Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 36

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Montags war die gewöhnliche Sitzung der Kommission vom zweiten Juli. Aleksey Aleksandrowitsch trat in den Sitzungssaal, begrüßte die Mitglieder und den Präsidenten wie gewöhnlich und ließ sich dann auf seinem Platze nieder, die Hände nach den vor ihm bereitliegenden Papieren legend.

Unter der Zahl derselben befanden sich auch die ihm nötigen Rekognitionen und der Entwurf jenes Berichtes, welchen er vorzulegen beabsichtigte. Die Rekognitionen waren für ihn übrigens gar nicht notwendig. Er wußte alles schon und hielt es nicht für erforderlich, in seinem Gedächtnis alles das zu wiederholen, was er sagen wollte. Er wußte, daß wenn seine Zeit käme und er das Gesicht seines Gegners vor sich sähe, das sich sorgfältig bemühte, den Stempel der Gleichmütigkeit zur Schau zu tragen, seine Rede wie von selbst fließen würde, besser, als wenn er sie jetzt vorbereitete. Er empfand, daß der Inhalt seiner Rede so bedeutungsvoll war, daß jedes Wort derselben seinen Wert haben würde. Nichtsdestoweniger zeigte er beim Anhören der üblichen Darlegung des Sachverhalts die unschuldigste, harmloseste Miene von der Welt. Niemand, der auf seine weißen, mit hohen Adern durchzogenen Hände schaute, die mit den langen Fingern leise die beiden Ränder des vor ihm liegenden weißen Blattes betasteten, sein mit dem Ausdrucke der Ermüdung seitwärts geneigtes Haupt sah, hätte denken können, daß sich sogleich aus seinem Munde jene Reden ergießen würden, die einen furchtbaren Sturm hervorriefen, die Mitglieder zu Ausrufen hinrissen, daß sie sich gegenseitig unterbrachen und den Präsidenten veranlaßten, zur Ordnung zu rufen.

Nachdem der Bericht beendet war, erklärte Aleksey Aleksandrowitsch mit seiner leisen, dünnen Stimme, daß er zunächst einige Erwägungen betreffs der Angelegenheit der Lage der Ausländer mitzuteilen hätte. Die Aufmerksamkeit wandte sich ihm zu. Aleksey Aleksandrowitsch räusperte sich und begann, ohne seinen Gegner anzublicken, und wie er dies gewöhnlich that, wenn er eine Rede hielt, die nächste, vor ihm sitzende Person – einen kleinen, friedlichen alten Herrn, der gar keine Meinung in der Kommission hatte, ins Auge fassend, seine Ansichten auseinanderzusetzen.

Als die Rede auf das grundlegende Gesetz gekommen war, sprang der Opponent auf und fiel dem Sprecher ins Wort. Stremoff, ebenfalls Mitglied der Kommission, und gleichfalls auf seiner schwachen Seite gefaßt, begann sich zu rechtfertigen und nun fand eine stürmische Sitzungsscene statt; Aleksey Aleksandrowitsch indessen triumphierte und seine Einwände wurden als stichhaltig anerkannt. Es wurden drei neue Kommissionen gewählt und anderen Tags sprach man in den Petersburger Kreisen nur von dieser Komiteesitzung. Der Erfolg Aleksey Aleksandrowitschs war größer, als dieser selbst erwartet hatte.

Am andern Morgen – es war Dienstags – erwachend, entsann er sich mit einem Gefühle der Befriedigung seines gestrigen Sieges, und konnte nicht umhin zu lächeln, obwohl er gleichmütig zu erscheinen wünschte, als der Kanzleidirektor, in der Absicht, ihm eine Schmeichelei zu sagen, von den Gerüchten Mitteilung machte, die zu ihm gedrungen wären betreffs der stattgehabten Sitzung.

Indem er sich mit dem Kanzleidirektor beschäftigte, hatte Aleksey Aleksandrowitsch vollständig vergessen, daß heute Dienstag sei, der Tag, der von ihm für die Ankunft Annas festgesetzt worden war. Er war verwundert und fühlte sich unangenehm berührt, als ein Diener ihm meldete, daß seine Gattin angekommen sei.

Anna war früh morgens in Petersburg angekommen. Ihrem Telegramm entsprechend, war ihr ein Wagen entgegengeschickt worden und infolge dessen konnte Aleksey Aleksandrowitsch erfahren, wenn sie anlangte. Als sie indessen anlangte, erschien er nicht, sie zu bewillkommnen. Man teilte ihr mit, er habe seine Gemächer noch nicht verlassen und arbeite noch mit seinem Kanzleidirektor. Sie befahl, ihrem Gatten mitzuteilen, daß sie angekommen sei, begab sich dann in ihr Kabinett und beschäftigte sich mit dem Auspacken ihrer Sachen in der Erwartung, daß er zu ihr kommen werde. Aber eine Stunde verging, ohne daß er erschienen wäre. Sie begab sich nach dem Speisesalon unter dem Vorwand, Anordnungen zu treffen und sprach absichtlich möglichst laut immer in der Erwartung, daß er nun erscheinen werde, aber er kam nicht, obwohl sie vernahm, daß er zu der Thür seines Kabinetts herausgetreten war, den Kanzleidirektor begleitend. Sie wußte, daß er wie gewöhnlich, bald ins Amt fahren werde, und wünschte ihn vorher noch zu sehen, damit ihre beiderseitigen Verhältnisse zur Klarstellung kämen.

Den Saal durchschreitend, begab sie sich daher entschlossen zu ihm. Als sie im Kabinett bei ihm eintrat, saß er in Uniform, und offenbar im Begriff, aufzubrechen, an seinem kleinen Tischchen, auf welches er sich mit den Armen gestemmt hatte, und starrte trübe vor sich hin. Sie erblickte ihn früher, als er sie selbst gesehen, und erkannte sofort, daß er an sie dachte.

Als Aleksey Aleksandrowitsch seine Frau gewahrte, wollte er sich erheben, besann sich aber anders, und sein Gesicht erglühte, was Anna nie vorher an ihm bemerkt hatte. Er erhob sich schnell und trat ihr entgegen, schaute ihr indessen nicht in die Augen, sondern höher hinauf, nach ihrer Stirn und Frisur. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand und bat sie Platz zu nehmen.

„Ich freue mich sehr, daß Ihr gekommen seid,“ begann er, sich neben ihr niederlassend, blieb aber dann stumm, obwohl er offenbar den Wunsch hatte, noch etwas zu sagen. Er begann mehrmals zu sprechen, hielt aber wieder inne.

Wenn sich Anna auch vorgenommen hatte, ihn bei diesem Wiedersehen verächtlich zu behandeln und ihm Anklagen entgegenzuschleudern, so wußte sie doch nicht, was sie jetzt zu ihm sprechen sollte, und sie empfand Mitleid mit ihm.

Das beiderseitige Schweigen währte so ziemlich lange.

„Ist Sergey gesund?“ begann er endlich und fügte dann ohne eine Antwort abzuwarten hinzu, „ich werde heute nicht zu Hause speisen und muß sogleich wegfahren.“

„Ich wünschte nach Moskau zu fahren,“ antwortete sie.

„Nein; Ihr habt sehr, sehr wohl daran gethan, hierher zu kommen,“ versetzte er und verstummte dann wieder.

Als sie bemerkte, daß er nicht fähig sei selbst zu beginnen, nahm sie das Wort: „Aleksey Aleksandrowitsch,“ sie blickte ihn an, ohne das Auge unter seinem, nach ihrer Frisur gerichteten Blick zu senken, „ich bin ein verbrecherisches Weib, ein schlechtes Weib, aber ich bin auch das noch, was ich war, was ich Euch damals gesagt habe, und bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich nichts zu ändern vermag.“

„Darnach habe ich Euch nicht gefragt,“ antwortete er plötzlich mit entschiedenem Tone, und ihr haßerfüllt tief in die Augen schauend. „Das habe ich ja vorausgesetzt.“ Auch unter dem Einfluß des Zornes hatte er offenbar gleichwohl die vollkommene Herrschaft über alle seine Fähigkeiten, „aber wie ich Euch damals gesagt und geschrieben habe,“ fuhr er mit scharfer, dünner Stimme fort, „wiederhole ich auch jetzt, daß ich keine Verpflichtung habe, davon unterrichtet zu werden. Ich ignoriere dies. Nicht alle Weiber sind so gut, wie Ihr, so zu eilen, damit ihrem Gatten eine so angenehme Nachricht mitteilen zu können.“ Er betonte das Wort „angenehm“ besonders. „Ich werde die Sache so lange ignorieren, als die Welt sie nicht kennt und mein Name nicht entehrt ist. Deswegen eben komme ich Euch damit zuvor, daß unsere Beziehungen so bleiben müßten, wie sie stets waren, und daß ich nur für den Fall, wenn Ihr Euch selbst kompromittiertet, gezwungen sein werde, Maßregeln zu ergreifen, um meine Ehre zu wahren.“

„Aber unsere Beziehungen können nicht so bleiben, wie sie stets waren,“ antwortete Anna mit schüchterner Stimme, ihn voll Schrecken anblickend. Sobald sie diese ruhigen Bewegungen wieder gesehen, diese scharfklingende knabenhafte und höhnische Stimme gehört, hatte die Abneigung vor ihm das vorher empfundene Mitleid vernichtet und sie fürchtete nun nur noch; aber mochte es kosten was es wollte, sie wollte Klarheit über ihre Lage erlangen. „Ich kann nicht länger Euer Weib sein, da ich“ – begann sie.

Er lächelte mit bösem, kaltem Ausdruck.

„Die Lebensweise, die Ihr Euch erwählt habt, scheint sich in Eurer Auffassung wiederzuspiegeln. Ich achte oder verachte das Eine wie das Andere; ich achte Eure Vergangenheit und verachte Eure Gegenwart, so daß ich weit entfernt war von einer Interpretation meiner Worte, wie Ihr sie mir unterschiebt.“

Anna seufzte und senkte das Haupt.

„Übrigens verstehe ich nicht, daß Ihr, im Besitz einer solchen Selbständigkeit, daß Ihr,“ fuhr er zornerfüllt fort, „unverhohlen Eurem Gatten von Eurer Untreue Mitteilung machen könnt und nicht einmal, wie es scheint, etwas Tadelnswertes darin findet; Ihr scheint die Erfüllung der Verpflichtungen für nachteilig zu halten, die das Weib gegen den Mann hat.“

„Aleksey Aleksandrowitsch. Was verlangt Ihr von mir?“

„Ich verlange, daß ich hier niemals jenem Menschen begegne und Ihr selbst Euch so führt, daß weder die Welt, noch mein Personal Euch einen Vorwurf machen kann; daß Ihr ihn nicht wiederseht! Mir scheint, das ist nicht viel verlangt, und zum Entgelt dafür werdet Ihr die Rechte eines ehrenhaften Weibes genießen, ohne daß ihr die Pflichten eines solchen erfüllt. Das ist es was ich Euch zu sagen hatte. Doch jetzt muß ich fort. Ich werde nicht zu Hause speisen.“

Er erhob sich und schritt nach der Thür.

Anna erhob sich gleichfalls; mit stummer Verbeugung ließ er sie zur Thür hinaus.

24

Die Nacht, welche Lewin auf dem Heuhaufen verbracht hatte, war für ihn nicht ohne Früchte gewesen. Die Ökonomie, die er betrieb, widerte ihn jetzt an und er hatte alles Interesse für dieselbe verloren.

Ungeachtet der vorzüglichen Ernte hatte es – wie ihm wenigstens schien – nie soviel Mißgeschick, soviel Reibereien zwischen ihm und den Bauern gegeben, als im gegenwärtigen Jahr, und die Ursache dieser Mißlichkeiten und Reibereien war ihm jetzt völlig klar.

Der Reiz, den er bei der Arbeit selbst empfand, die für ihn daraus hervorgehende Annäherung an die Bauern, der Neid, den er diesen gegenüber, ihrem Leben gegenüber fühlte, der Wunsch, auch zu einem solchen Leben überzugehen, welcher ihm in dieser Nacht schon nicht mehr Wunsch geblieben, sondern Absicht geworden war, deren Einzelheiten betreffs der Verwirklichung er erwogen hatte – alles dies hatte seine Anschauungen über die von ihm geleitete Wirtschaft derart verändert, daß er darin in keiner Beziehung mehr das frühere Interesse zu finden vermochte, daß er nicht umhin konnte, seine wenig freundliche Stellung den Arbeitern gegenüber zu erkennen, welche die eigentliche Grundlage für alles bildete.

Die Herden seiner veredelten Rinder, alle so wie die Pawa war, sein wohlgepflügtes Ackerland, neue Felder mit Gebüsch umsäumt, neunzig Desjatinen tiefgepflügten Düngerlandes und vieles Ähnliche – alles das war ja recht schön, wenn es nur von ihm selbst oder von ihm zusammen mit den Genossen geschaffen worden wäre, mit Leuten, die mit ihm fühlten. Aber er erkannte jetzt klar – seine Arbeit an dem Werke, welches er über Landwirtschaft schrieb, und worin er als das Hauptelement der Ökonomie den Arbeiter hinstellte, half ihm viel dabei – daß die Landwirtschaft, welche er führte, nur ein grausamer und hartnäckiger Kampf zwischen ihm und den Arbeitern war, in welchem sich auf der einen Seite, auf seiner eigenen, das beständige, angestrengte Bestreben zeigte, alles auf eine Weise zur Ausführung zu bringen, die sich nach der Berechnung als die beste erwies – auf der anderen Seite die natürliche Ordnung der Dinge.

Und in diesem Kampfe sah er, daß bei der höchsten Kraftanstrengung seinerseits, und bei dem Mangel jedes Kraftaufwands oder selbst des Bestrebens dazu auf der anderen Seite nur das erreicht wurde, daß die Wirtschaft nicht unnütz geführt, die Gerätschaften, das schöne Vieh und das Land nicht zwecklos abgenutzt wurden.

Die hierbei aufgebotene Energie ging zwar nicht vollkommen verloren, doch er mußte sich jetzt sagen, daß das Ziel dieser Energie ein unwürdiges war, wenn der leitende Gedanke seiner Landwirtschaft zu Tage kam.

Und worin bestand in Wirklichkeit jener Kampf? Er bestand auf jeden Pfennig der Einkünfte – entgegengesetzt konnte er nicht handeln, weil dies für ihn in der Energie nachlassen bedeutet und er dann nicht genug Geld gehabt hätte, seine Arbeiter zu bezahlen, sie aber strebten nur darnach, ruhig und gemächlich arbeiten zu dürfen, also so, wie sie es gewohnt waren. In seinem eigenen Interesse lag es, daß jeder Arbeiter so viel als möglich arbeitete, und dabei auch nicht vergesse, daß er nicht die Futterschwingen zerbreche, oder die Mistgabeln und die Dreschflegel; daß er daran denke, was er thue, in dem des Arbeiters hingegen, daß er mit größter Muße arbeiten könne, dabei ausruhend und, was die Hauptsache war – sorglos, ohne zu denken, und sich selbst dabei vergessend.

Auf jedem Schritte hatte Lewin das in diesem Sommer wahrgenommen. Er hatte Leute hinausgesandt, damit der Kleber nach dem Heu geschnitten werde und die schlechtesten Desjatinen, die von Gras und Wermut durchstanden waren, und zur Saat nicht gut tauchten, ausgewählt; aber man nahm dafür die besten Felder, mit der Ausrede, daß der Verwalter es so befohlen habe und tröstete ihn damit, daß das Heu ausgezeichnet werden würde. Er aber wußte nur zu gut, daß dies nur davon komme, weil sich diese besseren Felder leichter schnitten. Er hatte eine Maschine hinausgesandt, um das Heu aufschütteln zu lassen, aber man hatte dieselbe schon bei den ersten Reihen defekt gemacht, weil es dem Bauer zu langweilig gewesen war, auf dem Bocke unter den über ihm schwingenden Schaufeln zu sitzen, und ihm geantwortet: „Habt keine Angst, die Weiber werden das Heu schnell wenden.“ Die Pflugscharen erwiesen sich als untauglich geworden, weil es den Knechten nicht in den Kopf gekommen war, das Eisen hochzuheben, so daß sie, mit der Fangleine wendend, nur die Pferde abquälten und den Boden ruinierten; aber immer bat man Lewin, nur ruhig zu bleiben.

Die Pferde hatte man in die Weizenfelder gelassen, weil nicht ein einziger der Arbeiter in der Nacht hatte Wache halten wollen. Selbst auf den Befehl hin, es nicht zu thun, wechselten sich die Arbeiter die Nacht hindurch mit der Wache ab und Wanka, der den ganzen Tag gearbeitet hatte, war eingeschlafen. Er bereute nun seinen Fehltritt, sagte aber nur „macht was Ihr wollt“. —

Drei ausgezeichnete Färsen wurden vergiftet, weil man sie ohne Tränke auf das Kleberfeld gelassen hatte, und niemand wollte glauben, daß sie vom Kleber aufgetrieben worden waren, zur Beruhigung aber wurde mitgeteilt, daß bei einem Nachbar hundertundzwölf Stück Vieh innerhalb dreier Tage gefallen seien.

Alles das geschah aber nicht etwa deshalb, weil man Lewin oder seiner Ökonomie etwa übel gewollt hätte, im Gegenteil, er wußte, daß man ihn lieb hatte, ihn als einen einfachen Herrn achtete – was doch als höchstes Lob gilt, – es geschah eben nur deshalb, weil man heiter und sorglos zu arbeiten wünschte und seine Interessen den Leuten nicht nur fremd und unverständlich blieben, sondern ihren eigenen richtigsten Interessen geradezu entgegengesetzt waren. Schon lange hatte Lewin Unzufriedenheit über sein Verhältnis zu dieser Wirtschaft empfunden. Er erkannte, daß sein Fahrzeug leck geworden war, fand aber und suchte auch das Leck nicht, vielleicht um sich mit Vorsatz darüber hinwegzutäuschen. Wäre ihm doch auch nichts anderes übrig geblieben, wenn er sich dessen klar bewußt gewesen wäre. Jetzt aber konnte er sich nicht mehr täuschen; die Wirtschaft wie er sie leitete, war ihm nicht nur nicht mehr interessant, sie ekelte ihn vielmehr an, und er mochte sich nicht mehr mit ihr befassen.

Hierzu war nun das Erscheinen Kity Schtscherbazkajas gekommen, die nur dreißig Werst von ihm entfernt weilte und die er so gern wiedersehen wollte und doch nicht konnte.

Darja Aleksandrowna Oblonskaja hatte ihn eingeladen, wieder zu ihr zu kommen, als er bei ihr gewesen war; er sollte wohl hinkommen, um bei ihrer Schwester seinen Antrag zu erneuern, den sie jetzt, wie sie ihm zu verstehen gab, wahrscheinlich annehmen würde. Lewin selbst erkannte, nachdem er Kity wiedererblickt hatte, daß er nicht aufgehört habe, sie zu lieben; aber er vermochte nicht zu den Oblonskiy zu fahren, wenn er wußte, daß sie sich dort befand.

Der Umstand, daß er ihr eine Erklärung gemacht, und sie ihn zurückgewiesen hatte, zog eine unüberwindliche Schranke zwischen ihnen.

„Ich kann sie nicht mehr bitten, mein Weib zu werden, schon deshalb, weil sie nicht das Weib dessen sein kann, den sie mochte,“ sprach er zu sich selbst, und der Gedanke hieran, stimmte ihn kalt und feindselig gegen sie. „Ich werde nicht die Kraft besitzen, mit ihr zu reden ohne die Empfindung, daß ich ihr Vorwürfe machen müßte, um sie anzuschauen, ohne daß sich der Haß in mir regte, und sie selbst wird mich nur mehr hassen, wie das je der Fall sein muß. Wie sollte ich daher jetzt, auch nach dem, was nur Darja Aleksandrowna gesagt hat, zu ihr kommen können? Vermöchte ich denn zu verhehlen, daß ich weiß, was diese mir gesagt hat? Ich kann allerdings voll Großmut kommen, ihr vergeben, sie mir versöhnlich stimmen; ich stehe ja vor ihr in der Rolle des Verzeihenden, der sie seiner Liebe für wert hält. Weshalb mußte mir Darja Aleksandrowna dies auch sagen? Ich hätte Kity doch zufällig wiedersehen können, und dann würde sich alles von selbst gemacht haben; jetzt aber ist das unmöglich, ganz unmöglich.“

Darja Aleksandrowna hatte Lewin ein Billet geschickt, in welchem sie um einen Damensattel für Kity bat. „Man hat mir gesagt, Ihr besäßet einen solchen,“ schrieb sie ihm, „und ich hoffe, Ihr bringt ihn selbst?“

Er vermochte dies kaum zu ertragen. Wie konnte ein so kluges, feinsinniges Weib die eigene Schwester derartig erniedrigen? Er schrieb wohl zehn Billets, die er alle wieder zerriß, und schickte dann den Sattel ohne Antwort.

Schreiben, daß er kommen würde, konnte er nicht, weil er nicht kommen konnte; schreiben, daß er nicht kommen könnte, da er abgehalten sei oder verreisen müsse – das wäre noch schlimmer gewesen. —

Er sandte deshalb den Sattel ohne eine Antwort, allerdings im Bewußtsein, daß er damit etwas Beschämendes thue, überließ am andern Tage die ihm immer gleichgültiger werdende Ökonomie seinem Verwalter und fuhr nach einem fernergelegenen Kreis, zu einem Freunde Swijashskiy, welcher ausgezeichnete Entensümpfe besaß und ihm schon längst geschrieben hatte, endlich einmal sein Versprechen zu erfüllen und ihn zu besuchen. Die Jagdgründe im Surowskischen Kreise hatten Lewin schon lange am Herzen gelegen, aber wegen seiner landwirtschaftlichen Pflichten hatte er die Reise immer wieder aufgeschoben. Jetzt freute er sich, sowohl der Nachbarschaft der Schtscherbazkiy, als ganz besonders auch seiner Ökonomie einmal entgehen zu können, und zwar gerade der Jagd halber, die ihm in allem Leid stets der beste Trost gewesen war.

25

Nach dem Surowskischen Kreis führte keine Eisenbahn, auch keine Poststraße und Lewin fuhr daher in seinem Tarantaß.

Auf der Hälfte des Weges hielt er an, um bei einem reichen Bauern zu füttern. Ein kahlköpfiger, aber noch rüstiger Alter mit breitem fuchsigem Bart, der an den Wangen grau war, öffnete das Thor, sich an den Seitenpfosten schmiegend, um die Troika hereinfahren zu lassen.

Er wies dem Kutscher einen Platz unter einem Vordach auf dem geräumigen, sauberen, in guter Ordnung befindlichen neuen Hofe an und bat dann Lewin in die Stube. Ein sauber gekleidetes junges Weib, Schuhe an den nackten Füßen, scheuerte soeben gebückt den Boden in der neuen Hausflur. Sie erschrak vor dem Hunde, der Lewin folgte und schrie auf, lachte aber sogleich über ihren Schrecken, als sie sah, daß der Hund ihr nicht zu nahe kam. Mit dem entblößten Arme Lewin die Thür zur Stube zeigend, barg sie, sich von neuem niederbeugend, das hübsche Gesicht und fuhr fort zu scheuern.

„Soll ich den Samowar bringen?“

„Ja, bitte.“

Das Zimmer selbst war geräumig; es besaß einen holländischen Ofen und eine Scheidewand. Unter den Heiligenbildern stand ein gemusterter Tisch, eine Bank nebst zwei Stühlen; am Eingang ein Schränkchen mit Geschirr. Die Fensterläden waren geschlossen, Fliegen kaum wahrnehmbar und alles erschien so reinlich, daß Lewin zu besorgen begann, Laska, der unterwegs gelaufen war, und sich in den Pfützen gebadet hatte, möchte den Boden mit den Pfoten besudeln, und dem Hunde einen Platz in der Ecke an der Thür anwies. Nachdem sich Lewin in dem Zimmer umgesehen hatte, ging er nach dem hinteren Hofe. Das junge Weib in den Schuhen lief, die leeren Eimer an dem Schulterjoch schaukeln lassend, vor ihm her, um Wasser am Brunnen zu holen.

„Bei mir geht es hurtig!“ rief der Alte heiter, zu Lewin kommend. „Nicht wahr Herr, Ihr fahrt zu Nikolay Iwanowitsch Swijashskiy? Er kommt auch bisweilen zu mir,“ begann er gesprächig, sich auf das Geländer der Treppe stützend. Mitten in der Erzählung des Alten von seiner Bekanntschaft mit Swijashskiy kreischte das Thor und auf den Hof herein kamen Arbeiter vom Felde mit Pflugscharen und Eggen. Die Pferde, welche an die Pflüge und Eggen gespannt waren, erschienen wohlgefüttert und stattlich; die Knechte gehörten augenscheinlich zur Familie, es waren zwei junge Männer in Kattunhemden und Mützen; die beiden anderen waren Mietlinge und trugen Tuchhemden, der eine war schon bejahrt, der andere noch jung.

Die Freitreppe verlassend, begab sich der Alte zu den Pferden und machte sich daran sie auszuspannen.

„Was habt Ihr denn geackert?“ frug Lewin.

„Kartoffeln gepflügt. Wir haben unser eigenes Land. Du Tjodot, laß den Wallach nicht los, bringe ihn an den Brunnen, wir wollen einen anderen einspannen.“

„Vater, ich habe angeordnet, die Pflugeisen zu nehmen; hast du welche mitgebracht?“ frug der an Wuchs größere der beiden Burschen, augenscheinlich ein Sohn des Alten.

„Im Schlitten,“ antwortete dieser, die im Kreis zusammengenommenen Zügel auf die Erde niederwerfend. „Du kannst sie anbringen, während zu Mittag gegessen wird.“

Das freundliche junge Weib ging mit den gefüllten, ihr die Schultern niederziehenden Eimern wieder in den Flur, noch einige Weiber, junge hübsche, mittleren Alters, und alte und häßliche, mit und ohne Kinder, erschienen jetzt.

Der Samowar sang lustig; das Gesinde und die Familienmitglieder, welche die Pferde eingestellt hatten, kamen zur Mittagsmahlzeit. Lewin holte aus dem Wagen seinen Mundvorrat und lud den Alten ein, mit ihm zusammen Thee zu trinken.

„Ach, wir haben ja heute schon getrunken,“ erwiderte der Alte, augenscheinlich die Einladung mit Vergnügen aufnehmend, „aber zur Gesellschaft.“

Beim Thee erfuhr Lewin die ganze Geschichte der Ökonomie des Alten. Derselbe hatte vor zehn Jahren von seiner Gutsherrin hundertundzwanzig Desjatinen Land gepachtet, im vergangenen Jahre dasselbe erkauft und weitere dreihundert von einem benachbarten Gutsbesitzer gepachtet. Einen kleinen Teil des Landes, den schlechtesten, hatte er selbst wieder verpachtet, während er einige vierzig Desjatinen Feldes mit seiner Familie und zwei gemieteten Knechten selbst bebaute.

Der Alte klagte, daß die Geschäfte schlecht gingen, aber Lewin verstand, daß er sich nur nach dem üblichen Tone beschwerte, und seine Ökonomie in voller Blüte stand. Hätte sie schlecht gestanden, dann würde er nicht Ackerboden zu hundertundfünf Rubeln gekauft, nicht drei Söhnen und einem Neffen Frauen gegeben, sich nicht nach zwei überstandenen Feuersbrünsten immer besser und besser entwickelt haben.

Ungeachtet der Klage des Alten war es offenbar, daß er einen berechtigten Stolz auf seinen Wohlstand, auf seine Söhne, Neffen, seine Schwiegertöchter, Pferde und Kühe und besonders darauf hegte, daß dieses ganze Hauswesen so gut stand.

Aus dem Gespräch mit dem Alten erfuhr Lewin, daß auch dieser sich Neuerungen gegenüber nicht ablehnend verhielt. Er baute viel Kartoffeln und seine Kartoffeln, welche Lewin bei der Ankunft gesehen hatte, hatten schon abgeblüht, während die Lewins erst zu blühen begannen.

Er hatte die Kartoffeln mit „der Pflüge“ gepflügt, wie er den Pflug nannte, den er beim Gutsbesitzer gekauft hatte und Weizen gesät. Die unbedeutende Kleinigkeit, daß der Alte, den Roggen jätend, mit dem Gejäteten die Pferde füttere, setzte Lewin ganz besonders in Erstaunen. Wie oft hatte er selbst, indem er sah, wie das schöne Kraftfutter verkam, es aufsammeln lassen wollen, aber stets hatte es sich als unmöglich erwiesen. Dieser Bauer hier that es, und konnte das Futter nicht genug loben.

„Was sollten sonst die Weiber machen? Sie tragen die Haufen an den Weg und der Wagen fährt sie herein!“

„Bei uns Gutsbesitzern geht freilich alles schlecht, mit den Knechten,“ sagte Lewin, dem Alten ein Glas Thee reichend.

„Danke,“ sagte derselbe, nahm das Glas, wies aber den Zucker von sich, indem er auf ein liegengebliebenes von ihm angebissenes Stück zeigte. „Wie soll man mit den Arbeitern verfahren? Es kommt alles auf dieselbe Mißwirtschaft heraus. Da ist der Swijashskiy. Wir kennen sein Land; es ist ausgezeichnet – und doch brüstet er sich mit seiner Ernte nicht. Das kommt eben alles von der unrichtigen Behandlung.“

„Aber du wirtschaftest doch auch mit Gesinde?“

„Wir führen nur Bauernwirtschaft, und bekümmern uns um alles selbst. Ist ein Arbeiter schlecht, so wird er fortgejagt.“

„Batjuschka, Phinogen hat gesagt, ich soll Euch des Teers halber holen,“ sagte die Frau, mit den Schuhen an den Füßen, welche wieder eintrat.

„So ist es Herr!“ antwortete der Alte aufstehend, bekreuzte sich mehrmals und dankte Lewin, worauf er hinausging.

Als Lewin in die Gesindestube kam, um seinen Kutscher zu rufen, erblickte er die ganze Bauernfamilie bei Tische. Die Weiber bedienten im Stehen. Ein jüngerer, blühend aussehender Sohn, mit vollen Backen seinen Brei kauend, mochte soeben etwas Lustiges erzählt haben, denn alle lachten, und besonders lustig lachte das Weib in den Schuhen, indem es Schtschi in eine Tasse goß.

Mochte es sein, daß das freundliche Gesicht der Bäuerin in den Schuhen besonders viel zu jenem Eindruck der Behaglichkeit beitrug, den dieses Bauernheim auf Lewin machte, der Eindruck war jedenfalls ein so tiefer, daß sich dieser nicht von ihm loszumachen vermochte. Auf dem ganzen Wege von dem Alten aus bis zu Swijashskiy kam ihm immer wieder die Erinnerung an jenen Hausstand, gerade als ob etwas in demselben seine besondere Beachtung erforderte.

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02 mayıs 2017
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