Kitabı oku: «Waldröschen X. Erkämpftes Glück. Teil 3», sayfa 4
Der Steuermann konnte nicht antworten. Er lag ohnmächtig in seinen Armen. Auch die anderen waren vor Entzücken und Bewunderung stumm. Sternau war der erste, der sich faßte.
»Kurt! Ist‘s wahr? Du bist Kurt Helmers?« fragte er bewegt. – »Ja, ja, Herr Doktor, ich bin es«, entgegnete Kurt, indem er seinen Vater langsam und vorsichtig zur Erde gleiten ließ und in die geöffneten Arme Sternaus flog. – »Mein Gott, welch ein Glück, welch eine Gnade!« rief nun der letztere. »Ich will nicht fragen, wie du uns fandest, wie es dir gelang, uns zu retten. Nur eins will ich wissen: Wie steht es in Rheinswalden?« – »Gut, gut! Sie leben alle, alle.« – »Meine Frau?« – »Ja.« – »Mein Kind, meine Tochter?« – »Ja.« – »Meine Mutter und Schwester?« – »Alle, alle!«
Da sank der gewaltige Mann, der sich am stärksten und kräftigsten erhalten hatte, in die Knie, faltete die Hände und betete:
»Herrgott im Himmel, zum zweiten Mal gerettet! Wenn ich das vergesse, so magst du meiner vergessen, wenn meine sterbende Hand an der Tür deines Himmels um Einlaß klopft.«
Da fühlte sich Kurt abermals von zwei Armen umfaßt.
»Ah, bist du Onkel Donnerpfeil?« – »Ja, mein lieber, lieber Neffe.«
Aus diesen Händen ging der junge Mann in andere. Jeder wollte ihn umarmen und küssen. Er mußte schließlich Sternau um Beistand bitten, diese Szenen zu beenden.
»Allein bist du unmöglich hier«, sagte dieser. – »Im Kloster ganz allein, draußen aber stehen meine Kameraden.« – »Wer sind sie?« – »Der Schwarze Gerard, Geierschnabel und der Jäger Grandeprise. Kommt, Ihr Herren, kommt heraus! Noch sind wir nicht völlig sicher. Man weiß nicht, ob dieser Teufel von Pater noch Helfershelfer hat. Wir wollen gehen, aber so wenig wie möglich Geräusch verursachen.«
Seinen Vater am rechten Arm, ergriff Kurt mit der Linken die Laterne und schritt voran. Die anderen folgten langsam. Den Schluß bildete Sternau mit dem Licht. Er, der immer an alles dachte, hatte die Schlüssel an sich genommen und verschloß jede Tür hinter sich, durch die sie kamen.
Sie gelangten in die Wohnung des Paters. Es war spät geworden. Man war im Kloster schlafen gegangen, und da die Krankenwärter, die zu wachen hatten, sich in einem anderen Gebäude befanden, so hatten die Erretteten ihren Aufenthalt erreicht, ohne daß sie gesehen worden waren.
Hier brannte eine helle Lampe. Kurt brannte zum Überfluß noch eine an, und nun konnte man sich deutlich sehen. Die Begrüßungen und Fragen begannen von neuem.
»Später, später«, wehrte Kurt ab. »Señor Sternau wird mir recht geben, daß wir zunächst auf unsere Sicherheit bedacht sein müssen.« – »Ganz recht«, antwortete der Genannte. »Wo sind die drei braven Jäger, die draußen stehen?« – »Ich werde sie rufen.«
Bei diesen Worten trat Kurt an das Fenster und öffnete es.
»Gerard!« rief er halblaut hinab. – »Hier, Monsieur!« – »Ist unten etwas vorgekommen?« – »Nein. Wie aber steht es oben?« – »Gut. Werfen Sie mir Ihren Lasso zu.« – »Warum?« – »Sie drei sollen an demselben heraufsteigen. Die anderen Wege werden verschlossen sein.« – »Haben Sie den Ihrigen nicht mehr?« – »Nein.«
Gerard warf, und Kurt fing den Lasso auf. Als er ihn gehörig befestigt hatte, kamen die drei nacheinander durch das Fenster. Sie waren nicht wenig erstaunt, eine so zahlreiche Gesellschaft zu finden.
