Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 18

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Lewin hatte hohe Stiefel angezogen und ging zum erstenmal ohne Pelz und nur mit einer Tuchjacke bekleidet, nach der Ökonomie, die kleinen Bäche durchschreitend, die ihm mit ihrem Glanze in der Sonne die Augen blendeten, und bald auf Eis tretend, bald auf schlüpfrigen Schlamm.

Der Frühling ist die Zeit der Pläne und Unternehmungen. Als Lewin hinaustrat, selbst wie ein Baum im Frühling, der noch nicht weiß, wohin und wie sich seine jungen Schößlinge und Zweige, die noch in den Knospen sind, entwickeln werden, so wußte er selbst noch nicht, welcher Arbeit er in seinem geliebten Berufe sich jetzt zuerst widmen sollte, aber er fühlte, daß er reich an Ideen und den besten Vorsätzen sei.

Vor allem wandte er sich nach seinem Vieh. Die Kühe waren hinausgeführt worden in die Sonnenwärme; sie brüllten dort, glänzend in dem neuen glatten Haar, das in der Sonne wärmer wurde und wollten auf das Feld hinaus. An den ihm bis in die kleinste Einzelheit bekannten Tieren sich ergötzend, befahl Lewin, sie auf das Feld zu treiben, die Kälber aber in die Sonne zu bringen. Der Hirt lief fröhlich, sich fertig zu machen. Die Kuhweiber in den nackten, jetzt noch weißen und nicht von der Sonne verbrannten Füßen, laufen mit ihren Reisern im Schlamme hinter den brüllenden vor Freude über den Frühling aufgeregten Kälbern her und treiben sie auf den Hof.

Lewin wandte sich freundlich zu dem jungen Satz dieses Jahres, der außerordentlich befriedigend gewesen war. Die Frühkälber waren an Größe fast wie die Bauerkühe, die Tochter der Pawa von drei Monaten war an Größe den vorjährigen Kälbern gleich. Er befahl, ihnen einen Trog herauszubringen und Heu hinter die Gitter zu geben. Aber da stellte sich heraus, daß diese defekt waren. Er sandte nach dem Zimmermann, welcher seinem Befehle nach bei der Dreschmaschine sein mußte; es zeigte sich aber, daß derselbe gerade Eggen ausbesserte, die längst, schon seit der Woche vor den großen Fasten hatten ausgebessert sein sollen. Dies war sehr verdrießlich für Lewin; es war verdrießlich, daß er immer wieder auf diese Unordnung in der Wirtschaft stieß, gegen welche er nun schon seit so vielen Jahren mit allen Kräften ankämpfte.

Die Gitter waren, wie er erfuhr, im Winter nicht nötig und daher in den Geschirrstall gebracht worden, hier aber in die Brüche gegangen, weil sie für die Kälber nur leicht gearbeitet waren.

Weiterhin aber zeigte sich auch, daß die Eggen und alle Ackergeräte die noch während des Winters hatten revidiert und ausgebessert werden sollen, zu welchem Zwecke eigens drei Stellmacher angenommen worden waren, nicht repariert dastanden, und daß die Eggen nur ausgebessert wurden, wenn man sie auf dem Felde brauchte.

Lewin sandte nach dem Verwalter, ging aber gleich darauf selbst, um ihn ausfindig zu machen. Der Verwalter, welcher heute ebenso glänzte, wie alles an diesem Tage, kam in seinem gesäumten Lammpelze von der Tenne, mit den Fingern einen Strohhalm zerknickend.

„Weshalb ist der Stellmacher nicht bei der Dreschmaschine?“

„Ich wollte schon gestern melden, daß wir Eggen ausbessern müssen. Es muß ja gepflügt werden.“

„Und was ist denn da im Winter gemacht worden?“

„Wozu braucht Ihr jetzt den Stellmacher?“

„Wo sind die Gitter vom Kälberhof!“

„Ich habe befohlen, sie an ihre Stelle zu bringen. Was soll man aber mit diesem Volke machen!“ sagte der Verwalter, mit der Hand winkend.

„Nicht mit diesem Volke, sondern diesem Verwalter!“ rief Lewin aufbrausend. „Für was halte ich Euch eigentlich!“ rief er, aber zur Besinnung kommend, daß man damit nicht viel erreiche, hielt er inmitten seiner Rede inne und seufzte nur.

„Nun, können wir denn säen?“ frug er endlich nach einigem Schweigen.

„Wie Turkin sagt, morgen oder übermorgen vielleicht.“

„Und der Kleber?“

„Ich habe Wasil und Mischka geschickt, sie dürften säen. Ich weiß nur nicht, ob sie durchkommen, weil es zu morastig ist.“

„Wie viel Desjatinen laßt Ihr säen?“

„Sechs!“

„Weshalb denn nicht alle?“ rief Lewin.

Daß man nur sechs Desjatinen Kleber säte und nicht alle zwanzig, war noch ärgerlicher. Der Kleber war nach der Theorie sowohl, wie nach seiner eigenen Erfahrung nur gut zu säen, wenn er so zeitig als möglich gesät würde, fast schon noch in den Schnee hinein. Lewin hatte dies indessen niemals durchsetzen können.

„Es sind keine Leute da! Was wollt Ihr mit diesem Volke machen? Drei sind gar nicht gekommen. Da ist auch der Semjon.“

„Hättet Ihr doch das Stroh sein lassen.“

„Ich habe es auch gelassen.“

„Wo sind die Leute?“

„Fünf sind beim Mist, vier schütten Hafer um. Als ob ich mich nicht gesputet hätte, Konstantin Dmitritsch!“

Lewin wußte recht wohl, daß sich diese Andeutung darauf bezog, der englische Samenhafer sei auch schon verdorben – man hatte also wieder nicht gethan, was er befohlen hatte.

„Ich habe aber doch noch während der Fasten gesagt, daß“ – rief Lewin.

„Beruhigt Euch, wir thun alles zur rechten Zeit.“

Lewin winkte zornig mit der Hand und ging nach den Scheunen, um den Hafer zu besichtigen; dann begab er sich nach dem Pferdestall. Der Hafer war noch nicht verdorben, aber die Arbeiter schütteten ihn mit Schaufeln um, obwohl es möglich gewesen wäre, ihn gleich direkt in die niedrigere Scheuer zu schütten. Nachdem Lewin so angeordnet hatte, machte er zwei Leute frei, die nun zum Säen des Klebers verwendet werden konnten. Lewin war jetzt ruhiger geworden über den Ärger mit seinem Verwalter. Der Tag war aber auch so herrlich, daß man nicht zürnen konnte.

„Ignaz!“ rief er seinem Kutscher, welcher mit aufgestreiften Ärmeln am Brunnen den Wagen wusch, „sattle!“

„Welches Pferd?“

„Nun, doch den Kolpik!“

„Sogleich.“

Während das Pferd gesattelt wurde, rief Lewin nochmals den in seiner Nähe herumlaufenden Verwalter, um sich mit ihm auszusöhnen, und begann mit ihm über die bevorstehenden Frühjahrsarbeiten zu sprechen und über seine Wirtschaftspläne.

Man mußte möglichst bald Dünger fahren, damit für die erste Heuernte alles gut vorbereitet war, dann war ein fern gelegenes Feld fleißig zu pflügen, um es in gutem brachen Stande zu erhalten und dergleichen mehr.

Der Verwalter hörte aufmerksam zu und strengte sich offenbar an, die Auseinandersetzungen seines Herrn willig aufzunehmen, allein er besaß dabei einen Lewin nur zu bekannten, diesen stets gereizt machenden, ungläubigen und lässigen Zug, welcher gleichsam zu sagen schien, daß das alles ganz gut sei, wenn Gott es gebe.

Nichts aber erbitterte Lewin mehr, als dieser Ton. Doch war derselbe leider bei allen Verwaltern zu finden, soviel er deren auch schon gehabt hatte.

Sie alle beobachteten ein gleiches Verhalten gegenüber den Anordnungen des Herrn und er geriet deshalb jetzt nicht mehr bloß in Erregung, sondern in wirkliche Erbitterung und fand sich so noch mehr zum Kampfe mit dieser elementaren Kraft gestimmt, die er nicht anders zu benennen vermochte, als mit dem Ausdruck „wenn Gott es giebt“, und die ihm fortwährend so hartnäckig entgegenwirkte.

„Soweit es uns gelingen wird, Konstantin Dmitritsch,“ antwortete der Mann.

„Und weshalb soll es nicht gelingen?“ frug Lewin.

„Wir müssen noch fünfzehn Arbeitskräfte dingen. Es kommen aber keine. Heute – waren welche hier; sie wollen jedoch siebzig Rubel jährlich haben.“

Lewin schwieg; wiederum hatte sich ihm die elementare Kraft entgegengestemmt. Er wußte, daß so viel man auch probierte, nicht mehr als vierzig Arbeiter oder etwa siebenunddreißig, auch achtunddreißig nötig waren; vierzig waren in Dienst genommen, mehr nicht; aber er mochte nicht streiten.

„Schickt doch nach Sury, nach Tschefirowka, wenn keine kommen, muß man welche suchen.“

„Ja; schickt nur,“ sagte Wasiliy Fjodorowitsch mutlos. „Übrigens sind auch unsere Pferde recht schwach geworden.“

„Dann müssen wir neue zukaufen; ich weiß ja,“ fügte er lachend hinzu, „daß Ihr alles weniger und schlechter findet; doch in diesem Jahre werde ich Euch nicht so selbständig Wirtschaft führen lassen. Ich will alles selbst mit angreifen.“

„Ihr scheint überhaupt wenig schlafen zu können. Uns ist es ja angenehmer, wenn wir unter den Augen des Gutsherrn sind.“

„Sät man denn den Kleber draußen im Birkenthal? Ich werde selbst hinausreiten, um nachzusehen,“ sagte er, den kleinen Falben Kolpik besteigend, der ihm vom Kutscher vorgeführt wurde.

„Über den Bach könnt Ihr aber nicht, Konstantin Dmitritsch,“ rief der Kutscher.

„Nun, dann doch durch den Wald.“ Und in scharfem Pasgang des guten starken Pferdes, welches in die Pfützen hinunter schnob, und in die Zügel biß, ritt Lewin über den schmutzigen Hof nach dem Felde hinaus.

War es ihm schon wohl und heiter zu Mut geworden auf dem Viehhofe, so wurde dies noch mehr der Fall draußen auf dem Felde.

Langsamen Trabs ritt er dahin auf seinem guten Tier, die noch von frischem Schneegeruch geschwängerte laue Luft einatmend. Als er durch den Wald kam, über den hier und da wie Staub noch herumliegenden Schnee hineilend, freute er sich über jeden seiner Bäume mit dem an der Wurzel wuchernden Moos, den schwellenden Knospen.

Nachdem er den Wald hinter sich hatte, bereiteten sich vor ihm in ungeheurer Weite gleich einem sammetnen Teppich, ohne kahle Stellen oder Wassertümpel die grünen Fluren aus.

Der Anblick eines Bauernpferdes und eines einjährigen Hengstes die seine Saaten zerstampften – er befahl dem ihm begegnenden Bauern nur, die Tiere wegzutreiben – erzürnte ihn nicht, ebensowenig wie die höhnische und stupide Antwort des Bauern Ipat, den er getroffen und gefragt hatte, ob er bald säen würde.

„Erst müssen wir ackern, Konstantin Dmitritsch,“ hatte derselbe geantwortet.

Je weiter Lewin kam, um so wohler wurde es ihm und Wirtschaftspläne, einer besser als der andere, stiegen vor ihm auf. Er wollte alle seine Felder mit Gebüsch bepflanzen lassen, nach der Mittagsseite zu, damit der Schnee ihnen nicht zu sehr schaden könne, eine Meierei auf einem entfernteren Felde errichten, einen Teich graben lassen und zur Sicherung des Viehs Verschläge konstruieren die sich transportieren ließen. Er besaß jetzt dreihundert Desjatinen Weizen, hundert Desjatinen Kartoffeln und hundertundfünfzig Kleber und keine einzige davon war erschöpft.

Mit diesen Gedanken ritt Lewin, sein Tier vorsichtig auf den Feldrainen hinlenkend, damit es ihm nicht die Saaten zertrete, zu seinen Arbeitern hinaus, welche den Kleber säten.

Der Wagen mit dem Samen stand nicht an dem Rain, sondern auf dem gepflügten Ackerboden und das Wintergetreide war von den Rädern zerfahren und den Hufen der Pferde zerstampft. Die beiden Arbeiter saßen auf dem Rain wie es schien, gemeinschaftlich eine Pfeife rauchend. Die Erde in dem Wagen, mit welcher der Same gemischt worden war, lag noch nicht zerkleinert und in Klumpen zusammengefroren.

Als der Arbeiter Wasil den Herrn erblickte, stand er auf und ging zum Wagen, während Mischka zu säen begann. Sie hatten unrecht gehandelt, aber auf die Arbeiter wurde Lewin selten ungehalten.

Als Wasil herankam, befahl ihm Lewin, das Pferd nach dem Grenzpfahl zu führen.

„O, nein, Herr, es könnte sich überanstrengen,“ antwortete Wasil.

„Überlege nicht selbst, sondern thue gefälligst was dir befohlen wird,“ antwortete Lewin.

„Ich gehorche.“ Wasil nahm das Pferd am Kopfe. „Aber das Säen, Konstantin Dmitritsch,“ sagte er, „es ist erste Sorte. Das Gehen wird einem hier zur wahren Freude; fast ein Pud Lehm nimmt man an den Schuhen mit.“

„Warum ist denn die Erde nicht durchgesiebt worden?“ frug Lewin.

„Wir zerdrücken sie so,“ antwortete Wasil, Samen nehmend und die Erde in den Händen zerdrückend.

Wasil war nicht daran schuld, daß die Erde nicht gesiebt war, aber es war doch verdrießlich.

Lewin indessen, der nicht zum erstenmal mit Vorteil das ihm bekannte Mittel, seinen Ärger hinunterzuschlucken, und alles das, was ihm schlecht erschien, wieder zu verbessern, angewendet hatte, wandte dasselbe auch jetzt an. Er sah zu, wie Mischka säend dahinschritt, große Klumpen Erde, die bei jedem Schritt an seinen Füßen hängen blieben, wegschleudernd, stieg vom Pferde und nahm Wasil den Samenbeutel weg, um selbst zu säen.

„Wo hast du aufgehört?“

Wasil wies mit dem Fuße auf sein Merkzeichen und Lewin begann nun selbst so wie er es verstand, das Erdreich mit dem Samen auszustreuen. Es war sehr schwierig, hier zu gehen, da der Boden einem Moraste glich; Lewin geriet bald in Schweiß, als er so dahinwatete und gab endlich, innehaltend, den Samenbeutel wieder zurück.

„Nun, Herr, im Sommer werdet Ihr mich wohl wegen dieses Säens nicht mehr schelten!“ meinte Wasil.

„Wie meinst du das?“ frug Lewin heiter; er fühlte schon die Wirkung des von ihm angewandten Verfahrens.

„Nun, paßt nur auf im Sommer. Es wird ausgezeichnet. Seht nur, wo ich im vorigen Jahre gesät habe! Seht Ihr, so habe ich für Euch gesorgt, wie für einen leiblichen Vater, und liebe es selbst nicht, schlecht zu arbeiten, heiße es auch keinem anderen. Wenn der Herr sich wohl befindet, befinden wir uns auch wohl. Schaut man da hinaus,“ fuhr Wasil fort, „so lacht einem das Herz.“

„Ein herrlicher Frühling, Wasil.“

„Ja, ein Frühling, wie sich seiner selbst die ältesten Leute nicht erinnern. Daheim bei uns habe ich einen alten Großvater, der hat drei Osminik Weizen gesät; er erzählt, man könne den nicht vom Korn unterscheiden.“

„Habt Ihr den Weizen schon lange gesät?“

„Ihr habt es uns ja im vergangenen Jahre gezeigt und mir zwei Probemaße geschenkt. Ein Viertel davon haben wir verkauft, drei Viertel gesät.“

„Sieh zu, zerreib die Klumpen ja,“ sagte Lewin, an sein Pferd hintretend, „und sieh nach Mischka. Wenn alles gut gehen wird, sollst du fünfzig Kopeken für die Desjatine erhalten.“

„Danke schön, Herr; wir sind Euch ohnehin schon so viel Dank schuldig.“

Lewin saß auf und ritt nun nach dem Felde, auf welchem der vorjährige Kleber stand und nach demjenigen, welches jetzt gepflügt wurde, damit Sommerweizen hineinkommen sollte.

Der Stand der Saat war ausgezeichnet für eine Ernte. Der Kleber hatte schon ausgeschlagen und grünte kräftig zwischen den vorjährigen Stoppeln herauf.

Das Pferd sank bis an die Knöchel ein und jeden Fuß mußte es unter schmatzendem Geräusch aus dem Boden herausziehen, der erst halbgethaut war. Auf dem Ackerfelde aber war gar nicht mehr vorwärts zu kommen; nur dort, wo noch Eis lag, hielt der Boden ein wenig, aber in den zerweichten Ackerfurchen sank der Fuß bis an den Knöchel ein. Es war hier vorzüglich geackert, und in zwei Tagen konnte man hier eggen und säen. Alles befand sich im besten Stande, alles in bester Harmonie.

Auf dem Rückwege ritt Lewin durch den Bach in der Hoffnung, daß das Wasser gefallen sein würde. In der That gelangte er glücklich hindurch und schreckte dabei zwei Enten auf.

„Da müßten auch Waldschnepfen sein,“ dachte er, und in der That traf er schon auf der Rückkehr nach Hause den Waldhüter, welcher seine Vermutung von den Waldschnepfen bestätigte.

Lewin eilte im Trabe heim, um zu essen und für den Abend seine Flinte instand zu setzen.

14

Indem Lewin in heiterster Stimmung in der Nähe seines Hauses ankam, hörte er eine Schlittenglocke von der Seite des Haupteingangs.

„Da kommt jemand von der Eisenbahn an,“ dachte er, „es ist just die Zeit der Ankunft des Moskauer Zuges. Wer könnte das sein? Ha, wie wenn es Bruder Nikolay wäre? Er hatte ja gesagt, es wäre möglich, daß er entweder in das Bad reiste oder vielleicht zu mir käme.“

Es war ihm in der ersten Minute erschreckend und unangenehm, daß die Gegenwart des Bruders seine heitere, glückliche Frühlingsstimmung stören sollte. Aber alsbald empfand er Scham ob dieser Empfindung, und, gleichsam als habe er eine geistige Umarmung bereit, erwartete er ihn nun mit stiller Freude und wünschte jetzt von ganzer Seele, der Ankommende möchte sein Bruder sein.

Er trieb das Pferd an und erblickte, hinter die Akazienallee einbiegend, die herankommende Posttroyka von der Eisenbahnstation und darin einen Herrn im Pelz. Es war nicht sein Bruder.

„Ach, wenn es dann nur ein angenehmer Gesellschafter ist, mit dem man wenigstens reden kann,“ dachte er.

„Aha!“ rief er plötzlich hocherfreut aus, beide Arme hochhebend. „Ah, der liebe Besuch! Wie freue ich mich über dich!“ rief er und erkannte Stefan Arkadjewitsch.

„Jetzt werde ich sofort erfahren, ob sie schon verheiratet ist, oder wann dies der Fall sein wird,“ dachte er. An diesem herrlichen Frühlingstag fühlte er, daß ihn die Erinnerung an sie gar nicht mehr schmerzte.

„Wie; hast du mich nicht erwartet?“ frug Stefan Arkadjewitsch, den Schlitten verlassend, auf Rock, Wange und Brauen ganz bedeckt mit Schmutz, aber in heiterster Laune und bei bester Gesundheit.

„Ich bin gekommen, um dich erstens zu besuchen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, den Freund umarmend und küssend, „zweitens, auf den Anstand zu gehen, und drittens meinen Wald in Jerguschowo zu verkaufen.“

„Reizend! Und welchen Frühling haben wir dazu! Bist du gar noch im Schlitten angekommen?“

„Mit dem Wagen geht es noch schlechter, Konstantin Dmitritsch,“ antwortete der Lewin bekannte Jamschtschik.

„Nun, ich freue mich herzlich, überaus über deine Ankunft,“ lächelte Lewin treuherzig wie ein Kind.

Er führte seinen Gast in das Gastzimmer, in welches auch das Gepäck Stefan Arkadjewitschs gebracht wurde; ein Reisesack, ein Gewehr in Lederüberzug, eine Cigarrentasche; und verließ diesen dann, damit er sich waschen und umkleiden könne, während er selbst sich einstweilen nach dem Kontor begab, um über das Pflügen und den Kleber Rücksprache zu nehmen.

Agathe Michailowna, stets außerordentlich um die Reputation des Hauses besorgt, trat ihm im Vorzimmer mit Fragen über das Abendessen in den Weg.

„Macht alles, wie Ihr wollt, nur schnell,“ sagte er und ging zu dem Verwalter.

Als er zurückkehrte, trat Stefan Arkadjewitsch, gewaschen, gekämmt und mit strahlendem Lächeln aus seiner Thür heraus, und beide stiegen nun nach oben.

„Wie freue ich mich, zu dir gekommen zu sein! Jetzt werde ich erkunden, worin die Geheimnisse bestehen, welche du hier hütest. Indessen, nein, ich beneide dich! Welch ein Haus; wie hübsch hier alles ist! Hell, freundlich,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, vergessend, daß es nicht stets Frühling sei und nicht immer helle schöne Tage gebe, so wie es der heutige war. „Und deine Amme, – famos! – Lieber wäre mir ja freilich eine kleine hübsche Zofe in Kattun gewesen, aber zu deinem mönchischen und strengen Leben – paßt sie vorzüglich.“

Stefan Arkadjewitsch erzählte nun viele interessante Neuigkeiten und unter ihnen besonders die für Lewin höchst wichtige Kunde, daß sein Bruder Sergey Iwanowitsch beabsichtige, im laufenden Sommer auf das Dorf herauszukommen.

Stefan Arkadjewitsch hatte keine Silbe von Kity erwähnt oder überhaupt vom Hause der Schtscherbazkiy, nur einen Gruß seiner Gattin hatte er Lewin überbracht.

Dieser war ihm dankbar für sein Zartgefühl und freute sich des Besuchs. Wie dies gewöhnlich bei ihm war, überkamen ihn in seiner Einsamkeit eine Masse von Gedanken und Empfindungen, die er seiner Umgebung nicht mitzuteilen vermochte und jetzt schüttete er vor Stefan Arkadjewitsch sein Herz aus, seine poetische Freude am Frühling sprach er ihm aus, erzählte von seinen Mißgeschicken und Plänen in der Wirtschaft, seinen Gedanken, seinen Ansichten über die Bücher die er las, und namentlich von der Idee seines eigenen Werkes, dessen Grundlage – obwohl er dessen nicht Erwähnung that – eine Kritik sämtlicher älterer Werke über Landwirtschaft bilden sollte.

Stefan Arkadjewitsch, ohnehin stets freundlich und für jeden Wink empfänglich, war bei diesem Besuche ganz besonders liebenswürdig und Lewin bemerkte an ihm einen ihm selbst noch neuen, schmeichelhaften Zug von Hochachtung, ja etwas wie Zärtlichkeit.

Die Anstrengungen Agathe Michailownas und des Kochs, das Abendessen möglichst opulent herzurichten hatten nur ermöglicht, daß die beiden, vom Hunger geplagten Freunde, sich zum Imbiß niedersetzend, Brot und Butter, die Hälfte einer kalten Gans, und eingesalzene Pilze, sowie das zu sich nehmen konnten, was Lewin Suppe ohne Pasteten nannte, und womit der Koch ganz besonders seinen Besuch imponieren wollte.

Allein Stefan Arkadjewitsch, obwohl er ganz andere Soupers gewöhnt, fand alles ganz vorzüglich; sowohl die Suppe und das Brot, wie die Butter und besonders die Gans und die Pilze und die aus Nesseln bereitete Schtschi, das Huhn in weißer Tunke und den Weißwein aus der Krim – alles war vorzüglich und wunderbar.

„Köstlich, köstlich,“ sagte er, eine dicke Cigarette nach dem Braten in Brand steckend. „Da bin ich zu dir von dem Dampfwagen und seinem Rasseln und Poltern gekommen, in diesen stillen Hafen. Du sagst also, daß das Element der Arbeiter selbst erst noch studiert werden müsse und leitend sei für die Wahl der Methoden in der Landwirtschaft? Ich bin hierin freilich ein Laie, aber es scheint mir, als ob eine solche Theorie und Anpassung einen Einfluß auch auf den Arbeiter selbst haben müsse.“

„Ja wohl; doch höre weiter: Ich spreche nicht von der Nationalökonomie, sondern von einer wissenschaftlichen Landwirtschaft an sich. Sie muß der Naturwissenschaft gleich sein, die gegebenen Erscheinungen in den Kreis ihrer Beobachtungen ziehen und den Arbeiter mit seinem ökonomischen, ethnographischen“ —

In diesem Augenblick trat Agathe Michailowna mit dem Thee ein.

„Nun, Agathe Michailowna,“ sagte Stefan Arkadjewitsch zu ihr, die Fingerspitzen ihrer wulstigen dicken Hände küssend, „welch eine herrliche Gans habt Ihr doch gebracht, welch eine Suppe! – Indessen, ist es nicht etwa Zeit, Konstantin?“ fügte er plötzlich hinzu.

Lewin blickte durch das Fenster nach der Sonne, welche hinter den nacktragenden Wipfeln des Waldes hinunterging.

„Es ist Zeit, Zeit,“ antwortete er hierauf. „Kusma! Spanne die Lineyka an!“ Lewin eilte hinab.

Stefan Arkadjewitsch, ebenfalls hinuntersteigend, nahm sorgfältig den Überzug von einem lackierten Kasten und öffnete diesen, worauf er demselben sein kostbares Gewehr von neuester Konstruktion entnahm.

Kusma, welcher schon ein reiches Trinkgeld witterte, ging nicht von Stefan Arkadjewitsch fort und zog diesem Strümpfe und Stiefeln an, was Stefan Arkadjewitsch ihm recht gern zu thun gestattete.

„Hinterlaß' doch, Konstantin, daß, wenn der Kaufmann Rjabinin kommen sollte, ich ihm befohlen hätte, heute zu kommen und mich zu erwarten.“

„Willst du denn Rjabinin deinen Wald verkaufen?“

„Ja; du kennst ihn wohl?“

„Ob ich ihn kenne! Ich habe mit ihm Geschäfte gehabt auf Treu und Glauben.“

Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus. „Auf Treu und Glauben“ war ein Lieblingsausdruck dieses Kaufmanns.

„Ja, er spricht wunderbar komisch. – Der Hund hat auch schon verstanden, wohin wir jetzt gehen werden,“ fügte Lewin hinzu, mit der Hand Laska streichelnd, der sich winselnd an Lewin schmiegte und diesem bald die Hände, bald die Stiefel und selbst das Gewehr leckte.

Der Schlitten stand schon vor der Thür als sie hinaustraten.

„Ich habe anspannen lassen, obwohl es nicht weit ist; oder wollen wir zu Fuß gehen?“

„Nein; wir wollen lieber fahren,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, an das Gefährt herantretend. Er setzte sich hinein, hüllte seine Füße in das Tigerfell und zündete sich eine Cigarre an. „Wie, rauchst du denn nicht? Die Cigarre ist doch, wenn nicht selbst ein Genuß, sicherlich die Krönung eines solchen, und ein Zeichen vergnügter Stimmung. Das ist Lebensgenuß! Und wie sehr wünschte ich, leben zu können?“

„Stört dich denn jemand daran?“ lächelte Lewin.

„Nein; du aber bist ein glücklicher Mensch. Alles was du liebst, das ist um dich herum; liebst du Pferde – so sind sie da; liebst du die Jagd – so kannst du hinausgehen in den Wald; und willst du dich der Landwirtschaft widmen – so hast du sie vor dir.“

„Es kann schon sein, und infolge dessen, daß ich mich über das freue, was ich um mich herum habe, betrübe ich mich gar nicht über das, was ich nicht habe,“ sprach Lewin und seine Gedanken weilten bei Kity.

Stefan Arkadjewitsch verstand ihn; er blickte ihn an, sprach aber kein Wort.

Lewin war Oblonskiy dankbar dafür, daß derselbe, mit dem ihm stets eignen Takte bemerkend, Lewin scheue sich das Gespräch auf die Schtscherbazkiy zu bringen, nichts von denselben erwähnte.

Jetzt aber verlangte es Lewin doch darnach, das zu erfahren, was ihn so quälte, aber er fand nicht den Mut, davon zu beginnen.

„Wie stehen deine Angelegenheiten?“ frug Lewin, sich daran erinnernd, daß es nicht gut sei, wenn er immer nur an sich selbst denke.

„Du giebst ja freilich nicht zu, daß man noch Semmeln lieben könnte, wenn man schon völlig satt sei, – nach deiner Meinung ist dies ein Verbrechen. Ich aber erkenne kein Leben an ohne Liebe,“ sagte er, die Frage Lewins nach seiner Weise auffassend. „Was ist dagegen zu thun? Ich bin nun einmal so. Und es geschieht damit doch dem Betreffenden so wenig Übles im Vergleich zu der Menge von Angenehmem.“

„Wie, hast du schon wieder eine neue Liaison?“ frug Lewin.

„Allerdings, liebster Freund. Weißt du, du kennst doch den Typus der Ossianischen Weiber, jener Weiber, die man im Traume sieht. – Nun, solche giebt es auch in der Wirklichkeit – und diese Weiber sind furchtbar. Das Frauenzimmer, lieber Freund, ist ein Objekt, welches, so viel man es auch studieren mag, doch immer vollkommen neu bleibt.“

„Dann ist es wohl jedenfalls besser, es gar nicht zu studieren.“

„O nein. Es hat einmal ein Mathematiker gesagt, daß die wahre Befriedigung nicht in der Entdeckung der Wahrheit liege, sondern in der Erforschung derselben.“

Lewin hörte schweigend zu. Ungeachtet aller Anstrengungen, die er machte, konnte er sich nicht dem Ideengang seines Freundes accomodieren und dessen Empfindungen, sowie den Reiz begreifen, der in dem Studium derartiger Frauen liegen sollte.

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02 mayıs 2017
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