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Kitabı oku: «Auf zwei Planeten», sayfa 24

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»Ich fürchte nur, ich werde nichts davon verstehen«, sagte Isma.

Sie waren inzwischen wieder in der Eingangsrotunde angelangt und hatten sich nach dem Ausgang hinabsenken lassen, wo ihr Schlitten bereitstand.

»Was soll ich jetzt sehen?«

»Frau Ma hat mir auf die Seele gebunden, Sie nach dem Retrospektiv zu führen. Das ist wohl die neueste und großartigste Entdeckung.«

»Ich habe davon gehört und auch zu lesen versucht, aber Sie müssen mir die Sache noch einmal erklären. Ist es weit bis dorthin?«

»Mit der Stufenbahn wenige Minuten. Aber wir können auch in einer halben Stunde quer durch den Wald fahren, und das will ich eben tun.«

Er lenkte den Radschlitten über eine der Brücken, welche, die Bahnen und Kanäle überschreitend, in die Waldregion führten. Rasch glitt das Gefährt unter den Schatten der Bäume in die Zone der Wohnungen. Isma atmete auf.

»Wie schön, daß wir bald wieder in die Waldeinsamkeit kommen!« sagte sie. »Da denke ich, wir sind daheim unter unsern Tannen, und Sie erzählen mir wieder von den Märchen des Mars –«

»Und dabei packen wir unsre Butterbrote aus und frühstücken.«

»Ach, Ell, ich wünschte, das ginge hier! Mir armem Menschenkind ist es schrecklich langweilig, immer so allein bei verschlossenen Türen essen zu müssen.«

»Hier an der Straße und zwischen den Wohnungen geht es natürlich nicht. Sehen Sie, da ist die großartige Restauration, aber wenn wir zu speisen verlangten, würde man uns sofort jedem ein Extrakabinett anweisen, anders ist es unmöglich. Doch ich habe daran gedacht. Ich habe aus meinem Reisevorrat ein richtiges Erdenfrühstück eingesteckt; zwar das Brot ist trotz des luftdichten Verschlusses etwas altbacken, aber denken Sie, Friedauer Wurst und wirklichen Rheinwein! Wir suchen uns ein Plätzchen, wo uns niemand sehen kann. Ich freue mich wie ein Kind! Jedoch die gute Tante darf um Himmels willen nichts erfahren! Das wäre schlimmer, als wenn ich Ihnen auf dem Marktplatz von Friedau um den Hals fallen wollte!«

»Stille von Friedau! Aber das Frühstück nehme ich an. Wir wollen dem Nu ein Schnippchen schlagen.«

Ihre Augen glänzten schelmisch, indem sie zurückblickte, als fürchtete sie, gehört zu werden.

»Eigentlich darf ich’s ja nicht als Nume. Ich bin da in meine Menschlichkeit zurückgefallen –«

Isma richtete die Augen auf Ell. Er sprach im Scherz, aber sie hörte an der Art, wie er den Satz abbrach, daß ein ernstes Bedenken in ihm aufzutauchen begann.

Ell sah, wie das glückliche Lächeln aus ihren Zügen zu verschwinden drohte, und er griff schnell nach ihrer Hand.

»Nein, nein«, rief er, »geliebte Freundin, für Sie will ich nichts sein als der Mensch, der glücklich ist, wenn er Ihnen dienen kann. Aber ganz leicht ist es nicht. Denn sehen Sie – ein Nume soll ich nicht sein, damit Sie mich nicht verändert finden; und von der Erde soll ich nicht reden, damit Sie nicht traurig werden –«

»Sie haben recht, mein treuer Freund – ich weiß ja selbst nicht, was ich will – ich verdiene gar nicht, daß Sie so gut sind –«

Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. Seine Rechte lenkte den Radschlitten mühelos auf der glatten Bahn. Die letzten Wohnungen verschwanden. Dichtes Buschwerk bildete auf dem freien Rasen des Bodens ein Labyrinth von Plätzen und Gängen. Ein leichter, erfrischender Luftzug strömte über den Boden, denn die Lichtungen und die Industriestraßen, auf denen die Sonne brannte, wirkten um die Mittagszeit wie Schornsteine, welche die Umgebung ventilierten und die erwärmte Luft in die Höhe führten. Die Straße war einsam. Die Blumen musizierten leise, und kleine eichkätzchenartige Tiere spielten an den Stämmen der Bäume.

