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Kitabı oku: «Auf zwei Planeten», sayfa 23

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28 -Sehenswürdigkeiten des Mars

In einem der großen Bezirke, welche den Sitz der Zentralregierung des Mars umschlossen und den Gesamtnamen Kla führten, lag die Wohnung Ills nahe an der Grenze der Waldwildnis. Sie bestand aus mehreren miteinander verbundenen Einzelhäuschen, so daß das Ganze eine geräumige Villa darstellte. Die Anlagen, die sich um die Gebäude erstreckten, zeugten von sorgfältiger Pflege und feinem Geschmack. Am Eingang des Gartens saßen rechts und links in anmutiger Haltung zwei Frauengestalten, die sich im Scherz eine Blumengirlande zu entreißen suchten; sie zogen quer über den Weg an den entgegengesetzten Enden derselben und versperrten dadurch den Zutritt.

Auf der schmalen, glatten Straße, die zwischen den Nachbargärten von dem Hauptweg abzweigend auf diesen Eingang hinführte, näherte sich rasch ein leichter, zweisitziger Radschlitten. Ein jüngerer Mann in der anliegenden Sommerkleidung der Martier lenkte denselben; der Sitz neben ihm war leer. Wer Ell mit dem grauen Haar und der Falte zwischen den Augen nachdenklich von seiner Sternwarte in Friedau hatte herabsteigen sehen, hätte ihn in diesem Martier nicht wiedererkannt. Ell fühlte sich in der Tat wie verjüngt, gleich als ob seine Erdenjahre ihm nach der Rechnung des Mars, zwei auf ein Marsjahr, angerechnet werden sollten. Ein unaussprechliches Glücksgefühl durchzog seine Seele; das Bewußtsein, dem Planeten zurückgegeben zu sein, den er für seine Heimat hielt, mitzuleben unter den Numen und ihren Götterwandel zu teilen, erhob ihn zunächst über alle die Sorgen, die bei dem Gedanken an das Geschick der Erde und seiner irdischen Freunde sich ihm aufdrängten. Es war ihm, als müßten alle diese Schwierigkeiten unter den Händen der Nume von selbst sich lösen, und er genoß in vollen Zügen die Seligkeit, all das Große und Herrliche zu sehen, von dem sein Vater mit dem Schmerz des Verbannten in unstillbarer Sehnsucht geredet hatte.

Der Radschlitten glitt auf den Eingang des Gartens zu, und Ell ließ den Strahlenkegel einer kleinen, an der Lenkstange des Radschlittens befestigten Lampe einen Moment auf die Augen der rechts sitzenden Frau fallen. Sogleich richteten beide Figuren sich in die Höhe und erhoben wie zum Gruß die Arme, indem sich dabei die Girlande wie ein Triumphbogen emporschwang und den Eingang freigab. Der Schlitten glitt hindurch und hielt gleich darauf vor der Veranda des Hauses.

Die beiden anmutigen Pförtnerinnen waren Automaten. Die Bestrahlung der Augen der rechtssitzenden löste eine chemische Reaktion aus und öffnete dadurch die Pforte. Zugleich wurde damit der Eintritt eines Ankommenden im Innern des Hauses signalisiert.

Ell sprang aus dem Schlitten und eilte die Stufen der Veranda empor.

Eine schlanke Frauengestalt trat ihm aus dem Haus entgegen.

Ell blieb erstaunt stehen. Er erkannte nicht sogleich, wen er vor sich hatte. Er hatte Isma noch nicht im Kostüm der Martierinnen gesehen.

»Isma!« rief er jetzt, mit bewundernden Blicken sie anstarrend. Er wollte nach Martiersitte die Hände auf ihre Schultern legen, aber sie ergriff sie nach alter Gewohnheit mit den ihrigen und drückte sie freundschaftlich.

»Ich kann nicht dafür«, sagte sie, verlegen errötend, »Frau Ma hat es nicht anders gewollt.«

»Sie konnte es nicht besser treffen«, sagte Ell heiter, »ich wünschte, ich könnte so mit Ihnen durch die Straßen von Friedau gehen. Passen Sie auf, das kommt auch noch.«

Isma schüttelte leise den Kopf. »Lassen Sie uns jetzt nicht an die Erde denken. Wenn ich allein bin, kommen meine Gedanken nicht fort davon, immer sehe ich den Zettel auf dem Tisch meines Zimmers, als ich die Lampe abdrehte, und dann die Gletscher zwischen den Felsen, wo –. Nein, Ell, bis wir nicht handeln können und nichts Neues erfahren, lassen Sie mich in Ihrer Gegenwart versuchen, mit Ihnen auf dem Mars zu leben. Versuchen – wie ich dies Kleid versuche.«

»Verzeihen Sie mir«, sagte Ell, »ich bin so überrascht von allem Neuen, daß ich nicht sogleich den richtigen Ton traf. Aber ich werde es. Und jetzt wollen Sie mir die Freude machen, mich zu begleiten?«

Sie blickte wieder lächelnd an sich herab und zupfte an den dichten Falten des Schleiergewandes.

»Ich will nur fragen, was noch zur Straßentoilette gehört«, sagte sie. »Nehmen Sie Platz.« Sie schlüpfte in das Zimmer.

Nach wenigen Minuten kehrte sie zurück. Sie trug jetzt den leichten Kopfputz der Martierinnen, wie er im Sommer üblich war, der nur den Vorderkopf bedeckte. Ein Kranz sehr feiner und zarter Federn schützte die Stirn und die Augen, indem er als ein halbkreisförmiger Schirm vortrat. Die Farbe war genau das tiefe Blau ihrer Augen, und von derselben Farbe war das den schlanken Formen sich anschließende weiche Panzerkleid, das, stärker als Seide, metallisch, wie die Flügeldecken mancher Käfer schimmerte. Der Schleier, auf beiden Schultern befestigt, wurde von einem Gürtel zusammengehalten, dessen Grund unsichtbar war, er erschien nur wie ein Kranz ineinander verschlungener Zweige. Vom Gürtel ab floß der Schleier, dessen Farbe genau dem Lichtbraun des Haares angepaßt war, in dichten Falten um die ganze Gestalt bis zu den Knöcheln, wurde aber von scheinbar vom Gürtel herabhängenden Blütengewinden durchsetzt. Dunkelblaue Schuhe vollendeten den Anzug. Es war, als hätte sich der schimmernde Lichtglanz der Augen und das zarte Gewölk des Haares um den ganzen Körper verbreitet.

Hinter Isma erschien eine ältere, würdige Dame, Frau Ma, die Gattin Ills.

»Guten Morgen«, rief Ell, ihr freudig entgegentretend. »Darf ich dir deinen Gast entführen?«

Ma warf mit jugendlicher Frische den Kopf zurück und blinzelte Ell mit ihren gutmütigen Augen vergnügt an, ihn von oben bis unten musternd.

»Ganz wie eingeboren!« sagte sie lachend. »Eigentlich hatte ich mich auf einen Menschenneffen gefreut, der in Felle gekleidet umherläuft. So macht man’s wohl? Nicht?«

Dabei streckte sie Ell ihre linke Hand entgegen.

»Die rechte, Tante!« sagte Ell.

»Na also dann wohl die?«

Ell ergriff die Hand und zog sie an seine Lippen.

»So also wird das gemacht?«

»Herren gegen Damen, wenn sie besonders aufmerksam sein wollen. Einer Tante darf man sogar um den Hals fallen.«

»Na, ein andermal. Aber nun sag einmal, Neffe, wie gefällt dir das Kind?« Dabei faßte sie Isma am Arm und drehte sie ohne weiteres um sich selbst. »Mir gefällt bloß nicht«, fuhr sie sogleich fort, »daß sie so traurige Augen macht. Das ist nichts, auf dem Nu muß man lustig sein. Nun nimm sie einmal mit und zeig ihr die Welt. Du sollst mir sie ein bißchen munter machen.«

Sie ließ Isma gar nicht zu Wort kommen, sondern schob die beiden, sie freundlich auf die Schulter klopfend, nach der Treppe. Schon hatte Isma den Wagen bestiegen, und Ell wollte ihn eben in Bewegung setzen, als Ma rief:

»Halt, halt! Isma, Frauchen, Sie haben ja Tuch und Schirm vergessen. Bleiben Sie nur sitzen. Ich hab’s schon drin zurechtgelegt.«

Im Augenblick erschien sie wieder und warf ein kleines Rohr hinab. Ell fing es auf.

Isma dankte.

