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Kitabı oku: «Waldröschen V. Ein Gardeleutnant», sayfa 6

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Die anderen Herren warfen einander erstaunte Blicke zu. Was fiel denn Platen ein, mit solcher Offenheit diese Familienverhältnisse darzulegen und damit den Major bloßzustellen? Kurt aber verstand die Absicht. Platen wollte ihm Satisfaktion geben für die Aufnahme, die er bei Majors gefunden hatte, und zugleich den stolzen Offizieren gegenüber in Erwähnung bringen, daß in den hochadeligen Kreisen denn doch nicht alles so rein sei, wie man denkt.

9. Kapitel

Die zweite Partie begann. Kurt gewann sie wieder. Während der dritten wurde die allgemeine Aufmerksamkeit auf Ravenow und Golzen gelenkt, die sich in freundschaftlich lustiger Weise zu foppen begannen.

»Wahrhaftig, du bist mir wieder um fünfzehn Points voraus«, meinte Ravenow. »Unglück im Spiel!« – »Aber Glück in der Liebe, wie ich dir bereits erklärte«, meinte Golzen. – »Ja, meine Wette wirst du doch bezahlen müssen. Das Mädchen wird mein, es ist ja bereits mein, genaugenommen.« – »Welche Wette? Welches Mädchen?« fragte der bereits zweimal erwähnte Major, der entweder von der Wette wirklich noch nichts wußte oder sie noch einmal zur Sprache bringen wollte. – »Es handelt sich für Ravenow um eine Gelegenheit, zu beweisen, daß er wirklich unwiderstehlich ist«, antwortete Golzen. – »Erklären Sie sich deutlicher.«

Golzen erzählte den interessanten Hergang, und alle hörten seinem Bericht zu. Auch die beiden Schachspieler unterbrachen ihre Partie, um der Darlegung ihre Aufmerksamkeit zu schenken. »Ja, Ravenow ist der Don Juan des Regiments. Er behauptet, diese Schönheit bereits erobert zu haben«, schloß Golzen. – »Ist dies wirklich wahr?« fragte der Oberst, der es für an der Zeit hielt, endlich auch einmal ein Wort zu sagen, um seine peinliche Lage zu maskieren. – »Das versteht sich«, antwortete Ravenow. »Wer ist überhaupt unwiderstehlich? Nicht ich allein, sondern jeder Gardehusarenoffizier. Freilich, wenn sich niedrige Elemente in unseren Kreis drängen dürfen, wird dieses Monopol für uns sehr bald illusorisch werden.«

Bei diesem rücksichtslosen Ausfall richteten sich aller Augen wiederum auf Kurt, der jedoch abermals schwieg. Ravenow fuhr fort, nachdem er eine Entgegnung von dem neuen Kameraden vergebens erwartet hatte:

»Die Zeit, für die wir gewettet haben, ist noch nicht um; ich brauche also noch keine Beweise zu bringen; aber das Mädchen war eine obskure Kutscherstochter, und der wird man wohl gewachsen sein. Ich kann einstweilen nur sagen, daß ich in ihrem Wagen Platz genommen und sie nach Hause begleitet habe.« – »Eine Kutscherstochter?« lachte der Oberst. »Gratuliere, Leutnant! Da ist es ja leicht die Wette zu gewinnen!«

Da zog Kurt eine Zigarre hervor und sagte, während er gleichmütig die Spitze derselben abschnitt und nach einem Zündhölzchen griff:

»Pah! Herr von Ravenow wird diese Wette verlieren!«

Nachdem er sich zweimal ruhig von Ravenow hatte beleidigen lassen, hatte kein Mensch erwartet, daß er jetzt in einer Angelegenheit, die er scheinbar gar nicht kannte, das Wort ergreifen würde. Alle horchten darum verwundert auf. Ravenow aber trat schnell einen Schritt vor und fragte:

»Wie beliebt, mein Herr Helmers?«

Kurt hielt die Flamme des Zündhölzchens an die Zigarre, tat gelassen einige Züge und antwortete:

»Ich sagte, daß Herr von Ravenow die Wette verlieren werde. Herr von Ravenow renommiert bloß, er schneidet auf!«

Der Genannte trat noch einen Schritt weiter vor und rief:

»Wollen Sie dieses Wort wohl gefälligst einmal wiederholen?« – »Herzlich gern! Herr von Ravenow schneidet nicht bloß auf, sondern er lügt sogar ganz gewaltig.« – »Herr«, brauste da der Angegriffene auf. »Das wagen Sie mir zu sagen, der ich Offizier der königlichen Garde bin? Und hier an diesem Ort?« – »Warum nicht? Wir befinden uns ja beide an diesem Ort, und ich bin ebenso Offizier der königlichen Garde wie Sie. Ich würde es übrigens sehr unter meiner Würde halten, Ihre Prahlereien zu beachten, wenn nicht die betreffende junge Dame eine sehr liebe Freundin von mir wäre, deren Ruf zu schützen meine Pflicht und Schuldigkeit ist.« – »Hört!« rief Ravenow. »Eine Kutscherstochter seine intime Freundin! Und der drängt sich unter uns ein! Der will ein Gardeoffizier sein!«

Die Anwesenden hatten sich abermals alle erhoben. Sie bemerkten, daß es wieder zu einer Szene kommen müsse. Das war endlich einmal ein Abend, von dem man noch später erzählen konnte. Jetzt aber wollte keiner sprechen, das mußte man den beiden allein überlassen. Der fremde bürgerliche Eindringling hatte dem Oberst standgehalten, es stand zu hoffen, daß Ravenow ihm Räson lehren werde.

Kurt allein war sitzen geblieben. Er antwortete kaltblütig:

»Ich habe bereits bemerkt, daß ich mich nicht eingedrängt habe, sondern einem höheren Willen gefolgt bin, und muß übrigens fragen, wer ehrenwerter ist, der Freund einer Kutscherstochter oder der Verführer derselben. Freilich sehe ich mich veranlaßt, dieses letztere Wort einigermaßen zu motivieren. Herr von Ravenow hatte sich zwar in den Wagen mit göttlicher Unverschämtheit eingedrängt, doch ist es ihm nicht gelungen, die Damen nach Hause zu begleiten, denn die Damen haben ihn mit Hilfe eines Schutzmannes an die Luft gesetzt.«

Ein »Ah!« des Schreckens ging durch das Zimmer. Das war stark ausgedrückt; jetzt mußte die Katastrophe eintreten.

Ravenow war erbleicht; es ließ sich nicht sagen, ob vor Wut oder vor Schreck, daß sein Gegner alles wußte; aber die Wut gewann die Oberhand. Er trat bis auf zwei Schritte an den Stuhl, auf dem Kurt noch immer sorglos saß, heran und rief:

»Wovon sprechen Sie! Von Unverschämtheit? Von an die Luft setzen? Gar noch von einem Schutzmann? Wollen Sie das widerrufen? Sofort!« – »Fällt mir nicht ein!« klang es ihm kalt entgegen. »Ich sagte die volle Wahrheit, und die widerruft man nicht.«

Da hob sich die Gestalt Ravenows drohend empor. Man sah, daß er sich im nächsten Augenblick auf seinen Gegner stürzen werde, und doch blieb dieser, scheinbar unvorsichtigerweise, auf seinem Stuhl sitzen.

»Ich befehle Ihnen, augenblicklich zu widerrufen und mich um Verzeihung zu bitten!« keuchte es aus der Brust des aufgeregten Offiziers. – »Papperlapapp! Was hätten Sie, gerade Sie mir zu befehlen!« klang es vernichtend aus Kurts Mund. – »Oh, mehr als Sie denken!« rief der Wütende, der vor Zorn seiner kaum mehr mächtig war. »Ich befehle Ihnen sogar, aus unserem Korps wieder auszutreten, denn Sie sind unserer nicht würdig. Und wenn Sie dies nicht freiwillig tun, so werde ich Sie zwingen. Wissen Sie überhaupt, wie man jemanden aus der Uniform treibt?«

Trotzdem er die scheinbar verteidigungslose Stellung noch immer beibehielt, lächelte Kurt überlegen, indem er antwortete:

»Das weiß jedes Kind. Man gibt ihm einfach eine Ohrfeige, dann ist es ihm unmöglich, weiter zu dienen.« – »Nun gut! Wollen Sie widerrufen, um Verzeihung bitten und hier uns allen versprechen, auszutreten?« – »Lächerlich! Treiben Sie keine Faxen!« – »Nun, so nehmen Sie die Ohrfeige!«

Bei diesen Worten warf er sich auf Kurt und holte zum Schlag aus. Aber obgleich seine Bewegungen mit Blitzesschnelligkeit ausgeführt waren, Kurt war doch noch schneller. Er parierte den entehrenden Schlag mit dem linken Arm, faßte im nächsten Augenblick Ravenow hüben und drüben bei der Taille, hob ihn hoch über sich empor und warf ihn mit gewaltigem Schwung über das Billard hinüber, so daß er mit einem lauten Krach drüben besinnungslos zur Erde stürzte. Dies hatte er von Doktor Sternau, seinem starken Lehrmeister gelernt.

