Kitabı oku: «Die Probefahrt nach Amerika»

Yazı tipi:

Leopold Schefer

Die Probefahrt nach Amerika


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066109745

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelblatt

Text

"

Die

Probefahrt nach Amerika.

Motto: Lasset der Welt nur den Lauf,

und das Wasser dann findet ihn selbst schon!

»Schönen guten Abend, Herr Pastor! Hier bringe ich die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika von meinem Vater.«

So sprach eine junge Mädchenstimme in unser abenddunkles Zimmer herein, darin ich gedankenvoll, ja kummervoll, auf- und abging. Ich hatte wohl verstanden, was das liebe Kind wie mit Engelsstimme zu mir gesagt. Aber desto mehr war ich von dem himmlischen Gruß überrascht und bewegt, und stand, gewiß über und über roth geworden, im Düstern still, und hatte die Hände gefaltet. Das arme Mädchen aber mochte glauben, wir hätten es nicht gehört, und so sprach es mit leiser Stimme noch einmal: »Schönen guten Abend! Ich bringe unsre sechs Dreier zur Probefahrt . . . .«

Mache doch Licht an! — sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am Fenster saß, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frühlingssterne vom dunkelblauen Himmel herein glänzten; — mache doch Licht, liebe Frau! Es ist Webers Gretchen!

Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit dem Gesicht in ihre weißschimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich seufzete unhörbar, ging selbst, zündete einen Streifen Papier an meiner Luftfeuermaschine an — woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte, sprach das liebe kleine Mädchen, wie nun erst getrost, recht freundlich: »Schönen guten Abend!«

Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefühl, das ihr, ihren armen Ältern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wünschte. Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier, mit Grünspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen Augen, des übervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten nicht zur Schande nachsagen möge, daß sie über jede Kleinigkeit in ihrem wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst über ein bezahltes Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen »Guten Nacht!« an die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich.

Die Nacht möchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau, legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwärts wandte. Mein Kind! Meine liebe Frau! sprach ich so mild als möglich. Sie regte sich nicht. Und so fuhr ich fort in meinem Styl: Laß uns betrachten! Wie wäre es denn — wenn ich ein Missionair wäre? Müßte ich dann nicht? . . . . Oder hättest Du mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter aller Welt ist doch gewiß die neue Welt, und so Gott will, die beßre Welt, auch mit begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewiß auch Amerika, das in der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie sich auch vor dem Wasser fürchten, doch auch den Juden, und dem weisesten Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll ein Geistlicher nicht auch thun? Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth! mit Erfahrung! Wer ist denn noch überall der stille Freund und Tröster des Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich’s nicht auch? Habe ich mich nicht um meine schöne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich nicht um allen meinen eigenen Trost getröstet, so daß ich selbst wie ein Irrlicht schwebe, nicht wie ein mächtiges Licht, so stark, daß es selber steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, daß nur eine weite Seereise mich herstellen kann, aber gründlich herstellen wird, wie der Doctor sagt. Gönnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen, verzweifeln, da in aller Welt doch Hülfe für alle Welt ist? Soll ich nicht reisen und ihnen die Ruhestätte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? — denn seh’ ich nicht leiden? Laß mich leben! Komm Du mit!

»Das ist mein Tod!« sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte Hand herabhangen lassen, und das hieß von ihr — wie ich aus Erfahrung wußte: — sie hatte mir ihre Hand gegeben.

»Du gehst als ein Volksspion!« sprach sie jetzt, wie für mich sich schämend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen.

. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind, sprach ich mit ruhigem Selbstgefühl, haben die Hirten der Heerden nicht ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die Völker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den Columbus, den Vasco da Gamma, den berühmten Reisenden schlechtweg, und den Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede große Entdeckung, jede kleinste Erfindung für das Volk ist! Halte mich lieber für eine Taube Noäh, oder einen Raben! Und heiße ich nicht Volkmar? Was Volk ist, weißt Du; und was mar bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph erklärt. Also Volkmar will ich auch seyn!

»So oft er den Soldaten, dem Volke, wie man, nach Deinem Worte, mißbräuchlich und unchristlich sagt, nachläuft, dann nennst Du den Jungen: Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden?« sprach sie; stand auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen.

Ich aber schämte mich für Alle, die sich des Volkes anzunehmen schämen, nach Kräften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber jetzt hier recht erbarmungswürdig, Gottes unwürdig! Denn Gott soll für alle seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und so bekümmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und breit um mich. Gott soll kein Schloß vor dem Munde haben, Gott soll man nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke! O Gott, gieb, daß Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt. Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern habe, eine Zunge im Munde; denn ich weiß, wer es ist, der Es!Es blitzt! Es donnert! Es regnet über die Saaten! Es reißt mir am Herzen. Es führt mich fort! —

Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig.

Da kam meine Tochter Marie, oder Mirjam, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust, und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich weiß nicht, eine Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schöne Herzblatt des eigenen Wesens selbst. Heut rührte sie mich doppelt. Sie war in ihren Sonntagskleidern, weiß und sauber und lieblich angezogen; sie kam so hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrängte Knospe brechen; ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzählen, vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verändert vor — aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schloß gegangen, das auf einem Hügel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin, ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trösten. Denn der jungen Baronesse Freysingen war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie hatte alle Einwohner der zwanzig großen Dörfer ihrer Baronie frei gegeben ohne Entschädigung. Die Mädchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele mich bemüht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein Vater nicht! Auch mein ältester Sohn, mein Marbod, hatte Theil an meinen ausländischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und französischen Sprache Theil genommen. Viel Augen können Ein Licht sehen, viel Ohren Einen Mund hören, und Kindern gegenüber ist der Vater ein feuriger, reiner, undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, ihr geschehen, und ich frug sie, was sie mir bringe?

»Mich!« antwortete sie. »Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber, lieber Vater!« Dabei drückte sie mich heftig.

Hat Dir die Mutter draußen gesagt? — Ach die Mutter! Du weißt, daß sie schon ein Jahr und länger her nie ein Wort dagegen gesagt, daß ich nach Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fühlen zu können, wie Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Dörfern sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst! Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist mein Tod! — nicht meiner, mein Kind, sondern ihrer, meint sie — und das macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe — und sie wird bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder — kommst Du mit? Denn unser Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe succedendi — sag’ ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so reis’ ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich Gott!

Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet, der kommt ihnen vor wie ein übermüthiger, leichtsinniger — Narr! Denn so hat mich die Mutter genannt — Volksnarr!

»Ach, mein Vater!« sprach sie leise, »wie soll ich Ihnen nun gestehen — sagen, wollte ich sprechen, daß ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich soll Sie holen! Ach! —«

Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch räthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar gleichgültig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung?

»Zehn Jahr gewiß jünger als Sie, mein Vater!«

Also dreißig! — Ist er verständig?

»O wie es sich ihm zuhört! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts gemerkt! Ich könnte kein Wort treu wiedererzählen!«

Also ist er schön? frug ich eben so gleichgültig.

»O Vater,« fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, »das Herz klopft Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hören, männlich, frei, stolz — als wenn der blaue Himmel über ihm voll Heldengeister schwebte, die ihn durch frohe Billigung stärkten und zur Feuerflamme machten. Mein Gott! denk’ ich mir selbst den General, den Vormund der Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln stehn, und mit schüchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger warnt, daß sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann reden gesehen hätte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie können auch reden! — Aber Sie sind ja — mein Vater. —«

Schon gut, schon gut! sprach ich, und wußte genug und seufzte: o Freiheit, wie machst du den Menschen schön! Mein armes Mädchen, dachte ich, auch Dir ist es geschehen! — Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter.

». . . Würde er so weit reisen, wenn er eine Frau hätte . . . .«

— meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. —

». . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, über Constantinopel, Alexandrien und Rom durch Österreich, Baiern. In Nürnberg hat er tausend Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schloß; ich will noch bei der Mutter bleiben!«

Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich. Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und indeß schauernd stehn wie Bettler. Decke den Tisch.

Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude brächte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? — Warum heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne lauten Ausruf, nur mit stillen Thränen empfangen. Darauf setzten wir uns zu Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem — schönen Gesicht; denn warum soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie aß wenig und nichts, er allein fast alles! Denn mein Gott, wie war überhaupt der junge Mensch verwandelt! Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt, unter die Soldaten, einen Candidaten der frömmsten Wissenschaft, einen Nachfolger der Jünger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mädchen erröthete, sich einfach kleidete, die Kartenkönige und Ober nur vom Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen schoß, nicht Wein nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen, wenn auch froh und heiter, sprach — und ach! was mußte ich jetzt von ihm hören! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bällen, von schönen Mädchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten seine Abend- oder Nachttheuer erzählten! Und seine Sprache — wie baßrauh, cantormäßig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen frech, sein Ansehn — dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner, ich sah mit Vateraugen. Da muß ein Vater Freude haben! seufzete ich herzinniglich. Da müssen tausend Väter jetzt Freude haben, denen ihre Söhne so wiederkommen. Alle redliche Mühe der Mütter, alle Sorgfalt der Väter, alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn über die kleinen Keime von Unarten der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen — Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles ächte, rechte Menschenwesen und Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger! Lieben Eltern, laßt doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mädchen auch — denn auf der Universität aller Rohheit und Laster bekommt ihr doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt es die in Europa eiserne Zeit. — Ich ward immer überzeugter von der Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm zu Ehren herauf holen wollen — denn er hatte bescheiden seine Schwester blos um ein Weinglas gebeten — die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder, denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir ihren Dank; der Sohn lächelte und sein Calfactor mußte die Feldflasche mit Arrak bringen — und ich mußte den vortrefflichen kosten! Ich trank den Tropfen aber auf die Gesundheit der Mäßigkeitsvereine in Amerika, und bat den Sohn um Verzeihung . . . . daß ich den Wein, und heimlich, fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Geländer der elenden Treppe der armen Leute angestoßen habe, und die guten Kinder derselben hätten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen — und mit hohlen untergehaltenen Händchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen — und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf das Händchen.

Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus überlegte ich, ob ich das lachende Gesicht aus väterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein wenig schlagen, daß ihm Kinnlade und Zähne ausfielen — aber er hätte ja vielleicht den Säbel gezogen, und ich hätte ihn dann selber todtstechen müssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hülfe an alle arme Ältern gegen solche Freude an ihren Söhnen! Die himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine feinfühlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flüsterte mir beschwichtigend zu: »Vater, liebes Väterchen! Der Bruder wird in drei Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause! Vergeben Sie ihm!«

»Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn?« frug der Sohn, so unschuldig unbewußt — daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Das war das Ärgste: er wußte nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die Wahrheit: Du nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht gekränkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfüllst nur das Gesetz. — Und so begriff ich einigermaßen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun fromm zu machen, ihnen Gebetbücher in die Hände und Tornister zu bringen, und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen. Nur so ist ihnen zu helfen.

Desto heißer brannte ich auf das Schloß zu gehen. Da kamen sie schon! Meine Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt. Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der fröhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen überhörte ich, weil er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat. Die Weiber beknipten sich, die Männer — nämlich ich mit — krümmten sich wie lange Haarwürmer, die lange in einem hölzernen Violinbogen gesteckt. Der Amerikaner aber grüßte blos durch seine anständige Erscheinung, das heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit die Melodie von dem Volksliede hören ließ:

»Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!

Der Abschiedstag ist da.

Schwer liegt er auf der Seele, schwer,

Wir müssen über Land und Meer

In’s heiße Afrika!«

Und so trugen die alten, im Volke unvergeßnen und jetzt neu lebendig gewordenen Töne meine Seele in dem nun entsponnenen Gespräch mit dem willkommenen Gaste, dem Amerikaner.

Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher als die Wegwandler — Auswanderer.

»Also wirklich! Sie wollen auswandern? — — Auswandern?« sprach er ernst. »Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! — um der Kinder willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reißen — um der Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren — es bleibt Alles, Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette — bald leise, bald laut; und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier drüben von dem Berge! von dem Vaterhaus — dem Schlosse hier drüben — von den alten Linden — so daß uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe ward, als wäre ein weltfremder Mann, ein gutmüthiger Wilder — ein Sohn der Sonne unser Vater! Ich führe das nur an, so wie er auch sagte: Selber Bäume, einen ganzen Wald würde man für desto rasender halten, wenn sich die Bäume alle selber ausrissen, über Felder und Berge und das Weltmeer liefen, und drüben mit den Wipfeln oder Köpfen sich in die Erde pflanzten, und die Wurzeln hoch in die Höhe kehrten, daß sie grünten und blühten und Früchte trügen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich doch, in der Welt ist Alles möglich! . . . . wenn es nöthig ist! Das Unglück ist das einzig wahre Saamenkorn des Glücks! Die Noth, die äußerste Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin seiner tiefsten, gewaltigsten Kräfte, die ihn über bloßes Menschenseyn mit zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flügel giebt über das Meer. Es giebt ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flügel unter den Flügeldecken, aber es läßt sich von den Kindern jagen, martern, stechen, brennen — und erst, wenn man ihm die Flügel ansreißen will, dann fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen Marterhölzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist noch lebenszäher als ein Polyp, der sich umkehren läßt, das Innere heraus, die Haut hinein, und fortlebt — das vermag der Mensch bei Herz und Seele im Leibe — aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte Seele, so immer wund, so immer schauernd, daß mir erst wohl ward, als er mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheißung triefte wie Gottes Wort. Aber sein Schloß, seine Kinderstube, seine alten Linden hier mußte ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch von ihm her auf diesen Gütern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszuführen ist — nach seinem Testament

Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz überzeugt, meinte aber, daß die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren der Baronie, und der jüngere Herr von Steinbach, und Herr von Steinbach wollte ich ihn nennen, als er nicht unanständig, aber gnugsam lachte, und sprach: »Ich heiße Winhing, mein Bruder Johannes, meine Schwester Sabina, und auch meine Mutter heißt Susa, so daß alle Vornamen der Straßburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen Erwin zu unserem Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen erst durch Verstand und Fleiß und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth.« Er lachte aber. Und doch freute er sich über mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine Mitenkelin vom alten Erwin von Steinbach, der den Straßburger Münster erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft —: das gekrönte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weiße Rose in der rechten Hand hält.

»Mein Vater!« erzählte er dabei, »ging aus dem Wunsch aus Europa: kein armer Adliger mit unglückseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen, wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloßer Mensch; durch Landbesitz, den er für sein Geld erworben, also adliger, als jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht und aufgegeben — und Geld dazu: — in meinen männlichen Jahren eine Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer Union überzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschließen sie sich? Sie hängen wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen können auf den neuen Lebensbaum.«

Freilich, kann ich sagen, sprach ich, Frau und Mann müssen Beide gleich entschlossen seyn, auszuwandern! Das ist die erste Regel! Freilich muß die neue Europäische Noth der alten Asiatischen Noth, gleichsam einer ägyptischen Finsterniß gleich kommen, ehe die Deutschen ihr Ruheland Deutschland verlassen, wie einst Asien, aus welchem sie noch verschiedene Kasten voll und von Noth mitgebracht. Die Deutschen vor allen sind Erdwanderer, vielleicht Erdumwanderer — bis ihre Enkel klug und glücklich durch Californien und das von den herrlichen Menschen volle Sibirien wieder heimkommen! Aber was ist Noth? Wenigstens bei den Deutschen, also auch Menschennoth? . . . . »Noth« heißt bei den alten Deutschen: Fessel, Gewalt und Zwang. Dieses Kleeblatt von der Todes- oder Höllenwiese war ihr tiefstes Unglück! Ihr einziges! Sonst ertrugen sie Alles! Was nicht Fessel, Gewalt und Zwang war, war keine Noth — und Noth bezeichnet, wie ihnen, auch uns noch das tiefste Unglück; das letzte aber auch. Ein Volk von Charakter hat Jahrtausende dasselbe Herz, denselben Sinn. Glauben Sie, Master Erwin, daß der klügste Mann von Rom, Cäsar, ein Esel gewesen ist, oder daß er Luchsaugen gehabt? Und dieser alte Luchs und Fuchs, Cäsar, sagt von den Deutschen: »Ubi fons, campus, nemusve iis placuerit, ibi domos figunt, mox alio transituri cum conjugibus et liberis. Nam diu eodem in loco morari periculosum arbitrantur libertati.« Und schon haben es sich die Deutschen über 2000 Jahre hier zu Lande gefallen lassen.

»Wir Amerikaner haben auch die lateinische Sprache abgethan! Was sagen Sie also, Herr Volkmar?«

Und froh verwundert darüber sagt ich: »Wo ein Quell, Feld oder Hain den Deutschen gefällt, da befestigen sie ein Haus, mit der Absicht bald vorüber zu ziehen mit Weibern und Kindern. Denn lange an demselben Orte zu sitzen, halten sie gefährlich für die Freiheit.« — Wir Deutschen kennen unser Vaterland nicht, blos unser Gasthaus und Wirthshaus. Und schändlich wäre es von Einem Deutschen, Einen Deutschen zu beschuldigen, von Einem Übles zu reden, denn es ist nur geschehn, was sie Alle hier gewollt und gesollt, oder geduldet. Nur vom Übel redet ein Redlicher. Aber davon auch frei. Wohin aber nun unser Zug geht, der unwiderstehliche Zug, aus unerklärlichem Drang und Zwang, wo nun das Zelt aufschlagen? Das ist die Frage!

»Kleinasien, Rußland faßt viele Millionen,« bemerkte der Amerikaner. »Ägypten!« —

Da giebt es nur Einen Stoffehändler. Freier Handel wäre uns lieb! versetzte ich.

— »Griechenland ist schön und öde.« —

Da fürchten wir den Religionskrieg, die Pest.

— »Italien ist nah, und Wüste genug um Rom.« —

Von den Römischen Pfaffen ist den Deutschen alles Unglück gekommen, Beten lehrt uns die Noth schon genug. Den Papst hat ein Nebenzweig von unserem Stamme, die Trojaner und ihre Colonie die Römer, mit aus der Mongolei gebracht. Er ist weit genug geschleppt.

— »Also nach Spanien! Das Hesperien selbst der Hesperiden, der Italiäner. Nicht? — Südamerika? An der Grenze von Peru kauft man ein Königreich um das Geld für ein englisches Pferd. —«

Lieber in die Wüste gebaut, als neben unruhige Nachbarn.

— »Also nenne ich Mexico nicht, weil es Neu-Spanien ist. Aber Canada?«

Das soll erst werden und thun, was die vereinigten Staaten von Nordamerika sind und gethan, hört man von dort. Aber warum wollen Sie uns nicht zu sich?

— »Wenn die Deutschen ihren Charakter behaupten können! Und den Charakter verdirbt alles Nachmachen, Nachreden, die angenommene Sprache, Nachsitten, Nacharten, Nachneigen, Nachgehorchen, selbst wenn Gesetze, Verfassung und Regierung höchst menschlich und wünschenswerth wären.«

Wir geben klein zu! Dürfen wir bei Ihnen Wir seyn und Wir bleiben, wenn wir kein Gesetz, keinen Menschen beleidigen?

— »Ja! Ich meine! —« schloß der Amerikaner.

Wir hatten Amerikanisch, also Englisch, und im Grunde dann Altsächsisch, Altdeutsch gesprochen, und dieses uralte »I guess« ich meine, vergesse ich nie. Ich stand auf. Wir waren fertig mit dem — Friedensplan und Friedenszug. Nur noch das Wort setzte mein neuer Freund hinzu: »Raum zu leben und sich wohl zu befinden, haben noch Vierhundert Millionen Menschen, so breit sie sich machen, so hoch sie wachsen wollen. Aber auf den Einmalhunderttausend deutschen Quadratmeilen Land ist unterschiedliches Klima, mit Seeen, mit Wald, mit Bergen, mit Strömen, mit Meeren nach Morgen und Abend und Mittag, mit Pflanzen und Blumen und Kräutern und Bäumen, mit Fischen und Vögeln, mit zahmen und wilden Thieren der Erde, daß Jeder das Seine sich wählen kann. »Brot und Freiheit« steht mit Schweiß und Thränen für unsere Gäste angeschrieben über dem Thor zu unserem Lande. Aber nicht mit Blut! Wir haben keine Schulden — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben keine Feinde, als solche, die wir verachten könnten — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben Frieden auf lange Jahrhunderte — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben keine Armen — wenn Ihr das Wort versteht. Ja wir haben selbst eine miserable Miliz, einen lächerlichen Landsturm, der aber gradezu eine himmlische Heerschaar ist, weil er lächerlich seyn kann — wenn Ihr das Wort begreift. Ich meine.«

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Litres'teki yayın tarihi:
15 ocak 2025
Hacim:
160 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
4064066109745
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