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Kitabı oku: «Waldröschen V. Ein Gardeleutnant», sayfa 7
Dann kam die Zeit, sich zur Schwadron zu begeben. Ludwig, der jetzt sein Diener war, hatte ihm das Pferd gesattelt. Es war ein prächtiger andalusischer Rapphengst, den ihm der Herzog geschenkt hatte. Er stieg auf und ritt nach der Kaserne. Als er in den geräumigen Hof derselben einbog, waren die Schwadronen bereits aufgeritten. Er kam nicht zu früh, denn die Offiziere waren bereits vollzählig anwesend und warteten nur noch des Obersten, um die Exerzitien zu beginnen.
Aller Augen fielen auf ihn. Auch Ravenow war da. Er hatte sich von seinem gestrigen Sturz erholt und wandte sich ab, als er den Nahenden bemerkte.
»Alle Teufel, welch ein Pferd!« meinte Branden, der Adjutant. »Womit hat der Schifferssohn dieses edle, kostbare Tier bezahlt! Und das will der Kerl im gewöhnlichen Dienst reiten? Das kann sich nur ein Millionär bieten!«
Kurt salutierte vor den Kameraden, die diesen Gruß kaum erwiderten. Nur Platen ritt zu ihm heran, reichte ihm freundlich die Hand und sagte so laut, daß alle es hören konnten:
»Guten Morgen, Helmers! Ein feiner Hengst! Hast du mehrere von dieser Schönheit im Stall?« – »Es ist mein Dienstpferd«, antwortete der Gefragte. »Die anderen muß ich schonen.« – »Donnerwetter!« brummte der Adjutant seinem Nachbarn zu. »Dieses Pack tut ja, als ob die anderen noch kostbarer seien. Ich glaube, der Kerl schneidet auf. Aber dieser Platen wirft sich weg; ich werde ihm einmal in die Zügel greifen!«
Da kam der Oberst geritten. Sein Gesicht war finster, als ob er eine stillverhaltene Wut kaum bemeistern könne. Der Adjutant ritt ihm salutierend entgegen.
»Etwas außer dem Alltäglichen zu melden?« fragte der Chef. – »Zu Befehl, mein Herr Oberst«, lautete die Antwort. »Leutnant Helmers zum Eintritt in die Schwadron bereit.« – »Leutnant Helmers, vor!« kommandierte der Oberst mit scharfer Stimme.
Kurt ritt heran und hielt vor ihm still, als sei er nebst dem Pferd aus Erz gegossen. Der Vorgesetzte musterte seinen Anzug, sein Reitzeug, sein Pferd. Er hätte gern etwas Ordnungswidriges entdeckt, fand das zu seinem Bedauern aber rein unmöglich. Dann sagte er mit einem verächtlichen Augenzwinkern:
»Sie können heimreiten. Werde Ihnen sagen lassen, ob ich Sie überhaupt brauche und wann.«
Kurt salutierte, ohne eine Miene zu verziehen, zog sein Pferd empor und schoß in eleganten Lancaden zum Tor hinaus.
»Feiner Reiter!« brummte der Adjutant, ihm mit den Augen folgend. »Wo der Bengel das nur her hat!«
Helmers durchschaute die Absicht des Obersten. Er wollte ihn gar nicht erst in Dienst treten lassen, da zwei Herausforderungen Grund genug waren, ihn wenigstens einstweilen für den Dienst unmöglich zu machen. Selbst wenn der bürgerliche Leutnant in beiden Duellen, falls diese ja stattfanden, Sieger blieb, war ihm doch eine längere Festungshaft gewiß.
Kurt lächelte darüber. Er kehrte nach Hause zurück und sagte da, um seine zeitige Rückkehr zu erklären, daß man seinen Eintritt für heute noch nicht für notwendig gehalten habe.
11. Kapitel
Die Übung dauerte über eine Stunde. Der Oberst war kaum erst zurückgekehrt und wollte es sich eben bequem machen, als Platen bei ihm eintrat.