Niemand hatte dem jungen Mann solche Stärke und Gewandtheit zugetraut. Einige Augenblicke lang herrschte eine unbeschreibliche Verwirrung im Zimmer. Einige standen ganz bewegungslos vor Schreck und starrten auf den Sieger, der vorher eine solche geistige und nun auch diese körperliche Überlegenheit entwickelt hatte. Andere eilten zu Ravenow, welcher wie tot am Boden lag. Zum Glück war ein Militärarzt mit anwesend, der den Bewußtlosen sofort untersuchte.

»Er hat nichts gebrochen und ist auch innerlich unverletzt, wie es scheint«, sagte er dann. »Er wird bald erwachen und nur einige blaue Flecke davontragen.«

Diese Besorgnis war also gehoben, und nun wandte sich, nachdem man Ravenow auf das Sofa gelegt hatte, die finstere, feindselige Aufmerksamkeit auf Kurt, der so gleichmütig dastand, als habe er mit dem Vorgang gar nichts zu schaffen. Der Oberst hielt jetzt die Zeit für gekommen, die Überlegenheit seines Ranges geltend zu machen. Er schritt langsam auf Kurt zu und sagte in drohendem Ton:

»Mein Herr, Sie haben sich an dem Leutnant von Ravenow vergriffen …« – »Die anwesenden Herren können mir sämtlich bezeugen, daß es ein Akt der Gegenwehr war«, fiel Helmers schnell ein. »Er wagte es, einem Offizier eine Ohrfeige anzubieten, er warf sich auf mich, er holte zum Schlag aus. Dennoch habe ich ihn geschont, denn es lag in meiner Macht, ihn durch eine Ohrfeige so dienstunfähig zu machen, wie er es mir angedroht hatte.« – »Ich ersuche Sie, mir nicht in das Wort zu fallen, sondern mich aussprechen zu lassen! Ich bin Ihr Vorgesetzter, und Sie haben zu schweigen wenn ich spreche. Verstehen Sie wohl? Sie verlassen augenblicklich das Lokal und begeben sich bis auf weiteres nach Ihrer Wohnung auf Zimmerarrest.«

Die Gesichter der Anwesenden heiterten sich auf. Das war ganz aus ihrem Herzen gesprochen. Aber sie hatten den Leutnant trotz allem noch nicht kennengelernt. Er verbeugte sich höflich und antwortete in gemessenem Ton:

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Oberst! Morgen würde ich Ihrem Befehl augenblicklich Gehorsam leisten, da ich aber erst zu morgen früh zum Antritt kommandiert bin, so hat derselbe heute noch keine Kraft für mich. Ich meine, man soll sich durch den Zorn nie zu einer Übereilung hinreißen lassen …« – »Herr Helmers …«, drohte der Oberst.

Kurt aber fuhr unbeirrt fort:

»Von einem Arrest kann also keine Rede sein, doch Ihrem Wunsch, das Lokal zu verlassen, leiste ich gern Folge, da ich bisher nur gewöhnt gewesen bin, an solchen Orten zu verkehren, an denen man nicht Gefahr läuft, schuldlos verleugnet oder wohl gar geohrfeigt zu werden. Dies pflegt nur in Tingeltangeln und ähnlichen Lokalen zu geschehen. Gute Nacht, meine Herren!«

Diese Zurechtweisung rief zahlreiche Ausrufe des Grimms hervor. Kurt kehrte sich aber nicht daran, schnallte seinen Säbel um, setzte den Tschako auf und schritt in stolzer Haltung zur Tür hinaus.

»Schrecklich!« rief einer hinter ihm her. – »Fürchterlich!« der andere. – »Noch niemals dagewesen, auf Ehre!« der dritte. – »Dieser Knabe ist ein wahrer Teufel!« meinte der viel erwähnte Major. – »Pah!« schnauzte der Oberst. »Wir werden ihm seine Teufeleien austreiben! Er und mich fordern! Hat man so etwas gehört!«

Sie alle hatten gar nicht bemerkt, daß Leutnant Platen dem Fortgehenden gefolgt war. Draußen unter der Tür holte er ihn ein, ergriff ihn am Arm und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Leutnant Helmers, warten Sie einen Augenblick! Es gab eine allgemeine Verschwörung gegen Sie. Wollen Sie mir glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß wenigstens ich keinen Teil an derselben habe?« – »Ich glaube Ihnen, denn Sie haben es bewiesen«, antwortete Kurt, indem er ihm die Hand entgegenstreckte. »Nehmen Sie meinen Herzensdank. Ich will gestehen, daß ich auf ein ablehnendes Verhalten, aber keineswegs auf solche Ungezogenheiten und Roheiten gefaßt war. Ich beklage die Ereignisse des Abends sehr.« – »Sie haben sich wacker gewehrt, fast zu tapfer. Ich fürchte, Sie haben sich unmöglich gemacht.« – »Das wird man ja sehen. Ich habe niemals das gekannt, was andere Furcht nennen. Ich achte die Vorrechte des Adels. Sie sind durch die Jahrhunderte geheiligt, aber ich trete der Anschauung entgegen, die den Adel als qualitativ über dem Bürgertum stehend erklärt. Der Wert des Menschen ist gleich seinem moralischen Gewicht.« – »Ich gebe Ihnen recht, obgleich ich von Adel bin. Der Oberst hat Ihre Zurechtweisung verdient, freilich ahnte kein Mensch, daß Sie es wagen würden, eine so unerhörte Freimütigkeit zu entwickeln. Was aber Ravenow betrifft, so muß ich Sie doch fragen, ob Sie dieses Mädchen kennen.« – »Sehr genau. Diese Damen haben mir das Ereignis erzählt.« – »Ob aber wahrheitsgetreu?« – »Beide lügen nie. Ihnen allein will ich übrigens sagen, daß die Dame, der die Wette gilt, keineswegs eine Kutscherstochter ist. Wollen Sie mir einstweilen Diskretion versprechen?« – »Gewiß!« – »Nun, sie ist die Enkelin des Herzogs von Olsunna. Sie sehen also, daß ich mich keineswegs zu schämen brauche, wenn ich ihr intimer Freund bin.« – »Alle Teufel! Wie kommt aber dieser Ravenow …« – »Er ist ein Renommist und ein unvorsichtiger Mensch. Ein jeder andere hätte auf den ersten Blick gesehen, daß er eine Dame von feinster Bildung vor sich habe. Ihre Begleiterin war die Herzogin. Er hat sich auf die roheste Weise in ihren Wagen gedrängt und konnte nur mit Hilfe eines Schutzmannes entfernt werden.« – »Mein Gott, wie albern und unvorsichtig! Aber wie kommt er zur Ansicht, daß sie die Tochter eines Kutschers sei?« – »Er hat sich bei meinem Diener, den er in einer benachbarten Restauration traf, erkundigt. Ich wohne nämlich beim Herzog und bin mit betreffender Dame erzogen worden. Mein alter Ludwig ist ein Schlaukopf und hat ihm weisgemacht, daß sie eine Kutscherstochter sei. Ich hoffe, Sie begreifen nun alles!« – »Alles, nur Ihre Körperstärke nicht.« – »Ich habe mich von Kindheit an geübt und den besten Lehrer gehabt, den es geben kann, nämlich den Prinz-Nachfolger von Olsunna.« – »Alle Teufel, Sie steigen in meinen Augen immer höher! Sind Sie in Waffen ebenso geübt wie in der Faust?« – »Ich fürchte keinen Gegner.« – »Das werden Sie gebrauchen können. Eine Herausforderung Ravenows ist Ihnen gewiß. Und was beabsichtigen Sie mit dem Oberst?« – »Ich werde ihm morgen meinen Kartellträger senden.« – »Wer wird dies sein?« – »Hm, da befinde ich mich noch im unklaren. Die Meinen will ich von diesen Zerwürfnissen nichts wissen lassen, und Bekanntschaft habe ich hier noch keine.« – »Darf ich mich Ihnen zur Verfügung stellen?« – »Sie bringen sich dadurch in eine schiefe Lage zu Ihren Kameraden und Vorgesetzten.« – »Das fürchte ich nicht. Ich diene nicht auf Avancement, sondern nur zum Vergnügen. Mein Vermögen macht mich vollständig unabhängig, und ich bitte Sie wirklich dringend, Ihr Sekundant sein zu dürfen. Sie haben sich meine Hochachtung erworben, seien wir Freunde, mein lieber Helmers!« – »Ich nehme Ihre Freundschaft von ganzem Herzen an. Bereits bei meinem heutigen Besuch beim Major las ich in Ihrem Auge, daß ich Sie liebhaben würde. Umarmen wir uns, mein bester Platen!«

Sie schlossen einander in die Arme, und dann fragte Platen:

»Gehen Sie direkt nach Hause?« – »Nein. Ich habe mich äußerlich zwar ruhig gezeigt, denn nur das führt zum Sieg, doch innerhalb war ich es weniger. Ich mag daheim meine Erregung nicht merken lassen und gehe, noch ein Glas Wein zu trinken.« – »Ich schließe mich Ihnen an. Warten Sie!«

Platen eilte in das Zimmer zurück.

Kurt wartete auf der Straße. Er ahnte nicht, welche Bedeutung Leutnant Platen und der von ihm erwähnte Bankier Wallner in Mainz später für ihn haben würden.

Die beiden jungen Männer besuchten eines der Weinlokale, und dann begleitete Platen Kurt nach Hause, um die Wohnung desselben kennenzulernen. Als sie am Tor voneinander Abschied nahmen, sahen sie die Fensterfront des Palais noch hell erleuchtet, und als Kurt in den Salon trat, fand er alle um einen sehr hohen Besuch versammelt; der Großherzog hatte geruht, eine Abendstunde beim Herzog von Olsunna zuzubringen.

»Da kommt ja unser Gardehusar!« sagte der Großherzog, als er den Leutnant erblickte. »Sie waren im Kasino?« – »Ja, Euer Durchlaucht«, antwortete der Gefragte. – »Trafen Sie vielleicht Ihren Obersten dort?« – »Er war anwesend.« – »Haben auch Sie von ihm eine Karte erhalten?« – »Ich weiß von keiner Karte, Hoheit.« – »Ah, dieser Herr wollte Sie also ausschließen, aber wir werden ihn doch überraschen. Ich erfuhr nämlich heute von unserem herzoglichen Freund hier, welche Schwierigkeiten man Ihnen in den Weg legt, und faßte sofort den Entschluß, diesen Herren zu zeigen, daß sie stolz sein dürfen, den Leutnant Helmers in ihren Reihen zu haben. Erröten Sie nicht, mein Lieber! Sie sind einer der wenigen Offiziere, deren Bravour im letzten Krieg mich mit den unglücklichen Folgen desselben auszusöhnen vermag. Sie haben die Dekorationen, die Sie tragen, mit Ihren Wunden bezahlt, und da ich außerdem Ihr persönlicher Freund bin, so beschloß ich, Ihnen Gelegenheit zu geben, Ihre Feinde zu beschämen. Ich habe die sämtlichen Offiziere Ihres Regimentes und auch deren Freunde für morgen abend zu mir geladen, und der König, der mir von dem hohen Dienst, den Sie ihm heute erwiesen haben, erzählte, stellt mir sein Schloß Monbijou zu dieser Soiree zur Verfügung. Ich vermute, daß der Oberst meine Karten im Kasino zur Verteilung brachte. Man will Sie ausschließen, aber man soll Sie dennoch sehen. Legen Sie Ihre Dekorationen an. Sie werden mit ihnen manchen Ihrer Feinde ausstechen.«

Kurt hatte während dieser langen Rede innig gerührt dagestanden. Sein Landesfürst veranstaltete seinetwegen, eines armen Schiffersohnes wegen, eine glänzende Soiree, und der König von Preußen stellte zu diesem Zweck ein Schloß zur Verfügung. Die Tränen standen ihm im Auge. Er zog die Hand des Großherzogs an seine Lippen und stammelte:

»Hoheit, ich weiß nicht, wie ich …« – »Gut, mein lieber Leutnant«, unterbrach ihn der Fürst. »Ich kenne Ihre Gesinnungen, auch ohne daß Sie mich deren noch besonders versichern. Der Zweck meines Besuches ist erfüllt, und so darf ich mich verabschieden.«

Als er sich entfernt hatte, erfuhr Kurt, daß auch Olsunna mit all den Seinen nebst Sir Lindsay und Amy eingeladen seien, dann begab er sich auf sein Zimmer, um sich durch einen tüchtigen Schlaf auf die Anstrengungen des morgenden Tages vorzubereiten.

10. Kapitel

Ich bin noch jung, doch fürcht‘ ich nicht

Des Lebens mächt‘ge Wogen.

Es glänzt ein goldig helles Licht

An meines Himmels Bogen.


Kurt war noch nicht lange dort, so klopfte es mit leisem Finger an. Wer war das? Er hatte ja niemand mehr zu erwarten. Er erschrak freudig, als auf seinen Ruf – Röschen eintrat.

»Du wunderst dich?« fragte sie schüchtern. »Ich habe noch mit dir zu sprechen.« – »Du, Röschen?« sagte er. »Komm, setze dich!« – »Ja, das werde ich tun, lieber Kurt. Allerdings soll eine junge Dame keinen jungen Herrn so spät und so allein besuchen, aber wir sind ja ganz wie Geschwister, nicht wahr?« – »Freilich«, sagte er, um alle ihre Zweifel zu zerstreuen. »Weiß Mama, daß du hier bist?« – »Natürlich weiß sie es!« – »Und sie hat dir erlaubt, zu mir zu gehen?« – »Ganz gern, ja, sie hat mich sogar darum gebeten. Es ist ja etwas sehr Wichtiges, um was ich dich fragen will.«

Wie glücklich, wie unendlich selig fühlte er sich! Dieses herrliche Wesen kam zu so später Abendstunde vertrauensvoll zu ihm. Er war kein Kind mehr, er wußte, daß er sie liebte, liebte mit der ganzen Glut seines Herzens, mit jedem Gedanken seiner Seele, mit jedem Atemzug seines Mundes. Aber er kannte auch den Abstand zwischen ihr und ihm, seine Liebe war hoffnungslos, aber nicht unglücklich, denn sie war seelisch, war rein, war frei von jedem Eigennutz. Jetzt saß er neben ihr auf dem kleinen Sofa und sah ihr erwartungsvoll in das schöne Angesicht.

»Nun, was hast du mich zu fragen, Röschen?« sagte er. – »Gib mir erst deine Hand, Kurt. So! Weiß du denn, daß wir uns immer liebgehabt haben?«

Er erbebte bei dieser Frage im tiefsten Inneren, es ergriff ihn ein unnennbares Etwas, so daß er nicht mit Worten antworten, sondern nur nicken konnte.

»Und daß wir uns noch jetzt liebhaben?« – »Ich dich ja«, stieß er hervor. – »Du mich! Ich weiß es! Du würdest für mich sterben, wenn es nötig wäre. Aber meinst du, daß ich dich nicht auch noch immer so gern habe wie früher? Siehe, lieber Kurt, wen man liebhat, den kennt man genau, und wenn man auch nicht stets alles weiß, so ahnt man es doch. Ich ahne alle Gedanken, die du hast, wenn ich bei dir bin und wenn meinem Auge etwas verborgen bleiben sollte, mein Herz sieht es doch. Willst du das glauben?«

Das Herz wollte ihm vor Seligkeit zerspringen, und er mußte sich sehr zusammennehmen, um ein ruhiges Ja antworten zu können.

»Nun«, fuhr sie in ihrem herzlichen Ton fort, »als du aus dem Kasino kamst, da war dein Auge so tief und durchsichtig, und ganz, ganz unten, da zitterte es auf dem dunklen Grund. Ich wußte sogleich, daß dir ein großes Weh widerfahren war. Du bist im Kasino bös bewillkommnet worden, du bist nicht der Mann, dies zu dulden. Da hat es ein schlimmes Zerwürfnis gegeben, und ihr Offiziere seid mit den Waffen sogleich zur Hand. Komm her, lieber Kurt, und blicke mir einmal gerade in die Augen.«

Sie legte ihm die feinen, weißen Händchen auf beide Schultern und zog ihn näher zu sich heran, um ihm besser in das Auge sehen zu können. Ihr würziger Odem wehte ihn an wie ein Hauch aus Mohammeds Paradies; er fühlte die Lebenswärme, die ihr schönes Angesicht ausstrahlte, ihre Lippen wölbten sich ihm entgegen, er mußte sich alle Gewalt antun, um sich zu beherrschen. Indem ihm dieses gelang, war er ein größerer Held als vorhin im Kasino, wo er den Obersten gedemütigt und Ravenow niedergeschmettert hatte.

Ihr forschender Blick senkte sich in den seinigen eine ganze, volle Minute lang, dann ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

»Kurt, weißt du, was es gibt?« – »Nun?« fragte er. – »Ein Duell!« – »Röschen!« rief er erschrocken. – »Kurt, ich sehe es deutlich. Tief da drunten in deinem Auge liegt etwas, was du hast verbergen wollen; ich aber habe es gesehen und sehe es noch. Das sieht aus wie eine stolze, trotzige Entschlossenheit. Willst du mir etwa die Unwahrheit sagen, lieber Kurt?« – »Nein! Nie!« versicherte er. – »Nun, so sage, ob mein Herz recht vermutet!« – »Versprichst du mir, verschwiegen zu sein?« – »Das versteht sich!« sagte sie eifrig. »In solchen Ehrensachen dürfen wir einander nicht verraten.«

Sie war geradezu hinreißend in dieser kindlichen Naivität. Er hätte vor ihr niedersinken mögen, um sie anzubeten, aber er antwortete ruhig:

»Du hast es erraten, Röschen.« – »Also ein Duell, wirklich ein Duell. Kurt, ich habe es gewußt, ich habe es erraten, ich habe es gefühlt und geahnt. Glaubst du nun, daß ich dich liebhabe?«

Sie blickte ihm dabei so innig, so aufrichtig entgegen, daß er ihre Hand an seine Lippen zog und leise und bebend antwortete:

»Es ist mein größtes Glück, daß ich dies glauben darf.« – »Ja, es ist ein großes Glück, wenn man sich recht von Herzen gut ist und wenn man ein wahres Vertrauen zueinander hat. Ein solches Vertrauen habe ich zu dir. Denkst du etwa, daß mich dein Duell beunruhigt?« – »Nicht?« – »Nein, nicht im geringsten. Du wirst deinen Gegner vollständig besiegen. Aber Mama hat Sorge, und weil sie denkt, daß du mir alles sagen wirst, und weil sie weiß, daß Duelle keine Zeitversäumnis vertragen, so bat sie mich, dich noch heute abend aufzusuchen.«

Sein Auge leuchtete stolz auf, als er von diesem Vertrauen hörte. Er hätte für Millionen dieses Wort von ihr nicht hingegeben.

»Hast du auch zu anderen von deiner Ahnung gesprochen?« fragte er. – »Nein, nur zu Mama. Die anderen durften nichts wissen. Sie hätten dich vielleicht gehindert, deinen Feind zu züchtigen, und das mußt du tun!« – »Röschen, du bist eine Heldin!« rief er begeistert. – »Oh, nur wenn es sich um dich handelt, lieber Kurt. Für andere kann ich recht sehr zittern, von dir aber weiß ich, daß du allen überlegen bist. Ja, als du in den Krieg zogst, da habe ich gebebt, denn gegen diese Kugeln konntest du dich nicht wehren; bei einem Duell aber kommt es auf die Geschicklichkeit und auf die Ruhe an, und da hast du keinen zu fürchten. Darf ich fragen, wer dein Gegner ist?« – »Es sind deren zwei!« – »Zwei Duelle?« fragte sie erstaunt. »Gut, das ist doppelte Gelegenheit, dich in Respekt zu setzen. Ich könnte mich darüber freuen, wenn du mir eine kleine Bitte erfüllen wolltest.« – »Wenn ich kann, so werde ich sie dir sicher erfüllen, liebes Röschen.« – »Nun gut. Züchtige die beiden Menschen, aber töte sie nicht. Wie stolz ist das, wenn man dem Feind sagen darf: ›Ich konnte dich töten, aber ich habe dir großmütig das Leben geschenkt.‹ Willst du?« – »Gern, ich verspreche es dir.« – »Das freut mich, Kurt. Zum Dank sollst du mir auch die Hand küssen dürfen, wie du vorhin tatest. Hier ist sie.«

Sie hielt ihm das Händchen entgegen, lächelte und nickte ihm freundlich zu, als er es an seine Lippen zog.

»So haben es die Ritterfräulein früher gemacht, und darum darf ich dich auch so belohnen«, meinte sie. »Wenn Mama es sähe, würde sie darüber lachen. Nun aber mußt du mir noch sagen, wer deine Gegner sind.« – »Der erste ist mein Oberst.« – »Ah! Der könnte doch froh sein, daß er so einen Leutnant bekommt! Und der zweite?« – »Es ist der Leutnant von Ravenow.« – »Der! Der gegen uns so ungezogen war! Kurt, ich ahne, daß ihr euch meinetwegen schlagt. Sage mir die Wahrheit.« – »Du hast es erraten«, antwortete er.

Es war dies keine Prahlerei von ihm. Es kam ihm nicht in den Sinn, sie durch dieses Geständnis sich zu verpflichten. Er war ein lauterer Charakter und hätte ihr auf ihre offene, vertrauensvolle Frage um alles in der Welt nicht eine Lüge sagen können.

»Siehst du, wie ich dir alles an den Augen ablese!« meinte sie in glücklichem Selbstbewußtsein. »Nun bist du endlich mein wahrer Ritter geworden. Du wirst dein Röschen rächen, und dafür wird sie dir voller Huld die Hand zum Kuß reichen und dir noch ein Andenken geben. Was, das muß ich mir erst überlegen. Jetzt weiß ich alles, und nun kann ich zu Mama zurückkehren.« – »Was wirst du ihr sagen?« – »Alles. Du denkst doch nicht, daß ich meiner Mama etwas verschweigen soll?« – »Davor behüte mich Gott, du reine, lautere Seele!« rief er in überströmendem Gefühl. »Sage ihr alles, doch sage ihr auch, daß sie nicht Angst haben solle, daß die Forderung noch nicht geschehen sei und daß ich um ihre Verschwiegenheit bitte.« – »Das werde ich tun, und Mama wird deine Bitten erfüllen. Gute Nacht, mein lieber Kurt.« – »Gute Nacht, meine liebe, teure Rosita!«

Sie streckte ihm beide Hände entgegen und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Doch an der Tür blieb sie nachdenklich stehen, drehte sich noch einmal um und sagte mit einem engelhaften, kindlich schönen Lächeln:

»Fast hätte ich eine wichtige Sache vergessen! Wenn du mein Ritter bist, so muß ich es doch machen wie die Burgfräulein und dir eine Schleife mit in den Kampf geben. Ist die gut, die ich auf dem Kleid trage, Kurt?«

Er hätte vor Wonne aufjauchzen mögen. Diese kindlich-zarte und doch zugleich bereits jungfräulich-holde Naivität schwellte seine Brust vor Entzücken und trieb ihm das Blut mit zehnfacher Schnelligkeit durch die Pulse. Er fühlte seine Schläfen klopfen, als er antwortete:

»Oh, sie ist schön, sie ist herrlich! Willst du sie mir wirklich geben?« – »Sehr gern, mein guter Kurt!« Sie nestelte die seidene Schleife von ihrem Kleid los und streckte sie ihm entgegen. »Wenn du in den Kampf gehst, so steckst du sie dir auf die Brust. Oder nein! Da sieht man sie! Diese Menschen sind nicht wert, daß sie das Zeichen sehen, das du von mir trägst. Aber wo willst du sie sonst befestigen?« – »Nicht auf dem Rock, sondern unter demselben, auf meinem Herzen!«

Ein liebliches Rot flog über ihre Wangen; sie senkte die langen, seidenen Wimpern, hob aber dann das Auge schnell zuversichtlich zu ihm und meinte:

»Ja, so magst du es tun, denn das ist der beste Platz. Ich werde sie dann mit großem Stolz wieder tragen.« – »Wie? Ich soll sie dir wiedergeben?« rief er. – »Etwa nicht?« fragte sie. – »Ja, wenn du willst«, meinte er, und beinahe verlegen fügte er hinzu: »Aber dann müßtest du sie einlösen, wie es die Ritterfräulein gemacht haben.« – Einlösen? Womit?« – »Mit einem Kuß.«

Jetzt färbten sich ihre Wangen dunkler als vorher, aber sie überwand dieses ihr unerklärliche Gefühl und fragte:

»Haben das die Ritterfräulein wirklich getan?« – »Ja, ganz gewiß, Röschen.« – »Das habe ich allerdings nicht gewußt. Wenn ich dir aber die Schleife ganz schenke, so brauche ich sie auch nicht einzulösen?« – »Allerdings nicht.« – »Nun, so will ich es mir noch überlegen, ob ich sie wieder tragen werde oder nicht. Was von beiden ist dir lieber, Kurt?«

Er nahm sich ein Herz und antwortete mutig:

»Am liebsten ist es mir, wenn ich den Kuß erhalte und die Schleife behalten darf.« – »Geh! Damit würdest du mich übervorteilen! Diese Sache ist nicht so leicht, als wie man denken sollte. Es wird mich viel Nachdenken kosten, einen richtigen Entschluß zu fassen. Behalte die Schleife jetzt, ich werde dir mitteilen, was geschehen soll!«

Sie ging, und er blieb zurück mit übervollem Herzen. Jetzt trat zum ersten Male hell der Gedanke vor seine Seele, daß dieses herrliche Wesen einst einem anderen gehören werde. Er preßte die Schleife an seine Lippen, von der noch der feine Resedaduft ausströmte, den Röschen so sehr liebte. So lieblich, so keusch wie dieses Parfüm war ihr ganzes Wesen. Dann sank er auf das Sofa und dachte an sie lange, lange Zeit. Die Augen fielen ihm endlich zu, ohne daß er es merkte, und dann träumte er von ihr, bis er erwachte. Da schien die Sonne hell zum Fenster herein, und er merkte, daß er das Bett nicht berührt, sondern auf dem Sofa geschlafen hatte, das gestern begnadigt worden war, die Gestalt der Heißgeliebten zu tragen.

Da unten auf dem Teppich lag die Schleife, die während des Schlafes seiner Hand entfallen war. Dies dünkte ihm eine sündhafte Entweihung, ein Sakrilegium, und er hob sie empor, um sie einzuschließen und aufzubewahren, bis sie beim Renkontre als Schutz und Talisman auf seinem Herzen liegen sollte.

Er unternahm hierauf eine Morgenpromenade in den Garten, und als er dann zum ersten Frühstück in das Speisezimmer kam, waren dort die anderen alle bereits versammelt. Er warf einen schnellen, forschenden Blick auf Röschen. Sie sah blaß aus, als ob sie wenig geschlafen habe, und senkte vor ihm die Augen. Hatte das Nachdenken über den Kuß ihr den Schlaf geraubt?

Ihre Mutter ließ die schönen, ruhigen Augen forschend auf sein Gesicht fallen, und er glaubte in ihnen die stille Zusage zu lesen, daß sein Geheimnis nicht verraten werden solle.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
420 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain