Kitabı oku: «"Haben Sie den Rollstuhl auch mal unbeaufsichtigt gelassen?"»

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"Haben Sie den Rollstuhl auch mal unbeaufsichtigt gelassen?": Behindernde Wege durch ein krankendes System – und zu schöneren Orten

1  Impressum

2  Vorwort

3  Der Start: Warum einfach, wenn es auch schwer geht?

4  Das „System für intensive neurophysiologische Rehabilitation“

5  Therapien und Alternativen?

6  Murmeltier trifft Krankenkasse

7  Fürs Leben lernen – auch im latenten Chaos

8  Ein Rollstuhl auf Reisen

9  Noch etwas mehr Chaos

10  Langzeitarbeitslos, aber nicht wirklich ohne Arbeit

11  New York City - If I can make it there, I‘ll make it anywhere!

12  Am seidenen Faden

13  London calling!

14  Ende offen

15  Klappentext

Herausgeberin & COPYRIGHT FÜR BUCH & COVER: Laura Chrobok

Vorwort

Dieses Buch schreibe ich eher aus einer gewissen Ratlosigkeit, denn aus einer bestimmten Motivation heraus. Fremden Menschen erzähle ich eigentlich nicht gerne meine Lebensgeschichte. Das tut mein Vater (wie bereits von Kindheit an) zur Genüge für mich. Aber das scheint mir besser zu sein, als gar nichts zu tun.

Ich heiße Laura Maria Chrobok, wobei mich niemand „Maria“ nennt. Ich bin Rollstuhlfahrerin. Stärker definiere ich mich aber darüber, arbeitssuchende Bürokauffrau zu sein. Aufgewachsen mit drei älteren Brüdern, vielen Pflege-Geschwistern und einer krebskranken Mutter, eignete ich mir früh eine kommunikative, diplomatische, aber auch direkte Umgangsform an. So agierte ich auch während meiner Ausbildungszeit in einem Berufsbildungswerk in Hannover. Dort absolvierte ich meine Ausbildung, da ich auf dem „freien Markt“ aufgrund meiner Behinderung keinen Ausbildungsplatz fand. Ohne wehleidig klingen zu wollen: Damit befand ich mich, trotz guter Bildung (und anerkannter Berufsausbildung) quasi automatisch auf einem Abstellgleis ... Und das ist nicht etwa die Schuld der Berufsbildungswerke (BBWs), sondern vielmehr die des freien Marktes.

Nun bin ich fast dreißig und nach wie vor arbeitssuchend. Deshalb sitze ich abends im Halbdunkeln hier im Wohnzimmer meines Vaters und seiner zweiten Ehefrau und schreibe ein Buch. Über mich. Mein Leben. Was dafür, dass ich ein Durchschnittsmensch bin, gar nicht mal so uninteressant ist. Ich schreibe es, um die Initiative zu ergreifen, meine mich zeitweilig überkommende Resignation abzuschütteln. Und, um anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen ein wenig Hilfestellung, vielleicht auch etwas Hoffnung, zu geben. Ich möchte über den Umgang eines Kindes mit der Krebsdiagnose der Mutter schreiben. Über Therapie(un)möglichkeiten. Vor allem bezogen auf meine Zerebralparese, aber auch auf ihren Klatskin-Tumor. Über das Reisen als Körperbehinderte auch in unwegsames Gelände. Über die langjährige, bisweilen frustrierende Jobsuche trotz guter Qualifikationen, um die (trotz Gleichstellungsgesetz) hart gekämpft werden musste. Ohne meine Eltern gäbe es mich logischerweise gar nicht. Da diese Grundvoraussetzung gegeben ist darf ich sagen, ohne den Kampfeswillen meiner Mutter wäre es heute wohl noch sehr viel schlechter um mich bestellt. Daher möchte ich am Beginn meiner Geschichte auch ihre erzählen.

Der Start: Warum einfach, wenn es auch schwer geht?

Meine Eltern stammen aus Oberschlesien und kamen 1981 als Spätaussiedler ins Ruhrgebiet, wo der Bruder meines Vaters bereits mit seiner Familie lebte (und es noch heute tut). Vor ihrer Ausreise aus Polen hatte mein Vater Leonhard Chrobok eine leitende Position im Bereich Transportwirtschaft in der Kommunalverwaltung Oberschlesien inne. Meine Mutter Aniela Chrobok war als Grundschullehrerin tätig gewesen und hatte auch meine Brüder Thomas und Arkadius unterrichtet. (Eine lustige Tatsache, wie ich finde, denn in Deutschland wäre so etwas vermutlich undenkbar. Angeblich lag die Intention dahinter aber nicht in einer Bevorzugung, sondern vielmehr einer besonderen Strenge.) Meine Eltern wiederum hielten es für undenkbar, dass die polnischen Behörden ihnen eine als endgültig anzusehende Ausreise aus Polen genehmigen würden. Um also den Anschein einer bloßen Urlaubsreise zu wahren, ließen sie beide Kinder, elf und zwölf Jahre alt, in der Obhut unserer Großmutter väterlicherseits zurück. Erst nach mehreren Monaten wurde den beiden gestattet, ihren Eltern zu folgen. Als wenige Jahre später unsere Großmutter mütterlicherseits verstarb, planten unsere Eltern, zu ihrer Beerdigung nach Polen zu fahren. Davon riet ihr Schwager, damals Vize-Chef der Kriminalpolizei in Beuthen, ihnen allerdings energisch ab. Aus Sorge darüber, dass sie an einer erneuten Ausreise gehindert werden könnten. Ob seine Bedenken berechtigt waren oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Unsere Eltern jedenfalls wohnten der Beerdigung nicht bei. Kurz nach der Geburt meines knapp sieben Jahre älteren Bruders Sebastian zogen sie von Herten nach Barntrup in Ostwestfalen-Lippe. Im „Westfälischen Kinderdorf Lipperland“, nicht zu verwechseln mit den SOS-Kinderdörfern übrigens, arbeiteten sie zunächst ehrenamtlich als Pflegeeltern. Ein „24/7-Job“. Sie ließen sich zu Erziehern umschulen, noch bevor die Leitung des Kinderdorfs begann, ihre Mitarbeiter zu bezahlen. Wir lebten in einem nicht sehr großen Haus mit bis zu acht Kindern unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft und unterschiedlichen Alters. Ich vermag nicht zu sagen, wie vielen Kindern mein Vater in ca. dreißig Jahren Tätigkeit ein Zuhause auf Zeit gab, gemeinsam mit unserer Mutter und später unserer Stiefmutter. Daher kann ich mich kaum erinnern, wer wann ins Haus kam oder wieder ging. Gleiches gilt in ähnlicher Weise für die Mitarbeiter. Schwerlich hätte mir aber entfallen können, dass mein ältester Bruder Arkadius zeitweise als Erzieher bei uns arbeitete. Verschiedene Menschen kennenzulernen, erweiterte von frühster Kindheit an meinen Horizont. Mein Bruder Sebastian und ich, wir wuchsen als Nachzügler der leiblichen Familie aber auch mit einer gewissen Demut auf. Denn wir wussten wertzuschätzen, was wir hatten, da uns vor Augen geführt wurde, dass es Kindern andernorts fehlte. Im Laufe der Jahre wies die Kinderdorf-Leitung unserer Familie, d. h. insbesondere Vater, verstärkt die „Schwererziehbaren“ zu. Es war oft laut, manchmal chaotisch bei uns, doch er wusste mit diesen Jungs umzugehen. Einige Male informierte er auch die Polizei darüber, dass ein Jugendlicher nachts – oder auch tags nach der Schule – unbemerkt getürmt war. Weil ich dort hineingeboren wurde, empfand ich dies nie als sonderlich herausfordernd. Aber es hat mich dahingehend geprägt, bei Auseinandersetzungen stets bemüht zu sein, Lösungen zu finden, die möglichst keinen Beteiligten gänzlich unzufrieden zurücklassen. Und ich lernte schnell, mich ungeachtet äußerer Umstände zu fokussieren. Die Kehrseite der Medaille ist vielleicht, dass ich äußerst ungern bei absoluter Stille arbeite.

Mein Leben erscheint mir als ziemlich verworren und bei näherer Betrachtung erkennt man, glaube ich, dass es das immer schon war. So weiß ich z. B. nie so recht, welches Horoskop ich eigentlich lesen sollte. Das, meines errechneten, oder meines tatsächlichen Geburtstermins? Im Januar 1989 wurde ich drei Monate zu früh durch einen Not-Kaiserschnitt entbunden. Glaubte ich wirklich fest an Astrologie, müsste es mich eventuell beunruhigen, dass scheinbar schon meine Geburt „meine“ Sterne in Konfusion gebracht hat.

Infolge des bei der Geburt erlittenen Sauerstoffmangels war es zu Hirnblutungen gekommen, welche meinen Bewegungsapparat geschädigt hatten. Es dauerte mehr als acht Wochen, bis ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Jedoch blieb schwer absehbar, wie gravierend sich meine Geburtsschädigung auf meine frühkindliche Entwicklung auswirken würde. Bald diagnostizierte man bei mir eine spastische Lähmung, im Fachjargon als Zerebralparese bezeichnet. Doch im Grunde sind Betroffene nicht „paralysiert“. Sie können ihre Gliedmaßen spüren, bewegen und wissen, zumindest theoretisch, welche Bewegungsabläufe zum Ausführen bestimmter Tätigkeiten notwendig sind. Der Bewegungsapparat wird jedoch durch unkontrollierbare Muskelkontraktionen, also Spasmen, je nach Ausprägung der Krankheit mehr oder minder stark beeinträchtigt. Die mich behandelnden Ärzte waren der Ansicht, dass ich das Laufen lernen könnte, wenn ich lernte die Verkrampfungen eigenständig zu lösen. Beispielsweise beim Aneignen von feinmotorischen Fertigkeiten oder Gleichgewichtssinn würde ich lediglich langsamere und kleinere Fortschritte machen, als andere Kinder meines Alters.

Besagte Fortschritte waren tatsächlich sehr klein, trotz physiotherapeutischer Maßnahmen bereits als ich noch ein Baby war. Eines Tages sah mein Vater zufällig eine Talksendung im Fernsehen. Darin sprach ein ukrainischer Professor namens Wladimir Kozijavkin über seine Behandlungsmethode für Menschen, vor allem Kinder, mit ähnlichen Krankheitsbildern wie meinem. Im Alter von fünf Jahren, ich konnte mein Gleichgewicht nicht einmal gut genug halten um frei zu sitzen, flog ich mit meiner Mutter erstmalig zu einem Therapie-Aufenthalt nach Truskavets (internationale Schreibweise) im Westen der Ukraine. Mal für Mal landete eine große Teilnehmergruppe in Lwiw (dt.: Lemberg) und wir fuhren von dort aus mit zwei Bussen in den zu Sowjet-Zeiten überaus beliebten Kurort. Die Straßen dorthin bestanden – und bestehen vielleicht noch heute – vor allem aus Schlaglöchern. Die Busse verfügten nicht über Anschnallgurte und unsere Kolonne wurde stets von der örtlichen Polizei eskortiert. Ob der Schlaglöcher wegen, oder aus Angst vor etwaigen Übergriffen, weiß ich nicht. Dem Kurhotel selbst sah man an, dass es mal sehr ansehnlich gewesen war, seine besten Tage allerdings hinter sich hatte. In aller Regel fiel mindestens einmal im Laufe eines typischerweise zweiwöchigen Aufenthaltes der Strom aus, wodurch auch die Fahrstühle stecken blieben – mit im Rollstuhl sitzenden Kindern darin. Insgesamt war ich neunmal dort, die ersten zwei Male in Begleitung meiner Mutter. Beim allerersten Ukraine-Aufenthalt stellte sich auch der allergrößte Erfolg ein. Ich konnte, quasi von einer Sekunde auf die andere, frei auf der Toilette sitzen und forderte meine Mutter sogar auf, das nicht-behindertengerechte Badezimmer zu verlassen, solange ich „mal musste“.

Das „System für intensive neurophysiologische Rehabilitation“

Den wichtigsten Faktor bei der Therapie könnte man salopp auch als „Knochenbrechen“ bezeichnen. Gelenk- und Wirbelkörper werden manipuliert – also von Hand so durchbewegt, wie ein Patient selbst es nicht könnte – und auf diese Weise neurologische Blockaden und Spasmen in der Muskulatur gelöst. Die Folge solcher Einrenkungen, wie ich es nennen möchte, ist tatsächlich völlige Entspannung. Wie lange diese jedoch anhält, ist von Patient zu Patient verschieden. Parallel zu solchen (etwas rabiat anmutenden) Maßnahmen werden Massagen, Krankengymnastik, Ergotherapie und Ähnliches durchgeführt. Zu meiner Zeit wurden auch noch die "Verabreichung" wärmender Bienenwachsumschläge und Bienenstiche praktiziert. Ähnlich einer Akupunkturnadel wurde der Stachel einer Biene an den Gelenken unter die Haut gedrückt, wodurch die jeweilige Gelenkfunktion verbessert werden sollte.

Als Kind waren diese Bienenstiche für mich ungleich schlimmer als das eigentliche Knochenbrechen, unabhängig davon, dass die Therapeuten sofort bemüht waren, meine Schmerzen durch großzügiges Auftragen von Wundsalbe zu lindern. Eine regelmäßige Folge der Therapie waren für mich auch Kopfschmerzen zu Beginn eines jeden Turnus, da meine Muskulatur den Zustand der Entspannung offenbar schon im Kindesalter nicht mehr gewohnt war.

Später, als solche Reisen meiner Mutter aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zuzumuten waren, flog ich in Begleitung ihrer Nichte Anna, „Ania“ genannt, und meines Vaters. Und schließlich mit ihm und meiner Stiefmutter, die ich nur Angela nenne. Immer empfand ich es als Opferung von einem Drittel meiner Sommerferien. Doch dies geschah (zum Glück, aus meiner damaligen Sicht) zumindest nicht in neun aufeinander folgenden Jahren.

Im Laufe der Jahre hatte Professor Kozijavkin dem in Teilen angemieteten „Kurhotel Karpaty“ zunächst einen Anbau anfügen lassen, welcher moderne Therapieräume beherbergte. Dann ließ er unweit des alten Kurhotels ein neues Therapiezentrum errichten. (Im Internet gibt es viele nützliche Verweise auf ihn und seine Vorgehensweise, welche Ihnen vielleicht auch aus der Veterinärmedizin bekannt vorkommt.) Sozusagen zum krönenden Abschluss wollte ich noch eine therapeutische Ukraine-Reise unternehmen, welche mich vor etwa fünfzehn Jahren auch in den Neubau führen sollte. Um ehrlich zu sein fand ich diesen fast ein bisschen zu protzig, irgendwie deplatziert. Angesichts der momentanen politischen Lage in der Ostukraine kann ich mir nicht vorstellen ob, bzw. inwieweit, die Arbeit der Therapeuten und Therapeutinnen in der Westukraine beeinträchtigt sein mag. Doch ich denke häufiger darüber nach, weil die Mitarbeiter auf mich, trotz vereinzelter Sprachbarrieren, stets einen sympathischen und fachlich kompetenten Eindruck machten. Überdies vermute ich, dass sie auch meine Psyche geprägt haben. Ich bin kein großer Fan von körperlicher Nähe oder Berührungen und vermute, es könnte daran liegen, dass mich schon in frühster Kindheit verschiedene Menschen zu therapeutischen Zwecken berührt (und mir dabei auch unvermeidbare Schmerzen zugefügt) haben, ohne dass ich sie darum gebeten hätte. Meine Eltern hatten ihr Einverständnis gegeben. Obwohl ich mir mit zunehmendem Alter des Zwecks der Therapien natürlich bewusst wurde, denke ich unbewusst eine Art innere Abwehrhaltung angenommen zu haben. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass ich mich gänzlich verweigere. Meine kleine Halbschwester und unsere Nichten knuddele ich, wann immer es ihnen ein Bedürfnis zu sein scheint. So wie sie mich im Übrigen auch. Als Angehörige ein Teil meines „Jobs“ im positivsten Sinne, finde ich. Nun aber genug der Hobby-Psychologie.

Therapien und Alternativen?

Zwei Tage vor meinem sechsten Geburtstag, im Januar 1995, wurde meine Mutter zum ersten Mal zwecks Entfernung des Klatskin-Tumors operiert. Dabei handelt es sich um eine bösartige Geschwulst an der Leberpforte, bzw. den Gallenwegen. In der Zeit nach dem Eingriff war ich oft bei ihr im Krankenhaus, der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Aber eigentlich erinnere ich mich nur daran, am Tag der Operation selbst verschüchtert und stumm auf der Wohnzimmercouch gelegen zu haben. Ich war voller Angst, da ich die Angst und Besorgnis der anderen Anwesenden spürte, aber nicht richtig verstand. Jedenfalls nahm ich an, das Schicksal zumindest nicht zu provozieren, indem ich mich mucksmäuschenstill verhielt und gar nicht auffiel.

Vor allem meine Großmutter väterlicherseits war von da an eine wichtige Stütze für mich. Jeden Abend lag sie, eine tief gläubige Frau, neben mir im Bett und lehrte mich das Beten. Ich wusste durchaus schon, wie man das „Vaterunser“ oder das „Ave Maria“ betet. Aber sie sorgte dafür, dass es mir in Fleisch und Blut überging. Einen Rosenkranz hatte ich außerdem fast ausschließlich benutzt, wenn ich mit ihr betete. Oma Hedwig war der festen Überzeugung, dass der Glaube Berge versetzen könne. Nein, um ihr gerecht zu werden muss ich sagen, sie glaubte, Gott kann Berge versetzen.

„Es ist natürlich nicht gesagt, dass er etwas Bestimmtes geschehen lässt, nur, weil man ihn darum bittet. Der Herrgott verfolgt schließlich seinen eigenen Plan. Aber schaden kann es nicht.“

Mit diesen Worten könnte man ihre Denkweise zusammenfassen. Meine Großmutter hatte im Laufe ihres Lebens viele Tiefschläge weggesteckt. So hatte sie z. B. vier ihrer sechs Kinder zu Grabe getragen, doch, ihrer eigenen Überzeugung nach, die Trauer mit Gottes Hilfe überwunden. Sie war immer stark geblieben. Diese Stärke sollte auf mich abfärben. Ich betete nicht nur, weil ich an Gott glaube. Ich betete, weil ich glaubte, meine Großmutter habe genug Lebenserfahrung gesammelt, um sich ihrer Sache sicher zu sein. Gott würde meiner Mutter helfen. Und zunächst verlief auch alles vielversprechend ...

An meine Einschulung sowie an beinahe die gesamte Grundschulzeit kann ich mich, offen gesagt, nur vage erinnern. Ein Grund dafür mag sein, dass mein Gehirn kurz entschlossen Verdrängung als besten Bewältigungsmechanismus ausgemacht hatte. Ein anderer vielleicht sogar der Sauerstoffmangel. Für einen medizinischen Laien ist das schwer zu bestimmen. Aus welchem Grund auch immer, erinnere ich mich genauso vage daran, wie hart meine Eltern für mein Recht, an einer Regelschule eingeschult zu werden, kämpfen mussten. Gleiches hatte zuvor für den Kindergarten gegolten. Es gab nicht viele Kinder mit Behinderungen in meiner kleinen Heimatstadt. Vermutlich sah man daher keine große Notwendigkeit zur Unterscheidung zwischen geistiger und körperlicher Behinderung. Jedenfalls war ich das erste Kind im Rollstuhl an unserer Grundschule und am Gymnasium. An beiden Schulen war ich ständig auf eine Begleitperson angewiesen, die während des Unterrichts im Flur Platzt nahm und mir beispielsweise bei Toilettengängen assistierte. In der ersten und zweiten Klasse war dies unsere Kinderdorf-Haushaltshilfe, eine sehr nette Frau, quasi in einem Nebenjob. (Bezahlt von der Krankenkasse, darf ich sagen.) Mit ihr und ihrer Familie stehen wir noch immer in Kontakt, obwohl seit vielen Jahren kein „Arbeitsverhältnis“ mehr besteht. Ab der dritten Klasse übernahm Angela (die spätere Stiefmutter) meine schulische Betreuung. Sie war zuvor als Springkraft, dann als Erzieherin, in unserer Kinderdorf-Familie tätig gewesen und führte die Nebentätigkeit im Wechsel mit unserer neuen Haushaltshilfe aus.

Bezeichnenderweise ereignete sich das für mich einprägsamste Erlebnis meiner Grundschulzeit in den Herbstferien 1995: Unser Auto wurde während einer Urlaubsreise nach Beuthen in Oberschlesien gestohlen. Wir hatten die Herbstferien dort verbracht, um den achtzehnten Geburtstag meiner bereits erwähnten Cousine Ania zu feiern. Aber das Szenario, an welches ich die deutlichste Erinnerung habe, ist, dass ich nach dem Diebstahl in einem anderen Auto saß, wohl dem, meines (ebenfalls bereits erwähnten) Onkels. Zu der Zeit war er schon pensioniert. Doch mein Cousin, auch Kripo-Beamter, suchte die ganze Nacht nach unserem Auto, das – wenig überraschend – nicht mehr aufzufinden war.

Ich erinnere mich, dass meine Mutter von der hintersten Sitzreihe sagte: „Hurra, wir leben noch!"

„Ja“, dachte ich, „ich bin nicht tot, aber Rolli ist trotzdem weg.“

„Rolli“ aber war nicht etwa mein Rollstuhl, wie manche meinten, sondern einer der „101 Dalmatiner“. Noch in dem fremden Auto hatte meine Mutter versucht, mich zu trösten, indem sie sagte, Rolli bekäme eine neue Familie, die ihn lieb haben würde. Und ich bekam „Patch“, als wir zurück in Deutschland waren, einen anderen Dalmatiner. Mein Rolli (der Rollstuhl) war übrigens im Kofferraum des gestohlenen Autos gewesen. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wie er aussah. Aber den Plüschhund, der miesen Autodieben in die Hände gefallen war, habe ich nie vergessen. Mein Vater hatte ursprünglich sogar vorgehabt, mit mir im Auto zu warten, während der Rest der Familie Bekannte besuchen wollte, da zu der Wohnung viele Stufen führten. Das weiß ich nur, weil er und die Mitreisenden es mir oft so erzählt haben. Aber wir fragen uns beide noch heute, ob die Diebe uns etwas angetan oder das Auto einfach stehen gelassen hätten, wären wir darin geblieben. Rückblickend denke ich nicht, dass ich die Antwort wirklich kennen möchte. Nach diesem Vorfall jedenfalls hatte mein Vater geschworen, nie wieder in sein Geburtsland zurückkehren zu wollen. Dennoch hat er oft die Familie meiner Mutter besucht. Auch, weil solche Aufenthalte meiner Halbschwester gefallen haben. In jüngster Zeit jedoch, unternahm er keine langen Autoreisen mehr. „Die Knochen machen nicht mehr mit“, wie er sagt.

Eine eigentlich viel eindrucksvollere Reise war die nach Houston, Texas in den Sommerferien des Jahres 1997. Unsere Eltern, Sebastian und ich flogen aber nicht dorthin, um Ferien zu machen. Sondern, weil unsere Eltern sich nach entsprechender Internet-Recherche (vor allem durch Thomas) einen neuen Ansatz in der Krebstherapie meiner Mutter versprachen.

Im „Houston Medical Center“ wurde sie bei einem Professor vorstellig. Nach einigen Untersuchungen verwies er sie sozusagen an einen Spezialisten der MHH Hannover zurück. Diese Welt ist bekanntlich ein Dorf.

Wir kamen für insgesamt zehn Tage bei einem befreundeten Ehepaar unter, welches Polen Anfang der 80er Jahre in Richtung der USA verlassen hatte. Ein Teil der Reise war natürlich doch ein Urlaub. Ich erinnere mich noch heute, dass Basti und ich mit Heidi, dem Hund unserer Bekannten, fast täglich stundenlang um einen großen See herumgelaufen sind. Diese Hündin war verspielt genug, sofort loszurennen, sobald ich ihre Leine in der Hand hielt. Dass sie dabei nicht nur mich im Rollstuhl, sondern meistens auch meinen Bruder hinter sich herzog schien ihr nicht das Geringste auszumachen. Blieben wir kurz stehen, sah sie uns nur fragend an. Auch erinnere ich mich noch sehr genau an die vielen Moskitostiche, die uns dieser Zeitvertreib einbrachte. Und daran, wie mein Bruder vor dem riesigen Spiegel im Badezimmer unserer Bekannten einen ebenfalls riesigen Nasen-Furunkel ausgedrückt hatte. Dessen Inhalt, Blut und Eiter, hatten sich daraufhin auf den Spiegel ergossen. Ich glaube, bis dahin hatte mein Bruder noch nichts Peinlicheres erlebt. Und ich selbst nur selten etwas Komischeres. Außer all dem verbrachten wir einen Tag im NASA-Raumfahrtzentrum. Doch gäbe es keine Fotos davon und hätten meine Eltern mir dort keine Tasse als Souvenir gekauft, wüsste ich nicht einmal, dass ich dort gewesen bin.

Im darauffolgenden Jahr, genau am 50. Geburtstag meines Vaters, musste meine Mutter sich erneut einer schweren Operation unterziehen. Der Tumor war zurückgekommen. Nach dem erneuten Eingriff teilten die Ärzte ihr mit, dass sie nur noch etwa zwei Jahre zu leben hätte. Und das auch nur, wenn sie einer aggressiven Chemotherapie zustimmte...

Sie entschied sich, mit Hilfe von Thomas’ Internet-Recherchen, anders. So z. B. noch 1998 für einen vierwöchigen Kuraufenthalt in Arosa, einem Ort in den Schweizer Bergen. Dort betrieb ein nicht unumstrittener Mediziner mit dem Fachgebiet Homöopathie eine Praxis und nutzte ein benachbartes Kurhaus zur stationären Aufnahme seiner Patienten. Damals bereits ein Mann von vierundachtzig Jahren, hatte er selbst ein Krebsleiden überwunden. Als Vater Mutter wieder von dort abholte, war sie kaum wiederzuerkennen: Sonnengebräunt und strahlend – fast wäre er an ihr vorübergelaufen. Als Teil des Therapiekonzepts hatte sie sich fast ausschließlich von Rohkost ernährt. Doch man hatte sie gewarnt: Wenn sie zurück nach Hause käme und in alte Verhaltensmuster zurückfiele, würde sich ihr Gesundheitszustand wieder rapide verschlechtern. Eine ganze Weile blieb sie standhaft. Sie kochte wieder für uns Kinder, blieb aber selbst bei ihrem Ernährungsplan. Doch nach einiger Zeit vernachlässigte sie ihn mehr und mehr, bis sie ihn schließlich ganz aufgab. Und tatsächlich verschlechterten sich ihre Werte bald wieder.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
24 eylül 2025
Hacim:
80 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783746749976
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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