Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 28
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Die persönliche Angelegenheit, welche Lewin während seines Gespräches mit dem Bruder beschäftigt hatte, war folgende:
Im vergangenen Jahre hatte Lewin einmal, als er auf die Wiesen hinausgekommen war und sich über den Inspektor geärgert hatte, zu seinem gewöhnlichen Beruhigungsmittel gegriffen – die Sense eines Bauern genommen und selbst angefangen zu mähen.
Diese Beschäftigung hatte ihm so gefallen, daß er sich in der Folge öfters damit befaßte, zu mähen, und so hatte er eine ganze Wiese vor seinem Hause abgemäht und sich seit dem Frühling im laufenden Jahre den Plan entworfen, ganze Tage hindurch mit den Feldarbeitern zusammen zu mähen. Seit der Ankunft des Bruders befand er sich nun in Zweifel, ob er mit mähen solle, oder nicht. Er mochte den Bruder nicht gern ganze Tage sich allein überlassen und fürchtete auch, dieser möchte ihn auslachen. Als er aber über die Wiese schritt, und sich die Eindrücke die ihm das Mähen verursacht hatten, ins Gedächtnis zurückrief, war er schon fast entschlossen, mit zu mähen. Nach dem ärgerlichen Gespräch mit seinem Bruder, entsann er sich wiederum seiner Absicht.
Körperliche Bewegung muß ich haben, oder mein Geist wird zweifellos zu Grunde gehen, dachte er, und beschloß, mit zu mähen, wie unpassend ihm dies auch vor seinem Bruder und seinen Leuten erscheinen mochte.
Gegen Abend begab sich Konstantin Lewin ins Kontor, traf Anordnungen für die Arbeiten und schickte nach den Dörfern, um für den folgenden Tag die Schnitter aufbieten zu lassen, da er zuerst die kalinische Wiese, die größte und beste, schneiden lassen wollte.
„Schickt auch meine Sense mit zu Tit, damit er sie ausklopfe und morgen mitbringe; wahrscheinlich werde ich selbst mit mähen,“ sagte er, sich bemühend, nicht in Verlegenheit zu geraten.
Der Verwalter lächelte und sagte:
„Zu Diensten!“
Am Abend beim Thee sagte Lewin auch dem Bruder davon.
„Es scheint, als ob das Wetter aushalten werde,“ sprach er, „ich will morgen mit der Heuernte beginnen.“
„Diese Arbeit liebe ich sehr,“ versetzte Sergey Iwanowitsch.
„Ich liebe sie ganz außerordentlich; ich habe sogar selbst schon bisweilen mit den Bauern zusammen gemäht und morgen will ich den ganzen Tag mit arbeiten.“
Sergey Iwanowitsch hob den Kopf und blickte seinen Bruder gespannt an.
„Was heißt das? Mit den Bauern zusammen, – den ganzen Tag?“ —
„Ja. Das ist sehr hübsch,“ antwortete Lewin.
„Es ist ausgezeichnet als körperliche Übung, aber das kannst du doch kaum aushalten?“ frug Sergey ohne jeden Spott.
„Ich habe es versucht. Anfangs wurde mir es schwer, doch dann gewöhnt man sich daran. Ich denke, daß ich es nicht aufgeben werde.“
„Sieh einmal an! Aber sage mir doch, wie die Bauern dies aufnehmen? Sie müssen doch jedenfalls ihren Spott darüber treiben, daß der Herr ein Sonderling ist.“
„Nein, das glaube ich nicht, aber es ist dies eine so lustige und zugleich so schwere Arbeit, wie man gar nicht glauben sollte.“
„Dann willst du auch mit ihnen zusammen essen? Läßt dir etwa Lafitte hinbringen und einen gebratenen Kapaun; nicht übel.“
„Nein; aber sobald sie ihre Arbeitspause haben, fahre ich nach Hause.“
Am andern Morgen erhob sich Konstantin Lewin frühzeitiger als sonst, aber häusliche Anordnungen hielten ihn noch auf, und als er zu der Heuernte kam, waren die Mäher bereits bei der zweiten Reihe.
