Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 30
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Umgeben von allen ihren Kindern, die gebadet waren, und nasse Köpfe hatten, fuhr Darja Aleksandrowna, ein Tuch um den Kopf, am Hause vor, als der Kutscher meldete, es komme soeben ein Herr daher, wie es scheine, von Pokrowskoje.
Darja Aleksandrowna blickte auf und geriet in freudige Erregung, als sie unter dem grauen Hut und dem grauen Paletot die wohlbekannte Gestalt Lewins erblickte, der ihnen entgegenkam.
Sie war stets erfreut, wenn sie ihn sah, jetzt aber empfand sie dies besonders, weil er sie nun in all ihrem mütterlichen Glanze sehen konnte. Niemand als Lewin verstand besser, den Stolz Darjas Aleksandrownas zu würdigen.
Als derselbe sie erblickte, befand er sich vor einem jener Bilder, wie er sie sich selbst schon von einem künftigen Familienleben entworfen hatte.
„Gleich einer Bruthenne, Darja Aleksandrowna!“
„O, wie ich mich freue,“ sagte sie, ihm die Hand reichend.
„Ihr freut Euch und doch ließt Ihr mir keine Nachricht zugehen. Mein Bruder ist jetzt bei mir und ich habe erst von Stefan eine Mitteilung empfangen, daß Ihr hier wäret.“
„Von Stefan?“ frug Darja Aleksandrowna voll Verwunderung.
„Ja; er schreibt, daß Ihr nach hier übergesiedelt wäret und denkt, Ihr würdet mir erlauben, Euch irgendwie behilflich zu sein,“ sagte Lewin, plötzlich in Verwirrung geratend bei diesen Worten und stecken bleibend. Schweigend schritt er neben dem Wagen dahin, junge Lindenzweige abbrechend und anbeißend.
Er war in Verwirrung geraten, weil er vermutete, daß Darja Aleksandrowna die Hilfsbereitschaft, die ihr seitens eines Fremden angeboten worden war, unangenehm sein könnte, in einer Angelegenheit, die doch von ihrem Gatten zu erledigen gewesen wäre.
In der That hatte auch das Verfahren Stefan Arkadjewitschs, die eigenen Familienangelegenheiten zum Gegenstand des Interesses anderer zu machen, Darja Aleksandrowna nicht gefallen. Sie empfand indessen sogleich, daß Lewin dies alles verstehe und eben dieser Zartheit im Verständnis halber, dieser Feinfühligkeit wegen schätzte sie Lewin hoch.
„Ich habe verstanden,“ sagte Lewin, „daß dies nur soviel bedeutet, als ob Ihr mich zu sehen wünschtet, und ich freue mich hierüber sehr. Natürlich kann ich mir denken, daß es Euch, der Dame aus der Stadt, hier seltsam vorkommen wird; aber wenn Euch irgend etwas nötig sein sollte, so werde ich ganz zu Euren Diensten sein.“
„O nein!“ sagte Dolly. „In der ersten Zeit wohl war es mir unbequem, jetzt aber ist alles ganz hübsch eingerichtet. Dank meiner alten Amme,“ fuhr sie fort, auf Marja Philimonowna weisend, welche verstand, daß man von ihr spreche und daher heiter und freundlich auf Lewin blickte. Sie kannte diesen, und wußte, daß er ein guter Bräutigam für die junge Herrin gewesen wäre und hatte gewünscht, die Sache möchte in Erfüllung gegangen sein.
„Nehmt doch gefälligst Platz, wir wollen ein wenig zusammenrücken,“ sagte sie zu ihm.
„Nein; ich werde weiter gehen. Kinder, wer will von euch mit mir und den Pferden um die Wette laufen?“
Die Kinder kannten Lewin sehr wenig. Sie wußten nicht mehr, wann sie ihn gesehen hatten, zeigten aber ihm gegenüber nicht jenes seltsame Gefühl der Befangenheit und des Widerwillens, wie es Kinder so häufig vor Erwachsenen, die sich verstellen, empfinden, und das ihnen häufig so übel bekommt.
Die Heuchelei kann in irgend etwas wohl auch den klügsten, scharfsinnigsten Menschen täuschen; aber selbst das allerbeschränkteste Kind wird sie erkennen und sich von ihr abwenden, mag sie auch noch so geschickt verborgen sein. Was für Mängel Lewin auch immer haben mochte, von Heuchelei war in ihm nichts zu entdecken, und daher bewiesen ihm die Kinder ihre freundschaftliche Zuneigung im nämlichen Maße, wie sie sie auf den Zügen der Mutter zu ihm entdeckten.
Auf seine Einladung sprangen die beiden Ältesten sogleich herab und liefen mit ihm, wie sie mit ihrer Amme, mit Miß Goul oder der Mutter gelaufen wären. Selbst Lily bat, zu ihm zu dürfen und die Mutter übergab sie ihm. Er setzte sie auf seine Schulter und lief mit ihr davon.
„Habt keine Angst, keine Angst, Darja Aleksandrowna!“ sagte er mit heiterem Lächeln zu der Mutter, „es ist unmöglich, daß ich mich versehe oder sie fallen lasse.“
Die Mutter beruhigte sich auch mit einem Blick auf die leichten, kräftigen, aber vorsorglichen und nur zu umsichtigen Bewegungen Lewins, und lächelte, heiter und zustimmend ihn anschauend.
Hier auf dem Lande, im Verkehr mit den Kindern und der ihm so sympathischen Darja Aleksandrowna, geriet Lewin in jene, ihn so häufig überkommende Stimmung kindlich heiteren Frohsinns, den Darja besonders an ihm liebte. Indem er mit den Kindern lief, und ihnen Turnkünste wies, machte er Miß Goul mit seiner schlechten englischen Aussprache lachen und erzählte Darja Aleksandrowna von seinen Arbeiten auf dem Dorfe.
Nach Tische kam diese, im Salon allein mit ihm zusammensitzend, auch auf Kity zu sprechen.
„Wißt Ihr schon? Kity wird hierher kommen, und den Sommer bei mir zubringen.“
„In der That?“ sagte er, in Aufregung geratend, fuhr aber dann, um das Thema zu wechseln sogleich fort: „Soll ich Euch also die beiden Kühe senden? Wenn Ihr rechnen wollt, so zahlt Ihr mir sie mit fünf Rubel monatlich ab, sofern Euch das nicht unangenehm ist.“
„Ach nein, ich danke Euch bestens, es befindet sich jetzt alles bei uns in Ordnung.“
„Dann muß ich schon einmal Eure Kühe besichtigen und wenn Ihr gestattet, anordnen, wie sie gefüttert werden sollen. Die Hauptsache liegt in der Fütterung.“
Um nur das angeregte Thema wechseln zu können, setzte er nun Darja Aleksandrowna die Theorie der Milchwirtschaft auseinander, welche darin bestand, daß die Kuh nur die Maschine sei, welche die Fütterung in Milch umzusetzen habe.
Er setzte dies auseinander und wünschte dabei sehnlichst, noch Näheres über Kity zu vernehmen; gleichwohl aber fürchtete er dies auch wieder. Es war ihm bange darum, daß seine so mühsam von ihm errungene Ruhe wiederum zu nichte gemacht werde.
„Aber wenn nach alledem, was Ihr mir da ausführt, verfahren werden soll? Wer wird denn das thun?“ antwortete Darja Aleksandrowna mit Widerstreben.
Sie hatte ihr Wirtschaftswesen jetzt mit Hilfe Marja Philimonownas so verbessert, daß sie gar keine Lust hatte, noch etwas an demselben zu verändern, und dann glaubte sie auch gar nicht an Lewins Kenntnisse im Ökonomiewesen. So erschienen ihr seine Urteile, daß die Kuh eine Maschine für die Milchfabrikation sei, bedenkenerregend, und sie meinte, daß solche Auffassungen der Ökonomie nur im Wege stehen könnten. Ihr dünkte dies alles bei weitem einfacher; es war eben nur erforderlich, wie schon Marja Philimonowna auseinandergesetzt hatte, der Bunten und der Weißen mehr Futter zu geben und zu vermeiden, daß der Koch aus der Küche das Spülichtwasser in den Kuhstall trug. Das lag offen zu Tage, auch die Ausführungen über Kraft- und Grünfütterung waren bedenklich und unklar. Ihr selbst hatte vorzugsweise überhaupt daran gelegen, von Kity zu sprechen.
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„Kity schreibt mir, daß sie nichts so sehr ersehne, als Einsamkeit und Ruhe,“ sagte Dolly, nach einer eingetretenen Pause.
„Wie steht es denn mit ihrer Gesundheit, ist sie besser?“ frug Lewin in Erregung.
„Gott sei Dank, sie ist vollkommen wiederhergestellt; ich habe überhaupt nie geglaubt, daß sie ein Brustleiden gehabt hätte.“
„Ach, das freut mich außerordentlich,“ antwortete Lewin, und Dolly schien etwas Rührung Erweckendes, Hilfloses in seinen Zügen hervortreten zu sehen, als er dies gesagt hatte und sie nun schweigend anblickte.
„Hört doch einmal, Konstantin Dmitritsch,“ begann Darja Aleksandrowna mit ihrem gutmütigen, ein wenig schelmischen Lächeln, „weshalb seid Ihr denn eigentlich auf Kity bös!“
„Ich? Ich zürne ihr nicht,“ antwortete Lewin.
„Nein, Ihr zürnt ihr nicht? Weshalb seid Ihr denn dann weder zu uns, noch zu Kitys Eltern gekommen, als Ihr in Petersburg waret?“
„Darja Aleksandrowna,“ begann Lewin, bis in die Haarwurzeln errötend, „ich bin eigentlich in Verwunderung darüber, daß Ihr, mit Eurer Herzensgüte, dies nicht fühlt. Wie kommt es, daß Ihr nicht geradezu Mitleid mit mir empfindet, da Ihr doch wißt“ —
„Was soll ich wissen?“
„Nun, daß ich ihr einen Antrag gemacht habe und eine Absage erhielt,“ fuhr Lewin fort, und all die zarte Neigung, die er noch eine Minute zuvor für Kity empfunden hatte, verwandelte sich in seiner Seele zu einem Gefühl von Zorn über jene Kränkung.
„Woraus schließt Ihr, daß ich dies wissen müsse?“
„Daraus, weil es alle wissen.“
„Aber darin irrt Ihr; ich habe es nicht gewußt, wenngleich ich es vermutete.“
„Nun, so wißt Ihr es doch jetzt.“
„Ich wußte bisher nur das Eine, daß Etwas vorhanden war, was Kity entsetzlich quälte und daß diese mich bat, niemals hiervon zu sprechen. Wenn sie aber mit mir über die Sache selbst nicht gesprochen hat, so hat sie noch mit niemand darüber gesprochen. Doch was hattet Ihr? sagt mir's doch!“
„Ich habe Euch gesagt, was geschehen ist.“
„Wann geschah denn das Unglück?“
„Als ich das letzte Mal bei Euch war.“
„Wisset, ich muß Euch etwas sagen,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Kity thut mir ganz außerordentlich leid! Ihr leidet nur aus Stolz“ —
„Mag sein,“ sagte Lewin, „doch“ —
Sie schnitt ihm das Wort ab.
– „Doch die Arme thut mir ganz ungeheuer leid. Jetzt weiß ich alles.“
„Nun, Darja Aleksandrowna, Ihr entschuldigt mich wohl,“ sagte Lewin, sich erhebend, „verzeiht, und – auf Wiedersehen.“
„Nein, nein, bleibt noch,“ antwortete sie, ihn am Rockärmel fassend. „Bleibet und setzt Euch!“
„Aber ich bitte tausendmal, daß wir dann nicht mehr von jenem Thema sprechen,“ bat er, sich setzend mit einer Empfindung, als rege sich und lebe in seinem Herzen eine Hoffnung wieder auf, die ihm längst begraben geschienen.
„Wenn ich Euch nicht lieb hätte,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort und die Thränen traten ihr dabei in die Augen, „und wenn ich Euch nicht kennte, wie ich Euch kenne,“ —
Das scheinbar erstorben gewesene Gefühl regte sich mehr und mehr wieder in ihm, es wallte empor und nahm von dem Herzen Lewins Besitz.
„Ja, jetzt verstehe ich alles,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Ihr freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.“
„Wenn das Herz nicht spricht, allerdings“ —
„O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, macht ihr eine Erklärung“ —
„Nun; ganz so ist es denn doch nicht.“
„Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, – ja oder nein.“
„So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,“ dachte Lewin und jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.
„Darja Aleksandrowna,“ begann er, „so wählt man wohl ein Kleid, oder ich weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine Wiederholung giebt es nicht.“
„O, Stolz über Stolz,“ sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit demjenigen wie es nur die Frauen kennen. „Zur nämlichen Zeit, als Ihr Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.“
Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: „nein, es kann nicht sein.“
„Darja Aleksandrowna,“ begann er trockenen Tones, „ich schätze Euer Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.“
„Ich will hierauf nur das Eine noch bemerken. Ihr versteht wohl, daß ich von meiner Schwester spreche die ich liebe, wie meine eigenen Kinder. Ich sage nicht, daß sie Euch geliebt hätte, ich wollte nur andeuten, daß ihre Abweisung damals gar nichts beweist.“
„Ich weiß das nicht,“ antwortete Lewin aufspringend, „aber wüßtet Ihr nur, wie weh Ihr mir thut! Die Sache ist ebenso, wie wenn Euch ein Kind gestorben wäre, und man zu Euch spräche, so ist es nun dahin, es war so schön, und hätte leben können und Ihr hättet Freude an ihm gehabt – aber es ist tot – tot – tot“ —
„Wie seid Ihr doch seltsam,“ antwortete Darja Aleksandrowna, mit trübem Spott auf Lewins Bewegung blickend. „Ich verstehe jetzt immer mehr und mehr,“ fuhr sie in Gedanken versunken fort. „Ihr kommt also wohl nicht zu uns, wenn Kity hier sein wird?“
„Nein. Ich werde nicht kommen. Natürlich kann ich Katharina Aleksandrowna nicht aus dem Wege gehen, aber, wo ich kann, werde ich mich bemühen, sie von dem Unangenehmen meiner Gegenwart zu entheben.“
„Ihr seid sehr, sehr seltsam,“ wiederholte Darja Aleksandrowna, ihm voll Herzlichkeit ins Gesicht schauend. „Nun gut; thun wir also, als hätten wir nicht hiervon gesprochen. – Weshalb kommst du denn zu mir, Tanja?“ frug Darja Aleksandrowna auf französisch ihr eintretendes Töchterchen.
„Wo ist meine Schaufel, Mama?“ frug dasselbe russisch.
„Ich spreche französisch, also sprich du auch so!“
Das Kind hatte wohl französisch sprechen wollen, aber vergessen, wie Schaufel französisch heiße. Die Mutter half ihr ein und sagte ihr dann in französischer Sprache, wo sie die Schaufel suchen könne.
Auch dies erschien Lewin unangenehm. Alles überhaupt erschien ihm jetzt im Hause Darja Aleksandrownas nicht mehr so freundlich, als vorher.
„Zu welchem Zwecke spricht sie mit den Kindern französisch?“ dachte er bei sich, „wie unnatürlich und falsch ist das.“ Sogar die Kinder fühlen es; sie erlernen das Französische und verlernen die Wahrheit,“ so dachte er bei sich, ohne zu ahnen, daß Darja Aleksandrowna ganz das Nämliche wohl schon zwanzigmal gedacht, aber es gleichwohl, wenn auch der Wahrheit zum Schaden, für unbedingt nötig befunden hatte, ihre Kinder auf diese Weise zu erziehen.
„Aber wo wollt Ihr schon hin? Bleibt doch noch ein wenig.“
Lewin blieb noch bis zum Thee, aber seine heitere Stimmung war ganz dahin und es wurde ihm unbehaglich. Nach dem Thee begab er sich in das Vorzimmer, um Befehl zum Vorfahren zu geben; als er zurückkehrte, fand er Darja Aleksandrowna in hoher Erregung, mit verzweifelten Mienen, und Thränen in den Augen. Während er aus dem Salon gegangen war, hatte sich etwas ereignet, was plötzlich all ihre Glückseligkeit vom heutigen Tage, all ihren Stolz über ihre Kinder zu nichte machte – Grischa und Tanja hatten eine Rauferei miteinander gehabt.
Darja Aleksandrowna, das Geschrei in der Kinderstube vernehmend, lief hinaus und traf beide in einer entsetzlichen Verfassung.
Tanja hatte Grischa an den Haaren gepackt, während dieser mit wutverzerrtem Gesichte jene mit den Fäusten schlug, wohin er traf. Es schnitt Darja Aleksandrowna durchs Herz, als sie diese Scene gewahrte, gleichsam eine finstere Macht schien sich über ihr Leben zu bewegen. Sie erkannte, daß dieselben Kinder, auf die sie so stolz gewesen, nicht nur die allergewöhnlichsten waren, sondern sogar schlechte, übelerzogene Kinder mit rohen, brutalen Anlagen – ungezogene Rangen. —
Sie vermochte jetzt von nichts weiter mehr zu reden, an nichts mehr zu denken, konnte auch Lewin nicht ihr Unglück erzählen.
Lewin gewahrte, daß sie unglücklich war und bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte, daß ein solcher Vorfall noch nichts Schlechtes bedeute und alle Kinder doch miteinander rauften. Bei sich selbst aber dachte er, „ich würde niemals mit meinen Kindern französisch sprechen und dürfte auch derartige Kinder gar nicht haben. Die Kinder dürfen nur nicht mit Geflissentlichkeit verdorben und verbildet werden, dann bleiben sie vorzüglich. Und ich werde solche verbildete Kinder nie haben.“
Er verabschiedete sich und fuhr davon; sie hielt ihn jetzt nicht mehr zurück.
11
In der Mitte des Juli erschien bei Lewin der Starost eines Gutes seiner Schwester, welches einige zwanzig Werst von Pokrowskoje entfernt lag, mit einem Geschäftsbericht und Erntebericht. Der Hauptteil der Einkünfte aus diesem Gute floß aus den trainierten Wiesen. In den früheren Jahren waren diese den Bauern um zwanzig Rubel die Desjatine abgegeben worden, als aber Lewin die Ökonomie in seine Verwaltung genommen hatte, fand er nach der Besichtigung der Wiesen, daß diese mehr wert seien und setzte ihren Preis jetzt auf fünfundzwanzig Rubel die Desjatine fest.
Die Bauern zahlten indessen diesen Preis nicht, und vertrieben sogar, wie Lewin schon geargwohnt hatte, andere Aufkäufer. Nun fuhr Lewin selbst nach dem Orte und traf hier die Bestimmung, daß die Wiesen zu einem Teil in Pacht, zum andern Teil im Einzelnen vergeben werden sollten.
Seine Bauern suchten diese Neuerung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern, aber sie wurde durchgeführt und im ersten Jahre schon ergab sich ein Ertrag von fast doppelter Höhe. Im vorletzten und dem vergangenen Jahre hatte sich der nämliche Widerstand der Bauern gezeigt und die Abernte ging in derselben Weise vor sich. Im laufenden Jahre hatten die Bauern nur den dritten Teil der Wiesen erhalten und der Starost war nun erschienen um zu berichten, daß die Wiesen gemäht seien und er, Regen fürchtend, den Kontoristen gebeten habe, zu ihm zu kommen. In dessen Gegenwart hätte er hierauf schon elf herrschaftliche Heufeime abgeteilt und aufgebaut.
An den unbestimmten Antworten, welche Lewin auf seine Fragen, wie viel Heu auf der größten Wiese gewesen sei, erhielt, und der Hast, mit welcher der Starost das Heu geteilt hatte, ohne vorher anzufragen, sowie an dem Tone des Bauern merkte er, daß hier etwas nicht richtig sei, und beschloß, sich selbst in der Angelegenheit Gewißheit zu holen.
Als Lewin zu Mittag im Dorfe angekommen war, stellte er sein Pferd bei einen ihm bekannten alten Bauern ein, dem Manne der Amme seines Bruders und begab sich zu dem Alten in den Bienengarten, um von ihm genauere Einzelheiten über die Heuernte zu erfahren.
Der redselige und wohlgebildete Alte Parmenitsch empfing Lewin erfreut, er zeigte ihm seine ganze Wirtschaft, erzählte ihm ausführlich von seinen Bienen und dem Schwärmen im laufenden Jahre, doch zu den Fragen betreffs der Heuernte äußerte er sich unbestimmt und ungern.
Dies bestärkte Lewin nun noch mehr in seinen Vermutungen: er begab sich zu den Wiesen hinaus und besichtigte die Schober. Dieselben konnten durchaus nicht je fünfzig Lasten Heu enthalten, und Lewin ließ daher, um die Bauern zu überführen, sogleich die Gespanne, welche das Heu gefahren hatten, aufbieten, einen Schober aufladen und ihn nach der Scheune bringen. Der Schober ergab nur zweiunddreißig Lasten.
Ungeachtet der Versicherungen des Starosten nun, daß das Heu gequollen gewesen und es nun in den Schobern eingefallen sei, ungeachtet seines Schwures, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, bestand Lewin auf seiner Überzeugung, daß man das Heu ohne seine Anweisung geteilt habe, und er es daher nicht für fünfzig Lasten den Schober annehmen könne. Nach langem Streiten wurde die Sache dahin entschieden, daß die Bauern selbst die elf Schober zu je fünfzig Lasten berechnet annehmen mußten. Die Verhandlungen und die Verteilung hatten sich bis zur Vesperzeit hingezogen, und als das letzte Heu verteilt war, setzte sich Lewin, die weitere Beaufsichtigung dem Kontoristen überlassend, auf einem Heuhaufen, der durch eine Rute gezeichnet war, nieder und blickte in zufriedener Stimmung auf die von dem Volke belebte Wiese.
Vor ihm, in der Niederung des Flusses hinter einer kleinen sumpfigen Fläche bewegte sich eine bunte Reihe von Weibern, und aus dem zerstreut herumliegenden Heu bildeten sich schnell auf dem hellgrünen Grummet graue gewundene Wälle. Nach den Weibern kamen Bauern mit Heugabeln, und aus den Wällen erwuchsen breite, hohe und schwellende Feime. Links, auf der gemähten Seite der Wiese, knarrten die Wagen, ein Schober nach dem andern verschwand, mit den großen Gabeln in mächtigen Bündeln hinaufgereicht; über ihren Platz schwankten nun die schweren Fuhrwerke mit ihrer duftenden Last, die bis auf die Hinterteile der Pferde herniederhing.
„Das war das rechte Wetterchen zur Ernte, das Heu wird gut,“ sagte der Alte, welcher sich neben Lewin gesetzt hatte. „Na, das nenne ich Heumachen. Gerade als wenn man jungen Enten Körner streut, so laden die auf!“ er wies auf die Feime hinüber, die aufgegabelt wurden. „Seit Mittag haben sie schon die gute Hälfte fortgebracht. – Ist das die letzte?“ rief er einem jungen Manne zu, welcher auf dem Vorderteil des Wagenkastens stand und die hanfenen Zügel schüttelnd, vorüberfuhr.
„Die letzte, Väterchen!“ schrie der Bursche, das Pferd anhaltend und lächelnd auf ein heiteres gleichfalls lachendes, rotbäckiges Weib, welches in der Wagenkelle saß, blickend, und fuhr dann weiter.
„Wer ist das, dein Sohn?“ frug Lewin.
„Mein jüngster,“ antwortete der Alte mit wohlgefälligem Lächeln.
„Ein tüchtiger Bursch.“
„O, nicht doch.“
„Schon verheiratet?“
„Seit drei Jahren, mit einer von den Philippoff.“
„Kinder da?“
„Was, Kinder! Ein ganzes Jahr hat er gar nichts verstanden, wir haben ihn aber beschämt;“ antwortete der Alte. „Doch wie gesagt, das Heu ist vortrefflich,“ wiederholte er, im Wunsche, das Thema zu wechseln.
Lewin betrachtete aufmerksamer Wanka Parmenoff und sein Weib. Sie luden jetzt unweit von ihm einen Haufen auf. Iwan Parmenoff stand auf dem Wagen und nahm die mächtigen Heubündel entgegen, welche ihm sein junges hübsches Weib anfangs mit den Armen fassend, später mit der Gabel gewandt reichte, breitete sie gleichmäßig aus und trat sie fest.
Das junge Weib arbeitete leicht, lustig und flink. Das kurze, umherliegende Heu ließ sich nicht mit einemmale auf die Zinken aufnehmen, sie arbeitete es daher erst zurecht, stemmte dann die Gabel hinein, legte sich mit elastischer und hurtiger Bewegung mit der ganzen Schwere ihres Körpers darauf, und richtete sich dann, den mit dem roten Gürtel umspannten Rücken wieder gerade biegend auf, den üppigen Busen dabei unter dem weißen Vorhemd hervortreten lassend, und warf es, in gewandtem Griffe mit den Händen die Gabel umfassend, hoch hinauf auf den Wagen. Iwan, augenscheinlich bemüht, sie von jeder Minute überflüssiger Arbeit zu erlösen, fing jedes Bündel, die Arme weit ausbreitend auf und legte es auf dem Wagen zurecht. Nachdem das junge Weib das letzte Heu mit dem Rechen hinaufgegeben hatte, schüttelte es den Heusamen ab, der ihr auf dem Halse lag, ordnete das verschobene rote Tuch um die weiße, nicht von der Sonne verbrannte Stirn und kroch dann unter den Wagen, um die Ladung zu binden. Iwan wies ihr, wie gekettet werden müsse und lachte dann laut über etwas, was ihm von ihr dabei gesagt worden war. Im Ausdruck der beiden Gesichter war die starke, junge, erst unlängst erwachte Liebe sichtbar.
