Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 34

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18

Es wurden Schritte hörbar und eine männliche Stimme; hierauf eine weibliche und Lachen; gleich darauf erschienen die erwarteten Gäste.

Sappho Stolz und ein junger Mann der vom Übermaß an Gesundheit strotzte, er hieß Waska, traten ein. Es war augenscheinlich, daß bei Waska die Ernährung mit rohem Rindfleisch, Trüffeln und Burgunder gut angelegt hatte. Waska verneigte sich vor den Damen und schaute sie an, doch nur für eine Sekunde. Sogleich folgte er Sappho nach in den Salon, durchschritt denselben hinter ihr, als sei er an sie gefesselt und ließ sie nicht aus den blitzenden Augen, als wollte er sie verschlingen.

Sappho Stolz war eine Blondine mit schwarzen Augen. Sie erschien in kleinen, kecken Halbschuhen mit hohen Absätzen und drückte den Damen derb nach Männerart die Hand.

Anna war dieser neuen Berühmtheit noch nie begegnet; sie fühlte sich überrascht von ihrer Schönheit, sowie der Überspanntheit, bis zu welcher ihre Toilette ging, und von der Freiheit ihrer Manieren.

Auf ihrem Haupte war, von ihrem eigenen und falschen Haar in zartem Goldblond, eine Art Schaffot von Frisur aufgebaut, so daß der Kopf in seiner Größe der schönen hohen und vorn sehr dekolletierten Büste nahe kam. Die Knappheit nach vorn war so stark, daß sich in jeder Bewegung unter der Robe die Formen der Kniee und Oberschenkel abzeichneten und unwillkürlich drängte sich die Frage auf, wo eigentlich von hinten in diesem schwankenden Berge der wirkliche, ziemlich kleine, aber wohlgebaute Leib, der oben ebenso entblößt war, wie er sich hinten und unten versteckte, aufhöre.

Bezzy beeilte sich, sie mit Anna bekannt zu machen.

„Könnt Ihr Euch vorstellen, soeben hätten wir zwei Soldaten fast überfahren,“ begann sie sogleich zu erzählen, mit den Augen zwinkernd und lächelnd und ihren hinteren Aufbau, der sich plötzlich zu sehr auf die eine Seite geneigt hatte, in Ordnung rückend. „Ich fuhr mit Waska – ach so, Ihr seid ja noch gar nicht miteinander bekannt.“ Und seinen Familiennamen nennend, stellte sie den jungen Mann vor, errötend, und laut über ihren Fehler lachend, oder vielmehr darüber, daß sie ihn als Unbekannten so familiär Waska genannt hatte.

Waska machte nochmals eine Verbeugung vor Anna, ohne indessen ein Wort zu ihr zu sprechen. Er wandte sich an Sappho:

„Die Wette ist verloren, wir sind früher angekommen; nun zahlt gefälligst,“ lächelte er. Sappho begann noch lustiger zu lachen.

„Nicht jetzt,“ sagte sie.

„Gleichviel, ich werde es auch nachher bekommen.“

„Gut, gut; ah,“ wandte sie sich plötzlich zur Dame des Hauses, „ich bin doch recht zu tadeln; bald hätte ich doch vergessen – ich habe Euch einen Gast mitgebracht; hier ist er“ —

Der unerwartete junge Gast, welchen Sappho mitgebracht und den sie vergessen hatte, war gleichwohl ein so gewichtiger, so daß ungeachtet seiner Jugend beide Damen sich erhoben, um ihm entgegenzueilen. Es war ein neuer Verehrer Sapphos, welcher dieser gerade wie Waska, auf den Fersen folgte.

Bald kam auch der Fürst Kaluschskiy und Lisa Merkalowa mit Stremoff an. Lisa Merkalowa war eine magere Brünette mit orientalischem, trägen Gesichtstypus und wie alle sagten, reizenden, verschleierten Augen.

Der Charakter ihrer dunklen Toilette entsprach, wie Anna sofort bemerkte und zu würdigen verstand, vollkommen ihrer Schönheit; doch um wieviel Sappho zu klein und zu gedrungen war, um soviel zeigte sich Lisa zu schmächtig und zu aufgeschossen.

Lisa war indessen für Annas Geschmack bei weitem anziehender. Bezzy hatte Anna von ihr erzählt, daß sie den Ton eines unwissenden Kindes festzuhalten pflegte, aber als Anna sie erblickt hatte, fühlte sie, daß dies nicht wahr sei. Sie war allerdings unwissend und verdorben, aber ein gutes und sanftes Weib. Allerdings war ihr Ton der nämliche, wie der Sapphos und ihr folgten die beiden Verehrer ganz so wie Sappho, indem sie sie mit den Augen verschlangen, der eine jung, der andere alt – aber sie besaß etwas, was höher war als ihre Umgebung; etwas von dem Feuer des echten Diamanten unter dem Scheine der Gläser.

Dieser Glanz leuchtete aus ihren wunderschönen, in der That rätselhaften Augen. Der ermüdete und doch zugleich leidenschaftliche Blick derselben, die von einem mattdunkeln Ring umgeben waren, frappierte durch seine ungeheuchelte Natürlichkeit. Blickte man in diese Augen, so schien es jedem, als erkenne er das Weib ganz und gar, und als müsse man sie, nach dieser Erkenntnis lieben. Bei dem Erblicken Annas erhellte sich ihr Antlitz plötzlich in freudigem Lächeln.

„Ah, wie freue ich mich, Euch zu sehen!“ begann sie, auf Anna zutretend. „Ich wollte gestern nach den Rennen gerade zu Euch kommen, aber Ihr waret schon abgefahren, und doch hätte ich Euch gestern besonders so gern gesehen. Nichtwahr das war schrecklich?“ sagte sie, das Auge mit ihrem die ganze Seele offenbarenden Blicke auf Anna richtend.

„Ich hätte durchaus nicht erwartet, daß dies so sehr erregen kann,“ versetzte Anna errötend.

Die Gesellschaft erhob sich währenddem, um nach dem Garten zu gehen.

„Ich werde nicht mitkommen,“ sagte Lisa lächelnd, sich zu Anna setzend. „Ihr geht wohl auch nicht? Was ist das doch für ein Vergnügen, das Croquetspielen.“ —

„Ach, ich liebe es schon,“ antwortete Anna.

„Nun, wie fangt Ihr es denn an, daß es Euch nicht langweilt? Wenn man Euch anschaut – Ihr seid wohlauf! Ihr lebt, ich aber langweile mich.“

„Inwiefern langweilt Ihr Euch? Ihr seid selbst doch die lebenslustigste Gesellschaft Petersburgs?“ frug Anna.

„Mag sein, daß es denen, die nicht zu unsrem Cirkel gehören, noch langweiliger wird, mir aber, auf Treu und Glauben, ist es durchaus nicht froh zu Mut, sondern entsetzlich – entsetzlich langweilig.“ —

Sappho, welche eine Cigarette angezündet hatte, begab sich nach dem Garten in Begleitung der beiden jungen Herren; Bezzy und Stremoff blieben beim Thee zurück.

„Wie langweilig ist doch das Leben,“ sagte Bezzy; „Sappho sagt, daß man sich gestern sehr gut bei Euch unterhalten hätte.“

„O, es war doch sehr öde!“ sagte Lisa Merkalowa, „wir begaben uns alle nach meinem Hause, als die Rennen zu Ende waren, – immer die Alten, immer die Alten; – immer ein und dasselbe! – Den ganzen Abend wälzte man sich auf den Diwans; – was ist dabei Unterhaltendes? Wie fangt Ihr es nur an, Euch nicht zu langweilen?“ wandte sie sich plötzlich an Anna. „Es ist der Mühe wert sich nach Euch zu richten; man sieht da eine Frau, die vielleicht glücklich ist, vielleicht auch unglücklich, – aber jedenfalls doch eine, welche sich nicht langweilt. Lehrt uns, wie Ihr das anfangt!“

„Ich thue nichts Besonderes,“ antwortete Anna, über diese herausfordernden Fragen errötend.

„Dies ist die beste Art und Weise,“ mischte sich Stremoff ins Gespräch. Stremoff war ein Mann von einigen fünfzig Jahren, halb ergraut, noch frisch aber ziemlich unschön, jedoch mit charakteristischem und klugem Gesicht.

Lisa Merkalowa war die Nichte seiner Frau und alle seine freien Stunden brachte er bei ihr zu. Indem er mit Anna Karenina zusammentraf, er als der Feind Aleksey Aleksandrowitschs im Amtsverkehr, bemühte er sich als kluger Weltmann, mit der Gattin seines Gegners ganz besonders liebenswürdig zu sein.

„Nichts Besonderes?“ ergriff er mit feinem Lächeln den Faden des Gesprächs, „dies ist allerdings das beste Mittel. – Ich habe Euch schon lange gesagt,“ wandte er sich an Lisa Merkalowa, „daß es zu dem Zwecke, sich nicht zu langweilen, nötig ist, nicht daran zu denken, es werde langweilig. Es ist damit ganz ebenso, wie man nicht zu fürchten braucht, einzuschlafen, wenn man fürchtet schlaflos zu bleiben. Das Nämliche hat soeben Anna Arkadjewna gesagt.“

„Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das gesagt hätte, weil es nicht nur klug, sondern wahr gesprochen gewesen wäre,“ sagte Anna lächelnd.

„O nein, sagt doch, warum man es nicht fertig bringt zu schlafen, oder wie man es vermeidet, sich nicht zu langweilen!“

„Nun, um schlafen zu können, muß man arbeiten, und um sich erheitern zu können, muß man gleichfalls arbeiten.“

„Aber zu welchem Zwecke soll ich arbeiten, wenn meine Arbeit niemand etwas nützt? Absichtlich mich zu verstellen, verstehe ich nicht, und das will ich auch nicht.“

„Ihr seid doch unverbesserlich,“ fuhr Stremoff fort, sich, ohne Lisa anzublicken, wiederum an Anna wendend.

Da er Anna nur selten begegnet war, hatte er nur in Gemeinplätzen mit ihr sprechen können, und zwar nur bezüglich der Zeit, in welcher sie nach Petersburg gekommen war, und davon, wie sehr sie von der Gräfin Lydia Iwanowna geliebt werde. Er that das indessen mit einem Gesichtsausdruck, welcher bewies, daß er von ganzer Seele wünsche, ihr angenehm zu sein, ihr seine Hochachtung und vielleicht auch noch mehr zu beweisen.

Tuschkewitsch trat jetzt ein, um mitzuteilen, daß die gesamte Gesellschaft auf die Croquetspieler warte.

„Ach, geht doch nicht,“ bat Lisa Merkalowa, als sie gehört hatte, daß Anna wegfahre. Stremoff vereinte seine Bitten mit den ihren.

„Es ist ein allzugroßer Kontrast,“ sagte er, „nach dem Besuch dieser Gesellschaft zur alten Wrede fahren zu wollen. Für diese werdet Ihr doch noch Gelegenheit genug zu späterer Aussprache haben, während Ihr hier andere, bessere und der üblichen Klatschsucht völlig konträre Ideen anregt,“ sagte er zu ihr.

Anna verharrte eine Weile in Unentschlossenheit. Die schmeichelhaften Worte dieses geistreichen Mannes, die naive, kindliche Sympathie, die Lisa Merkalowa für sie an den Tag legte, und all der gewohnte Luxus der großen Welt ringsum – alles das erschien ihr so frei und angenehm, während andererseits eine so schwere Minute sie erwartete, daß sie nur für einige Zeit in Ungewißheit schwebte, ob sie nicht noch bleiben, den schweren Augenblick der Erklärung nicht noch weiter hinausschieben solle.

Allein als sie sich vergegenwärtigte, was sie in ihrem Hause erwarte, wenn sie keinen Entschluß faßte, als sie an jene entsetzliche Bewegung, die ihr noch in der Erinnerung furchtbar war, dachte, mit welcher sie mit beiden Händen ihr Haar gepackt hatte – da verabschiedete sie sich und fuhr davon.

19

Wronskiy war ungeachtet seines, dem Anschein nach leichtfertigen weltlichen Lebens ein Mann, der die Unordnung haßte.

Schon von Kindheit an, im Kadettenhaus, hatte er einmal die Empfindung der Erniedrigung einer Verweigerung kennen gelernt, als er in Geldverlegenheit, um eine Anleihe nachgesucht hatte, und von da an setzte er sich nie wieder einer solchen Lage aus.

Zu dem Zwecke, seine geschäftlichen Angelegenheiten stets in Ordnung zu haben, zog er sich, je nach den Umständen, häufiger oder seltener, fünfmal im Jahre, in die Einsamkeit zurück und ordnete den Stand aller seiner Angelegenheiten. Er nannte dies, „sich seine Fehler vorwerfen“, oder auch „faire la lessive“.

Am Tage nach den Rennen spät erwachend, kleidete sich Wronskiy unrasiert und nicht gebadet, in seinen Hausrock, breitete auf seinem Tische Gelder, Rechnungen und Briefe aus und ging an seine Arbeit.

Petrizkiy, welcher wußte, daß er in diesen Stimmungen reizbar war, kleidete sich, als er beim Erwachen seinen Kameraden am Schreibtisch gewahrte, leise an und ging hinaus, ohne denselben zu stören.

Jeder, der die Verwickelung seiner materiellen Verhältnisse bis in die kleinsten Einzelheiten die ihn betreffen, kennt, glaubt unwillkürlich, daß die Verwickelung derselben und die Schwierigkeit die in ihrer Abklärung liegt, nur eine rein persönliche zufällige Besonderheit sei, und vermag sich durchaus nicht zu denken, daß auch andere ganz von den nämlichen Verwickelungen ihrer persönlichen Angelegenheiten heimgesucht sein könnten, als man selbst.

So schien es auch Wronskiy, aber nicht ohne inneren Stolz, nicht ohne Grund dachte er, daß jeder andere sich schon längst verwickelt haben würde und genötigt gewesen wäre, fehlerhaft zu handeln, wenn er sich in ebenso schwierigen materiellen Verhältnissen befunden hätte. Gerade jetzt aber fühlte Wronskiy die Notwendigkeit, zu rechnen und Klarheit zu schaffen für seine Lage, damit er nicht in Verwickelungen geriete.

Das Erste, womit sich Wronskiy, als mit dem Leichtesten befaßte, waren die Geldgeschäfte.

Indem er in seiner kleinen Handschrift alles auf einen Briefbogen schrieb, was er schuldig war, zog er das Facit und fand, daß er siebzehntausend und einige hundert Rubel Schulden hatte, die er der Klarheit halber zurücklegte. Nachdem er sein Geld und die Bankpapiere nachgezählt hatte, fand er, daß ihm achtzehnhundert Rubel verblieben, während Eingänge bis Neujahr nicht vorauszusehen waren. Nach Durchsicht der Schuldrechnungen, schrieb Wronskiy diese auf und machte drei Abteilungen. In der ersten wurden die Schulden eingetragen, welche sofort getilgt werden mußten, oder zu deren Bezahlung er jedenfalls Geld bereit haben mußte, damit bei der Geltendmachung der Forderung keine Minute Zahlungsverzögerung eintrat. Solcher Schulden hatte er etwa viertausend, nämlich fünfzehnhundert Rubel für ein Pferd und zweitausendfünfhundert Rubel Bürgschaft für seinen jungen Kameraden Wenjewskiy, der dieses Geld in Wronskiys Gegenwart verspielt hatte. Wronskiy hatte sogleich das Geld für diesen erlegen wollen, denn er trug es gerade bei sich, aber Wenjewskiy und Jaschwin hatten darauf bestanden, selbst zu bezahlen, Wronskiy dürfe dies nicht, da er gar nicht mitgespielt habe. Dies alles war ganz gut, aber Wronskiy wußte, daß er für die ganze schmutzige Affaire, an welcher er freilich nur in der Absicht teilgenommen hatte, um die Bürgschaft für Wenjewskiy übernehmen zu können, unbedingt jene zweitausendfünfhundert Rubel haben müsse, damit sie ein Gauner erhalte, mit dem er keine weiteren Auseinandersetzungen haben wollte.

Nach dieser ersten und wichtigsten Abteilung, mußte er also viertausend Rubel haben. In der zweiten befanden sich achttausend Rubel weniger wichtige Schulden. Diese bezogen sich hauptsächlich auf den Rennstall, den Lieferanten von Hafer und Heu, seinen Engländer, den Sattler und dergleichen. Außerdem waren auch zweitausend Rubel für den Fall der völligen Sicherung noch anzusetzen. Die letzte Abteilung der Schulden, für die Kaufmagazine, Hotels, den Schneider, war so wenig wichtig, daß er nicht viel darüber zu kalkulieren hatte. Obwohl er mindestens sechstausend Rubel für die laufenden Ausgaben brauchte, waren nur achtzehnhundert vorhanden. Für einen Mann von hunderttausend Rubel Einkünften, wie alle das Vermögen Wronskiys schätzten, konnten solche Schulden, hätte es scheinen können, nicht drückend sein – aber der Haken lag darin, daß Wronskiy bei weitem nicht diese hunderttausend Rubel Einkommen hatte. Das ungeheure Vermögen seines Vaters, welches allein gegen zweihunderttausend Rubel jährlich an Ertrag einbrachte, war den Brüdern gemeinschaftlich zu eigen. Als der älteste Bruder, mit einer Last von Schulden, die vermögenslose Fürstin Warja Tschirkowaja heiratete, trat Aleksey ihm damals die gesamten Einkünfte aus den väterlichen Gütern ab und bedung sich selbst nur fünfundzwanzigtausend Rubel jährlich aus. Aleksey hatte damals dem Bruder gesagt, daß dieses Geld für ihn hinreiche, solange er nicht heirate, was doch aller Wahrscheinlichkeit nach niemals eintreten würde.

Sein Bruder, der eines der teuersten Regimenter befehligte und eben erst verheiratet war, konnte nicht umhin, die Schenkung anzunehmen. Die Mutter, welche ihr besonderes Vermögen besaß, gab Aleksey außer den ausbedungenen fünfundzwanzigtausend Rubel alljährlich noch zwanzigtausend und Aleksey verbrauchte auch diese. In der letzten Zeit aber hatte die Mutter, ungehalten über ihn wegen seines Verhältnisses und seiner Abreise von Moskau, aufgehört, dem Sohne die Gelder zu senden, und so kam es, daß Wronskiy, dessen Lebensgewohnheiten auf ein Einkommen von fünfundvierzigtausend Rubel eingerichtet waren, in diesem Jahre nur fünfundzwanzigtausend Rubel gehabt hatte und sich jetzt in einer schwierigen Lage befand.

Um aus dieser herauszukommen, konnte er gleichwohl die Mutter nicht um Geld bitten. Das letzte Schreiben derselben, welches er am Abend vorher erhalten hatte, hatte ihn dadurch besonders erbittert, daß darin Andeutungen enthalten waren, sie sei wohl bereit gewesen, ihm zu Erfolg in der hohen Welt zu verhelfen und im Dienste, aber nicht zu einem Leben, welches die ganze gute Gesellschaft bloßstelle. Der Wunsch der Mutter, ihn wieder erkaufen zu können, kränkte ihn bis auf den Grund seiner Seele, und stimmte ihn noch kühler gegen sie. Er konnte sich ferner aber auch nicht von seiner früher gegebenen, großmütigen Zusage losmachen, obwohl er jetzt fühlte, im dunkeln Vorgefühl gewisser Möglichkeiten die sein Verhältnis zur Karenina mit sich bringen könne, daß jenes großmütige Wort leichtsinnig gesprochen worden sei, und er, wenn auch nicht verheiratet, recht wohl alle hunderttausend Rubel gebrauchen könne. Aber das Wort zurückzunehmen, war nicht mehr angängig.

Er brauchte sich hierfür nur des Weibes seines Bruders zu erinnern und daran zu denken, wie die liebenswürdige, herrliche Warja bei jeder passenden Gelegenheit ihm selbst ins Gedächtnis rief, daß sie seiner Hochherzigkeit stets eingedenk sei und sie hochschätze, – und er begriff, daß es unmöglich war, sein gegebenes Wort zurückzunehmen. Dies wäre ebenso unmöglich gewesen, wie etwa eine Frau zu schlagen, zu bestehlen oder zu belügen. Nur Eins war möglich, und dies mußte sein, und Wronskiy entschloß sich auch ohne einen Moment zu zaudern dazu: Er mußte Geld bei einem Wucherer leihen, zehntausend Rubel, was nicht schwer sein konnte; seine Ausgaben im allgemeinen mehr einschränken, und seine Rennpferde verkaufen.

Zu diesem Entschluß gelangt, schrieb er sofort an Rolandaki, der mehr als einmal schon zu ihm gesandt hatte mit der Anfrage, ob er nicht Pferde verkaufen wolle. Dann sandte er nach dem Engländer und einem Geldverleiher und verteilte das Geld, welches er noch besaß auf die Rechnungen.

Nachdem er mit alledem fertig war, schrieb er einen kühlen und bitteren Brief an seine Mutter und hierauf zog er drei Briefe Annas aus seiner Brieftasche hervor, las sie, verbrannte sie dann und versank in Nachdenken in der Erinnerung an das gestrige Gespräch mit ihr.

20

Das Leben Wronskiys war insofern ein besonders glückliches zu nennen, als es einen eigenen Kodex von Gesetzen besaß, welche ihm alles bestimmt vorschrieben, was er zu thun und nicht zu thun hatte.

Der Kodex dieser Gesetze umfaßte nur einen kleinen Kreis von Grundsätzen, aber dafür waren diese Vorschriften unantastbar, und Wronskiy, der aus ihrem Kreise nie heraustrat, war nie auch nur eine Minute in Zweifel in der Erfüllung dessen, was nötig war.

Diese Gesetze bestimmten unwandelbar, daß er jenen Gauner bezahlen müsse, den Schneider nicht zu bezahlen brauche, daß man die Männer nicht zu belügen brauche, die Frauen aber belügen dürfe, daß man niemand betrügen dürfe, – höchstens den Ehemann, – daß man eine Beleidigung nicht verzeihen könne, aber beleidigen dürfe &c.

Alle diese Prinzipien konnten unvernünftig sein, schlecht, aber sie galten wandellos und in ihrer Erfüllung fühlte Wronskiy, daß er ein ruhiges Gewissen behielt und den Kopf hoch tragen dürfe.

Nur in der allerletzten Zeit begann er infolge seiner Beziehungen zu Anna zu empfinden, daß der Kodex seiner Gesetze nicht vollständig alle Verhältnisse bestimme und sich ihm für die Zukunft Schwierigkeiten und Zweifel zeigten, für die Wronskiy keinen leitenden Faden fand.

Sein jetziges Verhältnis zu Anna und deren Gatten war für ihn selbst einfach und klar. Es war klar und genau bestimmt in dem Gesetzbuch, von dem er geleitet wurde. Sie war ein ehrenhaftes Weib, das ihm ihre Liebe gegeben, und er liebte sie wieder; sie war infolge dessen für ihn ein Weib, würdig der nämlichen, ja, einer höheren Achtung noch, als wäre sie sein gesetzmäßiges Gemahl. Er hätte sich lieber die Hand abhacken lassen, als daß er sich selber erlaubt hätte, sie auch nur mit einem Worte, einer leisen Andeutung zu kränken, oder ihr diejenige Achtung nicht zu erweisen, auf welche nur ein verheiratetes Weib rechnen darf.

Seine Beziehungen zur Gesellschaft waren gleichfalls klar. Alle mochten von seinem Verhältnis wissen oder ahnen, aber keiner durfte wagen, davon zu sprechen. Im entgegengesetzten Falle würde er die Sprecher aufgefordert haben, zu schweigen und die gar nicht vorhandene Ehre der Frau zu achten, die er liebte.

Seine Beziehungen zu ihrem Gatten lagen klarer als alles sonst. Seit jener Minute, von welcher Anna Wronskiy lieb gewonnen hatte, hielt er sein Recht auf sie für unentreißbar; der Gatte war nur eine überflüssige und störende Person. Derselbe befand sich ja, ohne Zweifel, in einer beklagenswerten Lage, aber was war zu thun? Das Eine, worauf der Mann ein Recht hatte, war, Genugthuung mit der Waffe in der Hand zu fordern, – und dazu war Wronskiy vom ersten Augenblick an bereit.

Aber in der letzten Zeit hatten sich neue innere Beziehungen zwischen ihm und ihr herausgestellt, welche Wronskiy durch ihre Unbestimmtheit schreckten. Erst gestern hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie sich Mutter fühle, und er empfand, daß diese Nachricht, sowie was sie nun seinerseits erwartete, eine Handlung von ihm erfordere, welche nicht bestimmt in dem Kodex der Gesetze vorgesehen war, von denen er sich im Leben leiten ließ. Und in der That, er war nicht gewappnet und in der ersten Minute, nachdem sie ihm ihre Lage mitgeteilt hatte, riet ihm sein Herz, es sei nötig, daß sie den Ehegatten verlasse. Er hatte ihr dies auch gesagt, aber jetzt bei reiflicherer Überlegung, erkannte er klar, es würde doch besser sein, wenn sich das umgehen ließe; obwohl er, indem er sich dies sagte, die Befürchtung empfand, es möchte dennoch von Übel sein.

„Wenn ich ihr geraten habe, ihren Mann zu verlassen, so bedeutet dies, daß sie sich mit mir zu vereinigen hätte; bin ich denn aber vorbereitet hierzu? Wie soll ich sie hinwegführen, wenn ich kein Geld habe? Gesetzt auch, ich könnte es doch bewerkstelligen, wie wollte ich sie fortbringen, während ich aktiver Offizier bin? Wenn ich ihr dies gesagt habe, so muß ich auch bereit dazu sein, das heißt, Geld haben und auf Urlaub gehen.“

Er überlegte weiter; die Frage, ob er auf Urlaub gehen solle oder nicht, brachte ihn auf eine andere, eine geheime, nur ihm allein bekannte, die wenn nicht die hauptsächlichste, so doch diejenige war, welche das Interesse seines ganzen Lebens in sich schloß.

Ehrgeiz war ein alter Traum seiner Kindheit und Jugend schon gewesen; der Traum, den er sich selbst zwar nicht zugestand, der aber gleichwohl so mächtig in ihm war, daß auch jetzt diese Leidenschaft mit seiner Liebe kämpfte. Die ersten Schritte, welche er in der großen Welt und im militärischen Dienste gethan, waren gelungen, aber vor zwei Jahren hatte er einen großen Fehler gemacht.

Im Wunsche, seine Unabhängigkeit zu zeigen und sich übergehen zu lassen, hatte er eine ihm angebotene Charge ausgeschlagen, in der Hoffnung, dieser Verzicht werde ihm größeren Wert verleihen; allein es stellte sich heraus, daß er zu kühn gehofft, und man ihn fallen gelassen hatte. Er, der sich nolens volens eine unabhängige Lebensstellung gesichert hatte, trug dieselbe jetzt mit Takt und Klugheit, indem er sich stellte, als ob er niemand gram sei, sich in keiner Weise zurückgesetzt fühle und nur wünsche, daß man ihn in Ruhe lasse, da er sich so ganz wohl befinde.

In Wirklichkeit aber hatte dieses Wohlbefinden schon seit dem vorigen Jahre, als er nach Moskau fuhr, aufgehört.

Er fühlte, daß die unabhängige Stellung eines Menschen, der wohl alles ausführen könnte, aber nichts ausführen will, schon mehr darauf hinaus führt, daß viele zu der Ansicht kommen, er bringe nichts fertig, als nur, ein ehrenhafter und guter Mensch zu sein.

Sein Verhältnis zur Karenina, welches soviel Staub aufwirbelte und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte ihm einen neuen Nimbus verliehen, und auf einige Zeit den in ihm nagenden Wurm des Ehrgeizes beruhigt, aber seit einer Woche schon war dieser Wurm mit neuer Kraft erwacht.

Ein Jugendfreund, seit der Kindheit mit ihm in der nämlichen gesellschaftlichen Sphäre aufgewachsen, und sein Kamerad im Kadettenhaus gewesen, Serpuchowskiy mit Namen, der mit ihm gleichzeitig die Kriegsschule verlassen hatte, und sein Rivale in derselben gewesen war, im Unterricht wie in den körperlichen Übungen, bei mutwilligen Streichen und in den Träumen des Ehrgeizes, war neulich von Centralasien heimgekehrt; er hatte daselbst zwei Tschins mehr erhalten und eine Auszeichnung, die so jungen Generalen selten verliehen zu werden pflegte.

Kaum war er in Petersburg angekommen, als man von ihm zu sprechen begann, wie von einem neu aufgegangenen Sterne erster Größe. Als Altersgenosse Wronskiys war er schon General und erwartete eine Berufung, die ihm Einfluß auf den Gang der Regierungsgeschäfte verleihen konnte, während Wronskiy hingegen, wenn auch unabhängig und glänzend, wenn auch von einem reizenden Weibe geliebt, doch nur der Rittmeister war, welchem man es anheimgestellt hatte, unabhängig zu bleiben, soviel ihm beliebte.

„Natürlich kann ich Serpuchowskiy nicht gram sein und bin es auch nicht, aber seine Erhöhung zeigt mir, daß man die Zeit abwarten muß; dann kann die Carriere eines Menschen wie ich vielleicht sehr schnell gemacht sein. Vor drei Jahren befand er sich noch in derselben Stellung wie ich. Gehe ich also auf Urlaub, so heißt das die Schiffe hinter mir verbrennen. Wenn ich aber im Dienste bleibe, so verliere ich wenigstens nichts. Sie selbst hat mir ja auch gesagt, daß sie ihre Situation nicht verändern will. Im Besitz ihrer Liebe übrigens, kann ich Serpuchowskiy nicht beneiden.“

In langsamen Bewegungen die Spitzen seines Schnurrbartes drehend, stand er vom Tische auf und durchmaß das Zimmer. Seine Augen blitzten eigentümlich hell, und er empfand jene abgeschlossene, ruhige und frohe Stimmung, welche ihn stets zu überkommen pflegte, nachdem er sich über die Beschaffenheit seiner Situation Klarheit verschafft hatte.

Alles war jetzt, ebenso wie bei den Rechnungsabschlüssen vorher, hell und klar geworden; er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, kleidete sich an und verließ dann sein Zimmer.

Türler ve etiketler

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02 mayıs 2017
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