»Wenn Sie auf der einen Seite ziehen, ist’s ein Schirm, und auf der andern bekommen Sie ein Umschlagetuch. Da, an den Gürtel hängt man’s – zeig’s ihr doch, Ell! Fahrt wohl, ihr Kinder.«

Isma betrachtete das zierliche Röhrchen. »Ich denke«, sagte sie, »hier regnet es nur in der Nacht. Wozu braucht man da einen Schirm?«

»Es ist auch eigentlich ein Sonnenschirm.«

»Aber hier ist überall der wunderbare Baumschatten, und die Straßen draußen sind alle überwölbt.«

»Es gibt auch Lichtungen und Übergänge, wo der Schirm unentbehrlich ist; denn wo die Sonne scheint, brennt sie gewaltig. Obwohl wir soviel weiter von ihr entfernt sind als auf der Erde, schützt uns doch nicht die dichte Erdenluft; es ist, als ob wir auf dem Gaurisankar ständen.«

»Aber diese herrliche Vegetation.«

»Den Verhältnissen angepaßt, und die sind doch wieder ganz andere als auf einem Gebirge. Hier in den Niederungen halten wir alle Wärme fest und geben keine wieder heraus. Dafür sorgen die großen pelzverbrämten Blätter unsrer Riesenbäume. Aber Sie sind an das Klima nicht gewöhnt, es ist vielleicht besser, wenn Sie während des Fahrens sich in das Tuch hüllen. Erlauben Sie.«

Ell nahm Isma das Schirmröhrchen aus der Hand und zog an dem Ring, welcher das eine Ende abschloß. Eine kleine Rolle, nicht größer als ein Zeigefinger, schob sich heraus, scheinbar schwarz; aber unter Ismas Händen entfaltete sich das Röllchen zu einer großen Decke, in die man den ganzen Körper einhüllen konnte. Das Gewebe war ganz weich, locker und vollständig unsichtbar, die eingewebten dunklen Fäden dienten nur dazu, überhaupt erkennen zu lassen, wo das Tuch sich befand und wie weit es reichte. Isma hüllte sich behaglich hinein, und man bemerkte nicht, daß sie überhaupt ein Tuch umgeschlagen hatte; ihre Toilette blieb vollständig sichtbar.

»Das ist ja wie das Zelt der Fee Paribanu«, sagte sie lächelnd. »Aber wie bekommt man denn das Tuch wieder in das Futteral?«

»Man knüllt es einfach in der Hand zusammen und stopft es hinein. Diesen Lisfäden ist es ganz gleichgültig, wie sie zu liegen kommen, man kann sie zusammenpressen wie Luft.«

»Jetzt ist es erst behaglich«, sagte Isma. »Und wie still und schön. Das ist ja wie in unserem Wald, nur Felsen scheint es nicht zu geben. Aber so viel Wasser! Und ich denke, der Mars ist so wasserarm?«

»Das ist auch richtig, wir haben kein Meer, wenigstens kein nennenswertes. Unser ganzer Reichtum ist auf dem Land verteilt, da nutzen wir ihn aus.«

Es war am frühen Vormittag. Die Wege hier im Waldesdickicht waren einsam, nur hin und wieder begegnete man einem Gleitwagen oder einem Spaziergänger. Ell hatte sein Gefährt langsam durch den Naturpark gelenkt, es näherte sich jetzt der gegenüberliegenden Grenze des Bezirks, die Wege wurden belebter, und die ersten Häuser der Wohnungszone erschienen. Ein starkes Geräusch wie das einer Säge unterbrach die Ruhe der Umgebung. Bei einer Wegbiegung wurde die Ursache sichtbar. Es war in der Tat eine große Säge, die, von einem elektrischen Motor getrieben, den sieben Meter im Durchmesser haltenden Stamm eines der Waldriesen bereits bis auf einen kleinen Rest durchnagt hatte. Das Alter – er zählte über sechstausend Jahre – hatte ihn vollständig gehöhlt und der Zusammensturz war zu befürchten; man mußte ihn beseitigen.

»Mitten zwischen diesen anderen Bäumen«, rief Isma, »wie ist das möglich? Er muß ja in seinem Fall ringsum alles zermalmen.«

Auch Ell wußte keine Auskunft zu geben. »Vielleicht sehen wir bald, was geschieht, wenn wir ein wenig warten, die Säge ist ja schon fast hindurch. Man muß doch keine Gefahr befürchten, denn nur ein kleiner Kreis ringsum ist abgesperrt.«

Nach wenigen Minuten war die Säge aus der Rinde vollends herausgedrungen. Die Maschine schob sich beiseite, und die Arbeiter zogen sich außerhalb des abgesperrten Kreises zurück. Der Arbeitsleiter sprach in ein Telephon, dessen Drähte sich nach oben zwischen den Ästen der Bäume verloren. Gleich darauf vernahm man ein gewaltiges Rauschen zwischen den Blättern, einzelne Zweige wurden geknickt, und Blätter fielen herab. Der Riesenbaum schwankte ein wenig und hob sich langsam in die Höhe. Wie er gestanden, senkrecht, schwebte er aufwärts zwischen seinen gesunden Nachbarn, von denen nur einzelne Äste und Zweige mitgerissen wurden, die sich zu eng mit denen des gefällten Baumes verbunden hatten. Ein Streifen Sonnenlicht durchbrach das blaugrüne Laubdach.