»Donnerwetter!« meinte Geierschnabel, indem er den Mund weit aufriß. »Das sind sie ja!« – Ja, das sind wir«, antwortete Sternau. »Wir schulden Euch unendlichen Dank, daß Ihr Euch unserer angenommen habt.« – »Unsinn. Aber zum Teufel, wie hat dieser junge Mann denn das eigentlich fertiggebracht?« – »Das hören Sie später«, meinte Kurt. »Sie sollen hierbleiben und für die Sicherheit dieser Herren, die noch unbewaffnet sind, sorgen. Herr Doktor, meinen Sie, daß noch andere Bewohner des Klosters mit dem Pater im Komplott sind?« – »Außer seinem Neffen wohl keiner«, antwortete Sternau. – »Werde es gleich sehen.«
Bei diesen Worten eilte Kurt zur Tür hinaus, ohne sich durch die ängstlichen Zurufe der anderen zurückhalten zu lassen.
5. Kapitel
Zur Treppe hinunter kam Kurt in den Hof, dessen vorderes Tor verschlossen worden war. Beim Laternenschein sah er ein zweites Tor, das in einen anderen Hof führte. Er ging dahin und erblickte ein Gebäude vor sich, in dessen Parterre ein Fenster erleuchtet war. An der Tür des Zimmers, zu dem dieses Fenster gehörte, las er die Inschrift »Meldezimmer«. Er trat ein und wurde von dem darin sitzenden Wärter erschrocken angestarrt.
»Wer sind Sie? Was wollen Sie? Wie kommen Sie hierher?« fragte dieser, indem er aufsprang. – »Erschrecken Sie nicht«, antwortete er. »Ich komme in der friedlichsten Absicht. Ich befinde mich bei Manfredo, dem Neffen des Paters Hilario. Wer hat in Abwesenheit dieses letzteren Kranke zu behandeln?« – »Der zweite und dritte Arzt.« – »Wie heißt der zweite?« – »Menuccio.« – »Er schläft?« – »Ja.« – »Wecken Sie ihn augenblicklich.« – »Ist es notwendig? Sonst darf ich nicht.« – »Äußerst notwendig.« – »Wen soll ich melden?« – »Einen fremden Offizier.«
Der Mann ging und kam erst nach einer Weile wieder, um Kurt zu dem Arzt zu führen. Dieser befand sich im Schlafrock und empfing ihn nicht mit freundlicher Miene.
»Ist es so gefährlich, daß Sie mich im Schlaf stören?« fragte er. – »Ja, sehr gefährlich, besonders für Sie«, antwortete Kurt. – »Für mich? Señor, ich bin nicht zum Scherz aufgelegt!« – »Ich ebensowenig. Ich komme, um Sie zu einer ganzen Zahl von Patienten zu bitten.« – »Darin sehe ich doch keine Gefahr für mich.« – »Und doch ist es so. Sagen Sie, ob Ihnen das geheimnisvolle und verbrecherische Treiben des Paters Hilario ganz unbekannt ist.« – »Señor, wer sind Sie, daß Sie es wagen, von Verbrechen zu reden?« – »Ich habe das Recht dazu. Vor einiger Zeit verschwand eine Zahl teils gewöhnlicher, teils hochgestellter Personen, zwei Grafen Rodriganda, ein Herzog von Olsunna und andere. Ich wurde beauftragt, nach ihnen zu forschen, und fand sie vor einer Stunde als Gefangene in den unterirdischen Löchern dieses Klosters. Wissen Sie etwas davon?«
Der Arzt machte ein Gesicht, als ob er zu Stein geworden sei.
»Träume ich denn?« fragte er. – »Sie träumen nicht, sondern Sie wachen. Pater Hilario hat diese Señores ins Kloster gelockt und sie heimtückisch eingeschlossen. In den letzten Tagen war er sogar auf der Hacienda del Erina, um sämtliche Bewohner derselben zu vergiften.«
Der Arzt wußte wirklich nicht, was er sagen sollte.