Ell löste mit einem Druck des Fußes den Mechanismus aus, der die Kugelkufen emporhob und den Wagen auf zwei hochachsigen Rädern laufen ließ, so daß er sich auch auf unebenem Weg ohne Schwierigkeit bewegen konnte. Er verließ die Fahrstraße und fuhr auf dem Waldrasen zwischen Buschwerk und Bäumen dahin. Ein kleiner Weiher kam in Sicht, von einem klaren Bächlein genährt. Am Rande desselben hielt Ell den Wagen an; es war ein reizendes, stilles Ruheplätzchen. Kein Liebespaar konnte sich besser verstecken.

»Hier können wir es wagen«, sagte Ell.

Sie wollten nur frühstücken.

Isma sprang aus dem Schlitten. Ell reichte ihr die Tasche mit dem heimlichen Vorrat. Beide sahen sich vorsichtig um und lachten dann über ihre Furcht. Sie packten ihre Schätze aus und vergaßen in heiterem Geplauder, daß über den Baumzweigen zu ihren Häuptern nicht der blaue Himmel der Erde, sondern das Blätterdach des martischen Riesenwaldes sich wölbte.

»Kann man durch das Retrospektiv alles Vergangene sehen?« fragte Isma.

»Nein«, erwiderte Ell, »nur dasjenige, was unter freiem Himmel und bei genügender Beleuchtung vorgegangen ist. Der Erfolg beruht ja darauf, daß wir das Licht, welches damals von den Gegenständen ausgestrahlt wurde, auf seinem Lauf durch den Weltraum wieder einholen, sammeln und zurückbringen.«

»Und wie ist das möglich?«

»Ich habe Ihnen schon früher gesagt – was mir freilich die andern Menschen noch nicht glauben wollen –, daß die Gravitationswellen sich eine Million Mal so schnell fortpflanzen als das Licht. Sie können also das Licht auf seinem Weg einholen. Wenn zum Beispiel vor einem Erdenjahr irgend etwas unter freiem Himmel geschehen ist, so hat sich das von diesem Ereignis ausgesandte Licht jetzt bereits gegen zehn Billionen Kilometer weit in den Raum verbreitet. Die Gravitation aber durchläuft diesen Weg in einer halben Minute, trifft also nach einer genau zu berechnenden Zeit mit den damals ausgesandten Lichtwellen zusammen. Nun haben die Gelehrten der Martier ein Verfahren entdeckt, wodurch man bewirken kann, daß die den Lichtwellen nachgeschickten Gravitationswellen jene selbst in Gravitationswellen von entgegengesetzter Richtung verwandeln und somit zu uns zurückwerfen; sie laufen also in der nächsten halben Minute in der Form von Gravitationswellen den Weg zurück, den sie als Licht im Laufe eines Jahres durcheilt haben. Hier werden sie im Retrospektiv – und das ist die Großartigkeit dieser Erfindung – in Licht zurück verwandelt und durch ein Relais verstärkt, so daß man auf dem Projektionsapparat genau das Ereignis sich abspielen sieht, wie es sich vor einem Jahr vollzogen hat. Man kann den Versuch natürlich auf jeden beliebigen Zeitraum ausdehnen, aber die Bilder werden immer schwächer, je größer die vergangene Zeit ist, weil das Licht inzwischen im Weltraum zuviel Störungen erfahren hat. Es erfordert nun eine sorgfältige Berechnung, wann und wo ein Ereignis stattgefunden hat, das man zu sehen wünscht. Man kann daher das Retrospektiv – wenigstens vorläufig – nicht nach Belieben und schnell wie ein Fernrohr einstellen, sondern es gehört dazu ein umfangreicher Apparat, ein ganzes Laboratorium.«

»Wir können also nicht zu sehen bekommen, was wir wollen?«

»Nein, wir müssen uns mit dem begnügen, worauf der Apparat gegenwärtig eingestellt ist. Aber wenn es für einen bestimmten Zweck gerade notwendig ist, zum Beispiel um eine wichtige Rechtsfrage oder dergleichen zu entscheiden, so wird für diesen Zweck eine Berechnung und Einstellung vorgenommen.«

»Kann man damit auch sehen, was zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit auf der Erde vorgegangen ist?«

»Ich zweifle nicht, daß sich das ermöglichen läßt.«

»Und was kostet so eine Beobachtung, wenn man sie für einen besonderen Zweck machen lassen will?«

»Dazu ist überhaupt die Erlaubnis der Staatsbehörde erforderlich. Es gibt nämlich, soviel ich weiß, bis jetzt kein Privat-Retrospektiv.«

Isma schwieg nachdenklich. Dann sagte sie: »Nun weiß ich ja, was es mit dem Retrospektiv auf sich hat, und gefrühstückt haben wir auch, so daß wir eigentlich aufbrechen könnten. Aber es ist so schön hier, und ich bin gar nicht sehr neugierig, den Apparat zu sehen, denn was man wirklich dabei beobachtet, kann ja nicht viel sein, wenn man an dem vergangenen Ereignis kein Interesse hat.«

»Das ist schon wahr, indessen Ma würde –«

»Ich will es mir ja auch auf jeden Fall ansehen. Aber wir können wohl noch hier ein wenig ruhen.«

Sie legte ihr Listuch unter den Kopf und streckte sich behaglich hin. »Wenn ich noch einen Schluck Wasser bekommen könnte!« sagte sie.

Ell nahm den mitgebrachten Becher und füllte ihn am Quell. Isma trank und gab das Glas dankend halb geleert zurück. Eben setzte es Ell an seine Lippen, um den Rest selbst zu trinken, als sich in der Ferne ein dumpfes Brausen erhob. Isma richtete sich erschrocken auf.

»Was ist das?« fragte sie. »Kommt jemand?«

Ell hatte das Glas ohne zu trinken abgesetzt. Er lauschte. Das Brausen nahm zu. Er zog seine Uhr.

»Es ist nichts«, sagte er, »es ist das Mittagszeichen.« Er verglich sorgfältig die Uhr. Das Brausen mochte eine Minute gedauert haben, dann brach es mit einem hellen Schlag plötzlich ab.

»Der Anfangspunkt der Planetenzeitrechnung wird so markiert. Hier bei uns, nicht weit von der Zentralwarte, fällt er nur kurze Zeit nach dem wahren Mittag. Aber ich glaube, wir müssen doch aufbrechen.«

Er hatte nicht getrunken, sondern das Wasser unbemerkt, wie er glaubte, auf die Erde fließen lassen, und bückte sich jetzt, um alle Spuren des gemeinsamen Frühstücks zu beseitigen.

Isma stand schweigend auf und begab sich in den Wagen. »Wir sind auf dem Mars«, seufzte sie leise. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Bald darauf kam Ell. Er betrachtete sie mit einem innigen Blick. Der Mittagston hatte ihn wieder auf den Mars zurückgeführt. Ein tiefes Mitleid mit dem Geschick der Freundin überkam ihn, und die ganze Fülle seiner Liebe fühlte er in sich aufsteigen. Er hätte sich zu ihr herabbeugen und ihre Lippen mit Küssen bedecken mögen. Und doch war etwas Trennendes zwischen sie getreten, dessen er sich nicht zu erwehren wußte. Er küßte die schmale Hand, die auf der Seitenlehne des Wagens ruhte.

Isma öffnete die Augen und schüttelte leicht den Kopf.

»Sie sind müde, Isma«, sagte Ell. »Hier, nehmen Sie von diesen Pillen, und Sie werden sich erquickt fühlen wie nach einem festen Schlaf.«

»Nein, nein, solche Nervenreize mag ich nicht, das ist eine falsche Erquickung.«

»Diese nicht. Es ist kein anregendes Nervengift, das den Körper zur Abgabe seiner letzten Energiereserve veranlaßt wie unsre irdischen Reizmittel. Es führt dem Blut und damit dem Gehirn wirklich die verbrauchte Energie wieder zu, und zwar genau in der Form, wie es durch den Schlaf geschieht. Die Pillen sind ganz unschädlich. In einer halben Stunde sind Sie wieder frisch wie am Morgen. Sie sind noch zu wenig an unsere Luft gewöhnt, Sie brauchen eine Hilfe in diesem Klima.«

Isma nahm die Pillen. Ell schwang sich an ihre Seite, und der Wagen rollte nach der Straße zu. Der übrige Teil des Waldes und die Wohnungsräume wurden durchschnitten und die Industriestraße im Quartier Tru erreicht. Ell hemmte den Wagen vor einem Tor, das er für den Zugang zum Retrospektiv hielt. Er hatte sich jedoch in der Richtung getäuscht, in der er durch den Wald gefahren war, und bemerkte jetzt erst, daß er sich vor dem Erdmuseum befand.

»Corsan ba«, las Isma die Rieseninschrift, »das heißt ja doch wohl ›Sammlungen von der Erde‹?«

»Ja«, antwortete Ell, »ich habe mich geirrt. Wir müssen nach der anderen Seite – die Stufenbahn bringt uns in einer Minute hin.«

»Ich hätte eigentlich Lust –«, sagte Isma zögernd, »könnten wir nicht hier einmal uns umsehen?«

»Gewiß, aber Sie wollten ja heute nichts von der Erde wissen.«

»Es ist schon wahr – aber ich bin neugierig, was ihr hier von dem wilden Planeten gesammelt habt. Und man wird die alte Erde doch nicht los.« Sie seufzte. Unentschieden sah sie abwechselnd auf die Menge, die in den Eingang strömte, und dann auf Ell.

»Es ist heute besonders stark besucht«, sagte dieser, »alles redet jetzt von den Menschen. Wenn man uns nur nicht erkennt – wir tun vielleicht besser, eine andere Zeit zum Besuch zu wählen.«

»Sie sehen, man achtet gar nicht auf uns.«

»Weil diese Leute erst hineingehen. Wenn wir am Ausgang ständen, wäre es vielleicht anders, unsere Gesichter würden auffallen.«

»Ach was«, rief Isma lebhaft. »Nun will ich gerade hinein. Ich habe meinen dunklen Schneeschleier eingesteckt, durch den man nicht hindurchsehen kann. Wir sind nun einmal hier – kommen Sie, Ell!«

Ell lächelte. »Das kommt von den Energiepillen«, sagte er. »Jetzt haben Sie wieder Mut. Nun, man wird uns nichts tun, aber wenn man Ihnen wieder Spielzeugtüten zuwirft, wie an der Polstation, so halten Sie sie nicht für Blumensträuße.«

Isma schlug ihn mit ihrem Schirmröhrchen auf die Hand. »Zur Strafe kommen Sie mit«, sagte sie, »damit Sie meine Trophäen tragen können. Und nun gehe ich auch ohne Schleier trotz der kleinen Augen.«

Sie traten in das Gebäude.

30 - Das Erdmuseum

Die einströmende Menge verteilte sich in den weiten Räumlichkeiten des Erdmuseums, so daß Isma und Ell zwar nirgends allein, aber doch nicht gerade beengt waren. Isma wollte gern sehen, was an der Erde die Aufmerksamkeit der Martier besonders fessele, und wandte sich daher solchen Gängen und Sälen zu, in denen sich die Hauptmasse der Besucher zusammendrängte; Ell folgte ihr und musterte wie sie nicht weniger die Beschauer als die Gegenstände. Ein riesiger Saal enthielt in historischer Darstellung eine vollständige Entwicklung der Raumschiffahrt. Ell hätte sich gern hier näher in die Einzelheiten vertieft, aber Isma interessierte sich wenig dafür und drängte weiter. Ein Wandelpanorama, das eine Reise nach der Erde darstellte, ließen sie beiseite liegen und hielten sich nur kurze Zeit bei der Darstellung des Luftexports von der Erde auf. Die Maschinen, die den Menschen auf der Polinsel nicht zugänglich gemacht worden waren, arbeiteten hier vor ihren Augen in gefälligen Modellen. Sie sahen, wie die Luft in starke Ballons gepumpt und im leeren Raum zum Erstarren gebracht wurde. Die gefrorenen Luftmassen hatten das Aussehen von bläulichen Eiskugeln und die Dichtigkeit des Stahls.

Sehr dürftig war die Sammlung der pflanzlichen und tierischen Produkte der Erde, da sie nur aus den polaren Regionen stammte. Was der ›Glo‹ mitgebracht hatte, war noch nicht dem Museum übergeben worden. Dagegen hatte man schon die Nachrichten, Gegenstände und Abbildungen verwertet, die Jo im ›Meteor‹ von der Tormschen Expedition mitgebracht hatte. Hier drängten sich die Zuschauer dicht zusammen, und Isma und Ell waren gezwungen, ihrem langsamen Zug zu folgen. Es berührte sie ganz seltsam, als sie hier Grunthe und Saltner in verschiedenen lebensgroßen Aufnahmen vor sich sahen und auf dem Tisch eine Reihe von Ausrüstungsstücken, Kleidern und Kleinigkeiten ausgebreitet bemerkten, die Grunthe den Martiern überlassen hatte. Isma mußte an sich halten, um sich nicht einzumischen, als sie die Bemerkungen der Martier und die Scherze vernahm, die sie über die Menschen und ihre Industrie machten.

Plötzlich faßte sie Ells Arm und drückte ihn, daß es schmerzte.

»Was gibt es?« fragte er.

»O sehen Sie!«

Eine Gruppe von Herren und Damen musterten eine Photographie.

»Eine weibliche Bat!« sagten sie. »Sie ist hübsch«, meinten die einen.

»Viel zu mager«, die andern.

Es war Ismas Bild. Die Photographie hatte sich unter Torms Effekten gefunden und war mit andern Kleinigkeiten hierhergekommen.

Die neben Isma stehende Dame, die sie eben zu mager gefunden hatte, warf zufällig einen Blick auf ihr Gesicht. Sie stutzte und stieß ihre Nachbarin an. Ell sah, daß man auf seine Begleiterin aufmerksam wurde. Die Umstehenden wurden still.

»Kommen Sie«, sagte er hastig zu Isma. »Man erkennt Sie.«

Er zog sie fort, beide drängten sich durch das Gewühl. Sie wandten sich nach einer Stelle, wo das Gedränge geringer war, und glaubten plötzlich auf dem Dach der Polinsel zu stehen. Das Panorama des Nordpols breitete sich in naturgetreuer Nachahmung vor ihnen aus. Dicht zu ihren Füßen schien das Meer zu branden. Das Jagdboot der Martier lag zur Abfahrt bereit – zwei Eskimos lösten das Seil, das es am Ufer hielt. Im Boot saßen Martier mit ihren Kugelhelmen. Und dort – auf der andern Seite –, da standen Grunthe und Saltner, wie sie leibten und lebten. Grunthe, mit zusammengezogenen Lippen, schrieb eifrig in sein Notizbuch, Saltner sah lächelnd einer verhüllten Gestalt nach, die auf zwei Krücken dahinschlich und die Wirkung der Erdschwere auf die Martier veranschaulichen sollte.

»Da sind unsre Freunde!« rief Ell, wirklich überrascht. Es waren meisterhaft nachgebildete Figuren.

Isma stand lange still. Die Plattform begann sich mit andern Besuchern zu füllen. »Wir wollen lieber gehen«, sagte sie. »Hier unten scheint es leer zu sein, vielleicht kommen wir dort an den Ausgang.«

Gegenüber dem Haupteingang führte von dem nachgeahmten Teil des Inseldaches eine schmale Treppe abwärts. Ell blickte hinunter. »Es scheint niemand da zu sein«, sagte er.

Sie stiegen hinab und befanden sich in einem Gemach, das einem der Gastzimmer auf der Insel nachgebildet war. Keiner von ihnen hatte beachtet, daß über der Tür die Inschrift ›Vorsicht‹ stand und vor derselben eine Anzahl Stöcke zum Gebrauch aufgestellt waren.

»Oh, hier ist es angenehm«, rief Isma, indem sie sich auf einen der an der Wand stehenden Lehnstühle setzte. »Hier wollen wir uns ein wenig ausruhen.« Sie bemerkte, daß irgendeine Veränderung mit ihr vorging, die ihr wohltat, wußte jedoch nicht, was der Grund sei.

Ell wollte seinen Sessel in ihre Nähe heben, mußte aber dazu eine ungewohnte Kraft aufwenden. »Sind diese Sessel schwer!« sagte er. Im selben Augenblick fiel ihm die Ursache ein.

»Hier herrscht ja Erdschwere«, rief er überrascht. »Das ist also auch eine Demonstration, und darum ist es so leer hier.«

»Das ist herrlich!« sagte Isma vergnügt.

Ein Martier trat in die Tür, knickte zusammen und zog sich sogleich zurück. Isma lachte laut. Sie sprang auf, drehte sich vor Vergnügen im Kreis und rief:

»Kommt nur herein, meine Herren Nume, hier ist die Erde, hier zeigt, ob ihr tanzen könnt!« Sie schlüpfte hierhin und dahin, rückte an den Stühlen und nahm ihren Hut ab. »Ich bin wie zu Hause!« sagte sie. »Jetzt sieht man erst, daß die angebliche Leichtigkeit dieser Federhaube eigentlich Schwindel ist. Sehen Sie nur, wie eilig sie es hat, hinabzufallen!«

Ell sah ihr schweigend zu. Er schüttelte leicht den Kopf. »Ein Kind der Erde«, dachte er bei sich. »Sie würde hier oben niemals heimisch werden.«

Isma war vor eine Tür getreten. »Ob es dahinten auch noch schwer ist?« fragte sie.

Ell zog den Vorhang zurück. Es zeigte sich ein Balkon, von dem aus man ins Freie unter die Wipfel der Bäume blickte. Die Gestalt eines Mannes lehnte am Geländer. Er drehte der Tür den Rücken zu und sah, mit der Hand die Augen schützend, auf die Straße hinab.

Ell und Isma blickten sich an. Dann lachte Isma auf.

»Da haben sie ja den Saltner noch einmal hingestellt«, rief sie. »Und wie natürlich! Man möchte meinen, er müßte sich umdrehen und ›Grüß Gott‹ sagen.«

Die Gestalt schnellte herum.

»Grüß Gott!« rief Saltners Stimme. Er sprang auf Ell und Isma zu und schüttelte ihnen die Hände.

»Das ist gescheit«, rief er, »daß man schon einmal Menschen trifft. Das ist eine Freud! Aber um alles in der Weit, wie kommen denn Sie alleweil hierher? Ich bin ja gerad auf dem Weg zu Ihnen. Haben’s denn meine Depesche nicht erhalten?«

»Wir sind seit heute früh von Hause fort.«

»Ja, da wird sie halt dort liegen. Schauens, ich hab Ihnen heut früh telegraphiert, als wir von Frus Wohnort weggereist sind, um Sie zu besuchen. Unterwegs wollten sie mir den Kram hier zeigen, aber wie ich hier in das schöne schwere Zimmer gekommen bin, hab ich gesagt, nun lassens mich aus, jetzt bleib ich hier, bis Sie sich alles angeschaut haben, und dann holens mich wieder ab. Denn das hatt’ ich satt, daß mir die Herren Nume alle nachschauten und die Kinder mir nachliefen und meine gute Joppe anfaßten.«

»Aber wie konnten Sie auch in Ihrem Reisekostüm von der Erde sich hier sehen lassen?«

»Wissen Sie, ich bin halt ein Mensch, und so bleib ich einer. Ich werd mich doch nicht in eine neue Haut stecken, wo ich nicht einmal eine richtige Westentasch’ für meinen Zahnstocher hab? Und so gut wie Ihnen, Gnädige, würd mir’s Marsröckel auch nicht stehn.«

Isma schüttelte ihm nochmals die Hand. »Sie sind der alte geblieben, Herr Saltner! Nun setzen Sie sich mit her, und lassen Sie sich erst einmal ordentlich von mir ausfragen!«

Saltner schilderte in seiner anschaulichen und drastischen Weise auf Ismas Fragen die Einzelheiten der Expedition, über die Grunthe nur in seiner knappen Formulierung berichtet hatte, und ließ sich von Isma die Ereignisse aus Deutschland und ihre eigenen Erlebnisse seit der Ankunft Grunthes in Friedau erzählen. Über die Reise Ills nach dem Pol, den Kampf der Schiffe und die Fahrt nach dem Mars hatte er bis jetzt nur die Darstellungen kennengelernt, welche die kurzen Depeschen gaben, und die Gerüchte und Betrachtungen, welche die Zeitungen daran knüpften. Letztere gründeten sich auf die mündlichen Mitteilungen der von der Erde zurückgekehrten Martier. Der offizielle Bericht sollte erst erscheinen, nachdem er vom Zentralrat dem Hause der Deputierten vorgelegt worden. Dies mußte inzwischen geschehen sein, denn heute sollte die betreffende Sitzung stattfinden. Es war zu vermuten, daß die Beratungen darüber sich noch einige Tage hinziehen würden. Dann erst, nach Anhörung der Deputiertenversammlung, konnte der Zentralrat einen definitiven Beschluß fassen über die der Erde gegenüber zu treffenden Maßnahmen. Da hierbei alle auf der Erde tätig gewesenen höheren Beamten als Sachverständige eventuell gebraucht wurden, mußte Fru seinen Urlaub, auf den er sonst nach der Rückkehr von der Erde Anspruch hatte, unterbrechen, um sich in Kla aufzuhalten. Saltner, der als Gast der Marsstaaten selbst die Rechte eines Numen erhalten hatte, war auf seinen eigenen Wunsch unter die spezielle Fürsorge Frus gestellt worden und wollte nun auch in Kla in seiner Obhut bleiben. Der weiten Entfernung wegen, welche den gewöhnlichen Wohnort Frus von Kla trennte, mußte der Transport der Wohnungen schon am Tag beginnen, und Fru war mit Frau und Tochter und seinem Gast Saltner vorangereist. Sie wollten sich das Erdmuseum ansehen, und hier hatte Saltner seine Freunde von der Erde getroffen.

Ill, von den Verhandlungen im Zentralrat völlig in Anspruch genommen, hatte sich zu Hause über die zu erwartenden Maßnahmen nicht geäußert und auch aus Schonung für Isma von den letzten Ereignissen nicht gesprochen. Ell war ganz in der Begeisterung für die wiedergefundene Heimat des Vaters aufgegangen. So erfuhr er sowohl wie Isma zuerst von Saltner, daß, wenigstens in den südlichen Teilen des Mars, aus denen Saltner kam und wo auch die Mehrzahl der auf der Erde gewesenen Martier herstammte, die anfängliche Begeisterung für die Erdbewohner sich stark abzukühlen begonnen hatte.

Der Umschwung war durch das Verhalten der Engländer gegen das Luftschiff herbeigeführt worden, und sobald die Zeitungen Berichte über die Behandlung gebracht hatten, die den beiden gefangenen Martiern zuteil geworden war, begann in einigen Staaten, deren Bewohner sich durch lebhaftes Temperament auszeichneten, eine gereizte Stimmung Platz zu greifen. Man verlangte ein entschiedenes Vorgehen gegen das Barbarentum der Erdbewohner, und nur der Hinweis der ruhigeren Elemente darauf, daß man keinerlei Urteile abzugeben berechtigt sei, bevor nicht der amtliche Bericht vorliege, hielt die menschenfeindliche Bewegung in mäßigen Grenzen. Fru besorgte jedoch, wie Saltner mitteilte, daß die öffentliche Meinung nach dem Bekanntwerden des Berichts stark genug sein würde, um auf die Entschließungen des Zentralrats einen dem guten Verhältnis zur Erde ungünstigen Einfluß auszuüben.

Isma fühlte sich beängstigt. Sie fürchtete, wenn es zu Feindseligkeiten der Martier gegen die Erde käme, daß sich ihrer Rückkehr Schwierigkeiten in den Weg legen könnten, daß vielleicht die erneute Aufsuchung Torms im Frühjahr durch Maßregeln vereitelt werden würde, die den Martiern wichtiger erschienen. Ell suchte sie zu beruhigen. Er sah die Sachlage in viel günstigerem Licht. Ill werde seinen Bericht jedenfalls so mild wie möglich gestalten. Aus der ungerechtfertigten Handlungsweise eines einzelnen Kapitäns könne man unmöglich ein Zerwürfnis zwischen den Planeten herleiten. Momentane Stimmungen des Publikums hätten auf dem Mars niemals einen dauernden politischen Einfluß, da ein jeder der Belehrung des Besseren zugänglich sei.

»Aber wer weiß«, sagte Isma, »wie man auf der Erde denken mag!«

»Wir hätten uns nicht der Gefahr aussetzen sollen, sie verlassen zu müssen«, sagte Ell etwas verstimmt.

Isma wandte sich schmerzlich berührt ab, und Ell fuhr sogleich fort:

»Aber an dem feindlichen Zusammenstoß der Schiffe hätten wir ja doch nichts geändert, auch wenn wir zu Hause geblieben wären. Ich wollte Ihnen keinen Vorwurf machen, Frau Torm, ich meine nur, wir dürfen uns jetzt keinen trübsinnigen Grübeleien hingeben. Da wir nun einmal hier sind –«

»Da lassen wir ruhig die Nume weitersorgen, das will ich auch meinen«, sagte Saltner. »Es sind wirklich ganz prächtige Leute dabei, und wir Menschen müssen halt ein bissel zusammenhalten. Hier unser Doktor Ell, der wird sich ja wohl auch noch zu uns rechnen. Oder –«

»Wo bleiben Sie, Sal?« fragte eine tiefe Frauenstimme zur Tür herein. »Kommen Sie gefälligst heraus, wir haben auf der Erde Schwere genug genossen. Es ist übrigens irgend etwas Besonderes zu sehen, wo wir hingehen müssen.«

»Das ist La«, rief Saltner, eilig aufspringend. »Oh, kommen Sie mit, ich mache Sie gleich alle bekannt.« Und sich zu den Angekommenen wendend, rief er: »Da bringe ich Ihnen neue Menschen! Nun bin ich doch nicht mehr das einzige Wundertier.«

Fru und die Seinigen begrüßten Ell und Isma sehr freundlich. Isma fühlte sich trotzdem etwas verlegen; bei aller taktvollen Zurückhaltung der Martier wußte sie doch, daß sie von ihnen, die zum ersten Mal ein weibliches Wesen von der Erde sahen, einer lebhaften Prüfung unterworfen wurde. Aber Las Herzlichkeit half ihr sogleich über diesen Zustand fort. Sie gab Isma nach Menschenart die Hand und redete sie deutsch an.

»Ich weiß«, sagte sie, »welch bedauerliche Zufälle Sie zu uns führten, uns aber müssen wir es zum Glück anrechnen, eine Schwester von der Erde in Ihnen begrüßen zu dürfen. Unser Freund Saltner hat schon viel von Ihnen erzählt. Und Sie sind es ja gewesen, der die Martier die erste Gabe europäischer Arbeit verdanken – den Flaschenkorb nämlich, den Grunthe den unsrigen beinahe auf den Kopf geworfen hat. Ohne den Flaschenkorb hätten wir –«, sie wandte sich zu Ell, »Ihren prächtigen Leitfaden nicht gefunden, und ich könnte wahrscheinlich jetzt nicht in Ihrer Sprache mit Ihnen reden.«

Sie zog dabei die Reproduktion des Büchleins aus ihrem Reisetäschchen und zeigte sie Ell, mit dem sie jetzt martisch weitersprach.

Sie fragte ihn, welchen Eindruck das Denkmal auf ihn gemacht habe, das die Marsstaaten seinem Vater in der Ruhmesgalerie der Raumschiffer errichtet hatten. Aber dorthin war Ell noch gar nicht gekommen. Er wollte sogleich diesen Besuch nachholen, die andern aber wünschten einer soeben neu eröffneten Schaustellung beizuwohnen, nach der dichte Scharen von Besuchern hinströmten. Die Richtungsweiser, denen sie folgten, besagten nur ›Neues von der Erde‹, ohne nähere Angabe. Auch Isma war daher sehr gespannt, dieses Neue kennenzulernen, Ell ließ sich jedoch von seinem Vorhaben nicht abhalten. Er trennte sich am Eingang der Galerie von den übrigen, und man verabredete nur, sich in einer halben Stunde in der Lesehalle des Museums zu treffen.

Die Besucher drängten nach dem Theater des Museums, worin von Zeit zu Zeit Vorträge über die Erde oder die Raumschiffahrt gehalten wurden. Diese wurden durch bewegliche Lichtbilder illustriert, die mit aller Kraft martischer Malerei und Technik so plastisch wirkten, daß sie vollkommen den Eindruck der Wirklichkeit hervorriefen. Als Frus mit ihrer Begleitung ankamen, war das Theater, obwohl es Raum für zwanzigtausend Personen bot, schon überfüllt. Da jedoch Fru bei der Einrichtung des Erdmuseums tätigen Anteil genommen hatte, wußte er seine Gesellschaft einen von den weniger ortsbekannten Besuchern meist übersehenen Gang zu führen, der auf eine Reihe noch freier Plätze auslief. Sie befanden sich in ziemlich versteckter Lage zwischen den architektonischen Verzierungen über einem der Eingänge. Sehr bald ertönte ein Signal, das den Beginn der Vorstellung bezeichnete, und die Riesenhalle verdunkelte sich. Auf der Bühne, das heißt auf einer Kreisfläche von etwa dreißig Metern Durchmesser zeigte sich eine vorzüglich dargestellte Gegend aus dem Polargebiet der Erde, ein Teil des Kennedy-Kanals, mit felsigen Ufern und Gletscherabstürzen, wie er aus der Vogelperspektive des Luftboots in einigen hundert Meter Höhe erschien. Die Polardämmerung lag über der Landschaft, die von einem strahlenden Nordlicht erhellt wurde. Nun erfolgten die Lichteffekte des Sonnenaufgangs, und es erschien das kleine Luftboot der Martier. Im Vordergrund erkannte man den Cairn, an welchem die Engländer bauten, man sah, wie sie denselben verließen, in den Abgrund stürzten, von den Martiern herausgeholt und am Fuße des Steinmannes niedergelegt wurden. Die ganze Szene, von den Zuschauern mit lebhaftem Beifall begleitet, wurde durch die künstlich verstärkte Stimme eines gewandten Redners erklärt.

Es erschienen nun, vom Standpunkt der am Cairn befindlichen Martier aus nicht sichtbar, die englischen Seesoldaten; fratzenhafte Gestalten, wahre Teufel, in unmöglicher Kleidung, führten sie, ihre Gewehre schwingend, einen wilden Kriegstanz auf, der durchaus der Phantasie des martischen Wirklichkeitsdichters entstammte. Isma und Saltner war es peinlich, den Eindruck zu beobachten, den diese Szene auf das Publikum ausübte. Es nahm sie in vollem Glauben auf und wollte sich über die abenteuerlichen Wilden totlachen.

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 ağustos 2016
Hacim:
820 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain