Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 21

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Er fühlte all das Peinliche sowohl seiner als ihrer Lage, all die Schwierigkeit angesichts der Kompromittierung vor den Blicken der Welt, in der sie verkehrten, ihre Liebe zu verheimlichen, zu lügen und zu täuschen; zu lügen und zu betrügen und unaufhörlich auf die Umgebung Rücksicht nehmen zu müssen, obwohl doch die Leidenschaft die sie beide band, so mächtig war in ihnen, daß sie alles andere vergaßen, außer dieser Leidenschaft.

Er gedachte lebhaft aller der so häufig sich wiederholenden Fälle der Notwendigkeit zu lügen und zu betrügen, die seiner Natur doch sonst so fremd waren; er dachte besonders lebhaft daran, was er schon öfter bei sich bemerkt hatte, daß das Gefühl der Beschämung über diese Zwangslage zu Lug und Trug in ihm aufgekeimt war.

Seit der Zeit seines Verhältnisses zu Anna hatte er eine ihn bisweilen nur überkommende seltsame Empfindung. Es war das Gefühl des Ekels über etwas Unbestimmtes – ob vor Aleksey Aleksandrowitsch, vor sich selbst, oder vor der ganzen Welt – er wußte es nicht genau.

Daher suchte er dies seltsame Gefühl stets von sich zu weisen – aber gleichwohl setzte er den Gang seiner Gedanken jetzt fort.

„Ja, sie war vordem unglücklich, aber stolz und still; jetzt aber kann sie nicht mehr ruhig und würdevoll sein, wenngleich sie auch dem nicht Ausdruck verleiht. Es muß entschieden ein Ende nehmen,“ beschloß er endlich bei sich selbst.

Zum erstenmal kam ihm klar der Gedanke in den Kopf, daß er zweifelsohne dieses Lügenleben abbrechen müsse und zwar je schneller um so besser; „wir müssen alles verlassen; sie und ich, und müssen uns beide an einem fremden Orte allein mit unserer Liebe verbergen,“ so sprach er zu sich selbst.

22

Der Regenguß währte nicht lange Zeit, und als Wronskiy im vollen Trab des Rassepferdes, welches die beiden ohne Zügel beigespannten, im Morast nebenher laufenden Beipferde nach sich zog, ankam, schaute bereits die Sonne wieder hervor und die Dächer der Villen, die alten Linden in den Gärten zu beiden Seiten der Hauptstraße schimmerten in feuchtem Glanze; von den Zweigen tropfte das Wasser lustig hernieder, von den Dächern rann es herab.

Er dachte schon nicht mehr daran, daß dieser Regen die Rennbahn verderben werde, sondern er freute sich darüber, daß er dank diesem Regen sie daheim und allein antreffen würde. Wußte er doch, daß Aleksey Aleksandrowitsch, erst unlängst aus dem Bade zurückgekehrt, noch nicht von Petersburg herübergekommen war.

In der Hoffnung, Anna allein zu finden, stieg Wronskiy wie er dies stets zu thun pflegte, um weniger Aufsehen zu erregen, aus, ohne über das Brückchen vor dem Hause zu fahren, und ging zu Fuß hinein. Er schritt auch nicht von der Straße zur Freitreppe empor, sondern begab sich in den Hof.

„Ist der Herr schon angekommen?“ frug er den Gärtner.

„Nein, aber die Herrin ist daheim. Wollt Ihr nicht die Freitreppe hinaufgehen, es sind dort Leute, die Euch öffnen werden,“ versetzte der Gärtner.

„Nein, ich will vom Garten aus hineingehen.“

Nachdem er sich so überzeugt hatte, daß sie allein sei, schritt er, im Wunsche sie zu überraschen, da er ihr nicht versprochen hatte, heute zu ihr zu kommen, und sie infolgedessen nicht daran denken konnte, daß er noch vor den Rennen sie besuchen werde, vorsichtig den Säbel aufnehmend über den Sand des Weges der mit Blumen eingesäumt war, zur Terrasse, welche nach dem Parke hinausging.

Wronskiy hatte jetzt alles vergessen, was er unterwegs über die Schwierigkeit und Beengtheit seiner Lage gedacht hatte, er dachte jetzt nur das Eine, daß er sie im nächsten Augenblick schon sehen sollte, und zwar nicht nur im Geiste, sondern in der Wirklichkeit, so wie sie lebte, wie sie war.

Er hatte schon, so leise als möglich, um jedes Geräusch zu vermeiden, die Terrasse betreten, als ihm plötzlich etwas einfiel, was er stets vergessen hatte, das, was den peinlichsten Punkt in seinen Beziehungen zu ihr bildete – ihr Söhnchen mit seinem fragenden, ihm feindselig erscheinenden Blick.

Dieser Knabe war häufiger als alle anderen ein Hindernis in ihrem beiderseitigen Verhältnis gewesen. Wenn er anwesend war, wagte es weder Wronskiy noch Anna, irgend etwas selbst andeutungsweise zu berühren, was sie in Anwesenheit aller nicht hätten berühren können, ja sie gestatteten sich selbst nicht einmal, in Andeutungen zu sprechen, welche der Knabe noch nicht verstehen konnte.

Sie sprachen kein Wort hierüber, und alles wurde, gleichsam als wäre dies selbstverständlich, einfach unterdrückt. Hätten sie es doch für eine Beleidigung der eigenen Person angesehen, wenn sie dieses Kind täuschten und so sprachen sie in seiner Gegenwart nur, wie alte Bekannte eben zu reden pflegen.

Aber ungeachtet dieser Vorsicht, sah Wronskiy dennoch häufig den Blick des Knaben starr, aufmerksam und zweifelnd auf sich gerichtet und fühlte eine seltsame Scheu und Unsicherheit, bald Freundlichkeit, bald Kühle und Beklommenheit in den Beziehungen desselben zu sich.

Es war als ob das Kind es fühlte, daß zwischen diesem Manne und seiner Mutter eine ernste Verbindung bestehe, deren Bedeutung er nur noch nicht zu erkennen vermochte.

In der That fühlte der Knabe, daß er diese geheimen Beziehungen nicht begreifen könnte; er strengte sich an, vermochte aber nicht, sich das Gefühl klar zu machen, welches er diesem Manne gegenüber empfinden mußte.

Mit diesen Ahnungen in der Erklärung jenes Gefühles, erkannte der Knabe recht wohl, wie sein Vater, die Gouvernante, die Amme, alle um ihn herum, Wronskiy nicht nur nicht liebten, sondern vielmehr mit Abscheu und Schrecken nach ihm blickten, obwohl niemand von ihm sprach, sowie, daß seine Mutter ihn wie ihren besten Freund betrachtete.

Was bedeutet das? Wer ist dieser Mann? Wie soll ich ihn lieben? Da ich dies nicht verstehen kann, so bin ich thöricht oder schlecht, dachte das Kind, und hiervon rührte sein forschendes, fragendes, teils feindseliges Benehmen, seine Schüchternheit und Ungleichheit her, die Wronskiy so verlegen machte.

Die Gegenwart dieses Kindes rief stets wieder in Wronskiy jenes seltsame Gefühl unerklärlichen Widerwillens hervor, welches er in der letzten Zeit in sich empfunden hatte. Sie rief in ihm und in Anna ein Gefühl hervor, welches dem eines Seefahrers ähnlich war, der nach dem Kompaß schaut und sieht, daß die Richtung in der er sich schnell vorwärts bewegt, weit von der richtigen abliegt, und daß es doch nicht in seinem Vermögen steht, diese Bewegung zu hemmen, daß ihn dabei jede Minute weiter und weiter mit fortführe und er sich gestehen müsse in dieser Entfernung von der vorgeschriebenen Richtung – das alles gleichgültig sei und man sich in das Verderben fügen müsse.

Dieses Kind mit seinem naiven Blick auf das Leben war der Kompaß, der beiden den Grad ihrer Verirrung von dem zeigte, was sie genau kannten, aber nicht kennen wollten.

Heute war der kleine Sergey nicht zu Haus und Anna war vollständig allein. Sie saß auf der Terrasse, die Rückkehr ihres Kindes erwartend, welches gegangen war, um sich im Freien zu tummeln und Regentropfen zu haschen. Sie hatte einen Diener und eine Zofe es zu suchen geschickt und saß nun wartend allein.

Anna war in eine weiße Robe gekleidet und saß in einer Ecke der Terrasse hinter Blumen, ohne ihn kommen zu hören.

Das schwarzgelockte Haupt neigend, drückte sie die Stirn an die kalte Vase, welche auf dem Geländer stand und hielt sich an derselben mit ihren beiden schönen Händen, an welchen die Ringe staken, die ihm so wohlbekannt waren. Die Schönheit ihrer ganzen Erscheinung, des Hauptes, des Halses, der Hände, überraschte Wronskiy stets von neuem und berührte ihn gleichsam von neuem wie etwas Unerwartetes.

Er stand, voll Entzücken auf sie blickend. Kaum aber wollte er einen Schritt vorwärts thun, um sich ihr zu nähern, da empfand sie seine Nähe, sie ließ die Vase los und wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu.

„Was ist Euch, fühlt Ihr Euch nicht wohl?“ frug er sie auf französisch, ihr näher tretend. Er wollte auf sie zueilen, warf aber zuvor, indem er sich ins Gedächtnis rief, daß Fremde da sein könnten, einen Blick nach der Balkonthür und errötete, wie er stets errötete, wenn er fühlte, daß er in Furcht und Vorsicht handeln müsse.

„Nein; ich bin gesund,“ versetzte sie, sich erhebend und seine dargereichte Hand fest drückend. „Ich erwartete dich nicht“ —

„Mein Gott, wie kalt diese Hände sind!“ rief er aus.

„Du hast mich erschreckt,“ antwortete sie: „ich bin allein und erwarte meinen Sergey; er ist spielend fortgelaufen, sie müssen von hierher kommen.“

Obwohl sie sich bemühte, ruhig zu bleiben, bebten ihre Lippen.

„Verzeiht mir, daß ich gekommen bin, aber ich vermochte den Tag nicht zu verbringen, ohne Euch nur einmal wiederzusehen,“ fuhr er französisch fort, wie er stets that, wenn er das unmöglich klingende, kalte russische „Ihr“ ebenso wie das gefahrbringende russische „du“ umgehen wollte.

„Weshalb verzeihen? Ich freue mich ja!“

„Aber Ihr seid doch unwohl oder verstimmt,“ fuhr er fort ohne ihre Hände freizulassen und sich zu ihr herniederbeugend. „Woran dachtet Ihr?“

„Nur immer an Eins,“ antwortete sie lächelnd.

Sie sagte damit die Wahrheit. Wenn es auch sein mochte, zu jeder Minute zu der man sie hätte fragen mögen, woran sie denke, konnte sie ohne einen Irrtum befürchten zu müssen, antworten, daß sie nur an das Eine, an ihr Glück und an ihr Unglück, gedacht habe.

Auch jetzt hatte sie daran gedacht, als er zu ihr kam; sie dachte daran, weshalb für die anderen, für Bezzy zum Beispiel – sie kannte deren vor der Welt geheim gehaltenes Verhältnis zu Tuschkewitsch – alles dies so leicht war, für sie selbst aber so qualvoll.

Heute quälte sie dieser Gedanke unter dem Drucke verschiedenartiger Erwägungen ganz besonders. Sie erkundigte sich nach den Rennen, er antwortete ihr, da er wahrnahm, daß sie sich in Aufregung befinde, im Bemühen sie zu zerstreuen und begann ihr in möglichst unbefangenem Tone Einzelheiten über die Anstalten zu den bevorstehenden Rennen zu erzählen.

„Soll ich es sagen oder nicht?“ dachte sie hierbei, in seine ruhigen, freundlichen Augen blickend. „Er ist so glücklich, so beschäftigt mit seinen Rennen, daß er nichts verstehen wird, wie es nötig ist, daß er nie die ganze Bedeutung, die dieses Verhältnis für uns hat, erkennen wird.“

„Aber Ihr habt nur noch nicht gesagt, woran Ihr dachtet, als ich eintrat,“ fuhr er fort, sein Gespräch abbrechend, „sagt mir es doch, bitte!“

Sie antwortete nicht, sondern blickte nur, den Kopf ein wenig neigend, verstohlen und fragend mit ihren schimmernden Augen unter den langen Wimpern nach ihm empor. Ihre Hand, mit einem abgepflückten Blatte spielend, zitterte. Er gewahrte dies und sein Gesicht drückte wieder jene Ergebenheit, jene knechtische Hingebung aus, die sie dereinst so sehr gewonnen hatte.

„Ich sehe, daß etwas vorgefallen ist. Kann ich aber eine Minute ruhig sein, wenn ich weiß, daß Ihr ein Leid tragt, welches ich nicht teilen soll? Sprecht zu mir, um Gottes willen,“ sprach er in beschwörendem Tone.

„Ich würde es ihm nie verzeihen, wenn er nicht die ganze Bedeutung der Sache erfassen könnte. Es ist daher besser, ich spreche gar nicht; weshalb eine solche Probe machen,“ dachte sie bei sich selbst, ihn beständig anblickend und fühlend, wie ihre Hand mit dem Blatte mehr und mehr zu zittern begann.

„Bei Gott beschwöre ich Euch,“ wiederholte er, ihre Hand ergreifend.

„Soll ich sprechen?“

„Ja, ja!“

„Ich bin gesegnet,“ sprach sie leise und langsam.

Das Blatt in ihrer Hand bebte noch stärker, sie aber ließ ihn nicht aus den Augen, um zu ergründen, wie er die Nachricht aufnehme.

Er war bleich geworden, wollte etwas antworten, hielt aber inne. Dann ließ er ihre Hand frei und senkte den Kopf.

„Ja, er hat sie erfaßt, die Bedeutung dieses Ereignisses,“ dachte sie und drückte ihm dankbar die Hand.

Aber sie irrte in der Annahme, daß er die Tragweite dieser Nachricht so begriffen hätte wie sie, das Weib, sie erfaßte.

Mit verzehnfachter Macht empfand er bei derselben die Wirkung jenes seltsamen, ihn öfter überkommenden Gefühls des Ekels vor etwas ihm Unbekannten, zugleich aber erkannte er auch, daß jene Krise, die er ersehnt hatte, jetzt herbeikam, daß jetzt vor dem Gatten nichts mehr verheimlicht werden könne und daß es notwendig werde, so oder so, möglichst schnell dieser unnatürlichen Situation ein Ende zu machen.

Nichtsdestoweniger aber teilte sich auch ihm ihre physische Erregung mit. Er schaute mit mildem ergebenen Blick auf sie, küßte ihre Hand, erhob sich und begann langsam auf der Terrasse umherzugehen.

„Ja wohl;“ sagte er, entschlossen zu ihr hintretend. „Weder ich noch Ihr haben auf unser Verhältnis so geblickt, daß wir es etwa als Spielerei aufgefaßt hätten. Heute aber hat sich unser Geschick entschieden. Wir müssen unfehlbar ein Ende machen,“ sagte er, sich umblickend, „mit dieser Lüge, in der wir leben.“

„Ein Ende machen? Inwiefern denn, Aleksey?“ frug sie leise.

Sie hatte sich jetzt beruhigt und ihr Gesicht strahlte in zärtlichem Lächeln.

„Den Mann verlassen und unser Leben vereinigen.“

„Es ist ja ohnehin schon vereinigt,“ bemerkte sie kaum vernehmbar.

„Ja, indessen ganz, vollständig muß dies geschehen.“

„Aber wie denn, Aleksey, wie denn, belehre mich doch!“ frug sie, mit traurigem Lächeln über die hoffnungslose Verwickelung ihrer Lage. „Giebt es denn einen Ausweg aus solcher Lage? Bin ich nicht das Weib meines Gatten?“ —

„Es giebt Auswege aus jeder Lage. Man muß nur einen Entschluß fassen,“ sagte er. „Alles wird besser sein, als diese Situation, in welcher du dich befindest. Ich sehe ja, wie du dich mit allem selbst peinigst, mit der Welt, deinem Sohne und deinem Manne.“

„O, nur nicht mit dem Manne,“ versetzte sie mit treuherzigem Lächeln. „Ich weiß nichts von ihm und denke seiner nicht. Er ist für mich nicht da.“

„Du sprichst nicht aufrichtig. Ich kenne dich. Du machst dir ein Gewissen über ihn.“

„Aber er weiß es doch nicht,“ sagte sie und eine helle Röte stieg ihr plötzlich in das Gesicht; Wangen, Stirn und Hals erröteten und Thränen der Scham traten ihr in die Augen. „Wir wollen nicht mehr von ihm sprechen.“

23

Wronskiy hatte schon mehrfach, wenn auch nicht so entschieden, versucht, wie jetzt, Anna zu einer Beurteilung ihrer Lage zu veranlassen. Er war stets auf jene Oberflächlichkeit, jenen Leichtsinn im Urteilen gestoßen, mit dem sie ihm auch jetzt geantwortet hatte auf seine Aufforderung.

Es lag etwas darin, was sie sich gleichsam nicht klar machen konnte oder wollte, gleich als ob, sobald sie nur hierüber zu sprechen begann, sie selbst in sich selbst hineingehen müßte, und als eine ganz andere wieder aus sich herauskäme, als eine seltsame, ihm fremde Frau, die er nicht liebe und nur fürchte, und welche ihm Widerstand leiste.

Heute aber hatte er den Entschluß gefaßt, ihr eine volle Erklärung zu geben.

„Weiß er nun etwas oder nicht,“ frug Wronskiy in seinem gewohnten, festen, ruhigen Ton, „weiß er nun etwas oder nicht, uns geht das nichts an. Wir können nicht – Ihr könnt unter obwaltenden Verhältnissen nicht so bleiben, besonders jetzt.“

„Aber was ist zu thun, nach Eurer Meinung?“ frug sie mit dem alten leichtsinnigen Spott.

Sie, die so sehr gefürchtet hatte, er möchte ihre Hiobspost zu leicht auffassen, sie fühlte sich jetzt davon gekränkt, daß er infolge derselben ausführte, es müsse gehandelt werden.

„Man muß ihm alles erklären und ihn verlassen.“

„Nicht übel, wenn ich dies thäte,“ antwortete sie.

„Ihr wißt wohl, was aus alledem folgen müßte?“

„Ich kann Euch alles im voraus erzählen“ – ein böser Glanz entzündete sich in diesen noch vor einer Minute so weichgewesenen Blicken: „Aha, Ihr liebt einen anderen und seid mit diesem in ein verbrecherisches Verhältnis getreten“ – bei der Nachahmung ihres Gatten that sie, was Aleksey Aleksandrowitsch gethan hatte; sie legte einen Nachdruck auf das Wort verbrecherisch. „Ich habe Euch vorher auf die Folgen eines solchen in religiöser, in bürgerlicher und familiärer Beziehung aufmerksam gemacht. Aber Ihr habt mich nicht gehört. Jetzt kann ich meinen Namen nicht der Schande überliefern – ebensowenig wie meinen Sohn,“ wollte sie hinzufügen, aber über den Sohn vermochte sie nicht zu scherzen, „der Schande nicht überliefern,“ ergänzte sie und sprach noch weiter in dieser Weise. „Im allgemeinen wird er mit seiner aristokratischen Manier, seiner Klarheit und Präzision sagen, er könne mich nicht von sich lassen, sondern werde Maßregeln, die von ihm abhingen, ergreifen, um den Skandal zu vermeiden. Und er wird ruhig und gewissenhaft thun, was er sagt. So wird es kommen. Er ist kein Mensch, sondern eine Maschine, aber eine gefährliche Maschine, wenn sie erzürnt ist,“ fügte sie noch hinzu, in der Erinnerung an Aleksey Aleksandrowitsch und an alle Einzelheiten seiner Erscheinung, seiner Sprechweise, und ihm alles zum Fehler anrechnend, was sie nur Übles an ihm zu entdecken vermochte, und ohne ihn um Verzeihung zu bitten für die furchtbare Sünde, deren sie sich vor ihm schuldig gemacht hatte.

„Aber Anna,“ fuhr Wronskiy mit überzeugender weicher Stimme fort, sich bemühend, sie zu beruhigen, „es ist doch notwendig, ihm alles zu sagen und sich dann dem zu fügen, was er unternehmen wird.“

„Und wie stände es mit einer Flucht?“

„Weshalb nicht fliehen? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, dieses Verhältnis fortzusetzen, und spreche nicht in meinem Interesse, sondern ich sehe, daß Ihr leidet!“

„Ja, fliehen; und ich muß alsdann Eure Geliebte werden,“ sagte sie bitter.

„Anna,“ antwortete er vorwurfsvoll zärtlich.

„Ja, ja,“ fuhr sie fort, „ich werde Eure Geliebte werden und alles ins Unglück stürzen.“

Sie wollte wiederum hinzufügen „auch mein Kind“; aber sie vermochte nicht, dieses Wort auszusprechen.

Wronskiy konnte nicht begreifen, wie sie mit ihrer starken, ehrenhaften Natur imstande war, diese Situation voller Lug und Trug noch zu ertragen, daß sie nicht wünschte, sich derselben zu entziehen, doch er ahnte ja nicht, daß der hauptsächlichste Grund hierfür das Wort „Sohn“ bildete, das sie nicht über die Lippen zu bringen vermochte.

Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute, über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit dem Sohne werden solle.

„Ich bitte, ich beschwöre dich,“ sagte sie mit plötzlich völlig verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend, „sprich nie mit mir hierüber!“

„Aber, Anna“ —

„Nie! – Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir; sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen? Nein, nein, versprich“ —

„Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht Ruhe finden kannst.“

„Ich?“ fuhr sie fort. „Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.“

„Ich verstehe dich nicht,“ sagte er.

„Ich weiß wohl,“ unterbrach sie ihn, „wie schwer es deiner ehrenhaften Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran, wie du für mich dein Leben untergraben hast.“

„Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,“ sagte er, „wie konntest du meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.“

„Ich unglücklich?“ sagte sie, sich ihm nähernd, und ihn mit verzücktem Lächeln der Liebe anblickend, „ich erscheine mir wie ein hungriger Mensch, dem man Speise gereicht hat. Mag sein, daß er dabei friert und sein Kleid zerrissen ist, daß er sich schämt darob – er ist aber doch nicht unglücklich. Ich unglücklich? Nein, hier ist mein Glück!“

Sie vernahm die Stimme ihres heraneilenden Söhnchens und erhob sich jäh, die Terrasse mit schnellem Blick überfliegend.

Ihr Blick erglühte in jenem Feuer, das er kannte, mit schneller Bewegung erhob sie ihre mit Ringen bedeckten schönen Hände, nahm ihn beim Kopfe und blickte ihn mit langem Blicke an, dann näherte sie ihr Antlitz mit halbgeöffneten lächelnden Lippen, küßte ihn schnell auf den Mund und beide Augen und stieß ihn dann von sich. Sie wollte forteilen, doch er hielt sie.

„Wann?“ frug er flüsternd, sie mit entzückten Blicken messend.

„Heute, um ein Uhr,“ flüsterte sie und ging dann, unter einem schweren Seufzer, mit ihren leichten und schnellen Schritten dem Sohne entgegen.

Sergey hatte den Regen im großen Parke abgewartet, mit seiner Amme in einer Laube sitzend.

„Also auf Wiedersehen,“ sagte sie zu Wronskiy. „Nun muß ich bald zu den Rennen. Bezzy hat versprochen, mich abzuholen.“

Wronskiy blickte nach seiner Uhr und ging eiligst von dannen.

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02 mayıs 2017
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