Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 33
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In allen Zimmern der Villa liefen nun die Hausleute, die Gärtner und Lakaien, Sachen schleppend hin und wieder. Schränke und Kommoden wurden geöffnet, zweimal wurde in die Kaufläden geschickt; auf dem Boden türmte sich Zeitungspapier.
Zwei Koffer, Reisesäcke und zusammengeschnürte Plaids wurden ins Vorzimmer gebracht. Die Equipage und zwei Mietkutscher hielten vor der Treppe.
Anna, welche bei der Arbeit des Einpackens ihre innere Unruhe vergessen hatte, packte, in ihrem Kabinett am Tische stehend, ihren Reisesack, als Annuschka ihre Aufmerksamkeit auf das Geräusch einer heranrollenden Equipage lenkte.
Anna blickte durchs Fenster und sah an der Freitreppe den Kurier Aleksey Aleksandrowitschs, welcher an dem Eingangsthor läutete.
„Geh und erkundige dich, was es giebt,“ sagte sie und legte, ruhig und auf alles gefaßt, die Hände gefaltet, auf die Kniee, nachdem sie sich in einen Sessel niedergelassen hatte.
Der Diener brachte ihr ein starkes Couvert, welches von der Hand ihres Gatten adressiert war.
„Der Kurier ist beordert, Antwort zu bringen,“ meldete er.
„Gut,“ versetzte Anna, und riß mit bebenden Fingern, sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, das Schreiben auf. Ein Paket in Bänder eingeklebten glattliegenden Papiergeldes fiel heraus. Sie machte das Schreiben frei und begann es vom Ende her zu lesen.
„Ich habe die Vorbereitungen zur Übersiedelung getroffen und messe der Erfüllung meiner Bitte alles Gewicht bei,“ las sie. Sie las weiter, rückwärts, las alles, und dann den ganzen Brief nochmals von Anfang an. Nachdem sie geendet hatte, fühlte sie, daß es ihr kalt war und daß über ihr ein Unglück hereingebrochen sei, so furchtbar, wie sie es nimmermehr erwartet hatte.
Sie hatte am Morgen Reue darüber empfunden, daß sie ihrem Manne alles gestanden hatte und nur das Eine gewünscht, diese Worte möchten nie gesprochen worden sein. Das Schreiben da erkannte nun ihre Worte als nicht gesprochen an und gab ihr, was sie wünschte. Jetzt aber erschien ihr dasselbe furchtbarer, als alles, was sie sich nur denken konnte.
„Er hat recht, hat recht,“ sprach sie, „natürlich, er hat stets recht, er ist ein Christ, er ist großmütig. Ha, ein niedriger, abscheulicher Mensch ist er! Und dies kennt niemand weiter, als ich, niemand erkennt das und wird es je erkennen! Ich selbst vermag das nicht ganz zu erklären. Man sagt, er sei religiös, moralisch, ein ehrenhafter und kluger Mensch, aber man sieht dabei nicht, was ich gesehen habe. Man weiß nicht, wie er acht Jahre hindurch mein Leben erstickt hat, alles erstickt hat, was in mir lebendig gewesen ist, – daß er auch nicht ein einziges Mal daran gedacht hat, daß ich ein lebendiges Weib bin, das Liebe braucht. Man weiß nicht, daß er mich auf jedem Schritte gekränkt hat und mit sich selbst zufrieden dabei war. Habe ich mich nicht bemüht, mit allen Kräften bemüht, eine Rechtfertigung für mein Dasein zu finden? Habe ich es nicht versucht, ihn zu lieben, seinen Sohn zu lieben, als er selbst schon der Liebe nicht mehr teilhaft werden konnte? Aber die Zeit ist gekommen und ich habe erkannt, daß ich mich nicht länger täuschen kann, daß ich lebe, daß ich nicht schuldig bin, weil Gott mich so geschaffen hat, daß ich lieben und leben muß. Und was ist jetzt? Hätte er mich – und ihn getötet – alles würde ich ertragen, alles verziehen haben, aber mit nichten – er! – Wie konnte ich nur nicht im voraus erraten, was er thun würde? Er thut doch nur, was seinem niederen Charakter eigen ist! Er wird recht behalten, und mich, die Verlorene, mich wird er in noch verhängnisvollerer Weise, noch tiefer stürzen – „Ihr selbst könnt Euch vorstellen, was Eurer und Eures Sohnes harrt,“ rief sie sich aus dem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dies ist die Drohung, daß er mir den Sohn nehmen will – und nach ihren thörichten Gesetzen wird das wohl auch möglich sein! Aber weiß ich etwa nicht, weshalb er das sagt? Er glaubt einfach nicht an meine Liebe zu meinem Kinde; oder er verachtet dieses Gefühl in mir – wie er ja stets nur gehöhnt hat, – und dennoch weiß er, daß ich mein Kind nicht aufgebe, nicht aufgeben kann, daß es ohne mein Kind für mich kein Leben giebt, selbst nicht mit demjenigen, den ich liebe, daß ich, sollte ich den Sohn verlassen und von ihm gehen, handeln würde wie das niedrigste abscheulichste Weib. Dies weiß er, aber er weiß auch, daß ich nicht die Kraft habe, das zu vollbringen. „Unser Leben soll sein wie es früher war,“ rief sie sich weiter aus seinem Briefe ins Gedächtnis zurück. „Dieses Leben war ein peinvolles schon früher, es war ein entsetzliches in letzter Zeit. Was soll es da jetzt erst werden? Und er weiß doch das alles, weiß, daß ich nicht Reue darüber empfinden kann, zu atmen und zu lieben; er weiß, daß außer Lüge und Trug nichts aus diesem Leben hervorgehen wird, und dennoch muß er mich weiter foltern. Ich kenne ihn und weiß, daß er sich, so wie der Fisch im Wasser umherschwimmt, an der Lüge ergötzt. Aber nein, ich werde ihm diesen Genuß nicht gewähren, und werde dieses sein Spinnennetz von Heuchelei zerreißen, in welches er mich verstricken will; mag kommen, was da kommen will; alles ist besser, als Lüge und Trug! Aber wie, mein Gott, mein Gott, ist denn je auf Erden ein Weib so unglücklich gewesen, wie ich? Nein; ich werde es zerreißen!“ schrie sie auf, emporspringend und ihre Thränen zurückdrängend.
Sie trat an ihren Schreibtisch, um ihm einen anderen Brief zu schreiben, aber auf dem Grunde ihres Herzens fühlte sie schon, daß sie nicht die Kraft haben würde, etwas zu zerreißen, nicht die Kraft habe, aus den alten Verhältnissen sich loszuwinden, so erheuchelt und entehrend sie auch waren.
Sie ließ sich an dem Schreibtisch nieder, aber anstatt zu schreiben, faltete sie die Hände auf demselben, legte das Haupt auf sie und brach in Thränen aus, und ihre Brust zuckte und bebte; sie weinte, wie Kinder weinen.
Sie weinte darüber, daß ihr Wahn von einer Abklärung und Bestimmung ihrer Lage auf immer vernichtet war. Sie wußte im voraus, daß nun alles beim alten bleiben würde und noch bei weitem schlimmer werden müsse, als früher. Sie fühlte, daß die Stellung in der Welt, welche sie einnahm, und die ihr heute morgen so nichtig erschienen war, daß ihr diese Stellung wertvoll sei, daß sie nicht die Macht besitze, sie zu verwandeln in die schmachvolle Stellung eines Weibes, welches Mann und Kind verlassen, und sich mit dem Liebhaber verbunden hat, daß sie, soviel sie sich auch anstrengen mochte, nicht mehr Kräfte besaß, als sie eben hatte.
Nie sollte sie die Freiheit der Liebe kennen lernen, sondern für immer ein verbrecherisches Weib bleiben, einer jeden Augenblick drohenden Überführung unterworfen, da sie ihren Gatten hinterging, um ein sündhaftes Verhältnis mit einem unabhängigen Fremden zu unterhalten, mit welchem sie nicht ein geeintes Leben führen darf.
Sie wußte, daß es so kommen würde und dabei wurde es ihr furchtbar zu Mut, daß sie sich nicht vorzustellen vermochte, wie das alles enden sollte. Sie weinte, ohne sich halten zu können; sie weinte, wie gestrafte Kinder weinen.
Schritte des Dieners, welche hörbar wurden, ließen sie zur Besinnung kommen. Indem sie ihr Gesicht bergend zur Seite vor ihm wandte, stellte sie sich als ob sie schriebe.
„Der Kurier bittet um Antwort,“ meldete der Diener.
„Antwort? Ja“ – sagte Anna Karenina, „er soll warten, ich werde schellen.“ —
„Was kann ich schreiben?“ sann sie, „was soll ich ganz allein entscheiden? Was weiß ich? Was möchte ich? Was liebe ich?“
Wiederum empfand sie, wie ihre Seele sich zu spalten begann. Sie erschrak von neuem über dieses Gefühl und klammerte sich an den ersten besten Vorwand, nur etwas zu thun, welcher sie von den Gedanken über sie selbst abziehen könnte.
„Ich muß Aleksey sehen,“ – so nannte sie Wronskiy in Gedanken, – „er allein kann mir sagen, was ich zu thun habe. Ich will zu Bezzy fahren, vielleicht sehe ich ihn dort,“ sagte sie zu sich selbst, vollständig übersehend, daß ihr Wronskiy erst gestern, als sie ihm sagte, sie würde nicht zur Fürstin Twerskaja fahren, geantwortet hatte, dann würde er auch nicht hinkommen.
Sie trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann: „Ich habe Euer Schreiben erhalten. A.“ – Hierauf schellte sie und übergab den Brief dem Diener.
„Wir werden nicht reisen,“ sagte sie der eintretenden Annuschka.
„Gar nicht?“
„Nein, doch packt bis morgen nicht aus und auch der Wagen bleibt. Ich will zur Fürstin!“ —
„Welches Kleid befehlen Sie?“ —
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Die Croquetgesellschaft, zu welcher die Fürstin Twerskaja Anna geladen hatte, konnte nur aus zwei Damen und deren Rittern bestehen. Die beiden Damen waren die hervorragendsten Repräsentantinnen eines auserwählten neuen Petersburger Cirkels, der sich in der Nachahmung einer gewissen Nachahmung „Les sept merveilles du monde“ nannte.
Diese Damen gehörten allerdings zu dem höchsten Cirkel, aber auch zugleich zu einem, welcher dem von Anna besuchten durchaus feindlich gegenüberstand. Überdies hatte der alte Stremoff, einer der einflußreichsten Männer Petersburgs und gleichzeitiger Verehrer von Lisa Merkalowa, amtlich den Aleksey Aleksandrowitsch zu seinem Gegner. In Erwägung alles dessen, hatte Anna nicht kommen wollen und auf ihre Absage bezogen sich Winke in dem Billet der Fürstin Twerskaja. Nun wünschte Anna, in der Hoffnung, Wronskiy zu treffen, hinzufahren.
Sie kam bei derselben früher an, als die übrigen Gäste. Zur nämlichen Zeit, als sie eintrat, kam auch der Diener Wronskiys, mit frisiertem Backenbart, wie ein Kammerjunker aussehend. Er blieb an der Thür stehen und ließ sie, die Mütze ziehend, vorüberschreiten. Anna erkannte ihn und entsann sich nun erst, daß Wronskiy gestern gesagt hatte, er werde nicht kommen. Wahrscheinlich sandte er daraufhin das Billet.
Sie hörte, indem sie das Oberkleid im Vorzimmer ablegte, wie der Lakai, selbst das r wie ein Kammerjunker aussprechend, sagte: „Vom Grafen an die Fürstin,“ und den Brief übergab.
Sie wollte fragen, wo sein Herr sei; sie wollte wieder umkehren und ihm eine Zuschrift senden, zu ihr zu kommen, oder daß sie zu ihm kommen wolle, that aber weder dies noch jenes, noch ließ sich das Dritte thun. Schon vorher hatte sie die Glocke, welche ihre Ankunft meldete, gehört, und der Diener der Fürstin Twerskaja war bereits in die Zwischenthür hinter dem geöffneten Thor getreten, ihr Eintreten in die inneren Räume erwartend.
„Die Fürstin befindet sich im Garten, sofort wird gemeldet werden. Ist es nicht genehm, nach dem Garten?“ meldete ein anderer Diener im Nebenzimmer.
Ihre Lage der Unentschiedenheit und Unklarheit war hier noch ganz die nämliche, wie daheim, ja noch schlimmer geworden, weil sich hier gar nichts unternehmen ließ, weil sie Wronskiy hier nicht sehen konnte. Und doch mußte sie jetzt hier bleiben, in einer fremden, ihrer Stimmung so unsympathischen Gesellschaft. Aber sie befand sich in einer Toilette, welche, wie sie wußte, ihr zu Gesicht stand, sie war daher nicht vereinsamt, rings um sie her hatte sie die gewohnte Umgebung des feiernden Müßiggangs und es wurde ihr nun leichter ums Herz als zu Haus. Sie brauchte nur nicht darüber nachzudenken, was sie zu thun habe, alles machte sich schon von selbst.
Als Anna Bezzy in einer weißen, sie durch ihre Eleganz frappierenden Toilette sich entgegenkommen sah, lächelte sie derselben zu wie stets.
Die Fürstin Twerskaja kam mit Tuschkewitsch und einer jungen Verwandten, die zur hohen Freude ihrer provinzialen Eltern einen Sommer bei der gerühmten Fürstin verleben durfte.
Es mochte wohl etwas Besonderes an Anna auffallen, denn die Fürstin bemerkte es sogleich.
„Ich habe schlecht geschlafen,“ antwortete Anna, nach dem Diener blickend, welcher ihnen entgegentrat und nach ihrer Ansicht ein Billet Wronskiys brachte.
„Wie freue ich mich, daß Ihr gekommen seid,“ sprach Bezzy, „ich bin etwas ermüdet und wollte soeben eine Schale Thee zu mir nehmen, bis man kommen würde. Ihr möchtet vielleicht gehen,“ wandte sie sich an Tuschkewitsch, „um mit Mascha den ‚Croquet-ground‘ zu probieren, dort, wo man rasiert hat. Wir aber wollen uns gleich einmal beim Thee nach Herzenslust ausplaudern, ‚we'll have a cosy chat‘, nicht wahr so?“ wandte sie sich hierauf an Anna, mit einem Lächeln ihr die Hand drückend, welche den Sonnenschirm hielt.
„Um so angenehmer, als ich mich nicht lange bei Euch aufhalten kann, ich muß unbedingt noch zur alten Wrede, der ich bereits seit Menschengedenken versprochen habe zu kommen,“ versetzte Anna, welcher die Lüge, die ihrer Natur sonst so fremd war, in der Gesellschaft nicht nur als etwas ganz Einfaches und Natürliches erschien, sondern sogar Vergnügen machte. Weshalb sie dies sagte, woran sie vor einem Augenblick noch nicht gedacht hatte, würde sie sich selbst nie haben erklären können. Sie hatte es nur in der Erwägung geäußert, daß sie, weil Wronskiy nicht zugegen war, auf ihre Freiheit Bedacht nehmen und versuchen müsse, ihn auf alle Fälle zu sehen.
Weshalb sie aber gerade von dem alten Fräulein Wrede sprach, welcher sie einen Besuch abstatten müsse, wie so vielen anderen, hätte sie gleichfalls nicht zu erklären vermocht. Und doch hätte sie dabei, wie sich später erwies, bei dem Ausfindigmachen der schlauesten Mittel und Wege zur Ermöglichung eines Rendezvous mit Wronskiy auf nichts Besseres verfallen können.
„O, ich werde Euch um keinen Preis fortlassen,“ antwortete Bezzy, aufmerksam die Züge Annas musternd. „Ich würde mich gekränkt fühlen, wenn ich Euch nicht so lieb hätte. Ihr scheint ja geradezu zu fürchten, daß meine Gesellschaft Euch kompromittieren könnte. – Den Thee für uns in den kleinen Salon!“ sprach sie, wie gewöhnlich im Verkehr mit den Dienern, mit den Augen zwinkernd. Sie nahm das Billet aus den Händen des Dieners und las es. „Aleksey hat uns einen falschen Coup ausgeführt,“ fuhr sie französisch fort, „er schreibt, daß er nicht kommen kann,“ sagte sie mit so natürlichem, einfachem Tone, als käme es ihr gar nicht in den Kopf, daß Wronskiy eine andere Bedeutung für Anna habe, als die für eine Partie Croquet.
Anna wußte, daß Bezzy alles bekannt sei, aber wenn sie so hörte, wie diese in ihrer Gegenwart von Wronskiy sprach, überzeugte sie sich stets für eine Minute, daß Bezzy nichts wisse.
„Ah,“ antwortete sie daher gleichmütig, als ob sie wenig davon interessiert wäre und fuhr dann lächelnd fort: „Wie könnte Eure Gesellschaft jemand kompromittieren?“ Dieses Spiel mit Worten, dieses Verbergen der Gedanken, hatte für Anna, – wie überhaupt für alle Frauen, – einen großen Reiz. Nicht aber der Zwang zu verhehlen, nicht die Absicht, wegen der etwas bemäntelt wird, zog sie an, sondern nur die Art und Weise des Verbergens selbst. „Ich kann nicht katholischer sein als der Papst,“ sagte sie; „Stremoff und Lisa Merkalowa sind die Creme der Creme der Gesellschaft. Da sie infolge dessen überall eingeführt sind, so kann auch ich“ – sie hob das „ich“ besonders hervor, – „nimmermehr streng und intolerant sein. Ich muß aber nur noch eine Besuchspflicht erfüllen“ —
„Nein, nein, Ihr wollt wohl nur nicht Stremoff begegnen? Mögen er und Aleksey Aleksandrowitsch im Komitee Lanzen miteinander brechen – das geht uns nichts an. In der Welt ist er der liebenswürdigste Mensch, den ich überhaupt kenne und ein leidenschaftlicher Croquetspieler. Ihr werdet ja sehen. Ungeachtet seiner komischen Rolle eines alten Verliebten, Lisa gegenüber, muß man aber doch sehen, wie er sich aus einer so lächerlichen Situation zu ziehen weiß. Er ist sehr angenehm. Kennt Ihr Sappho Stolz? Das ist ein neuer, ein vollständig neuer Ton.“
Bezzy sprach in einem fort, aber an ihrem heiteren klugen Blicke merkte Anna doch, daß sie zum Teil ihre Lage erkenne und etwas im Schilde führe. Beide saßen in dem kleinen Kabinett bei einander.
„Ich muß aber doch an Aleksey schreiben.“ Bezzy ließ sich an dem Schreibtisch nieder, warf einige Zeilen hin und steckte sie in ein Couvert. „Ich schreibe ihm, daß er kommen möge, mit uns zu essen. Es sei bei mir nur eine einzelne Dame ohne Mann zur Tafel. Seht, ist das nicht zwingend? Doch entschuldigt, ich muß Euch für eine Sekunde verlassen. Siegelt das gefälligst und schickt es fort!“ rief sie, schon von der Thür herüber, „ich muß noch eine Anordnung treffen!“ —
Ohne sich einen Augenblick zu bedenken, setzte sich Anna mit dem Billet Bezzys an den Tisch und schrieb, ohne es zu lesen, darunter: „Ich muß Euch sehen; kommt an den Garten der Wrede, ich werde um sechs Uhr dort sein.“ Sie verschloß das Billet und Bezzy, welche soeben zurückkehrte, gab es in ihrer Gegenwart hinaus.
In der That entwickelte sich zwischen den beiden Frauen beim Thee, der ihnen auf dem Präsentierbrett in den kleinen Salon gebracht wurde, ein cosy chat, wie es die Fürstin Twerskaja bis zur Ankunft ihrer Gäste in Aussicht gestellt hatte. Sie nahmen diejenigen durch, welche sie zum Besuch erwarteten und das Gespräch blieb schließlich bei der Lisa Merkalowa stehen.
„Sie ist sehr angenehm und mir stets sympathisch gewesen,“ sagte Anna.
„Ihr müßt sie lieben; sie schwärmt für Euch. Gestern kam sie zu mir nach den Rennen und befand sich in Verzweiflung, daß sie Euch dort nicht angetroffen hatte. Sie sagt, Ihr wäret die echte Heldin für einen Roman und sie würde für Euch, falls sie ein Mann wäre, wohl tausend Dummheiten begehen. Stremoff hat ihr darauf geantwortet, daß sie ja auch so schon welche machte.“
„Aber sagt mir doch bitte, ich habe nie begreifen können,“ begann Anna, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatte, in einem Tone der deutlich zeigte, daß sie keine müßige Frage stellte, sondern das, wonach sie frug, für sie bedeutungsvoller war als vielleicht nötig, „sagt mir doch nur, was sie eigentlich für eine Beziehung zum Fürsten Kaluschskiy, dem sogenannten Mischka hat? Ich habe beide zu selten gesehen, wie steht es damit?“
Bezzy lächelte nur mit den Augen und blickte Anna aufmerksam an.
„Eine neue Mode,“ sagte sie. „Man hat sie allgemein angenommen, und sieht eben den Wald vor Bäumen nicht.“
„Aber welche sind also ihre Beziehungen zu Kaluschskiy?“
Bezzy brach plötzlich in ein lustiges nicht zu bezwingendes Gelächter aus, was bei ihr selten der Fall war.
„Da betretet ihr ja die Domäne der Fürstin Mjachkaja. Dies ist die Frage eines ‚enfant terrible!‘“ Bezzy schien offenbar an sich halten zu wollen es aber nicht zu können und brach abermals in das nämliche hinreißende Gelächter aus, mit welchem lachlustige Leute bisweilen lachen. „Man wird sie wohl fragen müssen,“ antwortete sie endlich unter Lachthränen.
„Nein; Ihr lacht,“ antwortete Anna, gleichfalls und unwillkürlich von diesem Lachen mit angesteckt, „aber ich habe das nie verstehen können. Ich begreife hier die Rolle des Ehegatten nicht.“
„Ehegatten? Der Mann der Lisa Merkalowa trägt seiner Frau das Plaid nach und steht stets zu ihren Diensten bereit. Aber was es dann noch weiter zwischen ihnen giebt, das will gar niemand wissen. Ihr wißt ja selbst, daß man in der guten Gesellschaft über gewisse Details der Toilette weder spricht, noch Betrachtungen anstellt. So ist es auch hier.“
„Werdet Ihr zu der Fete der Rolandak kommen?“ frug Anna, in der Absicht das Thema zu wechseln.
„Ich glaube nicht,“ versetzte Bezzy und befaßte sich, ohne ihre Freundin anzublicken, aufmerksam damit, die kleinen durchsichtig schimmernden Schalen mit dem duftenden Thee zu füllen. Nachdem sie hierauf Anna eine Tasse zugeschoben hatte, nahm sie eine Cigarette hervor, steckte sie in ein silbernes Spitzchen und entzündete sie.
„Seht, ich befinde mich in einer glücklichen Lage,“ fuhr sie fort, jetzt nicht mehr lachend und die Tasse in die Hand nehmend; „ich verstehe Euch, und ich verstehe Lisa. Lisa ist eine jener naiven Naturen, die, wie die Kinder, nicht wissen, was gut und was schlecht ist. Mindestens hat sie dies nicht gewußt, als sie noch sehr jung war. Jetzt aber wird sie wohl wissen, daß ihr diese Unkenntnis gut steht. Sie mag es jetzt vielleicht auch absichtlich noch nicht wissen wollen,“ sprach Bezzy mit feinem Lächeln, „aber es steht ihr doch. Seht Ihr, man kann ein und dieselbe Sache tragisch anschauen, sich eine Pein daraus machen, aber auch nüchtern und selbst von der heiteren Seite. Ihr seid vielleicht geneigt, die Dinge zu tragisch zu nehmen.
„Wie sehr wünschte ich, andere ebenso zu kennen, wie ich mich selbst kenne,“ versetzte Anna ernst und gedankenvoll. „Bin ich schlechter als die anderen oder besser? Ich denke, schlechter.“ —
„Enfant terrible, enfant terrible,“ wiederholte Bezzy, „so sind sie eben.“ —