»Ah, recht, daß Sie kommen, Leutnant von Platen«, meinte der Chef in einem ungnädigen Ton. »Ich habe Ihnen über gestern abend die Bemerkung zu machen, daß ich Ihr Verhalten nicht begreife. Warum ließen Sie diesen Menschen neben sich Platz nehmen und spielten sogar Schach mit ihm?« – »Weil ich der Ansicht bin, daß Unhöflichkeit jeden Menschen schändet, einen Offizier am allermeisten. Und weil ich annahm, daß, wenn der Kriegsminister uns einen Kameraden gibt, er von uns erwartet, daß wir ihn als solchen behandeln.« – »Aber Sie kannten unsere Abmachung!« – »Ich habe mich an derselben nicht beteiligt.« – »Sie sind sogar mit ihm fortgegangen, wie es mir scheint.« – »Allerdings«, antwortete Platen furchtlos. »Ich finde in ihm einen Charakter, den ich achten muß. Wir sind Freunde geworden.« – »Ah!« rief der Oberst zornig. »Das ist mir allerdings sonderbar zu hören. Wissen Sie, daß Sie sich damit Ihren Kameraden feindlich gegenüberstellen? Oder glauben Sie vielleicht, daß man es unbeachtet vorübergehen lassen wird, daß Sie ein räudiges Schaf in Ihren Schutz nehmen?« – »Ich habe erwähnt, daß Leutnant Helmers sich meine Achtung und Freundschaft erworben hat, und ich muß daher bitten, in meiner Gegenwart Vergleiche, wie der letztere ist, gütigst zu vermeiden. Helmers scheint mir nicht einem Schaf, sondern einem ganz anderen, edlen Tier vergleichbar zu sein, mit dem nicht zu spaßen ist. Übrigens habe ich mir nur auf seine Veranlassung erlaubt, Ihnen meinen Besuch zu machen.« – »Ah, doch nicht etwa als Kartellträger?« – »Allerdings als solcher.« – »Donnerwetter, er wagt es also wirklich, mich zu fordern?« – »Ich habe in seinem Auftrag um Satisfaktion zu bitten.« – »Das ist höchst unvorsichtig von Ihnen! Wissen Sie, daß ich Ihr Vorgesetzter bin?«
Diese letztere Frage war in einem sehr drohenden Ton gesprochen; Platen jedoch antwortete freimütig:
»In dienstlicher Beziehung bin ich Ihnen untergeben, in Ehrensachen aber hoffe ich, einem jeden gleichzustehen. Drohungen muß ich streng zurückweisen. Mein Freund verlangt Genugtuung und hat mich gebeten, meine Vereinbarungen mit Ihnen zu treffen.«
Der Oberst schritt erregt im Zimmer auf und ab; er sah sich in eine weit mehr als unangenehme Lage gebracht, aus welcher es nur einen höchst zweifelhaften Ausweg gab. Er betrat denselben, indem er erklärte:
»Ich schlage mich nur mit einem Edelmann.« – »Sie betrachten Helmers nicht als einen Kavalier?« – »Nein.« – »Und verweigern ihm also die Genugtuung?« – »Ich verweigere sie.« – »So werde ich auf seine Anweisung hin mich zum Major von Palm begeben, der der Ehrenrat unseres Regimentes ist und ein Ehrengericht berufen wird, um zu bestimmen, ob mein Freund nicht satisfaktionsfähig ist. Da der Dienst für heute beendet ist, so wird dieses Ehrengericht noch im Laufe des Nachmittags zusammentreten können, und ich hoffe, daß es im Sinn meines Freundes entscheiden wird. Adieu!«
Er ging, aber kaum hatte er den Obersten verlassen, so verließ auch dieser seine Wohnung, um bei den Mitgliedern des Ehrengerichts die geeigneten Schritte zu tun, das Duell zu hintertreiben.
Platen hingegen suchte zunächst den Leutnant von Ravenow auf. Dieser empfing ihn in einer sehr gemessenen Haltung und fragte:
»Was verschafft mir die Ehre deines Besuches, Platen?« – »Die Ehre meines Besuches? Hm, so fremd und zeremoniell!« – »Allerdings. Du bist zum Feind übergegangen; ich kann mit dir nur noch im Ton kühlster Höflichkeit verkehren und bitte, dich desselben auch zu befleißigen.«
Platen verbeugte sich und antwortete:
»Ganz, wie du denkst. Wer einen Unschuldigen gegen das Vorurteil verteidigt, muß auf alles gefaßt sein. Ich werde dich übrigens nicht lange belästigen, da mich nur die Absicht herbeiführt, dir die Wohnung meines Freundes Helmers mitzuteilen. – »Ah! Wozu?« – »Ich denke, daß du sie wissen mußt, um ihm irgendeine dringende Mitteilung machen zu lassen.« – »Du hast es erraten. Übrigens brauche ich seine Wohnung wohl nicht zu wissen, denn ich vermute mit Recht, daß du seine Vollmacht hast.« – »Allerdings. Er stellt sich dir durch mich zur Verfügung.« – »Das genügt. Golzen wird mir sekundieren. Welche Waffe wählt dein sogenannter Freund?« – »Er überläßt die Wahl dir.«
Das Auge Ravenows leuchtete grimmig auf.
»Ah«, sagte er, »fühlt er sich so sicher? Er tut ja, als ob er Meister aller Waffen sei! Hast du gesagt, daß ich der beste Fechter des Regimentes bin?« – »Nein.« – »Warum nicht?« – »Weil ich ihn damit beleidigt hätte. Übrigens fürchtet er sich nicht vor dir; er hat es ja bewiesen, wenn ich mich nicht irre.« – »Pah, das war Überraschung! Es gilt also, was ich wähle?« – »Ganz bestimmt.« – »Nun wohl, so soll er sich in mir verrechnet haben. Ich habe mich längere Zeit mit einem Tscherkessen geübt, der Meister der orientalischen Hiebwaffen war. Ich wähle krummen, türkischen Säbel, oben stark und schwer und unten ohne Parierstange, das beste Instrument zum Kopfabsäbeln.« – »Bist du des Teufels!« rief Platen entsetzt. »Diese Waffe ist ja hier nicht gebräuchlich.« – »Er hat mir die Wahl gelassen; es bleibt dabei!« – »Aber es gibt ja gar keine Handschare oder Yatagans oder wie dieser Säbel genannt werden muß!« – »Ich habe zwei.« – »Aber das ist unehrlich! Du bist in der Waffe geübt, und er nicht!« – »Ich wiederhole, daß er so frech gewesen ist, mir die Wahl zu überlassen; er mag es büßen. Von einer Unehrlichkeit kann keine Rede sein.« – »So gehst du auf Leben und Tod? Das ist schrecklich!« – »Jammere nicht! Er hat mich tödlich beleidigt, indem er mich zur Erde warf, und da er auf keinen Fall im Regiment bleiben darf, so stelle ich die Bedingung, daß so lange gefochten wird, bis einer von uns zweien entweder tot oder dienstunfähig ist.« – »Das ist zu viel. Er hat dich geschont. Er konnte dich durch eine Ohrfeige entehren, wie du es mit ihm vorhattest. Ich muß dir das in Erinnerung bringen.« – »Eine jede Erinnerung ist nur geeignet mich in meinem Vorhaben zu bestärken. Gib dir also nicht die geringste Mühe mehr.« – »Gut es falle alles auf dein Gewissen! Und die Zeit und der Ort?« – »Hm!« machte Ravenow nachdenklich. »Hat er den Obersten gefordert?« – »Ja, soeben.« – »Was sagte dieser?« – »Er verweigert die Genugtuung; ich werde mich sogleich zum Ehrenrat begeben.« – »Ich begreife den Obersten nicht. Sein Verhalten scheint mir entweder feig oder wenigstens höchst inkonsequent zu sein. Er beleidigte den Fremden, läßt sich auf das schönste von ihm blamieren und weigert sich schließlich, zum Ausgleich der Waffen zu schreiten. Ich möchte, daß beide Fälle nebeneinander erledigt werden. Wenn das Ehrengericht sich für den Zweikampf entscheidet, akzeptiere ich denselben Ort und dieselbe Zeit, die zwischen dem Obersten und seinem Gegner vereinbart wird. Im entgegengesetzten Fall aber werde ich meine eigenen Bestimmungen treffen. Hast du mir noch etwas zu sagen?« – »Nein. Ich darf also in ›kalter Höflichkeit‹ von dir scheiden. Adieu!«
Platen ging zum Major Palm, dem Ehrenrat der, versprach, die Angelegenheit sogleich in die Hand zu nehmen. Als er zu Kurt kam und diesem die Mitteilung machte, daß Ravenow sich für türkische Säbel entschieden habe, zuckte dieser höchst gleichmütig die Achsel und sagte:
»Dieser Ehrenmann will mich beseitigen, auf alle Fälle und auf jede Art und Weise. Er kennt keine Schonung, und so mag er zusehen, ob ich vielleicht so großmütig bin, Nachsicht zu üben. Der Oberst ist ein Feigling. Es ist ganz unmöglich, daß das Ehrengericht sich gegen mich entscheidet. Er wird sich wahrscheinlich für Pistolen und eine weite Distanz entscheiden, und ich bin bereit, ihn zu schonen, die Festung ist Strafe genug für ihn. Wann kann ich die Entscheidung erwarten?« – »Noch vor Anbruch des Abends.« – »Sie werden mir die Nachricht bringen?« – »Ja, noch bevor ich mich zur Soiree des Großherzogs nach Monbijou begebe. Das ist auch ein Streich, den man Ihnen gespielt hat. Sie waren berechtigt, eine Karte zu erhalten, man hat sie Ihnen vorenthalten.« – »Lassen Sie das gut sein!« lächelte Kurt. »Ich bedarf dieser Karte nicht, denn ich habe eine Privateinladung des Großherzogs.« – »Ah!« rief Platen. »Sie werden also auch kommen?« – »Jedenfalls. Ich will Ihnen sagen, daß ich das Wohlwollen des Großherzogs besitze, er hat gehört, in welcher Art und Weise man mir entgegenkommt, und mir noch gestern abend, als ich nach Hause kam, erklärt, daß er die Soiree veranstaltet habe, um mir eine öffentliche Genugtuung zu geben.«
Platen machte eine Bewegung des höchsten Erstaunens.
»Glückskind!« rief er. »Sie sind ein Günstling des Großherzogs?« – »Er war mir stets freundlich gesinnt«, sagte Kurt einfach. »Übrigens ersuche ich Sie, keinen Menschen wissen zu lassen, daß ich kommen werde. Ich freue mich auf die Enttäuschung der Herren Kameraden, die mich nur für einen unwillkommenen Eindringling halten. Sie können mir Ihre Nachricht also in Monbijou bringen, und ich werde Sie zur Revanche dafür dem Großherzog, dem Herzog von Olsunna, dem Lord Lindsay und einigen Damen vorstellen.« – »Alle Himmel, welch ein Glück!« meinte der Leutnant ganz begeistert. »Sie sind bei Gott ein Rätsel, aber ich gestehe, daß es gar nicht unvorteilhaft ist, Ihr Freund zu sein. Werden Sie mich auch der wundervollen Dame vorstellen, auf welche sich jene unglückliche Wette bezieht?« – »Jawohl. Sie ist zwar die Enkelin des Herzogs von Olsunna, und ihre Mama ist die spanische Gräfin de Rodriganda, Sie werden beide aber einstweilen unter dem Namen Sternau kennenlernen. Für jetzt aber wollen wir scheiden, mein lieber Freund, um uns zum Fest vorzubereiten.«
Sie trennten sich, beide dem Abend mit Spannung entgegensehend, nach dem sich das ganze Offizierskorps der Gardehusaren sehnte.
Im Laufe des Nachmittags trat das Ehrengericht zusammen. Die Mitglieder desselben bestanden alle aus Angehörigen des hohen Adels, sie sahen Helmers als ein »räudiges Schaf« an, wie sich der Oberst ausgedrückt hatte, waren übrigens von demselben beeinflußt worden, und so kam es, daß die Fassung des Urteils dahin ging, Leutnant Helmers habe den Obersten gedächtnisschwach genannt, dies sei eine Beleidigung, und da beide Beleidigungen als einander aufhebend zu betrachten seien, so habe Helmers kein Recht, Satisfaktion zu fordern, und der Oberst sei nicht verbunden, solche zu geben, von einem Duell könne also keine Rede sein. Daran schloß sich die Bemerkung, daß das Verhalten des Leutnants Helmers ein rücksichtsloses genannt werden müsse, welches nicht geeignet sei, ihm die freundliche Gesinnung des Offizierskorps zu erringen, er tue sehr klug, sich an einen anderen Ort versetzen zu lassen, zumal weder seine Abstammung noch seine Gesinnung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen des Gardekorps im Einklang ständen.
Dieses Urteil wurde zu Protokoll genommen, von welchem Platen eine Abschrift bekam, um sie Helmers zu überbringen. Er sah, daß man irgendeine Bemerkung von ihm erwartete, doch steckte er schweigend die Abschrift zu sich und entfernte sich. Er hatte die feste Überzeugung, daß mit dieser Sitzung die Angelegenheit noch nicht beendet sei.
Der Oberst aber fühlte sich als Sieger. Er hielt dafür, daß Kurt es nun nicht wagen werde, auf dem Eintritt in das Regiment zu beharren, und kehrte mit dem Gefühl der Genugtuung nach Hause zurück, um sich in seine Galauniform zu werfen und seine Damen abzuholen, da unterdessen der Abend hereingebrochen war und man den hohen Festgeber nicht warten lassen durfte.
12. Kapitel
Das Gartenschloß Monbijou befindet sich an der Spree im Spandauer Viertel, ist reizend gelegen und war heute ganz besonders festlich geschmückt worden. Im Garten brannten zahllose Lampions, welche die Bosketts in einen Feenschimmer hüllten, in den Zimmern flutete ein Meer von Licht, geschäftige Domestiken eilten hin und her, und unter dem Eingang stand der Hofmeister des Großherzogs, um die zahlreichen Gäste zu empfangen.
Nach dem Grundsatz, daß Verzögerung vornehm sei, hatten sich die Leutnants zuerst eingestellt, dann waren die anderen nach und nach gekommen, je höher der Rang, um so später und mit desto größerer Grandezza. Sie wurden im Vorzimmer von dem Adjutanten des Großherzogs empfangen und nach ihren Plätzen geleitet oder gewiesen. Zuletzt kamen der Brigade- und Divisionsgeneral mit einem ganzen Schweif von Damen.
Im großen Saal erblickte man das Musikkorps, das zum Tanz aufspielen sollte, jetzt herrschte noch jene Erwartung, in welcher man sich nur halblaut zu unterhalten pflegt. Die Diener reichten kleine Erfrischungen herum, vom Speisesaal aber hörte man bereits das Klirren von Glas und Porzellan, das dem Feinschmecker eine Verheißung ersehnter Genüsse bedeutet.
Da endlich wurde die Tür aufgerissen und die Ankunft des Großherzogs gemeldet. Er trat herbei, am Arm Rosa de Rodriganda, die jetzige Frau Sternau. Ihm folgten der Herzog von Olsunna mit Amy Lindsay, dann Sir Lindsay mit der Herzogin Olsunna, der früheren Erzieherin, und hinter diesem Paar kam Kurt mit Röschen am Arm.
Bei seinem Anblick rissen die Herren Husaren die Augen weit auf. Er trug auf der Brust den österreichischen Orden der Eisernen Krone und den militärischen Maria Theresien-Orden, ferner den hessischen Ludwigsorden, den Löwenorden und noch den Orden vom Eisernen Helm neben dem Kreuz für Militärverdienste.
Die Augen aller Damen richteten sich nach dem schmucken Leutnant, den keine von ihnen kannte, die Augen der Herren aber auf seine Dame, die in bestrickender Lieblichkeit neben ihm ging und so eng und so vertraut an seinem Arm hing, als ob sie seine Schwester sei.
Die Anwesenden hatten sich natürlich erhoben. Der Großherzog schritt auf den Divisionsgeneral zu und ließ sich seine Damen vorstellen, worauf er die Namen seiner Begleitung nannte.
Es läßt sich denken, welchen Eindruck das Erscheinen Kurts hinter dem Großherzog auf die Herren Leutnants machte. Adjutant Branden riß die Augen auf und murmelte zu Golzen hinüber:
»Du, sehe ich recht! Ist das nicht dieser Helmers?« – »Bei Gott, er ist es! Du hast recht!« antwortete dieser. »Wie kommt der Kerl in das Gefolge des Großherzogs?«
Branden hatte noch immer den Mund offen, aber dennoch gelangen ihm die Worte:
»Hole mich der Teufel! Fünf Orden und ein Verdienstkreuz! Bin ich behext?« – »Und an seinem Arm die Kutscherstochter! Ich glaube, Branden, wir sind fürchterlich düpiert worden!« – »Werden sehen, werden sehen! Seine Hoheit stellen jetzt die Herren vor. Horch! Ah, der Herzog von Olsunna nebst Miß Lindsay!« – »Jetzt Lord Lindsay mit der Herzogin von Olsunna. He, Platen, haben Sie den Namen der schönen Dame gehört, die der Großherzog selbst führt?« – »Er stellte sie als Frau Sternau vor, aber das ist inkognito. Sie ist eine Gräfin de Rodriganda und die zukünftige Herzogin von Olsunna«, antwortete Platen, der sich der Namen aus der Unterredung mit Kurt entsann. – »Horcht!« meinte Branden nochmals. »Jetzt kommt der Leutnant Hört! Ah, Leutnant Helmers und Fräulein Sternau! Was soll man da denken?« – »Auch inkognito«, antwortete Platen. »Fräulein Sternau ist die Enkelin des Herzogs von Olsunna und die Duzfreundin des Leutnants. Ravenow hat sich von dem schlauen Diener eines Freundes Helmers arg mystifizieren lassen.
Ravenow stand dabei, hörte diese Worte und knirschte mit den Zähnen.
»Donnerwetter! Was sagte jetzt der Großherzog zu unserem General en chef?« fragte Branden.
Platen lächelte und antwortete:
»Er übergab ihm den Leutnant Helmers und dessen Dame und forderte ihn auf, beide den Offizieren des Gardekorps vorzustellen.« »Ja soll mich gleich der Teufel holen, wenn ich schon so etwas erlebt habe!« rief Branden ziemlich laut. »Das scheint ja ganz, als ob es auf eine großartige Genugtuung abgesehen sei, die dieser Leutnant erhalten soll!« – »Das ist es auch«, bestätigte Platen. »Ich weiß aus ganz sicherem Munde, daß diese Soiree dansante nur Helmers‘ wegen veranstaltet ist. Helmers ist ein Liebling des Großherzogs, und dieser letztere erteilt gegenwärtig den Herren Gardehusaren einen Verweis, der gar nicht eklatanter ausfallen kann. Ein Oberst hatte gestern den Namen des Leutnants vergessen; heute bekommen er und wir alle diesen Namen aus dem Mund des Chefs der ganzen Garde zu hören.« – »Das ist noch nie dagewesen, das ist großartig, das ist pyramidal, auf Ehre!« meinte Golzen. »Jetzt geht der Leutnant aus einer Hand in die andere. Jetzt kommt er zum Obersten. Horcht! Der Kerl hat etwas vor; ich sehe seine Augen blitzen.«
Der Korpsgeneral trat soeben mit Helmers und Röschen zu dem Obersten.
»Herr Oberst«, sagte er, »ich gebe mir die Ehre, Ihnen hiermit Fräulein Sternau und den Herrn Leutnant Helmers vorzustellen. Er tritt in Ihr Regiment ein, und ich empfehle ihn Ihrer freundlichen Fürsorge.«
Dem Oberst würgte es im Hals; er brachte kein einziges Wort hervor und konnte sich nur verbindlich zustimmend verbeugen. Da wandte Helmers sich an den General:
»Exzellenz«, sagte er, »wir haben Ihre Güte bereits zu sehr in Anspruch genommen; gestatten Sie, daß es der Herr Oberst an Ihrer Stelle unternimmt, mich mit den Herren weiter bekanntzumachen?« – »Ein Teufelskerl! Ich ahnte so etwas, es lag in seinem Auge«, brummte Branden, der Adjutant. »Jetzt zwingt er den Oberst, den er gefordert hat und der ihn nicht für satisfaktionsfähig hält, sein gestriges Verhalten zu desavouieren und ihn in aller Form uns vorzustellen.«
Der General verbeugte sich und meinte freundlich:
»Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen diesen Dienst zu erweisen; aber da Sie es selbst wünschen, so übergebe ich Sie dem Herrn Oberst.«
Er ging, und nun mußte der Oberst wohl oder übel in den für ihn gewiß sehr sauren Apfel beißen. Auf seinen Wink traten die Offiziere seines Regiments heran, und er sah sich zu der nicht angenehmen Arbeit gezwungen, dem von ihm so schwer Beleidigten die lange Reihe ihrer Namen zu nennen.
»Ich danke, Herr Oberst!« sagte Kurt kühl zu ihm, als dies beendet war. Dann trat er zu Platen, stellte ihn und Röschen einander vor und fügte hinzu: »Er ist mein Freund. Willst du ihn nicht dem Großherzog empfehlen?«
Sie reichte Platen ihre Hand, die er an seine Lippen zog, und fragte:
»Tanzen Sie, Herr Leutnant?« – »Leidenschaftlich, gnädiges Fräulein«, antwortete er, indem ihm die Röte der Freude in das Gesicht stieg. – »So mag Ihnen Kurt nachher meine Karte bringen, damit Sie sich notieren. Seinem Freund gewähre ich nach ihm den ersten Tanz. Jetzt aber kommen Sie mit uns zum Großherzog, damit wir Sie den Herrschaften vorstellen.«
Sie entfernten sich, und nun stand der Oberst allein bei seinen Offizieren. Er nahm das Taschentuch, wischte sich, tief aufatmend, den Schweiß von der Stirn und gestand:
»Ich glaube, ich werde ohnmächtig! Mir ist weiß Gott gerade so, als ob ich eine Schlacht verloren hätte!« – »Hm!« brummte Branden, der Adjutant. »Dieser Helmers ist ein ausgezeichneter Schachspieler.« – »Das heißt, ein guter Stratege und Diplomat«, fügte Golzen hinzu. – »Ich muß mich setzen«, seufzte der Oberst.
Er ging zu seiner Frau, um sich bei ihr Trost zu holen. Es bildeten sich jetzt einzelne Gruppen, doch das Gespräch aller drehte sich meist um Helmers und die ungeheure Lektion, die dieser bürgerliche Leutnant dem Gardekorps gegeben hatte. Die Damen begeisterten sich für ihn. Er hatte bewiesen, daß er nicht nur ein schöner Mann, sondern überhaupt ein Mann im vollsten Sinne des Wortes sei. Die Herren begannen, ihn auch mit anderen Augen zu betrachten. Doch es sollte noch anders kommen. Die hohen Flügeltüren wurden aufgerissen, und es ertönte die laute Anmeldung:
»Seine Majestät, der König.«
Sofort schritt der Großherzog auf die Tür zu, um den hohen Gast zu empfangen. Dieser trat ein, und zwar an der Seite Bismarcks, der Kriegsminister und ein Kammerherr folgten. Der letztere trug einen Gegenstand in der Hand, den man bei näherem Hinblicken als ein Saffianetui erkannte.
»Ich konnte mir nicht versagen, einige Minuten bei Euer Hoheit einzutreten«, meinte der hohe Herr zum Großherzog. »Lassen Sie Ihre Gäste sehen!«
Bald waren die hervorragenden der anwesenden Herrschaften um die Majestät versammelt, während die anderen lauschend oder in leiser Unterredung von ferne standen.
Branden, der Adjutant, schien nicht leicht schweigen zu können.
»Der König, Bismarck und der Kriegsminister hier?« sagte er. »Das ist eine große Auszeichnung für unser Regiment. Wir können stolz sein. Ah, seht ihr das Etui in der Hand des Kammerherrn? Ich lasse mich köpfen, wenn das nicht einen Orden gibt, jedenfalls erhält ihn der Großherzog in dieser öffentlichen, doppelt ehrenden Weise. Seht, da zieht sich der Herzog von Olsunna mit dem Kriegsminister in die Fensternische zurück. Sie sprechen leise, ihre Mienen sind sehr ernst, und ihre Blicke treffen den Oberst. Meine Herren, ziehen wir uns ein wenig nach dem Obersten hin, es gibt etwas, ich kenne das! Man hat als Adjutant so seine Erfahrungen gemacht.«
Er hatte recht, denn bereits nach kurzer Zeit kam der Kriegsminister langsam auf den Obersten zugeschritten. Dieser erhob sich ehrfurchtsvoll, als er den Nahenden bemerkte, und ging ihm einige Schritte entgegen.
»Herr Oberst, haben Sie mein Handbillett betreffs des Leutnant Helmers empfangen?« fragte die Exzellenz in einem nicht sehr freundlichen Ton. – »Ich habe die Ehre gehabt«, lautete die Antwort. – »Und es auch gelesen?« – »Sofort, wie alles, was aus der Hand Euer Exzellenz kommt.« – »So ist es zu verwundern, daß diese Zeilen gerade das Gegenteil des Erfolges bewirkten, den ich beabsichtigte. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen den Leutnant dringend empfahl?« – »Gewiß«, antwortete der Oberst.
Er hätte in den Boden sinken mögen. Es war geradezu eine Unmöglichkeit, wegen eines einfachen, noch dazu bürgerlichen Leutnants solch Aufhebens zu machen. Er hätte sich lieber an die Spitze einer Sturmkolonne gestellt, als vor einem Examen zu stehen, das nur zu seinem Schaden ausfallen konnte.
»Und dennoch erfahre ich, daß man ihn allerorts mit förmlich impertinenter Abweisung empfangen hat. Gar mancher hochgeborene Kopf ist hohl und steht nur aus Rücksicht auf seine Geburt in Reih und Glied. Der Leiter der militärischen Angelegenheiten ist stets erfreut, wenn er einen Mann findet, der brauchbar zu verwenden ist, und muß es um so schmerzlicher beklagen, wenn gerade solche Männer auf ungerechtfertigte, oftmals vielleicht sogar böswillige Schwierigkeiten stoßen. Ich erwarte mit aller Bestimmtheit, daß ich baldigst das Gegenteil von dem höre, was ich zu meinem Erstaunen gewahren muß.«
Er drehte sich scharf auf dem Absatz herum und schritt davon, während der Oberst einige Augenblicke wie geistesabwesend stehen blieb und dann auf seinen Sitz zurückkehrte. Selbst wer die Unterredung nicht vernommen hatte, mußte es ihm ansehen, daß er einen ganz ungewöhnlichen Verweis erhalten habe.
»Der ist für heute moralisch tot und physisch zerschmettert«, brummte der Adjutant. »Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Dieser Leutnant ist in unser Stilleben wie ein Teufel gefahren, wie eine Bombe unter uns hineingeplatzt, und nun fliegen einem die Stücke an den Kopf. Wo steckt er denn?« – »Dort am Spiegel. Bismarck spricht mit ihm«, antwortete Golzen. – »Bismarck? Bei Gott, es ist wahr. Welche Auszeichnung! Ich gäbe zwanzig Monatsgagen, wenn Bismarck mir nur einmal zunicken wollte, und dort steht dieser Helmers und plaudert mit dem Gewaltigen, als ob sie miteinander auf der Schulbank gesessen hätten. Heiliger Himmel, da geht weiß Gott sogar der König auf ihn los. Nun wird es mir ganz wirr im Kopf.«
Die Anwesenden blickten mit Staunen nach der Stelle hin, an der der junge Mann stand, mit dem die beiden Gewaltigen so herablassend sprachen. Man stand zu ferne, als daß man ein Wort hätte verstehen können, aber man sah an den wohlwollenden Zügen des Herrschers, daß es nur Ausdrücke der Güte waren.
Da winkte der König plötzlich dem Kammerherrn. Dieser trat in die Mitte des Saales und verkündigte mit lauter Stimme:
»Meine Herrschaften, ich gebe mir die Ehre, Ihnen im allerhöchsten Auftrag mitzuteilen, daß Seine Majestät geruhen, den Herrn Leutnant Helmers zum Ritter der zweiten Klasse des Roten Adlerordens zu ernennen, und zwar in Anbetracht der höchst wichtigen Dienste, die er seit seiner so kurzen Anwesenheit bei uns dem Vaterland geleistet hat. Seine Majestät haben zugleich befohlen, dem genannten Herrn die Insignien des Ordens auszuhändigen, und behalten sich vor, das weitere zu verfügen.«
Er öffnete das Etui, schritt auf Helmers, der bleich auf seinem Platz stand, zu und heftete ihm den Stern zu den anderen auf die Brust.
Es herrschte im Saal eine Stille wie in der Kirche. Welche Dienste waren das? In so kurzer Zeit geleistet. Sie mußten bedeutend sein, denn der Rote Adlerorden hat vier Klassen. Dieser Leutnant wurde vom Glück ja förmlich überschüttet!
Diese Gedanken und noch verschiedene andere gingen durch die Herzen der Anwesenden. Es bildete sich um den glücklichen jungen Mann ein Kreis von Gratulanten, denen der König das Beispiel gab. Bismarck und der Kriegsminister folgten und verabschiedeten sich dann von den Herrschaften.