Schon vom Berge herab gewahrte er unten am Fuße desselben den dunkleren bereits gemähten Teil der Wiese und die grauen Schwaden, und schwarzen Haufen der Röcke, welche von den Mähern dort, von wo sie die erste Reihe begonnen hatten, abgelegt worden waren.
Je näher er kam, um so deutlicher traten die Gestalten der hintereinander in langer Reihe getrennt schreitenden, sensenschwingenden Bauern hervor; einer im Rock, der andere nur im Hemd; er zählte ihrer zweiundvierzig. Langsam bewegten sie sich vorwärts auf dem unebenen Grund der Wiese, auf dem ein alter Damm hinlief; einzelne seiner eigenen Leute erkannten Lewin; dort sah er den alten Jermil in einem sehr langen weißen Überhemd, gebückt seine Sense schwingend, hier den jungen tüchtigen Waska, der Lewins Kutscher war, jede Reihe mit einem Strich niederlegte, dann Tit, ein kleines hageres Männchen, Lewins Lehrmeister im Mähen. Ohne sich zu bücken, schritt derselbe voran, wie spielend mit seiner Sense breite Reihen schneidend.
Lewin stieg vom Pferde, band es beim Wege an und begab sich zu Tit, welcher eine zweite Sense aus einem Busche hervorholte und sie ihm reichte.
„Die ist brauchbar,“ sagte Tit, „sie rasiert förmlich, und schneidet wie von selbst,“ bemerkte er, lächelnd die Mütze lüftend und Lewin die Sense hinreichend.
Lewin ergriff sie und probierte. Mit ihren Reihen zu Ende kommend, traten die Mäher einer nach dem anderen, schweißtriefend aber heitergestimmt auf den Weg heraus, und begrüßten lachend ihren Herrn. Alle blickten ihn an, keiner aber sprach ein Wort, bevor nicht der hochgewachsene Alte, mit seinem runzligen, bartlosen Gesicht, in der Jacke von Schafwolle, auf dem Wege angelangt war und sich an ihn gewandt hatte.
„Sieh Herr, du läßt es dir angelegen sein; nur nicht aufhören!“ begann der Alte, und Lewin vernahm verhaltenes Lachen unter den Mähern.
„Nun, ich will mir schon Mühe geben nicht aufzuhören,“ antwortete er, hinter Tit tretend und das Zeichen des Anfangs erwartend.
„Wir wollen sehen,“ sagte der Alte.
Tit machte einen Platz frei und Lewin trat nach ihm ein. Das Gras stand niedrig vorn am Wege, und Lewin, der lange Zeit nicht gemäht hatte, mähte in den ersten Minuten, von den auf ihn gerichteten Blicken in Verlegenheit gesetzt, schlecht, wenn er auch die Sense kräftig schwang. Er vernahm hinter sich Stimmen:
„Schlecht aufgesetzt, Handgriff zu hoch; da, wie er sich noch bückt!“ sagte einer.
„Mit der Hacke muß er sich mehr stemmen,“ bemerkte ein anderer.
„Nein, ganz gut so;“ sagte ein Dritter. „Siehst du, es geht. Man muß den Strich weit nehmen, sonst ermüdet man. Aber das geht doch nicht; – der Herr – er arbeitet ja für sich selbst! Und da dingt man Leute! Unser Einem würde dies übel bekommen!“
Das Gras wurde nun weicher und Lewin, welcher alles hörte, aber nicht antwortete, bemühte sich zu mähen so gut er konnte, indem er hinter Tit herging. So war man hundert Schritte vorwärts gekommen. Tit ging immer noch, ohne innezuhalten; er zeigte nicht die geringste Ermüdung, aber Lewin wurde es schon ängstlich zu Mut, daß er die Arbeit nicht würde aushalten können, so ermüdet war er.
Er fühlte, daß er mit den letzten Kräften die Sense schwang und beschloß, Tit zu bitten, daß er einhielte. Aber im nämlichen Moment blieb dieser selbst stehen, raufte, sich niederbeugend, etwas Gras auf, wischte seine Sense ab und begann sie zu dengeln.
Lewin richtete sich empor, atmete tief auf und schaute um sich. Hinter ihm kam ein Arbeiter, augenscheinlich gleichfalls ermattet, da er sogleich, ohne bis an Lewin heranzukommen, Halt machte und ebenfalls zu schärfen begann. Tit dengelte seine und Lewins Sense und weiter ging es nun.
Dies wiederholte sich auch beim zweitenmal. Tit ging Schritt um Schritt, ohne Halt zu machen oder auszuruhen. Lewin folgte ihm, sich bemühend, ebenfalls auszuhalten; aber es wurde ihm dies schwieriger und schwieriger und der Augenblick kam, in dem er empfand, daß seine Kräfte erschöpft waren. Aber im nämlichen Moment hielt Tit wiederum inne und begann zu dengeln.
So ging es die erste Reihe hinunter, und sie schien Lewin ganz besonders sauer bei ihrer Länge, aber nichtsdestoweniger war es diesem, – als die Reihe beendet war und Tit, die Sense über die Schulter werfend, langsamen Schrittes in den Spuren zurückging, die von seinen Absätzen in der gemähten Wiese geblieben waren, er selbst aber in seiner Reihe das Nämliche that, obwohl der Schweiß ihm in Strömen über das Gesicht lief, von seiner Nase tropfte und sein Rücken ganz naß war, als sei er mit Wasser begossen worden – außerordentlich wohl zu Mute, und namentlich freute es ihn, daß er jetzt wußte, er könne die Arbeit aushalten.
Seine Freude wurde nur dadurch getrübt, daß seine Reihe nicht schön aussah. „Ich werde weniger mit der Hand ausgreifen müssen, als mit dem ganzen Oberkörper,“ dachte er, den von Tit gelegten Schwaden mit seinem vergleichend, der zerstreut und ungleichmäßig lag.
Die erste Reihe hatte Tit, wie Lewin gemerkt hatte, besonders schnell zurückgelegt, wahrscheinlich weil er wünschte, den Herrn auf die Probe zu stellen, und die Schwaden lagen daher gestreckt. Die folgenden waren schon leichter gewesen, obwohl Lewin dabei immer noch alle seine Kräfte anstrengen mußte, um nicht hinter den Bauern zurückzubleiben.
Er dachte und wünschte nichts, als nur nicht hinter den Bauern zu bleiben, und so gut wie möglich zu arbeiten. Er hörte nur das Rauschen der Sensen und sah dicht vor sich die straffe Gestalt Tits weitergehen, den Halbkreis in der Wiese, die langsam um die Schärfe seiner Sense hin- und herwogenden Halme und Samentroddeln, und weiter vorn das Ende der Reihe, bei welchem Erholung winkte.
Ohne zu wissen, wie es kam, empfand er plötzlich inmitten seiner Arbeit ein angenehmes Gefühl von Kühle auf den erhitzten, schweißtriefenden Schultern. Er blickte zum Himmel empor, während die Sense geschärft wurde; eine niedrig hängende, schwere Wetterwolke war heraufgekommen und ein feiner Regen fiel nieder. Einige der Arbeiter liefen zu ihren Röcken und zogen dieselben über, andere – und ebenso that Lewin – zuckten nur frohgelaunt die Schultern unter der angenehmen Erfrischung.
Reihe auf Reihe wurde zurückgelegt, und man schnitt lange und kurze Reihen, mit gutem und schlechtem Gras ab. Lewin hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wußte schlechterdings nicht zu sagen, ob es jetzt früh oder spät sei. In seiner Thätigkeit begann jetzt eine Veränderung vor sich zu gehen, die ihm außerordentliches Vergnügen gewährte.
Mitten in der Arbeit überkamen ihn Minuten, in denen er vergaß, womit er beschäftigt war; es wurde ihm frei ums Herz und in diesen Augenblicken fielen seine Schwaden fast ebenso gleichmäßig und schön, wie bei Tit. Kaum aber hatte er sich wieder vergegenwärtigt, was er thue, und angefangen, recht gut arbeiten zu wollen, so erfuhr er an sich wieder die ganze Schwierigkeit der Arbeit, und seine Schwaden fielen schlecht.
Als er eine weitere Reihe beendet hatte, und wiederum umkehren wollte, blieb Tit stehen und raunte dem Alten, indem er zu ihm hintrat, leise etwas zu. Beide blickten nach der Sonne.
„Wovon mögen sie sprechen, und weshalb fangen sie keine Reihe mehr an?“ dachte Lewin, der gar nicht daran gedacht hatte, daß die Bauern ohne Unterbrechung jetzt schon nicht weniger als vier Stunden gemäht hatten und nun frühstücken mußten.
„Frühstücken, Herr,“ sagte der Alte zu ihm.
„Schon Zeit? Gut, frühstücken wir!“
Lewin gab Tit seine Sense und schritt zusammen mit den Arbeitern die nach dem Frühstücksbrot zu ihren Röcken gingen, durch die leicht vom Regen besprühten Schwaden auf der abgemähten Fläche nach seinem Pferde. Hier erst fiel ihm ein, daß er gar nicht an das Wetter gedacht und der Regen ihm das Heu naß gemacht habe.
„Er wird es verderben,“ sagte er.
„O, nein, Herr,“ antwortete ihm der Alte und fügte in der russischen Bauernregel hinzu: „W doždj kosi, w pogodu grebi!“
Lewin band sein Pferd los, und ritt heim, um Kaffee zu trinken.
Sergey Iwanowitsch war soeben erst aufgestanden. Nachdem Lewin den Kaffee zu sich genommen, ritt er wieder hinaus zur Heuernte, bevor noch Sergey Iwanowitsch sich angekleidet hatte und im Speisezimmer erschienen war.
5
Nach dem Frühstück kam Lewin nicht wieder an seinen früheren Platz in der Reihe, sondern zwischen einen launigen Alten, der ihn in seine Nachbarschaft gebeten hatte, und einen jungen Bauern, der erst seit dem Herbst verheiratet und das erste Jahr mit Heumähen gegangen war.
Der Alte ging in aufrechter Haltung voran, gleichmäßig die gespreizten Beine vorwärts setzend und in ruhiger Bewegung, die bei ihm offenbar nicht mehr Arbeit war, als vielmehr eine Bewegung mit den Armen im Gehen, – wie spielend ganz allein eine hochgewachsene Reihe niederstreckend, als ob nicht er, sondern nur seine haarscharfe Sense in das saftige Gras schnitte.
Hinter Lewin schritt der junge Mischka. Das freundliche, jugendliche Gesicht desselben, mit den von frischem Gras umwundenen Haaren, arbeitete selbst mit vor Anstrengung, aber sobald ihn einer anblickte, lächelte er. Offenbar war er bereit, lieber zu sterben, als einzugestehen, daß es ihm sauer werde.
Lewin ging zwischen den beiden; gerade in der höchsten Hitze erschien ihm das Mähen nicht so anstrengend. Der Schweiß, welcher ihn überströmte, kühlte ihn, die Sonne, welche auf seinen Rücken, seinen Kopf und den bis zum Ellbogen entblößten Arm brannte, verlieh ihm Kraft und Ausdauer in der Arbeit; öfter und öfter kamen jene Minuten des Zustandes der Selbstvergessenheit, in denen man nicht an das zu denken braucht, was man thut.
Die Sense schnitt wie von selbst. Dies waren ihm glückselige Augenblicke. Noch glückseliger aber waren die, wenn der Alte, an den Fluß gelangend, an welchem die Reihen aufhörten, mit dem dichten nassen Grase seine Sense abrieb und ihren Stahl in dem frischen Wasser des Flusses badete, alsdann Wasser zu seinem Preißelbeerschnaps mischte und Lewin damit regalierte.
„Das ist Kwas von mir,“ sagte er, „er ist wohl gut?“ sagte er und seine Augen zwinkerten dabei.
Und in der That hatte Lewin noch niemals ein solches Getränk gekostet, wie dieses laue Wasser mit dem darauf schwimmenden Grün und seinem rostigen Blechgeschmack von den Preißelsbeeren.
Gleich darauf begann wiederum der langsame Gang, die Hand an der Sense, während dessen man den strömenden Schweiß abwischen konnte, mit voller Brust aufatmete und die weithin sich dehnende ganze Reihe der Schnitter überschaute, wie alles, was sich ringsum, im Walde und auf der Haide, ereignete. Je länger Lewin mähte, um so häufiger wurden die Momente der Selbstvergessenheit, in welcher die Hände schon nicht mehr die Sense schwangen, sondern diese selbst die Hand bewegte, als sei sie ein Ding mit Bewußtsein, ein lebensvoller Körper, und wie durch Zauberei ohne sein eigenes Zuthun, wurde die Arbeit durch sich selbst recht und sorgsam. Dies waren für ihn die schönsten Augenblicke.
Schwierig aber wurde die Sache dann, wenn man diese unbewußt gewordene Bewegung zu regeln hatte und denken mußte, wenn es galt, über einen Maulwurfshügel oder einen Fleck mit nichtgejätetem Sauerampfer zu mähen.
Der Alte vollbrachte dies mit Leichtigkeit. Kam ein solcher Erdhaufen, so veränderte er seine Bewegung und wo sein Absatz war, mit dem Ende der Sense, da umschnitt er denselben von beiden Seiten mit kleinen kurzen Streichen. Indem er dies aber that, schaute er vorsichtig auf und beobachtete alles, was sich vor ihm im Grase zeigte. Bald nahm er einen kleinen Pilz auf und verspeiste ihn, oder gab ihn Lewin zu essen, bald beseitigte er mit der Spitze der Sense ein Gestrüpp, bald erblickte er ein Wachtelnest, von welchem erst dicht vor der Schneide die Mutter aufflog, bald fing er eine Schlange, die ihm über den Weg kam und hob sie wie auf eine Gabel gespießt auf der Sense empor, sie Lewin zeigend und dann beiseite schleudernd. Für diesen und den jungen Bauern dahinter, waren diese Bewegungen schwierig. Beide, die nur das Augenmerk auf ihre Bewegungen richten mußten, befanden sich unter dem Zwange der Arbeit und besaßen nicht die Kraft, ihre Bewegungen zu ändern, und zu gleicher Zeit auch zu beobachten, was um sie her vor sich ging.
Lewin merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Hätte man ihn gefragt, wie lange er schon gemäht habe, so würde er geantwortet haben, eine halbe Stunde – und doch war es schon Mittag geworden. Bei dem Anfang einer Reihe lenkte der Alte Lewins Aufmerksamkeit auf einige kleine Mädchen und Knaben, welche von verschiedenen Gegenden, kaum sichtbar, im hohen Grase und auf dem Wege daher auf die Schnitter zukamen. Sie trugen kleine Päckchen in den Händen mit Brot, und mit Tüchern oben zugebundene Schüsseln voll Kwas.
„Da kommen unsere Käferchen herangekrochen!“ sagte er, auf die kleinen weisend und unter der hochgehaltenen Hand nach der Sonne hinaufblickend. Noch zwei Reihen wurden zurückgelegt, dann hielt der Alte inne.
„Nun, Herr, wollen wir essen!“ sagte er kurz. Er ging zum Flusse, die Schnitter kamen durch die Schwaden zu ihren Röcken, bei denen die Kinder, welche die Mittagsmahlzeit gebracht hatten, ihrer harrend, saßen. Die Landleute sammelten sich – die weiter ab Arbeitenden unter die Wagen, die näher Befindlichen unter einem Gebüsch, welches mit Gras gedeckt worden war.
Lewin setzte sich zu ihnen; er verspürte keine Lust, heimzufahren.
Alle Befangenheit vor dem anwesenden Herrn war längst verschwunden, die Bauern rüsteten sich zu ihrer Mahlzeit. Die einen wuschen sich, die Kleinen badeten im Flusse, andere suchten einen Ort zur Ruhe, lösten die Beutel mit dem Brot und öffneten die Kwasschüsseln.
Der Alte brockte Brot in seine Schüssel, stampfte es mit dem Löffelstiel, goß Preißelsbeersaft darüber, schnitt noch mehr Brot, salzte es und begann hierauf, nach Osten gewendet sein Gebet zu verrichten.
„Nun, Herr, wollt Ihr von meiner Tjurka?“ frug er dann, sich auf die Kniee vor seiner Schüssel niederhockend. Die Tjurka war so schmackhaft, daß Lewin es aufgab, heimzureiten um Mittag zu essen. Er speiste mit dem Alten und unterhielt sich mit demselben über dessen häusliche Verhältnisse, an denen er lebendiges Interesse bekundete. Er teilte ihm selbst alle seine eigenen Geschäfte mit, alle Umstände, welche den Alten zu interessieren vermochten. Er fühlte sich diesem viel näher, als seinem Bruder, und lächelte unwillkürlich über die herzliche Neigung, die er zu diesem Greise fühlte. Als dieser sich wieder erhob und abermals gebetet hatte, streckte er sich unter das Gebüsch, sich Gras unter sein Kopfkissen legend; Lewin that das Nämliche und schlief sogleich ein, ungeachtet der klebrigen, zudringlich in der Sonne schwärmenden Fliegen und Käfer, welche sein schweißbedecktes Gesicht und den Körper umschwirrten, um erst wieder aufzuwachen, als die Sonne schon auf der anderen Seite des Strauches stand und ihn stach. Der Alte schlief schon lange nicht mehr; er saß und flocht den Kindern die Zöpfe.
Lewin schaute im Kreise um sich; er erkannte den Ort nicht wieder, so hatte sich alles verändert. Die Wiese in ihrer weiten Ausdehnung war gemäht und glänzte jetzt von einem eigenartigen, neuen Schimmer in ihren schon duftenden Schwaden unter den abendlich schrägfallenden Strahlen der Sonne. Auch um das Gebüsch und am Flusse war gemäht, und dieser selbst, der vorher nicht sichtbar gewesen war, glänzte jetzt wie Stahl mit seinen Windungen; er sah das sich regende, sich erhebende Volk der Mäher, die steile Wand des noch nicht geschnittenen Grasbestandes der Wiese, die Habichte, die sich über der entblößten Fläche tummelten – und alles das war ihm neu.
Als er zu sich gekommen war, begann er zu berechnen, wie viel bereits geschnitten war, und wie viel noch am heutigen Tage gearbeitet werden konnte.
Es war für die Zahl von zweiundvierzig Arbeitern ungewöhnlich viel geleistet worden. Eine ganze große Wiese, die sonst wohl von dreißig Sensen in zwei Tagen gemäht wurde, war jetzt schon fertig, und noch nicht geschnitten waren nur die Ecken mit ihren kurzen Reihen. Aber Lewin wünschte heute soviel als möglich zu mähen und war auf die Sonne ungehalten, die sobald schon hinunterging. Er fühlte keine Ermüdung; er wollte nur soviel als möglich und so schnell als möglich arbeiten.
„Nun, wie denkst du, können wir noch den ‚Maschkin Werch‘ mähen?“ frug er den Alten.
„Wie Gott will; die Sonne steht allerdings nicht mehr hoch. Ein Schnaps wird den wackeren Burschen recht sein.“
Während des Vesperbrotes, als man sich wiederum niedersetzte und einige rauchten, teilte der Alte den Burschen mit, daß noch der „Maschkin Werch“ gemäht werden müsse und es Branntwein geben werde.
„Ha, auf das Mähen kommt es uns nicht an! Ans Zeug, Tit! Wir wollen schon schwingen.“
„Wir können zum Abend essen. Also ans Werk!“ vernahm man mehrere Stimmen und den letzten Bissen kauend, gingen die Mäher wieder an die Arbeit.
„Haltet euch dazu, Jungen!“ rief der alte Tit, fast im Trabe den übrigen vorangehend.
„Geh zu, geh zu!“ rief der Alte, ihm folgend und ihn leicht antreibend, „oder ich schneide zu – hüte dich!“ —
Die Jungen und die Alten mähten nun gleichsam um die Wette, aber so sehr sie sich auch sputeten, sie verdarben keine Reihe und die Schwaden fielen glatt und sorgfältig. Ein Winkel in der Ecke war in fünf Minuten fertig; und die hinteren Mäher gingen noch in den Reihen, als die vorderen bereits ihre Röcke über die Schultern warfen und über den Weg hinweg nach dem „Maschkin Werch“ gingen.
Die Sonne senkte sich bereits über die Dörfer, als sie an die Waldschlucht, welche „Maschkin Werch“ hieß, gelangten. Das Gras in der Mitte des Hohlweges stand bis an den Gürtel hoch, es war zart, weich und saftig, hier und da von Vergißmeinnicht durchsetzt.
Nach einer kurzen Beratung, ob man längs oder quer mähen solle, ging Prochor Jermilin, ebenfalls ein berühmter Mäher, ein außerordentlich großer, schwarzer Mann voran. Er ging einen Schwaden ab und begann zu mähen. Die übrigen thaten es ihm nach; die einen nach dem Berge hin in der Schlucht schreitend, die anderen auf den Abhang hinauf bis dicht an den Wald.
Die Sonne sank hinter dem Walde, der Thau begann schon zu fallen, und nur auf der Anhöhe waren die Mäher noch in der Sonne, unten aber, wo sich der Nebel erhob und jenseits gingen die Schnitter im frischen duftigen Schatten; die Arbeit war in vollstem Zuge.
Das unter sausendem Geräusch niedergestreckte Gras sank duftend in hohen Reihen und die Schnitter, von allen Seiten sich zu kurzen Zügen zusammendrängend, bald mit den Wetzsteinen klappernd, bald mit den Sensen klirrend, trieben sich unter lustigen Zurufen.
Lewin schritt noch immer zwischen dem jungen Arbeiter und dem Alten. Der letztere, welcher jetzt seine Schafwolljacke angezogen hatte, befand sich ebenfalls in lustiger aufgeräumtester Stimmung und bewegte sich mit voller Lebendigkeit. Im Walde fand man von den Sensen getroffene dicke Birkenschwämme im saftigen Grase. Der Alte bückte sich bei jedem derselben, hob ihn auf, prüfte, und steckte ihn dann in den Brustlatz. „Das ist etwas für meine Alte,“ sagte er dabei.
So leicht es auch war, das nasse, dünne Gras mit der Sense zu schneiden, so schwierig war es, an den steilen Abhängen der Schlucht auf und abzusteigen beim Mähen. Aber den Alten verdroß dies nicht; die Sense stetig schwingend, ging er mit seinen kleinen, festen Schritten, die Füße in den mächtigen Bastschuhen, langsam die Anhöhen hinan und obwohl er dabei vor Anstrengung am ganzen Körper zitterte und die Beinkleider ihm tief herabgerutscht waren, ließ er doch kein einziges Hälmchen, keinen Pilz auf seinem Wege stehen und scherzte dabei mit den Arbeitern und mit Lewin ruhig weiter.
Dieser folgte ihm und dachte oft, er würde sicher stürzen, indem er mit der Sense an einem steilen Hügel hinanstieg, an welchem es schon ohne solche schwierig war, hinaufzukommen. Aber er stieg und that seine Pflicht, und empfand dabei, daß gleichsam eine gewisse äußere Macht mit ihm wirkte.
