Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 29
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Man hatte den „Maschkin Werch“ abgemäht und legte die letzten Schwaden nieder; die Röcke wurden angezogen und alles kehrte in fröhlicher Stimmung heim.
Lewin setzte sich auf sein Pferd, und ritt, sich nur ungern von seinen Bauern verabschiedend, heim. Oben von dem Berge herab blickte er um sich; er gewahrte nichts mehr von den Leuten in dem aus der Niederung aufsteigenden Nebel, nur ihre Stimmen waren noch vernehmbar, lustige rauhe Stimmen, Lachen und die Töne der aneinanderklirrenden Sensen.
Sergey Iwanowitsch hatte die Abendmahlzeit schon längst beendet und nahm Limonade mit Wasser und Eis in seinem Zimmer zu sich. Er durchflog dabei die soeben von der Post eingetroffenen Zeitungen und Journale, als Lewin mit schweißdurchnäßten und wirr an der Stirn klebenden Haaren, Rücken und Brust von der Feuchtigkeit dunkel gefärbt, mit heiterem Gespräch ins Zimmer zu ihm hereintrat.
„Die ganze Wiese haben wir abgemäht, ah, und wie schön, es ist staunenswert! Was hast du denn den Tag hindurch gemacht?“ frug Lewin, der das unerbauliche Gespräch von gestern völlig vergessen hatte.
„Bei allen Heiligen! Wie siehst du denn aus?“ rief Sergey Iwanowitsch, in der ersten Minute seinen Bruder mit mißbilligendem Blicke musternd. „Aber so schließ doch die Thür, sicherlich hast du ein ganzes Dutzend Mücken hereingelassen!“ rief er dann.
Sergey Iwanowitsch konnte die Fliegen nicht ausstehen und öffnete in seinem Zimmer nur des Nachts die Fenster, die Thür aber hielt er sorgfältig verschlossen.
„Mein Gott, es ist ja keine einzige da, und wenn ich welche hereinließ, dann will ich sie fangen! Du kannst nicht glauben, welches Vergnügen ich gehabt habe. Wie hast du denn den Tag verbracht?“
„Ich habe mich ganz gut unterhalten; aber hast du wirklich den ganzen Tag gemäht? Ich glaube, du mußt hungrig sein wie ein Wolf. Kusma hatte alles für dich fertig gemacht.“
„Nein, ich mag nicht essen, ich habe schon draußen gegessen, aber jetzt will ich gehen und mich waschen.“
„Nun, geh, ich komme dann sogleich zu dir,“ antwortete Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd seinen Bruder betrachtend. „Geh nun, geh nur schnell,“ fügte er hinzu, lächelte und schickte sich, seine Bücher zusammennehmend, gleichfalls zu gehen an. Er fühlte sich plötzlich bei guter Laune und verspürte keine Neigung, sich von seinem Bruder zu trennen.
„Wo warst du denn, als es regnete?“
„Regnete? Es hat ja kaum getropft! Ich werde aber sogleich wiederkommen. Du hast dich also den ganzen Tag über wohl befunden? Das ist ja hübsch.“ Lewin ging, um sich anzukleiden.
Nach Verlauf von fünf Minuten kamen die Brüder im Speisezimmer wieder zusammen. Obwohl es Lewin geschienen, als verspüre er gar keinen Hunger, setzte er sich doch zum Essen an den Tisch, um Kusma nicht zu beleidigen, als er indessen erst zu essen begonnen hatte, da zeigte sich ihm die Mahlzeit als äußerst schmackhaft. Sergey Iwanowitsch blickte ihn lächelnd an.
„Ach ja, es ist auch ein Brief für dich angekommen!“ fügte er hierauf hinzu, „Kusma, bringe ihn doch gefälligst herunter; doch sieh zu, daß die Thür wieder geschlossen wird!“
Das Schreiben war von Oblonskiy; Lewin las es laut vor. Oblonskiy schrieb von Petersburg aus: „Ich habe einen Brief von Dolly erhalten; sie befindet sich in Jerguschowo, aber es geht ihr nicht nach Wunsch. Begieb dich doch, wenn ich dich bitten dürfte, einmal zu ihr und stehe ihr mit deinem Rate bei; du kennst ja alles. Sie wird sich gewiß recht freuen, dich zu sehen. Ist sie doch ganz verlassen, die Arme, denn meine Schwiegermutter ist mit der ganzen Familie noch im Ausland.“
„Das ist ja ausgezeichnet! Ich werde ohne Zweifel zu ihnen fahren!“ rief Lewin, „wir könnten da eigentlich beide zusammen fahren! Sie ist ein so braves Weib; nicht wahr?“
„Ist es nicht zu weit?“
„Dreißig Werst, vielleicht auch vierzig. Doch der Weg ist vorzüglich; wir werden zusammen fahren.“
„Sehr angenehm,“ antwortete Sergey Iwanowitsch noch immer lächelnd. Der Anblick seines jüngeren Bruders versetzte ihn geradezu in Heiterkeit. „Guten Appetit hast du!“ sagte er, auf das über den Teller gebeugte, von der Sonne rotbraun gebrannte Gesicht und den Hals Lewins schauend.
„Außerordentlich! Du glaubst nicht, wie nützlich eine solche Methode für Thorheiten aller Art ist. Ich will die Medizin mit einem neuen deutschen Ausdruck ‚Arbeitskur‘, bereichern.“
„Die scheint aber dir doch nicht nötig zu sein.“
„Nein; nur manchen Nervenleidenden.“
„Man müßte sie versuchen. Ich hatte allerdings große Lust, zur Heuernte zu kommen, um dich zu sehen, aber die Hitze war so unerträglich, daß ich nicht weiter kam, als bis zum Walde. Da habe ich mich niedergesetzt und bin dann nach dem Dorfe hin gegangen. Ich traf auch dabei deine Amme, die ich bezüglich der Ansichten der Bauern über dich ausfrug. So weit ich verstand, billigen sie dein Vorgehen nicht, und sie sagte, das Mähen sei nicht Sache eines vornehmen Herrn. Mir scheint im allgemeinen, als ob sich in den Begriffen des Volkes die Ansichten über eine konventionell herrschaftliche Thätigkeit, wie man es nennen könnte, sehr scharf bestimmt wären; diese Bauern lassen es nicht zu, daß die Herren aus den nach ihrer Auffassung bestimmten Grenzen heraustreten.“
„Mag sein, aber es ist dies doch solch ein Vergnügen, wie ich es in meinem Leben noch nicht gehabt habe. Etwas Böses ist ja auch nicht dabei. Nicht wahr?“ antwortete Lewin. „Was ist nun zu thun, wenn es ihnen nicht gefällt? Ich denke übrigens, dies hat auch nichts auf sich. Wie?“
„Im allgemeinen,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „bist du, wie ich sehe, mit deinem Tag zufrieden.“
„Sehr zufrieden; wir haben eine ganze Wiese gemäht, und mit was für einem Alten habe ich dort Freundschaft geschlossen! Du kannst dir das nicht vorstellen, – eine Pracht!“
„Du bist also zufrieden mit deinem Tag. Ich bin es auch. Zunächst habe ich zwei Schachaufgaben gelöst, eine davon ist sehr hübsch, sie wird durch einen Bauer eröffnet und ich werde sie dir zeigen. Dann aber habe ich über unsere gestrige Unterredung nachgedacht.“
„Wie? Über unsere gestrige Unterredung?“ frug Lewin, zufrieden mit den Augen blinkernd und tief aufschnaufend nach der Beendigung der Mahlzeit. Er hatte durchaus nicht die Fähigkeit mehr, sich wieder zu vergegenwärtigen, welcher Art die gestrige Unterredung gewesen war.
„Ich finde, daß du zum Teil recht hattest. Unsere Meinungsverschiedenheit beruht darin, daß du als das treibende Moment das persönliche Interesse hinstelltest, während ich glaube, daß ein Interesse für das allgemeine Wohl bei jedem Menschen vorhanden sein muß, welcher auf einer gewissen Bildungsstufe steht. Mag sein, daß du auch damit recht hast, die materiell interessierte Thätigkeit sei die wünschenswertere. Im allgemeinen bist du eine Natur, die, wie die Franzosen sagen, allzuviel primesautière ist; du willst eine leidenschaftliche, energische Thätigkeit, oder gar keine.“
Lewin hörte dem Bruder zu, er verstand aber durchaus nichts von dessen Worten und wollte auch nichts verstehen. Er fürchtete lediglich, der Bruder möchte ihm eine Frage stellen, bei der es sich zeigen würde, daß er gar nicht zugehört habe.
„So steht es also, Freundchen!“ sagte Sergey Iwanowitsch, ihn an der Schulter fassend.
„Ja wohl, versteht sich. Aber was ist – ich beharre ja gar nicht auf meiner Meinung,“ antwortete Lewin mit kindlichem, schuldbewußten Lächeln. – „Worin habe ich denn gestritten?“ dachte er bei sich. „Freilich ich habe recht und er hat recht, und so ist alles gut. Aber jetzt nur noch ins Kontor und Anordnungen treffen.“ Er erhob sich, dehnte sich und lächelte.
Sergey Iwanowitsch lächelte gleichfalls.
„Du willst mir aus dem Wege gehen; gehen wir zusammen,“ sagte er, im Wunsche, sich nicht von dem Bruder zu trennen, von dem es ihn mit Frische und strotzender Kraft anmutete, „komm, laß uns zusammen nach dem Kontor gehen, wenn du dorthin mußt.“
„Alle Heiligen!“ rief Lewin aus, so laut, daß Sergey Iwanowitsch erschrak.
„Was; was hast du?“
„Was macht die Hand der Agathe Michailowna?“ frug Lewin, sich vor den Kopf schlagend. „Die habe ich ja ganz vergessen!“
„Sie ist weit besser geworden.“
„Nun, gleichwohl muß ich doch einmal zu ihr laufen. Bevor du den Hut aufgesetzt hast, werde ich wieder zurückgekehrt sein.“
Wie eine Dreschmaschine mit den Absätzen polternd, eilte er zur Treppe hinab.
7
Während Stefan Arkadjewitsch nach Petersburg fuhr, um der Erfüllung jener, allen Beamten naturgemäßesten und vertrautesten – wenn auch den Laien unverständlichen – Hauptpflichten zu genügen, ohne welche es nicht möglich ist, Beamter zu sein, der nämlich, seine werte Persönlichkeit dem Ministerium in Erinnerung zu bringen, und hierbei, in der Erfüllung dieser Obliegenheit, fast alles Barvermögen des Hauses bei sich führend, die Zeit heiter und vergnügt auf der Schlittschuhbahn oder auf den Villen verbrachte – war Dolly mit den Kindern auf das Land übergesiedelt, um die Ausgaben soviel wie möglich zu beschränken. Sie hatte sich nach ihrem Mitgiftgute Jerguschowo begeben, demselben, von welchem der Wald im Frühling veräußert worden war, und welches einige fünfzig Werst von Lewins Dorfe Pokrowskoje lag.
In Jerguschowo war das große alte Herrenhaus schon lange abgebrochen; doch war vom Fürsten her noch ein Flügel davon abgeteilt und erhöht worden – vor zwanzig Jahren zur Zeit, als Dolly noch ein Kind war, – geräumig und bequem zwar, stand er freilich, wie alle Flügel, seitwärts von der Ausfahrtallee und nach Süden. Jetzt aber war dieser Flügel alt und baufällig geworden.
Als Stefan Arkadjewitsch im Frühjahr zum Waldverkauf gefahren war, hatte Dolly ihn gebeten, das Haus zu besichtigen und die Renovierung anzuordnen, soweit sie nötig sein würde.
Stefan Arkadjewitsch, wie alle schuldbewußten Ehemänner, höchst besorgt um die Bequemlichkeit seiner Frau, besichtigte persönlich das Haus und traf bezüglich alles dessen, was nach seiner Auffassung erforderlich war, Verfügungen.
Nach seiner Auffassung war es nötig, das gesamte Meublement mit Cretonüberzügen neu zu überziehen, Gardinen aufzustecken, den Garten zu säubern, eine kleine Brücke am Teich zu bauen und Blumen zu pflanzen, dabei aber hatte er viele andere notwendige Dinge vergessen, deren Mangel später für Darja Alexandrowna peinlich wurde.
So sehr sich Stefan Arkadjewitsch auch bemühte, ein sorglicher Vater und Ehemann zu sein, konnte er sich doch in keiner Weise vergegenwärtigen, daß er Weib und Kinder besitze.
Er hatte noch völlig den Hagestolzengeschmack und nach diesem allein erwog er sich alles. Nach Moskau zurückgekehrt, erklärte er seiner Frau voll Selbstgefühl, daß alles vorbereitet wäre, daß das Haus wie ein Kinderspielzeug sein werde und er ihr nunmehr sehr empfehle, zu fahren.
Für Stefan Arkadjewitsch war die Abreise der Gattin in jeder Hinsicht sehr willkommen; für die Kinder war sie der Gesundheit zuträglich, die Ausgaben wurden vermindert und er selbst erhielt mehr Freiheit. Darja Alexandrowna aber hielt ihre Übersiedelung nach dem Dorfe für den Sommer ebenfalls für unumgänglich, wegen der Kinder, besonders ihres Töchterchens, welches nach dem Scharlachfieber noch nicht wieder recht zu Kräften kommen konnte, und dann endlich, weil sie sich damit von den vielen kleinen Erniedrigungen, den kleinen Schulden, die sie an die Holzlieferanten, Fischer und Schuhmacher hatte, und welche sie quälten, befreien konnte.
Außerdem war ihr aber die Übersiedelung auch noch wünschenswert, weil sie glaubte, auch ihre Schwester Kity mit auf das Dorf nehmen zu können, welche in der Mitte des Sommers aus dem Auslande heimkehren mußte, und der Bäder verschrieben worden waren.
Kity hatte ihr aus dem Badeort geschrieben, daß ihr nichts so angenehm dünke, als den Sommer mit Dolly in Jerguschowo zubringen zu können, welches ja so reich an Jugenderinnerungen für sie beide sei.
Die erste Zeit des Aufenthaltes auf dem Lande war für Dolly sehr beschwerlich. Sie hatte in ihrer Kindheit auf dem Lande gelebt und es war der Eindruck in ihr zurückgeblieben, daß das Dorf ein Zufluchtsort vor all den Unannehmlichkeiten der Stadt sei, daß das Leben hier, wenngleich nicht schön – hierin hätte sich Dolly leicht zufrieden gegeben – doch billig und bequem sei; man konnte hier alles haben und billig haben, was zu bekommen war, und die Kinder befanden sich wohl dabei. Als sie jetzt aber in ihrer Eigenschaft als Hausherrin auf das Dorf gekommen war, wurde sie inne, daß die Sache doch gar nicht so war, als sie gedacht hatte.
Am Tage nach ihrer Ankunft kam ein Platzregen und abends floß der Korridor und die Kinderstube von Wasser, so daß man die Kinderbetten in das Gastzimmer bringen mußte. Eine Köchin für das Gesinde war nicht vorhanden, und von den neun Kühen kalbten nach den Worten der Viehmagd einige, andere hatten das erste Kalb, oder waren schon zu alt und gaben keine Milch; weder Butter noch Milch war ausreichend selbst für die Kinder vorhanden; Eier gab es gar nicht und eine Henne war nicht zu erlangen. Man briet oder kochte nur alte, sehnige Hähne. Selbst Weiber, die die Zimmer scheuerten, konnte man nicht haben, sie waren alle auf dem Kartoffelfeld. Auszufahren erwies sich als unmöglich, weil das einzige Pferd störrig war und in die Deichsel riß, auch baden konnte man nicht, denn das ganze Flußufer war vom Vieh ausgetreten und lag vom Wege aus frei sichtbar da, ja selbst ein Spaziergang ließ sich nicht unternehmen, da das Vieh durch den zerbrochenen Gartenzaun in den Garten kam, und es einen bösartigen Stier hier gab, welcher brüllte und daher wohl mit den Hörnern stoßen konnte. Schränke für die Garderobe mangelten auch, und die, welche vorhanden waren, ließen sich nicht verschließen, sondern gingen von selbst auf, sobald man an ihnen vorüberschritt. Küchengerät und Äsche fehlten gleichfalls, ein Waschkessel, selbst ein Plättbrett war nicht da.
Anfangs war daher Darja Aleksandrowna, anstatt Ruhe und Erholung zu finden, in Verzweiflung, als sie in diesen von ihrem Gesichtspunkt aus furchtbaren Notstand geraten war; sie sorgte mit allen Kräften, sie empfand den Zwang ihrer Lage und mußte alle Augenblicke die Thränen zurückdrängen, die ihr in die Augen traten. Der Hausverwalter, ein früherer Wachtmeister, der bei Stefan Arkadjewitsch in Gunst stand, und von diesem seiner einnehmenden und respektablen Erscheinung halber zum Portier erhoben worden war, widmete der bedrängten Lage seiner Herrin nicht die geringste Teilnahme; er äußerte nur ehrerbietig: „Es ist unmöglich etwas zu thun; das Volk hier ist zu elend,“ und leistete sonst keinerlei Beistand.
Die Lage erschien trostlos. Aber im Hause der Oblonskiy gab es, wie das in allen guten Häusern ist – eine zwar nicht hervortretende, dafür aber äußerst wichtige und nützliche Person – das war Marja Philimonowna.
Diese beruhigte die Herrin, versicherte derselben, daß sich „schon alles machen werde“ – ihr gewöhnliches Wort, welches von ihr erst Matwey angenommen hatte, – und wirkte nun ohne Hast und Unruhe.
Sie war sogleich mit der Wirtschafterin in Verbindung getreten, hatte schon am ersten Tage nach der Ankunft mit dieser und dem Verwalter Thee zusammen unter den Akazien getrunken, und dabei alle Angelegenheiten beraten. Schnell hatte sich unter den Akazien ein Klub Marja Philimonownas gebildet, und durch diesen Klub, welcher aus der Wirtschafterin, dem Starosten und dem Kontorschreiber bestand, begannen sich die Übelstände des Lebens einigermaßen zu bessern, so daß nach Verlauf einer Woche sich in der That „alles schon machte“. Man hatte das Dach ausgebessert, eine Köchin gefunden – eine Base des Starosten, – Hühner angekauft; die Kühe begannen Milch zu geben, der Garten wurde mit dünnen, langen Stangen umzäunt, der Zimmermann hatte eine Wäschmangel gebaut und zu den Schränken waren Schlüssel geschafft worden, so daß sie sich nicht mehr von selbst öffneten; ein Plättbrett, mit Uniformtuch überzogen, lag von der Armsessellehne bis zur Kommode und in der Mädchenstube roch es nach dem heißen Plättstahl.
„Da haben wirs ja und doch war man schon in Verzweiflung,“ sagte Marja Philimonowna, auf das Brett weisend.
Selbst ein Badehäuschen war aus Strohschirmen gebaut. Lily begann zu baden und für Darja Aleksandrowna gingen so wenigstens die Erwartungen, die sie sich von einem wenn auch nicht ruhigen, so doch bequemen Landleben gemacht hatte, in Erfüllung. Mit sechs Kindern konnte Darja Aleksandrowna nicht ruhig leben; das eine war krank, das andere konnte krank werden, dem dritten fehlte etwas, das vierte zeigte Anlagen zu schlechtem Charakter – und so ging es fort. Selten, höchst selten gab es kurze Ruhepausen, und doch waren diese Sorgen und Unruhen für Darja Aleksandrowna das einzig mögliche Glück. Wäre es nicht vorhanden gewesen, so war sie sich selbst überlassen mit ihren Gedanken über ihren Mann, der sie nicht liebte.
Aber so drückend auch der Mutter die Angst vor der Krankheit, und die Krankheit der Kinder selbst sein mochte, und der Schmerz, welchen sie angesichts der Anzeichen zu schlechten Neigungen bei ihren Kindern empfand – die Kinder selbst vergalten ihr schon jetzt mit kleinen Freuden ihren Schmerz. Diese Freuden waren freilich so klein, daß sie unbemerkbar erschienen, wie Gold im Sande, und in trüben Augenblicken sah sie auch nur den Kummer, – nur den Sand; – allein es gab doch auch schöne Augenblicke, in denen sie nur Freude fand – nur Gold. —
Jetzt in der Einsamkeit des Landlebens begann sie dieser Freuden mehr und mehr inne zu werden. Oft bemühte sie sich im Hinblicke auf sie in jeder Weise die Überzeugung zu gewinnen, sie irre sich, sie sei als Mutter nur eingenommen für ihre Kinder, aber dennoch mußte sie sich selbst sagen, daß sie reizende Kinder habe, alle sechs, alle in verschiedener Art, und doch so, wie man selten welche findet – und sie fühlte sich glücklich in ihnen und war stolz auf dieselben.
8
Zu Ende des Mai, nachdem alles schon mehr oder weniger in Ordnung gebracht war, erhielt sie eine Antwort ihres Mannes auf ihre Klagen über die Unordnung auf dem Dorfe. Er schrieb ihr, und bat um Verzeihung, daß er nicht an alles gedacht hätte, und versprach, sobald, als es möglich sein würde, zu kommen.
Diese Möglichkeit aber hatte sich nicht gezeigt und bis Anfang Juni lebte Darja Aleksandrowna allein auf ihrem Dorfe. Während den Petersfasten, eines Sonntags, fuhr Darja Aleksandrowna mit allen ihren Kindern zur Messe, um ihnen das Abendmahl reichen zu lassen.
In ihren religiösen, philosophierenden Gesprächen mit Schwester und Mutter und mit den Bekannten hatte sie diese sehr oft durch ihre Gedankenfülle bezüglich der Religion in Erstaunen gesetzt. Sie hatte ihre eigene seltsame Anschauung der Metamorphose, an die sie fest glaubte, ohne sich viel um die Dogmen der Kirche zu kümmern. In der Familie aber erfüllte sie – nicht nur zum Zwecke, ein Beispiel zu geben, sondern mit ganzer Seele – streng alle Anforderungen der Kirche, und der Umstand, daß ihre Kinder schon seit etwa einem Jahre nicht zum Abendmahl gegangen waren, beunruhigte sie sehr, so daß sie sich mit der vollen Billigung und Beistimmung Marja Philimonownas entschloß, dies jetzt, im Sommer, zur Ausführung zu bringen.
Darja Aleksandrowna hatte schon einige Tage zuvor überlegt, wie sie alle ihre Kinder dazu kleiden sollte, und da wurden nun Kleider genäht, umgeändert und gewaschen, Umschläge und Borten angebracht, Knöpfe aufgesetzt und Bandschleifen zurechtgemacht. Nur das Kleid Tanjas, mit dessen Herstellung sich die Engländerin befaßt hatte, machte bei Darja Aleksandrowna viel böses Blut. Die Engländerin hatte bei der Änderung die Besätze nicht an der richtigen Stelle angebracht, die Ärmel zu weit ausgeschnitten und das Kleid war ganz verdorben. Tanja mußte darin die Schultern so hoch ziehen, daß der Anblick Bedauern erregte. Doch Darja Aleksandrowna meinte, man müsse einsetzen, und eine Pelerine anbringen. So ging die Sache, doch gab es beinahe mit der Engländerin dabei einen Streit. Am Morgen indessen war alles in Ordnung, und um zehn Uhr, der Zeit, bis zu welcher man den Geistlichen gebeten hatte, mit der Messe zu warten, standen die Kinder freudestrahlend, angeputzt auf der Freitreppe vor dem Wagen und harrten der Mutter.
In den Wagen war anstatt der alten störrischen Mähre infolge der Fürsprache Marja Philimonownas der Braune des Verwalters eingespannt worden, und Darja Aleksandrowna, die von der Sorge um die eigene Toilette noch zurückgehalten worden war, erschien endlich, in einem weißen Kleide von Nesseltuch, um sich mit in den Wagen zu setzen.
Darja Aleksandrowna hatte sich voll Sorge und Unruhe frisiert und angekleidet. Früher that sie dies für sich selbst, um schön zu sein und zu gefallen, später aber war ihr das Ankleiden um so unerfreulicher geworden, je älter sie wurde; sah sie doch, wie sehr sie verloren hatte.
Heute jedoch hatte sie mit Vergnügen und Aufregung Toilette gemacht, sie that es ja nicht der eigenen Schönheit halber, sondern um als Mutter ihrer herrlichen Kinder den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen.
Nachdem sie noch ein letztes Mal in den Spiegel geblickt, war sie von sich selbst befriedigt; sie sah gut aus; nicht ebensogut, wie sie dermaleinst wohl für den Ball hatte auszusehen gewünscht, aber gut genug für den Zweck, den sie jetzt im Auge hatte.
In der Kirche war niemand außer den Bauern und den Hausleuten mit ihren Weibern, aber Darja Aleksandrowna sah das Entzücken oder glaubte es zu sehen, welches durch ihre Kinder und wohl auch über sie selbst hervorgerufen wurde. Ihre Kinder waren nicht nur an sich hübsch in ihren sauberen Kleidchen, sie waren auch artig, so wie sie sich aufführten. Aljoscha stand allerdings heute nicht besonders gut; er drehte sich fortwährend um, und wollte seine Kutte durchaus von hinten besehen; aber dennoch war auch er außergewöhnlich artig. Tanja stand wie eine Alte und überwachte die kleinen Geschwister, und die kleine Lily war reizend mit ihrer naiven Verwunderung über alles, so daß es schwer war, nicht zu lächeln, als sie bei der Erteilung des Abendmahls sagte, „please, some more.“
Nach Hause zurückgekehrt, hatten die Kinder das Gefühl, als ob sich etwas Feierliches vollzogen habe, und sie verhielten sich sehr ruhig.
Alles ging gut daheim, aber beim Frühstück fing Grischa an zu pfeifen, und was das Schlimmste war, er wollte nicht auf die englische Erzieherin hören, so daß er keine süße Pastete erhielt. Darja Aleksandrowna würde an diesem Tage keine Bestrafung geduldet haben, wäre sie selbst zugegen gewesen, aber so mußte der Strafverfügung der Engländerin Folge geleistet werden und dieselbe hielt fest an der Bestimmung, daß Grischa keine süße Pastete erhalte, was freilich die allgemeine Freude einigermaßen verdarb.
Grischa weinte und sagte, Nikolay habe auch gepfiffen und den bestrafe man nicht; er weine auch gar nicht etwa wegen der Pastete – die sei ihm ganz egal – sondern, weil man ungerecht gegen ihn sei. Das war doch allzu schmerzlich, und so entschied Darja Aleksandrowna, daß man, nach Rücksprache mit der Erzieherin, Grischa verzeihen könnte, und ging zu dieser. Als sie indessen den Saal durchschritt, gewahrte sie eine Scene, die ihr Herz mit so hoher Freude erfüllte, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie selbst sogleich dem Sünder verzieh.
Dieser saß im Salon an dem Eckfenster und neben ihm stand Tanja mit einem Teller. Unter dem Vorgeben des Wunsches, ihren Puppen ein Mittagsmahl zu verabreichen, hatte sie die Engländerin um die Erlaubnis gebeten, ihre Portion Pastete in die Kinderstube tragen zu dürfen, anstatt dessen aber sie dem Bruder gebracht; der Kleine verspeiste nun unter fließenden Thränen über die Ungerechtigkeit seiner Bestrafung die ihm überbrachte Pastete, dabei immer durch sein Schluchzen hindurch sprechend: „Iß du nur auch mit, laß uns zusammen essen, zusammen“ —
Auf Tanja hatte anfangs nur das Mitleid mit Grischa gewirkt, dann aber auch die Erkenntnis der Güte ihrer Handlung, und nun standen ihr die Thränen ebenfalls in den Augen; doch verspeiste sie ganz gern auch ihren Anteil mit.
Als die Kinder der Mutter ansichtig wurden, erschraken sie, nachdem sie aber einen Blick in deren Gesicht geworfen und erkannt hatten, daß sie ja nichts Übles thäten, begannen sie zu lächeln und mit den Händen die lachenden Lippen, mit vollen Mündern kauend, abzuwischen, wobei sie die strahlenden Gesichterchen ganz mit Thränen und Backwerk beschmierten.
„Alle Heiligen, das neue weiße Kleid! Tanja, Grischa!“ sprach die Mutter und bemühte sich, das Kleid zu retten, aber mit Thränen in den Augen, lächelnd voll Seligkeit und Entzücken.
Man zog den Kindern die neuen Kleider aus und ließ die Mädchen Blusen, die Knaben ihre alten Kutten anziehen. Hierauf sollte zum Ärger des Verwalters, der Braune wiederum mit eingespannt werden, da es zum Pilze suchen und nach dem Bade gehen sollte. Ein Sturm von Freudenschreien erhob sich in dem Kinderzimmer und verstummte erst bei der Abfahrt nach dem Bade.
Die Kinder sammelten einen ganzen Korb voll Pilze, selbst die kleine Lily fand einen Birkenpilz. Früher war es so, daß Miß Goul sie fand und ihr zeigte, jetzt aber fand sie schon selbst einen großen Pilz und ein allgemeiner Freudenschrei ertönte „Lily hat einen Pilz gefunden!“
Hierauf fuhren sie an den Fluß. Die Pferde wurden unter die Birken gestellt und die Kinder begaben sich ins Bad. Der Kutscher Terentij band die Pferde, welche die Bremsen von sich abwedelten, an einem Baume fest, und legte sich alsdann auf das Gras, im Schatten der Birken seine Pfeife schmauchend, während aus dem Bade das lustige Geschrei der Kinder zu ihm herüberdrang.
Obwohl es eine schwierige Aufgabe war, alle die Kinder zu beaufsichtigen und ihren Mutwillen zu dämpfen, obwohl es eine Aufgabe war, die sämtlichen kleinen Strümpfchen zu merken und nicht durcheinander zu wirren, die Höschen und Schuhe von verschiedenen Größen, sie auszuziehen, die Schlingen und die Knöpfe aufzuknöpfen, so hatte doch Darja Aleksandrowna, die selbst das Baden stets geliebt hatte, es als zuträglich für die Kinder haltend, an nichts soviel Vergnügen, als an diesem Baden mit allen ihren Kindern. Alle diese kleinen runden Beinchen durchzumustern, ihnen die Strümpfe anzuziehen, die nackten kleinen Leiber auf die Arme zu nehmen und zu waschen und die lustigen Aufschreie oder das erschreckte Wimmern der Kinder zu hören und die halb atemlosen Gesichterchen ihrer plätschernden Cherubim mit den weitgeöffneten erschreckten oder lachenden Augen zu sehen – das war ihr ein hoher Genuß.
Nachdem schon die Hälfte der Kinder ausgekleidet war, kamen einige Weiber heran ans Bad. Marja Philimonowna rief eines derselben, um ihr ein in das Wasser gefallenes Badetuch und ein Hemd zum trocknen zu geben, und Darja Aleksandrowna sprach die anderen Weiber an. Diese lachten sich anfangs verlegen ins Fäustchen und verstanden nicht, wonach sie gefragt wurden, doch bald wurden sie kühner und begannen zu reden, und nahmen nun Darja Aleksandrowna durch ihre aufrichtige Verwunderung, die sie über die Kinderchen zeigten, für sich ein.
„Ach, welche Schönheit, weiß wie Zucker,“ sagte das eine der Weiber, Tanja wohlgefällig beschauend und den Kopf schüttelnd, „aber ein wenig mager“ —
„Ja, sie ist krank gewesen.“
„Wird denn das da auch gebadet?“ sagte ein anderes Weib, auf das kleine Brustkind weisend.
„Nein; das ist erst drei Monate alt,“ versetzte Darja Aleksandrowna mit Stolz.
„Seht einmal an.“
„Hast du denn auch Kinder?“
„Ich hatte vier; zwei sind mir geblieben, ein Knabe und ein Mädchen. Erst in den letzten Fasten habe ich abgestillt.“
„Wie alt ist denn das Mädchen?
„Es geht ins zweite Jahr.“
„So lange hast du es genährt?“
„Das ist gewöhnlich so bei unsersgleichen, die Fasten lang“ —
Die Unterhaltung wurde jetzt erst wirklich interessant für Darja Aleksandrowna, und diese frug nun, wie es mit der Geburt gewesen, was für Krankheiten das Kind gehabt, wo ihr Mann sei und anderes.
Darja Aleksandrowna wollte die Weiber gar nicht wieder verlassen, so interessant war ihr Gespräch mit denselben, so eng deckten sich deren Interessen mit den ihren. Am angenehmsten von allem aber war Darja Aleksandrowna, daß sie klar erkannte, wie alle diese Weiber am meisten davon interessiert waren, wie viele Kinder sie hatte und wie diese so hübsch seien. Die Weiber belustigten Darja und beleidigten die Engländerin, weil diese die Ursache des ihr unerklärlichen Lächelns bildete. Eines der jüngeren Weiber hatte nach der Erzieherin geblickt, die sich später als die übrigen ankleidete, und, als jene die dritte Unterjacke angelegt hatte, sich der Bemerkung nicht enthalten können, wie sich die da drall einschnüre, worauf alles in Lachen ausbrach.