»Ich träume«, stieß er abermals hervor. – »Ich wiederhole, daß Sie wachen. Ich habe die Gefangenen befreit. Die Gefangenschaft in jenen Löchern hat ihre Gesundheit im höchsten Grade angegriffen. Sie bedürfen Ihrer Hilfe, und ich fordere Sie auf, mir nach des Paters Wohnung zu folgen, wo jene sich einstweilen befinden.«
Der Arzt schüttelte noch immer den Kopf.
»Señor, es handelt sich nicht um einen Scherz?« fragt er. – »Es ist mein bitterer Ernst.« – »Ich werde Sie begleiten, um mich zu überzeugen.«
Der Arzt kleidete sich schnell an und folgte Kurt. Sein Staunen vergrößerte sich, anstatt sich zu vermindern, als er die zahlreiche Versammlung erblickte, zu der er gebracht wurde.
»Hier ist zunächst ein Arzt«, meldete Kurt. »Wir bedürfen eines größeren Zimmers und stärkender Speisen und Getränke.«
Der Heilkünstler befand sich noch wie im Traum. Aber als er Don Ferdinando erblickte, der todesmatt auf dem Sofa lag, begann er an die Wirklichkeit zu glauben. Er hatte den Grafen früher in Mexiko gesehen und erkannte ihn sofort wieder, trotzdem derselbe sich sehr verändert hatte.
Die Anwesenden hatten selbst den Zusammenhang ihrer Rettung noch nicht vollständig erfahren, darum mußte der Arzt sich mit kurzen Mitteilungen begnügen, aber dies reichte hin, ihn zu überzeugen, daß es seine unbedingte Pflicht sei, hier einzugreifen.
Die Gesellschaft wurde nach einem kleinen hübschen Salon versetzt, wo bald ein jeder erhielt, was notwendig war, ein Bad, frische Wäsche, reinliche Kleider anstatt der halb vom Leib gefaulten, stärkenden Wein und eine Mahlzeit, wie sie in den Räumen des Krankenhauses wohl noch selten verzehrt worden war.
Die Geretteten dachten indes wenig an ihre körperliche Schwäche. Sie wollten vor allen Dingen erfahren, was draußen geschehen sei. Jeder hatte unzählige Fragen, und selbst der Kleine André wandte sich an Kurt:
»Also Sie stammen aus Rheinswalden?« – »Ja, freilich.« – »Und kennen Sie dort wohl alle Leute?« – »Alle.« – »Kennen Sie einen Jägerburschen, der Ludwig Straubenberger heißt?« – »O freilich. Er ist der Liebling des Oberförsters.« – »Herr, der ist mein Bruder.« – »Das hat mir Geierschnabel bereits erzählt!« – »So lebt Ludwig noch?« – »Der?« meinte Geierschnabel. »Oh, wenn den die lieben Engel doch schon hätten!« – »Warum?« fragte André, indem er Miene machte, zornig zu werden. – »Weil er mich arretiert hat.« – »Arretiert? Als was?« – »Als Wilddieb, Piraten und Giftmischer. Aber er hat mich doch noch laufenlassen müssen.«
Während Geierschnabel sein kleines Abenteuer erzählte, fragte der Steuermann seinen Sohn:
»Vor allen Dingen eins, Kurt! Die Mutter lebt?« – »Ja. Sie ist auch gesund und wohl, obgleich sie sich sehr gehärmt und gegrämt hat.« – »Und du, was bist du denn eigentlich geworden?« – »Rate einmal!« – »Hm. Señor Sternau hat dir zur weiteren Ausbildung gefehlt, und deinen Anteil vom Schatz aus der Königshöhle hast du auch erhalten?« – »Ja, wenn auch etwas spät.« – »Nun, so bist du reich; du hast auf eine Stellung verzichtet?« – »O nein. Ich bin doch etwas, nämlich Offizier, geworden«, lächelte Kurt.
Da rötete sich das Gesicht des Steuermanns vor Freude. Sternau ergriff Kurts Hand und meinte:
»Das ist brav. Du hast Urlaub?« – »Ja.« – »Wo dienst du?« – »Ich stehe in Berlin und bin als Oberleutnant der Gardehusaren zum Generalstab kommandiert.« – »Alle Wetter! Ich gratuliere.«
Der Vater umarmte den Sohn vor Freude, und nun begann das eigentliche Erzählen und Berichten, das so lange dauerte, bis völlige Klarheit herrschte. Da erhob sich Sternau von seinem Stuhl und sagte:
»Meine Freunde, wir dürfen noch nicht ruhen, es gibt für uns zu tun. Da ich der kräftigste bin, werde ich mich mit Kurt von Euch auf kurze Zeit verabschieden.«
Die Unglücksgefährten ahnten, was Sternau vorhatte; aber sie waren durch die erlittenen Qualen und durch die gegenwärtige Aufregung geschwächt worden. Büffelstirn und Bärenherz wollten mitgehen; er aber bat sie, zu bleiben. Zwei allerdings ließen sich nicht zurückweisen, Grandeprise und Geierschnabel.
Diese vier begaben sich, nachdem sie sich mit Waffen und Licht versehen hatten, wieder hinab in die unterirdischen Gänge, wo sie Manfredo aufsuchten. Er war so fest geschnürt, daß er sich aus seiner Ecke nicht hatte fortbewegen können. Da Sternau von allem unterrichtet war, so leitete er das Verhör.
»Mensch«, sagte er, »du bist nicht wert, daß ich dich zertrete, aber vielleicht läßt sich dein Schicksal doch noch mildern, wenn du mir meine Fragen aufrichtig beantwortest.«
Manfredo war im Grunde genommen feig. Er sah, daß sein Spiel verloren sei, und darum suchte er sich zu entschuldigen.
»Ich bin nicht schuld, Señor, gar nicht«, wimmerte er. – »Wer denn?« – »Mein Oheim. Ich mußte ihm gehorchen.« – »Das entschuldigt dich nicht Ich will aber sehen, ob du ein aufrichtiges Geständnis ablegst. Warum nahmt Ihr uns gefangen?« – »Weil ich Graf von Rodriganda werden sollte.« – »Welch ein Wahnsinn? Dein Oheim hätte uns später getötet?« – »Ja.« – »Wo sind die Sachen, die ihr uns abgenommen habt?« – »Die habe ich noch. Nur die Pferde sind verkauft.« – »Du wirst uns nachher alles wiedergeben. Weißt du, wo die Cortejos und Landola stecken?« – Ja. Dieser Señor hat mir den Schlüssel zu ihrem Kerker mit den anderen weggenommen.« – »Wir haben ihn, und du wirst uns die vier Personen zeigen. Kennst du sämtliche unterirdische Gänge und Gewölbe dieses Klosters?« – »Alle.« – »Wer hat sie dir gezeigt?« – »Mein Oheim. Er hat einen Plan dieser Gewölbe.« – »Weißt du, wo dieser Plan sich befindet?« – Ja, im Schreibtisch.« – »Du wirst ihn uns zeigen. Gibt es heimliche Ausgänge aus diesen Gewölben?« – »Ihr meint in das Freie?« – »Ja.« – »Es gibt nur einen solchen!« – »Wo mündet er?« – »In einem Steinbruch, östlich von der Stadt« – »Du wirst uns dahinführen. Wo ist dein Oheim?« – »Er ist nach Mexiko oder Querétaro.« – »Zu wem?« – »Zu dem Kaiser.« – »Was will er da?« – »Ich – ich weiß es nicht.«
Manfredo log. Er dachte, daß sein Oheim ihn vielleicht doch noch retten könne, wenn es ihm gelang, seine politische Aufgabe zu erfüllen. Sternau durchschaute ihn, darum sagte er:
»Glaube nicht, daß du mich betrügst. Je weniger aufrichtig du bist, desto schlimmer wird dein Los. Was will dein Oheim beim Kaiser?« – »Er will ihn abhalten, Mexiko zu verlassen.«
– »Den Grund weiß ich bereits. Wer ist der dicke Mensch, mit dem du heute abend gesprochen hast?«
Manfredo erschrak. Also auch das war verraten.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er. – »Man empfängt niemand bei sich, den man nicht kennt.« – »Ich kenne ihn wirklich nicht. Er kommt zuweilen zum Oheim, um ihm Befehle zu bringen.«
– »Von wem?« – »Von der geheimen Regierung.« – »Aus welchen Personen besteht diese?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wo hat sie ihren Sitz?« – »Auch das ist mir unbekannt.« – »Hm! Empfängt dein Oheim geheime Papiere?«
Manfredo zögerte mit der Antwort.
»Wenn du nicht redest«, drohte Sternau, »werde ich dich so lange prügeln lassen, bis du die Sprache findest. Ich frage dich, ob er geheime Papiere bekommt?« – »Ja.« – »Hebt er sie auf?«
– »Ja.« – »Wo?« – »In einer verborgenen Zelle.« – »Kennst du sie?« – »Ja.« – »Du wirst uns auch dahin führen. Steh auf, und zeige uns, wo die Cortejos stecken!«
Sternau lockerte dem Gefangenen die Beinfesseln so weit, daß derselbe langsam gehen konnte.
»Zunächst werde ich die Instruktion zu mir nehmen, die dieser gute Neffe eines noch besseren Onkels heute von dem Dicken empfangen hat«, meinte Kurt.
Er zog ihm die Papiere aus der Tasche und steckte sie in die seinige. Dann verließen sie das Gefängnis und wurden von Manfredo zu der Tür geführt, hinter der ihre Feinde steckten.
6. Kapitel
Kurt öffnete. Der Schein des Lichtes drang in den dunklen Raum, in dem vier gefesselte Gestalten zu erkennen waren.
»Kommst du, um uns herauszulassen?« fragte einer heisere Stimme.
Es war die Gasparino Cortejos, der glaubte, daß Manfredo käme.
»Herauslassen? Dich, Schurke?« rief Grandeprise, indem er Sternau die Laterne aus der Hand nahm und eintrat. Cortejo starrte ihn an.
»Grandeprise!« stöhnte er. – »Ja, Grandeprise bin ich, und endlich habe ich dich und meinen teuren Bruder! Oh, dieses Mal lasse ich mich nicht täuschen, dieses Mal sollt Ihr nicht entkommen.« – »Wie kommt Ihr hierher?« fragte Gasparino. »Hat der Pater Euch an Manfredos Stelle zum Kerkermeister gemacht? Laßt uns fliehen, und ich belohne Euch mit einer Million Dollar.« – »Mit einer Million? Wicht! Kein Pfennig ist dein Eigentum. Es wird dir alles genommen werden, selbst dein armseliges Leben.« – »Weshalb? Ich habe nichts getan.« – »Nichts, Schurke? Frage den hier!«
Grandeprise ließ das Licht der Laterne auf Sternau fallen, der hinter ihm eingetreten war. Cortejo erkannte diesen.
»Sternau!« knirschte er.
Da begannen auch sein Bruder und seine Nichte sich zu regen. Sie drehten sich um und blickten Sternau an.
»Er ist frei«, rief Josefa kreischend. – »So hat der Teufel uns betrogen«, meinte Landola, indem er einen fürchterlichen Fluch hinzufügte. – »Ja, er hat euch betrogen«, antwortete Sternau, »und Gott hat sein Gericht bereits begonnen. Ihr werdet das Loch nur verlassen, um verhört und bestraft zu werden.« – »Pah!« hohnlachte Landola. »Wer zwingt uns, zu gestehen?« – »Wir brauchen euer armseliges Geständnis nicht. Ihr seid bereits überwiesen. Aber ich würde wohl ein Mittel kennen, euch alle zum Reden zu bringen. Hast du es vergessen, Gasparino Cortejo?«
Dieser antwortete nicht.
»Ich werde es dir ins Gedächtnis zurückrufen«, sagte Sternau.
»Weißt du noch, als ich dich anschnallen und kitzeln ließ, weil ich deinen Geifer zu einem Gegengift brauchte?«
Es ging Cortejo eiskalt über den Körper.
»Graf Emanuel lebt«, fuhr Sternau fort, »aber er ist noch wahnsinnig von dem Gift, das ihr ihm gegeben. Ich brauche Gegengift. Macht euch gefaßt! Ich nehme es mir von keinem anderen Menschen als von euch.«
Damit verließ Sternau mit Grandeprise das Gefängnis und schloß es wieder zu.
»Jetzt sollst du uns zunächst den Plan dieser Gewölbe und Gänge zeigen«, sagte er darauf zu Manfredo, und sie begaben sich nach der Stube des Paters zurück, in dessen Schreibtisch sie den Plan fanden. Wer denselben zur Hand hatte, bedurfte keines Führers, so labyrinthisch die einzelnen Teile auch ineinanderflossen, das sah Sternau sofort.
Nun wollte er die geheimen Schriften des Paters sehen. Er wurde von dem Gefangenen nach der Zelle geführt, in der Señorita Emilia ihre Abschriften genommen hatte. Er blickte die vorhandenen Skripturen oberflächlich durch und untersuchte sodann die Koffer und Kisten. Dabei entdeckte er die Meßgewänder und heiligen Gefäße, die Emilia nicht angerührt hatte, obwohl dieselben ein Vermögen von mehreren Millionen präsentierten.
Sternau sah die Juwelen flimmern und fragte:
»Wem gehört das?« – »Meinem Onkel!« antwortete der Gefangene. – »Ah! Ihm? Woher hat er es?« – »Vom Kloster.« – »Er hat es gewiß geschenkt erhalten?« – »Nein. Er hat es einfach genommen und aufbewahrt. Das Kloster ging ein, da hatte das Zeug keinen Herrn mehr.« – »Schön! Es wird den richtigen finden. Jetzt wollen wir den Gang sehen, der ins Freie führt.«
Auch hier mußte Manfredo gehorchen. In Zeit von zehn Minuten standen sie vor dem geheimen Ausgang, der durch einen Haufen scheinbar zufällig hierher gekommener Steintrümmer maskiert wurde. Es genügte das Fortwälzen von drei oder vier Blöcken, um ein so großes Loch freizulegen, daß ein Mann ganz bequem eintreten konnte.
»Wie herrlich wird das passen!« meinte Kurt zu Sternau, jedoch in deutscher Sprache, um von Manfredo nicht verstanden zu werden. – »Was?« fragte der Doktor. – »Ich meine diesen geheimen Eingang in Beziehung zu den zweihundert Soldaten, die Punkt vier Uhr kommen sollen.« – »Ich verstehe dich. Glaubst du, daß ich diesen Gedanken gehabt habe?« – »Ich bin überzeugt davon.« – »Warum?« – »Weil Sie diesen Menschen nach einem verborgenen Ausgang fragten, nachdem wir von der erwarteten Einquartierung gesprochen hatten.« – »Das stimmt! Wo sollte er sie treffen?« – »Unten, wo der Klosterweg beginnt.« – »Es soll hier eine Demonstration vorgenommen werden, und zwar, um den Kaiser zu verleiten, Mexiko nicht zu verlassen. Wir müssen das hindern, sowohl des Kaisers, als auch Juarez‘ wegen.« – »Auch der Bewohner dieses Städtchens wegen, denn die sogenannten Soldaten, die kommen werden, sind jedenfalls nur zusammengetrommelte Räuber und Plünderer.« – »Das steht zu erwarten. Wie aber werden wir das fertigbringen? Ziehen wir die Stadtbewohner, um Hilfe zu haben, in das Geheimnis?« – »Da würden wir uns der Gefahr aussetzen, verraten zu werden.« – »Leider. Wir müssen allein fertig zu werden suchen. Bist du gewillt, an Stelle des Gefangenen hier die heimlich eintreffenden Truppen zu empfangen?« – »Natürlich!« – »Es kann das aber gefährlich sein.« – »Pah! Ich habe nicht gelernt, mich zu fürchten.« – »Schön! Sie werden aber denken, durch das Tor nach dem Kloster geführt zu werden.« – »Ich werde ihnen sagen, daß der Plan einigermaßen verraten zu sein scheine und daß Juarez einen kleinen Truppenteil gesandt habe, um das Kloster zu besetzen.« – »Schön! Sie werden also einsehen, daß sie ohne Kampf nicht durch das Tor gelangen können.« – »Und daß sie klüger tun, mir durch einen geheimen Eingang zu folgen, in welchem Fall es ihnen leicht sein würde, die Besatzung zu überrumpeln.« – »Ich bin darauf gefaßt, daß sie dir folgen werden. Aber wie wird es uns gelingen, sie zu überwältigen?« – »Wir schließen sie ein.« – »Pah, sie sind bewaffnet. Sie schießen die Türen kaputt! Wir müssen ihnen auf irgendeine Weise die Waffen abzunehmen suchen.« – »Mit Gewalt geht das nicht.« – »Hm!« meinte Kurt nachdenklich. »Da fällt mir ja ein, wie dieser Pater Hilario seine Gefangenen entwaffnet hat.« – »Du meinst das Pulver, mit welchem er uns die Besinnung nahm?« – »Ja.« – »Das wird sich bei einer so großen Anzahl wohl nicht verwenden lassen.« – »Warum nicht? Die Hauptsache ist, solches Pulver zu haben. Ich setze den Fall, wir kommen in einen Gang, der durch zwei Türen verschlossen ist und eine solche Länge hat, daß er gefüllt ist, wenn zweihundert Mann hintereinander herschreiten. Am Boden hat man, so lang der Gang ist, einen Strich dieses Pulvers geschüttet. Ich gehe voran, Sie hinterher, die Kerle aber zwischen uns. Wenn ich die vordere Tür erreiche, sind Sie zur hinteren eingetreten. Wir bücken uns und brennen das Pulver an; die Flamme läuft in einem Augenblick durch den ganzen Gang. Sie springen durch Ihre Tür zurück, ich zu der meinigen vor; wir verriegeln sie, und diese Kerle werden alle ohnmächtig.« – »Hm«, meinte Sternau nachdenklich. »Die Ausführung dieses Planes wäre möglich. Aber haben wir Pulver?«
Und sich zu Manfredo wendend, fragte er:
»Wer fertigte das Pulver an, mit dessen Hilfe Ihr uns verteidigungslos gemacht habt?« – »Mein Oheim.« – »Kennst du die Zusammensetzung desselben?« – »Nein.« – »Wird es durch Nässe verdorben?« – »Nein. Es brennt naß ebensogut wie trocken. Wir haben es in einem dumpfen Keller stehen, es zieht viel Feuchtigkeit an, hat aber noch niemals versagt.« – »So brennt es ebenso leicht wie Schießpulver?« – »Noch leichter.« – »Habt ihr davon Vorrat?« – »Ein kleines Fäßchen voll.« – »Zeige es uns!«
Sie kehrten zurück. Indem sie durch einen der Gänge schritten, meinte Sternau zu Kurt:
»Dieser Gang dürfte gerade die geeignete Länge haben.« – »Er wird zweihundert Personen fassen. Wenn ich da vorn die Tür erreicht hätte, müßte ich warten, bis Sie mir durch ein Zeichen zu verstehen geben, daß Sie eingetreten und bereit sind.« – »Ich würde ganz einfach so tun, als ob ich dir etwas zu sagen hätte, und laut deinen Namen rufen.« – »Das heißt nicht meinen richtigen.« – »Nein, sondern den Namen Manfredo, da sie dich für den Neffen des Paters halten.« – »Was aber geschieht, wenn es glückt, mit ihren Pferden? Denn Reiter kommen auf alle Fälle.« – »Sie werden die Tiere unter Aufsicht einiger Kameraden zurücklassen, und für diese letzteren sind wir jedenfalls Männer genug.« – »Richtig! Das wäre also abgemacht! Nun zunächst das Pulver sehen.«
Manfredo führte die Herren in ein kleines, niedriges Kellerchen, wo ein Fäßchen stand, das ungefähr fünfzehn Liter Inhalt zu fassen vermochte. Es war noch halb voll Pulver. Das letztere war sehr feinkörnig, vollständig geruchlos und hatte eine dunkelbraune Farbe.
»Wollen es probieren«, meinte Sternau, nahm eine kleine Quantität und kehrte eine Strecke zurück, wo er das Pulver auf eine sehr feuchte Stelle des Bodens fallen ließ. Dann putzte er das Licht und ließ eine kleine Schnuppe auf die Stelle niederfallen. Im Nu zuckte eine gelbblaue Flamme empor, und in demselben Augenblick verbreitete sich ein Geruch, der sie zur schleunigsten Flucht zwang.
»Es wird gelingen«, meinte Sternau. »Wir sind hier unten fertig. Kehren wir zu den Freunden zurück!«
Manfredo wurde in seine Zelle zurückgebracht und dort eingeschlossen; die vier Männer aber gingen hinauf, natürlich alle Türen sorgfältig hinter sich verschließend. Oben wandte Sternau sich an Geierschnabel:
»Sie kommen, wie ich hörte, aus der Hauptstadt?« – »Ja.« – »Wo hat Juarez sein Hauptquartier?« – »In Zacatecas.« – »Aber die Ortschaften nördlich dieser Stadt sind auch von seinen Truppen besetzt?« – »Natürlich!« – »Welches ist der nächste Ort von hier, wo Soldaten des Präsidenten zu finden sind?« – »Nombre de Dios.« – »Wie weit ist dies von hier?« – »Ein guter Reiter erreicht es in vier Stunden.« – »Würden Sie in der Nacht den Weg hin finden?« – »Donnerwetter! Geierschnabel und den Weg nicht finden! Das wäre ja ebenso schlimm, als wenn das Primchen den Mund nicht finden würde.« – »Wollen Sie den Ritter unternehmen?« – »Ja. Ah, wohl wegen der zweihundert Kerle, die da unten angeräuchert werden sollen?« – »Ja«, antwortete Sternau. »Sie sagen dem Platzkommandanten, was Sie wissen, und bitten ihn um eine hinreichende Anzahl Soldaten, denen wir unsere Gefangenen übergeben können.« – »Schön! Werde am Vormittag zurück sein.« – »Aber, ob man Ihnen glauben wird?« – »Sicher! Ich bin ja mit Señor Kurt durch den Ort gekommen, und wir haben den Kommandanten besucht. Er kennt mich persönlich.« – »Ah! Wirklich?« – »Ja. Er war mit dabei, nämlich bei Juarez, als dieser am Rio Grande auf Lord Lindsay stieß. Damals war er nur Leutnant, jetzt ist er bereits Major. In diesem gesegneten Land avanciert man sehr schnell.« – »Es scheint allerdings so. Soll ich Ihnen einen Mann mitgeben?« – »Wozu?« – »Man weiß nicht, was passieren kann, und ich möchte die Botschaft ganz sicher wissen.« – »Pah! Bei Geierschnabel ist sie sicher. Ich gehe nach der Venta zu meinem Pferd. In zehn Minuten bin ich unterwegs.« Er ging.
Sternau hatte nun den anderen zu berichten, was er unter dem Kloster gesehen und gefunden. Man kann sich denken, mit welcher Spannung alle seinem Bericht folgten. Als er erwähnte, daß er im Begriff stehe, eine ganze Schar Soldaten zu fangen, wollte fast jeder dabeisein, aber er schlug alle Anerbietungen mit der Bemerkung ab, daß es auffallen müsse, wenn sich viele Personen zeigen würden.
Der Hauptheld des Abends aber war und blieb doch Kurt. Sein Vater und Oheim konnten sich nicht satt an ihm sehen; er hatte nur zu erzählen, und wenn eine Frage beantwortet war, so gab es deren für diese eine gleich zehn andere, die ebenso beantwortet werden mußten.
Es war eigentümlich, daß, außer Don Ferdinando, der im Bett lag, die anderen sich verhältnismäßig wohl fühlten. Die Freude über ihre Rettung schien alle Folgen ihrer Gefangenschaft beseitigt zu haben. Man war fröhlich, munter, teilweise sogar ausgelassen und dankte das in nicht geringem Grade auch der Aufmerksamkeit, die ihnen von dem Personal des Hauses erwiesen wurde.
Es war diesen Leuten fast unmöglich, an das Geschehene zu glauben. Sie wußten natürlich, daß eine gerichtliche, strenge Untersuchung die Folge sein werde, und taten alles Mögliche, um zu zeigen, wie fern sie den Taten des verbrecherischen Paters gestanden hatten.
So verging die Nacht, und es nahte die vierte Stunde. Da machte sich Sternau auf, um sich ganz allein nach den unterirdischen Gängen zu begeben. Es blieb ihm Zeit genug, das Pulver zu streuen. Eine volle halbe Stunde später brach Kurt auf.