Land befinde, in dem der Ehrbegriff vielleicht noch nicht die notwendige Läuterung erfahren hat, und darum will ich mich zu der Forderung bekennen. Haben die beiden Herren bereits Wünsche in Beziehung auf das Arrangement ausgesprochen?« – »Allerdings.« – »Nun?« – »Der Kapitän wünscht, sich auf Degen zu schlagen, der Leutnant aber auf Pistolen.« – »Das glaube ich!« lachte Sternau fröhlich. »Ich habe des Leutnants Säbel zerbrochen; er weiß also, daß ich mit dieser Waffe umzugehen verstehe, und wählt daher Pistolen. Ich will den beiden Herren die Erfüllung ihrer Wünsche zugestehen, aber nur unter zwei Bedingungen.« – »Ich will sie hören, Señor.« – »Ich schlage mich mit dem Kapitän auf Degen, bis einer von uns durch eine Wunde gezwungen ist, den Degen fallen zu lassen.« – »Dies wird vielleicht zugestanden.« – »Und mit dem Leutnant schieße ich mich über die Barriere mit zwei geladenen Läufen. Die Barriere ist drei Schritte, und jeder hat zwei Kugeln.« – »Mein Gott, Señor, auf diese Weise gehen Sie einem sicheren Tod entgegen!« warnte der Offizier. »Wenn Sie dem Kapitän entkommen, werden Sie doch dem Leutnant nicht entgehen, der der beste Pistolenschütze ist, den ich kenne.« – »Vielleicht gibt es noch bessere, als er ist«, lachte Sternau. »Haben Sie bereits einmal von berühmten Schützen, Jägern und Savannenmännern gehört, Señor?« – »Oh, sehr oft!« – »Können Sie mir die Namen einiger sagen?« – »Nun, ich habe gehört von Sans-ear, von Shatterhand, von Firehand, von Winnetou, von dem berühmten Fürsten des Felsens und von …« – »Halt, Señor, glauben Sie, daß dieser Fürst des Felsens eine Pistole zu führen versteht?« – »Besser wie jeder andere«, meinte der Spanier rasch. – »Nun, dieser Fürst des Felsens bin ich. Haben Sie also keine Sorge, daß ich mich vor Ihrem Leutnant fürchte. Ich teile Ihnen vielmehr mit, daß ich das Resultat des Doppelduells bereits jetzt kenne.«
Der Spanier blickte ihn überrascht an.
»Daß Sie der Fürst des Felsens sind, weiß ich ja, und wie Sie schießen, das weiß ich ebensogut«, entgegnete er. »Aber Sie sind ja auch nur ein Mensch. Ein kleiner Unfall kann Ihnen verderblich sein. Wie wollen Sie das Resultat des doppelten Zweikampfs vorher wissen?« – »Ich würde Ihnen dieses Resultat jetzt mitteilen, wenn Sie nicht der Sekundant meiner Gegner wären, doch vor Beginn des Duells werde ich Ihnen beweisen, daß ich die Wahrheit sagte. Das übrige besprechen Sie gütigst mit Señor Mariano, der so freundlich sein wird, mir zu sekundieren.« – »Und Zeugen, Unparteiische?« – »Brauchen wir nicht!« – »Einen Arzt?« – »Auch nicht. Arzt bin übrigens ich selbst, werde aber meinen Gegnern nicht die mindeste Handreichung leisten.« – »Bedenken Sie, Señor, daß auch Sie verwundet werden können!« sagte der Leutnant. – »Pah, von diesen beiden Männern ist keiner imstande, mich zu verwunden!«
Mit diesen Worten wandte Sternau sich stolz ab, und der Offizier ging. Als dieser fort war, suchte Sternau Mariano auf, um ihn von dem Stand der Sache zu unterrichten. Der junge Mann war bereit, Sekundant zu sein, und ging, um den Sekundanten der beiden Gegner aufzusuchen. Es dauerte nicht lange, so kehrte er wieder zurück und meldete, daß die Bedingungen Sternaus angenommen worden seien. Dieser letztere hatte als der Geforderte das Recht, seine eigenen Pistolen mitzubringen, und da er derselben ganz und gar sicher war, so fühlte er sich des Erfolges völlig gewiß.
Von diesem Augenblick kam er nicht vom Fenster seines Zimmers. Er wußte, was nun geschehen werde, und behielt den Ausgang der Hazienda im Auge. Um die Zeit der Mittagshöhe schwang der Kapitän sich auf sein Pferd und ritt davon. Sternau ahnte, daß er die Absicht habe, einen Brief unter den Stein zu stecken, und ließ auch sich sein Pferd vorführen. Kaum war der Kapitän am nördlichen Horizont verschwunden, so sprengte Sternau nach Süden davon. Beide hatten die Absicht, andere irrezuleiten, denn der Ort, wo sich der Stein befand, lag nach Westen.
Sobald Sternau nicht mehr gesehen werden konnte, lenkte er nach Westen ein und spornte sein Pferd zur größten Schnelligkeit an. Es lag ihm daran, eher dazusein als der Kapitän. Da sich aber dessen Helfershelfer in der Nähe befinden konnten, so war die größte Vorsicht geboten. Je näher er kam, desto aufmerksamer wurde er, er vermied alles freie Terrain und hielt sich sorgfältig gedeckt Endlich stieg er vom Pferd, führte dasselbe in ein Gebüsch und band es dort an. Dann setzte er seinen Weg zu Fuß fort.
In der Nähe des Steins angekommen, legte er sich auf die Erde und kroch leise mit der äußersten Vorsicht weiter fort. Endlich erblickte er ihn, und nun umkroch er ihn in einem weiten Kreis. Er gewann die Überzeugung, daß kein Lauscher in der Nähe sei, und suchte sich nun ein Versteck.
Kaum zehn Schritt von dem Baum entfernt, stand eine nicht zu hohe Zeder, deren dicht behangene Äste nicht schwer zu erreichen waren. Er schwang sich empor, und es gelang ihm, sich so gut zu verbergen, daß er unmöglich gesehen werden konnte.
Dies war kaum geschehen, so erklang der Hufschlag eines Pferdes. Das Geräusch verstummte draußen vor den Bäumen. Ein Mann sprang aus dem Sattel und schritt eilig auf den Stein zu, hob ihn halb empor und legte einen zusammengefalteten Zettel darunter. Dann brachte er den Stein in seine ursprüngliche Lage zurück, ging zum Pferd, schwang sich auf und ritt davon.
Im Nu war Sternau vom Baum herab, holte den Zettel heraus, faltete ihn auseinander und las:
»Heute gerade um Mitternacht bei den Ladrillos. Aber ganz bestimmt; es ist sehr notwendig. Morgen sind wir am Ziel.«
Eine Unterschrift war nicht vorhanden. Verdoja hatte eine solche nicht nur für überflüssig, sondern sogar für gefährlich gehalten. Sternau legte den Zettel genau wieder so zusammen, wie er erst gewesen war, und steckte ihn unter den Stein, vernichtete darauf seine Spuren und kehrte dann nach seinem Pferd zurück, das er bestieg, um im Galopp die Hazienda aufzusuchen.
Als er sie erreichte, war der Kapitän noch nicht wieder da; er kehrte erst nach geraumer Zeit zurück und hatte keine Ahnung, daß sein Geheimnis bereits verraten sei. Vielleicht erfuhr er gar nicht, daß Sternau die Hazienda verlassen gehabt hatte.
Ladrillos ist ein spanisches Wort und bedeutet zu deutsch Ziegelsteine. Die Urbewohner Mittelamerikas bauten nämlich ihre Pyramiden und Städte meist aus in der Sonne gedörrten Back- oder Ziegelsteinen, die von ihnen Adobes genannt wurden, bei den Spaniern aber Ladrillos hießen. Man findet noch heute die Ruinen solcher Adobesstädte und bewundert die Kunst, mit der jene Urvölker zu bauen verstanden. Hier und da trifft man im Urwald, mitten in der Savanne oder in einer Felseneinöde ein einsames, halb oder auch ganz zerfallenes Gemäuer, das aus solchen Ladrillos gesteht und als Zeuge dient, daß früher diese Einöden bewohnt und bebaut waren.