Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 20
„Weshalb denn? Das ist ein Unsinn!“
„Wir wollen nicht weiter reden. Entschuldige mich gefälligst, wenn ich zu schroff gegen dich war,“ sagte Lewin. Jetzt nachdem er sich ausgesprochen hatte, war er wieder der Nämliche, der er am Morgen dieses Tages gewesen. „Du zürnest mir doch nicht, Stefan? Ich bitte dich, nicht ungehalten auf mich zu sein?“ Lächelnd nahm er Stefan Arkadjewitschs Hand.
„Nein, nein, durchaus nicht; ich wüßte auch nicht, warum. Freue ich mich doch vielmehr, daß wir uns einmal gegenseitig ausgesprochen haben. Aber weißt du, ein Morgenanstand wäre etwas Herrliches. Wollen wir nicht fahren? Ich würde dann gar nicht schlafen, sondern mich direkt vom Anstand zur Bahnhofstation begeben.“
18
War auch das innere Leben Wronskiys gänzlich ausgefüllt von seiner Leidenschaft, so floß sein äußeres Leben unverändert und ungehindert in den alten gewohnten Geleisen der gesellschaftlichen und militärischen Beziehungen und Interessen dahin.
Die Interessen seines Regiments bildeten in Wronskiys Leben ein wichtiges Gebiet, sowohl deshalb, weil er sein Regiment liebte, als noch mehr deshalb, weil man ihn selbst liebte im Regiment.
Man liebte Wronskiy nicht nur im Regiment, sondern man achtete ihn auch und war stolz auf ihn daselbst, man brüstete sich damit, daß dieser Mann, so ungeheuer reich, mit so vorzüglicher Bildung und Fähigkeiten, so augenscheinlicher Prädestination für Karriere, Ehrgeiz und Ehrsucht, gleichwohl alles dies hintenansetzte, und von allen Interessen des Lebens, diejenigen seines Regiments und seiner Kameraden seinem Herzen am nächsten stellte.
Wronskiy kannte diese Meinung der Kameraden über ihn, und nicht genug daß er ein solches Leben liebte, fühlte er sich auch verpflichtet, jene Ansichten über ihn stets zu rechtfertigen.
Es versteht sich von selbst, daß er mit keinem seiner Kameraden von seiner Liebe gesprochen hatte; selbst in den wüstesten Gelagen that er es nicht – übrigens war er auch nie bis zu dem Grade berauscht, daß er die Beherrschung seiner selbst verloren hätte – und verstopfte den Leichtfertigen unter seinen Kameraden den Mund, welche es versuchten, auf sein Liebesverhältnis anzuspielen.
Dessen ungeachtet war dieses Verhältnis in der ganzen Hauptstadt bekannt, und jedermann wußte mehr oder weniger genau über seine Beziehungen zur Karenina zu sprechen.
Die Mehrzahl der jungen Männer beneidete ihn namentlich um das, was gerade das Schwerwiegendste in dieser Liebe war – um die hohe Stellung Karenins und daher um die Bloßstellung der Liebschaft vor der Welt.
Die Mehrzahl der jungen Frauen welche Anna mißgünstig waren, weil es ihnen schon längst unangenehm gewesen war, daß man sie „die Tugendhafte“ nannte, freute sich nun auf das, was sie voraussahen. Man wartete lediglich auf den Umschlag in der gesellschaftlichen Meinung, um über sie mit der ganzen Wucht der Verachtung herfallen zu können.
Sie häuften gleichsam jene Haufen von Unrat auf, mit denen man sie werfen wollte, sobald die Zeit dazu gekommen sein würde.
Die Mehrzahl der älteren Leute endlich und die Hochgestellten waren ungehalten über diesen gesellschaftlichen Skandal, der sich hier vorbereitete.
Die Mutter Wronskiys, welche von dem Verhältnis erfahren hatte, war anfänglich nicht ungehalten darüber; einmal deshalb, weil nichts einem jungen vornehmen Manne nach ihren Begriffen den letzten Schliff so verlieh, als eine Konnexion in der höchsten Sphäre, dann aber auch deshalb, weil die Karenina, die ihr so sehr gefallen hatte und so viel von ihrem Söhnchen sprach, ganz und gar ein Weib war wie es alle schönen und echten Weiber sind – nach den Begriffen der Gräfin Wronskaja.
In letzter Zeit aber hatte sie nun erfahren, daß ihr Sohn eine ihm angetragene, für seine Carriere wichtige Stellung nur deshalb ausgeschlagen hatte, um bei seinem Regimente bleiben zu können, wo er die Karenina sehen konnte; sie hatte erfahren, daß deswegen hochgestellte Personen mit ihm unzufrieden waren – und sie änderte infolge dessen ihre Meinung.
Ihr gefiel auch nicht, daß es sich nach alledem, was sie über diese Liaison erfuhr, hier nicht um eine glänzende, feinsinnige Konnexion in der großen Welt handelte, wie sie sie gebilligt haben würde, sondern um eine Art verzweifelter Wertherscher Leidenschaft, wie man ihr erzählte, die ihn leicht zu Thorheiten hinreißen konnte.
Sie hatte ihren Sohn seit dessen unvermuteter Abreise von Moskau nicht wieder gesehen und ihn durch ihren ältesten Sohn ersuchen lassen, einmal zu ihr zu kommen. Der älteste Bruder war gleichfalls ungehalten über den jüngeren. Er machte keinen Unterschied, um was für eine Liebe es sich hier handelte, ob um eine große oder kleine, eine leidenschaftliche oder nicht leidenschaftliche, eine lasterhafte oder nicht lasterhafte – er selbst, obwohl er Kinder hatte, hielt sich eine Balleteuse und war infolge dessen sehr nachsichtig für ähnliche Dinge – aber er wußte, daß es sich hier um ein Liebesverhältnis handelte, welches denen nicht gefiel, denen man gefallen sollte, und deshalb tadelte er die Führung seines Bruders.
Außer der Beschäftigung mit dem Dienst und der Welt hatte Wronskiy noch eine weitere Zerstreuung in den Pferden; er war ein leidenschaftlicher Pferdeliebhaber.
Im laufenden Jahre sollten Offiziersrennen mit Hindernissen abgehalten werden. Wronskiy hatte sich mit zu den Rennen angemeldet, eine englische Vollblutstute angekauft und war jetzt, ungeachtet seiner Liebe, leidenschaftlich, wenn auch zurückhaltend, für die bevorstehenden Rennen eingenommen.
Diese beiden Leidenschaften störten sich also gegenseitig nicht. Im Gegenteil, er bedurfte einer Beschäftigung und Zerstreuung, die unabhängig von seiner Liebe war und an welcher er sich daher erfrischen und von den allzu mächtigen Eindrücken wieder erholen konnte.
19
Am Tage der Rennen von Krasnoselskoje, erschien Wronskiy früher als gewöhnlich im Kasino des Regiments, um sein Beefsteak zu essen. Er brauchte nicht besonders streng zu fasten, da sein Körpergewicht vorschriftsmäßig vier und ein halbes Pud betrug. Aber er durfte gleichwohl nicht dicker werden und mied daher alle Mehlspeisen und Süßigkeiten. Er saß in seinem vorn offen stehenden Rock, unter dem die weiße Weste hervorblickte und hatte sich mit beiden Armen auf den Tisch gestemmt in der Erwartung des bestellten Beefsteaks, wobei er in einen französischen Roman blickte, der auf dem Teller lag.
Er schaute nur deshalb in das Buch, damit er nicht mit den eintretenden und hinausgehenden Offizieren zu sprechen brauchte; und sann.
Er dachte daran, daß Anna ihm versprochen hatte, ihm heute, nach dem Rennen ein Rendezvous zu geben. Drei Tage bereits hatte er sie nicht gesehen infolge der Rückkehr ihres Gatten aus dem Auslande und er wußte nicht, ob das Rendezvous heute möglich sein würde oder nicht und war ratlos, wie er sich darüber vergewissern könnte.
Er hatte sie das letzte Mal auf dem Landsitz seiner Cousine Bezzy gesehen, aber auf die Besitzung der Karenin kam er so selten als möglich. Jetzt jedoch wollte er sich dahin begeben und er überlegte nun, wie er dies bewerkstelligen wollte.
Am besten war es, wenn er daselbst sagte, daß Bezzy ihn gesandt habe mit der Anfrage, ob Anna Karenina zum Rennen kommen werde. „Natürlich, also fahre ich hin,“ beschloß er und hob nun den Kopf über seinem Buche, während sich sein Gesicht aufhellte bei dem Gedanken an das Glück, sie wiedersehen zu sollen.
„Schicke nach meinem Hause, man soll sofort meine Troika anspannen,“ sagte er zu dem Stuart, der ihm das Beefsteak auf einer heißen silbernen Schüssel brachte, und begann dann, die Schüssel zu sich heranziehend, zu essen.
Aus dem Billardzimmer nebenan vernahm man die Stöße der Bälle, Gespräch und Gelächter. Aus dem Vorzimmer erschienen zwei Offiziere. Der eine war noch jung mit abgespanntem zartem Gesicht; erst unlängst aus dem Pagencorps in das Regiment getreten, der andere ein wohlbeleibter alter Offizier mit einem Armband am Knöchel und verschwommenen, kleinen Augen.
Wronskiy blickte die beiden an und runzelte die Stirn, dann begann er, als hätte er sie nicht bemerkt, sich lesend über sein Buch zu beugen und dabei zu essen.
„Wie, vertiefst du dich in die Arbeit?“ wandte sich der dicke Offizier an ihn, sich neben ihm niedersetzend.
„Wie du siehst,“ versetzte Wronskiy mürrisch, seinen Mund abwischend und ohne den Blick zu dem Fragenden zu erheben.
„Fürchtest du denn nicht, zu stark zu werden?“ frug der andere, für den jüngeren Offizier einen Stuhl herbeirückend.
„Wie?“ erwiderte Wronskiy unwirsch, eine Grimasse der Mißstimmung machend und seine dichten Zähne zeigend.
„Ob du nicht fürchtest dick zu werden?“
„Kellner! Xeres!“ befahl Wronskiy, ohne zu antworten; legte das Buch auf die andere Seite und fuhr fort, zu lesen. Der ältere Offizier ergriff die Weinkarte und wandte sich nach seinem jüngeren Begleiter.
„Wähle dir selbst, was du trinken willst,“ sagte er, diesem die Karte reichend und ihn anblickend.
„Bitte Rheinwein,“ antwortete derselbe, schüchtern nach Wronskiy schielend und sich bemühend, mit den Fingern die kaum erst sprossenden Spitzen des Schnurrbartes zu erfassen.
Als er bemerkte, daß Wronskiy keine Notiz von ihm nahm, erhob sich der junge Offizier.
„Gehen wir in das Billardzimmer,“ rief er.
In diesem Augenblick kam der hochgewachsene, stattliche Rittmeister Jaschwin herein und trat, den beiden Offizieren von oben herab vornehm zunickend, zu Wronskiy.
„Ah, da bist du ja!“ rief er, Wronskiy derb mit seiner großen Hand auf die Achselschnur schlagend. Wronskiy blickte ungehalten empor; sein Gesicht erheiterte sich aber sogleich zu der ihm eigenen, ruhigen und sicheren Höflichkeit. „Das ist recht, Aljoscha,“ sagte der Rittmeister in tiefem Bariton, „jetzt muß man essen und ein Gläschen dazu trinken.“
„Ich habe nicht viel Appetit.“
„Da sind ja auch die beiden Unzertrennlichen,“ fügte Jaschwin hinzu, ironisch auf die beiden Offiziere blickend, die soeben aus dem Zimmer hinausgingen. Er ließ sich neben Wronskiy nieder und knickte seine außerordentlich langen Hüften und Beine, die in engen Reithosen staken, in der Höhe der Stühle in einen spitzen Winkel zusammen. „Weshalb kamst du denn gestern Abend nicht in das Krasnenskiytheater? Die Numerowa war durchaus nicht übel, wo warst du denn?“
„Bei den Twerskiy,“ versetzte Wronskiy.
„Aha,“ machte Jaschwin.
Jaschwin war ein Spieler und Schlemmer, und nicht nur ein Mensch ohne jeden festen Grundsatz, sondern vielmehr überhaupt von völlig sittenloser Anschauung durchdrungen, er war der beste Freund Wronskiys im Regiment.
Dieser liebte Jaschwin sowohl wegen seiner ungewöhnlichen physischen Kraft die er zumeist nur dazu zeigte, daß er trinken konnte wie ein Faß ohne einzuschlafen und doch immer der Nämliche dabei blieb, als wegen seiner bedeutenden psychischen Stärke, die er in seinen Beziehungen zu seinen Vorgesetzten und Kameraden dadurch bewies, daß er Schrecken und Respekt namentlich im Spiel, welches er um zehntausende von Rubeln betrieb, herausforderte. Er blieb dabei ungeachtet des in Menge getrunkenen Weines so berechnend und fest, daß er als der erste Spieler im englischen Klub galt.
Wronskiy achtete und liebte ihn insbesondere deswegen, weil er fühlte, daß Jaschwin ihn selbst nicht seines Namens und Reichtums halber, sondern seiner selbst halber liebte.
Nur mit ihm unter allen anderen hätte Wronskiy von seiner Liebe sprechen mögen.
Er fühlte, daß Jaschwin allein, obwohl es schien, als ob derselbe jede Empfindung überhaupt verachte, diese mächtige Leidenschaft zu verstehen imstande sei, die jetzt sein ganzes Leben ausfüllte.
Außerdem aber war er überzeugt, daß Jaschwin zweifellos nie ein Vergnügen an Klatsch und Skandal empfand und daher die Gefühle des Freundes gebührendermaßen begreifen und verstehen würde, das heißt wissen und der Überzeugung sein, daß Wronskiys Liebe kein Scherz, keine Frivolität sei, sondern eine ernste, tiefgehende Empfindung.
Wronskiy sprach aber nicht mit ihm von seiner Liebe, obwohl er wußte daß Jaschwin von allem unterrichtet war, und alles kannte, wie es ja nicht anders sein konnte; und ihm selbst verursachte es Befriedigung, eben dies von seinen Augen ablesen zu können.
„Aha!“ rief Jaschwin, nachdem Wronskiy gesagt hatte, daß er bei den Twerskiy gewesen sei, und dabei mit seinen schwarzen Augen geblinkt und die linke Spitze seines Schnurrbartes ergriffen und, seiner übeln Gewohnheit nach, in den Mund gesteckt hatte.
„Und was hast du gestern gemacht, gewonnen?“ frug hierauf Wronskiy seinerseits.
„Achttausend Rubel. Drei stehen indessen schlecht; der Verlierer wird sie mir schwerlich geben.“
„Nun dann kannst du ja auch auf mich verspielen,“ sagte Wronskiy.
Jaschwin hatte große Wetten auf Wronskiy gemacht.
„Um keinen Preis verliere ich. Nur Machotin ist dir gefährlich.“
Das Gespräch lenkte hierauf zu den Erwartungen über, die man vom heutigen Rennen hegte, und an welches Wronskiy erst jetzt wieder dachte.
„Komm, ich bin fertig mit Essen,“ sagte Wronskiy und erhob sich, um zur Thür zu gehen. Jaschwin stand ebenfalls auf, seine mächtigen Beine und den langen Rücken streckend.
„Zum Dinieren ist es mir noch zu zeitig, aber trinken muß ich erst etwas. Ich komme sogleich nach!“ rief er mit seiner im Kommando berühmten, markigen, die Gläser erzittern lassenden Stimme. „Oder nein, unnötig!“ rief er dann weiter, „du gehst ja nach Haus, da will ich lieber mit dir gehen!“
Beide gingen. —
20
Wronskiy quartierte in einer geräumigen und sauberen, in zwei Abteilungen getrennten Fischerhütte. Petrizkiy befand sich mit ihm hier in dem Kantonnement zusammen. Derselbe schlief, als Wronskiy mit Jaschwin in die Hütte trat.
„Steh' auf; genug geschlafen!“ sagte Jaschwin, hinter die Zwischenwand gehend und den dort mit der Nase tief in ein Kissen gedrückten Petritzky an der Schulter rüttelnd.
Petrizkiy sprang plötzlich auf die Füße und blickte um sich.
„Dein Bruder war hier,“ sagte er zu Wronskiy, „er hat mich geweckt, der Teufel mag ihn holen. Er hat hinterlassen, daß er wiederkommen würde.“
Bei diesen Worten zog er von neuem die Bettdecke an sich, und warf sich wieder auf das Kissen.
„Laß mich doch, Jaschwin,“ sagte er, ärgerlich auf diesen, der ihm die Decke wegzog. „Laß mich!“ Er wandte sich um und öffnete die Augen. „Gieb lieber einen guten Rat, was man hier trinken kann, ich habe solch einen üblen Geschmack im Munde“ —
„Branntwein ist das beste was es giebt,“ scherzte Jaschwin. „Tereschtschenko! Branntwein für den Herrn und Gurken,“ rief er, augenscheinlich in seine eigene Stimme verliebt.
„Du denkst Branntwein; wie?“ frug Petrizkiy, mürrisch und die Augen verdrehend. „Was trinkst du denn? Wir wollen doch lieber zusammen trinken! Wronskiy, trinkst du etwas mit?“ wandte sich Petrizkiy aufstehend und die getigerte Decke unter den Arm zusammenfassend. Er ging nach der Thür der Scheidewand, hob die Arme und sang auf französisch „Es war ein König von Thule!“ „Wronskiy, trinkst du nicht?“
„Scher dich zum Satan,“ antwortete dieser, den ihm von seinem Diener gereichten Waffenrock anlegend.
„Wo soll es denn hingehen?“ frug ihn Jaschwin, „da kommt ja auch die Troika,“ fügte er hinzu, den Wagen vorfahren sehend.
„Nach dem Marstall und dann muß ich noch zu Brjanskiy wegen der Pferde,“ sagte Wronskiy.
Wronskiy hatte in der That versprochen, zu Brjanskiy zu kommen, welcher in einer Entfernung von einigen zehn Werst von Peterhof wohnte, und ihm Geld für Pferde zu bringen. Er gedachte auch dort länger zu verweilen, allein die Kameraden erkannten, daß er nicht nur dorthin fahren werde.
Petrizkiy fuhr fort zu singen und zwinkerte mit den Augen indem er die Lippen spitzte, als ob er sagen wollte, wir wissen was das für ein Brjanskiy ist.
„Sieh nur zu, daß du dich nicht verspätigst!“ meinte Jaschwin, und fuhr dann fort, sogleich auf ein anderes Thema überspringend. „Was macht denn mein Brauner, geht er gut?“ frug er, durch das Fenster nach dem Pferd draußen in der Gabeldeichsel blickend, welches er verkauft hatte.
„Halt!“ rief Petrizkiy dem schon fortfahrenden Wronskiy nach. „Dein Bruder hat für dich einen Brief und ein Billet hier gelassen! Halt doch, wo ist denn beides?“
Wronskiy blieb noch.
„Wo denn?“
„Wo? Nun, hierum handelt es sich eben,“ antwortete Petrizkiy feierlich, von der Nase mit dem Zeigefinger nach oben fahrend.
„So sprich doch, das ist ja zu thöricht,“ lachte Wronskiy.
„Ich habe den Kamin nicht geheizt. Hier irgendwo herum.“
„Hast du nun genug geschwatzt? Wo ist denn der Brief?“
„Ich habe ihn wirklich nicht. Ich habe ihn vergessen. Oder sollte ich ihn nur im Traume gesehen haben? Halt, halt; doch wozu sollst du dich erzürnen. Hättest du wie ich gestern, vier Flaschen in Brüderschaft getrunken, so würdest du auch vergessen, wo man liegt. Halt, gleich besinne ich mich.“ Petrizkiy schritt hinter die Scheidewand und legte sich wieder auf das Bette. „Siehst du, so lag ich, und so stand er, ja, ja, ja; da ist er ja,“ und Petrizkiy zog den Brief unter der Matratze hervor, in der er ihn verborgen hatte.
Wronskiy nahm das Schreiben und die Zuschrift des Bruders. Es war das, was er erwartet hatte: Vorwürfe seitens der Mutter, weil er nicht zu ihr kam und eine Mitteilung vom Bruder, in der gesagt wurde, es zeige sich eine Unterredung nötig.
Wronskiy wußte, daß beides sich um den nämlichen Angelpunkt drehte.
„Was geht das sie an?“ dachte er und steckte dann den Brief, den er zerknitterte, zwischen die Knöpfe seines Rockes, damit er ihn unterwegs nochmals mit Aufmerksamkeit lesen könne.
In dem Flur der Hütte begegneten ihm zwei Offiziere, deren einer von dem nämlichen, der andere von einem anderen Regimente war. Das Quartier Wronskiys war gewöhnlich der Versammlungsort aller Offiziere.
„Wohin?“
„Muß nach Peterhof.“
„Das Pferd gekommen aus Zarskoje?“
„Gekommen; aber noch nicht gesehen.“
„Man sagt, Machotins Gladiator hinke.“
„Unsinn! Wahrscheinlich nur, wenn Ihr durch diesen Schlamm hier reitet!“ antwortete der andere.
„Ha, da sind meine Retter!“ rief Petrizkiy, die Eintretenden erblickend. Neben ihm stand der Diener mit Branntwein und Gurken auf einem Präsentierteller.
„Dies hier hat mir Jaschwin befohlen, zu meiner Erfrischung zu mir zu nehmen.“
„Nun, Ihr habt es uns schön gegeben gestern Nacht,“ sagte der Eine der Offiziere, „wir haben die ganze Nacht nicht schlafen können.“
„Ich dachte gar! Hört nur, wie das zuging: Wolkoff stieg auf das Dach und meinte, es sei ihm recht traurig ums Herz. Ich sagte zu ihm, er solle Musik machen, den Trauermarsch. Da schlief er auf dem Dache während des Trauermarsches ein.“
„Der muß unfehlbar Branntwein trinken, unfehlbar und dann Selterswasser und viel Limonade,“ sagte Jaschwin, neben Petrizkiy hintretend wie eine Mutter, die ihn veranlaßt, eine Arznei zu nehmen, „hinterher aber ein ganz klein wenig Champagner – jedoch nur ein einziges Fläschchen.“
„Das ist doch wenigstens ein verständiges Wort. Bleib da, Wronskiy, wir wollen zusammen trinken!“
„Nein, entschuldigt, meine Herren, aber heute trinke ich nicht mit.“
„Was, denkst du zu schwer zu werden? Nun dann thun wir es allein. Gieb das Selterswasser und Limonade!“
„Wronskiy,“ rief noch ein anderer, als dieser bereits draußen auf dem Flur war.
„Was noch?“
„Du müßtest dir die Haare scheren lassen: sie werden dir sonst auch zu schwer, besonders auf der Platte.“
Wronskiy begann in der That vorzeitig spärliches Haar zu bekommen. Er lachte lustig, zeigte seine dichtstehenden Zähne, schob die Mütze über die spärliche Stelle, ging hinaus und setzte sich in seinen Wagen.
„Nach dem Marstall!“ sagte er, und holte die Briefe wieder hervor um sie von neuem zu lesen, dachte aber bald nicht mehr daran, um sich bis zur Besichtigung der Pferde nicht zu zerstreuen.
21
Der interimistische Marstall, aus Brettern errichtet, befand sich dicht neben dem Rennplan und hierher mußte gestern sein Pferd übergeführt worden sein. Er hatte dasselbe noch nicht gesehen.
Innerhalb der letzten Tage hatte er überhaupt nicht geritten, sondern nur seinem Traineur das Tier überlassen und er wußte jetzt nicht das Geringste über das Befinden desselben.
Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, als sein Groom wie der Pferdejunge heißt, den Wagen schon aus der Ferne erkennend, den Traineur herbeirief.
Ein hagerer Engländer in hohen Stulpstiefeln und kurzem Jackett mit einem Büschel Haaren, welches allein unter dem Kinn stehen gelassen war, erschien mit dem ungelenken Gang der Jockeys, die Arme spreizend und öfters ausglitschend.
„Nun, was macht Frou-Frou?“ frug Wronskiy auf Englisch.
„All right Sir – alles in Ordnung, Herr,“ gurgelte der Engländer irgendwo an einer Stelle in seiner Kehle. „Aber es ist besser, Ihr geht jetzt nicht zu ihm,“ fügte er hinzu, die Mütze lüftend. „Ich habe den Maulkorb angelegt, das Pferd ist aufgeregt. Es ist besser, Ihr geht nicht zu ihm, das wird es nur beunruhigen.“
„Nein, ich muß zu ihm. Ich muß ihn sehen.“
„So kommt,“ antwortete der Engländer, noch immer kaum den Mund voneinanderbringend mit mürrischem Gesicht, und setzte sich mit den Armen stoßend in seinem geschraubten Gang wieder in Bewegung.
Sie traten in den Hof vor der Baracke. Ein Knabe in einer sauberen Kurtka, lebhaft und gutgehalten aussehend, hatte du jour, mit einem Besen in der Hand. Er trat den Ankommenden entgegen und schritt alsdann hinter ihnen drein.
In der Baracke standen fünf Pferde in gesonderten Ständen, und Wronskiy wußte nun, daß hierher heute sein Hauptrival, der Fuchs Gladiator Machotins, gebracht worden war.
Mehr als sein eigenes Pferd zu sehen, verlangte es Wronskiy nach Machotins Gladiator, welchen er noch nicht kannte.
Allein Wronskiy wußte, daß es nach den Regeln der Sportfreunde nicht gestattet war, das Pferd zu betrachten, ja, auch nur Fragen über dasselbe zu stellen.
Während er im Gang dahinschritt, öffnete der Groom die Thür eines zweiten Standes links und Wronskiy erblickte einen schönen Fuchs mit weißen Füßen. Er wußte, daß dies der Gladiator war, aber mit der Empfindung eines Menschen, der sich abwendet von einem offenen fremden Briefe, drehte er sich um und schritt nach dem Stande seines Frou-Frou.
„Hier steht das Pferd Mac – Mac – ich kann niemals diesen Namen aussprechen,“ sagte der Engländer über die Schulter blickend, und wies mit seinem großen Daumen mit schmutzigem Nagel nach dem Stande des „Gladiator“.
„Machotins? Ja, ja, der wird mir ein ernster Gegner werden.“
„Wenn Ihr ihn rittet,“ sagte der Engländer, „würde ich auf Euch setzen.“
„Frou-Frou ist nervöser und stärker,“ sagte Wronskiy, lächelnd über das Lob seiner Reitkunst.
„Bei den Hindernissen liegt alles im Reiten, und im pluck,“ meinte der Engländer.
Den „pluck“, das heißt die Energie und Kühnheit im Reiten fühlte Wronskiy nicht nur genugsam vorhanden in sich, er war – was bei weitem mehr sagen wollte – sogar fest überzeugt, daß überhaupt kein Mensch auf Erden mehr pluck besitzen könne, als er besaß.
„Ihr wißt wohl, daß große Aufmunterung hier nicht nötig sein wird.“
„Nicht nötig,“ antwortete der Engländer, „aber sprecht gefälligst nicht so laut; das Pferd kommt leicht in Aufregung,“ fügte er dann hinzu, mit dem Kopfe nach dem verschlossenen Stande nickend, vor welchem sie standen, und aus dem man das Stampfen der Hufe auf dem Stroh vernahm.
Er öffnete die Thür und Wronskiy trat in den schwach, nur durch ein einziges Fensterchen beleuchteten Stall, in welchem, mit den Füßen in dem frischen Heu scharrend, ein geschecktes Pferd mit Beißkorb stand.
Sich im Stalle umschauend, maß Wronskiy noch einmal unwillkürlich mit einem umfassenden Blick alle Vorzüge seines Lieblingsrosses.
Frou-Frou war ein Pferd von mittlerer Größe und in seinen Proportionen nicht eben tadellos. Es war schmal im Knochenbau und obwohl sein Bug sich stark nach vorn gab, war er doch schmal. Das Hinterteil hing etwas und auf den Vorderbeinen, besonders aber den Hinterbeinen war es ziemlich krummbeinig.
Die Muskeln der Hinter- und Vorderfüße waren nicht allzu stark, dafür aber war es in der Partie des Bauchgurtes ungewöhnlich dick, was jetzt namentlich in Verwunderung setzte, angesichts der Kraft und des Mutes des Tieres.
Die Knochen seiner Füße unterhalb der Kniee schienen nicht stärker als ein Daumen wenn man von der vorderen Seite blickte, dafür waren sie aber um so breiter, wenn man sie von seitwärts betrachtete.
Das ganze Pferd schien, abgesehen von der Rippenpartie, wie von seitwärts zusammengedrückt und in die Länge gezogen.
Aber eine Eigenschaft besaß dieses Pferd, welches alle Mängel vergessen machte, diese Eigenschaft war seine Abstammung, jene Abstammung, die ostentativ ist, wie der englische Ausdruck besagt. Die Muskeln stark zwischen dem Netze der Adern hervortretend, welches auf der feinen, zuckenden und glatten, atlasartigen Haut sich erstreckte, erschienen so fest, als wären sie Knochen. Der hagere Kopf mit den hervorstehenden, glänzenden Augen die sich bei dem Schnauben der Nüstern zu erweitern schienen, deren zarte Haut immer wie mit Blut übergossen aussah.
In der ganzen Gestalt des Tieres, und insbesondere an seinem Kopfe prägte sich ein bestimmter, energischer und zugleich zarter Ausdruck aus; dieses Pferd war eines jener Tiere, welche, wie es schien, nur deshalb nicht sprechen, weil die organische Einrichtung ihres Maules dies nicht gestattet.
Wronskiy wenigstens kam es vor, als empfinde das Tier alles, was er empfand, als er den Blick auf dasselbe richtete.
Kaum war er in die Nähe des Pferdes getreten, als dasselbe tief Luft einzog und sein hervorstehendes Auge derart drehte, daß das Weiße wie mit Blut unterlaufen erschien. Hierauf blickte es von der entgegengesetzten Seite nach den Eingetretenen, schüttelte den Beißkorb und trat fortwährend von einem Fuße auf den anderen.
„Seht, wie es sich erregt hat!“ rief der Engländer.
„Mein schönes Pferd!“ rief Wronskiy zu dem Tiere tretend und ihm zuredend. Indessen je näher er dessen Kopfe kam, um so ruhiger wurde es plötzlich, während seine Muskeln unter dem dünnen, zarten Haar spielten.
Wronskiy klopfte ihm den festen Hals, ordnete einen Büschel Mähnenhaare, der auf die falsche Seite gefallen war, auf dem schmalen Nacken und näherte sich mit dem Gesicht den offenstehenden zarten Nüstern, die denen einer Fledermaus ähnlich waren. Das Pferd zog schnaubend die Luft ein und stieß sie dann aus den geblähten Nüstern wieder hinaus, bebend, das spitze Ohr dicht anlegend, und die harte, schwarze Lippe gegen Wronskiy lefzend, als wünsche es, ihn am Ärmel anzupacken. Doch seines Beißkorbes inne werdend, schüttelte es diesen und begann dann wiederum, von einem auf den anderen Fuß zu stampfen.
„Sei ruhig, mein Guter, sei ruhig!“ sagte er, ihm mit der Hand nochmals den Rücken hinunterstreichend in dem frohen Bewußtsein, daß sich sein Pferd in dem besten Zustande befinde, der sich denken lasse. Hierauf verließ er den Stall.
Die Aufregung des Pferdes hatte sich auch Wronskiy mitgeteilt. Dieser empfand, daß ihm das Blut zum Herzen trat und es ihm ebenso zu Mute sei, wie seinem Pferde, daß es ihn verlangte, sich Bewegung zu machen, zu beißen. Es war ein ängstlich beklommenes, und doch freudiges Gefühl.
„So hoffe ich also auf Euch,“ sagte er zu dem Engländer, „um sechs und ein halb Uhr heißt es auf dem Platze sein.“
„Ganz wohl,“ versetzte dieser. „Aber wohin fahrt Ihr, Mylord?“ frug er plötzlich, die Benennung Mylord, die er früher fast nie gebraucht hatte, anwendend.
Wronskiy hob erstaunt den Kopf und blickte, wie er dies recht wohl zu thun verstand, nicht in die Augen, sondern auf die Stirne des Engländers, erstaunt über die Kühnheit der Frage desselben.
Als er indessen inne wurde, daß der Engländer diese Frage an ihn richtete, indem er ihn nicht als seinen Herrn sondern als den Jockey betrachtete, antwortete er:
„Ich muß zu Brjanskiy, doch werde ich in einer Stunde wieder hier sein. Zum wievieltenmale hat man heute wohl diese Frage an mich gestellt,“ sagte er zu sich selbst und errötete, was ihm sonst selten zu passieren pflegte.
Der Engländer blickte ihn aufmerksam an, und fuhr, gleich als ob er wüßte, wohin jener gehe, fort:
„Die Hauptsache ist, der Ruhe zu pflegen vor dem Reiten,“ sagte er, „keine seelische Mißstimmung sich schaffen und sich in keiner Beziehung zerstreuen.“
„All right,“ lächelte Wronskiy, sprang in den Wagen und ließ sich nach Peterhof fahren.
Er war kaum einige Schritte gefahren, da bewegte sich eine Wolke, die schon am Morgen mit Regen gedroht hatte herauf und es goß nun in Strömen von oben herab.
„Das ist dumm,“ dachte Wronskiy, das Schutzdach des Wagens aufrichtend. „Es war schon so morastig genug, nun aber wird ein vollendeter Sumpf entstehen. In der Stille seines geschlossenen Wagens sitzend, zog er wiederum den Brief der Mutter hervor und den des Bruders und las beide durch.
„Ja, ja, es ist stets ein und dasselbe. Alle, seine Mutter, sein Bruder, jedermann schien es für nötig zu finden, sich in seine Herzensangelegenheiten zu mischen. Diese Einmischung aber erweckte in ihm den Zorn, ein Gefühl, das er sonst selten empfand. Was geht das sie an? Weshalb hält es ein jeder für seine Pflicht, sich um mich zu kümmern? Warum dringen sie so in mich? Wohl deshalb, weil sie sehen, daß es sich hier um etwas handele, was sie einfach nicht verstehen. Wäre dies noch eine einfache, fashionable Liaison, so würden sie mich in Ruhe lassen, aber sie fühlen, daß es sich hier um etwas anderes handelt, nicht um eine Spielerei, und daß jenes Weib mir teurer ist, als das Leben. Dies ist ihnen unbegreiflich und deshalb verdrießt es sie. Mag unser Schicksal sich gestalten wie es wolle, wir selbst haben es uns geschaffen und wir dürfen uns nicht über dasselbe beklagen,“ so sprach er zu sich selbst, im Geiste sich bei dem Worte „wir“ mit Anna vereinend. „Nein, sie müssen uns erst beibringen, wie man leben solle? Sie haben gar nicht das Verständnis dafür, was Glück ist; sie wissen gar nicht, daß ohne diese Liebe für uns kein Glück vorhanden ist, aber auch kein Unglück – kein Leben,“ dachte er bei sich.
Er geriet über alle diese Einmischungen namentlich deshalb in Zorn, weil er in seinem Innern fühlte, daß sie alle nur zu sehr Recht hätten. Er empfand wohl, daß die Liebe, die ihn mit Anna vereint hielt, nicht eine zeitweilige Neigung war, die vorübergehen werde, wie alles in der großen Welt veränderlich ist, und keine anderen Spuren im Leben das Einen oder des Anderen zurückläßt, als angenehme oder unangenehme Erinnerungen.
