Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 19

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Der Ort des Anstandes befand sich unweit oberhalb eines kleinen Flüßchens in einem Espenwäldchen.

Als die beiden an den Wald gelangt waren, stieg Lewin aus und führte Oblonskiy in die Ecke eines moosigen feuchten Wiesenplatzes, der sich schon von der Schneekruste befreit hatte.

Er selbst wandte sich nach dem andern Rande zu einer Birke und entledigte sich, nachdem er sein Gewehr an die Gabel eines dürren, niedrigen Astes derselben gelehnt hatte, seines Rockes, gürtete sich fest und probte nun die Freiheit der Bewegungen seiner Arme.

Der alte graue Hühnerhund Laska, der den Freunden gefolgt war, legte sich behutsam ihm gegenüber und spitzte die Ohren.

Die Sonne sank hinter dem dichten Walde und im Schein des Abendrots zeichneten sich die Birken, die zerstreut in dem Espengebüsch umherstanden scharf mit ihren hängenden Zweigen und den Knospen ab, die schon im Begriff waren, aufzuspringen.

Aus dem Waldesdickicht heraus, in welchem noch der Schnee lag, floß das Wasser kaum hörbar in tausendfach verästelten schmalen Rinnen. Kleine Vögelchen zwitscherten und flogen zeitweilig von Baum zu Baum.

In den Zwischenpausen, die von lautloser Stille ausgefüllt waren, vernahm man das Rascheln des verdorrten Laubes aus dem vorigen Jahre, das von dem Thauen der Erde und dem Springen des Grases bewegt wurde.

„Hier hört und sieht man das Gras wachsen,“ sagte Lewin zu sich, indem er bemerkte, wie sich ein nasses Espenblatt neben der Spitze eines jungen Grashalmes bewegte. Er stand, lauschte und blickte bald niederwärts auf den moosigen feuchten Boden, bald schaute er auf Laska der die Ohren spitzte, und auf die sich vor ihm ausbreitenden nackten Wipfel des Waldes mit dem von weißen Streifen von Wolken überzogenen dämmernden Himmel.

Ein Habicht flog mit langsamem Flügelschlag hoch über dem Walde drüben, ein zweiter kam in der nämlichen Richtung dahergezogen und verschwand. Die Vögel zwitscherten lauter und ängstlicher im Hain. In der Nähe rief ein Uhu, und Laska, erschreckend, machte vorsichtig einige Schritte nach vorwärts; neigte dann den Kopf seitwärts und lauschte. Hinter dem Flusse her wurde ein Kuckuck vernehmbar. Zweimal schrie er mit dem gewöhnlichen Ruf, dann schnarrte er und verstummte.

„Da, schon der Kuckuck!“ sagte Stefan Arkadjewitsch, aus seinem Busche heraustretend.

„Ich höre ihn,“ antwortete Lewin mißvergnügt die Stille des Waldes mit seiner ihm selbst jetzt unangenehm vorkommenden Stimme unterbrechend. „Er ist schon zeitig da.“

Die Gestalt Stefan Arkadjewitschs verschwand wieder im Gebüsch und Lewin sah nur noch das helle Licht eines Streichholzes und darauf das rote Glühen einer Cigarette und deren blauen Qualm.

Tschik-tschick – knackten die Hähne am Gewehr, welche Stefan Arkadjewitsch aufgezogen hatte.

„Was schreit denn dort?“ frug Oblonskiy, Lewins Augenmerk auf ein gedehntes Geräusch lenkend, welches mit seinem Tone, gleichsam schäkernd klang, als ob ein Füllen wieherte.

„Weißt du nicht, was das ist? Das ist ein Hasenmännchen; das mag ruhig sprechen; aber höre, da fliegt etwas,“ rief Lewin fast laut, indem er die Hähne spannte.

Man hörte in der That ein fernes dünnes Pfeifen und in jenem Takt, wie er dem Jäger so bekannt ist, wurde nach zwei Sekunden ein zweites, dann ein drittes Pfeifen vernehmbar und hierauf ertönte ein Schnarchen.

Lewin schaute mit den Augen nach rechts und nach links, – da vor ihm, an dem mattblauen Himmel über den verschlungenen, zarten Schößlingen auf den Wipfeln der Espen erschien ein fliegender Vogel.

Er flog gerade auf Lewin zu; die nahenden Töne seines Schnarchens, ähnlich dem gleichmäßigen Reißen eines straffen Gewebes, ertönten unmittelbar über seinem Ohr; schon war der lange Schnabel sichtbar und der Hals des Vogels und in dem nämlichen Moment, in dem Lewin anlegte, blitzte hinter dem Busche, hinter welchem Oblonskiy stand, ein roter Feuerstrahl auf; der Vogel ging wie ein Pfeil hernieder und stieg dann wieder auf. Nochmals strahlte ein Blitz auf, ein Schuß ertönte und mit schlagenden Flügeln, als strebe er, sich noch in der Luft zu halten, hielt der Vogel im Fluge inne, stand einen Moment und stürzte dann schwer zur nassen Erde hernieder.

„War das etwa fehl geschossen?“ rief Stefan Arkadjewitsch, der hinter dem Rauche nichts hatte sehen können.

„Hier ist sie,“ sagte Lewin, auf Laska zeigend, welcher, das eine Ohr erhebend, und hoch mit der buschigen Spitze seines Schwanzes wedelnd, leisen Schrittes, als wünsche er, daß das Vergnügen länger währe, und als lächle er dazu, den erlegten Vogel seinem Herrn apportierte. „Nun, ich bin froh, daß es dir gelungen ist,“ sagte Lewin zu dem Freunde, dabei aber ein Gefühl des Neides empfindend, daß nicht er die Schnepfe hatte erlegen können.

„Ein schlechter Schuß aus dem rechten Rohre,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, das Gewehr ladend – „st – da kommt wieder eine.“ —

In der That vernahm man das durchdringende, schnell aufeinanderfolgende Pfeifen von neuem.

Zwei Schnepfen, miteinander spielend und sich verfolgend, nur pfeifend aber nicht schnarchend, flogen dicht über den Köpfen der Jäger hin. Vier Schüsse fielen und wie die Schwalben blitzschnell eine Wendung machend, verschwanden die Schnepfen aus dem Gesichtskreis.

Der Anstand war vorzüglich. Stefan Arkadjewitsch erlegte noch zwei Stück, auch Lewin zwei, doch konnte er eine derselben nicht auffinden.

Es begann nun zu dunkeln. Hell und silbern glänzte die niedrigstehende Venus schon am Himmel hinter den Birken hervor in zartem Lichte und hoch im Osten stand der Arkturus düster mit seinem roten Lichte, und gerade über dem Kopfe Lewins flimmerten die Sterne des großen Bären.

Die Waldschnepfen hatten aufgehört zu fliegen, aber Lewin beschloß noch zu warten, bis die Venus, die ihm noch unterhalb eines bestimmten Astes der Birke erschien, über denselben gestiegen sein würde und die Sterne des großen Bären, von denen er erst einen sehen konnte, alle erschienen sein würden.

Die Venus trat denn auch über den Ast der Birke, das Rad des Bären und die Deichsel war schon vollkommen sichtbar an dem dunkeln Himmel, aber er wartete noch immer.

„Ist es nun nicht Zeit?“ meinte Stefan Arkadjewitsch.

Im Walde war es schon still geworden, nicht ein einziger Vogel regte sich mehr.

„Warten wir noch ein wenig,“ sagte Lewin.

„Wie du willst.“

Sie standen jetzt fünfzehn Schritte voneinander entfernt.

„Stefan!“ hub da plötzlich und unvermittelt Lewin an, „weshalb sagst du mir denn nicht, ob deine Schwägerin sich verheiratet hat, oder wann dies geschehen wird?“

Lewin fühlte sich in diesem Augenblicke so fest und ruhig, daß keine Antwort, mochte sie lauten wie sie wollte, ihn hätte aufregen können. Aber das hätte er doch nicht erwartet, was Stefan Arkadjewitsch ihm mitteilte.

„Sie hat nicht daran gedacht zu heiraten, und denkt auch jetzt nicht daran; aber sie ist sehr krank und die Ärzte haben sie in das Ausland geschickt. Man fürchtet sogar für ihr Leben.“

„Was sagst du da!“ schrie Lewin. „Sie ist sehr krank? Was hat sie? Wie ist sie“ —

Im nämlichen Augenblick, als sie dies sprachen, spitzte Laska die Ohren und richtete den Blick erst nach dem Himmel, dann vorwurfsvoll auf die Sprechenden.

„Habt Ihr gar so viel Zeit gefunden, um plaudern zu können?“ schien der Hund zu denken, „und dort fliegt eine Schnepfe, da ist sie – sie werden sie verpassen.“

Aber im selben Moment vernahmen die beiden Freunde das durchdringende Pfeifen, welches sich ihnen gleichsam in die Ohren drängte, und sie faßten plötzlich ihre Gewehre. Zwei Blitze zuckten auf und zwei Donnerschläge hallten in dem nämlichen Augenblick. Die hochfliegende Schnepfe ließ augenblicklich ihre Flügel matt fallen und stürzte in den Hain herab, die zarten Schößlinge knickend.

„Ausgezeichnet! Die ist uns beiden!“ rief Lewin und eilte mit Laska in den Hain, um die Schnepfe zu suchen. „Weshalb war mir dies unangenehm gewesen,“ dachte er jetzt bei sich. „Also Kity krank. Was ist da zu thun? Das ist recht traurig? – Aha, jetzt hat er sie gefunden! Mein kluges Tier,“ sagte er, den noch warmen Vogel aus dem Maule Laskas nehmend und denselben in die fast schon gefüllte Jagdtasche steckend. „Ich habe sie gefunden, Stefan!“ rief er.

16

Während Lewin nach Hause zurückkehrte, erkundigte er sich nach allen Einzelheiten der Krankheit Kitys und nach den Plänen der Schtscherbazkiy und obwohl es ihm schwer gefallen wäre, dies zugestehen zu müssen, so verursachte ihm doch das, was er vernahm, ein Gefühl der Genugthuung.

Ein Gefühl der Genugthuung verursachte es ihm deshalb, weil nun noch Hoffnung war, und noch mehr deshalb, weil sie Schmerzen litt, sie, die ihm so weh gethan.

Als indessen Stefan Arkadjewitsch von den Ursachen der Krankheit Kitys zu reden begann und den Namen Wronskiys erwähnte, unterbrach ihn Lewin:

„Ich habe keinerlei Recht, mich nach den intimen Einzelheiten zu erkundigen, und um die Wahrheit zu sagen, ja auch keinerlei Interesse daran.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich; er fing wohl die momentane ihm so bekannte Veränderung in den Zügen Lewins auf, die jetzt so finster wurden, wie sie eine Minute zuvor noch heiter gewesen waren.

„Hast du denn schon völlig abgeschlossen betreffs des Waldes mit Rjabinin?“ frug Lewin.

„Ja; ich bin in Ordnung; der Preis ist recht gut; achtunddreißigtausend Rubel. Acht im voraus, die übrigen in sechs Jahren. Ich habe lange Zeit geschwankt, aber kein Mensch gab mehr.“

„Das heißt, du giebst den Wald umsonst weg,“ bemerkte Lewin finster.

„Weshalb denn umsonst?“ frug Stefan Arkadjewitsch mit gutmütigem Lächeln, wohl wissend, daß in diesem Augenblick nichts für Lewin sich der Billigung erfreuen würde.

„Weil der Wald zum mindesten fünfhundert Rubel jede Desjatine wert ist,“ versetzte Lewin.

„Ach, über diese Gutsherren,“ rief scherzend Stefan Arkadjewitsch. „Das ist eben Euer Ton der Geringschätzung gegenüber den Standesgenossen aus der Stadt. Wie wir auch handeln, wir glauben stets, am besten gehandelt zu haben! Glaube mir, ich habe alles reiflich überlegt und überdacht,“ sagte er, „der Wald ist sehr vorteilhaft verkauft, so daß ich im Grunde nur noch fürchten muß, er könnte plötzlich von der Abschließung des Geschäftes zurücktreten. Der Wald ist übrigens nur zu Brennholz zu gebrauchen und hält nicht mehr als dreißig Saschen auf die Desjatine; er aber gab mir zweihundert Rubel für die Desjatine.“

Lewin lächelte geringschätzig.

„Ich weiß,“ dachte er, „daß diese Manier nicht nur ihm eigen ist; sie ist allen den vornehmen Stadtherren charakteristisch, die da innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren vielleicht zweimal im ganzen auf dem Dorfe draußen sind und nachdem sie einige Begriffe vom Landleben aufgeschnappt haben, dieselben sofort richtig oder falsch anwenden und damit schon der festen Meinung sind, sie verständen die Landwirtschaft aus dem Grunde. Er sagt dreißig Saschen Holz enthielt in seinem Walde eine Desjatine? Da spricht er eben einfach, ohne etwas zu verstehen. „Ich will dich nicht im entferntesten belehren bezüglich dessen, was du in deinem Amte arbeitest,“ fuhr Lewin fort, „ja, wenn es erforderlich ist, werde ich dich selbst um Rat fragen. Aber bist du ebenso sicher überzeugt, daß du die Forstwissenschaft genau kennst? Dieselbe ist sehr schwierig. Hast du einmal deine Bäume gezählt?“

„Was Bäume zählen?“ sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, in dem beharrlichen Bestreben, den Freund seiner inneren Mißstimmung zu entreißen. „Das wäre Sandkörner zählen, oder die Strahlen der Planeten berechnen, obwohl eine hochstehende Intelligenz“ —

„Ja wohl, aber die hochstehende Intelligenz bedeutet hier Rjabinin. Kein Kaufmann kauft, ohne zu rechnen, wenn man ihm nicht etwas umsonst giebt, wie du dies jetzt thust. Ich kenne deinen Wald genau, denn alljährlich bin ich dort auf der Jagd. Er ist fünfhundert Rubel bares Geld nach der Desjatine wert, während er dir nur zweihundert – und noch obenein auf Raten – zahlen will. Das bedeutet ganz einfach so viel, daß du ihm eben dreißigtausend Rubel schenkst.“

„Du wirst mich nicht so leicht eines anderen belehren können,“ erwiderte Stefan Arkadjewitsch ebenfalls mitleidig, „weshalb hat denn kein Mensch einen höheren Preis auf den Wald geboten?“

„Deshalb, weil er mit den Kaufleuten einig ist; er hat ihnen einfach ein Verzichtgeld gegeben. Ich habe mit ihnen allen zu thun gehabt, und kenne sie genau; das sind ja überhaupt keine eigentlichen Kaufleute, sondern nur Wucherer. Rjabinin geht gar nicht an ein Geschäft, bei dem er etwa nur zehn oder fünfzehn Prozent verdiente, sondern er wartet, bis er für zwanzig Kopeken einen Rubel kaufen kann.“

„Genug nun! Du bist heute nicht bei Laune!“

„Keineswegs,“ versetzte Lewin mürrisch, als beide vor dem Hause anfuhren.

Vor der Freitreppe stand bereits eine stark mit Eisen und Leder beschlagene kleine Tjelega mit einem wohlgefütterten, an breiten straffgespannten Kummetriemen eingespannten Pferde.

In dem Wagen saß steif, rot wie ein Krebs und straff gegürtet ein Handlungsdiener, welcher Kutscherdienste für Rjabinin versah.

Dieser selbst befand sich schon im Hause; er begegnete den beiden Freunden im Vorzimmer. Rjabinin war ein hochgewachsener hagerer Mann in mittleren Jahren; er trug einen Schnurrbart und glattrasiertes Kinn; seine Augen zeichneten sich durch einen trüben glotzenden Schein aus. Bekleidet war er mit einem langschößigen blauen Überrock, dessen Knöpfe tief unter das Gesäß reichten und hohen Stiefeln, die unten faltig waren und dann bis an die Waden herauf glatt standen. Über die Stiefeln hatte er große Galoschen gezogen.

Er wischte sich das Gesicht im Kreise herumfahrend mit dem Taschentuch ab, und bewillkommnete, den Überzieher zuknöpfend, der ihm schon ohnehin sehr gut saß, lächelnd die Eintretenden, Stefan Arkadjewitsch die Hand entgegenstreckend als wünsche er etwas von ihm zu nehmen.

„Seid Ihr also auch angekommen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand reichend. „Schön so.“ —

„Ich wagte es nicht, die Weisung Ew. Excellenz zu überhören, obwohl der Weg allerdings gar zu schlecht war. Ich habe thatsächlich den ganzen Weg zu Fuß gehen müssen, bin aber doch zur rechten Zeit noch eingetroffen. Konstantin Dmitritsch, meine Hochachtung,“ wandte er sich hierauf an Lewin, sich bemühend, auch dessen Hand ergreifen zu können.

Indessen Lewin runzelte die Stirn; er gab sich den Anschein, als bemerke er die dargebotene Hand gar nicht und langte die Schnepfen aus der Jagdtasche heraus.

„Habt Ihr Euch auf der Jagd amüsiert? Was ist das für ein Vogel da?“ fügte er hinzu, geringschätzig auf die Schnepfen blickend, „er ist gewiß recht schmackhaft.“

Mißbilligend schüttelte er den Kopf, als zweifle er außerordentlich daran, daß solch ein Braten die Brühe wert sein könne.

„Wünscht man ins Kabinett?“ sagte Lewin, sich verfinsternd, auf französisch zu Stefan Arkadjewitsch. „Begebt euch ins Kabinett, ihr könnt dort Rücksprache nehmen.“

„Geht ganz gut; wo es gefällig ist,“ bemerkte Rjabinin mit nachlässiger Würde, gleich als wünsche er fühlen zu lassen, daß es wohl für Andere Schwierigkeiten dabei geben könne, wie und mit wem man Umgang pflege, für ihn aber nie und in keiner Beziehung.

In das Kabinett eintretend, blickte sich Rjabinin nach seiner Gewohnheit um, als suche er das Heiligenbild, bekreuzte sich indessen nicht, als er es entdeckt hatte. Er schaute sich die Schränke und Bücherregale an, lächelte mit dem nämlichen Ausdruck des Zweifels und der Geringschätzung wie über die Schnepfen, und schüttelte mißbilligend den Kopf, durchaus nicht zugebend, daß auch dieser Braten die Brühe wert sein könne.

„Nun, habt Ihr Geld mitgebracht?“ frug Oblonskiy, „setzt Euch.“

„Auf das Geld kommt es jetzt noch nicht an. Um uns zu sehen, bin ich eigentlich nur gekommen, und um mit Euch Rücksprache zu nehmen.“

„Worüber denn noch? Aber setzt Euch doch!“

„Bin so frei,“ antwortete Rjabinin und setzte sich in einer Lage in den Lehnstuhl, die er sich, gegen die Lehne gestemmt unmöglich noch unbequemer machen konnte.

„Ihr müßt noch nachlassen, Fürst, es ist gar zu schlimm so. Das Geld liegt bereit bis auf die Kopeke; nach der Zahlung giebt es keinen Rücktritt mehr.“

Lewin hatte während dieses Gesprächs sein Gewehr in den Schrank gestellt, und wollte soeben das Zimmer verlassen. Als er indessen die Worte des Kaufmanns vernahm, blieb er stehen.

„Also habt Ihr den Wald umsonst genommen?“ sagte er. „Der Herr ist leider zu spät zu mir gekommen, sonst würde ich den Preis bestimmt haben.“

Rjabinin stand auf und schwieg, blickte aber lächelnd von unten her an Lewin hinauf.

„Ihr seid sehr sparsam, Konstantin Dimitrisch,“ begann er lächelnd, indem er sich zu Stefan Arkadjewitsch wandte.

„Man kann bei dem Herrn entschieden nichts kaufen; ich hatte Weizen bei ihm einhandeln wollen und gutes Geld geboten.“

„Warum soll ich Euch mein Eigentum umsonst geben? Ich habe es doch auch nicht auf der Erde gefunden, und auch nicht gestohlen.“

„Entschuldigt; in heutiger Zeit ist es ausgesprochenermaßen unmöglich, zu stehlen. Unsere Zeit kennt eine geregelte Gesetzpflege, alles ist jetzt in bester Ordnung. Wir haben als Ehrenmänner miteinander verhandelt, er will seinen Wald sehr teuer verkaufen und nichts davon ablassen, ich aber bitte nur um eine geringe Ermäßigung.“

„Ist denn Euer Geschäft abgeschlossen? Wenn es abgeschlossen ist, so giebt es nichts mehr zu handeln, wenn nicht,“ sagte Lewin, „so werde ich den Wald kaufen.“

Das Lächeln von den Zügen Rjabinins war plötzlich verschwunden. Ein habichtartiger, schurkenhafter und harter Ausdruck zeigte sich auf denselben. Mit den schnellen hageren Fingern nestelte er seinen Überrock auf, öffnete seine Brust vorn, die kupfernen Knöpfe der Weste mit der goldenen Uhrkette und langte schnell eine dicke alte Brieftasche hervor.

„Bitte sehr, der Wald ist mein,“ sagte er, sich schnell bekreuzend und die Hand vor sich streckend. „Nehmt hier das Geld, mein ist der Wald. So handelt Rjabinin und nach Groschen wird hier nicht gefeilscht,“ fügte er hinzu, die Stirne runzelnd und die Brieftasche schwingend.

„An deiner Stelle würde ich doch nicht so hastig sein,“ sagte Lewin.

„Aber, bitte, ich habe mein Wort gegeben,“ bemerkte Oblonskiy verwundert.

Lewin verließ das Gemach und schlug die Thür hinter sich zu, Rjabinin aber, ihm nachblickend, schüttelte lächelnd den Kopf.

„Das ist eben die Jugend, entschieden nur die Jugend. Ich kaufe den Wald, glaubt mir auf Ehre, nur des Rufes halber, daß eben Rjabinin und kein anderer von Oblonskiy einen Wald gekauft hat. Gott wird nur helfen, meine eigene Rechnung dabei zu finden. Glaubt mir bei Gott! Gestattet, wir wollen den Vertrag aufsetzen“ —

Nach Verlauf einer Stunde knöpfte sich der Kaufmann seinen Leibrock und den Überzieher wieder zu, den Kaufvertrag in der Tasche, setzte sich alsdann in seine Tjelega und fuhr heim.

„O, diese vornehmen Herren,“ meinte er zu dem Verwalter, „sie sind immer die nämlichen.“

„Ja wohl,“ versetzte der Verwalter, dem Kaufmann die Zügel reichend und das lederne Schutztuch festknöpfend.

„Wie stände es denn mit einem kleinen Geschäftchen unter der Hand, Michail Ignatjitsch?“

„Nun, wir wollen einmal sehen.“

17

Stefan Arkadjewitsch stieg, die Tasche strotzend voll von dem Papiergeld, welches ihm auf drei Monate im voraus von dem Händler ausgezahlt worden war, zur Treppe hinauf.

Das Geschäft mit dem Walde war abgeschlossen, das Geld war in seiner Tasche, der Anstand auch vorzüglich und er befand sich infolge dessen in heiterster Stimmung; gerade deswegen aber wünschte er sehr, die üble Stimmung, welche Lewin übermannt zu haben schien, zu zerstreuen.

Er wollte den Tag bei dem Abendessen ebenso angenehm beenden, wie er begonnen worden war.

Lewin befand sich in der That nicht bei guter Laune, und er vermochte es ungeachtet aller Anstrengungen, liebenswürdig und freundlich dem teuren Besuch gegenüber zu sein, nicht über sich zu gewinnen, diese Stimmung zu besiegen.

Der Freudenrausch über die Nachricht, daß Kity noch nicht geheiratet hatte, begann ihn etwas abzulenken. Kity war also nicht vermählt, und sie war krank, krank von der Liebe zu einem Menschen der sie verachtet haben mußte. Diese Schmach traf auch ihn in gewisser Beziehung mit. Wronskiy hatte sie verschmäht und sie hatte ihn selbst von sich gewiesen, ihn, Lewin. Wronskiy hatte folglich das Recht auch auf Lewin verächtlich herabzublicken und war demnach sein Feind.

Aber klar zu denken hatte Lewin all das nicht vermocht. Er fühlte nur dunkel, daß in der ganzen Angelegenheit etwas für ihn Kränkendes liege, und zürnte sich jetzt selbst, aber nicht über die Nachricht, die ihn wiederum seines seelischen Gleichgewichts beraubt hatte; er war überhaupt in der Stimmung mit allen, was ihm in den Weg kam, Händel zu suchen.

Der thörichte Verkauf jenes Waldes, der Betrug dem Oblonskiy zum Opfer gefallen, und der sich sogar in seinem Hause vollziehen mußte, versetzte ihn in lebhaftesten Zorn.

„Nun, bist du denn fertig?“ frug er den ihm oben entgegenkommenden Oblonskiy, „willst du essen?“

„Ich hätte durchaus nichts dagegen. Wunderbar, welchen Appetit man so auf dem Lande verspürt. Hast du Rjabinin nicht eingeladen, mit uns zu essen?“

„Zum Teufel mit dem!“

„Wie du den aber auch behandelt hast!“ sagte Oblonskiy, „nicht einmal die Hand hast du ihm gegeben. Weshalb kann man denn das nicht?“

„Deshalb, weil ich einem Lakaien keine Hand gebe, und ein Lakai noch immer hundertmal besser ist, als dieser Mensch.“

„Wie du doch bist; stets auf den Hinterfüßen! Was sagt hierzu der gesellschaftliche Verkehr?“ erwiderte Oblonskiy.

„Wer solchen mit ihm pflegen will, – dem wünsche ich wohl bekomms, mir ist er widerlich.“

„Du bist eben, wie ich sehe, durchaus Opponent.“

„Mag sein; ich habe niemals darüber nachgedacht, was ich eigentlich bin. Ich bin – Konstantin Lewin – weiter nichts.“ —

„Und zwar ein Konstantin Lewin, welcher nicht besonders bei Laune ist,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

„Ja wohl, ich bin nicht bei Laune, und willst du wissen, weshalb? Wegen deiner – entschuldige mich – deiner Dummheit bei dem Verkauf des Waldes.“

Stefan Arkadjewitsch schmunzelte gutmütig, wie ein Mensch, den man unschuldig beleidigt und beunruhigt.

„Nun, genug jetzt! Hat es wohl schon ja auf Erden einen Menschen gegeben, der einmal etwas verkauft hat, und dem man nicht sogleich nach dem Verkauf gesagt hätte, die betreffende Sache sei bei weitem mehr wert? Solange er aber verkaufen will, bietet kein Mensch etwas! Nein, nein, ich sehe wohl, daß du gegen diesen unglückseligen Rjabinin einen gewissen Groll hegst.“

„Mag sein, daß es auch wirklich so ist. Willst du aber auch wissen warum? Du wirst freilich wieder sagen, ich sei widerspenstig, oder sonst eine entsetzliche Bezeichnung auf mich anwenden; aber unter allen Umständen ist es für mich traurig und ich möchte sagen beleidigend, zu sehen, wie sich von allen Seiten her die Verarmung des Adels vollzieht; auch ich gehöre zu dem Adel und bin, trotz aller Etikettevorschriften, froh, zu ihm zu gehören. Diese Verarmung ist keine Folge des Luxus. Dieser könnte noch nicht die Ursache dazu sein, denn das Leben auf dem großen Fuße – das ist ja die einzige Beschäftigung, welche die Adligen eben nur verstehen! Jetzt kaufen die Bauern bei uns in der Umgegend sich Boden auf – ich bin darüber nicht ungehalten. Der Herr thut nichts, der Bauer arbeitet und verdrängt einfach den Müßiggänger. So muß es sein, und ich freue mich über den Bauer, aber mir ist es ärgerlich zu sehen, wie diese Verarmung des Adels in gewisser Weise ohne ein – ich weiß nicht wie ich es nennen soll – Verschulden desselben eintritt! Kauft da ein polnischer Pächter von einer adligen Dame, welche in Nizza lebt, ein herrliches Gut für den halben Preis den es wert ist. Dort giebt man einem Kaufmann die Desjatine Boden für einen Rubel in Pacht, während sie zehn wert ist. Und heute hast du diesem Schufte da ohne jede Ursache dreißigtausend Rubel geschenkt.“

„Aber, soll ich denn wirklich jeden einzelnen Baum berechnen?“

„Natürlich! Du mußt das! Du freilich hast nicht gezählt, aber Rjabinin hat dies gethan. Die Kinder Rjabinins werden Mittel haben zum Leben und zu ihrer Ausbildung, deine aber vielleicht einmal nicht!“

„Nun, entschuldige, aber es liegt doch etwas recht Mühseliges in dieser Berechnung. Wir haben doch eben unseren Beruf, jene hingegen haben den ihrigen, und sie müssen um Gewinn arbeiten. Die Sache ist übrigens abgeschlossen und vorüber. – Da kommt ja auch unser Mauläffchen und mein liebes Herzblättchen. Agathe Michailowna wird uns wohl diesen wundersamen Schtschi vorsetzen.“

Stefan Arkadjewitsch setzte sich an den Tisch und begann mit Agathe Michailowna zu scherzen, indem er ihr versicherte, daß er ein solches Abendessen lange Zeit nicht genossen habe.

„Ihr lobt mich wenigstens einmal,“ meinte Agathe Michailowna, „aber Konstantin Dmitritsch ißt was ich ihm vorsetze, und geht dann ruhig vom Tische; wäre auch nur eine Brotrinde darauf gewesen.“ —

Soviel sich Lewin auch bemühte, sich selbst zu beherrschen, er blieb mürrisch und schweigsam. Er hatte noch eine Frage für Stefan Arkadjewitsch auf dem Herzen, aber er vermochte sich nicht dazu zu entschließen, und konnte auch die Form nicht finden, ebensowenig wie den rechten Augenblick, wo er sie stellen könne.

Stefan Arkadjewitsch war bereits in sein Zimmer hinabgestiegen und hatte sich bereits ausgekleidet. Er wusch sich nochmals, hüllte sich in sein Nachthemd von feinster Seide und legte sich nieder, während Lewin noch immer bei ihm im Gemach verweilte, von den verschiedensten Kleinigkeiten sprechend, aber noch immer nicht imstande, zu fragen, was er fragen wollte.

„Wie wunderbar fabriziert man doch die Seife,“ sagte er, ein Stück wohlriechender Seife besehend und es in den Händen wendend; Agathe Michailowna hatte es dem Gaste hingelegt, aber Oblonskiy war nicht dazu gekommen Gebrauch davon zu machen. „Das muß einer sehen, was das für ein Kunsterzeugnis ist.“

„Ja; wie weit geht nicht heutzutage die allgemeine Vervollkommnung,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, wohlgefällig gähnend. „In den Theatern zum Beispiel, und dann jene erheiternden – ah, ah, ah,“ gähnte er wieder – „auch das elektrische Licht jetzt überall, ah, ah, ah“ —

„Ja, – das elektrische Licht,“ sagte Lewin; „übrigens, wo ist denn eigentlich Wronskiy jetzt,“ frug er, plötzlich das Stück Seife weglegend.

„Wronskiy?“ echote Stefan Arkadjewitsch, ein Gähnen unterdrückend, „er ist in Petersburg. Er fuhr bald nach dir von Moskau weg und ist nicht ein einziges Mal nach dem wieder hier gewesen. Weißt du lieber Konstantin ich will dir die Wahrheit sagen“ – fuhr Stefan fort, sich auf den Tisch stützend und sein hübsches rosiges Gesicht auf den Arm legend, wobei seine Augen gutmütig und schlafselig schimmerten, wie zwei Sterne, „du bist selbst an der ganzen Sache schuld gewesen. Du hast dich vor deinem Rivalen gefürchtet. Und doch habe ich dir damals gesagt, ich wisse nicht, auf wessen Seite mehr Chancen wären. Warum bist du denn nicht in die Bresche getreten? Ich sagte dir damals, daß“ – er gähnte nur mit den Kiefern, ohne den Mund dabei zu öffnen.

„Weiß er oder weiß er nicht, daß ich ihr eine Erklärung gemacht habe?“ frug sich Lewin, auf Stefan schauend. „Es ist etwas Verschlagenes, Diplomatisches in seinem Gesicht,“ dachte er, schweigend und in dem Gefühl, daß er errötete, Stefan Arkadjewitsch voll ins Auge blickend.

„Wenn Kity damals irgendwie beeinflußt gewesen sein sollte, so war dies höchstens eine Bezauberung infolge aufgebotener Grazie seitens Wronskiys,“ fuhr Oblonskiy fort, „weißt du, jener vollendete Aristokratenton und eine künftige hervorragende Stellung in der hohen Welt hatten nicht auf Kity gewirkt, sondern nur auf die Mutter derselben.“

Lewin runzelte die Stirn. Die Kränkung der Abweisung, welche er hatte erfahren müssen, schmerzte jetzt wieder in seinem Herzen wie eine frische, eben erst empfangene Wunde. Aber er war daheim und hier fühlte er sich auf seinem eigenen Grund und Boden.

„Halt ein, halt ein,“ rief er, Oblonskiy unterbrechend, „du sagst, der Aristokratenton! Gestatte mir doch die Frage, worin besteht eigentlich die Aristokratie Wronskiys oder sonst eines beliebigen Menschen, eine Aristokratie, welche sich berufen fühlen dürfte, mich zu verachten? Du hältst Wronskiy für einen Aristokraten – ich nicht! – Ein Mensch, dessen Vater sonstwo aufgetaucht ist, dessen Mutter einst, Gott weiß mit wem allen, in Beziehungen gestanden hat – nein, du mußt schon entschuldigen, aber ich meinesteils halte mich selbst nur für einen Aristokraten und alle diejenigen, die mir ähnlich sind, welche in der Geschichte ihrer Familie auf drei oder vier ehrenhafte Generationen zurückweisen können, die sich auf dem höchsten Standpunkte der Bildung befanden – die Begabung an sich selbst und der Verstand ist Sache für sich – und welche niemals, und vor niemand sich erniedrigt haben, und nie der Hilfe anderer benötigten – so wie dies mein Vater und mein Großvater gethan! Und ich kenne gar viele solcher Leute! Es scheint dir niedrig, daß ich die Bäume im Walde zähle, du aber schenkst Rjabinin lieber dreißigtausend Rubel; natürlich, du empfängst ja auch Gehalt und ich weiß nicht was sonst noch, ich aber nicht, und deshalb halte ich mein väterliches Erbe, das mühsam erworbene, hoch und wert. Wir sind die Aristokraten, nicht diejenigen, welche nur von den Spenden der Großen dieser Erde existieren können, und die man für wenige Heller erkaufen kann.“

„Wen meinst du denn eigentlich? Ich bin völlig mit dir einverstanden,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch aufrichtig und heiter, obwohl er recht gut empfand, daß Lewin unter dem Namen derer, welche man für wenige Heller kaufen könne, auch seine Persönlichkeit mit gemeint sei. Die Aufregung Lewins gefiel ihm in Wahrheit. „Wen meinst du denn eigentlich? Obwohl vieles nicht richtig ist, was du von Wronskiy sprichst, so will ich doch kein Wort darüber verlieren. Ich sage dir offen, an deiner Stelle würde ich mit nach Moskau fahren“ —

„Niemals; ich weiß freilich nicht, ob dir etwas Gewisses bekannt oder unbekannt ist; mir ist dies völlig gleich; jedenfalls aber will ich dir sagen, daß ich eine Erklärung gegeben und eine Zurückweisung erfahren habe und daß Katharina Aleksandrowna heute für mich nur noch eine bittere und mich selbst entehrende Erinnerung ist.“

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02 mayıs 2017
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