»Ich sehe es jetzt«, rief Ell. »Sie heben den Baum mittels Luftballons in die Höhe. So wird er sogleich bis zur Fabrik transportiert werden, wo man das Holz verarbeitet. Und raten Sie, was in dem hohlen Baum steckt!«

»Nichts, vermutlich.«

»Hier, Ihr Tuch. Vielleicht hunderttausend solcher Tücher. Sehen Sie, da –«

Eine Anzahl Neugieriger, besonders aber Kinder, hatten sich um den abgesperrten Kreis gesammelt. Als die Schranken fielen, stürzten sie mit Jubel auf den Stumpf des Baumes zu und kletterten auf den Rand. Gleich darauf sah man sie, die Hände fest zusammengedrückt, davonlaufen.

»Was haben sie da?« fragte Isma.

»Das Gewebe der Lisspinne, es füllt die Höhlung des Baumes zum großen Teil aus, und was unten im Stumpf bleibt, gehört dem, der es nimmt.«

Ein kleiner Junge rannte auf Ells Wagen zu, den er im Eifer so spät bemerkte, daß er beim Ausweichen hinstürzte. Gleich war er wieder auf den Beinen, aber jetzt suchte er nach seiner Handvoll Lis, die ihm entfallen und nun kaum zu sehen war. Isma, die den Wagen verlassen hatte, sah das Gewebe zufällig am Boden glitzern und hob es auf. Sie betrachtete es neugierig. Der Knabe bemerkte es. Es war ein kleines, dickes, pausbäckiges Kerlchen, sehr ärmlich gekleidet. Er starrte Isma an. Sie hielt ihm das wirre, weiche Fadenknäuel hin. Seine Augen leuchteten groß auf, als er es wieder erhielt, aber er blieb wie angenagelt mit gespreizten Beinchen vor Isma stehen. Seine Blicke gingen jetzt zwischen Isma und seinen Händen hin und her. Er kämpfte offenbar einen großen Kampf. Dann hielt er das Päckchen Isma wieder hin und sagte, als wenn er ein Königreich vergäbe:

»Ich schenke es dir.«

»Warum?« fragte Isma lächelnd.

»Weil du kleine Augen hast.«

Isma wußte nicht, ob sie recht verstanden habe, und sah Ell zweifelnd an.

»Weil ich kleine Augen habe?« wiederholte sie fragend.

»Kleine Augen sind traurig, man schenkt ihnen«, sagte der Knirps.

»Ich will dir –« Isma unterbrach sich. »Ich will dir auch etwas schenken, weil du große Augen hast«, wollte sie sagen. Aber es fiel ihr ein, daß sie nichts zu verschenken habe. Der kleine Nume auf seinen Wackelbeinchen – was konnte sie ihm als Gegengabe bieten?

Ell verstand sie. Er griff in die Wagentasche, in der sich einige kleine Erfrischungen befanden, und gab Isma ein Stückchen Naschwerk.

»Das ist etwas für ihn«, sagte er.

Der Junge lachte über das ganze Gesicht, als ihm Isma den Kuchen reichte. Diese Sprache verstehen die Kinder aller Planeten. Aber er biß nicht sogleich hinein.

»Gib ihr auch«, sagte er zu Ell. »Du hast große Augen. Große Augen dürfen nicht essen, wenn kleine hungern.«

Er beruhigte sich nicht eher, bis Isma einen Kuchen in der Hand hielt. Dann rannte er spornstreichs davon.

Isma stieg ein. Der Wagen rollte weiter.

»Was meinte er mit den kleinen Augen?« fragte Isma.

»Das ist eine sprichwörtliche Redensart. ›Kleine Augen‹ nennt man unglückliche, kranke, armselige Leute. Der Junge hat die Sache wörtlich genommen.«

Man durchfuhr die Zone der Wohnhäuser, die Bäume hörten auf, der Wagen glitt unter die Säulenhallen der Industriestraße. Ell beschleunigte sein Tempo, er fuhr auf den Außenstreifen der Stufenbahn und war schnell auf der breiten Mittelstraße. In einem Gewühl von Fahrzeugen legte er hier seinen Weg zurück.

Aus der Ruhe des ländlichen Hauses, in der Isma sich zunächst einige Tage bei der liebenswürdigen Pflege ihrer Wirte hatte erholen sollen, und jetzt aus der Einsamkeit des Waldfriedens fand sich Isma plötzlich in das Gedränge des Weltverkehrs, der Weltstadt im wörtlichen Sinn, versetzt. Denn diese Palastreihen bildeten in der Tat den Zusammenhang einer Riesenstadt, die sich über den größten Teil des Planeten verbreitete, nur mit der glücklichen Anordnung, daß sie meilenweite Wälder und auch Hunderte von Meilen ausgedehnte Wüsten zwischen ihren Mauern umschloß. Wenn Isma den Blick auf die Wagen und Fußgänger richtete, die sich in ununterbrochener Kolonne in derselben Richtung mit ihr bewegten oder auf der andern Seite der Straße ihr in rascher Gangart entgegenkamen, so glaubte sie in einer ungeheuern Völkerwanderung zu stecken. Dabei war das Geräusch keineswegs betäubend, denn auf diesem Planeten wickelte sich alles verhältnismäßig leise ab. Auch die relative Geschwindigkeit der Wagen und Fußgänger gegeneinander war nicht groß. Nur wenn sie nach den kühn aufstrebenden Säulen blickte, welche die mächtigen Wölbungen trugen, nach den Treppen und Aufzügen, die an den Seiten in die oberen Stockwerke führten, nach den Plakaten und Anschlägen, die sie von hier aus nicht zu entziffern vermochte, erkannte sie, daß der Weg selbst, auf dem ihr Radschlitten hinglitt, mit der dreifachen Geschwindigkeit eines irdischen Schnellzugs sie fortriß.

Mit Erstaunen blickte sie auf ihren Nachbar zur Rechten, der den Wagen mit einer Sicherheit zwischen den übrigen hinlenkte, als wäre er seit Jahren an diese Beschäftigung gewöhnt. Allerdings hatte Ell bereits die wenigen Tage seines Aufenthalts benutzt, um sich gründlich in der Umgebung umzusehen. Er wohnte nicht weit von der Illschen Villa in einem eigenen Häuschen, hatte sich aber immer nur des Abends auf eine Stunde bei seinen Verwandten sehen lassen. Isma empfand diese Zurückhaltung nicht gerade als Zurücksetzung. Hatten sich doch beide auch in Friedau stets nur kurze Zeit gesprochen, und mußte sie sich doch sagen, daß ihn die neue Umgebung voll in Anspruch nahm. Aber nach dem gemeinsamen Erlebnis der Reise und hier, in der völligen Fremde, vermißte sie die Nähe des Freundes stündlich, des einzigen, der sie ganz zu verstehen vermochte. Gestern abend war dann der heutige Ausflug verabredet worden.

Beide hatten, seitdem sie die Stufenbahn benutzten, kaum miteinander gesprochen. Ell mußte seine Aufmerksamkeit ganz auf den Weg richten, und Isma musterte neugierig und überrascht die Gesichter und Trachten rings um sie her. Offenbar strömten hier alle Klassen der Bevölkerung durcheinander, das ärmlichste Kleid erschien neben der elegantesten Toilette, der einfache Arbeitsanzug herrschte vor. Sie bemerkte bald, daß ihre von Ma ausgewählte Toilette sich sehen lassen durfte und sie sowohl wie ihr Gefährte nur durch ihre Züge und ihre bleichere Gesichtsfarbe auffielen.

Nun wendete sich Ell wieder zu ihr. »Wir sind am Ziel«, sagte er. »jene helle Zahl dort – 608 – zeigt es an; bei 609 müssen wir die Bahn verlassen.«

Er lenkte das Gefährt nach rechts. Die Bewegung verminderte sich merklich, Isma mußte sich fest im Wagen zurücklehnen. Jetzt glitt der Wagen auf die ruhende Straße. Nach wenigen Augenblicken hielt er unter einem Riesenportal hinter einer langen Reihe ähnlicher Fahrzeuge.

Ell half Isma aus dem Wagen.

»War es Ihnen unangenehm?« fragte er, ihre Hand festhaltend. Sie erwiderte den leisen Druck seiner Finger. Sie freute sich, in seinen Augen wieder die gewohnte Sorge um sie zu lesen, die sie daheim so oft im stillen beglückt hatte.

»Zuletzt begann ich etwas schwindlig zu werden«, antwortete sie. »Ich bin ganz froh, wieder einmal ein Stück zu Fuß gehen zu können. Wo führen Sie mich denn hin?«

Er sah sie noch immer an. »Ich bin so glücklich, Sie hier zu haben!«

Sie hob die Augen bittend zu ihm auf.

»Was wollen Sie sehen?« fragte er in anderem Ton. »Wir sind hier am Museum der Künste. Eine oder die andre Abteilung wollen wir betrachten.«

»Was Sie wollen!« sagte Isma heiter. »Wir ziehen nun einmal auf Abenteuer aus.«

Ein Beamter befestigte eine Marke an Ells Wagen und reichte ihm die Gegenmarke. Dann schritten sie beide der Tür eines Aufzugs zu und ließen sich in das erste Stockwerk heben.

29 - Das heimliche Frühstück

Isma und Ell standen vor einem prachtvollen Portal, das die Aufschrift trug: ›Museum der schönen Künste‹. Es führte auf eine kreisförmige Galerie, die eine mächtige Rotunde umschloß. Der Blick öffnete sich sowohl nach unten wie nach oben. Man glaubte unten in das Gewühl des wirklichen Lebens zu blicken, in rascher Veränderung, von den Seiten immer neu herandrängend, sah man Gestalten in ihren gewohnten Beschäftigungen, in der Arbeit des Tages, andere mit dem Ausdruck des Leidens und den Mängeln der Wirklichkeit. Aber in der Mitte emporwallende Nebel umhüllten diese Figuren und hoben sie langsam in die Höhe. Je höher sie emporstiegen, um so mehr verschwand der Nebel und löste sich nach oben in immer helleres Licht auf. Die Gestalten wechselten ihren Ausdruck, ihre Blicke wurden frei, ihre Mienen verklärt, sie waren zu Werken der Kunst, zu reinen Formen geworden. Sie schienen zu ruhen, und doch stiegen immer neue Gestalten auf, ohne daß jene Bilderwelt an der Kuppel der Wölbung zunahm oder sich überfüllte. Es wär nicht möglich zu verfolgen, wie dieser Übergang in die Höhe sich vollzog, ein lebendiges Abbild des Mysteriums in der Seele des Künstlers.

»Eine symbolische Darstellung des künstlerischen Schaffens«, sagte Ell.

»Aber wo kommen diese Gestalten her und wohin gehen sie?«

»Das Ganze beruht auf einer optischen Täuschung, und nach einigen Stunden würde man bemerken, daß dieselben Gruppen wiederkehren. Aber die Illusion ist vollständig. Nun suchen Sie sich eine dieser Überschriften aus.«

Sie umschritten die Galerie. Die äußere Seite war ringsum von schmalen Türen umgeben, deren Aufschriften die Abteilungen nannten, zu denen man durch jene gelangte. Aber jede Hauptgruppe hatte wieder eine große Zahl Unterabteilungen, die historisch geordnet waren. Da zählte zum Beispiel bei der Malerei die ältere Malerei in der archaistischen Periode, das heißt vor Erfindung der selbstleuchtenden Farben, allein 30 Abteilungen, die jede mehrere Jahrhunderte umfaßte; die agrarische Periode zählte aus der Zeit der Handarbeit 315, aus der Zeit der Dampfkraft 56, der Elektrizität 212, der Energiestrahlung 25 Abteilungen. Die neuere Malerei begann erst seit der Erfindung der künstlichen Darstellung der Nahrungsmittel. Zwischen beiden lag eine Periode des Verfalls, die man den dreitausendjährigen sozialen Krieg nannte. Es war dies eine jetzt etwa 18.000 Jahre zurückliegende Zeit, in welcher ein allgemeiner Niedergang der Marskultur stattgefunden hatte. Sie war nämlich ausgefüllt durch furchtbare Kämpfe zwischen der ackerbautreibenden und der industriellen Bevölkerung. Durch die Darstellung der Lebensmittel aus den Mineralien ohne Vermittlung der Pflanzen glaubte sich die agrarische Bevölkerung in ihrer Existenz bedroht, obwohl sie längst nicht mehr den Bedarf an Lebensmitteln hatte decken können. Die Besitzer des Grund und Bodens waren als Herren der Nahrungsmittel zu unumschränkter Macht gelangt und wollten die Verbilligung der Volksernährung durch die neuen gewaltigen Fortschritte der Wissenschaft und industriellen Technik nicht dulden. Dieser Kampf füllte fast drei Jahrtausende in wechselnden Formen aus und endete erst mit der Vernichtung der Macht der Ackerbauer und der Begründung der vereinigten Marsstaaten. Während dieser Zeit hatte die Kunst keinerlei Förderung empfangen. Sie war erst wieder aufgeblüht, als statt der nüchternen Getreidefelder die anmutigen Wälder entstanden waren und der Erwerb von Grund und Boden für den einzelnen auf ein mäßiges Maximum beschränkt war.

Isma ging ratlos an der Reihe der Überschriften entlang, die ihr Ell zu entziffern behilflich war. Sie schüttelte mutlos den Kopf.

»Das ist mir zu viel und macht mich nur verwirrt. Suchen wir zunächst etwas ganz Einfaches, das ich verstehen kann. Was ist denn hier hinter der Malerei für eine Kunst?«

»Die Tastkunst.«

»Was ist das?«

»Ich muß gestehen, ich weiß es selbst nicht recht.«

»Lassen Sie uns sehen.«

Ell öffnete die Tür. Sie führte in einen kleinen, mit zwei gepolsterten Bänken ausgestatteten Raum. Ell sah jetzt erst, daß sich in demselben ein Anschlag befand: ›Abgang alle zehn Minuten‹; eine Uhr zeigte, daß nur noch eine Minute zur Abgangszeit fehlte. Es war also nicht ein Zimmer, sondern eine Art Omnibus, worin man sich befand. Alle die Türen aus der Galerie führten in solche Coupés, die zu bestimmten Zeiten die Insassen nach den betreffenden Abteilungen des Museums beförderten. Denn die Anlagen waren zu ausgedehnt, um sie zu Fuß zu erreichen und sich bis dahin zurechtzufinden. Die Tür öffnete sich jetzt noch einmal, und zwei Damen flogen förmlich in den Raum. Gleich darauf setzte sich der Wagen in Bewegung.

Die ältere der beiden Damen schnappte nach Luft; sie war eine sehr korpulente Erscheinung und nahm wenigstens zwei Plätze des Sofas ein.

»Das war gerade die höchste Zeit!« rief sie erhitzt und atemlos, indem sie ein feines Tuch hervorzog und fortwährend zwischen ihren kurzen, dicken Fingern rieb. »Diese Wagen gehen ja nur alle zehn Minuten. Der Besuch ist so schwach! Ja, es ist nur eine Kunst für Auserwählte. Sie schwärmen auch dafür?« wandte sie sich zu Isma. »Sie sind Spitzistin? Nicht wahr?« sagte sie, indem sie einen Blick auf Ismas schlanke und zarte Finger warf. »Ich bin natürlich Rundistin, aber das tut nichts. Sie wollen gewiß auch das neue Meisterwerk tasten? Blu hat sich wieder selbst übertroffen! Das ist das hohe Lied des Widerstandes, die Sphärenmusik des Hautsinns!« Und sie kniff die Augen schwärmerisch zusammen, daß sie zwischen den Fettpolstern ihrer Augenlider verschwanden.

»Ich muß gestehen«, sagte Isma schüchtern, »ich bin noch ganz unerfahren in der Tastkunst. Ich weiß gar nicht –«

»Was? Wie? Sie wissen nicht?« Sie betrachtete Isma näher. »Sie sind wohl aus dem Norden von den Streifen, wenn ich fragen darf? Sie waren noch nie in Kla?«

»Nein, meine Heimat ist fern von hier.«

»Aber Blu sollten Sie doch kennen. Sie ist doch die größte – neidlos gestehe ich es, obwohl ich selbst Künstlerin bin. Und von allen Künsten ist wieder die Tastkunst die höchste. Auge, Ohr, Geruch, selbst Geschmack – was will das alles sagen! Der Tastsinn ist doch der intimste aller Sinne. Hier berühren wir die Dinge unmittelbar, sie bleiben uns nicht in der Ferne. Und schmecken ist ja eigentlich auch ein Tasten, nur ein unreines, gestört durch Gerüche und durch Salziges, Saueres, Bitteres, Süßes – aber die Fingerspitzen, die Handflächen, das sind die wahren Schlüssel zur Schönheit. Und hier im Tasten enthüllt sich die Kunst in ihrer höchsten Freiheit. Hier überwindet sie am reinsten die Macht des Wirklichen, das vitale Interesse. Was wir sehen, was wir hören, bleibt uns immer noch fern. Es ist keine Kunst, das ohne Verlangen zu betrachten, was wir doch nicht erreichen können. Aber die Gegenstände in den Händen halten und doch nichts von ihnen zu wollen als das reine, freie Spiel des Wohlgefallens, das ist echte Kunst. Spielt nicht ein jeder unwillkürlich mit dem, was er zwischen den Fingern hält? Dies zur Kunst zu erheben, das ist das wahrhaft Geniale! Das Rauhe, Glatte, Scharfe, Spitzige, Runde, Nachgebende, Elastische, Harte, Kratzende, Kribblige – ohne Gedanken, ohne Wünsche –, das ist das wahrhaft Ästhetische. Eine Tastsymphonie von Blu ist für mich das Höchste. Kommen Sie nur mit, ich werde sie Ihnen zeigen.«

Isma blickte zu Ell hinüber.

»Ich fürchte«, sagte er deutsch – es fiel auf dem Mars nicht auf, wenn man in Sprachen redete, die andere nicht verstanden, da die meisten Familien eigene Mundarten besaßen –, »ich fürchte, das wird für uns nichts sein. Wir sind wohl zu wenig auf diesen Kunstgenuß vorbereitet.«

Die Dicke begann eben einen neuen Redestrom, als der Wagen hielt. Sie stürzte schleunigst hinaus. Ihre Begleiterin, die stumm geblieben war, folgte ihr, und Isma und Ell taten das gleiche.

Man befand sich in einem großen Saal, in welchem man nichts erblickte als zahllose Kästen verschiedener Größe. Aufschriften gaben Verfasser und Inhalt des Tastkunstwerkes an, das sie enthielten. Vor einigen saßen Besucher in stiller Andacht und hielten die Arme bis zum Ellenbogen in zwei Öffnungen der Kästen versenkt.

Die beleibte Dame suchte nach ihrem Katalog eine bestimmte Nummer. Vor dem betreffenden Kasten angelangt, streifte sie die Ärmel auf und steckte die Arme zunächst in ein Becken. Es war nicht mit Wasser gefüllt, sondern ein Luftstrom führte ein fein verteiltes ätherisches Öl gegen die Haut und bereitete durch diese Reinigung auf den nachfolgenden Kunstgenuß vor. Alsdann brachte die Kunstjüngerin durch einen Handgriff ein Uhrwerk in Gang, setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kasten, steckte ihre Arme in die Öffnungen und versank in Schwärmerei. Isma und Ell hatten ihr auf gut Glück an dem ersten besten Kasten, der unbesetzt war, alles nachgeahmt. Aber nach wenigen Minuten zog Isma ihre Hände zurück.

»Wollen Sie noch bleiben?« fragte sie Ell.

»Fällt mir nicht ein, wenn Sie nicht Lust haben. Ich wollte Sie nur nicht stören.«

»Ich verzichte auf den Genuß. Ich kann nichts spüren als ein abwechselndes Drücken, Ziehen, Prickeln, Reiben – für mich ist das nur eine Art Massage.«

»Mir ging es auch so. Es ist eine Kunst für Blinde. Wir müssen nicht tastkünstlerisch veranlagt sein. Wir wollen lieber nur einen kurzen Gang durch einen der andern Säle machen, und dann will ich Sie in das technische Museum führen.«

Ohne von der Tast-Enthusiastin bemerkt zu werden, gingen die untastlichen Erdgeborenen nach dem Coupé zurück, das sie bald wieder in der Rotunde absetzte. Ein anderer Wagen, dicht von Besuchern erfüllt, trug sie in eine der Abteilungen für Skulptur. Hier fand sich Isma leichter zurecht. Es war eine Kunst für menschliche Sinne, eine Fülle großer Gedanken in wunderbarer Ausführung, aber doch im Grunde dieselbe unsterbliche Schönheit aller Vernunftwesen, wie sie auf der Erde auch schon vor Jahrtausenden ihre Meister fand. Das Neue und Überraschende lag nur in der Verfeinerung der Technik, in der Zartheit des Materials, in der spielenden Überwindung der Schwere, wodurch sich ungeahnte Effekte darboten. Nicht minder bewundernswert erschien die Architektur dieser Hallen, Wölbungen, Galerien. Oft sprangen die einzelnen Gemächer aus einem breiten Grundpfeiler in der Form von Blumenkelchen vor, die auf schlanken Stielen sich zu wiegen schienen. Diese Stiele enthielten die Treppen verborgen, auf denen man in die Gemächer gelangte. Isma erhielt den Eindruck, daß das Eigentümliche der martischen Kunst, das sie von der menschlichen unterschied, nicht in einer neuen Auffassungsform des Schönen lag; hier wirkten offenbar zeitlose Gesetze als bestimmende Ideen für die freie Gestaltung des Schönen bei allen bewußten Wesen. Der Fortschritt hing vielmehr ab von dem überlegenen Standpunkt der Technik, wodurch sich das Gebiet für die Anwendung des Ästhetischen ins Unermeßliche erweiterte. Nur die Intelligenz ist es, welche der ewigen Idee entgegenwächst. Ell bestätigte diese Bemerkung und stimmte Isma bei, nun zunächst ein oder das andre der technischen Wunderwerke aufzusuchen.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain