Kitabı oku: «Anna Karenina, 1. Band», sayfa 35
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„Ich komme um nach dir zu sehen. Deine Toilette hat sich heute sehr in die Länge gezogen,“ sagte Petritzkiy. „Ist sie denn nun fertig?“
„Fertig,“ antwortete Wronskiy, nur mit den Augen lächelnd und die Schnurrbartspitzen drehend, aber so vorsichtig, als könne nach der Klarstellung, der er seine Angelegenheiten unterzogen hatte, eine allzu kühne oder schnelle Bewegung dieselbe wieder über den Haufen werfen.
„Du kommst somit also wie aus dem Bade,“ fuhr Petrizkiy fort. „Ich komme von Grizkiy“ – so hieß der Regimentskommandeur – „man erwartet dich.“
Wronskiy blickte ohne zu antworten, seinen Kameraden an; er dachte an etwas ganz anderes.
„Giebt es denn Konzert bei ihm?“ sagte er dann, auf die zu ihm herüberdringenden bekannten Klänge von Baßtrompeten in Polka und Walzer horchend. „Was giebt es denn für eine Festlichkeit?“
„Serpuchowskiy ist angekommen!“
„Ah,“ machte Wronskiy, „das habe ich gar nicht gewußt.“ Das Lächeln seiner Augen wurde noch heller.
Nachdem er einmal bei sich selbst konstatiert hatte, daß er glücklich sei in seiner Liebe, opferte er dieser seinen Ehrgeiz, oder nahm doch wenigstens eine solche Rolle auf sich. Wronskiy vermochte auch nicht mehr, Serpuchowskiy zu beneiden oder sich darüber gekränkt zu fühlen, daß derselbe, nach seiner Ankunft beim Regiment, nicht zuerst zu ihm selbst gekommen war. Serpuchowskiy war sein guter Freund und er freute sich über diesen.
„Ich freue mich sehr.“
Der Regimentskommandeur Demin hatte ein großes Gutsgebäude gemietet, die ganze Gesellschaft war auf dem niedrigen geräumigen Balkon versammelt und auf dem Hofe standen – das Erste was Wronskiy in die Augen fiel – Sänger neben einem großen Faß Branntwein und die gesunde und freundliche Erscheinung des Regimentskommandeurs, umgeben von den Offizieren. Auf die erste Stufe des Balkons heraustretend, überschrie er mit starker Stimme die Musik, welche eine Offenbachsche Quadrille spielte und befahl etwas, wobei er einigen seitwärts stehenden Soldaten einen Wink gab.
Ein Trupp derselben, ein Wachmeister mit einigen Unteroffizieren traten zugleich mit Wronskiy auf den Balkon. Zur Tafel zurückkehrend, trat der Regimentskommandeur dann wiederum mit einem Pokal auf die Freitreppe heraus und brachte mit lauter Stimme einen Toast: „Auf das Wohl unseres früheren Kameraden, des tapferen Generals, Fürsten Serpuchowskiy! Hurrah!“
Hinter dem Regimentskommandeur, den Pokal in der Hand, erschien lächelnd Serpuchowskiy.
„Du wirst immer jünger, Bondarjonko,“ wandte er sich an einen gerade vor ihm stehenden, jugendlich und rotwangig aussehenden Wachmeister.
Wronskiy hatte Serpuchowskiy drei Jahre hindurch nicht gesehen. Derselbe war zum Manne geworden, hatte sich einen Backenbart stehen lassen, zeigte sich aber noch ebenso herrlich in der Erscheinung; sowohl durch seine Schönheit, als durch seine Milde und den Adel seiner Züge und seiner Haltung bestechend, wie früher.
Nur eine Veränderung bemerkte Wronskiy an ihm; es lag eine Art stillen, beständigen Schimmers über ihm, wie er auf dem Gesicht von Leuten erscheint, welche Erfolg gehabt haben und der allseitigen Anerkennung dieser Erfolge sicher sind.
Wronskiy kannte diesen Glanz und er bemerkte ihn sofort an Serpuchowskiy. Zur Treppe herabkommend, bemerkte Serpuchowskiy Wronskiy, und ein freudiges Lächeln erleuchtete sein Gesicht. Er winkte ihm mit dem Kopfe zu, hob den Pokal, begrüßte Wronskiy und zeigte mit dieser Geste, daß er nicht früher zu ihm kommen könne, als bis er den Wachmeister abgefertigt hätte, welcher sich in Positur setzend, schon die Lippen zum Willkommenkuß spitzte.
„Da ist er ja auch!“ rief der Regimentskommandeur, „nur hat Jaschwin gesagt, daß du bei schlechter Laune seiest.“
Serpuchowskiy küßte den jungen Wachmeister auf die feuchten und frischen Lippen und trat dann, sich den Mund mit dem Tuche wischend, auf Wronskiy zu.
„Ah, wie freue ich mich,“ sagte er, ihm die Hand drückend und ihn mit sich auf die Seite führend.
„Widmet Euch ihm!“ rief der Regimentskommandeur Jaschwin zu, auf Wronskiy zeigend und begab sich dann hinunter zu den Soldaten.
„Weshalb kamst du denn gestern nicht zu den Rennen? Ich gedachte dich dort zu sehen,“ sagte Wronskiy, Serpuchowskiy anblickend.
„Ich kam hinaus, aber zu spät. Doch entschuldige,“ fügte er hinzu, sich nach seinen Adjutanten umwendend, „laßt doch dies gefälligst verteilen, soviel auf den Mann kommt.“
Hastig zog er aus seinem Portefeuille drei Hundertrubelscheine heraus und errötete.
„Wronskiy, ißt oder trinkst du etwas?“ frug Jaschwin, „he, gebt doch dem Grafen ein Couvert – und hier, trink!“ —
Das Gelage bei dem Regimentskommandeur zog sich in die Länge. Man trank sehr viel und Serpuchowskiy wurde weidlich dabei gefeiert, darauf feierte man den Obersten, welcher nun mit Petritzkiy vor den Sängern tanzte, und sich dann, bereits etwas illuminiert, auf dem Hofe auf einer Bank niederließ und Jaschwin die Vorzüge Rußlands vor Preußen, namentlich in Bezug auf die Kavallerieattacke auseinanderzusetzen begann. Der Festjubel war auf kurze Zeit ruhiger geworden. Serpuchowskiy hatte sich ins Haus, in das Toilettezimmer begeben, um sich die Hände zu waschen und traf hier Wronskiy, der sich mit Wasser duschte. Er hatte den Waffenrock abgelegt und hielt den roten, von Härchen überwucherten Hals unter den Wasserstrahl des Beckens, sich mit den Händen Hals und Kopf abreibend. Nachdem er mit der Waschung zu Ende war, setzte er sich zu Serpuchowskiy. Die Zwei nahmen auf einem kleinen Diwan Platz und es entspann sich zwischen ihnen ein für beide sehr interessantes Gespräch.
„Ich habe durch mein Weib alles von dir erfahren,“ begann Serpuchowskiy, „und ich freue mich, daß du oft mit ihr zusammengetroffen bist.“
„Sie ist befreundet mit Warja und beide sind die einzigen Frauen von Petersburg, mit denen ich gern zusammenkomme,“ antwortete Wronskiy lächelnd. Er lächelte darüber, daß er das Thema schon voraussah, auf welches das Gespräch nun sogleich übergehen mußte, und dies machte ihm Vergnügen.
„Die einzigen?“ frug Serpuchowskiy lächelnd dazwischen.
„Ich bin auch über dich unterrichtet gewesen, aber nicht nur durch deine Frau,“ versetzte Wronskiy, mit ernstem Gesichtsausdruck die Anspielung von sich weisend. „Ich habe mich sehr gefreut über deine Erfolge, und bin durchaus nicht darüber verwundert gewesen. Ich hätte fast noch mehr erwartet.“
Serpuchowskiy lächelte. Offenbar machte ihm diese Meinung über ihn Vergnügen und er fand es nicht für nötig, dies zu verhehlen.
„Ich bekenne im Gegenteil offen, ich hatte weniger von mir erwartet, allein ich bin froh, sehr froh; ich bin ehrgeizig, dies ist meine Schwäche und ich gestehe sie offen ein.“
„Vielleicht würdest du sie nicht eingestehen, wenn du keinen Erfolg gehabt hättest,“ sagte Wronskiy.
„Ich glaube nicht,“ antwortete Serpuchowskiy wiederum lächelnd. „Ich will nicht sagen, daß es sich nicht auch ohne dies leben ließe, aber es lebte sich doch langweilig. Freilich ist möglich, daß ich mich irre, aber mir scheint doch, als ob ich einige Fähigkeiten zu dem Wirkungskreis besäße, den ich mir erkoren habe, und daß wenn in meine Hände eine Macht, wie sie auch immer sein möge, kommen wird, sie besser aufgehoben ist, als in den Händen vieler mir Bekannter,“ sprach Serpuchowskiy in dem strahlenden Bewußtsein seiner Errungenschaften. „Und je näher ich daher dieser Macht komme, um so zufriedener werde ich.“
„Vielleicht ist dies für dich etwas, aber nicht für alle. Ich habe auch schon so gedacht, lebe aber und finde, daß man nicht nur solchen Zwecken zu leben braucht,“ antwortete Wronskiy.
„Da haben wir's, da haben wir's,“ lachte Serpuchowskiy. „Ich hatte aber davon angefangen, daß ich von dir, und auch von deinem Verzicht gehört habe. Natürlich habe ich dich in Schutz genommen. Aber für alles giebt es eine Form, und ich glaube, daß dein Verhalten an sich richtig war, nur bist du nicht so verfahren, wie du mußtest.“
„Was geschehen ist, ist geschehen, und du weißt wohl, daß ich mich noch nie widerrufen habe, was ich einmal that. Ich befinde mich daher ganz wohl.“
„Ganz wohl – auf bestimmte Zeit. Aber du wirst dich hiermit nicht begnügen. Deinem Bruder würde ich das nicht sagen; er ist ein ebenso harmloses Kind, wie unser Wirt!“ fügte er hinzu, auf den Hurraruf draußen lauschend. „Auch er ist zufrieden, aber du kannst dich hiermit nicht zufrieden geben.“
„Ich sage auch nicht, daß ich mich mit etwas begnügt hätte.“
„Nein, nicht darum allein handelt es sich. Aber solche Leute, wie du bist, werden gebraucht!“
„Wer braucht sie?“
„Wer? Die Gesellschaft, Rußland! Rußland braucht Männer, braucht eine Partei, oder alles kommt auf den Hund!“
„Was heißt das? Etwa die Partei des Bertenjeff gegen die russischen Kommunisten?“
„Nein,“ antwortete Serpuchowskiy, sich verfinsternd, daß man ihn einer solchen Dummheit für fähig gehalten hatte. „Tout ça est une blague; und es war stets so und wird so bleiben. Kommunisten giebt es nicht, freilich, stets haben die Menschen es für notwendig gehalten, eine schädliche und gefahrbringende Partei zu ergrübeln. Das ist eine alte Geschichte. Nein, jetzt brauchen wir eine Parteimacht von unabhängigen Männern, wie du und ich.“
„Aber wozu?“ Wronskiy nannte einige Namen von Macht und Einfluß, „sind das nicht unabhängige Männer?“
„Sie sind es deswegen nicht, weil sie von Geburt an eine Unabhängigkeit ihrer Stellung nicht gehabt haben, keinen Namen führen und der Sonne nicht so nahe stehen, unter welcher wir das Licht der Welt erblickt haben. Man kann sie entweder mit Geld erkaufen oder mit Speichelleckerei, und um es mit ihnen halten zu können, muß man für sie eine Richtung erst erfinden. Sie besitzen in der Regel wohl eine Idee, eine Richtung, an welche sie aber selbst nicht glauben und die Böses erzeugt; ihre ganze Richtung ist nur der Zweck, eine Regierungswohnung inne haben und einen Gehalt genießen zu können. Cela n'est pas plus fin que ça, sobald man ihre Karte durchschaut. Es ist ja möglich, daß ich weniger gut und dümmer bin, als sie, obwohl ich nicht einzusehen vermag, weshalb es so sein sollte, indes ich sowohl wie du, wir besitzen einen wirklichen und wichtigen Vorzug – den, daß wir uns schwerer erkaufen lassen. – Solche Männer aber sind jetzt uns mehr vonnöten, als es je der Fall gewesen ist.“
Wronskiy hörte aufmerksam zu, aber weniger der Inhalt der Worte war es, der ihn beschäftigte, als die Beziehung derselben auf Serpuchowskiys Verhältnisse, welcher bereits glaubte, sich im Kampfe mit jener Macht zu befinden und in dieser Welt bereits seine Sympathieen und Antipathieen hatte, während es für ihn selbst, für Wronskiy, nur Interessen gab, die sich auf die Eskadron bezogen.
Wronskiy erkannte auch, wie stark Serpuchowskiy mit seiner unzweifelhaften Fähigkeit, zu urteilen, die Dinge richtig aufzufassen, mit seinem Geist und seiner Redegewandtheit werden konnte, die sich so selten in den Kreisen vorfinden, in denen er lebte. So viel Überwindung es ihn kosten mochte – er mußte ihn beneiden.
„Und dennoch ist mir mit diesem einzigen und höchsten Ziele nicht genug,“ antwortete er, „mit diesem Wunsche, mächtig zu sein. Es war wohl einmal so, aber das ist vorbei.“
„Entschuldige, das ist nicht wahr,“ lächelte Serpuchowskiy.
„Doch, es ist wahr, es ist wahr – nämlich jetzt, um aufrichtig zu sein,“ fügte Wronskiy hinzu.
„Wahr – für jetzt – das ist etwas anderes; aber dieses jetzt wird nicht immerdar sein.“
„Möglich,“ versetzte Wronskiy.
„Du sagst möglich,“ fuhr Serpuchowskiy fort, als wenn er des Anderen Gedanken erraten hätte, „ich aber sage dir ‚sicherlich‘. Und aus diesem Grunde wollte ich dich sprechen. Du hast gehandelt, wie du mußtest; das verstehe ich recht wohl, aber du darfst es nicht allzuweit treiben. Ich bitte dich jetzt um carte blanche. Zu protegieren gedenke ich dich nicht, obwohl ich nicht einsehe, weshalb ich es nicht thun sollte; hast du mich doch so oft protegiert. Ich hoffe, daß unsere Freundschaft höher steht, als diese Frage; ja,“ fuhr er fort, Wronskiy mild zulächelnd, wie ein Weib, „gieb mir carte blanche, tritt aus deinem Regiment und ich bringe dich unmerklich empor.“
„Aber so begreife doch, daß ich nichts brauche,“ antwortete Wronskiy, „ich wünsche nur, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist.“
Serpuchowskiy erhob sich und trat vor ihn hin.
„Du sagtest, es möchte alles so bleiben, wie es gewesen ist. Ich verstehe, was das heißen soll. So höre denn: Wir sind Schulkameraden, aber du hast vielleicht zahlreichere Weiber kennen gelernt als ich.“ Ein Lächeln und eine Geste Serpuchowskiys besagten, daß Wronskiy nicht zu befürchten brauchte, er werde etwa leise und vorsichtig die wunde Stelle berühren. „Aber ich bin verheiratet, und, glaube mir, hat man einmal die Frau erkannt, die man liebt, – so schrieb einmal Einer – so erkennt man alle Weiber besser, als hätte man sie sonst auch nach Tausenden kennen gelernt.“
– „Wir kommen gleich!“ – rief Wronskiy einem Offizier zu, welcher soeben ins Zimmer hereinblickte und die beiden zum Regimentskommandeur lud.
Wronskiy wünschte jetzt, das Ende zu hören und zu erfahren, was Serpuchowskiy ihm sagen wollte.
„Höre also meine Meinung,“ fuhr dieser fort, „die Weiber sind der größte Stein des Anstoßes in der Existenz des Mannes. Es ist schwer, ein Weib zu lieben und zugleich irgendwie zu wirken. Es giebt hierfür nur ein einziges Mittel, mit Bequemlichkeit und ohne eigne Hemmnis zu lieben – das ist die Heirat! Wie soll ich dir es doch gleich klarmachen,“ fuhr Serpuchowskiy fort, der die Vergleiche liebte, „halt, paß auf! Wie man nur ein Bündel tragen und doch dabei etwas mit den Händen verrichten kann, sobald das Bündel auf den Rücken gehängt ist, so ist es auch mit der Heirat. Dies habe ich an mir erfahren, als ich geheiratet hatte. Meine Hände waren da plötzlich wieder frei. Aber ohne die Ehe ein solches Bündel mit sich schleppen, heißt mit Händen laufen, die so vollgepackt sind, daß man nichts sonst zu thun vermag. Sieh Mazankoff, Krupoff an! Sie haben ihre Carriere durch die Weiber zu Grunde gerichtet!“
„Aber was für Weiber!“ antwortete Wronskiy, dem die Französin und die Schauspielerin ins Gedächtnis kam, mit denen jene beiden ein Verhältnis gehabt hatten.
„Um so schlimmer! Je fester die Stellung eines Weibes in der Welt ist, um so schlimmer wird die Sache! Es bleibt sich ganz gleich – abgesehen davon, daß man das Bündel in den Händen trägt – ob man es erst einem anderen entreißt.“
„Du hast nie geliebt,“ versetzte Wronskiy leise, vor sich hinstarrend und Annas gedenkend.
„Mag sein. Aber vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Und noch eins: die Weiber sind stets materieller als die Männer. Wir vollbringen aus Liebe eine erhabene That, sie handeln aber stets terre-à-terre.“ —
– „Sofort, sofort!“ – wandte er sich jetzt an den eintretenden Diener. Dieser war indessen nicht erschienen, um sie nochmals zu rufen wie er dachte. Der Lakai brachte Wronskiy ein Billet:
„Von der Fürstin Twerskaja brachte das ein Diener für Euch.“
Wronskiy erbrach den Brief und geriet in hohe Aufregung.
„Ich habe Kopfschmerz und muß nach Haus,“ sagte er zu Serpuchowskiy.
„Nun, so lebe wohl. Giebst du mir also carte blanche?“
„Wir werden später noch sprechen, ich finde dich ja in Petersburg.“
22
Es war schon sechs Uhr, und deshalb setzte sich Wronskiy, um keine Zeit zu verlieren und zugleich auch nicht mit seinen eigenen Pferden fahren zu müssen, die jedermann kannte, in den Mietwagen Jaschwins und befahl so schnell als möglich zu fahren. Der Wagen, ein alter viersitziger Kasten, war geräumig, Wronskiy ließ sich in einer Ecke nieder, legte die Füße auf den einen Vorderplatz und versank in Nachdenken.
Die verwirrende Erkenntnis, wie sehr seine Angelegenheiten zur allgemeinen Kenntnis gekommen waren, der Zurückerinnerung an die Freundschaft und Schmeichelei Serpuchowskiys, der ihn für einen brauchbaren Mann hielt, und, vor allem, die Erwartung des Wiedersehens – alles das vereinigte sich in ihm zu einer allgemeinen Empfindung freudiger Lebenskraft.
Dieses Gefühl war so stark in ihm, daß er unwillkürlich lächeln mußte. Er streckte seine Beine von sich, legte das eine über das Knie des andern und nahm es in die Hand, die harte Wade des einen Beines befühlend, welches gestern bei dem Sturz mit dem Pferde verletzt worden war. Dann warf er sich zurück und atmete mehrmals aus voller Brust tief auf.
„Gut; sehr gut!“ sprach er zu sich selbst. Er hatte schon früher oft ein Gefühl der Genugthuung über seinen Körper empfunden, aber noch niemals war er auf sich selbst so stolz gewesen, auf seinen Körper, als jetzt. Es war ihm angenehm, diesen leichten Schmerz in dem starken Fuße zu empfinden, angenehm, die Bewegungen der Muskeln seiner Brust beim Atmen zu verspüren.
Jener nämliche helle und kalte Augusttag, der so hoffnungslos auf Anna eingewirkt hatte, schien für ihn belebend und ermunternd zu sein, er erfrischte ihm das erhitzte Gesicht und den Hals. Der Geruch des Brillantine-Odeur von seinem Schnurrbart aus erschien ihm ganz besonders angenehm in dieser frischen Luft. Alles, was er durch das Fenster des Wagens sah, alles in dieser kalten reinen Luft, bei diesem bleichschimmernden Licht der untergehenden Sonne, mutete ihn so frisch an, so erheiternd und stärkend, wie er sich selbst stark fühlte. Selbst die Dächer der Häuser, glänzend in den Strahlen der sinkenden Sonne, die scharfen Umrisse der Kirchen, und Ecken der Gebäude, die ihm vereinzelt begegnenden Erscheinungen von Fußgängern oder Equipagen, und das unbewegliche Grün der Bäume und des Grases, die Felder mit den regelmäßig angelegten Kartoffelfurchen, die schrägen Schatten, welche hinter den Bäumen und Häusern fielen, hinter den Büschen und selbst in den Furchen der Kartoffeln, alles war schön, wie ein herrliches Landschaftsgemälde das soeben vollendet, und mit Lack überzogen worden war.
„Vorwärts, vorwärts!“ rief er dem Kutscher zu, sich aus dem Fenster herausbeugend und ein Dreirubelpapier aus der Tasche ziehend, welches er dem umblickenden Kutscher hinreichte. Die Hand des Kutschers fühlte nach etwas bei der Laterne, dann ertönte das Sausen der Peitsche und schnell rollte der Wagen auf der ebenen Chaussee dahin. „Nichts, nichts brauche ich weiter, als diese Seligkeit,“ dachte er bei sich, auf eine Beule in dem Glöckchen zwischen den Fenstern blickend, und sich dabei Anna so vorstellend, wie er sie zum letztenmal gesehen hatte. „Je länger ich sie liebe, umsomehr lerne ich sie lieben. Doch hier ist ja der Garten der Villa Wrede. Wo ist sie nun hier? Wo? Wie finde ich sie? Weshalb hat sie das Rendezvous hierher bestimmt, schreibt sie in einem Billet Bezzys?“ dachte er jetzt nur noch, aber es gab nicht mehr lange zu denken. Er ließ den Kutscher halten, ohne bis zur Allee zu fahren und öffnete die Thür, sprang dann aus dem Wagen auf den Weg und schritt die Allee entlang, welche zum Hause führte.
In der Allee befand sich kein Mensch; aber als er näher Umschau hielt, erblickte er sie selbst. Ihr Gesicht war zwar von einem Schleier bedeckt, aber er erkannte sie sogleich mit freudigem Blick an dem nur ihr eigentümlichen Gange, der Neigung der Schultern und der Haltung des Hauptes und wie ein elektrischer Schlag durchlief es seinen Körper.
Mit neuer Kraft fühlte er sich selbst, von den elastischen Bewegungen seiner Füße an bis zu den leichten Regungen beim Atmen und es schien ihm, als kitzle etwas seine Lippen.
Als Anna mit ihm zusammentraf, drückte sie ihm innig die Hand.
„Du bist mir wohl nicht ungehalten, daß ich dich rufen ließ? Ich mußte dich sehen,“ sprach sie, und der ernste strenge Zug um ihre Lippen, den er unter dem Schleier bemerkte, veränderte mit einem Schlage seine innere Stimmung.
„Ich, zürnen? Wie bist du denn hierher gekommen, und wo willst du hin?“
„Thut nichts zur Sache,“ antwortete sie, ihren Arm in den seinen legend, „komm, ich muß mit dir reden.“
Er verstand, daß etwas vorgefallen sein müsse, und daß dieses Wiedersehen kein freudiges werden würde. In ihrer Gegenwart verlor er seine Willenskraft und ohne die Ursache ihrer Aufregung zu kennen, fühlte er schon im voraus daß diese Aufregung sich auch ihm selbst mitteilte.
„Was giebt es denn?“ frug er, mit dem Ellbogen ihren Arm pressend, und sich bemühend, ihr die Gedanken von den Zügen zu lesen.
Sie ging schweigend einige Schritte weiter, wie um Kraft zu schöpfen, dann blieb sie plötzlich stehen.
„Ich habe dir gestern nicht gesagt,“ begann sie schnell und mühsam atmend, „daß ich bei meiner Rückkehr Aleksey Aleksandrowitsch alles offenbart und ihm gesagt habe, daß ich nicht mehr sein Weib bleiben könne, daß ich – ich habe ihm alles gesagt“ —
Er hörte sie an, sich unwillkürlich in seiner ganzen Größe beugend, gleich als wünsche er, ihr die Schwere ihrer Lage damit zu erleichtern. Kaum aber hatte sie geendet, als er sich plötzlich hoch aufrichtete und sein Gesicht einen stolzen und strengen Ausdruck annahm.
„Ja. Es ist besser so, tausendmal besser. Ich begreife, wie schwer dir das geworden sein muß,“ sagte er, aber sie hörte seine Worte nicht, sie las seine Gedanken nur von seinem Gesicht ab. Freilich konnte sie nicht wissen, daß sein Gesichtsausdruck sich nur auf den Gedanken bezog, welcher Wronskiy zuerst gekommen war, auf das jetzt unvermeidliche Duell. Ihr war überhaupt der Gedanke an ein Duell gar nicht eingefallen, und sie deutete sich daher den flüchtigen Schein von Strenge anders.
Nachdem sie das Schreiben ihres Mannes erhalten hatte, erkannte sie auf dem Grunde ihrer Seele, daß alles nun beim Alten bleiben, daß sie nicht die Macht haben werde, ihre Stellung zu vernachlässigen, ihren Sohn zu verlassen, und sich mit dem Geliebten zu vereinen.
Der Morgen, den sie bei der Fürstin Twerskaja zugebracht hatte, bestärkte sie noch mehr hierin. Aber dieses Wiedersehen war dennoch von äußerster Bedeutung für sie. Sie hoffte, daß dasselbe ihre beiderseitige Lage ändern und sie retten werde. Wenn er bei ihrer Nachricht entschieden, leidenschaftlich, ohne einen Augenblick des Zauderns gesagt hätte, verlaß alles und fliehe mit mir, so würde sie ihr Kind verlassen und mit ihm gegangen sein.
Aber ihre Mitteilung erzeugte in ihm nicht die Wirkung, die sie erwartet hatte; und sie fühlte sich daher etwas verletzt.
„Es ist mir durchaus nicht schwer geworden. Es geschah wie von selbst,“ sprach sie aufgeregt, „und hier“ – sie reichte ihm den Brief ihres Mannes aus ihrem Handschuh.
„Ich verstehe, verstehe,“ unterbrach er sie, das Schreiben ergreifend, ohne es zu lesen, und sich bemühend, sie zu beruhigen, „eines habe ich gewünscht, eines erbeten, mit diesen Verhältnissen zu brechen, damit ich mein Leben deinem Glücke weihen kann.“
„Warum sagst du nur das?“ frug sie, „sollte ich denn noch daran zweifeln? Wenn ich gezweifelt hätte, dann“ —
„Wer geht denn dort?“ frug Wronskiy plötzlich, auf zwei Damen weisend, die ihnen entgegenkamen. „Sie kennen uns vielleicht?“ und hastig wandte er sich, Anna mit sich ziehend, in einen Seitenweg.
„Ah, mir ist alles gleichgültig.“ Ihre Lippen zitterten. Ihm schien es, als ob ihre Augen mit einem seltsamen Zorn unter dem Schleier hervor auf ihn blickten. „Wie gesagt, darum handelt es sich auch nicht; ich kann ja gar nicht daran zweifeln, aber hier sieh doch, was er schreibt. Lies!“ und sie blieb wieder stehen.
Wiederum gab sich jetzt Wronskiy, wie in der ersten Minute bei der Nachricht von dem Bruche mit ihrem Gatten, unwillkürlich jenem natürlichen Eindruck hin, welchen in ihm sein Verhältnis zu dem beleidigten Gatten wachrief.
Jetzt, als er das Schreiben desselben in Händen hielt, stellte er sich unwillkürlich die Forderung vor, welche er wahrscheinlich noch heute oder morgen bei sich daheim vorfinden würde, und das Duell selbst, in welchem er mit der nämlichen kalten und stolzen Miene, die auch jetzt in seinem Gesicht zu lesen war, in die Luft schießen wollte, sich selbst aber dem Schuß des beleidigten Mannes auszusetzen gedachte. Dabei aber huschte ihm eine Idee durch den Kopf, die Erinnerung an das, was ihm soeben Serpuchowskiy gesagt hatte, und woran er selbst heute Morgen gedacht hatte, daß es nämlich besser sei, sich nicht zu binden; – und er erkannte, daß er diesen Gedanken Anna nicht mitteilen könne.
Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, hob er das Auge zu ihr empor. In seinem Blick lag keine Energie mehr. Sie begriff sofort, daß er selbst schon nachgedacht hatte; sie wußte, daß er, was er ihr auch sagen mochte, nicht alles sagen würde, was er dachte; sie erkannte, daß ihre letzte Hoffnung eine trügerische gewesen sei. Das aber war es nicht, was sie erwartet hatte.
„Du siehst, was für ein Mensch er ist,“ sprach sie mit bebender Stimme, „er“ —
„Vergieb, aber mich freut dies,“ unterbrach sie Wronskiy, – „um Gott, laß mich ausreden,“ – fügte er hinzu, sie mit dem Blick beschwörend, ihm Zeit zu gönnen, seine Worte zu erläutern. „Ich freue mich, daß die Sache durchaus nicht so bleiben kann, wie er vorschlägt.“
„Und warum kann sie es nicht?“ frug Anna, ihre Thränen zurückdrängend und seinen Worten offenbar nicht die geringste Bedeutung beimessend. Sie empfand, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Wronskiy wollte sagen, daß nach dem, seiner Meinung nach unvermeidlichen Duell das Verhältnis nicht weiter fortgesetzt werden könne, aber er sprach etwas Anderes.
„Es kann nicht so fortgehen. Ich hoffe, du wirst ihn jetzt verlassen und hoffe“ – er geriet in Verlegenheit und errötete, „daß du mir erlaubst, unser Leben einzurichten und alles zu erwägen. – Morgen“ – begann er nochmals – aber sie ließ ihn nicht aussprechen.
„Und mein Kind?“ rief sie. „Du siehst doch, was er schreibt? Ich muß ihn verlassen, aber ich kann und will es nicht thun!“
„Mein Gott, was gäbe es aber besseres, als dies? Das Kind mußt du verlassen, oder dieses erniedrigende Dasein weiterführen.“
„Für wen erniedrigend?“
„Für alle, und am meisten für dich!“
„Du sprichst beleidigend – sage das nicht! Diese Worte besitzen für mich keinen Sinn,“ sagte sie mit zitternder Stimme. Sie wollte jetzt nicht, daß er eine Unwahrheit spräche, es blieb ihr nur noch seine Liebe und sie wollte ja lieben. „Bedenke, daß mit dem Tage, seit welchem ich dich geliebt, sich alles für mich verändert hat. Für mich giebt es nur eines noch und das ist deine Liebe. Wenn diese mir gehört, dann fühle ich mich so hoch, so sicher, daß nichts für mich erniedrigend werden könnte. Ich wäre stolz auf meine Lage, weil – stolz darauf – stolz“ – sie sprach nicht aus, worauf sie stolz wäre. Thränen der Scham und der Verzweiflung erstickten ihr die Stimme. Sie hielt inne und schluchzte auf.
Auch er empfand, daß sich etwas in seiner Kehle nach oben hob und daß er ein eigentümliches Gefühl in der Nase hatte.
Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich fähig, zu weinen. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was ihn eigentlich so erschüttert hatte; er empfand Mitleid zu ihr und fühlte, daß er ihr nicht helfen könne; zugleich aber erkannte er auch, daß er die Ursache ihres Unglücks sei, daß er schlecht gehandelt habe.
„Ist denn eine Trennung unmöglich?“ sprach er kleinlaut. Sie schüttelte das Haupt, ohne zu antworten. Ging es denn nicht, daß sie ihren Sohn mitnahm und ihren Mann verließ? Allerdings, aber dies hing alles von ihm selbst ab.
„Jetzt muß ich wieder zu ihm fahren,“ sprach sie trocken. Ihre Ahnung, daß alles beim Alten bleiben würde – hatte sie nicht getäuscht.
„Dienstag werde ich in Petersburg sein und alles wird sich dann entscheiden.“
„Ja,“ antwortete sie, „aber wir wollen nicht mehr von der Angelegenheit sprechen.“
Der Wagen Annas, den diese fortgeschickt hatte mit der Weisung, an das Gitter des Gartens der Villa Wrede zu kommen, fuhr vor.
Anna verabschiedete sich von Wronskiy und fuhr nach Haus.
